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 <title>arranca! - Bewaffneter Kampf</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/123/0</link>
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 <title>Dino strikes back</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/5/dino-strikes-back</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Interview mit Klaus Viehmann, Co-Autor des 3:1 Papiers und ehemaliges Mitglied der Stadtguerilla-Gruppe &quot;Bewegung 2. Juni&quot; über Triple Oppression, Bewaffneter Kampf und Knast.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Interview mit Klaus Viehmann, Co-Autor des 3:1 Papiers und ehemaliges Mitglied der Stadtguerilla-Gruppe &quot;Bewegung 2. Juni&quot; über Triple Oppression, Bewaffneter Kampf und Knast.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Du bist vor ein paar Monaten nach 15 Jahren Haft entlassen worden. Wie bist du angekommen?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ich bin ausgerechnet an dem Tag ent­lassen worden, als im Kino &lt;em&gt;Jurassic Park&lt;/em&gt; anlief und es wurde gewitzelt, daß jetzt die linken Dinosaurier zurückkom­men. Ein bißchen habe ich mich wirk­lich so gefühlt. Von denen, die mich abholten, kannte ich die wenigsten von früher. Einzelne hatten 10 Jahre lang Besuchsverbot gehabt, andere waren politisch schon länger nicht mehr aktiv oder hatten kleine Karriere bei den Grünen gemacht.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Im Knast sind also neue Freundschaften entstanden?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ja, sicher. Sie sind manchmal sogar genauer gewesen als Freundschaften draußen, denn wenn sie gegen die Überwachung über Briefe oder wenige Besuche erhalten werden können, erscheinen sie wertvoller. Das Problem beim Rauskommen ist die Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit und dem, was dir in den Knast vermit­telt wird. Das lag nicht daran, daß mich Freundinnen angelogen hätten. Mir fehlte die sinnnliche Wahrnehmung, die eigenen Erlebnisse.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Es ist einfach ein Unterschied, ob dir jemand erzählt, &quot;das Wohlstandsgefälle hat zugenommen&quot; oder ob du mit eige­nen Augen in der Innenstadt eine bet­telnde Roma-Frau neben einem Yuppie mit Funktelefon siehst. Die abstrakten Zahlen über die zunehmende Armut in den Metropolen sagen dir ja nichts.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Haben deine BesucherInnen nicht auch schöngefärbt, um dir &quot;Zuversicht&quot; zu vermitteln? Das war ja relativ verbreitet bei den Gefangenenbesuchen.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Im Antiimp-Spektrum muß es das oft gegeben haben , aber bei mir war es nicht so.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Noch mal zu der Frage, was mir beim Rauskommen besonders aufgefallen ist. Die Linke heute unterscheidet sich von der, wie ich sie Mitte der 70er erlebt habe, schon deutlich. Ich meine, daß es damals eine größere Bereitschaft zur persönlichen Konsequenz gab und daß das gegenseitige Überzeugungsinteresse größer war. Heute ist Beliebigkeil und Vereinzelung spürbar. Früher wäre es beispielsweise kein Problem gewesen, im Auftrag einer Organisation in eine andere Stadt zu ziehen oder bei einer militanten Arbeit auch Knast mit einzu­ kalkulieren. Diese Bereitschaft sehe ich heute kaum.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Vielleicht ist es ja so, daß früher die Bereitschaft zum Bruch größer war, während heute die Bereitschaft zur Kontinuität deutlicher ausgebildet ist. D.h. das höchste der Gefühle ist nicht mehr der Bruch mit der Gesellschaft, sondern es geht darum, sich trotz aller Schwierigkeiten weiter in verschiedenen Sphären zu behaupten. Auch das kann Ernsthaftigkeit ausdrücken.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Mag sein. Der Unterschied wird wohl der sein, daß wir damals glaubten, den Wind der Geschichte im Rücken zu haben. Es gab eine Aufbruchsstimmung, die die Bereitschaft schuf, im persönli­chen Bereich etwas aufzugeben. Heute dagegen ist offensichtlich, daß ein langwieriges Projekt vor uns liegt. Also kein spontaner Bruch; wobei ich im übri­gen das Wort &quot;Bruch&quot; nicht mag, weil es unterstellt, daß man durch eine Wil­lensanstrengung aus den eigenen Ver­hältnissen herausspringen kann.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;War die Interventionsmöglichkeit für Linke 76/77 wirklich größer als Heute, wie uns viele Altlinke vorjammern, oder ist das eine Selbsttäuschung?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die 70er Jahre in irgendeiner Weise zu glorifizieren, halte ich für völlig falsch. Ich bin mit der subjektiven Erfahrung des Herbstes 77 in den Knast gekom­men, und damals war die Pogromstim­mung gegen die Linke, die Massenhy­sterie  in der Bevölkerung viel erdrückender als heute.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Klar, in manchen Bereichen war es sicher einfacher. Im Gewerkschafts- und Betriebsbereich gab es gute Arbeit, die dann abbrach, weil viele Linke im Zusammenhang mit der Rezession Ende der 70er Jahre entlassen wurden. Auch die AKW-Bewegung oder der Häuser­kampf spielen heute kaum eine Rolle mehr. Dafür gibt es neue Projekte in der Antifa oder bei der Arbeit mit Flüchtlin­ gen. Was ich allgemein für einen quali­tativen Fortschritt halte, ist, daß im Ver­gleich zu früher mehr ausländische Leute in linken Gruppen mitmachen. Damals gab es Kontakte mit Organisati­onsvertretern, aber keine gemeinsame Arbeit in Gruppen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Du hast gerade das Hetzklima 1977 angesprochen. Demnach kann man nicht behaupten, daß es heute viel reaktionärer zugeht. Vielleicht sagt du was zum Begriff der Faschisierung.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Wir sind vor 15 Jahren davon ausgegan­gen, daß der neue Faschismus aus den Innenministerien kommt, technokratisch geplant wird und ohne Massenbewe­gung auskommt. Das ist ein relativ leichtfertiger Umgang mit dem Begriff &quot;Faschismus&quot; gewesen. Wir haben die Bedeutung des Nationalsozialismus für die BRD zu wenig begriffen. Wir hielten den NS für ein Auslaufmodell, setzten uns nur am Rande mit den alten Nazis in den Strukturen auseinander, verstan­den die BRD als &quot;imperialistisches Subzentrum&quot;, als sozialdemokratisches &quot;Modell Deutschland&quot;. Das heißt, wir begriffen wenig, wie viel vom National­ sozialismus in dieser BRD noch ange­legt war. Seit 1989 sehen wir genau das wieder hervorbrechen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Der wesentliche Unterschied ist also, daß es im Gegensatz zu heute in den 70ern keine faschistische Mobilisierung auf der Straße gab.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;So wie du das schilderst, klingt es, also ob es einen verengten Blick auf die Herrschenden gab. Hat das damit zu tun, daß man die Massen für potentiell revolutionär hielt, ihnen so viel Schlechtigkeit nicht zutrauen wollte?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Sehr verkürzt kannst du das so sagen, vor allem bis Mitte der 70er Jahre. Daß es in den heroisierten &quot;Massen&quot; eine Menge Nationalismus und sowas wie Sexismus und Rassismen gab, haben damals nur die Frauenbewegung und einige andere problematisiert, in der Linken insgesamt war es ein weißer Fleck.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Wie war der politische Werdegang für Leute, die wie du in bewaffnete Gruppen gegangen sind?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die Anfänge meiner Politisierung lagen in der Schule. Ich weiß noch, daß das erste Flugblatt, das ich 1969 verteilte, sich gegen die NPD richtete, die damals drauf und dran war, in den Bundestag zu kommen. Wir verteilten relativ naive Flugblä tter in unserer Kleinstadt und wurden daraufhin zur politischen Poli­ zei vorgeladen. Das hat uns schon sehr gewundert.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Später war ich in einer Lehrlingsgruppe, wo wir vor allem gegen die ständige Überschreitung der Arbeitszeiten wehr­ten. 1972 hä tte ich zum Bund gemußt, weil ich aus der Lehre rausgeflogen bin. Ich ging nach Westberlin, habe in einem linken Buchhandel gearbeitet und bekam dadurch Kontakte zu einem sehr breiten Spektrum von Linken. Durch das, was wir damals gelesen und diskutiert haben, wurde mir zunehmend klarer, daß es eine reformistische Lösung nicht geben kann. Als Stich­punkte brauche ic h da nur die Notstandsgesetze oder den Vietnamkrieg nennen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ein Schlüsselpunkt in der Entscheidung für den bewaffneten Kampf war Ende 1973 der Militärputsch in Chile. Aus bio­graphischen Gründen habe ich die Ent­ wicklung dort genauer mitverfolgt, und der Putsch gegen Allende war ein deut­licher Beweis dafür, daß sich die Revolution von Anfang an bewaffnen muß. In Chile hatte die Volksfrontregierung sich ja darum bemüht, den Sozialismus auf legalem Wege einzuführen . Es zeigte sich, daß die Bourgeoisie jeden Angriff auf ihre Macht bewaffnet zurückschlagen vürde.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Nach dieser Erfahrung beschäftigte ich mich intensiver mit den bewaffneten Gruppen in der BRD, das waren damals der 2. Juni und die RAF, wobei letztere 1972/73 nach einer Reihe von Verhaf­tungen kaum noch existierte.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Wenn du dich dama ls für den bewaff­ neten Kampf interessiert hast, bekamst du nach einiger Zeit auch Kontakt zu den bewaffneten Gruppen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Lag das daran, daß es einen großen Kreis von UnterstützerInnen gab, die an den Strukturen mit dranhingen? Ich meine, die Gruppen waren ja auch damals unheimlich klein.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ja, die Gruppen an sich, d.h die Leute, die auch an Aktionen mitgewirkt haben, waren klein. Der 2. Juni bestand nie aus mehr als einem Dutzend Personen zur gleichen Zeit, wozu allerdings zwei bis drei Mal so viele Menschen in der lega­len Linken kame n, die immer wieder bereit waren, mit dir zusammenzuarbei­ten. Auf der anderen Seite hatte es aber auch nie die Ausmaße, wie es später in der linken Geschichtsschreibung unter­stellt worden ist. Die bewaffneten Grup­pen haben damals nur ganz punktuell das politische Klima oder die Linke bestimmt.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Inwiefern haben sich RAF und 2. Juni unterschieden? Man sagt ja immer, der 2. Juni sei sozialrevolutionär gewesen, die RAF antiimperialistisch. Aber bis 1973/74 war die RAF ja keineswegs nur antiimperialistisch orientiert. Sie verstand sich auch als kämpfende Avantgarde der Unterklassen in der BRD. Das dokumentiert z.B. das &quot;Konzept Stadtguerilla&quot; wo es um die untersten proletarischen Schichten geht oder der Text zu den Chemiearbeiterstreiks 1973. &lt;br /&gt;In dem Zusammenhang ist, glaube ich, auch wichtig, daß du zu Begriffen, die heute noch in der Linken über den 2. Juni herumgeistern, etwas sagt. Also z.B. zu &quot;Spaßguerilla&quot; oder zur &quot;Bewegungsorientiertung&quot; des 2. Juni.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ein wesentlicher Unterschied war prak­tischer Natur. Die RAF bestand nach 1972 in Berlin nicht mehr. Die Stadt war 2. Juni-Terrain.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Aber es gab auch politische Differen­zen: Es gab beim 2. Juni GenossInnen, die engere Kontakte zu der frühen RAF abbrachen, weil sie einen gewissen Führungsstil und bestimmte Aktionen wie z.B den Anschlag auf das Springer­hochhaus in Hamburg&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_gdqdaxy&quot; title=&quot;Bei dem Anschlag wurden einige Arbeiter ver­letzt, weil Springer trotz mehrfacher Warnungen das Gebäude nicht hatte räumen lassen.&quot; href=&quot;#footnote1_gdqdaxy&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;span&gt; nicht mittragen wollten. Das war nur eine Wurzel des 2. Juni. Andere kamen von den Berliner &quot;Haschrebellen&quot; oder aus der Roten Ruhrarmee, einer kleinen Gruppe in Westdeutschland.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Zu dem Bild vom 2. Juni, das du ange­sprochen hast, kann ich nur sagen, daß das total daneben ist. Der 2 Juni hatte mit &quot;Spaßguerilla&quot; überhaupt nichts zu tun. Selbstverständlich gab es Elemente, z.B bei Banküberfällen, mit denen man die Situation etwas entschärfen wollte. So wurden nicht nur Flugblätter, sondern auch Schokoküsse an die Leute verteilt. Das diente dazu, den Gegner lächerlich zu machen, was aus psycho­logischen Gründen ganz clever sein kann. Aber Guerilla an sich ist kein Spaß, da kommen Leute für in Knast oder sterben.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Was die Bewegungsorientierung des 2. Juni betrifft, kann man sagen, daß die Verankerung in Bewegungen bis ca. 1976 immer ein Ziel war, oft aber nicht funktioniert hat. Die Kontakte zwi­schen legal en und illegalen Linken waren dafür nicht intensiv genug.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ein interessanter, aber wenig bekannter Punkt in diesem Zusammenhang ist das Projekt von einer 2. Juni-Fraktion, eine Fabrikguerilla aufzubauen. Werner Sau­ber, der 1975 in Köln von der Polizei erschossen wurde, arbeitete in der Großindustrie und versuchte solche Strukturen in der Fabrik zu organisieren. Das war konzentrierte und langfristige Arbeit, die mit &quot;Spaßguerilla&quot; ganz bestimmt nichts zu tun hatte.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Du sagst, daß Bewegungsverankerung ein Ziel war. Gab es entlag der Begriffe &quot;Bewaffnete Organisation&quot; oder &quot;Bewaffneter Arm einer Bewegung&quot; Diskussionen? Und spielte der Widerspruch Spontaneität - kontinuierliche theoretische Arbeit eine Rolle?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Theoretische Arbeit wurde von keiner der Gruppen in der Illegalität wirklich geleistet. Das hat mit den Bedingungen der Klandestinität zu tun, die kaum Zeit für theoretische Diskussionen lassen. Theorie wurde, wenn überhaupt, erst später entwickelt, vor allem von Leuten im Knast , wobei es dort nicht ganz zufällig zu der verhängnisvollen Ent­wicklung kam, aus der Not, in der Metropolenbevölkerung weitgehend isoliert zu sein, eine Tugend zu machen. Nicht nur die RAF, sondern auch Fraktionen des 2. Juni und der RZ verstanden sich immer weniger als Teil der Entwicklung in der BRD, sondern als metropolitaner Arm der Befreiungs­ bewegungen im Trikont.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Hinter den Begriffen, die du eben genannt hast, versteckten sich tatsäch­lich unterschiedliche Konzepte. Die &quot;bewaffnete Organisation&quot; war Teil des Focus-Konzepts, d.h die Guerilla beginnt als militärische Kolonne und transformiert im Rahmen der Eskalation zur politisch-militärischen Partei. Darüber ist sie in der Lage, die Machtfrage zu stellen. Beim Konzept des bewaffne­ten Arms hingegen geht es darum, die Aktionen der legalen Linken zu flankie­ren.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die Diskussion wurde allerdings häufig in verkleideter Form geführt, also ob wir in der BRD hauptsächlich &quot;antikapi­talistischen&quot; oder &quot;antiimperialistischen&quot; Kampf führen würden. Verkürzt gesagt bedeutete die Formel &quot;antikapitali­stisch&quot;, innerhalb der Klassengegensätze in der BRD zu agieren, &quot;antiimperiali­stisch&quot; dagegen von außen hereinzuwir­ken, also aus der Sicht des Trikonts in der Metropole zu handeln. Beim ersten bist du Teil einer Bewegung, beim zweiten eine Avantgardeorganisation, die weitgehend abgeschottet bleibt.&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Ihr habt euch für zweiteres entschieden.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;De&lt;span&gt;r 2. Juni hat sich unter anderem an der Frage gespalten.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Ende der 70er Jahre verliert das Konzept bewaffneter Kampf in der BRD seine ursprüngliche Dynamik. Die Isolation der Organisationen nimmt zu. Sie werden fast zu einem festen Faktor der Verhältnisse in der BRD, ohne diese jedoch zu bewegegen.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Da möchte ich schon widersprechen. Bei dieser Aussage müßtest du genauer nach Gruppen differenzieren. Es ist schon richtig, daß 77/78 eine bestimmte Etappe, die die RAF und die Bewegung 2. Juni betrifft, zu Ende gegangen ist. Für die RZ und die Rote Zora, die erst in den 80ern entstanden ist, hingegen stimmt das nicht. Der Umfang der Aktionen der Revolutionären Zellen war in den 80er Jahren beachtlich, es gab Ende der 70er Jahre keinen Bruch in ihrer Politik. Ihre Flüchtlingskampagne spielte eine wesentliche Rolle: sie war der legalen Linken um ein bis zwei Jahre voraus und schob die Mobilisie­rung für Flüchtlinge an.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Es ist auch nicht so, daß RAF und RZ in den 80ern zunehmend isolierter gewe­ sen wären. Im Hungerstreik 1981 gab es eine relativ breite Mobilisierung in Soli­darität mit den Gefangenen und auch der RAF.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Man kann aber schon sagen, daß die Aktionen der 70er Jahre die BRD erschütterten. Die Entführung von Lorenz&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_a2ohje6&quot; title=&quot;Lorenz: CDU-Fraktion/1976&quot; href=&quot;#footnote2_a2ohje6&quot;&gt;2&lt;/a&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt; und Schleyer&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_x0t2a3z&quot; title=&quot;Schleyer: wichtige Sporthalle in Stuttgart&quot; href=&quot;#footnote3_x0t2a3z&quot;&gt;3&lt;/a&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt; oder die Erschießung von Drenkmann&lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_7jml537&quot; title=&quot;Drenkmann: Kammergerichtspräsident, mit­verantwortlich für die Aburteilung von RAF-Mitgliedern&quot; href=&quot;#footnote4_7jml537&quot;&gt;4&lt;/a&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt; bewegten die Öffentlichkeit. Vor allem war noch offen, wohin die Reise geht: es gab am Anfang der 70er Jahre angeblich bei 20% der Bevölkerung Sympathie für die Bewaffneten Gruppen. Solange unklar war, ob diese vage Sympathie in konkrete Unterstützung würden ummünzen können, solange war der bewaffnete Kampf eine Bedrohung für die herrschende Klasse. Von den Aktionen der 80er ging diese Wirkung nicht mehr aus. Womit ich nicht sagen will, daß die Aktionen der 70er Jahre besonders geglückt gewesen sind. Meiner Ansicht nach führten sie geradewegs in die Katastrophe, es gab 1976/77 eine völlige Übereskaltion. Vor allem die RAF verschärfte die Konfronatation in einem Maße, für die sei weder die politische Verankerung noch die Struktur besaß.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Zuerst einmal: Der Herbst 77 ist eigent­lich nicht durch Übereskalation zur Katastrophe geworden. Es waren schwerwiegende politische Fehler, die das verursacht haben. Die Entführung der Landshut-Maschine war ein Angriff auf stinknormale Reisende und stand dem Klassenkampfcharakter von Gue­rilla völlig entgegen. Die Aktion bestätigte für die Öffentlichkeit genau das, was man der RAF immer unterstellt hatte, daß sie nämlich gegen das Volk sei.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Was du zitierst, nämlich die angebliche Sympathie von 20 oder 25% der Bevölkerung, kenne ich nur aus RAF-Papie­ren. Ich habe so eine Statistik nie gele­sen und glaube es bis heute nicht. Natürlich nahm die Bereitschaft, etwas zu riskieren, bei vielen Leuten ab, als sie sahen, was passieren konnte. Aber diese Folge der Eskalation war nicht das eigentliche Problem. Entscheidend war Mogadischu. Ich habe das in der Illega­lität konkret erlebt. Nach der Aktion des palästinensischen Kommandos gab es bei vielen Linken die Entscheidung, mit uns nicht mehr zusammenzuarbeiten. Du hast natürlich Recht, daß die Eskala­tion, die Erhöhung des Konfrontations­niveaus, wie es damals hieß, politisch nicht mehr kontrolliert wurde. Die RAF handelte bei der Schleyer-Entführung innerhalb einer quasi militärisc hen Logik der Auseinandersetzung mit dem Staatsapparat. Sie hätte lange vor Mogadischu die Aktion beenden müs­ sen, um politisch weiterzukommen. Eine so bestimmte Rücknahme wäre besser gewesen als die dann von der Repression erzwungene Pause der RAF in der Zeit nach 1977.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Bei den anderen Gruppen sah es anders aus. Die RZ hatten das Problem gar nicht, weil sie von der 77er-Repression kaum betroffen waren. Der 2. Juni zerfiel vor allem aufgrund von inhaltlichen Problemen: es gab keine eigenständige Programmatik, die einen Verbleib zwi­schen RZ und RAF gerechtfertigt hätte. Was man nicht vergessen sollte, ist, daß es zeitgleich einschneidende Verände­rungen in der legalen Linken gab. Die Anti-AKW-Bewegung wurde 1977/78 in Grohnde, Brokdorf und Kaikar sehr stark, kam aber nicht weiter. Parallel dazu nahme n auch in der militanten Linken Überlegungen über parlamenta­rische Arbeit zu. Es wurden die ersten grünen oder bunten Listen gebildet. D.h. die Entwicklung hatte nicht nur mit der RAF, sondern auch mit Veränderungen in der legalen militanten und revolu­tionären Linken zu tun.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Du hast im Prinzip zwei Konzepte gegenübergestellt. In meinen Worten: das avantgardistische, durchaus militaristische Konzept der RAF und dsa Konzept der RZ, die sich als Teil einer Bewegung begriffen. Die Fehler der RAF, die du angedeutest hast und dich auch sehen würde, nämlich die Erklärung eines &quot;offenen Krieges&quot;, der ausschließelich Bezug auf Kämpfe im Trikont, sind von den RZ nie begangen worden. Ihre Aktionen blieben politisch vermittelbar, stießen meist auf Sympathie und waren nichts &quot;von einer anderen Welt&quot;. Denoch wuchsen auch die RZ nicht, auch sie gerieten 1989/90 an ihre Ende.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;B&lt;span&gt;eide Konzepte, RAF wie RZ, waren vom Zustand der legalen Linken abhän­gig. Deren Krise wirkte sich notwendi­gerweise auf den personellen Bestand der militanten Gruppen aus, denn diese waren immer darauf angewiesen, daß sich Leute in den legalen Strukturen radikalisieren. Die illegalen Gruppen in der BRD hatten nie eigene legale Organisationsformen, die für eine eigenständige politische Basis gesorgt hätten. Dieser Mangel hat seine Ursachen selbstverständlich auch in den allgemeinen Gegebenheiten der Metropole BRD. Die Gründe, warum die beiden Kon­zepte an Grenzen gestoßen sind, unter­ scheiden sich aber erheblich. Die RAF hat zu ihrer Krise selbst sehr viel geschrieben, ich denke das kann man nachlesen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Bei den RZ muß man betonen, daß die verschiedenen RZ-Gruppen durchaus nicht alle der Meinung waren , daß ihr Konzept erledigt sei. Ich glaube, daß die Tatsache, daß die Grenzen sichtbar wurden, neben der Krise der Linken insgesamt vor allem mit dem Aufbau der Revolutionären Zellen zu tun hatte. Die Zellen waren ja autonom, um bei Repressionsschlägen Gruppen überle­ben zu können. Das entscheidende Pro­blem war, wie diese autonom handeln­den Zellen über die Jahre eine inhaltliche Verbind ung und eine gemeinsame politische Ausrichtung bewahren konnten. Die Selbständigkeit drohte ständig in Beliebigkeit oder Dif­fusität umzuschlagen. Dazu kam die Schwierigkeit, wie sich neue Zellen, die sich im Laufe herausbildeten, in Struktu­ren der Gesamtorganisation eingliedern ließen. Es ist auffällig, daß die alte Parole &quot;bildet viele Revolutionären Zel­len&quot; ab 1983 in den Erklärungen nicht mehr verwendet wurde. Es ließ sich anscheinend nicht mehr gewährleisten, daß neu entstehende Zellen inhaltlich und praktisch auf einer Linie mit der Gesamtorganisation waren. Den Streit­papieren von vor 2, 3 Jahren läßt sich entnehmen, daß auch zwischen den alten Zellen die Grundlagen für eine gemeinsame theoretische und prakti­sche Weiterentwicklung schwanden.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Im Grunde genommen war die Krise der RZ also ein Strukturproblem?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Nicht nur, aber auch. Die Diskussionen der legalen Linken hatten auf die einzel­nen Zellen meistens mehr Einfluß als die Auseinandersetzungen mit den anderen Zellen, die ja nur sehr spora­disch und unpersönlich stattfinden konnten.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ein weiteres Strukturproblem, das aber auch mit dem Zustand der legalen Lin­ken verknüpft war, war die Frage, wie die Mitglieder der RZ mit ihrer Doppete­xistenz als legale Linke und verdeckte Militante klar kommen konnten. Das hängt ja sehr stark von der Überzeu­gung und Stärke der Individuen ab. Sie stehen dem legalen linken Alltag quasi allein gegenüber und müssen dennoch ihre Weiterentwicklung als Teil eines revolutionären Kollektivs vorantreiben. Der springende Punkt dabei ist, daß die Revolutionäre Zelle nicht der soziale Ort ist, an dem die Masse der persönlichen Beziehungen angesiedelt ist. Wohnen, Arbeiten oder Freizeit finden ja im lega­len Rahmen statt und nicht in der ver­deckten Struktur.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ein weiteres wenig durchdachtes Pro­blem ist folgendes: wenn GenossInnen in die Illegalität gezwungen werden, dann durchbricht das einen Grundpfei­ler des RZ-Konzepts. Für ein Weiter­kämpfen wäre eine andere Logistik, ein anderer Organisationsaufbau nötig gewesen. Offensichtlich wurde das nicht entwickelt, und Illegalisierte konnte demnach nicht mehr als RZ tätig sein.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Siehst du auch inhaltliche Probleme, z.B. bei der Flüchtlingskampagne? Die RZ selber sagen ja, daß sie zu wenig verankert war.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das Hauptproblem war sicherlich, eine Flüchtlingskampagne ohne Flüchtlinge zu machen. Das rührt daher, daß einer verdeckt arbeitenden Gruppe noch weniger Kontakte mit Flüchtlingen mög­lich waren, als der legale Linke. Außer­dem kam die Kampagne zwei, drei Jahre zu früh.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;An sich war es aber völlig richtig, die Frage zu thematisieren. Man hätte es mit längerem Atem machen müssen, aber das hing anscheinend auch mit der Repression zusammen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Das ist zwar unsere ewige Litanei und deswegen langweilig, aber nach dem, was du beschrieben hast, kann man sagen, die RZ sind an der Organisationsfrage gescheitert. Es gab keine Vorstellung, wie neue Leute allmählich in die militanten Gruppen einzubinden sind, es gab keine Form kontinuierlicher Zentralisierung von Diskussion und Praxis, und es gab keine politisch legale Organisation, mit der die militanten Gruppen eng zusammenarbeiteten.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das ist richtig, auch wenn es vielleicht verfrüht und zu hart ist, ein endgültiges Scheitern zu konstatieren. Das Grund­problem dahinter ist, wie sich militante Aktionen in politische Erfolge und Effektivität ummünzen lassen. Das glei­che ist den Tupamaros in Uruguay widerfahren. Sie haben ihr Aktionsni­veau gesteigert, führten mehrere Ent­führungen gleichzeitig durch, aber es fehlte der politisch umsetzbare Nutzen für die Linken.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die Lorenz-Entführung brachte dem 2. Juni z.B. auch einen erheblichen Sym­pathiegewin n. Der verwandelte sich jedoch nicht in eine meßbare Stärkung der linken Bewegung oder des 2. Juni. Das wäre nur über organisatorische Arbeit möglich gewesen. Keine der Stadtguerilla-Gruppen hat diese Frage so richtig gelöst, nicht nur in der BRD. Ich bin sehr dafür, das Problem politische Organisation zu diskutieren, die Erfah­rung der 70er zeigt , daß das eine ent­scheidende Frage ist.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Die Erfahrung der RZ zeigt, daß eien einfach Koordinierung nicht ausreicht. Wenn man das zu Ende denkt, kommt man zu der unangenehmen Konsequenz, daß linke Organisationen bestimmte Elemente des demokratisches Zentralismus in seiner ursprünglichen Bedeutung - d.h. mit Gewicht auf Demokratie - brauchen. Es gibt ja noch andere Beispiele, z.B. die &quot;Autonomen antikapitalistischen Kommandos&quot; (KAAK) im Baskenland, die Anfang der 80er Jahre ziemlich aktiv waren und dann 1984 zerschlagen wurden. Die Autonomie der einzelnen Kommandos führte dazu, daß es zu einer völlig unterschiedlichen Praxis kam. Während ein Kommando die Auseinandersetzung verschärfte und den Chef der sozialistischen Partei Euskadis erschoß, waren andere Kommandos damit beschäftigt kleine Aktionen zu machen und Leute neu einzubinden. D.h. zu viel Autonomie der einzelnen Gruppe ist schädlich.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das habe ich in anderen Worten ja schon gesagt. Solange die Gesamtlinke ein gemeinsames Projekt besitzt, ist das nicht problematisch. Über viele Jahre hinweg führt diese Autonomie kleiner Gruppen aber zur Verselbständigung. Dann muß über eine andere Struktur die Einheit immer wieder neu herge­stellt werden.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Ja, aber ich auch das Schlagwort &quot;Zentralismus&quot; ins Gespräch gebracht. Würdest du das als Schlußfolgerung zulassen?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Zentralismus hat andere Entwicklungen zur Folge: sicherheitstechnisch schafft er große Probleme, außerdem verknöchert die Organisation zusehends. Wider­sprüche und Diskussionen werden ver­hindert, weil sie die Linie der Gesamtor­ganisation angeblich in Frage stellen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ich halte das Problem für ungelöst. Auch international gesehen hat der Zen­tralismus meistens dahin geführt, daß von oben Linien durchgesetzt und abweichende Positionen eher abgespal­ten als inhaltlich verarbeitet wurden. Die Form von Organisationseinheit und -disziplin, die als Folge von Diskussion und Überzeugung entsteht, ist viel halt­barer als eine von oben verordnete.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Zum Thema Knast: Du hast in einem Gespräch erzählt, daß die Kleingruppensituation für dich eigentlich die unerträglichste Zeit in der Haft war. Es gibt ja auch andere Erhahrungen außer eurer Gruppe, bei denen das ähnlich war. Woran liegt das?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ich kann nur über meine eigenen Erfah­rungen reden, weil über das Thema sehr selten offen diskutiert worden ist. Ich kam nach eineinhalb Jahren Einzel­haft 1980 in den neugebauten Moabiter Trakt und hatte dort zum ersten Mal Kontakt zu sechs weiteren Gefangenen, alles ehemalige Leute vom 2. Juni.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;In den drei Jahren, in denen wir zusam­men saßen, hat sich diese Kleingruppe völlig zerlegt. Das lag daran, daß ein Gefangener hinter dem Rücken der Kleingruppe, nicht über Verrat, aber über Abschwören, versuchte, vorzeitig rauszukommen. Ein zweiter ging einen ähnlichen Weg, ein dritter entdeckte seine Vorliebe für die SEW und verließ nach Verhandlungen mit der Knastlei­tung die Kleingruppe. Ein vierter wurde, wie er es gefordert hatte, nach dem 81er Hungerstreik in eine Kleingruppe mit RAF-Gefangenen verlegt. Wir übriggebliebenen drei, die wir später unsere 15 Jahre unter unterschiedlichen Haftbedingungen abgesessen haben, waren damals nicht in der Lage, mit der Kleingruppensituation produktiv umzugehen. Für mich lag das Problem daran, daß die Gruppe durch die Situation Hochsicher­heitstrakt weitgehend von der Außen­welt abgeschlossen war. Es war wie in einem Spiegelkabinett: Diskussionen wurden verzerrt, hin- und hergeworfen, Aussagen bekamen eine Bedeutung, die sie real überhaupt nicht hatten.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;In der Käseglocke entstand Mißtrauen und die Forderung nach einer vollständi­gen Gemeinsamkeit, die überhaupt nicht zu erfüllen ist. Dazu kam, daß wir die Kleingruppensituation nicht besonders gut kannten, und sich hinter unserem Rücken gruppendynamische Prozesse abgespielt haben, die wir nicht mehr kont rollieren konnten.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das Ende der Untersuchungshaft wollte die Berliner Justiz dann nutzen, uns nach Westdeutschland abzuschieben. 1983 bin letztlich nur ich verlegt worden. Seitdem befand ich mich in der Situation, Kontakte nach draußen nicht mehr in einer Kleing ruppe vorher absprechen zu müssen. Das war eine Erleichterung und vermehrte die Außen­kontakte ganz erheblich, denn das ist ja der springende Punkt im Knast: du mußt immer den Draht zur Wirklichkeit draußen behalten. Eine Kleingruppe muß dir deshalb immer den Raum las­ sen, solche Beziehungen selbständig zu gestalten.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Im Bielefelder Hochsicherheitstrakt kam ich mit einigen sozialen Gefangenen zusa mmen. Das war eine gute Erfah­rung. Nach einer Phase des Kennenler­nens, in der manche sc ho n mal die Zwangsarbeit (Akkordproduktion von Wäscheklammern) verweigerten, konn­ten wir mit einem Hungerstreik durch­setzen, daß alle aus dem Trakt und in andere Knäste kamen. Die ganze Zeit wurde von Demos und militanten Aktio­nen begleitet, z.B. wurden eine vorge­setzte Justizbehörde und zwei Firmen, die diese Zwangsarbeit im Knast machen ließen, von RZ und Rote Zora angegriffen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Das wichtige im Knast ist also nicht das Gefühl eine Organisation im Rücken zu haben, sondern die Tatsache, daß man mit einer linken Bewegung in Kommunikation bleibt...&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Genau, und daß du dein Selbstbewußt­sein als militanter Linker behältst, unab­hängig davon ob die Organisation, zu der du vorher gehört hast , draußen noch besteht oder nicht. Du mußt wis­sen, warum du sitzt.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Hattet ihr das Gefühl, daß eue Selbstzerfleischung in der Kleingruppe durch die Gefängnisleitung gezielt gesteuert wurde?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Beabsichtigt ist auf jeden Fall, daß eine Kleingruppe im eigenen Saft schmort. Dazu kommt das Zuckerbrot, daß es einzelnen Gefangenen über Distanzie­rungen ermöglicht wird, zu besseren Haftbedingungen oder -Verkürzungen zu kommen. Darauf haben sich - das muß man leider sagen - einige Gefan­gene eingelassen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das schürt natürlich Mißtrauen. Jedes Abweichen wird als Bedrohung emp­funden, denn jeder Gefangene, der sich auf diesen Kniefall einläßt, verschärft die Isolation der anderen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ich war schließlich wirklich froh, als ich nach 3 Jahren Kleingruppe wieder die Haftbedingungen von vorher hatte, nämlich 23 Stunden am Tag allein auf der Zelle. Damit gestehe ich uns eine Niederlage ein, aber es war so.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Welchen räumlichen Bedingungen ward ihr als Gruppe unterworfen?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das war ein ganzes abgeschottetes Stockwerk, das unter dem FDP-Innense­nator gebaut worden war. Es gab ver­ schiedene Abteilungen, zwischen 2 und 7 Zellen groß. Nach außen war der Trakt durch Panzerglas abgeschlossen, was zu einer weitgehenden Geräusch­abschirmung führte. Die Türen zum fen­sterlosen Flur wurden tagsüber für 6 - 8 Stunden aufgeschlossen, sodaß du dich im Gang treffen oder gegenseitig in den Zellen besuchen konntest. In dem Flur war nur Neonlicht, er war natürlich kameraüberwacht und durch die Klima­anlage gab es kaum Frischluftzufuhr. Das alles schuf eine sehr unangenehme Atmosphäre.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Gab es auch Abhöranlagen?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ja. Der Knastchef behauptete, daß die Abhöranlage nur benutzt werden würde, wenn Licht an der Anlage auf­leuchtete. Aber wir sind immer davon ausgegangen, daß wir abgehört werden. D.h wir konnten nicht frei sprechen, die Diskussionen in der Gruppe liefen sehr umständlich, weil vieles aufgeschrieben werden mußte.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Mit welcher Haltung kann man 15 Jahre unter solchen Bedingungen absitzen? Welche Mechanismen schafft man sich, um die Situation auszuhalten?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das ist individuell unterschiedlich. Wir hatten allerdings alle nicht die Vorstel­lung von 15 Jahren, als wir in den Knast kamen. Es war dann eine Summe von kleinen Schritten. Zuerst überlegst du dir, wie du dich nach deiner Verhaftung verhältst, ob du auf irgendwelche Geschäfte eingehst. Dann kommt der Prozeß, die Strafhaft und die Möglich­ keit von Verlegungen . Diese Kette ergibt danach 15 Jahre.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ich habe gelernt, daß es im Knast nichts bringt, über Sachen zu grübeln, die man nicht verändern kann. Du bist driri und mußt das als einen Lebensabschnitt begreifen. Wichtig ist dabei, daß du sinnvolle Sachen anfängst. Daß du an Diskussionen teilnimmst, lernst, liest und dir klar machst, daß du nicht auf­grund eines Irrtums eingesperrt bist, sondern daß das mit bewußten Ent­scheidungen zu tun hat. Du hast beschlossen, dich in einer bestimmten Art zu organisieren und zu kämpfen, und der Knast ist eine logische Konse­quenz da von.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Was ist aber, wenn du die Entscheidung danach in Frage stellst, weil du sie inhaltlich nicht mehr richtig findest?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Dann sitzt du immer noch als militanter Linker im Knast. Du bist vielleicht nicht mehr RAF oder Bewegung 2. Juni, aber du bist immer noch Linker.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Ich finde es nicht richtig, den Leuten beim Abschwören pauschal &quot;Verrat&quot; vorzuwerfen...&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das habe ich auch nicht gemacht. Ich halte es für eine legitime Entscheidung, wenn Leute sagen: &quot;wir werden nicht zum bewaffneten Kampf zurückkehren, wir finden unsere Entscheidung nicht mehr richtig, wir wollen raus&quot;. Solange das eine individuelle Entscheidung bleibt, aus der man kein politisches Pro­ gramm macht und solange man andere nicht in die Pfanne haut, ist das akzep­tabel.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Ich wollte auf etwas anderes hinaus: ich finde, daß man den Leuten auch zubilligen muß, sich politisch zu entwickeln.