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 <title>arranca! - Ausserhalb des Schwerpunkts</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/2/0</link>
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 <language>de</language>
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 <title>Rezension</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/49/rezension-2</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Wolfgang Schorlau, &lt;em&gt;Die schützende Hand. Denglers achter Fall. &lt;/em&gt;Kiepenhauer &amp;amp; Witsch, Köln, 2015, 14,99 Euro, 382 Seiten&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fakten, Fiktion und Interpretation verschwimmen in Denglers achtem Fall über den NSU&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum NSU-Komplex sind bereits mehrere Sachbücher erschienen, heraus sticht das mehr als 800 Seiten starke Werk &lt;em&gt;Heimatschutz: Der Staat und die Mordserie des NSU&lt;/em&gt; (Aust/Labs, 2014). Auf dessen Grundlage wird in München ein Kinofilm produziert. Die ARD plant zwischen dem 30. März und 6. April 2016 die Ausstrahlung einer Spielfilm-Trilogie, je einen Film aus Sicht der Täter*innen, der Opfer und der Ermittler*innen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Einen ersten Roman hat nun Wolfgang Schorlau verfasst. In &lt;em&gt;Die schützende Hand &lt;/em&gt;lässt er den Privatdetektiv Georg Dengler in dessen achtem Fall in Sachen NSU ermitteln. Der mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnete Autor hatte seinen Protagonisten stets auf die Spur heikler politischer Verbrechen geschickt. So ging es um die RAF und den Tod von Wolfgang Grams (&lt;em&gt;Die blaue Liste&lt;/em&gt;, 2003), um kriminelle Machenschaften der Pharmaindustrie (&lt;em&gt;Die letzte Flucht&lt;/em&gt;, 2011) oder um Lohnsklaverei in der deutschen Fleischindustrie (&lt;em&gt;Am zwölften Tag&lt;/em&gt;, 2013). Schorlau greift reale Fälle auf und verbindet sie mit Fiktion. Er schreibt Geschichten, die sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnten. Die Bücher sind Bestseller&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Die schützende Hand soll Privatermittler Dengler herausfinden, wie die mutmaßlichen Mitglieder des NSU, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, ums Leben kamen. Zur Erinnerung: Die beiden Männer sollen am 4. November 2011 in Eisenach eine Bank ausgeraubt, per Fahrrad zu einem Wohnmobil geflohen, und das Fahrzeug in Brand gesetzt haben, nachdem sie sich von der Polizei ertappt fühlten. Im Wohnmobil sollen sie sich dann erschossen haben. Dengler und einige Freunde begeben sich auf Spurensuche: Haben sich die beiden Neonazis vielleicht gar nicht selbst getötet? Detailliert und umfangreich wird dazu aus Originalakten der Polizei, aus Obduktionsberichten und Protokollen der verschiedenen Untersuchungsausschüsse zitiert. Das ist ungewöhnlich für einen Roman und bestärkt den Eindruck, es handele sich bei Schorlaus Darstellung um den wirklichen Tathergang. Das ist gewollt und bringt dem Autor den Vorwurf ein, Fakten und Fiktion zu vermischen&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unter anderem kritisiert der Blog &lt;em&gt;NSU-Watch&lt;/em&gt; (nsu-watch.info) den Mix aus Tatsachen, Interpretation, Indizien und Hypothese. Dem Autor wird vorgehalten, »in dem Wust an Fakten, potenziellen Fakten und längst widerlegten Hypothesen« herumzustochern und sich seine eine, alles erklärende Theorie zusammengebaut zu haben. Das sei ein großer Fehler. Auch aus Sicht von Tomas Lecorte (&lt;em&gt;Autonome in Bewegung&lt;/em&gt;) sind die Recherchen Schorlaus miserabel und seine Schlussfolgerungen unschlüssig. Schorlau verspreche Aufklärungs-Silber, »und liefert nur Lametta«, so Lecorte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In einem Nachwort zu seinem Buch schreibt der Schorlau allerdings, er habe »mehr oder weniger bekannte Fakten« auf eine andere Art zusammengelegt. Das daraus entstandene Bild weicht fundamental von der offiziellen Version ab. Schorlau zeichnet seine Version, wie es sich zugetragen habe könnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt; Florian Osuch&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/nsu">NSU</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/rezension">Rezension</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Sun, 08 May 2016 07:47:02 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Die Klasse der Anderen ist eine andere Klasse</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/51/die-klasse-der-anderen-ist-eine-andere-klasse</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Didier Eribons Buch Rückkehr nach Reims wurde so gehypt wie selten ein Buch über Klasse und die soziale Frage. In den linken und bürgerlichen Medien – ­eigentlich überall – wurde die autobiographische Erzählung über das Verlassen und Hassen der Herkunftsklasse, über Scham, die eigene (homo)sexuelle Befreiung und intellektuelle Suche positiv besprochen. Die Erzählung versucht sich gleichzeitig in einer Antwort auf die Frage, wie es zu diesem Aufstieg der Rechtspopulist*innen kommen konnte.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Didier Eribons Buch Rückkehr nach Reims wurde so gehypt wie selten ein Buch über Klasse und die soziale Frage. In den linken und bürgerlichen Medien – ­eigentlich überall – wurde die autobiographische Erzählung über das Verlassen und Hassen der Herkunftsklasse, über Scham, die eigene (homo)sexuelle Befreiung und intellektuelle Suche positiv besprochen. Die Erzählung versucht sich gleichzeitig in einer Antwort auf die Frage, wie es zu diesem Aufstieg der Rechtspopulist*innen kommen konnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist quasi alles drin: Die neoliberale Wende linker Politik, die Individualisierung und das Verschwinden der Klasse aus dem politischen Diskurs und nicht zuletzt die Beschreibung der Lebensrealität von Menschen, die es so beschissen haben, dass von denjenigen, die dort noch nicht sind und auch nicht hinwollen, viel Verständnis für beschissene Positionen aufkommt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was wir diesem Buch wirklich hoch anrechnen, ist, dass Emotionen und Affekte einen Platz in dieser Aufstiegsgeschichte bekommen, einen Platz in der politischen Auseinandersetzung. Das Buch berührt, ohne sich gegen Intellektualität zu stellen &lt;br /&gt;Viele Texte sind geschrieben worden, die sich mit der Frage beschäftigen, was wir jetzt mit der Analyse des rechtspopulistischen Aufstiegs auch als Ergebnis linken Versagens machen (zum Beispiel Dossier &lt;em&gt;Luxemburg&lt;/em&gt;). Wie kann die Erkenntnis, dass die linken Parteien keine Möglichkeit der Identifikation mehr bieten und kein überzeugendes Projekt für die Zukunft für «die Benachteiligten, Prekären, Abgehängten» für eine neue Klassenpolitik fruchtbar gemacht werden?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Rückkehr nach Reims war für Eribon eine Möglichkeit, sich seiner Herkunft soziologisch zu nähern, ohne die Gefahr der erneuten Involviertheit mit der Familie. Das ist weniger soziologisch interessant als psychologisch: die Motivation, die Gründe der Anderen, die keine reale Klasse mehr sind, spielen kaum eine Rolle. Stattdessen erfolgt ein fragwürdiger soziologischer Nachweis, sie hätten sich in ihrem Rassismus und ihrem ängstlichen Konservatismus eigentlich nie groß verändert. Bloß die Umstände seien andere geworden, also die politisch-moralische Führung der sich nach rechts entwickelnden bürgerlichen Mittelklassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die sehr persönliche Geschichte über Eribons Scham der eigenen Herkunft und seine Auseinandersetzung mit Homophobie und Intellektuellenfeindlichkeit haben uns in ihrem Mut und ihrer Klarheit berührt. Es blieb aber auch ein Unbehagen. Die Frage für uns nun, warum?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vielleicht weil wir die Geschichte als vor allem männliche Aufstiegsgeschichte lasen, die gelang, weil es männliche Unterstützungsnetzwerke gab. Die harte Abgrenzung zur Herkunftsfamilie und das Profilieren im wissenschaftlichen und journalistischen Feld, mit der Betonung einer vermeintlich neutralen Sachebene, die feministischen Widerspruch provoziert. Weil in der Erzählung von der selbsttätigen Befreiung und Flucht, die Ermöglichung dieses Weggehens durch den Anteil weiblicher Reproduktionsarbeit in Form von Arbeit und Wünschen der Mutter, unsichtbar wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hier ist auch der Dissenz zu Bourdieu verständlich, den Eribon anspricht. Denn Bourdieu betont die Bedeutung von Erziehung als Habitusformierung, die bei Eribon verschwindet und erst die Erzählung von der subjektiven, schweren, aber auf Intelligenz basierenden klugen Aufstiegsgeschichte ermöglicht. Diese Sicht lässt die bequeme Möglichkeit offen, sich mit diesen rassistischen, sexistischen, ungebildeten Anderen beschäftigen zu können, ohne real mit ihnen zu tun zu haben, geschweige denn gemeinsam mit ihnen Politik zu machen.&lt;br /&gt;Inklusive blinder Flecken bekommt diese Sicht durch die Herkunft Eribons legitimes Gewicht. Er muss es ja wissen, er kommt von dort.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir lesen darin auch einen Rest Ekel der Herkunft gegenüber, sichtbar versteckt im Scheinwerferlicht der erst rückblickend zugestandenen sozialen Scham. Das Fehlen jeglicher positiver Bezüge zu seiner Herkunft, diese Affekte irritieren, denn während er für die Rückkehr der Klasse in die politische Diskussion wirbt, sorgt seine persönliche Geschichte vom männlichen &lt;em&gt;weißen&lt;/em&gt; Subjekt als erfolgreiches Aufstiegsprojekt für das Verschwinden derselben in der Bedeutungslosigkeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frage, warum immer mehr Arbeiter*innen rechts wählen ist eine gute Frage. Verknüpft mit der spezifischen Ekelperspektive von oben aber macht es ein gesamtgesellschaftliches Problem zur Strategie von «denen da unten»; die hart arbeitende, hart lebende, sich verhärtende Klasse. Nichts mit solidarischer Arbeits- und Lebensweise, nichts mit schlau, nichts mit Handlungsfähigkeit, nichts mit real gemischten Existenzen. Hier wird ein Bild der &lt;em&gt;weißen&lt;/em&gt; homogenen Arbeiterklasse gemalt, die es so nicht gab und gibt. Klasse ist hier vor allem das Andere des Bürgerlichen. Nur wie erklärt sich damit der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So bleibt eine brüchige Männlichkeit, die vom Liberalismus ihres Milieus der französischen Intellektuellen profitiert hatte, solange dieser noch nicht nach rechts weggebrochen war, die Brille, durch die die Welt betrachtet wird. Durch sie verschwinden die Anteile weiblicher* Sorgearbeit und Zuspruchs, des Mutmachens und des Dreckwegräumens nicht nur aus der eigenen Geschichte. Auch in der Analyse des rechtspopulistischen Aufwinds wird nicht thematisiert, dass sich hier Antifeminismus und der Hass auf die sozial Deklassierten zu einem erfolgreichen rechten Projekt verbunden haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Bürger*innen erzählt Eribon sehr vieles über Klasse. Für Menschen aus dieser Klasse erzählt er zu wenig, zu grob und abschätzig. Und dann ist für Aufsteiger*innenkinder, wie wir es sind, Eribon lesen so: Ey, es gab eine lange Reihe an Auseinandersetzungen mit Klasse und Klassismus vor diesem Buch, aber sie fanden nicht das Gehör, da sie nicht von einem großen Intellektuellen mit einem Berg von kulturellem Kapital und einer «selbstverständlichen» legitimen Sprechweise kam. Das heißt für uns nicht, dass sie aus dem politischen Diskurs verschwunden war, wie Eribon schreibt, sondern nur, dass Bürger*in werden/sein hilft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese legitime Sprechweise heißt auch, über Emotionalität politisch-strategisch zu sprechen, zumindest wenn es um Klasse geht. Alles bleibt unter Kontrolle, der Kontakt zur Vergangenheit ist wissenschaftlicher Neugier geschuldet und bleibt distanziert. So lässt Eribon seine Familie oder seine Herkunftsklasse nur selten selbst zu Wort kommen, aber erzählt im Stil einer linken Vogelperspektive eine Geschichte über die Massen. Seine Familie, die «da unten», werden Objekte soziologischer und politisch-strategischer Phantasmen. Schade, sie hätten viel mehr sein können. Aber vielleicht ist das der Preis für ein Projekt, das versucht, selbstreflexive Vergangenheitsbewältigung mit dem großen soziologischen Wurf zu verbinden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wir finden, Eribon schafft quasi einen literarischen Rahmen, aber rekonstruiert nicht die realen Kämpfe, die Hybridität und den Schmutz der politischen Kämpfe, wer da wen besiegt und beschämt hat oder wer vom eigenen Führungsanspruch nicht loslassen kann. Die Arbeiter*innenklasse wird hier nicht gleich zur revolutionären Klasse ausgerufen oder zu armen Opfern gemacht. Eribon beschreibt, dass Menschen gehört werden und repräsentiert sein wollen, aber er lässt die Frage nach solidarischer klassenübergreifender Praxis und neuen Formen von Repräsentationspolitiken offen. Am Ende bleibt es eine Aufgabe, eine andere Klasse zu schaffen, eine Klasse aller Anderen, die sich nicht mehr schämen wird.&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/didier-eribon">Didier Eribon</category>
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 <pubDate>Thu, 22 Jun 2017 16:22:47 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Stadtvision gegen Privatisierung</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/50/stadtvision-gegen-privatisierung</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Über den Kampf um das Berlin-Kreuzberger „Dragonerareal“ als Versuch, der neoliberalen Inwertsetzung zu entgehen, ohne sich in eine radikale Nische linker Freiräume zurückzuziehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein ehemaliges Kasernengelände mitten in Berlin, seit knapp einem Jahrhundert als Gewerbegebiet an eine Vielzahl kleiner Handwerksbetriebe vermietet, wird im Jahr 2009 von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) übernommen. Seitdem arbeitet die BImA daran, das Gelände zum höchstmöglichen Preis zu verkaufen – egal an wen. Leerstehende Flächen und Gebäude werden seitdem nicht mehr vermietet. An der Bausubstanz wird nur das Nötigste getan.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Über den Kampf um das Berlin-Kreuzberger „Dragonerareal“ als Versuch, der neoliberalen Inwertsetzung zu entgehen, ohne sich in eine radikale Nische linker Freiräume zurückzuziehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Ein ehemaliges Kasernengelände mitten in Berlin, seit knapp einem Jahrhundert als Gewerbegebiet an eine Vielzahl kleiner Handwerksbetriebe vermietet, wird im Jahr 2009 von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) übernommen. Seitdem arbeitet die BImA daran, das Gelände zum höchstmöglichen Preis zu verkaufen – egal an wen. Leerstehende Flächen und Gebäude werden seitdem nicht mehr vermietet. An der Bausubstanz wird nur das Nötigste getan.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zuerst wollte sich die Hamburger &lt;em&gt;ABR German Real Estate&lt;/em&gt; AG dieses „Filetstück“ sichern und bot 21 Millionen Euro, um kurz darauf vom Gebot zurückzutreten. Zwei Jahre später, im Jahr 2014, legte eine eigens für den Aufkauf, die Luxusbebauung und den profitmaximierenden Verkauf des Geländes gegründete Kapitalgesellschaft noch einmal die Hälfte drauf. Die &lt;em&gt;Dragonerhöfe GmbH&lt;/em&gt;, mehrheitlich im Besitz eines global agierenden Immobilieninvestors namens &lt;em&gt;EPG Global Property Investment&lt;/em&gt;, bot 36 Millionen Euro. Der Berliner Investor Arne Piepgras, der dafür bekannt ist, Kunst und alternative Subkultur für die Vermarktung von Luxus-Immobilienprojekten zu instrumentalisieren, hatte den Deal als Strohmann vor Ort eingefädelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Kreuzberger Bergmannkiez, in dessen Nähe das Gelände liegt, gehört inzwischen zu den begehrtesten und teuersten Gegenden Berlins. Der Investor hat diese Marktentwicklung aufmerksam verfolgt und rechnet sich hohe Gewinne aus. Bezahlbarer Wohn- und Arbeitsraum für einkommensarme Menschen, von Verdrängung massenhaft bedroht oder betroffen, ist so nicht machbar. Auch die lästigen Autoschrauber*innen, der lärmende Club und die meisten anderen noch bestehenden Betriebe würden weichen müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im März 2015 winkte der Bundestag den Verkauf mit den Stimmen der großen Koalition anstandslos durch. Auf Betreiben des Landes Berlin sperrte sich aber der Bundesrat und nahm in der Finanzausschuss-Sitzung im September 2015 sein Vetorecht wahr. Angesichts explodierender Mieten und des eklatanten Mangels an bezahlbarem Wohnraum sowie auf politischen Druck zahlreicher Initiativen hatte der Berliner Senat inzwischen das Gelände für seine Wohnungsbau-Agenda entdeckt. Er wollte das Areal zur Hälfte des gebotenen Preises selbst kaufen. Um zusätzlichen Druck aufzubauen, erklärte er das Areal und die umliegenden Straßenzüge im Eilverfahren zum Sanierungsgebiet. Doch bis heute weigert sich das Bundesfinanzministerium, dem die Behörde BImA unterstellt ist, den Verkauf rückabzuwickeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Neoliberales Lehrstück im Kiez&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was klingt wie eine Story aus einem neoliberalen Investor*innenroman, ist die jüngste Geschichte des so genannten Dragonerareals in Berlin, ein versteckt liegendes Gelände zwischen dem gentrifizierten Kreuzberger Bergmannkiez und den Luxusbauten am neuen Gleisdreieckpark. Wer verstehen will, wie neoliberale Stadtentwicklung funktioniert, hat hier ein Lehrbeispiel vor sich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Eigentümerin und Verwalterin des Dragonerareals, die BImA, wurde im Jahr 2004, auf dem Höhepunkt der rot-grünen Reformen gegründet. Ihr gesetzlich festgelegter Zweck besteht darin, öffentliche Liegenschaften so teuer wie möglich zu vermieten oder zu verkaufen. Die BImA kann und darf gar nicht anders als betriebswirtschaftlich „effizient“ und gewinnmaximierend handeln, zumal die an den Bundeshaushalt abzuführenden Gewinne auf Jahre festgeschrieben sind. Hier wurde eine politische Entscheidung – die Privatisierung öffentlichen Eigentums – in ein bürokratisches Verfahren überführt und als Sachzwang abgesichert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So überrascht es kaum, dass die Behörde 96 Prozent ihrer Wohnungen und Liegenschaften an Private verkauft. Formell ist die BImA dem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble unterstellt, der die „schwarze Null“ zum Dogma erklärt hat. Für 36 Millionen Euro setzt er sich nicht nur über die Interessen der Stadt Berlin, sondern auch über parlamentarische Regeln hinweg. Mit der im Jahr 2009 beschlossenen und seit 2011 schrittweise greifenden „Schuldenbremse“ wirkt hier eine weitere, als institutioneller Zwang getarnte politische Entscheidung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Land Berlin, das heute als politische Gegenspielerin Schäubles auftritt, war wiederum im Jahr 2001 selbst Vorreiterin einer solchen verwertungsgetriebenen Liegenschaftspolitik. Jahrelang wurden Grundstücke und landeseigene Wohnungen verscherbelt, die Verwaltung auf Effizienz getrimmt und öffentliche Leistungen gekürzt, um Schulden abzubauen und die Folgen des Berliner Bankenskandals zu schultern. Gleichzeitig hat der Senat die „Aufwertung“ von Innenstadtvierteln mit stadtpolitischem Fortschritt gleichgesetzt und das Versagen des Berliner Wohnungsmarktes verschlafen. Noch im Wahlkampf 2011 hat der SPD-Bürgermeister Wowereit steigende Mieten als „positives Zeichen“ für die Stadt propagiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während der Senat sich durch den massiven Verkauf öffentlicher Wohnungen und Grundstücke und durch die rapide sinkende Zahl an Sozialwohnungen selbst politisch handlungsunfähig gemacht hat, beißt er dank der beschriebenen institutionellen Absicherungen bei den Bundesliegenschaften auf Granit. Der Staat muss beim Staat als Bittsteller auftreten, um öffentliche Interessen wahrzunehmen – und scheitert an den selbst geschaffenen Zwängen. Am Dragonerareal wird unmittelbar nachvollziehbar, wie Austeritätspolitik demokratischen und sozialen Zielen entgegensteht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit Jahren bildet sich, auch