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 <title>arranca! - Alter</title>
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 <title>Give me a break!</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/give-me-a-break</link>
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                    &lt;p&gt;Momentaufnahme dieser Tage in Europa: Frankreich, Stéphane Hessel, 94  Jahre alt, Autor der Broschüre „Empört Euch“, Widerstandskämpfer der  Résistance, ruft die Jugendlichen Europas auf zu widerstehen. „Wir, die  Veteranen der Widerstandsbewegungen und der Kampfgruppen des freien  Frankreich, rufen die Jungen auf, das geistige und moralische Erbe der  Résistance, ihre Ideale mit neuem Leben zu erfüllen und weiterzugeben.“  In Spanien nehmen Tausende von prekarisierten Jugendlichen seine Ideen  auf und besetzen zentrale Plätze. In Griechenland unterstützen die  Ikonen des antifaschistischen Widerstandes Mikis Theodorakis und Manolis  Glezos den militanten Kampf der Bürger_innen des Ortes Keratea gegen  eine Mülldeponie. In diesen alten Männern lebt die Flamme des  antifaschistischen Widerstandes, offenbart sich dessen geschichtliche  Bedeutung und eröffnet den Horizont, dass ein Leben in Opposition  möglich ist. Und in Deutschland?&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Momentaufnahme dieser Tage in Europa: Frankreich, Stéphane Hessel, 94 Jahre alt, Autor der Broschüre „Empört Euch“, Widerstandskämpfer der Résistance, ruft die Jugendlichen Europas auf zu widerstehen. „Wir, die Veteranen der Widerstandsbewegungen und der Kampfgruppen des freien Frankreich, rufen die Jungen auf, das geistige und moralische Erbe der Résistance, ihre Ideale mit neuem Leben zu erfüllen und weiterzugeben.“ In Spanien nehmen Tausende von prekarisierten Jugendlichen seine Ideen auf und besetzen zentrale Plätze. In Griechenland unterstützen die Ikonen des antifaschistischen Widerstandes Mikis Theodorakis und Manolis Glezos den militanten Kampf der Bürger_innen des Ortes Keratea gegen eine Mülldeponie. In diesen alten Männern lebt die Flamme des antifaschistischen Widerstandes, offenbart sich dessen geschichtliche Bedeutung und eröffnet den Horizont, dass ein Leben in Opposition möglich ist. Und in Deutschland?&lt;br /&gt;1993 formulierte die &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/1&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;arranca! Nr. 1&lt;/a&gt; unter dem Titel &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/1&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;„Lernprozesse“&lt;/a&gt; eine kritische Betrachtung des Umgangs mit der Geschichte und den Erfahrungen in der deutschen radikalen Linken. Diagnostiziert wurde, dass ein wesentliches Problem der deutschen Linken das Fehlen von älteren Erfahrungsträger_innen in den Bewegungen, das Fehlen von Sichtbarkeit und Überlieferung der Prozesse des Alterns ist. Warum ist das besonders in Deutschland so? Warum gibt es hier nur wenige Personen, die als Ikonen des Widerstandes mit ihrer Ausstrahlung Symbolkraft entwickeln können, die vermitteln, dass ein Leben als Linke_r „rockt“? Gibt es Personen, die militante Widerstandserfahrungen weitergeben und in ihren Biographien die Möglichkeit zum Widerstand mit der Möglichkeit zum Leben und Altern vereinen? &lt;br /&gt;Kaum geeignet sind Rainer Langhans als Vorkoster im Dschungelcamp, Alice Schwarzer in der Bild oder Joseph Fischer als Berater bei RWE und BMW. Auch Claudia Roth als Ex-Managerin von Ton Steine Scherben oder Udo Lindenberg sind als Idole für ein radikales Dagegen, für eine Kontinuität lebbarer oppositioneller Lebensentwürfe kaum geeignet. Sie beweisen vielmehr das Gegenteil: In Deutschland führt der Weg häufig von links unten nach rechts oben oder aber in die völlige Trivialisierung.&lt;br /&gt;Dem gegenüber verkörpern die in Kinofilmen und unzähligen Features popularisierten und idealisierten Militanten Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Holger Meins die Nichtvereinbarkeit von Widerstand und Leben inmitten der Gesellschaft. In der Absolutheit der von ihnen formulierten Unmöglichkeit eines „richtigen“ Lebens „im Falschen“ wird ihre Message schemenhaft auf die Alternative zwischen dem Bruch mit dem System oder Anpassung reduziert. &lt;br /&gt;Ist die Repression eine zentrale Ursache für die kurze Verweildauer in den linken Bewegungen oder die Nichtlebbarkeit der spezifischen Aktionsformen? Repression und Druck auf die Linke haben in Deutschland eine lange Tradition, viele Kämpfer und Kämpferinnen sind in den Nazi-KZs ermordet worden. Das Verbot der KPD 1956, die Berufsverbote insbesondere der Lehrer_innen in den 1970ern haben sich als Warnung massiv ins Bewusstsein eingebrannt. &lt;br /&gt;Kämpfen und leben und dabei bleiben? Alle die, denen das „Dazwischen“, ein lebbares widerständiges Leben wichtig ist, sehen sich massiven Schwierigkeiten ausgesetzt. Widerstand zu leben bedeutet immer häufiger auf anderes zu verzichten - eine Familie, einen Lebensentwurf mit Umwegen, ein gesichertes Einkommen, einen bürgerlichen Job. &lt;br /&gt;Als junge Menschen migrieren wir in die Metropolen, die uns mit ihren Subkulturen locken, mit den geilen Parties und dem wilden Leben. Wir wagen den Bruch mit dem Alten, wir gehen ohne Familienbezug, ohne die Stoffe und Bilder der Kindheit, ohne die festen Verankerungen, die uns in unseren Kämpfen Orientierung geben. Wir versuchen uns zu finden, aber in der Fluktuation bleiben wir fremd - das macht es so einfach, uns auseinanderzureißen. Uns fehlt die Kontinuität, der Boden unter den Füßen, der das Kämpfen erst möglich macht. Und so werden viele irgendwann von den Zentrifugalkräften des Lebens erwischt und ins Außen geschleudert. Manche Nicht-mehr-Aktivist_innen resignieren, verstummen, ziehen sich verletzt zurück. Manche bekommen vielleicht Kinder und sind auf feste Vernetzungen angewiesen, die sie in fluktuierenden Szenen nicht selbstverständlich antreffen. &lt;br /&gt;Doch unsere vielfältigen Erfahrungen als Aktivist_innen sind wertvoll und wir können sie weiter nutzen und in unsere Biographien integrieren, auch wenn wir - älter geworden - uns vielleicht aus der Szene lösen. Wenn es uns gelingt, statt eines kurzen metropolitanen Lifestyle der Politik-Machens ein langfristiges Politisch-Sein als Lebensentwurf zu ermöglichen, dann können wir mit unserer ganzen Energie in die alltäglichen Realitäten, sozialen Beziehungen und notwendigen Kämpfe gegen Diskriminierungen, Herrschaft und Ausbeutung eingreifen. „Die Freiheit ist nicht die Geste, uns von unseren Verbundenheiten loszulösen, sondern die praktische Fähigkeit, auf sie einzuwirken, sich in ihnen zu bewegen, sie zu erschaffen oder zu durchtrennen (Das unsichtbare Komitee: Der kommende Aufstand).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Charlotte Spielmann (war in den 1990er Jahren aktiv bei FelS und in der arranca!)&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 17:37:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Lebendige Milieus und unheimliche Fragen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/lebendige-milieus-und-unheimliche-fragen</link>
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                    &lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Könnt ihr kurz erzählen, seit wann ihr in politischen Gruppen  und Bewegungen aktiv seid und welche das im Laufe der Jahre waren? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gabi:  Ich habe mich Anfang der 1970er Jahre im Kommunistischen Bund (KB)  organisiert und war dort bis zu dessen Auflösung. Erst war ich in einer  Stadtteilgruppe und dann in meiner Betriebsarbeitszeit in der  Betriebsgruppe organisiert. Die Stadtteilarbeit hat neben dem  Zeitungsverkauf auch Wohnungs- und Sozialpolitik beinhaltet und die  Betriebsarbeit brachte die Gewerkschaftsarbeit mit sich. Nachdem ich aus  dem Betrieb raus bin, habe ich im Verlag des KB gearbeitet. Die  politische Arbeit war sehr an Kampagnenpolitik orientiert. Wir haben  damals nicht nur große Demonstrationen (mit)organisiert, sondern auch  große Soli-Veranstaltungen mit internationalen Bewegungen. Kaum  vorstellbar für heute, die Hamburger Messehallen voll zu bekommen, wenn  es um die Solidarität mit bewaffneten Befreiungsbewegungen geht. Mein  politischer Zusammenhang war dann die Antirepressionsgruppe im KB. So  etwas wie Anti-AKW, Antifa, § 218 oder Bunte Liste lief natürlich alles  parallel. Heute arbeite ich immer noch in der Redaktionsgruppe von  analyse+kritik mit.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Könnt ihr kurz erzählen, seit wann ihr in politischen Gruppen und Bewegungen aktiv seid und welche das im Laufe der Jahre waren? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gabi: Ich habe mich Anfang der 1970er Jahre im Kommunistischen Bund (KB) organisiert und war dort bis zu dessen Auflösung. Erst war ich in einer Stadtteilgruppe und dann in meiner Betriebsarbeitszeit in der Betriebsgruppe organisiert. Die Stadtteilarbeit hat neben dem Zeitungsverkauf auch Wohnungs- und Sozialpolitik beinhaltet und die Betriebsarbeit brachte die Gewerkschaftsarbeit mit sich. Nachdem ich aus dem Betrieb raus bin, habe ich im Verlag des KB gearbeitet. Die politische Arbeit war sehr an Kampagnenpolitik orientiert. Wir haben damals nicht nur große Demonstrationen (mit)organisiert, sondern auch große Soli-Veranstaltungen mit internationalen Bewegungen. Kaum vorstellbar für heute, die Hamburger Messehallen voll zu bekommen, wenn es um die Solidarität mit bewaffneten Befreiungsbewegungen geht. Mein politischer Zusammenhang war dann die Antirepressionsgruppe im KB. So etwas wie Anti-AKW, Antifa, § 218 oder Bunte Liste lief natürlich alles parallel. Heute arbeite ich immer noch in der Redaktionsgruppe von analyse+kritik mit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Friederike: Meine erste Demonstration war 1980 mit Fahrrädern gegen Atomkraft durch unseren Landkreis. Doch das geplante Endlager sollte da bereits nach Gorleben – nicht mehr zu uns. Dem Gefühl von Bewegt-Sein tat das aber keinen Abbruch: Die Friedensbewegung stand vor der Tür, fast jedes Dorf hatte seine Initiative. Jahre später das letzte Treffen der unsrigen bekam ich nicht mehr mit, denn die Bundesschülervertretung tagte. Ich wurde BundesschülerInnensprecherin (das große I erkämpft) und holte mir in dieser Zeit eine tiefe Abscheu gegen Kungeln und Über-den-Tisch-ziehen (vor allem: gezogen werden), die ich mit einer Politpause behandeln musste. Als Heilmittel erwies sich das autonom geprägte Freie Radio St. Pauli. Von Gruppe zu Gruppe wurden meine autonomen Zusammenhänge kuscheliger, theoretischer und aktionsorientierter zugleich. Schön. Doch war die Welt wirklich hinter dem Wasserturm zu Ende? Nach einigen schaurigen Erfahrungen bei der Suche nach größeren Vernetzungen fand ich 1996 die ganz große: Ich fuhr in den mexikanischen Dschungel zum Intergalaktischen Treffen der Zapatistas. Daraus erwuchs Peoples Global Action, eine weltweite Vernetzung von Basisbewegungen. 1998 war ich Pressekoordinatorin der Proteste in Genf gegen die WTO, 1999 ging es nach Seattle – die Globalisierungsbewegung betrat die Bühne. Im letzten Jahrzehnt wurde in meinem eigenen Leben die ökonomische Bedeutung anderer Wirtschaftsweisen immer offensichtlicher. Seit sieben Jahren lebe ich in einem Projekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vassilis: Während einer kleinen Affäre mit dem christlichen Rechtskonservatismus in meiner Gymnasialzeit musste ich anerkennen, dass meine linken Kontrahenten argumentativ kohärenter waren und subkulturell informierter, und irgendwie besser aussahen. Links sein bzw. links werden war für mich sehr intensiv mit der deutschen Besatzungszeit und ihren Folgen für meine Familiengeschichte verbunden. Ich musste ein unheimliches Schweigen entwirren, das Schweigen der verschämten Besiegten. Keiner hatte dafür eine Sprache. Also versuchte ich es direkt bei den Rechten, um meine Familie zu provozieren, was nur weh tat und nicht half. Ich wurde von der eurokommunistischen Jugendorganisation rekrutiert und machte schnell Parteikarriere. Der Antistalinismus hat mir geholfen das Schweigen zu verstehen, vor allem die skurrile Bürgerkriegszeit. Wir lebten in den Achtzigern irgendwie in den Diskursen der verratenen Revolution – angereichert mit einer Prise Internationalismus. Weil ein Teil der Antworten, die ich suchte, nach Deutschland mit meinen Eltern ausgewandert war, bin ich denen gefolgt. Am Anfang habe ich im Namen meiner Partei Exilpolitik gemacht, aber die Neonazis in Hamburg machten aus mir einen eifrigen Antifa. Es war die Zeit der Pogrome und der militanten migrantischen Selbstorganisierung, eine existenziell prägende Erfahrung. Cafe Morgenland war für mich in der Zeit einfach das richtige. Nach einigen Jahren entdeckte ich Kanak Attak, was für mich die Fortsetzung dessen war, was wir davor machten, allerdings mit popkulturellen Mitteln. Kanak Attak ist die wichtigste politische Erfahrung, die ich je gemacht habe. In der Zeit und im Zuge der europäischen Sozialforen entdeckte ich den Charme der transnationalen Dimension linksradikaler Europa-Politik und agierte mich für das Frassanito-Netzwerk, No Border und das Euromayday-Projekt. Politisch zuhause fühle ich mich in Hamburg und mein Herz schlägt für Lux &amp;amp; Konsorten und für das Netzwerk Welcome To Europe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Wie haben sich eurer Ansicht nach die Bedingungen, unter denen man heute Politik macht, verändert? Sowohl als prekäre_r Jobber_in, als Erwerbslose_r oder an der Uni sind die Freiräume, die es dort mal gab, massiv zusammengeschrumpft und auch in anderen Bereichen sickert die Arbeit zunehmend in den Rest des Lebens. Auf der anderen Seite gibt es aber zumindest technische Möglichkeiten, sich weniger zeitintensiv zu informieren und zu vernetzen. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vassilis: Ich glaube nicht, dass die Bedingungen so anders geworden sind. Sie sind allerdings für mich anders geworden. Als Student hatte ich unendliche Zeit für sektenartige Scheinkämpfe, und jetzt als Dozent habe ich viel weniger Zeit, aber manchmal einflussreichere Netzwerke. Hatte weniger Reproduktionskosten, einen pragmatischen Umgang mit schlechtem Alkohol und viel Nikotin und war weniger eitel. Für politisch Militante (im operaistischen Sinn) gab es schon immer Stress zwischen Lohnarbeit und politischer Praxis. Ich habe immer zwischen dem Selbstvorwurf „ich mache zu wenig“ und dem Milieuvorwurf „ich mache in der Tat zu wenig“ gelebt und gelernt, diese Anstrengung als eine falsche Frage an mich und an das Milieu zurückzugeben. Lebendige politische Milieus sind in der Lage, den Stress der Reproduktion und Politik zärtlich zu absorbieren, nicht-lebendige kollektivieren diesen Stress moralistisch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gabi: Natürlich hat Vassilis Recht, wenn er sagt, dass die Bedingungen auf jeden Fall für einen selbst anders geworden sind. Die Lebens- und Arbeitssituation für die Einzelnen verändern sich. Ich glaube, dass sich auch die äußeren Bedingungen seit Anfang der 1970er Jahre verändert haben. &lt;br /&gt;Ich habe 1972 angefangen im Betrieb zu arbeiten und bin dort hingegangen, um Politik zu machen, nicht um zu arbeiten. Das war notwendiges Übel und lief immer so grenzwertig, dass ich an Abmahnungen wegen zu wenig oder schlechter Arbeit immer noch gerade vorbeigeschrammt bin. Was die Aneignung von Arbeitszeit betraf, waren wir unheimlich kreativ. Stempeluhren für Pappzeitkarten waren eben nur tote Kästen und Papier. Freie Tage mit gelbem Schein haben Luft geschaffen für das Organisieren von Kampagnen oder Demos. Im Betrieb wurden die, wie hat Vassilis doch so nett formuliert, „sektenartigen Scheinkämpfe“ zwischen den verschiedenen linken Gruppen in der Kantine, auf Betriebsversammlungen und in den (gewerkschaftlichen) Betriebsgruppen genauso intensiv geführt wie an der Uni. Mit den Kolleg_innen wurde darüber diskutiert, ob es nun richtig ist, sich bei Demos mit Helm und Fahnenstange zu schützen oder nicht. Das kann ich mir bei den heutigen Arbeitsverhältnissen nicht mehr so recht vorstellen. Schon Ende der 1990er Jahre war das in den Betrieben, in denen ich dann gearbeitet habe, nicht mehr so. Auch die elektronischen Zeiterfassungskarten und Arbeitsnachweise haben die frei verfügbare Arbeitszeit stark eingeschränkt.&lt;br /&gt;Als Stress habe ich diese Situationen nie empfunden, irgendwie war ich trotzdem nächtelang in der Kneipe oder auf Feten. Nicht selten ging es direkt von dort in den Betrieb. Die sanitären Anlagen im Betrieb waren ein beliebter Schlafplatz.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Friederike: „Lebendige politische Milieus sind in der Lage, den Stress der Reproduktion und Politik zärtlich zu absorbieren, nicht-lebendige kollektivieren diesen Stress moralistisch“ – diesen Spruch von Vassilis werde ich mir merken, wenn mir mal wieder jemand in meinem Projekt sagt, ich könnte doch zur Abwechslung auch mal kochen! Nein, im Ernst, mir ist schon bewusst, wie sehr meine prekäre, aber eben auch sehr erfüllte Existenzweise durch die solidarischen Strukturen ermöglicht wird, in denen ich lebe. So kann ich wirklich das tun, was für mich zählt im Leben, persönlich wie politisch. Das ist ein wahnsinniger Luxus. Womit sich für mich paradoxerweise im Umkehrschluss zu Vassilis und unserer Studienzeit ergibt: Die Bedingungen sind sehr anders geworden – allerdings nicht für mich. Ich habe mir aber auch nie träumen lassen, mal in einem Projekt und außerhalb der Stadt zu leben. Dass ich es doch tue, hat zum einen damit zu tun, dass es statt eines offenen Platzes früher wohl eher eine geschlossene Landkommune gegeben hätte. Zum anderen wäre damals die Isolation aber natürlich eine ganz andere gewesen – das Internet macht es möglich, dass es sich nicht so anders anfühlt, ob ich auf St. Pauli in einer WG hocke oder im Wald. Die meisten Menschen, mit denen ich persönlich und politisch eng verbunden bin, leben ohnehin nicht mehr in meinem unmittelbaren Umfeld.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿: Wie ich persönlich an einigen älteren Genoss_innen feststelle, kann langjähriger politischer Aktivismus dazu führen, dass man schnell „abgegessen“ ist, vieles nicht zum wiederholten Male diskutieren will und man weniger bereit zu einer experimentellen Praxis ist, was im Extremfall auch schon mal zu ziemlichem Zynismus führen kann. Wahrscheinlich alles Erfahrungen, die euch keineswegs fremd sind. Wie geht ihr damit um, dass die radikale Linke in Deutschland immer noch vor allem eine Jugendbewegung ist und man ab einer gewissen Altersklippe immer wieder Genoss_innen verliert?