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Im Knast hat eine solche Umorientie­rung aber besondere Haken. Du fällst zwangsläufig anderen damit in den Rücken, ob du willst oder nicht. Der Preis um rauszukommen ist, einer mili­tanten linken Position abzuschwören. Es reicht nicht, dich von Organisationen loszusagen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Natürlich ist es legitim, den bewaffneten Kampf oder andere Positionen nicht mehr für sinnvoll zu halten, aber es ist dann noch etwas anderes, sich aufgrund dieser Umorientierung mit der Knastlei­tung zusammensetzen, um eine Freilas­sung zu verhandeln. Das sind zwei ver­schiedene Sachen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ich hatte das Problem ja selbst: Einige Aktionen des 2. Juni hielt ich schon zu Beginn meiner Knastzeit für ziemlich falsch, aber trotz dieser nachträglichen Kritik und Selbstkritik bist du ja immer noch ein &quot;Staatsfeind&quot; und erst recht Feind dieses Knastsystems, dessen Ziel es schlicht ist, Gefangene zu brechen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Ich stelle es mir trotzdem schwer vor, sich zwischen diesen beiden Positionen - der für die du in den Knast gekommen bist, und der, aud die du später beim Nachdenken kommst - zu entscheiden.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Aber das ist doch eine Diskussion auf einer Seite der Barrikade. Da kannst du dich bewegen und verändern, du darfst nur nicht den Schritt machen, dem Geg­ner über die Barrikade hinweg die Hand zu geben. Mit dem Wort &quot;dürfen&quot; spreche ich kein moralisches Verbot aus, sondern damit meine ich, daß du es erheblich schwerer hast, wenn du den Schritt über die Barrikade hinweg machst. Du weißt dann nämlich nicht mehr, warum du sitzt.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Da spielt auch herein, was manche Gefangene sagen, daß man sich nämlich in Haft die Lust zur Rebellion bewahren muß. Ich bin da skeptisch, weil ich nicht glaube, daß es in einer Situation der Unterlegenheit so sinnvoll ist, sich ständig anzulegen.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Es ist entscheidend, sich den Strukturen im Knast zu verweigern, nicht mit dem Strom zu schwimmen, sonst verschwin­det deine Persönlichkeit. Das gilt nicht nur für politische Gefangene. Im Knast gibt es immer zwei Strategien: einmal die Konfrontation einzugehen oder sich durchzumauscheln. Das zweite macht dich auf die Dauer fertig. Zu viel Taktieren versaut den Charakter. Das bedeutet nicht, daß du dich ständig auf Schlägereien mit den Schließern ein­läßt. So etwas kann einmal passieren, aber es ist meistens nicht sinnvoll. Man kann nicht ständig mit dem Kopf gegen die Zellentür laufen, aber man muß schon klarstellen , daß man mit der Gegenseite nichts zu tun haben will. Sonst wirst du auch nicht respektiert.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Du hast in der Haft das Drei-zu-Eins-Papier geschrieben. Wie entstand das Projekt?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Vorab: Es ist im Knast sehr wichtig, zu schreiben und sich mit Sprache ausein­andersetzen, weil dich das zwingt, die Gedanken, die mit der Zeit zerfasern, zu ordnen und dich stärker zu konzentrie­ren. Schreiben ist also ein Versuch, die Gedanken zusammenzuhalten. Es ist eine Form der Produktion. Die Erobe­rung von Bleistift und Papier ist etwas Zentrales in Haft.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Gab es das in bundesdeutschen Knästen, daß sie dir das vorenthalten haben?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;N&lt;span&gt;ein, aber es ist eine internationale Erfahrung, die von vielen geschildert worden ist. Das ist im übrigen auch etwas, was mir in der Haft sehr gehol­fen hat: meine Situation mit der in anderen Ländern oder in anderen histo­rischen Epochen zu vergleichen. Wenn du hörst, wie andere Leute viel härtere Bedingungen, z .B in Uruguay oder unter den Nazis, ausgehalten haben, dann kannst du dir auch leichter vor­stellen, deine eigene Lage zu bewälti­gen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Hast du dich in Kontinuität zu Gefangenen in Konzentrationslager gesehen?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Nein, das wäre vermessen. Allerdings gab es Momente, wo man Bezugspunkte sehen konnte. Ich hatte in Werl auf einem Hof Freistunde, auf dem 1943 Selektionen stattgefunden haben, diese Werler Gefangenen sind danach in Mauthausen lebend in Mischmaschinen geworfen worden, andere wurden an Ort und Stelle standrechtlich erschos­sen. Das schafft einen Eindruck davon, was in Deutschland Geschichte ist. Aber gleichsetzen darf man das nicht.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Ich habe das auch gefragt, weil eine der RAG-Gefangenen - ich glaube Ulrike Meinhof - die Isolationshaft mit Auschwitz verglichen hat.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das würde ich auf keinen Fall machen. Das ist qualitativ etwas ganz anderes.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Kommen wir auf die Frage zurück, wie das &quot;Drei zu Eins&quot;-Papier entstand.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Es war kein Projekt, es war überhaupt nicht klar, daß so ein Papier am Ende stehen würde, die Diskussionen ent­ wickelten sich im Verlauf von Jahren dorthin. Du versuchst vom ersten Moment des Gefangenseins an, dich mit anderen - drinnen und draußen - auseinanderzusetzen. Am Anfang ist sehr zufällig und schikanös, welche Briefe durchgelassen und welche Besuche erlaubt wurden. Es kam auch vor, daß Besuche einfach abgebrochen wurden, weil den Staatsschutzbeamten nicht paßte, was gesagt worden war. In den letzten Jahren wurde weniger angehal­ten, und es war leichter, Diskussionen zu führen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die 3:1- DiskutantInnen, das muß ich einschieben, waren nie eine homogene Gruppe, manche haben sehr viel und lange mitgewirkt , andere nur spora­disch. Sowieso waren sie politisch sel­ten auf einer Linie und ziemlich streitlu­stig! Für mich waren sie gerade dadurch die allergrößte Hilfe, das Denken und die wichtige Orientierung der Gedanken nach draußen nicht zu verlieren. Wenn im folgenden von &quot;wir&quot; die Rede ist, steht es für diesen Diskussionszusam­menhang, nicht mehr und nicht weni­ger.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Zunächst beschäftigte ich mich - ich gehörte ja zum sozialrevolutionären Flü­gel, der vor allem die Verhältnisse in der BRD thematisierte - mit der Klassen­kampfproblematik. D.h. ich habe Marx neu gelesen, mich mit dem Operaismus auseinandergesetzt. Das lief einige Jahre und dann bin ich, typischerweise erst durch Anstöße von feministischen Genossinnen , darauf gekommen, daß dieser Ansatz begrenzt ist, daß es in der Arbeiterbewegung und in der linken Theorie allgemein weiße Flecken gibt, daß dadurch bestimmte Unter­ drückungsverhältnisse unerfaßt bleiben. Zudem gab es Kontakte zur Schwarzen­bewegung in England. Wir haben Texte von ihnen übersetzt und unsere eigene Geschichte der 70er Jahre angeschaut. Z.B. hatten wir zuvor nie problemati­siert, daß die Linke in der Metropole der Gefahr der absoluten Verelendung nie ausgesetzt war und deswegen den Problemen der materiellen Grundsicherung anders gegenüberstand als Revolu­tionärInnen im Trikont. Es war auch zu wenig thematisiert worden, daß die Linke in der BRD nie in Fabriken ent­standen war und es meistens nur indivi­duelle Biographien im Betrieb gab. Das führt dazu, daß die meisten Linken, vor allem die autonomen Linken dem Kapi­talverhältnis nur äußerlich gegenüber­ stehen. Wir haben gesehen, daß es kein Zufall ist, daß diese Linke zu keiner Zeit von Frauen angeführt wurde, daß trotz des beanspruchten Interna tionalismus und Millionen von in der BRD lebenden Immigrantinnen so gut wie keine ausländischen Genossinnen in der deut­schen Linken aktiv waren.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Aus all dem resultierte die Erkenntnis, daß Unterdrückungs- und Ausbeutungs­verhältnisse nur durch den praktischen und theoretischen Austausch mit den Betroffenen erkannt werden können. D.h. wir mußten uns die Erfahrungen von Schwarzen und Frauen ganz neu ansehen und akzeptieren.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Wie hast du die Rezeption deines Papiers empfungen, findest du, daß die Diskussion in eine andere Richtung ging als ihr es beabsichtigt hattet?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Von der großen Resonanz waren wir sehr überrascht. Es war ja ein Diskussi­onspapier, das nur zufällig veröffentlicht wurde. Anscheinend kam das Papier in einer Situation, in der zunehmende Ras­sismen die Auseinandersetzung mit dem Thema geradezu aufzwangen. Es wurde dadurch allerdings auch in einer ver­engten, antirassistischen Sicht gelesen. Unser Ziel war es mit Sicherheit nicht, den kritisierten Hauptwiderspruch Kapi­tal-Arbeit durch einen neuen Rassismus- Antirassismus zu ersetzen. Ich habe auch den Eindruck, daß das Papier instrumentalisiert wurde, und daß die Kritik an der autonomen Linken, z.B. an ihrer Unorganisiertheit, in der Diskus­sion völlig untergegangen ist.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die Auseinandersetzung um das Papier verlief also meiner Meinung nach viel schematischer als es eigentlich angelegt war. Wir hatten in den 80ern gesehen, daß die Auseinandersetzung mit dem Rassismus zunahm , Frauen sich ver­stärkt autonom organisierten und es im Jobberbereich neue Ansätze gab. Drei zu Eins verfolgte das strategische Inter­esse, die verschiedenen Strömungen in Bezug zueinander zu setzen. Wir wollten die schematische Trennung der Dis­kussion aufbrechen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Wir haben erlebt, daß das Papier vielfach dazu diente, die Beschränkung z.B. von Flüchtlingsgruppen auf ihr Thema zu rechtfertigen. Es wurde damit argumentiert, daß die ja die &quot;Unterdrücktesten&quot; seien.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Aus praktischen Gründen ist es unver­meidbar, daß sich Gruppen auf ein Thema beschränken, aber es muß einen Horizont geben, der darüber hinaus­reicht. Die Addition von Unterdrückungen und die Suche nach den &quot;AIIerun­ terdrücktesten&quot; halte ich schlichtweg für Unsinn. Eine Hierarchie der Unter­ drückungen führt zu Haupt- und Nebenwiderspruchstheorien. Selbstver­ständlich kann in bestimmten Situationen, eine Frage dringlicher sein als andere. Aber das darf nicht dazu führen eine neue Hitliste der Unterdrückten aufzustellen. Flüchtlinge sind so wenig ein homogenes Kollektiv wie es die Arbeiterklasse ist.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Das Hauptproblem finde ich nicht, daß falsch analysiert worden wäre. Ich habe etwas anderes nicht verstanden: nämlich welches Interesse Leute, die nicht einmal Freundschaften in den schon lange hier lebenden Einwanderer-Communities haben, an Theorien über MigrantInnen haben. Du beschreibst doch Unterdrückung, weil du oder Menschen, die du ein bißchen kennst, sie erlben, d.h. weil du Unterdrückung wahrnimmst und ablehnst. Ohne diese menschliche Nähe kann Theorie nicht emazipatorisch sein.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das sehe ich auch so.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Unser Eindruck war auch, daß duch das Papier und den weißen Männern eine Lähmung eingetreten ist. Nach dem Motto &quot;wir sind eh Täter&quot; entstand Befangenheit.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ich befürchte eigentlich eher, daß der gegenteilige Eindruck entstanden ist. Daß Männer jetzt darauf hinweisen kön­nen, daß Frauen ja auch Rassistinnen sind. So eine Interpretation gefällt mir viel weniger, als wenn sich ein weißer Mann verunsichert fühlt.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Allerdings ist Schuldgefühl keine sinnvolle Konsequenz des Papiers. Die pri­vilegierte Situation verpflichtet dich, sie sinnvoll zu nutzen, nicht, dich dafür zu schämen. Du hast als deutscher Linker gewisse Vorteile, die du in Solidarität mit denjenigen, die sich nicht haben, einsetzen kannst. Der springende Punkt ist die Solidarität, die Fähigkeit, die am eigenen Leib erfahrene Unterdrückung nicht als die allerwichtigste anzusehen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Eine der negativsten Folgen der Diskussion um Drei zu Eins war die Verabschiedung vom Universalismus, d.h. von der Einstellung, daß Befreiung ein für alle Menschen gültiges Projekt ist. Ich halte das für eine Katastophe, denn es setzt die gesellschaftlich vorherrschende Atomisierung fort. Die Unfähigkeit der Menschen, sich mit anderen, die in anderer Art und Weise unterdrückt werden, zu solidarisieren, erfährt in der linken Theorie jetzt gewissermaßen eine Legitimation.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das ist das schlimmste Mißverständnis der Rezeption gewesen. Die Absicht war überhaupt nicht, sich vom Univer­salismus zu verabschieden, sondern ganz im Gegenteil wollten wir zeigen, daß der bisherige Begriff von Befreiung wie ihn die traditionelle Linke hatte, überhaupt nicht umfassend - also uni­versalistisch - war. Die Art von Befrei­ung meinte mit dem Etikett &quot;Arbeiter­ klasse&quot; letzlich den weißen Mann. Von anderen Unterdrückungen wurde behauptet, daß sie selbstverständlich mitgemeint seien und sich nach dem Sieg des Proletariats und seiner diversen Parteien schon erledigen würden. Der Kampf gegen Patriarchat und Rassismen verschwand in einer &quot;glänzenden&quot; Zukunft, die die &quot;Nebenwidersprüche&quot; schon richten würde..&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Der Tripple Oppression-Ansatz stellt gerade nicht den Universalismus in Frage, wie er in dem Satz von Marx ent­ halten ist, &quot;alle Verhältnisse umzuwer­fen, in denen der Mensch ein erniedrig­tes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist&quot;. Er kriti­siert , daß die traditionelle Linke ihrem Universalistischen Anspruch nicht gerecht wird.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Gegenüber dieser Verkürzung akzep­tiert der Triple Oppression-Ansatz daß es mehrere Grundstrukturen von Herr­schaft gibt. Er betont die Notwendigkeit von autonomen Schwarzen-, Arbeiterin­nen- oder Frauen-Organisationen. Das Problem bleibt natürlich, wo die Grenze zwischen der Universalistischen Strategie und der Respektierung der Autonomien verläuft, bzw. wie sich langfristig diese Grenze aufheben läßt.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;In dem Zusammenhang muß man auch sagen, daß wir nicht das Interesse hat­ten, ein neues revolutionäres Subjekt zu bestimmen. Ein solches kollektives Sub­jekt bildet sich in der Praxis, in den Kämpfen heraus und wir wissen noch nicht, wie es aussieht. Aber auf der Grundlage der Respektierung von Auto­nomien werden sich Koalitionen her­ausbilden können von verschiedenen Gruppen, die das gemeinsame Interesse haben, die Verhältnisse umzustürzen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Beim Nachlesen ist mir noch einmal aufgefallen, wie stark sich das Papier an die autonome Linke richtet. Warum eigentlich dieser Bezugspunkt? Entspricht das deiner Geschichte, daß du dich zu dieser Szene dazugehörig fühlst?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das war die Linke, die sich mit mir im Knast auseinandersetzte und deren Geschichte mir sehr viel näher war als die der Antiimps oder der reformisti­schen Gruppen. Ende der 80er Jahre war die autonome Linke auch einfach noch die stärk ste Kraft hier. An wen sonst hätten wir uns richten können? Von den Antifa-Gruppen wußten wir nicht viel, Initiativen wie felS gab es noch nicht.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Die alte radikale Linke ist in allen ihren Schattierungen an Grenzen geraten, das gilt für Autonome so sehr wie für die bewaffneten Gruppen oder Alt-Funktionäre. Wie kann es deiner Meinung nach weitergehen? Mit wem stellst du dir eine Neuzusammensetzung vor? Wie siehst du die Organisationsansätze in der radikalen Linken, vor allem die AA-BO?&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Das ist natürlich eine beknackte Frage, weil ich erst ein Jahr draußen bin und vieles weniger einschätzen kann als Ihr. Also ohne jetzt den Eindruck entstehen zu lassen&lt;/span&gt;&lt;span&gt;, &lt;em&gt;junge Genossinnen fragen alte Prominente...&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;&lt;em&gt;Jurassic Park&lt;/em&gt; eben...&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Genau. Aus der Verarbeitung unserer Geschichte ergeben sich ein paar Punkte für die Zukunft. Ich glaube, daß unsere Niederlage mit einer Unterschätzung des Feindes zu tun hatte. Wir haben die Gegenseite nicht umfassend genug begriffen, wir haben die Zerstörungskraft des Ras­sismus und des Patriarchats nicht erkannt. Das Potential der Arbeiter­klasse und d er trikontinentalen Befreiungsbewegungen wurde von uns überschätzt, die Bedeutung der feministischen Kämpfe kaum gese­hen. In dieser Hinsicht ist die Diskus­sion seit den 70er Jahren sicherlich weitergegangen. Das Niveau ist zwar nicht höher, aber die Deba tte ist nicht mehr so auf einige Themen beschränkt wie damals.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Was die Organisationsfrage betrifft, sind mir solche Ansätze wie Eurer mit einer relativen klaren Struktur erkennbarer als autonome Zusam­menhänge, die nur für die erschließ­bar sind, die längere Zeit in ihr leben. Aus dem Grund war ich eher auf AA-BO-Seminaren als daß ich auf autonomen Veranstaltungen aufgetre­ten wäre.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ich halte die AA-BO für sehr hetero­gen. Die entscheidende Frage wird sein , ob sie selbst oder ihre Mit­gliedsgruppen noch zusammenhal­ten, wenn sie einer ernsthaften Bela­stungsprobe ausgesetzt sind. Mir ist überhaupt nicht klar, ob die inhaltli­chen Unterschiede dann zum Ausein­anderbrechen führen oder nicht. fels kenne ich zu wenig, aber die Arranca halte ich für die lesbarste linke Zei­tung im Augenblick. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ganz allgemein gibt es innerhalb des sch lechten K räfteverhältnisses, mit dem wir in der BRD als Linke immer konfrontiert sind, sicherlich keine Patentrezepte, auch keine organisatorischen. Politische Probleme lassen sich nicht allein durch Konzepte oder Strukturveränderungen lösen, son­dern nur durc h die E ntwicklung revolutionärer Politik, in der metho­dische und organisatorische Aspekte wiederum ein Bestandteil sind. Um das auf eine Formel zu bringen: poli­tische Absichten, Organisationsstrukturen und Strategien müssen zuein­ander passen. Ziele, Planung, Durchführung und Struktur müssen eine Einheit bilden.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Du forderst die Einheit von Form und Inhalt...&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die Trennung von Form und Inhalt ist sowieso nur eine theoretische. Es ist eine didaktische Unterscheidung, die in der gesellschaftlichen Wirklich­keit nie auftaucht, sagt Gramsci.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Das klingt ein wenig nach &quot;Wir wollen alles jetzt und sofort&quot;. Einheit von Ziel und Struktur würde z.B. bedeuten, daß man einen völlig hierachiefreien, nicht-patriachalen Umgang in einer linken Organisation entwickelt. Genau das aber ist unter den bestehenden Verhältnissen umöglich. Im bestehenden gibt es keine neuen Menschen, wie leben nicht in einer isolierten Blase im Weltall, sondern in einer Gesellschaft.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Mit der Argumentation rechtfertigst du, daß die Linke alles reproduziert, was ihr von der Gesellschaft vorge­macht und vorgegeben wird.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Nein, natürlich müssen wir kritisch mit uns selbst sein. In einer revolutionären Organisation müssen wir versuchen, Befreiung vorwegzunehmen, nur werden wir immer wieder an Grenzen stoßen.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Richtig, im Falschen gibt es kein rich­tiges Leben. Aber du darfst die Ziele auch nicht zurückstellen. Du kannst nicht irgendwelche Schweinereien in deiner Organisation zulassen, nur weil die Außenverhältnisse genauso sind. Das muß im konkreten Fall bestimmt werden, den Maßstab dafür geben die an, die direkt betroffen sind.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;Stimmt. Persönlicher Umgang muß Teil der revolutionären Umwälzung sein, schon jetzt. Wir müssen aber auch sehen, daß wir uns in einer konkreten Gesellschaft befinden.&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Auf diesen Schlußsatz können wir uns gerne einigen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_gdqdaxy&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_gdqdaxy&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Bei dem Anschlag wurden einige Arbeiter ver­letzt, weil Springer trotz mehrfacher Warnungen das Gebäude nicht hatte räumen lassen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_a2ohje6&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_a2ohje6&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Lorenz: CDU-Fraktion/1976&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_x0t2a3z&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_x0t2a3z&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Schleyer: wichtige Sporthalle in Stuttgart&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_7jml537&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_7jml537&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Drenkmann: Kammergerichtspräsident, mit­verantwortlich für die Aburteilung von RAF-Mitgliedern&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 24 May 2014 15:24:32 +0000</pubDate>
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 <title>Stadtguerilla, Fokismus und bewaffneter Kampf</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/3/stadtguerilla-fokismus-und-bewaffneter-kampf</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Interview mit Eleuterio Fernandez Huidobro, Uruguay&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;El poder no se conquista, se construye - (Die Macht wird nicht erobert, sie wird aufgebaut)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Du hast vor 2 Jahren dem ak ein Interview gegeben, -übrigens ein sehr interessantes Interview-, in dem du meintest, der bewaffnete Kampf in Uru­guay sei vor allem eine Reaktion gewe­sen. Ihr hättet Euch auf die Verschärfung der Verhältnisse, auf die militärischen Schläge der Oberschicht vorbereitet, aber diese Verschärfung nicht selbst betrieben. Mich hat das ziemlich über­rascht. Die vorherrschende Idee der Lin­ken damals in Lateinamerika war ja die des „Fokismus&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_ouhipnh&quot; title=&quot;Fokismus: das Wort kommt vom spanischen foco (Brennpunkt). Die Theorie des foquismo behauptete, daß revolutionäre Gruppen durch die Aufnahme des bewaffneten Kampfs in einer bestimmten Gegend die Verhältnisse insgesamt in einem Land zum Kochen bringen könnten: der Brennpunkt weite sich zum Flächenbrand aus. In den 60ern und 70ern war der foquismo die bestimmende Theorie der unabhängigen Linken Lateinamerikas. Sie breitete sich vor allem deshalb aus, weil sie in Cuba in klassischer Form funktioniert hatte. In einer Situation gesellschaftlicher Unzufriedenheit landeten nicht einmal 2 Dutzend Revolu¬tionäre unter der Führung von Fidel Castro und Che Guevara auf der Insel und es gelang ihnen, innerhalb von drei Jahren den Diktator Batista zu stürzen. Danach jedoch erlitten foqui¬stische Guerillas zahlreiche Niederlagen.&quot; href=&quot;#footnote1_ouhipnh&quot;&gt;1&lt;/a&gt;, d.h. man legt einen Brandherd, einen foco, dieser schafft Bewußtsein, das Feuer breitet sich aus. Im Klartext bedeutete das, einige Linke nahmen Waffen in die Hand, bauten eine Guerilla auf und versuchten so mehr Menschen von der Notwendigkeit der Veränderung zu überzeugen. So wie du das in dem Interview dargestellt hast, hörte sich das an, als ob Ihr mit diesen Vorstellungen nicht viel gemein hattet... &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Der Foquismo war zu dieser Zeit in Uruguay und ganz Lateinamerika als Konzept noch nicht entwickelt, das begann erst später...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt;...von welchen Jahren redest du?... &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;1961, 62... die cubanische Revolution hatte gerade erst gesiegt. Damals gab es in Uruguay den faschistischen Terror gegen die Massenbewegung, vor allem gegen die StudentInnen, und ständige Putschgerüchte. 1964 kam die Militär­junta in Brasilien an die Macht, was auf uns starken Einfluß ausübte. Unsere Hal­tung demgegenüber war defensiv, es gab noch kein ausgearbeitetes Konzept. Wir gehörten fast alle linken Gruppen, den Gewerkschaften oder der StudentInnenbewegung an. Das ideologische Gerüst des Foquismo entstand erst später mit Regis Debray&#039;s&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_rz5q56j&quot; title=&quot;Der Franzose Regis Debray schrieb 1966 das Buch „Revolution in der Revolution&amp;quot;, das den Ruf hat, den Fokismus als Theorie begründet zu haben. Ein Jahr später war Debray zusammen mit Che Guevara in der Guerilla in Bolivien, verließ diese aber sehr schnell, weil er mit den har¬ten Bedingungen auf dem Land nicht klar kam. Nach längerer Haft in Bolivien kehrte er nach Frankreich zurück und begann sich von seinen revolutionären Ideen zu verabschieden. 1981 wurde er zum Lateinamerikaberater des sozialdemokratischen Präsidenten Francois Mitterrand.&quot; href=&quot;#footnote2_rz5q56j&quot;&gt;2&lt;/a&gt; „Revolution in der Revolution&quot;. Das war nicht einfach ein Diskussionsbeitrag, es war eine Dok­trin und ein praktischer Beitrag, denn das fokistische Konzept wurde nicht nur diskutiert, es wurde umgesetzt. Deutlich später, zur Zeit, als Che in Bolivien 1967 starb...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; ...aber es bildeten sich schon ab 1964 zahlreiche Guerillas auf dem ameri­kanischen Kontinent...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Gut, aber noch nicht als Ausdruck der fokistischen Doktrin. Es ist auch schwer, einen genauen Termin zu bestimmen. Der Fokismus bildete sich eigentlich in der Praxis heraus, Debray&#039;s Buch brachte das noch einmal in eine schriftliche Form, aber im Grunde genommen hat der Fokismus eine län­gere Entstehungsgeschichte.&lt;br /&gt; Das Buch Debrays war unbestritten sehr wichtig, es wurde überall in Lateiname­rika gelesen und beeinflußte auch die MLN. Dieser Einfluß beschränkte sich nicht auf den bewaffneten Kampf, son­dern wirkte sich auf die Sichtweise eigentlich aller politischen Fragen aus. Das hatte z.B. seine gravierenden Konse­quenzen in der Gewerkschaftsarbeit.&lt;br /&gt; Für mich ist der Fokismus eine Verschär­fung und Übertreibung des Avantgardis­mus. Er enthielt eigentlich keine neuen Elemente, sondern führte die leninisti­sche Theorie der politischen Avantgarde auf die Spitze.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Glaubst du nicht, daß der Fokis­mus durchaus positive Aspekte hatte? Daß er nämlich in verschiedenen .Län­dern Lateinamerikas und auch Europas, z.B. im Baskenland, tatsächlich viele Leute mobilisierte, Bewußtsein schuf?... &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Aber wo? In den Ländern, in denen es bereits Bedingungen gab. Ansonsten beweist Lateinamerika eher das Gegen­teil: nämlich das Scheitern unglaublich vieler Guerillagruppen. Sie starben völlig isoliert in den Bergen, ohne daß sich die Massen dafür auch nur ein bißchen interessiert hätten.&lt;br /&gt; Es gab Ausnahmen. Über das Basken­land weiß ich zu wenig, aber Uruguay war auf jeden Fall eine Ausnahme. Die Guerilla half einer Massenbewegung auf den Weg. Die Voraussetzung aber dafür war, daß die Guerilla auf der Grundlage existierender Bewegung entstand. Es hatte vorher entscheidende Erfahrungen gegeben, Siege wie Niederlagen. Die Guerilla erlangte nicht dadurch Bedeu­tung, daß ihre Aktionen so durchschla­gend waren, sondern dadurch, daß ihre Aktionen das Gefühl vieler Menschen ausdrückte, interpretierte.&lt;br /&gt; In anderen Ländern war die Guerilla eine Tragödie. Das Konzept des Foco wurde mechanisch angewendet. 25 Leute trafen sich in einem Raum und entschieden sich, in die Berge zu gehen, ohne daß das die Bevölkerung auch nur einen Dreck interessiert hätte. Und so war es auch bei Che in Bolivien. Während er im Urwald starb, waren die Minen im Hochland der eigentliche Kon­fliktpunkt. Dort spielten sich die Kämpfe ab, traditionell gewerkschaftliche und keine &lt;em&gt;fokistischen&lt;/em&gt;. Zwischen diesen Arbeitskämpfen und Che&#039;s Guerilla gab es aber keine echte Verbindung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Es ist nur schwer vorauszusehen, ob die Bedingungen gegeben sind oder nicht, das stellt man meistens erst in der Praxis fest. Fidel Castro hielt man 1956 bei seiner Landung auf Cuba für einen verrückten Abenteurer, wenn man ihn überhaupt zur Kenntnis nahm. Viele lat­einamerikanische Linke waren ja auch ehrlich überzeugt, daß die Bedingungen mehr als reif waren: die Armut war groß, der Imperialismus wurde in breiten Tei­len der Bevölkerung abgelehnt, es gab Studentenbewegungen, die ganze dritte Welt rebellierte...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja natürlich. Die Politik ist nicht allein Wissenschaft, sie ist vor allem eine Kunst. Soziologische und ökonomische Daten reichen nicht aus, um eine Situa­tion zu bestimmen. Sonst müßte es in Indien oder ähnlich verarmten Ländern hervorragende Bedingungen für eine Revolution geben. Das heißt: die objektiven Bedingungen müssen berücksichtigt werden, aber sie richtig einzuschätzen, das ist eine Kunst, auch eine Sache der Intuition.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Der Gefangene aus der RAF, Lutz Taufer, hat in einem Text geschrieben, die Logik der militärischen Auseinander­setzung habe die bewaffneten Organisa­tionen fast zwangsläufig zu einer Menta­lität des Duells geführt. Man habe nur noch sich und den Gegner gesehen, alle anderen politischen Kräfte seien damit aus dem Blickfeld verschwunden. Er vertritt, daß die Trennung des bewaffne­ten Kampfs von Bewegungen damit zu tun habe.&lt;br /&gt; Das hat auch sein ideologisches Funda­ment: schließlich galt der Krieg nach Mao als „die entwickeltste Form des Klassenkampfs&quot;. Die Eskalation mußte also weiter vorangetrieben werden, auch wenn dies den Interessen der politi­schen Kämpfe überhaupt nicht ent­sprach.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, ich glaube, daß diese Vision —daß der Kampf um jeden Preis eskalieren muß - die Linke eingenommen hat. Das hat nicht nur den bewaffneten Kampf betroffen, es hat auch bei den gewerk­schaftlichen Auseinandersetzungen, in der Massenbewegung zu einer anderen, negativen politischen Perspektive geführt.&lt;br /&gt; Ich habe dazu ein Diskussionspapier geschrieben, aus dem ich dir gerne zitie­ren würden:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Veränderungen, Revolu­tionen sind keine Werte an und für sich. Sie haben nur dann Sinn, wenn sie höhere Ziele verfolgen. Verände­rungen werden bestimmt von den Mitteln, die angewandt werden, um ein Ziel zu erreichen, ansonsten wür­den sie keinen Sinn machen oder ein­fach nur regressiv sein. Das ist offensichtlich, hat aber wichtige Auswirkungen: das Ziel rechtfertigt nicht die Mittel, auf der anderen Seite aber darf man auch nicht der Ideologie verfallen, daß die Mittel wichtiger sind als die Ziele. Die Ver­änderung um der Veränderung wil­len, die Konfrontation um der Kon­frontation willen, unabhängig von den Ergebnissen, kann nur ein Ergebnis bringen: das Desaster. Mit­tel und Ziele werden so diskreditiert. Die Eröffnung von mehr oder weni­ger gewalttätigen Konfrontationen steht im Zusammenhang mit der theoretischen Vorausschau und der wissenschaftlichen Analyse, aber eben auch mit dem Willen des Feindes. &lt;br /&gt; Das Problem der Konfrontation darf sich deswegen nicht als Frage der Prinzipien stellen. Wenn eine Diskus­sion frei von Apriorismen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_jfkxn00&quot; title=&quot;Apriorismen sind Grundannahmen, von denen man ausgeht. Hier wären die Apriorismen, von den Huidobro spricht, a) die Einstellung, daß die bewaffnete Konfrontation an und für sich gut ist, und b) die bedingungslose Ablehnung des bewaffneten Kampfs wie sie von vielen Refor¬misten vorgebracht wird&quot; href=&quot;#footnote3_jfkxn00&quot;&gt;3&lt;/a&gt; ist, ent­deckt man, daß das vermeintliche Dilemma selbst dann nicht existiert, wenn tiefe Meinungsverschiedenheiten vorhanden sind. Wenn dagegen der Dogmatismus Apriorismen auf­zwingt, dann fällt man unvermeidbar in zwei metaphysische Haltungen:&lt;br /&gt; a) Man sucht den Bruch oder die Konfrontation, koste es, was es wolle; die Konsequenz davon ist der Putsch, das Abenteuer oder der Avantgardismus.&lt;br /&gt; b) Man umgeht die Konfrontation um jeden Preis; die Konsequenz davon: man wird weich oder wählt schlicht und einfach den Verrat.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ich weiß nicht, ob ich dir damit deine Frage beantworte. Aber sowohl beim bewaffneten Kampf als auch in der gewerkschaflichten Konfrontation, beim Kampf gegen Faschismus oder Rassismus führt die Auseinandersetzung um der Auseinandersetzung willen zu den ebengenannten Ergebnissen: zum Avantgardismus, zum Abenteuer, zur Isolation von den Leuten. Das schlimm­ste ist aber, Kampfformen zu diskredi­tieren. Wenn sie wirklich notwendig ist, werden die Leute sie nicht mehr akzep­tieren, weil sie bisher nur zu Niederla­gen geführt hat.&lt;br /&gt; Das ist ein Teil der unserer Erfahrungen. Es gab genug Genossinnen bei uns, die gesagt haben: &lt;em&gt;„Es ist genug geredet worden, wir müssen jetzt endlich die Konfrontation führen, das ist das einzig wichtige, nur das erzeugt Bewußtsein&quot;&lt;/em&gt;. Sie haben die Konse­quenzen hiervon nicht in ihre Analyse mit einbezogen. Sie haben keinen Gedanken daran verschwendet, ob es möglich war, zu siegen. Entscheidend war für sie, die Konfrontation zu begin­nen.&lt;br /&gt; Du weißt, was passiert ist, wir haben die Konfronation geführt, wir waren sehr gut darin, und wir haben verloren. Die Leute aber blieben unbeteiligte Zuschauer, mehr noch: sie haben gese­hen, daß die Konfrontation nichts taugt und damit sind sie zur anderen Seite übergelaufen.&lt;br /&gt; Ich glaube, daß in vielen Ländern Lat­einamerikas genau das mit dem bewaff­neten Kampf erreicht wurde. In Brasilien gab es 46 Guerillas, alle sind besiegt worden. Es ist ein Moment eingetreten, wo dir die Leute gesagt haben: „geh scheißen&quot;, wenn du ihnen mit dem bewaffneten Kampf kamst. „Das bringt nix&quot; haben sie dir gesagt, Leute aus dem Volk. Und dieser Effekt ist eingetreten, weil die Kampfform „bewaffneter Kampf&quot; schlecht und mechanisch einge­setzt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Was du ansprichst, ist zum Teil jedoch auch unvermeidbar gewesen. Die Niederlage hatte nicht nur mit Feh­lern zu tun, sondern auch mit der Stärke des Gegners. Rossana Rossanda hat ein­mal gesagt „Du kannst den Revolu­tionären nicht vorwerfen, die Revolution zu machen&quot;. Genausowenig kannst du ihnen vorwerfen, wenn sie handeln, weil eine bestimmte Situation eingetre­ten ist, z.B. weil niemand mehr etwas von Wahlen und legalem Engagement hält. Sie müssen handeln- selbst dann, wenn die Niederlage absehbar ist.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Natürlich. Ich sage das ja auch nicht von außen, wir reden beide von einem revolutionären Standpunkt aus. Mir geht es darum, die Fehler, die wir gemacht haben, aufzuarbeiten und Konsequen­zen zu ziehen. Wir sind geschlagen worden, und unser Fehler war nicht der bewaffnete Kampf, sondern die Art und Weise, wie wir ihn geführt haben.&lt;br /&gt; Unsere Fehler waren militärischer Art. Einer davon war das, was ich gerade erzählt habe, daß GenossInnen Aktionen durchführen wollten, einfach nur um Aktionen zu machen. D.h. es gab keine vorhergehende Analyse, wozu sie dien­ten, und welche konkreten politischen Ergebnisse damit erreicht werden soll­ten. Die Logik, die dahinter steht, war einfach nur: „umso mehr militärische Aktionen es gibt, um so mehr Massenbewußtsein und Klassenkampf entsteht&quot;.&lt;br /&gt; Und das ist einfach nicht so.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Welche Aktion von euch oder heute von anderen Organisationen wäre in dem von dir geforderten Sinne wirk­lich für die Entwicklung von Kämpfen positiv?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ganz allgemein sind das die bewaff­neten Aktionen, die Massenbewegungen begleiten. Zum Beispiel die erste Ent­führung von Rodriguez. Sie wurde als der Höhepunkt eines Kampfs vorbereitet und realisiert, den die StudentInnen und die ArbeiterInnen, und nicht wir geführt hatten. Wir waren nicht Avantgarde, sondern Rückhalt der Bewegung. Die Avantgarde, diejenigen, die auf der Straße die härteste Konfrontation führ­ten, das waren die StudentInnen, nicht wir.&lt;br /&gt; Das gelungene an dieser Aktion war, daß die Leute auf der Straße das Gefühl hatten, die Aktion habe ihre Vorstellun­gen und Wünsche in die Realität umge­setzt. Es war ihre Aktion.&lt;br /&gt; Das Entstehen des bewaffneten Kampfs in einem Land muß Hand in Hand mit der Wahrnehmung der Bevölkerung gehen. Sie muß sehen, daß bestimmte Wege verbraucht sind, daß es neuer Konzepte bedarf. Dann können bewaff­nete Aktionen tatsächlich Bewegungen dynamisieren.&lt;br /&gt; Nichtsdestotrotz kannst du aber auch unter solchen politischen Bedingungen scheitern und isoliert bleiben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Siehst du heute eine Guerilla in Lateinamerika, die aus dieser Selbstkritik gelernt hätte?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Die Erfahrungen des bewaffneten Kampfs in den 60er und 70er Jahren im Cono Sur (Argentinien, Chile, Uruguay) haben meiner Ansicht nach dazu beigetragen, daß die nicaraguanische Revolu­tion stattfand. Die Compañeros in Nica­ragua haben ähnliche Niederlagen erlebt wie wir. Aber nur weil sie aus diesen Niederlagen lernten, sind sie in ihrer Praxis zum bewaffneten Aufstand über­gegangen.&lt;br /&gt; Das hatte nichts mit Debray, Cuba oder Mao-Tse Tung zu tun. Das war ganz ein­fach nur nicaraguanisch, eine Anpassung an konkrete historische und lokale Bedingungen. Danach haben auch die Salvadoreños das Konzept des bewaff­neten Kampfs von Grund auf erneuert. Sie hatten in den 70ern mit einer Form der Stadtguerilla begonnen, die in man­cher Hinsicht an unseren Erfahrungen angelehnt war. Sie gingen davon aus, daß in dem kleinen El Salvador eine ländliche Guerilla nur schwer möglich sei. Mit der Zeit allerdings gingen sie zu Konzepten über, von denen ich nicht wüßte, wie ich sie beschreiben soll. Sie entstanden aus den konkreten Erfahrun­gen nach dem Scheitern des Aufstandes im Januar 1981.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; So neu finde ich das nicht. Die salvadorenische Guerilla besaß mit den ländlichen Rückzugsgebieten durchaus Ähnlichkeit mit der chinesischen Gue­rilla in den 30er und 40er Jahren...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Aber in China gab es riesige Gebiete, in die das Militär niemals kam. Außer­dem gab es eine Grenze zur Sowjet­union. In El Salvador behauptete sich eine Landguerilla, obwohl der ganze Staat nur 300 km lang und 100 km breit ist und die USA insgesamt 6 Milliarden Dollar in den Krieg dort investierten. Das ist einzigartig, das hat mit fokistischen Modellen oder mit dem cubani­schen Vorbild nichts zu tun.