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 <title>arranca! - 9/11</title>
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 <title>Der Alltag ist Krieg gegen Frauen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/23/der-alltag-ist-krieg-gegen-frauen</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Die &quot;Revolutionäre Vereinigung der Frauen in Afghanistan&quot; (RAWA) ist eine parteiunabhängige feministische Organisation, die 1977 von intellektuellen Frauen in Kabul gegründet wurde und für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit kämpft.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die &lt;a href=&quot;http://www.rawa.org&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur RAWA-Webseite&quot;&gt;&quot;Revolutionäre Vereinigung der Frauen in Afghanistan&quot; (RAWA)&lt;/a&gt; ist eine parteiunabhängige feministische Organisation, die 1977 von intellektuellen Frauen in Kabul gegründet wurde und für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit kämpft. Nach dem Einmarsch der SU gingen Teile nach Pakistan und organisierten sich in der Grenzstadt Quettar und in Peschawar. In den vergangenen 24 Jahren haben sie ein Krankenhaus für Flüchtlinge aufgebaut, mobile medizinische Teams gegründet und führen Bildungsmaßnahmen in Afghanistan und im Exil durch. Sie unterstützen traumatisierte Frauen, bauen geheime Zellen in Kabul auf und organisierte Mädchenschulen im Untergrund. Mehrere Aktivistinnen, wie z.B. Meena, eine der Gründerinnen von RAWA, wurden bei Attentaten ermordet. Die 20-jährige Marina Kamal lebt im Exil in Pakistan. Frauen in Afghanistan dürfen nicht arbeiten, außer im medizinischen Bereich, und Mädchen, die älter als acht Jahre sind, dürfen keine öffentlichen Schulen mehr besuchen. Seit September 1997 wird Frauen und Mädchen der Zugang zu den staatlichen Kliniken verwehrt. Es gibt eine kläglich ausgestattete Frauenklinik in Kabul. Frauen ist es nicht erlaubt, ohne ihren Vater, Bruder oder Ehemann – ohne männlichen Verwandten – das Haus zu verlassen. Frauen, die keine Burka – einen den ganzen Körper verhüllenden Schleier mit nur einem kleinen Sichtgitter – tragen, deren Knöchel z.B. zu sehen sind, drohen Misshandlungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie viele Mitglieder hat RAWA?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind etwa 2.000 Personen aus praktisch allen ethnischen Gruppen Afghanistans. Etwa 80 Prozent unserer Mitglieder entwickeln klandestine Aktivitäten innerhalb des Landes. Die anderen arbeiten in Pakistan, hauptsächlich zur Unterstützung der Flüchtlinge. RAWA ist eine Frauenorganisation, obwohl wir natürlich auch männliche Mitarbeiter haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie sieht ein Tag für eine Aktivistin von RAWA in Pakistan oder Afghanistan aus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das hängt sehr von der Gegend ab, in der wir arbeiten. Als ich im Büro für Öffentlichkeitsarbeit tätig war, haben wir oft nachts gearbeitet. Wir hatten wenig Ressourcen und die Arbeit war sehr hart. Jetzt bin ich in der Bildungsarbeit tätig. Ich besuche die Alphabetisierungskurse und die Lehrerinnen, ich kümmere mich um die Teilnehmerinnen und die Presse. Innerhalb Afghanistans ist unsere Arbeit sehr unterschiedlich und gefährlich. Es gibt Leute, die eine kleine geheime Schule in ihrem Haus betreiben. Andere, wie zum Beispiel Medizinerinnen, leisten medizinische Hilfe. Es gibt auch Leute, die unsere Publikationen innerhalb Afghanistans verteilen. Das sind Publikationen, welche die Leute kaufen, obwohl sie dabei ihr Leben riskieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ihr legt großes Gewicht auf Bildung?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Männer haben mehr Macht in allen Aspekten des öffentlichen Lebens, weil sie besseren Zugang zu Bildung haben. Unsere Alphabetisierungskurse und die Kurse zur politischen Bewusstseinsbildung haben das Ziel, den Frauen Macht zu verschaffen und sie in die Lage zu versetzen, ihre Rechte einzufordern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was bedeutet für Euch Feminismus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir kennen den westlichen Feminismus, aber die Grundlage unserer Ideen beziehen wir aus unseren elementaren Erfahrungen und der Repression, unter der wir leiden. Frauen werden seit drei Jahrzehnten auf allen Ebenen unterdrückt. Die Forderung nach Gleichheit und Grundrechten entsteht da ganz von alleine. Es gibt wichtige Unterschiede zu einem europäisch geprägten Feminismus. Während Frauen im Westen für das Recht auf Scheidung oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit kämpfen, kämpfen wir für das Recht, das Haus zu verlassen. Während Frauen im Westen sich für Parlamentssitze einsetzen, kämpfen wir für grundlegende Dinge, wie dass wir uns alleine in der Öffentlichkeit bewegen können. Oder dafür, dass es nicht lebensgefährlich ist, wenn man aus Versehen einen Arm unter unserer Burka sehen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie leben die Aktivistinnen von RAWA den Islam?