infolge der Weltwirtschaftskrise von 2008, eine Spekulationsblase auf dem Berliner Immobilienmarkt. Ein Überschuss an Kapital sucht sichere Anlagen, und findet sie in Immobilienprojekten, die durch Aufkauf, Luxussanierung oder -neubau sowie hochpreisigen Verkauf schnelle und sichere Gewinne versprechen. Während sich ein öffentlicher sozialer Wohnungsbau an Baukosten und Höchstmieten orientieren muss, kann ein international agierender, auf profitable Immobiliengeschäfte spezialisierter Investor ganz andere Grundstückspreise zahlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die hohen Preise wiederum können vor allem deswegen realisiert werden, weil mit der „lebendigen, authentischen und bunten“ Urbanität der gewachsenen Innenstadtviertel und der „Kreativität“ ihrer Bewohner*innen geworben werden kann. Im Falle des Dragonerareals sollten ein „Kulturcampus“ mit Ateliers, Galerien und ein pompöses George-Grosz-Museum die auf Kunst und Kreativität fixierten Entscheider*innen locken. Als die Dragonerhöfe GmbH dann von der BImA den Zuschlag erhalten hatte, war davon plötzlich keine Rede mehr. Und als der Senat dann drohte, den Verkauf zu blockieren, hängte der Investor wieder seine Fahne in den Wind und versprach selbst eine sozialverträgliche Entwicklung des Geländes. Wie das bei einem Grundstückspreis von 36 Millionen Euro verwirklicht werden soll, bleibt sein Geheimnis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Der Kampf für eine Stadt von Unten&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine der Initiativen, die seit mehr als zwei Jahren anhand des sogenannten Dragonerareals Stadtpolitik diskutier- und verhandelbar macht, ist Stadt von Unten. Sie trat mit dem Ziel an, in einem Modellprojekt „Selbstverwaltet und Kommunal“ Möglichkeiten einer alternativen Stadtentwicklung sichtbar zu machen. Dieses Modell soll weder linke „Freiräume“ als radikale Nischen oder als Inseln glückseliger Sozialkapitaleigner produzieren noch undemokratische und unter aktuellen Bedingungen auch unbezahlbare kommunale Wohnsiedlungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stadt von Unten verstand sich von Anfang an als Teil einer stadtpolitischen Bewegung, die schon zahlreiche Erfahrungen mit dem Aufreiben von Protesten im neoliberalen Mehr-Ebenen-Spiel machen musste, die immer wieder als urban-authentische Kulisse oder als Teil einer „kreativen Stadt“ eingehegt werden sollte und zugleich als radikale Freiraum-Fetischist*innen marginalisiert und der eine prinzipielle Verweigerungs- und NIMBY (Not In My Backyard)-Haltung vorgeworfen wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf diese Situation reagierte Stadt von Unten mit ihrem Modellvorschlag und den 100%-Forderungen als Eckpunkte einer Modellentwicklung: 100 % bezahlbar in Wohnen und Gewerbe; 100 % Bestandssicherung; 100 % Mieten – keine Eigentumsumwandlung; 100% langfristig abgesichert; 100% öffentlich und 100% Teilhabe an einer Planung von unten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Um diese Forderungen durchzusetzen, verfolgt Stadt von Unten bewusst verschiedene Ansätze: Mittels öffentlichkeitswirksamen Aktionen, Nachbarschaftsversammlungen, Demonstrationen und Pressearbeit interveniert Stadt von Unten in die öffentliche Diskussion und übt direkt politischen Druck auf die Entscheider*innen aus. Mit verschiedenen Formen der Aneignung des Geländes, von regelmäßigen Treffen und Spaziergängen auf dem Gelände über das Anlegen eines Nachbarschaftsgartens bis hin zu „Markierungen“ und temporären Besetzungen wird das Areal als öffentlicher Raum reklamiert und ins Bewusstsein insbesondere der Nachbar*innen gerufen. Und schließlich hat, mit einer Ausstellung von Vorbildern einer alternativen Stadtentwicklung und von studentischen Entwürfen für eine Bebauung des Areals, die kollektive Erarbeitung planerischer, organisatorischer und architektonischer Eckpunkte für eine nicht an Verwertungsinteressen orientierte Zukunft des Geländes von unten begonnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Prozess soll Perspektiven für eine ganz andere Art der Stadtentwicklung aufzeigen – Perspektiven, die sich nicht nur auf das konkrete Dragonerareal beziehen, sondern darüber hinaus wirken. So kann es gelingen, aus einer zu großen Teilen reaktiven Politik der stadtpolitischen Bewegungen, in eine aktive, gestaltende überzugehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Breite Organisierung, heterogene Ansätze&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stadt von Unten ist Teil einer vielfältigen und wachsenden Organisierung, die das Dragonerareal als öffentlichen Raum und für eine Stadtentwicklung nach den Bedürfnissen der Bewohner*innen reklamiert. Dazu gehören die Stadtteilinitiativen Wem gehört Kreuzberg und Kreuzberger Horn, die im Anschluss an eine Stadtteilversammlung gegründete Nachbarschaftsinitiative Dragopolis, der Verein Upstall als Zusammenschluss von Planer*innen und Architekt*innen, die Initiative für einen Gedenk- und Geschichtsort auf dem Areal, und vor allem die noch vorhandenen Mieter*innen auf dem Gelände – größtenteils kleine Handwerks- und Kulturbetriebe, die untereinander und mit den genannten Initiativen in regelmäßigem Austausch stehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Vielfalt der Organisierung und der politischen Ansätze hat wesentlich zu den Erfolgen beigetragen, die Stadt von Unten gemeinsam mit den anderen Initiativen und durch die Zusammenarbeit mit weiteren stadtpolitischen Gruppen und Kämpfen erreicht hat. Die Strategie der Dragonerhöfe GmbH, Künstler*innen als Feigenblatt für die eigenen Profitinteressen zu instrumentalisieren, konnte so durchkreuzt werden: Ein Offener Brief an den Berufsverband der bildenden Künstler*innen (bbk) und an das Künstler*innen-Netzwerk Haben und Brauchen hat diese Position klar ausgedrückt. Das Streetart-Netzwerk Reclaim your City setzte einen künstlerischen Kontrapunkt und nutze das Gelände im Winter 2014 für ihre jährliche, unangemeldete Ausstellung. Und in einer gemeinsamen Demonstration mit der Stadtteilinitiative Hände Weg vom Wedding konnten Praktiken der kulturellen Gentrifizierung am Beispiel des Stadtbads Wedding vorgeführt werden. Durch diese und viele andere Zusammenarbeiten konnte eine breite Koalition gegen die neoliberale Inwertsetzung des Dragonerareals hergestellt werden, die auch öffentlich wahrgenommen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Vielfalt, das Nebeneinander von Radikalität und Anschlussfähigkeit hat dazu beigetragen, dass Stadt von Unten politisch schwer zu greifen ist und bisher nicht in die bekannten Ecken der „Verweigerer“, der Freiraum-„Chaotinnen“ der „lebhaften Kreuzberger Stadtteilkultur“ oder auch der „konstruktiven“ (aber harmlosen) Zivilgesellschaft gestellt werden konnte. Die konstante Mobilisierung und Intervention der vergangenen zwei Jahre hat Sand in das Verkaufsgetriebe gestreut und die Privatisierung des Areals – zumindest vorläufig – gestoppt. Ohne die Initiativen und ihre Aktionen wäre das Dragonerareal kaum zum stadtweiten Gesprächsthema geworden. Der politische Druck von unten hat den Berliner Senat zu einer konfrontativen Haltung gegenüber dem Bund gezwungen, deren jüngster Ausdruck die Ausrufung des Areals als Sanierungsgebiets ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am 5. Juli 2016 hat der Senat schließlich das Dragonerareal und die umliegenden Straßenzüge zum Sanierungsgebiet erklärt. In den kommenden zehn Jahren will das Land Berlin 38 Millionen Euro in die Sanierung und in den Bau von sozialer Infrastruktur investieren. 400 bis 500 Wohnungen sollen auf dem Areal entstehen, „mindestens“ die Hälfte davon „bezahlbar“. Dafür sollen weitere knapp 15 Millionen Euro Wohnungsbauförderung zur Verfügung stehen. Das Instrument des Sanierungsgebiets schreibt außerdem bestimmte Beteiligungsrechte, eine Wertabschöpfung von den Eigentümer*innen gemessen an den Wertsteigerungen der Grundstücke sowie ein Vorkaufsrecht des Landes Berlin fest.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stadt von Unten hat durch kritische Präsenz, öffentliche Statements und die Organisierung breit getragener Forderungen aktiv in die vom August 2015 bis zum Mai 2016 laufende vorbereitende Untersuchung zum Sanierungsgebiet eingegriffen. Dieser politische Druck war entscheidend, den Senat zumindest von seiner ursprünglichen Position einer Bebauung mit maximal einem Drittel Sozialwohnungen abzubringen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vom Protest zur Stadtvision?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Erfolge sind jedoch allenfalls kleine Schritte. Zu einer ganz anderen, jenseits der Grundsätze neoliberaler Inwertsetzungslogik verlaufenden Stadtentwicklung auf dem Dragonerareal ist es ein weiter Weg. Der Kaufvertrag zwischen BImA und Dragonerhöfe GmbH ist nach wie vor gültig. Das Bundesfinanzministerium setzt offenbar den geplanten Verkauf von rund 4.500 BImA-Wohnungen an das Land Berlin als Druckmittel ein, um den Verkauf des Geländes doch noch durchzusetzen. Umgekehrt hat sich das Land Berlin nicht gerade als geschickter Verhandlungspartner ausgezeichnet. Die Privatisierung ist trotz Sanierungsgebiet also nicht vom Tisch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nicht nur deshalb ist ein Sanierungsgebiet auf dem Gelände nur ein Teilerfolg. „Bezahlbare“ Wohnungen bedeuten nach aktueller Senatspolitik Anfangsmieten von 6,50 Euro/qm nettokalt, das heißt über dem Berliner Durchschnitt. Nach 20 Jahren würden auch diese Wohnungen aus der Sozialbindung fallen. Ob die Gewerbemieter*innen nach aktuellen Planungen bleiben, die aufgebauten Existenzen also erhalten werden können, steht in den Sternen. Und eine zentrale Forderung nach einem Stadtteilzentrum auf dem Areal – einem „Kiezraum“ –, die Nachbar*innen und Initiativen im Beteiligungsprozess während der vorbereitenden Untersuchung mehrfach gestellt haben, wird mit Verweis auf die Zuständigkeit der BImA weiterhin verwehrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die 100 %-Forderungen von Stadt von Unten – im April von einer großen Nachbarschaftsversammlung im Club Gretchen auf dem Areal übernommen – sind also noch lange nicht verwirklicht. Ihre Durchsetzung ist aber weiterhin möglich. Es gilt nun, den Druck zu erhöhen. Viele der Vorhaben, mit denen wir angetreten sind, sind nach wie vor uneingelöst. Doch wenn es gelingt, die Modellentwicklung basierend auf den Grundsätzen selbstverwaltet und kommunal, bezahlbar und dauerhaft abgesichert voranzubringen und in einen umfassenden Planungsprozess von unten zu überführen, und wenn es gelingt, den politischen Druck durch eine weitere Stärkung der vielfältigen Organisierung, durch eine weitere Aneignung des Geländes und durch eine Durchsetzung eines Stadtteilzentrums zu erhöhen, stehen die Chancen gut. Dabei ist die größte Herausforderung, sich nicht nur vom Abwehrkampf aufhalten zu lassen, sondern eigene Stadtvisionen zu produzieren – und durchzusetzen. Dafür müssen neue Wege gefunden werden, wie eine gemeinsame Organisierung mit von Verdrängung Betroffenen, an Wohn- oder Gewerbeprojekten interessierten und der Nachbarschaft erreicht werden kann, ohne sich von etablierten Beteiligungspraktiken einhegen zu lassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Stadt von Unten&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 22 Dec 2016 15:03:37 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Kurzrezension</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/49/kurzrezension-0</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Redher &amp;amp; CSPP (Hg.), &lt;em&gt;»Ich würde es wieder tun« – Texte aus dem kolumbianischen Knast (»Volvería a hacer lo mismo« – Textos de la cárcel colombiana)&lt;/em&gt;, 117 Seiten, hinkelsteindruck – sozialistische GmbH 2015, Spendenvorschlag 5€; Bestelllung unter kontakt@textosdelacarcel.org&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während allerorten von den angeblichen Friedensverhandlungen und vom Postkonflikt in Kolumbien berichtet wird, ist allein der Titel des Buches eine Provokation: Hier kommen&amp;nbsp; Menschen zu Wort, die zur Verteidigung ihrer politischen Ideale zur Waffe gegriffen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Texte sind von politischen Gefangenen aus sozialen und indigenen Bewegungen, politischen Gruppen und bewaffneten Organisationen wie der ELN und den FARC-EP verfasst und erzählen von überbelegten Knästen, und deren menschenunwürdigen Bedingungen, von der Brutalität des ungerechten Systems, von Folter, ständigen Repressionen, von persönlichen Zweifeln und auch von Träumen und Hoffnungen. In diesem Buch erheben die Marginalisierten, Ausgeschlossenen, Subalternen ihre Stimme. Es handelt sich weniger um historische und politische Analysen, sondern vielmehr um persönliche Perspektiven. Einige Texte zeugen von einem entschlossenen Widerstand, der auch in langen Jahren des Freiheitsentzugs nicht gebrochen werden konnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Texte sind als Teil der politischen Praxis zu verstehen. Der Abdruck der Texte auf Deutsch und Spanisch ist eine gelungene Idee, um eine internationale politische Praxis und Solidarität mit den politischen Gefangenen zu initiieren.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 08 May 2016 07:58:27 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Kurzrezension</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/49/kurzrezension</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Joshua Oppenheimer, &lt;em&gt;The Act of Killing&lt;/em&gt;, DVD, Koch Media 2014, UVP 12,99 €, 153 min. &lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Joshua Oppenheimer, &lt;em&gt;The Look of Silence&lt;/em&gt;, DVD, Koch Media 2016, UVP 12,99 €, 99 min.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;»Lasst uns alle miteinander klar kommen, wie es die Militärdiktatur gelehrt hat«&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So etwas hatte ich noch nie gesehen. Das wusste ich, als ich den Kinosaal von »The Act of Killing« verließ, 2013 auf der Berlinale, wo der Streifen zu meiner Überraschung den Panorama Publikumspreis abräumte. Immerhin geht es hier um Massenmord. Den weiterhin unaufgearbeiteten an rund einer Million vermeintlicher und tatsächlicher Kommunist*innen in Indonesien 1965/66. Ein gelinde gesagt sperriges Thema.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Idee: Da die Opferfamilien weiterhin stigmatisiert sind und nicht sprechen können, muss die Geschichte durch die Täter erzählt werden. So dreht sich der ganze Dokumentarfilm um eben diese, die nicht nur massiv mit ihren Verbrechen angeben – sie werden sogar dazu angeregt, einen eigenen Spielfilm über ihre Gräueltaten zu drehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im aktuelleren »The Look of Silence« schließlich kommen doch Opfer zu Wort. In schön fotografierten, ruhigen Bildern sehen wir Adi zu, der als mobiler Optiker beherrscht die Mörder seines Bruders bedient und sie befragt. Trotz tiefen Schmerzes, Verzweiflung und offenen Drohungen ein Film, der zu hoffen wagt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zwei Werke, die sich ergänzen und womöglich eine erste Geschichtsaufarbeitung möglich machen. Gedreht von einer Crew, die in großen Teilen anonym bleibt, sowie Regisseur Joshua Oppenheimer. Wer die Gelegenheit hat sollte sich unbedingt beide anschauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;BM&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 08 May 2016 07:28:15 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>The Hunt is On</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/4/the-hunt-is-on</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Das ganze verzerrte Bild des lebendigen,  irgendwie widerständigen Ghettos zerbricht. Fuck gangsterism, Scheiß auf den politisch verklärten Blick. Das Ghetto ist Wolfsgesetz, und nur der was hat, ist was. Wie überall, nur daß das notwendige Geld im Ghetto brutaler organisiert wird. Kein bißchen guter, rebellischer Schwarzer mit aufständischem Hip-Hop-Groove. &quot;You&#039;re blacks in America. The hunt is on&quot;, meint der Vater des Black Muslim Sharif, als Vorschlag an die Jungs. &quot;Übrig bleiben&quot;, darauf reduziert sich die Perspektive des Films. &lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Menace II Society&lt;/em&gt;, der Kinofilm der 21jährigen Detroiter Zwillingsbrüder Allen und Albert Hughes, ist trotz schlechter Kritiken meiner Meinung nach der beste Film über die us-amerikanische Ghettowirklichkeit, der bisher in deutsche Kinos kam. Er ist im guten Sinne pädagogisch wie schon John Singletons &lt;em&gt;Boyz n the Hood&lt;/em&gt;. Wie dieser richtet er sich an die Protagonisten der gegenseitigen Vernichtung in den Armenviertel, sich nicht gegenseitig abzuknallen, will also nicht nur darstellen, sondern intervenieren. Aber im Gegensatz zu Singleton bieten die Hughes Brothers keine Handlungsperspektive an. Es gibt keinen schwarzen Hollywoodpappi, dessen moralische Appelle, Strenge oder Zuneigung irgend etwas retten könnten, keine Familie, und schon gar keine solidarische Bewegung mit politischer Perspektive. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die von Tyger Williams, der ebenfalls erst 23 ist, und den Hughes Brothers gemeinsam geschriebene Story ist angenehm unaufdringlich erzählt. Das allein macht den Film bereits sehenswert. Weder drückt die Geschichte auf die Tränendrüse noch erheben irgendwelche Sympathieträger ihre Zeigefinger. Die Pädagogik des Films beschränkt sich auf das Aufzeigen von Zusammenhängen. Die Schlußfolgerungen werden den Zuschauern überlassen. Das ist fair und vielleicht der Tatsache geschuldet, daß die Regisseure jung genug sind, um sich noch daran zu erinnern, wie lästig explizite Ermahnungen sind, mit denen einem das selbständige Denken abgenommen werden soll. Die Hauptperson von &lt;em&gt;Menace II Society&lt;/em&gt; ist der 20jährige Caine (Tyrin Turner), ein Waise aus Watts, dem Viertel von Los Angeles, in dem 1965 die großen Unruhen brutal niedergeschlagen wurden und in dem sich heute das soziale Elend als Krieg zwischen den BewohnerInnen widerspiegelt. &lt;br /&gt;Caine ist eine Durchschnittsperson. Sein Vater ist erschossen worden, die Mutter am Heroin kaputt gegangen und er selbst bei den Großeltern aufgewachsen. Das klingt etwas melodramatisch, ist aber eben in vielen kapitalistischen Großstädten kein spektakulärer Sonderfall. Es ist oft genug festgestellt worden, daß schwarze Männer in den USA eine niedrigere Lebenserwartung haben als Männer in Bangladesh. Vor diesem Hintergrund ist Caine keine Ausnahme, kein personifiziertes Elend, eher eine brave, in keiner Hinsicht übertriebene Person. Vielleicht etwas intelligenter als der Durchschnitt, man traut ihm von Anfang an zu, daß er der &quot;eine von fünfen&quot; ist, der es im Ghetto schaffen kann. Eigentlich sogar mehr als das, man vertraut darauf. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der roten Faden der Geschichte ist die Unerträglichkeit, wegen welcher Nichtigkeiten getötet wird. Gleich in der ersten Szene erschießt der 17jährige O-Dog - &lt;em&gt;&quot;America &#039;s nightmare&quot; &lt;/em&gt;wie Caine anerkennend kommentiert - einen koreanischen Ladenbesitzer, weil dieser mißtrauisch gegenüber seinen schwarzen Kunden war. Es ist die zu einer Sequenz zusammengepreßte Darstellung der rassistischen Spaltungslinien im Ghetto. Der Film macht jedoch von Anfang an klar, daß diese Selbstzerstörung nicht kulturell bedingt oder zufällig ist. Sie ist Konsequenz sozialer und ökonomischer Unterdrückung, die sich nicht aufs Ghetto beschränkt und im Zweifelsfall mit Waffengewalt aufrecht erhalten wird. Auf den Vorfall im Lebensmittelhandel folgen Dokumentaraufnahmen vom Aufstand 1965. Panzer rollen durchs Bild und Nationalgardisten prügeln auf schwarze Bewohnerinnen ein. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;&quot;Danach kamen die Drogen&quot;&lt;/em&gt;, sagt Caine aus dem Off. Ganz offensichtlich auch kein Zufall. Die immense Verbreitung von Heroin und später von Crack war immer schon ein staatlich akzeptiertes Mittel zur Lähmung des aufbrechenden schwarzen Widerstands. Im Film werfen die Drogen die Leute ins Nichts. Im schmierigen Licht einer miesen Party wird der 5jährige Caine Zeuge, wie sein Vater einen Freund wegen ein paar Dollar Schulden erschießt. Damit ist aufgezeigt, wie der Zustand geschaffen wurde, der sich bis heute reproduziert, eine sich im Kreis drehende, immer schneller rotierende Geschichte. &lt;br /&gt;Gleich zu Beginn vermitteln die Hughes damit unter der Hand die politische Dimension der überall lamentierten &quot;Gewalt in den Ghettos&quot;. Dabei verzichten sie jedoch - wie schon gesagt - auf platte Vereinfachungen und agitatorische Schuldzuweisungen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Caine ist eine auswechselbare, eine exemplarische Person, deren Handeln von den Verhältnissen diktiert wird. Er gerät in den Strudel des Krieges, obwohl er ein Softie ist. An einer Ampel fahren maskierte Jungs aus der Nachbarschaft an den BMW seines Cousins heran. Caine kommt aus dem Wagen heraus und wird schwer verletzt, der Vetter Harold sofort erschossen. Die Situation ist lapidar geschildert, aber aussagekräftig: Die Misere, der BMW mit den goldenen Felgen und das Verhalten der Autodiebe passen schlicht zusammen. Die erste Handbewegung des neuen Besitzers ist das Wischen mit dem Handrücken an der blutbespritzten Innenseite der Windschutzscheibe. &lt;br /&gt;Dabei wird nicht nur der Run auf kapitalistische Statussymbole dargestellt, sondern auch die Widerlichkelt des Krepierens. In &lt;em&gt;Menace II Society&lt;/em&gt; stirbt niemand Kleenex-hygienisch. Die Einschüsse von Kugeln gleichen einem Platzen der Körper, einem echten Zerfetztwerden. Das Kinopublikum sieht mit an, wie ein Angeschossener, in dieser Szene Caine, dahingeht. Nach Luft ringend, Blut rotzend, röchelnd. Genau diese Unerträglichkelt wird -wieder einmal unauffällig -mit dem Schwachsinn des Gangster-Mythos in Verbindung gesetzt. Caine, dessen blutüberlaufener Körper gerade noch die Leinwand vollsaute, liegt nach dem Schnitt verbunden im Bett und schaut einen 50er-Jahre-Film, in dem wie mit Knallfröschen aufeinander geschossen wird. Steril und unbedeutend.&amp;nbsp; Das Geniale der Einstellung ist, daß sie nur den Bruchteil einer Sekunde ausmacht. &lt;br /&gt;Caine, der nie getötet hat, handelt den Umständen entsprechend. Mit zwei Freunden erschießt er die Mörder seines Cousins - undramatisch und ohne Stilisierung. Caine ist zwar nervös und voller Skrupel - er will keine Unbeteiligten töten -, aber der Mord an sich ist kein Ereignis. &lt;br /&gt;Nach einer Festnahme wegen Autodiebstahls - der einzige Weiße im Film, ein schmieriger, unterwürfiger Versicherungsbetrüger, beauftragt Caine und O-Dog, einen Wagen zu klauen -, zieht sich die Schlinge allmählich zu. Die exemplarische Person muß sich entscheiden. Der Black Muslim Sharif schlägt vor, nach Kansas zu gehen. Das Verlassen des Ghettos wird zur einzigen Möglichkeit, dem Tod zu entgehen. Auch die von Jada Pinkett gespielte Freundin Ronnie, die klarste Persönlichkeit der Story, versucht Caine zu überreden, mit ihr die Stadt zu verlassen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine sympathische Liebesgeschichte (unkitschig, aber leidenschaftlich), was auch dazu dient, das Happy End in greifbare Nähe zu rücken. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber genau zu solchen &quot;Lösungsmöglichkeiten&quot; läßt sich der Film nicht hinreißen. Was folgt, ist die existentialistische, unausweichliche Katastrophe. Am Tag des lJmzugs werden Caine und ausgerechnet der harmlose, diszipliniette Sharif von maskierten Jugendlichen von ein paar Straßen weiter durchlöchert. Caine soll eine Frau geschwängert haben - ob es so ist, bleibt unklar -, und wird von den Jugendlichen dafür umgebracht, daß er eine der ihren &lt;em&gt;gedissed&lt;/em&gt; hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ausgerechnet O-Dog, dem es in seiner Kaputtheit immer egal war, ob er stirbt, überlebt die SchießereL Er, der seine Waffe zieht und zurückschießt, kommt noch einmal davon. &lt;em&gt;Only the stronger survive&lt;/em&gt;, heißt es in Jerry Butlers Lied am Schluß. Wolfsgesetz pur.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das wirklich erstaunliche an &lt;em&gt;Menace II Society&lt;/em&gt; ist, daß der Film trotz des Themas extrem differenziert geblieben ist. Die Geschichte kommt ohne Schemen aus. Nicht in einer einzigen Sequenz werden Weisheiten angeboten, alle möglichen Alternativen zum offensichtlichen Gemetzel werden in ihrer Begrenztheit präsentiert.&lt;br /&gt;So ist Ronnie, die ihre ganze Kraft darauf verwendet, ihr Kind anders, nämlich disziplinierter und liebevoller zu erziehen und deswegen beschließt wegzugehen, zwar eindeutige Sympathieträgerin, aber sie wird anders als der alleinerziehendeVater in Singietons&lt;em&gt; Boyz n the Hood&lt;/em&gt; nicht zur Überfigur hochstilisiert. Man begrüßt ihr Entsetzen, als sie sieht, wie Caine ihrem Sohn die Pistole zeigt, trotzdem ist ihre klassisch-familiäre Antwort auf die Verhältnisse (Zuneigung und Erziehung zur Disziplin) nicht zur Strategie aufgebaut. Das unterscheidet den Film von einem nicht gerade kleinen Kreis auch linker Intellektueller, die die Familie als Gegenpol des um sich greifenden sozialen Verfalls propagieren.&lt;br /&gt;Auch Religion wird von den Hughes Brothers nicht als Lösung akzeptiert. Sie verwerfen bissig die emphatische, unterwürfige Gläubigkeit der alten Ghetto-Generation. Unter kitschigen Bildern eines weißen Jesus zitiert der Großvater Caines endlos aus Moses II, um die die Jugendlichen zu einem anderen Leben zu bewegen. Seine hilflosen Moralpredigten wirken dabei, als ob sie sich aus Onkel Toms Hütten in die Millionenmetropole Los Angeles hinübergerettet hätten. Dem schwarzen Christentum wird ein sklavischer Unterton vorgehalten, unpolitisch und irgendwie darauf bedacht, &quot;anständige Staatsbürger&quot; zu erziehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Islam des jungen schwarzen Muslim Sharif dagegen, eigentlich eine sympathische Person, ist eine der zahlreichen exzentrischen Spinnereien der &lt;em&gt;Hood&lt;/em&gt;, mit dem großen Unterschied, daß sie nicht in Selbstzerstörung und Brutalität ausartet. Sharif ist friedlich, überzeugt, aber trotzdem symbolisiert er in keiner Weise den Ausweg. Sein Verhalten ist ironisch überzogen, gleich am Anfang des Films tritt er mit dickem Kapuzen-Pulli auf und verkündet, daß das &lt;em&gt;&quot; kalte Klima Kaliforniens nichts für uns Afrikaner ist&quot;&lt;/em&gt;. &lt;br /&gt;Es verwundert bei dieser distanzierten Darstellung, daß die Hughes Brothers den Film unter anderem der afroamerikanischen &lt;em&gt;Nation of Islam&lt;/em&gt; gewidmet haben. Vielleicht ist ihre Identifikation mit der &lt;em&gt;Nation&lt;/em&gt; größer als der Film transportiert, vielleicht aber bekunden sie mit der Widmung auch nur ihren prinzipiellen Respekt für diese Form der Organisierung. Denn eines in &lt;em&gt;Menace II Society&lt;/em&gt; ist unübersehbar: Jede Person wird in bester materialistischer Tradtition vor dem Hintergrund der sozialen Wirklichkeit geschildert. Von daher gibt es keine &quot;Schlechten&quot; in der Story. Jedem Verhalten, mit Ausnahme des aggressiven Sexismus, wird mit Verständnis begegnet. &lt;br /&gt;Handlungsanweisungen und allzu klare Identifikationsmuster bleiben also aus. Die Katastrophe zum Ende des Films - man empfindet sie wörtlich als solche, denn im Verlauf der Geschichte entwickelt sich ein geradezu physisches Verlangen nach dem &lt;em&gt;Happy End&lt;/em&gt; - ist der geniale Wendepunkt im Drehbuch. Denn einerseits zeigt die Geschichte, daß es für die Mehrzahl der Ghetto-Bewohnerinnen keinen politischen Ausweg gibt, andererseits propagieren Hughes und Williams aber auch keine individualistische Strategie nach dem Motto &quot;Haut ab, solange ihr noch könnt&quot;. Die Revolte, die Auflösung im Ghetto-Aufstand wie in Spike Lees &lt;em&gt;Do the Right Thing&lt;/em&gt; ist die Ausnahmeerscheinung, die man nicht überflüßig mystiflzieren sollte. Für die meisten Jugendlichen gibt es weder die sofortige politische Lösung noch die rettende Familie. Hughes und Williams würden sicherlich nicht widersprechen, daß jede Form gerechtfertigt ist, um das Morden in der Community zu stoppen. Aber sie selbst entwerfen keine Konzepte. Sie stellen dar, die Entscheidung überlassen sie dem Publikum. Nur eines soll es sich bewußt machen, und das ist der Satz von Sharifs Vater: &lt;em&gt;&quot;Ihr seid Schwarze in Amerika. Die Jagd hat begonnen. Ihr müßt überleben&quot;.&lt;/em&gt; Klar, werden sie überall Schwarze bleiben, wie Caine sagt, aber nicht überall werden sie deshalb krepieren. &lt;br /&gt;In seiner Methode hat der Film denn auch einem Publikum in Europa mehr zu bieten, als es zunächst den Anschein hat. Jenseits hipper Beschäftigung der westdeutschen esselfurzerlinken (von der wir alle noch viel zu viel an uns haben) mit schwarzer Identität, Musik, Kunst, Film, hat &lt;em&gt;Menace II Society &lt;/em&gt;etwas zu sagen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Einmal nämlich ist die Mystifikation des Gangsters als Rebellen (der &lt;em&gt;Gangsterism&lt;/em&gt;) unter proletarischen Jugendlichen, denen der Zugang zum Konsum zunehmend verstellt ist, auch in der BRD weit verbreitet. Vor allem Immigrantenjugendliche, die in ähnllcher Weise rassistisch diskriminiert und materiell benachteiligt sind wie Schwarze in den USA, haben den Kult des Ghettos und der Banden schon lange aufgegriffen. Die Sehnsucht nach Stärke, die eigenen tribalen Rules, die Hoffnungslosigkeit, die Brutalität ihrer Reaktionen, wenn sie &lt;em&gt;gedissed &lt;/em&gt;werden, all das ist gar nicht so anders als es in &lt;em&gt;Menace II Society&lt;/em&gt; dargestellt wird. Diejenigen unter den proletarischen Jugendlichen der Großstädte, die davon träumen, sich als Gangster ein Leben aufzubauen, weil sie es anders nicht schaffen (und das sind nicht so wenige), können am Film die grenzenlose Kaputtheit des Gangsterkults erkennen. Nach hippigen Filmen, Rap-Schlagern und dem Videogewaltschrott á la Rambo eine gute Gegenimpfung. &lt;br /&gt;Zum anderen jedoch wäre &lt;em&gt;Menace II Society&lt;/em&gt; auch ein Film für sich verbalradikal gebärdende Linke. Diese hat in der Regel von der Unterklassenrealität kaum eine Ahnung. Die Parole &lt;em&gt;&quot;Bildet Banden&quot;&lt;/em&gt; dokumentiert die Unkenntnis über den sozialen Gehalt des überwiegenden Teils der Bandenkultur. Und viele von denjenigen, die die soziale Situation der Unterlegenen sogar kennen, huldigen einem idiotischen Militanzfetisch. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Menace II Society&lt;/em&gt; zeigt diejenigen, die aus der selbstorganisierten Bandenkultur kommen und wahrscheinlich beim Ghetto-Aufstand vorne weg waren, von ihrer übelsten Seite. O-Dog beispielsweise holt sich im koreanischen Lebensmittelhandel, gleich nachdem er den Inhaber erschossen hat, die Video-Kasette, auf der die Szene an der Kasse aufgezeichnet ist. Er zerstört das Beweismittel nicht, er schaut es sich mit seinen Freunden beim Biertrinken an. Daß Militanz kein Maßstab der Radikalisierung sein kann, wird nicht nur in dieser Szene ziemlich offensichtlich. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Noch wichtiger jedoch ist, daß der Film zeigt, welche Probleme konkret beantwortet werden müssen. In &lt;em&gt;Menace II Society&lt;/em&gt; beschränkt sich die &quot;politische&quot; Strategie zunächst aufs physische Überleben. Daß das nicht alles sein kann, dürfte auch Hughes und Williams klar sein. Sie stellen allerdings fest, daß es ohne diesen Anfang nichts gibt. Bei uns geht es um mehr als ums überleben, aber auch nicht um allzuviel mehr. Die schreienden Probleme einer härter werdenden sozialen Wirklichkeit können nicht agitatorisch mit großen politischen Entwürfen abgehandelt werden. Das haben die Hughes Brothers in ihrem Film meisterhaft gezeigt. Widerstand hat ganz unten anzusetzen, bei der Fähigkeit sich zu behaupten. Wer auf die Alltagsprobleme von Wohnung, Arbeit, Lehre, Schule usw. keine Antworten zu finden versucht, der hat auch kein politisches Projekt zu bieten. Von &quot;ganz unten&quot; müsse man ansetzen, schrieb Karl Heinz Roth 1989. Die Hughes Brothers setzen noch weiter unten an: Es ist schon ein Erfolg, wenn sich die Community nicht mehr gegenseitig umbringt. Das ist der soziale Gehalt der Revolution: gegen die soziale Zerstörung im Kapitalismus allmählich wieder solidarische, gemeinsame Antworten zu entwickeln. Ohne das ist alles nichts. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;The hunt is on&lt;/em&gt;. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 02 Mar 2014 13:19:38 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>...es war der Funke</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/4/es-war-der-funke</link>
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                    &lt;p&gt;Sante Notarnicola wurde am 15. Dezember 1938 in Süditalien geboren. Der Vater verläßt bald die Familie, die Mutter emigriert nach Norditalien, um dort, in Turin, das nötige Geld zu verdienen, um die Kinder zu ernähren. Kein ungewöhnliches Schicksal in süditalienischen proletarischen Familien. &lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Sante wächst in einem Internat auf. Mit 15 Jahren, 1953, emigriert er selbst nach Turin. Der Kontakt mit der Arbeitswelt, mit den Fabriken, läßt in ihm ein politisches Bewußtsein aufkommen. Er wird in der FGCI, dem Jugendverband der KP Italiens und später in der KP aktiv. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Angesichts der systemerhaltenden Rolle der KPI, die sich eindeutig gegen revolutionäre Aktionen stellt und eine immer abwiegelndere Position einnimmt, beginnt Sante 1959 mit anderen Kommunistlnnen Enteignungen bei Banken und Juwelierläden durchzuführen, um finanzielle Mittel für den Aufbau einer Guerilla zu besorgen. Am 3.0ktober 1967, einige Tage nach einem Zusammenstoß mit der Polizei, bei dem Sante und ein anderer Genosse entkommen konnten, wird Sante gefaßt. Im Prozeß wird von Sante und den anderen Angeklagten die politische Bedeutung ihrer Aktionen und das Recht auf Widerstand gegen die Ausbeutung betont. Sie werden zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. &lt;br /&gt;Im Knast beteiligt sich Sante am Aufbau revolutionärer Knastkämpfe, er schwört nie ab und verbringt daher zehn Jahre in IsolationshafL Nach 20 Jahren und acht Monaten Haft, davon elf Jahre in Hochsicherheitstrakten und fünf Jahre in Strafzellen, wird Sante am 19. 7. 1988 als Freigänger aus der Haft entlassen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Sante findet draußen eine völlig veränderte Welt vor. Er wurde vor der Entwicklung einer großen politischen und sozialen Bewegung verhaftet und kam erst lange nach ihrer Zerschlagung aus dem Knast. Sante ist sich und der Bewegung treu geblieben, auf der Suche nach neuen Aktions-und Interventionsmöglichkeiten arbeitete er seit seiner Entlassung z.B. mit linksradikalen HipHoppern zusammen. Die römischen &quot;Assalti Frontali&quot; luden ihn ein, auf ihrer letzten Platte ein Gedicht vorzutragen. Sante dazu: &lt;br /&gt;&quot;Den Generationsabstand bedenkend habe ich mich gefragt, was der Funke war, aus dem die Beziehung entstanden ist, die mir erlaubt, mich an dieser Platte, einem typischen ugendprodukt, zu beteiligen. Zuallererst gibt es eure Neugier. Die Hunderte von Fragen, die ihr mir jedesmal stellt. Mir scheint, ihr habt auch die Deplaziertheit verstanden, die ich durch den Knast immer weiter erlebe und die sich in die Unendlichkeit zu schleppen scheint. Da ist euer Schmerz, der für immer an einigen Mauem Roms befestigt ist. Ich glaube, dieses einende Band entspringt vor allem dem üblichen lieben roten Faden, der die Generationen und die Wege, die Erfahrungen und die Kämpfe, die Gefühle und das Gedächtnis eines jeden Proletariers miteinander verbindet.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Gedichte stammen aus:&amp;nbsp; Sante Notarnicola, &quot;Die Kristalle des Himmels zerbrechen ..&quot;, 1990, GNN-Verlag. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich hab dich lieb &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nach fahren der gefangenschaft &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;bin ich inzwischen ein mann &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;der träume nicht scheut &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wenn auch verändert im gesicht &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und der seele&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;habe ich die ängste der kinder &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;aufbewahrt,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;die zartheit der instinkte &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und die augen weiten sich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wenn ich liebe &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und ohne röte sage: &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich hab dich lieb &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Knast von Favignana, 4.9.1974 &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mit großer &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mehrheil &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;habe ich mich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;gewählt &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ohne diskussionen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ohne mittelsmänner &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;habe ich gewählt &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und basta &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ins parlament &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;der menschlichkeit &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;habe mein leben &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;entschieden. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Knast S. Vittore 14.4.1970 &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;verabredung im gefängnis &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mit den letzten münzen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;habe ich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;in gedanken &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;einen teller kaltes fleisch &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eine zitrone &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eine flasche rotwein &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eine schachtet zigaretten &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eine ansichtskarte &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und eine rose gekauft &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;es war alles bereit, meine geliebte &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und du bist nicht gekommen . &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Knast Procida 28.7.1972&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ein streit &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Iissabon &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;kamst du zurück mit einem foto. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;schmollend. verschlossen, &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;lehntest du erzählungen und lachen ab. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Iissabon ist das ufer eines anderen meeres) &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;es war an dir, die stille zu brechen: &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;weißt du, sagtest du, in Iissabon &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;haben die bougainvilléen andere &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;farben als bei uns. dort &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;gibt es weiße, gelbe &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und sogar rote, denk nur... &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und erst dann verstand ich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wie sehr ich dir fehlte. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Knast von Nuoro 7.8.1979&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zuchthaus &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;dort wo es am feuchtesten war &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;errichteten sie einen enormen festungsgraben &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und in den fels gruben sie nischen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und versperrten sie &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;dann &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;bauten sie kommandostände und wachtürme &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und stellten soldaten hinein &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;als posten &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie ließen uns &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;den kasack anziehen, &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nannten uns verbrecher &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und schließlich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wollten sie den himmel versperren &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ganz gelang es ihnen nicht &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;hoch oben &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sehen wir dem flug der möwen nach. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Favignana 1.6.1973&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 02 Mar 2014 13:03:11 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Es reicht, Widerstand ist nötig*</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/4/es-reicht-widerstand-ist-noetig</link>
