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 <title>arranca! - Antisexismus</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/203/0</link>
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 <title>DefinitionsMacht und Vergewaltigungsdebatten</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/27/definitionsmacht-und-vergewaltigungsdebatten</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Wir arbeiten seit ca. drei Jahren als feministische, linke Frauengruppe zusammen. Schwerpunkt unserer Arbeit war lange Zeit ein Workshop zu Technologiekritik und Bevölkerungspolitik im Rahmen einer feministischen Kritik an der Weltausstellung EXPO 2000. Mit dem Thema »Definitionsmacht« sind wir ziemlich plötzlich und auf verschiedene Weise konfrontiert worden, unter anderem durch den gegenwärtigen Umgang mit sexueller / sexualisierter Gewalt in der radikalen / autonomen Linken.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Wir arbeiten seit ca. drei Jahren als feministische, linke Frauengruppe zusammen. Schwerpunkt unserer Arbeit war lange Zeit ein Workshop zu Technologiekritik und Bevölkerungspolitik im Rahmen einer feministischen Kritik an der Weltausstellung EXPO 2000. Mit dem Thema »Definitionsmacht« sind wir ziemlich plötzlich und auf verschiedene Weise konfrontiert worden, unter anderem durch den gegenwärtigen Umgang mit sexueller/sexualisierter Gewalt&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_qwz3e19&quot; title=&quot;Wir halten uns im Folgenden an einen weitgefassten Gewaltbegriff, der strukturelle und indirekte Formen von Gewalt einschließt. »Sexualisiert« verweist darauf, dass nicht die Sexualität das Entscheidende ist, sondern die Gewaltausübung, die eben in sexualisierter Form auftritt.&quot; href=&quot;#footnote1_qwz3e19&quot;&gt;1&lt;/a&gt; in der radikalen/autonomen Linken. Dieser Artikel basiert auf unserer Broschüre »DefinitionsMacht: schwergeMacht. Zu Vergewaltigungsdebatten in der radikalen Linken und darüber hinaus«, in der wir den bisherigen Stand unserer Diskussion veröffentlicht haben, um der verbreiteten Geschichtslosigkeit der jetzigen Debatten um sexualisierte Gewalt etwas entgegenzusetzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Um eine Perspektive im Umgang mit sexualisierter Gewalt zu entwickeln, betrachten wir erst mal die Ausgangslage. Trotz eines gesellschaftskritischen Anspruchs der autonomen Linken wird das Geschlechterverhältnis häufig ausgeblendet, die Beschäftigung mit Sexismus und sexualisierter Gewalt »privatisiert« und/oder fast in klassischer Arbeitsteilungs-Manier an Frauengruppen delegiert. Die fortschreitende Nichteinbeziehung von feministischen Positionen gründet auch im Niedergang der Frauenbewegung: der politische Druck fehlt. Feministinnen sind heute in der gemischtgeschlechtlichen Linken subsumiert, wo die jüngeren Frauen auch meist politisch sozialisiert wurden. Frauengruppen hingegen werden wieder offen in Frage gestellt, Diskussionen um Machtverhältnisse zwischen Frauengruppen und Gemischtlinker ausgespart.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die derzeitige Situation spiegelt sich in fataler Weise in den Vergewaltigungsdebatten wider. Die Schlammschlachten bezeugen einmal mehr die Geschichtslosigkeit, das partielle Unvermögen in der Linken, das eigene Vorgehen zu hinterfragen, und die Ausblendung des Geschlechterverhältnisses. Vielmehr bilden die Vergewaltigungsdebatten derzeit den einzigen Aufhänger für die Diskussion innerhalb der autonom-linken Öffentlichkeit um das Geschlechterverhältnis, was für Bewusstseinsbildung denkbar ungünstig ist, da sie niemandem die Gelegenheit zum Erkenntnisgewinn gibt. Die zunehmende Behandlung von Sex und Beziehungen als »Privatsache« führt nur zu häufig dazu, dass ein Bild der betroffenen Frau als zu pathologisierendes, passives Opfer reproduziert wird. Abstrakte Kritik feministischer Parolen (»heißt nein wirklich immer nein?«) und an dieser Stelle irrelevante Problematisierungen irgendwelcher HobbypsychologInnen (»aber es gibt doch auch Frauen, die Vergewaltigungsphantasien&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_gkqfatn&quot; title=&quot;Gerade deren Vorhandensein verweist darauf, dass Phantasien nicht rein spielerisch und ohne äußere Beeinflussung zustande kommen.&quot; href=&quot;#footnote2_gkqfatn&quot;&gt;2&lt;/a&gt; haben!«) rücken ins Zentrum bzw. werden zur »Gretchenfrage«. Im Fokus des Interesses steht nicht etwa die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse oder die Suche nach einem vernünftigen politischen Umgang mit sexualisierter Gewalt, sondern ob der »Täter« wirklich ein »Täter« und das »Opfer« wirklich ein »Opfer« ist.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Definitionsrecht oder Definitionsmacht?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ohne die Gesellschaftsverhältnisse einzubeziehen, wird versucht, ein abstraktes, allgemeingültiges Raster auszutüfteln, bei dem die Täterbestrafung in den Vordergrund rückt und von der Subjektivität des Erlebten und der Er- und Überlebenden&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_tqm123d&quot; title=&quot;Dem mit Passivität assoziierten Opferbegriff wurde von Frauen der Überlebendenbegriff entgegengesetzt. Frauen sind nicht nur Opfer, sondern kämpfen auch ständig um ihr Überleben, sowohl innerhalb einer Gewaltsituation als auch danach. Das daraus resultierende widersprüchliche Verhalten von Frauen Männern gegenüber wird ihnen oft als Mittäterschaft ausgelegt. Hierbei wird aber eines grundlegend verkannt: Eine Frau, die sich in einem Gewaltverhältnis befindet, hat dieses nicht herbeigeführt. Sie versucht ihr Überleben zu sichern und so wenig wie möglich Schaden zu nehmen.&quot; href=&quot;#footnote3_tqm123d&quot;&gt;3&lt;/a&gt; wegführt. Das Verfahren weist Züge eines bürgerlichen Gerichtsprozesses auf und zeugt sowohl von Perspektivverlust als auch von einer Sehnsucht radikal-linker Zusammenhänge nach einfachen Verhältnissen, die das schlechte Bestehende affirmiert. Die Begriffswahl Definitionsrecht gegenüber Definitionsmacht verdeutlicht dies. Ein »Recht« wird gewährt (oder nicht), wodurch ein passives Bild der betreffenden Frau impliziert und diese dadurch als Objekt behandelt wird. Bleibt die Frage, wer dieses Recht gewährleistet. Der Begriff »Definitionsrecht« vermittelt eine »Einklagbarkeit« gegenüber einem System. Ein dogmatisches Vereinbarungsschema, in welchem ein pseudo-juristisches Vorgehen dominiert, reduziert die Frau auf einen »Fall« und entpolitisiert das Geschehene.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Begriff Definitionsmacht ist nicht auf den Bereich sexualisierte Gewalt beschränkt, sondern wird in allen politischen Kontexten von Linken benutzt. Es geht dabei um die Frage, wer die Macht hat, etwas zu definieren. Die Linke skandalisiert die Definitionsmacht herrschender Eliten, Begriffe festzulegen; umgekehrt wird Definitionsmacht als eine politische Maßnahme für diejenigen eingefordert, die direkt von Unterdrückung betroffen sind. Niemand würde diesbezüglich auf die abstruse Idee kommen, von Definitionsrecht zu sprechen, als würde das irgendeine Instanz garantieren. Wer von einer nötigen Infragestellung der Definitionsmacht von Frauen in der radikalen Linken redet, suggeriert ein ausgeglichenes Machtverhältnis, das nicht vorhanden ist, und blendet damit auch dieselben Verhältnisse aus, die autonome Organisierung von Frauen und deren Widerstand überhaupt notwendig machen. Implizit werden auf diese Weise Frauengruppen als Organisationsform – und potentielle Gegenmacht gegenüber einer unsolidarischen Linken – infragegestellt. Bereits bei der Definition dessen, was überhaupt wichtige Fragen sind, beginnt die Definitionsmacht. Die generös angebotene »Diskussion« ist vor diesem Hintergrund keine, sondern schlichter Machtkampf. Somit ist es seitens der Frauengruppen folgerichtig, sich nicht gemäß einer Debatte zu verhalten, sondern wie in einer Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Macht: darf&#039;s ein bisschen mehr sein?