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Friederike: Ich weiß noch genau, wie wir in unserer WG Mitte der 1990er einen Bericht über einen 47-Jährigen in einem Berliner Hausprojekt gesehen haben, und wir alle waren so „Wow, das wäre schön, wenn wir dann auch noch …“. Jetzt bin ich von dem Alter nicht mehr weit weg und lebe nicht nur in einem Projekt, sondern auch mit einer Reihe von Leuten zusammen, die älter sind als ich. Das Gefühl, Bewegung ist nur was für Junge, habe ich nicht. Auch meine internationalen Erfahrungen spielen hier bestimmt mit hinein, denn international gesehen, vor allem im Globalen Süden, ist das wesentlich durchmischter. Stimmt schon, in Deutschland sind die meisten jung, vor allem, wenn es um politische Aktionen im engeren Sinne geht, aber da ich die „jüngeren“ Ansätze, Politik zu machen, in der Regel die besseren finde, genieße ich das auch. Überhaupt, bei einer Diskussion mit älteren Linken darüber, ob die Welt in den 1970ern oder heute düsterer bzw. hoffnungsvoller aussah, fiel mir auf, dass ich zwar beide Positionen verstehen konnte, für mich aber das Entscheidende war, dass ich die Linke von heute eindeutig vorziehe – vom Umgang untereinander ebenso wie von dem, was ins politische Bewusstsein gerückt ist seitdem: dass der Weg dem Ziel entsprechen muss und dass Herrschaft nicht platt als Unterdrückung durch Kapitalisten zu verstehen ist, sondern dass Machtverhältnisse komplex, miteinander verwoben und sogar uns selbst durchdringend sind. Und diese Impulse wurden immer besonders stark durch Jüngere aufgenommen und gelebt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vassilis: Ich stimme Friederike absolut zu. Ich bevorzuge eindeutig die gegenwärtige Ausgangssituation für die (Neu)Begründung einer radikal-transnationalen und zugleich gesellschaftlichen Linken. Es hat mich immer wieder die Frage beschäftigt, warum meine Lieblingszeitgenoss_innen die gemeinsamen Politzusammenhänge zuerst verließen. Es war eine erschreckend intensive Frage an mich, im Sinne von: was mache ich hier falsch. Der Zynismus der Aussteiger_innen hat mich wiederum niemals beeindruckt, weil er mich ästhetisch abstößt. Jammern und feuilletonistisch informiertes Kritisieren steht für mich eindeutig für einen kompensatorischen Neid auf die verlorene Freude, die die Praxis voraussetzt und zugleich erst im Gemeinsamen erfahrbar ist. Doch die Privatisierung linker Biografien steht andererseits symptomatisch für die Intoleranz einer linksradikalen Subkultur, der es nicht gelingt, mit unterschiedlichen Belastbarkeits- und Geschwindigkeitsvermögen ohne den Einsatz eines schlechten Gewissens zu umgehen. Und das gilt gleichsam für die Jungen, die Älteren und für mich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gabi: Ich kann mich Friederike auch nur anschließen. Es wäre ja auch absolut ignorant gegenüber der weltweiten gesellschaftlichen Entwicklung und dem Wissen darum, Herrschaft auf die Unterdrückung durch den Kapitalismus zu reduzieren. Obwohl ganz so platt war die Vorstellung von den Machtverhältnissen auch in den 1970er Jahren nicht bei allen linken Gruppen oder sozialen Bewegungen. Die Auseinandersetzungen um Haupt- und Nebenwiderspruch waren ein wesentlicher Bestandteil innerlinker Debatte. Die Frage, die Vassilis aufwirft, warum sind meine Genoss_innen nicht mehr (in den Zusammenhängen wo ich jetzt bin) aktiv und bin vielleicht ich es, die falsch liegt, kenne ich auch. Aber in meiner politischen Praxis merke ich dann, dass es mir Spaß macht, mich auf die neuen Bedingungen und den anderen Umgang der Linken einzulassen und gemeinsam an den anstehenden Problemen zu diskutieren und zu arbeiten. Und ja, manchmal nervt es mich unendlich, wenn ich merke, die Diskussion habe ich nun schon hundertmal geführt. Je nach persönlicher Befindlichkeit bin ich dann mal geduldig und denke, okay, das haben wir damals auch so gemacht, und mal genervt und ungeduldig und denke, es muss doch nicht sein, dass das Rad jedes Mal neu erfunden wird.&lt;br /&gt;Der Umgang innerhalb der Linken hat sich sicherlich verändert. Trotzdem finde ich, dass bestimmte Verhaltensweisen nach wie vor bei den heute Jungen genauso auftreten wie damals bei den heute Alten: Der Machtkampf zwischen diskutierenden Männern fällt mir heute genauso unerträglich auf manchen Treffen auf, wie schon vor 35 Jahren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Spätestens seit den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm scheint es in Deutschland eine neue Generation politischer Aktivist_innen zu geben. Die sich erstens verbindlich organisieren wollen und zweitens damit recht erfolgreich zu sein scheinen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gabi: Wir sind ja als ak-Redaktion in der IL. Die Idee zu einem überregionalen Beratungstreffen von Einzelpersonen, die in verschiedenen Zusammenhängen aktiv sind, ist um 2000 herum von uns initiiert worden. Anfänglich waren wir zwischen fünf und acht Menschen, mit der Vorstellung, wir müssen versuchen, da, wo es noch Zusammenhänge und Aktivist_innen gibt, die Strukturen aufrecht zu erhalten. Dafür brauchte es manchmal doch einiges an Frustrationstoleranz, aber im Laufe der Zeit hat sich der Kreis erweitert und ist dann zur jetzigen IL geworden. Trotz vieler schwieriger Diskussionen und sehr unterschiedlicher Vorstellungen über das Selbstverständnis, die Gewaltfrage, die Organisationsform, finde ich, dass die IL auf einem guten Weg ist und auch gute Chancen hat, die nächsten Jahre weiterzumachen. Ich würde mir wünschen, wenn die Streitkultur innerhalb der IL es ermöglicht, dass die oft sehr kontroversen Positionen mit dem Ziel, „wie weiter miteinander“, ausgetragen werden können und damit auch in den nächsten Jahren der Raum für weitere gemeinsame Mobilisierungen und politisches Eingreifen bleibt. Die Erfolge in der Mobilisierung gegen den G8-Gipfel und auch beim Castor Schottern! haben gezeigt, dass es nicht auf die Anzahl der in linksradikalen Zusammenhängen organisierten Aktivist_innen ankommt, sondern auf die Fähigkeit, Menschen für politische Aktionen und Ziele zu aktivieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Friederike: Im Zuge der Vorbereitung von Heiligendamm gab es auch sehr unschöne Vernetzungsprobleme, wo sich mal wieder zeigte, wie sinnlos es ist, sich auf eine gemeinsame Linie einschwören zu wollen, wenn´s nun mal so gar nicht zusammen passt: Während einige mit aus den Siebzigern stammenden Politikkonzepten die militante Einheit schmieden wollten, waren es tendenziell die Jüngsten, die nun aber auch noch jede dort versammelte Stimme unbedingt integrieren mussten. Das zeigte mir einmal mehr: Jedes krampfhafte Aufrechterhalten einer Struktur geht schnell in die falsche Richtung. Und: Ich selbst bringe mich nur dort ein, wo es sich richtig gut anfühlt. Bei Peoples Global Action war das der Fall. Dass heute niemand weiß, wie wichtig PGA für den Beginn der Globalisierungsbewegung war, liegt aber an eben dieser losen Organisierungsform. Allerdings funktionieren ja auch die aktuellen Bewegungen in Arabien oder Südeuropa so – eher als Raum für Aktionen, auf der Grundlage von Ideen, mit denen Menschen sich identifizieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vassilis: Das ist eine sehr unheimliche Frage, weil sie uns mit einer fantasmatischen Dringlichkeit konfrontiert: Wir haben doch das Organisationsprojekt auf die Beine gestellt – wann kommt endlich das Ereignis? Ich habe übrigens schon immer Probleme mit Ausdrücken wie „politische Arbeit“ oder „-projekte“ gehabt. An beiden vermisse ich das plebejische Bekenntnis zur sozialen Militanz der Praxis, die ich von den italienischen Postoperaist_innen oder vom „Griechischen Dezember“ oder von der „Jasminrevolution“ gelernt habe. Es ist nicht so sehr die Organisation, sondern die Radikalisierung, die sie gewährleisten kann, die mich an der Organisationsfrage interessieren würde. Doch dieses Radikalisierungsvermögen ist per definitionem nicht organisierbar, oder besser gesagt die Organisation kann im besten Fall dieses Vermögen benennen und bejahen. Das ist auch das konkrete Kriterium für meine Bereitschaft, mich in und für eine Organisationsform zu engagieren. Es kommt darauf an, das Wissen, die List und die Beharrlichkeit der Subalternen in immer neue Kulturen und Lebensformen der Wunschproduktion zu kommunizieren und wieder sie verteidigen zu lernen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 16:51:26 +0000</pubDate>
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 <title>Bodycheck und linker Haken</title>