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                    &lt;p&gt;* Wahlslogan auf PDS-Button&lt;br /&gt;
Beginnen wir mit den Gründen, warum man besser nicht in der PDS sein sollte. Es gab beim letzten Parteitag der PDS eine heftige Auseinandersetzung um das harmlose Transparent: &quot;Ob friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand&quot; der &quot;AG Junge Genossinnen &quot; , der du auch angehörst. Bei diesem Konflikt wurden von Leuten beispielsweise aus der &quot;AG ChristInnen in der PDS &quot; Positionen vertreten, die z. T. sogar noch hinter das zurückfallen, was bei den Grünen geäußert wird. &lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;&lt;em&gt;* Wahlslogan auf PDS-Button&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Beginnen wir mit den Gründen, warum man besser nicht in der PDS sein sollte. Es gab beim letzten Parteitag der PDS eine heftige Auseinandersetzung um das harmlose Transparent: &quot;Ob friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand&quot; der &quot;AG Junge Genossinnen &quot; , der du auch angehörst. Bei diesem Konflikt wurden von Leuten beispielsweise aus der &quot;AG ChristInnen in der PDS &quot; Positionen vertreten, die z. T. sogar noch hinter das zurückfallen, was bei den Grünen geäußert wird.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei der Diskussion ist klar geworden, daß viele PDS-Mitglieder die bürgerlichen Klischees im Kopf haben, nämlich: Militanz =Gewalt, die von Chaoten ausgeübt wird. Den Vorwurf, daß das noch hinter den Standpunkt von vielen Grünen zurückfällt, akzeptiere ich. Aber ich finde das auch nicht verwunderlich. In den Grünen sind solche Debatten viel früher gelaufen, die Leute in der PDS sind erst seit 1990 mit diesen Fragen konfrontiert und müssen jetzt einen Lernprozeß durchlaufen.&lt;br /&gt;Der springende Punkt an dem Konflikt ist deswegen ein anderer: es gibt unheimlich viele PDS-Mitglieder, die nicht bereit sind, über den eigenen Tellerrand zu sehen, und die meinen, daß sie einen Alleinvertretungs-Anspruch für linke Politik besitzen. Das ist das gleiche Avantgarde-Selbstverständnis, das früher die SED hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Heißt das, daß das Politisierungsniveau ganz einfach niedrig ist, daß also bestimmte Disskusionen in der PDS noch nicht geführt worden sind, oder heißt es, daß, -wie Trampertund Ebermann der Partei schon vor 3 Jahren vorgeworfen haben -der reaktionäre Gehalt in der PDS extrem groß ist? Trampert und Ebermann haben ja vertreten, daß die PDS im Grunde genommen eine spießig-bürgerliche Regionalpartei Ost ist ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Mitglieder der PDS scheuen sich vor denjenigen Diskussionen, durch die sie in eine linksradikale Ecke gedrängt werden könnten. Sie begleitet immer ein Widerspruch: Einerseits finden sie sich in dieser Gesellschaft nicht zurecht und lehnen sie im Prinzip ab, andererseits kommen sie mit der Ausgrenzung nicht klar, die sie nicht gewöhnt sind. Vor allem, was sie in die &quot;Schmuddelkinder&quot;Ecke drängen könnte, nämlich Radikalität, haben sie Angst. Sie merken aber auch, daß diese radikale Opposition wichtig ist und daß die PDS von den anderen Parteien nichts zu erwarten hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Noch mal: Bedeutet, daß sich da etwas bewegen kann? Daß sich andere Positionen ergeben, wenn sich das Politisierungs-Niveau durch Diskussionen erhöht? Oder ist der reaktionäre Gehalt der PDS so groß, daß da sowieso nichts mehr zu machen ist?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nein, letzteres glaube ich eben nicht. Die PDS-Mitglieder müssen die Oppositionsrolle annehmen. Die Partei wird auf lange Zeit nicht an Regierungen beteiligt werden, wir werden keine großen Bürgermeister stellen und gestalterische Politik wird sich darauf beschränken, daß wir überlegen, was ein Stadtrat sinnvoll machen kann. Wir sind also Opposition und ich finde das auch gut so.&lt;br /&gt;Wenn sich die Leute in der PDS das endlich eingestehen, dann sehe ich auch die Mö&lt;em&gt;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;glichkeit, daß sich viele Mitglieder damit auseinandersetzen, wie sie Widerstand leisten können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Für mich war die Parteitagsdiskussion ein wirklich unangenehmer Höhepunkt. Im Nachhinein gab es in den internen Parteizirkularen ja auch ganz üble Ausfälle gegen dich. Wie stark ist dieser Flügel in der PDS?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als Flügel würde ich das nicht bezeichnen. Was ich wirklich schlimm in der Partei finde, ist, daß Diskussionen ignoriert werden. Die Leute wissen ja, was eigentlich linke Themen sind: Antirassismus, außerparlamentarischer Widerstand, Kampf gegen Schwulenfeindlichkeit usw. Sie finden die Themen auch ganz in Ordnung, solange sie nichts damit zu haben. Sie gehen der Auseinandersetzung aus dem Weg. Deswegen war das auf dem Parteitag sehr nützlich. Sie mußten Stellung beziehen, weil das Transparent unübersehbar am Rednerpult hing.&lt;br /&gt;Wir sind durch diese Diskussion weitergekommen, die Standpunkte haben sich verschoben. Unser Spruch wird auf Wahlplakaten der AG Junge GenossInnen sein, ohne daß es deswegen Ärger geben würde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Es gibt noch krassere Fälle als diese Debatte um Militanz. Zu der 750-Jahr-Feier in Potsdom wollte die Nazizeitung &quot;Junge Freiheit &quot; eine Podiumsdiskussion organisieren. Gregor Gysi hatte seine Teilnahme zugesagt, außerdem war der SPD·Bürgermeister Gramlieh angefragt. Das absurde an der Sache fand ich nicht, daß Gysi kommen wollte - meinetwegen kann er die Leute von der JF öffentlichkeitswirksam in Grund und Boden reden, das traue ich ihm zu. Die eigentliehe Unverschämtheit bestand darin, daß, als Gramlieh absagte, ihm -ich glaube von der Potsdamer PDS·Fraktionsvorsitzenden - &quot;Intoleranz&quot; vorgeworfen wurde. Das muß man sich einmal vorstellen.&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Dazu kommen außerdem Ereignisse wie das Interview von dem PDS-Funktionär Scheringer mit der JF oder das Treffen von Vorstandsmitglied Christine Ostrowski mit Neonazis. Die PDS grenzt sich nach links offensichtlich klar ab, hat aber mit Rechtsradikalen keine Berührungsängste.&lt;/em&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Zu der &lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;JF&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt;-Veranstaltung muß ich sagen, daß Gregor nicht wußte, mit wem er es da zu tun hat. Als er erfahren hat, was die &lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;JF&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt; ist, hat er abgesagt. Aber allein das ist zugegebenermaßen schon bezeichnend für die Partei, daß man die &lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;Junge Freiheit&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt; nicht kennt.&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;Es gibt bei dieser Hinsicht zwei Probleme in der PDS. Erstens herrscht eine große Unwissenheit, was Neonazis, ihre Strukturen und Organe usw. betrifft, und zweitens gibt es die Angst, intolerant zu sein. Die SED war ja eine extrem intolerante und ausgrenzende Partei. Meiner Ansicht nach darf man mit Nazis natürlich nicht reden. Aber ganz offensichtlich wollen viele PDS-Mitglieder den Fehler der Ausgrenzung nicht wiederholen. Das merkt man auch innerparteilich z.B im Umgang mit der kommunistischen Plattform. Die einzige Abgrenzung, die rigoros funktioniert, ist die gegenüber Autonomen, und dort ist das einzige Argument &quot;Gewalt&quot;, nichts anderes.&lt;br /&gt;Im Prinzip gibt es in der PDS aber durchaus den Konsens -Ausnahmen bestätigen die Regel -, daß man mit Faschisten nichts zu reden hat. Ostrowski mußte nach ihrem Nazi-Treffen ja auch zurücktreten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Die PDS versucht immer wieder, dem Mainstream hinterzulaufen. Wenn Schönhuber bei Gottschalk war, dann denken sich viele: &quot;Mensch, wir müssen auch mit Faschisten reden &quot;.&lt;/em&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ich bin auch oft entsetzt, wie PDS-Mitglieder sich verhalten. Scheringer redete mit dem &lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;Junge Freiheit&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt;-Typen, weil dessen Vater mit Scheringers Vater befreundet war. Im Gespräch gab es dann rassistische Kommentare von Scheringer. Darüber machen die sich keinen Kopf. Ähnlich der Bismarck-Enkel Einsiedel, der seine Wahlkampfrede mit den Worten &quot;ich kandidiere aus deutschnationalen Gründen&quot; begonnen hat. Da sind uns allen die Unterkiefer runtergefallen.&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;Einsiedel hat dann in der Rede erläutert, daß er für die deutsche Einheit ist, aber nicht für die, wie sie jetzt gekommen ist. Daß er das nicht als Nationalist sagt, sondern als Sozialist. Aber es war trotzdem unglaublich.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;Ich glaube, daß das viel damit zu tun hat, daß die PDS bisher eine Partei war, die immer nur reagiert hat. Es gibt Versuche, mit solchen Vorstößen zum Agieren, d.h. in die Öffentlichkeit zu kommen. Diese Praxis wird von manchen sogar zur Theorie gemacht, wie z.B. von Ostrowski, die danach ihr Vorgehen theoretisch zu erklären versuchte.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Das kannst du nicht einfach mit unklaren Positionen abtun. Niemand würde es der PDS vorwerfen, wenn sie nicht weiß, wie der antifaschistische Kampf am besten zu führen ist. Das wissen wir ja alle nicht genau. Das Problem ist ein anderes: Wenn die Berührungsängste nach Links größer sind als nach Rechts, heißt das, daß der Anteil von nationalistischem und rassistischem Gedankengut in der Partei sehr groß ist. Das ist ja auch nicht verwunderlich. ln der DDR gab es anti-polnische Hetzkampagnen, man hat sich auf eine deutschnationale Tradition berufen und VertragsarbeiterInnen wurden zum Teil noch mieser behandelt als Gastarbeiterinnen in der BRD.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die DDR hatte das Problem, daß sie nach Identifikationspunkte zu suchen hatte, und da ist eine DDR-Identität aufgebaut worden. Es stimmt auch, daß die Gesellschaft in der DDR nicht weniger rassistisch war als in der BRD. Diese Vergangenheit holt die Partei immer wieder ein. Eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte gibt es nur an aktuellen Themen, wie Halbe, Nationalbewußtsein oder Asylrecht. Und dann gibt es auch in der PDS Stimmen, die sich z.B. gegen den Beschluß &quot;Offene Grenzen für alle&quot; ausgesprochen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Bei der Diskussion um die Einsiedel-Kandidatur sind ja Promis für ihn in die Bresche gesprungen und meinten, &quot;wer für Deutschland ist, ist noch nicht gleich Nationalist&quot;. Mein Eindruck ist, daß die PDS sich gegenüber dieser ekelhaften Nationaldebatte entweder gar nicht verhält oder sogar auf den Zug aufspringt.&lt;/em&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Nein, das macht sie sicher nicht. Die Leute, die die PDS-Politik aktiv gestalten, sind keine Nationalisten und diskutieren auch nicht über Nationalbewußtsein. Bei Einsiedel würde ich mir einmal die Biographie anschauen&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_xgfm9gl&quot; title=&quot;Einsiedel war Mitglied im Nationalkomitee Freies Deutschland, das nach der deutschen Niederlage in Stalingrad zum Teil von gefangengenommenen Werhmachtsoffizieren gegründet wurde und auf der Seite der Roten Armee gegen die Nazi-Truppen kämpfte. &quot; href=&quot;#footnote1_xgfm9gl&quot;&gt;1&lt;/a&gt;. Auch wenn ich nicht will, daß er mit seinen Äußerungen in den Wahlkampf geht, ist er sicherlich kein Nazi. Ich habe mit ihm diskutiert und ich gestehe ihm mit seiner Biographie schon zu, daß er ein anderes Verhältnis zu &quot;Deutschland&quot; hat als ich. Aus dem Grund sind auch andere PDS-ler für ihn in die Bresche gesprungen, denn die Ausfälle gegen ihn auf der Landesversammlung in Bayern waren wirklich übel. Das ging so weit, daß die türkische Landesgeschäftsführerin der PDS in Bayern von einem Einsiedelgegner rassistisch angegriffen worden ist. Im übrigen sind die Einsiedel-Bemerkungen im Bundesvorstand kritisch diskutiert worden.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Wir hatten in der vorletzten arranca! ein Interview mit lvo vom &quot;Neuen Deutschland&quot;, in dem er davon sprach, daß es beim ND eigentlich drei Flügel gibt: einmal die orthodox-kommunistischen und die DDR rechtfertigenden Leute von der Kommunistischen Plattform, dann die in erster Linie sozialdemokratischen &quot;Erneuerer&quot; und drittens eine kleine linksradikale Minderheit. Seiner Meinung noch wäre das in der PDS ähnlich. Wie schätzt du das Kräfteverhältnis innerhalb der PDS ein?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Strömungen, die öffentlich wahrgenommen werden und angeblich existieren, sind ja Kommunistische Plattform, der Rest der Partei und die Junge Genossinnen. Die Einzigen, die ich tatsächlich als eindeutige Strömung bezeichnen würde, ist die Kommunistische Plattform (KPF). Die Köpfe davon, z.B Sarah Wagenknecht, sind ziemlich autoritäre und orthodoxe Kommunistinnen. Selbst die KPF ist aber überhaupt nicht einheitlich. Da gibt es viele, die sich der KPF nur zurechnen, weil sie sich weiterhin aus tiefstem Herzen als KommunistInnen fühlen, ohne deswegen orthodoxe VerteidigerInnen des Realsozialismus zu sein.&lt;br /&gt;Eure Aussage, daß linksradikale Positionen an den Rand gedrückt werden, ist richtig. Darüber haben wir ja schon geredet, linksradikal gilt bei vielen in der Partei immer noch als &quot;gewalttätig&quot;.&lt;br /&gt;Eine Aufspaltung sehe ich aber auch anderswo, nämlich im Umgang mit der DDR: Es gibt in der PDS viele, die ein sehr kritisches Verhältnis haben und aus dieser Kritik heraus Politik machen wollen. Es gibt Leute, für die die Vergangenheitsaufarbeitung überhaupt keine Rolle spielt, die sich nur im hier und heute sehen, und dann gibt es die DDR-Nostalgiker. Die gefährlichsten in der PDS sind diejenigen, die während und nach dem Zusammenbruch der DDR gar keine Politik gemacht haben und sich jetzt mit den alten SED-Sprüchen wieder zu Wort melden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Die Entscheidungsträger Bisky, Modrow, Brie z. B. kann man in erster Linie als Sozialdemokraten bezeichnen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sie betonen immer wieder, daß sie auch in der Tradition der Sozialdemokratie stehen. Aber um das genau zu beschreiben, müßte man sich darüber einigen, was &quot;sozialdemokratisch &quot; ist.&lt;br /&gt;&lt;span&gt;Was ich der PDS als &quot;Sozialdemokratisierung&quot; ankreide, ist nicht die Übernahme sozialdemokratischer Inhalte, also von Positionen, die die SPD aufgegeben hat, sondern die faulen Kompromisse, die zugunsten von Bündnissen und Wählerstimmen in Parlamenten gemacht werden. Ansonsten habe ich nichts gegen linke Sozialdemokratlnnen, und nichts gegen Leute, die sich in der PDS als solche verstehen. Was ich ablehne, ist die Übernahme eines Politikstils und daß die Partei den regierungsorientierten Weg der SPD geht. In dieser Ausrichtung auf den Staat und auf die Autoritäten treffen sich SozialdemokratInnen und orthodoxe KommunistInnen ja auch interessanterweise.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Was Du über linken Sozioldemokratismus sagst, finde ich richtig. Mit einer wirklich umwälzenden Reformpolitik, wie sie Österreichische Sozioldemokroten einmal in den 20er Jahren gemocht hoben, kann ich mich auch anfreunden. Man kann sich über politische Strategien - also Reform oder Revolution - streiten, auch wenn ich von der Notwendigkeit revolutionärer Umwälzungen überzeugt bleibe. Allerdings ist die Erfahrung mit der Sozialdemokratie, daß sie in der Regel eben keine grundlegenden Veränderungen anstrebt, sondern nur Modernisierungen des Bestehenden. Für Leute wie Modrow oder Bisky gilt - von außen betrachtet - das gleiche. Sie wollen die Verhältnisse nicht grundsätzlich in Frage stellen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei deiner Einschätzung darfst du eine Sache nicht übersehen: Das, was wir in der Schule in der DDR über den Kapitalismus gelernt haben, ist das eine, die Wirklichkeit ist eine andere. Die Ost-Linke ist heute gezwungen, die Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft kennenzulernen. Gleichzeitig haben wir den Anspruch, sie zu kritisieren und zu verändern. Ich traue mir nach 4 Jahren noch nicht zu, den existierenden Kapitalismus fundiert zu kritisieren. Das gleiche Problem hat auch die PDS an sich. Man ist sich unsicher bei radikalen Formulierungen, weil man nicht weiß, ob die Kritik auch berechtigt ist. Da haben Westlinke wie Ulla Jelpke (die für die PDS/LL in Bonn sitzt) natürlich einen RiesenvorteiL Die weiß aus ihrer Geschichte heraus, wovon sie redet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Aber die &quot;Sozialdemokratisierung&quot; reicht ja weiter. Die PDS wird z. B. nicht müde, ihre Nähe zur SPD in bestimmten Fragen zu betonen. Wenn diese Anbiederung in der Zukunft größere Ausmaße annimmt, dann macht sich die PDS überflüssig, niemand braucht eine zweite SPD!&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe ja schon vorhin gesagt, daß viele in der PDS mit ihrer Oppositionsrolle nicht klar kommen. Sie wollen mitmachen, nicht ausgegrenzt sein. Für mich ist klar, daß ich mit meiner Position unter den bestehenden Verhältnissen ausgegrenzt werden muß.&lt;span&gt;&lt;br /&gt;In diesem Sinne tut es der PDS jetzt total gut, Opposition sein zu müssen. Wenn sie 40%-Ergebnisse erreichen würde, würde ihr das sofort zu Kopf steigen. Das sah man ja auch bei den Kommunalwahlen in Brandenburg. Am liebsten würde sie dort überall einen Bürgermeister aufstellen. Man wünscht sich, auf der Nostalgie-Welle schwimmend großartige Ergebnisse zu erreichen. Mich interessiert das nicht. Ich will, daß wir in den Bundestag kommen, um dort zu arbeiten, aber ich will nicht machtfähig werden. Und das ist in der Partei zu wenig diskutiert worden. Es gibt keine Klarheit darüber, was denn Mehrheiten sind, ob es parlamentarische Koalitionen sind oder aber außerparlamentarische Bündnisse, die durch ihren Druck von außen die Verhältnisse verändern. Bis jetzt wird der Parlamentarismus auf jeden Fall überbewertet.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Bevor wir über die parlamentarischen Illusionen in der PDS reden, würde mich erst noch einmal interessieren, ob es zum Bruch zwischen der Partei und der Kommunistischen Plattform kommen wird?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn ich das zu Ende denke, dann glaube ich wirklich, daß einige Leute aus der Kommunistischen Plattform früher oder später die PDS verlassen werden. Ihre Vorstellungen von einer Partei oder vom Funktionieren eines Staates lassen sich nicht langfristig mit dem Selbstverständnis der PDS vereinbaren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Und daß sie versuchen werden, sich durchzusetzen ... ?