Die Wüste wächst

Notizen zu Kulturbegriff und Kulturkritik

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Dies ist der zweite und abschließende Teil des in der Nullnummer begonnenen Artikels zum Begriff Kultur und seiner Kritik.

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Die Menschheit „funktioniert", bis auf den heutigen Tag. Was als Sand im System sich ambitioniert, läuft wie Öl durch sein Getriebe. Zum trotz aller Absurdität der wirklichen Verhältnisse reproduziert sich das Leben. Solange der Mensch sein Leben in einer ihm fremden Wirklichkeit reproduzieren werden muß, solange wird er auch die Erfahrung machen müssen, daß diese Wirklichkeit, welche er selbst produziert, eine nicht nur ihm äußerliche, fremde, sondern eine ihn erniedrigende und knechtende, ihm als eine Macht gegenübertretende Wirklichkeit ist. Die Teilung der Arbeit in körperliche und geistige ist nun die Voraussetzung dafür, daß das Bewußtsein des Menschen die Vorstellung ent­wickelt, etwas anderes zu sein als das Bewußtsein der bestehenden Praxis, "wirklich etwas vorzustellen, ohne etwas Wirkliches vorzustellen - von diesem Augenblick an ist das Bewußtsein imstande, sich von der Welt zu emanzipieren und zur Bildung der 'reinen' Theorie, Theologie, Philosophie, Moral überzugehen." 1 Wenn die Kritik der Religion mit der Lehre endet, „daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategori­schen Imperativ, alle Verhältnisse umzu­werfen, in denen der Mensch ein ernied­rigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist" 2

Und die Umwerfung aller Verhältnisse, also die Aufhebung der Arbeitsteilung ausbleibt und der Mensch nun gerade nicht das "Maß der Dinge" ist, muß der Widerspruch zwischen die­sen fortbestehenden Ver­hältnissen und dem einmal aufgestellten Wert, der der Menschlichkeit, überbrückt, gerechtfertigt und verschlei­ert werden. Die Lehre vom Menschen verkommt not­wendig zur Herrschafts-und Legitimationsideologie. "die herrschenden Gedanken sind immer die gedanken der herr­schenden." (Ulrike Meinhof) Der Mensch selbst wird zum Mythos. An die Stelle des toten Gottes, des verblödeten Gei­stes, des leeren Begriffs sind nur andere Gespenster getreten: Mensch, Vernunft, Wahrheit, Natur, Frau etc. als idealisti­sche Ausdrücke und Vorstellungen von "sehr empirischen Fesseln und Schranken, innerhalb deren sich die Produkti­onsweise des Lebens und die damit zusammenhängende Verkehrsform bewegt." 3

Ihr Fetischcharakter verrät sich je an ihrem spezifischen Inhalt und ist nur an diesem verbindlich zu greifen.

Oberster Fetisch aber schickt sich an zu werden: die Kultur. Kultur als das von der nackten Notdurft des Lebens enthobene, wird allgemein umschrieben und definiert als, jetzt laut Wörterbuch: die menschliche Fähigkeit, welche den Menschen zur Anpassung, Gestaltung und Veränderung seiner Umwelt und der subjektiven Verhaltensweisen befähigt, als auch die materiellen und immateriellen Objektivationen dieses Handelns. Kultur sei das, was zu Kultur­gütern und "deren abscheuliche philoso­phische Rationalisierung, den sogenann­ten Kulturwerten geronnen" ist.4

Abscheulich, weil diese Kulturwerte Ausdruck der sozialen Tätigkeit des Menschen sind und sich zu einer sachli­chen Gewalt über sie, ihrer Kontrolle entwachsen, festgesetzt und vergegenständ­licht haben. Verdinglichung des Lebens ist Verneinung des Lebens.

