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 <title>arranca! - Behinderung</title>
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 <title>Raus aus dem Reservat</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/raus-aus-dem-reservat</link>
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                    &lt;p&gt;Der Artikel „Was heißt Ableism? Überlegungen zu Behinderung und bürgerlicher Gesellschaft“ in der arranca! Nr. 43 hat bei uns einen widersprüchlichen Eindruck hinterlassen. Die politische Intention des Artikels ist uns durchaus sympathisch. Auch der Ansatz einer sozialwissenschaftlichen Definition des Behindertseins in der bürgerlichen Gesellschaft trifft im Großen und Ganzen auf unsere Zustimmung. Doch uns fehlt der konkrete Blick in den Alltag behinderter Menschen, zu denen wir übrigens selber auch gehören.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Der Artikel &lt;a href=&quot;http://arranca.org/43/was-heisst-ableism&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;„Was heißt Ableism? Überlegungen zu Behinderung und bürgerlicher Gesellschaft“&lt;/a&gt; in der &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/43&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;arranca! Nr. 43&lt;/a&gt; hat bei uns einen widersprüchlichen Eindruck hinterlassen. Die politische Intention des Artikels ist uns durchaus sympathisch. Auch der Ansatz einer sozialwissenschaftlichen Definition des Behindertseins in der bürgerlichen Gesellschaft trifft im Großen und Ganzen auf unsere Zustimmung. Doch uns fehlt der konkrete Blick in den Alltag behinderter Menschen, zu denen wir übrigens selber auch gehören.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Alltag und Reservat&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Aus diesem Grund fühlen wir uns auf positive Weise herausgefordert, selber etwas Tinte auszuschwitzen, um eine kleine Portion Alltagsflair aus unserem ganz persönlichen Leben rüberzubringen. Objektivitätsansprüche melden wir besser nicht an. Außerdem überlassen wir das Verbraten sozialwissenschaftlicher Allgemeinplätze über das Dasein Behinderter gerne jenen normalen Fachleuten des Wissenschaftsbetriebs, die sich wertfrei oder auch mal philantropisch über unseren Alltag hermachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir selbst bewegen uns in unserem konkreten Alltag weder im bürgerlichen Mainstream noch auf der entsprechend angepassten Behindertenschiene. Wir sind weder im Blindenverband noch in einer der verschiedenen alternativ gestrickten Selbsthilfegruppen. Solche Organisationen können sicherlich sehr hilfreich sein. Doch aus unserer Sicht sind sie selbst Teil jenes Reservats für Behinderte, das die bürgerliche Gesellschaft für Leute wie uns fürsorglich eingerichtet hat.&lt;br /&gt;Wir aber fühlen uns auf den holprigen Pfaden des Radikalen sehr viel wohler als in der abgeschotteten Sicherheit des Reservats.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ein scheinbares Klischee&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Trotzdem müssen wir ein bekanntes Klischee scheinbar bestätigen: Wir sind sehbehindert und machen Musik. Typisch blind, schallt es da schon mal aus den Tiefen des Publikums. Die meisten Menschen glauben tatsächlich, dass Leute wie wir zum Musikmachen besonders geeignet, quasi verpflichtet sind, weil wir von Natur aus angeblich über ein phänomenales Gehör verfügen. Dieser alte Glaube wird sogar von Sehbehinderten selbst zum Teil gepflegt und wir kennen solche Vorstellungen auch aus linken Kreisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun wollen wir gar nicht bestreiten, dass es unter Blinden und Sehbehinderten relativ viele Leute mit sehr guten Ohren geben kann, vielleicht sind sogar wir beide damit ausgestattet, was uns keineswegs ärgern würde. Einen Vergleichstest mit dem Gehör der „Normalen“ haben wir jedoch nicht gemacht. Wir bestreiten ohnehin, dass nur unser Gehör Grund für die Aufnahme einer Musiker_innentätigkeit gewesen ist. Immerhin gibt es auch Menschen mit Adleraugen, die Musikmachen als Traumberuf betrachten.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ausbruch aus dem Reservat&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wir jedenfalls haben mit Musik und ein bisschen Schreiberei unseren prekären Platz in der bürgerlichen Leistungsgesellschaft ergattert.&lt;br /&gt;Dafür werden wir von manchen wohlmeinenden Mitmenschen sogar ein bisschen bewundert. Weil uns das aber weder dankbar noch zufrieden macht, müssen wir auch noch auf Berge klettern und wenn Schnee liegt, diese auf schnellen Brettern auch wieder runterfahren. Die zahlreichen anderen von uns gepflegten Dummheiten wollen wir mal lieber nicht erwähnen, denn die wohlmeinenden Mitmenschen lassen dann erfahrungsgemäß jede Menge Unverständnis vom Stapel. Musikmachen wäre ja okay, weil das durchaus als Teil des Reservats durchgehen könnte. Alles andere ist aber eindeutig Ausbruch aus dem Reservat und daher nicht akzeptabel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt in diesem Land ohnehin genug Leute, die es für unverantwortlich halten, Blinde und Sehbehinderte vor die Tür zu lassen, weil sie alles umrennen – was durchaus stimmen kann. Neulich erst erwischten wir beim Joggen eine Schubkarre, die mitten im Weg stand und wir hielten einen Mann, der uns im Wald beim Pinkeln beobachtete, zunächst für einen verrotteten Baumstumpf. Einmal gerieten wir sogar auf das Gelände eines umzäunten Sperrgebietes. Wie das passieren konnte, wissen wir bis heute nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nein, sie haben uns nicht gleich erschossen, auch nicht, als die Bullen uns mal beim Mais pflücken erwischten. Bei solchen Aktionen haben wir offenbar immer einen Blindenbonus. Die denken tatsächlich, wir hätten nicht gesehen, was wir da machten. Nicht, dass wir unbedingt in den Knast wollen. Aber wir fragen uns schon manchmal, was wir noch alles machen müssen, um nicht immer als Leute aus dem Reservat behandelt zu werden. Einfallen könnte uns da schon vieles.&lt;br /&gt;Wenn wir über so was reden, lösen wir durchaus blankes Entsetzen aus. Dann gibt es wieder diese wohlmeinenden Mitmenschen, die uns die Vorzüge des Reservats schmackhaft machen wollen. Entsetzt sind aber manchmal auch unsere erwachsenen Kinder. Sie können zum Beispiel nicht ganz verstehen, dass wir uns auch noch als politische Aktivist_innen betätigen müssen. Wobei wir uns kaum mit Behindertenpolitik beschäftigen. Das ausschließliche Agieren im politischen Reservat der Betroffenen wäre uns etwas zu eng und Reservatssprecher_innen wollen wir überhaupt nicht sein. Eher befassen wir uns mit der brennenden Aktualität, gehen also mal zum Mais pflücken, Castor schottern oder Nazis verjagen. Die Kids fragen dann schon mal, ob das Herumtreiben auf Demos für Leute wie uns nicht zu gefährlich sei. Aber gerade solche Aktivitäten sind wichtig und notwendig, um von der bürgerlichen Gesellschaft nicht im Behindertenreservat abgelegt zu werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Applaus für die Stars&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Manchmal wird Behinderten aber auch