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das machen sie ja. Auf dem letzten Parteitag haben sie sich bemüht, die Offenen Listen zu verhindern. Bestimmte Beschlüsse, wie die Öffnung der PDS, versuchen sie immer wieder zu kippen. Sie hatten ja auch einen Alternativvorschlag für das neue Programm. Bei den Parteitagen sind sie damit aber bisher nie durchgekommen. Wie lange sie das weiter versuchen werden, weiß ich nicht. Ich für mich kann sagen, daß es Leute aus der Kommunistischen Plattform gibt, mit denen ich keine Gemeinsamkeiten habe. Ihr Staatsbewußtsein, ihre Autoritätsfixierung, ihr Avantgardedenken, ihr Verständnis der Vergangenheit, das alles teile ich überhaupt nicht. Ich will niemanden aus der Partei schmeißen, aber ich glaube, daß sie mit ihren Positionen in der PDS sich nicht durchsetzen werden und sich deswegen irgendwann fragen müssen, warum sie da sind. Aber das wird nicht die ganze KPF sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Eine andere Frage: Gibt es in der PDS Karrieristen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Klar gibt es auch in der PDS Leute, die an ihren Posten kleben und an ihre Karriere denken. Du kannst zwar nicht auf so gut bezahlte Posten kommen wie in anderen Parteien, aber es gibt auch bei uns bezahlte Stellen und vor allem Öffentlichkeit. Die Ossi-Nostalgie und damit das Ansehen der Partei nimmt ja zu. Aus diesem Grund kannst du auch in der PDS Karriere machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Die Kriminalisierungsversuche haben sich anscheinend nicht schädlich ausgewirkt ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nein, aber es gab durchaus Beunruhigung in der Partei. Der Verfassungsschutz will ja offiziell die Kommunistische Plattform bzw. die Kontakte zu autonomen Gruppen überwachen. Das ist natürlich völliger Quatsch, denn die PDS insgesamt wird überwacht, ob offiziell oder nicht. Aber diese Kriminalisierungsdiskussion hat schon seltsame Ergebnisse gebracht. In Thüringen wollten sie alles, was nach &quot;Militanz&quot; oder verfassungsfeindlich klingt, aus den Parteidokumenten streichen und ein gemeinsam mit autonomen Gruppen organisiertes Friedensfest absagen. Der vorauseilende Gehorsam ging so weit, daß sie sich den Verfassungsschutzchef von Thüringen zur Fraktionssitzung eingeladen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Du hast jetzt mehrmals betont, daß du dir den Wiedereinzug der PDS in den Bundestag wünschst. Ich frage mich dagegen, ob es angesichts der parlamentarischen Illusion in der Partei nicht sogar schädlich wäre, wenn sie es schafft. Ein Einzug würde die parlamentarischen Illusionen weiter stärken ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich persönlich habe keine Illusionen, aber ich finde, daß man die Präsenz in den Parlamenten als Mittel zum Zweck nützen sollte. Ich glaube, daß die PDS in dreierlei als Oppositionspartei - etwas anderes steht sowieso nicht zur Debatte - im Parlament von Nutzen sein könnte: a) sie könnte ein öffendichkeitswirksamer Orientierungspunkt für die Linke - denn in der PDS werden bestimmte linke Grundsätze nicht aufgegeben - sein; b) garantiert die Präsenz z.B im Innenausschuß den Einblick in wichtige regierungspolitische Projekte. Ulla Jelpke hat das, was dort diskutiett worden ist, immer nach außen getragen. Bündnis 90/Die Grünen würden solche Informationen der außerparlamentarischen Linken sicher nicht zur Verfügung stellen; und c) ist die PDS angesichts des Rechtsrucks von SPD und Grünen einfach ein Gegenpart. Obwohl es in der PDS auch reaktionäre Positionen gibt, ist die Bundestagsfraktion bei keiner wichtigen Frage umgekippt. Aus diesem Grund finde ich es wichtig, daß diese Stimme nach 94 weiterhin gehört wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Wie schätzt Ihr die reale Stärke der PDS ein? Mich interessieren da weniger Prozente als die Mobilisierungsfähigkeit, die Möglichkeit, Widerstand auf die Straße zu bringen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Widerstand hat etwas mit Selbstbewußtsein zu tun und die PDS hat sicherlich ihre Rolle dabei gespielt, den Ossi-Widerstand überhaupt auf die Straße zu bringen. Sie ist ja nicht nur Partei, sondern auch Rückgrat von den verschiedensten Organisationen und Initiativen. Einen Teil ihrer Mobilisierungsfähigkeit hat sich die PDS durch ihre Abgrenzung nach links selber genommen. Ein anderes Problem ist lange Zeit gewesen, daß die PDS eigentlich nur zu Anlässsen mobilisiert, wo sie selbst betroffen ist. Allmählich ändert sich das ein wenig. Bei Bündnissen wie gegen das dann abgesagte Fußball-Länderspiel am 20. April hat sich die PDS als eine Organisation von vielen eingebracht.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Die Demonstration zum Länderspiel war klein und der Anteil von PDS-Ierlnnen nicht hoch ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ja, gut. Aber du mußt eben auch der Tatsache ins Auge schauen, daß 60% der PDS-Mitglieder RentnerInnen sind. Die gehen natürlich nur zu bestimmten Anlässen auf die Straße, du kannst von denen nicht erwarten, daß sie sich bei einer Rekrutenverabschiedung vor den Zug legen. Dafür hat die PDS ihre Stärke, wenn es um Rentendemos geht oder z.B um den Liebknecht-Luxemburg-Gedenktag. Ich glaube auch nicht, daß die Teilnahme an Demos das wichtigste ist. Ich will, daß sich die Leute irgendwo engagieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Die Mobilisierungsstärke ist trotzdem nicht besonders groß, wenn man sieht, daß es 135.000 PDS-Mitglieder gibt. Davon sind vielleicht 10% überhaupt irgendwo aktiv.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es sind mehr, schon allein wegen den Kommunalabgeordneten usw. Aber ich finde diesen Punkt auch wirklich nicht so wichtig. Nicht die Anzahl der mobilisierbaren PDS-Mitglieder ist entscheidend, sondern ob die Partei als solche in der Lage ist, Widerstand zu organisieren. Das Wirken nach außen, der Widerstand mit Leuten außerhalb der PDS ist das eigentlich Wichtige.&lt;br /&gt;Für mich ist die PDS keine Heimat. Ich nutze die Möglichkeiten der Partei, um außerparlamentarisch tätig werden zu können, bzw. solchen Widerstand zu stärken. In diese Arbeit kann ich keine 60.000 Rentnerinnen einbringen, aber ich kann eine Infrastruktur anbieten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Wie schätzt Du die Chancen ein, in den nächsten Bundestag zu kommmen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mich begleitet da realer Optimismus. Zumindest das Direktmandat von Gregor ist ziemlich sicher, daß da noch 2 dazukommen, halte ich für wahscheinlich. Wichtig wird sein, daß sich die PDS nicht ausschließlich auf Wahlkampf konzentriert, daß sie sich öffnet und den linken Alleinvertretungsanspruch aufgibt. Sie muß sich selbst in Frage stellen und zeigen, daß sie Dinge, die von links kommen, ins Parlament tragen wird. Die Ost-Nostalgie ist sicherlich ein günstiger Faktor für uns.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Genau das ist aber auch ihr Problem: Die PDS wird nach wie vor nur als Regionalvertretung wahrgenommen. Dabei ist eigentlich genug Platz für eine bundesweit funktionierende linkssozialistische Partei. Die SPD hat sich Rechts von der Mitte eingerichet, die Grünen haben sich als Mittelschichts-Kraft etabliert. Es gibt in diesem Land keine Partei, die Unterklasseninteressen vertritt. Warum ist es der PDS bisher nicht gelungen, sich im Westen festzusetzen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;1990 stand die PDS vor dem Problem, im Westen niemanden zu haben. Sie ist dann ausgeschwärmt und hat jeden genommen, den sie kriegen konnte. Das heute als gescheitert angesehene Projekt &quot;PDS/Linke Liste&quot; entstand damals. Es sammelten sich Leute aus allen politischen Spektren der westdeutschen Linken: MLPD, BWK, KB, Grüne, DKP usw. Ich glaube, daß sich die verschiedenen Gruppen nicht haben zusammenraufen können. Der Streit der Westlinken ist in die PDS hereingekommen. Bevor das Projekt entstehen konnte, war es schon völlig zerrüttet.&lt;br /&gt;Außerdem wurden in der West-PDS teilweise Positionen vertreten, die uns aus unserer Ost-Vergangenheit einfach sauer aufstoßen mußten. Damit meine ich den ganzen &quot;revolutionäre Arbeiterklasse-Diskurs&quot; oder die Theorie, daß die DDR durch den kalten Krieg kaputt gemacht wurde. Wir haben ja erlebt, wie die DDR vor allem an eigenen Fehler zugrunde gegangen ist. Die PDS wurde im Westen mit diesen Leuten, also den ehemaligen DKP-lem und so weiter, identifiziert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Ist die Freistellung von Gregor Gysi für die Arbeit im Westen jetzt als ernsthafter Versuch gemeint, auch dort Fuß zu fassen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist auf jeden Fall deutlich geworden, daß das Interesse im Westen sehr viel größer ist als die Zahl von dort 1200 Aktiven. Wir wollen, daß jetzt mehr Leute aus dem Bundesvorstand nach Westdeutschland fahren. Bisher hat Gysi Säle gefüllt, aber sonst war da nichts. Die anderen haben sich hinter ihm versteckt. Gysi soll ruhig weiterhin seine Säle füllen, aber andere müssen auch Veranstaltungen übernehmen, z.B in einen Jugendclub oder zu einer Hochschulgruppe gehen. Wir haben sowieso die Erfahrung gemacht, daß man von den 1000 Leuten, die zu einer Gysi-Veranstaltung kommen, nur die wenigsten davon überzeugen kann, PDS zu wählen. Andere Treffen in einem kleineren Kreis, wo Brie mit 10 Leuten theoretisch diskutiert und sich vielleicht eine neue Gruppe vor Ort bildet, sind deswegen viel wichtiger. Es gründen sich in Westdeutschland im Moment ja viele &lt;em&gt;Wählerinitiativen PDS&lt;/em&gt;. Das sind Leute, die nicht in der Partei mitmachen, aber den Wahlkampf unterstützen wollen. Darauf setze ich mehr als auf Großveranstaltungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Wie erlebst Du die anderen GenossInnen im PDS-Bundesvorstand? Ist das ein autoritätsbelastetes Verhältnis, hat das was von einem Apparat oder ist das eher kollegial?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein richtiger Apparat ist das hier nicht, ganz einfach weil die Kapazität dafür nicht da ist.&lt;br /&gt;Das Verhältnis mit den anderen war anfangs schon so, daß ich die Kleine war, die Politik machen wollte. Inzwischen ist das anders geworden, sie akzeptieren mich. Da muß ich aber auch dazu sagen, daß sich der Bundesvorstand nur alle 2 Wochen trifft und ansonsten alle ihr eigenes Ding machen. Dieses gemeinsame Vorgehen des Bundesvorstandes fehlt der PDS auch gelegentlich. Auf den Vorstandssitzungen reden wir über organisatorische Probleme, wenn es über inhaltliche Themen geht, dann sind das fast nie Diskussionen, die am Schluß einen Konsens hervorbringen. Zwischen mir und Sarah von der KPF z.B. besteht ein himmelweiter Unterschied. Der wird in der Auseinandersetzung nicht überwunden, sondern bleibt einfach im Raum stehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Wie bist Du überhaupt in den Bundesvorstand gekommen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die PDS hatte anfangs einen Bundesvorstand von 100 Leuten, in den ich durch einen Zufall gewählt wurde, weil zwei andere Frauen der &quot;Jungen Genossinnen&quot; ausgefallen sind. Damals war ich noch nicht mal richtig Mitglied. Ende 1991 dann wurde der Bundesvorstand auf unseren Vorschlag hin auf 18 Leute reduziert. Kurz vor dieser Wahl haben mir Gysi und andere geraten, mich aufstellen zu lassen. Sie meinten, es wäre wichtig zu sehen, wie das Klima in der PDS ist, ob Leute wie ich überhaupt kandidieren können. Die Toleranzgrenze der Partei sollte ausgelotet werden. Und dann wurde ich mit 90 Prozent der Stimmen und dem besten Ergebnis nach Gysi auch tatsächlich gewählt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Zum Abschluß die arranca! -Lieblingsfrage zur Neukonstituierung der Linken. Mit welchen Gruppen, Initiativen, Bündnissen kannst Du Dir vorstellen, daß in der Zukunft für die Linke wieder was zu holen sein wird?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erstmal ist es mir natürlich wichtig, der Rechtswende etwas entgegenzusetzen. Da würde ich mit allen Leuten, die ehrlich gegen Neofaschismus und Rassismus auf die Straße gehen wollen, zusammenarbeiten. Was linke Politik anbelangt, hoffe ich auf Bewegungen außerhalb der Parlamente. In den Institutionen gibt es im besten Fall reformistische Ansätze, da muß schon etwas von außen kommen. Da denke ich an Antirassistische Inis, Antifa-Gruppen, &quot;konstruktive&quot; Autonome, aber auch an linke SPDlerInnen. Also von radikaldemokratischen Ansätzen wie sie Jutta Ditfurth vertritt bis zur reformistischen Politik des Andre Brie. Außerdem finde ich sehr wichtig, daß über den Tellerrand hinweggeschaut und ein internationales Netwerk angestrebt wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt; &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Würdest Du politische Gefangene aus der RAF auch in die Diskussion einbeziehen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf jeden Fall. Ich finde die Debatte dort sehr wichtig und bin der Meinung, daß die Erfahrungen der Gefangenen für eine Neukonstituierung der Linken unentbehrlich sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt; &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Militante Politik gehört also dazu?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ja klar. Ich weiß nicht, was heute richtig ist und aus diesem Grund grenze ich niemanden aus. Ich lehne autoritäre Ansätze ab. Deshalb habe ich meine Probleme mit der KPF, sonst möchte ich mit möglichst vielen zusammenarbeiten.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_xgfm9gl&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_xgfm9gl&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Einsiedel war Mitglied im &lt;em&gt;Nationalkomitee Freies Deutschland&lt;/em&gt;, das nach der deutschen Niederlage in Stalingrad zum Teil von gefangengenommenen Werhmachtsoffizieren gegründet wurde und auf der Seite der Roten Armee gegen die Nazi-Truppen kämpfte. &lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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                    &lt;p&gt;Die Fahrer auf dem Busbahnhof in Diyarbakir, dem Zentrum Türkisch-Kurdistans winken ab. Nein, heute fahren sie nicht mehr. Es ist zu spät, zu gefährlich. Sie sitzen beim Tee zusammen und deuten auf den türkischen Kampfhubschrauber, der tief über die Dächer fliegt. Aber morgen früh fahren sie bestimmt nach Silopi, der knapp 20 km entfernten Grenzstadt zu Irakisch-Kurdistan. Doch auch am Morgen fährt kein Bus. Capale! - gesperrt - heißt es lapidar am Ticketschalter. Man soll es morgen wieder versuchen, keiner kann sagen, wann der Bus fährt. Am nächsten Morgen fährt er tatsächlich, und man spricht leise von vier Toten am Vortag.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Der südöstliche Winkel der Türkei, wo die syrische und irakische Grenze zusammenkommen, ist eines der Zentren des Widerstandes gegen die türkische Militärmaschinerie. Dementsprechend ist dieser einzige relativ offene Weg in den Nordirak von Panzern und Soldaten gesäumt. Straßenkontrollen von Militär, Geheimdienst in Zivil und Polizei wechseln einander ab. Als der Bus durch Cizzre fährt, das mittlerweile tagelang von der türkischen Luftwaffe bombardiert worden ist, weisen die Mitreisenden auf Einschußlöcher in Hausfassaden und Schaufensterscheiben hin. Das seien die Soldaten gewesen, im Bus ist keiner, der sich nicht zur PKK bekennen würde. Hier herrscht Krieg, keine Minute vergeht, ohne daß Kolonnen von Jeeps, Militärlastwagen oder einzelne Schützenpanzer die größte Straßenkreuzung in Silopi passieren. Auf der anderen Seite der Grenze, die man über eine provisorisch geflickte Brücke erreicht, herrscht eine deutlich entspanntere Atmosphäre. Hinter dem Schild „Welcome to Kurdistan“ schleusen hilfsbereite Peschmerga in irakischen Uniformen den Ankömmling schnell durch die desorganisierte Grenzabfertigung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Um uns herum ist alles unglaublich grün, Sträucher, Büsche, Feigenbäume, da vorne ist eine Quelle mit kaltem Wasser. Der Gastgeber unseres Picknicks, ein alter Mann, kocht Tee, holt ziemlich scharfen Tabak aus einem Stoffbeutel um sich Zigaretten zu drehen und überschüttet unsere kurdischen Begleiter mit einem witzig-bissigen Redeschwall. Sie kommen überhaupt nicht zu Wort. Über seinem Kopf bat er ein schwarzes Tuch mit Fransen schwungvoll zurückgeschlagen und lächelt uns ironisch an, als wir fragen, ob wir ein Foto von ihm machen können ... ja wenn wir unbedingt wollen ... Er hat auch in einer collective town gelebt, jetzt ist er den Sommer über hier im Grünen, im Winter geht er in das neue Dorf, an dem wir vorhin vorbeigefahren sind. Durch das Tal führt eine Straße Richtung Iran. Einer unserer Freund deutet auf die Berghänge ringsherum. Dort hat ihn der Sohn des Alten in einem 24-Stunden-Marsch aus dem Iran zurückgeschleust. Wegen der Minen mußte er genau hinter seinem Führer bleiben. Gestern erst, ist in der Nähe jemand beim Holzsammeln auf eine Mine getreten, über 24 Millionen sollen in ganz Südkurdistan liegen. Manchmal siebt man am Straßenrand kleine Blechschilder mit Totenköpfen, eine Kurve weiter vielleicht ein paar Hütten. Um hier zu leben, muß man wissen wo man hintreten will.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wir fragen nach den iranischen Perschmerga, aber es sind keine mehr in der Gegend. Zum Abschied pflückt uns der Alte frische Feigen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Seit 1991 Saddam Hussein in der Folge des 2. Golfkrieges durch einen Volksaufstand zum Rückzug aus dem größten Teil Südkurdistans gezwungen worden ist, lebt die Bevölkerung jetzt in einer praktisch autonomen Zone mit einer eigenen kurdischen Regionalregierung. Dieses Gebiet des Nordirak bildet den südlichen Teil Kurdistans und teilt sich in zwei Regionen; den an die Türkei grenzenden Badinan und den weiter südlichen Soran, von dessen Grenze es kaum noch 200 km bis nach Baghdad sind. Während der Badinan ein stark traditionelles Bergland ist, in dem die „Demokratische Partei Kurdistans“ (PDK) dominiert, hat im Süden die „Patriotische Union“ (PUK) ihre Machtposition. Dort im Soran wird die Landschaft flacher und die Gesellschaft ist weniger von Stammesstrukturen dominiert. PUK und PDK unterscheiden sich programmistisch kaum voneinander, durch Stammesbindungen, persönliche Gefolgschaft und Abhängigkeit sind die Mitglieder um die beiden zentralen Führer Masud Barzani (PDK) und Jelal Talabani (PUK) gruppiert. Die wichtigsten Städte sind das Regierungszentrum Erbil mit dem kurdischen Regionalparlament und die „intellektuelle Hochburg“ Sulemania. Kirkuk mit seinen reichen Ölquellen und hauptsächlich von Kurden bewohnt, liegt bereits in der von Saddam Hussein kontrollierten Zone. Die Situation Südkurdistans ist problematisch. Zu den innenpolitischen Schwierigkeiten angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage infolge von Krieg und UN-Embargo tritt der außenpolitische Würgegriff durch die angrenzenden Länder. Die Nachbarn Türkei, Syrien und Iran haben aufgrund ihrer eigenen kurdischen Minderheiten ein jeweils spezifisches Interesse an der Situation der Kurden im Nordirak. Außerdem schwebt über der ganzen Region wie ein Damoklesschwert die Drohung Saddam Husseins, seine Armee den Marsch nach Norden zur Rückeroberung antreten zu lassen. Ciffri, die letzte befreite Ortschaft direkt an der Demarkationslinie zum von Baghdad kontrollierten Restirak, ist an drei Seiten von Saddams Armee eingeschlossen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein örtlicher Politiker zuckt beim Essen mit den Schultern, als eine Maschinengewehrsalve die mittagliche Ruhe durchbricht. „Wenn die Iraker wollten, wären sie in fünf Minuten hier“ bemerkt er gelassen, „was sollen wir tun? Während die Peschmerga die Soldaten aufhalten, werden die Frauen versuchen mit den Kindern in die Berge zu entkommen. Aber in letzter Zeit war es relativ ruhig. Saddam kommt nicht, weil er die Städte zwar erobern, aber sie nicht kontrollieren könnte.