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 <title>arranca! - Arbeit</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/64/0</link>
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 <title>&quot;Ob von außen erstrittene Mindeststandards Perspektiven für weitergehende Forderungen eröffnen, halte ich für fragwürdig.&quot;</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/46/ob-von-aussen-erstrittene-mindeststandards-perspektiven-fuer-weitergehende-forderungen-er</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Anwar ‘Sastro’ Ma’ruf ist nationaler Vorsitzender der Working People’s Association und der Indonesian People’s Movement Confederation, zweier Organisationen der linken Bewegung Indonesiens, die sich gegen Ende des autoritären und antikommunistischen Suharto-Regimes (1966-1998) formierten und sich eine undogmatische Organisierung der Linken sowie die Zusammenarbeit unterschiedlicher sozialer Bewegungen zur Aufgabe machen. Sastros Engagement begann in den 1990er Jahren als Arbeiter in der Elektroindustrie, als er noch unter Bedingungen der Illegalisierung in autonomen Arbeiter_innenorganisationen aktiv war. Diese waren die Vorläufer der später entstandenen unabhängigen Gewerkschaften und arbeiten heute an einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen Industriearbeiter_ innen, staatlichen Angestellten und anderen sozialen Bewegungen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Anwar ‘Sastro’ Ma’ruf ist nationaler Vorsitzender der &lt;em&gt;Working People’s Association&lt;/em&gt; und der&lt;em&gt; Indonesian People’s Movement Confederation&lt;/em&gt;, zweier Organisationen der linken Bewegung Indonesiens, die sich gegen Ende des autoritären und antikommunistischen Suharto-Regimes (1966-1998) formierten und sich eine undogmatische Organisierung der Linken sowie die Zusammenarbeit unterschiedlicher sozialer Bewegungen zur Aufgabe machen. Sastros Engagement begann in den 1990er Jahren als Arbeiter in der Elektroindustrie, als er noch unter Bedingungen der Illegalisierung in autonomen Arbeiter_innenorganisationen aktiv war. Diese waren die Vorläufer der später entstandenen unabhängigen Gewerkschaften und arbeiten heute an einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen Industriearbeiter_ innen, staatlichen Angestellten und anderen sozialen Bewegungen.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Momentan werden globale Produktionsketten öffentlichkeitswirksam vor allem von NGOs thematisiert. Die lokale Organisierung der Produzierenden bleibt wenig sichtbar. In Bezug auf die Stärkung indonesischer Arbeitnehmer_innen kritisiert unser Interviewpartner Sastro Kampagnen ethischen Konsums von NGOs im Globalen Norden, die aus seiner Sicht unabhängige Gewerkschaften und soziale Bewegungen in Indonesien schwächen können. Wir wollen von ihm wissen, was seine Kritik an dieser Form der »Solidarität« ist und was er für sinnvolle internationale Vernetzung hält.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Du kritisierst ja den Einsatz internationaler NGOs in Bezug auf sogenannte Codes of Conduct. Könntest du erklären, was diese Codes of Conduct sind?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Codes of Conduct&lt;/em&gt; sind Ethikkodizes, die insbesondere in Unternehmen der globalisierten Produktion eingesetzt werden, um Arbeitsverhältnisse in Billiglohnländern wie Indonesien zu verbessern. Die von den Managements, NGOs, internationalen Organisationen und Aktionär_innen festgelegten Kodizes haben eine Standardisierung von Löhnen, Arbeitsverhältnissen, Gesundheits- und Gewerkschaftsfragen zur Folge. Internationale Marken wie Nike, Adidas oder Reebok haben angefangen, solche Codes of Conduct in der Bekleidungsindustrie umzusetzen. Mittlerweile werden diese aber auch von indonesischen staatlichen Unternehmen im Energie- und Transportsektor, der Plantagenwirtschaft und der Telekommunikation eingesetzt. »Unternehmensverantwortung« soll dabei den Unternehmen ein besseres Image verschaffen. Nicht zuletzt werden Codes of Conduct aufgrund des Drucks von Konsument_innen im Globalen Norden eingeführt, die sich für gerechtere Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten und fairen Handel einsetzen. Vertreten werden die Konsument_innen von NGOs, die im Namen der internationalen Solidarität Druck auf Unternehmen und Staaten ausüben und beispielsweise die Nichteinhaltung von Mindestlöhnen oder Gewerkschaftsverbote skandalisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Und was ist deine Kritik daran?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das alles hört sich zunächst ganz gut an. Werden sie jedoch etwas näher unter die Lupe genommen, wird deutlich, dass die Einführung von Codes of Conduct eine Falle für die Arbeiter_innenbewegung darstellt. Codes of Conduct entschärfen die Forderungen nach besseren Löhnen oder besserer sozialer Absicherung der Arbeiter_innen selbst. Anstatt dass die Arbeiter_innen selbst die Höhe und Inhalte der Forderungen ihrer Kämpfe bestimmen, werden die Codes of Conduct zu ihrem Referenzrahmen. Dabei sind die lokalen Mindestlöhne, auf die sich die Codes of Conduct beziehen, weit davon entfernt, als ausreichend bezeichnet werden zu können. Von würdevoll wollen wir gar nicht erst sprechen. Was in den Codes of Conduct festgehalten ist, muss schließlich in der Realität nicht unbedingt auch umgesetzt werden. Arbeitsschutz zum Beispiel wird häufig nicht gewährt‒ erst dann, wenn Kontrollen durchgeführt werden. Das geht von Schutzmasken und Sitzmöglichkeiten über sanitäre Anlagen bis hin zur Bereitstellung von Trinkwasser.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist gefährlich, wenn Arbeiter_innen die Forderungen ihrer Kämpfe nicht selbst definieren. Es geht dabei nicht allein um Löhne, sondern um Arbeitsschutz, um Zulagen für Bildung und Transport, um Wohnverhältnisse usw. In ihren Kämpfen sollten Arbeiter_innen selbst errechnen, welche Löhne angemessen sind, um zumindest ihre materiellen, mentalen und sozialen Grundbedürfnisse und die ihrer Familien erfüllen zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Kritik unabhängiger Gewerkschaften richtet sich in diesem Zusammenhang gegen internationale Kampagnen, die die Einführung von Codes of Conduct fordern. Unserer Erfahrung nach tragen diese zu einer Deradikalisierung der Bewegung bei. Sie führen nicht nur zu einer Mäßigung der Forderungen in sozialen Kämpfen, sondern auch dazu, dass sich Gewerkschaften vor allem auf Kampagnenarbeit konzentrieren und weniger darauf, sich zu organisieren und an Stärke zu gewinnen. Um ein Beispiel zu nennen: Bei einem Zulieferbetrieb von Nike wurden Konflikte um ein Gewerkschaftsverbot und Vertragsarbeit ausgefochten. Die verbotene Gewerkschaft wandte sich an Organisationen, die sich an internationalen Kampagnen beteiligen, und durch den Druck von außen auf das Unternehmen war es ein Leichtes, die Zulassung der Gewerkschaft durchzusetzen. Die Organisierungs-, Bildungsund Unterstützungsarbeit nach innen, die ein wichtiger Teil von Gewerkschaftskämpfen ist, wurde dabei vernachlässigt. Durch diese Kampagnen findet eine Verschiebung des Verständnisses internationaler Solidarität statt, hin zu einer durch NGOs vermittelten Solidarität.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Umstand, dass eine Transnationalisierung des Kapitals nicht mit einer Transnationalisierung von Kämpfen einher geht, wird durch solch eine vermittelte internationale Arbeit verstärkt: Lokale Gewerkschaften wenden sich an lokale NGOs, die die gewerkschaftliche Interessenvertretung übernehmen. Diese arbeiten mit internationalen NGOs zusammen, die die Markenunternehmen adressieren. Durch diese Verlängerung der »Solidaritätskette« werden die jeweiligen Kämpfe also nicht gestärkt, sondern Arbeiter_innen voneinander ferngehalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Warum ist das eigentlich so schwierig mit der Transnationalisierung der Kämpfe entlang von Wertschöpfungsketten?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Produktions- und Wertschöpfungsketten stellen selbst einen Versuch unter vielen anderen dar, die Arbeiter_innenbewegung unter Kontrolle zu halten. Weil Forderungen an den vielen unterschiedlichen Produktions-, Verarbeitungs- und Vertriebsstätten des gleichen Produkts gestellt werden, scheint es keinen gemeinsamen Gegner (die Kapitaleigentümer_ innen am Ende der Produktions- und Wertschöpfungskette) zu geben, auf den sich die gemeinsamen Kämpfe beziehen können. Codes of Conducts sind Mittel einer »Teile-und-Herrsche«-Politik. An den Stätten, wo für den globalen Markt produziert wird, ist die Duldung gewerkschaftlicher Organisierung eine der zentralen in den Codes of Conduct der Abnehmerunternehmen festgeschriebenen Forderungen. So kann es sein, dass sämtliche Beschäftigte eines Unternehmens Gewerkschaftsmitglieder sind. Allerdings handelt es sich dabei häufig um »gelbe« Pseudogewerkschaften, die in der Regel enge Beziehungen zum Personalmanagement halten oder um Gewerkschaften, die vom Unternehmen selbst eingesetzt werden. Diese gelben Gewerkschaften sind Abspaltungen und Nachfolgeorganisationen der staatlichen Gewerkschaft während des Suharto-Regimes, die damals vor allem der Kontrolle der Arbeiter_innen diente, während unabhängige Gewerkschaften verboten waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unabhängige Gewerkschaften sind auch heute noch Ziel repressiver &lt;em&gt;union busting&lt;/em&gt;-Maßnahmen: Arbeiter_innen, die in unabhängigen Gewerkschaften organisiert sind, werden kriminalisiert, gefeuert und als Unruhestifter stigmatisiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was internationale Verbindungen angeht, sind die gelben Gewerkschaften in Indonesien aufgrund ihrer Ressourcen besser vernetzt als die unabhängigen Gewerkschaften: Sie sind Teil des Internationalen Gewerkschaftsbundes und als Berater_innen in Foren von internationalen Organisationen wie der WTO, der Weltbank, der Asian Development Bank oder etwa als Vertreter_innen bei der ILO oder der UN vertreten. Aber statt gemeinsame Streiks und Kämpfe zu koordinieren, legitimieren die internationalen Gewerkschaftsstrukturen sogar die arbeiter_innenfeindliche Politik von Regierungen und internationalen Organisationen wie zum Beispiel Leiharbeit und &lt;em&gt;Outsourcing&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Neben diesen subtilen und gewaltvollen Strategien zur Deradikalisierung der Arbeiter_innenbewegung erschwert die Fragmentierung der Arbeiter_innenbewegung die Transnationalisierung der Kämpfe. Schon im nationalen Kontext alleine ist es ja schwierig, die zersplitterten Gewerkschaften zusammenzubringen. Eine ganz andere Herausforderung ist es, wenn das über Kontinente hinweg geschehen soll, wo ganz unterschiedliche Lebens- und Arbeitsverhältnisse mit unterschiedlichen Löhnen und sozialen Absicherungen vorherrschen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Könntest du das mit der vermittelten Solidarität noch einmal ausführen? Man könnte ja meinen, dass die Einführung von – auch von außen erstrittenen – Mindeststandards Perspektiven eröffnet und zu weitergehender Organisierung und weitergehenden Forderungen beiträgt …&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;NGOs nehmen eine Überwachungsfunktion in der Umsetzung von Codes of Conduct ein. Das heißt, sie mischen sich ein, wenn Arbeiter_innen gefeuert werden, wenn Löhne unter dem Mindeststandard gezahlt werden, wenn das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung nicht gewährleistet wird usw. Weil die Gewerkschaften auf der Fabrikebene nicht stark genug sind oder sich die Basis von der Gewerkschaftsführung nicht vertreten sieht, verlassen sich die Gewerkschaften – gelbe wie auch zum Teil unabhängige – auf den Druck von außenstehenden NGOs. Damit können zwar Erfolge erzielt werden, die Rolle der Gewerkschaften insgesamt wird jedoch geschwächt. NGOs gelten durch ihre schnellen Erfolge als diejenigen Akteur_innen, die die Interessen der Arbeiter_innen am besten vertreten können, nicht nur auf der Fabrikebene, sondern auch international. Die Gewerkschaften werden in internationale Kampagnen involviert und zu internationalen Foren eingeladen, werden aber dort lediglich als Opfer von Ausbeutung oder als Forschungsobjekte eingebunden und nicht als Subjekte ihrer Kämpfe adressiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ob von außen erstrittene Mindeststandards Perspektiven für weitergehende Forderungen eröffnen, halte ich für fragwürdig, wenn die Arbeiter_innen die Interessenvertretung bereits an andere Akteur_innen wie die NGOs abgegeben haben. Problematisch ist, wenn jene Mindeststandards das Höchstmaß von Lohnpolitik und sozialer Absicherung darstellen. Genau das kann aber passieren, wenn die Arbeiter_innen »verlernt« haben, ihre Forderungen selbst zu stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Gibt es eine Zusammenarbeit eurer Bewegung mit internationalen Gruppen oder NGOs? Wie sieht diese aus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit internationalen NGOs, bisher insbesondere aus Südost- und Ostasien, arbeiten wir in der gemeinsamen Wissensproduktion, um globale und regionale Zusammenhänge wie etwa die Folgen der Arbeitsmarktflexibilisierung zu verstehen, Analysen zu schärfen und uns über emanzipative Praxen auszutauschen. Das sind NGOs, die sich als Unterstützungsstruktur der unabhängigen Gewerkschaftsbewegungen verstehen und gemeinsame programmatische Ziele verfolgen. In der Frage der Zusammenarbeit mit internationalen und lokalen NGOs haben wir aus Erfahrungen der Zeit nach dem Sturz des Suharto-Regimes gelernt. NGOs dominierten damals die gerade erstarkenden unabhängigen Grassrootsbewegungen. Sie leisteten vor allem Fallarbeit und bestimmten die inhaltliche Arbeit, als die Unterstützung der Arbeiter_ innen gerade auf der Agenda der Geldgeber_innen stand, also bevor die Schwerpunkte auf Themen wie HIV/AIDS und Mikrokredite gelegt wurden. Diese Art der Unterstützung durch NGOs führte zu einer Deradikalisierung der Bewegungen ähnlich wie bei den bereits beschriebenen Beispielen. Mittlerweile haben sich viele Organisationen unserer Bewegung aber von der Dominanz der NGOs emanzipiert und die Rollen von Grassrootsbewegung und NGOs wurden neu verteilt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Was ist mit sozialen Bewegungen, die nicht klassische Gewerkschaften oder NGOs sind? Siehst du hier transnationale Anknüpfungspunkte für gemeinsame Kämpfe?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir arbeiten an einer regionalen Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen sozialen Bewegungen, der Landlosenbewegung, der Arbeiter_ innen- und Fischer_innenbewegung, feministischer Bewegungen und Umweltbewegungen in Südostasien. Diese multisektorale Zusammenarbeit befindet sich noch auf der Ebene eines Austausches darüber, welche Erfahrungen es mit multisektoralen Bündnissen und multisektoraler Organisierung in den jeweiligen nationalen Kontexten gibt. Ein Anknüpfungspunkt für gemeinsame Kämpfe sind dabei etwa einschneidende Informalisierungsprozesse in ganz Südostasien, die sowohl Beschäftigte auf dem formalen Arbeitsmarkt in Folge der Arbeitsmarktflexibilisierung, als auch die Bevölkerung auf dem Land aufgrund der massiven Expansion von Agrar- und Rohstoffindustrie zu spüren bekommen und die damit einhergehende Aushöhlung der politischen Macht dieser Gruppen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Welche Art internationaler Unterstützung ist für eure Kämpfe sinnvoll?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf jeden Fall sollte Solidarität die Stärkung der Bewegung und nicht das Wohlwollen der Unternehmen zum Ziel haben. Das kann die gegenseitige Unterstützung von Organisationsstrukturen beinhalten, aber auch Erfahrungs- und Wissensaustausch oder die Unterstützung von selbstverwalteten ökonomischen Strukturen. Ein konkretes Beispiel einer horizontalen Solidarität zwischen Arbeiter_innen auf der internationalen Ebene ist eine Zusammenarbeit zwischen Arbeiter_innen besetzter Fabriken aus Indonesien, Thailand, den Philippinen und Argentinien. Wir wünschen uns eine gemeinsame internationale Arbeit, die konkreter ist als die Solidaritätsstatements appellativen Charakters, auch wenn sie erst einmal kleinteilig anfängt. Oft sind wir irritiert darüber, dass Solidarität häufig im karitativen Sinne als Solidarität von Organisationen im Globalen Norden mit Bewegungen im Globalen Süden verstanden wird. Warum sollten die Organisationen im Globalen Norden nicht auch mal unsere Unterstützung brauchen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Dass Konsument_innen im Globalen Norden sich lieber als verantwortungsvolle Spender_ innen verstehen denn als Teil globaler Herrschaftsverhältnisse spiegelt sich ja in Kampagnen wider, die statt mit Bildern widerständiger Arbeiter_innen lieber mit Bildern von Armut arbeiten. Gibt es beim Konsumverhalten der Leute im Globalen Norden denn Anknüpfungspunkte für Solidarität? Oder siehst du diese ausschließlich auf Produzent_innenseite?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Solidarität von Konsument_innen ist wichtig als eine Form der Kontrolle des Produktionsprozesses, solange sie jene Solidarität zwischen den Produzent_innen, den Arbeiter_innen im Transport, im Vertrieb und Verkauf nicht ersetzt. Die Gegenmacht, die im Produktionsprozess verortet ist, darf nicht vergessen werden. Dass sich die Konsument_innen um die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter_innen in den Zulieferbetrieben in globalen Produktions- und Wertschöpfungsketten kümmern, sie sich Gedanken darum machen, woher die Produkte kommen, die sie konsumieren, ob sich die Menschen die Produkte, die sie herstellen, überhaupt selbst leisten können usw., all das hat noch zu keinen großen Veränderungen geführt. Ein Anknüpfungspunkt für eine Solidarität der Konsument_innen wäre zum Beispiel, wenn diese direkt von selbstverwalteten Betrieben der besetzten Fabriken kaufen würden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Welche Art der Unterstützung brauchen die Organisationen im Norden denn aus deiner Sicht?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vielleicht können Bewegungen aus dem Globalen Norden von Organisierungserfahrungen aus dem Süden lernen. Die Bewegungen im Globalen Norden wurden lange genug vom Kapitalismus und seinem Wohlfahrtsstaat in den Schlaf gesungen. Vielleicht irre ich mich auch, aber große Teile der Gesellschaft scheinen eingeschlafen zu sein und tun sich heute schwer, sich zu organisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Vielen Dank, dass du dir die Zeit für die Fragen genommen hast, danke auch an die_den Übersetzer_in!&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 15 Dec 2012 22:16:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Mahlzeit! Postautonome in der Gewerkschaft</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/mahlzeit-postautonome-in-der-gewerkschaft</link>
