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 <title>arranca! - Ägypten</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/213/0</link>
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 <title>Ein neues Zeitalter der Kämpfe</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/ein-neues-zeitalter-der-kaempfe</link>
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                    &lt;p&gt;Warum tut sich die hiesige Linke so schwer mit der internationalen  Solidarität? Die Hilflosigkeit der radikalen Linken im Feld  Internationalismus zeigt sich nicht zuletzt im (fehlenden) Umgang mit  den Auseinandersetzungen im arabischen Raum. arranca!-Gespräch mit  Hans-Peter Kartenberg, Aktivist bei der Initiative Libertad! und der  Inverventionistischen Linken und Mila Mossafer vom Komitee zur  Unterstützung der politischen Gefangenen im Iran über die Aufstände im  arabischen Raum, das Schweigen der Linken und neue  Handlungsmöglichkeiten.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Warum tut sich die hiesige Linke so schwer mit der internationalen Solidarität? Die Hilflosigkeit der radikalen Linken im Feld Internationalismus zeigt sich nicht zuletzt im (fehlenden) Umgang mit den Auseinandersetzungen im arabischen Raum. arranca!-Gespräch mit Hans-Peter Kartenberg, Aktivist bei der Initiative Libertad! und der Inverventionistischen Linken und Mila Mossafer vom Komitee zur Unterstützung der politischen Gefangenen im Iran über die Aufstände im arabischen Raum, das Schweigen der Linken und neue Handlungsmöglichkeiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Wie ist euer Blick auf die aktuellen Aufstände?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mila: Die Aufstände auf dem nordafrikanischen Kontinent, im Nahen Osten, das war das letzte, was die Menschen im Westen und die Linke erwartet haben. Ich als iranische Linke finde die Ereignisse in dieser Region, unter anderem auch im Iran, sehr wichtig. Es ist eine bedeutende Entwicklung, dass in der ganzen Region Kämpfe für Demokratie und Bürgerrechte angefangen haben. Die Menschen gehen für ihre Rechte, auch ihre sozialen Rechte auf die Straße, das ist hier wenig beachtet worden. Diese Ereignisse haben unser Bild von den Sozialen Bewegungen dort stark verändert.&lt;br /&gt;Hans-Peter: Wir erleben eine der großartigsten politischen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre. Der Aufstand in Tunesien wurde in der gesamten arabischen Welt zu einem Ereignis, das neue Möglichkeiten eröffnete. Die Rebellion in Tunesien inspirierte die Besetzung des Tahrir-Platzes in Kairo, aber auch die ersten Proteste in Bengasi, in Bahrain, in Jemen und in Syrien. Die jetzt beginnende Zeit könnte eine ähnliche Bedeutung erlangen wie die der lateinamerikanischen Revolutionen. Trotz der Unterschiede in ihrer Artikulation gibt es einen Punkt, der die Revolten vereint: der jahrzehntealte Bann der Angst konnte gebrochen werden. Es beginnt ein neues Zeitalter der Kämpfe, in dem wie selbstverständlich die Freiheits- und Bürgerrechte gefordert werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Wer ist diese Opposition, wer sind die Kämpfenden? Wie setzen sie sich zusammen und vor allem, wofür kämpfen sie?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;H-P: Ich finde es nur in zweiter Linie entscheidend zu fragen, welche politischen Interessen die Revoltierenden in Daraa oder Bengasi haben. Wichtiger ist zu sehen, wie gerechtfertigt diese Aufstände sind: Alles was höchstwahrscheinlich kommen könnte, verspricht besser zu sein als eine Vergangenheit, die jahrzehntelang wie Blei auf den arabischen Gesellschaften lag. Jetzt aber nimmt die Straße den Prozess der Demokratisierung in die Hand. Der letzte Herrscher, der aus dem Land gejagt werden konnte, war der Schah im Iran. Heute, 32 Jahre später, wurde es wieder aus eigener Kraft möglich. Von Beginn an stellten die Aufstände die herrschenden Cliquen grundsätzlich in Frage. In der arabischen Region war alles, was es an Zugeständnissen seitens der Macht gab, immer nur Ergebnis von Revolten. Gab es einen Brotaufstand, wurde der Brotpreis gedrückt. Aber was in der Vergangenheit noch abgefedert und abgekauft werden konnte, wurde jetzt – quasi über Nacht – politisch unumkehrbar. Die Forderung lautet: „Haut ab! Wir können unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen!“ Die Menge eroberte sich ihren eigenen Begriff des Machtwechsels und definierte ihre Vorstellung von Freiheit und Partizipation. Darin liegt etwas Großes, das vielleicht niedergeschlagen und besiegt, aber nicht mehr ausgelöscht werden kann.&lt;br /&gt;M: Was sich in Iran vor 32 Jahren ereignet hat, war keine „islamische Revolution“. Die Linke und demokratische Kräfte haben beim jahrelangen Kampf um den Sturz der Schah-Diktatur eine große Rolle gespielt. Die Gefahr des Islamismus, der letztendlich Einzug gehalten hat, wurde dabei nicht ernst genommen.&lt;br /&gt;Wenn man die Ereignisse von heute mit dem Kampf vor 32 Jahren vergleicht, stellt man fest, dass es sich dabei um den Aufstand einer Generation handelt, nicht um den einer Opposition. Auch in Iran ist heute eine neue Generation aktiv, die ihre Forderungen und Bedürfnisse anders artikuliert als wir damals. Für uns hieß das unmittelbare Ziel: Sozialismus. Dabei waren Frauenrechte kein Thema, die Durchsetzung der Zwangsverschleierung war egal. Die Generation, die jetzt auf die Straße geht, artikuliert Forderungen aus sozioökonomischen Situationen heraus, sie handelt nicht ideologisch wie die erste Generation.&lt;br /&gt;Ich bin davon überzeugt, dass sich eine selbstorganisierte Opposition aus diesem Prozess heraus bilden wird. Es gibt keine Organisation, die die Aufstände plante. Ich finde es falsch, wenn in den westlichen – und selbst in den linken – Medien behauptet wird, dass die Proteste, die sich über Twitter und Facebook verbreitern, keine sozialrechtlichen Forderungen hätten, sondern es eine gutgestellte und pro-westliche Mittelschicht sei, die auf die Straße geht und protestiert.&lt;br /&gt;Als Iranerin, als Linke, denke ich, dass wir mit unseren Mitstreiter_innen in anderen Ländern, wie in Ägypten solidarisch sein müssen. Dort wurden den Frauen, die am 8. März diesen Jahres auf den Tahir-Platz gegangen sind, von den Männern die Plakate zerrissen und sie wurden nach Hause geschickt. Wir als Linke müssen die Situation gleichermaßen solidarisch und kritisch beobachten, damit die Macht nicht erneut von reaktionären Kräften ergriffen wird. Der historische Vergleich drängt sich auf, denn die Unterdrückung der Frauen in Iran wurde unmittelbar nach der Revolution begonnen. Gleichzeitig wurde der Weg zu Repression in allen gesellschaftlichen Bereichen geebnet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Hans-Peter, du hast die Besonderheiten dieser Ereignisse unterstrichen, indem du die Umwälzungen im arabischen Raum mit den revolutionären Prozessen in Südamerika verglichen hast. Was ist aber das Spezifische für die Entwicklungen im arabischen Raum?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;H-P: Im Unterschied zu den lateinamerikanischen Revolutionen gibt es in den arabischen Aufständen weder die hegemoniale Partei, noch den klassischen politischen Führer oder ein Hauptquartier. Allein die Menge artikuliert sich und ihre unmittelbare Mobilisierung erfolgt nicht nur, aber auch mittels neuer sozialer Medien. Es ist nichts Verwerfliches, sich der Technologie zu bemächtigen, die vorhanden ist. Neue Medien schaffen auch neue Gesellschaften. Die alte arabische Linke nahm Druckerpresse und Flugblätter, Nasser wandte sich im Radio an die arabischen Massen, Khomeinis Worte wurden mittels kopierter Kassetten verbreitet, der politische Islamismus nutzte Webseiten und Videobotschaften, die aktuellen Kämpfe verabreden sich in kommunitären und dezentralen Vernetzungen. Ihre Aktivisten umgehen die traditionellen Medien und organisieren sich so ihren eigenen Platz der virtuellen und realen Versammlung. Damit ist auch eine völlig eigene und autonome Öffentlichkeit von unten entstanden. Heute sind Demonstrationen keine staatlich organisierten Aufmärsche mehr, sondern in ihnen formiert sich wirkliche Gesellschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Ist das aus eurer Perspektive ein neues Internationalismus-Verständnis? Ihr lasst die Offenheit zu, ihr seid solidarisch, ohne zu wissen, in welche Richtung sich diese Bewegung formiert, ihr erkennt den Prozess der Bewegung an, nicht die Programmatik zählt. Das unterscheidet sich doch enorm von euren Solidaritätsverständnissen von früher, oder?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;M: Ich komme aus einer Linken, die sehr viel Wert auf eine klassenkämpferische Auseinandersetzung gelegt hat, für die Einforderung von Frauenrechten war da beispielsweise kein Raum. Aus meiner Perspektive von vor 30 Jahren wäre es in erster Linie wichtig gewesen zu klären, ob die Arbeiterklasse die treibende Kraft der Auseinandersetzung ist. Heute kann ich mit Erleichterung sagen, dass die Angst davor, sich zu wehren, gebrochen ist: – Die Menschen lassen eine Person wie Mubarak nicht mehr zu. Die Demokratiebewegung geht weiter und braucht die internationale Unterstützung der Linken aus aller Welt.