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind fast alle Muslime, aber Muslime, die den Islam als eine persönliche Option leben. Er bildet einen Teil unseres Lebens, aber er darf nicht die Politik bestimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie passt eine feministische Bewegung wie Eure in den Islam?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Islam ist eine sehr weite Religion und – selbstverständlich – weit entfernt von der Interpretation der Taliban. Der Islam bietet Frauen das Recht auf Bildung, auf die Straße zu gehen, zu arbeiten und ihre Rechte zu fordern. Es gibt natürlich viele Interpretationen des Islam. Für uns heißt Feminismus in Afghanistan, dieselben Rechte zu besitzen wie die Männer, vor allem das Recht zu leben. Auf jeden Fall ist der Islam ein sehr umstrittenes Thema. Im Laufe der Geschichte hat sich gezeigt, dass die Religionen, der Islam mit eingeschlossen, die besten Waffen in den Händen der Regierenden und Diktatoren waren, die Bevölkerung zu kontrollieren und vor allem die Frauen. Afghanistan ist ein klares Beispiel für die Nutzung der Religion für politische und persönliche Interessen. Alle Fundamentalisten, sowohl die Taliban als auch die Jehadis, haben den Islam entsprechend ihrer eigenen Interpretation benutzt, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Warum sieht man so viele Frauen, die hier in Pakistan die Burka tragen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Burka ist Teil unserer Kultur. Es gab immer Frauen, die sie angezogen haben. In konservativen Familien ist das noch immer üblich. Was ganz neu in unserer Kultur ist, ist, dass Frauen gezwungen werden, die Burka zu tragen. Einige Frauen, wie beispielsweise Meena, die Gründerin von RAWA, benutzten sie, um nicht erkannt zu werden. Wir selbst tragen die Burka manchmal, wenn wir nach Afghanistan reisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was fühlt man unter einer Burka?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Du siehst kaum etwas durch das Stoffgitter in Augenhöhe. Man kann kaum atmen. Während der Mittagshitze vervielfacht sich jede Anstrengung. Der Gedanke, dass dich jemand töten kann, wenn du die Burka öffnest, verstärkt das Gefühl der Drangsalierung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was ist die Politik der Regierung gegenüber RAWA?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Strategie der Taliban und auch der reaktionären Presse in Pakistan ist es, uns zu diskreditieren. Sie bezeichnen uns als &quot;untreue Frauen&quot;, als &quot;Prostituierte&quot;, als &quot;anti-islamisch&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ist das Leben von RAWA-Aktivistinnen auch in Pakistan in Gefahr?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Selbstverständlich. Es ist nicht so gefährlich wie in Afghanistan, aber einige Aktivistinnen sind verhaftet worden, und wir werden beobachtet. Wir werden auch bedroht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Welche Verbindungen zum Ausland habt Ihr?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In dieser harten Zeit ist es eine Notwendigkeit für uns, Mitarbeit und Hilfe von allen Organisationen und Bewegungen, die die Freiheit lieben, zu suchen, egal wo sie sind. Weil unsere politischen Ziele und unsere Situation denen der Palästinenserinnen, Zapatistinnen und Kurdinnen ähneln, ist es klar, dass wir uns diesen progressiven Bewegungen nahe fühlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie sieht sich RAWA politisch?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind eine unabhängige soziale und politische Organisation. Wir sind feministisch und anti-fundamentalistisch. Wir kämpfen für die Freiheit, die Demokratie und die Rechte der Frauen. Innerhalb der politischen Landkarte können wir uns nicht verorten, weil es uns in erster Linie um die genannten Ziele geht. Von der Rechten werden wir als links bezeichnet. Einige Linken sagen, dass wir Rechte sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie schätzt Du die aktuellen Ereignisse ein?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist eine neue Katastrophe für unser Land. Der Angriff auf Afghanistan wird den Schmerz der Amerikaner über die terroristische Attacke nicht lindern. Die USA sollten zwischen der afghanischen Bevölkerung, die eine furchtbare Zeit durchleidet, und den Fundamentalisten unterscheiden. Wir habe die Attentate des 11. September energisch verurteilt, aber wir erinnern daran, dass Bin Laden ein Mitarbeiter der CIA war und die USA die Fundamentalisten finanzierten. Die USA sollten nicht Afghanistan angreifen und Tausende ZivilistInnen ermorden, um sich am Verbrechen von Bin Laden und den Taliban zu rächen. Die Nordallianz ist die andere Seite derselben Medaille. Das sind die gleichen Mörder und Fundamentalisten wie die Taliban.