Daß die Menschen in einer illusori­schen Gemeinschaftlichkeit und „falschen" Kollektivität zusammengehal­ten sind, welche aber stets auf der Basis realer Gemeinschaften wie Familie, Gemeinde, Staat existieren und die Basis für die mögliche Verwirklichung morali­scher, intellektueller, ästhetischer Ziele und Werte bilden oder eine Affinität zu den verkündeten Werten aufweisen, läßt Kultur mehr als nur bloße Ideologie sein. „Wir sprechen nur dann von einer (vergangenen oder gegenwärtigen) Kul­tur als vorhanden, wenn die repräsenta­tiven Ziele und Werte erkennbar in die gesellschaftliche Wirklichkeit übersetzt wurden (oder werden)."Marcuse: Kultur und Gesellschaft Bd.2, Frankf.a.M.1965 5.1475

Und so wird, ist einmal der Mensch zum höchsten Wesen erklärt und gesamtgesellschaftlich anerkannt, die Kultur als ein Prozeß der Humanisierung definiert.

Prozeß der Humanisierung heißt aber heute, Anerkennung hümanistischer Werte bei gleichzeitiger Neutralisierung: Beraubung ihrer transzendenten Kraft, Einbinden des Subversiven in das Beste­hende. Prozeß der Humanisierung bedeutet heute Prozeß vom Verschwin­den des Menschen.

Der Widersinn offenbart sich im Begriff: Prozeß der Humanisierung ernst genommen ist das Übersteigern zu ihrer Auflösung, d. h. revolutionärer, nicht evolutionärer Prozeß (zur Aufhebung der Verhältnisse). Prozeß der Humani­sierung bewirkt aber die gewaltsame Gleichordnung von Kultur und Zivilisa­tion, ohne daß die von der Kultur aus­kristallisierten Ziele eingelöst wären oder als solche noch erkannt würden. Die „Herdentiere", Moralisten, Nihilisten, Positivisten besetzen die Räume der Phantasie und Freiheit. Bewußtsein heute tendiert dazu, „die normativen Begriffe mit ihrer tatsächlichen gesell­schaftlichen Verwirklichung zu identifi­zieren oder nehmen vielmehr die Weise, in der die Gesellschaft diese Begriffe in die Wirklichkeit übersetzt, zur Norm, wobei sie bestenfalls versuchen, die Übersetzung zu verbessern; der unüber­setzbare Rest wird als veraltete Spekulation betrachtet." 6

Die obersten Werte entwerten sich. Der Rückfall von "Diese Werte sind die Wahrheit" in den fanatischen Glauben „Alles ist falsch" ist in dieser absoluten Nihilierung die vollkommene Anerken­nung, Abfindung dessen, was ist. Kultur war mal beides: Illusion ihrer Autonomie (weil sie notwendig am Schuldzusam­menhang der Gesellschaft teilhat) und Realität ihrer Autonomie (weil als privi­legierte vom bloßen Daseinskampf ent­hoben, sie frei ihre Absage an die Barbarei erteilte).

Mit dem freien Markt, Parlamentaris­mus und Zeitungswesen fällt gänzlich die Illusion ihrer Autonomie, aber auch ihre Freiheit. Kultur, dem alltäglichen Leben und Arbeitsprozeß einverleibt, von Managern und Psychotechnikern als Medikament zur Unterhal­tung und Erbauung den Massen verab­reicht und verordnet, rühmt sie sich, nicht Luxus, Snobismus, elitär zu sein. Je mehr sie als organisierte dem Sozialpro­zeß anheimfällt, „je mehr das Ganze gesellschaftlich vermittelt, filtriert, `Bewußtsein' ist, um so mehr wird das Ganze Kultur." 7

Und je mehr das Ganze Kultur wird, um so mehr verdunstet das Bedürfnis, die gesellschaftlichen Verhältnisse quali­tativ zu ändern. Das Fortschreiten der Technologisierung der Gesellschaft affi­ziert die Gehalte der Kultur, zersetzt ihre Wahrheiten. Dieser Sachverhalt spiegelt sich in der Wissenschaft und Alltagsspra­che im Übergang vom „engen" zu einem „weiten" Kulturbegriff wieder, ohne aber diesen Sachverhalt selbst im Bewußtsein zuzulassen. Kulturtheorie will nicht den Begriff der Kultur entfalten und zu sei­ner Aufhebung steigern, sondern ihn sauber terminologisch festsetzen. Kultur­analyse verfällt der dinghaften Gestalt der Sache, ist die je etablierte Ordnung als Maß aller Dinge akzeptiert.