&lt;br /&gt;Es gibt aber leider immer noch Linke, die die antiamerikanischen Parolen der politischen Führungselite in Iran für „antiimperialistisch“ halten und ein Regime wie die islamische Republik Iran unterstützt, das soziale Bewegungen niederschlägt.&lt;br /&gt;H-P: Es gab eine schlechte Tradition, in der Linke immer nur nach ihrer Bruder- oder Schwesterorganisation guckten oder die Anzahl von Arbeitern in Kämpfen zu ihrem alleinigen Klassenkompass machten. Radikale Linke haben sich richtigerweise auf der Seite der globalen Erhebung im Süden verortet, in einer progressiven Front mit den nationalen Befreiungskämpfen, gemeinsam mit den sozialen Kämpfen. – und das völlig unabhängig davon, wie man konkret die Rolle des östlichen Blocks und der Sowjetunion bewertete. Die eigentliche Selbstverständlichkeit, dass unsere linken internationalistischen Werte nur universell gelten können, machen die arabischen Aufstände wieder zum Punkt. Überhaupt würde ich sagen, dass wir in Europa uns eher als Lernende dieser Kämpfe sehen sollten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Es kommt nicht von ungefähr, dass wir als FelS gerade keine internationalistische Arbeit oder Arbeit im Feld der globalisierungskritischen Bewegungen in dem Sinne machen, als dass wir uns mit anderen Ländern und deren Kämpfen auseinandersetzen. Wir haben keine Bruder- und Schwesterorganisationen in anderen Ländern, zu den Auseinandersetzungen im arabischen Raum haben wir kaum Debatten geführt und keine Ansätze der praktischen Solidaritätsarbeit. Zu den Aufständen aktuell gibt es in der Linken ein großes Schweigen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;M: Ich denke, der Aufstand hätte andere Unterstützung verdient als von hier geleistet wurde. Es gab kleine Veranstaltungen, aber das war es auch schon. Hier sind Migrant_innen aus Syrien auf die Straße gegangen, aber sie haben kaum Unterstützung gefunden. Libyen wird, wenn überhaupt, nur im Zusammenhang mit dem Krieg thematisiert. Die Bevölkerung verdient in ihren Kämpfen Unterstützung. Sie sind jahrelang niedergeschlagen, inhaftiert, gefoltert und ins Gefängnis gesteckt worden, danach wird nicht gefragt. Die kämpfende Bevölkerung vor Ort muss unterstützt werden. Als internationalistische Linke sagen wir „kein Krieg“, aber was wir sagen müssten, nämlich „kein Dulden der Gefangenschaft, der Folter, der Zerschlagung der sozialen Bewegungen“, das sagen wir nicht. Wir sind nicht solidarisch genug mit der Bevölkerung in Nordafrika.&lt;br /&gt;H-P: Die konkrete Leerstelle hat sicher etwas damit zu tun, in welcher Region dieser Welt der Aufstand stattfindet. Würde ein ähnlicher Prozess im lateinamerikanischen Raum stattfinden, wäre die Solidarität ungleich präsenter. Die aktuellen linken Politiken in Lateinamerika spielen in der globalisierungskritischen Bewegung eine zentrale Rolle. Die Linke im arabischen Raum ist zu marginalisiert. Das anfängliche Schweigen hat sicher auch mit dem Kulturalismus in der deutschen radikalen Linken zu tun. Ihr Bild des arabischen Raums, überhaupt ihre Wahrnehmung der Kämpfe, wurde schnell allein im Verhältnis zu Israel interpretiert. Im dortigen Aktivisten wurde erstmal immer der potentielle Gotteskrieger und Selbstmordattentäter gesehen und fast nie ein soziales Subjekt möglicher Revolten.&lt;br /&gt;M: Eigentlich müsste Internationalismus universelle Werte und Maßstäbe haben. Im Verhältnis der deutschen Linken zu Protestbewegungen und sozialen Bewegungen in Lateinamerika gibt es diese internationalistischen Werte auch. Aber in Bezug auf den Nahen und Mittleren Osten werden die Bewegungen sehr staatsfixiert betrachtet, man schaut, wie sie zu Israel stehen. Dabei ist es eine neue Generation, die auf die Straße geht. Die Antideutschen haben versucht, unsere Kämpfe zu vereinnahmen, weil wir gegen die Islamische Republik sind, aus anderen Gründen als sie selbst. Und die anderen Linken fragen nur, wie du zum Imperialismus stehst. Ich sage das als Teil der iranischen Opposition in Berlin. Immer, wenn wir Iran kritisieren, fühlen wir uns verpflichtet, zu sagen, dass wir einen Krieg gegen Iran kategorisch ablehnen. Wir stehen genau zwischen diesen zwei linken Meinungen. In Bezug auf Iran und den Nahen Osten ist der Internationalismus sehr gestört. Leider.