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                    &lt;p&gt;Mahlzeit! Die Schlange in der Betriebskantine hinter mir wird länger.  Bunt bebrillte Frauen und Männer im fortgeschrittenen Alter stellen sich  an. Auch den wenigen Unter-40-Jährigen scheint das Hemd schon über dem  Bauch zu spannen. Mittagspause in der ver.di-Bundesverwaltung. Eine  halbe Stunde über die Arbeit, die Nachrichten oder den letzten  Wochenendausflug sprechen. Mein Blick schweift durch den Raum.  Hannelores und Hartmuts sind überrepräsentiert. Kaum Nichtdeutsche, kaum  jüngere Leute, keine Infos oder Politflyer auf dem Tisch. Wer hier  arbeitet, koordiniert Tarifrunden, verwaltet Mitglieder oder setzt sich  für Mindestlöhne oder Gute-Arbeit-Indexe ein. Und das routiniert, in  mehr oder weniger eingeübten Abläufen mit klaren Zuständigkeiten.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Mahlzeit! Die Schlange in der Betriebskantine hinter mir wird länger. Bunt bebrillte Frauen und Männer im fortgeschrittenen Alter stellen sich an. Auch den wenigen Unter-40-Jährigen scheint das Hemd schon über dem Bauch zu spannen. Mittagspause in der ver.di-Bundesverwaltung. Eine halbe Stunde über die Arbeit, die Nachrichten oder den letzten Wochenendausflug sprechen. Mein Blick schweift durch den Raum. Hannelores und Hartmuts sind überrepräsentiert. Kaum Nichtdeutsche, kaum jüngere Leute, keine Infos oder Politflyer auf dem Tisch. Wer hier arbeitet, koordiniert Tarifrunden, verwaltet Mitglieder oder setzt sich für Mindestlöhne oder Gute-Arbeit-Indexe ein. Und das routiniert, in mehr oder weniger eingeübten Abläufen mit klaren Zuständigkeiten. &lt;br /&gt;Aber was heißt es, wenn man soziale und betriebliche Kämpfe für essenziell hält – und die damit verbundene gesellschaftliche Organisation, in der man arbeitet, mitunter wie eine Behörde funktioniert? Zunächst, dass sich im täglichen Organisationsoutput wenig von der Vision einer konfliktbereiten Bewegungsgewerkschaft findet, die in den Debatten um die Revitalisierung der Gewerkschaften ab und zu aufscheint. Zu wenig Organizing, zu viel klassische Lobbyarbeit, zu wenig Offenheit gegenüber sozialen und linken Bewegungen, zu viel Gremienkultur und Landesbezirksfachbereichsfachkreise, zu wenig gemeinsam an einem Strang ziehen. Zu viel Formalismus, zu wenig kreative Antworten auf die alltägliche neoliberale Meinungsmache. Über Schritte zur Überwindung der schlechten Verhältnisse brauchen wir erst gar nicht reden. Doch an welchem Ort politischer Lohnarbeit stellt sich diese Frage überhaupt: an der Uni, in der Erwachsenenbildung, bei den politischen Stiftungen? Jenseits der dort im besten Fall betriebenen Aufklärung und kritischen Bewusstseinsbildung haben die Gewerkschaften noch immer einen Bonus auf ihrer Seite, der bei der Orientierung auf soziale Kämpfe unschwer ignoriert werden kann: „Gewerkschaften appellieren nicht nur, sondern sind darauf angelegt, Erzwingungswirkung im Zentrum der Ökonomie zu entfalten“, nennt es der ehemalige ver.di Hauptamtliche Werner Sauerborn etwas formalistisch (&lt;a href=&quot;http://www.akweb.de/ak_s/ak557/04.htm&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;ak 557&lt;/a&gt;). &lt;br /&gt;Wenig überraschend, dass Linke in konjunkturellen Abständen auf kaum einen gesellschaftlichen Player soviel Hoffnung projizieren wie auf die Gewerkschaften. In früheren Zeiten betraf dies eher die traditionellen Milieus wie Trotzkisten und Parteilinke, in deren politischen Strategien die Gewerkschaften eine zentrale Rolle als verfasste organisierte Macht der Beschäftigten und Transformationsriemen der politischen Bewusstseinsbildung einnahmen. Wenn man die Arbeiterklasse erreichen wolle, müsse man sich als Linke an die Spitze dieser Organisationen setzen. In dieser Avantgardismus-Konzeption wird der Führung die Allmacht über die Klasse zugewiesen. Der allzeit vorhandene Kampfeswille der Beschäftigten wird durch mangelnde Konfliktbereitschaft und die Mauscheleien der Führungen gedeckelt. Es gibt nur wenige Erklärungsansätze mit solch einer Schnittmenge bei unterschiedlichsten Linken wie der regelmäßig wiederholte Vorwurf des Einknickens der Gewerkschaftsspitzen. Wegen dieser Fixierung auf die Führung werden viele aktuelle Entwicklungen wie die zeitweise starke Zunahme von Streiks in den letzten Jahren, zum Beispiel der ErzieherInnen-Streik, nicht mehr wahrgenommen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Wie erklär ich‘s meinen GenossInnen?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Mittlerweile finden sich vermehrt Linke aus den so genannten postautonomen Strukturen in hauptamtlicher Position, für die die Gewerkschaften nie ein besonderer Referenzpunkt waren – wenn auch die beschriebene Subjektivierung von Schwäche ebenso verbreitet ist. Dennoch heißt es bei FelS regelmäßig diplomatisch, dass bei den Gewerkschaften nicht von einem „monolithischen Block“ gesprochen werden könne. Peter Birke schreibt: „Die Gewerkschaften sind mal kämpferisch-autonom, mal staatstragend-regulativ, mal bürokratisch, mal politisch und aktivistisch, nicht selten alles zugleich.“ &lt;br /&gt;Also: Was bedeutet dies? Und wie erklär ich‘s meinen GenossInnen? Der Versuch, Transparenz in diese widersprüchlichen Bewegungen und die dahinterliegenden Dynamiken zu bringen, ist keine leichte Aufgabe. Der eigene Blick auf die Zusammenhänge entsteht dabei nicht über das Organizing, über das viele Bewegungslinke in den letzten Jahren in die Gewerkschaften eingestiegen sind. Damit sind sie Teil einer gewerkschaftlichen Erneuerung, die von vielen Linken aufgrund ihrer konfliktorientierten Ausrichtung mit Sympathie verfolgt wird. Der subjektive Vorteil dessen ist im Zweifelsfall, dass das Legitimations- und Identitätsproblem verringert ist, das antiautoritäre Linke mit dem Einstieg in die Gewerkschaftsbürokratie unweigerlich erreicht. Der persönliche Hintergrund ist also nicht die Betreuungs- oder Organizingarbeit vor Ort, sondern ein Querschnittsbereich an der Schnittstelle Mitgliederkommunkation und Öffentlichkeitsarbeit, digitale Demokratisierung der zweitgrößten Gewerkschaft Deutschlands, die Einbeziehung prekär arbeitender Mitglieder, die Überwindung von Berufsgruppendenken, der Ausbau von Kritik- und Beteiligungsmöglichkeiten innerhalb der Organisation. &lt;br /&gt;Ähnlich wie im Organizing geht es um die Stärkung basisdemokratischer Ansätze und des Bewusstseins für kollektives Handeln gegen schlechte Verhältnisse. Hat man damit schon den Emanzipations-TÜV linksradikaler Gruppen bestanden? Kann man die politischen Praxen einer FelS-Sozial-AG und einer DGB-Einheitsgewerkschaft überhaupt miteinander in Bezug setzen, geschweige denn gegenseitig transformieren? Die Frage klingt aus linker Perspektive fast schon naiv. Verlässt man aber unvereinbar erscheinende Positionen wie die Kritik bzw. die Affirmation von Lohnarbeit als zentraler Vergesellschaftungsinstanz und wendet sich eher der Frage zu, wie soziale Prozesse der Solidarisierung und des Aufbegehrens gegen Ausbeutung organisiert werden können, wird es wieder interessant. Denn auch der positive Bezug auf Repräsentationsstrukturen, wie er bei einer Betriebsratsgründung gegeben ist, kann gleichzeitig als ein Akt der Selbstermächtigung betrachtet werden. In anderen Bereichen erscheint die Kultur des linksradikalen Besserwissens absurd, vergegenwärtigt man sich, wie wenig Organisierungsprozesse im Bereich der Lohnarbeit tatsächlich jenseits gewerkschaftlicher Strukturen erfolgreich aufgebaut wurden. Misst man Linke, die in ähnlichen Bereichen arbeiten, an der Aussage, dass „die gesellschaftliche Emanzipation der ArbeitnehmerInnen letztlich nur über die Überwindung der kapitalismusgemachten Konkurrenz untereinander möglich“ ist (Sauerborn im ak 557), fällt das Urteil nüchtern aus. Wo gibt es schon von prekären wissenschaftlichen Beschäftigten, unter denen sich viele Linke tummeln, erkämpfte kollektive Regelungen, die, um es überspitzt zu formulieren, die Konkurrenz entschärfende Wirkungen entfalten wie das Prinzip eines Flächentarifvertrages, der gleiche Arbeitsbedingungen für Beschäftigte aus miteinander konkurrierenden Kaufhäusern und Supermärkten regelt?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Marsch durch die Institutionen?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Jetzt ist es schon soweit, die Anpassung an den gewerkschaftlichen Minimalismus deutet sich bereits an. Im gedanklichen Hintergrund dudelt schon der Longplayer vom „Marsch durch die Institutionen“, die linke Meta-Erzählung über das Weichgespültwerden und Kompromissemachen im Zuge von Job-Einstiegen in politische Institutionen. In den letzten Jahren hat diese Erzählung wieder Futter bekommen, gilt doch bei vielen Linken als ausgemacht, dass Institutionen wie Gewerkschaften und Linkspartei beharrlich die Erfahrungen und das Engagement von BewegungsaktivistInnen abschöpfen, um die eigenen Mobilisierungs- und Organisierungsdefizite zu kompensieren. Von den entsprechenden AktivistInnen würde im Gegenzug zu ihrer Einbindung der Kotau vor den Positionen der Gewerkschaftsführung verlangt, die vielfach noch mit der SPD eng verzahnt ist. &lt;br /&gt;Aus vielerlei Gründen glaube ich nicht an diese Logik. Zum einen würde es voraussetzen, dass es von Gewerkschaftsseite diesbezüglich ein zielgerichtetes Handeln gäbe und die Probleme erkannt würden. Hier herrscht meist Fehlanzeige. Zum anderen basiert diese Denkrichtung auf der Erhöhung der eigenen Bedeutung als radikale Linke oder soziale Bewegung für die Apparate. Vieles wäre einfacher, wenn dem so wäre. Denn statt ernsthaft Bündnisarbeit mit BewegungsakteurInnen zu forcieren und sich den damit verbundenen politischen Auseinandersetzungen zu stellen, werden entsprechende Arbeiten lieber an Kommunikationsagenturen outgesourct, die mitunter auch das mobile Personal stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bleibt noch die autoritäre Tradition und der mitunter durchscheinende sozialdemokratische Stalinismus. Der erhoffte klare Gegner, Quell der Anpassung und Kompromissbereitschaft, vor dem man sich in Acht nehmen muss, wenn die eigene Einflussnahme nicht gleich wieder beendet sein soll. Tatsächlich wundert man sich in Gesprächen mit KollegInnen regelmäßig, wieviele Mitglieder die SPD noch hat. &lt;br /&gt;Und doch hat man den Eindruck, dass es nicht diese alten Beziehungen und personellen Überschneidungen sind, die die im großen Rahmen noch immer sozialpartnerschaftlich ausgerichtete Politik der Gewerkschaften bestimmen und kämpferische Positionen verhindern. Stattdessen kommen habituelle Strukturen zum Tragen, die schwer zu knacken sind. Die „so haben wir das schon immer gemacht“-Haltung wird durch die Fixierung auf die regelmäßig stattfindenden großen Tarifrunden unterstützt. Angesichts der mehr oder weniger gleich lautenden Forderungen, Argumentationen und abschließenden Tarif-ergebnisse stellt sich spätestens alle zwei Jahre der Déjà-Vu-Effekt ein. Ritualisierte Abläufe und Organisationsfolklore, die jedoch kein spezifisch gewerkschaftliches Phänomen sind, sondern sich auch bei Erster Mai- und Gipfelmobilisierungen und Studierendenprotesten wiederfinden. Mit letzteren am ehesten vergleichbar ist jedoch, dass es sich bei den Tarifrunden heute zumeist um Abwehrkämpfe handelt, bei denen die Niederlage von vorneherein erwartet wird. In den Reihen der Verantwortlichen ist oftmals von einer kämpferischen Stimmung wenig zu spüren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Friedhofsruhe und kämpferische Arbeit&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Durchschnittsalter der Lohnabhängigen, die überhaupt noch von diesen tarifvertraglichen Regelungen profitieren, steigt von Jahr zu Jahr und ihr Anteil wird kleiner. Die Altersstruktur der Mitgliedschaft spiegelt sich in der Überalterung des Apparats. Die meisten Hauptamtlichen sind seit einigen Jahrzehnten bei den Gewerkschaften beschäftigt und haben ihre eigene Berufstätigkeit in den Spätzeiten der deutschen Boomjahre begonnen. Der berufliche Aufstieg hat sich beim Sprung von der ehrenamtlichen zur hauptamtlichen Mitarbeit, wie sie Mitgliedsorganisationen prägt, weiter fortgesetzt. Bei vielen Gewerkschaftsbeschäftigten hat sich eine Verbürgerlichung vollzogen und ihre Lebenslagen sind am ehesten mit denen von Facharbeitern zu vergleichen. Es überrascht vor diesem Hintergrund auch nicht, dass diese Gruppen noch immer im Fokus der Interessensvertretung stehen und ein Bezug auf prekäre, informelle und unstete Arbeitsverhältnisse aufgrund fehlender persönlicher Erfahrungen vielfach ausbleibt. Manchmal scheint es, als seien die Gewerkschaften bei den Haupt- wie bei den Ehrenamtlichen ein letztes Refugium derjenigen, die in der Arbeitswelt heute immer seltener werden. Formelle Ausbildung, dauerhafte Jobs, sichere Renten – die letzten Spießer gewissermaßen. Doch auch diese Konstellation wird mit dem Ende des Fordismus zu einem Auslaufmodell. Die Einflussnahme auf die personelle Neuzusammensetzung der Strukturen ist ein Ansatzpunkt, um die Behördenkultur, wie sie sich noch immer in den Gewerkschaften findet, aufzubrechen. Denn die sozialpartnerschaftlichen Aushandlungen sind nicht nur übergestülpte Mechanismen, sondern auch erlernte soziale Prozesse, die für LeiharbeiterInnen, jüngere Prekäre, Selbständige keine prägenden Erfahrungen mehr sind. Mit der stärkeren Einbeziehung von Gruppen, die Erfahrungen jenseits des Normalarbeitsverhältnisses mitbringen, wozu auch überdurchschnittlich viele MigrantInnen zählen, kann die Friedhofsruhe und die selbstgefällige Atmosphäre nicht mehr in der gleiche Weise aufrecht erhalten werden. Als Linke gilt es, diese Veränderungen zu verfolgen und über die Schaffung von Allianzen und Netzwerken und Bereitstellung von Ressourcen die Bedingungen von kämpferischer Gewerkschaftsarbeit zu verbessern. Gleichzeitig ist es wichtig, den Einfluss der Zentralen zu dezentrieren und sich nicht an den Beschlusslagen abzuarbeiten, wie es oftmals beim Thema „Politischer Streik“ geschieht. &lt;br /&gt;Denn: „Die Alternative zwischen ‚kämpferischer‘ und ‚sozialpartnerschaftlicher‘ Politik ist mithin eine Frage, die im Alltag, also im Wesentlichen nicht in den oberen Etagen der Gewerkschaftshäuser, entschieden wird.“ (Birke) Und damit kann man sich in der Betriebskantine auch wieder entspannen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 16:58:01 +0000</pubDate>
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 <title>Back to the lab(our)!</title>
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                    &lt;p&gt;Bereits seit dem Spätsommer 2009 macht die Frage die Runde, ob es am 1.  Mai 2010 in Berlin wieder eine große Euro­mayday-Parade durch Kreuzberg  und die angrenzenden Kieze geben wird. Auch bei FelS haben wir über  diese Frage viel diskutiert, sind dabei aber zu dem Schluss gekommen,  dass wir das Projekt Mayday zwar keineswegs aufgeben werden, uns an der  Vorbereitung einer weiteren Parade am 1. Mai in der bisherigen Form  dieses Jahr aber nicht beteiligen wollen.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Bereits seit dem Spätsommer 2009 macht die Frage die Runde, ob es am 1. Mai 2010 in Berlin wieder eine große Euro­mayday-Parade durch Kreuzberg und die angrenzenden Kieze geben wird. Auch bei FelS haben wir über diese Frage viel diskutiert, sind dabei aber zu dem Schluss gekommen, dass wir das Projekt Mayday zwar keineswegs aufgeben werden, uns an der Vorbereitung einer weiteren Parade am 1. Mai in der bisherigen Form dieses Jahr aber nicht beteiligen wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die vier Berliner Mayday-Paraden waren in unseren Augen ein großer Erfolg. Ihre&amp;nbsp; Organisation war aber nur mit sehr großem Aufwand zu bewerkstelligen. Daran haben sich leider nur punktuell auch andere Akteur_Innen sozialer Auseinandersetzungen außerhalb der linken Szene beteiligt. Und nach nur vier Jahren droht der Mayday schon zum Ritual zu erstarren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jahr für Jahr muss ein enormer Aufwand gestemmt werden, damit die Parade neben den drei bis vier anderen linken Großevents am selben Tag überhaupt wahrgenommen wird. Der damit verbundene Verzicht auf viele andere wichtige politische Projekte ist einer der Gründe, warum wir dieses Jahr nicht mit einer Parade antreten wollen.&amp;nbsp; Für viele aus unseren Reihen steckt viel Herzblut in diesen Paraden, denn es war damals keineswegs einfach, die skeptischeren unter unseren Genoss_innen und Bündnispartner_innen vom Sinn und Zweck dieses Experimentes zu überzeugen. Bis wir im Mai 2006 endlich dem Beispiel aus Mailand, Hamburg und vielen anderen europäischen Städten folgen konnten, waren viele Stunden Diskussion auf zahllosen Gruppen- und Bündnistreffen vergangen. Und die Vorbereitung hat uns trotz aller Mühe immer viel Freude bereitet, von unserem Riesenspaß auf den Paraden selbst einmal ganz zu schweigen. Mit unserer Entscheidung gegen eine neue Parade im Jahr 2010 wollen wir all das nicht konterkarieren. Wenn wir uns im Berliner Mayday-Bündnis nun gegen eine neue Parade aussprechen, dann vor allem, weil unsere Nachbereitung der letzten beiden ergeben hat, dass wir unsere Anstrengungen unter dem Label Euromayday grundsätzlich politisch hinterfragen müssen. Zum einen müssen wir uns rückbesinnen auf die Ziele, die wir beim Entschluss zu unserer ersten Parade im Jahre 2006 vor Augen hatten, zum anderen ist aber auch eine Neubewertung einiger unserer Anliegen vor dem Hintergrund der politischen Lage des Jahres 2010 notwendig. Denn in den letzten fünf Jahren hat sich nun einmal in unserer politischen Umwelt viel verändert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So war eines der Ziele, die wir mit den Mayday-Paraden erreichen wollten, der Bruch mit dem autistischen Ausdruck, den die meisten linksradikalen Demonstrationen hierzulande in den 1990er Jahren angenommen hatten. Der Mayday sollte auch für Menschen offen sein, die mit den üblichen kulturellen Codes und Ausdrucksformen linksradikaler Demos nicht viel anfangen können. Dieses Ziel haben wir mit den Paraden erreicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und auch abseits des Maydays hat sich an der Demonstrationskultur der Hauptstadt in den letzten Jahren einiges verändert. Es wäre sicher vermessen, die spürbar verbesserte Außenwirkung vieler linker Straßenevents in Berlin hin zu offenen Demos und Paraden, an denen sich auch Menschen gerne beteiligen, die sich selbst nicht direkt zur linken Szene zählen, nur dem Euromayday-Konzept zuzuschreiben. Einen wertvollen Beitrag hat der Mayday-Ansatz hierzu aber geleistet. Heute bemühen sich aber ganz unterschiedliche politische Spektren bei der Planung ihrer Kundgebungen um Offenheit und ansprechendes Auftreten. So sind beispielsweise die Sprechblasen-Pappschilder der Euromayday-Bewegung als Manifest der Selbstermächtigung im politischen Alltag mittlerweile bundesweit präsent. Es ergibt daher in Berlin im Jahre 2010 nicht mehr viel Sinn, weiterhin mit unserer Kritik am Black-Block-Konzept hausieren zu gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Außerdem kommt einigen von uns bei den Mayday-Paraden bisher die Artikulation eines kollektiven Antagonismus gegen die herrschenden Verhältnisse zu kurz, vor allem in Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Wir werden daher in den nächsten Monaten untersuchen müssen, ob und wie sich unser Bekenntnis zu inhaltlich offenen Aktionsformen mit dem Wunsch nach einem antagonistischeren Auftreten vereinbaren lässt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein weiterer und uns viel wichtigerer Aspekt des Euromayday-Ansatzes ist die Thematisierung und Skandalisierung prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse. Als die Compañer@s aus Hamburg mit ihrer Parade im Jahre 2005 zum ersten Mal in Deutschland in so großem Rahmen öffentlichkeitswirksam von prekärer Beschäftigung sprachen, von der unsicheren Arbeit mit Laptop und Wischmob, mit und ohne Krankenversicherung, mit und ohne Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitserlaubnis, da wusste hierzulande noch kaum eine Zeitung etwas mit diesen Begriffen anzufangen. Kaum zwei Jahre später war das Thema in aller Munde. Und zwar nicht nur in den Feuilletons von Spiegel, Stern, SZ und Co., sondern auch in den Führungsgremien der großen Gewerkschaften im DGB.