“ &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Geht hier die Drohung von Saddams Militär aus, ist es im Norden das türkische Militär, das schon wiederholt in großangelegten Operationen gegen die PKK tief auf irakisches Gebiet vorgedrungen ist. Im letzten Jahr führte dies sogar zu innerkurdischen Kämpfen, als besonders die PDK gemeinsam mit Ankaras Soldaten gegen die PKK-Stützpunkte vorging. Seit dem Herbst 1993 versucht sich die Türkei mit einem Millionen-Dollar-Hilfsprogramm der Zusammenarbeit der irakisch-kurdischen Parteien gegen die PKK zu versichern Mit der Bombardierung kurdischer Dörfer auf irakischem Gebiet übt die Türkei überdies regelmäßig Druck auf die Zivilbevölkerung aus, um der PKK die Unterstützung zu entziehen. An der Grenze zum Iran kam es ebenfalls schon zu Zwischenfällen. Im Sommer 1993 beschossen die Iraner Dörfer auf irakischer Seite, um die gegen das Teheraner Mullah-Regime kämpfenden iranisch-kurdischen Perschmerga zum Rückzug aus der Grenzregion zu zwingen. Einzig Syrien unterhält ein relativ entspanntes Verhältnis zu Südkurdistan. Von Baghdad aus versucht Saddam durch ein internes Wirtschaftsembargo und vom Geheimdienst inszenierten Bombenterror das kurdische Gebiet zu destabilisieren. Zeitbomben explodieren in Lastwagen mit Hilfslieferungen, das im Irak überreichlich vorhandene Benzin ist im Nordirak teure Mangelware. Seit letztem Sommer hat er der Großstadt Dohuk den Strom abgedreht, in der seitdem die Bevölkerung auf private Aggregate angewiesen ist. Fast drei Jahre nach der Befreiung vom Baghdader Baathregime haben die instabile Lage und die desolate Wirtschaft den Durchhaltewillen vieler Menschen gebrochen, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit herrschen vor. Selbst Peschmerga, die mehr als zehn Jahre für die Befreiung gekämpft haben, wollen das Land verlassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein typisches kurdisches Schicksal hat der dort lebende Lehrer Baschir erlitten. Von den 300 Dinar Gehalt, was einem Marktwert von ungefähr 10 $ Dollar entspricht, kann er seine fünfköpfige Familie nicht durchbringen. Kleinhandel und ein weitverzweigtes Familiennetz helfen etwas weiter. Seit fünf Jahren lebt die Familie in der Stadt, dreimal hintereinander ist ihr Dorf vom irakischen Militär zerstört worden. Nachdem die Soldaten noch mit Baggern die Obstbäume ausgerissen hatten, verließen die Menschen das Dorf. Zwar betont er stolz, daß man sofort in die Berge zurückgehen und der Kampf, sollte Saddam wiederkommen, sofort wiederaufgenommen werden könnte, doch herrscht der Wunsch vor, das Land zu verlassen, es dem Cousin nachzutun, der in Schweden lebt.&lt;br /&gt;Der kurdische Widerstand konnte sich erst mit dem Ende des Golfkrieges reorganisieren. Bei einer Fahrt über Land sieht man überall auf Hügeln und Bergkuppen die burgähnlichen Militärfestungen, mit denen er das Land überzog. In den halbzerschosssenen Soldatensiedlungen wohnen jetzt meist Flüchtlinge aus Kirkuk. Bei neun Militäraktionen mit dem bezeichnenden Namen „Anfal“ - Beute - verschwanden 1988 annähernd 200 000 Menschen spurlos. Ganze Städte wie das damals zu trauriger Bekanntheit gelangte Halabja wurden mit Giftgas bombardiert. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;„Eines Tages umstellten die Soldaten unser Dorf“, erzählt eine junge Frau, die mit ihren drei kleinen Geschwistern in einem Lager bei Sulemania lebt. „Ein Soldat verhalf uns zur Flucht, weil wir Mädchen waren, von meinen Eltern, Brüdern und den anderen Verwandten habe ich nie wieder etwas gehört.“&lt;br /&gt;Die sog. „Anfalwitwen“, Frauen, die ihre männlichen Verwandten verloren haben, bilden die Gruppe mit den bedrückensten sozialen Problemen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Nach der Befreiung vom Baghdader Diktator offenbarte sich erst das unvorstellbare Ausmaß der Zerstörung und Vernichtung, das seine Herrschaft hinterlassen hat. Über 400 Dörfer waren dem Erdboden gleichgemacht, weite Teile des Landes entvölkert und zu militärischen Sperrgebieten erklärt worden. Manche Orte, wie das südöstlich von Sulemania gelegene Said Sadik haben die Iraker akkurat Haus für Haus gesprengt und tatsächlich nur den Friedhof unzerstört gelassen. Jetzt kündet eine Hauptstraße aus Buden und Tuchplanen, die zwischen verbogenen Eisenträgern gespannt sind, vom langsamen Wiederaufbau dieser, ehemals mehrere zehntausend Einwohner zählenden Stadt. Die Menschen wurden in leicht zu kontrollierende Lager an den Hauptstraßen umgesiedelt, den sog. &quot;collective towns&quot;&lt;em&gt;. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Manchmal häufen sich die ausgeweideten Kadaver der IFA-Militärlaster zu ausgedehnten Trümmerfeldern, wie man sie im ganzen Irak finden kann. Dorf um Dorf ist systematisch zerstört worden und systematische Zerstörung hieß für Saddam wortwörtlich, daß kein Stein auf dem anderen bleiben durfte. jetzt kann man neue Siedlungen aus einem Guß sehen, Betonhäufchen, die Vorderfront geweißt, jedes mit einer großen blauen Nummer versehen. Das haben die Holländer gebaut. Wo „Prefabs“, vorfabrizierte Blechcontainerbaracken stehen, da war die Organisation von Danielle Mitterand am Werk. In einem UN-Flüchtlingslager besuchen wir so eine Dose. Ein Aufenthaltsraum mit Matten, eine Trennwand, der Hausrat. Im Sommer ist es hier drinnen zu heiß, im Winter zu kalt, angeblich sind sie für den Einsatz im tropischen Südostasien entwickelt worden. Ab und an werden im Lager Lebensmittel verteilt, einen Heizer hat die Familie auch bekommen, allerdings kaum Brennstoff Die Leute hoffen, daß sie diesen Winter in ein festes Haus in einer „collectivce town“ umgesiedelt werden. Nach Kirkuk können sie nicht zurück, dort planiert Saddams Stadthalter gerade die Kurdenviertel. Die „collective towns“ sind städtische Konglomerate, manchmal mitten im Nichts. Einmal standen wir auf einem Dach in so einer „Stadt“ wegen des trostlosen Rundblicks, es war früher Nachmittag. Aus der staubigen Ebene, die kein Zeichen von Vegetation zeigte tauchten drei Frauen auf die Reisigbündel trugen. Im Hintergrund waren braune Berge und um uns herum bröcklige Betondächer. Die Frauen waren früh morgens zum Holzsammeln aufgebrochen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Überall in Kurdistan sind die Abzweigungen an den Hauptstraßen übersät vom Schilderwald internationaler und einheimischer Hilfsorganisationen, doch bleibt die Hilfe begrenzt, allein schon aufgrund der gigantischen Zerstörungen. Die gesamte ländliche Infrastruktur muß neu aufgebaut werden. Ganze Dörfer entstehen wieder aus dem Nichts, doch repräsentiert die internationale Hilfe oft mehr Schein als Sein. Viele der Hilfsprogramme tragen zu langfristiger Abhängigkeit von Außen bei. Verbittert fragt ein junger Ökonom von der Universität Sulemania, „man unterstützt uns mit Nahrung mit Hilfslieferungen, man hilft uns aber nicht unabhängig zu werden. Was passiert, wenn die Hilfe im nächsten Winter ausbleibt?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ein vielleicht Vierzigjähriger erzählt von der Anfallkampagne, wie sie zwei Soldaten gefangengenommen haben, die förmlich über seine Peschmergagruppe gestolpert sind, die sie dann haben laufen lassen. Zweimal ist er bei Kämpfen mit Giftgas in Berührung gekommen - die Lunge - ganz gesund ist sie nicht mehr. Manchmal begleitet er Ausländer durchs Land, seine Partei hat ihm dafür eine Auto gestellt. Was er in Zukunft machen soll, weiß er nicht, vielleicht kriegt er einen Job bei UNICEF. Auch der Vizegoverneur, bei dem wir Tee trinken, war über zehn Jahre im Widerstand. Er hat damals eine Ingenieurausbildung abgebrochen. „Was ich gelernt hatte, habe ich in den Bergen vergessen. Wir wissen, wie man kämpft, aber jetzt haben wir das Problem, daß zuwenig Leute da sind, die noch was anderes können.“ Er entschuldigt sich, daß er kaum Englisch spricht. Das geschieht öfter. Der Araber aus Baghdad, der sich mit drei anderen Kämpfern in den geräumten Gebieten durchgeschlagen hat, seit 19 78 bei der Peschmerga, ebenso wie der Maler, der uns Aquarelle von den Bergen und die Karikaturen seiner Mitkämpfer zeigt, sie fragen uns aus, nach der Wiedervereinigung, nach den Nazis. Sie weisen entschuldigend auf ihre Wissenslücken hin, bemängeln, daß sie kaum Englisch sprechen, „Wir hatten keine Zeit dazu“. Eine ganze Generation hat Ende der 70er die Schulen und Unis abgebrochen, um in die Berge zu gehen. Viele haben tatsächlich nur noch ihre Partei als Rückhalt und Versicherung, um nicht als Kriegsinvalide oder überflüssig gewordener Guerillero auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen zu werden. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Während die EG etwa rund um Sulemania ein Schulspeisenprogramm mit einer Million ECU finanziert, können in derselben Stadt die meisten Fabriken nicht arbeiten, weil Ersatzteile und Rohstoffe unter das gegen dem Gesamtirak gerichtete UN-Embargo fallen. Die Wirtschaft basiert mittlerweile hauptsächlich auf dem Schmuggel und den internationalen Organisationen als Hauptarbeitgebern. Via Kurdistan wird Baghdad aus dem Iran und der Türkei unter Umgehung der UN-Schranken versorgt. LKW-Kolonnen, vollgepackt mit Reifen oder Autobatterien, rollen Richtung Baghdad. Medikamente und Saatgut, von Hilfsorganisationen ins Land gebracht, werden von Schieberbanden in den Iran verscherbelt. Die Zolleinnahmen sind jedoch die einzgie Finanzquelle der kurdischen Regionalregierung. Die Teile der Bevölkerung, die nicht am Handel teilnehmen oder bei einer NGO ihr Auskommen gefunden haben, leben meist von der Hand in den Mund. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Durch Umsiedlung, jahrelangen Krieg und Verelendung sind die alten Sozialstrukturen in Auflösung begriffen, im letzten Jahr schreckten Raubmorde selbst an Kindern die Bevölkerung auf. Auf diese Entwicklung zielt Baghdads Kopfgeldofferte für Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen. Die Rede ist von für kurdische Verhältnisse horrenden Summen, denen die 1993 erschossenen zwei Entwicklungshelfer zum Opfer gefallen sein sollen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Na ja, wenn ihr immer in Bewegung bleibt und kein festes Ziel bietet, geht das, sagt die Kurdin lächelnd, Wie ernst war das jetzt gemeint? Wir laufen jeden Nachmittag ohne Begleitung über den Markt. Und weil eine Bedrohung nicht greifbar ist, bleibt sie auch irreal. Einen Belgier, der an einem Hilfsprojekt für Taubstumme arbeitete, haben sie letztes Jahr mitten in der Stadt erschossen, als sein Auto an einer Ampel hielt, dem haben seine Peschmerga auch nichts genutzt. Wenn die Hilfsexperten ausrücken, ist das ein martialischer Anblick. Mit Skibrillen gegen den Fahrtwind geschützt, sitzen die Begleitpeschmerga auf Pickups und halten, den Finger am Abzug, die Umgegend im Auge. Je wichtiger man sich nimmt, desto mehr Begleitfahrzeuge braucht man. In Bretterverschlägen und Laubbütten sitzen die Peschmerga vor den NGO-Häusern; essen die Helfer auswärts, bleiben sie vor den Restaurants beim Wagen. An einem Tisch mit seinen Aufpassern zu sitzen ist nicht üblich.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Handlungsmöglichkeiten der kurdischen Regionalregierung, um die Krise zu bewältigen, sind eng begrenzt. Die eifersüchtig überwachte paritätische Aufteilung aller einflußreichen Posten zwischen den beiden großen Parteien weist darauf hin, daß von eigenständigen staatlichen Strukturen kaum die Rede sein kann. Im Parlament verteilen sich bis auf Vertreter der turkmenischen und christlichen Minderheit die Sitze auf PUK und PDK, allgemein geht die Befürchtung um, was passieren wird, falls es bei zukünftigen Wahlen zu eindeutigen Ergebnissen zugunsten einer der beiden Parteien kommen sollte. Aufgrund machtpolitischer Rivalitäten der Parteiführer besteht unterschwellig permanent die Gefahr eines Bürgerkrieges. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;„Ich bin doch der Einzige, der einfach so zurückgekommen ist“, erzählt ein Freund, der seit einem Jahr wieder in Kurdistan lebt. „Aus dem Ausland sind nur die zurück, denen ihre Partei einen entsprechenden Posten angeboten hat; wenn ich vorher gewußt hätte, was hier läuft, hätte ich mir das alles noch mal überlegt. An der Uni sind die Islamisten im Kommen und die Anhänger von PUK und PDK beschimpfen sich gegenseitig und warten darauf, endlich aufeinander schießen zu können.“ In Deutschland hat er sein Studium abgebrochen, auf das er lange hat warten müssen, sein Asylverfahren hat sich über Jahre hingezogen. „Meine besten Jahre habe ich in Deutschland vergeudet. Stell dir vor, du bist neunzehn und du darfst nichts anderes tun als warten, warten, nur warten“. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nachts, wenn das Licht in manchen Stadtteilen ausfällt, kommt es zu Schießereien, im Dezember zeigten tagelange Straßenkämpfe zwischen den Islamisten und der PDK, in die auch die PUK verwickelt wurde, wie fragil die politische Lage ist. Politische Morde sind keine Seltenheit, besonders linksstehende Gruppen haben unter zunehmender Repression zu leiden. Zeitungen wie das Organ der „Arbeiter-Kommunisten“ oder ein PKK-nahes Magazin wurden verboten. Die Übergriffe gegen Frauen bis hin zur Ermordung wegen sog . „Ehrensachen“ oder angeblicher Kollaboration mit dem Baathregime häufen sich. Es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Bauern und zurückkehrenden Großgrundbesitzern, die versuchen, die Landreformen der sechziger und siebziger Jahre rückgängig zu machen. Geld aus Saudi Arabien kauft dem islamischen Fundamentalismus zunehmenden Einfluß in der eher laizistisch orientierten kurdischen Gesellschaft, in Dörfern ohne Krankenstation oder Schule entstehen prächtige Moscheen. Die zur Überwachung der Flugverbotszone über den Nordirak donnernden amerikanischen Jets erinnern die irakischen Kurden ständig an das Provisorium ihrer gegenwärtigen Lage. Aus Rücksicht auf die Anrainerstaaten mit ihrer repressiven Politik den eigenen kurdischen Minderheiten gegenüber müssen die Kurden des Iraks den Anschein einer möglichen Unabhängigkeit von Baghdad vermeiden. Die nationalstaatliche Einheit Gesamtiraks ist kein Thema, und solange in Baghdad nichts passiert, hat das demokratische Experiment in Nordirak/Südkurdistan nur eine vorläufige Zukunft. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Linke in Südkurdistan ist gespalten und fragmentiert. Da ist die Kommunistische Partei, die durchaus einer Wandlung unterliegt und sich aus heterogenen Kräften zusammensetzt; von konservativen Kadern, in der SU ausgebildet, die melancholisch von Oktoverrevolutionsparaden schwärmen, bis hin zu jungen Genossen, die Gramsci lesen und das traditionelle kurdische Parteiengeklüngel - mein Großvater war Kommunist, mein Vater auch, also bin ich auch einer - kritisieren. In den 50ern und 60ern teilweise die stärkste Partei im Irak, haben die Kommunisten durch ihre enge Anlehnung an die SU und ihre Zusammenarbeit mit dem Baathregime in den 70ern viel Einfluß verloren, besonders in Kurdistan. Bei den Wahlen zum Regionalparlament landeten sie bei knapp unter 3%, aber, so erklärt der neue Generalsekretär Abu Dahoud „wenn man sich die erbeuteten irakischen Geheimdienstakten anschaut, wird das relativiert, denn unsere Partei hat nicht einen Tag aufgehört im Irak zu arbeiten, während viele der jetzt vom Ausland unterstützten Oppositionsgruppen vom irakiseben Geheimdienst nicht mal erwähnt werden. Wir haben kein Geld und wir haben keine Erfahrungen mit Wahlen, sondern nur mit klandestiner Arbeit. Indirekt hat man mit Erpressungen und Drohungen auf Wähler Druck ausgeübt, da spielen Stammesbindungen eine Rolle, insgesamt ist die irakische Gesellschaft in Bezug auf politische Kultur und politisches Bewußtsein noch nicht besonders hoch entwickelt. Die Leute leiden Not. Wie man bei den Islamisten sieht, ist es einfach, mit ein paar Millionen Dollar schnell tausende Mitglieder zu gewinnen. „Interessant ist die Gründung einer kurdischen KP (ICP) mehr oder minder innerhalb der gesamtirakischen Partei, was einerseits die realen Bedingungen der politischen Lage widerspiegelt, andererseits aber auch einen fundamentalen Wandel in der traditionell monolithisch-zentralistisch ausgerichteten KP anzeigt. So bestätigt der Generalsekretär, daß sowohl strikte Ablehnung eines föderalen Prinzips für den Post-Saddam-lrak, wie auch Befürwortung einer „Befreiung“ Kurdistans von der „arabischen Besetzung“ und der völligen Trennung von der irakischen KP im innerparteilichen Meinungsspektrum vertreten sind. Links davon sieht es düster aus. Viele der an der anfänglich selbstorganisierten spontanen Intifada von Frühjahr 1991 Beteiligten haben sich, nachdem die Parteien ihren Einfluß schnell wieder durchsetzen konnten, desillusioniert zurückgezogen. Die radikalen Linken in der PUK sind im Widerstand aufgerieben worden und im Ausland zerstreut. „Die Arbeiterkommunisten“, eine im Sommer 1993 gegründete Partei, mit deren Umfeld einer Arbeitslosenunion und einer Frauenorganisation, hinterläßt einen, gelinde gesprochen, zwiespältigen Eindruck. Den Genossen da geht es um die Arbeiter, den Arbeiterstaat und den endgültigen Kampf und Sieg der Arbeiterklasse. Woher sie die ganzen Arbeiter in dem - nicht nur, aber primär - agrarisch geprägten Nordirak nehmen wollen, verraten sie nicht. Die Landfrage, eines der sensibelsten Probleme momentan, denn zurückkehrende Landbesitzer versuchen die Landreformen rückgängig zu machen, interessiert sie nicht: „Das sind alte Stammeskonflikte“ , nur an den „Landarbeitern“ will man ein Interesse nicht ausschließen. Eine linke Front lehnen sie ab, aber wenn die PUK da ihrer Meinung wäre, könnten sie sich „eine Zusammenarbeit in Fragen wie der des Ozonlochs vorstellen.“ Gespräche mit einem anderen Zusammenhang, der uns als links empfohlen worden ist, verlaufen ähnlich. „Wir studieren erst mal die Quellen, Marx, Engels, Lenin, die programmatischen Sachen sind jetzt wichtig.“ So ganz nachvollziehen können wir das alles nicht mehr und unser kurdischer Begleiter bestätigt, daß das keineswegs an unserer möglicherweise eurozentristischen Rezeption, sondern durchaus in der Sache begründet liegt. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;OMP/WADI &lt;br /&gt;(WADI e.V. ist eine Organisation der Entwicklungszusammenarbeit und betreut mit lokalen Partnerorganisationen gemeinsame Projekte im Nahen Osten)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;lrakisch-Kurdistan &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Flüchtlinge im eigenen Land&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;1988&lt;/strong&gt; Die irakische Armee zerstört 2500 Dörfer in lrakisch-Kurdistan. 250 000 Menschen „verschwinden“. Die Stadt Halabja wird mit Giftgas aus bundesdeutscher Produktion bombadiert. Zurück bleiben Frauen und Kinder, umgesiedelt in künstliche Sammelstädte und ein zerstörtes, vermintes Land. Der Alltag dieser Frauen ist bestimmt von einer Zukunft ohne Perspektive. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;1991&lt;/strong&gt; Die irakischen Kurden können sich in Folge des Golfkrieges von der Saddam-Diktatur befreien. Kurdistan wird UN-Schutzzone. Das UN-Embargo und die ständige Bedrohung durch die Nachbarstaaten bleiben dennoch bestehen. &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;1994&lt;/strong&gt; Seit drei Jahren versuchen die Menschen im selbstverwalteten Kurdistan das zerstörte Land wiederaufzubauen. Sie leiden unter einem innerirakischen Embargo, den UN-Sanktionen, rasender Inflation und steigenden Preisen. Statt die darniederliegende Wirtschaft zu unterstützen und die kurdische Regierung international anzuerkennen, behandelt der Westen das Land wie ein riesiges Flüchtlingslager. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Noch immer leben 200 000 Flüchtlinge aus dem irakisch besetzten Gebiet unter katastrophalen Bedingungen in Kurdistan ohne die Aussicht in ihre Städte zurückzukehren, ohne Arbeit, ohne Hoffnung ... Noch immer leben &quot;Anfai-Witwen&quot; in der gleichen perspektivlosen Situation in den Sammelstädten ... &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;WADI unterstützt gezielt selbstverwaltete Projekte von und für Frauen. In Zukunft sollen außerdem verstärkt kleinökonomische Projekte zur Weiterverarbeitung von Agrarerzeugnissen gefördert werden. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bitte unterstützen Sie mit Ihrer Spende diese kleinen Schritte zu mehr Unabhängigkeit in Kurdistan. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Konto-Nr. 612 305-602 &lt;br /&gt;BLZ 500 100 60 &lt;br /&gt;Postgiro Frankfurt am Main &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;wadi&lt;br /&gt;Wadi e.V. ·Sandweg 8 · 60316 Frankfurt!M &lt;br /&gt;Telefon 0 69 · 44 96 74 · Fax 069-43 69 21&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 02 Mar 2014 12:51:14 +0000</pubDate>