&lt;br /&gt;¿Der Begriff Imperialismus fiel jetzt ja schon ein paar Mal. Er ist in den Siebzigern stark auf die Blockkonfrontation bezogen gewesen, dann hat es scharfe Kritik an ihm gegeben und zum Teil auch sehr schnelle Gleichsetzungen von Antiimperialismus mit Antiamerikanismus. Denkt ihr, dass es wichtig ist, da neue Diskussionen anzustoßen und neue Theoriearbeit zu leisten?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;H-P: Man sollte nicht versuchen, den Begriff des revolutionären Antiimperialismus oder der internationalen Solidarität aus den siebziger und achtziger Jahren linear ins Heute zu retten. Das endet oft nur in skurrilen Erklärungen. Die gegenwärtigen Weltverhältnisse sind dennoch so, dass sie weiterhin einen radikalen Internationalismus verlangen, der subjektiv mit den Privilegien der Metropole bricht und objektiv die Chance auf eine Umwälzung beinhaltet. Die arabischen Aufstände haben die Möglichkeit eines Bruchs mit den herrschenden Verhältnissen, der unerwartet und sogar massenhaft erfolgen kann, in der Praxis aktualisiert. Auch daher ist die öfter zu hörende linke Frage, ob die Entwicklung ähnlich wie in Iran nach Sturz des Schahs 1979 verlaufen könnte, falsch gestellt. In der iranischen Revolution gab es uneingelöste Versprechen und Hoffnungen, heute liegt in der arabischen Welt die empirische Erfahrung mit dem politischen Islam als autoritäre Herrschaftsform vor. Wir sollten endlich wieder allen zurufen: Wenn sich Menschen gegen Unterdrückung widersetzen, sind wir prinzipiell mit ihnen zusammen, wir entdecken uns selbst in ihnen, anstatt sofort die Differenz zu beschreiben. Diese Diskussion um Solidarität hat ein neues Gegenüber gefunden, in dem sich auch ein neues Verständnis des Empires und globalen Ausnahmezustands entwickeln lässt.&lt;br /&gt;M: Die Menschenrechte sind in Ländern wie Tunesien und Libyen lebenswichtig, man sollte die Forderungen danach unbedingt unterstützen. Es muss den Menschen und den sozialen Bewegungen dort erst ermöglicht werden, die Machtverhältnisse zu verändern. Das alles wurde bürgerlichen Menschenrechtsorganisationen überlassen, es kam im Laufe der Zeit kein Kontakt zu den sozialen Bewegungen zustande. Man hat auf eine Arbeiter_innenbewegung gewartet, um sich dann mit ihr zu solidarisieren, anstatt sich mit den Menschenrechtsaktivist_innen zu solidarisieren und auf dieser Basis Zusammenarbeit und Austausch zu leisten. Und das vermissen wir immer noch. Letztes Jahr haben wir eine Veranstaltung vor der iranischen Botschaft gemacht und sind von der deutschen Polizei brutal angegriffen worden, weil wir – wie seit zwei Jahrzehnten – ein Plakat mit der Aufschrift „Nieder mit der Islamischen Republik Iran“ getragen haben. Auf einmal sollte das verboten sein. Und wir haben keine Solidarität hier erfahren, obwohl viele Medien über uns berichtet haben. Du bist weder dort noch hier als eine Opposition aus dieser Region sichtbar. Eine lateinamerikanische oppositionelle Gruppe hätte man hingegen nicht übersehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿So gesehen ist das eine neue Chance für die Linke, Anknüpfungspunkte zu finden. Was heißt das aber konkret praktisch? Was gibt es für Praxisformen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;M: In den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden in Iran insgesamt 200 Menschen hingerichtet, unter ihnen mehr als zehn politische Gefangene. Ich könnte mir vorstellen, dass deutsche Linke die politischen Gefangenen in Iran mit einer Kampagne unterstützen könnten. Der Prozess der Demokratisierung soll durch eine Atmosphäre der Angst gestoppt werden, dazu dienen die Hinrichtungen. Man kann gemeinsame Veranstaltungen machen, Themen aufgreifen, sich näher kommen. Wir müssen gemeinsam nach Wegen suchen, die sozialen Bewegungen international zu unterstützen. Nicht abstrakt, sondern über gegenseitiges Kennenlernen. Das fehlt. Nur darüber zu reden, dass wir die Aufstände in Nordafrika unterstützen, reicht nicht. Wir müssen zuerst als linke Kleingruppen in Deutschland und dann europaweit zusammenkommen, dann mit den Oppositionsgruppen und mit den Menschenrechtsgruppen aus den jeweiligen Ländern. Das ist ein langfristiger Prozess.