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Hältst du die Guerilla heute für einen politischen Faktor in Lateiname­rika? Ich meine, es wird zwar viel von den Demobilisierungen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_9ooexo7&quot; title=&quot;Demobilisierung: Entwaffnung und Wiedereingliederung der Guerilla im Rahmen von Friedensverträgen&quot; href=&quot;#footnote4_9ooexo7&quot;&gt;4&lt;/a&gt; geredet, aber andererseits entstehen neue Bewegun­gen: in Venezuela gibt es eine Guerilla, die eng mit den fortschrittlichen Teilen der Militärs verbunden ist, in Ecuador ist etwas Neues am Entstehen, in Kolum­bien wächst der Einfluß der Guerilla... &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Na ja, wenn man die Situation mit früher vergleicht, ist offensichtlich, daß die Bedeutung der Guerilla abgenom­men hat. Es stimmt, daß sich in Ländern wie Kolumbien die Guerilla gehalten hat, aber ich weiß ehrlich gesagt wenig über die Situation dort. Venezuela halte ich für etwas ganz neues, für eine ausgesprochen interessante Entwicklung. Aber ich glaube insgesamt, daß wir unseren Kopf offen halten müssen für neue Verhältnisse und neue Schemen. Es hat sich vieles geändert...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Was meinst du?...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; In Uruguay und Brasilien ist die Linke zu einer Massenbewegung geworden, das war sie weder in der 60ern noch in der 70ern. Wir waren damals ein paar Gruppen, in Brasilien gab es praktisch gar keine Linke, heute sind es Millionen von organisierten GenossInnen.&lt;br /&gt; Das führt zu anderen Bedingungen. Wenn du früher mit deinem Grüppchen eine Guerilla aufgebaut hast, hatten die Militärs niemanden, den sie treffen konnten, sie mußten dich suchen, und sie sind dabei verrückt geworden.&lt;br /&gt; In den Jahrzehnten dazwischen haben sie gelernt, nicht dich zu schlagen, son­dern dein Umfeld. Ich könnte vielleicht eine Stadtguerillagruppe in Uruguay auf­bauen, mit falschen Papieren, guten Ver­stecken würden wir uns wahrscheinlich jahrelang bewegen können, ohne geschnappt zu werden. Aber was wür­den sie machen? Sie haben das schon angekündigt, sie würden die legale Linke angreifen, Zehntausende von Opfern würden sie uns zufügen, ohne die Guerilla zu treffen.&lt;br /&gt; In Argentinien haben sie 30.000 Men­schen umgebracht, nicht nur Unterstüt­zer von illegalen Organisationen, son­dern Leute, die einfach nur Sympathie mit der Linken hatten.&lt;br /&gt; Deswegen mußt du, wenn du heute von bewaffnetem Kampf redest, von anderen Größen ausgehen. Du kannst nicht mehr an Guerillagruppen denken, sondern an bewaffnete Massen. Wir müssen an Spa­nien 1936-38 denken, nicht mehr an den Che in Bolivien, der mit 25 Leuten und einem Eselchen die Revolution machen wollte. Die lachen sich tot. Damit wirst du geradezu eine folkloristische Attraktion.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Das ist kein ernsthaftes Konzept, was du da vorschlägst. Die Entwicklung, die wir bereits dutzende Male in der Welt gesehen haben, ist doch immer wieder die gleiche gewesen: Wenn eine Bewegung die Privilegien einer Ober­schicht in Frage stellt, dann läßt diese das Militär aufmarschieren, wie jetzt in Haiti. Klar wäre es in dem Fall am besten, die Bevölkerung ist organisiert und gut bewaffnet, um ihre Interessen durchzusetzen. Aber in der Realität ist das beste, was passieren kann, daß ein paar Leute vorbereitet sind, um auf die Situation zu reagieren.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Wieso, was ist damit gewonnen, wenn ein paar dutzend Leute Waffen haben und militärische Aktionen machen? Um die Interessen des Imperia­lismus und der Oligarchie in einem Land ernsthaft anzugreifen, muß es eine Mas­senbewegung mit Hunderttausenden von Menschen geben. Was machen die paar dutzend Bewaffnete, wenn die GenossInnen zu Tausenden in den Sta­dien eingesperrt sind?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Wenn du dir z.B. die Situation in Medellin/Kolumbien anschaust, siehst du, was es bringt. Die Paramilitärs, die Regierung, die Banden und die Drogenmafia haben über Jahre immer die Mas­senbewegung geschlagen. Bis dann die Guerilla in die Stadtteile gegangen ist und mit einer kleinen Gruppe in bestimmten Teilen der Stadt die Todes­schwadrone verdrängt hat. Erst seitdem trauen sich die Leute auch wieder, legale Arbeit zu machen. Inzwischen kontrol­lieren sie 30 oder 40% der Armenviertel Medellins.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Aber wie machen sie das, doch nicht mit ein paar Guerilleros...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; ...mit Milizen...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, und das sind sicher nicht nur ein paar dutzend, sondern Tausende.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Klar, aber die entscheidende Frage ist doch, daß du, um so etwas auf­zubauen, mit wenigen anfangen mußt. Zunächst war es eine kleine Gruppe von vielleicht 15 Leuten, die sich allmählich die Sympathie der Bevölkerung gewann. Sie begann in einem einzigen, eng umrissenen Gebiet und weitete sich langsam aus.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Die Guerilla in Kolumbien hat aber nicht erst gestern begonnen. Vor 30 Jah­ren hat sie einmal als kleine Gruppe angefangen, und heute sind vielleicht diese Milizen das Ergebnis davon.&lt;br /&gt; Was würden wir in Uruguay heute machen, wenn die Todesschwadrone wieder anfangen zu agieren- wir müßten zum Widerstand aufrufen, die 3000-4000 Leute, die schon einmal im Kampf waren, müßten sich neu organisieren. Aber die werden nicht eine Browning 9mm von mir verlangen, sondern 20.000 Gewehre. In Montevideo ist heute einer von drei Menschen links. Die Militärs könnten die Bevölkerung blind massa­krieren, und aus dem Grund muß man in größeren Maßstäben planen. Das ist das, was ich meinte, als ich Spanien 1936 ins Gespräch gebracht habe. Da ging es um Hunderttausende von GenossInnen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Ich würde gerne noch einmal auf eine Frage vom Anfang zurückkommen, nämlich über die Logik und Dynamik militärischer Konfrontation. Es ist ja nicht nur so, daß man die gesellschaftli­chen Verhältnisse insgesamt leicht aus den Augen verliert, sondern auch, daß die Menschlichkeit verloren geht. In fast allen Guerillaarmeen kam es zu Exeku­tionen und sogar zu Folterungen, Dis­kussionen wurden abgewürgt, Kritike­rInnen ausgeschlossen, gegnerische Soldaten massakriert. Läßt sich die Menschlichkeit im Krieg überhaupt bewahren?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Das ist ein großes Problem. Der Krieg ist eine große Scheiße. Du brauchst Dis­ziplin, Hierarchie, es gibt keine Diskussion über militärische Befehle, du mußt lügen, vortäuschen und verbergen, um den Feind auf falsche Fährten zu locken, du mußt mißtrauen und dich verstellen. (lacht) Mit den Autonomen könntet ihr keinen revolutionären Krieg führen, an dem Tag, an dem ihr diszipliniert han­deln müßtet, würdet ihr untergehen. Früher gab es eine schrecklich romanti­sche Vorstellung vom bewaffneten Kampf. Man glaubte, daß die Guerilla etwas reinigendes habe, daß in ihr der &quot;Neue Mensch&quot; entstehen könne, weil man sich in der Guerilla so aufopfert. Aber die Guerilla hat diesen Seifeneffekt nicht, die schlimmsten Bürokraten sind aus ihr hervorgegangen. 500 Berater des neoliberalen argentinischen Präsidenten Menem kommen aus der Guerilla.&lt;br /&gt; Es ist oft so, daß du mit der Guerilla anfängst, deinem Feind zu ähneln, daß du seine Methoden verwendest, daß es zu wahllosen, völlig unmoralischen Mas­sakern kommt. Das ist in El Salvador passiert, wo in Organisationen Mei­nungsunterschiede bewaffnet geklärt wurden, und das siehst du heute in Peru. Du weißt dort nicht, wer dich umballern wird, ob es die Polizei, die Militärs, die paramilitärischen Gruppen, die Drogenmafia oder Sendero Lumi­noso sein wird.&lt;br /&gt; Es gibt keine Impfung gegen den Verlust der Moral. Unsere einzige Chance ist es, über dieses Thema zu reden, sich des Problems bewußt zu sein. Wir müssen erkennen, daß der bewaffnete Kampf, die Gewalt ein Übel ist, daß wir dieses Mittel nur verwenden, weil die Situation noch schlimmer ist, als das Übel, zu dem wir greifen. Und wir müssen sehen, daß unser Kampf Verbesserungen für die Mehrheit der Bevölkerung bringen muß.&lt;br /&gt; In dem Zusammenhang fällt mir ein Satz ein, den ich auf einer Veranstaltung in Berlin gehört habe: man ›dürfe um links zu sein, mit der Bevölkerung nichts mehr zu tun haben‹. Dieses Denken ist elitär. Das ist so, wie wenn du per Dekret festlegst, daß du links bist und die anderen gefälligst zu kapieren haben, wo es lang geht. Entsetzlich, und es ist die Grundlage für unmoralisches Verhalten.&lt;br /&gt; Unser Kampf macht nur Sinn, wenn er für die große Mehrheit Verbesserungen bringt, und nur dieses „höhere Ziel&quot; garantiert auch eine Moral.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Ein anderes Problem der Gueril­las war ihre Machttheorie.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Stimmt. Der Fokismus hatte eine sehr einfache und schematische Vorstellung von der Macht. Danach ist Macht nicht mehr als die Exekutivgewalt des Staates, wie bei Lenin. Du setzt die Herrschen­den militärisch ab, und sicherst die neu errungene Macht selber vorrangig militärisch ab.&lt;br /&gt; Das Problem ist aber, daß die Macht nicht erobert wird, sie wird aufgebaut. Das ist viel komplexer als einfach nur einen militärischen Aufstand zu machen. Ich glaube, daß dieses falsche Verständ­nis von Macht viele Fehlentwicklungen nach sich gezogen hat. Die Unfähigkeit der Linken, mit Meinungsverschieden­heiten umzugehen und Minderheiten zu akzeptieren, oder der Autoritarismus, sich selber als alleinige Vertreter der Wahrheit zu sehen, hat damit zu tun.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Ihr habt 1985, als ihr aus dem Knast kamt, beschlossen, als politische Organisation zu arbeiten. Worauf grün­dete sich eigentlich die Entscheidung? War es eine Notlösung, weil ihr gar keine Möglichkeit besaßt, in die Illega­lität zurückzukehren, oder wart ihr wirk­lich überzeugt davon, daß es politisch das richtige sei?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Wir hielten es für eine politisch rich­tige Entscheidung, für die angemes­senste Strategie.&lt;br /&gt; Weißt du, die MLN war nie nur eine militärische Organisation. Auch früher bestanden wir aus einer Reihe von Strukturen, von denen einige in der Legalität, natürlich mit anderem Namen, politisch arbeiteten.&lt;br /&gt; Ab 1983, 84 gab es im &lt;em&gt;Cono Sur&lt;/em&gt; eine ganz wichtige Veränderung: die Massen nahmen sich die Straßen. Dadurch daß sich Hunderttausende an Massenbewe­gungen beteiligten, etwas was wir vor­her nie gehabt hatten, änderten sich die Verhältnisse.&lt;br /&gt; Das andere ist, daß wir niemals Frie­densverhandlungen geführt haben. Wir wurden von den Militärs zerschlagen, ausgelöscht. Es gab uns nicht mehr. Und dann waren es die Massen, die uns aus dem Gefängnis in die Legalität gebracht haben. Nicht wir sind dahin zurückge­kehrt, sie haben uns dorthin gebracht, sie haben uns und den Militärs die Lega­lität aufgezwungen.&lt;br /&gt; Wenn es so große Bewegungen gibt, kann die Avantgarde nicht mehr so sehr Avantgarde sein. Deswegen haben wir bei unserem ersten Kongreß einmütig beschlossen, den legalen politischen Kampf zu führen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Es gibt ein Interviewbuch der chileno-cubanischen Journalistin Martha Harnecker mit den Führern eurer Koali­tion &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Frente Amplio&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;. Du wurdest dort gemeinsam mit Leuten der verschiede­nen linken Parteien über Geschichte und Strategie der uruguayischen Linken befragt.&lt;br /&gt; In dem Buch stellt Harnecker die - wie ich finde - entscheidende Frage, warum ihr glaubt, daß sich die chilenische Erfahrung in Uruguay nicht wiederholen wird. Ihr habt nächstes Jahr Wahlen, als MLN nehmt ihr in der Frente Amplio daran teil, und ihr hofft zu gewinnen. Harnecker fragt, warum ihr so sehr davon überzeugt seid, daß in Uruguay eine linke Regierung nicht wie in Chile 1973 oder jetzt in Haiti weggeputscht wird. Ihr steht sozusagen vor der Alter­native, entweder euer Programm grund­legender Umwälzungen - ob die nun revolutionär oder reformistisch genannt werden, ist mir eigentlich egal - aufzuge­ben oder aber militärisch kalt gemacht zu werden.&lt;br /&gt; Das erstaunliche an dieser Stelle des Interviews war, daß keiner von euch die Frage beantwortet hat. Mein Eindruck war, daß Ihr euch um eine Antwort gedrückt habt. Meinst du wirklich, daß die uruguayische Linke auf so eine Ent­wicklung vorbereitet ist?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Der letzte Teil der Frage ist schwer zu beantworten. Wer ist vorbereitet? Ich habe falsche Papiere und eine Waffe, ich komme davon, wenn es sein muß. Aber es geht ja darum, daß die großen Mas­sen auf eine solche Situation vorbereitet sind, und nicht nur ein paar linke Grup­pen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Aber das Wesentliche wäre doch, daß die Linke Diskussionen vorantreibt. In Chile haben sich Teile der Unidad Popular 1972-73 sehr viel Gedanken dar­über gemacht, wie in den Armenvierteln und Fabriken der Widerstand vorbereitet werden kann. Es wurden Widerstands­kommitees aufgebaut. In Uruguay gibt es, so weit ich das beurteilen kann, nicht einmal eine Diskussion darüber.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Ja, das stimmt, es gibt sie nicht. Wir reden darüber mit den Leuten, aber die Frente Amplio als solche nicht. Das hat mit Kräfteverhältnissen zu tun. Wenn ich zu einem Basiskomitee der &lt;em&gt;Frente Amplio&lt;/em&gt; gehe und über das Problem des Widerstands rede, wird danach ein anderer kommen und die Leute davon zu überzeugen versuchen, daß das der völlige Wahnsinn ist, was ich vorschlage. Ich glaube, wir sind nicht diejenigen, die über eine Vorbereitung entscheiden und sie durchführen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Nein, aber es ist unsere Aufgabe, die Leute von bestimmten Ansichten zu überzeugen und konkrete Vorschläge zu machen.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, aber wie gesagt ist es auch eine Frage des Kräfteverhältnisses. In der Lin­ken in Lateinamerika gibt es heute eine entscheidende Diskussion: ob sie näm­lich die radikalen Forderungen aufrecht erhält oder irgendetwas anderes ent­wickelt. Diese Auseinandersetzung mit den Sozialdemokratinnen und Reformi­stinnen findet überall statt.&lt;br /&gt; Es gibt genug Linke, die früher im bewaffneten Kampf waren, und heute den Leuten vorschlagen, sich nicht vor­zubereiten. Der Comandante der salva­dorenischen FMLN, Joaquin Villalobos ist heute Sozialdemokrat und er besitzt Autorität in der Bevölkerung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt;...der ist kein Sozialdemokrat, der ist nicht mal mehr das.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Wahrscheinlich... Ob wir vorbereitet sind für eine Entwicklung, werden wir nicht am Tisch bestimmen können, das wird man draußen im Klassenkampf erleben. Das Fußballspiel findet auf dem Platz statt...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;So wie du das Kräfteverhältnis in der lateinamerikanischen Linken schil­derst, und so wie ich die Treffen des Sao Paolo-Forums mitbekommen habe, ist die Linke von einem Projekt grundlegen­der Veränderungen also weit, sehr weit entfernt.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Auf dem 8.Kongreß der PT, der vor kurzem stattgefunden hat, hat die radi­kale Linke gewonnen. Das war hervorra­gend, vor allem weil es von der Basis kam. In Uruguay habe ich die große Hoffnung, daß wir das Wunder schaffen werden.&lt;br /&gt; Wir müssen erreichen, daß es einen ideologischen Triumph bestimmter Kon­zepte unter den Massen gibt, daß sie sich dazu entschließen, sich auf Putschsituationen und härtere Konflikte vorzu­bereiten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Was erwartet Ihr von den Wahlen 1994? Die Perspektive, die Regierung zu stellen, ist ja nun nicht gerade umwerfend. Dadurch verändert sich nicht allzu viel.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Nein, das ist richtig. Ich glaube aber, daß Ihr in Europa eine sehr auf Parteien fixierte Sichtweise habt. Man wählt eine Partei wie man sich im Supermarkt für eine Sorte Seife entscheidet. Wenn die Partei dann ihr angekündigtes Programm nicht verwirklicht, dann entscheide ich mich das nächste Mal für ein anderes Produkt.&lt;br /&gt; Das ist natürlich Unsinn. Das einzige, was mich an den Wahlen interessiert, ist, daß durch sie Leute gewonnen werden können, und daß Bewußtsein wächst. Die Frage, ob die &lt;em&gt;Frente Amplio&lt;/em&gt; ihr Pro­gramm umsetzen können wird oder nicht, ist deshalb völlig unwichtig. Inter­essant ist nur, ob die Leute von der lin­ken Regierung an den Entscheidungen beteiligt werden und ob sie dabei ler­nen.&lt;br /&gt; Das Problem ist doch, daß es keinen Pfifferling wert ist, wenn wir &quot;Erleuchte­ten&quot; wissen, daß ein bestimmtes Pro­gramm aufgrund dieser und jener öko­nomischer und militärischer Machtverhältnisse nicht umgesetzt wer­den kann. Die Massen müssen das erkennen, damit sie sich die Frage grundsätzlicher stellen, damit sie mehr in Frage stellen als nur die Regierung...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Einverstanden. Eine linke Regie­rung kann zur Politisierung beitragen, wenn sie die Mehrheit an den Entschei­dungen beteiligt. Aber nur unter dieser Voraussetzung wäre eine linke Regie­rung positiv.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja. Das wäre das einzige, wozu diese Regierung gut wäre. Ich glaube, daß es dann sogar belanglos wäre, ob wir die Auslandsschulden zahlen oder nicht. Wichtig wird sein, ob die Leute auf der Straße begreifen, warum die Schulden bezahlt werden, warum man aus der Klaue des Imperialismus nicht so leicht herauskommt. Und dann werden sie sich das Problem grundsätzlicher stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Aber dafür wäre eine gemein­same Position der Frente Amplio not­wendig. Bei den KommunistInnen und SozialistInnen in der Koalition gibt es ganz andere Vorstellungen darüber, was eine linke Regierung zu machen hätte. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Klar, es gibt eine Linke, die Seifenpo­litik machen möchte. Es kann gut sein, daß 1994 die Frente Amplio zerbrechen wird. Von mir aus können die Seifen- und Teppichverkäufer zurückbleiben, sie werden allein bleiben, ohne die Leute.&lt;br /&gt; Die Wahlen sind auf jeden Fall nicht das Ziel, sondern eine Etappe auf dem Weg. Das sagen wir in Uruguay ganz offen, im Radio.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Laß uns von der internen Debatte der Tupamaros reden. Ihr hattet in den vergangenen Jahren eine Ausein­andersetzung darum, ob ihr euch zu viel in den Bewegungen engagiert. Ein Teil von euch meinte, ihr würdet zu wenig mit eigenem Namen agieren und zu oft nur in Bündnissen und Bewegungen arbeiten. Dahinter steht der Wider­spruch, inwieweit die politische Organi­sation MLN gestärkt werden muß, wel­che Rolle sie für einen Prozeß spielt. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Ich bin Teil dieser Strömung, die ver­tritt, daß wir vor allem die Bewegungen zu unterstützen haben. Wir dürfen uns nicht in Namen und Symbole verlieben. Wenn die Tupas irgendwann nicht mehr nötig sind, weil etwas neues, größeres entsteht, sollten wir nicht zögern, sie aufzulösen. Wir lieben die Revolution, nicht die Markennamen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Aber eine gut strukturierte Orga­nisation mit ihrer Geschichte ist ein sehr wichtiges Instrument dieser Verände­rung.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja. Aber es müssen nicht die Tupama­ros diese konsolidierte Organisation sein. Ich muß akzeptieren, daß es christliche Basiskomitees gibt, die bes­sere Arbeit für die Revolution machen als wir. Solchen Leuten muß ich die Hand reichen. Alles andere wäre sektie­rerisch.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Das ist ja unwidersprochen. Es gibt nur einen gewissen Widerspruch zwischen Verbreitern und Vertiefen. Natürlich müssen wir mehr werden, aber wir müssen eben auch inhaltlich vertie­fen, uns in einem engeren Rahmen fester organisieren als dies in Bewegun­gen möglich ist. Solche festeren Zusam­menschlüsse würde ich nicht als Avant­garde bezeichnen, sondern als Kerne. Es gibt keine starke Massenbewegung, schon gar keine revolutionäre Entwick­lung, ohne solche Kerne.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Genau. Deshalb gibt es die MLN. Wir vertiefen, erarbeiten grundlegende Ana­lysen, bestimmen gemeinsame, langfri­stige Strategien. Aber in der Breite der Bewegung arbeiten wir dann eben auch mit anderen Leuten zusammen. Da gibt es solche, die nur in der Bewegung aktiv sind, und andere, die ebenfalls einem organisierten Kern angehören, die in ihrem Rahmen ebenfalls vertiefen. In Uruguay haben wir 18 linke Organi­sationen, die alle in diesem Sinne für eine Vertiefung arbeiten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Um diese Kerne zu stärken, mußt du aber auch mit eigenem Namen und Inhalt präsent sein. Sonst kannst du nicht wachsen.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja. Du mußt vor allem auch den Moment erkennen. Manchmal ist Wachs­tum in die Breite völlig falsch, dann ist es notwendig erst mal Tiefe zu gewin­nen, inhaltlich Positionen zu bestimmen und deine Struktur zu stärken. In anderen Situationen dann aber zählt vor allem die Breite, das Dazukommen von neuen GenossInnen. Du hast nie die eine oder andere Position in Reinform, es geht vor allem um Gewichtungen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Auf jeden Fall bist du auch der Meinung, daß es Organisationen geben muß, in denen sich die politischen Akti­vistInnen sammeln.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; An dem Punkt würde ich das Erbe von den Anarchisten antreten. Nicht bei allem, aber in diesem Aspekt finde ich ihre Linie am sinnvollsten: demnach sol­len sich diejenigen, die sich nahe sind, gemeinsam organisieren. D.h. es gibt das Recht derjenigen sich zu organisieren, die die gleichen Manien haben. Von mir aus können sie sich in den hierarchisch­sten Strukturen zusammentun, wenn sie das wollen.&lt;br /&gt; Das bedeutet aber, daß es daneben einen breiteren Rahmen geben muß, in denen die verschiedenen Organisationen und Bewegungen wieder zusammenkommen können. Aber ich kann nichts schlechtes daran finden, daß sich dieje­nigen, die eine längerfristigere Strategie entwickeln oder strukturierter arbeiten wollen, einen eigenen Rahmen schaffen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Ein anderer Streitpunkt bei den Tupamaros war die Auseinandersetzung mit der Jugendorganisation Espartaco. Die Jugendlichen haben die MLN vor 2 Jahren verlassen. Du hast in Interviews mehrmals erklärt, daß die Auseinander­setzung darum ging, daß die Jugendli­chen mehr Autonomie in der MLN woll­ten. War das alles oder gab es auch politische Widersprüche?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Bei den Jugendlichen gab es eine Abneigung gegen die politische Arbeit und einen Hang zu mehr sozialen Akti­vitäten. D.h. sie wollten nicht in den politischen Bündnissen, in denen die MLN organisiert ist- der Frente Amplio und der MPP- aktiv sein, sondern eher soziale und kulturelle Aktivitäten ent­wickeln, z.B. Konzerte, Feste usw.&lt;br /&gt; Auf der anderen Seite gab es in der MLN ein autoritäres Verhalten, eine Art stalini­stische Deformierung. Sie meinten, daß eine revolutionäre Organisation nur aus disziplinierten Kadern zu bestehen habe, und forcierten von den Jugendlichen, daß sie, wenn sie Mitglieder der Organi­sation sind, auch die anstehenden Arbei­ten erledigen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Es ist ja auch richtig, daß jede/r AktivistIn einer Organisation sich an einer Kampagne, die gemeinsam beschlossen wird, beteiligt. Ich brauche keine Organisation, wenn die Leute nur das machen, wozu sie gerade Lust haben. Mit Absprachen verpflichten wir uns gegenseitig zu einem bestimmten Handeln.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Ja, sonst wird es eine Freizeitbeschäf­tigung. Ich glaube auch nicht, daß die Jugendlichen grundsätzlich recht hatten. Sie wollten wirklich ein bißchen Freizeitpolitik machen. Und genau das hat die Reaktion der anderen Seite hervorgeru­fen.&lt;br /&gt; Es gab also sowohl Fehler bei den Jugendlichen als auch bei der MLN, genau deswegen ideologisierte sich der Konflikt, bis er nicht mehr zu lösen war.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Frage: Sind die Jugendlichen, seitdem sie die MLN verlassen haben, immer noch aktiv?&lt;br /&gt; A: Sie haben es versucht, aber im Moment machen sie praktisch nichts. Das ist das traurigste daran. Wenn eine Gruppe geht und etwas neues aufbaut, dann ist das positiv, auch wenn es Mei­nungsverschiedenheiten gibt. Aber wenn eine Gruppe aus einer Organisation her­ausgeht und nicht mehr für die Revolu­tion arbeitet, dann ist es ein echter Ver­lust.&lt;br /&gt; Ich hoffe, daß sie zum Kampf zurückfin­den, in der MLN oder woanders. Ich hab es ihnen auch oft gesagt, baut euer eige­nes Projekt auf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Laß uns über Alternativen zum Kapitalismus reden. Du hast in deinen letzten Büchern immer wieder betont, der Realsozialismus sei unter anderem daran gescheitert, daß er den Kapitalis­mus wirtschaftlich und technologisch zu kopieren versucht habe. Diese Ansicht ist inzwischen mindestens 25 Jahre alt und hat sehr viel richtiges. Wodurch würde sich deiner Ansicht nach eine Alternative zum Kapitalismus auszeich­nen, was wäre der Unterschied zu den agrarsozialistischen Versuchen wie es sie z.B. in Afrika gegeben hat?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Es stimmt, daß diese Diskussionen alle nicht neu sind. Es gibt nur einen Unterschied zu früher: es sind keine Dis­kussionen mehr, vieles ist praktisch geworden. Die Geschichte hat die Fehler bestraft, mit langer Zeitverzögerung, aber immerhin.&lt;br /&gt; Die Idee, den Sozialismus in einem agra­rischen, unterentwickelten Land aufzu­bauen, hat nicht viel mit dem zu tun, was ich meine. Ich glaube, wir sollten vor allem aufhören, den Sozialismus in einem Land verwirklichen zu wollen. Das geht nicht.&lt;br /&gt; Ich glaube, es war Lenin, der gesagt hat „Nicht das ausländische Heer, sondern die Waren können dich besiegen&quot;. Es sind die Markenturnschuhe, die den Sozialismus geschlagen haben. Ich war baff, als ich vor Jahren in Cuba- damals war die Versorgungslage nicht wie jetzt, sondern es gab alles- gesehen habe, daß die Jugendlichen alles tun, um ein Paar Turnschuhe zu bekommen. Sie gehen auf den Schwarzmarkt, verhalten sich egoistisch, bescheißen andere Leute, ris­kieren Kopf und Kragen, nur um ein paar blöde US-Turnschuhe zu bekom­men.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Das Modell des „Sozialismus in einem Land&quot; entstand Mitte der 20er Jahre in der Sowjetunion aber nicht des­halb, weil die Bolschewiki die Idee so toll fanden, sondern weil die Sowjet­union alleine blieb. Es kam nicht zu den erwarteten Revolutionen in Westeuropa. Und am Anfang praktizierten die Kom­munistischen Parteien mit ihrer Interna­tionalen das, was wir heute wieder auf­bauen wollen, nämlich eine international diskutierende und handelnde Linke.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Der Internationalismus wurde aufge­geben. Der „Sozialismus in einem Land&quot; war eine self-fulfilling prophecy. Die Bürokratie verwandelte das, was aus einer historischen Notwendigkeit erwachsen war, in eine Doktrin. Der Sozialismus in einem Land war ab Mitte der 20er Jahre keine traurige Notwendigkeit mehr, er war eine für immer festge­schriebene Doktrin.&lt;br /&gt; Das letzte Mal, das es internationale Kämpfe um das gleiche Ziel gab, waren die Arbeiterkämpfe für die 40-Stundewo­che im 19.Jahrhunclert, die den ersten Mai als Kampftag begründeten. Seitdem hat es keine gemeinsamen Kämpfe mehr gegeben. Wie lange ist das her.&lt;br /&gt; Wie wenig Leute kapieren heute die internationale Dimension von Kämpfen. Wenn ich nach Deutschland komme, fragen mich die Leute in Uruguay, was ich hier will. Sie sagen mir, daß ich meine Zeit verschwende.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Aber die Revolution wird niemals gleichzeitig auf der ganzen Welt ausbre­chen. Das ist eine Illusion. Also wirst du das Problem, als einzelnes Land anfan­gen zu müssen, immer wieder neu vor­finden.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Natürlich. Aber du mußt das, was du dann aufbaust, nicht Sozialismus nen­nen. Weil es keiner ist. Du kannst Bedingungen schaffen, das ist alles. Ansonsten bringst du den Begriff Sozia­lismus in Verruf, so wie das in der Sowjetunion passiert ist.&lt;br /&gt; Das andere ist, daß wir uns durchaus stärker um internationale Zusammenar­beit bemühen können. Wir haben mit dem Sao Paolo-Forum angefangen, trotz­dem ist es für mich immer noch leichter, mich in Frankfurt mit Leuten von der PT zu treffen als in Lateinamerika. Da gibt es noch vieles, was wir machen können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Gut, eine internationalistischere Politik wäre ein Element. Was müßte noch gemacht werden, um eine soziali­stische Gesellschaft aufzubauen? Was würdest du tun, wenn wir in lateiname­rikanischen Ländern wieder eine Situa­tion wie in Nicaragua 1979 hätten?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Das erste wäre eine Radikalisierung der Demokratie. Es können nicht nur die Revolutionärinnen sein, die diese neue Gesellschaft schaffen, das muß die Mehrheit machen. Das heißt, diese Bevölkerungsmehrheit müßte durch ihre eigene Aktivität sehen, was möglich ist und wenn nicht, warum eine bestimmte Veränderung nicht drin ist. Wir müssen alle zu Strategen der Revolution werden. Ich bin also dafür, daß wir die Forde­rung nach Demokratie wieder zu unse­rer machen. &lt;br /&gt; Das andere ist, daß wir in weiten Teilen der Welt so weit zurückgefallen sind, daß es revolutionär anmutet, wenn man drei Mal am Tag zu essen hat. Das war früher reformistisches Minimalpro­gramm, heute ist es für Milliarden von Menschen eine Verheißung.&lt;br /&gt; Wir brauchen also ein Notprogramm, das solche fundamentalen Dinge wieder gewährleisen kann. Auf den Trümmern wirtschaftlicher, sozialer und moralischer Zerstörung kann man keinen Sozialis­mus schaffen. In diesem Elend verfallen ethische Werte, da gibt es keine Bemühungen mehr um eine andere Gesellschaft, nur noch den Drang nach Existenz. Also müssen wir zuerst Grundlagen schaffen. Schon das wird uns harte Auseinandersetzungen abver­langen, denn die Oligarchie, der IWF, sie sind nicht bereit, diese Veränderun­gen durchzuführen. Wir müssen sie uns erkämpfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Was ist mit den Vorstellungen einer anderen wirtschaftlichen und tech­nischen Entwicklung.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, klar, das ist das, was du am Anfang angesprochen hast. Wir werden die kapitalistische Industrialisierung nicht einfach wiederholen können. Aber genau dafür brauchen wir die Hilfe der 1.Welt. Denn aufgrund unserer Unterent­wicklung fehlen uns genau die techni­schen Elemente, um eine alternative Ent­wicklung zu durchschreiten, also z.B. auf anderem Weg Energie zu erzeugen.&lt;br /&gt; In Uruguay gibt es viele Genossinnen, die als Ziel anstreben, einmal so zu leben wie die Belgier. Während in Bel­gien sich die Linken Gedanken machen, was zu tun ist, um nicht mehr Belgien zu sein. Das ganze ist also auch ein ideologisches Problem. Eine bestimmte technische Entwicklung wird als alterna­tivlos betrachtet, der relative Wohlstand der europäischen Länder macht sie zu Vorbildern.&lt;br /&gt; Wir müßten oft einfach nur dem gesun­den Menschenverstand folgen, um zu sehen, daß das Quatsch ist. In Uruguay ist ein Pferd unter bestimmten Bedin­gungen sinnvoller als ein Traktor. Um das auszurechnen brauchst du keinen Taschenrechner.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Das Problem Cubas...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Nach 30 Jahren entdecken sie das Fahrrad.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Im Zusammenhang mit einem neuen Begriff von Sozialismus haben wir uns in der Arranca! mit lateinamerikani­scher Befreiungspädagogik auseinander­gesetzt. Der Brasilianer Paulo Freire zeigt auf, daß es sich bei der Emanzipa­tion —also auch bei der Revolution— nicht so sehr um Agitation und Propa­ganda dreht, bei der du die Linke zu einem bestimmten Ziel bringen willst, sondern eher um Bewußtwerdung. D.h. die Linke muß dafür arbeiten, daß die Menschen sich selbst als Subjekte ent­decken, daß sie ihr eigenes kritisches Bewußtsein entwickeln, das sie dann zwangsläufig in Konflikt mit der beste­henden Ordnung bringt.&lt;br /&gt; Hatte die Befreiungspädagogik auf die Praxis der Tupamaros irgendeinen Ein­fluß?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, aber das war keine bewußte Ent­scheidung von Organisationen, diese Erkenntnisse in diese politische Praxis zu überführen. Es hatte vor allem damit zu tun, daß sehr viele PädagogInnen aktive Linke waren und sind, und daß sie ihre Standpunkte in die Arbeit einge­bracht haben.&lt;br /&gt; Ein Beispiel für den Einfluß, den das auf den Alltag gehabt hat, war die Kampa­gne gegen die Privatisierung der öffentli­chen Unternehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Das war 1992...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, es gab das Referendum Ende 1992. Wir haben über das ganze Jahr Gespräche mit den Leuten geführt. Es sind Brigaden der Frente Amplio gebil­det worden, und mit dem Computer haben wir das ganze Land in Bezirke eingeteilt, die von den einzelnen Bri­gaden bearbeitet werden sollten. Die Leute sind von Haustür zu Haustür gegangen, um mit den Menschen über die Privatisierungen zu reden. D.h. es waren keine Veranstaltungen, sondern Personen der Frente Amplio haben mit der ganzen uruguayischen Bevölkerung geredet.&lt;br /&gt; Manche Leute sind 2, 3 oder 4 Mal besucht worden, weil die Diskussion weiterging. Du mußt dir vorstellen, alle Linken in Berlin würden einen Straßen­zug übernehmen und sie müßten dort alle Haustüren abklappern, um danach Bericht zu erstatten, wie das verlaufen ist.&lt;br /&gt; Die Wirkung so einer Arbeit ist phäno­menal. Deine Parolen, Schlagwörter, Erklärungsmuster, deine zurecht geleg­ten theoretischen Diskurse nützen dir nichts mehr, wenn du Menschen aus Haut und Haaren gegenüberstehst. Da verläßt du das Ghetto, du erlebst die Wirklichkeit, du spürst das Desinteresse, das Unverständnis, den Haß, aber eben auch die Sympathie der Menschen.&lt;br /&gt; Dabei lernst du, die Menschen als Sub­jekte zu behandeln. Du mußt sie fragen, ob du in die Wohnung kommen darfst, du mußt auf ihre Fragen Antworten suchen und dich belehren lassen. Denn sie haben Kritik und Vorstellungen, von denen du lernen kannst.&lt;br /&gt; Die BrigadistInnen sind natürlich auch an den Haustüren von Faschisten und Militärs gewesen, von außen siehst du das nicht. Und sie sind weggejagt wor­den. Aber genau dabei stellst du fest, ob deine Vorstellungen mit der Wirklichkeit des Volkes etwas zu tun haben.&lt;br /&gt; Das andere, was ich an Freire wichtig finde, ist die Verteidigung des Gedächt­nisses. D.h. eine unterdrückte Bevölke­rung darf die Erinnerung an ihre Geschichte nicht verlieren. Ich habe keine schriftstellerischen Ambitionen, ich begreife mich beim Schreiben als Kämp­fer für die Verteidigung unserer Geschichte.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Du besuchst bei deinen Rundrei­sen durch die BRD auch politische Gefangene aus der RAF. Du warst selber 15 Jahre lang im Gefängnis, wie ist es für dich in den Knast zurückzukehren?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, ich besuche die Celler Gefange­nen. Mir gefallen die Gefängnisbesuche natürlich nicht. Selbst dann nicht, wenn ich Freunde sehen kann. Aber der Besuch der Gefangenen ist eine Ver­pflichtung, das ist eine prinzipielle Angelegenheit, daß man solidarisch zu den Eingesperrten bleibt. Ich weiß, was der Besuch für einen gefangenen Genossen bedeutet, er ist eine nicht-reli­giöse Messe, etwas ganz besonderes. Verglichen mit dem, wo ich eingesperrt war, erscheinen die deutschen Gefäng­nisse natürlich wie das Sheraton-Hotel. Aber was ich von den deutschen Gefängnissen gesehen habe, war ja auch nur die Besucherzone. Der eigentliche Knast ist da, wo wir nicht hinkommen. Und außerdem können auch die saube­ren, gut gestrichenen Gebäude Orte des Schreckens sein. Es gibt vielen Formen die Menschen zu foltern. Jede Freiheits­beraubung und jede Isolation sind eine Art Folter.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Und wie hast du die drei in Gelle erlebt? Lutz Taufer und Karl Heinz Dellwo sind seit 18 Jahren eingesperrt... &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Ich war überrascht, wie sehr sie sich ihre Lebensfreude bewahrt haben. Wenn man sieht, wie lange sie sitzen, wie schrecklich diese Jahre gewesen sind, ...sie sind sehr lebendig geblieben, sehr aufrecht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Wie ist das eigentlich für euch, daß ihr für so viele bewaffnete Kämpfe in der ganzen Welt als Vorbild gedient habt? Stört es euch manchmal, fühlt ihr euch in unzulässiger Weise kopiert? Ich meine, daß Anfang der 70er die aller­meisten neu entstehenden Stadtguerillas, egal ob in Italien, der BRD, Spanien oder in Lateinamerika von den Tupas redeten.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Wir haben das erst 1985 mitbekom­men, als wir aus dem Knast herauska­men. Bis dahin hatten wir keine Ahnung davon, was in der Welt passierte, nicht einmal Nachrichten aus unserem eige­nen Land erreichten uns.&lt;br /&gt; Wir hatten aber nie daran gedacht, daß wir einmal als Vorbild dienen könnten. Ich bin ehrlich gesagt, auch gegen die Imitationen und Kopien. Man muß die Prozesse anderer Länder kennen und von ihnen lernen, aber immer dann, wenn wir versucht haben, etwas ganz einfach nur nachzumachen, hat es nicht funktioniert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Du hast in Frankfurt gesagt, daß ihr demnächst ein „Komitee zur Unter­stützung der Revolution in Deutschland&quot; gründen wollt...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; ...das war natürlich eine Kritik, weil sich so viele europäische Linke damit beschäftigen, andere Länder paternali­stisch zu unterstützen, anstatt bei sich selber zu arbeiten...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Klar, und zur Soli-Arbeit gehört immer auch der gute Ratschlag für die Genossinnen anderswo. Was empfiehlst du als Mitglied des uruguayischen Soli­daritätskomitees der Linken in der BRD? &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Na ja, vor allem die Revolution zu machen...(lacht)&lt;br /&gt; Ich kenne die Wirklichkeit in der BRD natürlich nur sehr wenig. Aber das wich­tigste fände ich, daß die Linke hier mehr mit den Bevölkerung zu tun hat, daß sie aufhört, von den „normalen Leuten&quot; zu reden, daß sie sich als Teil dieser Gesell­schaft erkennt. Dieses Argument, daß man sich abgrenzen müsse, um über­haupt links zu sein, erscheint mir völlig unsinnig.&lt;br /&gt; Zum anderen ist die Linke unorganisiert. Das hat Vor- und Nachteile. Die Autono­mie der westdeutschen Linken hat ihr eine große Lebendigkeit eingehaucht, sie ist nicht zusammengebrochen, als der Realsozialismus fiel. Das ist sehr positiv. Unabhängig davon, ob es viele sind oder nicht, die Linke hier lebt. Die Größe spielt da nur eine Nebenrolle. Die negative Seite ist die Aufsplitterung in unzusammenhängende, lose beste­hende Grüppchen. Die BRD-Linke ist sehr sektiererisch, auch die Autonomen. Die Frage ist also, wie diese vielfältige Autonomie aufrecht erhalten werden kann und sich gleichzeitig Kräfte mit gemeinsamen Zielen bündeln. Ihr müß­tet lernen, mit Unterschieden umzuge­hen und dennoch eng zusammenzuar­beiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn das gelingen würde, wäre das eine ziemlich interessante Synthese.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Danke, Nato, für dieses Gespräch&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_ouhipnh&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_ouhipnh&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Fokismus: das Wort kommt vom spanischen foco (Brennpunkt). Die Theorie des foquismo behauptete, daß revolutionäre Gruppen durch die Aufnahme des bewaffneten Kampfs in einer bestimmten Gegend die Verhältnisse insgesamt in einem Land zum Kochen bringen könnten: der Brennpunkt weite sich zum Flächenbrand aus. In den 60ern und 70ern war der foquismo die bestimmende Theorie der unabhängigen Linken Lateinamerikas. Sie breitete sich vor allem deshalb aus, weil sie in Cuba in klassischer Form funktioniert hatte. In einer Situation gesellschaftlicher Unzufriedenheit landeten nicht einmal 2 Dutzend Revolu¬tionäre unter der Führung von Fidel Castro und Che Guevara auf der Insel und es gelang ihnen, innerhalb von drei Jahren den Diktator Batista zu stürzen. Danach jedoch erlitten foqui¬stische Guerillas zahlreiche Niederlagen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_rz5q56j&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_rz5q56j&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Der Franzose Regis Debray schrieb 1966 das Buch „Revolution in der Revolution&quot;, das den Ruf hat, den Fokismus als Theorie begründet zu haben. Ein Jahr später war Debray zusammen mit Che Guevara in der Guerilla in Bolivien, verließ diese aber sehr schnell, weil er mit den har¬ten Bedingungen auf dem Land nicht klar kam. Nach längerer Haft in Bolivien kehrte er nach Frankreich zurück und begann sich von seinen revolutionären Ideen zu verabschieden. 1981 wurde er zum Lateinamerikaberater des sozialdemokratischen Präsidenten Francois Mitterrand.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_jfkxn00&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_jfkxn00&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Apriorismen sind Grundannahmen, von denen man ausgeht. Hier wären die Apriorismen, von den Huidobro spricht, a) die Einstellung, daß die bewaffnete Konfrontation an und für sich gut ist, und b) die bedingungslose Ablehnung des bewaffneten Kampfs wie sie von vielen Refor¬misten vorgebracht wird&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_9ooexo7&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_9ooexo7&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Demobilisierung: Entwaffnung und Wiedereingliederung der Guerilla im Rahmen von Friedensverträgen&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Wed, 05 Jan 2011 16:30:21 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Eine kurze Antwort auf Lutz Taufer</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/3/eine-kurze-antwort-auf-lutz-taufer</link>