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In ihrer Grausamkeit und ihrer Einstellung zu Frauen sind die Gruppen der Nordallianz kein bisschen besser als die Taliban. Auch bei ihnen wurden Frauen verschleiert, sie durften nicht zur Schule, sie wurden gesteinigt. Es wurden Massaker an ethnischen Minderheiten verübt und Frauen vergewaltigt. Für die afghanische Bevölkerung bietet die Nordallianz keine Perspektive. Wir wollen eine politische Lösung.&lt;/p&gt;


&lt;!--
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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:35 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Bad Timing</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/23/bad-timing</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Der 11.9. hat die Globalisierungskritik unterbrochen, das zumindest. Aber zum Attac-Kongress in Berlin kamen wieder Tausende. Das Eindringen militanter Kritik in den gesellschaftlichen Mainstream scheint jedoch verschwunden zu sein.  Dass sogar die CDU damit begonnen hatte, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen, ist mit den Gesetzesvorschlägen von Schily Makulatur geworden.  Was ist mit der Bewegung selber? Mit den vielen Bewegten? Kann es sein, dass der Schock sie eingefroren hat? Was verbindet den 11.9. mit Globalisierungskritik: nur bad timing oder mehr?&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Der 11.9. hat die Globalisierungskritik unterbrochen, das zumindest. Aber zum Attac-Kongress in Berlin kamen wieder Tausende. Das Eindringen militanter Kritik in den gesellschaftlichen Mainstream scheint jedoch verschwunden zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass sogar die CDU damit begonnen hatte, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen, ist mit den Gesetzesvorschlägen von Schily Makulatur geworden.  Was ist mit der Bewegung selber? Mit den vielen Bewegten? Kann es sein, dass der Schock sie eingefroren hat? Was verbindet den 11.9. mit Globalisierungskritik: nur bad timing oder mehr?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Naomi Klein berichtet, dass verschiedene Gruppen für den Oktober einen symbolischen Angriff gegen den Finanzdistrikt Torontos geplant hatten. Schon vor dem 11.9. waren die Plakate gedruckt worden, auf denen Hochhäuser abgebildet und mit roten Umrisslinien als prekäre Zonen markiert waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch die Neoliberalismuskritik zielte auf Symbole des Kapitalverhältnisses. Ende der 90er hatten AktivistInnen von AC! (Gegen die Arbeitslosigkeit) ein Feuer in der Pariser Börse angezündet und Papiergeld von den Rängen regnen lassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Flugzeuge, die in die Tower in NY flogen, sind nun offenkundig alles andere als ein Verstärker der in Seattle artikulierten Kritiken. Das liegt schon daran, dass mit den Flugzeugattentaten keine Ziele formuliert wurden und die, über die spekuliert wird, sich von Seattle unterscheiden. Das Ausmaß des Angriffs auf das WTC überformt gigantisch die unterschiedlichsten Ansätze in der Postfordismuskritik. Verschiedenste Unklarheiten oder Widersprüche, die zum Kern der Bewegung gehören, finden sich nach dem 11.9. verschoben:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt; Die politischen Ziele der Bewegung sind auch in Genua unklar und heterogen geblieben.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Das Niveau des Angriffs wurde nicht genau bestimmt. Der faschistoide Polizeiapparat in Genua verdeckte, dass die Bewegung insgesamt keine wirkliche Unversähnlichkeit mit dem Staat entwickelt. Vor allem in Frankreich zeigt sich das an den Überlegungen zur Rettung des Wohlfahrtstaates. Auch die Tobin-Steuer setzt einen funktionierenden Staat voraus. &lt;/li&gt;
&lt;li&gt; Verwüstete McDonald&#039;s-Läden ändern nichts daran, dass sich daraus kein moralischer Imperativ gegen Fast-Food mehr ergibt (in den 80ern der Ökobewegung war das anders). &lt;/li&gt;
&lt;li&gt; Forderungen nach offenen Grenzen ersetzen keine Überwindung der sozialen Segregation&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_zjq6b2x&quot; title=&quot;Segregation: Trennung, Absonderung&quot; href=&quot;#footnote1_zjq6b2x&quot;&gt;1&lt;/a&gt; zwischen Migrant/innen und nationalen Eingeborenen. &lt;/li&gt;