&lt;br /&gt;H-P: Ich fand es bezeichnend, dass auf den Demonstrationen nach dem israelischen Überfall auf die Gaza-Freiheitsflotte mehr Genoss_innen auf der Straße waren als bei den bisherigen Solidaritätskundgebungen mit den arabischen Rebellionen. Die Kämpfe von Genua liegen fast genau zehn Jahre zurück. Der Bewegung ging es seitdem immer auch um die Herausforderung von Herrschaftsstrukturen und nie allein darum, sie nur anzuklagen. Wenn eine andere Welt möglich sein soll, ist es die Aufgabe radikaler Linker, neue Artikulationsideen und Widerstandspraxen zu erproben. Genau das ereignet sich in der arabischen Welt heute. Einiges mag anders sein, aber die Ausdrucksformen sind uns als undogmatische Linke so nah, auch wenn sie in der Vergangenheit fast diskreditiert schienen: Das unbedingte Primat der Straße, die Rolle des Volksaufstands, das Forum der Menge. Darüber sollten wir reden, öffentlich auf Veranstaltungen, aber auch in unseren eigenen politischen Gruppen. In der Region sollten wir Kontakte suchen und uns vernetzen. Dass dies sofort auch eine innenpolitische Auseinandersetzung ist, zeigt die Frage nach dem Islam in den europäischen Gesellschaften, nach Rassismus und Chauvinismus.&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 16:22:38 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Der Westen als Pferdefuß des ägyptischen Feminismus</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/20/der-westen-als-pferdefuss-des-aegyptischen-feminismus</link>
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                    &lt;p&gt;Die Stimmung in dem überfüllten Raum des Forschungszentrums für Menschenrechte ist enthusiastisch, zahlreiche Vertreterinnen von Frauen- und Familienorganisationen sind gekommen, auch ein paar Männer mischen sich in die Diskussion ein. Die Schriftstellerin und über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannteste Feministin Nawal Al Sadawi will eine Plattform ins Leben rufen: Frauen aus allen politischen und gesellschaftlichen Kreisen sollen ihre Rechte verteidigen und am 8. März 2000 auf die Straße gehen.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Die Stimmung in dem überfüllten Raum des Forschungszentrums für Menschenrechte ist enthusiastisch, zahlreiche Vertreterinnen von Frauen- und Familienorganisationen sind gekommen, auch ein paar Männer mischen sich in die Diskussion ein. Die Schriftstellerin und über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannteste Feministin Nawal Al Sadawi will eine Plattform ins Leben rufen: Frauen aus allen politischen und gesellschaftlichen Kreisen sollen ihre Rechte verteidigen und am 8. März 2000 auf die Straße gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Anliegen ist gewagt. Demonstrationen sind in Ägypten verboten, denn seit dem Attentat auf Saddat 1981 gilt Notstandsgesetzgebung. Wer sich in Ägypten antipatriarchaler Frauenpolitik oder Menschenrechten verschrieben hat, muss nicht nur gegen Behörden, sondern auch gegen die öffentliche Meinung kämpfen. Doch den Ägypterinnen wird nicht etwa vorgeworfen, sie seien frustriert, hysterisch, vermännlicht oder getrieben vom Männerhass, wie es Feministinnen in allen westlichen Ländern zu hören bekommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Ägypten kann der Vorwurf genau in die andere Richtung gehen: eine Feministin steht eher in dem Ruf, besonders freizügig zu sein, womöglich wolle sie nur kurze Röcke anziehen und die freie Liebe einführen, wie es Nawal Al Sadawi einmal vorgeworfen wurde. Der Feminismus&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_3jkipys&quot; title=&quot;Feminismus bezeichnet hier jede frauenrechtlich orientierte Aktivität. Eine Unterscheidung wie im Deutschen gibt es nicht, da historisch keine Separierung der unterschiedlichen Strömungen statt gefunden hat. In der deutschen Literatur zum Thema ist der Begriff Feminismus wahrscheinlich schlicht aus dem Englischen übernommen. Ebenso könnte immer von Frauen-Rechtlerinnen die Rede sein.&quot; href=&quot;#footnote1_3jkipys&quot;&gt;1&lt;/a&gt; gilt generell als eine Erscheinung der westlichen Industrienationen, dementsprechend heißt es, die Feministinnen seien verwestlicht. Dabei weiß niemand so genau was Verwestlichung ist. Gehen Bruder und Schwester nach Paris oder London zum Studieren, wird man ihn bei seiner Rückkehr als modern bezeichnen, sie dagegen als verwestlicht, sofern sie nicht umgehend ein Kopftuch umbindet. Mit dem Westen hängt alles zusammen, was die Islamisten als Dekadenz bezeichnen: Lebensstil, Kleidung, Schminke. Aber auch Ideen zählen dazu, zumal wenn sie den Islamisten oder der Regierung nicht passen. So sind die Menschenrechte westlichen Ursprungs. Der Islam habe schon immer gemeinschaftliche Menschenrechte gekannt, heißt es, Individualrechte seien überflüssig und gegen die Religion oder die Tradition.