Repression auf psychischer Ebene

Über traumatisierende Folgen von Polizei- (und anderer) Gewalt und wie wir da wieder rauskommen …

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Wer Widerstand leistet, ist zwangsläufig mit Repression konfrontiert. Diese verläuft auf verschiedenen Ebenen, wie die eingesetzten Mittel im Zuge des G8-Gipfels in Heiligendamm erneut gezeigt haben. Das martialische Auftreten der Polizei im schwarzen, gepanzerten Kampfoutfit, der Einsatz von Tornados, Bundeswehrfahrzeugen und Hubschraubern, die unentwegt über den Camps kreisten, willkürliche Kontrollen und Verhaftungen, die gezielte Desinformation der Medien durch die Sondereinheit der Polizei sowie die Hausdurchsuchungen und Kriminalisierungen von GipfelgegnerInnen nach § 129a bereits vor dem Gipfel schafften ein Klima der Bedrohung.
Neben dieser atmosphärischen Bedrohung und juristischen Kriminalisierung ist auch der Einsatz von potenziell traumatisierender Gewalt Bestandteil staatlicher Repression. Auf einer öffentlichen Anhörung zu Menschenrechtsverletzungen durch die Polizei im Zuge des G8-Gipfels wurden viele Beispiele von AugenzeugInnen und Betroffenen berichtet: Durch gezielte Wasserwerfereinsätze in Kopfhöhe mussten mehrere AktivistInnen am Auge notoperiert werden. Einzelne bereits am Boden liegende Menschen wurden massiv zusammengeknüppelt. Ein Fahrradkonvoi wurde aus vorbeifahrenden Polizeifahrzeugen mit Tonfas angegriffen. Die Gefangenen waren in Käfigen unter Dauer-Neonlichtbestrahlung untergebracht, bekamen zu wenig Essen und der Anwaltskontakt wurde verweigert. Zudem wurde vom Einsatz sexualisierter Gewalt in Form von Vergewaltigungsandrohungen oder dem Fotografieren nackter AktivistInnen durch Polizeibeamte berichtet – usw.
Die Strategie von Repression ist nicht nur eine politische, sondern auch eine psychologische: Sie schlagen eine/n von uns zusammen und viele bekommen Angst und fühlen sich blockiert. Als linke AktivistInnen sollten wir uns bewusst machen, dass wir immer wieder das Risiko eingehen, erstmalig oder erneut durch staatliche Gewalt nicht nur körperlich verletzt, sondern auch psychisch traumatisiert zu werden. Ein Ziel solch systematischer Angriffe ist die Einschüchterung kritischer Menschen. Über die Traumatisierung einzelner soll allgemein von politischem Widerstand abgeschreckt werden, indem Gefühle von Handlungsunfähigkeit und Ohnmacht gegenüber staatlicher Herrschaft entstehen. Deshalb ist es für AktivistInnen wichtig zu wissen, wie sie sich im Vorfeld von Aktionen schützen können. Für die Entwicklung von Handlungsstrategien sind Kenntnisse hilfreich, was eine Traumatisierung ist, wie sich die Folgen für die Betroffenen und ihr Umfeld anfühlen können und wie damit umgegangen werden kann.

Die Gruppe „Out of Action“

Während erste Hilfe und rechtlicher Beistand schon lange Teil von Antirepressionsstrukturen sind, mangelte es an psychologischer Betreuung von AktivistInnen für AktivistInnen. In Deutschland gab es während des G8-Gipfels in Heiligendamm erstmalig ein solches Angebot der bundesweiten Gruppe Out of Action. Vor dem Gipfel fanden in verschiedenen Städten Workshops zum Thema Traumatisierung statt. An den Gipfeltagen gab es im Camp Reddelich einen Chillout- und Ruhespace mit der Möglichkeit für emotionale erste Hilfe und Beratungsgespräche. AktivistInnen der Gruppe waren auf den Blockaden unterwegs, holten Leute aus den Knästen ab und waren ansprechbar für Menschen, die soeben Polizeigewalt erleben mussten. In der Arbeit zeigte sich, dass das Angebot dankbar aufgegriffen wurde und großes Interesse am Thema bestand. Die Gruppe ist per E-Mail und in Berlin in einer Sprechstunde ansprechbar für Betroffene und ihr Umfeld, die psychologische Unterstützung brauchen. Dies können erste Gespräche, Begleitung von Gruppendiskussionen oder Unterstützung beim Finden von professioneller Hilfe sein. Neben dieser konkreten Unterstützung ist Ziel der Gruppe, Traumatisierung als Teil von Repression und einen möglichen Umgang damit in der Linken zu enttabuisieren und die „private Psychokacke“ als politisches Thema zu etablieren. Die Gruppe bietet hierzu Workshops und Infoveranstaltungen an und kann dafür auch angefragt werden.