&lt;li&gt; Die Kritik an den neuen Ausbeutungsverhältnissen in deregulierten Arbeitsmaschinen wird nicht unbedingt dadurch aufgehoben, dass manche in der Bewegung stolz darauf sind, selbst wie moderne Unternehmen funktionieren zu können.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;Die Bewegung löst diese Art von Widersprüchen nicht. Sie hält sie nur aus: Das allein bedeutet schon eine Stärke. Man könnte auch sagen, es ist ihre historische Bedingung und insofern weder gut noch schlecht. Es gibt dafür viele Gründe und ist möglicherweise (emanzipativ) schlicht nicht anders denkbar. Einer liegt schon darin, dass bei vielen Linken langsam die Erkenntnis angekommen ist, dass man nicht damit fortfahren kann, historische Subjekte irgendwo in der Welt zu suchen, die tatsächlich in der Lage wären, den Antagonismus zum System zu tragen; also Menschen, die objektiv bis zu dem Grade ausgebeutet werden, dass ihre Ablehnung des Systems auch nicht durch das Versprechen auf partielle Verbesserungen aufzuheben wäre. Verzichtet man darauf, Radikalität auf andere zu projizieren, dann folgt daraus, dass ein Angriff - auch ein radikaler - nur mit Verwicklung in das, was er angreift, gedacht werden kann. Darin liegt ein Antitotalitarismus, der kein Selbstzweck ist, sondern nur so stark ist, wie er Neues erfindet: neue strategische Verbindungen, neue soziale Realitäten. Die Differenzen zwischen NGO-Strategien, zwischen außerparlamentarischer Sozialdemokratie oder einem internationalistischen Antikapitalismus sind dadurch nicht verschwunden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Heterogenität der Bewegung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In bestimmter Hinsicht ermöglicht die Heterogenität und Widersprüchlichkeit der Bewegung eine Integration auch sehr unterschiedlicher Politikansätze und lokalspezifischer politischer Erfahrungen. Sind beispielsweise die jeweiligen Geschichten der Linken in der DDR und BRD schon kaum miteinander  zu vergleichen, so sind die Unterschiede in Deutschland und Frankreich nicht kleiner (in Frankreich gab es eine staatstragende Linke, in der BRD nicht). Wie viel weniger einfach ist das im Fall ehemaliger Kolonialstaaten oder Ländern des früheren Staatssozialismus mit überwiegend muslimisch orientierter Bevölkerung. Der Einsatz, den die globalisierungskritische Bewegung für die Affirmation der Migration, ihre Durchsetzung und die Sichtbarmachung des Zusammenhangs zwischen Kapitalismus und Einwanderung leistet, macht nur dann Sinn, wenn diese Unterschiede übersprungen werden können. Überspringen heißt aber nicht unsichtbar machen oder beseitigen, sondern eher realisieren. Ein Sprecher von THE VOICE sagte zum Beispiel auf einer Diskussionsveranstaltung zu Genua, dass die Mehrzahl der europäischen DemonstrantInnen mit ihren politisch-sozialen Erfahrungen den G8-Eliten näher stünden als den kämpfenden Subjekten im Süden. Die Bewegung ist so gut, wie sie etwas daran ändert und gleichzeitig nicht daran auseinander bricht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist wichtig, bestimmte Widersprüche und Unterschiede in der politischen Bewegung konstruktiv zu machen, will man nicht andere dissidente Erfahrungen kolonialisieren. Wenn die Bewegung damit den Internationalismus der 80er Jahre beerben kann, dann eben in einer Umkehrung. Statt eine gemeinsame Front aufzubauen, werden heute eher Vorstellungen von Netzen entwickelt, die Widersprüche verbinden können. Genau das ermöglichte bis heute überhaupt, dass sich die ökonomische Globalisierung kritisch nachvollziehen ließ. Initiativen wie MoneyNation oder nettime machten beispielweise vom Zusammenhang zwischen Internetkommunikation und neuen kulturellen Mustern in einigen Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes Gebrauch, um eine Zusammenarbeit herzustellen, die nicht ausschließlich darauf basiert, dass alle gemeinsame Ziele verfolgen. Es ist für die Strategie der Bewegung wichtig, die Bewegung nicht mit den Bewegten zu verwechseln. Eine Bewegung kann besser oder schlechter sein, als die individuelle Verfassung der Beteiligten das vermuten lässt. Negri machte schon für die Pariser Streikbewegungen in den 90er Jahren geltend, dass es nicht alleine ausschlaggebend sei, dass ihre expliziten Forderungen bürgerlich seien. Die öffentlichen Beschäftigten schienen sich nur für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu interessieren, die SchülerInnen nur für Reformen im Schulbereich. Aber die Radikalität und das Ausmaß der Streiks hatten eine eigene Dynamik, die mehr versprach. Die bürgerliche Ausrichtung der Beteiligten und der OrganisatorInnen waren nicht 1:1 auf die Bewegung hochzurechnen. Das trifft auch weiterhin zu, auch für die Momente, in denen verschiedene Menschen in Genua einen wirksamen Zusammenhang erzeugt haben. Die Trennung von Bewegung und Einzelnen macht nicht zuletzt ernst mit der Erkenntnis, dass Subjekte nicht einheitlich sind.