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei den Frauen, die sich an der Plattform beteiligen wollen, steht als erstes der Punkt Finanzierung auf der Tagesordnung. »Auf keinen Fall Spenden aus dem Ausland« ist die einhellige Meinung der Aktivistinnen. Man glaubt, wer Spenden aus Europa oder den USA erhalte, sei von dort manipuliert. Erst vor einigen Monaten geriet eine Menschenrechtsorganisation in Verruf, weil das britischen Konsulat Geld für ein Projekt der Organisation gespendet hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Vorwurf der Verwestlichung ist nicht nur ein Mittel der Regierung, sich die missliebige Opposition vom Leibe zu halten, oder der Islamisten, die damit ihre Widersacher diskreditieren wollen. Auch innerhalb der Frauenbewegung ist sie ein beliebtes Mittel der Diffamierung anderer Frauengruppen. Dabei kann es um Geld, Sex oder politische Ausrichtung gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So sagt die feministische Schriftstellerin Salwa Bakr in einem Interview, viele ihrer Mitstreiterinnen würden nur über Sex und den Körper schreiben, um einem westlichen Publikum zu gefallen. Der Einwurf, dass die meisten Bücher der feministischen Autorinnen, über die sie spricht, nicht aus dem Arabischen übersetzt sind, ändert ihre Meinung nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Vorwurf der Verwestlichung meist gefolgt von der Behauptung, sie würde nur über Sex schreiben, ist neben einigen jüngeren Dichterinnen vor allem gegen Nawal As Sadawi gerichtet. Die Theater- und Soapschreiberin Fatayat Al Assal, aktiv in der Frauenvereingung der Linkspartei Tagammu, sagt über Sadawi: »Meine Arbeit ist politisch, wenn ich mich für die Verbesserung der Situation von Frauen einsetze. Sie ist mehr Feministin, mehr europäisch. Sie interessiert sich nur für die Frau an sich und die Sexualität, dabei geht es doch um die ökonomische Situation.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sieht man sich Sadawis Schriften an, erscheinen diese Vorwürfe widersinnig. In ihren politischen Schriften analysiert sie die Situation von Frauen im Kontext von Klassengesellschaft und imperialistischem System. In ihren Romanen existieren vereinsamte Frauen, die von einem System aus Traditionen und kapitalistischen Zwängen erdrückt werden. Handlungsunfähig und unterdrückt sind aber auch die Männer in diesen Geschichten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viel Aufsehen erregte sie, als sie als erste die Praxis der Klitorisbeschneidung schon in den 60ern öffentlich attackierte und das Konzept der Jungfräulichkeit angriff. Beides brachte ihr den Vorwurf ein, für eine ungezügelte Sexualität ein zu treten und sich damit gegen Religion und Kultur zu wenden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sadawi selbst legt großen Wert darauf, nicht verwestlicht zu sein: »Ich habe nie gesagt, dass wir befreit sein wollen wie westliche Frauen. In meinen Büchern schreibe ich, dass Frauen im Westen unterdrückt sind. Ich schreibe sogar, dass ich die westliche Form der Demokratie ablehne.«&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Kolonialmacht schafft die Fronten&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Von Anfang an wurde der Frauenbewegung vorgeworfen, ihre Ideen seien ein Import aus dem Westen oder schlimmer noch: sie spielten den westlichen Kolonialisten und später Imperialisten in die Hände. Die Kritik ist nicht völlig aus der Luft gegriffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die ersten, die sich für die Rechte der ägyptischen Frauen einsetzten war ein Zirkel von Kolonialistenfrauen: die Lady Cromer Society. Die Thematisierung der Unterdrückung der Musliminnen war für die Briten Teil ihrer Kolonialpolitik und diente der Diffamierung der einheimischen Kultur und des Islam. Zentraler Angriffspunkt war das Kopftuch, an ihm wurde gezeigt, dass die Muslime nicht zivilisiert seien.