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zwar hat sich seitdem leider rein gar nichts zum Guten gewendet, was die zunehmend skandalösen Existenz­bedingungen von immer mehr Menschen in der postfordistischen Arbeitswelt und den rassistischen Normalzustand dieses Landes betrifft. Aber das Phänomen wird als solches erkannt und diskutiert, sowohl in der radikalen Linken als auch in Teilen der DGB-Gewerkschaften. Daher muss nun auch die Kritik der Mayday-Bewegung am Fokus der Gewerkschaften auf ihre Stammklientel, den fest angestellten weißen Facharbeiter der Industriearbeitswelt, einmal in Ruhe überprüft und gegebenenfalls neu formuliert werden. Das heißt nun aber nicht, dass wir plötzlich kritiklos zur Teilnahme an der DGB-Latschdemo aufrufen werden. Die neuen Bemühungen der Gewerkschaften um die prekär Beschäftigten dieses Landes bleiben derzeit nach wie vor eher die Ausnahme gewerkschaftlicher Praxis. Und wir sind weiterhin fest davon überzeugt, dass wir als linksradikale Gruppe in der Diskussion einiges mehr zum Thema Arbeit beitragen können als der Deutsche Gewerkschaftsbund. Schon allein deshalb, weil wir nicht in der Verlegenheit sind, ständig das Konstrukt der ‚guten Arbeit‘ als köstlichstes Gut der Demokratie anpreisen zu müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stattdessen werden wir diesen Sommer mit einer kleinen Diskursintervention Präsenz auf der Straße zeigen. Das heißt allerdings nicht, dass wir uns ein für alle Mal von der Parade verabschieden. Denn die immer wieder einmal geäußerte Kritik, die Maydayparade sei „zu unpolitisch“, weil „nur getanzt“, nicht aber auch protestiert und etwas gefordert werde, teilen wir nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Keine der Berliner Mayday-Paraden war frei von Forderungen und Protest. In dieser Kritik äußert sich nur einmal mehr die fehlende Sensibilität mancher Linker, die nötig ist, um soziale Auseinandersetzungen und ihre Akteur_innen als solche zu erkennen, wenn sie sich nicht in den gewohnten aus-drücklich ‚politischen‘ Ausdrucksformen äußern, wenn sie sich also nicht mit Hilfe von Transparenten, Parolen, Sitzblockaden oder Steinwürfen artikulieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Gegenteil: Das Berliner Mayday-Bündnis ist als Bündnis jenseits der Paraden gescheitert, gerade weil es uns allen nicht gelungen ist, neben den ausdrücklich ‚politischen‘ Gruppen aus der Berliner Linken auch dauerhaft Menschen zu integrieren, die ihre alltäglichen sozialen Kämpfe fernab der linken Szene der Hauptstadt ausfechten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Zusammenhang mussten wir 2008 und 2009&amp;nbsp; leider konstatieren, dass zahlreiche neue Selbstorganisations-, Protest- und Widerstandsansätze prekär Beschäftigter der Hauptstadt sich mit dem Label Mayday nicht anfreunden wollen. Ob Emmely-Soliarbeit, Scheißstreik oder Dichtmachen.org: Wenn wir uns an diesen Auseinandersetzungen beteiligen wollten, mussten wir dies stets neben und zusätzlich zu unseren Mayday-Bündnisterminen tun. Synergie- und Vernetzungs-Effekte haben sich hier stets nur schleppend eingestellt, von ‚Organisierung‘ ganz zu schweigen. Und auch die bislang sehr erfolgreiche Arbeitsagentur-Kampagne Keiner muss allein zum Amt konnten wir nie zufriedenstellend mit unseren eigenen Mayday-Bemühungen zusammenführen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die Mayday-Paraden in Europa und der Welt erhoffen wir auch dieses Jahr wieder viel Erfolg. Das meiste von dem, was wir in diesem Text beschreiben, bezieht sich nur und ausdrücklich auf Berlin, den Ort, an dem wir politisch wirken. In anderen Städten gelten andere Voraussetzungen, die nach wie vor einen Ausgangspunkt und Nährboden für die Paraden bieten. Zuletzt hat der Mayday-Neuzugang in Bremen im Jahre 2009 in unseren Augen eindrucksvoll bewiesen, dass diese Aktionsform keineswegs nur als Ausdrucksform der beiden größten deutschen Städte taugt. Die Interaktion, die sich seit dem 1. Mai 2009 zwischen dem dortigen Mayday-Bündnis und Akteur_innen verschiedener sozialer Auseinandersetzungen – von der Vor-Ort-Solidarität mit der Kassiererin Emmely bis hin zum Widerstand gegen die Umstrukturierung bei Schlecker – etabliert hat, verdeutlicht, wie viel Potential in diesem Ansatz steckt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun wollen wir einen in der Paradenvorbereitung häufig zu kurz gekommenen roten Faden des ursprünglichen Konzepts wieder aufgreifen. Der Mayday-Ansatz soll die alltäglichen sozialen Kämpfe sichtbar machen und vernetzen, die in der Hauptstadt so oft isoliert und ohne eine konkrete kollektivierte Widerstandsperspektive ausgefochten werden. Nicht zuletzt wegen unserer Erfahrungen im Mayday-Bündnis sind wir der Auffassung, dass der Ort einer derartigen Organisierung außerhalb der klassischen Strukturen linksradikaler Politik zu suchen ist. Um eine konkretere Vorstellung über gesellschaftliche Bruchlinien und Ansatzpunkte eines alltäglichen sozialen Widerstands – zum Beispiel auf dem Arbeitsamt – zu gewinnen, werden wir in Form einer militanten Untersuchung in Interaktion mit den Akteur_innen in und um das Jobcenter Berlin-Neukölln treten, um dort einen wichtigen Aspekt prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse genauer unter die Lupe nehmen zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als Teil der &lt;em&gt;Interventionistischen Linken&lt;/em&gt; ist FelS einer experimentellen Praxis verpflichtet. Zu jedem Experiment gehört neben einer gründlichen theoretischen Vorarbeit immer auch eine gewisse Zeit im Labor. Diese Zeit werden wir uns im Jahr 2010 nehmen, um unsere politischen Prämissen zu überdenken und neue Wege der Intervention zu erproben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Denn der kategorische Imperativ des „Fragend schreiten wir voran“ verträgt sich nicht mit einer Praxis, die zum Ritual zu werden droht.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Mon, 05 Jul 2010 09:33:28 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Wenn die Arbeit so ins Leben sickert</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/31/wenn-die-arbeit-so-ins-leben-sickert</link>
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                    &lt;p&gt;Das Projekt &lt;em&gt;Kamera läuft! Ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; untersucht den Wandel kultureller, kreativer, in der Regel un- oder unterbezahlter Berufe, die zu Modellen selbst bestimmter Arbeit stilisiert worden sind und werden. Das Projekt startete mit einer Befragung von KulturproduzentInnen nach der Methode der Arbeiterselbstuntersuchungen, wie sie postmarxistische, bewegungspolitische Strömungen in den siebziger Jahren entwickelten.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Das Projekt &lt;em&gt;Kamera läuft! Ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; untersucht den Wandel kultureller, kreativer, in der Regel un- oder unterbezahlter Berufe, die zu Modellen selbst bestimmter Arbeit stilisiert worden sind und werden. Das Projekt startete mit einer Befragung von KulturproduzentInnen nach der Methode der Arbeiterselbstuntersuchungen, wie sie postmarxistische, bewegungspolitische Strömungen in den siebziger Jahren entwickelten. Diese Recherchepraxis, die davon ausgeht, dass das zur Veränderung der Produktionsweisen notwendige Wissen in den Arbeits- und Lebensbedingungen selbst begründet liegt und sich in den Wünschen der dort Beschäftigten artikuliert, war für uns zentral. Denn es ging uns nicht so sehr darum, den diffusen Betrieb, in dem KulturproduzentInnen beschäftigt sind, soziologisch zu umreißen. Vielmehr wollten wir nach Möglichkeiten von Widerstand suchen, die etwas anderes als die Refordisierung der Denk- und Lebensweisen wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir befragten zunächst Personen aus unserem näheren und weiteren Umfeld in Berlin, darunter auch uns selbst, nach Alltag, Wünschen und Perspektiven. Darüber hinaus interviewten wir Personen, die nicht nur kulturelle Produkte, sondern auch Diskurse und gesellschaftspolitische Handlungsfelder erarbeiten. Damit wollten wir das Verhältnis zwischen der Prekarität der jeweiligen Lebensverhältnisse und der Widerspenstigkeit von Kultur- und Wissensproduktion in den Blick bekommen, um von dort nach kollektivierbaren Linien zu suchen, die aus der individuellen Erfahrung hinausführen. Unsere Fragen waren:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie sieht dein Arbeitsleben aus? Was gefällt dir daran und was sollte sich ändern? Wann und warum wird dir alles zuviel, und was machst du dann? Was stellst du dir unter einem ‚guten Leben’ vor? Sollten KulturproduzentInnen sich auf Grund ihrer gesellschaftlichen Vorzeigerolle mit anderen sozialen Bewegungen zusammentun, um an neuen Formen der Organisierung zu arbeiten? Die Fragen sind angelehnt an die von &lt;em&gt;Fronte della Gioventù Lavoratrice&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Potere Operaio&lt;/em&gt; Anfang 1967 in Mirafiori durchgeführte Umfrageaktion ‚Fiat ist unsere Universität’.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;kpd – ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; sind: Brigitta Kuster, Isabell Lorey, Katja Reichard, Marion von Osten. Die hier folgenden Zitate sind Teile des Drehbuchs für&lt;em&gt; Kamera läuft!&lt;/em&gt;. Zugrunde liegen Interviews, die die Gruppe im Februar 2004 während eines viertägigen fiktiven Castings aufnahm. Die Redaktion der &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; hat die Interviewsequenzen verfremdet und neu montiert. Die vorläufige Videofassung von &lt;em&gt;Kamera läuft! Ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; ist über &lt;a href=&quot;mailto:arranca@nadir.org&quot; title=&quot;Mail an arranca!&quot;&gt;arranca@nadir.org&lt;/a&gt; erhältlich.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;FORDISMUS&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich habe jahrelang mein Geld an der Kinokasse verdient. Als ich damit aufgehört hab, war das befreiend, wegen der Monotonie … Es war aber auch schade, denn es war noch so ein schön fordistischer Job, wo man so hin geht, den Kopp an den Nagel hängt, zehn Stunden durchschubbert und wieder nach Hause geht. Eine berechenbare, allseits gut abgesprochene Arbeit, mit Anfangszeiten, mit Betriebsrat, mit allen sozialstaatlichen Vorteilen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Letztens habe ich bei so nem stressigen Stiftungsprojekt mitgearbeitet. Ich war richtig angestellt, und habe begonnen, ganz fordistische Eigenschaften anzunehmen. So im Sinne: Ich überidentifiziere mich hier jetzt echt nicht und bring mich um, sondern lasse einfach innerlich den Griffel fallen …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;NEOLIBERALE SUBJEKTIVIERUNG&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich arbeite eigentlich immer in Gruppen oder Kollektiven, die sich Projekte ausdenken und dann versuchen, sie zu realisieren. Arbeit sickert dann so in dein Leben … Mein ganzes Leben steht unter dieser Arbeitsmöglichkeit. Ich muss die Grenze, wann die Arbeit aufhört, selber setzen, weil du tendenziell überall immer noch mehr reinstecken kannst. Diese Selbstunternehmerisierung funktioniert nicht unbedingt über einen starken Außendruck, sondern über die Konfrontation mit einem starken Innendruck. Arbeit ist für mich auch irre bedrohlich. Freie Zeit empfinde ich auch nicht als freie Zeit, sondern denke permanent: Oh scheiße, dann musst du noch das machen, und dann musst du noch das machen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Meine Tage sind von permanenten Operationen der Mikrokrisenbewältigung, der Selbstorganisation und der Selbstmotivation durch Selbstverführung, Selbstüberlistung, einem permanenten Tricksen am Ich strukturiert. Immer wieder nehme ich mir vor, mit Hilfe eines zuverlässig-verbindlichen Fahrplans so durch den, von einem wohldurchdachten und von „Personal“ und Angehörigen geführten Haushalt abgesicherten Tag getragen zu werden, wie es die regelmäßigkeitsbesesessenen „großen“ Schriftststeller und Künstler in ihren Autobiografien entwerfen. 7 Uhr Schreibtisch, 9 Uhr Frühstück, 10 Uhr Schreibtisch, 12 Uhr den Hund ausführen, 13 Uhr Mittag, 14 Uhr Korrespondenz, 16 Uhr Schreibtisch, Korrektur des am Vormittag Geschriebenen, 19 Uhr Abendessen, 20 Uhr Hund ausführen. 23 Uhr Bettruhe.&amp;nbsp; Stattdessen: lauter Irregularitäten und Unberechenbarkeiten …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Und in der Öffentlichkeit beginnst du, vor anderen zu simulieren, du seist an einer ganz tollen Arbeit dran. Da geht es nämlich darum, deinen Marktwert zu performen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Wenn man sieht, wie man die Zeit beschleunigt, wie die Zeit rast... Mein Arbeitsplan ist viel schneller, als mein Zeitvermögen. Ich will da nicht immer hinter herhecheln, alles so zuschaufeln, immer so weiter rasen … aber stehenbleiben ist auch gefährlich …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Dieser permanente Aufruf, das eigene Sein – vermittelt über Arbeit oder Ereignisse, die sein müssen – zu erfahren, reicht vom Sex über die Drogen, über das Ausgehen bis zur Arbeit. Man ist in viele, viele Richtungen mobilisiert, präsent zu sein und aktiv da zu sein …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Mir tut jetzt seit Monaten mein Arm weh! Das ist ja der Computerarm, der streikt. Eine körperliche Verweigerung: Ich-will-nicht-mehr! … Und dann staut sich wahnsinnig viel Arbeit auf … Und da zeigt sich, was das alles hier für ein biopolitisches Modell ist, schön, jung und gesund zu sein … und zu bleiben …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;STRESS - ANGST&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Was wir hier erleben, ist doch nichts singuläres, sondern Prekarität betrifft viele in anderen Berufen auch, diese Angst um die eigene Existenz auf einer finanziellen Ebene. Selbst wenn man es nicht reduzieren kann auf das Finanzielle, aber der Auslöser ist, ob du Geld hast oder nicht …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Diese Angst, dass du raus fällst, dass dich niemand mehr ansprechen wird, dass du im Grunde nicht mehr Teil bist von dieser produktiven Bewegung, diese Angst, die ja so projiziert wird in diesem neoliberalen Wir-müssen-uns-selber-Erfinden …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Das kenne ich aus dieser langen Phase in meinem Leben, wo ich weder konkrete Aufträge noch Geld hatte. Mein damaliger Freund hat mich dann finanziell unterstützt, und ich saß immer nur zu Hause und hatte Angstkrämpfe. Ich hatte so richtige Herzprobleme und habe dann auch die ganze Zeit nur noch so verkrampft dagesessen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Es gibt einfach nur mich und den Markt, und ich muss sagen, das produziert Stress. Und jetzt auch mit diesen ganzen veränderten sozialstaatlichen Absicherungen, die nicht mehr vorhanden sind, da stellen sich diese Fragen auch neu. Darum finde ich auch, arbeitslos Sein, das ist total schlimm …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Ja und Geld umverteilen! Dieses Scheiss-Geld! Ich muss andauernd an den unmöglichsten Stellen Dampf produzieren, damit sich dahinter der Finanzzylinder ein bisschen bewegt. Wenn ich länger nichts in Aussicht habe, bekomme ich Angstzustände. Und dann siehst du, dass du mit kulturellem Kapital keine Miete zahlen kannst. Aber das ist dein Privatproblem im Rausch der Projekte … und das Häuschen von der Oma wird ja dann auch nicht vergesellschaftet …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;ARBEIT -&amp;nbsp; LEBEN&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Für mich gehört aber zu einem guten Leben noch viel mehr Faulheit … Komischerweise ist das wahrscheinlich nicht Freizeit in dem Sinne von dem, was die allgemeine Vorstellung einer sinnvollen Freizeit ist … Wenn ich hier Zuhause sitze und über irgendein Thema schreibe, das mir gefällt, das mich interessiert, und ich hör dazu ein paar bestimmte Musiksachen, oder ich schau mir ein paar Texte an, dann ist das zwar objektiv gesehen Arbeit, aber es fühlt sich null unangenehm an, es gibt keinen Stress, es gibt kein „Ich-muss-irgendwas-aus-Gründen-der-Verwertung-Tun“. Das ist von Freizeit fast nicht zu unterscheiden. Es ist angenehmes Arbeiten in den eigenen vier Wänden. … Vielleicht ist es so: Wenn ich was Unangenehmes tun muss, und ich es dann nicht tue, dann wird’s Freizeit …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Ich sehe den Begriff des ‚guten Lebens’ dann eben doch eher im Kontext meiner Arbeit. Das ganze Produzieren und Tätigsein macht mich schon glücklich. Ich wüsste gar