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Internationalismus und Islam&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn es wichtig ist, die Attacke auf das WTC nicht als einen Angriff &lt;em&gt;&quot;des Islams&quot;&lt;/em&gt; gegen &lt;em&gt;&quot;den Westen&quot;&lt;/em&gt; misszuverstehen, so werden ununterbrochen von allen Seiten Verbindungen hergestellt. Der 11.9. ist von einer Thematisierung der kolonial-korporativen Verbrechen der alten und neuen Weltordnung nicht wirklich zu trennen. Jede Beschäftigung mit den Tätern oder den Ursachen weist hilflos auf die europäische Kolonialgeschichte und die Hegemonialpolitik der USA. Und auch wenn man die Flugzeugbomben in NY islamischen Radikalen zuschreibt und den politischen Gehalt der Tat als reaktionär fixiert, lässt der Krieg gegen Afghanistan dennoch die Frage wiederkehren, wie der Westen eine neue Weltordnung organisiert, um gegen ein sich islamisch rechtfertigendes System vorzugehen. Die Willkürlichkeit des heutigen Angriffs gegen das Taliban-Regime, die Nachlässigkeit von Beweisen gegen Bin Laden, die Ziellosigkeit der Angriffe, all das deutet auf das rassistische Verhältnis der Weltregierungen dem nun terroristischen Regime gegenüber. An dieser Stelle setzt ein komplexes Feld ein. Einerseits der autoritäre Exzess der Taliban, ihre anti-israelischen Drohgebärden und andererseits eine zwanzig Jahre währende zum Teil vom Kalten Krieg überdeterminierte Geschichte fortgesetzter Kriege in Afghanistan und die Projektion politisch-religiöser Organisationen auf einen eigenen Nullpunkt, aus dem heraus ein islamischer Staat sich formieren könnte. Dieses Feld kann nicht vereinfacht werden und die verschiedenen Elemente dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Eines der Elemente wird nicht weniger wahr, weil das andere auch gilt. In jedem Fall sind die fehlenden Schnittstellen der meisten Linken zum Komplex politischer Islam ein Hinweis, mit abschließenden Urteilen vorsichtig zu sein. Der Internationalismus von Genua hat hier sein schwarzes Loch. Es wäre nur zu erhellen, wenn sich die Westlinke in Diskussionen hineinziehen ließe, die sich um jene reaktionäre Formierungen drehen, die im Postfordismus stärker werden und die nicht in das konventionelle Verständnisraster der Linken (militärische, staatliche, ökonomische Repression) fallen: die Ethnifizierung des Sozialen, die Politisierung der Religion usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das sehen manche anders. Sie wissen, was los ist: die Gegner, gegen die das globale Anti-Terror-Bündnis antritt, sind für einige Linke Faschisten und das Eigene wird plötzlich verteidigenswert. Die Freiheit im Kapitalismus ist doch irgendwie Freiheit und säkularer Staat nicht so schlecht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Plötzlich ist westlicher Lebensstil ein erhaltenswertes Gut. Radikale Linke werden zu einer neuen kriegerischen Poplinken, die Fanta Statt Fatwa dichtet. Das fällt noch hinter die Globalisierungskritik zurück, denn deren No Logo Logo versucht beides gleichzeitig zu tun: Lebensstile anzugreifen und gleichzeitig für sich zu beanspruchen. Wenn man in der Vergangenheit die Ambivalenz der Konsumprodukte behauptet hat, darauf bestanden hat, dass Individuen von ihnen in sehr unterschiedlicher Weise Gebrauch machen können - emanzipativer oft als von den Dingen, die zum Zwecke progressiver Kultur konzipiert wurden -, dann kann daraus nicht der Umkehrschluss gezogen werden, dass es sich bei Konsumkultur um etwas handelt, das verteidigt werden muss. Mit Fanta ist nicht das liberale Eigene bezeichnet, das einer vorgeschichtlichen Fatwa-Logik voraus ist, weil, erstens wer Fatwa sagt, auch gerne mal eine Fanta trinkt und zweitens Fatwa auch eine spätmoderne Reaktion auf die Antagonismen der Fantawelt ist. Nach Seattle ist es auch als eine wichtige Voraussetzung heutiger Politik anerkannt worden, dass man nicht einfach über die Analyse verfügt, wie die Veränderungen der Fanta-Fatwa-Welt idealiter aussehen würden. Eine solche Veränderung kann ohnehin nicht voluntaristisch geplant werden. Sie hat eher damit zu tun, was vorhanden ist. Jede Kraft bezieht sich auf das, was sie kann. Die Konkurrenzlogik von vielen (journalistischen) Linken, die immer genau wissen, wie die Analyse zu machen ist, hätte nun wirklich ein Ende. Jede Analyse ist nicht so gut wie das, was sie erklärt, sondern so gut wie das, was sie herstellt.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_zjq6b2x&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_zjq6b2x&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Segregation: Trennung, Absonderung&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

&lt;!--