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Erkämpfung der Definitionsmacht bzw. die Einsicht in die Notwendigkeit dieser kann nur eine – wenn auch gewichtige – politische Maßnahme sein, die sich durch die gegebenen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse legitimiert. Es handelt sich dabei um kein perfektes Konzept, da es historisch bedingt aus einer Defensive geboren wurde und zudem eine »missbräuchliche« Verwendung nicht auszuschließen ist. Letzteres als Argument gegen die Definitionsmacht ins Feld zu führen heißt jedoch auch, sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse auszublenden, zu denen diese politische Forderung in enger Beziehung steht. Die Unterstellung eines (potentiell) inflationären »Begriffsmissbrauchs« verweist an dieser Stelle einmal mehr auf die Verkennung der Relationen. Der Skandal besteht nicht in der gegebenen Möglichkeit, dass Frau XY »widerrechtlich« Gebrauch von dem »Machtmittel« Vergewaltigungsdebatte macht. Der Punkt ist, dass ohne Verwendung des Vergewaltigungsbegriffs oder anderer »Tabubrüche« mit Sicherheit nichts passiert. Die Verteidigung und Erweiterung der »Definitionsmacht« muss deren Geschichte einbeziehen und unter Bezug auf Prinzipien feministischer Politik erfolgen. Das beinhaltet die Beibehaltung und Stärkung der Autonomie der Frauengruppen und die prinzipielle Möglichkeit der Frauen innerhalb gemischter Gruppen und Organisationen, diese auch abgestuft nach Bedarf für sich einzusetzen. Nur aus der Autonomie heraus kann die Definitionsmacht über die Gestalt und Relevanz sexualisierter Gewalt und sexistischer Übergriffe durchgesetzt werden. Schließlich geht es um Macht, und die wird nicht freiwillig abgegeben, sondern durch den Aufbau von Gegenmacht erstritten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es geht uns jedoch nicht um ein »mechanisches« Verteidigen einer lediglich situativen Definitionsmacht, sondern um die Erweiterung der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in der gemischten radikalen Linken. Diese Auseinandersetzung sollte der Orientierung »pro-Frau« statt »contra-Mann« folgen. Derartige Prioritäten zu setzen hieße, sich für das zu entscheiden, was eine linke Bewegung und Organisation leisten kann, statt weiterhin Mini-Staat oder widerspruchsfreie Zone zu spielen. Wir halten es für notwendig, sich kontinuierlich mit der gesellschaftlichen Bedingtheit sexueller und sonstiger Männergewalt zu befassen, worauf dann aufgebaut und angesichts konkreter Vorfälle zurückgegriffen werden kann, statt das vereinzelte Heraufbeschwören eines Eklats. Auch unabhängig vom Tatbestand »Vergewaltigung«, angesichts »weniger schlimmer« Vorfälle muss gehandelt werden. Priorität bei allem, was infolge von Übergriffen unternommen wird, muss Schutz und ggf. Rehabilitierung&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_0ihwk4z&quot; title=&quot;Dass eine solche überhaupt nötig ist, spricht für sich und gegen Gruppen und Organisationen, deren Verhalten eine Rehabilitierung nötig macht. Trotzdem ist es Fakt, dass Frauen sich auch in derartig frauenfeindlichen Gruppen organisieren wollen, und diese Wahl ist ihnen offen zu halten.&quot; href=&quot;#footnote4_0ihwk4z&quot;&gt;4&lt;/a&gt; der betroffenen Frau sowie die Orientierung an ihrem Willen sein&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_0bnqydi&quot; title=&quot;Nicht alles, was an Unleidlichem in Heterobeziehungen passiert, muss unbedingt den Weg über eine explizite »Politisierung« nehmen, wenn es auch außerhalb dessen, im zwischenmenschlichen Bereich (Vertrauen, Verzeihen, Hoffnung, Freundschaft, Nachsicht) möglich ist, einer Frau nach einem Scheißerlebnis Unterstützung zuteil werden zu lassen und das auch geschieht. Wohl überflüssig zu erwähnen, dass die Einschätzung der Betroffenen maßgeblich dafür ist, ob ein Vorfall ausreichend »politisiert« wurde.&quot; href=&quot;#footnote5_0bnqydi&quot;&gt;5&lt;/a&gt;, was sich punktuell widersprechen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei ist unsere Erfahrung, dass Gewalterlebnisse für die Opfer subjektiv leichter verkraftbar sind, wenn sie nicht wie eine Bestätigung immergleicher, unveränderlicher Verhältnisse und darin erlebter Missachtung daherkommen. Wenn anstelle der bisher häufigsten Gewissheit, dass das betreffende Erlebnis aus gesellschaftlichen Verhältnissen hervorging, die zu bekämpfen die GenossInnen nicht für nötig erachten, der Eindruck tritt, dass sie im Kampf dagegen prinzipiell hinter der Betroffenen stehen, kann z.B. das Gefühl von Abwertung im Nachhinein gemildert werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;… darüber hinaus&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die geforderte Parteilichkeit gerade der gemischten linken Gruppen lässt sich nicht als Verhaltenskanon verpacken. Statt beim individualistischen »im Zweifel für die Frau« stehen zu bleiben, muss als Boden für konkretes Verhalten eine umfassende Sicht auf die – patriarchal verfassten – Dinge entwickelt werden. Praktisch muss die Bereitschaft da sein, wenigstens Schadensbegrenzung zu leisten. Wem es bisher an dieser Erkenntnis mangelte, dem sei gesagt: die Parteilichkeit der Männer für ihresgleichen in der gegenwärtigen Gesellschaft, ihr männerbündisches Agieren, macht feministische Parteilichkeit erst notwendig. Um den Zustand tatenloser männlicher Mittäterschaft zu durchbrechen, braucht es aktive, sichtbare Parteinahme von Männern – den Verrat am Männerbund: »Wer schweigt, stimmt zu«. Es ist Aufgabe der gesamten radikalen Linken, sich mit sexualisierter Gewalt auseinander zu setzen und daraus Konsequenzen zu ziehen, die tatsächlich den gesellschaftlichen Verhältnissen etwas entgegensetzen. Würden wir die Linke für reaktionär und sonst nix halten, dann bräuchten wir kein Bündnis mit ihr zu suchen, und ein Selbstverständnis als Linke wäre obsolet. Aber auch »Feminismus« bietet nicht automatisch ein emanzipatorisches Zuhause. Da wir uns selbst auch als Linke sehen und den Anspruch haben, linke Politik mitzubestimmen, sehen wir nicht ein, weshalb wir uns zwischen einer »linken« und einer »feministischen« Ausrichtung entscheiden sollten. Es geht uns daher sowohl darum, Debatten zu feministischen Positionen unter Frauen anzuregen, als auch (gemischt)linke Politik durch feministische zu radikalisieren. Obwohl die Berliner Debatte schon eine Zeitlang her ist, ist es leider sehr wohl nötig, den Sinn einst erkämpfter feministischer Gepflogenheiten und Begriffe neu herzuleiten und auch auf diesem Wege durchzusetzen. Die fruchtlosen Vergewaltigungsdebatten stehen dabei symptomatisch für die autonome Geschichtslosigkeit und den daraus folgenden Zwang, permanent das Rad neu zu erfinden&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_45g0eye&quot; title=&quot;Vgl. dazu Heinz Schenk: Die Autonomen machen keine Fehler, sie sind der Fehler, 1991&quot; href=&quot;#footnote6_45g0eye&quot;&gt;6&lt;/a&gt;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_qwz3e19&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_qwz3e19&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Wir halten uns im Folgenden an einen weitgefassten Gewaltbegriff, der strukturelle und indirekte Formen von Gewalt einschließt. »Sexualisiert« verweist darauf, dass nicht die Sexualität das Entscheidende ist, sondern die Gewaltausübung, die eben in sexualisierter Form auftritt.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_gkqfatn&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_gkqfatn&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Gerade deren Vorhandensein verweist darauf, dass Phantasien nicht rein spielerisch und ohne äußere Beeinflussung zustande kommen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_tqm123d&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_tqm123d&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Dem mit Passivität assoziierten Opferbegriff wurde von Frauen der Überlebendenbegriff entgegengesetzt. Frauen sind nicht nur Opfer, sondern kämpfen auch ständig um ihr Überleben, sowohl innerhalb einer Gewaltsituation als auch danach. Das daraus resultierende widersprüchliche Verhalten von Frauen Männern gegenüber wird ihnen oft als Mittäterschaft ausgelegt. Hierbei wird aber eines grundlegend verkannt: Eine Frau, die sich in einem Gewaltverhältnis befindet, hat dieses nicht herbeigeführt. Sie versucht ihr Überleben zu sichern und so wenig wie möglich Schaden zu nehmen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_0ihwk4z&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_0ihwk4z&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Dass eine solche überhaupt nötig ist, spricht für sich und gegen Gruppen und Organisationen, deren Verhalten eine Rehabilitierung nötig macht. Trotzdem ist es Fakt, dass Frauen sich auch in derartig frauenfeindlichen Gruppen organisieren wollen, und diese Wahl ist ihnen offen zu halten.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_0bnqydi&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_0bnqydi&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Nicht alles, was an Unleidlichem in Heterobeziehungen passiert, muss unbedingt den Weg über eine explizite »Politisierung« nehmen, wenn es auch außerhalb dessen, im zwischenmenschlichen Bereich (Vertrauen, Verzeihen, Hoffnung, Freundschaft, Nachsicht) möglich ist, einer Frau nach einem Scheißerlebnis Unterstützung zuteil werden zu lassen und das auch geschieht. Wohl überflüssig zu erwähnen, dass die Einschätzung der Betroffenen maßgeblich dafür ist, ob ein Vorfall ausreichend »politisiert« wurde.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_45g0eye&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_45g0eye&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Vgl. dazu Heinz Schenk: Die Autonomen machen keine Fehler, sie sind der Fehler, 1991&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <category domain="https://arranca.org/tag/antisexismus">Antisexismus</category>