nicht, was ich denn sonst machen sollte. – In Urlaub fahren? …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Seitdem ich ein Kind habe, habe ich meinen Lebensunterhalt nicht mehr über diese Projekte finanziert, sondern Unterstützung bekommen … Ich bin jetzt allein erziehende Mutter. Es war richtig Arbeit, damit umgehen zu können, und es war Arbeit zu versuchen, damit auch glücklich zu sein. … Es gibt eine Morgenprobe, das ist eher eine Mittagsprobe, und noch ne Abendprobe. Und auf den Abendproben bin ich eigentlich nicht, weil ich dann Zuhause sein muss. … Es ist ein enormer Leistungsdruck, das hinzukriegen als Mutter und Künstlerin …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Zuhause ist es bedrohlich, dieses Abgeschottete erinnert mich immer daran, ich sollte mir jetzt mal Zeit nehmen und mich länger an was dran hocken. Ich bin ja permanent in diesem Kommunikationsrausch. Alles ist durchflutet von Anfragen, da ist permanent Alarm – aber auch Ideen … Und dann stresst es mich, wenn ich alleine zuhause hocke, dann tut die Stille weh …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Wir haben fast nur mit unserer eigenen Generation zu tun. Das finde ich schon sehr schwierig. Und darin stellt sich auch wieder ne wichtige feministische Frage: Wie ist es möglich, so was wie Reproduktion in irgendeiner Art und Weise positiv zu denken, ohne dieses Rückzugsding, ohne diese Familienbarriere, ohne diese klassische Fortpflanzungs-Repräsentation …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;ARBEITSBEDINGUNGEN&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich hab mir das ja mal angeschafft, für so Bastelsachen: Layout und Musikmachen. Und jetzt ist daraus das verlängerte Telefon und der schriftliche Anrufbeantworter geworden. Ich bekomme hundert beschissene Emails am Tag. Und das ist wirklich der Punkt, an dem ich Lust habe, dieses Scheiss-Schlepptop auf die Strasses zu werfen und zu sagen: Fick dich selbst! …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Für mein Arbeitsleben gibt es keine passende Beschreibung. Weil es befristete Anstellungsverhältnisse sind, an unterschiedlichen Orten gleichzeitig. Ich bin üblicherweise 3 Tage da, 3 Tage hier, 2 Tage dort. Alles ist sehr stark davon abhängig, wie ich in welche institutionellen Verhältnisse einbezogen bin. Diese unterschiedlichen Institutionen wollen interessanterweise alle meine Sozialität, sie wollen sehr stark meine Zusammenhänge und Kontakte, aber die wollen mich nicht als Produzent und interessieren sich auch nicht für die Reise- oder Lebensprobleme, die mit dieser Art von Arbeiten entstehen … Die Sozialität, die ich vorher entwickelt habe zum Beispiel mit meinen feministischen Freundinnen, durch das In-der-Kneipe-Rumstehen- und-Auseinandersetzungen-Haben, also diese informellen Formen von Wissensproduktionen, Austausch, Distribution, die wird plötzlich so abgefragt …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Interessant bei dem Job war, dass ich in einem Raum mit Leuten zusammen gearbeitet habe, die alle ihre private Sphäre mitgebracht haben. … Vielleicht war das berlinspezifisch, dass alle diesen Job als so eine Art Freizeit empfunden haben. Wir waren Musiker, Fotografen, Künstler. Deswegen gab es eine zeitlang auch keinen Betriebsrat, weil alle dachten, sie arbeiten gar nicht in einer Firma …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Durch die Billigairlines habe ich angefangen zu fliegen, anstatt mit der Bahn zu fahren, trotz ökologischem Wahnsinn … Manche Texte schreibe ich oft zwischen Tür und Angel. … Ich muss insgesamt viel nebenher organisieren, da geht bestimmt pro Woche ein halber Tag drauf … Wenn ich das zusammenzähle, die Eigenwerbung, das Kontakte Halten, Gespräche Führen, Geldeintreiben … Was da für Zeit drauf geht, wenn man sich selbst als Büro begreift. Das ist Wahnsinn. … Und da ist ja auch noch die Organisation, sich Freizeit herbeizuschaffen. Meine Freundschaften sind ja verstreut in der Welt …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;SOZIALE RÄUME - KÄMPFE&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich habe immer schon Räume selbstorganisiert. Ich finde es wichtig, eigene Räume zu haben, auch materiell, sich räumlich zu äußern. Es ist auch ein Ort einer kollektiven Selbstbehauptung, man kann sich sozusagen adressieren …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Die Arbeitsweise und Methode, sich mit anderen zu solidarisieren, zusammen was zu entwickeln, war immer auch ein politisches Projekt, das sich an Welt, an Weltaneignung richtet, ein soziales Umfeld produziert, Vergesellschaftung, und das ist Materie, über die man als Kulturschaffende nachdenkt …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Das ist doch politisch, ein nicht so arbeits-wahnsinniges und nicht so heteromäßiges Leben gegen diese Mobilisierung zur Arbeit hin zu bekommen! Man müsste mehr auf die Sachen schauen, die verbinden, statt zu denken, man erlebt das alles hier, den ganzen Wahnsinn alleine …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Ich glaube, man muss tatsächlich ne Organisierung erfinden, die gewerkschaftliche Organisationsform komplett transformieren, oder vielleicht ne neue erfinden … Und dann muss man in Kämpfe eintreten, wie auch immer die sind, keine komplett Gesellschaft verändernden Kämpfe, es geht dabei nicht um eine Revolution, das muss man sich klar machen, es kann nur um neue, aber strukturell klassische Arbeitskämpfe gehen, und die sind im besten Falle reformerisch, aber nicht revolutionär …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Wenn immer mehr solche Arbeits- und Lebensverhältnisse strukturell ne Ähnlichkeit haben, muss es doch auch einen kollektiveren, solidarischeren Umgang geben. Und das ist eine gesellschaftliche Frage …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Dass es Aktionsformen gibt, die einem gefallen, Arbeitslosenbüros besetzt wurden, Techniker im Theater gestreikt haben und all das. Dass man gemeinsam was rocken kann und Veränderungen anstoßen, das muss man viel eher betonen, dass sich das auf Gemeinsamkeit und Stärke hinbewegen kann …&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:40 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Hier ist der Klimawandel, hier tanze!</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/41/hier-ist-der-klimawandel-hier-tanze</link>
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                    &lt;p&gt;In der Debatte um eine interventionistische Klimapolitik fällt auf, dass sie sich fast immer um die Frage dreht, mit welchen &lt;em&gt;Inhalten&lt;/em&gt; die radikale Linke ins Feld der Politik eingreifen soll. Dabei stellt die ökologische Herausforderung nicht zuletzt die &lt;em&gt;Form&lt;/em&gt; etablierter Politik selbst in Frage. Denn zum einen betrifft der Klimawandel den ganz konkreten Inhalt der Produktion und zum anderen sind ökologische Probleme wie der Klimawandel per se globalen Ausmaßes.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;In der Debatte um eine interventionistische Klimapolitik fällt auf, dass sie sich fast immer um die Frage dreht, mit welchen &lt;em&gt;Inhalten&lt;/em&gt; die radikale Linke ins Feld der Politik eingreifen soll. Dabei stellt die ökologische Herausforderung nicht zuletzt die &lt;em&gt;Form&lt;/em&gt; etablierter Politik selbst in Frage. Denn zum einen betrifft der Klimawandel den ganz konkreten Inhalt der Produktion und zum anderen sind ökologische Probleme wie der Klimawandel per se globalen Ausmaßes.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Besonders deutlich wird dies am Versagen nationaler Politik, auf internationaler Ebene zu einigermaßen verbindlichen Entscheidungen zu kommen. Auf der zwischenstaatlichen Ebene aber finden Aushandlungsprozesse in der Logik der Konkurrenz statt – etwa im Marktmechanismus des Emissionshandels oder als Machtspiel im Umfeld internationaler Gipfel. Aus der Perspektive eines nationalstaatlichen Akteurs kann es so nur darum gehen, möglichst wenig Lasten zu tragen. Die Rhetorik der «gemeinsamen Anstrengung» (Merkel) sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es einen globalen Akteur schlicht nicht gibt, oder besser: er in der Form internationaler Politik nicht darstellbar ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser etablierten Unfähigkeit begegnet die radikale Linke zurecht nicht mit Forderungen, sondern mit einer Strategie der Delegitimierung. Was dabei allerdings oft zu kurz kommt, ist die Betonung eines emanzipatorischen Projekts. Slavoj Žižek weist zurecht darauf hin, dass die «Notwendigkeit eines globalen politischen Handelns [...] ein genuin kommunistischer Standpunkt» ist. Auf dem Weg dahin müsste die Linke aber ihr eigenes Politikverständnis überschreiten und eine konsequent transformatorische Perspektive einnehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dazu ist es auch nötig, über den Rahmen der politischen Sphäre hinauszugehen. Der feministische Slogan «Das Private ist politisch» wäre auf die Ökonomie zu erweitern – etwa indem sich die Linke ganz konkret mit der Frage beschäftigt, was mit Opel-Werken in einer Gesellschaft jenseits des Individualverkehrs anzufangen wäre. Der langjährige Opel-Betriebsrat Wolfgang Schaumberg kritisiert, dass die radikale Linke bei abstrakten Vorschlägen zur langfristigen Produktkonversion stehen bleibt. Nicht nur werden die brisanteren Fragen in der Bündnisperspektive zwischen Ökologie-Bewegung und Arbeiter_innen oft nicht einmal gestellt. Was fehlt, ist eben «die Herausarbeitung der inhaltlichen Bestimmungen, durch die sich nach der Überwindung des ‹Kapitalismus› die neue Produktionsweise von ihrer alten Gestalt [...] unterscheiden würde» (Frieder Otto Wolf).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Indem so die marktförmige Verkehrung von Konsum und Produktion wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird, entgeht man auch einer individualistischen Verzichtsethik. Auch die viel gescholtene Arbeiterklasse würde zurückkehren, denn ohne die im Produktionsprozess Beteiligten sind konkrete Strategien zur ökologischen Produktionskonversion kaum zu entwickeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist und bleibt das Projekt einer grundlegenden Transformation, das nicht nur einzig in der Lage ist, eine globale Perspektive auf Klimawandel, Finanzkrise und Armut einzunehmen, sondern das auch die einzige Daseinsberechtigung der Linken jenseits von Abwehrkämpfen darstellt. Dazu gilt es, jenseits von Markt und Staat, alles zum Gegenstand partizipativer Debatten- und Aneignungs-Praxis zu machen, in denen der &lt;em&gt;Mensch&lt;/em&gt; ein borniertes, ein entfremdetes, ein geschlechtliches, ein warenförmiges &lt;em&gt;Wesen&lt;/em&gt; ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei aller Skepsis gegenüber einem revolutionären Projekt täte die radikale Linke gut daran, symbolische Transformationsprojekte zu entwickeln, die überzeugend sichtbar machen, dass jene andere Welt nicht nur möglich, sondern auch besser ist. Ein ehemaliges Automobilwerk, in dem mit Fotovoltaik getankte Nahverkehrsvehikel produziert werden, die für alle kostenlos bereit stehen, wäre ein Beispiel. Die sich daraus ergebenden Fragen weisen eine erschreckende Konkretheit auf, doch könnte eine transformatorische Linke hier durch praktisches Engagement an Boden gewinnen, den eine allzu sehr auf etablierte politische Verfahren fixierte Linke verloren hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;In der nächsten &lt;/em&gt;arranca!&lt;em&gt; wird Bernd Barenberg im Gespräch mit Vertreter_innen der Gewerkschafts- und der Ökologiebewegung die Debatte fortführen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;


&lt;!--
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 <pubDate>Fri, 22 Jan 2010 15:56:31 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Moderner Klassenkampf mit Fragebogen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/moderner-klassenkampf-mit-fragebogen</link>
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                    &lt;p&gt;Ein Interview mit AktivistInnen des Berliner Mayday und der Berliner Gruppe&lt;br /&gt;
Für eine linke Strömung (FelS) über die Untersuchungen auf der Mayday-&lt;br /&gt;
Parade und während der Berlinale&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Ein Interview mit AktivistInnen des Berliner Mayday und der Berliner Gruppe &lt;em&gt;Für eine linke Strömung (FelS)&lt;/em&gt; über die Untersuchungen auf der Mayday-Parade und während der Berlinale&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Ihr habt alle Erfahrungen mit Untersuchungen gemacht und zwar einerseits im Rahmen der Kampagne „Mir reicht‘s … nicht!“ (MRK) und andererseits während der Berliner Mayday Parade. Wie seid ihr darauf gekommen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Das kam dadurch zustande, dass der Hamburger Mayday die MRK gemacht hat und darin als eine Station auch die Berlinale gesehen hat. Wir haben dann festgestellt, dass wir relativ wenig über die Situation dort wissen und überlegten, wie wir an Informationen über die Arbeitssituation vor Ort rankommen. Daraus ergaben sich erste Interviews mit Kinobeschäftigten: Wir waren auf der Suche nach Konflikten und wollten wissen, wie das Beschäftigungsverhältnis für diese Leute aussieht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Die MRK sah ursprünglich drei Etappen vor. Bei der ersten Etappe auf der Documenta ging es darum, kollektiven und individuellen Konflikten nachzuspüren, um ein Verständnis für die alltäglichen Lebensrealitäten von prekarisierten KünstlerInnen oder KunstvermittlerInnen zu entwickeln. Diese gelten Neoliberalen ja oft als ‚role model’. Dieses erste Stadium wurde vom Hamburger Mayday-Bündnis alleine in Angriff genommen, sie sind während der Documenta rumgelaufen und haben Interviews geführt und gleichzeitig zu einem kollektiven Reviewing-Prozess eingeladen. Dort wurde versucht, sowohl Konflikt- als auch Verbindungslinien nachzugehen und die gesammelten Aussagen zu diskutieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die zweite Etappe war ursprünglich für den Verdi-Bundeskongress geplant, wo die HamburgerInnen mit Gewerkschaftsmitgliedern und GewerkschaftssekretärInnen Interviews führen wollten, um die ambivalente Rolle von Gewerkschaften im Prozess der Prekarisierung zu thematisieren. Diese Etappe fand schließlich aus verschiedenen Gründen nicht statt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Berlinale schließlich war als Endpunkt der Kampagne gedacht, vor allem weil sie ein öffentlicher, sich als ‚gesellschaftskritisch’ sehender Ort ist, an dem sich deutliche Ambivalenzen zeigen: zahlreiche Prekarisierte inmitten des Glamours, wobei Glamour und Prekarisierung gerade auf der Berlinale immer aufeinander verweisen. Die Berlinale polarisiert, dort werden – bei genauem Hinsehen - soziale Realitäten und Verschiebungen von Arbeits- und Lebensverhältnissen sichtbar, die exemplarisch für den Prozess der Prekarisierung stehen. Es ging zunächst darum, überhaupt erst einmal zu erfassen, was das konkret für die Menschen bedeutet und welche individuellen aber vor allem verbindenden Perspektiven sie darüber hinaus haben. Uns als FelS war es zudem ein Anliegen, Momente von möglicher Selbstorganisierung und Widerstand freizulegen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Julika: &lt;/em&gt;Bevor wir selbst aktiv geworden sind, haben wir die Umfrage der HamburgerInnen beobachtet und fanden es spannend, wie durch eine solche Befragung die Lebenssituationen und auch die Selbsteinschätzungen und -wahrnehmungen der befragten Personen rausgekitzelt wurden. Das hat uns inspiriert. Zudem gab es in Wien auch eine Befragung, die explizit „militante Umfrage zu prekären Lebenssituationen“ genannt wurde. Diese beiden Versuche haben uns animiert, eine Selbststudie beim Berliner Mayday zu machen. Wir wollten wissen: Wer sind wir eigentlich, der Berliner Mayday? Ein weiterer Motivationsfaktor war unser Eindruck, prekäre Lebenssituationen würden sehr häufig nur als individuelles Problem wahrgenommen. Viele von uns erfahren die Folgen der Prekarisierung in ihrem eigenen Lebensalltag und suchen sich Wege, damit umzugehen. Entweder individuell oder in Kleingruppen – sei es das Hausprojekt, die Familie, der Freundeskreis. Wir wussten aber auch, dass die eigenen Lebensumstände unter vielen AktivistInnen und auch in Politgruppen selten thematisiert werden, was auch das politische Arbeiten und das Miteinander im Politikbetrieb beeinflusst. Wir wollten also zweierlei erreichen: Erstens unsere ‚Vereinzelungs-These’ überprüfen und zweitens gucken, ob sich darüber hinaus durch die Befragung Auswege finden lassen, ob Ideen und Strategien existieren, über die wir zuvor noch nicht nachgedacht hatten. Wir wollten eine Diskussion unter den TeilnehmerInnen des Berliner Mayday in Gang setzen: Wer ist warum da und was für Potenziale oder Grenzen bringt die ganz alltägliche prekäre Lebenssituation mit sich – auch in Hinblick auf politische Arbeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Das könnte man auch umformulieren: Demonstriert man beim Mayday, weil es einem um ein moralisch-politisches Anliegen geht oder geht es vielleicht auch um die eigene Involviertheit?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Wie sah das Untersuchen als Tätigkeit konkret aus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Bei der Berlinale-Befragung war ja die ‚Zielgruppe’ – um es mal so zu bezeichnen – sehr diffus, das waren Reinigungskräfte in den einzelnen Kinos, KartenabreißerInnen, VorführerInnen, Security, Selbstständige, PraktikantInnen – also ein ganz weites Feld. Wir hatten zunächst vor allem das Problem, dass wir kaum direkte Kontakte zu jemand hatten. Und die zwei Wochen Berlinale sind ein relativ kurzer Untersuchungszeitraum, in dem die Beschäftigten noch dazu total viel zu tun haben. Wir haben also schon Monate zuvor begonnen, mit einem ausgearbeiteten Gesprächsleitfaden in Kinos zu gehen. Ursprünglich war die Idee, dort ad hoc kurze Interviews zu führen und die Leute dann noch mal zu einem längeren Interview einzuladen. Dort hätte es auch stärker um die Perspektive jenseits von individualisiertem Umgang mit der Erfahrung von Prekarisierung gehen sollen. Die langen Interviews kamen allerdings nie zustande: Wir haben zwar zu einem Termin eingeladen, aber da kam dann niemand. Ansonsten haben wir Ad-hoc-Interviews bei einer Aktion vor dem Berlinale-Vorbereitungsbüro am Potsdamer Platz geführt, wo wir in erster Linie mit den PraktikantInnen geredet haben. Es wurden Kontakte geknüpft, so dass wird danach im privaten Rahmen noch ein paar längere Interviews mit anderen Beschäftigten führen konnten.