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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Stephan Geene</dc:creator>
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 <title>Das Versprechen des Politischen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/23/das-versprechen-des-politischen</link>
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                    &lt;p&gt;20. Juli. Genua. Zweiter Tag der Demonstrationen. Gegen Mittag machen sich vom Leichtathletikstadion Carlini über 15.000 AktivistInnen aus Süd- und Westeuropa zum Training mit den Tute Bianche auf. Ein kurzer Rundlauf biopolitischer AktivistInnen, der eine Stunde später von einem CS-Gas-Bombardement der Polizei gestoppt werden wird. Zehn, zwanzig Meter steht alles in weißem Nebel. Biopolitischer Gegenangriff. Dahinter Panzerwagen. Wer keine Gasmaske auf hat, stürmt zurück. Zurück? Da ist nichts. Keine Seitenstraße. Keine Grünfläche. Kein Platz. Links meterhoher Bahndamm. Rechts Hauswand an Hauswand. Dazwischen die zähe Größe von Tausenden DemonstrantInnen. Tute Bianche im Training kurz vor der Massenpanik.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;20. Juli. Genua. Zweiter Tag der Demonstrationen. Gegen Mittag machen sich vom Leichtathletikstadion Carlini über 15.000 AktivistInnen aus Süd- und Westeuropa zum Training mit den Tute Bianche auf. Ein kurzer Rundlauf biopolitischer AktivistInnen, der eine Stunde später von einem CS-Gas-Bombardement der Polizei gestoppt werden wird. Zehn, zwanzig Meter steht alles in weißem Nebel. Biopolitischer Gegenangriff. Dahinter Panzerwagen. Wer keine Gasmaske auf hat, stürmt zurück. Zurück? Da ist nichts. Keine Seitenstraße. Keine Grünfläche. Kein Platz. Links meterhoher Bahndamm. Rechts Hauswand an Hauswand. Dazwischen die zähe Größe von Tausenden DemonstrantInnen. Tute Bianche im Training kurz vor der Massenpanik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit Mitte der 90er Jahre üben die Tute Bianche in ihrer theoretischen Praxis die Ingebrauchnahme operaistischer Begriffe: Multitude, reale Subsumtion der Gesellschaften unter das Kapital, In-Wert-Setzung des gesamten Lebens, der Kommunikation, des Wissens, der Affekte usw. Die Tute Bianche könnten sich zum Beispiel gesagt haben: Wenn es stimmt, dass die Produktion den Ort der Fabrik verlässt; wenn es stimmt, dass die Arbeitskämpfe und sozialen Auseinandersetzungen der 60er und 70er mit dazu geführt haben, dass die Fabrik in die Gesellschaft diffundiert, dass die gesamte Gesellschaft zur Fabrik wird; wenn es stimmt, dass die feministische Sichtweise, nicht-bezahlte Arbeit zur gesellschaftlichen Produktivität zu zählen, auf erweitertem Level historisch wahr geworden ist; wenn es stimmt, dass das Kapitalverhältnis sich immer produktiver durch die Körper frisst; das Wissen über die Arbeitsabläufe, die Fähigkeit zu Kooperation und Selbstorganisation, die Gefühle und Subkulturen in Wert setzt und die Subjekte drängt, Unternehmer ihrer eigenen marginalisierten und fragmentierten Existenz zu werden, dann ist es an der Zeit, mitten in dieser Subsumtion eine biopolitische AktivistIn zu erfinden, die auf der Höhe der Zeit ist. Auf der Höhe der Zeit heißt für die Tute Bianche, dass die politischen Praktiken die gesamte vernetzte Sozialität, die der Spätkapitalismus hervorbringt, verwertet und kontrolliert, durchlaufen müssen. Das ist die Multitude. Unglaublich kitschig. Aber charmant. So etwas wie kämpferische Heterogenität. Eigentlich könnte man sagen: das wieder entdeckte Patchwork der Minderheiten, das um sein Modernisierungs- und Innovationspotential für die Verhältnisse weiß. Das Kämpferische wird produktiv und positiv. Das ist die Schule des Kapitalismus selbst, hinter dessen Lehrplan die Tute Bianche nicht zurückgehen wollen: Die permanente zur Selbstunternehmung mobilisierte Subjektivität (Mach was! Verwirkliche, äußere, beweise dich! Rette dich selbst!) soll weniger zur Negation, zum Bruch, zur Arbeitsverweigerung, zum Nehmt die Gewehre! oder zur Sekunde zwischen Wurf und Aufprall, sondern in erster Linie zum Aktivismus dissidenter Selbstorganisation fortschreiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die praktische Praxis rauscht stärker als die theoretische Praxis. Noch direkter als in der Theorie führt sie zur Begegnung mit dem, was nicht gedacht und nicht berücksichtigt wurde. Am 20. Juli scheiterte das Tute bianche-Konzept der spielerischen Militanz und der begrenzten Provokation an der Strategie der Polizei. Ihr war es gelungen, die Straßenmilitanz, mit der sie zu rechnen hatte, direkt in die Aufstandsbekämpfung miteinzubauen. Das Klirren der Scheiben wurde in Kauf genommen, um sie als Vorlage zu nutzen, auf jeden organisierten Ausdruck von Demonstration draufzuhauen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ecstasy für die