Was ist ein Trauma?

In einer traumatischen Erfahrung wird mit allen Sinnen wahrgenommen, einer außergewöhnlich bedrohlichen Situation schutzlos ohne Handlungsmöglichkeiten ausgeliefert zu sein. Angst, Kontrollverlust und Ohnmacht überfluten das Erleben. Neurophysiologisch befindet sich der Körper in einer massiven Erregungssituation, für die es kein Ventil gibt. Das Bild von sich selbst als Mensch mit Handlungsmöglichkeiten in einer beeinflussbaren Welt wird dauerhaft erschüttert. Die überwältigende Situation muss nicht selbst erlebt sein – auch die Ohnmacht, einem anderen Menschen nicht helfen zu können, kann als Trauma wirken. Es kann sogar ausreichen, sich mit den Erlebnissen anderer auseinanderzusetzen (= sekundäre Traumatisierung). Wenn sich belastende Ereignisse im Leben häufen, können sich diese addieren und zusammenfassend traumatisch auf die Seele der Betroffenen einwirken (= akkumulierte Traumata). Ein altes Trauma kann aufgrund eines Auslösereizes in der Gegenwart (= Trigger) aktiviert werden. Ist der Mensch wieder ohnmächtig diesen Gefühlen ausgeliefert und kann sie nicht bewältigen, kann die Erinnerung erneut traumatisch wirken (= Retraumatisierung).

Folgen von Traumatisierung

Nach einer traumatischen Erfahrung befindet sich ein Mensch in einem „psychischen Schockzustand“, der mehrere Wochen anhalten kann (= akute posttraumatische Belastungsreaktion). Alles ist durcheinander, man fühlt sich betäubt, verletzt, unterliegt Stimmungsschwankungen wie z.B. unkontrolliertem Weinen, Aggressionsausbrüchen etc., mag ständig oder gar nicht über das Erlebte sprechen, hat das Gefühl, neben sich zu stehen oder die Umwelt nur noch verschwommen wahrzunehmen, kann nicht schlafen, hat Alpträume, der Körper ist massiv erregt und unter Spannung. Diese psychische Stressreaktion kann sich zu einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln, wenn keine Möglichkeit zur Bewältigung besteht. In der Traumatheorie wird dies als strukturelle Dissoziation verstanden. Dissoziation ist eine Möglichkeit des Schutzes in einer traumatischen Situation. Sie ist eine Störung oder Veränderung der integrativen Funktion von Gedächtnis, Identität, Emotionen und Bewusstsein. Dissoziation und Assoziation bilden die Pole eines Kontinuums. Alle Menschen haben die Fähigkeit, zu dissoziieren und tun dies mehr oder weniger wie beispielsweise in Tagträumen oder automatisierten, nicht mehr bewussten Handlungsabläufen. Ein Beispiel für eine „Schutzdissoziation“ ist das von Überlebenden von sexuellem Missbrauch häufig geschilderte Phänomen, während des Übergriffes den eigenen Körper zu verlassen und sich das Geschehen von außen anzuschauen. Das ist der Schutz davor, von den schrecklichen Gefühlen überrollt zu werden und damit eine sinnvolle Lösungsstrategie. „Es“ passiert dem Körper und nicht mir. Wenn es keine Möglichkeiten gibt, die dissoziierten Bereiche über Assoziation wieder in die Persönlichkeit zu integrieren, kann sich die ursprünglich sinnvolle Überlebensstrategie in der Persönlichkeit strukturell verankern. Dann teilt sich die Persönlichkeit auf in einen Anteil, der im Alltag funktioniert und in einen oder mehrere „emotionale“ Anteile, die die Erlebnisse hüten und im Inneren des Menschen unbewusst aktiv sind. Zentrales Element psychischer Traumata ist die Spannung zwischen dem Wunsch, schreckliche Ereignisse zu verleugnen und dem Wunsch, sie laut auszusprechen. Sozialer Rückzug und depressives „Nicht-Fühlen“ vermeiden den Kontakt mit Auslösereizen oder den emotionalen Anteilen. Rauschmittel und süchtiges Essen dienen der Betäubung. Selbstverletzendes Verhalten oder Erbrechen bieten ein Ventil für die innere Spannung oder die Möglichkeit, doch wieder etwas zu fühlen und den Körper zu spüren. Die gespeicherte psycho-vegetative Erregung äußert sich in Unruhe, Schlafstörungen, Panikattacken und Angst. Diese wiederum führen zu Vermeidung und Rückzug. Die emotionalen Anteile tauchen durch Auslösereize oder in Alpträumen auf und drohen erneut, den Menschen zu überfluten und ohnmächtig der Erfahrung auszusetzen.