&lt;br /&gt; Zunächst basierte alles auf dem eben erwähnten Gesprächsleitfaden, gerade bei längeren Interviews mussten wir jedoch oft stark davon abweichen, so dass es eher explorative qualitative Interviews wurden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Allerdings schwammen wir sehr lange bei der Frage, wer jetzt für uns als BefragteR ‚relevant’ ist bzw. ‚wen’ wir eigentlich gerade untersuchen. Oder anders: Wen können wir überhaupt untersuchen? Wir hatten immer diese zwei Pole – einerseits die ‚Niedriglohnprekarisierten’ und dann die ‚Kreativprekarisierten’ und wollten die Frage nach dem Gemeinsamen stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis: &lt;/em&gt;Schade ist auch, dass wir es trotz guter Vorsätze nicht mehr geschafft haben, Interviews noch während der Berlinale zu führen. Uns ist einfach die Zeit ausgegangen, wir hatten den Aufwand unterschätzt und irgendwie war dann Stress mit der Vorbereitung der Gala, auf der wir Ergebnisse präsentieren wollten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Julika:&lt;/em&gt; Bei der Mayday-Untersuchung hatten wir ja im Gegensatz zur Berlinale einen relativ langen Vorbereitungszeitraum, in dem wir uns erst mal überlegen mussten, was wir überhaupt genau wissen wollten und wo wir mit unserer Umfrage hinwollten. Es gab durchaus unterschiedliche Motivationen und Perspektiven und wir haben dann versucht, ausgehend von unseren Interessen Fragecluster zu bilden und uns mit Brainstormings an das Thema anzunähern. Die konkrete Umsetzung fand auf dem Berliner Mayday statt, dadurch war die Zielgruppe sehr klar. Die Umfrage bestand schließlich aus einer Art Baukastensystem. Wir hatten einerseits Leute, die eine Teilnehmende Beobachtung durchgeführt und einen subjektiven Eindruck davon geliefert haben, wie das Geschlechterverhältnis war, wie viele Leute mit Kindern da waren, ob und wie viele Plakate hochgehalten wurden oder ob es Sprechchöre gab. Die eigentliche Umfrage hatte einen quantitativen und einen qualitativen Teil. Die quantitative Umfrage bestand in einem Fragebogen, der vor allem die Lebenssituation der Menschen abgefragt hat, also das Alter, den Beruf, ob sie Studis sind und Kinder haben, wie sie wohnen. Auch zur Frage der politischen Organisierung haben wir Fragen gestellt. Bei der qualitativen Umfrage liefen Leute mit Aufnahmegeräten rum. Wir hatten uns vorher Fragen überlegt, die einerseits den Bereich der Lebenssituation abdecken und dann das individuelle Verständnis von Prekarisierung abfragen, auch wie man sich selbst dazu ins Verhältnis setzt. Weil das Motto des Mayday ‚Organisiert das schöne Leben!‘ ist, fragten wir, was für die Leute überhaupt ‚schönes Leben’ bedeutet und wie sie es organisieren. Schließlich haben wir noch Postkarten verteilt. Dort standen Fragen drauf wie „Was machst du am 2. Mai?“ Wir wollten damit die Leute auffordern, im Freundeskreis, auf der Demonstration oder zu Hause am Küchentisch zu diskutieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Was waren denn zentrale Probleme und Hindernisse bei euren Untersuchungen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Julika:&lt;/em&gt; Ein Problem war erst mal die Frage, worauf wir uns konzentrieren. Was wollen wir überhaupt wissen und wo wollen wir damit politisch hin? Das ist ein großer Themenkomplex, an den wir uns zwar diskursiv so weit wie möglich angenähert haben, aber ich glaube, dass wir es nicht geschafft haben, eine ‚Superkomplettmasterplanlösung’ zu entwickeln. Das zweite Problem war die große Datenmenge – es hat doch einen ganzen Stab an Leuten mit viel Zeit gebraucht, um den Interviewbogen auszuwerten und dann diese Informationen auch in politische Projekte oder einen diskursiven Prozess umzusetzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Das Problem bei der Berlinale war von vornherein die knappe Zeit, dadurch waren wir irgendwann ziemlich in Bedrängnis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Die Berlinale hatte eine doppelte Funktion: Zum einen war es immer noch ein Befragungs- und Verständigungsprojekt, aber auf der anderen Seite war es auch Abschluss einer Kampagne, also sollte am Schluss auch irgendwas öffentlich Präsentables rauskommen. Diesem Zwang Genüge zu leisten bedeutete, einerseits zu befragen und gleichzeitig daraus irgendwelche Ergebnisse zu ziehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Bei der Berlinale waren zum Schluss alle im Stress, sowohl Befragte als auch Befragende. Interessant war jedoch, dass einige Befragte bei der Berlinale ihre Arbeitssituation gar nicht als problematisch gesehen haben. Sie haben schon die Widersprüche benannt, aber oftmals war es so, dass zum Beispiel PraktikantInnen oder Leute, die dort als LichttechnikerInnen arbeiteten, das als Sprungbrett gesehen haben. Für die ist das ein Prestigeding, dass sie da arbeiten können und sie machen das irgendwie auch gerne. Eine Regisseurin hat erzählt, dass ihre Mutter für drei Monate nach Berlin gezogen ist, um auf ihr Kind aufzupassen, damit sie Vollzeit für die Berlinale arbeiten kann und das fand sie gut so. Mit diesen Aussagen muss man umgehen, denn es ist deutlich geworden, dass einige Leute Prekarisierung eben nicht einfach nur scheiße finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Das fasst eine der Ambivalenzen von Prekarisierung gut zusammen. Wir hatten auch noch andere Schwierigkeiten. Im Vorfeld haben wir uns zum Beispiel stark den Kopf zerbrochen, mit welcher Position wir auftreten wollen. Denn wir waren Befragende und als solche distanziert, gleichzeitig haben wir versucht, Anknüpfungspunkte zu finden und auf ähnliche Konfliktmuster in unseren Lebensrealitäten zu verweisen. Dennoch waren wir eben nicht ‚vom Fach’. An sich hat die Befragung dann trotzdem ganz gut geklappt, aber ich glaube, dass mitunter das Interesse von Leuten größer gewesen wäre, wenn wir nicht so als Leute ‚von außen’ erschienen wären.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Es gab eben ein zweifaches Interesse: Das eine war das Aufspüren von Konflikten, bzw. überhaupt der Versuch, der individualisierten Bewältigung von Prekarisierung nachzugehen und zu schauen, ob es kollektive Bewältigungs- oder Widerstandsformen gibt. Und zweitens eben auch ein Interesse daran, mögliche Organisierungsprozesse zu initiieren. Gerade bei diesem Punkt stellt sich die Frage, ob wir überhaupt Angebote formulieren können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Julika:&lt;/em&gt; Wir hatten sehr große Bedenken, dass Leute aus Angst, Informationen über sich preiszugeben, nicht mitmachen. Entsprechend waren wir positiv überrascht, dass das ganz selten passiert ist. Ganz im Gegenteil war das Interesse recht groß. Wenn man da stand und einen Fragebogen ausgefüllt hat, kamen häufig gleich mehrere Leute und haben gefragt, was wir machen. Das Bedürfnis, etwas über sich und sein Leben zu erzählen, ist schon da – das ist in Hinblick auf die methodische Herangehensweise an eine militante Untersuchung durchaus eine wichtige Feststellung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Auf der Abschlussveranstaltung wurde in erster Linie die Form der szenischen Lesung gewählt, in der sehr viele Zitate aus den Berlinaleund Documenta-Interviews zusammengefasst wurden. Dabei wurden Widersprüchlichkeiten, Ambivalenzen und auch Absurditäten des prekarisierten Lebens sehr deutlich. Diese Form war ursprünglich angedacht worden, um überhaupt einen Aufhänger für eine gemeinsame Diskussion herzustellen, auch darüber, wie man rauskommen kann aus diesem Hamsterrad der individualisierten Bewältigung. Diesen Kommunikationsprozess haben wir allerdings im Rahmen der Gala nicht so erfolgreich herstellen können, vor allem weil die Veranstaltung viel zu gut besucht war, um überhaupt noch so etwas wie eine Diskussion zu ermöglichen. Eine einzige Veranstaltung ist dafür sicherlich zu kurz, wir hätten beispielsweise Workshops machen müssen. Dem Anspruch, einen Organisierungsprozess zu initiieren, konnten wir so jedenfalls nicht gerecht werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Was habt ihr daraus gelernt, was zieht ihr politisch für Schlüsse aus euren Projekten? Wird es in Zukunft weitere Untersuchungen geben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Es steckt sicher eine ganze Menge Potenzial in dieser Form der politischen Intervention und wenn man es sehr akribisch macht, ist dort durchaus politischer Mehrwert zu holen. Man muss sich allerdings im Vorfeld viele Gedanken darüber machen, wie man das organisiert und welchen Bereich man sich aussucht. Militante Untersuchung ist immer zunächst eine Methode und man sollte sie auch in diesem Sinne einsetzen. Ich glaube, in Zukunft würde ich das auf einen sehr langen Zeitraum ansetzen, um Veränderungen und Prozesse besser beobachten und begleiten zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Julika:&lt;/em&gt; Meines Erachtens hat eine militante Untersuchung großes Potenzial, es gibt aber auch Risiken, zu denen vor allem die Fehleinschätzung von Ressourcen und Aufwand gehört. Ich glaube trotzdem, dass da spannende Möglichkeiten drinstecken: Es ist eine Möglichkeit, Leute einzubinden und selbst zu Wort kommen zu lassen, die nicht in den klassischen Politstrukturen drinstecken. Ich hab den Eindruck, dass das eine Möglichkeit für Selbstverständigung und Reflektion bietet – auch für die Befragenden selber. Es ist auch für uns interessant gewesen, was Leute aus einem völlig anderen Umfeld unter Prekarisierung verstehen und was die für sie wichtigen Themen sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Letztlich geht es uns in gewisser Weise darum herauszufinden, wie so etwas wie ‚moderner Klassenkampf’ in der Zukunft aussehen kann.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 12:42:52 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Den Blick auf allen Ebenen schweifen lassen</title>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Die Gruppe Kolinko hat in den Jahren 1999 bis 2002 eine Militante Untersuchung in Call Centern im Ruhrgebiet durchgeführt. Die Ergebnisse und Entwicklungen wurden auf ihrer &lt;a href=&quot;http://nadir.org/nadir/initiativ/kolinko/&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur kolinko-Webseite&quot;&gt;Webseite&lt;/a&gt; und im Buch &lt;em&gt;hotlines - call center / untersuchung / kommunismus&lt;/em&gt; dokumentiert.&lt;br /&gt; Die &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; sprach mit Sweet Potato und Boxcar Joe von Kolinko über ihr Konzept von Militanter Untersuchung.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;&lt;em&gt;Die Gruppe Kolinko hat in den Jahren 1999 bis 2002 eine Militante  Untersuchung in Call Centern im Ruhrgebiet durchgeführt. Die Ergebnisse  und Entwicklungen wurden auf ihrer &lt;a href=&quot;http://nadir.org/nadir/initiativ/kolinko/&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur kolinko-Webseite&quot;&gt;Webseite&lt;/a&gt; und im Buch &lt;/em&gt;hotlines - call center / untersuchung / kommunismus&lt;em&gt; dokumentiert.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; Die &lt;/em&gt;arranca!&lt;em&gt; sprach mit Sweet Potato und Boxcar Joe von Kolinko über ihr Konzept von Militanter Untersuchung.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Untersuchung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato:&lt;/em&gt; Wie sind wir zu der Call Center-Untersuchung gekommen? Call Center sind damals im Ruhrgebiet stark expandiert und wurden als der neue Boomsektor, als Teil der Neuen Ökonomie – das war Mitte der 1990er – präsentiert. Auch kamen die Gewerkschaften mit „neue Form von Arbeit“ und diesem ganzen Quatsch. Zum Teil wurden hundert und mehr Leute auf einmal eingestellt. Es haben sich neue Konzentrationen von ArbeiterInnen gebildet und unsere Einschätzung war, dass in der Region eine neue Klassenzusammensetzung entsteht. Untersuchung hieß dann: selber dort arbeiten, gezielt in mehreren Call Centern Leute interviewen, sehen, was es an sozialen Kämpfen gibt und diese unterstützen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joe:&lt;/em&gt; Im Ruhrgebiet, einer alten industriellen Region, wurden damals Büroarbeiter mit einer dreijährigen Ausbildung ersetzt durch eine konzentrierte und proletarisierte Massenarbeitskraft, die sich mit Schichtarbeit, unsicheren Verträgen und taylorisierter Arbeitsorganisation konfrontiert sah. Hinter der Untersuchung stand also keine Zufälligkeit, sondern eine politische These und eine Vorstellung von Arbeitermacht: Unter welchen Bedingungen können ArbeiterInnen eine Kollektivität entwickeln und ein Gefühl von Macht, nicht auf einem Berufsethos aufbauend wie bei vielen ‚Angestellten‘, sondern darauf, massenhaft dequalifiziert zu werden und auf einer Ebene zu stehen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato: &lt;/em&gt;Wir haben diskutiert, was diese Entwicklung für die Region und darüber hinaus bedeutet. Ähnliche Konzentrationen von Call Centern entstanden auch in Leeds und in Mailand. Wir haben Material gesammelt, um einen Überblick zu kriegen. Wie viel Geld wird von wem investiert, wie ist die Firmenstruktur, welche Leute fangen da an? Das war die erste Ebene. Die zweite bestand darin, selber zu schauen: Sieben Leute von uns sind da rein, haben in unterschiedlichen Call Centern ihren Lebensunterhalt verdient. Wir haben uns selbst und andere interviewt: Wie ist die Arbeit organisiert, wie entstehen neue Formen von Kooperation, wie wehren sich die Leute gegen den Maschinentakt? Wir haben Flugblätter gemacht, die Berichte aus verschiedenen Call Centern enthielten, die wir rumgehen lassen konnten – eine Form der Zirkulation der Erfahrungen und des täglichen Widerstands.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joe:&lt;/em&gt; Die KollegInnen waren vor allem an diesen Berichten interessiert. Wesentlich ist, dass wir nicht zu ArbeiterInnen-Treffen oder solchen Formen außerhalb des Arbeitsplatzes aufgerufen haben. Zum einen zeigt die Erfahrung, dass da meistens nicht viel passiert, zum anderen war es auch eine politische Entscheidung zu sagen: Die Hauptorganisierung muss direkt mit den KollegInnen am Arbeitsplatz passieren. Wir wollen nicht in die Rolle von Organisatoren kommen, sondern wir sind Teil dessen, und wir müssen in jeder konkreten Situation spezifische Formen der Gemeinsamkeit finden oder auch des Widerstands.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Organisation – Organisierung – Organizing&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Bezüglich der Frage „Was soll dabei herauskommen?“ seid ihr ja auch in eurem Buch fixiert auf die laufenden Kämpfe, in denen eine Selbstorganisierung stattfinden soll. Organisationsformen, die darüber hinaus gehen, außerhalb stehen oder zeitlich den konkreten Kampf überdauern, betrachtet ihr sehr skeptisch. Wie geht ihr mit dem Problem um, Erfahrungen aus Kämpfen zu bewahren und weiter zu transportieren? Auch dazu kann ja eine Organisation dienen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato:&lt;/em&gt; Das ist genau der Punkt – wir sind nicht gegen Organisierung! Die Frage ist: Schaffen wir eine Organisation, in die ArbeiterInnen eintreten und durch die dann ihre Interessen vertreten werden? Da würden wir sagen: Nein, darum geht es uns nicht! Auch wenn man es anders nennt, zum Beispiel Organizing, was heute ja hip zu sein scheint, ist das eine klassische Form von Gewerkschaft und Repräsentation.&lt;br /&gt; Wenn ArbeiterInnen sich selber organisieren, um in einem Betrieb in einem Kampf etwas durchzusetzen, dann ist das etwas anderes. Und natürlich gehen wir organisiert daran, diese Kampferfahrungen, die Leute machen, aufzunehmen, zu kapieren, aufzuschreiben und zirkulieren zu lassen. Genau darin bestand das hotlines-Projekt. Wir hatten Strukturen, eine Webseite, auf der alle Berichte drauf standen, und damit Punkte, auf die sich alle Leute beziehen konnten. Da wir gesehen haben, das geht nicht allein im Ruhrgebiet ab, sondern europa- und weltweit, haben wir nach Italien und England Kontakt aufgenommen, mit dortigen Gruppen kooperiert und Flugblätter übersetzt, also Kampfberichte, Situationsbeschreibungen und Zeugnisse von Call Center-ArbeiterInnen. Wir haben die aus anderen Ländern bei uns verteilt und die haben unsere bei sich verteilt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Ein Ziel, das ihr auch im hotlines-Buch formuliert, lautet: So ein Kampf wird nur radikal, wenn er irgendwann über die partikulare Perspektive der Leute hinausgeht. Es ist sicher wünschenswert, dass lauter kleine, selbst organisierte, temporäre Kollektive diese Verbindung zwischen den verschiedenen Kämpfen herstellen, aber auch dabei kann ja eine übergreifende Organisierung oder Infrastruktur helfen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato:&lt;/em&gt; Klar, unser Ansatz war immer, über die Betriebsgrenzen hinauszugehen. Dazu dienten auch die Flugblätter, in denen die verschiedenen Erfahrungen dargestellt wurden. Wir wollten dieses Wissen verallgemeinern oder helfen, es zu verallgemeinern.&lt;br /&gt; Das haben wir über drei Jahre lang sehr konzentriert auf Call Center bezogen und ich glaube, wir hätten das mit dem verbinden können, was in jener Zeit auch in anderen Bereichen abgelaufen ist. Ein allgemeines Problem besteht darin – egal, ob wir jetzt über Krankenhäuser diskutieren, über Automobilfabriken oder Call Center – dass Organisierungsprozesse und Kämpfe oft in diesem einen Sektor stattfinden, es uns aber gar nicht darum geht, nur einen Sektor zu begreifen, sondern die Klassenrealität insgesamt, auch über den Sektor hinaus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joe:&lt;/em&gt; Zu den Partikularinteressen: Wenn man den Bahnerstreik 2007 nimmt, dem wurde auch vorgeworfen: Eine bestimmte Berufsgruppe möchte ihren Berufsethos zeigen und stellt bornierte Forderungen wie „30 Prozent mehr Lohn“. Wenn man mit den beteiligten Leuten darüber gesprochen hat, zeigte sich die eigentliche Motivation dieses Streiks: die Schichtzeiten, die Zunahme von Stress. Das hat die Gewerkschaft unter den Tisch fallen lassen. Dasselbe während des ver.di-Streiks dieses Jahr bei der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG. Das heißt, in diesen Kämpfen existiert eine unter der offiziellen Forderung schwebende Unruhe. Darüber könnten sich Sachen viel eher verallgemeinern, aber die müssten auch den gewerkschaftlichen Rahmen, der ihnen mit monetären Forderungen gegeben wird, durchbrechen. Die GDL und ver.di haben bewusst verhindert, dass die zwei Streiks zusammenkommen: Sie hätten der Fokus einer allgemeinen Wut auf Schichtstress und Arbeitsverdichtung werden können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Meine Frage zielte darauf, wie man es unterstützen kann, dass den Leuten solche Gemeinsamkeiten klar werden. Hängt das eher zufällig von den Menschen vor Ort ab oder kann man das durch irgendeine Struktur oder Infrastruktur befördern? Oder auch durch eine Art von Organisierung, die sich eben nicht auf den einen, konkreten Kampf, der sich da gerade entzündet, beschränkt?