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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:19 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Mamba</dc:creator>
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 <title>Was ihr von mir wollt, das kotzt mich an</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/26/was-ihr-von-mir-wollt-das-kotzt-mich-an</link>
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                    &lt;p&gt;Seit Mitte der 80er Jahre boomt in den westlichen Industriemetropolen die Essstörung Bulimie, die davor weder ein gesellschaftliches noch in fachpsychologischen Diskussionen ein nennenswertes Thema gewesen war. Die Betroffenen sind zum großen Teil Frauen und ihre Anzahl steigt mit zunehmender Tendenz. Diese Form des gestörten Essverhaltens steht im Kontext sich verändernder Leitbilder und Anforderungen an Frauen. Sie ist eine mögliche Überlebensstrategie gegen Normierungsdruck und struktureller (sexualisierter) Gewalt und sollte Konsequenzen für linke Politik haben.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;Seit Mitte der 80er Jahre boomt in den westlichen Industriemetropolen  die Essstörung Bulimie, die davor weder ein gesellschaftliches noch in  fachpsychologischen Diskussionen ein nennenswertes Thema gewesen war.  Die Betroffenen sind zum großen Teil Frauen und ihre Anzahl steigt mit  zunehmender Tendenz. Diese Form des gestörten Essverhaltens steht im  Kontext sich verändernder Leitbilder und Anforderungen an Frauen. Sie  ist eine mögliche Überlebensstrategie gegen Normierungsdruck und  struktureller (sexualisierter) Gewalt und sollte Konsequenzen für linke  Politik haben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Der Begriff des Überlebens in der feministischen Theorie und Praxis&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In der feministischen Theorie und Praxis ist der Begriff des  Überlebens eng gekoppelt an das Weiterleben nach einem Angriff auf die  psychische und physische Unversehrtheit durch sexualisierte Gewalt. Für  die neue Frauenbewegung der 70er Jahre in Westeuropa und den USA war die  Auseinandersetzung mit und Thematisierung von Gewalt gegen Frauen und  Mädchen ein konstituierendes Element. Dieser Diskurs verlief ausgehend  von der Analyse eigener Betroffenheit hin zu dem Kampf um die  gesellschaftliche Verankerung des Wissens über das Ausmaß und die Folgen  sexualisierter Gewalt. Der Begriff des Überlebens meint in diesem  Zusammenhang konkret das Überleben von sexualisierter Gewalt in der  Kindheit (sexueller Missbrauch&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_btcpt9x&quot; title=&quot;Der Begriff des sexuellen Missbrauchs von Kindern ist grundsätzlich kritisch dahingehend zu hinterfragen, da im wörtlichen Sinne Missbrauch das Gegenteil von Gebrauch bedeutet und deshalb im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen auf Kinder eigentlich falsch ist. Sexualität von Älteren mit Kindern bedeutet immer sexuelle Gewalt, da es keine positive Sexualität mit Kindern gibt.&quot; href=&quot;#footnote1_btcpt9x&quot;&gt;1&lt;/a&gt;); Überlebensstrategien sind  Bewältigungsmechanismen solcher Übergriffe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sexualisierte Gewalt ist in verschiedener Form und Ausprägung aus  Sozialisation und Lebensalltag nicht wegzudenken. Jede Frau hat  Erfahrungen in diese Richtung gemacht – sei es durch die sexualisierte  Darstellung von Frauenkörpern in den Medien, die alltägliche  Objektivierung auf der Straße durch Blicke, Sprüche, Antatschen oder  durch verschiedene Formen sexuellen Drucks, Vergewaltigung oder das  Erleben sexuellen Missbrauchs in der Kindheit. All dies lässt sich als  ein Kontinuum von struktureller und sexualisierter Gewalt gegen Frauen  begreifen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Untersuchungen zur Häufigkeit sexualisierter Gewalt kommen zu dem  Ergebnis, dass jede 4. bis 7. Frau vergewaltigt und jedes 3. bis 4.  Mädchen sexuell missbraucht wird&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_jpy8sdi&quot; title=&quot;Auch viele Jungen sind betroffen von sexuellem Missbrauch  (jeder 10. bis 15. Junge). Da dies ein Artikel über Essstörungen als weiblicher Überlebensstrategie ist (mehr als 90% der Betroffenen sind Frauen) wird hier nicht explizit darauf eingegangen.&quot; href=&quot;#footnote2_jpy8sdi&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Sexuelle Übergriffe bedeuten für  die Betroffenen das Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit, die  Enteignung des eigenen Körpers und somit die Erfahrung kompletter  Fremdbestimmtheit. Dadurch, dass v.a. sexueller Missbrauch meist in  engen, eigentlich vertrauensvollen Beziehungen passiert und dem Kind die  Wahrnehmung abgesprochen wird, dass etwas geschieht, das nicht in  Ordnung ist, sind häufige Folgen Misstrauen, Wahrnehmungs- und  Selbstzweifel, Schuldgefühle und das Erleben des eigenen Körpers als  etwas nicht zu sich Gehörendes und Abzulehnendes.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Überlebensstrategien nach sexualisierter Gewalt in der Kindheit&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Im Zusammenhang mit solchen Traumatisierungen werden verschiedene  Formen von Bewältigungsmechanismen entwickelt. Diese  Überlebensstrategien lassen sich grob als innerpsychisches Erleben oder  als Verhaltensweisen beschreiben, die sich als funktional erweisen, mit  diesen Erfahrungen umzugehen und die Wucht der sie begleitenden Gefühle  und Erinnerungen wegzudrängen bzw. ein Ventil dafür zu finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So wird mittlerweile von PraktikerInnen in der Entstehungsgeschichte von  Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_nwqajct&quot; title=&quot;Das Ritzen bis hin zum massiven Schneiden und Brennen des eigenen Körpers dient zum einen als Ventil, inneren Druck abzubauen. Zum anderen gelingt es manchen, über den Schmerz den nicht mehr fühlbaren Körper wieder zu spüren.&quot; href=&quot;#footnote3_nwqajct&quot;&gt;3&lt;/a&gt;, dissoziativen Störungen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_t1ilw0t&quot; title=&quot;Dissoziation ist das Gegenteil von Assoziation bzw. beide bilden die Pole eines Kontinuums. Die Dissoziation ist eine Störung oder Veränderung der normalen integrativen Funktionen von Gedächtnis, Identität, Emotion und Bewusstsein. Die Änderung kann plötzlich oder allmählich auftreten und vorübergehend oder chronisch (= dissozative Störungen) sein. Chronisch wird sie dann, wenn die Psyche verhindern muss, dass bestimmte Verbindungen existieren. So bedeutet bspw. Depersonalisation, sich selbst, dem Körper, dem Handeln gegenüber immer wieder fremd zu fühlen, gar nicht in sich drin zu stecken. Eine weitere Form der dissoziativen Störungen ist die sog. multiple Persönlichkeit, bei der voneinander unabhängige Identitäten gebildet werden, die nichts voneinander und demzufolge auch nichts über die Erfahrungen der anderen wissen.&quot; href=&quot;#footnote4_t1ilw0t&quot;&gt;4&lt;/a&gt;  sowie bei Drogenabhängigkeit (speziell bei Polytoxikomanie&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_ajcc4er&quot; title=&quot;Polytoxikomanie bedeutet, alles und in unterschiedlichsten Mischungen zu konsumieren, um eine größtmöglichste Distanz zur Realität zu schaffen.