Kulturanalyse, wie sie heute akade­misch betrieben wird, ist und bleibt positivistisch mit der Bescheidung beim bloßen Ansich, und empiristisch, inso­fern sie sich an der Erfahrung orientiert, „die in Wirklichkeit nur ein verstümmelter Sektor der Erfahrung ist, isoliert von den Faktoren und Kräften, welche die Erfahrung determi­nieren." 8

Aber die Gesellschaft bedarf der unermüdlichen geistigen Verdoppelung dessen, was ohnehin ist, zu ihrem Fortbestand. Kulturanalyse heute darf sich rühmen, das zu leisten. „Was ist, kann nicht wahr sein" sagt Bloch. Alle Seinsweisen, welche ver­kümmernd, von ihren Möglichkeiten und Potentialitäten abgeschnitten, sind unwahr, falsch, Schein.

Und die Erkenntnis, daß das Sein als Schein nur dinghaft existiert, verbietet jegliche Hypostasierung seiner Werte sich beruft, in der bloßen Aus­sage: „sie sind!, fetischisiert sie die Kate­gorien. Als hätten sie ihren Sinn je in sich selbst, aus ihrem An-sich-sein erschöpft, als hätten sie Eigenständigkeit und Eigenleben. „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein." 9

Die Definition der Kultur als einen Pro­zeß der Humanisierung suggeriert Fort­schritt als Bewegung gegen das Grauen und verrät den Glauben an Kultur als solche: das Nicht-Reflektieren, daß alle Entwicklung von Kultur nur vermittels der Ausübung von Ausbeutung und Gewalt vonstatten geht und damit Kultur auf ein bestimmtes Universum begrenzt und das Auswärtige, Ausgeschlossene zur Barbarei, Unkultur oder aber „ande­ren" Kultur erklärt wird, verweist auf diesen Sachverhalt. Weil Kultur der radi­kalen Trennung geistiger und körperli­cher Arbeit entspringt, ist die Leugnung dieser Trennung und das Mimen unmit­telbarer Verbundenheit das Zurückfallen hinter ihren Begriff. Ihre Falle: sich als „das Prinzip von Harmonie in der anta­gonistischen Gesellschaft zu deren Ver­klärung als geltend zu behaupten." 10

Und die Beute: der objektive Schein ihrer Legitimation, total geworden; „Inbegriff des Selbstbewußtseins der antagonistischen Gesellschaft" 11;

die Erkenntnisverhinderung ihrer Hin­fälligkeit. Daß dialektische Theorie sich jedweder Verdinglichung verweigern muß, will sie ihren Anspruch wahren, bedeutet, nicht systematische Harmonie zu prätentieren wo die Sache selbst in sich zerrissen ist. Kultur en bloc wegzu­wischen unter dem Oberbegriff von Ideologie oder sie zu konfrontieren mit den Normen, die sie aufstellte, wäre aber abtrennen, vereinheitlichen, ver­dinglichen. Dialektik nimmt das Prinzip ernst: „nicht die Ideologie an sich sei unwahr, sondern ihre Prätention, mit der Wirklichkeit übereinzustimmen." 12

Die Gebilde wären zu analysieren auf den Widerspruch zwischen ihrer objekti­ven Idee und jener Anmaßung. Kritik heißt: an den Antinomien der Kultur den gesellschaftlichen Werten innewerden.