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                    &lt;p&gt;Daß es keine Linke geben kann, die sich nicht als Teil der Gesellschaft begreift, und daß deshalb so viele Bemühungen der BRD-Linken in den letzten 15 Jahren eigentlich unpolitisch blieben, darüber gibt es nicht viel zu streiten... Ein offener Brief an Lutz Taufer&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dieser Text ist eine Antwort auf den &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/gesellschaft-oder-ghetto&quot;&gt;Artikel von Lutz Taufer&lt;/a&gt; in derselben Ausgabe&lt;/em&gt;&lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Daß es keine Linke geben kann, die sich nicht als Teil der Gesellschaft begreift, und daß deshalb so viele Bemühungen der BRD-Linken in den letzten 15 Jahren eigentlich unpolitisch blieben, darüber gibt es nicht viel zu streiten. Du hast recht, wenn Du das einfache Weltbild vieler radikaler Linker kritisierst, in dem nur noch ein „schwarz und weiß&quot;, „wir und sie&quot; auftaucht. Ein solches Denken vereinfacht, übersieht, daß es Prozesse und Entwicklungen gibt, aber vor allem führt es dazu, daß es sich die Linke in ihrer Nische bequem machen kann. Für welchen Apparat ist es schon gefährlich, wenn sich Radikale mit sich selbst beschäftigen, sich gegenseitig ihre Konsequenz beweisen und dabei ab und zu etwas kaputt geht. Moderne Gesellschaften erzeugen Randgruppen, die man akzeptiert, weil die Stabilität der kapitalistischen Gesellschaften auch in ihrer Pluralität begründet ist. Sollen wir uns doch weiter zu zweitausendst tummeln.... Aus diesem Grund hast du natürlich auch recht, wenn du vom notwendigen Weg in die Gefilde, wo „der Reformismus lauert&quot;, redest. Wir werden nur ernst genommen werden, wenn wir die gesellschaftlich real vorhandenen Probleme ansprechen, wenn wir mit vielen reden, wenn wir uns darauf einlassen, daß unterdrückte Menschen (und das sind auch wir) natürlich in irgendeiner Weise auch „kaputt&quot; sind: vereinzelt, obrigkeitshörig, spießig, rassistisch, frauenfeindlich ... Ein emanzipatorischer Prozeß, eine Revolution kann nicht die Menschen durch neue ersetzen, sie muß die alten verändern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So weit bin ich Deiner Meinung. Was ich nicht verstehe, ist, warum die alte RAF von Meinhof, Baader, Raspe und Ensslin von der Kritik ausgeklammert bleibt, von ihr behauptest Du, sie habe sich der konkreten Arbeit in der Gesellschaft damals in der Jugendarbeit gestellt, du stellst sie den den Verbal-„Revolutionären” von heute entgegen. Nun kenne ich die Geschichte der bewaffneten Gruppe lange nicht so gut wie Du. Aber die Texte der alten RAF, auch ihre politischen Entscheidungen belegen das Gelegenheit von dem, was Du sagt. Wenn Ulrike Meinhof Hanna Krabbe 1974 oder 75 schrieb, man müsse sich damit abfinden, hier in der Minderheit zu bleiben, - und nicht die Tatsache, daß sie das feststellt, sondern mit welcher Vehemenz sie darauf hinweist, daß diese Gesellschaft kein Bezugspunkt sein kann, ist das entscheidende daran-, dann ist genau dort die Wurzel für die Abkehr aus den Verhältnissen in der BRD zu suchen. Die RAF hat sich nicht nur gezwungenermaßen, sondern auch aus freien Stücken dazu entschieden, eine radikale, marginalisierte Gruppe zu bleiben. Ihre Aktionen gingen eigentlich nie Hand in Hand mit der (zugegebenermaßen lahmen) Entwicklung von politischen und sozialen Bewegungen. Die Brücken zum Ausgangspunkt hat sie abgebrochen, gerade um zu zeigen, daß hier auf anderem Weg als bewaffnet nichts mehr zu holen ist. Das ist avantgardistisch, unpolitisch und ähnelt dem Verhalten des Eroberers, der die Schiffe seiner Armada abbrennen läßt, damit die Truppen nicht zurückkönnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Kritik müßte auch an der frühen RAF ansetzen. Es gab alternative Konzepte von bewaffnetem Kampf und Positionen, die der RAF schon Anfang der 70er Jahre das vorhergesagt haben, was später passierte. Das soll nicht heißen, daß diejenigen, die diese Kritik äußerten in ihrer praktischen Arbeit wirklich eine Alternative realisieren wollten, auch nicht, daß die RAF keine Verdienste hat- die Härte der Verhältnisse konnte nicht mehr so einfach unter den Teppich gekehrt werden. Das ist zweifellos bewundernswert. Aber trotzdem bleibt die Frage, ob das Konzept der RAF, so wie es eigentlich fast von Anfang an vertreten wurde, nicht genau dem widersprochen hat, was du heute einforderst. Der Weg in die Gefilde, wo &quot;der Reformismus lauert&quot;, die Rückkehr in die Gesellschaft, die Fähigkeit zur Zurücknahme der Eskalation, das repräsentierten damals von den bewaffneten Gruppen der 2. Juni oder die Revolutionären Zellen sicherlich mehr als Ihr. Die Strategie der Fabrikguerilla, die unmittelbare Einbindung in Bewegungen und der Verzicht auf die Illegalität, solange sie vermeidbar war, hätten eine andere Geschichte in der BRD vielleicht möglich gemacht, einen breiter verankerten revolutionären Kampf. Vielleicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus diesem Grund ist auch Dein Vorwurf gegen die trostlose Linke draußen zu hart. Es gab ja genug Leute, die Kopf und Kragen riskiert haben, weil sie militante Aktionen machen wollten. Es ist ja auch nicht so, daß nur aus Feigheit der legalen Linken die RAF klein blieb. Es gab Hunderte von Linken, die bei Anschlägen 5 oder 10 Jahre Knast riskiert haben, Antifaschistinnen, die zu Nazi-Versammlungen gegangen sind und sich letztlich nicht sicher sein konnten, ob sie lebend wiederkommen würden. Und es gab Unterstützerinnen, die für einen Artikel solange inhaftiert wurden, wie Rechtsradikale für einen Mord.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es stimmt einfach nicht, daß hier niemand bereit gewesen wäre zu kämpfen. Die RAF blieb nicht allein wegen der Linken klein, sondern weil sie sich aus freien Stücken isoliert hatte, weil ihre Erklärungen (ich erinnere mich genau an die 80er Jahre und z.B. den Beckurts-Anschlag) weltfremd und fern anmuteten. Wir haben gespottet über die verhärmten, uns beschränkt vorkommenden Aneinanderreihungen von fremdsprachlich gespickten Haßtiraden gegen das System. Natürlich mag das auch an unserer Trostlosigkeit gelegen haben. Aber wir waren damals fast zu jung, um besonders trostlos zu sein, wir waren rebellisch und wir haben mit der Zeit auch gelernt, etwas aufs Spiel zu setzen. Trotzdem ist für uns die Option RAF immer unvorstellbar geblieben. Freunde sind nach El Salvador in die politische Arbeit und zur Guerilla gegangen, sie haben den Tod einkalkuliert, für die RAF hätten sie sich nie entschieden, sie fanden den bewaffneten Kampf in der BRD, so wie es ihn gab, falsch, fremd, unnachvollziehbar. Vielleicht geht deswegen Deine Kritik auch über das Ziel hinaus- wenn ich sie überhaupt richtig verstehe. Es geht nicht um die &quot;Leute, die es machen können&quot;. Alle können sich entschlossen, mutig wehren, gerade die, von denen man es am wenigsten erwartet hätte. Es gibt Zehntausende, die es können oder können werden. Dafür braucht es jedoch Erfahrungen mit der Realität dieses Landes und Menschen, die in der Lage sind, einen zu begleiten. Unbetretene Wege erobern sich nur Pionierinnen, auf bereits vorhandene Pfade folgt jede/r, die oder der Vertrauen in eine/n andere/n hat und die Notwendigkeit erkannt hat. Das jedoch hat hier nie jemand getan. Weder die politische Linke noch die illegale hat sich groß darum bemüht, Entwicklung von Neuen zu fördern und zu begleiten. Die Linke stand der Gesellschaft fremd oder missionarisch gegenüber. Beides funktioniert nicht. Hier war die objektive Grenze und hier wird sie auch in der Zukunft sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dieser Text ist eine Antwort auf den &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/gesellschaft-oder-ghetto&quot;&gt;Artikel von Lutz Taufer&lt;/a&gt; in derselben Ausgabe&lt;/em&gt;&lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 07 Dec 2010 10:38:23 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Gesellschaft oder Ghetto</title>
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                    &lt;p&gt;Lutz Taufer, ehemaliges Mitglied der RAF, nimmt aus dem Gefängnis Stellung zur Debatte um die Niederlegung des bewaffneten Kampfs.&lt;/p&gt;

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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Es gab immer Widersprüche in der Gefangenengruppe, und es gibt sie, so auch 1992. Die Ursachen sind vielfäl­tig, aber die Kontraste gehen in letzter Konsequenz auf die Frage Gesellschaft oder Ghetto zurück.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt unter uns welche, die Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre die Erfahrung einer antisystemischen und emanzipativen Bewegung gemacht haben, die angetrieben war, Verantwor­tung übernehmen zu wollen für ein gesellschaftliches Ganzes. Aus dieser Zeit ist die RAF entstanden. Und es gibt Gefangene, die aus einer Zeit kommen, in der dieses Erlebnis, diese Erfahrung, dieses Selbstverständnis vom politischen nicht ohne weiteres zu haben war. Ich denke, der Unterschied liegt vor allem dort, wo jene Bewegung versucht hat, Abgrenzungen zu durchbrechen, ist das Ghettobewußtsein darum bemüht, Ab­grenzungen zu errichten. Die von einer gespenstischen Substanzlosigkeit gekenn­zeichnete Debatte des Jahres 1992 „revo­lutionär&quot; vs. „reformistisch&quot; ist nur noch der letzte Beweis dafür. In Wirklichkeit geht es nicht um „revolutionär&quot; oder „reformistisch&quot;, sondern um Ghetto oder Gesellschaft. Ein Bewußtsein gesamtge­sellschaftlicher und gesamtpolitischer Verantwortung kann offenbar durch Dis­kussion und Aufklärung darüber nicht erreicht, es kann nur durch praktische Erfahrungen erlernt, akkumuliert wer­den. Entweder in einer existierenden oder sich entwickelnden Aufbruchsbe­wegung oder, wo es das nicht gibt, in jenen gesellschaftlichen Gegenden, „wo der Reformismus lauert.&quot; Also in jenen Bereichen, in denen Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Jan Carl Raspe und Holger Meins ihre ersten politischen Lernprozesse machten: in den Bereichen Jugendarbeit, Erziehung und Kultur der sechziger und siebziger Jahre. Müßten diese heute unter die Augen unserer „Revolutionäre&quot; treten, sie würden mit Sicherheit als „Reformisten&quot; entlarvt und ein für alle mal ausge­grenzt werden. Sicher, sie hatten damals den Faschismus im Rücken, wo hinter uns heute der Zusammenbruch des Realsozialismus liegt. Das verändert die Aus­gangsbedingungen. Dennoch: der Weg in jene Gegenden, wo der Reformismus lauert, ist zweifellos ein riskanter und schwieriger Weg - aber der Weg ins Ghetto ist sinnlos. Was sich zwischen Anfang 1989 und Ende 1992 in unseren Zusammenhängen an Widersprüchen und Denk- und Handlungsblockaden entwickelt hat, ist bestimmt von dieser unaufgelösten Spannung zwischen den beiden Polen Ghetto und Gesellschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn im Jahr 1992 ein Bundesminister der Öffentlichkeit den Gedanken in den Kopf gesetzt hat, RAF-Gefan­gene müßten freigelassen werden, wenn dieser simple politische Tatbestand eine breite öffentliche Diskussion ausgelöst hat, dann handelt es sich bei diesem Vorgang um ein Ereignis auf politisch- gesellschaftlicher Ebene. Vollkommen gleichgültig, was hinter dieser Kinkel-, KGT-, oder was-weiß-ich-für-eine Initia­tive sonst noch stecken mag. Wenn es uns nicht gelungen ist, diesen einfachen politischen Tatbestand für uns zu ent­wickeln, weiterzuziehen, auszubauen, dann nicht deshalb, weil die RAF eine reformistische Erklärung abgegeben oder irgendein Geheimdienstklüngel sich Counterstrategien ausgedacht hat, sondern weil die Gefangenengruppe und Scene sich am unaufgelösten Widerspruch zwi­schen Ghetto und Gesellschaft seit Jah­ren gegenseitig blockiert und längst in die Handlungsunfähigkeit manövriert hat. Wenn sich die Gefangenengruppe ein Jahr lang nicht gerührt hat, um danach festzustellen, unser Feind will uns vernichten, ist diese Vorhersage von ebensolcher visionären Kraft, wie wenn du sagt: „wenn du barfuß im Schnee gehst, bekommst du kalte Füße.&quot;&lt;br /&gt; Michael Dietiker, Ali Jansen und Bern­hard Rosenkötter haben in ihrem Beitrag (Konkret, November 1992) richtig aufge­zeigt, daß der revolutionäre Kampf der RAF nicht vom Himmel gefallen ist, son­dern daß Inhalte und Ziele, die mit bewaffneter Politik weiterentwickelt werden sollten, bereits von der 68er­Bewegung, ihrerseits eine revolutionäre Bewegung, in die Welt gesetzt worden waren. Aber auch diese ist nicht vom Himmel gefallen! Sie bereitete sich vor in jenen Gegenden, in denen der Refor­mismus lauert.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Selbst ein so sympathisch nüchterner Mann wie Schäuble spricht vom Verlust der Wertbindungen, der Mitte der sech­ziger Jahre entstand&quot;, berichtete die Süd­deutsche Zeitung am 7.12.1992 von einer Schäuble-&quot;Rede über Deutsch­land&quot;. Was ist es, was diesen „nüchter­nen&quot; Politiker dermaßen irritiert, ein Viertel Jahrhundert nach Seiner Zeit als einer der Anführer des Rings Christlich- Demokratischer Studenten in Freiburg? Sicher nicht diese oder jene Aktion der Studentenbewegung, eher schon der zumindest partiell und temporär erfolg­reiche Angriff auf jene Denkmuster und Mentalitäten, die den Kapitalismus im Innersten, bis jetzt jedenfalls einiger­maßen am Laufen hielten: die verloren­gegangenen Anbindungen an die herr­schenden Werte. Unschwer zu begreifen, daß eine solche eindringliche Offensive nicht durch Rückzug ins Ghetto geschieht, sondern durch jene Bewegung, die in der genau entgegen­gesetzten Richtung sich entfaltet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie nun aber jener eigentümliche Gedankensprung, mit dem Schäuble, an die Denunziation von 68 anknüp­fend, in seiner Rede fortfährt: „Und er ap­pelliert an das deutsche Volk, sich nicht nur am Konsum zu orientieren, sondern auch die Freude am Kind zu entwickeln&quot;? Wie?! Hat 68 hemmungslosen Konsum propagiert, haben wir zielstrebig auf jene kinderfeindliche Gesellschaft hinge­arbeitet, wie wir sie heute haben? Warum redet dieser Mann solchen Unsinn? Ich denke, wir müssen dabei zweierlei auseinanderhalten: erstens die Tatsache, daß die Warengesellschaft in ihrer heutigen fundamentalistischen Aus­prägung (in Schäubles Worten: alleinige Orientierung am Konsum) zu einer unaufhaltsamen Verwahrlosung der Gesellschaft, ihrer sozialen Bindekräfte und so ihrer Reproduktion überhaupt führt. Und zweitens, daß selbst einem Schäuble inzwischen dämmert, was ein Marx schon vor 140 Jahren skizziert hat: daß nämlich unter dem Fundamentalis­mus der Ware Verhältnisse zwischen Menschen zu Verhältnissen von Sachen werden. Als führender CDU-Politiker kann er das aber nicht aussprechen, er kann es nicht einmal in seinem Bewußt­sein zulassen, also wird es abgespalten und auf einen Sündenbock projiziert.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das Klima in diesem Land ist in den letzten beiden Jahren umgeschlagen. Eine dramatische Entwicklung, die in ihrem vollen Ausmaß erst 1992 deutlich geworden ist. Was wir heute wissen, war zu Beginn des Jahres noch nicht sichtbar. Reaktionäre bis faschistische Tendenzen, und zwar nicht nur in orga­nisierter Form in der Bandbreite von SPD bis hin zu bewaffneten neonazisti­schen Trupps, haben sich breit gemacht und längst auch das Alltagsbewußtsein erreicht. Werte und Denkmuster der Lin­ken kommen nicht mehr oder nur in dif­fuser, widersprüchlicher Form zum Tra­gen. Breit angelegte Aktionen gegen Rassismus, Antisemitismus und Nazismus haben stattgefunden, als Koalitionen von Linken, sozialdemokratischen und bür­gerlichen Kräften. Ihre traditionelle Rolle als Motor solcher Mobilisierungen hat die Linke eingebüßt. Schlimmer noch: da demonstrieren Millionen gegen Faschismus und militanten Rassismus, ohne zuvor mit der herrschenden Werteskala gebrochen zu haben. Und doch muß auch daran erinnert werden: bei allen grausamen Verirrungen war es in der bisherigen Geschichte die Linke, die garantiert hat, daß um menschliche und soziale Emanzipation gekämpft wird. Ein anderes politisches Kontinuum, das auch nur ähnliches für sich in Anspruch neh­men könnte, fällt mir, in Deutschland jedenfalls, nicht ein. Wenn es nach dem zweiten Weltkrieg in diesem Land eigen­ständige Demokratisierung gegeben hat, so war das nicht der US-Import Dollars&amp;amp;Democracy, es war die 68er-Bewe­gung, die das, was der Faschismus nach dem Judentum innerstaatlich am grau­samsten verfolgt und nahezu ausgemerzt hatte - die Linke, ihre Werte, Kultur und Kontinuität-, wieder lebendig und berechtigt hat werden lassen in Deutsch­land West.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Und wenn heute eine Re-Faschisie­rung läuft, dann breitet sie sich aus in jenem politisch-kulturellen Vakuum, das diese Linke in ihrem Rückzug aus einer gesamtgesellschaftlichen Verant­wortung und Neusetzung von Werten und Einstellungen hinterlassen hat.&lt;br /&gt; Die Welt, nicht zuletzt die westlichen Systeme, befinden sich in einem sich beschleunigenden Prozeß der Implosion, der vermutlich von ähnlicher Dimension sein wird wie der Übergang vom Mittel­alter zur Neuzeit. Und insofern ist der Satz vom Ende der Geschichte wahr. Aber die Verwechslung einer neuen Zeit, in der Mensch und Natur in ihrer Weiterexistenz bedrohenden Apokalypse namens Warengesellschaft zeigt nur, wie sehr die Mächtigen selbst in perspektivi­scher Ratlosigkeit befangen sind. Das macht sie nicht ungefährlicher, im Gegenteil. „Aktionismus statt Politik&quot; bilanziert die Süddeutsche Zeitung die Bonner Politik des Jahres 1992. Aber ihre Versuche, die bedrohlicher und unbe­herrschbarer werdende Situation unter Aufbietung aller Mittel und Brutalitäten, unter Abwurf auch noch des letzten moralischen Ballastes, doch noch einmal zu stemmen, ist der historische Situation gegenüber genauso blind wie der „Blick über Kimme und Korn&quot;. Dieser Situation ein „revolutionäres Projekt&quot; entgegenzu­stellen, das auch nach einjähriger Debatte über das Stadium guter Absich­ten und böser Unterstellungen nicht hin­ausgekommen ist, halte ich nicht für einen Angriff auf diese Verhältnisse, son­dern für eine Rückzug von ihnen.&lt;br /&gt; Meine Güte! Wer wollte bezweifeln, daß diese Verhältnisse, wie sie sich destrukti­ver und katastrophenhafter kaum dar­stellen könnten, radikal umgewälzt wer­den müßten! Aber die Erschießung von sogenannten Eliten hat nichts verändert, und umgewälzt schon gar nichts. Weder hat die Erschießung von Zimmermann die Politik der deutschen Rüstungsindu­strie oder auch nur die von MTU in eine andere Richtung bringen können, noch die Erschießung Gerald von Braunmühls die Nahost-Politik der Bundesregierung. Wenn das Wort vom revolutionären Kampf einen materiellen, also nachprüf­baren Gehalt hat - und es ist ein Wort, das nicht nur von Veränderung, sondern von heftigster Veränderung spricht -, dann war die Wirkung der bewaffneten Aktionen im einzelnen wie in ihrer Gesamtheit weniger als reformistisch. Ob eine Politik revolutionär ist oder nicht, bestimmt sich am Ende wirklich nur darüber, ob sie die Verhältnisse in Richtung Revolution gebracht oder zumindest verändert oder Prozesse in diese Richtung initiiert hat.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Die RAF war die ganzen 22 Jahre über immer eine relativ kleine Gruppe&quot;, so die Illegalen in ihrer August-Erklärung. Die Geschichte der RAF ist die Geschichte einer Gruppe, die in 22 Jah­ren niemals größer als 20 oder 30 Leute war. Und dies hängt damit zusammen, daß jene Linken, die seit 22 Jahren vom revolutionären Kampf reden, sorgfältig darauf geachtet haben (von Ausnahmen abgesehen), persönlich sich in sicherer Distanz zum bewaffneten Kampf zu halten. Darin liegt für mich die reale­xistierende Distanzierung von bewaffneter Politik! Und sicher nicht in einer Erklärung, die Karl-Heinz Dellwo vor kurzem für einige RAF- Gefangene abgegeben hat (um das, was in den Verfahren von uns gesagt werden würde, öffentlich zu machen). Ich halte es für eine schon recht eigenartige, um nicht zu sagen spießermäßige Haltung, von andern zu verlangen, die sollen gefäl­ligst ihr Leben aufs Spiel setzen, und selbst achtet man genau darauf, den eigenen Hintern im Warmen zu halten. Von ein oder zwei militanten Demos im Jahr. abgesehen. Wenn überhaupt! Ich kritisiere diese „Revolutionäre&quot; nicht, weil sie nicht in die Illegalität gehen. Aber ich kann mich eines Gefühls der Geringschätzung nicht erwehren, wenn diese „Revolutionäre&quot; noch nicht mal den Mumm zu der sich nun schon seit vielen, vielen Jahren aufdrängenden Feststellung aufbringen: wenn sie selbst nicht die Kraft und die Courage aufbrin­gen, bewaffnet zu kämpfen, wenn ihre GenossInnen und FreundInnen, ihre Freunde und Genossen um sie herum diese Kraft und diese Courage nicht auf­bringen, wenn diese Geschichte sich 22 Jahre lang wiederholt und wiederholt und wiederholt - daß sich dann die sub­jektive Schranke des Einzelnen, in die Illegalität zu gehen, zu einer objektiven Schranke für den bewaffneten Kampf verdichtet hat: daß es eben nicht geht. Und daß die Leute, die es machen kön­nen, in diesem Land schlicht und ein­fach nicht existieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nahezu ein halbes Jahrzehnt ist es her, daß die Gruppe der RAF-Gefangenen öffentlich erklärt hat, zum Gespräch mit gesellschaftlichen Grup­pen bereit zu sein. Voraussetzung wäre natürlich gewesen, daß die Gefangenen sich tatsächlich als Gruppe mit Gruppen aus der Gesellschaft würden auseinan­dersetzen können. Die Vorstellung, wie sie damals, 1988, von sozialdemokrati­scher Seite ins Spiel gebracht worden war, einzelne wenige Gefangene für ein paar Stunden raustreten zu lassen zur Diskussion, raustreten zu lassen aus langjähriger Isolation, glich eher einer Erfolgskontrolle jenes Haftregimes, das heute, wo die Stasi es eingesetzt hatte, als Isolationsfolter strafrechtlich verfolgt wird. Mit Sicherheit war diese Vorstellung von einer „Diskussion&quot; einer Partei würdig, die in den 70er Jahren die Eska­lation tatkräftig und systematisch hoch­gezüchtet hatte, um sich 1992 im Schul­terschluß mit der CSU wiederzufinden. Vier Jahre nach den „Diskussions&quot;-Erklärungen der Gefangenen vom Au­gust 1988 mußten wir in diesem Jahr eine Menge darauf verwenden, um zu verhindern, daß Bernd Rössner dorthin kommt, wohin ihn die Bundesanwalt­schaft und ihr psychatrischer Gutachter haben wollten: in die geschlossen Abtei­lung einer psychiatrischen Anstalt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Noch immer gibt es RAF-Gefangene, die Haftbedingungen ausgesetzt sind, so etwa Brigitte Mohnhaupt in Aichach, die mit dem Herbst 77 sehr viel, mit der in diesem Jahr vom Bundeskanzler annon­cierten Normalisierung aber überhaupt nichts zu tun haben. Während die Gefangenen auf einen politischen Weg setzen, klettert die Bundesanwaltschaft noch immer durchs Dickicht der 70er Jahre, setzt auf Psychiatrie und psychiatrische Diagnose. Die Gefangenen wollen den Weg des Subjekts, der gemeinsamen Diskussion drinnen/draußen und dazu die Zusammenlegung, Staat und Justiz wollen den Weg der Vereinzelung, des Abschwörens, den Weg der Unterwer­fung. Die Staatsschutzkonstrukte, mit denen über 20 Jahre lang versucht wor­den war, Isolation zu rechtfertigen und die Zusammenlegung der Gefangenen aus RAF und Widerstand zu verhindern, haben sich längst in Luft aufgelöst. Von Zellensteuerung, Infosystem, 7000 Kassi­bern redet heute kein Mensch mehr. Trotzdem die Mitteilung der Bundesju­stizministerin vor ein paar Monaten, es werde keinerlei Zusammenlegung gehen. Warum? Dazu die Frankfurter Rundschau am 5.9,1992: „ Vor allem aber fürchten sie einen möglichen &amp;gt; Katalysatoreffekt &amp;lt;- ein solches Meeting aller RAF- Gefangenen &amp;gt; würde dann ja Beschlüsse fassen und Erklärungen abgehen, zu Themen wie bewaffneter Kampf, Ökolo­gie, Altersarmut und Strategien, die man verfolgen will &amp;lt;.&quot;&lt;br /&gt; Laut Duden ist ein Katalysator ein „Stoff, der durch seine Anwesenheit chemische Reaktionen herbeiführt oder in ihrem Verlauf beeinflußt&quot;.&lt;br /&gt; Hauptaufgabe des Jahres 1992 für uns war nicht, diesen Minister oder jenen Geheimdienstklüngel als unmoralisch oder unehrlich zu entlarven, um daraus eine Legitimation für jenes ominöse revolutionäre Projekt zu saugen, das ansonsten keine erkennbaren Eigen­schaften besitzen würde, Hauptaufgabe des Jahres 1992 und vor allem der bei­den Jahre zuvor wäre es gewesen, den mit den Erklärungen aus 88 und 89 begon­nen Weg zu Handlungsmöglichkeiten und Bewegungsspielräumen innerhalb der Gesellschaft auszubauen. Der erste Schritt in diese Richtung konnte wirklich nur sein: Auflösung der Altbestimmun­gen revolutionärer Politik, weil eine Neubestimmung nicht möglich ist, solange die Vorstellung von revolutionä­rer Politik dermaßen penetrant im Bild der 80er Jahre fixiert sind. Ich bin in der letzten Zeit häufiger kritisiert worden. Nicht deshalb, weil ich an jener revolu­tionären Debatte nicht teilgenommen habe, an deren Ende wir nun endlich wissen, daß der Imperialismus seine Gegner vernichten will, sondern wegen meines Pizza- Beitrags (Anm.: Gedan­ken durch die Mauer; in: „Odranoel&quot;; Hrg. Pizza). Und zwar konkret deshalb, weil ich die 80er Jahre ausgespart hatte. Ich habe das getan, weil ich das Wort von der Selbstbestimmung ernst nehme.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Vor einiger Zeit bekamen wir den erschrockenen Bericht einer entlassenen Gefangenen. Sie berichtete von Ge­sprächen im kleineren Kreis und/oder auf Veranstaltungen, wo es aus den Leu­ten nur so rausplatzen würde. Vom „Fronttrauma&quot; sei immer wieder die Rede gewesen, einige seien in die Psychiatrie gekommen, die besten seien davongelaufen. Wer tatsächlich glaubt, diesen noch immer unangetastet belas­senen Betonklotz 80er Jahre, ihre Entfremdungen und Entpolitisierungen, die­sen traumatischen Status Quo, über den selbst die radikale Linke tief zerstritten war, der tiefe Verletzungen hinterlassen hat, zur Grundlage irgendeiner weiteren Politik machen zu können, egal ob als Kampf um Zusammenlegung oder Frei­lassung oder als Diskussion mit allen gesellschaftlichen Gruppen oder als zu begründendes „revolutionäres Projekt in der Gesellschaft&quot;, der muß sich fragen lassen, ob er überhaupt politikfähig ist. Und wer meint, um diese Folgen unserer Politik brauche man sich nicht zu kümmern, sollte vom Kampf gegen Patriarchat und Rassismus schweigen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Nachdem der Hungerstreik 1989 von einem Erfolg in Sachen gesellschaftliche Mobilisierung gekennzeichnet war, auch wenn die zentrale Forderung nach Zusammenlegung nicht hatte durchgesetzt werden können, starb dieser wich­tige Impuls wieder ab, nachdem von uns nichts kam. Sicher ist es sehr schwer, insbesondere für Gefangene, die allein sind, in einer solchen Diskussion zwi­schen drinnen und draußen Orientie­rung oder aktiver Teilnehmer zu sein. Um dir einen Überblick über die eigene Geschichte und die politische und gesellschaftliche Entwicklung zu ver­schaffen, brauchst du Muße und Gelas­senheit, unter dem täglichen Druck von Isolationshaft ist dies nur schwer mög­lich. Immerhin hat es im Jahr 1992 Dis­kussionsbeiträge von Gefangenen aus RAF und Widerstand gegeben, von sol­chen, die einzeln sind, von solchen, die in Gruppen sind. Ich denke aber, wenn gerade jene Gefangene, die sich ganz besonders eng mit dem Frontkonzept und so der Politik der 80er Jahre ver­bunden wissen, bis heute dazu schwei­gen, liegt das zumindest nicht allein an den Haftbedingungen. Mit der dok­trinären Gewißheit alles richtig gemacht zu haben und in Zukunft alles richtig zu machen, hat man und frau sich eines abgeschnitten: das Leben und Kämpfen im Bewußtsein von der ständigen Unfer­tigkeit unserer Sache und so die Neu­gierde auf Weiterentwicklung. Karsten, dessen &quot;fünf Blicke eines Insulaners&quot; gerade (November 1992) im Angehörigeninfo erschienen sind, schrieb kürzlich: „Wirklich konstruktiv sind doch nur die Differenzen, Unklarheiten, und die Arbeit daran.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt heute gewisse Mystifikationen. Da ist etwa die Rede vom verlorenen Jahr 1992. Du könntest den Eindruck gewinnen, die Jahre davor seien Jahre voller Kampf und Initiative gewesen, und dieser Bundesjustizminister, oder schlimmer noch, irgendein Geheim­dienstklüngel, haben diesem Brausen jäh Einhalt geboten, aber bitte! Umgekehrt wird ein Schuh draus. Die öffentliche Ankündigung, RAF-Gefangene sollten freigelassen werden, haben Gefangenen­gruppe und Scene aus einem zweijähri­gen Dornröschenschlaf aufgeschreckt, jedenfalls, was unsere Angelegenheiten betrifft. Rolf Heißler wußte seinem revo­lutionären Publikum bereits am 11.1.1992 zu enthüllen, worum es bei der ganzen Sache geht: „Die einen, bei denen sie physische und psychische Ver­nichtung aufgrund der Bedingungen weit genug voran getrieben sehen, lassen sie raus.&quot; Womit wohl vor allem Irm­gard Möller, Günther Sonnenberg, Bernd Rößner und ich gemeint waren, und zweitens sollte es heißen: wer raus­kommt, mit dem stimmt was nicht. Damit traf Rolf sicher nicht den Geschmack des Publikums, hatte er doch die Monate zuvor unsere Versuche, die Freilassungsfrage zu thematisieren mit der naßforschen Gegenfrage beant­wortet, ob wirs denn im Knast nicht mehr aushielten. Wobei diese menschli­che Entfremdung ihre Verlängerung in einer begrifflichen Entfremdung fand. Sturm wurde gelaufen gegen meine Anerkennung des staatlichen Gewaltmo­nopols, als ob mit der Hinnahme jahr­zehntelanger Gefangenschaft als eine Art Naturzustand das staatliche Gewaltmo­nopol nicht nur anerkannt, sondern mit solchen Fragen, ob wirs denn im Knast nicht mehr aushielten, geradezu propa­giert würde!&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Spätestens mit dem Hungerstreik 1989 bestand die Hauptaufgabe darin, die überfällige Bilanz des bewaffneten Kampfs zu verbinden mit der Suche nach einer Gesamtlösung einerseits und einer neuen Perspektive andererseits. Aus der Erkenntnis der Tatsache, daß der bewaffnete Kampf an eine definitive Grenze gestoßen war und diese defini­tive Grenze sich vor allem in einer völli­gen Reduzierung der Bewegungsspiel­räume in der Gesellschaft manifestierte, eine Tatsache, die für jede und jeden auch ohne Zusammenlegung erkennbar sein mußte - mußte folgern, daß für eine Rückgewinnung politischer Handlungs- und Bewegungsspielräume die Altbe­stimmungen revolutionärer Politik auf­gelöst werden müssen, um Herz und Verstand für deren Neubestimmung frei­zubekommen. Diese beiden Ziele, Neubestimmung und Gesamtlösung, waren in der Tat überfällig. Sie waren notwen­dig, und zwar völlig unabhängig von Kinkel-, KGT- oder sonstigen Initiativen. Wenn welche kritisieren, daß die Illega­len und/oder Gefangene auf die Kinkel-Initiative in der erfolgten Weise reagiert haben, ist an dieser Kritik sicher was dran. Selbstverständlich wäre es besser gewesen, wenn wir, vor allem die Gefangenengruppe, in diesem Prozeß den ersten Schritt gemacht hätten, ohne auf eine staatliche Initiative reagieren zu müssen und sicher wäre es klüger gewe­sen, die Durcharbeitung unserer Geschichte wäre von uns, den Gefange­nen, gekommen statt von der RAF.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Nachdem aber die Gruppe in den Jahren 89 bis 91 diesen überfälligen Prozeß nicht in die Hand genommen hatte, und nachdem im Januar 1992 plötzlich eine breite Öffentlichkeit zu uns da war, mußte selbstverständlich diese Gelegen­heit ergriffen werden, um das beste dar­aus zu machen. Verweigerung ist in 99 von 100 Fällen falsch. So auch hier. Mitte Januar hatten die Celler Gefange­nen den Entwurf einer gemeinsamen Erklärung vorgelegt, der nach folgenden Überlegungen konzipiert war:&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;1) Wir, die Gruppe der Gefangenen, müssen schnell reagieren! Die Öffent­lichkeit wird sich nicht ein Jahr lang mit dieser Frage beschäftigen. Jetzt ist das Eisen heiß, jetzt muß es geschmiedet werden. Und zwar unabhängig davon, was hinter dieser Kinkel-Initiative steckte. Was zählte, war zuerst die öffentliche Debatte dazu. In die mußten wir schnellstmöglich eingreifen. Die Grundlage dazu konnte nur eine gemeinsame Erklärung der Gefangenen­gruppe sein.&lt;br /&gt; Das Ghettobewußtsein indes („wir- sie&quot;), in dem die Gesellschaft und somit der Rhythmus politischer Prozesse in der Gesellschaft überhaupt nicht mehr vor­kommt, erschöpft sich in der Gewßheit, „ihnen&quot; jederzeit die richtigen Forderun­gen stellen und „denen, die mit uns kämpfen&quot; jederzeit eine Erklärung übers Angehörigeninfo zuschicken zu können. Man hat Zeit.&lt;br /&gt; 2) wurde im zur Diskussion gestellten Erklärungsentwurf gesagt: notwendig ist a) eine Gesamtlösung und b) ein Bruch mit der Vernichtungspolitik der letzten 22 Jahre.&lt;br /&gt; Angesprochen wurde aber auch auf unserer Seite die Bereitschaft, uns zu bewegen, ohne dabei in irgendwelche Details zu gehen. Das ist es wohl, was wir hier falsch eingeschätzt haben. Grundlage für eine solche Bewegung unsererseits hätte ein erarbeiteter Begriff unserer Geschichte sein müssen und daraus, und aus der Bewertung der heu­tigen Situation abgeleitet, eine zumindest grobe Vorstellung, wie es weitergehen könnte. Kurz: politische Aussagen, mit denen wir uns in Teilen der Gesellschaft hätten bewegen können. Die aber waren nicht vorhanden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sechs Wochen später, als die öffentliche Diskussion längst woanders war, kam schließlich als Ersatz für obige Erklärung der Gefangenengruppe eine Erklärung der Rechtsanwälte, in der mitgeteilt wurde, was seit dem Kursbuch 31 über Isolationshaft aus dein Jahre 1973 tau­sendfach mitgeteilt worden war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Vakuum, das wir aus dem 1989 angestoßenen Prozeß hinterlassen hatten, geschah nun zweierlei:&lt;br /&gt; 1) Die von uns nicht definierte 22­jährige Geschichte der RAF und der Gefangenen wurde von der Gegenseite definitorisch umgegossen in Begriffe wie Reue, Opfer, Gewaltfrage, straffreies Leben, Einzelfallprüfung usw. und im öffentlichen Bewußtsein festgeklopft. Es war von unserer Seite aus kaum jemand da, der sich eingemischt hätte. Die Gegenseite präsentierte der Öffentlich­keit ausgerechnet die verbitterte Witwe eines 1970 in Hamburg von Gerd Müller erschossenen Polizisten. Gerd Müller war einer der ersten Kronzeugen, auf seine Aussage hin wurde Irmgard Möller, damals kurz vor ihrer Entlassung ste­hend, Mitte der 70er zu lebenslang ver­urteilt und Müller kam kurz darauf frei. Es war niemand da, der hier und bei vielen anderen Schweinereien eingegrif­fen hätte.