&quot; href=&quot;#footnote5_ajcc4er&quot;&gt;5&lt;/a&gt;) von  der hohen Bedeutung traumatischer Erfahrungen ausgegangen.  Frauen-Sucht-Beratungsstellen oder Therapieeinrichtungen berichten nach  langjährigen Erfahrungen davon, dass kaum eine ihrer Klientinnen nicht  Überlebende von sexuellem Missbrauch ist. Gemeinsam sind allen diesen  „weiblichen“ Strategien der Verlust des Zuganges zu sich, den eigenen  Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen und Grenzen, eine gestörte  Körperwahrnehmung (häufig sich als viel zu dick und unförmig zu erleben)  oder das Gefühl, den Körper gar nicht mehr zu spüren sowie diverse  Komponenten von Autoaggressivität und des Kampfes gegen den eigenen  Körper.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Essstörungen als weibliche Bewältigungsstrategie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In diagnostischen Leitlinien werden drei Formen der Essstörung  voneinander unterschieden, die Adipositas (Fresssucht)&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_ncexs4t&quot; title=&quot;Da es um „weibliche“ Überlebensstrategien geht, werden hier die Anorexie und ausführlicher die Bulimie dargestellt, die beide zu über 90% bei Frauen auftreten, während bei der Adipositas kein geschlechtsspezifischer Unterschied feststellbar ist.&quot; href=&quot;#footnote6_ncexs4t&quot;&gt;6&lt;/a&gt;, die Anorexie  (Magersucht) und die Bulimie (Fress-Kotz-Sucht). Anorexie und Bulimie  beginnen meist in der Pubertät und werden durch den „ganz normalen  Diätwahn“ ausgelöst, den fast jede 13/14-Jährige kennt. Die Mädchen  erleben sich als zu dick und fangen an, Essen zu reglementieren. Schon  die Betrachtung des typischen Beginns macht deutlich, dass es  simplifizierend wäre, erlebte Traumatisierung als einzigen  Erklärungsansatz heranzuziehen. Nicht jede bulimische oder anorektische  Frau ist Überlebende von sexualisierter, psychischer oder physischer  Gewalt – aber alle Betroffenen führen mit dieser Symptomatik eine  Auseinandersetzung um ihre weibliche Geschlechtsrolle. Gerade in der  Analyse von Essstörungen müssen neben traumatischen Hintergründen die  gesellschaftliche Zuweisung und hierarchische Bewertung von  Geschlechterrollen, darüber entstehende Idealbilder und Bewegungsräume  betrachtet werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei der Magersucht wird die pubertäre Diät zur dauernden Kontrolle  und Verweigerung der Nahrungsaufnahme und führt zur lebensbedrohlichen  Abmagerung - mit dem gleichzeitigen, subjektiven Gefühl, viel zu dick zu  sein. Feministische psychologische Interpretationen dieser Essstörung  sehen darin die Ablehnung aller weiblichen Körperformen als Ausdruck der  Ablehnung der geschlechtlich zugeschriebenen Rolle. Durch die absolute  Kontrolle der Nahrung erlangen die Frauen das Gefühl von Autonomie und  Stärke – die ihnen anders nicht zugestanden wird. Gleichzeitig wird in  dem Abmagern auch die innewohnende Ambivalenz deutlich: während meist  von den Betroffenen Unabhängigkeit und Eigenständigkeit betont werden,  strahlt der Körper Schutz- und Hilfsbedürftigkeit aus. Im Abhungern  jeglicher weiblichen Rundung liegt eine Pseudosicherheit gegenüber  objektivierenden Sprüchen, Blicken und Übergriffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während die Magersucht als Symptomatik seit langem bekannt ist,  tauchte die Bulimie in größerem Ausmaß erst in den 80er Jahren mit dem  Wandel des Bildes von und der Anforderungen an Frauen in westlichen  Industrieländern auf. Bulimie ist gekennzeichnet durch regelmäßige  Fressattacken, in denen viel Nahrung nahezu verschlungen und hinterher  wieder erbrochen wird. Meist als das Diätmittel schlechthin entdeckt,  verselbständigt sich die Symptomatik zur Suchtstruktur, die das Leben  der Betroffenen bestimmt. Nicht selten erfolgen solche Attacken mehrmals  täglich, die Frauen fühlen sich diesem Drang ausgeliefert und können  dem nichts mehr entgegensetzen. Dies wird verheimlicht, oft weiß nicht  einmal das engste Umfeld Bescheid. Auch äußerlich ist den Frauen nichts  anzusehen, da der Körper bulimischer Frauen meist dem gängigen  Schönheitsideal entspricht. Die Betroffenen verkörpern häufig das Ideal  der „modernen Frau von heute“ – attraktiv, stark, unabhängig und  erfolgreich. Parallel dazu existiert ihre abhängige, unkontrollierte und  heimliche, ihre bulimische Seite. Während einerseits die Anpassung an  geschlechtsspezifischen Normierungsdruck im Vordergrund steht, erfolgt  andererseits die Rebellion dagegen, die aber in autoaggressiven  Verhaltensweisen verharrt und nicht nach außen dringt – was wiederum  eine Form der Anpassung ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die anerkannte Frau ist heute beruflich erfolgreich, durchsetzungsfähig,  autonom und aktiv – und gleichzeitig, je nachdem, in welcher Rolle sie  gerade gefragt ist, ist sie beziehungs- und männerorientiert. Diese  Anforderungen sind teilweise extrem widersprüchlich – und frau geht  immer das Risiko ein, falsch zu sein, falsch zu handeln – was eine  immense innere Spannung erzeugen kann. Gemeinsamer Bestandteil  weiblicher Idealbilder ist, dass frau sehr genau spüren soll, was andere  von ihr erwarten und sich daran ausrichten soll. Sie soll ihren Wert  über die Anerkennung anderer, statt aus sich und ihrem Tun heraus  beziehen. Nach wie vor steht und fällt diese Anerkennung unabhängig von  jeder Rolle für Frauen mit ihrer körperlicher Attraktivität und diese  ist nahezu gleichgesetzt mit Schlanksein. Das Schönheitsideal für Frauen  hat sich zu einem Idealkörper entwickelt, der für kaum eine Frau ohne  Diät und Hungern – und oftmals nur mit Hilfe von Saugapparaten und  Silikonimplantaten – erreichbar ist. Dabei geht es nicht um einen  natürlichen, sondern um einen makellos straffen, gertenschlanken und  doch wohlgerundeten, letztendlich künstlichen Body. Als Paradigma der  inzwischen unterschiedlichen Zivilisierungstechniken steht nicht mehr  der gekleidete, physisch und unmittelbar durch das Korsett gehaltene,  sondern der nackte, durch Fitness, Disziplin und Diät gezähmte  Frauenkörper.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die bulimische Symptomatik ermöglicht, optisch sowohl dem  Schönheitsideal als auch dem Bild der starken Frau zu entsprechen und  gleichzeitig eigene Bedürftigkeit, den Wunsch nach Anlehnung und  Sicherheit über das Fressen ohne Ende zu stillen. Durch das Erbrechen  großer Nahrungsmengen wird schließlich wiederum die Unabhängigkeit von  solchen Bedürfnissen gewahrt. Das Erbrechen bringt eine innere  Entspannung von Widersprüchen, dient als Ventil für geschluckte Wut und  die Anpassung nach außen wird wieder neu möglich. Durch die  Körperkontraktionen wird der für viele nicht mehr fühlbare Körper  gespürt und wieder für einen kurzen Moment als zu sich selbst gehörend  erlebt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Familien von Bulimikerinnen taucht überdurchschnittlich häufig  sexueller Missbrauch auf. Über die Konzentration auf Essen und Erbrechen  kann eine Betäubung, Unterdrückung und Abspaltung negativer, mit den  sexuellen Übergriffen zusammenhängender Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Wut  und Schmerz erreicht werden. Das Erbrechen kann als ein symbolischer  Versuch gesehen werden, sich von diesen Gewalterfahrungen zu reinigen.  Der Hass und die Aggression, die eigentlich dem Täter gelten und ihm  gegenüber nicht ausgedrückt werden dürfen, werden auf den eigenen Körper  gelenkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Bewältigungsgeschichte ausgeprägter Essstörungen spielt das  Bedürfnis, sich selbst jenseits des Normierungsdrucks zu entdecken, eine  zentrale Rolle. Eigene Wünsche, Träume, Sehnsüchte, Grenzen kennen und  spüren zu lernen – diese spontan nach außen zu tragen und unabhängiger  vom Urteil anderer zu werden, ist für die allermeisten wesentlich  gewesen, die Symptomatik hinter sich lassen zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Essstörungen lassen sich jedoch nicht ausschließlich durch  diagnostische Kategorien erfassen. Sich dauernd zu sorgen, zu dick zu  sein und den eigenen Wert darüber zu bestimmen, immer wieder nicht bis  zum Sättigungsgefühl zu essen, stolz darauf zu sein, in der letzten  Woche dreimal abends nichts gegessen zu haben und sowieso seit Wochen  auf Schokolade zu verzichten, sich immer wieder an Kleidergröße 36 bis  38 zu messen und eine Krise zu bekommen, wenn eine Hose nicht mehr passt  – all das ist Bestandteil des Lebensalltags vieler, auch linker Frauen.  