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Laut offizieller ägyptischer Geschichtsschreibung wurde die Diskussion um die Befreiung der Frau von einem Mann eingeleitet. Der Jurist Qasim Amin löste 1899 mit seinem Buch »Die Befreiung der Frau« eine heftige Debatte aus. Die bürgerliche Kleinfamilie war sein Modell. Amin plädierte für die Monogamie, die Abschaffung des Gesichtsschleiers, die Einschränkung der Scheidungsmöglichkeiten für Männer und für das Recht auf gleiche Bildungsmöglichkeiten. Doch seine Argumentation war eingebettet in seine Bewunderung für die Errungenschaften der europäischen Zivilisation und spiegelte die Sicht der britischen Kolonialmacht wieder. Die Muslime sind für Amin rückständig und faul. »Die geistige Hebung der Frau« ist für ihn vor allem ein Schritt zur Erlangung des europäischen Zivilisationsgrads. Doch liegt das Problem nicht einzig darin, dass er die eigene Kultur weitestgehend negiert und damit die Haltung der Kolonialmacht teilt, von Anfang an spielte auch die Klassenfrage in diesem Konflikt ein wesentliche Rolle. Amins war Angehöriger einer Oberschicht, die von der Kolonialherrschaft profitierte. Er stammte aus einer Großgrundbesitzerfamilie und hatte in Frankreich studiert. Die konservative und antifeministische Gegenposition wurde von Angehörigen der traditionellen Mittelschicht vertreten, die in Folge der kapitalistischen Entwicklung von sozialem Abstieg betroffen waren und deren männliche Angehörige nun ihre Position als Familienoberhäupter angegriffen sahen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_s1m90bp&quot; title=&quot;Vgl.: Kreile, Renate: Politische Herrschaft, Geschlechterpolitik und Frauenmacht im Vorderen Orient, 1997, S. 230 ff.&quot; href=&quot;#footnote2_s1m90bp&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Diese Position behauptete, die imperialistischen Mächte wollten das Kernstück der arabischen Kultur – die Familie – schwächen, um die arabischen Länder zu unterwerfen. Ihr Instrument sei die Frauenrechtsbewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Fronten sind bis heute in veränderten Erscheinungsformen geblieben. Auf der einen Seite stehen die Angehörigen der Oberschicht und oberen Mittelschicht, die ihren Töchtern das Studium im Ausland ermöglichen und damit auch akzeptieren, dass diese Frauen einen Beruf ergreifen und sich Freiheiten nehmen, die in der Bevölkerung als unmoralisch gelten. Auf der anderen Seite steht die untere Mittelschicht. Dazu gehört der traditionelle Mittelstand, sowie die Masse an HochschulabsolventInnen, die sich mit minderbezahlten Jobs in der Verwaltung begnügen müssen oder überhaupt keine Arbeit finden. Für sie sind die Thesen der Islamisten attraktiv, die gegen den Imperialismus wettern, die Dekadenz der Gesellschaft und den Verfall der Familie als Indiz dafür nehmen. Männer wie Frauen dieser Schichten können nicht am kapitalistisch erwirtschafteten Reichtum der Gesellschaft teilhaben. Das Gerede von der Dekadenz gibt ihnen ein Ventil für ihren Hass gegen diejenigen, die es sich leisten können, in Diskotheken zu gehen oder sich in schicken Shoppingmalls Modekleidung zu kaufen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kurze Geschichte der Frauenrechte&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Obwohl die erste ägyptische Frauenbewegung sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts klar antikolonialistisch artikulierte, konnte sie den Graben zwischen der vom Kolonialismus profitierenden Oberschicht und der deklassierten Mittelschicht nicht überwinden. Sie beteiligten sich zwar aktiv am Befreiungskampf gegen die Kolonialmacht England. Aber ihre frauen-rechtlichen Aktivitäten zeichneten sie als Angehörige der privilegierten Schichten aus: Sie gaben Zeitungen heraus und setzten sich für Bildungsmöglichkeiten ein. Freiheiten, die sich diese Frauen errangen, blieben für ihre Schichten reserviert. Allenfalls wurden Nähkurse für Mädchen der Arbeiterklasse eingerichtet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine grundlegende Änderung für die Ägypterinnen brachte erst Nassers »Staatsfeminismus«. Der durch den Putsch der »freien Offiziere« an die Macht gelangte Präsident führte 1956 das Wahlrecht für Frauen ein und schuf erstmals umfassende Bildungsmöglichkeiten für Frauen, die es ihnen ermöglichten, auch höher qualifizierte Berufe zu ergreifen. Nasser baute die Universitäten aus und versprach jedem Absolventen einen Arbeitsplatz in der Verwaltung. Weil die wirtschaftliche Entwicklung in Ägypten zurückblieb, gab es bald eine Masse an Hochschulabsolventen, die auf dem freien Arbeitsmarkt keine Anstellung fanden. Der Staat musste sie einstellen, damit sanken aber die Löhne für Behördenposten immer weiter. Heute arbeiten in