Multitude&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;An der Straßenschlacht, die sich nach dem Polizeiangriff auf die Tute Bianche-Demo entwickelte, waren zu einem Drittel kunststoffgepolsterte DemonstrantInnen beteiligt. Das Umschalten von der so genannten disobbedienza civile zum konventionellen Riot ging schnell, spontan und reibungslos. Diese Übergänge von einer Praxis in die andere, die Grauzonen, das Rauschen und die Diffusion ihrer Vorgehensweisen repräsentieren die Sprecher der Tute Bianche nicht. Ihre relativ starke Position kollidiert mit ihrer Vorstellung der Multitude, was auf der Titelseite der Wochenzeitung &quot;L&#039;Espresso&quot; gut zum Ausdruck kam – vorne Luca Casarini, Sprecher der Tute Bianche, im Hintergrund die Multitude im Demolook der Saison mit Skimütze und weißem Overall.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Tute Bianche artikulieren genauso wie Pink Silver, das Netzwerk der People&#039;s Global Action oder die AktivistInnen migrantischer Selbstorganisation ein Versprechen. Das Versprechen des Politischen. Das leise Wiederauftauchen der Optionen. Das Politische der Situation liegt im Asubjektiven. Es sind in erster Linie nicht die einzelnen Subjekte, die schlauer werden. Denn selbst wenn, würde das nicht ausreichen. Es ist eher das Zusammentreffen. Dieses Gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen. Jenseits der Anstrengung, politisch weiter machen zu wollen, sind die Dinge in Bewegung geraten, weg vom Solidaritäts-Internationalismus, weg von einem Antirassismus, der als erneuerte Identitätspolitik für eine autonome Linke funktioniert, weg von den Vorstellungen der Unterstützung und des Fürsprechens, weg von der pathetischen Authentizität des Streetfighters&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leider sind in der BRD nicht People&#039;s Global Action, Pink Silver, Indymedia, The Voice, das Grenzcamp usw. zu Echokammern für dieses erneuerte Gefühl des Politischen geworden, sondern Attac.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gegenüber der Sedierung&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_yw7wpur&quot; title=&quot;Sedierung: Ruhigstellung&quot; href=&quot;#footnote1_yw7wpur&quot;&gt;1&lt;/a&gt; des Politischen bei Attac sind die Tute Bianche Ecstasy. Das Interessante ist ihre avancierte Vorstellung vom Kapitalismus als gesellschaftlichem Verhältnis. Sie holen den Antikapitalismus weg vom Ökonomismus. Nach einer starken Phase der Integration erneuern sie unter dem Label der Multitude das Konzept der mikropolitischen Praktiken. Und mit der These von der Produktivmachung und In-Wert-Setzung aller subjektiven Artikulationen fusionieren sie feministische und operaistische Ökonomietheorie. In ihrer Selbstsicht scheinen die Tute Bianche aber die gegenläufigen, nicht intendierten und ambivalenten Effekte ihrer politischen Arbeit nicht zu sehen. Der Widerspruch zwischen Multitude und der starken Position ihrer Sprecher ist ein Beispiel. Ein anderes ist die Restrukturierung der Centri sociale in Rom, Mailand und im Nordosten Italiens, die mit ihrer Analyse des Postfordismus zu tun hat: Nachdem sich der disziplinierte und homogene Ort der Fabrik in netzförmige, entgarantierte, fragmentierte und atypische Arbeitszusammenhänge aufgelöst hat, wird immer intensiver auf den lebendigen Reichtum der Subjekte, ihr Wissen, ihre Kommunikation, ihre Selbstorganisation, ihre Gefühle zugegriffen. Der kommunistische Horizont dieser Analyse liegt in der Möglichkeit der selbstbestimmten gesellschaftlichen Kooperation der Multitude, die in den Alltagsstrukturen des Kapitalismus entsteht. Diese Analyse ist sehr optimistisch. Sie dethematisiert die Unentschiedenheit des Kräfteverhältnisses. Sie fragt zu wenig, was es bedeutet, wenn die Multitude in den Teamgeist von Start ups und jungem Unternehmertum regrediert; was es bedeutet, wenn die Netzwerke der SelbstunternehmerInnen in radikalisierte Ideologien investieren: Ultraindividualismus und Abbau aller sozialen Ausgaben, Regionalismus und Rassismus; und was es bedeutet, wenn in den meisten atypischen Dienstleistungsjobs nicht der lebendige Reichtum der immateriellen ArbeiterInnen verwertet wird, sondern ihre Bereitschaft zu flexiblen Services wie Putzen, Aufpassen, Kehren, bezahlter Hausarbeit, Telefonieren für Konzerne usw. Zusammen mit einer Existenzgeldkampagne haben eine Reihe von Centri sociale Ende der 90er Jahre damit begonnen, eine Beratung für immaterielle ArbeiterInnen aufzubauen. Leider überlassen die Tute Bianche die kritische Diskussion, inwieweit diese Praxis auf kommunaler Ebene der Stärkung des sogenannten Dritten Sektors und der zivilgesellschaftlichen Eigeninitiative entgegenkommen könnte, ihren KritikerInnen. Eine Arbeitsteilung, die ein weiteres Mal das Verhältnis der Multitude unterbricht und die moralische Old School von Denunziation und kritikloser Selbstabschließung in der Linken etabliert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kulturalisierung des Politischen nach dem 11.9.