Kaum eine Frau ist frei davon. Es wäre aber falsch, zu behaupten, dass  essgestörtes Verhalten und die Betroffenheit von komplexen  gesellschaftlichen Anforderungen und Schönheitsidealen ein  ausschließlich weibliches Problem darstellen. Zunehmend verändert und  verstärkt sich auch für Männer der körperbezogene Normierungsdruck. Seit  einigen Jahren nimmt auch die Zahl bulimischer und magersüchtiger  Männer kontinuierlich zu. Gesellschaftliche Rollenerwartungen sind auch  für Männer nicht mehr eindeutig und in sich konsistent, durch  Erwerbslosigkeit, einer neoliberalen Umstrukturierung von Arbeits- und  Lebensverhältnissen entstehen neue Anforderungen und Verunsicherungen –  auch für Männer könnte die Entwicklung einer manifesten Essstörung zu  einer Art der Bewältigung dessen werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Offensichtlich ist auch, dass Essstörungen fast ausschließlich in  reichen Ländern vorkommen. Die historische und kulturelle Voraussetzung  dafür, Ernährung als Konfliktlösungsstrategie einsetzen zu können, Essen  zu verweigern oder dieses in großen Mengen zu verschlingen, um es  hinterher wieder zu erbrechen, ist der materielle Überfluss und die  beliebige Verfügbarkeit von Nahrung. Genauso benötigt ein bestimmter  Körper- und Fitnesskult gute ökonomische Bedingungen. Falsch ist jedoch,  in diesem Zusammenhang durch moralisierende Argumentationen die  Betroffenen anzugreifen und damit deren subjektives Leid abzuwerten, da  die bulimische Symptomatik eine Überlebensstrategie vor dem Hintergrund  massiver Konflikte und teilweise Traumatisierungen – eben in einer  Wohlstandsgesellschaft – darstellt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ausblick auf eine mögliche linke Politik&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In linken Zusammenhängen werden Essstörungen genauso wie andere  psychische Konfliktlösungsstrategien unterschätzt und tabuisiert.  Besonders für die bulimische Symptomatik, das „Verschwenden von Essen“,  existiert kaum Verständnis. Die Trennung von Öffentlichem und damit  Politischem und Privatem ist wieder rigider geworden. Essstörungen  werden als „psychische Macken“ kategorisiert und im Privatbereich  verortet. Da die Heimlichkeit bei der Bulimie ein Kennzeichen der  Symptomatik darstellt, besteht in einem solchen repressiven und  moralisierenden Klima die Gefahr, dass die Spaltung in eine äußere  angepasste Fassade und das andere, „bulimische Ich“ und damit die  Isolation der Betroffenen weiter verschärft wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine Änderung dieser Situation kann jedoch nur auf der Grundlage einer  selbstverständlichen und eindeutigen Positionierung zu jeder Form  struktureller Gewalt erfolgen und dem Begreifen psychischer  Symptomatiken als einer Konsequenz und einer Strategie des Überlebens  solcher Erfahrungen. Die gesamtgesellschaftliche Tendenz eines  modernisierten patriarchalen Backlash schlägt sich aber auch in  innerlinken Diskussionen nieder: Frauen, die für das emotionale Klima  bei Diskussionen scheinbar zufällig zuständig werden, gesellschaftliche  Analysen, die uneindeutig gegenüber bis blind für strukturell und  konkret gewalttätige gesellschaftliche Verhältnisse sind, Meinungen, vor  allem von Jüngeren, wie „das Patriarchat gibt es nicht mehr“,  Positionen, die Argumente wie „Missbrauch mit dem Missbrauch“ oder  solche der „false-memory-bewegung“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_c73qsjq&quot; title=&quot;Diese Bewegung geht davon aus, dass der Großteil von Erinnerung an sexuellen Missbrauch oder den rituellen Missbrauch in satanischen Kulten in der Therapie durch die Therapeutin suggeriert würden und ausschließlich darüber die hohe Anzahl an Betroffenen zu erklären sei.&quot; href=&quot;#footnote7_c73qsjq&quot;&gt;7&lt;/a&gt; aus den USA aufgreifen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref8_3mbmcjz&quot; title=&quot;Ein Beispiel hierfür ist der Artikel von Ingo Way in der Zeitschrift Bahamas (Nr. 34).&quot; href=&quot;#footnote8_3mbmcjz&quot;&gt;8&lt;/a&gt;, sind  linke Normalität. Auch körperlicher Normierungsdruck spielt besonders in  der gemischtgeschlechtlichen Linken (wieder) eine erstaunlich große  Rolle: Körper- und Fitnesskult nehmen zu, Sport hat für viele nicht mehr  in erster Linie die Spaß-, sondern eher die Bodybuild-Funktion. Die  Ansprüche linker Subkulturen, sich im Lebensstil und Verhalten von „den  anderen“ zu unterscheiden, sind längst harter Realität gewichen – schöne  neue Linke: erfolgreich, flexibel, reflektiert und optisch mit den  diversen Anforderungen kompatibel. Die linke Frau ist alles andere als  „ein Weibchen“, hat einen frechen Spruch auf der Lippe, macht Kampfsport  und setzt sich auf jeden Fall auch durch. Anerkennung ist für alle,  egal ob Mann oder Frau, immens an äußere Attraktivität gekoppelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für eine Linke, die eben nicht in individualistische Zuschreibungen  verfallen will, sondern das strukturelle gewalttätige Moment von  Gesellschaft betont, ist es unumgänglich, über die Existenz, Gründe und  Zusammenhänge von Bulimie zu diskutieren und damit eine Atmosphäre der  Normalität zu prägen, die es den Betroffenen möglich macht, über ihre  Probleme zu sprechen und sich Unterstützung suchen zu können. Wichtig  dafür ist eine selbstverständliche und eindeutige Positionierung zu  jeder Form von struktureller Gewalt und das Begreifen von psychischen  Symptomatiken als eine Form von Überlebensstrategien bei solchen  Erfahrungen. Ein Ansatzpunkt könnte sein, den Fokus auf das der  Symptomatik innewohnende Element der Rebellion zu legen – und in engeren  Kreisen mit den Betroffenen gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie  dieses Element nach außen gelangen kann. In der persönlichen  Auseinandersetzung mit der eigenen Sozialisation unter  geschlechtsspezifischen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen, der  Analyse gesellschaftlicher Strukturen und ihrer individuellen  Verinnerlichung liegen Chancen dafür, die Reproduktion von  Machtstrukturen zu verhindern. Da diese immer subtiler zu Tage treten,  wird ein politischer Ansatz, der gesellschaftliche Stereotypen offensiv  angreift und im politischen Alltag anders lebt, wie dies beispielsweise  schon in der Transgender-Bewegung versucht wird, immer wichtiger.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_btcpt9x&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_btcpt9x&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Der Begriff des sexuellen Missbrauchs von Kindern ist grundsätzlich kritisch dahingehend zu hinterfragen, da im wörtlichen Sinne Missbrauch das Gegenteil von Gebrauch bedeutet und deshalb im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen auf Kinder eigentlich falsch ist. Sexualität von Älteren mit Kindern bedeutet immer sexuelle Gewalt, da es keine positive Sexualität mit Kindern gibt.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_jpy8sdi&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_jpy8sdi&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Auch viele Jungen sind betroffen von sexuellem Missbrauch  (jeder 10. bis 15. Junge). Da dies ein Artikel über Essstörungen als weiblicher Überlebensstrategie ist (mehr als 90% der Betroffenen sind Frauen) wird hier nicht explizit darauf eingegangen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_nwqajct&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_nwqajct&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Das Ritzen bis hin zum massiven Schneiden und Brennen des eigenen Körpers dient zum einen als Ventil, inneren Druck abzubauen. Zum anderen gelingt es manchen, über den Schmerz den nicht mehr fühlbaren Körper wieder zu spüren.