&lt;br /&gt; 2) Eine realitätsferne Debatte über Reformismus und revolutionären Kampf. Der Begriff revolutionärer Kampf, wie er 1992 hin- und hergeschoben wurde, war nicht Ausdruck von Klarheit, er war viel­mehr eine Mystifikation, nach der sich all jene drängten, die der Klärung offe­ner Fragen aus dem Weg gehen wollten. Nehmen wir dieses Hannoveraner Papier. Im Sommer hatten wir einen aus dieser Gruppe bei uns hier, in einer Gesprächsrunde. Von der im späteren Papier zum Ausdruck kommenden Härte war in dieser Diskussion nichts zu spüren. Kritische Anmerkungen zum April-Text, sparsam eher. Offenbar ist es einfacher, uns aus sicherer Entfernung „leckt uns am Arsch&quot; zuzurufen. Was berichtete der Freund aus Hannover über die eigenen Gruppenaktivitäten? Eine müde sich dahinschleppende Geschichte im besetzten Sprengel-Gelände und etwas Anti-Expo-Mobilisierung.&lt;br /&gt; Mit einem Wort: „Stresemannstraße&quot;. Wovon sie sich am Ende ihres Textes so laut distanziert haben. Ich kann ja durchaus nachvollziehen, wenn sie sagen, wir machen diese Geschichten seit 10 Jahren, wir haben die Schnauze voll, wir wollen woanders hin. Dann hätte man drüber diskutieren können. Wenn sie allerdings einen solchen ande­ren, meinetwegen revolutionären Weg, mit demselben stumpfen Sinn begehen, mit dem sie in ihrem Papier Gefangenen gegenübertreten, die zwei Jahrzehnte ihres Lebens für die Sache gegeben haben, werden sie bei dieser neuen revolutionären Praxis genauso scheitern wie bei der alten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Bei all diesem Gerede über revolutionäre Politik ist in diesem Jahr nichts, aber auch gar nichts herausgekommen. Nirgendwo haben die, die da mit diesen breiten Ansprüchen daherkommen, es gebracht, auch nur im Theoretischen die Konturen einer solchen Politik erkenn­bar zu machen, vom Praktischen mal ganz zu schweigen. Hingegen hat diese Diskussion Aussagen produziert, denen ich widerspreche. Ich erinnere mich an einen Satz im Konkret-Text von Dietiker, Jansen und Rosenkötter, wonach unter den bestehenden Verhältnissen es keine Lösungen geben solle. Ja, um alles in der Welt, sollen wir den ausländischen, jüdischen, behinderten Kindern, Frauen und Männern, sollen wir den Schwulen denn zurufen: „Liebe Leue, tut uns leid, unter den bestehenden Verhältnissen kann es keine Lösungen geben, guckt, wo ihr bleibt&quot;!? Tut mir leid, aber diese herzentragenden Wohlstandsbürger sind mir, bei allem Mißtrauen, lieber als große Ansprüche, von denen niemand sagen kann, wie sie umsetzbar sein sol­len.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;1992 war also bestimmt von 2 auseinanderdriftenden Ebenen: auf der einen Ebene wurde das ganze abgehandelt als eine Frage von Reue, Opfer, juristischem Verfahren, auf der anderen Seite wurde entlarvt: a) ein Minister und ein Coun­tergremium als welche, die uns bekämp­fen wollen und b) die Illegalen, die von allen Illegalen in der Geschichte der RAF die meisten Erfahrungen haben, und jene Gefangene, die von allen am läng­sten dabei sind als welche, die nicht kämpfen wollen, als welche, die refor­mistischen, wo nicht sozialdemokrati­schen Vorstellungen frönen, also als sol­che, die das imperialistische System für eine grundsätzliche korrekte Veranstal­tung halten, an der es allenfalls hie und da etwas zu verbessern gilt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es war im Jahr 1992 und davor aber nicht darum gegangen, zu entlarven, was andere tun, es war darum gegan­gen, selbst etwas zu tun. &lt;br /&gt; Die Versäumnisse der Jahre 89 bis 91 als auch die Ignoranz gegenüber den gesell­schaftlichen Prozessen im abgelaufenen Jahr haben die Möglichkeiten erweiterter Handlungsspielräume, egal ob für die Zusammenlegung oder die Freilassung, stark reduziert. Und so natürlich für eine Gesamtlösung. Nachdem die Gefange­nengruppe nicht zu einer gemeinsamen Aussage und gemeinsamem Handeln im Sinn einer Gesamtlösung gekommen ist, blieb nur übrig, sich der Untätigkeit anzuschließen - oder außerhalb dieses Rahmens Schritte zu unternehmen. Dies war der Bereich zwischen der Erklärung von Irmgard Möller im April über die Interviews und den Kampf um die Frei­lassung von Bernd bis hin zur Erklärung von Karl-Heinz, die er für jene Gefange­nen abgegeben hat, die die Absicht hat­ten, Anträge zu stellen; ohne daß diese Anträge im allgemeinen oder die Aussa­gen in Karl-Heinz&#039; Erklärung im beson­deren in der Gruppe umstritten gewesen wären. Außerhalb dieses Rahmens Schritte unternehmen hieß nicht, Teillö­sungen anzustreben, aber die Freilas­sung einer Reihe von Gefangenen hätte die Dinge, als normative Kraft des Fakti­schen, via öffentlichem Bewußtsein in die richtige Bewegungsrichtung stoßen können.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Unsere Seite ist im Recht, die Gegen­ seite im Unrecht.&quot;&lt;br /&gt; Aber das Innehaben einer hervorragen­den moralischen Position ist das eine, die Schaffung eines politischen Kräfte­verhältnisses das andere. Nachdem der bewaffnete Kampf keine Option mehr sein konnte, hätte der weitere Weg mei­netwegen so aussehen können, daß die Erklärungen der RAF kritisiert worden wären, aber sie hätten konstruktiv kriti­siert werden müssen. Das Revolutionäre konnte nicht darin bestehen, in den RAF-Erklärungen Schwachstellen aufzu­spüren, das Revolutionäre wäre gewe­sen, an Lösungen für die objektiven bestehenden Probleme zu arbeiten. Das ist sicher härter, mühsamer und oft ris­kant, denn es geht nicht, ohne eigene Entscheidungen an diesem oder jenem Punkt zu treffen. Die Illegalen hatten mit den beiden Strängen, die sie in ihren Texten entwickelt haben - auch wenn viele Fragen offen geblieben sind - grundsätzlich das richtige Gespür: erstens sagen sie, haben sich die äuße­ren, objektiven und globalen Bedingun­gen verändert, zwotens haben wir Feh­ler gemacht. Die gespenstisch substanzlose Debatte des Jahres 1992 über revolutionären Kampf und Refor­mismus, nicht selten von Angeberei geprägt, eine Debatte, der sich einige Gefangene kritiklos angepaßt haben, hat nur nochmal in wirklich schriller Weise die Notwendigkeit deutlich gemacht, daß Revolutionäre zu sich selbst ein kri­tisches Verhältnis haben müssen. Oder wie erklärt sich, daß wir im Deutschland des Jahres 1992 mutig bekennende Revolutionäre wie nie zuvor in 20 Jahren hatten, sich aber so wenig getan hat wie arg lange nicht mehr? Worauf warten diese Leute? Wenn sie doch von der Gewißheit des revolutionären Kampfs dermaßen durchdrungen sind, wenn sie soviele sind, warum tun sie nicht das nächstliegende und nehmen die Dinge in die Hand? Die Richtungsangabe der RAF, sich selbst und die eigene Geschichte kritisch zu reflektieren, war richtig, sie abzuwürgen ein Eigentor. Und sie kamen, diese Erklärungen. Wo es bei der RAF hieß, das objektive hat sich, das subjektive muß sich verändern, hieß es nun: verändert haben sich 1) die äußeren Bedingungen, die globalen, und 2) die innerstaatlichen. Die Fehler und falschen Bewußtseinsinhalte sollten spä­ter diskutiert werden, „und dann richtig&quot;. Während einige versucht haben, auf der ausreichenden Grundlage der RAF- Erklärungen vor allem in Richtung Ge­sellschaft aufzubauen, hat ein anderer Teil seine Energie investiert, die Er­klärungen der RAF zu demontieren. Die Endmoräne dieser Entwicklung zeigt sich in einer Reihe gutachterlicher Stel­lungnahmen zu den öffentlichen Äuße­rungen der RAF und einiger Gefangener aus dem Bereich der radikalen Linken. Plus die Mitteilung in Interim und ande­ren breitenwirksamen Blättern, daß die Forderung nach Freilassung unterstützt würde. Das wars dann aber auch. Auf den Punkt gebracht im Hannoveraner Papier, das man so zusammenfassen könnte: wir tun nichts, ergo sind wir ganz radikal. Hier kommt das bis heute unangetastet belassene Front-Denken zu seinem klarsten Ausdruck: „das Wichtig­ste ist, daß du die Politik richtig findest&quot;. Und hier ist auf den Kopf gestellt, was bei einer Durcharbeitung unserer Geschichte wiederentdeckt werden könnte für ein revolutionäres Projekt der Zukunft:&lt;br /&gt; &quot;Man ist eine Gruppe von Genossen, die sich entschlossen hat, zu handeln, die Ebene der Lethargie, des Verbalradi­kalismus, der immer gegenstandsloser werdenden Strategiediskussion zu verlas­sen, zu kämpfen. Aber es fehlt noch alles - nicht für alle Mittel; es stellt sich auch jetzt erst heraus, was einer für ein Mensch ist.&quot; (Ulrike im Berliner Prozeß 1974)&lt;br /&gt; Wie gesagt: moralisch gut dastehen, ist das eine. Die Schaffung eines politischen Kräfteverhältnisses ein anderes. Mit den Kronzeugenprozessen hat Bonn via Bundesanwaltschaft das Signal kontinu­ierlicher Härte in eine Justiz eingespeist, die dafür mit Sicherheit empfänglich ist - konnte sich diese Justiz doch nie mit dem Gedanken anfreunden, mit dieser oder auch jener Vergangenheit zu bre­chen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt jetzt die beiden Wege:&lt;br /&gt; Der eine ist der Blick über Kimme und Korn, die Politik der letzten 22 Jahre, die legitim sein soll. Punkt. Mit dieser Bot­schaft können wir in der Gesellschaft Menschen erreichen. Schätzungsweise Tausend oder Zweitausend. Diese Leute würden tun, was sie im letzten, vorletz­ten und vorvorletzten Jahr getan haben. Im letzten Jahr haben sie eine Demo in Bonn gemacht und eine Reihe von gut­achterlichen Stellungnahmen. An das, was sie in unserem Kontext die beiden Jahre davor getan haben, kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß, daß es viele gibt, die unter dieser Situation leiden und nach Auswegen suchen. Ich spüre das in nicht wenigen Briefen, in denen gedacht und im Nachdenken Entschei­dungen getroffen werden. Es kommen aber auch - seltener - Briefe, die voll heftigster Kritik sind, ohne daß darin die geringste Spur eigener Suche zu ent­decken ist. Wer unter der gegebenen Situation leidet, bei dem kann es gar nicht anders sein, als daß er oder sie sich auf die Socken macht. Und dabei hat sie oder er mit Sicherheit was raus­gekriegt. Und das wird sich niederschla­gen, wo eine/r seine Gedanken auf­schreibt. Wer glaubt, zusammen mit ein paar hundert Leuten, die sich zumeist selbst nicht kennen, die Regierung in Bonn zu einer politischen Entscheidung für eine Gesamtlösung zwingen zu kön­nen, der muß erklären, warum er das glaubt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die andere Option. Sie ist erheblich unübersichtlicher als „wir-sie&quot;. Sie ist in dem Maß in den letzten Jahren unüber­sichtlich geworden, wie die gesellschaft­liche und politische Situation unüber­sichtlich geworden ist. Die Erfolgsaussichten sind, erstmal jeden­falls, nicht überwältigend. Aber die Suche außerhalb des Ghettos ist die ein­zige, die einen Sinn macht. Insbesondere dann, wenn es nicht allein um eine Perspektive für ein paar Gefangene geht, sondern um eine Perspektive, die etwas mit gesamtgesellschaftlicher Dimension zu tun hat. Langfristig also um die Neubestimmung revolutionärer Politik. Diese Neubestimmung können wir nicht als schnell zusammengeschriebenes Pro­gramm auf den Markt werfen. Um zu einer revolutionären Entwicklung zu kommen, müssen wir eine Menge akku­mulieren. Und diese Akkumulation besteht aus vielen kleinen Schritten und Kämpfen und Auseinandersetzungen, aus vielen in der Praxis gemachten Erfahrungen, aus Lernprozessen in der Auseinandersetzung mit anderen gesell­schaftlichen Bereichen. Solange wir uns, gefesselt im armseligen Verhältnis „wir- sie&quot; befinden, verurteilen wir uns selbst zu Bewegungslosigkeit. Es hat vor allem im Frühjahr Anlässe genug gegeben, uns in Bewegung zu setzen, und gerade wenn eine KGT sich neue Strategien hat einfallen lassen, wäre dies doch noch ein zusätzlicher Grund gewesen, diese Interventionsmöglichkeiten in der öffent­lichen Debatte wahrzunehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Sollten wir in einer solchen Arbeit, in einem solchen Kampf eine neue Grund­lage, eine neue „kritische Masse&quot; schaf­fen, die mit den Prozessen in der Gesell­schaft korrespondiert, dann könnten wir wieder über ein revolutionäres Projekt reden. Dann ist Substanz da, über die wir weiter nachdenken müssen. Bis jetzt ist diese Debatte wirklich nur Placebo.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;Auf diesen Artikel gibt es eine &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/eine-kurze-antwort-auf-lutz-taufer&quot;&gt;Antwort von Zettelknecht&lt;/a&gt; in derselben Ausgabe.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 03 Dec 2010 11:55:50 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>...mitten im Nebel</title>
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                    &lt;p&gt;Der folgende Text besteht aus Auszügen&amp;nbsp; eines 77 Seiten langen Aufsatzes von Karl Heinz Dellwo, in dem der Celler RAF-Gefangene die Geschichte der bewaffneten Organisation aufzuarbei­ten versucht. Wir haben diese Passagen ausgesucht, obwohl der Aufsatz bereits vor 3 Jahren geschrieben wurde. An ihm werden inhaltliche Positionen sichtbar, die in der sehr wütenden Aus­einandersetzung der letzten Wochen kaum noch zu erkennen waren. Aus diesem Grund fanden wir den Text hochaktuell und -interessant. Die Kürzung haben wir gemeinsam mit Karl-Heinz Dellwo vorgenommen.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Der folgende Text besteht aus Auszügen&amp;nbsp; eines 77 Seiten langen Aufsatzes von Karl Heinz Dellwo, in dem der Celler RAF-Gefangene die Geschichte der bewaffneten Organisation aufzuarbei­ten versucht. Wir haben diese Passagen ausgesucht, obwohl der Aufsatz bereits vor 3 Jahren geschrieben wurde. An ihm werden inhaltliche Positionen sichtbar, die in der sehr wütenden Aus­einandersetzung der letzten Wochen kaum noch zu erkennen waren. Aus diesem Grund fanden wir den Text hochaktuell und -interessant. Die Kürzung haben wir gemeinsam mit Karl-Heinz Dellwo vorgenommen.&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dellwo nahm mit Lutz Taufer, Hanna&amp;nbsp; Krabbe, Siegfried Hausner, Bernd Rößner und Ulrich Wessel 1975 an der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm teil. Hausner und Wessel wurden bei der Aktion getötet, die anderen sind seitdem- d.h. seit fast 19 Jahren- im Gefängnis (Bernd Rößner ist z.Zt. wegen einer Behandlung auf freiem Fuß).&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Seit mehreren Jahren sind Dellwo,&amp;nbsp; Taufer und der seit 1980 inhaftierte Knut Folkerts gemeinsam im nieder­sächsischen Knast Gelle untergebracht. Sie haben verglichen mit den meisten anderen RAF-Gefangenen relativ viele Kommunikationsmöglichkeiten und können zusammen politisch diskutie­ren. Die drei sind außerdem neben Birgit Hogefeld die einzigen RAF-Gefan­genen, die sich nicht von der neuen Linie der Illegalen distanziert haben.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Unsere Hausbesetzung in der Eckhofstraße war von den meisten von uns von Anfang an als aussichtslos betrachtet worden. Wir waren voller Widersprüche zu unserer eigenen Aktion. Wir wollten keine „Schöner-Wohnen-Idylle&quot; und wußten gleichzeitig, daß wir einen staats- und systemfreien Raum erst dann werden halten können, wenn die Illegalität als Hinterland exi­stiert. Ohne sie mußten wir als Minder­heit auf offenem Terrain an den unglei­chen Machtverhältnissen scheitern. Die Illegalität war damals nicht mehr organi­siert, die RAF im Knast und wir selber haben es uns noch nicht zugetraut. Wir hatten noch mit uns selber zu viel zu tun, für eine strategische Organisierung unserer Aufbruchbedürfnisse waren wir noch nicht reif. So konnten wir andere nur unterstützen, und einige von uns gaben Ende &#039;72, Anfang &#039;73 die Pässe an die ab, die damals nach einer RAF­Gefangenen-Entlassung die Illegalität neu zu organisieren begannen. Die wurden übrigens von einem der DDR-ler (Anm: einer von denjenigen, die später die RAF verließen, in die DDR gingen und nach 1990 als Kronzeugen der Bundesanwalt­schaft arbeiteten) eingesammelt. Wichtig für uns alle waren in dieser Zeit die ersten Erfahrungen des SPK (Sozialisti­sches Patientenkollektiv Heidelberg) mit seiner Bestimmung „Aus der Krankheit eine Waffe machen&quot;. Beschädigt waren wir alle, und wir begannen gegen den Selbsttotschlag des „selbstverschuldet&quot; die gesellschaftliche Bedingtheit dessen zu erkennen. Und daß wir, integriert in ein falsches Leben, unsere Entfremdung immer wieder neu reproduzieren mußten. Der Begriff von der „Institutionalisierung des Faschismus&quot; gab damals unser Wis­sen vom Nachleben des Nazi-Staates und unsere Erfahrung mit den neuen Sozial-Technologien der Sozialdemokratie wieder. So wollten wir den Bruch in allem. So wollten wir in der Hausbeset­zung lieber das gewaltsame Verlieren statt jenes durch Anpassung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Schlacht um Algier&quot; - ein Film. Gegen Ende läßt Massu, Kolonialgeneral der Franzosen, das Haus mit dem Stadtkom­mando der FNLA in die Luft sprengen; sie hatten sich nicht ergeben wollen und sich bis zum letzten verteidigt. Der Film endet mit dem Aufstand der Massen. Die im Kommando, das waren doch wir. Auch eine Minderheit und fast aussichts­los, und doch war es richtig, aufzubre­chen und auch aus dem letzten heraus noch zu widerstehen. Schon das Aufste­hen ist ein Durchbruch.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Keiner von uns ist in die Illegalität ge­trieben worden. Das hatten wir immer bewußt so bestimmt. Der Staat sollte dabei keine Mitentscheidung haben. Aus dem gleichen Grund wollten wir nicht, daß jemand mit Freund oder Freundin in die Illegalität geht. Es sollte niemand wegen jemand anderem diesen Schritt machen und später vielleicht seinen eigenen Grund nicht mehr kennen. Es sollte die Entscheidung aus der eigenen Entwicklung sein. Wir haben unsere Beziehungen deshalb vorher auch abge­schlossen. Das geschah zu dem Zeit­punkt, als der Widerspruch zwischen unserem Wissen über uns und die Gesellschaft/ Staat und wie wir darin lebten und bisher gekämpft hatten, so herangereift war, daß wir im alten nicht mehr zu Hause waren. Dort trotzdem zu verharren, hätte das bisher Erkämpfte bei uns, relativ identisch zu sein mit dem, was wir wollten und taten, wieder zerstört. Ich wußte damals, daß ich jetzt gehen muß und daß das mein Teil dafür ist, eine Grundlage herzustellen, auf der wir uns und andere für den Kampf um eine offene Zukunft wiederfinden kön­nen. Es ist mir nicht leicht gefallen, nicht nur wegen der vielen Unsicherheiten, ob die eigenen Fähigkeiten für das ausrei­chen, was nun vor uns stand; langfristig waren auch die Perspektive der Guerilla und die mit ihr verbundenen gesell­schaftlichen Prozesse mir undeutlich. Vor allem aber deswegen, weil ich in unserem alten Zusammenhang zum ersten Mal das Gefühl hatte, daß das ein Leben ist. Es war bei uns gewesen, auch habe ich die meisten um mich herum geliebt, widersprüchlich, schmerzhaft und elend manchmal auch, aber wir hat­ten eine wesentliche Stufe unserer politi­schen und sozialen Emanzipation durch­gekämpft. In der Legalität war das nicht mehr fortsetzbar. Es gab in ihr nichts, woran ein revolutionärer Prozeß ent­wickelbar gewesen wäre. Dazu war die Zeit nicht reif. Das alles verlassend, war es zu Anfang in der Illegalität ziemlich einsam und leer, auch gab es nicht viel an Struktur, und wir waren sehr wenige. Aber wir hatten unser Ziel und began­nen zu spüren, daß wir Boden unter die Füße kriegten. Von da ab war alles sehr einfach, das Finden im Denken ebenso wie das Erledigen der praktischen Auf­gaben. Wir hatten eine Ahnung von uns in Freiheit bekommen. Für mich war das die Zeit, ab der ich wußte, daß wir die Machtfragen stellen können und werden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Unsere Aktion in Stockholm war das, was wir damals konnten. Ob sie durch­kommt, blieb mir zweifelhaft und letzt­lich war am Abend der Besetzung nie­mand von uns sehr überrascht, als klar war, daß die Aktion auf ihr unmittelba­res Ziel bezogen, scheitern wird. Es war nicht das einzige Ziel. Die konkrete Bestimmung war, daß wir die Gefange­nen rausholen oder eben ein politisches Verhältnis materialisieren zum Staat und zu unserer eigenen Befreiung, die kein &amp;gt;zurück&amp;lt; mehr will. Schlaumeier hin­term linken Zuschauerraum sahen später darin eine starre Haltung und sprachen von Kamikazementalität. Aber zum einen hat es damit zu tun, daß wir noch keine Erfahrung für diese Stufe des Befreiungskampfes hatten; aus der Lega­lität kommend, haben wir ja sozusagen aus dem Stand heraus die damals zen­tralste Machtfrage mit dem Staat gestellt. Deshalb hatten wir uns auf eine Aktion konzentriert. Wir wollten nicht die Feh­ler der Gruppe 73/74 vor uns wiederho­len, uns solange in der Strukturlegung zu verlieren, bis wir durch irgendeinen Fehler möglicherweise vor der Aktion verhaftet werden. Zum anderen war der Angriff, der die Machtfrage stellt, damals als politischer Durchbruch, als Versuch, eine politische Sperre der Linken aufzu­heben, notwendig. Wir hatten es des­halb auch eilig. Das Scheitern der Aktion haben wir daraus immer auch nur als halbe Niederlage begriffen. Wenn etwas grundsätzlich Neues auf die Welt kom­men will, hält und setzt es sich nur durch ein bedingungsloses Verhältnis zu sich durch. Das betrifft jede Befreiungs­bewegung, egal wo sie entstanden ist. Das enthält als Moment natürlich ein starkes Maß an Selbstverdinglichung. Sie ist einer historischen Not geschuldet. Da sie trotzdem selbstgesetzt ist, hat sie gleichwohl ein Moment der Freiheit in sich. Vor allem ist es ein Liebesverhältnis untereinander und zu den Menschen. Überhaupt zum Leben, das erkämpft werden soll. Ein Aufbruch aus dem historischen Nichts an eigener Geschichte wie unserer kann sich an Bedingungen des Gelingens oder an andere binden. In ihm bleibt nur die Entscheidung für das „für&quot;. Das ist ein Wagnis. Man muß es nur wissen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;(...)&lt;br /&gt; Die Bestimmung, die politischen Gefan­genen zu befreien, war für uns zu keinem Zeitpunkt diskutabel. Diese Versu­che sind aus sich heraus legitim. Es war nicht der Privatkrieg der RAF. Die drin­nen waren, hatten für uns alle alles ein­gesetzt. Es dabei zu belassen, ist die Haltung armer Schweine. Die nach uns kamen, haben zweifellos aus unserer Aktion die Notwendigkeit gezogen, der Guerilla eine langfristige Struktur und eine viel breitere Interventionsmöglichkeit zu geben. Die objektive politische Schwäche der Guerilla, primär nur ihren eigenen politischen Willen und die Systementwicklung der Zukunft zur Basis zu haben, konkret aber auf wenig gesellschaftliche Reife für einen revolu­tionären Prozeß zu stoßen, konnten sie nicht lösen. In dem sozialdemokrati­schen Roll-Back auf die 68er-Bewegung war zu viel verschüttet worden. Das „Modell Deutschland&quot;, die Mischung aus Repression und eben auch Nebeninhalte der Protestbewegung integrierende Mo­dernisierung der Gesellschaftsgrundlage, in ihr auch das Bemühen, sich von oben von der Nazi-Vergangenheit abzusetzen, fand auch in der Linken Wirkung. Was sich später als „Grüne&quot; formierte, nahm das ja so an: „Ab jetzt ist alles anders, wir können in diesem Staat mitmachen&quot;. Der revolutionäre Ansatz hätte deswe­gen neu entwickelt werden müssen, aus den Bedingungen hier in der Metropole für die Menschen. Aber die waren eben noch nicht so herangereift, daß eine sie grundsätzlich aufhebende Gegenvorstel­lung deutlich und vermittelbar gewesen wäre. In unserem Prozeß wegen der Stockholm-Aktion waren wir bereits auf diese Schwierigkeit gestoßen. Croissants Einstellungsantrag führte nochmal die Verbrechen aus dem Vietnamkrieg und die gegen die Gefangenen vor. Aber Vietnam war vorbei, und auch die Ver­treter des neuen Blocks an der Macht setzten sich davon ab. Und aus der inne­ren Repression war der Guerillakampf als soziale Gegenstrategie nicht ausrei­chend begründet. Der Bezug auf die Verbrechen des Imperialismus nach außen und die Repression nach innen gab ja auch unsere eigenen Aufbruchsgründe nicht ausreichend wieder. Die lagen ursächlich darin, daß wir das Leben in diesem System aus seiner Zurichtung für die Welt der Ware als völlig sinnlos erspürten oder erkannten, als für uns ungelebter Versuch unseres Lebens. Nur war das damals noch schwer zu fassen, als auf die Grundbe­dingung der Gesellschaft zu bestim­mende positive Setzung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Zu fassen war die subjektive Seite, daß wir das nicht mitmachen und auf unser eigenes Leben bestehen. Das aber hätte eine vorsichtige Umsetzung des bewaff­neten Kampfes bedingt. Eine, die sich nicht von allen bis dahin bewußten oder erlittenen Widersprüchen hier abtrennt. Gelaufen ist es anders. Der bewaffnete Kampf ist zur Eskalation zwischen uns und dem Staat geworden, die sich spiral­förmig entwickelte, innerhalb und außerhalb der Knäste. Der Rest der Ge­sellschaft blieb als von uns zu suchen­des Subjekt außen vor. In Bochum, am Abend der Schleyer-Entführung, nach­dem wir gerade den am brutalsten ver­laufenen Hungerstreik überhaupt abge­brochen hatten - die Bundesanwaltschaft hatte die 3 Monate bestehende Zusam­menlegung in Stammheim wieder zer­schlagen -, fand ich die Durchführung der Aktion als „zu hart&quot; für das, was wir bisher in der Gesellschaft politisch mobi­lisiert hatten. Eine Angst, daß draußen alles überzogen wird. Was auf unserer Seite stand, oft schon nur noch über die eigenen, nach außen behaupteten politi­schen Ansprüche gezwungen, brach daran ein. Die Landshut-Entführung gab dann schlußendlich das Alibi, statt gegen den Staat die Widersprüche gegen uns zum Zentralen zu machen. Das war dann auch ein Bankrott der Linken.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Wenn die Zeit noch nicht so herange­reift ist, daß das Bild einer befreiten Zukunft schon wie eine Landschaftskon­tur hinter leichtem Nebel vor den Menschen auftaucht, wird der subjektive Wille zur alleinigen Kraft, die undurchsichtige Zukunft zu durchdringen. Das ist nicht falsch, das kann für einen Auf­bruch ausreichend sein. Aber es hat zur Bedingung, sich langsam vorzutasten und den Kontakt zum eigenen Auf­bruchsort als sicheren Bezugspunkt nicht zu verlieren. Sonst steht man auf einmal alleine mitten im Nebel, hat die Richtung verloren, aus der män kam und weiß aus der verlorenen Ortskenntnis nicht mehr genau, wohin man nun wei­ter vorstoßen soll.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das ist &#039;77 gelaufen. Ein Vorstürmen, eine Eskalation, die hinter einem abbrach, und plötzlich war alles Terrain verloren außer dem, wo man gerade stand.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Zwischen der Bestimmung „dem Volke dienen&quot; und der politischen Realität der Landshut-Aktion, es einfach als Mittel zum Zweck zu benutzen, war keine politische Vermittlung mehr möglich. Hier hat sich die Politik der Guerilla den vorher falschen Vorwürfen wie denen der „befreit-die-Guerilla-Guerilla&quot; angepaßt und daraus das schmale eigene Terrain verwüstet, auf dem sie vorher noch stehen konnte und was unter uns mal gefaßt war als das „moralische Ticket&quot;, welches die RAF besitzt. Die Gesellschaft war darin als Adressat für uns von uns verworfen. Das war nicht die Ab­sicht dieser 77er-Offensive und dieser ein­zelnen Aktion, aber es war die verselbst­ändigte Folge einer immer neu hochgeschraubten Eskalation, deren Dy­namik der Gruppe aus der Hand geglitten ist. Sie hatte ihren eigenen Prozeß nicht ernst genommen und sich der Scheinstärke oberflächlicher Erfolge, den mög­lich gewordenen Angriffen, hingegeben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Nimmt man die Stockholmer Aktion als gegeben - eine grundsätzliche Kritik träfe die Aktion als ganzes, also darauf, sich sozusagen auf „offenes Gelände&quot; begeben zu haben -, so war aus einer immanenten Betrachtung die Erschießung des Militärattachés am Nach­mittag ein politischer Fehler, da sie der Regierung die Ablehnung der Austauschforderung erleichterte. Die Sachlage in Kürze dargestellt war: Wir hatten den 3.Stock der Botschaft unter Kontrolle, die schwedische Polizei den Rest des Gebäudes. Zwei Versuche von ihr, in den 3.Stock zu gelangen, mußten wir bewaffnet abwehren. Auf Dauer konn­ten wir uns solche Schießereien nicht erlauben, da uns irgendwann die Munition ausgegangen wäre. Vor allem aber konnten wir nicht hinnehmen, daß sie uns so nah umstellt und darin die für sie günstigsten Optionen in der Hand hat. Wir haben dann 4 Ultimaten gestellt, daß sie die Botschaft räumt. Die schwe­dische Polizei zog sich nicht nur nicht zurück, sie legte geradezu ein dumm­dreistes Verhalten an den Tag. Nach dem dritten Ultimatum wurde der Attaché geholt, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Seine Aufforderungen an die schwedische Polizei als auch an den unten verbliebenen nächst-ranghöchsten Botschaftsvertreter, die Botschaft zu ver­lassen, beantwortete sie ausschließlich mit Fragen über Stärke und Bewaffnung unseres Kommandos. Eine fünfte Verlän­gerung des Ultimatums wäre lächerlich gewesen. Die Situation, so wie sie war, aber einfach zu belassen und die Räu­mung nach den Ultimaten nicht durch­zusetzen, hätte erübrigt, die Forderung nach dem Gefangenenaustausch zu stel­len. Sie wäre genausowenig ernst ge­nommen worden. Das war von uns ein Planungsfehler. Wir hatten aus der Ana­lyse des schwedischen Polizeiverhaltens anhand anderer in Schweden abgelaufe­ner Aktionen die Annahme zur Grund­lage, daß sie sich auch bei uns zurück­zieht. Als sie das nicht tat, waren wir in einem Reaktionszwang, der uns so oder so schaden mußte. Mit großer Anstren­gung, nicht ungefährlich für das ganze, hätten wir diese Situation vielleicht an­ders noch erklären können. Stattdessen haben wir eskaliert.&lt;br /&gt; In der Offensive &#039;77 ist in einem viel größeren Maßstabe etwas ähnliches gelaufen. Zuerst kam das Attentat auf Buback. Das war als Antwort auf die Vernichtungsstrategie in den Gefängnis­sen und auf die Schauprozesse vermittelt. Dem konnte sich auch die Regierung nicht entziehen. Die Zusammenlegung in Stammheim kam danach. Dann der mit seinem Tod endende Entführungsver­such von Ponto. Damit hatte die Elite hier schon das verloren, was ihr als Konsequenz in der Konfrontation um die Befreiung erst drohen sollte. Die Ille­galen verloren darin eine Operationsmöglichkeit. Zwischendrin der versuchte Raketenwerferanschlag auf die Bundes­anwaltschaft als Reaktion auf ihre Eska­lation nach Ponto gegen die Gefange­nen. Dann die Schleyerentführung. Strategie bedeutet die Summe verschie­dener Wege und Ausweichmöglichkei­ten zum Ziel. Die Regierung hat danach darauf gesetzt, daß die RAF aufgrund des mit allem ohnehin schon verbunde­nen Kräfteaufwandes über keine weitere Operationsmöglichkeit aktuell verfügt. Hinzu kam, daß das politische Bin­deglied zwischen der RAF und der Ge­sellschaft, hergestellt durch die Gefange­nenkämpfe, die Härte der Kämpfe dieser Konfrontation nicht trug und die Verbin­dung sprengte. Der armselige Distanzie­rungszug linker Intellektueller und „mar­xistischer Professoren&quot; &#039;77, um in Bonn bei der Macht devote Erklärungen abzu­liefern. Die Regierung war insoweit nur mit der Guerilla konfrontiert und zog die Konfrontation in der Hoffnung in die Länge, daß dem Fahndungsapparat die gewonnene Zeit zur Gegenschlagsmöglichkeit dient oder die Guerilla in dem Versuch, das Kräfteverhältnis für sich zu wenden, einen Fehler begeht.&lt;br /&gt; Viel schwieriger als das Organisieren von Operationen in der Illegalität ist die Entscheidung, eine Konfrontation zu­rückzuholen. Man hat soviel reingesteckt in die Arbeit, man weiß, alles neu zu bestimmen und zu organisieren wird länger brauchen; und dann war noch die Situation der Gefangenen da. Später wußte man es dann. Es wäre damals richtig gewesen, die Offensive in ihrem festgefressenen Stadium zu unterbrechen und sie grundsätzlich neu zu bestimmen auf einer politischen Basis, die die Guerilla mit Teilen der Gesellschaft neu ver­bindet. Stattdessen wurde auf die eh schon hocheskalierte Offensive eine neue Eskalation gesetzt, die alles kippte. Die von der RAF zu verantwortende Landshut-Entführung durch ein palästi­nensisches Kommando. Ein Teil derjeni­gen, die die Offensive ausmachten, war nun auf offenem Terrain. Für die Regie­rung war damit gar nicht mehr das „ob&quot;, sondern nur noch das „wie&quot; sie dran­kommt, die Entscheidungsfrage. Politisch war diese Aktion eine Katastrophe. In den Urlaubern macht sich die Guerilla das Volk zum Angriffsziel und gab der Regierung eine breite Zustimmung, sie mit allen Mitteln zu bekämpfen. Diese wußte das auch auszunutzen. Das Ergebnis dieser Offensive: ein Sieg des militärischen Staatsapparates und ein verlorenes Kommando in Mogadischu, in Stammheim die Toten, die Machtfrage an den Gefangenen gescheitert und die Guerilla selber moralisch und politisch isoliert. Hätte es noch einen Fahndungseinbruch in die illegale Struktur hier gegeben, wäre es für uns sozusagen der „GAU&quot; gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;(...)&lt;br /&gt; Das Fehlen einer entschlossen verfolgten Entscheidung, sich nach der Entstehung der Guerilla als antiimperialistische die Bedingungen der Metropole zur erwei­terten Grundlage zu machen, war dann Teil der Ursache unserer Isolierung wie ebenso Teil der Ursache, daß der von uns in Gang gesetzte Prozeß unseren Händen entglitt. Wir haben uns nicht um die linken Bewegungen gekümmert und uns damit auch von einer Kritik von außen abgeschnitten. Sie hätte helfen können, den Kampf als einen für alle gemeinsamen zu halten. Der strategische Rahmen der 68er-Bewegung waren die Befreiungskämpfe im Trikont. An den sozialen Sinn, den man dort sah oder hinprojiziert hatte, waren die eigenen Aufbruchsbedürfnisse gegen die innere Realität hier gebunden. Dort wurde der Kampf gegen den Imperialismus auf dem höchsten Niveau ausgetragen. Nachdem der Kriegsimperialismus in Vietnam grundsätzlich geschlagen war, zerfiel dieser „strategische Rahmen&quot;. Zum Staat sich umwandelnd, waren die Befreiungsbewegungen mit dem Aufbau auf zerstörtem Terrain konfrontiert. Für sie war das Nötigste an Lebensbedingun­gen für die Masse schon ein Fortschritt. Für ihre eigene Befreiung erkannte die Linke darin nicht mehr viel und verlor so auch die Verbindung. Selber hatte sie dann nur noch eine hochentwickelte Erkenntnis über das, was Imperialismus nach außen ist und ein sehr subjektives radikales Aufbruchsbedürfnis. Was sie nicht hatte, war die Vorstellung, wie sie hier den gesellschaftlichen Umwälzungsprozeß in Gang setzen kann. Daran höhlte sich sowohl das, was sie über die Realität hier einmal erkannt, als auch ihre subjektive Radikalität aus. Der Auf­bruch gegen das System zerfiel. Er wurde allenfalls, wie von den K-Grup­pen, als tote politische Fassade vor sich hergetragen. Das einzige, was eine gesamtgesellschaftliche Realität faßte, war die Frauenbewegung. Aber das war ein anderer Hauptwiderspruch, der letzt­lich bis zum Kapital auch nicht vordrang und bei der Gleichheit vor der Ware ste­henblieb. Die RAF war in dieser Situa­tion eine gute Konsequenz: Damit Befreiung in den Metropolen selber irgendwann einmal wahr werden konnte, mußte sich der Aufbruch hier ein strategisches Konzept schaffen. Es hat den Zerfall der Linken nicht aufge­halten, aber überstanden, inhaltlich etwas gerettet und ihre Neu-Entstehung antizipiert. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre gab es dann die neuen Ansätze aus der Linken. Die Bewegungen wie zu Brokdorf oder Whyl. Was sich gegen das ganze System nicht um­zusetzen wußte, suchte sich hier nun im Kampf gegen einen Teilbereich zu finden. Das war auch ein Hinwenden zu den Bedingungen der Metropole und zu dem, wo man selber politisch war. Uns war das nicht ausreichend. Es hätte ver­bunden werden müssen: die strategische Konzeption und die, die sich in der All­täglichkeit der Gesellschaft suchte. Aber wir waren dazu nicht in der Lage. Wir waren noch von der Erfahrung des Nie­dergangs der Linken bestimmt. Es ist aber auch nicht nur unser Fehler: Von Teilen, die in diesen Bewegungen kämpften, ging auch der Versuch aus, das zum neuen Revolutionsmodell zu erklären: Wenn die Menschen einmal an einer Sache mobilisiert sind, springt die Ablehnung auf das ganze System um. Das geht nicht auf. Das kennt auch kei­nen eigenen Ort und hat nur die Ableh­nung zur Grundlage. Wenn die WAA gestrichen ist, wählen die Menschen „im Lande&quot; wieder CSU. Gegen den Rest wissen sie nichts. Hinzu kam die syste­matische Entwaffnung der Linken durch die Grünen. Falsch ist es aber trotzdem, aus dieser „Überladung&quot; das ganze zu verwerfen. Weder kommen wir alleine weiter, noch diese Bewegungen. Ab &#039;78 war erst einmal die Grundlage ge­sprengt, mit dem, was es hier an Bewe­gungen gab, eine Gemeinsamkeit zu fin­den. Von der RAF blieb der „strategische Rahmen&quot; zurück, ihre innere Authenti­zität war gebrochen. Es ist von ihr dann ja auch alles abgeschrieben worden. Erst im Frontpapier Mai &#039;82 bezog sie sich auf das, was sie als 80er Bewegung neu am Entstehen sah. Real war mit der alten Linken auch nicht mehr viel zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...)&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gab zwei Möglichkeiten, auf die 77er Niederlage zu reagieren: entweder noch einmal den Versuch zu unternehmen, eine solche Machtfrage definitiv für uns zu entscheiden, darin die real eingetre­tene Stagnation zu durchbrechen und so die alte Phase abzuschließen; denn an einem Neuanfang ging nichts vorbei, oder sich vom alten in der Niederlage abzutrennen und aus den inneren Ver­hältnissen der Metropole neu zu begin­nen, praktisch von vorne. Die Guerilla wäre von da aus nicht mehr die gleiche gewesen, nicht mehr der weite Sprung nach vorne, dessen Basis nachgezogen wird, sondern Arbeit an einer sicheren Grundlage, die die zentralen Vorstöße auf die Macht, gerade auch aus der in­ternationalistischen Bestimmung des Kampfes, trägt. Die reale Politik der RAF in den Jahren danach lag dazwischen.