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                    &lt;p&gt;&quot;Ni ez naiz hemengoa&quot; (wörtlich: Ich bin nicht von hier) lautet ein 1984 von Sarrionandia noch im Gefängnis geschriebenes Buch. Der 1958 in Durango geborene Baske wurde als 22jähriger wegen ETA-Mitgliedschaft zu 28 Jahren Haft verurteilt. 1985 gelang ihm jedoch, nach einem Benefizkonzert in einem Lautsprecher versteckt, die Flucht aus dem Gefängnis von Martutene. Seitdem lebt Sarrionandia, der im bürgerlichen Literaturbetrieb als einer der anerkanntesten Schriftsteller Euzkadis gilt, irgendwo auf der Welt in der Kladestinität. Erst jetzt wurde sein erstes Buch in Deutsche übersetzt. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Libertäre Assoziation veröffentlichen wir als Vorabdruck einige von uns zusammengestellte Notizen aus &quot;Ni ez naiz hemengoa&quot;, das im August für etwa 20 DM im Buchhandel zu haben sein wird.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Joseba Sarrionandia: Ni ez naiz hemengoa.&amp;nbsp; Verlag Libertäre Assoziation / Übersetzung Ruth Baier&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&quot;Ni ez naiz hemengoa&quot; (wörtlich: Ich bin nicht von hier) lautet ein 1984 von Sarrionandia noch im Gefängnis geschriebenes Buch. Der 1958 in Durango geborene Baske wurde als 22jähriger wegen ETA-Mitgliedschaft zu 28 Jahren Haft verurteilt. 1985 gelang ihm jedoch, nach einem Benefizkonzert in einem Lautsprecher versteckt, die Flucht aus dem Gefängnis von Martutene. Seitdem lebt Sarrionandia, der im bürgerlichen Literaturbetrieb als einer der anerkanntesten Schriftsteller Euzkadis gilt, irgendwo auf der Welt in der Kladestinität. Erst jetzt wurde sein erstes Buch in Deutsche übersetzt. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Libertäre Assoziation veröffentlichen wir als Vorabdruck einige von uns zusammengestellte Notizen aus &quot;Ni ez naiz hemengoa&quot;, das im August für etwa 20 DM im Buchhandel zu haben sein wird.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Den Kalender betrachtend&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich schaue auf den Kalendar: 2. Februar 1984. Sonnenaufgang 7,23. Sonnenun­tergang: 17,33. Erstes Viertel des Mondes in 10 Tagen. ­Ein armseliges Sprichwort und die Namen von drei oder vier Heiligen.&lt;br /&gt;Die Sonnenstrahlen gelangen nur manchmal mit ihren zittrigen und flüchtigen Liebkosungen in die Zelle. Wolkengruppen ziehen vorbei, mit dunklen Bäuchen und weiß überzogenen Schultern. Der Wind treibt sie eifrig, der gleiche kalte und hochmütige Wind, der sich an den Winden des Gefängnisses zu schaffen macht und an einigen im Hauf aufgehängten Kleidungsstücken zerrt. Alles geschieht auf der anderen Seite des Fensterglases. &lt;br /&gt;Das Radio sagt, daß in Madrid 1000 Polizi­sten auf der Suche nach dem Kom­mando sind, das letzten Sonntag einem General der Streitkräfte ein Ende berei­tet hat. Es ist drei Uhr nachmittags, wir sind in den Zellen eingeschlosssen und an anderen Fenstern sehe ich die eine oder andere dunkle Figur. Die Scheiben beschlagen nicht, denn drinnen ist es genauso kalt wie draußen. &lt;br /&gt;Ich habe einen Brief von einem Flücht­ling bekommen, der sich in der Kathe­drale von Bayonne im Hungerstreik befindet, und der, wie er im Brief sagt, nur noch Haut und Knochen ist. &lt;br /&gt;Die Spatzen verstecken sich kälteschau­dernd unter den Dachziegeln, dann schnellen sie wieder aufgescheucht in die Luft und stellen mehrmaliges, kurzes Auffliegen zur Schau, voller dabei die Federn zu verlieren. Im Hof ist nichts, allein der bewegt sich am Boden und Wasser in den Pfützen auf. &lt;br /&gt;Heute beginnt im chinesischen Horoskop das Jahr der Ratte. Die Chinesen sagen, es wird ein Jahr des Konflikts und der Veränderung sein, und da sie in der Mehrheit sind, haben sie sicher Recht.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;2. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ein Junge ist gestorben&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;letzte Nacht hat die Polizei in einer Wohnung in Barrakaldol (1) einen Jungen erschossen, zwei schwer verletzt und zwei weitere festgenommen, die, wie es in der Presse heißt, unverletzt blieben, doch auch sie mußten ins Krankenhaus eingeliefert werden, nachdem sie die Polizeiwache durchgemacht hatten. &lt;br /&gt;Den Jungen, der gestorben ist, Inaki Ojeda, nannten wir &lt;em&gt;Txapel &lt;/em&gt;(2). Ich lernte ihn in Carabanchel kennen, und danach waren wir lange Zeit gemeinsam in Puerto de Santa Maria, bis er letztes Jahr freigelassen wurde. &lt;br /&gt;Er schrieb Gedichte, und einmal, in Puerto, saß er fast drei Monate in Straf­haft, weil irgendein Beamter bei der täg­lichen Zellenfilzung das reichhaltig Geschriebene des Gefangenen durchfor­stete und Gedichte fand, die gemäß der Einstufung des Beamten gegen Strafvollzug gerichtet waren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;16. Februar&lt;br /&gt;(1) Arbeiterstadtteil von Bilbao&lt;br /&gt;(2) Hut&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Eingeschlossen in den Zellen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Heute haben wir mit einer Protestaktion gegen die Anstaltsleitung begonnen. Seit heute morgen, als wir uns nicht fürs Durchzählen sichtbar in den Zellen gestellt haben, wurden die Türen von den Beamten nicht aufgeschlossen. So werden wir bestraft und bleiben den ganzen Tag in den Zellen eingeschlos­sen. Nur ein kleines Radio und ein paar Bücher, um uns die Zeit zu vertreiben, drei Schritte zur einen Seite und nochmal drei zurück. Auf jeden Fall schafft es eine gewisse Freiheit, keinem Befehl von niemandem gehorchen zu müssen, eine Freiheit die so klein ist, daß sie, um es irgendwie zu sagen, in die Handfläche paßt. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;22. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der graue Falke und Al&amp;nbsp; Mu&#039;tamid&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nachdem er unzählige Male die Hügel und Wege der Umgebung von Valencia durchquert und dort viele Überfälle gemacht hatte, wurde der berühmte Bandit, dem die Leute den Namen &lt;em&gt;Grauer Falke&lt;/em&gt; gegeben hatten, gefangen­genommen und so, wie alle es vorher­gesehen hatten dazu verurteilt, am Kreuz zu sterben. In jenen Zeiten fes­selte man den Verurteilten an einen Stamm und ließ ihn dort, bis der Tod ihn übermannte. Der Graue Falke wurde vor den Toren der Stadt gekreu­zigt und, umgeben von seiner Frau und seinen Kindern, die in Trauer und Schmerz versunken waren, erwartete er seine letzte Stunde; und er wußte nicht, was er seiner Familie hinterlassen sollte. Da kam ein Stoffhändler des Weges. Der Graue Falke bat ihn von seinem Kreuz aus, sich zu nähern. Er erzählte ihm die Geschichte seines Banditenturns und erklärte, daß er für seine Frau und seine Kinder sorgen wolle, bevor er sich der letzten Ruhe überließe. Er erzählte dem Händler, daß er vor nicht allzu lan­ger Zeit einen Schatz geraubt hatte, den er in einen tiefen Brunnen, der sich in der Nähe befand, geworfen hatte, bevor er dem König ins Netz gegangen war, und er flehte ihn an, aus Mitgefühl für seine Familie jenes Geld holen zu gehen und es seiner Witwe zu geben. Der Händler willigte ein, überlegte aber, daß er sein Reittier etwas schwerer bela­den könne, anstatt das Geld der Familie jenes unglückseligen und dummen Ban­diten zu geben. So kam es, daß der Händler sich zu dem Brunnen begab und sich daran machte, den Strick hin­abzuklettem. Da durchschnitt die Frau des Gekreuzigten einer Kriegslist fol­gend das Brunnenseil und nahm das Reittier und die Stoffe des Händlers an sich. Sie verkaufte alles auf dem Markt und erzielte im Austausch dafür eine beträchtliche Summe. Währenddessen holten die Leute, die von den Schreien aus der Tiefe des Brunnens herbei­gelockt worden waren, das durchnäßte Männchen heraus und vernahmen die Erzählung des getäuschten Händlers. Und von einem Mund zum anderen gelangte sie bis zum König von Sevilla. Nachdem der König Al Mu&#039;tamid die Geschichte gehört hatte, befahl er, den Gekreuzigten vorzuführen. Der König fragte den Grauen Falken, wie er noch vor den Toren zur Hölle ein neues Ver­brechen habe anzetteln können. Dieser antwortete, daß es wunderbar sei zu rauben und daß der König, wenn er wüßte, wie wunderbar es sei, seinen Thron verlassen und zum Banditen wer­den würde. Daraufhin setzte Al Mu&#039;Tamid, der Dichterkönig von Sevilla, das Urteil außer Kraft und machte ihn zu seinem Leibwächter. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;23. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Barathallako Elhurra Zur&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Heute schneit es, doch auf einzigartige Weise, sehr wenige Flocken, und sie fallen nicht von oben nach unten wie Regen, wie Schnee, sondern sie fliegen von einem wirren Wind getrieben herum, bewegen sich, wirbeln von rechts nach links und von unten nach oben, wie Fliegen in tollem Flug. Der Schnee von heute fällt nicht wie Schnee, die Flocken sind weiße, stumme Fliegen, die auf der anderen Seite des Fensterglases kreisen, in der Luft eine Winterpolka tanzen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gestern Nachmittag haben sie Enrique Casa getötet, den Spitzenkandidaten der PSOE von Guipuzcoa, und heute kennt das Radio kein anderes Thema als den Generalstreik, der im Baskenland statt­findet.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;Wir sind noch immer in den Zellen ein­geschlossen. Um die wachhabenden Beamten nicht zu sehen, ist es fast bes­ser, wenn sie die Tür den ganzen Tag nicht öffnen. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;24. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(..) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Argument der Tautologie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Tautologie ist ein Weg, etwas mit­ mittels seiner selbst zu definieren.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&quot;Wenn wir keine Erklärung haben&quot;&lt;/em&gt;, sagt Roland Barthes, &lt;em&gt;&quot;verschanzen wir uns hinter der Tautologie, so ebenso wenn wir Angst empfinden, Verwirrung oder Trauer.&quot; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Wir greifen auf die Tautologie zurück, wenn wir sprachlos sind oder keine Erklärung haben. Als Beweisgrund ist die Tautologie eher ein Zustand als ein Werkzeug. Die Tautologie ist ein Zustand oder eine Zuflucht, ebenso wie die Angst, die Verwirrung oder die Trauer. Darüberhinaus, daß sie eine Argumentationsform ist, ist die Tautolo­gie eine Daseinsform.&lt;br /&gt;Ich rufe mir ein Kindergespräch ins Gedächtnis, und sicher werden alle, die einmal Kinder waren, diese Situation wiedererkennen:&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Das ist so. &lt;br /&gt;- Warum? &lt;br /&gt;- Weil ja. (1)&lt;br /&gt;&amp;nbsp;Wir hatten wenige Erklärungen, die Wirklichkeit war ein nahezu unbekann­tes Gebiet, das Wissen eine unerreich­bare Schachtel voller Antworten. Die Tautologie war unser Weg, die Welt kennenzulernen und in ihr zu leben, die Art und Weise, unser Kleinsein zu akzeptieren.&lt;br /&gt;Dessenungeachtet ist die Tautologie in den meisten Fällen ein Argument der Autorität. Das hochrangigste und genau­este Argument der Autorität. &lt;br /&gt;- Das ist so. &lt;br /&gt;- Warum? &lt;br /&gt;- Weil es eben so ist.&lt;br /&gt;Und es gibt eine andere, noch überzeu­gendere Antwort, vollkommen rund, wo auch immer sie auftaucht: &lt;br /&gt;- Das hat mir gerade noch gefehlt! &lt;br /&gt;Unsere Kindheit ist vorbei, die Welt hat sich uns zivilisiert, und wir wissen nun zehnmal mehr, vielleicht, denken wir an die Grammatik (2), doch unsere Form der Auseinandersetzung mit der Welt hat sich nicht allzusehr verändert. &lt;br /&gt;Wenn unsere Sprache die Wirklichkeit nicht in ihrem ganzen Umfang erfassen kann, greifen wir auf die Tautologie zurück. Wir stellen das, was ist, im Arrangement mit dem, was sein soll, dar, wir erklären das, was zu tun ist, mit dem Geschehenen, wir zwingen den anderen und uns selbst die tautologische Sprache des schon bestehenden auf.&lt;br /&gt;Und es scheint, daß die Tautologie von der postmodernen Denkweise übernommen worden ist: &quot;die Tautologie ist das einzige wirklich Wahre&quot;, schreibt der Philosoph Jean Beaudrillard.&lt;br /&gt;Doch die Tautologie bringt uns zur leeren Sprache, zum hohlen Denken, zum unbewohnten Leben. Die Tautologie ist der Schutzschild des Mangels und des Konservativen. Und man muß sich über die Tautologie hinwegsetzen, genauso wie man die Angst und die Verwirrung und die Traurigkeit überwinden muß, zum Wissen hin, zur Freiheit, zur Hoff­nung auf Freiheit zumindest. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;25. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;(1) Im Original heißt es wie folgt. &quot;-Zergatik? / -Zebai irristatzen zitzaigun erdarrenimitzioz / -Zergatik? hagatik -ere esaten genuen&quot;. Hier wird auf einen grammatikalischen Fehler angespielt, der durch den Einfluss des Spanischen häufig vorkommt, er erweist sich jedoch als nicht übersetzbar.&lt;br /&gt;(2) Er bezieht sich auf den zuvor erwähnten Hispanismus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Kuckuck auf der Brücke von Rom&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Man sagt, am 5. März sänge der Kuckuck das erste Mal auf der Brücke von Rom. Von hier aus hört man den Kuckucksruf nicht. Gelänge er hierher, träge er uns womöglich mit den Hosentaschen so leer wie immer an.&lt;br /&gt;Heute denke ich an dich, an dich, die du gerade liest. Zunächst weiß ich noch nicht einmal wer du bist. Also, für wen schreibe dich?&lt;br /&gt;Ich schreibe nicht für mich selbst, obwohl ich ziemlich viel lese, in meiner Zelle kein einziges Buch ungelesen bleibt. Ich schreibe für niemanden im Besonderen, auch nicht für eine bestimmte Art von Leuten, und viel weniger noch für jeden.&lt;br /&gt;Wie dem auch sei, ich vermute, daß ich für irgendjemanden schreibe, ich habe die vage Hoffnung, daß mein Geschrie­benes dich, wer auch immer du sein magst, unterhält. Ich mache Töne und warte auf irgendein Echo von der ande­ren Seite. Meine Frage, wenn auch schon in der Vergangenheit verhallt, verlangt nach deiner Antwort. &lt;br /&gt;Ich sage &quot;In der Vergangenheit verhall­tes Verlangen&quot;, denn was ich dir in die­sem Tagebuch erzähle, liegt weit zurück. Ich weiß nicht, wann du diese Blätter lesen wirst, aber du hast einen Vorteil , du weißt schon, was morgen passiert ist, übermorgen. Vielleicht sind ein oder zwei Jahre vergangen, und was unterdessen passiert ist, weißt du genau. Du weißt mehr als ich, und meine Beobachtungen mögen dir töl­pelhaft erscheinenen von deiner höheren Zeitebene aus. Vielleicht wird das Meine dereinst statt Frage Erinnerung sein.&lt;br /&gt;Ich höre schon den Kuckuck. Ah, es ist nicht die Brücke von Rom. Es ist der Genosse in der Zelle nebenan, der täu­schend echt das Trillern der Vögel nachmacht.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;5. März &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;El Puerto de Santa Maria&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es geschah letzten Sommer. Wir betei­ligten uns an einem Aufstand im Gefängnis von Carabanchel, und nach ziemlich vielen Stunden des Widerstan­des wurden &#039;Wir von der Polizei nieder­gemacht. Zwanzig von uns wurden sofort nach Puerto de Santa Maria ver­legt, in Strafzellen, mit Auflage von einem Monat Sonderhaft. Was ich erzählen möchte, geschah in diesen Iso­lationszellen: &lt;br /&gt;Es war ein drückender Nachmittag, die Mücken beherrschten wie immer alles und jeden, drinnen und draußen, ohne sich um die Gitter zu scheren. Jeder Gefangene in seiner Zelle, alles war ruhig, bis auf das ein oder andere Krei­schen eines Schlüssels oder einer Tür. Plötzlich öffnete sich auf dem Gang der anderen Seite eine Tür, und es waren Schreie zu hören. Ich näherte mich dem Fenster, auf dem Gang gegenüber war eine Diskussion im Gange, drei oder vier Zellen weiter rechts, und ich konnte nicht jedes Wort hören: &lt;br /&gt;- Und Sie werden mich nicht schlagen! &lt;br /&gt;- Und ob ich das werde!&amp;nbsp; - und ich erkannte die Stimme eines Beamten. &lt;br /&gt;Unmittelbar darauf ertönten Schlüssel, ein kangrejo wurde geöffnet. Schläge und Schmerzensschreie des Geschla­genen hallten. Ich begann in dem Moment, gegen den kangrejo meiner Zelle zu schlagen, in dem alle anderen Gefangenen das Gleiche taten, und der ohrenbetäubende Tumult der Türen bei­der Gänge breitete sich aus. &lt;br /&gt;Als wir Ruhe gaben, hörte man immer noch die Diskussion zwischen dem Gefangenem und dem Beamten. &lt;br /&gt;- Und du hast nicht die cojones (1), mich nochmal zu schlagen! - sagt die sehrner­zerfüllte und pathetische Stimme des Gefangenen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Siehst du? - sagt der Beamte - Siehst du? Oder was? Willst du, daß ich dich zu Brei mache?&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Hör auf, Macho! -sagt ein anderer Beamter. &lt;br /&gt;Wieder schlugen wir gegen die Türen. Nach einer Weile trat Ruhe ein. Der Gefangene sagte uns durch das Fenster, daß sie ihn geschlagen hatten, daß er sich schlecht fühle und seine Ruhe haben wolle. Und alles kehrte zum täg­lichen Schweigen zurück.&lt;br /&gt;Eine Stunde später brachten sie das Abendbrot, und ich erkannte die Stimme des Schlägerbeamten. Er selbst öffnete die Tür, mit verbundener Hand. Er schaute herein, sie stellten die Ver­pflegung hin, und er verriegelte eilig die Tür. &lt;br /&gt;Stunden später, um elf Uhr abends, machten sie das Licht aus, und es blieb nichts anderes, als sich ins Bett zu legen. Eine Tür öffnete sich auf dem Gang und Bruchteile einer Unterhaltung waren zu hören, doch ich legte mich hin, ohne mich darum zu kümmern. Ich schlief schon, als mich Licht und Türgeräusch auf einmal weckten: &lt;br /&gt;- Haben Sie das von heute Nachmittag mitbekommen? -fragt der Beamte mich.&lt;br /&gt;Langsam kam ich zu mir, wobei ich den Kopf zwischen den Decken heraus­streckte, ohne die Augen völlig offen­halten zu können, überrascht und bene­belt. &lt;br /&gt;- Na klar, um zu sehen, ob das Geprügel aufhört. &lt;br /&gt;- Sie Politischen sind zivilisiertere Leute, aber mit diesen Leuten kommt man nicht klar, die sind dazu in der Lage, den Erstbesten umzubringen, Sie sind viel...&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Ich vermute, daß ihnen nichts anderes übrig bleibt, als das zu tun, was sie tun. Unter den Bettlaken nackt, sah ich den Beamten in der Tür stehen, in einer Nacht, in der alles übrige Schweigen war. &lt;br /&gt;- Und was halten Sie von dem von heute Nachmittag? - fragt er mich &lt;br /&gt;- Nun, daß es nicht in Ordnung ist, eine Person zu Brei zu schlagen, die sich zudem nicht verteidigen kann. &lt;br /&gt;Er stützte den Ellbogen auf dem kan­grejo auf, wobei er die verbundene Hand hochhielt. Bei den Gefangenen wird die Sicherheitstür, die Gittertür, die es zusätzlich zur gewöhnlichen Tür im Innern der Zelle gibt, kangrejo genannt.&lt;br /&gt;- Ich mußte es tun, weil er mich provoziert hat. Haben Sie das nicht gesehen?&lt;br /&gt;- Was soll ich Ihnen ich sagen? - antwortete ich.&lt;br /&gt;- Jetzt wissen Sie ja, wie es gewesen ist - sagt er, wobei er in seine Worte so etwas wie eine Drohung einfließen läßt, oder einen Hinweis, oder einen Rat.&lt;br /&gt;Er verschloß die Tür, löschte das Licht und ging. Durch das Fenster sah man die Nacht sternenübersät, aber es gab Mücken und war heiß. Und als das metallische Geräusch verklungen war, das Hallen der Stiefel auf dem Gang, kehrte alles zur gezwungenen Stille zurück, zum erdrückenden Frieden. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;9. März &lt;br /&gt;(1) cojones (span. Schimpfwort): Hoden&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Journalismus&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Napoleon Bonaparte wurde vom April 1814 an, als als er in Fontainebleau abdankte, auf der Insel Elba gefangen­gehalten, bis er im Frühling 1815 sein Heer wieder vereinte und beschloß, nach Paris zurückzukehren. Die Schlagzeilen der Pariser Tageszei­tung Moniteur Universel im Laufe jenes März sind in der Tat verblüffend, denn sie geben einzigartiges Zeugnis vom Vorrücken des Ex-Kaisers:&lt;br /&gt;9. März:&lt;em&gt; &quot;Das Ungeheuer ist seiner Verbannung entwichen&#039;&#039;. &lt;/em&gt;10. März: &lt;em&gt;&quot;Der korsische Menschenfresser ist in St. Jean gelandet&quot;.