heftig applaudiert. Als die blinde Biathletin Verena Bentele im vergangenen Jahr fünf Goldmedaillen gewann, war für die breite Öffentlichkeit eine Heldin geboren. Monatelang war sie Quotenbringerin für alle möglichen Rundfunk- und Fernsehsender und im Internet ist ihre Präsenz bis heute ungebrochen. Oder Stephen Hawking, dieser Dauerstar der Astrophysik, Erbe Einsteins und mathematischer Erkunder der Unendlichkeit, reißt bisweilen via Computer auch noch Witze über seine Behinderung und die große Wissenschaft. Aber es geht auch mit der hohen Kunst des Schreibens, wie der US-Schriftsteller Jim Knipfel bewiesen hat. Als blinder Punk entspricht er ganz besonders den Wünschen des sensationslüsternen Publikums. Seine Kolumne „Blindfisch“ war viele Jahre ein Renner in verschiedenen US-Blättern und sein gleichnamiger Roman fand auch kräftigen Applaus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Begeisterung auf allen Kanälen, quer durchs Internet und auch in den Feuilletons. Selbst wir sind angesteckt. Das sind doch welche von uns, die den sogenannten Normalen mal gezeigt haben, wo die Flinte und der Rechenschieber hängen und wie eine anständige Story geschrieben wird.&lt;br /&gt;Die sind raus aus dem Reservat, sind aus dem Gebüsch ins Rampenlicht gesprungen, haben Spitzenleistung gebracht. Ihre Behinderung wird dabei keinesfalls vergessen, im Gegenteil, sie gehört zur Steigerung der Sensation dazu. In einer Zeit, die permanent nach Entertainment und Superlativen giert, passen die paar behinderten Stars voll ins Programm. Behinderte wurden, wie Leute aus anderen Reservaten, schon immer gern vorgeführt – früher im Zirkus, heute im Internet.&lt;br /&gt;Klar, wir bedienen diesen Zeitgeist bisweilen auch, kokettieren in unseren Songs und bei den Auftritten durchaus mit unserer Behinderung. Das bringt Aufmerksamkeit und Kohle. Und die brauchen wir in dieser herrlichen Gesellschaft, wenn wir nicht wieder ins Reservat verbannt werden wollen.&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/behinderung">Behinderung</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/bewegungsgeschichte">Bewegungsgeschichte</category>
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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 18:31:58 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Ich kann das alleine! Ja?</title>
 <link>https://arranca.org/43/ich-kann-das-alleine-ja</link>
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                    &lt;p&gt;Jeder Mensch ist von anderen Menschen abhängig – als Kind, im Alter, bei Krankheit oder Behinderung in erhöhtem Maße. Jetzt einfach nur zu sagen: „Wir sind ja alle irgendwie abhängig; wir wollen es nur nicht so richtig sehen“, ist genauso einfach gestrickt wie „Wir sind ja alle irgendwie behindert“. Es stimmt einfach nicht. Selbstbestimmt zu leben hingegen ist für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen von Bedeutung.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;Jeder Mensch ist von anderen Menschen abhängig – als Kind, im Alter, bei Krankheit oder Behinderung in erhöhtem Maße. Jetzt einfach nur zu sagen: „Wir sind ja alle irgendwie abhängig; wir wollen es nur nicht so richtig sehen“, ist genauso einfach gestrickt wie „Wir sind ja alle irgendwie behindert“. Es stimmt einfach nicht. Selbstbestimmt zu leben hingegen ist für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen von Bedeutung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nehmen wir exemplarisch eine Person und nennen sie Line Stankowski. Sie ist schwer behindert und Selbstbestimmung spielt für sie eine besonders große Rolle. Sie ist 40 Jahre alt und fährt einen Elektrorollstuhl. Sie hat Muskelschwund. Das bedeutet, ihre Kraft nimmt ständig ab, und ihre Bewegungen schränken sich dadurch immer weiter ein. Als Kind konnte sie noch laufen. Heute ist sie nahezu bewegungsunfähig. Lediglich den Stick der Steuerung ihres Rollstuhls und die Maus des Rechners kann sie noch bedienen. Sie benötigt ständig einen anderen Menschen in ihrer Nähe, der ihre Muskelfunktionen beim Essen, Trinken, Waschen, Husten, sich Kratzen, Ausscheiden, Einkaufen, Telefonieren etc. ersetzt. Ohne diesen würde sie innerhalb kürzester Zeit immer stärkere Schmerzen bekommen, weil sie die Sitzhaltung nicht selbstständig verändern kann, und würde bald auch in Gefahr für Leib und Leben geraten. Line Stankowski lebt in ihrer eigenen Wohnung. Vor 20 Jahren hat sie Soziologie und Jura studiert und arbeitet seither bei einer Werbeagentur. Mittlerweile ist sie zur Geschäftsführerin aufgestiegen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Selbstbestimmung, Abhängigkeit und Behinderung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Gemeinhin leben Menschen wie Line Stankowski in einem Heim oder werden durch einen Pflegedienst betreut. Das wird schon lange so gehandhabt. Seit etwa 200 Jahren werden behinderte Menschen ausgesondert und in Anstalten und Heimen untergebracht. Die Ver-sorgung von Menschen, die nicht gehen, sehen, hören oder schnell und folgerichtig denken konnten und auch allgemein von Menschen, die gesellschaftlich unerwünscht waren, entwickelte sich schnell zu einer volkswirtschaftlich bedeutsamen Branche. Die dysfunktionalen nutzlosen Leiber wurden zum Humankapital der besonderen Sorte. Mit der Fürsorge für sie bekamen die Kirchen in einer sich rasant säku-larisierenden Atmosphäre eine neue Daseinsberechtigung. Darüber hinaus erwarben sie tatsächlich sehr bald erhebliche Ressourcen aus öffentlichen Zahlungen und Spenden. Es entstanden Arbeitsplätze und Sinngebungen für die, die diese Arbeit machten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nur für die mit diesen nutzlosen Leibern gab es keinen Nutzen, außer dass ihr Überleben auf einem niedrigen Komfortniveau garantiert war. Ihre Körper gehörten nicht ihnen, sondern der Wohlfahrt. Hätte Line Stankowski vor 100 Jahren gelebt, wäre sie nicht einmal an die frische Luft gekommen, obwohl es zu dieser Zeit schon straßenfähige Rollstühle gab. Die Häuser in den Einrichtungen waren so gebaut, dass meist auch das Erdgeschoss nur über Stufen zugänglich war, obwohl diese Gebäude von vornherein für Menschen errichtet wurden, für die Stufen nicht sonderlich hilfreich sind. Hätte sie vor 70 Jahren gelebt, wäre Line Stankowski aus der Einrichtung, in der sie bisher gelebt hatte, in eine andere deportiert worden, in der sie innerhalb weniger Tage ermordet worden wäre. Aber auch noch Jahrzehnte nach dem Nationalsozialismus gab es zu einem Leben in absoluter Abhängigkeit, also einem Leben im Heim oder mit einer Sozialstation, bzw. der Pflege durch Angehörige keine Alternative. Schwer behinderte Menschen können erst seit etwa 30 Jahren selbstbestimmter leben – und auch das nur in den westlichen Ländern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das ist eines der Ergebnisse der emanzipatorischen Behindertenbewegung, die in den 1960er Jahren von den USA mit der Independent-Living-Bewegung ausging und mit der Krüppelbewegung zehn Jahre später auch in Westdeutschland ankam. Noch immer ist es die Ausnahme, dass Menschen mit einem umfangreichen Hilfebedarf in einer eigenen Wohnung