&lt;br /&gt; Die Praxis blieb strategisch, die innere Verankerung war auch als Ziel benannt. Aber mehr in dem Sinne, daß sie von alleine kommt. Von uns kam dazu nur die subjektive Seite der Politik: Kollekti­vität und Selbstbestimmung. Aber was ist ihr für die Gesellschaft politisch relevan­ter Inhalt? Die „strategische Orientierung&quot; der Praxis - die Anschläge auf Haig, Ramstein und Kroesen in den ersten Jah­ren - blieb das einzige. In der gesell­schaftlichen Allgemeinheit blieb die Gue­rilla damit abstrakt, irgendwo im äußeren Rahmen des Systems sich bewegend, fremd, die Guerilla sich damit auch sel­ber. Sie hat sich nicht von dort ange­nommen, wo sie war und hatte deshalb auch Schwierigkeiten, andere als das anzunehmen, was sie sind. Im Knast und außerhalb. Die erste Reaktion auf die Kritik an der Pimental-Erschießung, eine völlig verdinglichte Aktion, war eine Definition der Kritiker als begriffslos und der Selbstbezug auf eine abstrakte Moral. Die Guerilla steckte immer noch in der Schwierigkeit, gegen eine gewiß wider­sprüchliche, destotrotz in ihren politi­schen und moralischen Haltungen nicht einfach abzutuende, linke Verbindlich­keit zu entwickeln. Daß sie von dort nicht zurückkommt, ist ein anderes Pro­blem. Aber einer muß den Anfang machen. Gute Dialektik bedeutet, das Richtige im Falschen zu suchen, und natürlich ist eine Kritik an der Guerilla nicht erst dann legitim, wenn sie von Leuten kommt, die sie grundsätzlich für richtig und auch als Perspektive für sich selber sehen. Aber das Verhältnis der Guerilla nach außen war hier immer noch das alte: Aus der Erfahrung, daß sich hinter der Einzelkritik oft nur der Versuch verbarg, die ganze revolutio­näre Konzeption abzuräumen, ist auf Kri­tik erstmal abblockend reagiert worden, zumal man selber in diesem Kampf immer auch alles eingesetzt hat und immer wieder neu eine sehr hohe An­strengung mobilisieren mußte. Das ist in den Kritiken oft auch oberflächlich über­gangen worden. Die Abstumpfung und Gleichgültigkeit der Linken gegenüber den Illegalen und den Gefangenen war mitunter frappierend. Aus einem relativ kleinen Aufbruch haben wir allein 21 Tote aus unseren Reihen in der BRD. Vier weitere von hier sind bei Aktionen im Zusammenhang mit den Palästinen­sern erschossen worden oder ums Leben gekommen. Ein paar hundert Jahre Knast sind hier aus dem Bereich Guerilla und Widerstand bereits abgesessen worden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...)&lt;br /&gt; Eine andere Linke haben wir nicht. Hier ist auch das Problem der Anti-Imps an­zusiedeln. Ihr Apologetentum ist nicht zuletzt auch Folge eines falschen Verhältnisses von uns zu ihnen. Ein sich Einlassen auf uns konnte ihnen aus ihrer Politisierung heraus nicht einfach sein. An der Politik der RAF maßen sie sich, ohne sich in ihr subjektiv aufgehoben zu fin­den. Aus den Widersprüchen zu 77 rea­gierten sie mit Tabuisierung oder Apolo­gie, also falsch für ihre eigene Emanzipation und in einer entfremdeten Solidarität. In einer Politik, die sie nicht waren und in der ihre eigene Befreiung immer wieder auf die Schnauze fiel, eine Kette aufgesetzter Ansprüche und unter­drückter Widersprüche, wurde ihnen alles zur Ideologie, wie immer, wenn der Glaube zerfällt, tritt die Religion an seine Stelle, sie produzierten Ideologie. In dem Widerspruch zwischen der Gue­rilla, die ihre eigene Emanzipation oft individuell handhabte und von deren Wiedererkennbarkeit sie deshalb abge­trennt waren, und nicht-revolutionären Linken, gegen die sie sich aus ihrem unsicheren politischen Selbstbewußtsein nur abgrenzen konnte, zerfiel das Bedürfnis nach einer grundsätzlichen politischen Strategie und jenem, in ihr zugleich „echt&quot; zu sein, wahr vor sich selber, in zwei voneinander abgetrennte Teile. Sie haben in sich die innere Spal­tung von privat und gesellschaftlich, Bedürfnis und Politik hingenommen und die eigene Veränderung hinten ange­stellt. Das hätte schon längst zum Pro­blem gemacht werden müssen, da dar­aus nicht politisch Produktives entstehen kann. Aber wir haben uns ja selber oft auf die Auseinandersetzung mit den Systemstrategien reduziert. Als sei die Emanzipation aus einem falschen Leben als erfahrener Prozeß und inhaltlich gefunden bereits gegeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Frontpapier im Mai 82 erklärte die neu aufgebrochenen Bewegungen in der Gesellschaft, die mit den Zusammen­stößen während der Rekrutengelöbnisse 1980 ihren ersten wichtigen Ausdruck fanden, zum gegen den Staat umge­schlagenen politischen Prozeß aus der Dialektik der 77er Konfrontation. Das ist nur eine theoretisch ableitbare Bestim­mung. In diesen Bewegungen war die 77er Niederlage nicht aufgehoben, son­dern abgetrennt als für die eigene Politi­sierung nicht handhabbar. Ebensowenig, wie wir zu Beginn unserer eigenen Politisierung eine sie fortsetzende Verbindung zur 68er-Bewegung suchten - sie war bereits zu weit weg und wir konnten deren Politisierungsprozesse nicht „nach­lernen&quot;, wollten aber auch nicht in fal­schen Ansprüchen versinken - und uns auf uns besannen, konnte die 80er Bewegung mit der im Herbst 77 eskalierten Auf­bruchsgeschichte der Guerilla sich verknüpfen. Das lag an der fehlenden Wie­dererkennbarkeit bei uns. Sie begannen einfach neu mit einer Politik, in der sie die eigenen Aufbruchsbedürfnisse gegen die Lebensverhältnisse hier mit der eigenen Politisierung wieder in relativem Einklang standen. Das war sehr ähnlich zu unserer eigenen Aufbruchsgeschichte, verändert war das gesellschaftliche Umfeld, in dem sie nicht mehr wie wir isoliert waren. Diese Bewegungen waren nicht die Folge einer sich vermittelnden Befreiung aus der Guerilla-Politik, sie entwickelten sich par­allel zu ihr. Sie verhielten sich zwar solida­risch zu uns, wie es im Hungerstreik 81 sehr deutlich wurde, sprangen aber nicht über, behielten vielmehr ihre eigene Politi­sierung als den Ort, von dem sie sich nur bewegen wollten. Und sie konnten auch nicht „überspringen&quot;: wir waren selber in den Bedingungen der Metropole, also auch bei ihnen, noch nicht angekommen. Das nach außen sich vermittelnde Verhält­nis zu ihnen - die Unterscheidung ist wich­tig, weil im direkten Kontakt vieles immer anders war; aber das spricht nur davon, wie oft grundsätzliches bei uns irgendwie „privat&quot; geblieben ist, von der Politik abge­spalten - war so bestimmt, daß sie sich zur Politik der Guerilla hin verändern müssen. Das „Zusammen Kämpfen&quot; bestimmte in der Realität einen schematischen Zusam­menhang verschiedener Konfrontationse­benen, der unter der Hand zum Hierarchi­schen wurde: so verstanden sich die Anti-Imps z.B. als eine Zwischenebene mit der Aufgabe, die Politik der Guerilla weiter nach „unten&quot;, in die Gesellschaft zu ver­mitteln. Eine absurde Situation. Sie wurden darin zur Destruktion. Die Politik der Gue­rilla als ihnen fremdes Gut wurde darin zur Ware, deren „Anbringen&quot; bei anderen zum Konkurrenzkampf wurde. Das führte schließlich dazu, daß die Anti-Imps ihre beanspruchte Kompetenz über besonders radikale Positionen zu behaupten versuch­ten. Ein Wettkampf der Phrasen. Er lebt nur von der Unterscheidung zu anderen. Nicht unähnlich jener Zeit der K-Gruppen, als sie sich untereinander noch als „Arbei­terverräter&quot; beschimpften und die Kompe­tenz für die allergenaueste ML-Auslegung jeweils bei sich beanspruchten. Mit Befreiung hat das nichts zu tun. Es war aber auch dumm von uns: Von unserer eigenen „Alltäglichkeit&quot; haben wir nichts vermittelt. Von uns waren nur die Aktionen sichtbar, also ein politisches Konzentrat. Das Ergeb­nis ist eine Mystifizierung der Guerilla, also ein fernes Gegenbild, dem Einzelnen aus dem Wissen seiner vielen eigenen Unzulänglichkeiten scheinbar unerreich­bar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Aus Hans Magnus Enzensbergers „Der Untergang der Titanic.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;raubt, was man euch geraubt hat,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nehmt endlich, was euch gehört, rief er,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;frierend, die Jacke war ihm zu klein,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sein haar züngelte unter den kränen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;er rief ich bin einer von euch,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;worauf wartet ihr noch? jetzt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ist es zeit, reißt die barrieren ein,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;schmeißt das geschmeiß ins wasser&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mitsamt seinen koffern, hunden, lakeien&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;die frauen auch und sogar die kinder,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mit gewalt, mit messern mit bloßenhänden! &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und er zeigte ihnen das messer&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und er zeigte ihnen die bloße hand&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;aber die leute vom zwischendeck,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;auswanderer waren es, standen da&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;in der dunkelheit, nahmen ruhig&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ihre mützen ab und hörten ihm zu.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;wann wollt ihr endlich rache nehmen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wenn ihr euch jetzt nicht rührt?&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;oder könnt ihr kein blut sehn,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;außer dem eurer kinder, und eurem eigenen? &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und er zerkratzte sich das gesicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und zerschnitt sich die hände&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;und er zeigte ihnen sein blut.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;aber die leute vom zwischendeck&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;hörten ihm zu und schwiegen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nicht, weil er kein litauisch sprach&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(er sprach kein litauisch)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nicht weil sie betrunken gewesen wären&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(ihre altertümlichen Flaschen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eingewickelt in grobe tücher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;waren schon lange leergetrunken&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nicht weil sie kein hunger hatten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(hunger hatten sie auch):&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;das alles war es nicht. es war&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; nicht so leicht zu erklären.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie verstanden wohl, was er sagte,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- aber sie verstanden ihn nicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;seine worte waren nicht ihre worte&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie waren von anderen ängsten zerfressen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;als er, und von anderen hoffnungen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie standen geduldig da&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mit ihren felleisen, ihren rosenkränzen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ihren rachitischen kindern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;an den barrieren, sie machten platz,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie hörten ihm zu, respektvoll,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und warteten, bis sie ertrunken waren.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;


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 <pubDate>Thu, 02 Dec 2010 11:33:08 +0000</pubDate>
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 <title>Suppe im Salz</title>
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                    &lt;p&gt;Es gibt nur wenige Diskussionen, die der Linken so von außen aufgezwungen wurde wie die Gewaltdiskussion der vergangenen 15 Jahre. Im Anschluß an den Herbst 1977, vor allem mit dem Beginn der Friedensbewegung wurde die Frage zum Gewissensbekenntnis.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Jenseits des Tellerrandes:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;„Wir kennen diese Frage nicht&quot;&lt;/em&gt;, meint ein griechischer Genosse zur Gewaltfrage.&lt;em&gt; „Mein Großvater war kommunistischer Partisan, die Generation meiner älteren Geschwister stand im Widerstand gegen die Diktatur, bei den Anti-NATO-Demonstrationen in den 80er Jahren waren es Hunderttausende, die verlangt haben, die US-Botschaft niederzubrennen. Ich habe nie verstanden, wie sich die BRD-Linke diese Diskussion hat aufzwingen lassen.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die fanatischen Eiferer: &lt;/strong&gt;Es war einer der erheiterndsten Momente meines Lebens, als auf einer Demonstration gegen den Golfkrieg ein bekennender Pazifist einem Freund blutige Lippen schlug. Der Freund zertrümmerte mit Steinen die Fensterscheiben einer Bank, als ihn von hinten ein Friedensbewegter anfiel und wutschäumend auf ihn einprügelte.&lt;em&gt; „Du gewalttätiges Schwein&quot;&lt;/em&gt;, schrie er den Freund an, und seine Begleiterin, taubenbesteckt, brüllte uns an: &lt;em&gt;„Ihr Chaoten&quot;&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die andere Seite:&lt;/strong&gt; Bewaffnung ist zur bundesdeutschen Wirklichkeit geworden. In vielen Fällen geht es um Selbstverteidigung, die Medien jammern, die Polizei rüstet auf, - und Teile der Linken feiern den Zerfall des staatlichen Gewaltmonopols. Das entbehrt nicht eines bitteren Nachgeschmacks. Auch wenn man weiß, für wen und gegen wen das staatliche Gewaltmonopol in Gang gesetzt wird, auch wenn man erkennt, daß Bewaffnung legitim, unvermeidbar ist, gibt es nichts zu jubeln über die neuen Verhältnisse. Schmetterlingsmesser in der Grundschule...&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die unglaublich unsägliche Gewaltfrage&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt nur wenige Diskussionen, die der Linken so von außen aufgezwungen wurde wie die Gewaltdiskussion der vergangenen 15 Jahre. Im Anschluß an den Herbst 1977, vor allem mit dem Beginn der Friedensbewegung wurde die Frage zum Gewissensbekenntnis.&lt;br /&gt; So wie die SPD mit den Berufsverboten das Treuebekenntnis zum bürgerlichen Staat zur Bedingung für den Eintritt in den öffentlichen Dienst gemacht hatte, so wurde Ende der 70er die Distanzierung von der Gewalt von links zur Grundvoraussetzung für „Diskussions- und Arbeitsfähigkeit&quot; in Bündnissen. Die Fraktionierung der Grünen in Systemunterstützer (Realos) und -oppositionelle (Fundis) wurde mit dem Thema vorangetrieben, die wichtigsten sozialen Bewegungen gespalten und die bewaffnete Linke in der BRD isoliert.&lt;br /&gt; Wer Militanz als Mittel vor den AKW- Baustellen oder NATO-Camps nicht ausschließen mochte, wurde genauso ausgegrenzt wie diejenigen, die in den Gefangenen des 2. Juni und der RAF nicht nur Kriminelle sahen.&lt;br /&gt; Anders aber als bei den Berufsverboten machten sich die Betroffenen selbst zu Bütteln der von oben vorgegebenen Katharsis des Widerstands. Es war letztendlich nicht der Staatsapparat, sondern die Vollmers und heutigen Befürworter einer Intervention in Bosnien, die die Distanzierung von der Gewalt durchsetzten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Natürlich war die Debatte um „Friedfertigkeit gegen Gewaltbereitschaft&quot;, in der die „Friedfertigen&quot; als moralisch dastanden, eigentlich immer ein durchsichtiges Manöver gewesen. Die offizielle Seite hatte mit Gewalt an sich keine Probleme. Ihr ging es um die Wahrung des staatlichen Monopols darauf, - was sie auch beherzt vorführte, wenn es einmal ein wenig enger wurde. Wer erinnert sich nicht an die CS-Gasgranaten - ein in den Genfer Konventionen geächtetes Kriegsgas -, die aus Hubschraubern vor Wackersdorf auf die Menschenmenge geschleudert wurden? Oder an die prügelnden Polizeieinheiten vor Brokdorf, die Ausrüstung von immer neuen Sondereinheiten oder die in der SPD/FDP Regierung im Herbst 1977 geführte Diskussion, „stündlich einen Gefangenen der RAF zu erschießen&quot; (aus den Regierungsprotokollen)?&lt;br /&gt; Aber auch von Seiten der &lt;em&gt;Bewegungsfriedlichen &lt;/em&gt;war das Verlangen nach Militanzverzicht ein höhnischer Einwand. In Anbetracht bestehender Gewaltverhältnisse, in denen Alkoholismus, Obdachlosigkeit, Arbeitsplatzverlust, Vergewaltigung und rassistische Überfälle Bestandteil des gesellschaftlichen Normalzustands sind, klangen und klingen sie nach Komplizenschaft. Wer gegen gewalttätige Zustände nicht mit allen Kräften Position bezieht, bezieht Position. Er stellt sich, gewollt oder ungewollt, auf die Seite der Normalität, auf die Seite herrschender Gewalt.&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Friedfertigkeit &lt;/em&gt;gab es deswegen nie. Schon der Begriff beinhaltet, daß einvernehmliche Lösungen immer möglich sind. Das aber ist ab einem bestimmten Punkt nicht nur eine Illusion, es ist ein Verbrechen. Wer die Entlassung von Hunderttausenden als wirtschaftlich unvermeidbar bezeichnet oder die Obdachlosigkeit normal findet, hat Stellung bezogen: klar und unmißverständlich auf der Seite derjenigen, die von den Verhältnissen profitieren. Es müssen keine Fäuste fliegen oder Schüsse fallen, damit Gewalt herrscht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der soziale und politische Widerstand in der BRD hat das lange Jahrzehnte nicht verstanden. In Italien hagelt es Backpfeifen für Streikbrecher, in Frankreich legen Bauerndemonstrationen Hauptverkehrsstraßen mit Strohbarrikaden lahm, und im spanischen Staat bauen Stahlarbeiter im Arbeitskampf mit großem Elan Geschütze, um die Polizei vom Betriebsgelände fernzuhalten. Man weiß, daß die Alternativen nicht „friedlicher&quot; wären als das, was man tut.&lt;br /&gt; Bei uns - aber nicht nur bei uns - zieht man dagegen das Bitten dem Fordern vor. Das Fehlen einer Widerstandskultur - keine einzige Revolution schafften die Deutschen außer der nationalsozialistischen - war kein Zufall, sondern hatte seinen historischen Rahmen: Von preußischer Autoritätshörigkeit und den Bismarckschen Sozialgesetzen, die die Arbeiterklasse zum „Sozialpartner&quot; verpflichteten, über die Ausmerzung der kämpferischen Linken unter den Nazis, bis hin zur halb-totalitären Adenauer- Demokratie spannt sich der Bogen, der es den Getretenen in Deutschland immer so schwer gemacht hat, den Kopf oder die Hand nach oben zu erheben. Deutsche Bürgerinnen identifizieren sich mit ihrem Staat, sie erkennen ihn als neutralen Schiedsrichter an, als ob er zwischen den Interessenseiten stünde. Die Philosophie des aus den USA kommenden Fordismus wie auch der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft&quot; beherrscht die Köpfe. „Arbeiterinnen und Unternehmerinnen sitzen in einem Boot&quot;. Der Staat tut so, als ob er der institutionalisierte Konsens zwischen beiden wäre.&lt;br /&gt; Und wirklich - in Deutschland, aber nicht nur hier, schien diese Losung lange aufzugehen; als sie nicht mehr aufging, wurde auf Kosten der Nachbarn dafür gesorgt, daß sie weiter aufgehen kann. Das ist das Tragische an der Konfrontationsfeindlichkeit nach innen: Die Sehnsucht nach Harmonie unter den Klassen grenzt andere aus. Lebensverhältnisse in Deutschland „sozialpartnerschaftlich&quot; lösen, bedeutet, die Außengrenzen dicht zu machen, mit Infrarot, Bundesgrenzschutz und Hetzjagden. Die „Friedfertigkeit&quot; nach innen beinhaltet die latente Aggression nach außen. Nie war sich Deutschland so einig, Arbeiterinnen und Unternehmerinnen so Freund wie damals in den „goldenen 12 Jahren&quot;.&lt;br /&gt; Nun zerbricht das Boot wieder, schon seit einem Jahrzehnt, die Gleichung Lohnerhöhung=Wachstum geht nicht mehr auf; was gut ist für die Unternehmerinnen, ist Arbeitslosigkeit für die anderen. Die allermeisten haben es trotzdem noch nicht begriffen. Die Kali-Kumpel aus Bischofferode klagen über die Treuhand. Mißmutig quengelt man über die schlechte &quot;Vereinigungspolitik&quot; der Regierenden, als ob man den Begriff „Klassengesellschaft&quot; für eine Erfindung des MfS hielte. Aber eine echte Perle der alten und neuen Staatsbürgerlichkeit auch unter den Linken bot sich auf einer Antifa-Demo im Berliner Stadtteil Marzahn. Demo-eigene Ordner verjagten Demonstrantinnen vom Mittelstreifen der Straße mit dem Argument, daß „die Polizei nur die Fahrbahn, nicht aber den Grünstreifen genehmigt hätte.&quot; Die Auseinandersetzung kulminierte in dem schönen Satz „Wollt Ihr ordentlich marschieren oder Radaukommunismus?&quot; - Wie süß klang mir das dahingenäselte Wort in den Ohren. Radaukommunismus - das muß etwas sehr lebendiges sein, z.B. das Abenteuer eines Mittelstreifens oder die Übertretung einer Verordnung. Ich ahnte süße Träume zwischen Plattenbauten und Wurstbuden, geordnet marschierend.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;&quot;Im Auftrag des Herrn Landrat bestätige ich ihre Anmeldung für den  sogenannten Ostermarsch. Soweit die Demonstration durch das Gebiet des  Landkreises Obernburg führt, darf nur auf Feldwegen und Landstraßen  3.Ordnung demonstriert werden. Die rechte Straßenseite ist streng  einzuhalten, und es darf nur in Zweierreihen gegangen werden. Eine  Kundgebung auf dem Marktplatz von Obernburg wird nicht genehmigt, weil  dadurch am Samstagnachmittag Ruhestörungen und Belästigungen zu erwarten  sind. Für ihre Kundgebung steht ihnen das Sportgelände direkt am Main  zur Verfügung. Da nicht auszuschließen ist, daß bei der Demonstration  kommunistische Parolen mitgeführt werden, sind sie verpflichtet, alle  Parolen und Flugblattexte, bevor sie öffentlich zugänglich gemacht  werden, meiner Behörde zur Einsicht vorzulegen. Die beantragte Benutzung  von Lautsprechern kann nicht genehmigt werden. Sofern sie auf ihrer  Demonstrationsstrecke die Bundesstraße 469 überqueren müssen, hat sich  die Demonstration vorher aufzulösen, und alle Transparente sind  einzurollen.&quot; Ostermarsch 1961-zitiert nach Lutz Taufer&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Militanter Pazifismus...&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Natürlich gab es in der BRD-Linken auch andere Gegner der politischen Gegengewalt als die quengelnden, moralisierenden Untertanenoppositionellen. Da waren zum Beispiel jene militanten Pazifistinnen, die mit respektabler Ausdauer Anfang der 80er Jahre NATO-Stützpunkte blockierten und in Rüstungsfabriken Sabotage betrieben. Für sie war klar, daß Widerstand die vom Staat zur Legalität gemachten Grenzen nicht zu beachten braucht, weil dieser Staat selber Träger von Gewalt ist. Sie verhielten sich eindeutig, kämpferisch, setzten sich mit denen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr und riskierten einiges dabei.&lt;br /&gt; Grundlage ihres &lt;em&gt;gewaltfreien &lt;/em&gt;Verhaltens war die Erkenntnis, daß man von den „Mitteln geformt wird, die man gebraucht&quot;, daß auch der revolutionäre Krieg Menschen zu Soldaten macht. Sie dagegen forderten, die angestrebte Gesellschaft radikal vorwegzunehmen, indem sie eben nicht handelten, wie es der Gegner tut. Das ist richtig und auch wieder nicht. Im Falschen gibt es nichts einwandfreies, in der unterdrückten Gesellschaft keinen ganz „neuen Menschen&quot;, in der Gewalt keine völlige Friedfertigkeit.&lt;br /&gt; Das soll nicht heißen, daß ihre Kampfformen wie Sitzblockaden kein Mittel sein könnten, auch nicht, daß sie in der Anti-NATO-Bewegung nichts bewirkt hätten. Ihr &lt;em&gt;kämpferisch-pazifistisches&lt;/em&gt; Dagegenhalten taugt einfach nur für bestimmte Situationen. In Rostock hätten weder Menschenketten noch Blockaden etwas erreicht. Es hätte die Rassisten, die ihre verlorengegangene Identität dadurch gewinnen, daß sie nach unten, gegen die Schwächeren durchtreten, nur in ihrem Bild bestätigt. Die anderen sind Schwächlinge, sie aber sind stark. Wer Nazis das zeigt, gibt ihnen Rückenwind. In der neuen Situation, in der wir uns befinden, wählen wir die Mittel unseres Widerstandes nur noch bedingt, andere wählen sie für uns.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Kämpferischer, ziviler Ungehorsam kann deswegen nicht die einzige Kampfform bleiben. Spätestens nach dem 2.Massaker an einer Demonstration zerbricht der &lt;em&gt;gewaltfreie&lt;/em&gt; Widerstand an seiner Hilflosigkeit. Zum Kämpfen gehört immer auch Aussicht auf Erfolg, der Ausbruch aus der Opferrolle. Wer immer nur geschlagen wird, steht nicht mehr auf. Es sei denn, es gelingen kleine moralische Siege: eine Sabotageaktion, die eine ganze Fabrik lahmlegt, der Tod eines Folterers, der 3. Stromausfall in einer Woche, obwohl die Straßen voller Militärs sind. Man braucht nur nach dem Chile der Militärdiktatur schauen oder nach Kurdistan heute. Hätte die chilenische Menschenrechtsbewegung so lange gekämpft, wenn es die Nadelstiche gegen die Pinochet-Schergen nicht gegeben hätte? Oder würden die Oppositionellen in Diyarbakir ihre Hilflosigkeit gegenüber den türkischen Truppen ertragen, wenn sie nicht wüßten, daß in den Bergen rundherum die Folterknechte nichts zu lachen haben? Überhaupt ziviler Ungehorsam: Kolumbianische Linke gehen immer mindestens zu sechst, wenn sie nachts Sprüche an die Wände schreiben: 2 malen, die anderen kontrollieren bewaffnet die nächsten Straßenzüge. Wer erwischt wird, wird erschossen.&lt;br /&gt; Die Herrschenden benützen in der Verteidigung ihrer Privilegien alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, militärische sind ein Teil davon. Niemand kann die Gesellschaft grundlegend verändern, ohne sich dagegen zu organisieren. Und genau deswegen ist ziviler Ungehorsam allein einfach zu wenig.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;...oder by any means necessary?&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das vielleicht einzig Positive an der gewalttätiger werdenden BRD-Wirklichkeit ist, daß dem moralisierenden Diskurs des „Gewalt oder Friedfertigkeit&quot; der Boden entzogen worden ist. Mit den 5000 Überfällen und Anschlägen der faschistischen Terrorgruppen seit 1990 wird es immer schwerer, sich individuell darauf zurückzuziehen, daß man für sich persönlich Gewalt ablehnt. Die Wirklichkeit verlangt der Linken heute viel klarere Entscheidungen ab, als dies vor ein oder zwei Jahrzehnten der Fall war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotzdem ist es ist keine Antwort, wenn - nachdem die „Friedfertigkeit&quot; als Lüge enttarnt ist - Gewalt zum wichtigsten der politischen Mittel hochstilisiert wird, wie das unter den Befürworterinnen des bewaffneten Kampfs vielfach der Fall war oder ist und sich heute in der Antifa-Bewegung teilweise wiederholt. Militanz, das heißt die kämpferische Bereitschaft, etwas zu riskieren und mit allen Mitteln Widerstand zu leisten, läßt sich mit Gewalt nicht gleichsetzen; auch mit Entschlossenheit nicht. In vielen lateinamerikanischen Ländern oder in der türkischen Republik ist es härter, politisch zu arbeiten, als in die Berge zu gehen. Während das Leben in der Guerilla berechenbar ist, tobt in den Städten der schmutzige Krieg gegen die legale Linke. Die Bereitschaft, das Leben zu ändern, notfalls auch zu sterben - also militant zu sein -, macht sich nicht an den Waffen fest. Genausowenig sind sie Garantie für einen schnelleren Erfolg.&lt;br /&gt; „&lt;em&gt;By any means necessary&lt;/em&gt;“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_3ycycs5&quot; title=&quot;„By any means necessary&amp;quot; (mit allen notwendigen Mitteln) meinte Malcolm X eigentlich nicht zur politischen Gewalt im allgemeinen, sondern im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen den Ku-Klux-Klan. Zur pauschalen Bejahung des bewaffneten Kampfes/der politischen Gewalt wurde der Ausspruch erst danach.&quot; href=&quot;#footnote1_3ycycs5&quot;&gt;1&lt;/a&gt; ist deswegen ein pauschales Schnellurteil. Gewalt ist natürlich nicht in jedem Fall notwendig. Auch wenn völlig auf der Hand liegt, daß die Gegenseite immer bereit ist, ihre Ordnung und Herrschaft notfalls auch militärisch zu verteidigen, sagt das nichts über den Sinn eigener Gewalt aus. Gerade dann, wenn von Gegnern die militärische Konfrontation gesucht wird, ist es sinnvoll, ihr aus dem Weg zu gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es läßt sich zum Beispiel die Frage stellen, ob nicht Malcolm X&#039; Satz &lt;em&gt;„By any means necessary&quot;&lt;/em&gt; für die Black Panther Party zum Verhängnis wurde. Die schwarze Organisation zeigte ihre Bereitschaft bewaffnet zu kämpfen bei jeder Gelegenheit. Auf Postkarten der BPP sagten schwarze Kinder zu ihren Daddies „schenk mir eine Knarre zu Weihnachten&quot;. Und das zu einem Zeitpunkt, wo in den ganzen USA gerade einmal ein paar hundert Leute in der BPP organisiert waren. Die Organisation stand auf wackligen Beinen, auf die Repression, die danach kam, war sie nicht vorbereitet. Hätte sie die militärische Seite ihres Kampfes nicht so betont, wäre es ihr wahrscheinlich leichter gefallen, sich in den Ghettos zu verankern. Andersherum hätte den staatlichen Stellen ein gutes Stück Legitimation gefehlt, gegen die BPP loszuschlagen.&lt;br /&gt; Das ist natürlich kein Argument dagegen, daß die Entscheidung, sich zu bewaffnen, gerechtfertigt war. Und es stimmt auch, daß die Anziehungskraft der Panthers auch deswegen groß war, weil sie nach Jahrhunderten der Sklaverei die erste landesweite Organisation war, die sich zum bewaffneten Kampf bekannte. Trotzdem eskalierte die Situation für die Black Panthers wahrscheinlich zu früh. Der heraufbeschworenen Konfrontation war sie nicht gewachsen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das ist kein echtes Urteil über die BPP. Es ist nur ein Beispiel dafür, daß sich das Problem der politischen Gewalt für die Linke ganz anders stellt. Sie muß - wenn sie die Verhältnisse wirklich grundlegend verändern will - immer militant kämpfen, d.h auch mit Mitteln, die ihr der Staat versagt. Aber sie muß mit der politischen Gewalt als Kampfmittel sehr bewußt umgehen, sie darf sich den Moment ihrer Verwendung nicht aufzwingen lassen, und vor allem muß sie das Reaktionäre in ihr ständig erkennen.&lt;br /&gt; Das Geschick liegt letztendlich darin, sich auf Situationen vorzubereiten, ohne sie dadurch herbeizubeschwören, Eskalationen abzusehen, ohne sie im falschen Moment zu verschärfen. Ich werde darauf noch zurückkommen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Der fehlende Begriff gesellschaftlicher Macht&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;„Das Weltbild der Revolutionäre, ob im Trikont oder in den Metropolen, war in den vergangenen Dekaden geprägt von jenem klassischen Verständnis des Politikmachens, in dem die Hauptagenten des politischen Manövers und der politischen Macht Großorganisationen wie Staaten, Parteien, Gewerkschaften, schließlich nationale Befreiungsbewegungen sind, Vorstellungen, die auch die ersten Jahre des Aufbruchs hier geprägt haben und sich noch immer großer Sympathie erfreuen. Es ist ein Verständnis, das seine Wurzeln im 18. und 19. Jahrhundert hat, wo jene zentralen Instanzen der Gesellschaftsorganisationen von oben, der Staat der Moderne und seine Apparate, Parteien, schließlich Gewerkschaften, aus der Taufe gehoben wurden. Der Staat, die Gesellschaft von oben organisierend, ist der Angelpunkt des Politischen, die Revolutionäre kämpfen entweder um die Erringung oder die Abwehr der Staatsmacht. Sie haben dieses Weltbild, das in besonderen Fällen den Charakter eines Duells annimmt, in dem die Gesellschaft überhaupt nicht mehr vorkommt, gegen alle Anfechtungen der Wirklichkeit sorgfältig verteidigt...&quot;&lt;/em&gt; (Lutz Taufer, „Wird Zeit, daß wir rauskommen&quot; in: Odranoel)&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;„(...) wir werden um die Erkenntnis nicht herumkommen, daß ein altes System - schon gar nicht so ein ausdifferenziertes - mit bloßen Machtmitteln nicht beseitigt werden kann, solange nicht ein neuer ökonomischer und sozialer Sinn herangewachsen ist, der das alte, zu eng gewordene Machtgebäude sprengt.&quot;&lt;/em&gt; (Taufer, „Wird Zeit, daß wir rauskommen&quot; in: Odranoel)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die Linke - damit meine ich die emanzipatorischen Bewegungen insgesamt -, stellt sich die Wahl der Gewalt als politisches Mittel als pragmatische Frage. Man muß Gewalt nicht prinzipiell bejahen, um sie dennoch anzuwenden. Wer erkannt hat, daß Klassenkampf nicht gemacht werden muß, weil er bereits vorgefunden wird, wer Rassismus, sexistische Gewaltverhältnisse, Elend gesehen und die Ursachen in den gesellschaftlichen Verhältnissen erkannt hat, redet nicht mehr von Gewaltfreiheit. Das ist die moralische Grundlage des Konzepts bewaffneter Kampf.&lt;br /&gt; Die entscheidende Frage lautet dann allerdings, ab wann bewaffnete Politik sinnvoll ist und in welcher Weise. Die sich bewaffnenden Linken der vergangenen Jahrzehnte sind hier fast alle „gescheitert&quot;. Zugegebenermaßen gab es zu manchen Niederlagen keine Alternative. Es gab Augenblicke, wo man gegen einen übermächtigen Gegner kämpfen mußte, selbst wenn man nicht die kleinste Aussicht auf Erfolg hatte.&lt;br /&gt; Aber es gab Niederlagen, die glimpflicher hätten sein können oder vermeidbar waren. Einer der Gründe dieses „Versagens&quot; liegt darin, daß es bei den Anhängerinnen des bewaffneten Kampfs (und nicht nur bei ihnen, sondern auch bei den Befürworterinnen eines „friedlichen Übergangs zum Sozialismus&quot;) ein mangelndes Verständnis davon gab, wie gesellschaftliche Macht funktioniert.&lt;br /&gt; Renato Curcio, einer der Gründer der italienischen Roten Brigaden meinte in einem Interview im Frühsommer &lt;em&gt;„wir sind authentische Bewegungen gewesen, sehr naiv, wir haben uns gewehrt, weil es großen sozialen Druck gab. Wir sind dann mit einer Organisierung der Macht zusammengestoßen, die uns unbekannt war. Sie war viel wehrhafter und vielschichtiger, als es uns unsere Analysen zu verstehen erlaubt hätten.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; Der Punkt aber ist entscheidend. Ebenso wie sich ein Teil der Linken im „Marsch durch die Institutionen&quot; abarbeitete und letztendlich aufgesaugt wurde, weil sie das System zu wenig begriff, sind andere Linke der letzten Jahrzehnte an ihrem militaristischen Machtverständnis gescheitert. Sie begriffen den Konflikt nur noch - wie Lutz Taufer schreibt - als „Duell, in dem die Gesellschaft überhaupt nicht mehr vorkommt&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die frühen Texte der RAF sind dafür wahrlich ein Beispiel. Ulrike Meinhof schrieb 1976 an Hanna Krabbe:&lt;em&gt; „das ist scheiße, was du da redest. dein gedankengang ist imaginär. als wäre der feind die ideologie, die er ausspuckt, das gewäsch, die plattitüden, die dir da aus dem kasten in der wand (...) entgegenkommen.&quot; Oder Meinhof und Baader im gleichen Jahr: „worum es geht, ist, in den metropolen die zweite demarkationslinie, die determiniert ist, durch die dialektik der rückwirkungen der befreiungskriege an der peripherie des systems in den metropolen, also den versuch der strategischen rekonstruktion des us-kapitals durch zurücknahme seiner linien in den zentren - ideologisch, politisch, militärisch, ökonomisch ja auch - zur FRONT zu entwickeln, zur politisch-militärischen auseinandersetzung- der prozesse, der den klassenkampf in den metropolen als teil des befreiungskrieges in der 3.welt definiert, indem er hier antizipiert, was proletarische politik heute ist: befreiungskrieg.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn es natürlich stimmt, daß die Konflikte Anfang der 70er Jahre vor allem ihre militärische Seite zeigten, auch wenn man berücksichtigt, daß damals in weiten Teilen der Welt Guerillakrieg herrschte - Vietnam war nur dessen heftigster Ausdruck -, selbst wenn man der Ansicht ist, daß der bewaffnete Kampf einen notwendigen Bestandteil auf dem Weg zur Veränderung darstellt, so bleiben die Aussagen Meinhofs und Baaders trotzdem falsch.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die Stabilität einer Gesellschaftsordnung fußt längst nicht nur auf ihrer Fähigkeit, militärisch-polizeilich ihre Gegner zu unterdrücken. Unter den drei Stützen der Macht - Modernisierungsfähigkeit, politisch-kulturelle Hegemonie und Herrschaft- erlangt die militärische Seite der Herrschaft erst dann Bedeutung, wenn sich ein Konflikt zuspitzt, wenn die normalen Mechanismen der Herrschaftsreproduktion nicht mehr funktionieren.&lt;br /&gt; Die Ostblockstaaten haben das gezeigt: Obwohl sie vor Waffen starrten, waren sie nicht in der Lage, die Opposition niederzuhalten. Es war unsicher geworden, ob Polizisten und Soldaten Befehle überhaupt noch ausführen würden. Die herrschende Klasse besaß zwar die Kontrolle über den Staatsapparat, aber keine Glaubwürdigkeit mehr. Die Hegemonie, also die Fähigkeit politische und kulturelle Werte durchzusetzen, war ihr entglitten.&lt;br /&gt; Noch wichtiger als das war die Unfähigkeit des Systems, sich zu erneuern. Die bleierne Trägheit der realsozialistischen Apparate verhinderte noch die banalsten Reformen. Erneuerung, Anpassung an veränderte weltgesellschaftliche Bedingungen fanden schleppend oder gar nicht statt. Am Ende war der wirtschaftliche und politische Zerfall so weit, daß große Teile der herrschenden Klasse im Realsozialismus sich vom bisherigen Modell abwandten. Die alte Gesellschaftsordnung brach zusammen, ohne daß ein einziger Schuß fiel. Nicht ihre militärische Schwäche, sondern die Unfähigkeit, sich zu erneuern und eine politisch-kulturelle Hegemonie aufzubauen, führte zum Zusammenbruch der realsozialistischen Regime.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es ist eine Erkenntnis, die wir immer noch viel zu wenig verstehen. Verhängnisvoll ist das deswegen, weil die Reduzierung von Macht auf das Militärische auch zu einer politischen Beschränkung der bewaffneten Organisationen geführt hat. Sie fingen an, sich in der militärischen Konfrontation zu verlieren, durch die subjektiv erlebte Verschärfung der Widersprüche verschwammen andere gesellschaftliche Entwicklungen, bis nur noch die beiden Armeen sichtbar waren. Die Bevölkerungsmehrheit wurde zu passiven Beobachtern, zu Statisten.&lt;br /&gt; Das spricht nicht gegen den bewaffneten Kampf allgemein. Es spricht gegen ein bestimmtes Konzept bewaffneter Kämpfe.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Ein Rückblick auf die bewaffneten Kämpfe&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Seltsamerweise taucht beim Stichwort Guerilla immer wieder die Assoziation &lt;em&gt;nationale Befreiungsbewegungen seit Mitte der 60er Jahre&lt;/em&gt; auf. Lange aber vor den antiimperialistischen Kämpfen jener Jahre, sogar lange vor Cuba, ist die Guerilla Widerstandsform von Bevölkerungen gewesen. &lt;br /&gt; Zum ersten Mal als feststehende Bezeichnung taucht der Begriff während der französichen Besetzung Spaniens 1808 auf. &lt;em&gt;Guerilla &lt;/em&gt;- die Verkleinerungsform von &lt;em&gt;guerra &lt;/em&gt;(Krieg) - stand für den von einer irregulären Armee geführten Kleinkrieg gegen das stehende Heer Napoleons. Die Guerilla war die nahelie­gende Organisationsform einer mittellosen Bevölkerung gegen einen mächtigeren Feind. Sie zermürbte den Gegner in Kleinstgefechten, griff ihn an, wenn er es nicht erwartete, zerstreute sich vor den Angriffen des feindlichen Heers in der Bevölkerung.