&lt;/em&gt; 11. März: ,&lt;em&gt;,Der Tiger ist in der Gegend von Gap aufgetaucht&quot;. Die Heere rücken dorthin vor, um seinen Vormarsch aufzuhalten. Sein verabscheuenswertes Unterfangen wird, wie andere Verbrechen, ein Ende in den Bergen finden&quot;.&lt;/em&gt; 12. März: &lt;em&gt;&quot;Das Ungeheuer hat die Stadt Grenoble erreicht&quot;&lt;/em&gt;. 13. März: &lt;em&gt;&quot;Der Tyrann befindet sich jetzt in der Gegend von Grenoble und Lyon. Sein Erscheinen hat die Welt in Schrecken versetzt.&quot;&lt;/em&gt; 18. März: &lt;em&gt;&quot;Der Usurpator wagt sich bis zu einem siebzig Stunden Fußmarsch von der Hauptstadt entfernten Punkt vor&quot;&lt;/em&gt;. 19. März: &lt;em&gt;&quot;Bonaparte rückt raschen Schrittes vor, sein Einmarsch in Paris ist unmöglich&quot;&lt;/em&gt;. 20. März: &lt;em&gt;&quot;Napo­leon wird morgen an die Mauern von Paris gelangen&quot;&lt;/em&gt;. 21. März: &lt;em&gt;&quot;Kaiser Napoleon ist in Fontainebleau&quot;. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;22. März: &lt;em&gt;&quot;Gestern Nachmittag hat seine Hoheit der Kaiser seinen öffentlichen Einzug in die Tuilerien gefeiert. Nichts kann den allumfassenden Jubel übertreffen&quot;.­&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;20. März &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;nbsp;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bei abnehmendem Mond&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gestern, um zehn Uhr abends, hat allen Anschein nach ein Kommando CAA (1) versucht, mit einem Boot Typ Zodiac in Pasajes einzulaufen, die spa­nische Polizei erwartete sie in einem Hinterhalt und tötete sie mit mehreren Schüssen, als sie an Land gingen. Pedro Mari Isart und Dionisio Aizpurua de Azpeitia und Jose Marti Izurza und Raf­ael Delas de Pamplona fielen tödlich getroffen, jeder von mehr als zwanzig Kugeln. Sie sind ganz schön tot, hat der Gouverneur von Guipuzkoa im Radio erklärt. &lt;br /&gt;Auf der Tankstelle von San Martln de Biarritz haben sie heute mittag Xabier Perez de Arenaza aus Mondragón getö­tet. Wie es scheint, hat sich jemand an ihn herangemacht, während er sein Auto volltankte, und von nahem auf ihn geschossen. Unmittelbar darauf erklärte sich die Gal (2) verantwortlich. Hier ist der Nachmittag trist. Seit über einem Monat haben wir die Zellen nicht verlassen, und zudem kommen keine guten Nachrichten rein. Manch­mal hat man das Gefühl, daß unsere Toten und unsere Träume sich in den Hohlräumen der Erde ansammeln. &lt;br /&gt;Vom Fenster aus fällt der Blick auf den Hof voller Müll und Pfützen. Manchmal sieht man Kaulquappen, die sich mit kurzen, nervösen Schwanzschlägen bewegen. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;23. März&lt;br /&gt;(1) Bis 1985 existierende autonome Guerilla.&lt;br /&gt;(2) GAL: Grupo Antiterrorista por la Liberación (Antiterroristische Gruppe für die Befreiung); Paramilitärische, von der spanischen PSOE-Regierung geheim finanzierte Organisation, die von 1983 - 1987 in Iparralda agierte und in dieser Zeit 27 Morde an baskischen Flüchtlingen beging und mehrere Dutzend verletzte. Nach dem Rückzug der GAL begann die französische Regierung, vermeintliche ETA-Mitglieder an den spanischen Staat auszuliefern. Der 94 untergetauchte und wegen Korruption gesuchte Chefpolizist Roldán war am Aufbau der GAL aktiv beteiligt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Faßt die Malerei nicht an&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ezkurdi (1), ein Steineichenwald wurde unter dem Einsatz riesiger Bagger und einiger Arbeiter zu einer sonderbaren Marmorarchitektur. Gärten, Teiche, kleine Brücken und weicher Rasen. Als wir Jungen sie zum ersten Mal betraten, hatten wir Angst, etwas zu berühren. Später machten wir uns alles durch Beruhren zu eigen, manchmal steckten wir eine Zigarette zwischen die Bronze­lippen von Fray Juan de Zumarraga, oder wir stahlen dem armen Geflügel im Taubenschlag Federn, denn wenn Nacht wurde, war jenes Gebiet in unserer Hand.&lt;br /&gt;Die siebte Dekade des Jahrhunderts&amp;nbsp; nahm ihren Anfang, und für uns begann die zweite des Lebens.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dort, in Ezkurdi, unter dem Schutz des ersten Bischofs von Mexico, die Trep­pen hinunter und halb um einen Teich herum, wurde eine Kunstgalerie einge­weiht. Auch diese betraten wir beim ersten Mal mit Zurückhaltung. An der Tür gaben uns ein paar unbekannte Männer ein paar Eintrittskarten, ohne sich weiter um uns zu kümmern, einer war Leopoldo Zugaza und der andere ]ose Julian Bakedano. So betraten wir also mit unseren Eintrittskarten die lange Galerie und beschauten die bun­ten, sich wie ein Ei dem anderen glei­chenden Bilder, die an der linken Wand hingen. &lt;br /&gt;Dann hielten wir vor einem der Bilder ein. &quot;Kann man es anfassen?&quot;, fragte mein Freund. &quot;Bilder faßt man nicht an&quot;, sagte ein anderer. Die Ölfarbe war großzügig aufgetragen, nicht eine Figur, tausend blaue und gelbe Schattierungen setzten sich zu einem geheimnisvollen Raum zusammen. &quot;Hier ist niemand&quot;, sagte ein Dritter, &quot;man kann es anfas­sen&quot;. Wir berührten es, und das Blau war sanft, mit einigen braunen, rauben Zonen, das Gelb weich und glatt unter unseren scheuen Fingern. &lt;br /&gt;Ich erinnere mich jetzt an jenen verbo­tenen Kontakt, weil er mit Sicherheit die erste Sünde gegen die Kunst war; wenn nicht die Sünde auch eine Form der Kunst ist. Aber - wenn es sauber ist, die Bilder anzuschauen, warum ist es schmutzig, sie zu berühren? Diese Frage hat mich lange Zeit beunruhigt, ohne daß ich eine Antwort gefunden hätte. &lt;br /&gt;Doch beim Lesen von Leonardo da Vinci versteht man leicht, warum das&amp;nbsp; Berühren verboten ist. In der Abhand­lung über die Malerei von Leonardo da Vinci findet man die hilosophischen Grundlagen der Tradition, die das Sehen über alle anderen Sinne stellt.&lt;br /&gt;In der kulturellen Tradition des Okzi­dents hat man die Sinne in zwei Grup­pen aufgeteilt, es gibt anscheinend sau­bere Sinne und schmutzige Sinne. Das Sehen und das Hören sind die sauberen Sinne, sie sind die zwei feinen Sinne, die man pflegen muß. Das Berühren, das Riechen und der Geschmack hinge­gen sind schmutzig, und man muß sich vor ihnen hüten. &lt;br /&gt;Die sich annähernden Sinne gelten im Okzident noch als Zeichen der Anima­lität. Die Malerei und die Musik hinge­gen erziehen zur Distanz und zur Betrachtung. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;13. April&lt;br /&gt;(1) Ezkurdi bedeutet Steineichenwald, eine Baumart, die Eicheln produziert, aber es ist auch ein Ortsname, genau genommen der Name eines Parks in Durango.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vladmimir Majakowski&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Am vierzehnten April 1930 bringt Vladi­mir Maiakowski sich in Moskau durch einen Schuß aus dem Revolver um. Er hinterläßt einige beschriebene Blätter, eine Art Testament und einige unvollen­dete Gedichte. Im Testament ist folgen­des zu lesen: &lt;br /&gt;&lt;em&gt;&quot;Niemand ist schuld an meinem Tod. &lt;br /&gt;Und bitte keinen Klatsch. Der Verstor­-&lt;br /&gt;bene verabscheute ihn. Mutter, Schwe­-&lt;br /&gt;stern, Freunde, verzeiht mir: Dies ist &lt;br /&gt;nicht der Weg (ich empfehle ihn nie-&lt;br /&gt;­mandem), aber ich weiß keine andere &lt;br /&gt;Lösung. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Lili, liebe mich.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kamerad Regierung: Meine Familie sind &lt;br /&gt;Lili Brik, meine Mutter, meine Schwe-&lt;br /&gt;­stern und Veronika Vitódovna Polóns-&lt;br /&gt;kaia. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Macht ihnen, bitte, das Leben erträglich. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gebt den Brik die unfertigen Gedichte. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sie werden sie entschlüsseln. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wie man zu sagen pflegt: &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schon ist alles zu Ende &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;das Schiff der Liebe &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ist am Alltag gekentert. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ich habe mit dem Leben Frieden geschlossen. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sinnlos &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sind die Erinnerungen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;an &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Leid &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Unglück &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und gegenseitige Kränkungen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vladirnir Maiakowski &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Seid glücklich. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;12-4-30 &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Freunde der Gruppe VAPP: denkt nicht, &lt;br /&gt;daß ich schwach bin. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wirklich, da ist nichts zu machen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Grüße&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sagt Yermilov, daß es mir leid tut, das &lt;br /&gt;Amt niedergelegt zu haben, ich hätte bis &lt;br /&gt;zum Schluß kämpfen sollen. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;VM. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Auf dem Tisch liegen 2000 Rubel, um &lt;br /&gt;die Steuern zu zahlen. Ihr müßt auch&lt;br /&gt; noch das Geld von Giz abrechnen.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Testament ist ein abschließendes Gedicht, es bedarf keiner Kommentare, einige Einzelheiten können jedoch hin­zugefügt werden, um es verständlicher zu machen. Lili Brik war lange Zeit die Geliebte von Vladimir Maiakowski. Der Dichter lernte Lili Brik und ihren Mann 1915 kennen, und es begann ein viel­schichtiges Liebesdreieck. Veronika Vitóldowna Polónskaia war verheiratet, Schauspielerin, und verbrachte mit Vla­dimir Maiakowski das letzte Jahr seines Lebens, wollte ihren Mann jedoch nicht verlassen. VAPP ist der Name der Orga­nisation proletarischer Schriftsteller. Als Das Bad von Vladimir Maiakowski, eine scharfe Kritik an der stalinistischen Bürokratie, uraufgeführt wurde, mach­ten die proletarischen Schriftsteller und vor allem Vladimir Yermilov, der zu die­sem Zeitpunkt Vorsitzender des Vereins war, dem Autor bittere Vorwürfe. Daraufhin hängte Vladimir Maiakowski an dem Ort, an dem das Werk uraufgeführt wurde, ein Antwortschreiben auf: &lt;em&gt;&quot;Es ist unmöglich, in einem einzigen Bad die­sen ganzen Haufen von Bürokraten zu säubern, weder die Badewannen rei­chen aus, noch die Seife, Außerdem ergreifen Kritiker wie Yermilow mit ihrer Feder Partei für die Bürokraten.&quot; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Der Verein VAPP verbot den Text, und Vladimir Maiakowski erklärte sich damit einverstanden, sein Papier abzuhängen. Giz, letzten Endes, ist der staatliche Ver­lag. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;19. April &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gerichte &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Einmal, als er über Gerichte sprach, erklärte Michel Foucault, daß es in den Gerichten eine Hierarchie und eine Reihe festgelegter Riten gäbe, die der verschie­denen Stühle, die der Bekleidung, die Stempelpapiere, eine bestimmte Reihen­folge von Vorschriften, sogar eine eigene und hochgestochene Sprache. Die ganze Förmlichkeit der Justizpaläste - so Michel Foucault - sei ungeignet, die Schuld oder Unschuld des Angeklagten zu beurteilen, die ganze Hierarchie und all die Riten sollen nichts anderes beweisen, als die Unschuld des Gerichtes selbst. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;10. Mai &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Sprache als Zuflucht &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein Seemann an der Westküste Irlands spricht, als einige Studenten, die aus Dublin gekommen sind, an ihm vorü­bergehen, mit seiner Frau, die die Netze säubert, auf gälisch. &lt;br /&gt;Die Alten aus Barkus sprechen in der taberna auf &quot;-skaa&quot;, wenn die &quot;manexak&quot; (nordbaskische Bezeichnung für Leute aus den baskischen Nachbar­provinzen) hereinkommen, so als ob sie zu verstehen geben wollten, daß sie etwas anderes sind. &lt;br /&gt;Die politischen Gefangenen der unter­drückten Völker erklären vor den Gerichten, daß sie nicht in der Staats­sprache sprechen werden, daß sie nur in ihrer eigenen minorisierten und marginalisierten Sprache sprechen werden. Die Frau aus Arneguy spricht mit dem jungen Bizkainer, der eben angekom­men ist, Euskara, versucht sich auf Eus­kara verständlich zu machen, während sie zum Zoll hinüberschaut, in einer schwierigen Unterhaltung das vereinend, was die zwei Sprachen der bei­den Zöllner trennen, hüllt dabei Traum einer Erde ohne Grenzen und Grenzer in den Schutz des Euskera. &lt;br /&gt;In den afrikanischen Hauptstädten par­lieren die jungen Leute auf französisch, weil sie von verschiedenen Stämmen sind und unterschiedliche Sprachen sprechen. Doch taucht ein Weißer auf, spricht jeder, ob sie sich verstehen oder nicht, in seiner Stammessprache, oder sie schweigen. &lt;br /&gt;Menschen, die eine Sprache sprechen, die fast niemand spricht, tun sich zusammen, und unmittelbare Vertraut­heit und äußerst starke Gefühlsbande einen sie.&lt;br /&gt;Zwei Gefangene verständigen sich von Beamten umlauert auf Euskara. Auch von Fenster zu Fenster verständigt man sich, obwohl jeder Laut auf Euskara verboten ist, in der Gewißheit, sich der Kontrolle der Beamten zu entziehen und mit der eigenen Sprache Gitter und Entfernungen zu überwinden. &lt;br /&gt;Es gibt unzählige Situationen. Die Spra­che kann darüberhinaus, daß man Beziehungen durch sie knüpft, eine Zuflucht sein. Ein Moment der Freiheit in einer durch die Umstände aufge­zwungenen feindseligen Welt, ein ver­trauter Ort, um sich vor aufdringlicher Neugier zu schützen, ein klandestiner Aufstand gegen das Unterdrückungssystem; darüberhinaus, daß sie ein Komunikationsmittel ist, bietet sie vielfältige Verwendungsmöglichkeiten für Verteidigung und Widerstand. &lt;br /&gt;Der Gebrauch der Sprache ist einer der letzten Rückhalte, die uns unterdrückten Völkern bleiben, eine kaum zu entreißende Stütze.&lt;br /&gt;Es ist sehr schwer, eine Sprache aus­zulöschen, es ist schwer, die Lippen zu verschließen und noch schwieriger ist es, dem, der sich wehrt, eine Sprache aufzuzwingen. Es ist den Fremden, den Beamten, dem herrschenden Staat unmöglich, den Mündern die Sprache des Geheimen, der Vertrautheit, der Rebellion zu entreißen, und unmöglich ist es, bringen sie auch die Münder zum Schweigen, sie den Herzen zu ent­reißen. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;7. Mai &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Kalb und das Kalbfleisch&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In Sprachzusammenhängen spiegeln sich Machtverhältnisse wider. &lt;br /&gt;In dem Buch&lt;em&gt; Linguistique et Colonialisme&lt;/em&gt; von Louis-Jean Calvet beispielsweise, einer kleinen Abhandlung über die die Entstehungsgeschichte von Sprachen, finden sich interessante Hinweise auf die soziale und idiokratische Unterdrückung des Englischen des XIV. Jahrhunderts, der Epoche der Entstehung der englischen Sprache.&lt;br /&gt;Zu jener Zeit sprach man an den Höfen und auf den Schlössern der normanni­schen Adligen sowie unter Anwälten, Rittern, und reichen Händlern franzö­sisch. Das Angelsächsische hingegen war die Sprache des einfachen Volkes, der Bauern und Leibeigenen, die keine andere Sprache kannten. &lt;br /&gt;Unterdessen entwickelte sich ein Sprachgebrauch, in dem Worte beider Sprachen verwendet wurden, um den Eigentümern von Vieh oder Land die Verständigung mit Bauern und Vieh­züchtern zu ermöglichen. Aus dieser Sprechweise entwickelte sich das moderne Englisch. &lt;br /&gt;In dem Roman Ivanhoe von Walter Scott ist im Laufe einer Unterhaltung zwischen Wanda und Girth ein bemer­kenswerter Abschnitt zu diesem Thema zu finden. Sich über häufig verwendete Worte unterhaltend, fällt ihnen auf, daß sie das Schwein, während es am Leben ist und ein Stalltier, bei seinem sächsischen Namen nennen, und ihm wenn es.einmal gestorben ist, wenn es in Schüsseln auf dem Tisch im Speisesaal des Schlosses steht, wenn es Schweinefleisch ist, den französischen Namen geben. &lt;br /&gt;Noch im modernen Englisch sind die Überbleibsel der ehemaligen Unter­drückung offensichtlich. &lt;br /&gt;Während es auf der Wiese weidet oder lebendig im Stall steht, wird das Kalb &lt;em&gt;calf&lt;/em&gt; genannt, auf französisch &lt;em&gt;veau&lt;/em&gt;, im Engli­schen auch &lt;em&gt;veel&lt;/em&gt;. Der Ochse heißt &lt;em&gt;ox&lt;/em&gt;, wie ihn die sächsischen Ochsentreiber nannten, doch aufgrund des franzöischen Einflusses &lt;em&gt;boeuf&lt;/em&gt; heißt das Ochsenfleisch &lt;em&gt;beef.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Ebenso ist es beim Hammel, er heißt &lt;em&gt;sheep&lt;/em&gt;, während er mit seinen Hörnern und all seinem Fell herumspaziert, doch&amp;nbsp; durch den französischen Einfluß &lt;em&gt;mutton&lt;/em&gt; wird das Hammelfleisch im Englischen &lt;em&gt;mutton&lt;/em&gt; genannt. &lt;br /&gt;Wie das alte Sprichwort&lt;em&gt; izana dela badakigul&lt;/em&gt; (1) sagt, zeigt sich in Worten das Geschehen von einst, erinnern die Spra­chen an andere Welten.&lt;em&gt;&lt;br /&gt;4. Juni&lt;br /&gt;1 Der name ist das Sein&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&quot;Regen&quot; sagen, und es regnet&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wir werden&lt;br /&gt;schweigend Worte wechseln. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Balbina Ederra &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;- Jene Abenddämmerungen waren Stunden des Spiels und des Mysteriums. Erinnerst du dich?&lt;br /&gt;- Ja, bei den letzten Sonnenstrahlen glätteten wir das Gras hin, um zu schlafen, und begannen zu quaken und im ganzen Tal ihre Klänge. &lt;br /&gt;- Als wir uns verkleideten und mit ren Kinderstimmen kreischend Höfe und Wiesen zogen. &lt;br /&gt;- Aber du kamst nicht jedes Mal mit, während wir anderen loszogen, setztest du dich zu dem Blinden. Was erzählte der Blinde dir? Er stellte mir Fragen, nach jedem Ding, wo es sich befand, ob sich etwas verän­dert hatte, wie die Dinge sich beweg­ten, und ich erklärte es ihm...&lt;br /&gt;- Du bliebst immer bei ihm, bis es Nacht wurde, und hast an seiner Seite gesessen. &lt;br /&gt;- Auch ich stellte ihm Fragen, über die Zeit, als er die Welt durchkreuzt hatte, man sagte, daß ihn sein Augenlicht erloschen sei, er zu gesehen hatte. Du fragtest ihn nach der Sonne, und er sagte zu dir, daß die Sonne sich in den Hochöfen von Bilbao versteckt hielte. Er sagte, daß die Kaul­quappen ins Meer gingen, nachdem sie in den Pfützen gewachsen waren, und sich dort in Tiere verwandelten, die größer waren als Kühe, Tiere, die Wale genannt wurden.&lt;br /&gt;- Einmal, ich erinnere mich, kamst du und sagtest, daß es Steine regnen würde. &lt;br /&gt;- Er sagte zu mir, daß beim Weltunter­gang haufenweise Steine in der Gegend von Barranktt fallen und alles zermal­men und dem Erdboden gleichmachen würden. &lt;br /&gt;- Aber es ist niemals auch nur ein einzi­ger Stein bei Barranku gefallen. &lt;br /&gt;- Ja, im nachhinein begreift man, daß das Ende der Welt nicht plötzliche Zer­störung ist, sondern ein langsames Ertrinken, das sich bei jeder Abenddäm­merung vollzieht.&lt;br /&gt;- Das, woran ich mich am deutlichsten erinnere, sind die Fledermäuse und wie wir die Boinas auf sie warfen. Man sagt, daß sie sehr, sehr alte Tiere seien. &lt;br /&gt;- Sie tauchten immer in der Abenddäm­merung auf, mit unruhigem Flug. Der Blinde sagte, daß Fledermäuse den Rosenkranz auf lateinisch beten können und daß wir ihnen keinen Schmerz zufügen sollten. &lt;br /&gt;- Manchmal denke ich, daß wir damals glücklich waren. &lt;br /&gt;- Das Glück, weißt du, was Glück ist? Es ist, wenn man &quot;Regen&quot;&#039; sagt, und es reg­net.&lt;br /&gt;- Jetzt sind wir wie ein vergessenes Lied.&lt;br /&gt;- Hör mal, schläfst du in der Nacht? Hörst du nicht den Lärm der Züge? &lt;br /&gt;- Ja, Lärm von Zügen, ja, viele fahren Nacht vorbei, aber keiner hält an. &lt;br /&gt;- Hier gibt es weder Bahnhof noch Gleise. Die Züge fahren unter der Erde entlag. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;10. Juni &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;


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