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato:&lt;/em&gt; Es gibt auch Bedingungen dafür, die wir gar nicht in der Hand haben: Eines der Ergebnisse der Call Center-Entwicklung damals war, dass es erstmal keine größeren Auseinandersetzungen gegeben hat. Die Militanz, die wir erhofft hatten, hat sich nicht entwickelt. Wir können fehlende Kämpfe nicht durch eine Organisation ersetzen. Das ist unsere Kritik an vielen Gruppen, die denken, es gibt keine Kämpfe, die Leute sind zu schwach oder die Bedingungen sind scheiße, also bauen sie so eine Struktur auf, wo die hinkommen und sich einbringen könnten. Oder sie stellen eine bestimmte Forderung und die kommen dann alle und unterstützen das. Ich finde das politisch falsch und darüber hinaus funktioniert das auch gar nicht: Wenn man sich das historisch anguckt, entwickeln sich größere Arbeiterunruhen nicht auf diesem Weg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joe:&lt;/em&gt; Ja, das ist im besten Sinne eine voluntaristische Vorstellung, so wie die Existenzgeldforderung, die dann für alle Bereiche passen würde, weil sich alle irgendwie darin wiederfinden könnten. Die Militante Untersuchung ist ein entgegengesetztes politisches Konzept zum Existenzgeld und zum Organizing. Sie geht davon aus, dass die Basis der Selbstorganisierung in der sozialen Produktion liegt und im Bereich der Ausbeutung. Die Leute müssen selber entdecken, dass ihr Bereich mit anderen gesellschaftlichen Realitäten verbunden ist und inwieweit sie diesen sozialen Charakter der Produktion und die Ähnlichkeit der Bedingungen als ein Mittel nutzen können, um sich selbst zu organisieren und mit anderen in Kontakt zu treten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Wenn man sich mit dem Begriff der Militanten Untersuchung auseinandersetzt, gerät man schnell ins Schwimmen, denn er wird sehr unterschiedlich verwendet ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato:&lt;/em&gt; Es gibt Leute, die machen soziologische Untersuchungen oder Auftragsarbeiten für Gewerkschaften und nennen das Untersuchung oder Militante Untersuchung. Das hat mit dem, was wir darunter verstehen, nichts zu tun: Für uns ist das eine Organisationsform für uns selber und ein Bezug zur Klassenrealität, der eine Hoffnung auf Umwälzung in sich trägt. Wir wollen selber Teil von solchen proletarischen Prozessen sein, und deswegen ist unsere Praxis auch keine Frage von Aufopferung von wegen „Wir gehen jetzt auch in die Fabrik!“, sondern Teil dessen, wie wir uns selber reproduzieren und wie wir uns politische Interventionen vorstellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joe:&lt;/em&gt; Für uns war die Militante Untersuchung nie ein Instrument à la „Wir haben ein bestimmtes organisatorisches Ziel, deshalb benutzen wir die Untersuchung, deshalb gehen wir zu den Leuten.“ Wenn hierzulande in der Linken oder radikalen Linken der Begriff Untersuchung verwendet wird, dann oft als Mittel, um die eigene gesellschaftliche Position gar nicht hinterfragen zu müssen, die Abtrennung von der Realität der meisten ArbeiterInnen. Man geht kurz irgendwo hin und befragt ein paar Leute, geht dann wieder zurück und macht Politik daraus. Man redet viel von „Politik der Körper“ und „Subjektivität“, teilt die proletarische Erfahrung aber nicht im eigenen Sein. Untersuchung wird so zur bloßen ‚Feldforschung’ für eine Kampagne, für die eigene Organisation.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;ArbeiterInnen-Macht&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Wie ihr beschrieben habt, war es eine ganz bewusste Entscheidung, an jenem Ort in jener Situation in die Call Center zu gehen. Ihr nennt in eurem Buch bestimmte Kriterien, nach denen ihr Möglichkeit und potenzielle Macht von Kämpfen in einem Bereich abschätzt. Daraus folgt eine Priorisierung von Kämpfen. Aber schleicht sich da nicht wieder – provokativ gesagt – ein Avantgarde-Gedanke ein?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato:&lt;/em&gt; Wir überlegen, wo sich ArbeiterInnen-Macht entwickeln kann. Wir haben später das Buch Forces of Labor von Beverly Silver übersetzt, in dem sie sich präzise mit dieser Frage auseinandersetzt. In welchen Sektoren entstehen Möglichkeiten, den Produktionsprozess oder den Transport von Waren zu stören und ArbeiterInnen-Macht zu entwickeln? So kommen wir auf Kriterien, nämlich erstens: Wo gibt es Konzentrationen von ArbeiterInnen, die auch soziale Einheiten bilden können? Zweitens: Was ist das für ein Sektor, welche Funktion hat er in einer weltweiten Produktionskette? Deswegen gucken wir uns auch die chinesischen WanderarbeiterInnen an – weil wir die Prozesse und die sich entwickelnde Dynamik spannend finden, aber auch, weil es große Konzentrationen sind und weil sich die an einem bestimmten Punkt in einer internationalen Produktionskette befinden. Das heißt aber nicht, dass Prozesse in anderen Bereichen unwichtig sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joe:&lt;/em&gt; Avantgarde, Priorität ... Man kann auch einfach sagen: Welche Kämpfe können einen organisierenden Charakter für eine größere Bewegung haben, eine Anziehungskraft, Attraktivität? Nicht, weil dort die besseren oder aufgeklärteren Menschen sind, sondern weil sie konzentrierter sind, schon eine kollektivere Form der sozialen Produktion verkörpern und so einen organisatorischen Charakter für eine ganze Bewegung haben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Jenseits der Call Center&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Wie steht es um die Möglichkeit, Militante Untersuchungen auch in anderen Feldern, außerhalb von Arbeitskämpfen, zu nutzen, um sich zu organisieren? Gibt es da bei euch Erfahrungen – ich denke an migrantische Kämpfe zum Beispiel gegen staatlichen Rassismus oder an den feministischen Bereich?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato:&lt;/em&gt; Wir würden da eh nichts ausschließen. Es kommt eben darauf an, was das Ziel ist. Ich habe auch schon Interviews gemacht mit Leuten, die Stress mit Vermietern hatten. Man kann auch aufs Sozi oder aufs Arbeitsamt gehen, dort mit den Leuten Interviews machen und gucken: Was ist die Situation, gibt es da Möglichkeiten, sich zu wehren? Denn die Klassenrealität erschöpft sich nicht darin, am Band oder am Telefon oder mit dem Hammer in der Hand herumzustehen. Wir sind gegen diese aus der Sozialforschung kommende Aufteilung des Lebens in verschiedene Bereiche – Geschlechterverhältnisse, Klassenverhältnisse, Rassismus – das ist alles wichtig und es gibt noch andere Punkte, die wichtig sind, aber diese Ebenen funktionieren zusammen und sind nichts Getrenntes. Es geht nicht um deren Hierarchisierung sondern darum, dass wir ihr komplexes Zusammenwirken erkennen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Am Ende eures Buches steht ein Aufruf zur Bildung „regionaler proletarischer Runden“. In einem ersten Schritt soll im Ruhrgebiet „ein Prozess von Untersuchung und Intervention“ angeschoben werden, mit verschiedenen anderen Gruppen zusammen und über die Call Center hinausgehend, um möglichst die gesamte „Klassenrealität“ in dieser Region zu erfassen. Was ist daraus geworden?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato: &lt;/em&gt;Nichts. Uns war klar, dass wir mit dem Buch mehrere Sachen zugleich machten: Die Entwicklung in den Call Centern einschätzen, also präzise die Formen von Kooperation und Widerstand beschreiben, und gleichzeitig einen praktischen Vorschlag machen, sich in dieser bestimmten Art auf die sozialen Prozesse und die Kämpfe zu beziehen. Und deswegen haben wir am Ende versucht zu beschreiben, wie so etwas aussehen kann. Es war klar, dass wir zu wenig Leute waren, wie es generell wenig Leute gab, die sich in diesem politischen Bereich bewegten. Weder gab es in den Call Centern zu der Zeit eine Bewegung, noch haben dieser Vorschlag oder unser Ansatz dazu geführt, dass sich neue Kollektive gegründet hätten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joe:&lt;/em&gt; Das war auch historisch das Tal der Tränen, Ende der 90er. Die Zeiten haben sich geändert. Vor allem in Berlin, wo es im letzten Jahr den Streik der Bahner gab, in Kitas, im öffentlichen Dienst, Transport, in den Supermärkten, könnte man so einen Vorschlag anders bringen und sagen: Wir wollen mit den Leuten, die in diesen Streiks aktiv geworden sind und Erfahrungen gemacht haben, über die gewerkschaftliche Ebene hinausgehen und in einem Raum diskutieren.&lt;br /&gt; Und die Linke braucht immer ein paar Reflexe: Wenn sie sieht, da besetzen jetzt 1 500 Leute ein Werk wie 2004 bei Opel in Bochum und es wird mit der Hundertschaft gedroht, versteht sie das, weil das Formen sind, mit denen sie etwas anfangen kann. Aber gleichzeitig merkt man, wie sehr sie von diesen Kämpfen getrennt ist. Wenn du dir Berlin als ein politisches Zentrum auch der autonomen Linken anguckst: Die können sich wunderbar selbst organisieren in Hausprojekten und Anti-Gipfel-Camps. Aber dann wird hier 2006 mit BSH eine Waschmaschinen-Fabrik dicht gemacht, mit einer migrantischen Arbeitskraft mit viel Kampferfahrung, also nicht der klassische, deutsche Facharbeiter, von dem man sich immer distanzieren will. Und die ArbeiterInnen überlegen, dieses Werk zu besetzen, und werden von der Gewerkschaft verschaukelt. Dass die Linke dazu so wenig zu sagen hat, dass nichts entsteht, macht einem noch schmerzhafter bewusst, wie weit die Welten auseinander liegen. Wo ist denn diese selbstorganisierte Linke, die mit 300 Leuten zusammen in einem Raum diskutieren kann mit Speichen-Modellen und Fish-Bowls und so weiter, wenn sie gebraucht wird?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Wie ging es nach der Call Center-Untersuchung und der Veröffentlichung des Buches weiter?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joe:&lt;/em&gt; Zu den Voraussetzungen der Call Center-Untersuchung gehörte der Umstand, dass wir in der gleichen Region wohnten, was danach nicht mehr der Fall war. Wir arbeiten jetzt individuell in bestimmten Bereichen, sei es in Call Centern oder in Fabriken. Das sehen wir weiterhin als etwas Politisches, auch wenn es nicht mehr als Kollektiv oder als gemeinsames Projekt läuft. Wir diskutieren die Erfahrungen weiterhin in einem größeren Zusammenhang, unter anderem der Wildcat. Auch weil wir ziemlich viel um den Globus gezogen sind, ist es schwierig, als Gruppe so eine Untersuchung zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato:&lt;/em&gt; Um den Globus zu ziehen, heißt auch, in anderen Ländern gar nicht die Möglichkeit zu haben, Untersuchungen in derselben Form durchzuführen. Dort bestehen sie darin, Interviews zu machen, mit AktivistInnen zu reden, in oder vor die Fabriken zu fahren oder sich mit ArbeiterInnen im Wohnheim zu treffen. Natürlich versuchen wir vorher schon herauszufinden, wo Auseinandersetzungen sind, und schauen dann, wie sich die Kämpfe entwickeln, ob in Deutschland, Indien, China, Rumänien oder Italien.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joe:&lt;/em&gt; Für uns war die Diskussion in Forces of Labor wegweisend. Das Buch enthält Thesen auf der Makroebene, die wir mit der Ebene der ganz alltäglichen Auseinandersetzungen und der Betriebsrealität zusammenbringen müssen. Wir haben es als einen Untersuchungsvorschlag gelesen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Potato:&lt;/em&gt; Das ist das Wichtige: Wir machen auf der Mikroebene Untersuchungen, was uns aber nur dann einen Überblick verschafft, wenn wir es historisch und räumlich breit fassen, und die Welt im Blick haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joe:&lt;/em&gt; Auf der anderen Seite muss man sich auch das Berliner Umland angucken. Das ist vielen Leuten hier viel fremder als Oaxaca in Mexiko. Wer weiß schon, dass hier Automobilarbeiter in einem der produktivsten Werke in Dreischicht für 6,20 Euro die Stunde an der Stanze stehen? Zwischen denen und der sogenannten „Prekarisierungsdebatte“ der Kreuzberger Bohème liegen Welten. Den Blick muss man also auf allen Ebenen schweifen lassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 12:02:22 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>&quot;Wer eine Sache nicht untersucht hat, hat kein Recht mitzureden&quot; (Mao)</title>
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                    &lt;p&gt;&lt;em&gt;Valtin wütet auf seinem Gabelstapler wie ein Stier. Er haut immer rein in die Arbeit. Steht keine Sekunde still. [...] Wenn er drei Ladungen zugleich erledigen soll, heißt, wenn drei Maschinen mit Material bedient werden müssen, spürt man so richtig, wie er reinhaut; der helle Schweiß steht ihm dann auf der Stirn – und der sagt: mich kriegen sie nicht klein, mich nicht; ich bleib beim Ope&lt;/em&gt;l.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Valtin wütet auf seinem Gabelstapler wie ein Stier. Er haut immer rein in die Arbeit. Steht keine Sekunde still. [...] Wenn er drei Ladungen zugleich erledigen soll, heißt, wenn drei Maschinen mit Material bedient werden müssen, spürt man so richtig, wie er reinhaut; der helle Schweiß steht ihm dann auf der Stirn – und der sagt: mich kriegen sie nicht klein, mich nicht; ich bleib beim Opel. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Jahre 1926 macht der junge Mao Tse-Tung mit unkonventionellen Ansichten von sich reden: Die Bauern des 400-Millionen-Einwohner- Landes, die gerade in mehreren Provinzen mit gewalttätigen Aufständen gegen die halbfeudalen Verhältnisse rebellierten, seien als Verbündete der Kommunisten im Kampf gegen die Bourgeoisie anzusehen. In der KP China begegnet man solchen Äußerungen mit großer Skepsis. Also setzt sich Mao aufs Land ab – zur Untersuchung der Lage. Er befasst sich mit den bäuerlichen Revolten in der Provinz Hunan und erklärt kurz darauf: „Es dauert nur noch eine sehr kurze Zeit, und in allen Provinzen Mittel-, Südund Nordchinas werden sich Hunderte Millionen von Bauern erheben. [...] Sie werden alle revolutionären Parteien, alle revolutionären Genossen überprüfen, um sie entweder zu akzeptieren oder abzulehnen. Soll man sich an ihre Spitze stellen, um sie zu führen? Soll man hinter ihnen hertrotten, um sie wild gestikulierend zu kritisieren? Oder soll man ihnen in den Weg treten, um gegen sie zu kämpfen? Es steht jedem Chinesen frei, einen dieser drei Wege zu wählen, aber der Lauf der Ereignisse wird dich zwingen, rasch deine Wahl zu treffen.“ (Mao Tse-Tung: Untersuchungsbericht)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Untersuchung klingt nach Arztbesuch und Mao klingt nach Schreckensherrschaft oder Mao-Bibel. Das war 1970 anders. In den Jahren nach 1968 war der Bedarf an Orientierung groß. Der Realsozialismus hatte sich durch die Niederschlagung des Prager Frühlings gerade aufs Neue diskreditiert; weder die KP Frankreich noch die Italiens standen 1968 auf der Seite der rebellierenden Jugend ihrer Länder. Es war die Zeit der friedlichen Koexistenz von Kapitalismus und Kommunismus. Nicht so in Fernost. In China hatten seit Beginn der Kulturrevolution ‚die Massen’das Wort. Sie waren angehalten, alle Autoritäten – auch die Partei – in Zweifel zu ziehen und die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal umzukrempeln. Das war zumindest das, was von der Kulturrevolution im Westen ankam. Und es kam bei den antiautoritären Aktivisten der zerfallenden Studentenbewegung hervorragend an. Die Kulturrevolution im Reich der Mitte schien das Gegengift gegen den Bürokratismus des Sowjetsystems, dessen Industrialisierungspolitik den Menschen auf eine bloße ökonomische Kennziffer reduzierte. In den Jahren unmittelbar nach 1968 war Mao links der DKP nahezu konsensfähig. Das galt auch für die Gruppen der jungen spontaneistischen Strömung&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_xr7g01u&quot; title=&quot;Als ‚Spontis’ wurden jene Gruppen bezeichnet, die im spontanen Handeln ‚der Massen’ den Anknüpfungspunkt für ihre politische Praxis sahen – im Gegensatz zu denen, die auf Führung durch die (einzige, wahre, revolutionäre) Partei setzten.&quot; href=&quot;#footnote1_xr7g01u&quot;&gt;1&lt;/a&gt;. Von einer dieser Gruppen soll hier die Rede sein: vom Revolutionären Kampf (RK) aus Frankfurt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Um 19:30, nach der Pause fing es stark an zu regnen. Wir konnten nicht mehr mit den Hauben durch den Regen fahren: Rostgefahr; sie mussten beim Verlassen der Halle mit Planen abgedeckt werden. Dafür wurden durch unseren Meister „zwei Männer“ ans Tor gestellt, die die Aufgabe hatten, unsere Dollies und die anderer Fahrer, die in den Regen müssen, mit den Planen abzudecken. Die Planen sind schwer; trocken einen viertel Zentner, nass einen dreiviertel Zentner. Die Männer, frischeste Gastarbeiter, hatten kein Interesse schnell zu arbeiten. An was andres hatte der Meister nicht gedacht: dass im K 98 die Planen auch von den Dollies abgezogen werden mussten. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der RK sah im Begriff der Untersuchung den Schlüssel zum Verständnis des chinesischen Erfolgsmodells. Die maosche Klassenanalyse, die gründliche Untersuchung und dann die Beteiligung an den Kämpfen im Land, habe es der chinesischen KP ermöglicht, ihre politische Strategie an die gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen und so die zum Erfolg führenden Schritte zu tun.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das sollte sich übertragen lassen. In der Bundesrepublik hatte es gerade eine Welle spontaner Streiks gegeben, in denen vor allem Metallarbeiter ganz unbürokratisch erhebliche Lohnerhöhungen durchgesetzt hatten: die Septemberstreiks von 1969. Diese ‚Arbeiterspontaneität‘ war ungewöhnlich und neu im Heimatland der Sozialpartnerschaft. Waren die Streiks Vorboten für einen Aufschwung der Klassenkämpfe in Westdeutschland? Um diese Frage zu beantworten, gelte es, so der RK, die Zusammensetzung der Klasse in der Bundesrepublik zu analysieren und herauszufinden, wie sich unter den gegebenen Bedingungen Klassenbewusstsein entwickle, wer die kämpferischen Subjekte im Betrieb seien und wie man sie organisieren könne. Dafür müsse man sich selbst in die Fabriken begeben, dort arbeiten und an den Kämpfen der Proletarier teilnehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Nach dem Prinzip von Lamia, nie den Meister fragen, habe ich zu zwei von den Arbeitern im Zelt, die gerade eine Atempause machten, gesagt, sie mögen mir helfen, durch Handbewegungen habe ich meinen Wunsch erläutert. Sie haben frech grinsend geantwortet: ‚Nix Verstehn!’ [...] Ich habe angefangen zu kochen. Es wäre nur die Möglichkeit geblieben, zum Meister zu gehen. Ich habe das unterlassen. Einfach sitzen bleiben auf meinem Schlepper, das ging nicht. Es wird von einem Fahrer erwartet, dass er sich zu helfen weiß. Ich habe die Planen selbst abgezogen, zusammengelegt, auf den Schlepper gepackt. Ich war schweißnass. Zitternd am ganzen Körper bin ich zurück in die trockene, heiße Halle gekommen. Geracis kam nicht durch. Am Hallenausgang, wo die Planen draufgelegt werden, war inzwischen natürlich eine Verstopfung. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich hätte man sich eine solche Untersuchung auch ohne den Hinweis auf Mao ausdenken können. Die maoistischen Bezüge waren als Seitenhieb in Richtung der zahlreichen entstehenden ‚marxistisch- leninistischen‘ Parteien und Bünde gedacht. Den „ML-Genossen“ warfen die RKler „einen pseudo-maoistischen Populismus“ vor. Da sie die „Verdinglichungen im Bewusstsein der Arbeiter“ nicht wahrnähmen, könnten sie die Gründe für die reformistische Einbindung des Proletariats in den westlichen Gesellschaften nicht begreifen. Die MLer sähen hier nur ein Organisationsproblem, das durch den Aufbau einer revolutionären Partei zu lösen sei.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Untersuchung sollten dagegen die Widersprüche im Arbeitsprozess aufgespürt werden, an denen sich irgendwann die Kämpfe im Betrieb entzünden würden. Die Arbeitskämpfe wurden zum objektiven, vom Arbeiterbewusstsein unabhängigen, ‚autonomen’ Motor der Geschichte erklärt, da und insofern sich ihre Logik gegen die Logik der kapitalistischen Produktion richtete&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_51m7n39&quot; title=&quot;Diese Argumentation, wie auch die Idee einer Untersuchung überhaupt, hatten sich die bundesdeutschen Spontis von den italienischen Operaisten abgeschaut. Die Vertreter des Operaismus, einer theoretische Strömung des italienischen Marxismus, hatten Anfang der 60er Jahre damit begonnen, die Beziehung zwischen der Zusammensetzung der Arbeiterschaft in der Fabrik und ihren Kampfformen zu untersuchen. Zu diesem Zweck führten sie umfangreiche Befragungen unter den Arbeitern der großen Fabriken Norditaliens durch.&quot; href=&quot;#footnote2_51m7n39&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Die ‚autonomen Bedürfnisse’ der Arbeiter (nach mehr Geld, weniger Arbeit, mehr Freizeit) wiesen also in ihrer Tendenz schon über die Grenzen der bestehenden Gesellschaft hinaus. Man musste sie nur anheizen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dann, mitten in einer Verstopfung am Hallenausgang, ging Geracis, als seine Dollies endlich abgedeckt waren, das Benzin aus. Gewöhnlich wird der Schlepper von der Frühschicht aufgefüllt; das Benzin reicht dann je nachdem 16 bis 20 Stunden. Aber Geracis hätte auf jeden Fall mal nachsehen müssen. Als die Fahrer andrer Abteilungen mitkriegten, warum es nicht weiter geht, waren plötzlich nicht mehr der Regen, nicht mehr die Arbeit – die sowieso nicht – sondern nur noch Geracis schuld. ‚Du Arschloch, dann geh halt runter von der Maschine!’ Und so ging es. Natürlich half keiner. Wieso auch, dadurch konnten sie ja auf ihren Hubwagen und Schleppern sitzen bleiben, gleichzeitig eine Pause machen und Dampf ablassen. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich brauchte es dennoch Organisation, langfristig. Aber diese könne man den Arbeitern nicht von außen bringen. In den betrieblichen Kämpfen, so die Hoffnung, würden sich diejenigen Arbeiter zu erkennen geben, mit denen man sich gemeinsam an den Aufbau „revolutionärer Kerne“ machen könne. Waren diese entstanden und wiesen sie eine gewisse Stabilität auf, wollten die „sozialistischen Intellektuellen“ des RK den Betrieb wieder verlassen. Man verstand sich gewissermaßen als Starthilfekabel für die revolutionäre Selbstorganisation der Arbeiter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zwei Annahmen boten Orientierung in der unbekannten Welt der Großindustrie. Erstens: Die zunehmende Automatisierung lasse den alten Facharbeiter langsam verschwinden. An seine Stelle trete der unqualifizierte Massenarbeiter, ein dem Produkt total entfremdetes Anhängsel der Maschine, dessen Hass auf die Arbeit durch die stumpfsinnige und monotone Tätigkeit am Band geschürt werde. Zweitens: Die Arbeiterklasse in den westlichen Industrienationen sei längst multinational zusammengesetzt – und durch den Arbeitsprozess gespalten. Die besonders schweren und monotonen Tätigkeiten seien einer betrieblichen Unterschicht vorbehalten: den Gastarbeitern, aber auch vielen Frauen und jungen Arbeitern. Demgegenüber seien die Vor- und Facharbeiterpositionen vor allem mit männlichen deutschen Arbeitern besetzt. Dieses Arrangement führe zu unterschiedlichen Interessenlagen im Betrieb und sei als Widerspruch innerhalb des Produktionsprozesses zentrale Bedingung (und Schranke) für die Entwicklung von Klassenbewusstsein. Vom unqualifizierten Massenarbeiter versprach man sich am ehesten rebellische Taten im Betrieb.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Um zehn Uhr hatte ich mich wieder so weit, dass ich es auslaufen ließ. [...] Habe mich in aller Ruhe in meinem leer angekuppelten Schlepper im K 98 ausgestreckt und eine Zigarette geraucht. Zur Ruhe musste ich natürlich erst langsam kommen. Dann fuhr ich ganz, ganz langsam zurück, beschaute mir noch mal die 49er Straße, die inzwischen von vollen Dollies völlig verstopft war; man wäre gar nicht mehr durchgekommen. Ich habe abgehängt und bin mit dem Schlepper allein gemütlich, aber fertig einmal um die Halle rumgekurvt, habe mir das Chaos noch mal vom andern Ende der Straße her angeschaut, bin dann um 22.25 pünktlich an unserem Maschinenplatz eingetroffen. Dort habe ich meinen Schlepper langsam und exakt aufgestellt für die Nacht. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frankfurter Gruppe beschloss, die Untersuchung im Opelwerk Rüsselsheim zu beginnen. Im Oktober 1970 nahm das erste Dutzend Aktivisten die Arbeit „beim Opel“ auf: zwei Frauen und an die zehn Männer. Diese „Innenkader“ sollten ein Jahr bei Opel bleiben. Sie mussten in RKWohngemeinschaften wohnen, als soziales Gegengewicht gegen die isolierende Struktur der Fabrikarbeit, und wurden außerdem von mehreren „Außenkadern“ betreut. Diese trafen sich mit den Innenkadern (zunächst täglich), protokollierten deren Berichte aus dem Werk und gaben ihnen neue Untersuchungsfragen mit auf den Weg. Außerdem wählten sie Schulungstexte aus, die den politischen Blick der Innenkader auf die betrieblichen Abläufe schärfen sollten. Diese Maßnahme war auch als Gegenmittel gegen die befürchtete ‚Verbetrieblichung’ im Denken der Innenkader vorgesehen. Einmal in der Woche traf sich die ganze Gruppe, um die Entwicklung der Arbeit und die nächsten Schritte zu diskutieren. Danach wurde gefeiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Kontakt mit der Welt der industriellen Produzenten war ein Abenteuer, dessen Glanz sich schnell abnutzte. Frühes Aufstehen und Wechselschicht förderten einen nüchternen Blick auf die Lage und politischen Möglichkeiten der Arbeiterklasse. Die Gleichgültigkeit der Arbeiter gegenüber der Ausbeutung wurde bald als Überlebensstrategie analysiert, um bei Opel durchzuhalten, die Auswirkungen des Arbeitsprozesses auf Gemütslage und geistige Verfassung der revolutionären Hoffnungsträger in gründlichen Protokollen festgehalten. Der Alltag im Werk hatte so gar nichts gemein mit den aufregenden Erlebnissen, die wenige Jahre zuvor die Politisierung der Betriebskader begleitet hatten. Solche Probleme hatte man zwar bei der Planung des Unternehmens einkalkuliert, aber offensichtlich unterschätzt. Der Widerspruch zwischen einem Leben nach dem Rhythmus des Fließbands und dem Leben nach dem Rhythmus der Sponti-Szene ließ die Innenkader schnell die eigenen Belastungsgrenzen erkennen. Hinzu kamen Hänseleien, mit denen die Alteingesessenen bei Opel manchen der offensichtlich milieufremden Neulinge bedachten. So hatte man sich das nicht vorgestellt. Die Moral der Gruppe sank.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Zuhause habe ich geduscht und bin gleich ins Bett gefallen; habe im Bett noch französischen Camembert gegessen und zwei Gläser Wein getrunken und zwei Zigaretten geraucht. Dann bin ich eingeschlafen. Morgens um acht bin ich mit bösen Träumen über die Arbeit aufgewacht. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bald war klar, dass das bloße protokollarische Festhalten der deprimierenden Lage der Klasse nicht ausreichte. Etwas Abwechslung musste her, allein schon, um die Stimmung der Innenkader zu heben. Die Gruppe begann die Flugblattagitation vor dem Werk. Sie sollte den Arbeitern die Möglichkeit verändernden Handelns aufzeigen und deutlich machen: Es gibt eine Kraft, die Aktionen unterstützen würde. Die Flugblätter thematisierten die durch die Untersuchung bekannten Konflikte in einzelnen Abteilungen („Die Klimaanlage in Abteilung Soundso ist defekt!“) und forderten Verbesserungen. Das sorgte, so berichten Beteiligte, für einigen Wirbel im Werk. Das hermetische System Fabrik wurde auf einmal porös. Informationen von drinnen drangen nach draußen und umgekehrt – und die Arbeiter diskutierten. Das war aber erstmal auch alles.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es sollte sich in der Tarifrunde 1971 ändern. Die unter den italienischen Opel- Arbeitern aktive Lotta Continua (eine der größeren Gruppen der operaistischen Linken Italiens) hatte im Frühjahr die Forderung nach einer Mark mehr für alle aufgebracht. Die Forderung wurde im Werk schnell populär. Der RK sah die Zeit zum Handeln gekommen und sprang auf den Zug auf. Auf einer Betriebsversammlung sollte die Forderung propagiert und zum Warnstreik aufgerufen werden. Kurz nach Beginn der Versammlung verschafften sich 2000 italienische Arbeiter unter Rufen nach einer Mark mehr für alle Zugang zur Versammlung (die Betriebsversammlungen bei Opel fanden, wie in den meisten Unternehmen, nach Sprachen getrennt statt). Es kam es zum Handgemenge mit dem Betriebsrat, der einen Auftritt der Italiener unbedingt unterbinden wollte. Eine Aktivistin des RK ergriff das Wort und rief zum Streik auf, doch die anschließende Diskussion endete im Tumult. Weder dem RK noch Lotta Continua gelang es, die Stimmung in einen Streik umzumünzen und die Mehrheit der deutschen Beschäftigten mitzuziehen. Am nächsten Tag wurden die beteiligten RKler entlassen, die erste Welle der Betriebsintervention war damit beendet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach diesem Knall setzte der RK seine Arbeit beim Opel fort; ihre Grenzen traten aber immer deutlicher zutage. Zwar gelang es noch immer, Zustimmung zu den Parolen des RK zu erzeugen, nur eröffneten die abstrakt ‚richtigen‘ Forderungen den Arbeitern keine Handlungsperspektive. In einer Rückschau schreibt die Gruppe einige Jahre später: „Warum sollten die Arbeiter aufgrund einiger Flugblätter plötzlich anfangen, ihre Angst, den Betriebsrat und die Gewerkschaften zu vergessen, ‚sich selbst zu organisieren’, sich ‚nicht mehr uneins zu sein’ und den ‚Kampf gegen die kapitalistische Produktionsweise’ zu eröffnen?“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und noch etwas stellte sich heraus: Die jugendlichen Arbeiter und Lehrlinge, bei denen der RK am meisten Zuspruch fand, wollten sich gar nicht als Opel-Arbeiter organisieren. Sehr viel mehr konnten sie sich begeistern für den aufregenden Lebensstil der Spontis, für ihre Wohngemeinschaften, Feste und wechselnden Partnerschaften. Durch den Kontakt mit den Frankfurter Aktivisten wurde aus dem Traum plötzliche eine greifbare Möglichkeit. Wo sich die Gelegenheit bot, schlugen die jugendlichen Arbeiter gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie entfl ohen der Enge des elterlichen Zuhause und der Monotonie der Fabrik. Sie zogen nach Frankfurt in eine der vielen Szene-Wohnungen und begannen zu jobben oder schalteten sich in die aufkommenden Hausbesetzungen ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während die RKler im Betrieb kaum einen Schritt vorankamen und die ersehnten Fabrikrevolten ausblieben, entwickelten sich in Frankfurt militante Häuserkämpfe, bei denen auch mancher RK-Außenkader kräftig mitmischte. Die Betriebsarbeit wurde mehr und mehr zur lästigen Pflichtübung, während draußen die revolutionäre Kür lockte. Die Konsequenz war bald gezogen. Offenbar zog das rebellische Subjekt im Spätkapitalismus es vor, seine Kämpfe nicht innerhalb, sondern außerhalb der Fabrik auszufechten. Welchen Sinn hatte es dann noch, bei Opel auf ein Fünkchen zu warten, auf das man pusten konnte? 973 erklärte der RK, die Jugendzentrumsbewegung, Hausbesetzungen und Schülerstreiks seien die modernen Klassenbewegungen des jugendlichen Proletariats. Sie spiegelten das Bedürfnis wider, gegen den Stumpfsinn in Arbeit, Ausbildung und Freizeit aufzubegehren und das eigene Leben selbst zu organisieren. In diesen Bewegungen fanden die RKler das rebellische Subjekt und die Akte praktischer Verweigerung, die sie bei Opel so schmerzlich vermisst hatten. Auch wenn die Betriebsarbeit fortgesetzt wurde – die Häuserkämpfe in Frankfurt und Rüsselsheim liefen ihr nach und nach den Rang ab.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Die ständige Überflutung mit Dingen und Abläufen im Betrieb, die einen gleichsam erschlagen und die den ganzen eingefahrenen Begriffsapparat (Verdinglichung, Ideologie, Bewusstsein etc.) sprengen, hat natürlich Auswirkungen auf die Diskussion und das Verhalten Reimuts im Zellkern. In den Protokollen und Zellkerndiskussionen – besonders in denen, die sich direkt an die Arbeit im Betrieb anschließen – kommt immer wieder eine spezifi sche Form der ‚Rache’ durch, indem Reimut seine Außenkader nur in drastischer Weise konfrontiert mit den Erscheinungsformen des Kapitalverhältnisses und deren Wirkungsweise auf die Kollegen und auf Reimut selbst. Rache hieße da etwa, die Protokolle stets mit einem Beigeschmack von Resignation zu verfassen, aber immer mit einer Art ‚Nabitte- schön‘-Effekt: „ich schreib ja nur so, wie es wirklich ist“ und „ich bin ja schließlich auch in den Betrieb gegangen“ (will sagen: ich setze doch nicht die Tradition der antiautoritären Revolte fort), „und wir, die wir meinen, aus der Studentenbewegung die politisch richtigen Konsequenzen gezogen zu haben [...] und meinen, es müsse nun immer so weiter laufen mit dem Aufbau von Betriebszellen, Klassenkämpfe, Revolution und so fort, wir werden schon sehen...“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit Untersuchung hat all das mehr zu tun, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Während viele der maoistischen Gruppen auch in der Fabrik zunächst munter für Partei und Klassenkampf draufl os agitierten, lenkte der Ansatz des RK den Blick seiner Aktivisten auf die „autonomen Bedürfnisse“ der Arbeiter, aber zugleich auf die Momente der betrieblichen Wirklichkeit, die der Entwicklung einer kämpferischen Subjektivität entgegenstanden. Individuelle Handlungen, mit denen die Arbeiter das kapitalistische Kommando in der Fabrik unterliefen – Diebstahl, Parodien des Meisters, langsames Arbeiten, Krankfeiern ... – deutete der RK als Verweigerungs- und Widersetzungsstrategien. Sie sollten der Ausgangspunkt für die Zuspitzung der Widersprüche im Betrieb werden. Nur: Die meisten dieser Strategien wiesen aus der Fabrik hinaus. Es war für den RK also nur folgerichtig, nicht am einmal beschlossenen Konzept blind festzuhalten, sondern den Kämpfen gegen die Disziplin der Arbeitsgesellschaft wieder nach draußen zu folgen. Gar nicht so anders hatte es Mao beinahe 50 Jahre zuvor mit den Kämpfen der chinesischen Bauern gehalten.&lt;br /&gt;Der Große Steuermann wäre – möglicherweise, man weiß es ja nicht – stolz gewesen.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_xr7g01u&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_xr7g01u&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Als ‚Spontis’&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;wurden jene Gruppen bezeichnet, die im spontanen Handeln ‚der Massen’ den Anknüpfungspunkt für ihre politische Praxis sahen – im Gegensatz zu denen, die auf Führung durch die (einzige, wahre, revolutionäre) Partei setzten.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_51m7n39&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_51m7n39&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Diese Argumentation, wie auch die Idee einer Untersuchung überhaupt, hatten sich die bundesdeutschen Spontis von den italienischen Operaisten abgeschaut. Die Vertreter des Operaismus, einer theoretische Strömung des italienischen Marxismus, hatten Anfang der 60er Jahre damit begonnen, die Beziehung zwischen der Zusammensetzung der Arbeiterschaft in der Fabrik und ihren Kampfformen zu untersuchen. Zu diesem Zweck führten sie umfangreiche Befragungen unter den Arbeitern der großen Fabriken Norditaliens durch.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Tue, 19 Jan 2010 14:45:01 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Die Entdeckung des Eigensinns</title>