Kritik verbleibt jedoch in Ketten und ist nicht sicher vor ihrer Perversion in den Wahn. Irrewerdend an der Einsicht nur Reflexion, Theorie, Kritik zu sein, ist sie nicht mächtig, die Widersprüche aufzu­heben, an denen sie sich schult. „Die Waffe der Kritik kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominen (am Menschen) demonstriert, und sie demonstriert ad hominen, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen." 13 Heutige Kultur ist die Organisation zur Verhinderung der radikalen Theorie und der geistigen Rebellion ' weniger durch Zensur und Verbot, als durch die repressive Gleichord­nung von Kultur und Zivilisation, in "der die transzendenten Ziele der Kultur (in Hinblick auf die gesell­schaftlich etablierten Ziele) beseitigt' und damit jene Faktoren und Ele­mente der Kultur geschmälert wer­den, die gegenüber den gegebenen For­men der Zivilisation antagonistisch und fremd waren." 14

2

„Die Nachgeschichte der Gebilde der Kunst, die die Gegenwart ist, bedroht ihre Vorgeschichte. Die Posthistoire ist die Hochzeitsnacht von Dreck und Blut. Das Herauskommen aus dem Gedankengebiete verblutet an dem monolithi­schen Block der Realität. Die fortge­schrittene Industriegesellschaft konfrontiert die Kritik (Entfremdung ihrer Entfremdung) mit einer Lage, die sie ihrer ganzen Basis zu berauben scheint, die das Ergebnis wie die Vorbe­dingung dieser Wirklichkeit ist." 15

Gespräch zwischen A und B

A: Ist diese Gesellschaft wirklich in der Lage, Gegensätze zu integrieren? Oder bleibt ihr nicht höchstens die Flucht in die kulturelle Plattitüde: gewaltsame Ein­ordnung jeder subversiven Aktion in ihre Sicht auf sich selbst, Verschweigen oder Verschwindenlassen sub­versiver Elemente.

 

B: Integration der Gegensätze meint Auflösen, Neutralisieren, Funktionalisieren dessen, was der Wirklichkeit fremd und unversöhn­lich gegenübersteht. Wirklichkeit wird eindimensional. Die einst negativen und über das Beste­hende hinausgehenden Kräfte verkommen zum Ornament, Klassiker, Denkmal, Kitsch.

Aktuelles Beispiel ist die Benennung des taz-Gebäudes zum Rudi- Dutschke- Haus. Oder etwa so: Grünewald über'n Tresor der deutschen Bank, der Yuppie tanzt Hendrix, beim Mc'Donald-Fraß trällert Bach, die 11. Feuerbachthese als Aufruf des Managements. Die industriell und technologisch organisierte Sozial­struktur verschluckt alle Subversivität und dressiert, unterwirft und strukturiert das Denken. Im herrschenden Wissen­schaftsdiskurs wird objektive, exakte und neutrale Wahrheit verlangt.

Aber wissenschaftliche Rationalität, welche sich jeder Wertung enthält, kann unter gegebenen Umständen eben nicht neutral sein, weil sie die bloße Form entwirft, die praktisch allen Zwecken unterworfen werden kann. Der Wert der Analysen für das Bestehende, nicht gegen es, liegt in ihrer Wertfreiheit. Das Werturteil aber, welches die Wirklichkeit als unwahr denunziert, wenn die in ihr liegenden Möglichkeiten ihrer Entwicklung beraubt werden, wird als spekulativ, unrealistisch, subjek­tiv oder wie auch immer in das Reich der Utopie abgestellt.

A: Aber zu dieser Denunziation des Utopischen kommt es ja kaum noch, schon weil wir gar keine Bedürfnisse mehr entwickeln, die darauf hinweisen könnten.

Es ist natürlich, daß Wünsche im alltäglichen Leben entstehen, wel­che erst in der Konfrontation mit der Unerfüllbarkeit das zu Wün­schende in die Breite und Tiefe gehen läßt.