mit Assistenz leben. Die meisten sind weiterhin von ihren Angehörigen abhängig oder leben in einer Einrichtung. In vielen Heimen wird ihnen sogar vorgeschrieben, wann sie zu scheißen haben. Die engen Personalschlüssel machen feste Toilettenzeiten unabdingbar. Wer damit nicht klarkommt, muss sich für Windel oder Katheter entscheiden. Zudem werden in Heimen Leute, die Muskelschwund haben, selten so alt, wie Line Stankowski jetzt ist. Meist sterben sie schon mit Ende 20, weil in gesundheitlich prekären Situationen, wie z. B. Atemnot durch Verschleimung, niemand bei ihnen ist, der sachgerecht helfen könnte. Auch sonst müssen sie täglich Schmerzen und Entbehrungen erdulden, die den Lebenswillen schwächen, weil sie auf Station zu wenig Hilfe erhalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Behindertenbewegung zwang die Öffentlichkeit, Behinderung und die damit verbundenen gesellschaftlichen Schieflagen wahrzunehmen. Sie thematisierte Diskriminierung und forderte soziale Rechte ein. Nach etwa 40 Jahren sind heute, wie bei vielen emanzipatorischen Prozessen, zentrale Figuren der Bewegung und vor allem die Inhalte (die manchmal eher Worthülsen sind) in der Regierungspolitik angekommen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die Situation behinderter Menschen in der Breite geändert hat. Es sind jedoch Voraus-setzungen dafür geschaffen worden, dass Einzelne ihre Situation in Richtung von Selbstbestimmung und Eigenständigkeit verändern können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Line Stankowski ist körperlich in gleicher Weise von der Hilfe anderer Menschen abhängig wie eine Frau mit der gleichen Behinderung in einem Heim. Doch die Menschen, die ihr die nötigen Unterstützungen geben, sind bei ihr angestellt. Das Sozialamt ist verpflichtet, für diese Assistenz zu zahlen. Es überweist monatlich einen Betrag auf ihr Konto, der nicht höher sein darf, als der, der diese Leistung durch einen Träger der Behindertenhilfe kosten würde. Davon stellt sie ihre Assistentinnen und Assistenten direkt bei sich an. Sie sucht sie sich aus und schließt mit ihnen Arbeitsverträge ab. Sie macht ihre Dienstpläne und sagt ihnen, wo sie an welchem Tag arbeiten müssen. Sie gibt ihnen vor, was sie tun sollen und wie sie es tun sollen. In der konkreten Situation ist sie von ihnen genauso abhängig wie die Kundin einer Sozialstation oder die Bewohnerin eines Heimes von den Pflegerinnen und Pflegern. Aber die Abhängigkeiten sind nicht mehr einseitig verteilt. Sie ist die Arbeitgeberin und ihre Assistentinnen sind als Arbeitnehmerinnen auch von ihr abhängig. Sie können im Konfliktfall abgemahnt oder gar entlassen werden. Dass Line Stankowski vom Personal vorgeschrieben bekommt, wann sie scheißen kann, ist undenkbar.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Selbstbestimmung, Abhängigkeit und Nichtbehinderung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ein wesentlicher Teil der Diskriminierung Behinderter besteht darin, dass sie zur Projektion der Ängste und Erfahrungen von körperlicher und psychischer Beeinträchtigung von Menschen werden, die sich als nichtbehindert begreifen. Mit solchen Übertragungen gehen dann Abwertungen einher. Menschen ohne Behinderung denken, sie könnten nie so leben. Sie verwechseln die Angst vor dem Verlust von Fähigkeiten mit der tatsächlichen Erfahrung, als behinderter Mensch zu leben. Die Übertragungen der eigenen Ängste bieten eine Möglichkeit, die eigene Verletzlichkeit und Abhängigkeit von sich fern zu halten. In der scheinbar klaren und unüberbrückbaren Unterscheidung zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen werden Verletzlichkeit und Abhängigkeit bei den Behinderten verortet, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Autonomie bei den Nichtbehinderten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stellen wir uns eine weitere Person vor: Frank Müller ist Anfang 30, hat sein Soziologiestudium abgeschlossen und jobbt seit etwa fünf Jahren. Er hat ein bisschen über die Krüppelbewegung gelesen und weiß, dass Selbstbestimmung und Abhängigkeit kein Widerspruch sein müssen. Das Konzept der persönlichen Assistenz findet er sehr sympathisch. Da er eine neue Arbeit sucht, bewirbt er sich bei Line Stankowski und erhält die Stelle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er hatte sich vorgestellt nach jedem Dienst mit einem guten Gefühl nach Hause zu gehen. Immerhin kann er mit seiner Arbeit einem anderen Menschen zu einem würdigeren Alltag verhelfen. In der Realität sieht es anders aus. Wie bei jedem Job ist er oft froh, wenn er nach Hause gehen kann. Seine Arbeitgeberin ist mitunter ungeduldig und genervt, weil er sich die nötige Routine erst aneignen muss und so ihr Alltag durch ihn beeinträchtigt wird. Gerade am Anfang dauert alles länger, und er macht die einfachsten Dinge falsch. So kratzt er mit dem Messer in der beschichteten Pfanne oder verstaucht ihr den Daumen, weil er beim Anziehen des Tops ihre Hand vorzeitig loslässt. Für Frank Müller ist es sehr schwierig, seiner Arbeitgeberin körperlich sehr nah zu kommen und gleichzeitig Distanz zu halten und sich nicht einzumischen. Es ist schließlich ihr Alltag, es sind ihre Entscheidungen. Line Stankowski stellt hohe Anforderungen. Aber anders als in den Arbeitsverhältnissen, die er bisher hatte, kann er sich weniger dagegen verwahren. Immerhin geht es dabei um ihre Körperlichkeit und ihren Alltag, ihre Privatheit und Intimität. In seiner Vorstellung von seinem Assistenzjob war er der unabhängig Selbstständige, der etwas eindeutig Gutes tut: einer anderen Person zu mehr Autarkie zu verhelfen. In seinem Arbeitsalltag wird er häufig kritisiert und zurückgewiesen, hat das Gefühl, den Anforderungen nicht zu genügen. Von außen bekommt er häufig wenig Unterstützung für die vielfältigen Aufgaben, die er übernimmt. Aber er sieht auch, dass seine Arbeit ihren Zweck erfüllt: Line Stankowski lebt selbstbestimmt, und er hat sein Auskommen. Gleichzeitig wird mit der Zeit klar, dass es nur in seiner Vorstellung katastrophal und unannehmbar war, in solch hohem Maß von anderen Leuten abhängig zu sein wie seine Arbeitgeberin. Für sie ist es Alltag und auch für ihn wird es bald Routine. Er sieht, dass sie Freuden und Lüste hat, wie andere Menschen auch, dass sie sich belohnt und ablenkt, und dass die Behinderung im Alltag häufig nur am Rande wahrgenommen wird. Das geht sogar ihm so, obwohl es ja sein Job ist, ihre eingeschränkte Körperlichkeit auszugleichen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Politische Errungenschaften&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Verschiedene Menschen sind auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Grad körperlich von anderen abhängig. In der westlichen Moderne ist Selbstbestimmung mit der Vorstellung eines handelnden Subjekts verknüpft. Es muss unabhängig und intakt sein. Allerdings schafft es niemand, so etwas dauerhaft zu verkörpern. Die meisten kriegen es irgendwie hin, eine derartige Illusion aufrecht zu erhalten. Es bleibt aber immer prekär, eine solche Subjektposition einzunehmen, denn niemand ist tatsächlich unabhängig und unverletzlich. Deutlich wird das durch diejenigen, die diesem Ideal am wenigsten entsprechen: Das sind unter anderem die Menschen, zu deren Einordnung das Konstrukt Behinderung entstanden ist. Menschen mit stark von der Norm abweichenden Körpern, die in hohem Maße von anderen abhängig sind, scheinen sich nach der herkömmlichen Vorstellung von Selbstbestimmung deshalb nicht emanzipieren zu können. Das ist ein Trugschluss.