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                    &lt;p&gt;In den langen 1950er Jahren wurde in vielen westeuropäischen Ländern eine alte Marx‘sche Vorhersage zur Realität: Der Anteil der Lohnarbeiter_innen an den Arbeitenden stieg auf einen historischen Höhepunkt, die große Mehrheit lebte vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Doch der Proletarisierung folgte keine Politisierung im Sinne der traditionellen Parteien und Gewerkschaften, die aus der Zweiten und Dritten Internationale hervorgegangen waren. Überall schien die Arbeiterklasse sich mehr für die neuen Konsummöglichkeiten und das individuelle Fortkommen zu interessieren als für die Revolution. Immer deutlicher wurde, wie die Hoffnung auf die Fabrik als ‚Organisatorin der Massen’ sich nicht erfüllen würde. Die Rebellion, die am Ende des Jahrzehnts auch die Fabriken und Büros ergriff, war vielmehr ein Aufstand gegen die Arbeit einschließlich ihrer stark entfremdeten und hierarchischen Organisationen.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;In den langen 1950er Jahren wurde in vielen westeuropäischen Ländern eine alte Marx‘sche Vorhersage zur Realität: Der Anteil der Lohnarbeiter_innen an den Arbeitenden stieg auf einen historischen Höhepunkt, die große Mehrheit lebte vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Doch der Proletarisierung folgte keine Politisierung im Sinne der traditionellen Parteien und Gewerkschaften, die aus der Zweiten und Dritten Internationale hervorgegangen waren. Überall schien die Arbeiterklasse sich mehr für die neuen Konsummöglichkeiten und das individuelle Fortkommen zu interessieren als für die Revolution. Immer deutlicher wurde, wie die Hoffnung auf die Fabrik als ‚Organisatorin der Massen’ sich nicht erfüllen würde. Die Rebellion, die am Ende des Jahrzehnts auch die Fabriken und Büros ergriff, war vielmehr ein Aufstand gegen die Arbeit einschließlich ihrer stark entfremdeten und hierarchischen Organisationen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Jahrzehnt des Scheiterns&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Für die politische Linke Westeuropas war die unmittelbare Nachkriegszeit eine Zeit der großen Hoffnungen und ebenso großen Enttäuschungen. In einer Reihe von Staaten beteiligten sich die kommunistischen Parteien, die sich im Befreiungskampf gegen die deutsche Wehrmacht einen guten Ruf erobert hatten, an den Regierungen. Es gab kein Land, in dem der ‚Aufbau der Produktion’ von den KP‘en nicht gegen die vorhandenen Rätebewegungen, Streiks und Aufstände ausgespielt worden wäre. In den westlichen Besatzungszonen und der jungen Bundesrepublik hatte die KPD vor ihrem Verbot das ihre dazu beigetragen, die lokalen Arbeitskämpfe in den symbolischen Generalstreik von 1948 und die spätere Etablierung einer ‚sozialen Marktwirtschaft’ zu überführen. Im Osten kam es kurze Zeit später zu Massenprotesten gegen die Enteignung der Arbeiter_innenklasse durch das Management des Sozialismus: 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn. Mitte der 1950er Jahre, noch bevor der ‚real existierende Sozialismus’ dazu ansetzte, den „Westen einzuholen und zu überholen“, waren die Versuche, einen Sozialismus jenseits des Fabrikregimes zu denken, mehr als einmal gescheitert. Das jugoslawische Modell blieb eine relativ isolierte Alternative, seine restringierte Selbstverwaltung ertrank schließlich in der Konkurrenz der Betriebe und jugoslawischen Regionen um Devisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gleichzeitig begann die Suche nach den Resten dieser Alternative auf einem lokalen Niveau. Der Blick zurück auf den Blauen Montag&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_lz6sumy&quot; title=&quot;Der Blaue Montag war die allwöchentliche Verweigerung der Handwerksgesellen des 19. Jahrhunderts, an Montagen zu arbeiten. Allgemein steht er für den lokalen, ‚unpolitischen’ Kampf um die Arbeitszeit.&quot; href=&quot;#footnote1_lz6sumy&quot;&gt;1&lt;/a&gt;, die Interviews mit Arbeitenden in der gigantischen und scheinbar immer weiter wachsenden fordistischen Automobilindustrie, schließlich auch eine gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die von ‚exemplarischem Lernen’ sprach, all dies beförderte die Entdeckung des Eigensinns, die Einsicht in den Umstand, dass sich inmitten der vollkommenen Herrschaft fordistischer Rationalität ein neues historisches Subjekt zu konstituieren schien. Wichtige Elemente dieser neuen Subjektivität waren die Ironie als befreiende Erkenntnis, die Negation als Flucht aus der Fabrik und die Produktivität als Suche nach Alternativen jenseits der Lohnarbeit. Es war ein Kampf, der sich in Europa über drei Jahrzehnte hinzog, ein Kampf der Maulwürfe, mit unzähligen lokalen Eruptionen, deren Höhepunkte die Arbeitskämpfe in Westeuropa der späten 1960er und frühen 1970er Jahre waren. Auf allen drei Ebenen stellte das konkrete Arbeiter_innenverhalten einen Bruch mit der Normalität dar, auf die die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien Westeuropas sich hatten festlegen lassen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ironie, Verweigerung und Produktivität&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ihre Kader schilderten die Fabrik als Moloch, der alle denkbaren Formen des Widerstands und der Organisierung beseitige. Als Beweis zitierten sie den Verlust des Einflusses der traditionellen Gewerkschaften in den großen Fabriken, der sich bei FIAT in Turin Mitte der 1950er Jahre genauso ereignete wie in den neuen Autofabriken in der Bundesrepublik und sogar auf den Werften und in den Metallbetrieben Skandinaviens. Eine wesentliche Entdeckung der ‚militanten’ Untersuchungen der frühen 1960er Jahren war, dass die Arbeitenden sich ihre Freiräume trotzdem durch ‚untraditionelle’ Methoden eroberten, die die offizielle Arbeiterbewegung für ‚unterentwickelt‘ und längst für erledigt hielt. Nanni Balestrini hat diesen Formen ein Denkmal gesetzt, als er Anfang der 1970er Jahre die Arbeit am ‚500er Band’ bei FIAT beschrieb:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Vor allem von den Jungen gingen viele sofort wieder, nachdem sie gesehen hatten, was für eine Scheißarbeit das war. Wer so blöd ist, kann ja hier bleiben, und dann gingen sie wieder. Dann gab es welche, die ständig krankfeierten. Na ja, und weil infolgedessen weniger Arbeiter da waren, als am Band gebraucht wurden, musste jeder von uns viel mehr Handgriffe ausführen. Sie mussten einen Haufen Personal bezahlen, das ihnen nichts nutzte, weil es praktisch nicht da war. Deshalb wurde ich auch ziemlich sauer und verletzte mich am Finger. Ich quetschte mir den Fingernagel, ohne mir groß weh zu tun. Aber ich rieb mir etwas schwarzes Schmieröl, etwas schwarzes Fett über den Finger, damit es schwarz aussah, wie geronnenes Blut.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Resultat der Aktion war, dass der Ich-Erzähler von Wir wollen alles zwölf Tage auf Kosten der FIAT freigestellt wird. Die Erzählung lebt tatsächlich von der Pointe, dass der Kampf, der in der modernsten italienischen Fabrik begonnen hatte, nicht allein ein Kampf um die Zeit war, sondern auch ein diskreter Kampf, der mit allen Mitteln der Fälschung und Erschleichung geführt wurde. Er war eine Komödie, die die Angriffe auf die körperliche Integrität, die ein zentrales Moment des Fabriksystems war, imitierte, mit Schmieröl statt mit echtem Blut. Besser noch schien es, gar nicht erst hinzugehen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Wir standen auf dem Bahnsteig. Es war ein herrlicher Tag. Da hat einer gefragt: ‚Gehen wir heute zur Arbeit oder gehen wir nicht?’ Wir haben dann eine Münze geworfen, wenn Zahl, gehen wir zur Arbeit, wenn Kopf, bleiben wir zu hause. Es kam dann Zahl und wir haben gesagt: ‚Wir gehen trotzdem nicht hin’.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Szene, die sich Mitte der 1950er Jahre auf dem Weg zur Arbeit bei VW in Wolfsburg abgespielt haben soll, zeigt, dass der Protest gegen die Fließbandarbeit wesentlich außerhalb der Arbeit stattfand, in der ‚Freizeit’, jenseits der Fabrik. Die Arbeitgeber beklagten die ‚Unkameradschaftlichkeit’, die Regierung das ‚Bummelantentum’, die Gewerkschaften sahen die ‚Disziplinlosigkeiten’ der jungen Arbeitenden als ihr größtes Organisierungsproblem. Die Protagonisten der historischen Militanten Untersuchung sahen hingegen das Potenzial solcher Handlungen, die die Ineffektivität der neuen Arbeitsformen und die Bürokratie, in der sie verwaltet wurden, bloßstellten. In der FIAT-Untersuchung von 1960/61, eine der Arbeiten, die als Modell für eine Militante Untersuchung gelten, hieß es:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Die Organisation der Produktion bei FIAT (ist) weit weniger ‚rational’ als man annehmen könnte und - als Folge davon - sind die FIAT-Arbeiter weit weniger integriert als es nach außen hin erscheint. [...] Das mythische Bild einer rational organisierten Fabrik zerfällt.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beim Wiederlesen fällt auf, dass die FIAT-Untersuchung nicht in erster Linie die Frage nach der Ironie oder der Verweigerung, sondern die Frage nach der Produktivität bewegt. Die Autoren der Studie schlossen unter anderem an betriebswirtschaftliche Überlegungen an, die Mayo und andere zur frühen Krise des Taylorismus in den USA der 1930er Jahre angestellt hatten und in denen Wege gesucht wurden, wie der ‚mangelnden Motivation‘ und dem ‚tendenziell‘ destruktiven Charakter der Arbeitskräfte entgegengewirkt werden könne. Hinzu kam ein nach eigener Auskunft ‚naiver Marxismus‘. Und schließlich wurde die FIAT-Untersuchung in enger Kooperation mit der CGIL - dem kommunistischen Gewerkschaftsverband – durchgeführt. Die Organisierungsfrage, die hier zuerst gestellt wurde, ging davon aus, dass die Krise der modernen Fabrik zugleich eine Krise der traditionellen Gewerkschaften hervorbringe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Bundesrepublik entwickelten sich im Grunde ganz ähnliche Ansätze, im SDS, in der Bildungsarbeit der damals relativ linken IG Chemie und der IG Metall. Günther Wallraff, der eines dieser Projekte schriftstellerisch begleitete, schrieb Mitte der 1960er Jahre:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Man hat mir von einem Arbeiter erzählt, der sich auf seine Art gegen das Band zu wehren wusste. Er soll am vorderen Bandabschnitt eingesetzt worden sein. Um eine einzige Zigarette zu rauchen, beging er Sabotage am Band. Statt einen Presslufthammer an die immer gleiche vorgesehene Stelle der Karosserie zu halten, bohrte er kurz in das Band hinein, und alles stand augenblicklich still: Tausende Mark Ausfall für das Werk, für ihn drei bis fünf Minuten Pause.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die frühe Militante Untersuchung betonte die Ineffektivität, ja die Unmöglichkeit einer totalen Kontrolle über die Arbeitskraft. Fragen nach der Möglichkeit der Selbstorganisation und der Selbstermächtigung schlossen sich an. Wenn man so will, dann war der Keim für die Reform des Fabrikregimes in diesen Texten bereits angelegt. Gleichzeitig trugen sie aber auch dazu bei, die Kritik an diesem Regime sichtbar und gesellschaftsfähig zu machen. Die Militante Untersuchung war sowohl Frühwarnsystem als auch Parteinahme für den Protest. Als es 1962 in Turin zu einem ersten Riot junger, migrantischer Massenarbeiter kam, entschied sich zumindest ein Teil der Forscher für die Parteinahme - und gegen die weitere Zusammenarbeit mit der CGIL.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die ‚Militante Untersuchung’ und die ‚autonome Arbeit’&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Verdienst des historischen Operaismus&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_u1aqwnx&quot; title=&quot;Operaismus: dissidente Strömung im italienischen Marxismus, die sich aus Projekten wie der militanten Untersuchung entwickelte.&quot; href=&quot;#footnote2_u1aqwnx&quot;&gt;2&lt;/a&gt; ist nicht, die ‚Autonomie in der Arbeit’ entdeckt zu haben. Lange vor der FIAT-Untersuchung war sie bereits von der Industriesoziologie beschrieben worden und bis heute wird sie von ihr ‚operationalisiert’. Die Pointe war nicht die ‚Militante Untersuchung’ als solche, sondern ihre Verknüpfung mit einer Theorie der Revolution, die die Subjektivität der sozialen Kämpfe, ihren Eigensinn, die Notwendigkeit der Ermächtigung und Selbstverwaltung hervorhob. Aus Sicht von Operaisten wie Panzieri, Tronti und Negri schafft die Revolte der Arbeitenden das Kapital, nicht nur im ökonomischen Sinne, wie im tendenziellen Fall der Profitrate ausgedrückt, sondern auch in der konkreten Verweigerung gegen die Zumutungen der Arbeit. Aber welchen Ort hat dieser Protest? Martin Dieckmann antwortete vor einigen Jahren mit der Feststellung, dass „die Arbeiter_innen außerhalb des Kapitals zwar als Klasse, aber als Einzelne, während sie als gesellschaftliche Klasse nur im Inneren des Kapitals, als angewandte Arbeitskraft, fungieren.“ Arbeitskämpfe sind in diesem Sinne, wenn man so will, eine ‚Rebellion der angewandten Arbeitskraft’, die strukturell und räumlich getrennt von der Arbeiter_innenklasse existiert, die im Raum des öffentlichen politischen Handelns präsent ist. Die Restrukturierung der Fabrik, die bis heute anhält, schließt die Poren des Widerstandes, die innerhalb dieser Position nicht nur denkbar waren, sondern auch praktisch wurden. Dabei spielten die Gewerkschaften eine entscheidende Rolle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die offenen organisierten Streiks der späten 1960er Jahre, ob in Paris, Turin, Kiruna, Dortmund oder London, waren zugleich Kämpfe, die zwischen der Position der Verweigerung und der Position der Produktivität ausgetragen wurden. Autonomie und Selbstorganisation waren Stichworte, die sowohl im Sinne der Reform des Fabrikregimes als auch im Sinne der Revolte dagegen zum Sprechen gebracht wurden. Dabei ist es kein Zufall, dass eines der wenigen großen Beispiele des Arbeitskampfes in Frankreich im Mai 1968, in dem die Frage der Selbstverwaltung die Forderung nach besseren Löhnen und Arbeitsbedingungen auskonkurrierte, ein Kampf der hoch Qualifizierten war, die die ‚gute Arbeit’ forderten. Im Anschluss an solche Kämpfe wurden die Gewerkschaften zum Träger eines historischen Kompromisses, der Autonomie und Selbstorganisation zu funktionalen, hochwertigen Bestandteilen der kapitalistischen Produktion machen wollte, ein Arrangement, das in erstaunlicher Geschwindigkeit die alten Rationalisierungsabteilungen und REFA-Debatten ablöste, die vor allem in Nordeuropa im Konsens mit den Unternehmern auf dem Höhepunkt der ‚Goldenen Zeiten’ eingerichtet worden waren. Dass die Gewerkschaften in Westeuropa um 1975 eine Stärke erreichten, die historisch nur mit der in der revolutionären Situation nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg verglichen werden kann, war untrennbar mit der Adaption der Forderungen aus den Arbeitskämpfen verbunden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein wichtiges Moment war die Instrumentalisierung und Operationalisierung der Subjektivität, die in den westeuropäischen Ländern vermittels von Programmen wie der ‚Humanisierung der Arbeit’, den ‚neuen Unternehmenskulturen’ der 1980er Jahre, der Umstellung der Automobilproduktion von der Linearität der Bandarbeit auf selbst steuernde Gruppen, schließlich in Formen wie der ‚indirekten Steuerung’ betrieben wurde. Dass die Kritik der politischen Ökonomie mit dem Operaismus ein Subjekt bekam, dass das historische Verhältnis zwischen einer unproduktiv gewordenen Arbeiterbewegung und der politischen Organisierung auf den Kopf gestellt wurde, schreibt sich in diese Geschichte ein: Die Antwort war, die Lohnarbeit selbst zu entgrenzen, auch die informellen und kommunikativen Anteile des Arbeitsprozesses sichtbar und verwertbar zu machen. Die Renaissance des Operaismus, die in der radikalen Linken seit einigen Jahren vorhält, ist vor allem vor diesem Hintergrund bedeutend.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Militanten Untersuchungen der Zukunft&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Heute ist es kaum noch denkbar, den Zyklus von Ironie, Verweigerung und Produktivmachung zu erneuern, ohne den Konflikt zu betonen, der ihm innewohnt. Vor dieses Problem ist die radikale Linke gestellt insofern sie, wie Dieckmann schrieb, seit einiger Zeit „eine Entdeckungsreise in den neuen Kontinent“ der Lohnarbeit unternimmt. Die Produktivmachung von Kommunikation und Körpern, die Entgrenzung der Arbeitszeit, die Prekarisierung der sozialen Absicherung, all dies stellt ganz unmittelbar die Frage nach Handlungs- und Widerstandsmöglichkeiten. Was wäre an einer ‚Autonomie in der Arbeit’ unter den aktuellen Bedingungen erstrebenswert? Wie werden unter diesen Bedingungen soziale Rechte und Grenzen der Ausbeutung definiert? Heute kann ‚Militante Untersuchung’ sich nicht mehr auf die Entdeckung des lokalen Eigensinns beschränken, darauf warten, dass der rebellische Maulwurf irgendwann die gesellschaftliche Oberfläche erreicht. Viel stärker als im historischen Operaismus müssen heute die bereits in aller Offenheit stattfindenden Konflikte in ihrem Zusammenhang begriffen werden. Dabei können die Ansatzpunkte, die die feministische Kritik am Operaismus der frühen 1970er Jahre fokussiert hat, wieder ins Gespräch gebracht werden: die Kritik an der Produktion und Reproduktion öffentlicher Güter, der Kampf um urbane Räume, die bedeutende Rolle migrantischer Kämpfe. Es gilt, die Scharniere sichtbar zu machen, die zwischen den ‚diskreten’ und den öffentlichen Räumen existieren, in denen sich die Selbstorganisation der Lohnarbeit heute abspielt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei einer militanten Untersuchung wird die Arbeitsteilung zwischen Untersuchenden und Untersuchten nicht nur umgedreht, sondern in der Tendenz aufgehoben. Selbstverständlich hat auch die distanzierte Beobachtung der ‚umkämpften Arbeit’ eine große Bedeutung. Arbeiten über die Kämpfe im Dienstleistungssektor, Untersuchungen über Streiks bei Gate Gourmet oder Opel, über urbane soziale Kämpfe, Freiräume, öffentliche Güter, die Geschichte der Selbstverwaltung und der Alternativbewegung, die Kämpfe der Migration, die Neuzusammensetzung der Klasse in China, Indien oder Südafrika sind vielleicht bedeutender als wir selbst meist denken. Mein Eindruck ist, dass derartige Untersuchungen - ob sie nun innerhalb, am Rande oder außerhalb des Wissenschaftsbetriebes angesiedelt sind - in den vergangenen Jahren an Umfang und Qualität gewonnen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine offene Frage bleibt jedoch, wie diese zersplitterte Sammlung von Texten und Themen zu einer umfassenden, kollektiven Arbeit werden können, die mehr beschreiben als nur Episoden des Klassenkampfes. Eine Debatte über den roten Faden all dieser Untersuchungen, eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhältnis zum so genannten Gegenstand, eine Erörterung der systemfeindlichen Potentiale der Kämpfe, der eigenen Ressourcen und der möglichen Alternativen wären ein Fortschritt. Die vorliegende Ausgabe der arranca! kann vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_lz6sumy&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_lz6sumy&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Der Blaue Montag war die allwöchentliche Verweigerung der Handwerksgesellen des 19. Jahrhunderts, an Montagen zu arbeiten. Allgemein steht er für den lokalen, ‚unpolitischen’ Kampf um die Arbeitszeit.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_u1aqwnx&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_u1aqwnx&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Operaismus: dissidente Strömung im italienischen Marxismus, die sich aus Projekten wie der militanten Untersuchung entwickelte.&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Tue, 19 Jan 2010 14:24:09 +0000</pubDate>
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