Die weitverbreitete Angst vor der Größe' des Wunsches, von der herrschenden Schicht als Bescheidenheit und Askese auf allen Gebieten gezüchtet, hat dann oftmals zur Folge die Flucht in „machbare Teilbereiche", in denen dann natürlich nichts mehr machbar ist. Der Akt der Klassifikation, der das gesamte System durchzieht, mißt jedem nach Bewertung und Bedürfnis seinen Platz zu und ist innerhalb der Gesellschaft und auch innerhalb von Wissenschaft, Kunst etc. wirksam. Das nicht unmittelbar Verwertbare, „Nutzlose" wird ausgesondert. Alles Denken und Wissen wird diesem Prozeß der Aussonderung unterworfen, der überprüft auf Konformität und so früh und präventiv wie möglich Protest jeder Form in die Schranken weist, Anderssein zu Anderssein schlägt und dem Wider­spruch so effektiv wie möglich das Ter­rain streitig macht. Sehr wirksam auch sind die Moden: heute Feminismus, gestern Strukturalismus, vorgestern Dia­lektik und ...

B: ...und dabei alles schön sauber und periodisch getrennt. Periodisierung, Moden, Aussonderung heißt Abstellen in Räume, die keine sind, die a priori Funktion im Dienst des status quo sind. Es wäre eine primär politische Aufgabe, Freiräume zu produzieren, Freiräume des Denkens, das heißt aber der Phanta­sie -„gegen diesen Imperialismus der Besetzung von Phantasie und der Abtö­tung von Phantasie durch die vorfabrizi­erten Klischees und Standards der Medien." 16

Gesellschaft wird totalitär, weil der Raum, den Marcuse als affirmative Kul­tur bezeichnete, abgeriegelt und aufge­löst wird.

Geistige Fähigkeiten und intellektuelles Bewußtsein sind kaum mehr vorhanden, aber notwendig, um den Erkenntnisge­halt, die Wahrheiten dieser sich auflö­senden Kultur zu bewahren.

Soziale Veränderung, das Aufhalten der Barbarei setzt eben ein bestimmtes Bewußtsein und Phantasie voraus.

Es setzt sowohl die Erfahrung unerträg­licher Verhältnisse und ein vitales Bedürfnis nach Veränderung voraus, als auch ein sich- bewußt-werden über die Möglichkeiten, welche innerhalb des Bestehenden sich herausgebildet haben. Real gibt es keine Waffe, die sich nicht umdrehen und gegen es wenden ließe.

A: Die Abwertung geistiger Fähigkeiten und intellektuellem Bewußtseins derer, die handeln wollen im stetigen Mißtrauen gegen alles Intellektuelle oder was sie dafür halten, steht genau in der Tradition der Aussonderung und vertieft das Trauma der Trennung linken Han­delns und „Intellektualismus", verbannt die Intellektuellen in den Raum ihres Wahnsinns oder ihrer Studierstube, abgeschieden von einer denk- und ler­nunwilligen Linken, wie sie sich zu ihren größten Teilen heute darstellt. Das ist auch der Bruch zwischen Erfahrung (Geschichte) und Handeln, die Unmög­lichkeit, die schon gemachten Erfahrun­gen sich anzueignen, um sie nicht end­los zu wiederholen. Eigentlich ist fast alles ein immer-nur-reagieren auf die Kapriolen des Systems und das sich-auf­drängen-lassen seiner Geschwindigkeit.

B: Die Intellektuellenfeindlichkeit ist das eine und hat ja auch lange Tradition. Andererseits sollten wir die subjektive Unwilligkeit ange­sichts der heutigen Wirklichkeit nicht so überbetonen. Warum sollte der Sumpf an der Linken spurlos vorübergehen? Faktisch steht sie doch vor einer Situa­tion, in der die radikalste Theorie keine Gefahr mehr ist, nicht mehr greift. Darum kann sie auch weitestgehend ungehin­dert Theorie ent­wickeln, Zeitungen machen, also unter Bedingungen, die eigentlich optimale sind, zugleich aber erfahrungsgemäß die schlechtesten. Das Problem liegt darin, daß sobald wir unsere Inhalte formulieren, sie übersetzt werden in eine gesell­schaftlich nützliche Moral.