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_t1ilw0t&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_t1ilw0t&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Dissoziation ist das Gegenteil von Assoziation bzw. beide bilden die Pole eines Kontinuums. Die Dissoziation ist eine Störung oder Veränderung der normalen integrativen Funktionen von Gedächtnis, Identität, Emotion und Bewusstsein. Die Änderung kann plötzlich oder allmählich auftreten und vorübergehend oder chronisch (= dissozative Störungen) sein. Chronisch wird sie dann, wenn die Psyche verhindern muss, dass bestimmte Verbindungen existieren. So bedeutet bspw. Depersonalisation, sich selbst, dem Körper, dem Handeln gegenüber immer wieder fremd zu fühlen, gar nicht in sich drin zu stecken. Eine weitere Form der dissoziativen Störungen ist die sog. multiple Persönlichkeit, bei der voneinander unabhängige Identitäten gebildet werden, die nichts voneinander und demzufolge auch nichts über die Erfahrungen der anderen wissen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_ajcc4er&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_ajcc4er&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Polytoxikomanie bedeutet, alles und in unterschiedlichsten Mischungen zu konsumieren, um eine größtmöglichste Distanz zur Realität zu schaffen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_ncexs4t&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_ncexs4t&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Da es um „weibliche“ Überlebensstrategien geht, werden hier die Anorexie und ausführlicher die Bulimie dargestellt, die beide zu über 90% bei Frauen auftreten, während bei der Adipositas kein geschlechtsspezifischer Unterschied feststellbar ist.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_c73qsjq&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_c73qsjq&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; Diese Bewegung geht davon aus, dass der Großteil von Erinnerung an sexuellen Missbrauch oder den rituellen Missbrauch in satanischen Kulten in der Therapie durch die Therapeutin suggeriert würden und ausschließlich darüber die hohe Anzahl an Betroffenen zu erklären sei.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote8_3mbmcjz&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref8_3mbmcjz&quot;&gt;8.&lt;/a&gt; Ein Beispiel hierfür ist der Artikel von Ingo Way in der Zeitschrift Bahamas (Nr. 34).&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:12 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Joanna Rivas</dc:creator>
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                    &lt;p&gt;Unendliche Variationen der so genannten Vergewaltigungsdebatte haben in den verschiedensten linken und linksradikalen Zusammenhängen und Organisationen während der gesamten 1990er Jahre immer wieder eine zentrale und zugleich dramatische Rolle gespielt. Entlang der meist aufreibenden, erhitzten und für alle Seiten unbefriedigenden Auseinandersetzung zum Thema sexuelle Gewalt spalteten sich ganze Gruppen, entzweiten sich befreundete GenossInnen, entstanden neue (unüberbrückbar scheinende) Fraktionierungen, politisierten sich die einen, während sich andere »aus der Politik« zurückzogen. Würde man jedoch eine Umfrage zum Thema durchführen, welches die prägenden Debatten innerhalb der radikalen Linken in den vergangenen zehn Jahren waren, kaum jemand würde die Vergewaltigungsdebatte nennen.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Unendliche Variationen der so genannten Vergewaltigungsdebatte haben in den verschiedensten linken und linksradikalen Zusammenhängen und Organisationen während der gesamten 1990er Jahre immer wieder eine zentrale und zugleich dramatische Rolle gespielt. Entlang der meist aufreibenden, erhitzten und für alle Seiten unbefriedigenden Auseinandersetzung zum Thema sexuelle Gewalt spalteten sich ganze Gruppen, entzweiten sich befreundete GenossInnen, entstanden neue (unüberbrückbar scheinende) Fraktionierungen, politisierten sich die einen, während sich andere »aus der Politik« zurückzogen. Würde man jedoch eine Umfrage zum Thema durchführen, welches die prägenden Debatten innerhalb der radikalen Linken in den vergangenen zehn Jahren waren, kaum jemand würde die Vergewaltigungsdebatte nennen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das heißt, eine Debatte, die für viele Frauen und auch für einige Männer grundsätzlich die politische Perspektive verändert hat, rangiert in der Hierarchie der linksradikalen Historisierung der 1990er Jahre ganz unten. Die Diskussion war und ist ein klassisches Thema, das als »sub narrative« die Begleitmusik zu den »master narratives« der 1990er Jahre wie z.B. Nation spielt. Warum ist das Thema sexuelle Gewalt in der »Szene« einerseits ein immer wieder sich entzündender wunder Punkt, wird aber andererseits nicht als politisch prägendes Thema in der Linken wahrgenommen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Grund liegt sicherlich in der von uns so genannten neuen Privatheit der Linken. Neu deshalb, weil unserer Meinung nach diese Trennung zwischen »außerpolitischer« und »politischer« Handlung in der Geschichte der linken autonomen Bewegung schon einmal schwächer war. Hier sind auch die legitimatorischen Wurzeln des Definitionsrechtes und der identitären Debatte darum zu finden, die vielen von uns heute so seltsam starr und skurril erscheint. Diese Genese der Vergewaltigungsdiskussion ist kaum in die gemischtgeschlechtliche Linke der 1990er Jahre vermittelt worden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Geschichte der Vergewaltigungsdebatte&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Vergewaltigungsdebatte, wie sie heute geführt wird, hat ihre Wurzeln im Kampf der Frauenbewegung der 1970er Jahre um die Abschaffung des Paragraphen 218 und der daraus resultierenden Forderung nach dem prinzipiellen Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper. Die theoretische Grundlage für die Forderung bildete die Analyse, dass der weibliche Körper im Rahmen der patriarchalen Ordnung als Objekt betrachtet wurde: er galt als Eigentum des Mannes und wurde vom Staat – genauer gesagt von Ärzten und Richtern – kontrolliert und beherrscht. Die öffentliche Forderung nach der Selbstbestimmung über den Körper galt der damaligen feministischen Praxis zufolge als eines der wichtigsten Elemente für die weibliche Subjektkonstitution bzw. emanzipatorische Subjektivierungsprozesse und die Politisierung eines der Sphäre der Privatheit zugeordneten Themas. Die Forderung nach dem Definitionsrecht der Frau bezüglich sexueller Gewalt ist eine logische Fortsetzung der Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht über den Körper. Folge war, dass das Thema Frau-Sein politisch gefüllt, aber auch identitär bestimmt wurde. Mit dem Erbe dieser Identitätspolitik sind wir heute konfrontiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die ersten Auseinandersetzungen um sexuelle Gewalt in linksradikalen Strukturen tauchten Mitte der 1980er Jahre auf. Nicht zu fällig nahm diese Debatte vor allem in autonomen Zusammenhängen den meisten Raum ein. Denn die autonome Bewegung hatte den Anspruch, das so genannte Nichtöffentliche, Private, das Persönliche als politisches Kampffeld zu definieren; im Gegensatz beispielsweise zu den so genannten Antiimps, die dazu neigten, alles, was als »persönlich« galt, dem revolutionären Kampf zur Befreiung unterdrückter Völker unter zu ordnen oder auch zu den eher parteifixierten K-Gruppen, die zwar Antisexismus als Verhaltensanweisung an ihre Mitglieder ausgaben, das Thema spielte aber in ihrer Politik lediglich eine untergeordnete Rolle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die aufkommende Debatte um sexuelle Gewalt in den eigenen Reihen wurde unterstützt von einer Entwicklung der Frauenbewegung der 70er Jahre hin zur Institutionalisierung feministischer Projekte wie Frauenhäuser, Beratungsstellen und Verlage, die das Thema der sexuellen Gewalt aus dem sozialen Nahbereich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machten und auch die autonome Frauen- und Lesbenbewegung maßgeblich beeinflussten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein wichtiger Meilenstein war die Erarbeitung des Definitionsrechtes. Dessen Basis war die Erkenntnis, dass die Suche nach objektiven Kriterien zur Beurteilung von sexueller Gewalt auf einem Objektivitätsbegriff basiert, der ein bürgerlich-patriarchales Phantasma ist und asymmetrische soziale Verhältnisse reproduziert, weil er die real nicht existierende prinzipielle Gleichheit aller Menschen zu Grunde legt. Die Geschichte des Definitionsrechtes der Frau ist die Geschichte der Politisierung ungleicher Geschlechterverhältnisse. Ziel