&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der terroristische Angriff auf das World Trade Center am 11.9. hat auf einen Schlag gezeigt, was negative politische Potentialität ist. Die Tage nach Genua waren von einer asubjektiven Potentialität neuer internationaler Praktiken bestimmt, die auch dann noch strahlte, als sie sich in Berlin nicht in alltägliche Politik umsetzen ließ, als die Veranstaltungen und Demonstrationen von den alten Sprechweisen und Artikulationsformen bestimmt wurden, und das Gefühl der Langsamkeit zurückkehrte. Die Zeit nach dem 11.9. zeigt dagegen, was negativer Internationalismus ist, das Auftauchen einer äußerst riskanten und politischen Situation auf internationaler Ebene, von deren Bestimmung man vollkommen abgeschlossen zu sein scheint. Die reaktionäre Struktur des Terroranschlags drückt sich in seiner extrem imaginären und katastrophischen Kraft aus: Das Zentrum, das es nicht gibt, ist getroffen worden. Der SciFi ist eingetreten. Wir befinden uns im Rücken des Bildschirms und der kollektiven Sicherheitsängste kapitalisierter Gesellschaften. Seine gleichzeitig materielle, vernichtende Gewalt, mit der eine Art technologisch präzises Totenfest inszeniert wurde, führt dazu, dass sich das politische Feld auf vielen Ebenen verändert. Der Terroranschlag ist ein Katalysator nach rechts. Er macht schon länger existierende hegemoniale Strategien auf einen Schlag in einer neuen Dimension politisch funktional – vor allem die Etablierung eines flexiblen Polizei- und Kontrollregimes nach innen und außen und eine rechte Kulturalisierung des Politischen. Das heißt die Gefahr eines gesellschaftlichen Konsenses, der besagt, dass es nur das Bestehende oder den Terror gebe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das, was jetzt passiert, erschöpft sich nicht in einer militärischen Operation, mit der das religiös-paranoische System der Taliban und das terroristische Netzwerk al Qaida wie per Lichtschalter ausgeschaltet werden. Augenscheinlich geht es um eine Tendenz, das gesellschaftliche Feld weiter in Richtung einer globalisierten Normalisierungspolitik zu entwickeln, in der das Bestehende nicht mehr durch politische Praktiken oder Aktionen in Frage gestellt wird, sondern durch das Abnorme, Gefährliche, Kriminelle und Menschenrechtsverletzende, also durch Drogen, Terror, ethnischen Hass, organisierte Kriminalität, religiösen Fundamentalismus usw. – Phänomene, die nicht aus ihrer politischen Entwicklungsgeschichte und in ihrem politischen Ausdruck, sondern wie Naturkatastrophen begriffen werden, die über das hereinbrechen, was ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit dem 11.9. hat ein Prozess der Negativ-, der Minus-Politisierung begonnen, in der die gesellschaftliche Entwicklung sich hermetisch verschließt. Das wirft ein irres Schlaglicht auf den Optimismus der operaistischen Theorie des Postfordismus. Seine glückliche Analyse der möglichen Zukunft immaterieller ArbeiterInnen springt zu leichtfertig über die postfordistischen Subjekte hinweg, die Schill, FPÖ, Fini und Lega Nord wählen. Und sie fragt noch weniger nach der Transformationsdynamik, mit der der Fordismus in den ehemals kolonisierten Staaten in die Krise kam, ohne sich überhaupt etabliert zu haben. Die Projekte der nachholenden Industrialisierung, der Import-Substitution, der nationalstaatlichen Entwicklungsdiktaturen zum Fordismus sind genauso gescheitert wie die sozialistischen Staatsprojekte im Trikont. Der Übergang zum Postfordismus hat sich viel katastrophischer als in den kapitalistischen Zentren realisiert, auch wenn mit der Peripherisierung der Metropolen und der Entstehung von global cities eine Tendenz der Ineinanderschaltung von erster und dritter Welt sichtbar wird. In den riesigen informellen Armutsökonomien des Südens, der Schattenwirtschaft und der Heimarbeit, im massenhaften Selbstunternehmertum auf der Straße wird (wie im Norden) nur selten eine proto-kommunistische Multitude sichtbar, die sich die Arbeitsmittel und das Wissen der Kooperation produktiv angeeignet hat; dafür aber die materielle Basis für die Verbindung, die neoliberales Selbstunternehmertum der Armen mit rassistischen, politisch-religiösen und ethnischen Ideologien eingeht.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_yw7wpur&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_yw7wpur&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Sedierung: Ruhigstellung&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Stephan Geene</dc:creator>
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