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 <pubDate>Thu, 09 Dec 2010 15:49:27 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Subject: Heterogene Lebenswelten</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/33/subject-heterogene-lebenswelten</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Links sein heißt jung sein – zumindest in der undogmatischen sozialen  Linken in Deutschland. Politikformen und -routinen sind nicht mit  Lebensverläufen kompatibel, die Berufstätigkeit und Kinder einschließen –  um nur zwei Dinge zu nennen, die die Lebenszeiten und -inhalte vieler  AktivistInnen der Generation 30+ prägen. FelS ist 1991 mit dem Anspruch  angetreten, später nicht zur Jugendsünde zu werden. Man sollte in dieser  Gruppe alt werden können.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Links sein heißt jung sein – zumindest in der undogmatischen sozialen Linken in Deutschland. Politikformen und -routinen sind nicht mit Lebensverläufen kompatibel, die Berufstätigkeit und Kinder einschließen – um nur zwei Dinge zu nennen, die die Lebenszeiten und -inhalte vieler AktivistInnen der Generation 30+ prägen. FelS ist 1991 mit dem Anspruch angetreten, später nicht zur Jugendsünde zu werden. Man sollte in dieser Gruppe alt werden können. Das will etwas heißen. Rente bezieht zwar niemand, aber viele sind in und mit FelS immerhin erwachsen geworden. Einige haben nun Kinder, viele sind inzwischen berufstätig. Einige merken, dass sie jetzt doppelt so alt sind wie manche ihrer GenossInnen. Außerdem: FelS sucht Antworten auf das, was man soziale Frage nennt. Dass sich diese gesellschaftlich und ganz persönlich in neuer Schärfe stellen, ist im eigenen Lebensalltag wie in der „politischen Debatte“ spürbar. Gründe genug, genauer – und auch öffentlicher – zu besprechen, wie das Private mit dem Politischen verknüpft sein kann und könnte. An Stelle eines Leitartikels gibt es zur Einstimmung auf das Schwerpunktthema dieses Mal eine E-Mail-Debatte, die versucht, eine zeiträumliche Brücke von der Großeltern- zur Kindergeneration zu schlagen (1933, Niederlage der Arbeiterbewegung – 2015, neue Klassenfrage!). Sie gibt heterogenen persönlichen Situationen, Erfahrungen und Ansichten Raum, zugleich ist sie nur ein kleiner Ausschnitt der FelS-Diskussion. Die E-Mail-Adressen sind alle, alle(!) Fiktion, der Rest ist ein Teil, aber nur ein Teil der ganzen Wahrheit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: [red] Linke Generationenprojekte&lt;br /&gt; Von: she &amp;lt;she@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: Arranca alle &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 13 Okt 2005 13:03:37&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;Es gibt in (West-)Deutschland kein linkes Gedächtnis und keine (nicht-fragmentierte) linke politische Kultur. Das ist anders als z.B. in Italien, wo die kommunistische Tradition fortgeschrieben wurde und es ein soziales Milieu der Linken gibt. Die Gründe sind bekannt: Die Vernichtung der deutschen Arbeiterbewegung und der KPD, die Korruption ihres sozialen Milieus im NS, dann der Antikommunismus im Westen haben die Kommunikation zwischen den Generationen gekappt. Die 68er haben das nicht durch ein Anknüpfen an linke Traditionen aufgehoben. Sie haben sich im Bruch mit der kommunistischen Überlieferung und gegen die NS-Vergangenheit der Elterngeneration konstituiert. Irgendjemand hat mal von „nachholender Resistance” gesprochen. Die Frage ist: Was hat sich nach &#039;68 entwickelt? Die politischen AktivistInnen der heutigen Generation 30+ (die jetzt selbst Kinder bekommen) sind Kinder der 68er. Es wäre interessant festzustellen, wie weit sich generationenübergreifende linke Kommunikationsstrukturen entwickelt haben oder ob Abgrenzungsstrategien überwiegen. Recht offensichtlich ist die heutige undogmatische soziale Linke ein abgegrenztes Generationenprojekt, in dem für „ältere Linke” wenig Platz ist. Was sind die Gründe? In den Gewerkschaften, der Linkspartei et al. ist das bekanntlich anders. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir es schaffen können, dass Leute durch verschiedene Lebensabschnitte dabei bleiben. Welche Ausschlussmechanismen stehen dem Anspruch einer generationenübergreifenden linksradikalen Politik entgegen? Wie kann eine soziale Vermittlung und politische Überlieferung aussehen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: [red] Heterogene Lebenswelten&lt;br /&gt; From: &amp;lt;nor@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; To: “Redaktion” &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Date: Thu, 13 Oct 2005&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Links sein war für mich in erster Linie ein ganz persönlicher Protest gegen die bürgerliche Enge meines Elternhauses und eine Absage an den vorgezeichneten Lebensweg. Ich war im Grunde schon Akademikerin bevor ich überhaupt in die Grundschule kam. Ich kenne viele, für die es genauso ist. So viel zu der Kommunikation zwischen den Generationen. Andererseits: Ich finde es sehr interessant mit GenossInnen zu reden, die andere Erfahrungen haben, weil ihre Eltern 68er waren und immer noch Linke sind. Für mich wäre es unvorstellbar, mit meinen Eltern auf eine Demo zu gehen. Jetzt gibt es schon mindestens eine Generation politischer AktivistInnen, die von linken Eltern erzogen wurden. Bei FelS gibt es mehrere Eltern und Leute, deren Eltern im Alter ihrer GenossInnen sind. Zumindest zwischen Anfang 20 und Ende 40 ist die Altersstruktur relativ ausgeglichen. Interessant ist, dass wir jetzt in eine Phase kommen, in der Leute mit Kindern keine Ausnahmeerscheinung mehr sind, plötzlich sind 4-5 Leute Mütter oder Väter geworden. Ich bin gespannt, wie wir damit umgehen werden. Die Gruppe hält eine relative Heterogenität ganz gut aus, sowohl altersmäßig als auch in Bezug auf kulturelle Codes und Lebensumstände. Leute, die seit Jahren arbeitslos sind, Azubis, Studis, selbst Beamte sind dabei – wenn das mal nicht was Bemerkenswertes ist. Und trotz aller Unterschiede gibt es Gemeinsamkeiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: RE: [red] Heterogene Lebenswelten&lt;br /&gt; Von: she &amp;lt;she@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: Arranca alle &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 13 Okt 2005 17:34:04&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Was stimmt ist, dass FelS in vielerlei Hinsicht undogmatischer und kulturell offener als andere Gruppen derselben Größe ist. Aber ob es einem gefällt oder nicht: Es gibt eine unausgesprochene Norm, die sich in einer bestimmten „Speech” ausdrückt – einem bestimmten Bildungsgrad, einer Art, sich zu kleiden und aufzutreten. Damit sind implizite Ansprüche an das zeitliche Budget und an intellektuelle Ressourcen verbunden. Wer anders spricht, keine Texte schreiben und diese in der erwarteten Weise debattieren kann oder will – krass gesagt: kein sozialwissenschaftliches Grundstudium absolviert hat –, fällt aus dem Rahmen. Und wenn man es zeitlich nicht (mehr) hinbekommt, entsteht schnell eine frustrierende, mit schlechtem Gewissen verknüpfte Hetzerei… Mit Kindern oder in Vollzeit-Lohnarbeit ist das schwierig. Für Studis hingegen passt es eher, die können sich mit Spaß und Elan reinstürzen, es sogar als Lebensmittelpunkt sehen. Bis morgens um vier am Soli-Tresen zu stehen ist für Leute, die um sieben aufgestanden sind und am nächsten Tag wieder um sieben aufstehen müssen, nur eine weitere Form der Pflichterfüllung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: [red] Kulturelle Codes&lt;br /&gt; Von: “jos@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; An: “red@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; Datum: 13.10.2005 17.46 Uhr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich find’s immer noch super, bis nachts um vier Soli-Tresenschichten zu machen, obwohl ich zu den Älteren gehöre. Im Geheimen habe ich aber manchmal das Gefühl, mich – auch vor mir selbst – dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich immer noch aktiv linksradikale Politik mache und in einer Politgruppe rumhänge. Als ob ich mich weigern würde, erwachsen zu werden. Was ich zunehmend anstrengend und albern finde, ist die Jugendlichkeit, die zur kulturellen Repräsentation politischer Radikalität gehört.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: RE: [red] Kulturelle Codes&lt;br /&gt; Von: she &amp;lt;she@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: Arranca alle &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 13 Okt 2005 17:51:23&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Das stimmt schon. Was man aber auch, wenn man zu den Älteren gehört, zugeben muss, ist der Überdruss, der sich einstellt, wenn man merkt, es rücken gerade Leute nach, die die gleichen Diskussion führen wollen, die man schon viermal geführt hat. Sicher zu stellen, dass politische und Lebenserfahrungen zwischen den „Generationen” vermittelt und vorhandene Wissenshierarchien produktiv gemacht werden, ist ja nicht nur Aufgabe der Jüngeren, die die Norm der kulturellen Codes setzen, sondern auch der Älteren. Die werden doch manchmal etwas herablassend und altklug („das haben wir vor zehn Jahren schon diskutiert”). Dabei gibt es keine Alternative dazu, Erfahrungen in annehmbarer Form mitzuteilen und zur Diskussion zu stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: [red] Wie geht linksradikale Politik über 30?&lt;br /&gt; Von: id &amp;lt;id@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: “red-ml” &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 13.10.2005, 17:51&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Für mich hat sich die Frage gestellt, wo für mich ein Platz in der radikalen Linken ist, an dem ich mich mit Anfang 40 noch wohl fühle und meine Vorstellungen als anregend empfunden werden. Dass ich mich für FelS entschieden habe, hatte auch damit zu tun, wie „linksradikale Politik über 30” gehen kann. Ein Punkt: Ich finde es zunehmend wichtig, an einer Organisierung teilzunehmen, die Strukturen schafft. Die Veränderungen im persönlichen Alltag, die Jobberei, die unterschiedlichen Kraftanstrengungen im Beziehungsfeld WG/Familie haben mich schon so manche Zeiten des Rückzugs und der „niedrigen Flamme” durchleben lassen. Deshalb brauche ich einen politischen Kontext, in dem die unterschiedlichen und schwankenden Kräfte der Einzelnen berücksichtigt und respektiert, in dem die Anstrengungen in allen Lebensbereichen wahrgenommen und verstanden werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: AW: [red] Wie geht linksradikale Politik über 30?