war ein Machtzugeständnis an Frauen in einer ansonsten als objektiv definierten, real aber männlich oder patriarchal bestimmten symbolischen, juristischen und sozialen Ordnung. Vergewaltigung galt früher als Kavaliersdelikt und bis vor kurzem stellte die Vergewaltigung in der Ehe keinen Straftatbestand dar. Abgesehen von der Tatsache, dass man in Vergewaltigungsprozessen vor Gericht zur Pathologisierung der Vergewaltigten neigte oder versuchte, der Klägerin eine Mittäterschaft nachzuweisen, bezog sich die juristische Definition von Vergewaltigung lediglich auf die Penetration mit dem Schwanz unter Anwendung oder Androhung von Gewalt. Inzwischen ist diese enge und phallozentristische Definition auf weitere erzwungene sexuelle Handlungen erweitert worden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Geschichte der staatlichen, juristischen Beschäftigung mit Vergewaltigung legitimierte vor allem in autonomen Zusammenhängen lange Zeit das absolute Definititionsrecht der Frau, wobei die normative Parteilichkeit für das Opfer die normative Parteilichkeit der bürgerlichen Rechtsprechung für den Täter ersetzte. Dadurch wurde die subjektive Wahrnehmung zur politischen Artikulation aufgewertet. Diese Identitätsbildung war wichtig für die Artikulation, Sichtbarmachung und Durchsetzung bestimmter Forderungen. Heute aber ist sie erstarrt, auf Dauer stilisiert, obwohl die Grenzen in den letzten Jahren deutlich sichtbar wurden. Der Diskurs über das Definitionsrecht »der Frau« hat dazu beigetragen, bipolare und hierarchische Geschlechtsidentitäten ebenfalls zu naturalisieren, weil Stereotypen von Männlichkeit (aktiver Täter) und Weiblichkeit (passives Opfer) reproduziert werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Vernachlässigte Diskussion um Sexualität&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Diese Polarisierung hinterließ auch ihre Handschrift auf der immer noch heterosexuell-patriarchal bestimmten Ordnung unserer Gruppenstrukturen, unseres Habitus, und unserer Kategorisierung in persönliche und politische bzw. ineffiziente und effiziente Themen. Eine Konsequenz dessen war, dass im Gegensatz zur hoch emotionalisierten Diskussion um sexuelle Gewalt Diskussionen um Sexualität wenig vorangetrieben wurden und als politisches Feld kaum eine Rolle spielten. Ein – zugegebenermaßen unbeholfener – Versuch in diese Richtung war die Nummer 8 der &lt;em&gt;Arranca!&lt;/em&gt; mit dem Titel »Sexualmoralischer Verdrängungszusammenhang«. Diese Ausgabe wurde vor allem deshalb kritisiert, weil sie nicht über eine heterosexuell – wenn nicht sogar männlich – geprägte Betrachtungsweise von Sexualität hinaus reichte. Trotzdem transportierte die &lt;em&gt;Arranca!&lt;/em&gt; 8 einen wichtigen Kritikpunkt: die Tendenz autonomer Frauen- und Lesbenzusammenhänge, heterosexuelle Praktiken a priori als potentielle Gewalterfahrung für die Frau zu analysieren und unter die Gewaltdebatte zu subsumieren. Andererseits wird auch in hegemonialen Diskursen sexuelle Gewalt nach wie vor dem Bereich Sexualität und Körper und damit zumindest implizit der Privatsphäre zugeordnet, obwohl Sexualität und körperliche Gewalt zunächst zwei verschiedene Phänomene darstellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass sich diese Gleichsetzung jedoch hartnäckig durch linke und hegemoniale Betrachtungsweisen zieht, liegt an der diskursiven Funktion des Körpers als umkämpfter Ort, in den gesellschaftliche Herrschafts- und Zwangsverhältnisse wie Geschlechtsidentität eingeschrieben werden. Die allererste soziale Zuordnung, die ein Mensch erfährt, ist die des Körpers als bipolar geschlechtlich definierter Ort, als männlich oder weiblich. Den vordiskursiven Körper gibt es somit nicht. Auf dem Feld »Körper« wird auch Sexualität und Gewalt ausgetragen. In beiden Fällen wird um die Grenzen des Körpers gerungen, im ersten Fall spielerisch, im zweiten Fall unter Zwang.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Körper als Kampffeld&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In den meisten nationalen Mythologien ist der geschlechtlich definierte Körper eine sexualisierte Metapher für die Nation, als Ort der Eroberung, der Unterwerfung und des Kampfes gegen andere Nationen-Körper. In diesen nationalen Mythologien werden dem männlichen und dem weiblichen Körper unterschiedliche Funktionen zugeschrieben. Der männliche Körper steht in dieser nationalen Symbolik für Stärke und Eroberung, der weibliche dient als Metapher für den Ort der Reproduktion des Nationen-Volkes oder aber für den zu unterwerfenden, zu erobernden Ort. Systematische Vergewaltigungen von Frauen des Feindes im Krieg sollen dessen Demütigung, Unterwerfung und Zerstörung markieren. Im Militär werden neue oder schwache Soldaten häufig von ihren Vorgesetzten in sexualisierten, gewalttätigen Rituaelen gedemütigt. Setzen sie sich nicht erfolgreich zur Wehr, bezeichnet man sie danach als Frauen oder Schwule.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dies zeigt, dass Vergewaltigung weder an einen anatomischen weiblichen Körper gebunden ist, noch dass sexuelle Gewalt mit »anders nicht auslebbaren« bzw. »gesellschaftlich unterdrückten sexuellen Trieben« zu rechtfertigen ist. Sexuelle Gewalt dient der Herstellung und Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen, die auf dem sozialen Feld des Körpers ausgetragen werden. Diese Herrschaftsverhältnisse basieren auf einer heterosexuellen, phallozentrischen gesellschaftlichen Matrix, in der das Weibliche als Mangel konzipiert ist. Die symbolische Ordnung der Geschlechter wird von Männern und Frauen – siehe Klitorisbeschneidung oder die medizinischen Vereindeutigung von Intersexuellen – permanent und häufig gewaltförmig reproduziert. Die These, dass einer Vergewaltigung meist primär nicht ein Bedürfnis nach Sexualität zugrunde liegt, bestätigt auch Georg Klauda in seinem Artikel »Genosse Vergewaltiger - Feministinnen im Visier der Linken« (Gigi, 9/10/2000). Klauda bezieht sich auf eine empirische Studie von Wolfgang Kröhn 1968 anhand von knapp 150 polizeibekannten Vergewaltigern, die zu dem Schluss kommt, dass nur bei 20 Prozent der Täter unter anderem sexuelle Kontaktstörungen für die Tat eine Rolle spielten. Bei weiteren 30 Prozent der Vergewaltigern liegen »kaum sexuelle Motive zugrunde«, sondern »Dominanzkonflikte und Insuffizienzgefühle in der eigenen Männlichkeitsrolle« (ebd). Die größte Gruppe (etwa 50 Prozent) besteht aus Tätern, »die in der unvermittelten sexuellen Attacke auf das andere Geschlecht ihre offen frauenfeindliche, verobjektivierenende und abschätzige Haltung zum Ausdruck bringen (...) Ihre Beziehungen zum anderen Geschlecht sind von Desinteresse und wenig Zärtlichkeit bestimmt, sie selbst weisen schlechte Ich-Kontrollen und geringe Frustrationstoleranz auf.«&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Körper als Spielfeld&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch bei Sexualität geht es um Macht, allerdings verstanden als Bestimmung über Prozesse und Selbstbestimmung über Ressourcen. Im Gegensatz zur sexuellen Gewalt ist Sexualität ein Spiel mit Machtpositionen, das auf einer Übereinkunft basiert, in dem es um das ausgehandelte Austesten, Aufgeben oder Überschreiten von Körpergrenzen geht, die in anderen Formen sozialer Beziehungen nicht angetastet werden. Die verbale Ebene der Kommunikation kann verlassen und durch eine körperliche Ebene der Verständigung ersetzt oder ergänzt werden. Diese Übereinkunft kann auch beinhalten, dass eine Person den unterwerfenden, die andere den erobernden Part übernimmt – die Beteiligten also bestimmte Rollen spielen. Der entscheidende Unterschied zur sexuellen Gewalt, die auf Zwang basiert, besteht im zuvor vereinbarten »Spiel« mit sexuellen Positionen – auch wenn sie dem »heterosexuellen Mainstream« entsprechen. Sexuelle Rollen werden verhandelt, verteilt und eingenommen. Ganz anders als im Fall von sexueller Gewalt geht es aber nicht darum, unter Zwang herrschaftsförmige sexuelle Hierarchien zu reproduzieren, weil sie als »natürlich« gelten.