Erschütterte AktivistInnen

Wochen oder sogar Monate nach dieser krassen Situation geht auf einmal nix mehr. Sirenen heulen im Ohr, zusammenzucken, Demos machen Angst? Shit, mir ist doch selbst nichts passiert, ich stand doch nur daneben … Hätte ich was tun können, die Frau rausziehen? Ich war zu feige, ich bin echt scheiße … Nicht aufstehen wollen. Ein Bier nach dem nächsten. Alpträume, immer dieselbe Szene. Bullen, dazwischen mein prügelnder Vater … Wegdrängen, weitermachen. Bloß nicht drüber reden. Die Fragen der GenossInnen, „was ist denn mit dir los“. Alles zu viel, lasst mich in Ruhe … Keine Lust mehr auf diese ganze Politszene … Keine Lust auf Labern. „Au Mann, du bist echt schräg drauf, krieg dich mal wieder ein“. Hass, unkontrollierbarer Hass. Scheiß-Bullen, ich dreh durch, ich schlag die weg, egal wie, ist mir doch egal, wenn ich einfahre. „Du gefährdest uns alle, spinnst du“. Die können mich mal … „Mit dem/der will ich nichts mehr zu tun haben, das ist mir zu anstrengend“ … Ist ja egal, macht ja eh alles keinen Sinn, was bringt denn der ganze Widerstand noch? Wäre ich da nicht hingegangen, wäre das ja auch nicht passiert.

Mit einem solchen Prozess geht die psychologische Strategie der Polizei auf. Die direkt Betroffenen leiden unter den psychischen Folgen, Bezugsgruppen sind möglicherweise überfordert und zerstreiten sich. Charakteristisch für die Folgen von Traumatisierung durch Gewalt ist, dass es zu Schuldzuweisungen sich selbst gegenüber oder untereinander kommt. „Hättest du das nicht gemacht, dann hätten uns die Bullen nicht angegriffen …“ Weil die TäterInnen nicht unter Kontrolle zu bringen sind, disziplinieren wir uns gegenseitig. Dies ist eine typische Verarbeitung der Ohnmacht, da so wieder der Eindruck von Kontrolle entstehen kann. Entsolidarisierung und Angst vor aktivem Widerstand machen sich breit. Wie wir mit Traumatisierung umgehen können Traumatische Erfahrungen können zwar nicht verhindert werden, wir können uns aber dagegen wappnen, dass diese uns als Bewegung lähmen. Der beste Schutz vor langfristigen Folgen einer Traumatisierung ist ein soziales Klima, in dem selbstverständlich über Gefühle und Erlebtes gesprochen und im Zusammenhang politischer Aktionen kein HeldInnentum propagiert wird. Angst ist eine normale und verständliche Reaktion auf die Gewalt und Brutalität, mit der wir konfrontiert sind. In der Linken gilt häufig das Bild des/der unerschütterlichen Aktivisten/in. Ängste werden negiert oder den anderen nicht gezeigt. Reden über Gefühle, über Furcht, Trauer, Ohnmacht findet nicht statt – was dazu führen kann, traumatische Erlebnisse nicht aufarbeiten zu können. Langfristig leiden viele Betroffene von Polizeigewalt mehr unter den emotionalen Folgen als unter körperlichen Verletzungen. Eine sekundäre Traumatisierung kann wirken, wenn die Betroffenen mit ihren Gefühlen alleine gelassen werden, das Umfeld kein Verständnis hat und keine Unterstützung leistet. Dies kann eine emotional noch größere Erschütterung sein als die Gewalterfahrung durch die Polizei, die uns als AktivistInnen ja per se nicht überrascht. Wenn wir aber von unseren GenossInnen keine Solidarität erfahren, wankt das Weltbild. Ganz praktisch hilft die Bildung von Bezugsgruppen, in denen bereits vor einer Aktion ehrlich besprochen wird, wie es den Einzelnen in der Gruppe geht und wo die Grenzen liegen. Die Gruppe sollte absichern, dass niemand alleine von einer Aktion weggeht und nach einer Aktion gemeinsam besprochen wird, was alle erlebt und wie sie sich dabei gefühlt haben. Oftmals kann schon das Austauschen über die Gefühle nach heftigen Erlebnissen verhindern, dass die Gefühle abgespalten werden und damit Traumafolgen entstehen. Für die Bewältigung von Traumafolgen ist wichtig, mit Unterstützung anderer die Traumatisierung als „Verletzung der Seele“ anzuerkennen und zu akzeptieren, dass die Psyche nun die Möglichkeit zum Heilen braucht. Das erfordert Zeit und Geduld und ist kein gradliniger Prozess. Für manche Betroffenen ist es wichtig, unzählige Male das Erlebte zu berichten, so lange, bis es verarbeitet ist. Sport und Bewegung können helfen, ein Ventil für die im Körper gespeicherte Übererregung oder Spannungszustände zu finden. In der Linken werden Entspannungsübungen wie Yoga oder progressive Muskelentspannung als Eso- oder Wellnesskram belächelt. Diese können aber wichtige Unterstützung dafür sein, überhaupt wieder zur Ruhe zu kommen und schlafen zu können. Manchen helfen kreative Formen des Ausdruckes wie Malen oder Schreiben, um die inneren Bilder zu verarbeiten.
Der Bezugsgruppe und FreundInnen kommt eine hohe Verantwortung zu. Für die Verarbeitung von Ohnmachtserfahrungen durch (Polizei-)Gewalt ist es wesentlich, das soziale Umfeld als solidarisch, schützend und unterstützend zu erleben. Für die Betroffenen ist es sehr wichtig, ohne Leistungsdruck von außen mit vertrauten Menschen sprechen und sich anlehnen zu können. Kontrollverlust und Ohnmacht sind Bestandteil von Traumatisierungen. Deshalb muss die Selbstbestimmung der Betroffenen unbedingt im Vordergrund stehen. Sie sollten auf ihr Gefühl hören, selbst entscheiden und mitteilen, was sie aktuell wollen und was nicht. Dieser Freiraum sollte ihnen von ihrem Umfeld unbedingt eingeräumt werden. Es ist von zentraler Bedeutung, immer wieder Abstand zu gewinnen, sich eine Tagesstruktur zu geben, Alltag zu leben und zu versuchen, „normale“ Dinge zu tun, um aus der Opferposition herauszukommen. Die Begleitung eines Menschen bei der Bewältigung eines Traumas ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Kraft von den UnterstützerInnen erfordert. Die Konfrontation mit den Themen und der dem Trauma immanenten Energie birgt die Gefahr, selbst auszubrennen und an Traumafolgen zu leiden. Oft ist es auch für UnterstützerInnen gut, sich professionelle Hilfe zu holen oder zumindest mit anderen zu sprechen. Vor allem in der Begleitung schwer traumatisierter Menschen ist es unerlässlich, für das Gehörte und „Mitertragene“ Ventile zu suchen und gut für sich zu sorgen.