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn es um Fragen von Selbstbestimmung geht, werden Abhängigkeiten meist nur als etwas thematisiert, das es zu überwinden gilt. Für die Frage, wie selbstbestimmt eine Person leben kann, ist allerdings nicht in erster Linie wichtig, wie stark sie körperlich auf andere Menschen angewiesen ist. Es ist nicht so wichtig, sich möglichst vollkommen aus der Abhängigkeit von anderen zu befreien, sondern die Abhängigkeitsverhältnisse nicht autoritär zu gestalten. Line Stankowski hat an manchen Stellen größere Schwierigkeiten zu bewältigen und sich mit stärkerer Diskriminierung auseinanderzusetzen, als andere Menschen. Trotzdem ist sie eine selbstbestimmt handelnde Person. Die Grundlage dafür war eine Veränderung von gesellschaftlichen Bedingungen bezüglich der Hilfeerbringung für behinderte Menschen durch einen emanzipatorischen Prozess auf politischer Ebene.&lt;/p&gt;


&lt;!--
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 <pubDate>Tue, 21 Dec 2010 16:11:07 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Was heißt Ableism?</title>
 <link>https://arranca.org/43/was-heisst-ableism</link>
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                    &lt;p&gt;„Wir werden nicht als Behinderte geboren, wir werden zu Behinderten gemacht“ – dieser Slogan der Behindertenbewegung ist einfach, aber wahr. Die Abwandlung des Simone de Beauvoir-Klassikers, mit dem sie die Gesellschaftlichkeit von Geschlecht auf den Punkt brachte, könnte eine simple Erkenntnis sein, und doch scheint sie im Fall von Behinderung auf den ersten Blick verwunderlich: Behinderung sei doch eine manifeste Eigenschaft von Körpern, ein Mangel. Wenn ein Arm oder Bein fehlt, Nervenstränge gelähmt sind, dann ist da nichts gesellschaftlich Gemachtes, und auch das fehlende Augenlicht kann man nicht dekonstruieren, könnte man sagen. &lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;„Wir werden nicht als Behinderte geboren, wir werden zu Behinderten gemacht“ – dieser Slogan der Behindertenbewegung ist einfach, aber wahr. Die Abwandlung des Simone de Beauvoir-Klassikers, mit dem sie die Gesellschaftlichkeit von Geschlecht auf den Punkt brachte, könnte eine simple Erkenntnis sein, und doch scheint sie im Fall von Behinderung auf den ersten Blick verwunderlich: Behinderung sei doch eine manifeste Eigenschaft von Körpern, ein Mangel. Wenn ein Arm oder Bein fehlt, Nervenstränge gelähmt sind, dann ist da nichts gesellschaftlich Gemachtes, und auch das fehlende Augenlicht kann man nicht dekonstruieren, könnte man sagen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch der Satz würde nur stimmen, wäre der Mensch bloß Körper und würde es kein Denken und Reden über Körper geben. Zum „Behindert-Sein“ gehört mehr als der körperliche „Defekt“, „Behindert-Sein“ bein- haltet eine kulturelle Tradition von Zuschreibungen, Stereotypen sowie mitleidigen, verachtenden bis hin zu eliminatorischen Praxen. „Behindert-Sein“ beinhaltet auch die Kategorien des bürgerlichen Rechts, das Körper in behindert oder nichtbehindert, Person oder Nicht-Person, Frau oder Mann, deutsch oder nichtdeutsch einteilt. Auch das Konkurrenzverhältnis der Individuen, innerhalb dessen sich Körper in der bürgerlichen Gesellschaft zu bewähren haben, fließt in das Konzept mit ein.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ambivalente Bilder&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;So ist das ideologische Denken und Reden über Behinderung eine Konstruktion ähnlich dem Sexismus, Rassismus, Antiziganismus, der Homophobie usw. nicht eine bloße Diskriminierungsform, sondern gleichzeitig ein Denken, das sich permanent sowohl auf Normativität bezieht als auch Normativität hervorbringt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daher ist auch der herkömmliche (deutsche) Begriff für diese Form des Denkens unzureichend: „Behindertenfeindlichkeit“ bezeichnet bloß eine Facette dieses Denkens, das keineswegs immer als „Feindlichkeit“ daherkommt. Es ist komplizierter: Die Praxen des Umgangs mit als behindert gekennzeichneten Menschen können von den Handelnden sogar oft als besonders freundlich empfunden werden. In aller Regel „können die Behinderten ja nichts für ihre Behinderung“ – sie sind bedauernswerte Opfer ihrer Körper und einem Opfer gegenüber hat man Mitleid zu zeigen. So zumindest will es die bürgerliche Moral. Die diesem Umgang zu Grunde liegenden Bilder von Behinderung sind hingegen nicht immer freundlich, sondern bestenfalls ambivalent. Warum, davon wird später noch zu reden sein.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Reduzierung auf den Körper&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Bestimmung muss also früher anfangen als bei der Diagnose „Feindlichkeit“ als eine von vielen beobachtbaren Reaktionen auf Behinderung. Das Phänomen siedelt da, wo auch die anderen Formen des Denkens über Körper ihre Wurzel haben: In der Essentialisierung, das heißt im Urteil über das Wesen von Menschen anhand ihrer Körper- lichkeit. Biologismus kann man das Dach solcher Reduzierungen nennen,  die Menschen zum Beispiel nach ihrem Geschlecht, nach ihrer Hautfarbe oder ihrer Behinderung beurteilen. Dabei ist es weniger die Zuordnung zu einer Gruppe an sich (die zwar prekär ist, weil die Grenzen dieser Gruppen immer fließend sind), sondern es sind die daran festgemachten  Bilder und Bewertungen. Dass Frauen Kinder mögen, Männer gut ein- parken und Schwarze musikalisch sind – all diese vermeintlichen Beobachtungen haben nichts mit dem/der Einzelnen zu tun, sondern sind Sortierungen, die den/der Einzelnen erstmal unabhängig von ihnen selbst gegenübertreten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ist man Teil dieser derart sortierten und konstruierten Gruppe, könnte man sich diese Vorstellungen theoretisch zwar egal sein lassen – praktisch jedoch haben sie weitreichende Konsequenzen. Die Einzelnen stehen als Stellvertreter_in für die Kategorie, an der sie gemessen werden.  Sie werden beurteilt mit dem „Wissen“ das über „ihresgleichen“ in der Welt ist. Ob ein Mensch als „behindert“ gilt, wird anhand ihrer oder seiner Fähigkeiten entschieden – mit einer sehr flexiblen Grenze, ab wann die Fähigkeiten noch als „nicht behindert“ durchgehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Fähigkeit als Grenzmarkierung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Fähigkeit ist deshalb auch der Dreh- und Angelpunkt des essentialisierenden Denkens über Behinderung. Ob jemand etwas kann oder nicht kann ist Ausgangspunkt nicht nur für Auf- und Abwertung, sondern zuweilen auch für eine umfangreichere Bewertung: Zum Beispiel tun „Behinderte“ die Dinge in ihrem Leben dann immer entweder „wegen“ oder „trotz“ ihrer Behinderung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Deswegen ist Ableism auch der treffendere Begriff für die Reduzierung von Menschen auf ihren – nicht / behinderten – Körper. Ability bedeutet  Fähigkeit und Ableism die einseitige Fokussierung auf körperliche und geistige Fähigkeiten einer Person und ihre essentialisierende Be- und Verurteilung, je nach Ausprägung ihrer Fähigkeiten. Dass dabei die Fähig-keiten, die nicht der Norm genügen, in der Regel eher schlecht wegkommen, war mitgedacht von den Wortschöpfer_innen, die aus der englischsprachigen Behindertenbewegung kommen. Trotzdem betrifft  Ableism alle, auch die, die der Norm genügen oder sie sogar überbieten.  