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Neue Privatheit - alte Muster&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Vergewaltigungsdebatten in der »Szene« werden meist durch einen konkreten Vorfall im jeweiligen politischen Umfeld ausgelöst und in der Folge zunächst – dem Denken der Unterscheidung von Privatleben und öffentlichem Leben folgend – »gruppenintern« verhandelt. Als privat wird hierbei die eigene Gruppe, als öffentlich die so genannte Szene definiert. Hier greift der Trend der Linken wieder, zunehmend zwischen dem »individuellen« Privatleben (Beziehungen, Lifestyle, aber auch mehr und mehr die persönlichen Arbeitsverhältnisse) und »öffentlicher« politischer Betätigung in Diskussions- und Aktionszusammenhängen zu trennen. Geht es um sexuelle Gewalt in den eigenen Reihen – so unsere These – bricht dieser Widerspruch auf, da plötzlich und oft ziemlich massiv eine Positionierung der »politischen Öffentlichkeit« zum selbst ernannten »Privatleben« gefordert wird, meist seitens der/des von sexueller Gewalt Betroffenen oder noch eher seitens des engsten Umfeldes. Dass der Widerspruch zwischen neuer Privatheit und politischer Öffentlichkeit dort aufbricht, wo sexuelle Gewalt zum Thema werden soll, liegt unserer Meinung nach daran, dass feministische Aspekte in der autonomen Bewegung schon immer eher auf Akzeptanz gestoßen sind als beispielsweise antikapitalistische Analysen. Deshalb entzünden sich innerhalb postautonomer Zusammenhänge auch keine emotional geführten Debatten entlang ungleicher ökonomischer Bedingungen der Gruppenmitglieder – aber das nur am Rande.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die auf den Vorfall der sexuellen Gewalt folgende – in der ersten Phase gruppeninterne – Auseinandersetzung verläuft meist nach kurzer Zeit über die betroffenen Personen hinweg auf einen Grabenkampf zwischen mehreren sich bildenden Fraktionen hinaus und nach einem der folgenden Muster ab:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;Die von sexueller Gewalt betroffene Person (meist eine Frau) wird pathologisiert oder psychiatrisiert, man gibt ihr, zumindest latent, eine Mitschuld an dem Vorfall oder aber ihr Umfeld schreibt sie als gesamte Person »für immer« auf den Opferstatus fest.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;»Der Täter« (zumeist ein Mann) wird – eher durch Ignoranz des sekundären Umfelds als durch aktive Parteinahme – von einer Fraktion geschützt oder aber für immer aus dem jeweiligen politischen Umfeld ausgeschlossen, was dem »Verstoßungsritual« traditioneller Dorfgemeinschaften gleichkommt und strukturell vormoderne Züge trägt. Auch er bleibt damit für immer »der Täter«.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Die Frauen der Gruppe fühlen sich plötzlich alle irgendwie als potentielle Opfer, alle Männer als potentielle Täter, man grenzt sich ab oder ist froh, ein »Bauernopfer« erbracht zu haben.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Schließlich stellt man zum wiederholten Male das Definitionsrecht der Frau in Frage und ringt – noch tiefer in bürgerliche Rechtsstaatsgläubigkeit versinkend – nach der Findung »objektiver« Kriterien zur Prüfung des Wahrheitsgehalts der Aussage der Anklägerin bzw. ihrer Verteidigung.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;h4&gt;Antisexistische Perspektiven&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das große Dilemma aller Vergewaltigungsdebatten in der Linken besteht darin, dass stoisch wiederkehrend, mit dem Argument objektive Kriterien finden zu müssen, das Definitionsrecht der Frau grundsätzlich in Frage gestellt wird, weil man es mit einem Sanktionsrecht bzw. mit einem standardisierten Katalog an Sanktionen und Umgehensweisen gleichsetzt (»Vergewaltiger und Täterschützer raus aus allen unseren Zusammenhängen«). Diese Sanktionen und Umgehensweisen tragen den Charakter interner Säuberungen und müssen neu diskutiert werden, wenn in Zukunft eine konstruktivere Praxis gegen sexuelle Gewalt in den eigenen Reihen entwickelt werden soll. Denn mit der Forderung nach dem »Vergewaltiger raus aus allen unseren Zusammenhängen« wird erstens ein höchst zweifelhaftes »Wir« konstruiert, das die Vorstellung transportiert, man könne den eigenen Zusammenhang allein durch drakonische Maßnahmen von den »schädlichen« gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen »draußen« reinhalten. Zum zweiten entledigt man sich real nur vermeintlich eines Problems, indem man es an eine sich außerhalb der Szene befindliche Gesellschaft geradezu erleichtert übergibt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei der Entwicklung eines anderen Umgehens mit sexueller Gewalt muss jedoch nicht das prinzipielle Definitionsrecht berührt werden, wenn es als Parteilichkeit für die von sexueller Gewalt betroffene Person definiert wird, der eben nicht zwingend die standardisierten Sanktionen folgen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Diskussion um die politischen und sozialen Konsequenzen der Artikulation des Definitionsrechtes sollte in Zukunft vielmehr stärker kollektiv geführt werden. Das bedeutet, ein von der betroffenen Person gewähltes Umfeld muss die politische Verantwortung für ein praktisches Umgehen mit dem Definitionsrecht wahrnehmen und von Einzelfall zu Einzelfall garantieren. Die szeneüblichen Verallgemeinerungen und Formalisierungen bezüglich sexueller Gewalt sind sowieso nicht standardisiert anzuwenden – das wissen alle, die schon einmal »näher« an einer solchen Auseinandersetzung dran waren. Sexuelle Gewalt ist ein systematischer Angriff auf die persönliche Integrität, trotzdem kommt es auf die Biographie, emotionale Verfasstheit und vor allem auf das Umfeld der jeweiligen Frau an, wie sie eine Vergewaltigung verarbeitet, und ob bzw. welche psychischen Schäden eine Vergewaltigung hinterlässt. Die Stilisierung der Vergewaltigung zum Schlimmsten, was einer Frau passieren kann, einerseits und die Tabuisierung von sexueller Gewalt als gesellschaftlicher Alltag andererseits bewirken häufig erst den Kreislauf von Scham, Schuld und Viktimisierung. Zudem ist die Annahme, dass die betroffene Frau sich allein über eine Vergewaltigung klar wird und den Vorwurf dann ebenso im Alleingang vorbringt, generell ein Trugschluss. Dem öffentlich artikulierten Vorwurf, vergewaltigt worden zu sein, geht meist ein längerer Prozess an Gesprächen und emotionalen sowie gedanklichen Klärungsprozessen mit vertrauten Personen voraus. Was bei den meisten Debatten nicht thematisiert wird, sind die Ansprüche an eine kollektive präventive Praxis, die eben keine Feuerwehrpolitik ist. Denn eigentlich sollte das Definitionsrecht am Ende einer ansonsten missglückten antisexistischen Politik stehen. Sexuelle Gewalt ist kein Ausrutscher, keine Einzeltat eines Gestörten, sondern ein alltägliches gesellschaftliches Phänomen, das ganz banal die sexualisierten Herrschaftsverhältnisse spiegelt. Deshalb ist eine größer angelegte, gruppenübergreifende, öffentliche politische Auseinandersetzung um den Unterschied zwischen Sexualität und sexueller Gewalt, um (auch in der Szene gültige) traditionelle Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie um Geschlechtsidentität, vor allem mit jungen anpolitisierten Leuten nötig. Aus diesem Grund ist auch die Auseinandersetzung mit den »Tätern« nötig. Insbesondere junge Antifas sehen beispielsweise den Hooliganism von jungsclubartig auftretenden postpubertierenden Mackern als elementaren Teil einer linksradikalen politischer Identität.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine langfristige, antisexistische Praxis muss deshalb zuerst die strukturelle heterosexuelle Verfasstheit unserer eigenen Arbeitsformen, Politikinhalte und die Trennung zwischen öffentlich-politischem und privat-individuellem Leben, die mittlerweile unabhängig vom Geschlecht von den meisten mitgetragen werden, wieder wahrnehmen. Damit ist zum einen die Benennung struktureller Gewaltverhältnisse entlang der Kategorie Geschlecht in der alltäglichen politischen Praxis (einschließlich der eigenen Strukturen) gemeint – und nicht nur, wenn es brennt. Vielmehr aber muss in Zukunft das eigene bipolare, heterosexuelle und identitäre Denken kritisch betrachtet und verändert werden. Opfer zu sein ist ein beseitigungswürdiger Zustand, aber keine politische Kategorie, in der das Subjekt aus dem Diskurs verschwindet. So könnte das Thema Geschlechterverhältnisse, das der Diskussion um die sogenannte Vergewaltigungsdebatte zu Grunde liegt, als eine asymmetrische Machtstruktur, die nicht zwangsläufig an das anatomische Geschlecht gebunden ist, wieder an Bedeutung gewinnen und für Linke zu einem Politikinhalt werden.&lt;/p&gt;


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