How to act with Profis?

Es kann nach einer Traumatisierung erforderlich sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nach einem Beinbruch geht man/frau ja auch zum Arzt. Psychotherapie ist eine Leistung der Krankenkasse. Es werden nur tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Verhaltenstherapie und Psychoanalyse finanziert. Viele TherapeutInnen haben Zusatzausbildungen in traumatherapeutischen Methoden. Um den/die TherapeutIn als Menschen und das eigene Gefühl im Kontakt prüfen zu können, bezahlen die Kassen fünf Erstgespräche pro aufgesuchter/m TherapeutIn. Erst dann muss ein Antrag auf Finanzierung der Behandlung gestellt werden. Diese Zeit sollte genutzt werden, dem/der TherapeutIn Löcher in den Bauch zu fragen über Arbeitsweise, Einstellungen und was immer für eine/n selbst relevant ist. Nur dann, wenn man sich mit allem Eingebrachten wahr- und ernst genommen fühlt, sollte man sich bei dem Menschen für eine Behandlung entscheiden. Das Allerwichtigste bei der Psychotherapie ist nicht die Methode, sondern eine gute Beziehung zum behandelnden Menschen. Der Mensch, dem man/frau sich anvertraut, sollte mit der Machtsituation und dem Erzählten verantwortungs- und respektvoll umgehen, eine professionelle Distanz wahren und nicht in eine Richtung drängen. Die TherapeutInnen sollten aufgeschlossen und akzeptierend gegenüber der gewählten Form politischer Aktivität sein und diese nicht als Form der Autoaggressivität oder ungeklärter Autoritätskonflikte werten. Eine solche Interpretation von politischem Widerstand und Militanz birgt die Gefahr von Schuldzuweisungen für das Erlebte. Deshalb sollte man sich bei der Suche nach einem/r TherapeutIn Zeit lassen und trotz der Notsituation nicht bei dem/der Erstbesten bleiben.

Literatur

Huber, Michaela (2005): Trauma und die Folgen. Jungfermann-Verlag.

Judith Hermann (2003): Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. Jungfermann-Verlag.

http://outofaction.net

http://avtivist-trauma.net

 

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Erschienen in arranca! #37

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