Wenn ich sage, die Verhältnisse sind unmenschlich und müssen deshalb ver­ändert werden, wird das heutige Bewußtsein und sogar jeder Manager zustimmen und sagen: ja genau, es ist unmenschlich und ungerecht, daß nicht jeder reisen kann oder die Dritte Welt verhungert, deswegen Verhältnisse ver­ändern, Wirtschaft ankurbeln oder Bevölkerungswachstum kontrollieren. Oder der Mediziner: es ist unmensch­lich, behindertes und krankes leben dahinvegetieren zu lassen, deswegen Euthanasie und Sterbehilfe.

A: Sich auf den Menschen berufen, ist auch nicht radikal und heutzutage nicht mehr möglich. Der Humanismus ist zur Prostitu­ierten des gesamten Denkens, der ganzen Kultur verkom­men.

„Die humanistische Idee ist nicht nur nicht fruchtbar, sondern sogar schädlich und verderblich, da sie die verschieden­sten und gefährlichsten Operationen ermöglicht" 17:

Kontrolle des Bevölkerungswachstums und Migrationsbewegungen, Entwick­lung dieser oder jener Industrie, Euthanasie und Gentechnik, du sagst es ja selbst, und alles im Namen des Men­schen.

B: Wie sollte denn anders Widerspruch und Protest sich geltend machen, als im Bestehen auf den inhumanen Charakter dieser Operationen, also in der Berufung auf das Menschliche, was wir freilich zu definieren hätten.

A: Genau das halte ich für falsch, weil alle Versuche, das „Menschliche" zu entdecken, das Wesen oder die Wahrheit des Menschen, nur dazu führen, etwas. vom Menschen verschiedenes zu konstruieren. Das „Menschliche" ist ein Mythos. Wir müs­sen uns von der Illusion befreien, es gelte den Menschen zu suchen. Heute wird Ideologie, Kultur, Humanismus zur materiellen Gewalt.

B: Dem stimme ich zu. Es ist sicher richtig, daß, wollen wir den konkreten Menschen analysieren und das heißt das Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse, wir auf die theoretischen Dienste des Begriffs Mensch verzichten müssen. Aber innerhalb unmenschlicher Verhält­nisse, das ist nur ein Begriff, ich könnte auch sagen:

"die Vereinzelung durch die Totalität der Entfremdung in der vollständig ver­gesellschafteten Produktion", also inner­halb unmenschlicher Verhältnisse soll ich auf die Werte des Humanismus ver­zichten, die da allgemein Freiheit des Individuums, Gleichheit und Gerechtig­keit heißen und für mich durchaus uner­füllte Inhalte sind?

A: Der Mensch verfügt aufgrund seiner Physiologie über die Möglichkeit der Kontrolle. "Und es ist klar, daß diese Kontrollmöglichkeit fort­während die Idee nahelegt, die Mensch­heit müsse auch einen Zweck haben. Diesen Zweck entdecken wir in dem Maße, in dem wir unser eigenes Funk­tionieren kontrollieren können. Wir dre­hen die Dinge um: weil wir einen Zweck haben, müssen wir unser Funk­tionieren kontrollieren. In Wirklichkeit können nur aufgrund dieser Kontrollmöglichkeit all die Ideologien, Philosophien, Metaphysiken, Religionen entste­hen. Die Möglichkeit der Kontrolle führt zur Idee des Zwecks. Tatsächlich hat die Menschheit keine Zwecke. Sie funktio­niert, sie kontrolliert ihr Funktionieren und bringt ständig die Rechtfertigung für diese Kontrolle hervor. Wir müssen uns damit abfinden, daß es nur Rechtferti­gungen sind. Der Humanismus ist nur eine von ihnen, die letzte." 18

B: Die Menschheit hat keine Zwecke. Tatsächlich aber setzen sich bestimmte Menschengruppen Zwecke. Diese rühren her einmal von der Möglichkeit der Kontrolle und aber zugleich von der sehr empirischen Tatsache, nichts unter Kontrolle zu haben.