&lt;br /&gt; Von: “mat@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; An: “red@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; Datum: 13.10.2005 20.21 Uhr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Seit über sechs Jahren gibt es bei FelS Kinderbetreuung bei Vollversammlungen. Bei Bedarf werden sogar Babysitter organisiert, die während des Plenums Kinder zuhause betreuen. Das ist schon beachtlich. Es ist ja keineswegs selbstverständlich: Ich habe schon des Öfteren mitgekriegt, dass das in anderen Gruppen gar nicht bedacht und organisiert wird. Aber als Nutznießerin dieses außergewöhnlichen Arrangements fühle ich mich auf der anderen Seite verpflichtet, in Zeiten, in denen die Belastung durch Arbeit, Kinder etc. wirklich drastisch ist, keine “Auszeit” zu nehmen, wie das andere vielleicht tun würden. Ich fühle mich mit meinen Kindern auch in diesem aufgeschlossenen Umfeld exotisch. Vor allem das zweite Kind hat einen peinlichen Beigeschmack, weil es jetzt nicht mehr als „Ausrutscher” angesehen wird. Es handelt sich ja eindeutig um eine vorsätzliche Familiengründung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: [red] Kinder &amp;amp; Lohnarbeit&lt;br /&gt; Von: “jos@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; An: “red@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; Datum: 13.10.2005 20.21 Uhr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Leider ist die Kinderbetreuung das einzige, was man bei FelS als Strategie bezeichnen könnte, wie Leute langfristig und durch verschiedene Lebensphasen dabei bleiben können. Es ist nicht gelungen, die Spannung zwischen den Leuten, die wenig Zeit für Politik zur Verfügung haben, und denen, die mit größerem Zeitpotenzial dabei sind, zu lösen. Ohne schlechtes Gewissen kann man im Rahmen seiner eingeschränkten Möglichkeiten kaum Politik machen. Wenn man eine Vollzeitstelle oder/und Kinder hat, geht die politische Arbeit auf Kosten der Zeit, die man für sich und für Freunde und Freundinnen hätte. Deswegen funktioniert das eigentlich nur, wenn bei der politischen Arbeit gleichzeitig ein großer Teil der sozialen Beziehungen abgedeckt wird, also die politische Gruppe auch ein sozialer Zusammenhang ist. Diese Struktur engt die Teilnahmemöglichkeiten von Leuten ein, die nicht mit 20, sondern mit 40 zu FelS kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: [red] Hedonistisches Studentenleben?&lt;br /&gt; Von: li &amp;lt;li@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: red &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: Thu, 13 Oct 2005 20:42:23 +0200&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich teile, ehrlich gesagt, nicht den Eindruck, dass die vielen angehenden AkademikerInnen sorglos über ihre Zeit verfügen. Das hat sich doch stark relativiert, leider. Die meisten machen sich schon im ersten Semester Gedanken über einen sauberen Lebenslauf mit Gewinn bringenden Praktika und Auslandaufenthalten, auch Linke. Es geht dabei nicht nur um (drohende) Studiengebühren und darum, dass nur eine soziale Elite nicht nebenher jobben muss. Es macht sich allgemein eine Mentalität breit, die von Effizienz und Selbstbehauptung statt von Experimenten und Erfahrungshunger geprägt ist. Die praxis- bzw. wirtschaftsnahe Umgestaltung der Studiengänge und die begleitende Leistungspropaganda fördern den sozialen Stress. Im Hinterkopf haben alle Zukunftsangst. Die Zeit des Studiums ist kürzer und anstrengender. „Der Langzeitstudent” ist in der Standortpresse zu einem ähnlichen Schreckensbild geworden wie „der Gewerkschaftsfunktionär”. Vor zehn Jahren gab es ja noch relativ viele, die sich durch Studium, BAföG und Sozialhilfe eine Existenzgrundlage schufen, die es erlaubte, sich politischer Aktivität zu widmen. Das macht heute kaum noch jemand.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: RE: [red] Kinder &amp;amp; Lohnarbeit&lt;br /&gt; Von: “mat@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; An: “red@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; Datum: 13.10.2005 20.48 Uhr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Das Problem liegt nicht nur in der mangelnden Zeit. Es ist auch so, dass Du in einer anderen Welt lebst, wenn Du Kinder hast. Du hast Probleme, die es in der Realität der anderen gar nicht gibt. Bei den Fragen, mit denen man sich als Eltern so herumschlägt (die oft ganz politische Fragen sind), bekommt man von den Leuten, mit denen man politisch zusammenarbeitet, kaum Unterstützung. Ein Beispiel: Pränataldiagnostik. In der politischen Diskussion taucht das höchstens am Rande und abstrakt als „politische Meinung” auf, die aber dann folgenlos geäußert wird. Wenn man entscheiden muss, wie man sich verhalten soll, wenn man zur statistischen Risikoschwangeren erklärt wird, helfen Dir Bekundungen nicht weiter. Oder das Thema Schule. Viele (Berlin-)Kreuzberger Eltern aus der linken alternativen Ecke schicken ihre Kinder auf Privatschulen oder in trendige Schulen mit innovativen pädagogischen Konzepten und niedrigem Anteil türkischer Kinder. Ist es richtig, wenn ich nach meiner politischen Überzeugung handle und mein Kind in der Kreuzberger Schule anmelde, oder setze ich meine Auffassung auf Kosten des Kindes durch? Es ist ja fraglos richtig, sich sozialer Auslese praktisch zu widersetzen, aber es soll niemand glauben, man würde sich deshalb für etwas „Gutes” entscheiden. Ich nehme ja zumindest in Kauf, dass mein Kind Außenseiterin wird oder beispielsweise auf der sprachlichen Ebene unterfordert ist. Über solche Themen könnte ich eine Diskussion gut gebrauchen. Das läuft aber eher privat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: [red] Multiple Identitäten&lt;br /&gt; Von: she &amp;lt;she@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: Arranca alle &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 14 Okt 2005 12:22:20&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Obwohl wir viel zu Prekarisierung und den Phänomenen der multiplen Identitäten gemacht haben, die man annehmen muss, um die prekäre Lebens- und Arbeitssituation einer Durchschnittsakademikerin auf erträglichem Niveau hinzukriegen, hat das bisher wenig Eingang in die politische Praxis gefunden. Man arbeitet in einem Bereich, der nichts mit Politik zu tun hat, wo man allein steht und kämpft. Dann geht man einmal in der Woche abends zum Diskutieren über gesellschaftliche Probleme und einmal im Vierteljahr zu einer Aktion. Wichtig ist, dass man seinen Pflichten und Verantwortungen für die Gruppe nachkommt, aber wie man das eigentlich hin bekommt, darüber wird nicht gesprochen. Dabei würde es schon helfen, darüber zu reden, dass die eigenen Identitätskämpfe auch anderen zu schaffen machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: [red] Zwei Welten&lt;br /&gt; From: &amp;lt;nor@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; To: “Redaktion” &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Date: Thu, 14 Oct 2005&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich empfinde es als ein Leben in zwei Welten. Wenn Leute einen Job bekamen, den sie als gesellschaftlich „sinnvoll” und persönlich ausfüllend erlebten und sich nach einer Weile nicht mehr so zurechtfanden in der radikalen Linken, fand ich das schlapp. Und jetzt arbeite ich selbst an der Uni und versuche, wie viele andere auch, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Nicht weil ich denke, das sei das Tollste überhaupt, sondern weil es mir wie eine recht gute Lösung erscheint. Naja, lange Rede, kurzer Sinn, die akademische Arbeit macht wirklich schizophren. Meine Fähigkeiten in bürgerlichen Umgangsformen kommen mir prima zugute und ich muss da auch nicht mein Gewissen verraten. Es ist sogar drin, sich politische Herausforderungen zu suchen. Aber das findet alles in diesem ausgewogen-adulten Rahmen statt. Dann zwei Stunden später auf einer Spontiaktion zu stehen und Gefahr zu laufen, dass jemand mich sieht und ich dann erklären muss, warum ich mit Hippies pink fahre: ich gebe zu, das fällt mir schwer.