&lt;br /&gt; Im Rußland des 19.Jahrhundert bekam der Kleinkrieg eine neue Komponente. Die Volkstümler (Narodniki) übten in kleinen Geheimgruppen Terror (wie sie selbst sagten) gegen das Zarenregime aus in der Hoffnung, damit das System zu destabilisieren und schließlich zu enthaupten.&lt;br /&gt; Diese Erwartung erfüllte sich nicht. 1881 gelang es den &lt;em&gt;Narodniki &lt;/em&gt;zwar, den Zar Alexander Il. bei einem Attentat zu ermorden. Aber anstelle des Zusammenbruchs des Regimes folgte seine Konsolidierung. Alexander III. ersetzte den alten Zaren lückenlos, er galt sogar als noch weitaus tyrannischer als sein Vorgänger. Aufgrund dieser Erfahrungen grenzten sich die russischen Sozialdemokraten vom Terrorismus in den kommenden Jahrzehnten radikal ab. Lenin, dessen älterer Bruder bei den &lt;em&gt;Narodniki &lt;/em&gt;gekämpft hatte und gestorben war, betonte wie andere Sozialdemokraten auch, daß nur eine organisierte Klasse das Zarenregime ernsthaft gefährden könne, nicht aber der von wenigen getragene Terror gegen die Herrschenden. Die Position war durchaus inkonsequent, denn trotz dieser Kritik führten auch die Bolschewisten den bewaffneten Kampf. Ihre „technischen Einheiten&quot; waren die aktivsten bewaffneten Gruppen Rußlands in den ersten Jahren des 20.Jahrhundert. Sie verübten Anschläge auf Regierungstruppen und zaristische Beamte, überfielen Banken und Waffendepots, womit einerseits die politische Arbeit finanziert und zweitens Stoßtruppen für die Revolution ausgebildet werden sollten. Auch wenn sie von der offiziellen kommunistischen Geschichtsschreibung verachtet wurden, spielten sie über Jahre hinweg eine wichtige Rolle bei der Destabilisierung des zaristischen Regimes.&lt;br /&gt; Auf Terror gegen die herrschende Klasse als ein Mittel der Destabilisierung und als eine Art Katalysator für die Massenbewegung setzten auch Teile der Anarcho-Syndikalisten in Spanien in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts. Buenaventura Durrutti, der historische Kopf der spanischen Revolution, war lange Jahre einer der meistgesuchtesten „Terroristen&quot; in Spanien und Lateinamerika. Stärker als bei den russischen Narodniki machte sich in Spanien bemerkbar, daß Anschläge, auch wenn sie nur von wenigen verübt wurden, durchaus mobilisierend für eine Massenbewegung sein können. Das Gefühl, daß die Herrschenden nicht unverwundbar sind und für ihre Greueltaten bestraft werden können, führte dazu, daß sich Durrutti und andere in Volkshelden verwandelten, und gleichzeitig die Massenbewegung erstarkte.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der Dirigent Yehudi Menuhin auf die Frage &quot;Was sagen Sie einem  Skinhead?&quot;: &quot;Das sind arme Kinder, die nie Liebe und Zärtlichkeit  kennengelernt haben. Ein Kind soll träumen, aber seine Träume sollten  nicht vom Fernsehen kommen oder aus Medien, in denen nur Brutalität  vorkommt. So werden seine Träume auch brutal oder angsterfüllt. Das ist  schade, denn es gibt fabelhafte Bücher heute, die für die Kinder  geschrieben sind, wirklich schöne Bücher. Kinder können heute mehr  lernen als je zuvor. Kinder, die täglich sieben Stunden lang vor dem  Fernse­her sitzen und ihre Gedanken und ihre Phan­tasie mit diesen  Schrecklichkeiten anfüllen, entwickeln sich nicht gut. Das sollte nie,  nie erlaubt werden. Aber dafür müssen die Eltern sich opfern und selber  nicht fernsehen. Und natürlich auch nicht rauchen ...&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der erste, der den revolutionären Prozeß dann theoretisch und praktisch als Krieg begriff, war in den gleichen Jahren auf der andere Seite der Erdkugel Mao TseTung. Entgegen der Anweisungen der Moskauer Zentrale der Komintern unter Stalin baute der junge chinesische Kommunist konsequent ein Volksheer auf, das sich in Rückzugsgebieten festsetzte und zum ersten Mal in der Geschichte der marxistischen Linken vorrangig auf die Bauernschaft stützte. Im Kreml hielt man Mao deshalb für einen Spinner, der die chinesischen Kommunisten womöglich in den Untergang führen werde. Erstaunlicherweise jedoch war das Konzept des langanhaltenden revolutionären Krieges, der von 1924 bis &#039;49 dauerte, in China schließlich erfolgreich.&lt;br /&gt; Das bahnbrechende an diesem Konzept war, daß der bewaffnete Aufstand nicht mehr als begleitende Komponente im gesellschaftlichen Prozeß gesehen wurde, sondern zur tragenden Achse der Revolution wurde. Der &lt;em&gt;revolutionäre Krieg&lt;/em&gt; sei, so Mao, die höchste Stufe zur Auflösung des sozialen Konflikts, ein all­mählicher Wachstumsprozeß, in dem sich Widersprüche zuspitzen und Kräfte gesammelt werden.&lt;br /&gt; Was nach Mystifizierung von Gewalt und Waffen klingt, hat eine sehr einleuchtende Begründung: Eskalierende gesellschaftliche Konflikte führen dazu, daß die Staatsmacht ihren Krieg in Form bedingungsloser Repression entwickelt. Der revolutionäre Krieg, der wie Mao meint „ein Krieg gegen den Krieg sei&quot;, nimmt deswegen die unvermeidbare Entwicklung vorweg. Anstatt darauf zu warten, daß die Gegenseite ihren Krieg eröffnet, also z.B eine Streikbewegung zerschlägt, muß sich die Linke nicht nur frühzeitig für die Auseinandersetzungen rüsten, sie rfiuß die Konfrontation sogar beginnen, bevor sie ihr aufgezwungen wird...&lt;br /&gt; Hier zu entgegnen, daß nur defensive Gewalt legitim sei, geht an der Frage vorbei. Die Erfahrung, auf der Mao und danach zahlreiche andere revolutionäre Bewegungen aufbauten, ist ja die eines täglich erlebten „Klassenkampfs von oben&quot;, dessen Leiden bereits so groß sind, daß sie durch den Ausbruch eines offenen Krieges nicht mehr großartig verschlimmert werden würden. Zwar ist der Krieg brutal, aber er bietet immerhin noch die Hoffnung auf Veränderung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Mit einem ähnlichen Selbstverständnis entstanden in der ganzen Dritten Welt&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_7mxz0rt&quot; title=&quot;Dritte Welt ist als Begriff umstritten, weil er eine hierarchische Wertung vornimmt. Ursprünglich aber lehnte sich das in den 50er Jahren zum ersten Mal verwendeten französische Wort „Tiers Monde&amp;quot; an den 3. Stand der Nicht-Adeligen, den „Tiers Etat&amp;quot; im französischen Absolutismus an, der 1789 die Revolution in Frankreich trug. Der Begriff Dritte Welt ist deshalb auch programmatisch zu verstehen: Er beschreibt eine Art internationale Klasse der unterdrückten Schichten und Nationen. Dieses Verständnis war kennzeichnend für den Antiimperialismus der 50er, 60er und 70er Jahre. Die Revolution begann demnach in der 3.Welt und sollte sich von dort aus in den reichen Norden ausbrei­ten. Das meinten auch Baader und Meinhof, als sie von der „2.Demarkationslinie in den Metropolen&amp;quot; schrieben.&quot; href=&quot;#footnote2_7mxz0rt&quot;&gt;2&lt;/a&gt; in den Folgejahren antiimperialistische Befreiungsbewegungen, die als Guerillas agierten. Die lateinamerikanische Form des revolutionären Krieges war der von Che Guevara und Regis Debray geschaffene Fokismus. Demnach müsse die revolutionäre Bewegung einen bewaffneten &lt;em&gt;foco&lt;/em&gt;, d.h. einen Herd oder eine Brandstelle schaffen, von dem aus sich der Konflikt ausbreite. Tatsächlich hatte in Cuba ja die Errichtung einer einzigen bewaffneten Front mit weniger als 20 Leuten gereicht, um innerhalb von 3 Jahren (1956-59) die Regierung Batista zu stürzen. Davon ausgehend behauptete der &lt;em&gt;Fokismus&lt;/em&gt;, daß kleine Gruppen, die den bewaffneten Kampf aufnehmen würden, eine gewaltige Katalysatorwirkung erlangen würden. Einerseits würden sich immer mehr Menschen der Landbevölkerung diesen Guerilla-Einheiten anschließen, und zum zweiten hätten die Schläge der Guerilla gegen das System eine motivierende Wirkung auf die Opposition in den Städten. Letztendlich führe die Verschärfung der Widersprüche zum Volksaufstand, zur &lt;em&gt;„Insurrección&quot;&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt; Auch in Ländern ohne strategische Rückzugsgebiete auf dem Land, wie z.B in Uruguay, kamen Elemente des fokistischen Konzepts zur Anwendung. Die Tupamaros, die für zahlreiche westeuropäische Guerillas Vorbild waren, entwickelten in Uruguay eine Stadtguerilla. Auch sie sollte als Brandherd den Politisierungsprozeß beschleunigen und die Konfrontation verschärfen, d.h eine Entscheidung herbeizwingen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der &lt;em&gt;Fokismus &lt;/em&gt;breitete sich von 1960-75 rasend schnell aus, und das, obwohl er fast überall entweder in raschen Niederlagen oder in Stagnation mündete. Die lateinamerikanischen Guerillaherde, die Anfang der 60er Jahre entstanden waren, verglimmten überall mit Ausnahme Kolumbiens, Guatemalas und Nicaraguas, wo die Guerilla 1979 siegte.&lt;br /&gt; Es stellte sich heraus, daß der &lt;em&gt;Foquismo &lt;/em&gt;in noch schärferer Weise als der revolutionäre Krieg Entwicklungen vorwegnahm. Die Armen in Lateinamerika verstanden die Gerechtigkeit eines bewaffneten Kampfs gegen die Hungerregimes, aber diese allein moralische Zustimmung reichte als Motivation für eine aktive Beteiligung nicht aus.&lt;br /&gt; Der Grund dafür lag nicht nur in der geschickter werdenden Aufstandsbekämpfung, die sich verstärkt über massenpsychologische Entwicklungen Gedanken machte. Wesentlich war auch, daß die &lt;em&gt;fokistischen &lt;/em&gt;Guerillas zum offenen, militärischen Angriff übergingen, wo die gesellschaftlichen Konflikte noch kaum entwickelt waren. Maos revolutionärer Krieg hatte zwar bewiesen, daß Bewußtsein im Krieg wachsen könne, aber er zeigte dies vor allem in der Situation der offenen japanischen Besatzung, die von jedem Durchschnittschinesen abgelehnt und als Terror erlebt wurde. Nicht nur, daß die foquistischen Guerillas diesen eindeutigen Gegner nicht besaßen, sie begannen ihren Krieg auch in viel überstürzterer Form: Mit oft nur 20-25 Personen wurde die militärische Konfrontation eröffnet. Zwar gingen dem Aufbau eines „Focos&quot; soziologische und historische Feldstudien voraus - wo nämlich aufgrund der sozialen Lage und der historischen Traditionen eine bewaffnete Gruppe besonders gute Aussichten habe, - aber dies bedeutete meistens nicht, daß es wirklich ausgebildete Konflikte gab. Der Fokismus war in vielen Ländern den realen Prozessen um zu viele Schritte voraus, er wurde für die Bevölkerung unnachvollziehbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unabhängig vom richtigen Anteil dieser Kritik wird oft übersehen, daß die fokistischen Guerillas trotzdem Massenbewußtsein schufen: Durch die Fähigkeit, die Herrschenden zu bestrafen, selber offensiv zu sein, und durch ihre große, moralisch eindrucksvolle Entschlossenheit mobilisierten wenige Guerilleros erhebliche Teile ihrer Bevölkerung. In Uruguay die Tupamaros, in Kolumbien die ELN, in Italien die Roten Brigaden oder im Baskenland die ETA; sie waren keineswegs Bremser gesellschaftlicher Prozesse. Ganz im Gegenteil beschleunigten sie zeitweise Massenbewegungen, die nicht offen auftreten konnten oder an ihre Grenzen geraten waren. Das pauschal verwendete Argument, Guerillas würden Massenbewegungen blockieren, stimmt in dieser Farm einfach nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das entscheidende Problem (das zu lösen fast keiner Guerilla fokistischen Ursprungs gelang) war, daß das entstehende Massenbewußtsein, die vage Sympathie, nicht organisiert wurde. In ihren konspirativen, engen Strukturen war kein Platz für die vielen, die von den bewaffneten Organisationen angesprochen wurden.&lt;br /&gt; Selbst wenn die Guerillas zu den Massenorganisationen Beziehungen aufrecht erhielten, indem Militante der illegalen Organisationen dort verdeckt arbeiteten (wie dies eigentlich überall der Fall war), gelang die Einheit nicht. Die Eigendynamik der militärischen Konfrontation, in der sich die meisten Guerillaorganisationen befanden, verschärfte den Konflikt, ohne daß dies von den AktivistInnen außerhalb der Guerillas begriffen wurde. Die bewaffneten Organisationen waren immer wieder außerstande, die Eskalation, die sie benutzten, auch wieder außer Kraft zu setzen. Die Spirale „Aktion - Repression - mehr Bewußtsein - neue Aktion&quot; führte zu einer Eigenlogik wachsender Härte. Der Krieg galt ja als entwickeltste Form des Konflikts. Diese Verschärfung, die natürlich nicht nur von den Guerillas ausging, sondern auch durch härtere Repression bedingt war, trieb unkontrolliert weiter. Die Roten Brigaden, die mit Anschlägen auf Fahrzeuge von Firmenbonzen begonnen hatten, meinten 1979, dazu gezwungen zu sein, den entführten Christdemokraten Moro zu erschießen. Sie waren im Krieg, und das Hinhalten durch die Regierenden mußte bestraft werden. Gleichermaßen sah die RAF keine Alternative zur Ermordung von Schleyer, schließlich handelte die BRD Tag für Tag faschistoider, nahm die Brutalität gegen die Gefangenen zu. Wieviel sinnvoller aber wäre es gewesen, die Staatsmacht als Aggressor bloßzustellen. Aldo Moro und Schleyer waren sicherlich für vieles verantwortlich, aber aus welchem Grund sollten sie sterben? Die Bevölkerungsmehrheit begriff diese Morde nicht, dem Staat dienten sie zur Legitimation neuer Unterdrückung, und geschwächt wurde der Apparat in keiner Weise. Bei den Roten Brigaden gab es diese Diskussion, dennoch setzte sich der Beschluß durch, Moro zu töten. Die Logik des Krieges war entwickelter als das Verständnis politischer Prozesse. Auch das ist kein allein westeuropäisches Phänomen. Die Eskalation des Krieges gab es ähnlich auch in Lateinamerika. Der sehr subjektiv erlebte Krieg, von dem nur ein paar Dutzend oder hundert Guerilleros und die Landbevölkerung einer Region betroffen war, verstellte den Blick für andere Realitäten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die wahrgenommene Verschärfung wurde auf das ganze Land produziert. Dazu kam die Durchsetzung eines militaristischen Bewußtseins. Unter dem enormen Außendruck entwickelte sich die Repression nach innen: In der ELN Kolumbiens waren Erschießungen Mitte der 70er Jahre bei Meinungsverschiedenheiten keine Seltenheit. Das Verhältnis zu Massenorganisationen gestaltete sich ebenfalls wie im Krieg: militärisch, hierarchisch und instrumentell. Die gewollte, antizipierte Eskalation der Verhältnisse überrollte die bewaffneten Organisation selbst.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Dennoch sollte man sich hüten, in traditionell kommunistischer Manie von individuellem Terrorismus zu reden und sich von den bewaffneten Organisationen zu entsolidarisieren.&lt;br /&gt; Anders als die unentschlossen hin und her lavierenden kommunistischen Parteien unter der Fuchtel Moskaus haben die Guerillas moralische Integrität ausgestrahlt. Und man sollte das nicht vergessen, sie waren auch erfolgreich: In den antikolonialen Befreiungskriegen, zuletzt 1979 in Nicaragua, stürzten sie die Regime. Im Baskenland oder in Nordirland sind bewaffnete Organisationen Orientierungspunkt für breite Teile der Linken, in El Salvador oder Kolumbien haben sie Landesteile sozial neu organisiert. Wieviele andere linke Bewegungen, Parteien und Organisationen können von sich behaupten, mehr geschafft zu haben?&lt;br /&gt; Ein Mitglied der kolumbianischen UCELN hat folgendes Resumee gezogen:&lt;br /&gt; &lt;em&gt;„Heute wird der Fokismus stark kritisiert, alle stellen fest, daß das ein avantgardistisches Konzept ist, und es ist ja wirklich ein Problem, daß die Guerilla in Kolumbien sich seit 25 Jahren in den Bergen herumschlägt, ohne daß der revolutionäre Prozeß wirklich bedeutend vorangekommen wäre. Trotzdein sind unsere Guerilla-Fronten weiterhin nach dem Modell des Focus konzipiert und wir glauben nicht, daß das falsch ist.&quot; Und an anderer Stelle: „Die fokistische Guerilla hatte viel vom Mythos der guten Jungs an sich, die aus den Bergen kommen und irgendwann mal die Veränderung bringen. In der Praxis kannte die Guerilla dann eigentlich nur zwei Schritte der Politik: einmal Protest abzuwarten und anzuführen und dann den beteiligten Menschen eine revolutionäre Lösung schmackhaft zu machen.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; Kurzum: Ihr ist nicht gelungen, verschiedene Kampfformen miteinander zu kombinieren, und eine eigenständige, kreative Organisierung der Bevölkerungsmehrheit voranzubringen. Daran ist sie gescheitert.&lt;br /&gt;Aber ist das den sozialen Bewegungen, den kommunistischen Parteien oder undogmatischen Gruppen irgendwo gelungen? Welche Alternative einer anderen Gesellschaft und welche Garantie dafür bieten diese an? Warum sollte legalen Parteien wie der mit so großem Interesse verfolgten brasilianischen Arbeiterpartei PT etwas anderes wider­fahren als den meisten anderen konsequenten Reformbemühungen:&lt;br /&gt; Sie werden zermürbt, integriert oder zerschlagen? Und letztendlich: Welche Alternative haben wir, als uns einem menschenfeindlichen System auf allen Feldern, und d.h. klar auch dem militärischen, zu stellen? - Die Zeiten werden härter, die Winter roter, das Schlucken tiefer, jeden Tag bleibt uns weniger die Wahl der Mittel. Längst wählen sie andere für uns.&lt;br /&gt; - Was von jetzt ab kommt, werden wir alle tragen müssen, nicht mehr nur 15 straighte KämpferInnen. Die Zeit, um längst Begriffenes einfach so zu vergessen, haben wir nicht....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Georg Büchner (1813-1837) BRIEF AN DIE FAMILIE&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Straßburg, den 5. 4. 1833&lt;/em&gt;. Heute erhielt ich Euren Brief mit den Erzählungen aus Frankfurt. Meine Mei­nung ist: Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwar­ten haben. Alles, was sie bewilligten, wurde ihnen durch Notwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen wie eine erbet­telte Gnade und ein elendes Kinderspiel­zeug, um dem ewigen Maulaffen Volk seine zu eng geschnürte Wickelschnur vergessen zu machen. Es ist eine blecherne Flinte und ein hölzerner Säbel, womit nur ein Deutscher die Abgeschmacktheit begehen konnte, Soldatchens zu spielen. Unsere Land­stände sind eine Satire auf die gesunde Vernunft, wir können noch ein Säkulum (Jahrhundert) damit herumziehen, und wenn wir die Resultate dann zusam­mennehmen, so hat das Volk die schö­nen Reden seiner Vertreter noch immer teurer bezahlt als der römische Kaiser, der seinem Hofpoeten für zwei gebro­chene Verse 20.000 Gulden geben ließ. Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzu­stand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch stecken mit ange­schmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde. Was nennt Ihr den gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbe­deutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Und dies Gesetz, unter­stützt durch eine rohe Militärgewalt und durch die dumme Pfiffigkeit seiner Agen­ten, dies Gesetz ist eine ewige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Mund und Hand dagegen kämpfen, wo ich kann. Wenn ich an dem, was geschehen, keinen Teil genommen und an dem, was vielleicht geschieht, keinen Teil nehmen werde, so geschieht es weder aus Mißbilligung noch aus Furcht, son­der nur, weil ich im gegenwärtigen Zeit­punkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung betrachte und nicht die Verblendung derer teile, welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sehen. Diese tolle Meinung führte die Frankfurter Vorfälle herbei, und der Irr­tum büßte sich schwer. Irren ist übrigens keine Sünde und die deutsche Indiffe­renz ist wirklich von der Art, daß sie alle Berechnung zu Schanden macht. Ich bedaure die Unglücklichen von Herzen. Sollte keiner von meinen Freunden in die Sache verwickelt sein?(..)&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_3ycycs5&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_3ycycs5&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; „By any means necessary&quot; (mit allen notwendigen Mitteln) meinte Malcolm X eigentlich nicht zur politischen Gewalt im allgemeinen, sondern im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen den Ku-Klux-Klan. Zur pauschalen Bejahung des bewaffneten Kampfes/der politischen Gewalt wurde der Ausspruch erst danach.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_7mxz0rt&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_7mxz0rt&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Dritte Welt ist als Begriff umstritten, weil er eine hierarchische Wertung vornimmt. Ursprünglich aber lehnte sich das in den 50er Jahren zum ersten Mal verwendeten französische Wort „Tiers Monde&quot; an den 3. Stand der Nicht-Adeligen, den „Tiers Etat&quot; im französischen Absolutismus an, der 1789 die Revolution in Frankreich trug. Der Begriff Dritte Welt ist deshalb auch programmatisch zu verstehen: Er beschreibt eine Art internationale Klasse der unterdrückten Schichten und Nationen. Dieses Verständnis war kennzeichnend für den Antiimperialismus der 50er, 60er und 70er Jahre. Die Revolution begann demnach in der 3.Welt und sollte sich von dort aus in den reichen Norden ausbrei­ten. Das meinten auch Baader und Meinhof, als sie von der „2.Demarkationslinie in den Metropolen&quot; schrieben.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Wed, 01 Dec 2010 09:40:07 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Im Rückblick tauchen Indizien auf</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/im-rueckblick-tauchen-indizien-auf</link>
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                    &lt;p&gt;Auf den folgenden Seiten haben wir versucht, Hintergründe zum Fall Bad Kleinen zusammenzutragen. Wesentlich erschien uns vor allem herauszuarbeiten, warum sich ein V-Mann über ein Jahrzehnt in linksradikalen Strukturen halten konnte, ohne daß dies auf-fiel. Diese Fragen haben wir nicht gestellt, um uns voyeuristisch zu entsetzen oder Anklagen gegen vermeintliche „Verantwortliche&quot; zu erheben. Es ging uns vielmehr darum, zu begreifen, wie Klaus Steinmetz seine Spitzeltätigkeit ausübte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit dem §129a kann heute so gut wie jede politische Aktivität illegalisiert werden. Jede noch so friedliche Antifa-Gruppe, die in Auseinandersetzungen mit FaschistInnen verwickelt wird, muß sich mit Repression auseinandersetzen. Bei der Betrachtung der Details läßt sich fragen, ob sich das gleiche im eigenen Umfeld wiederholen könnte. Dabei nützt es nichts Hysterie, zu verbreiten und sich vom Mißtrauen packen zu lassen. Birgit Hogefeld hat recht, wenn sie in ihrem Brief schreibt, daß eine größere Offenheit für neue Menschen immer Gefahren in sich birgt, aber daß diese Offenheit unverzichtbar für jede linke Politik ist. Um in diesem Sinne eine nach vorne weisende Diskussion über die V-Mann Affaire zu ermöglichen, haben wir im Rhein-Main-Gebiet mit P. (langjährige Bekanntschaft von Klaus) geredet. Dies vor allem, weil nach fast 2 Monaten immer noch keine Einzelheiten bekannt sind, außer denen, die in den Massenmedien —zum Teil verfälscht— veröffentlicht wurden. Außer-dem dokumentieren wir noch einmal den 2.Brief von Birgit Hogefeld, in dem sie Klaus Steinmetz als Spitzel entlarvte. Verzichtet haben wir darauf, das Wiesbadener Flugblatt abzudrucken, wo der Briefwechsel zwischen Klaus und FreundInnen nach Bad Kleinen wiedergegeben wurde. Wir glauben, daß der Inhalt inzwischen weitgehend bekannt sein dürfte.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Auf den folgenden Seiten haben wir versucht, Hintergründe zum Fall Bad Kleinen zusammenzutragen. Wesentlich erschien uns vor allem herauszuarbeiten, warum sich ein V-Mann über ein Jahrzehnt in linksradikalen Strukturen halten konnte, ohne daß dies auf-fiel. Diese Fragen haben wir nicht gestellt, um uns voyeuristisch zu entsetzen oder Anklagen gegen vermeintliche „Verantwortliche&quot; zu erheben. Es ging uns vielmehr darum, zu begreifen, wie Klaus Steinmetz seine Spitzeltätigkeit ausübte.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Mit dem §129a kann heute so gut wie jede politische Aktivität illegalisiert werden. Jede noch so friedliche Antifa-Gruppe, die in Auseinandersetzungen mit FaschistInnen verwickelt wird, muß sich mit Repression auseinandersetzen. Bei der Betrachtung der Details läßt sich fragen, ob sich das gleiche im eigenen Umfeld wiederholen könnte. Dabei nützt es nichts Hysterie, zu verbreiten und sich vom Mißtrauen packen zu lassen. Birgit Hogefeld hat recht, wenn sie in ihrem Brief schreibt, daß eine größere Offenheit für neue Menschen immer Gefahren in sich birgt, aber daß diese Offenheit unverzichtbar für jede linke Politik ist. Um in diesem Sinne eine nach vorne weisende Diskussion über die V-Mann Affaire zu ermöglichen, haben wir im Rhein-Main-Gebiet mit P. (langjährige Bekanntschaft von Klaus) geredet. Dies vor allem, weil nach fast 2 Monaten immer noch keine Einzelheiten bekannt sind, außer denen, die in den Massenmedien —zum Teil verfälscht— veröffentlicht wurden. Außer-dem dokumentieren wir noch einmal den 2.Brief von Birgit Hogefeld, in dem sie Klaus Steinmetz als Spitzel entlarvte. Verzichtet haben wir darauf, das Wiesbadener Flugblatt abzudrucken, wo der Briefwechsel zwischen Klaus und FreundInnen nach Bad Kleinen wiedergegeben wurde. Wir glauben, daß der Inhalt inzwischen weitgehend bekannt sein dürfte.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;P. kannte Klaus Steinmetz länger. Wir führten mit P. dieses Interview in der Absicht, den Spitzelfall transparenter zu machen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Redaktion Arranca&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; „Nachher ist man immer schlauer&quot;: Wenn man jetzt im Nachhinein feststellt, wie man Klaus Steinmetz hätte enttarnen können, dann ist das eine ziemlich bequeme Per­spektive. Ich glaube, daß man eigentlich über jeden Menschen einiges sagen könnte, das ihn verdächtig macht. Im Rückblick tau­chen Indizien auf, die vor­her keine waren. Glaubst du, daß es im Fall Klaus Steinmetz wirklich Indi­zien gab, über die man schon damals hätte stut­zen können?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Ich denke, daß es da tatsächlich ein paar Charakteristika gab. Der Klaus Steinmetz war ein Typ, der Konflikten immer aus dem Weg gegangen ist. Man hätte da genaue zwi­schenmenschliche und inhaltliche Auseinander­setzungen führen müssen, man hätte ihm den Frei­raum nicht lassen dürfen, mit seiner Lüge zu leben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Ein gängiges Phäno­men, daß Konflikten aus dem Weg gegangen wird und Auseinandersetzun­gen überhaupt nicht mehr geführt werden.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Das schlimme daran war, daß es nicht irgend­welche zusammengewür­felten Strukturen waren, die ihm diesen Spielraum gegeben haben. Das waren Leute. die sehr lange etwas machen. Dadurch, daß es dort verpaßt wurde, ihn zu Aus­einandersetzungen zu zwingen, konnte so jemand wie Klaus beste­hen. Er war gewisser­maßen für die Bullen der Idealfall von Spitzel. Durch seine auswei­chende Art, konnte er auch seiner Lüge auswei­chen. Mit dem inneren Konflikt, V-Mann zu sein, hat er sich so wenig auseinandergesetzt wie mit sei­nen anderen Konflikten. Das war ja keine Verstellung, es war ja tatsächlich seine eigene Art, mit der er in der Szene lebte. Nur wer in der Lage ist, so auszuweichen und zu verdrängen wie Klaus Steinmetz, konnte diese Auf­gabe übernehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Was gab es da noch an Indizien, hat nicht Klaus Steinmetz selbst einmal erzählt, er sei vorn Verfas­sungsschutz angesprochen worden...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Der Fall war ein bißchen anders. Klaus Steinmetz hat bei einem Treffen 1985 zum Thema Ansprechversuche vorn Verfassungsschutz geäußert, daß er sich zum Schein anwerben lassen würde. Diese Information gelangte aber nicht an die Leute, mit denen er später zusammenarbeitete. Das waren andere Zusammen­hänge, mit denen es damals keinen Kontakt gab und die heute auch gar nicht mehr bestehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Waren das damit Deiner Ansicht nach Strukturpro- Herne? Die Szene ist unkontinuierlich organisiert, eine Informationsweitergabe ist meistens zufällig...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Ja, wahrscheinlich. Aber die andere Seite ist, daß diese Sachen zum Teil 10 Jahre zurücklagen. Es gab einen Fall 1983, noch aus seiner Zeit in Kaiserslautern, als vier Leute wegen dem §129a zu zwei Jahren Haft verurteilt wurden. Klaus Steinmetz war der einzige, der darauf bestand, ohne Anwalt zur Verhörung zu gehen. Wie Leute berichten, die ihn dort begleiteten, blieb er über Stunden heim Staatsanwalt. Es war also klar, daß er Aussa­gen gemacht hatte, aber was, ließ sich nicht herauskriegen. Zumindest dieser Fall hätte von Kaiserslautern in die Strukturen nach Wiesbaden getragen werden müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Wann wurde das bekannt? &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Erst jetzt, im Zusammen­hang mit den Recherchen, die nur im Nachhinein angestellt wurden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Andererseits kann es die berechtigte Befürchtung geben, daß man zu viel Mißtrauen schürt, wenn man solche Informationen in andere Städte getragen wer­den. Das kommt einem Ruf­mord gleich...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Ich finde es trotzdem ver­wunderlich, wenn darüber kein Wort verloren wurde. Zudem gab es 1983 noch einen anderen Fall in Kaiserslautern. In einer Asta-Gruppe an der Univer­sität erklärte Klaus Stein­metz, daß er eine Verfassungsschutz- Wohnung kenne, und daß man diese ausspionieren solle. Er schlug vor, die Leute zu fotografieren, die dort ein und aus gingen. Die Gruppe lehnte das ab und Klaus versuchte es im Alleingang. Dabei wurde er erwischt, aber der VS ver­langte nach Klaus Aussage nichts weiteres, als ihm den Film abzunehmen. Damit sei der Fall für ihn erledigt gewe­sen. Zumindest ist es ein Hin­weis, daß er direkt mit dem VS zu tun hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Trotzdem ist es überhaupt nicht möglich, zu sagen, zu welchem Zeitpunkt Klaus Steinmetz ein Spitzel wurde. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Nein, für uns nicht. Aber wir denken, daß es auch eine allmähliche Verwicklung gegeben haben kann. Daß er zunächst wirklich glaubte, er könne den VS an der Leine führen, und mit der Zeit immer stärker vom VS unter Druck gesetzt wurde. Der Zeitpunkt jedoch ist reine Spekulation. Wir können Leute von damals fragen, aber was denen einfällt, sind dann auch immer nur Geschichten, die —wie Ihr schon gesagt habt— im Nachhinein auffälli­ger wirken, als im Augen­blick, in dem sie geschehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Frage: Warum könnte er zum V- Mann geworden sein?&lt;br /&gt; Antwort: Zum Teil war er ja wirklich ein Zocker, wie es aufreißerisch im Spiegel hieß. Allen war klar, daß er den Nerven­kitzel gesucht hat. Vielleicht hat er sich aus Abenteuerlust darauf eingelassen, und wurde dann vorn VS immer enger rangenommen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Geld war anscheinend kein Motiv. 1987 wurde Steinmetz hei einem Bruch verhaftet und kam ins Gefängnis. Er mußte davon abhängig gewe­sen sein, sich auf anderem Wege Geld zu besorgen.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Er hatte die ganze Zeit Geld gehabt, aber nie über­mäßig viel, er jobbte die ganze Zeit. Ah und zu machte er „Schnäppchen&quot;, um die er beneidet wurde. Es gab in dieser Hinsicht nichts Auffälliges. Geld kann es nicht gewesen sein. Wahrscheinlich war der Bruch ein Mittel, um ihn stär­ker ranzunehmen. Klaus Steinmetz wurde erwischt und kam ziemlich schnell wieder heraus.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;In den ersten beiden Instanzen wurde er zu 18 bzw. 15 Monaten ohne Bewährung verurteilt, in der dritten schließlich kam er auf Bewährung raus...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Ja genau. Das ist ein Anzeichen dafür, daß es einen Deal gab. Das Gericht ließ ihn laufen und Klaus Steinmetz kollaborierte im Gegenzug dafür enger mit dem Verfassungsschutz.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Aber es muß doch noch ein härteres Druckmittel gegeben haben. Wer verrät wegen eineinhalb Jahren Gefängnis seine FreundInnen? &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Zumal es keine eineinhalb Jahr geworden wären. Im Normalfall wäre er nach einem Jahr draußen gewesen. Ich kann mir auch nicht den­ken, daß es das gewesen ist. Ich glaube auch nicht, daß seine einzige Motivation für alle seine politischen Aktivitä­ten die V-Mann-Tätigkeit war. Es ist unklar, was er aus Spit­zelinteresse gemacht hat und was weil es ihn wirklich inter­essierte.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Du hast gesagt, daß es relativ kennzeichnend für ihn war, von einer Sache zur nächsten zu springen.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;In festen politischen Gruppen hat er eigentlich nur Sta­tistenrollen gespielt. Er war da kein aktiver Teil, der Initiative übernommen hätte oder inhaltlich etwas voran­gebracht hätte. Ansonsten hat er politisch sehr unkontinu­ierlich gearbeitet.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Und woher kam dann das Vertrauen, das ihm entgegen­gebracht wurde? Nur weil er lange dabei war?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Ja, und aus zwi­schenmenschlichen Entwick­lungen. Viele Leute haben ihn gemocht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; In Wiesbaden wurde rela­tiv lange bei der Behauptung gezögert, Klaus Steinmetz sei ein Spitzel. Die Version tauchte in den Medien bereits ein oder zwei Tage nach Bad Kleinen auf, in Wiesbaden gab es dagegen noch am 15.7., also 2 Wochen später, einen Brief von FreundInnen, die ihren Zweifel in beide Richtungen ausdrückten. Das fand ich nicht schlecht, daß so lange versucht wurde, Türen offenzuhalten, nicht gleich zu sagen, „egal ob du vorher oder nachher kollabo­riert hast, du bist ein Verrä­ter&quot;. Ab wann war es dann eigentlich auch in Wiesbaden klar, daß Steinmetz V-Mann ist?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Das war der Moment, wo Birgit Hogefeld aus dem Knast durchblicken ließ, daß Klaus Steinmetz gefesselt auf dem Boden gelegen hatte. Seine eigene Version war in mehreren Briefen, daß sie ihn nicht erwischt hatten und daß er im Chaos verschwinden konnte. Das klang schon ziemlich wenig glaubwürdig, aber als sich seine Version endgültig als Lüge entpuppte, war die Sache klar.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Nach der Veröffentlichung aus Wiesbaden gab es nach Bad Kleinen ein Treffen einer Person mit Klaus Steinmetz. Der Eindruck dort war, daß er völlig fertig ist. Klaus Stein­metz hatte keine doppelte Identität, keine zweite Lebensgeschichte wie einge­schleuste V-Leute der Polizei. Er war ein Mensch aus der Szene, der seine Freundschaf­ten, seine Beziehungen, alle seine sozialen Kontakte dort hatte. D.h. er steht jetzt völlig allein da...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;So weit man ihm glauben darf, was er selbst in Telefon­gesprächen, in Briefen oder eben auf dem Treffen gesagt hat, scheint es keine Show zu sein. Bei uns gibt es unter­schiedliche Einschätzungen darüber, aber ich glaube, daß er die Realität noch nicht fas­sen kann, daß er selbst nicht begreift, was er gemacht hat. Diese Sachen waren ihm vor­her wahrscheinlich nicht klar. Erst jetzt merkt er die Dimen­sionen der Geschichte, erst jetzt stellt er fest, daß er von seinem Lebenszusammen­hang abgeschnitten ist.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Klaus Steinmetz ist völlig in den Händen des Verfassungs­schutzes. Klar ist, daß die Bundesanwaltschaft versu­chen wird, ihn in dieser Situa­tion als Kronzeugen zu stra­pazieren...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Was in der Presse schon angedeutet wird, ist die Frage, über wen der V-Mann an die RAF herangeführt wurde Es ist davon auszuge­hen, daß Konstruktionen, in denen von einer &quot;legalen RAF&quot; ausgegangen wird, —also von Leuten, die laut Bundesanwaltschaft zur RAF gehören, aber eben legal leben—, jetzt mit Aussagen von Klaus Steinmetz belegt werden sollen. Die Repres­sion wird sich also vor allem gegen diejenigen richten, von denen Klaus Steinmetz bzw. die Bundesanwaltschaft behauptet, sie seien sein Kon­takt zur RAF gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Wie ist eigentlich die Stim­mung seit Bad Kleinen? Für viele war Klaus Steinmetz immerhin ein langjähriger Freund. Du hast auch erzählt, daß ihm manche Leute wirklich nah waren.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Das sind schon persönli­che Katastrophen, die sich jetzt ereignen. Es gibt bei vie­len das Gefühl, mißbraucht worden zu sein, daß ihnen ein Stück ihres Lebens geklaut worden ist. Vor allen für diejenigen, die eine Bezie­hung mit ihm hatten, ist es natürlich ein Hammer.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; In der ersten Aufarbeitung aus Wiesbaden heißt es, es sei ein Fehler gewesen, Klaus Steinmetz auch nach Bad Kleinen in einem Brief noch einmal die Hand auszu­strecken. (Ich fand das eigentlich sehr verantwor­tungsvoll).&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Es war sicherlich richtig, den Medien nicht alles zu glauben und zu versuchen, einen kühlen Kopf zu bewah­ren. Aber spätestens seitdem bekannt wurde, daß er in der Unterführung gefesselt am Boden gelegen hatte, mußte alles klar sein. In Wiesbaden dagegen haben viele die Vor­stellung, Klaus Steinmetz sei ein Spitzel, nicht wahr haben wollen. Sie haben immer wie­der nach Argumenten gesucht, um das widerlegen zu können. Das hatte sicher­lich mit dem zu tun, was wir gerade gesagt haben, daß er nämlich zahlreiche Freund­schaften hatte. Aber jetzt, ist klar, daß es viele zu lange nicht wahrhaben wollten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Warum gab es sonst keine Stellungnahmen aus Wiesba­den? Über mehrere Wochen war außer diesem Brief nichts zu hören...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Es gab keine gesicherten Informationen, sondern Ver­unsicherung und natürlich die Absicht, vorsichtig mit Vor­würfen umzugehen. In dieser Situation, voller Zweifel und Spekulationen, kamen immer wieder Anrufe oder Briefe von Steinmetz, die zusätzlich verwirrten. Es ist auffällig, daß sich Steinmetz immer wieder, wenn die Stimmung in Wiesbaden besonders stark von Zweifeln bestimmt war, meldete. Es scheint der Ver­fassungsschutz hatte die Dis­kussionen mitverfolgt. Seine Briefe und Anrufe wurden genau so plaziert, um die Verwirrung zu vergrößern.