Die aber sagen, weil wir einen Zweck haben, müssen wir unser Funktionieren kontrollieren, waren schon immer die mit der Macht. Und das ist die Angst vor den Menschen, die sich einen Zweck, ein Ziel setzen und im Verhältnis zu die­sem Ziel eine Bewegung, welche die Ursachen erkennt und bekämpft, die permanent die Gesellschaft zu einer, ihrer Kontrolle entwachsenen Gesell­schaft machen.

Die sagen dann aber in ihrer Angst, weil es ein Ziel gibt, müssen wir kon­trollieren, sonst funktionieren wir nicht mehr. Das Funktionieren und die Kon­trolle dieses Funktionierens müssen sie rechtfertigen vor denen, die weder funk­tionieren noch das Funktionieren kontrollieren wollen.

Und damit die Rechtfertigung, d. h. die herrschende Meinung auch wirklich zur Meinung der Beherrschten, der Kontrol­lierten wird, stellen sie die Ziele dieser in ihren Dienst und vereinnahmen sie und das gründlich. Insofern ist der Humanismus wirklich die letzte und zugleich abscheulichste Rechtfertigung.

A: Und deswegen kann ich kein Humanist sein und lehne jeden Huma­nismus ab, ist er nur noch Rechtferti­gung und Herrschaft. Es sollte doch zu denken geben, daß wenn moralische Ziele immer wieder funktionalisiert wer­den können, dies nach Möglichkeit im Wesen der Sache begründet liegt, also mit Notwendigkeit auftritt und die Konse­quenz sein müßte, sich ganz und gar endlich zu verabschieden von jeglicher Moral, sich jenseits von ihr zu stellen im Wissen um die zwangsläufige, ja natürliche Umkehrung dieser Bewegung.

B: In einem gewissen Sinne trotzdem Humanist sein, heißt doch aber, sich das Recht nicht verkümmern zu lassen, ein Ziel zu haben. Dieses Ziel ist Schließen der Kluft zwischen Mensch und Gesellschaft, also gesellschaftliche Veränderung zur Aufhebung des Humanismus, womit etwas gesagt ist über die Qualität gesell­schaftlicher Veränderung.

A: Womit auch etwas gesagt sein könnte über das seit Jahrhun­derten praktizierte Ver­legen der Utopie in die Zukunft, über die nai­ven und romantischen Hoffnungen in etwas, eine Bewegung, um dann enttäuscht zu werden und ganz abzulassen von dem was man/frau sich heroisch vorgab.

Dieses Ziel haben kann auch ein Aus­druck von Unterwerfung unter die jeweilige Autorität von Wirklichkeit sein. Humanismus steht heute dafür.

B: Humanismus wird zum Sün­denbock für das, was Praxis ver­übt.

Das kann ich nicht anerkennen. Humanismus als solcher soll Schuld sein, nicht als Instrument realer Herrschaft. Das ist nicht aushal­ten-können und bequeme Glättung der Widersprüche. Das ist nihilistisch.

A: Ja gut, das ist nihilistisch, aber was bedeutet das denn, Nihilismus?

Er kann einerseits Niedergang, Zerset­zung der bisherigen Ziele und Werte bedeuten, die keinen Glauben mehr fin­den.

Dann werden das Erbauliche, das Unterhaltsame, das Beruhigende, die Mittelmäßigkeit und Langeweile zu den wesentlichen Merkmalen der Kultur, welche nur noch an das Ende will, Sehnsucht nach dem Nichts und Furcht davor hat, sich dessen zu besinnen. Das ist heutige Physiognomie der Kultur. Nihilismus aber als Kritik der Moral, als überwundene Moral kann heißen, daß bisherige Ziele, Überzeugungen, Glau­ben , z. B. an den guten Menschen, als unangemessene zerstört werden, um vermittels dieser Skepsis produktiv zu neuen Zielen zu gelangen und nicht abzugleiten in diese Herden- und Askese-Kultur der lauen Luft und des „Lämmer-Glücks"/Unglücks und so zu unserem eigenen Begräbnis wird. Leben ist immer noch der beste Angriff.