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: [red] Lebensentwürfe&lt;br /&gt; Von: she &amp;lt;she@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: Arranca alle &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 14 Okt 2005 18:45:33&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Es ist ja evident, dass irgendwann im Alter um 30 massenhaft Lebensentwürfe gemacht und Lebensmittelpunkte verschoben werden. Arbeit und Einkommensquellen, Beziehungsmodelle und Wohnformen werden langfristiger überlegt und geplant. Außerdem werden Gedanken an Altersfürsorge, Gesundheit, die Zukunft wichtig. Die Fragestellungen, die bei FelS bearbeitet werden, sind in der Regel nicht die, die für diese Diskussionsprozesse relevant sind – oder sie werden auf einer abstrakteren Ebene verhandelt, die nicht für die konkret-persönlichen Entscheidungen übersetzt wird. Es gibt da eine Privatisierung gesellschaftlicher Fragen. Die Strukturen und Netzwerke der Linken scheinen irgendwie nicht so tragfähig zu sein, dass alternative Lebensentwürfe tatsächlich realisierbar erscheinen. Das ist, glaube ich, der Moment, in dem sich dann viele nach und nach verabschieden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: AW: [red] Lebensentwürfe&lt;br /&gt; Von: id &amp;lt;id@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: “red-ml” &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 14.10.2005, 19:12&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Die Dringlichkeit, mit der viele Leute über ihr Lebensmodell nachdenken, ist m.E. eine direkte Folge neoliberaler Deregulierung. Es ist ja jedem klar, dass es keine Sicherheit gibt, wenn Du alt oder/und krank, d.h. unproduktiv wirst. Das wird als bedrohlich empfunden, und das ist es auch. Für die anti-etatistische Linke ist das ein Feld, in dem sie intervenieren kann und muss. Sie muss Diskussionsstränge, Orientierungspunkte und konkrete Perspektiven schaffen, um in dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung relevant zu bleiben (oder erst zu werden); man könnte dabei auch argumentieren, dass das Zeitalter der einst als „Nischen” verhöhnten Alternativprojekte (Wohnprojekte, Kollektivbetriebe, etc.) mit der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und der Privatisierung der Fürsorge erst anbrechen könnte. Es gibt ja durchaus vielfältige und langjährige Erfahrungen mit alternativen Netzwerken und Strukturen, die nutzbar sind und weiter zu entwickeln wären.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: [red] Klassenfrage!&lt;br /&gt; Von: li &amp;lt;li@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: red &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: Thu, 13 Oct 2005 20:04:44 +0200&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Die Privatisierung der „care-economy” führt zur Verschärfung materieller Klassenunterschiede, auch innerhalb der radikalen Linken. In einem sozialen Umfeld, in dem alle mehr oder weniger billig wohnen und niemand auffällig viel Geld verdient, scheint die Klassenherkunft in Habitus und Lebensweise kaum eine Rolle zu spielen. Wenn es um soziale Absicherung geht, wird die Frage, ob familiäre Ressourcen, halbwegs wohlhabende Eltern, im Ernstfall aktiviert werden können, plötzlich entscheidend. Es ist doch eine erheblich andere Perspektive als jene, in der es darum geht, voraussichtlich die Pflege mittelloser Eltern (mit)finanzieren zu müssen. Familie ist – ob man es will oder nicht – für Szenarien, in denen man im Jahr 2015 oder so allein ohne Job mit zwei Kindern dasteht, ein relevanter Faktor.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:43 +0000</pubDate>
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 <title>Editorial</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/33/editorial</link>
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                    &lt;p&gt;Wir sehen heute ganz schön müde – man könnte fast sagen „alt“ – aus, so mit Fleischbrillen um die Augen, während wir hier sitzen an einem sonnigen Sonntag Ende Oktober und statt einer Runde Nordic Walking, wie es uns unsere Krankenkassen empfehlen, die übrig gebliebenen Cocktaildekorationen aus Weingummi essen und diskutieren, ob „rotgrün“ groß oder klein, mit oder ohne Bindestrich geschrieben wird. Wir befinden uns in der Schlussredaktion der 33. Ausgabe der &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt;, deren baldiges Erscheinen wir gestern mit einer rauschenden Pre-Release-Party gefeiert haben. Vereinzelt haben wir auch ordentlich lange durchgehalten. Apropos durchhalten: Einige von uns halten ja schon weit mehr als drei Jahrzehnte durch. Als gestern beispielsweise gegen drei Uhr AC/DC aufgespielt wurde, haben es die drei Frauen auf der Tanzfläche auf ein Gesamtalter von 111 Jahren gebracht. Ihr wisst nicht, ob ihr „Wow!“ oder „wie peinlich!“ denken sollt. Macht nichts: Ihr habt jetzt die Möglichkeit, das auf den folgenden 64 Seiten für euch zu klären.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Wir sehen heute ganz schön müde – man könnte fast sagen „alt“ – aus, so mit Fleischbrillen um die Augen, während wir hier sitzen an einem sonnigen Sonntag Ende Oktober und statt einer Runde Nordic Walking, wie es uns unsere Krankenkassen empfehlen, die übrig gebliebenen Cocktaildekorationen aus Weingummi essen und diskutieren, ob „rotgrün“ groß oder klein, mit oder ohne Bindestrich geschrieben wird. Wir befinden uns in der Schlussredaktion der 33. Ausgabe der &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt;, deren baldiges Erscheinen wir gestern mit einer rauschenden Pre-Release-Party gefeiert haben. Vereinzelt haben wir auch ordentlich lange durchgehalten. Apropos durchhalten: Einige von uns halten ja schon weit mehr als drei Jahrzehnte durch. Als gestern beispielsweise gegen drei Uhr AC/DC aufgespielt wurde, haben es die drei Frauen auf der Tanzfläche auf ein Gesamtalter von 111 Jahren gebracht. Ihr wisst nicht, ob ihr „Wow!“ oder „wie peinlich!“ denken sollt. Macht nichts: Ihr habt jetzt die Möglichkeit, das auf den folgenden 64 Seiten für euch zu klären. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; „Oh nein“, werden jetzt einige rufen. „Jetzt fangen die auch noch an, uns ihre Midlife-Crisis als politisch relevantes Thema zu verkaufen“. Keine Sorge. Ihr werdet keine Essays über die Probleme larmoyanter Mittdreißiger/innen lesen müssen, die ihre linksradikale Vergangenheit heute als Jugendsünde beschreiben, aber auch keine Tipps zu Erziehung von störrischen Szenekindern. Der aktuelle Schwerpunkt mit dem Titel „Andere Umstände – Zwischen Rebellion und Rente“ ist zwar auch ein Ergebnis unserer seit längerem in der Redaktion geführten Debatte darüber, wie man jenseits der 30 das politische Engagement in einer zwar undogmatischen, aber dennoch stark von subkulturellen „Traditionen“ und Gewissheiten geprägten linken Gruppe weiterführen kann – trotz stressiger Jobs, Kinderwünschen, Wünschen von Kindern und anderen Sorgen, die wir immer als die von bürgerlichen „Normalos“ abgetan haben. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Dabei sind wir allerdings nicht stehen geblieben. Vielmehr haben wir begonnen, uns viele Fragen rund um das Thema der politischen, aber auch der sozialen und biologischen Reproduktion zu stellen: Woran liegt es, dass gerade in Deutschland viele AktivistInnen jenseits der 30 der Politik in linken Gruppen bzw. der linken „Szene“ den Rücken kehren oder sich gar von ihrer linken Vergangenheit distanzieren? Oder: Welche Probleme tauchen auf, wenn – wie im Fall von FelS – die jüngsten AktivistInnen inzwischen die Kinder der Ältesten sein könnten? Mit einem per Email geführten Selbstinterview der Redaktionsmitglieder haben wir versucht, hierzu Stellung zu beziehen. Die weiteren Texte des Schwerpunktes behandeln Fragen, die über unsere Erfahrungen mit FelS hinausgehen: Wie können Generationen übergreifende linke Wohnprojekte aussehen? Wie verhält es sich zwischen den vorgeblich ab einem gewissen Alter „natürlichen“ Wünschen nach Sicherheit, Kindern, Familie und den betreffenden Bedürfniserzeugungs- und Regulationspolitiken des Staates? Welches sind linke Tabuthemen im Bereich der biologischen und sozialen Reproduktion? Wie gehen wir als Linke beispielsweise mit den Fragen „Erbschaften“, „Pränataldiagnostik“, dem „Altern“ oder mit körperlichen Einschränkungen und Behinderungen um? Und nicht zuletzt: Was bedeutet überhaupt „Altern“? Welche sozialen Konstruktionen, Stigmatisierungen und Techniken der Disziplinierung sind damit verbunden? &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Außerhalb des Schwerpunktes sticht die Anzahl der Beiträge zu aktuellen linken Debatten hervor. „Befreiung der Körper“ widmet sich den philosophischen Fundamenten von Antonio Negris und Michael Hardts umstrittenem Begriff der Multitude. Die Reportage über die so genannten 1-Euro-Job-Spaziergänge in Berlin gibt nicht nur einen Einblick in die Realitäten moderner Zwangsarbeit im Zeichen von Hartz IV, sondern stellt auch die Frage nach angemessenen Formen politischer Intervention in prekäre Beschäftigungsverhältnisse. „Vorsicht Linkspartei“ ist eine späte Stellungnahme zum viel kritisierten „offenen Brief“ mit antirassistischen Forderungen an die neue Formation, der im Juli unter anderem von FelS veröffentlicht wurde. Das Verhältnis von sozialen Bewegungen und parteipolitischen AkteurInnen steht auch im Mittelpunkt des Textes über Italien und des Beitrages „Parlamentarismus und Öffentlichkeit“, den wir als Anregung für Repliken und Kritik verstehen. Dank der ausgeprägten Reiselust unserer GenossInnen könnt Ihr dieses Mal auch einen Artikel über das Erbe der Apartheidspolitik, wie sie sich in der Stadtplanungspolitik der südafrikanischen Metropole Kapstadt zeigt, lesen. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Mit konkreten Aussagen und Versprechen für die Schwerpunkte der nächsten Ausgaben halten wir uns hier vornehm zurück. Soviel sei jedoch verraten: Die nächste Nummer wird im kommenden Frühjahr erscheinen. Zudem gibt es semiklandestine Verhandlungen über publizistische Kooperationen mit unseren GenossInnen von analyse &amp;amp; kritik (ak), Fântomas und So oder So anlässlich des Euromaydays und der Vorbereitungen für eine Kampagne gegen den 2007 in Heiligendamm stattfindenden G 8-Gipfel. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Wo wir gerade bei den GenossInnen anderer linker Zeitschriften sind: Der Redaktion von &lt;a href=&quot;http://www.akweb.de/&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur ak-Webseite&quot;&gt;analyse&amp;amp;kritik&lt;/a&gt; – formerly known as Arbeiterkampf&amp;nbsp; – aus Hamburg gratulieren wir heftigst solidarisch und herzlich zur 500ten, in Worten fünfhundertsten Ausgabe! Da liegen wir noch Jahre zurück. Ein dickes Wow! auch für Euer Gesamtalter, das schaffen wir auch noch nicht, aber wir sind euch auf den Fersen, obgleich bei uns gerade wieder der Altersdurchschnittssenker zugeschlagen hat: Er heißt Fritz und ist im September zur Welt gekommen. Auch für Fritz und Co. ein herzlicher Glückwunsch aus der Redaktion. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Ihr seht, FelS ist wie die &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; eine offene Gruppe, zu der sich auf verschiedenen Wegen Zutritt verschafft wird. Der einfachste ist jedoch immer noch dieser: &lt;a href=&quot;mailto:fels@nadir.org&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;Email an FelS&quot;&gt;fels[ät]mail.nadir.org&lt;/a&gt; oder &lt;a href=&quot;mailto:arranca@lists.nadir.org&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;Email an die arranca!-Redaktion&quot;&gt;arranca[ät]lists.nadir.org&lt;/a&gt; anschreiben und Kontakt aufnehmen. &lt;br /&gt; &lt;br /&gt; Und nun: Viel Spaß beim Lesen!&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;


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 <title>Fit in die Kiste</title>
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                    &lt;p&gt;&lt;em&gt;»Die Anti-Ageing-(R)evolution. &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Das Handbuch zum Aufhalten und Umkehren des Alterungsprozesses«; »Gewöhnen Sie sich das Altern ab! Das mentale Anti-Ageing-Training«; »Fit in die Kiste: Die Basismethode«; »Die Kunst der Selbstverjüngung. Ganzheitliches Anti-Aging«; »Power Ageing. Länger leben, später altern – jetzt handeln!«; »Koch dich jung! Einfache Rezepte mit den 15 Anti-Aging Stars«; »Geheimnisse ewiger Jugend: Anti-Aging – für ein gesundes, glückliches und langes Leben«; »Der Psychocoach: Anti-Aging – Warum es so einfach ist, jung zu bleiben! Mit Starthilfe-CD«;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;em&gt;»Die Anti-Ageing-(R)evolution. &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Das Handbuch zum Aufhalten und Umkehren des Alterungsprozesses«; »Gewöhnen Sie sich das Altern ab! Das mentale Anti-Ageing-Training«; »Fit in die Kiste: Die Basismethode«; »Die Kunst der Selbstverjüngung. Ganzheitliches Anti-Aging«; »Power Ageing. Länger leben, später altern – jetzt handeln!«; »Koch dich jung! Einfache Rezepte mit den 15 Anti-Aging Stars«; »Geheimnisse ewiger Jugend: Anti-Aging – für ein gesundes, glückliches und langes Leben«; »Der Psychocoach: Anti-Aging – Warum es so einfach ist, jung zu bleiben! Mit Starthilfe-CD«; »Anti-Aging für die Stimme: Ein Handbuch für gesunde und glockenreine Stimmen«; »10 Jahre jünger. 10 Jahre schöner. Anti-Aging. Beauty. Dynamik«.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Problemlos wären die nächsten Seiten mit weiteren Titeln aus der Ratgeberliteratur zu füllen, die sich alle dem in unterschiedlichen Varianten wiederkehrenden einen Thema widmen – wie das Alter(n) zu umgehen oder hinauszuzögern sei. Tatsächlich bildet die zuweilen kuriose Ratgeberliteratur nur die Spitze des Eisbergs. Seit einiger Zeit wird das Alter politisch, medial, wirtschaftlich und wissenschaftlich als Nicht-Alter entdeckt: lebenslange Dynamik und Energie, der Lobpreis von Altersaktivität in Ehrenamt und Pflege, die Entdeckung grauhaariger (gleichwohl faltenarmer) Konsument/innen und der Boom von Nordic Walking- sowie &lt;em&gt;Yoga for Best Agers&lt;/em&gt;-Kursen. Der angesichts des apokalyptisch beschworenen demographischen Wandels allgegenwärtigen Rede von der drohenden Altenrepublik steht die Rede von den jungen, fitten, aktiven und konsumierenden Alten gegenüber. Alte, die nicht alt sind, – so die Botschaft – lächeln uns von Plakatwänden entgegen, präsentieren nicht mehr den bequemen Treppenlift, sondern den Aktiv-Joghurt und verkünden auf Werbetafeln in der U-Bahn, dass sie direkt nach dem Squash in den Computerraum des Mehrgenerationenhauses geeilt sind und anschließend an der Diskussionsrunde »Gentechik – eine Chance für die Medizin?« teilnehmen. Alter als ›Lebensabend‹ im Sinne eines letzten Lebensrests, als (wohlverdienter) Ruhestand im Ohrensessel, ausgestattet mit Kukident und Dauerwelle; Alter als »rollenlose Rolle« am Rande der Gesellschaft, als Phase des Abbaus und der Demenz – alles eine Frage der Vergangenheit? Erleben wir den Wandel von einem negativen zu einem positiven Altenbild &lt;/a&gt;&lt;a href=&quot;#fussnote1&quot; title=&quot;Fußnote 1&quot;&gt;(1)&lt;/a&gt;, eine Wende von der traurigen Realität der zunehmenden körperlichen und geistigen Hinfälligkeit hin zu einem Altern als Erfolgsgeschichte oder gerade das Gegenteil – eine sogar zunehmende Abwertung und Stigmatisierung des Alters durch das Leitbild des &lt;em&gt;Anti-Ageing&lt;/em&gt;?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was wir definitiv erleben, ist die Wende hin zu einem Alter(n)sverständnis, das das Alter immer weniger als einen allein biomedizinisch bestimmten Abbauprozess begreift denn als eine (auch und wesentlich) sozial ausdeut- und gestaltbare Lebensphase. Zunächst einmal hat eine solche De-Naturalisierung des Alters durchaus einen emanzipatorischen Charakter, da sie im Gegensatz zu biologischen Festlegungen Gestaltbarkeit ermöglicht und soziale Spielräume eröffnet. Diese Möglichkeitsräume sind jedoch im Lichte der sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse – so des hoch kommerzialisierten &lt;em&gt;Anti-Ageing-&lt;/em&gt;Booms und der zunehmenden Privatisierung von Sozial- und Gesundheitsleistungen – keineswegs unproblematisch: Es spricht vieles dafür, dass in Zeiten, da Eigenverantwortung und Selbstsorge zu neuen Tugenden ausgerufen werden, aus dem Altern als Prozess des natürlichen Verfalls eine Frage des individuell zu verantwortenden Scheiterns wird.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ageism und Age-Imperialism – zwei Dimensionen von Alters- und Altenfeindlichkeit&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Diese Entwicklung ist nur zu verstehen, wenn man sich das, was gemeinhin als Altersdiskriminierung gefasst wird, etwas genauer anschaut. Ende der 1960er Jahre prägte der US-amerikanische Altersforscher Robert Butler den Terminus &lt;em&gt;ageism&lt;/em&gt; und bestimmte ihn als »Prozess der systematischen Anwendung von Stereotypen auf und der Diskriminierung von Menschen, weil sie alt sind – genau so, wie Rassismus und Sexismus dies für die Hautfarbe und das Geschlecht umsetzen. […] Ageism erlaubt es den jüngeren Generationen, ältere Menschen als von ihnen selbst unterschiedlich anzusehen« (im Original englisch, Übersetzung der Redaktion). Inwiefern &lt;em&gt;ageism &lt;/em&gt;tatsächlich parallel zu Rassismus und Sexismus zu konzipieren ist, ist seitdem hochumstritten: Als wichtiges Differenzierungsmerkmal wird in der Debatte hervorgehoben, dass die meisten Menschen alt werden, während ein Wechsel zwischen anderen gesellschaftlichen Kategorien wie Ethnizität oder Geschlecht eher die Ausnahme ist. Ferner wird darauf hingewiesen, dass die gesellschaftliche Abwertung und Ausgrenzung des Alters nicht losgelöst von der Frage des Todes betrachtet werden könne. Ist doch das gesamte gesellschaftliche Leben dadurch geprägt, dass Barrieren gegenüber dem Tod errichtet werden, so eben auch durch die Abgrenzung einer Altersphase, auf die die bedrohliche Auseinandersetzung mit dem Lebensende abgeschoben wird. Im Gegensatz zum angelsächsischen Raum spielt &lt;em&gt;ageism&lt;/em&gt; in den medialen und wissenschaftlichen deutschsprachigen Diskussionen – so auch in den Debatten der radikalen Linken – eine untergeordnete Rolle und ist auch der linken Literatur – ganz anders als dies für die Bereiche Sexismus und Rassismus der Fall ist – selten mehr als eine Fußnote wert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Neben einer Konzeption des &lt;em&gt;ageism&lt;/em&gt; als Altersdiskriminierung, die auf eine Abwertung des Alters hinausläuft, wurde in der englischsprachigen Debatte in jüngerer Zeit eine neue Form der Altersdiskriminierung ausgemacht, die als &lt;em&gt;age-imperialism&lt;/em&gt; (mitunter auch als &lt;em&gt;ageism light&lt;/em&gt;) bezeichnet wird. Diese Form des &lt;em&gt;ageism&lt;/em&gt; läuft darauf hinaus, das Alter einseitig an den Normen und Imperativen der mittleren Lebensjahre auszurichten. Zugleich werden Abweichungen hiervon nicht mehr als biologisches Schicksal, sondern als selbst zu verantwortendes Verhalten begriffen. Diese Kritik ist vergleichbar mit der feministischen Kritik am Androzentrismus, also der Kritik an der Abwertung des als weiblich Begriffenen durch eine Ausrichtung an die männliche Norm.