der Verwaltung zum großen Teil Frauen. Sie sind so zumindest sichtbar geworden. Sie verdienen jedoch häufig nicht mehr als 100 Mark monatlich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der später von Islamisten ermordete Präsident Sadat leitete eine umfassende Liberalisierung der Wirtschaft ein. Er schuf damit ein Heer von Arbeitslosen. Als er auch noch Frieden mit Israel schloss, erhielten die Islamisten einen enormen Zulauf. Wenn auch Sadat unter dem Druck seiner Frau das Familienrecht reformierte, die Polygamie einschränkte und Frauen ein begrenztes Scheidungsrecht gab, so hat sich doch wenig an der Frontstellung geändert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Frauen und die Islamisten&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Konservative und Islamisten haben in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und Abbau von sozialen Leistungen ein leichtes Spiel, Frauen ihre Rechte streitig zu machen. Mit ihrem Ruf nach der islamischen Familie schlagen sie gleich zwei Fliegen: Sie reinstallieren die patriarchale Stellung des Mannes als Brotverdiener, wenn Frauen vom Arbeitsmarkt gedrängt werden. Den Backlash legitimieren sie, indem sie den Feminismus als Produkt des Westens diffamieren. So erscheint die Zurückdrängung der Frauen als Teil ihres antiimperialistischen Kampfes.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vollkommen zurückdrängen können die Islamisten Frauen jedoch nicht aus dem öffentlichen Leben. Im Gegenteil organisieren sich gerade in ihren eigenen Reihen massiv auch Frauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der seit den 1980ern zunehmende Islamismus schafft zwar die Atmosphäre, in der sich Frauen immer mehr rechtfertigen müssen, gleichzeitig nutzen ihn Frauen als Freiraum. Gerade Frauen der unteren Schichten können sich mittels der neuen Religiösität über traditionelle Moralvorstellungen hinwegsetzen. Nadia Wasif, Aktivistin und Mitglied des Frauenforschungszentrums Kairo, meint: »Das Kopftuch ermöglicht ihnen Freiheiten, die ihre unverschleierten Mütter nicht hatten. Sie können sich frei auf der Strasse bewegen, arbeiten gehen, sogar mit Männern verkehren und trotzdem respektiert werden.« Die verschleierten Frauen können aktiv am öffentlichen Leben teilnehmen, ohne dass ihnen der Vorwurf der Verwestlichung gemacht werden könnte. Die Tochter eines kommunistischen Funktionärs beschreibt das Dilemma, nachdem ich sie gefragt habe, ob sie politisch aktiv sei – etwa in der Studentenschaft organisiert. Für ein junges Mädchen sei es nicht akzeptabel heutzutage an politischen Veranstaltungen mit Männern teilzunehmen, sagt die 19-Jährige. Auf den Einwurf, dass doch aber viele Frauen aktiv seien, weist sie auf ihre vom T-shirt nicht bedeckten Arme und sagt: »Diese Frauen tragen Kopftücher. Sie können hingehen, wohin sie wollen. Aber für mich ist es besser, wenn ich nach den Vorlesungen gleich nach Hause gehe.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nawal As Sadawi hat Islamistinnen zu der neuen feministischen Plattform eingeladen. Anfang der 90er sah sie im Islamismus noch den größten Feind, heute sagt sie über die Islamistinnen: »Sie existieren, sie sind Teil der Bevölkerung. Außerdem gibt es einige sehr aufgeklärte Islamistinnen, die Frauen innerhalb des Islam befreien wollen und den Koran reinterpretieren wie viele christliche Theologinnen die Bibel neu interpretiert haben.«&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_3jkipys&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_3jkipys&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Feminismus bezeichnet hier jede frauenrechtlich orientierte Aktivität. Eine Unterscheidung wie im Deutschen gibt es nicht, da historisch keine Separierung der unterschiedlichen Strömungen statt gefunden hat. In der deutschen Literatur zum Thema ist der Begriff Feminismus wahrscheinlich schlicht aus dem Englischen übernommen. Ebenso könnte immer von Frauen-Rechtlerinnen die Rede sein.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_s1m90bp&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_s1m90bp&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Vgl.: Kreile, Renate: Politische Herrschaft, Geschlechterpolitik und Frauenmacht im Vorderen Orient, 1997, S. 230 ff.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:16:26 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Hannah Wettig</dc:creator>
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