Dass jemand wegen seines für attraktiv befundenen Aussehens oft auch  im Verdacht steht, äußerst nett, schlau und charmant zu sein, ist im  Grunde genauso „ableistisch“, wie die Annahme, kleinwüchsige Leute  seien besonders lustig und clownesk oder blinde Menschen von Natur aus musikalisch und mit einem Spitzengehör ausgestattet. Ableism kann alle Menschen auf ihre Körperlichkeit reduzieren. Die praktischen Folgen jedoch werden für die defizitär Bewerteten weitaus unangenehmer  und ausgrenzender sein.&lt;br /&gt; Denn als behindert einsortiert worden zu sein, hat in Deutschland in aller Regel Ausschlüsse aus der Mehrheitsgesellschaft zur Folge.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Konsequenzen des Urteils „behindert“&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Schwer behinderte Menschen leben immer noch oft in Heimen (darunter  auch junge Menschen mit Behinderung, die unfreiwillig in Altenheimen  leben), obwohl mit Assistenz auch das Leben in einer eigenen Wohnung möglich wäre. Leute im Rollstuhl oder mit Geh- oder Sinnesbehinde-rungen sind durch unzugängliche Gebäude, nicht-barrierefreien ÖPNV  oder nicht-barrierefreier Kommunikation von vielen Teilen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen. Viele Schüler_innen mit Behinderung  werden in Deutschland auf die Sonderschule, ins Internat oder in spezi- elle Schulklassen verwiesen. Auch die Berufsausbildung wird teilweise in Spezialinstitutionen wie Berufsbildungswerken absolviert oder fällt  komplett aus. Studierende mit Behinderung sind immer noch die Aus- nahme. Arbeitgeber_innen, die es mal mit nem Behinderten versuchen, sind selten und die allermeisten Menschen mit Lernschwierigkeiten (bzw. geistigen Behinderungen) landen in der Werkstatt für behinderte Menschen und werden so vom regulären Arbeitsmarkt ausgeschlossen.  Die Urteile nicht leistungsfähig genug, zu langsam zu sein, zu spezielle Voraussetzungen zu haben sind zentral, wenn man sich anschaut, wo behinderte Menschen leben und arbeiten oder welche Beziehungen sie eingehen können.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Normativität&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Dabei ist schon in der Bestimmung von Behinderung eine Norm mit- gedacht, deren Forderungen eine körperliche Beeinträchtigung über- haupt erst zur „Behinderung“ werden lässt. Im bürgerlichen Recht wird  Behinderung seit einigen Jahren am „für das Lebensalter typischen Zustand“ gemessen: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrschein-lichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist“ (Sozialgesetzbuch IX, § 2, 1). Was genau der „typische Zustand“ ist, wird nicht näher ausgeführt, doch immerhin festgehalten, dass die Abweichung davon vor allem in Punkto Funktion und Fähigkeiten relevant wird. Deutlicher war da noch die frühere Minderung der Erwerbsfähigkeit, die bis vor wenigen Jahren einen Gradmesser für Behinderung darstellte. Die Fähigkeit zu arbeiten – daran entscheidet sich seit Jahrhunderten, ob eine_r als behindert gilt oder nicht, schon lange bevor der Euphemismus „Behinderung“ in der Nachkriegszeit erfunden wurde und als noch konkreter von Lahmen, Taubstummen und Krüppeln die Rede war. „Invalidität“ war da die ehrlichere Variante einer Bezeichnung für Behinderung in  einer Gesellschaft, in der der Wert eines Menschen durch seine Arbeits- fähigkeit bestimmt wird – „invalide“ heißt übersetzt „wertlos“ oder „ungültig“.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Etwas näher dran an einer unideologischen Bestimmung von Behinderung ist da überraschenderweise die Weltgesundheitsorganisation, in deren Kanon sich seit 2001 Behinderung aufteilt in Schädigung (z. B. Blindheit), Beeinträchtigung (man kann nicht einfach so rausgehen, wenn man sich nicht auskennt) und Partizipationseinschränkung (man ist durch fehlende Blindenleitsysteme ausgegrenzt). Andere Definitionen gehen noch weiter und sprechen von gesellschaftlichen  Rollenerwartungen, die beeinträchtigte Menschen nicht erfüllen können,  und erst dadurch behindert werden. Ein schönes Beispiel dafür ist das Brilletragen: Ohne eine Brille können Leute mit starker Fehlsichtigkeit zum Teil schwer beeinträchtigt sein, doch von einer Behinderung kann man dennoch in ihrem Fall kaum sprechen: Die Brille ist ein völlig normales und sehr verbreitetes Hilfsmittel, das die Beeinträchtigung ausgleicht und dabei sozial hoch akzeptiert, ja sogar angesehen ist. Anders sieht es aus bei einer Gesichtsentstellung, zum Beispiel durch eine Hautkrankheit. Funktional mag sie vielleicht kaum beeinträchtigen, sozial führt sie eventuell zu einer krassen Ausgrenzung, und damit faktisch zu einer Behinderung.  &lt;br /&gt;Behinderung ist also kaum biologisches Faktum an sich, sondern das  Zusammenspiel von Körper und gesellschaftlichen Normen und Erwartungen produziert sie überhaupt erst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Souveränitätserwartung in der bürgerlichen Gesellschaft Und diese Erwartungen sind in der bürgerlichen Gesellschaft ziemlich gnadenlos. Von bürgerlichen Individuen wird erwartet, sich verwerten  zu können und wollen. Der Unterhalt durch andere ist nur bei Kindern, alten und pflegebedürftigen Menschen sozial akzeptiert. Von allen anderen wird erwartet, dass sie ihren intakten Körper und Geist auf dem Markt als Ware Arbeitskraft einsetzen.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_1lm5bo1&quot; title=&quot;Dass behinderte Menschen nicht immer in vollem Umfang Wert schaffen können, war für die Nationalsozialisten der Kern der Begründung ihres „Euthanasie“- bzw. Tötungsprogramms, dem zehntausende behinderte Menschen zum Opfer fielen.&quot; href=&quot;#footnote1_1lm5bo1&quot;&gt;1&lt;/a&gt; Der Mindeststandard, den ihre Körper einhalten müssen, ist hoch: Sie müssen zum Beispiel in der Lage sein, Verträge zu schließen, egal ob als Verkäufer_innen von Arbeitskraft oder als Käufer_innen von Waren. Voll einsetzbare Bürger_innen sollen ihre Reproduktion selbst regeln, selbst essen können, sich selbst waschen und anziehen, alleine auf die Toilette gehen, mobil sein. Sie sollen sprechen, hören und sehen und sich an Kommunikationsregeln halten können. Von bürgerlichen Individuen wird Autonomie, Selbstkontrolle und Souveränität erwartet. Nur mit dieser Souveränität sind sie in der Lage, in der Konkurrenz um Jobs, Lohn und Anerkennung der bürgerlichen Welt mitzumachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Allein die Vorstellung, dass ihnen diese Mindestausstattung mal abhanden kommen könnte, erzeugt bei den meisten Menschen Angst. Schmerzen zu erleiden, abhängig zu sein oder nicht mobil sein zu können werden sich kaum Menschen wünschen, unabhängig von  der Gesellschaft in der sie leben. Und gerade in dieser Gesellschaft  mit ihrer individualisierten Art der Problembewältigung der Wechsel- fälle des Lebens können Behinderung und Krankheit nur als außer-planmäßige und unbewältigbare Störfälle erscheinen.