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Vom aktiven Alter(n) und den Ambivalenzen des Anti-Ageing&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wie ist vor diesem Hintergrund nun die sich gegenwärtig vollziehende Neuverhandlung des Alters zu beurteilen, die die Gestaltbarkeit des Alterns ins Zentrum stellt und die Möglichkeit eines gesunden, fitten und aktiven Alters propagiert?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So sehr im Zuge der Entnaturalisierung des Alters soziale Gestaltungsspielräume entstehen und so erfüllend ein aktives und fittes Alter für ältere Menschen sein kann, so zwiespältig bleibt diese Perspektive als gesellschaftliche Devise. Mit der Benennung der Möglichkeit, das Alter erfolgreich zu bewältigen, geht im Zuge der Popularisierung von Eigenverantwortung zunehmend die gesellschaftliche Erwartung einher, dass die als möglich propagierte Leistung – gesund und aktiv zu altern – auch von allen erbracht werden soll. Dies geschieht weniger über direkte Zwangsmaßnahmen als über eine (Selbst-)Disziplinierung der Subjekte, für die die Performance als aktive Alte zur Altersnormalität wird. Im Zuge der Versprechen medizinisch-technischer Innovationen, der Philosophie der Wellness und der Fitness sowie einer umfassenden Privatisierung sozialer Risiken wird das Nicht-Altern zunehmend zu einer Frage der Wahl und des eigenverantwortlichen Engagements und das Altern zu einem Scheitern infolge von Aktivitätsverweigerung erklärt. In einem populärwissenschaftlichen Buch zum erfolgreichen Altern heißt es: »Die Gebrechlichkeit im hohen Alter ist größtenteils umkehrbar […] Was ist nötig, um die Uhr des Alterns zurückzudrehen? Das ist überraschend einfach. […] Der Erfolg hängt von guter, altmodischer harter Arbeit ab.« (englisch im Original, Übersetzung der Redaktion) Wer altert, hat also nicht genug an sich gearbeitet. Wo die Feststellung, dass Altern kein Prozess des notwendigen und natürlichen Abbaus ist, zunächst das Potenzial birgt, der gesellschaftlich tief verankerten Altersfeindlichkeit entgegen zu treten, wird sie im zweiten Schritt zu einem Instrument der Disziplinierung und Normierung. Dies geht insbesondere mit einer Abwertung des kranken und hochaltrigen Alters einher. Wo der Platz der so genannten unverantwortlichen Alten – der Kranken und Schwerstpflegebedürftigen, der Verwirrten und demenziell Erkrankten – sein soll, bleibt unbeantwortet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die negative Bewertung von Hochaltrigkeit ist dabei nicht einfach eine vermeidbare, unschöne Entwicklung. Vielmehr ist sie die logische Kehrseite der Neubestimmung des aktiven Alters als Phase des «Nicht-Alters«: Denn nicht die Abwertung des Alters steht in den aktuellen Diskussionen grundsätzlich in Frage, sondern lediglich die Gültigkeit von Defizitperspektiven für aktive und fitte ältere Menschen. Während junge Alte zunehmend als zurechnungsfähige Personen angesprochen werden, verbleiben hochaltrige Menschen im Objektstatus als zu Pflegende und zu Versorgende. Auch diese Entwicklung spiegelt sich in der einschlägigen Ratgeber-Literatur wider: Wo die Leser/innen in den &lt;em&gt;Anti-Ageing&lt;/em&gt;-Ratgebern direkt adressiert werden, handeln die Bücher über Pflege stets &lt;em&gt;von&lt;/em&gt; den Alten. Wir haben es also mit einem klassischen Fall von &lt;em&gt;age-imperialism&lt;/em&gt; zu tun, der den Druck auf all diejenigen erhöht, die den Normen des mittleren Lebensalters nicht mehr entsprechen können. Diese Menschen sind trotz all der populären Beschwörungen des positiven Alterns ganz klassischen Formen der Altersdiskriminierung ausgesetzt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch problematisch ist diese Entwicklung keineswegs nur im Hinblick auf die Hochaltrigen und Pflegebedürftigen, sondern auch für die jungen und gesunden Alten: Zwar haben sich die individuellen Bedingungen für ein aktives Alter infolge verbesserter gesundheitlicher Bedingungen, höherer Bildung und einer (bislang) mehrheitlich guten Absicherung im Alter tatsächlich für viele verbessert. Zugleich besteht aber eine Diskrepanz zwischen den individuellen Möglichkeiten und den gesellschaftlichen Ermöglichungen: Der Appell an ein aktives und fittes Alter adressiert das Verhalten älterer Menschen, lässt die Verhältnisse aber weitgehend unberührt. So stecken (politische) Initiativen gegen Altersdiskriminierung in den Kinderschuhen, es fehlt an altersgerechten Arbeitsplätzen, und auch die Zugangsmöglichkeiten zu ehrenamtlichen Tätigkeiten und Freizeitvergnügungen sind in den wenigsten Feldern auf ältere Menschen zugeschnitten.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Der aktive Alte als weißer Mittelschichtmann&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Was die individuellen Möglichkeiten älterer Menschen betrifft, ist wiederum – wie in so vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch – eine Orientierung an der Norm des weißen Mittelschichtmannes zu konstatieren. Denn je nach Geschlecht, sozialer Schicht oder ethnischer Zugehörigkeit sehr unterschiedlich hohen Hürden auf dem Weg zur Erfüllung des produktiven Ideals wird nicht Rechnung getragen. So ist die Befähigung zur permanenten (kommerzialisierten) physischen und psychischen Selbstoptimierung in hohem Maße bildungsabhängig und angewiesen auf gewisse finanzielle Ressourcen. Die in der Debatte verhandelten öffentlichen Aktivitäten, denen ältere Menschen nachkommen sollen, haben häufig einen Mittelschicht-Charakter – man denke an den Nachhilfeunterricht für sozial schwache Kinder. Die vielfältigen Konsumangebote vom Anti-Ageing-Yoga über diverse Kosmetika bis hin zur gesunden Ernährung sind keineswegs für alle bezahlbar. Und nicht alle verlassen die Arbeitswelt gesund und fit, um nun voller Energie die letzte Lebensphase zu starten. Menschen, die ihr Leben lang körperlich schwere Arbeit verrichtet (und dabei häufig unterdurchschnittlich verdient) haben, leben deutlich kürzer und eingeschränkter. In einer Zeit, in der der Körper zur sichtbarsten Visitenkarte im Alltag wird und in der Sichtbarkeit im Sinne einer demonstrativ ausgestellten Gesundheit eine neue Bedeutung erhält, wird zudem einmal mehr die Geschlechtsspezifik des Alterns offenkundig: Bei Männern gelten bestimmte körperliche Altersmarker – man denke an die grauen Schläfen – durchaus als attraktiv, Altersmerkmale werden deutlich später als bei Frauen als »Verfallsmerkmale« gelesen, obwohl diese durchschnittlich eine erheblich längere gesunde und aktive Lebensphase vor sich haben. Bereits Anfang der 1970er Jahre sprach Susan Sonntag deshalb von einem »double standard of ageing«.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Eigensinn und Widerstand – »Anti-activity activities«&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Probleme entstehen aber keineswegs nur für diejenigen, die dem neuen Leitbild nicht entsprechen können – sei es aus finanziellen oder geschlechtsspezifischen Gründen oder weil sie pflegebedürftig sind. Diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer, nicht wollen, die, obwohl über finanzielle, körperliche und mentale Ressourcen verfügend, ihren Lebensabend rauchend vor dem Fernseher verbringen, werden zu pflichtvergessenen, verantwortungslosen Subjekten erklärt. So stellt der Soziologe Zygmunt Baumann fest: »Am Horizont der autonomen Strategie zeichnet sich die Vision eines nur aufgrund der Pflichtvergessenheit des Ich zu Ende gehenden Lebens ab.« Es ist zum jetzigen Zeitpunkt nur zu erahnen, dass Eigensinn und Widerständigkeit unter diesen Bedingungen einen neuen Klang bekommen werden, in dem auch Marlboros und RTL zu vernehmen sein könnten. Welche sozialen Kämpfe um Ressourcen, Deutungshoheiten und soziale Anerkennung werden angesichts der Neuverhandlung des Alters geführt? Und inwiefern erscheinen solche Kämpfe (im Kleinen) – man denke an die rauchende Talkshow-Konsumentin – bisweilen als (passives) Scheitern? Dies gilt es auszuloten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vor diesem Hintergrund kann strategisch auf der Welle der Entdeckung des aktiven Alters gesurft werden: Die aktuelle Konjunktur sollte – und dies ist durchaus ein Thema für die radikale Linke! – genutzt werden, um auf die mangelnden Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Alter in einer strukturell altersfeindlichen Gesellschaft hinzuweisen. Eine sich immer größerer Beliebtheit erfreuende Strategie verbietet sich dabei von selbst: der »Schutz« des Alters vor seiner gesellschaftlichen Indienstnahme durch seine Re-Biologisierung, das heißt durch den Verweis auf das Alter als natürlichen Prozess und notwendige Phase des Rückzugs und der Entlastung. Stattdessen gilt es dafür zu sensibilisieren, dass die Nutzung von Altersressourcen im Zuge neoliberaler Umstrukturierungen kollektiver Sicherungssysteme im Zweifelsfall wenig mit der uneingeschränkt zu begrüßenden Ermöglichung selbstgewählter Altersaktivität zu tun hat. Die Aktivitäten, die heute von den Alten erwartet werden, müssen sich keineswegs mit den von den Alten selbst gewünschten Aktivitäten decken. Manchmal fängt Widerständigkeit schon mit einem Winter auf Teneriffa, exzessivem Kreuzworträtsellösen oder dem zelebrierten Kettenrauchen an – egal wieviele Ehrenämter auf Engagement, Enkelkinder auf Betreuung und &lt;em&gt;Fitness for Best Ager&lt;/em&gt;-Kurse auf einen Besuch warten.&lt;/p&gt;


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