B: Du kannst den Widerspruch zwi­schen dem. Anspruch auf Leben und den Strukturen der Warengesellschaft, die alles Leben erstarren läßt und abtötet, nicht aus der Welt schaffen.

A: Ich kann mich ergeben, den Wider­spruch anlysieren, die Ordnung

für schuldig erklären und lebende Lei­che sein und ich sollte, könnte, müßte Leben erobern, das heißt Angriff. Angriff im Kollektiv.

C bittet um ein Nachwort

„Humanismus ist all das, wodurch man im Abendland dem Verlangen nach der Macht einen Riegel vorgeschoben hat, wodurch man ihm untersagt hat, die Macht zu wollen, wodurch man die Möglichkeit ausschloß, die Macht zu ergreifen. Das Herz des Humanismus ist die Theorie vom Subjekt (im doppelten Sinn des Wortes: als Souverän und als Untertan).

Darum lehnt das Abendland so erbit­tert alles ab, was den Riegel sprengen könnte. Wofür es zwei –eine- Methode(n) gibt:

die „Entunterwerfung des Willens zur Macht, d. h. der politische Kampf als Klassenkampf oder" /und als „das Unter­nehmen einer Destruktion des Subjekts als eines Pseudo- Souveräns, d. h. eine kulturelle Attacke:

Aufhebung der sexuellen Tabus, Ein­schränkungen und Aufteilungen, Aufhe­bung des Drogenverbots, Aufbrechung aller Verbote und Einschließungen, durch die sich die normative Individualität konstituiert und sichert.

Ich denke da an alle Erfahrungen, die unsere Zivilisation verworfen hat oder nur in der Literatur zuläßt." 19 

plädoyer für den fluchtver­such oder der elektrische Stuhl

die „dinge"

ihre „sitzordnung".

dialog

blutspur

masochismus

im trohn

der folterer

der gefolterte.

die rechte übertragen „live tv"

die sich ornamentierte anord­nung

der demütigen

im kirchenschiff

 der riss

im goldenen schnitt

weisst

das passivum

in die anordnung

der bilder.

ganz früh schon

das kacken vermutlich stumm.

DAS NÖTIGE.

aufstehen zerren

 der toten am mut

„ihr schreien

musst du ertragen

ihre geschichte ist:

warten=stehen

zerstückelt

zerbombt

deportiert

niemandsland

besetzt die front still"

der stuhl der sattel der trohn der schleudersitz der stuhl der sattel…

 

„geh und sieh"

 oder

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posten

  • 1. MEW Bd.3, S.33
  • 2. MEW Bd.1, 5.385
  • 3. MEW Bd.3, S.32
  • 4. Adorno: Prismen, Frankf.a.M. 1992 S.11
  • 5. Marcuse: Kultur und Gesellschaft Bd.2, Frankf.a.M.1965 5.147
  • 6. Marcuse ebd. 5.157
  • 7. Adorno ebd. S.21
  • 8. Marcuse ebd. S.158
  • 9. Benjamin: Allegorien kultureller Erfahrung, Leipz.1984 5.260
  • 10. Adorno ebd. S.17
  • 11. ebd.
  • 12. ebd. S.23
  • 13. MEW Bd.1 S.385
  • 14. Marcuse ebd. S.151
  • 15. Feistner/Winzer: Wartesaal(Manus­kript), Berlin 1991
  • 16. Müller, Heiner: Materialien', Leipzig 1989 S.20
  • 17. Foucault: Von der Subversion des Wissens, Frankfurt 1991 S.23
  • 18. ebd. S.26
  • 19. ebd. S.94

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