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_rby3i9z&quot; title=&quot;Ob in anderen Gesellschaftsformen kooperative Arten des Umgangs mit Behinderung, Pflege und Assistenz denkbar wären und ob dieser Umgang zu einem anderen Bild von Behinderung und zu einer Reduzierung des „Schreckens“ von körperlicher Differenz und Abhängigkeit führen könnte, wäre eine lohnende Debatte.&quot; href=&quot;#footnote2_rby3i9z&quot;&gt;2&lt;/a&gt; In der bürger-lichen Welt erzeugen solche Körperszenarien einen besonders weit  reichenden Schrecken, eine Horrorvorstellung, besonders für jene, die sich die Maßstäbe der Konkurrenz voll zu eigen gemacht haben: Schließlich ist es der Körper, auf den man seine Existenz baut, der  durch seine Attraktivität Anerkennung bringt und in dem sich durch sein produktives Potential, zum Beispiel Häuser zu bauen oder Kinder zu gebären und zu zeugen, das Dazugehören zur Gesellschaft manifestiert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Projektionsfläche Behinderung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Generell gibt es keinen Grund, warum behinderte Menschen nicht genauso bürgerliche Individuen sein können wie Menschen, die als nicht behindert gelten – und sie sind es auch. Für sie gelten die gleichen Rechte, und mit Persönlicher Assistenz, den nötigen finanziellen Ressourcen, überbrückten Barrieren usw. können sie viel von dem tun, was nicht behinderte Bürger_innen auch tun. Trotzdem sind die meisten behinderten Menschen von so etwas wie einer selbstverständlichen Inklusion in die Gesellschaft weit entfernt. Mehr noch: Egal wie sehr sie an ihr teilhaben, für die bürgerliche Welt bleiben sie Projektionsfläche für Ängste vor Abhängigkeit und Verlust von Souveränität. Sie sind nicht nur die nicht-normative Folie, vor deren Hintergrund sich das als nichtbehindert verstehende Subjekt seiner prekären Normalität stets neu versichern kann. Sie gelten auch als Symbol für eine Verunmöglichung des Mitmachens in der Konkurrenz der bürgerlichen Welt. Diese Ängste werden besonders deutlich in bioethischen Diskursen, in denen jede Behinderung eines Kindes um jeden Preis vermieden werden muss und die Aussicht auf Pflegebedürftigkeit im Alter den Wunsch nach Sterbehilfe laut werden lässt.  Die Ängste werden auch sichtbar in der Kommunikation zwischen  behinderten und nicht behinderten Menschen. Behinderte Menschen erleben den Umgang mit ihnen oft als verkrampft, als eine ambivalente Mischung aus dem Ignorieren der Behinderung oder ihrer Überbetonung. Behinderte erleben Mitleid und Geringschätzung, genauso wie übertriebene Bewunderung für Selbstverständlichkeiten. Sie erleben, dass Leute lieber mit ihrer Begleitung als mit ihnen selbst sprechen, dass gerne über sie geredet wird statt mit ihnen. Sie erleben, dass Leute ihnen gerne und oft Hilfe anbieten, zuweilen auch ungefragt und aufdringlich und dass sie aber, wenn sie die Hilfe ablehnen, sich  manchmal auf aggressives Beleidigtsein einstellen müssen. Sie müssen damit rechnen, oft von völlig Fremden auf den Grund ihrer Krankheit oder Behinderung angesprochen zu werden und sollen deren verwunderte Begeisterung über so viel „Lebensfreude“ als Kompliment verstehen. Begleiterscheinung von solchem patronisierenden, bevormundenden Umgang mit behinderten Menschen oder das Nicht-Respektieren ihrer Privatsphäre ist das Absprechen ihres Subjektstatus.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Gesellschaftlich hervorgebrachtes Leiden&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Kern dieses Herangehens ist die Annahme, dass Behinderung nichts als Leiden bedeuten kann. Und dass, wenn Menschen unter ihren Behinderungen offensichtlich nicht leiden, sie wohl einen besonderen Charakter haben müssen. Dass Behinderung Leiden bedeuten kann, wird in der Emanzipatorischen Behindertenbewegung nicht mehr wie noch in ihren Anfangszeiten in den 80er Jahren grundsätzlich heruntergespielt zugunsten eines rein sozialen Modells von Behinderung. Dennoch bleibt der Konsens: Die Umstände sind es, die das Leiden mitverursachen. Körper ohne Gesellschaft ist undenkbar, auch Schmerzen und Abhängigkeit haben etwas mit der Situation der  Pflege, finanziellen Ressourcen und dem Medizinbetrieb zu tun.  Doch diese Erkenntnis will sich nicht so recht herumsprechen. Menschen mit Behinderung sind in den Augen der Mehrheit immer noch „von Natur aus arm dran“. Ein Stereotyp, das vor allem bei denen Schuldgefühle verursacht, die sich als nichtbehindert verstehen. Tief sitzt die Angst, etwas falsch zu machen gegenüber denen, die ja „von der Natur benachteiligt“ wurden. Und dass die sich vielleicht bei den „von der Natur Begünstigten“ über ihre Benachteiligung beklagen könnten. Denn ihr Versprechen der Chancengleichheit kann die bürgerliche Welt für behinderte Menschen nicht per se halten. Das verwirrt und lässt Unsicherheiten, ein Bedürfnis nach Fairness und den Wunsch, durch zum Beispiel übersprunghafte aufgedrängte Hilfe alles wieder gut zu machen, eine Art Gerechtigkeit herzustellen, entstehen. Oft werden aber auch die Unsicherheits-Auslösenden von vornherein vermieden – und dadurch ihre Ausgrenzung zementiert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Paradoxer Neid&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Offene Abwehr, Herabwürdigung und Diskriminierung behinderter Menschen hat dagegen wohl eher mit einer Form von paradoxem Neid zu tun. Einerseits tun einem die Behinderten leid, andererseits aber werden auf sie viele Standards der bürgerlichen Gesellschaft scheinbar nicht angewendet. Während an alle Nichtbehinderten die permanente Forderung nach dem Schaffen von Wert, nach Disziplinierung und Selbstkontrolle gestellt wird, während die Gesunden zur Bundeswehr müssen oder sich mit ihrer tickenden biologischen Uhr und dem sozialen Druck zur Mutterschaft auseinandersetzen sollen, gilt all das oft für behinderte Menschen nicht ganz so unerbittlich. Auf eine fast dreiste Art und Weise scheinen sie sich der bürgerlichen Konkurrenz mit all ihren Härten entziehen zu dürfen: Wenn sie nicht für sich selbst sorgen können, Unterstützung bekommen, andere Vergleichsmaßstäbe für sie gelten, dann weil sie ja nichts dafür können. Das Bedürfnis nach Fairness und Gerechtigkeit verwandelt sich in Ärger über vermeintliche, unverdiente Vorteile eines beeinträchtigten Körpers. Und der Ärger pocht genauso auf eben jene Chancengleichheit – „warum müssen sich alle anstrengen, nur die nicht?“&lt;br /&gt; Dabei zeigt das Schimpfen über Behindertenparkplätze und Job-Quoten für Schwerbehinderte nicht nur die Ignoranz gegenüber all den Nachteilen, die Behinderung mit sich bringt, und die solche Maßnahmen ausgleichen sollen. Es zeigt auch die Härte, mit der die bürgerliche Welt auf alle losgeht, auch auf jene, denen sie volle Verwertbarkeit zuschreibt.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_1lm5bo1&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_1lm5bo1&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Dass behinderte Menschen nicht immer in vollem Umfang Wert schaffen können, war für die Nationalsozialisten der Kern der Begründung ihres „Euthanasie“- bzw. Tötungsprogramms, dem zehntausende behinderte Menschen zum Opfer fielen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_rby3i9z&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_rby3i9z&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Ob in anderen Gesellschaftsformen kooperative Arten des Umgangs mit Behinderung, Pflege und Assistenz denkbar wären und ob dieser Umgang zu einem anderen Bild von Behinderung und zu einer Reduzierung des „Schreckens“ von körperlicher Differenz und Abhängigkeit führen könnte, wäre eine lohnende Debatte.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <title>Bodycheck und linker Haken</title>
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 <title>Die radikale Linke in der Behindertenbewegung</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/33/die-radikale-linke-in-der-behindertenbewegung</link>
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                    &lt;p&gt;Obwohl die radikale Linke die westdeutsche Behindertenbewegung bis in die 1990er Jahre entscheidend geprägt hat, spielt sie in ihr derzeit keine bedeutende Rolle. Zugleich befindet sich die Behindertenbewegung in einer tiefen Krise, die Anlass geben könnte, das Verhältnis zur Linken neu zu bestimmen. Ein Symptom dieser Krise ist, dass die spektakulären Aktionen, mit denen die Bewegung eine breitere Öffentlichkeit erreichte, Jahre zurück liegen – so z.B. Blockaden von Buslinien, die nicht rollstuhlzugänglich sind, oder die Kampagne gegen öffentliche Auftritte des Euthanasie-Propagandisten Peter Singer. Im Gegensatz zum Internationalen Jahr der Behinderten 1981, das von massiven Protesten begleitet wurde, verging das entsprechende Europäische Jahr 2003 ziemlich sang- und klanglos.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;Obwohl die radikale Linke die westdeutsche Behindertenbewegung bis in die 1990er Jahre entscheidend geprägt hat, spielt sie in ihr derzeit keine bedeutende Rolle. Zugleich befindet sich die Behindertenbewegung in einer tiefen Krise, die Anlass geben könnte, das Verhältnis zur Linken neu zu bestimmen. Ein Symptom dieser Krise ist, dass die spektakulären Aktionen, mit denen die Bewegung eine breitere Öffentlichkeit erreichte, Jahre zurück liegen – so z.B. Blockaden von Buslinien, die nicht rollstuhlzugänglich sind, oder die Kampagne gegen öffentliche Auftritte des Euthanasie-Propagandisten Peter Singer. Im Gegensatz zum Internationalen Jahr der Behinderten 1981, das von massiven Protesten begleitet wurde, verging das entsprechende Europäische Jahr 2003 ziemlich sang- und klanglos.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Gemeinsamkeiten und Gegensätze&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Linke brachte in die Behindertenbewegung vor allem die Bereitschaft zur Wahrnehmung von und zum Kampf gegen Unterdrückung ein. Radikalität und Militanz waren notwendig, um zu fordern, was selbstverständlich sein sollte: Keine Aussonderung im gesellschaftlichen Leben (insbesondere in den Bereichen Wohnen, Bildung, Arbeit, Mobilität); Nutzbarkeit der gesellschaftlichen Infrastrukturen durch Menschen mit verschiedenen Behinderungen; Kontrolle über die Bedingungen der persönlichen Assistenz (als Alternative zu paternalistischer Betreuung) und Selbstvertretung der Betroffenen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit 1979 gründeten sich in der BRD zahlreiche „autonome Krüppelgruppen“, die sich als „autonom“ gegenüber „gemischten“ Organisationsformen verstanden, also auch gegenüber den Gruppen der nichtbehinderten Linken. Es ging darum, politische wie physische Räume zu schaffen, die frei von Paternalismus und zugänglich für Menschen mit verschiedenen Behinderungen sind. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Spannungen zwischen den Krüppelgruppen und anderen Linken. Beispiele waren die Konfrontation mit der Emma-Redaktion und deren Unterstützung für den bereits erwähnten Peter Singer oder die Kritik an dem gegen den § 218 gerichteten Slogan „Mein Bauch gehört mir“: Diese Kritik bezog sich auf die so genannte „eugenische Indikation“, die nach Auffassung der Krüppelgruppen keineswegs eine Frage individueller Entscheidungen, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Problem darstellte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Verhältnis zu anderen unterdrückten Gruppen war umstritten. Die einen gingen von der Gemeinsamkeit verschiedener Diskriminierungserfahrungen aus, andere betonten die spezifische Situation von Menschen mit Behinderungen. Diese spezifische Situation sahen manche darin, dass „Krüppelfeindlichkeit“ ein allgemein-geschichtliches Phänomen sei, das auch in der nichtbehinderten Linken dominiere. Viele Aktive fuhren zweigleisig: Einerseits engagierten sie sich in den militanten Krüppelgruppen, andererseits unterstützten sie die „Grünen“, um auf diesem Weg Veränderungen durchzusetzen. Insgesamt wurden „Regenbogen-Koalitionen“, d.h. der Austausch mit schwul-lesbischen und feministischen Gruppen bevorzugt. Kontakte zu Menschen nicht-deutscher Herkunft blieben die Ausnahme, diese Gruppe ist auch heute noch stark unterrepräsentiert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Zweischneidiger Erfolg: Stabilisierung zum Preis der Entpolitisierung&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Während der zweiten Hälfte der 1980er Jahre orientierte man sich verstärkt an der US-amerikanischen und internationalen Behindertenbewegung. In dieser Zeit entstanden selbstverwaltete Beratungsstellen – die „Zentren für Selbstbestimmtes Leben“ (ZSL). Sie fungierten als Kontaktbüros für die politische Arbeit und boten über finanzielle Förderungen Erwerbsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Annexion der DDR 1990 veränderte auch die behindertenpolitische Situation. Die DDR hatte, wie auch andere osteuropäische Länder, ihre eigene Behindertenbewegung, deren differenzierte Darstellung noch aussteht. Dass die Geschichte der Behindertenbewegung häufig nur als westdeutsche Geschichte gezeigt wird, ist symptomatisch für das Machtgefälle zwischen West und Ost. (Eine Korrektur dieser Einseitigkeit muss an anderer Stelle geleistet werden.) Heute ist die ostdeutsche Bewegung überwiegend in Verbänden organisiert, z.B. im Allgemeinen Behindertenverband oder im Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverband. Die ZSL in Jena und im Ostteil Berlins blieben die Ausnahme.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der allmähliche Bedeutungsverlust der Linken in der Bewegung hat insbesondere etwas mit deren Erfolgen zu tun. Musste man in den 1980ern noch radikal sein, um für etwas „Utopisches“ wie gemeinsame Schulen für Kinder mit und ohne Behinderungen oder selbstbestimmte Assistenz zu kämpfen, sind diese Forderungen heute mainstream und z.T. verwirklicht. Mittlerweile gibt es „inklusive“ Schulen und Pädagogik, Behindertenbeauftragte an den Universitäten und in großen Städten Assistenzgenossenschaften oder –dienste. Trotzdem sind sie nicht der Regelfall: Bezogen auf die Schule weist die BRD eine der niedrigsten Inklusionsraten in der EU auf, viele Hochschuleinrichtungen sind trotz Behindertenbeauftragter und Bauvorschriften unzugänglich, die Assistenzdienste erreichen nur einen kleinen Teil von Menschen und müssen ökonomisch ums Überleben kämpfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit der Etablierung der ZSL veränderte sich die Rolle vieler Aktiver: Aus Militanten wurden Lobbyisten, die hauptsächlich mit politischer Kontaktpflege und der finanziellen Sicherung ihrer Projekte beschäftigt sind. In der Bewegung werden Schlüsselpositionen verstärkt von Männern mit relativ geringem Assistenzbedarf eingenommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So unvermeidlich diese Entwicklung z.T. auch war, hat sie die Bewegung doch in eine tiefe Krise geführt. Zwar ist es gelungen, z.B. das Prinzip der Selbstbestimmung salonfähig zu machen und den Anspruch auf Arbeitsassistenz gesetzlich zu verankern; gleichzeitig konterkariert der Sozialabbau diese Erfolge und gefährdet die Arbeit der ZSL. Die einseitige Strategie der Verhandlung mit Regierungsvertretern verurteilt auf Dauer zur Ohnmacht – Druckpotenzial geht verloren, Nachwuchs und die Unterstützung gleichbetroffener Gruppen bleiben aus. Die Neoliberalen lenken durch ihre Kürzungspolitik die Aufmerksamkeit auf die materiellen Voraussetzungen der Emanzipation. Sie fordern bei ihren Gegnern die Infragestellung von Besitz- und Herrschaftsverhältnissen geradezu heraus. Die Veränderung zugunsten der Besitzlosen und Subalternen aber ist das, woran man die Linke erkennt. Deren dringlichste Aufgabe besteht nicht, wie noch in den 1980er Jahren, im Geltendmachen der Interessen subalterner Gruppen (Lesben, Schwule, Migranten, Behinderte usw.) gegen Homogenisierungsdruck in Parteien, Verbänden und Gewerkschaften. Heute geht es darum, die zersplitterten Kräfte zu einen, wobei für diese Einigung gelten muss, was der zapatistische Grundsatz in Bezug auf eine künftige Gesellschaft besagt: In ihr müssen „viele Welten Platz haben“, d.h. sie müssen einen gemeinsamen Raum schaffen, in dem die verschiedenen Interessen der Subalternen artikuliert werden können. Guter Wille reicht dafür nicht aus, es bedarf der politischen Auseinandersetzung.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Behinderung als individuelle Eigenheit und soziales Verhältnis&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Was heißt Behinderung, was Selbstbestimmung? Der Begriff Körperbehinderung wurde wahrscheinlich 1919 von Otto Perl geprägt, einem Mitbegründer des Selbsthilfebundes der Körperbehinderten. Heute gelten Menschen mit sehr verschiedenen Beeinträchtigungen als behindert. Die Grenzen sind verschiebbar. Einen Menschen, der an einem Ort für etwas „langsam“ gehalten wird und der als Hilfsarbeiter tätig ist, diagnostiziert man anderswo, wo die Ökonomie weniger Platz für Hilfsarbeiter bietet, als „lernbehindert“. Es geht dabei nicht nur, wie uns der Poststrukturalismus weismachen will, um „Diskurse“ oder „Sichtweisen“. Der Begriff der Behinderung ist der richtige Ausdruck verkehrter gesellschaftlicher Verhältnisse. In diesen gibt es zwar keine definitive Trennlinie zwischen Behinderung und Nichtbehinderung, aber deutlich unterscheidbare soziale Positionen. Daher ist die Behauptung, wir seien alle auf diese oder jene Weise behindert, interessierte Schönfärberei.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der traditionelle, medizinisch geprägte Behinderungsbegriff unterstellt Behinderung als gleichbedeutend mit oder als natürliches Resultat einer körperlichen Verfassung, die als beeinträchtigend betrachtet bzw. erfahren wird. Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung dagegen vertritt ein „soziales Modell“ von Behinderung: Hier rückt man, anstelle der körperlichen Konstitution, deren Besonderheit nicht geleugnet wird, die Beschaffenheit der gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnisse ins Zentrum. Diese sind es, die im eigentlichen Sinne behindern – Mängel an Assistenz, an Gebärdendolmetschern, an Rampen in Gebäude, an finanziellen Ressourcen, an Respekt. Diese sind es, die verändert werden müssen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Selbstbestimmung und inklusive Aktionsformen&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Selbstbestimmung ist der Kampfbegriff, der gegen vorfindbare Formen der Fremdbestimmung von Behinderten ins Feld geführt wird. Er bezeichnet die Möglichkeit, all die Dinge selbst entscheiden zu können, die Menschen ohne Behinderung normalerweise selbst überlassen sind. Dies betrifft insbesondere den Alltag: Menschen mit Behinderung fordern ihr Recht ein, selbst zu entscheiden, wann und mit wessen Hilfe sie aufstehen, sich waschen und zur Toilette gehen, welche Kleidung sie tragen, mit wem sie befreundet oder liiert sind, wo sie Arbeit suchen, wofür sie ihr Geld ausgeben usw. Leider ist all dies für viele Menschen noch nicht verwirklicht. Sie leben, weder unmündig noch verurteilt, unter aufgezwungenen Bedingungen, die denen von Kindern oder Strafgefangenen nicht unähnlich sind. Selbstbestimmung kann aber nicht auf formale Gleichheit innerhalb der bestehenden Verhältnisse beschränkt werden. Gefordert wird, dass auch Menschen mit eingeschränkter bzw. ohne Erwerbsfähigkeit über genügend Mittel verfügen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können; dass Erwerbswillige einen Ausgleich für Behinderungen auf dem „Arbeitsmarkt“ erhalten; dass Menschen an der Gesellschaft praktisch teilhaben können. Konsequenterweise müsste man dies auch denen zugestehen, deren Behinderungen wie Besitzlosigkeit, soziale Herkunft usw. nicht als Behinderung gelten: Selbstbestimmung, die nur eine Ausnahme und auf bestimmte Behinderungen beschränkt ist, wird zum Etikettenschwindel. Auf diese Weise wendet man sie zur neoliberalen Propaganda, die Freiheit unter Armutsbedingungen verspricht. Hier gilt es, den Trennstrich zu ziehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum Schluss noch ein praktischer Vorschlag. Linke Politik soll möglichst inklusiv sein, d.h. die Interessen von Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen zugleich berücksichtigen und vereinigen. Eine Kampagne gegen Kürzungen im öffentlichen Nahverkehr z.B. kann verschiedene Gruppen ansprechen: die von Stellenabbau bedrohten Beschäftigten, Fahrgäste, die weniger für ihr Ticket zahlen wollen, ökologisch Aktive, alte Menschen, Mütter (manchmal auch Väter) mit Kindern, Rollstuhlfahrer, die in ihrer Mobilität eingeschränkt werden, Flüchtlinge, die gegen „Residenzpflicht“ protestieren…&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine Voraussetzung derartiger Kampagnen ist, über die jeweiligen Lebenssituationen und Interessen im Bilde zu sein. Von daher ist ein behindertenpolitischer Beitrag in linken Medien hin und wieder am Platze.&lt;/p&gt;


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