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Gab es bei der Öffentlich­keitsarbeit nicht noch andere, gröbere Fehler? Es wurde z.B. versäumt, nach der endgülti­gen Enttarnung von Steinmetz seine Aktivitäten offenzule­gen. Immerhin beging der vom Verfassungsschutz gedeckte V-Mann selbst Straftaten und forderte auch immer wieder Bekannte zu solchen auf. Der Einbruch 1987 ist ja nicht das einzige, was Klaus Steinmetz gemacht hat bzw. machen wollte. Diese Tatsache, daß im SPD- regierten Rheinland-Pfalz V- Leute als agents provocateurs eingesetzt werden, hätte man stärker thematisieren müssen. Immerhin ist das nach wie vor illegal. Kurzum —die Öffentlichkeitsarbeit hätte offensiver sein können.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Es hätte die Möglichkeit gegeben, die schmutzige Arbeit des Verfassungsschutzes stärker zum Thema zu machen. Ich sehe das auch so. Z.B. gab es Mitte der 80er eine Durchsuchung wegen der Zerstörung des „Institut francais&quot;, im Zusammenhang mit dem Hungerstreik der Action Directe in Frankreich. Bei der Durchsuchung wurde zwischen Helmen usw. auch ein Bußgeldschein gegen Klaus Steinmetz gefunden. Trotzdem wurde nicht weiter ermittelt. D.h. der Verfas­sungsschutz deckte und ani­mierte die Straftaten von Steinmetz.&lt;br /&gt; Es gab sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie jetzt in der Öffentlichkeit vor­zugehen sei. Für mich ist das auch nicht verständlich, warum nicht stärker in die Offensive gegangen wurde.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 30 Nov 2010 10:40:39 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Zur Enttarnung von Klaus Steinmetz</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/zur-enttarnung-von-klaus-steinmetz</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Auf den folgenden Seiten haben wir versucht, Hintergründe zum Fall Bad Kleinen zusammenzutragen. Wesent­lich erschien uns vor allem herauszuar­beiten, warum sich ein V-Mann über ein Jahrzehnt in linksradikalen Struktu­ren halten konnte, ohne daß dies auf­fiel. Diese Fragen haben wir nicht gestellt, um uns voyeuristisch zu entset­zen oder Anklagen gegen vermeintli­che „Verantwortliche&quot; zu erheben. Es ging uns vielmehr darum, zu begrei­fen, wie Klaus Steinmetz seine Spitzeltätigkeit ausübte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit dem §129a kann heute so gut wie jede politische Aktivität illegalisiert werden. Jede noch so friedliche Antifa-Gruppe, die in Auseinanderset­zungen mit FaschistInnen verwickelt wird, muß sich mit Repression ausein­andersetzen. Bei der Betrachtung der Details läßt sich fragen, ob sich das gleiche im eigenen Umfeld wiederho­len könnte. Dabei nützt es nichts Hysterie, zu verbreiten und sich vom Mißtrauen packen zu lassen. Birgit Hogefeld hat recht, wenn sie in ihrem Brief schreibt, daß eine größere Offen­heit für neue Menschen immer Gefah­ren in sich birgt, aber daß diese Offenheit unverzichtbar für jede linke Politik ist. Um in diesem Sinne eine nach vorne weisende Diskussion über die V-Mann Affaire zu ermöglichen, haben wir im Rhein-Main-Gebiet mit P. (langjährige Bekanntschaft von Klaus) geredet. Dies vor allem, weil nach fast 2 Monaten immer noch keine Einzel­heiten bekannt sind, außer denen, die in den Massenmedien —zum Teil ver­fälscht— veröffentlicht wurden. Außer­dem dokumentieren wir noch einmal den 2.Brief von Birgit Hogefeld, in dem sie Klaus Steinmetz als Spitzel entlarvte. Verzichtet haben wir darauf, das Wiesbadener Flugblatt abzu­drucken, wo der Briefwechsel zwi­schen Klaus und Freundinnen nach Bad Kleinen wiedergegeben wurde. Wir glauben, daß der Inhalt inzwi­schen weitgehend bekannt sein dürfte.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Auf den folgenden Seiten haben wir versucht, Hintergründe zum Fall Bad Kleinen zusammenzutragen. Wesent­lich erschien uns vor allem herauszuar­beiten, warum sich ein V-Mann über ein Jahrzehnt in linksradikalen Struktu­ren halten konnte, ohne daß dies auf­fiel. Diese Fragen haben wir nicht gestellt, um uns voyeuristisch zu entset­zen oder Anklagen gegen vermeintli­che „Verantwortliche&quot; zu erheben. Es ging uns vielmehr darum, zu begrei­fen, wie Klaus Steinmetz seine Spitzeltätigkeit ausübte.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Mit dem §129a kann heute so gut wie jede politische Aktivität illegalisiert werden. Jede noch so friedliche Antifa-Gruppe, die in Auseinanderset­zungen mit FaschistInnen verwickelt wird, muß sich mit Repression ausein­andersetzen. Bei der Betrachtung der Details läßt sich fragen, ob sich das gleiche im eigenen Umfeld wiederho­len könnte. Dabei nützt es nichts Hysterie, zu verbreiten und sich vom Mißtrauen packen zu lassen. Birgit Hogefeld hat recht, wenn sie in ihrem Brief schreibt, daß eine größere Offen­heit für neue Menschen immer Gefah­ren in sich birgt, aber daß diese Offenheit unverzichtbar für jede linke Politik ist. Um in diesem Sinne eine nach vorne weisende Diskussion über die V-Mann Affaire zu ermöglichen, haben wir im Rhein-Main-Gebiet mit P. (langjährige Bekanntschaft von Klaus) geredet. Dies vor allem, weil nach fast 2 Monaten immer noch keine Einzel­heiten bekannt sind, außer denen, die in den Massenmedien —zum Teil ver­fälscht— veröffentlicht wurden. Außer­dem dokumentieren wir noch einmal den 2.Brief von Birgit Hogefeld, in dem sie Klaus Steinmetz als Spitzel entlarvte. Verzichtet haben wir darauf, das Wiesbadener Flugblatt abzu­drucken, wo der Briefwechsel zwi­schen Klaus und Freundinnen nach Bad Kleinen wiedergegeben wurde. Wir glauben, daß der Inhalt inzwi­schen weitgehend bekannt sein dürfte.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Redaktion Arranca&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Klaus Steinmetz ist ein Polizeispitzel, er hat die Geheimdienste auf  unsere Spur gebracht und damit den Einsatz dieser Killertruppe in Bad  Kleinen möglich gemacht. Ohne seine Spitzeldienste würde Wolfgang heute  noch leben und wir wären beide in Freiheit.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Mit der Entscheidung der RAF, der Gefangenen und  Teilen der revolutionären Widerstandsbewegung Ende der 80er Jahre für  eine politische Öffnung zu allen fortschrittlichen Tei­len der  Gesellschaft hin war eine Gefahr verbun­den, die uns allen bewußt war.  Ich kann mich an viele Gespräche in unter­schiedlichsten Zusammen­hängen  erinnern, wo wir darüber geredet haben, daß der angepeilte Neuaufbau  einer breiten Bewegung für die Umwäl­zung der menschenfeind­lichen  Lebensbedingun­gen hier und weltweit, der Gegenseite ganz neue  Möglichkeiten für den Einsatz von V-Leuten oder sonstigen Spitzeln  bietet und natürlich, du kannst nicht einerseits sagen, daß du offen auf  die verschie­densten Menschen und Gruppen zugehen willst, um  rauszufinden, was zusammen möglich ist für den Aufbau einer &quot;Gegenmacht  von unten&quot;, und gleichzeitig jedem Men­schen, den du neu ken­nenlernst,  zuallererst mit Mißtrauen begegnen. Trotzdem war in diesen Gesprächen  das Ergebnis immer dasselbe, nämlich daß es bei menschlicher Nähe,  Intensität und Genauigkeit in Beziehun­gen unter denen, die sich für  diesen Kampf zusam­menfinden, möglich sein muß, sich gegenseitig so gut  kennenzulernen und andere in ihrer ganzen Komplexität, also auch in  ihrer Widersprüchlichkeit zu verstehen, daß man der oder dem anderen mit  absoluter Sicherheit ver­trauen kann.&lt;br /&gt; Und trotz der wirklich  bitteren Erfahrung mit Klaus Steinmetz, die zu Wolfgangs Ermordung und  meiner Verhaftung geführt hat, bin ich auch in den letzten Wochen davon  nicht abgekom­men: Vertrauen zwischen Menschen ist möglich. Es kann  überall da wachsen, wo Menschen das für ihr gemeinsames Leben wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Was ist bei der Verbin­dung zu uns in der Illegalität  mit Klaus Steinmetz falsch gelaufen, wo liegen die Ungenauigkeiten und  Fehler, die zu der schlim­men Fehleinschätzung über ihn geführt haben?  Die Voraussetzung, nach der der Kontakt mit Klaus Steinmetz zustande  kam, war, daß GenossInnen (denen ich mich auch heute verbunden fühle)  für ihn &quot;die Hand ins Feuer legen&quot; wollten, sie fühlten sich also  sicher, ihm vertrauen zu können. An diese GenossInnen habe ich jetzt  natürlich viele Fragen, die meisten davon werden sie sich sicher selbst  stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ich hatte mich am Don­nerstag (24.6.) nachmit­tags mit  Klaus Steinmetz in Bad Kleinen getroffen, danach sind wir zusam­men nach  Wismar gefah­ren, um uns um eine Übernachtungsmöglichkeit zu kümmern.  In den Medien kam: ich hätte in den Tagen davor öfter mit Klaus  Steinmetz telefoniert und ihn auch zu Hause angerufen, um mit ihm über  Weiterstadt zu reden - das ist alles erfundener Unsinn. Wir hatten uns  im April mit Klaus Steinmetz getroffen und damals das Treffen in Bad  Kleinen ver­einbart. Am Donnerstag war die Stimmung fast von Anfang an  ziemlich gespannt. Klaus Steinmetz war offensichtlich zum ersten Mal in  der Ex- DDR und er hatte an allem was auszusetzen. Er hat alles an  West-Maßstäben gemessen und selbst die Schließfächer vorn Bahnhof waren  ihm zu klapprig. Den Menschen, mit denen wir zu tun hatten, ist er zum  Teil mit Überheblichkeit begegnet. Ich habe ihn gefragt. warum er das so  macht, alles mit diesem Blick anzuschauen und warum ihn überhaupt  nichts interessiert, was hier los ist und wie die Leute sind. Er sagte  natürlich dann, daß ihn das alles inter­essiert. Ich habe angefangen,  ihm zu erzählen. daß ich z.B. 1990/91 mit jemand einfach ziellos in der  Ex-DDR rumge­rannt bin, weil das in der Zeit dort normal war, und eine  gute Möglichkeit, mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch zu  kommen. Ich fand das damals sehr span­nend und interessant, denn die  meisten Menschen waren anderen gegenüber noch auf­geschlossen, haben  über sich und ihre Situation geredet und wollten was über das Leben im  Westen wissen. Heute trifft man diese Offen­heit nur noch sehr selten  an, eigentlich vor allem noch bei ziemlich alten Leuten. Das Gespräch  mit Klaus Steinmetz ging daran aber nicht weiter, ich habe es  abgebrochen, weil ich gemerkt habe, daß es ihm völlig gleichgültig ist,  was ich erzähle und denke.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Bei dem vorherigen Treffen mit ihm hatten wir vor allem  zum Ende hin das Gefühl, daß er jeder inhaltlichen Dis­kussion  ausweicht, und daß er froh ist, wenn die äußeren Bedingungen ein  politisches Gespräch nicht zulassen. Ich hatte ihn am Freitag auf  die­sen Eindruck von uns ange­sprochen und auf eine gemeinsame  Diskussion über die Fehler der KPD in den 20er Jahren, bei der wir sehr  unterschiedliche Positionen hatten - an beides konnte er sich angeblich  nicht mehr erinnern. Ich war ziemlich ratlos. Überhaupt kam am Freitag  jedes Gespräch nur auf meine Initiative hin zustande, von ihm gingen  keine eigenen Überlegungen aus und er hat mir öfter gesagt, daß andere  GenossInnen inhaltliche Diskussionen verhindern, die er für drin­gend  notwendig hält.&lt;br /&gt; Mit mir hat er eine solche Diskussion jedenfalls nicht angefangen und auch keinen Gedanken von mir aufgegriffen.&lt;br /&gt; Nach eineinhalb Tagen hatte ich ein stark distanziertes Gefühl zu Klaus Steinmetz und das hatte noch einen anderen Grund.&lt;br /&gt; Am Donnerstag liefen ja in vielen europäischen Ländern die  Besetzungsaktionen der kurdischen Genossen. um den eskalierten Krieg  gegen ihr Volk zu stoppen. Die Reaktionen von Klaus Stein­metz auf diese  Initiative waren ziemlich exakt die Reaktionen rechter Zeitungen und  des Kommentators des Bayerischen Rundfunks in dem Stil &amp;gt;Sinnlose  Kami­kaze&amp;lt;, sie verspielen ihre Sympathie, jetzt werden sie natürlich  verboten und ausge­wiesen - ich war ziemlich wütend, weil seine ganze  Haltung total distanziert und unsolidarisch war. Außerdem hat&#039;s mir noch  mal gezeigt, daß er überhaupt keinen Begriff der politischen  Situa­tion, in der wir uns alle heute bewegen und Initiativen bestimmen  müssen, hat. Er hat überhaupt nicht verstan­den, daß die kurdischen  GenossInnen wenige Alterna­tiven zu diesen Besetzungen gehabt haben, um  hier breite Öffentlichkeit und politischen Druck gegen diesen  Völker­mord herzustellen. Ich fand es konsequent und richtig, daß sie  sich dabei gegen eine militärische Eskalation und für diese Besetzungen  ent­schieden haben, sie haben alle dafür viel gegeben, ihre Freiheit.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Am Freitag abend hatte ich mir überlegt, daß ich so mit  Klaus Steinmetz nicht weiter­machen kann, immer wieder fange ich  Gespräche mit ihm an und habe dabei Gefühl, es interessiert und betrifft  ihn überhaupt nicht. Die Folge davon war, daß wir den ganz Samstag über  sehr wenig mit­einander geredet haben.&lt;br /&gt; Ich habe jetzt natürlich die  Frage an GenossInnen, vor allem in Wiesbaden, die ihn lange kannten, ob  sie ganz andere Erfahrungen mit Klaus Steinmetz gemacht haben als die,  die ich hier kurz geschil­dert habe. Sicher, das Treffen mit uns in Bad  Kleinen war auch für ihn nicht die Normalität. Er hat ja die ganze Zeit  über gewußt, daß er Wolfgang und mich den Mördern ausliefert, also, wie  war das für Euch mit ihm? Worauf basiert Euer Vertrauen, wenn Ihr ihn  noch am 9.7.1993 in einem Infola­den-Flugblatt vor angeblicher  Denunziation schützen wollt? &lt;br /&gt; Ist eigentlich seine ganze  Rahmengeschichte wahr? Der Bauernhof der Eltern in der Pfalz? Der  Selbstmord des Vaters? Seit wann hat er seine Spitzeldienste geleistet -  hat das schon während seiner Zeit in Kaiserslautern ange­fangen? War er  durch die dro­hende Haftstrafe bei dem Ein­bruch weiter erpreßbar  geworden, sein Spitzellohn die Umwandlung des Urteils in Bewährung? Oder  hat er tatsächlich nur das Geld gewollt?&lt;br /&gt; Ich finde, es liegt ganz  ent­scheidend bei Euch die Feh­ler, die zu Klaus Steinmetz gelaufen  sind, so aufzuarbei­ten und öffentlich zu machen, daß es mit den übrigen  Geheimdienstspitzeln. die in linken Zusammenhängen Fuß fassen konnten -  ich gehe davon aus, daß es sie gibt - nicht zu weiteren schmerzhaf­ten  Erfahrungen kommen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Als nach diesem Sonntag in Bad Kleinen der erste  Ver­dacht aufkam. daß Klaus Steinmetz uns verraten hat, ist mir rein  gefühlsmäßig nichts zu ihm eingefallen, was für mich Verrat  ausgeschlossen hätte - das geht mir zu ande­ren Menschen, die ich kenne  und zu allen, die ich besser kenne, anders. Gegen den Verdacht, daß  Klaus Stein­metz uns verraten hat, hat für mich in erster Linie  gespro­chen, daß mir aus der Sicht polizeitaktischer Überlegung keine  Begründung für einen Zugriff zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort  eingefal­len ist - aber da habe ich sie zum Glück überschätzt. Es muß so  gewesen sein, daß hei BKA (Bundeskriminal­amt), BAW  (Bundesanwalt­schaft) usw. am Donnerstag große Enttäuschung darüber  geherrscht hat, daß ich allein zu dem Treffen gekommen war, das war  nicht unbedingt üblich. Ich vermute, daß Klaus Steinmetz sie am  Don­nerstag oder Freitag darüber informiert hat, daß Wolfgang am Sonntag  kommen wird; falls meine Verhaftung zu einem früheren Zeitpunkt  (Freitag/ Samstag) geplant war, dann ist sie aus diesem Grund verschoben  worden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der Ablauf am Sonntag vor Wolfgangs Erschießung und  meiner Verhaftung war fol­gender: wir waren zu dritt in dieser  Bahnhofskneipe und wir haben diese Kneipe gegen 15.15 Uhr alle drei  zusammen verlassen und sind nebeneinander Richtung Unterführung und die  Treppe runter gegangen. Ich hin dabei ganz links gewesen, wer in der  Mitte war und wer rechts, weiß ich nicht mehr. Als wir unten in der  Unter­führung angekommen waren und nach rechts Richtung Ausgang gebogen  sind, hat mich ziemlich sofort dieser Bulle angesprungen - das habe ich  ja schon gesagt. Klaus Steinmetz ist fast zeit­gleich (also Sekunden  später) einige Meter weiter „festge­nommen“ worden. Er lag in derselben  Haltung wie ich flach auf dem Boden, hinter ihm stand ein Typ mit einer  Pistole im Anschlag, die auf Klaus Steinmetz gerichtet war. Ich habe ihn  die ganze Zeit, bis mir diese schwarze Kapuze über den Kopf gezo­gen  worden ist, dort in ca. 15 Meter Entfernung von mir gesehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Daß der Verfassungsschutz ihn jetzt diese  Lügenkonstruk­tion hat schreiben lassen, um ihn wieder in seine alte  Spit­zelposition zu hieven, fand ich schon dreist.&lt;br /&gt; Aber entsetzt hat  mich die Reaktion der Leute vom Wies­badener Komitee auf diesen Brief.  Es muß so sein, daß Ihr das nicht merkt, aber Ihr seid mitten dabei,  dieselben Feh­ler, die dazu geführt haben, daß dieser Spitzel uns  auslie­fern konnte, zu wiederholen. Wie könnt Ihr heute nach allem, was  passiert ist, die Frage, ob Ihr in Klaus Stein­metz den Freund und  Genos­sen, oder ob Ihr in ihm den Spitzel und Handlager der Mörder seht,  davon abhängig machen, ob er „konkret erklären (kann), wie er dort  weggekommen ist&quot;? (so jedenfalls habe ich das in der Zeitung gelesen).  Und wenn er das „erklären“ könnte und wenn ich das Gegenteil nicht  gesehen hätte, was wäre dann?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es war vorauszusehen, und es kommt sehr massiv in den  Medien &quot;erstmals V-Mann in der Kommandoebene der RAF&quot;,&quot;V-Mann an der  Spren­gung in Weiterstadt beteiligt&quot; und ähnliches - daß das nicht  stimmt, weiß ich genau. Mit der Behauptung Klaus Stein­metz sei an der  Sprengung dieses Knastes beteiligt gewe­sen, soll zum x-ten Mal die  Kriminalisierung von GenossInnen, die in legalen Zusam­menhingen leben,  vorbereitet werden. Es gibt seit Jahren immer wieder Erklärungen gegen  diese Kriminalisie­rungslügen, in denen die RAF schreibt, wie sie  organisiert ist. Aber klar, die BAW pro­biert es immer wieder.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ich selber habe lange in der Illegalität gelebt und kann  sagen, daß einer wie der Klaus Steinmetz, den ich getroffen haben,  niemals in die Lebenszusammenhänge dort eingeschleust werden kann. Mir  liegt nichts daran, die Beziehungen, die ich in dieser Zeit gelebt und  ken­nengelernt habe, zu idealisie­ren - manche Beziehungen sind sehr  nahe und intensiv, zu anderen GenossInnen gibt es diese besondere Nähe  und Wärme nicht - es ist so unterschiedlich, wie das die mei­sten aus  ihren eigenen Lebenszusammenhängen ken­nen werden. Aber es gibt doch  immer wieder Momente, wo du alles über jede und jeden weißt, ich meine  damit die Grundeinstellung zum Leben, die Träume, Ängste, Hoffnungen.&lt;br /&gt; Darüber hinaus entsteht unter diesen speziellen Lebensbedingungen  zwischen allen eine besondere Verbun­denheit, die daraus kommt, daß jede  und jeder die Ent­scheidung getroffen hat, die anderen unter allen  Umstän­den zu schützen, selbst wenn das mit dem eigenen Leben bezahlt  werden muß. In Bezug darauf besteht gren­zenloses gegenseitiges  Ver­trauen; du legst, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu  zögern, dein Leben in die Hände deiner GenossInnen und du bist Dir  jederzeit sicher, daß es dort gut aufgehoben ist. Das zu wissen und zu  fühlen, war mir immer sehr wertvoll.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Jetzt kurz zu meiner eigenen Biographie:&lt;br /&gt; zu dem, was  mich vor vielen Jahren erschüttert und betrof­fen gemacht hat und  meinen Lebensweg mit beeinflußt hat, gehören auf jeden Fall der Bericht  eines vietnamesischen Gefangenen über die Folter in dem Gefangenenlager  Poulo Condor- und die letzten Noti­zen des sterbenden Siegfried Hausner  (Siegfried war schwerstverletzt nach Stamm­heim gebracht worden, er  wollte mit einem Rechtsan­walt sprechen und sie müssen ihn immer wieder  gezwungen haben, Namen und Adressen von Anwälten aufzuschrei­ben. Er hat  es mehrmals gemacht, und seine Schrift wird immer zittriger -  ver­schwimmt - Siegfried muß kurz darauf gestorben sein.) Es war für  mich beruhigend zu erfahren, daß Wolfgang nach dem Kopfschuß nicht noch  mal bei Bewußtsein gewesen ist, so konnten sie ihn nicht mehr quälen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Irmgard Möller ist jetzt im 22.Jahr ihrer Haft, Ali  Jansen wird trotz schweren Asthmas nicht freigelassen, die neue  Prozeß-Welle soll gegen viele GenossInnen lebenslange Gefangenschaft  zementieren, ich bin selber in Totalisola­tion.&lt;br /&gt; In der  Unmenschlichkeit und Brutalität dieses Staates gegen die politischen  Gefan­genen habe ich immer eine besondere Schärfe der allge­meinen  Entwürdigung und Verachtung gesehen, die sich hier gegen die Menschen  richtet, und ich konnte daran den Charakter dieses Systems, seinen  unbedingten Vernich­tungswillen gegen alle, die ihm feindlich  gegenüberste­hen, früh erfassen und begreifen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der Tod von Holger Meins - ich war damals 17 Jahre alt -  war ein tiefgreifender Einschnitt in meinem Leben und hat meine  Richtung mitbestimmt - genauso wie heute der Tod von Wolfgang und die  Umstände seiner Tötung im weiteren Leben einiger junger Menschen eine  Rolle spielen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„WIR FÜHREN IN VIELEN SPRA­CHEN DEN GLEICHEN HARTEN,  ERBARMUNGSLOSEN UND OPFER­REICHEN KAMPF UND DIESER KAMPF IST NOCH NICHT  ZU ENDE. DIE VERNICHTUNG DES NAZISMUS UND SEINER WURZELN IST UNSERE  LOSUNG. DER AUF­BAU EINER NEUEN WELT DES FRIEDENS UND FREIHEIT IST UNSER  ZIEL.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das ist der Anfang des Schwurs der KZ-Häftlinge von  Buchenwald - in dieser Tradi­tion habe ich mich, meine  Lebensentscheidung und unseren Kampf immer gese­hen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 30 Nov 2010 09:56:31 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>„Die Gleichgültigkeit zurückdrängen“</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/die-gleichgueltigkeit-zurueckdraengen</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Interview mit Renato Curcio, dem historischen Kopf der Roten Brigaden.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Wie schätzt du das Italien ein, das du jetzt draußen vorgefunden hast?&lt;br /&gt; CURCIO: Ich kann mir kein vollständiges Urteil erlau­ben, ich kann nur mein Zusammentreffen mit dem Bestehenden beschrei­ben. Ich bin ja „Freigänger&quot;(siehe Biographie am Ende des Artikels) und habe dadurch eine Reihe von Beschränkungen in meiner Bewegungsfrei­heit.&lt;br /&gt; Durch die Arbeit in unserer Verlagskoopera­tive habe ich viele junge Leute aus verschiedenen Stadtteilen kennengelernt, die mir von ihren Aktivitä­ten, Analysen, Kommuni­kationsmitteln, von ihrer Art Kultur in der italieni­schen Gesellschaft erzählt haben. Ich habe einige selbstaufgebaute Gruppen kennengelernt, die Rap und Graffiti machen, und ich habe auf einem Tref­fen im Frühjahr auch die Kreise erlebt, in denen sie versuchen , mit Musik, Gesang, Video ihre politi­sche und kulturelle Bot­schaft hineinzutragen.&lt;br /&gt; Wir haben zusammen ein Video über die Pro­bleme des politischen Strafvollzuges und einiger politischer Gefangener- wie Prospero Gallinari, der sehr herzkrank ist, gedreht. Mir schien es, Jugendliche getroffen zu haben, die sehr aufmerk­sam beobachten, was vor sich geht, die sehr intelli­gent sind und die Pro­bleme der italienischen Gesellschaft erkennen. Heute morgen z.B. habe ich mich mit Jugendlichen aus dem Centro Sociale Forte Prenestino getroffen, die mir von den Proble­men der Immigranten in ihrem Viertel erzählten, z.B. von den Schwierigkei­ten der Nomadenkinder in Schulen. Sie haben auch von den Schwierigkeiten berichtet, über eine Dis­kussion hinaus zu einer produktiven Beziehung mit diesen Leuten zu kommen.&lt;br /&gt; Das alles scheint mir ein großes Lebenszeichen der italienischen Gesellschaft. Ich muß dir sagen, ich fand ein aktives Italien vor, sehr interessiert an dem, was vor sich geht. Ich sehe die Situation nicht so pessimistisch, wie sie von bestimmten Intel­lektuellen dargestellt wird, daß nämlich alles Scheiße Scheiße Scheiße ist.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Wie lief die Poli­tisierung der Bevölkerung und Radikalisierung der italienischen Linken, bevor Du in den Knast kamst?&lt;br /&gt; CURCIO: Ich komme aus einer Zeit, in der die Bewegungen und Formen politischer und kultureller Beteiligung ganz andere waren als heute. Meine politischen Aktivitäten begannen in der 66er, 67er und 68er Bewegung. Damals entstand das, was später zur außerparlamen­tarischen Linken wurde. Die Anfinge liegen in den Arbeiterkämpfen von Pia­zza Statuto 1962; die Bewegung mit Fabrikzei­tungen, Zeitschriften, einer bestimmten Art von Aktivisten - ein bißchen autonom, etwas außerhalb der Gewerkschaften und der KP. Dann kam die Militanz der Bewegung 1967 und 68, die in Ver­bindung mit dem Viet­namkrieg entstand und sich international in Trento, Berlin, Paris, Brüs­sel usw.- manifestierte. Wir gingen zu den großen nationalen Problemen über, zum Beispiel zur Erneuerung des Schulsy­stems, das nur an den Interessen der Eliten ori­entiert war.&lt;br /&gt; 1969 begannen die großen Arbeiterbewegun­gen. Die italienische Nachkriegszeit war ja sehr hart gewesen, geprägt von millionenfacher interner Migration und absolut unterbezahlter Arbeit. In der italienischen Gesell­schaft entstand das Bedürfnis, zu einer Kon­sumphase überzugehen, damit sich die Arbeiter Fernseher, ein kleines Auto, Kühlschränke usw. leisten konnten. Ursprünglich war es sowohl ein Interesse der Arbeiter als auch des itali­enischen Kapitalismus, bis die Arbeiterbewegung immer weitreichendere Forderungen entwickelte, nicht nur Gehaltserhöhun­gen, sondern auch die Beteiligung an der Macht forderte.&lt;br /&gt; Schließlich setzte die Strategie der Spannung (siehe Ende des Artikels) ein, der Blockademechanismus des Staates. Die Bewe­gung veränderte sich, sie wurde in den 70er und den frühen 80er Jahren immer antagonistischer, immer grundlegender oppositionell. Man wollte die bevormundende Demokratie nicht mehr akzeptieren, und begann schließlich, sich zu bewaffnen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Hast du dir die Ausmaße des gegneri­schen Machtapparates so vorgestellt, wie es später herauskam, - mit dem europäischen Geheimdienstnetz Gladio zum Beispiel?&lt;br /&gt; CURCIO: Ach weißt du, wir sind authentische Bewe­gungen gewesen, sehr naiv, wir haben uns gewehrt, weil es großen sozialen Druck gab. Wir sind dann mit einer Orga­nisierung der Macht zusammengestoßen, die uns unbekannt war. Sie war viel wehrhafter und vielschichtiger, als es unsere Analysen zu ver­stehen erlaubt hätten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was hat sich für Euch in den Knästen ver­ändert, als draußen die Bewegung zerschlagen wurde?&lt;br /&gt; CURCIO: Das Ende der Bewegung draußen bedeutete auch ein Aus­bluten der Gefangenen. Es gab spezielle Notstandsgesetze wie das dissociati- ­und pentiti-Gesetz (siehe Kasten), das die Gefange­nen im Austausch für eine Haftverschonung dazu aufforderte, abzusch­wören und zu verraten. Viele nutzten die Situation aus, haben dadurch Freundschaften zu ande­ren Gefangenen gelöst. So wurden Gefangenengrup­pen ausgedünnt: von 6000, die insgesamt die Gefängnisse durchliefen, sind heute 250 übrig geblieben, 100 „Freigän­ger&quot; wie ich und 150 in harter Gefangenschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Draußen wird heute wieder versucht, Demos, Knastkonzerte usw. zu organisieren, um deutlich zu machen, daß die Genossen drinnen nicht vergessen wurden. In Italien gab es Jahre, in denen sich draußen nichts bewegte...&lt;br /&gt; CURCIO: Ja, es gab Jahre, in denen wir allein waren. Das mußt du im Kontext der italienischen Situation sehen. Es war das Ende einer Erfahrung. Kraft gegeben haben uns die Initiativen im Inneren der Knäste. Wir arbeiteten sehr viel mit sozialen Gefangenen zusammen, die wegen Drogenge­schichten saßen, AIDS hatten, transsexuell sind usw. In Rebibbia waren im Gefängnis 30% Immi­granten. Wir diskutierten an den Themen Rassismus und Migration, eines der breitesten, unbekannte­sten und am schlechtesten angegangenen Probleme der Gesellschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Wie siehst du die Lage der Gefangenen heute? Bewegt sich etwas? &lt;br /&gt;CURCIO: Wir, d.h. die Leute drinnen und die „Freigän­ger&quot; wie ich, kämpfen für eine politische Lösung in Form eines Gesetzes. Lange Zeit war dieser Vor­schlag isoliert in der italie­nischen Gesellschaft, auch Jugendliche haben sich mit dem Problem nicht auseinandergesetzt. Erst in letzter Zeit ändert sich die Situation. Die Rap-Musik spielt darin eine wichtige Rolle. Die Musikgruppen setzen sich mit Gefange­nen auseinander und ver­mitteln ihre Erfahrungen in die Centri Sociali. Es gab Demos und Konzerte, auch vor Rebibbia.&lt;br /&gt; Auf politischer Ebene halte ich Ita­lien für ein sterbendes System, das sich mit sich selbst und seiner Geschichte auseinandersetzen muß - d.h. also auch mit uns. In der Hin­sicht gibt es in den Parteien, von PDS (Partei der demokratischen Lin­ken) über Rifondazione Comunista bishin zur Christdemokratie und sogar den Republikanern (die klassi­sche Partei des Kapitals in Italien) eine Bereitschaft, mit einem Gesetz die Jahre des Notstandes zu been­den. Das wäre nicht definitiv, es wäre ein Teilgesetz, aber es wäre eine Möglichkeit, um in diesem historischen Moment alle Leute aus dem Knast zu holen. Es gibt also Bedingungen auf verschiedenen Sei­ten, die eine Befreiung der politi­schen Gefangenen ermöglichen wür­den.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Du glaubst also, daß es in den nächsten Jahren eine politische Lösung geben wird?&lt;br /&gt; CURCIO: Ich hoffe, daß die Gesetzesi­nitiative, die vor kurzem von etwa 50 Abgeordneten verschiedenster Parteien im Senat vorgelegt wurde, noch dieses Jahr diskutiert wird. Die politische Situation in Italien ist offen und es ist unklar, ob das neue Parlament unserer Situation gegenü­ber Sensibilität demonstrieren wird.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was sieht das Gesetz vor? &lt;br /&gt; CURCIO: Es verlangt keinerlei „Gegenleistungen&quot; von den Gefan­genen. Es betrifft alle Gefangenen, die wegen Strafverfahren im Zusam­menhang mit den Ereignissen der 70er Jahre verurteilt wurden. Alle lebenslänglichen Strafen sollen auf 21 Jahre verringert werden, so daß alle 70 politischen Gefangenen, die lebenslänglich sitzen, zumindest als „Freigänger&quot; herauskommen kön­nen. Sie sitzen alle mehr als 10 Jahre und hätten somit mehr als die Hälfte ihrer Strafen abgesessen.&lt;br /&gt; Außerdem sieht das Gesetz die Halbierung aller Zeitstrafen vor, sowie einige sekundäre Aspekte wie z.B die Rückgabe der Zivilrechte. Ich bin beispielsweise nur ein halbierter Bürger, ich besitze die meisten Rechte nicht.&lt;br /&gt; Wir wollen weiterhin einen Amne­stieartikel für sogenannte „Banden­straftaten&quot;, wie Bildung und Mit­ gliedschaft in einer bewaffneten Ver­einigung. Das wird von den Partei­zentralen abgelehnt. Und letztlich verlangen wir, daß Hafterleichterun­gen wie der Status des „Freigängers&quot; automatisch und weniger kontrolliert angewandt werden.&lt;br /&gt; Das alles wäre ein wichtiger Schritt, weil es die Diskussion außer­halb der Gefängnisse ermöglichen würde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Du hast auch aus dem Knast heraus Ereignisse draußen analysiert, z.B. die Pantanella-Besetzung... Was denkst du über die aktu­elle Situation, die von einigen als der definitive Sieg des Kapitalismus gesehen wird?&lt;br /&gt;CURCIO: Meine direkte Erfahrung, als ich aus dem Knast herauskam, war ein Zusammentreffen mit sehr leben­digen Teilen der Gesellschaft. Ich hoffe sie werden nicht erstickt wer­den. Es ist trotzdem kein falscher Optimisus angesagt.Es war eine sehr interessante Begegnung großer Soli­darität und Freude von Leuten über meine Etnlassung. Das werte ich als Aufmerksamkeit gegenüber den Pro­blemen der Transformation, gerade wegen der Rolle als Symbolfigur, die ich irgendwie habe.&lt;br /&gt;Wie ich die internationale Situation sehe, das ist wirklich die Millionen­frage... es fällt mir schwer, dazu etwas zu sagen, weil der Knast dich die Sachen sehr auf deine eigene Weise sehen läßt. Mit der Immigra­tion habe ich auseinandergesetzt, weil ich im Gefängnis damit konfrontiert war. Pantanella war nicht nur die besetzte Nudelfabrik, son­dern einige der 2000 ImmigrantInnen landeten auch im Knast, so daß ich Gelegenheit hatte mit ihnen zu reden. In Rom leben 1 Million ImmigrantInnen, die Stadt hat sich ver­ändert, in den Schulen sitzen indi­sche, nordafrikanische, pakistani­sche Kinder. Mit denen müssen wir irgendwie in Beziehung treten. Es müssen die kulturellen Bedingun­gen für eine Akzeptanz geschaffen werden.&lt;br /&gt; Dahinter steht natürlich, daß sich die Welt verändert hat. Die Ost­West-Bipolarität gibt es nicht mehr, die Nord-Süd-Verhältnisse sind andere geworden. Der realexistie­rende Sozialismus sowie der Libera­lismus sind am Ende, Gewinner gibt es keine. Wir stehen am Ende der Kulturen des 20.Jahrhunderts, vor einer Neuorganisierung der Welt. Die Menschen, die ihrer Ressourcen beraubt wurden, kommen hierher, und ich beginne, mir die italienische Gesellschaft als komplexe Gesell­schaft vorzustellen. Sie ist völlig unvorbereitet für die Situation, die faktisch schon in den Straßen exi­stiert, eine Situation, die es schon gab, als ich aus dem Knast kam. Es gibt keine Sozialpolitik, aber auch keine Kultur des Zusammenlebens von verschiedenen Kulturen in Ita­lien, die diese komplexe Gesell­schaft ermöglichen würde. Ich sehe also, daß es notwendig ist, auf dem Gebiet zu arbeiten. Unsere Verlagskooperative hat sich vorgenommen, diese Art von sozialer Initiative zu unterstützen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Im Verlagsprogramm habe ich auch ein Buch von einem Itab Hassan, einem jungen Palästinenser, gesehen...&lt;br /&gt; CURCIO: Ja, Itab Hassan ist ein palä­stinensischer Junge, der im Shatila-Lager in Beirut geboren wurde und dort 1982 das Massaker erlebt hatte. 7000 Tote innerhalb weniger Tage, er hat seine Mutter und seine Geschwister sterben sehen, er mußte mit 9 Jahren im Libanon kämpfen, mit 14 ist er nach Rom gekommen, um einen Sprengsatz in einem Büro der Britisch Airways zu werfen. Das war eine der Aktionen, die aus Palästina ausgingen, um die Aufmerksamkeit auf die Situation dort zu lenken.&lt;br /&gt; Itab wurde mit 14 Jahren verhaftet und in eine Jugendvollzugsanstalt gesteckt, bis er - sagen wir- in ein „Erwachsenen&quot;-Gefängnis kam. Dort habe ich ihn getroffen. Im Moment sitzen wir, beide Freigänger, immer noch zusammen.&lt;br /&gt; Wir haben dieses Buch publiziert, weil es die Geschichte eines Jungen aus einem Teil der Welt erzählt, das keinen Frieden finden kann, wo es keinen Platz zum essen, trinken, schlafen, leben und für die eigene Kultur gibt. Es geht um einen Jun­gen, der viele Jahre im Knast ver­bracht hat, lange getrennt von sei­nen Leuten lebte und immer noch in einer schwierigen Situation ist: Itab ist Freigänger und arbeitet als Tellerwäscher in der Uni-Mensa in Rom.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was hast du für Vorha­ben?&lt;br /&gt; CURCIO: ich will in dieser Koopera­tive arbeiten und darüber Probleme unserer Gesellschaft sichtbar machen. Die schrecklichen Situatio­nen derjenigen, die in Einsamkeit leben, die durch Institutionen, Gefängnisse, psychiatrische Anstal­ten, Behinderungen, Aids, Transse­xualität usw. isoliert sind, sollen transparent gemacht werden. Aber ich will auch mit den sozialen Akteuren, die heute neue gesell­schaftliche Spannungen ausdrücken, aktiv werden: mit den Immigranten oder der Rap- und Hip Hop-Kultur z.B. Die Einbindung von Jugendlichen in die soziale Problematik ist mir wichtig, d.h. Gleichgültigkeit oder Show-Business-Mentalität zurückzudrängen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Es ist ja gerade ein Inter­view-Buch mit Dir über Deine Zeit in den Brigate Rosse veröffentlicht worden, Hast du da noch andere Projekte?&lt;br /&gt; CURCIO: Ich glaube, daß über die Themen hinaus, die ich in diesem Buch streife und die dort zwangs­läufig sehr oberflächlich behandelt werden müssen, möglichst bald eine sehr viel ernsthaftere Diskus­sion beginnen muß. -Gerade wenn man sich anschaut, in welcher Situation sich Italien heute befin­det.&lt;br /&gt; Ich arbeite deshalb mit einigen anderen seit eineinhalb Jahren am „Projekt Gedächtnis&quot;, ein umfassen­des Forschungsprojekt über die sozialen und kulturellen Grundlagen des bewaffneten Kampfes in Ita­lien, eine Analyse, die alle miteinbezieht, gegen die von 1969-89 im Zusammenhang mit dem bewaffne­ten Kampf ermittelt wurde. Es ist ein Projekt, das allen Leuten, die über dieses Thema diskutieren wollen, eine breite und umfas­sende Grundlage von Daten liefern wird. Es wird eine Art Karteikarten zu den über 150 Organisationen geben, die operiert haben. Die soziale Zusammensetzung der Gruppen sowie ihre interne Geschichte soll dargestellt werden, und es ist eine Charakterisierung der gestorbenen Militanten geplant Was uns betrifft, sind es 70 Leute, die wir nicht vergessen wollen, von denen wir auch wollen, daß Grundzüge ihrer Persönlichkeit bekannt werden.&lt;br /&gt; Das Projekt soll im September 1993 vollendet und der Öffentlichkeit präsentiert werden. Hoffentlich wird dadurch klarer, wer die 6000 Leute waren, die im Knast gelandet sind, aus welchem Teil der Gesell­schaft sie stammten, welche Ideen sie verfolgten. Es wird auch Biblio­graphien der Organisationen gehen, so daß jeder die Unterlagen und Dokumente heraussuchen und nachlesen kann.&lt;br /&gt; Es war im übrigen ein schwieri­ges und großes Projekt. Etwa 170­180 Leute aller bewaffneten Orga­nisationen und Gruppen Italiens haben sich daran beteiligt. Im Abschluß ist jede der „Karteikar­ten&quot;, die wir über die Gruppen zusammengestellt haben, von den Führungskräften der jeweiligen Organisation korrigiert worden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Ich habe dich vor dem Interview gefragt, ob du über den bewaffneten Kampf in deiner Situa­tion überhaupt reden willst. Ich habe den Eindruck, daß die Medien und Politiker in dich immer eine Rolle hineinprojiziert haben, die du eigentlich, als du in den Knast kamst, gar nicht hattest... &lt;br /&gt; CURCIO: Ja, da ist eine symbolische Rolle entstanden, weil ich für die Freiheit der Gefangenen aus allen Organisationen eingetreten bin und man mich deshalb als Kern des ganzen gesehen hat. Ich wünsche mir, daß das bald vorbei ist, daß alle ihre Verantwortung wieder selbst in die Hände nehmen. Es muß zu einer tiefgreifenden Dis­kussion kommen, die nicht nur von einzelnen geführt wird, und in der es Begegnungen gibt. Aber das ist ein Problem, das einfacher zu lösen sein wird, sobald das Gesetz zur Befreiung der politischen Gefangenen verabschiedet ist. Denn es ist klar, daß es ein freies Wort auch nur in Freiheit geben kann.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Du hast vorher von den Menschen auf der Straße geredet... was für Reaktionen bekommst Du auf der Straße zu spüren, wenn du erkannt wirst?&lt;br /&gt; CURCIO: Die Reaktionen sind mir sehr nahe gegangen, sie sind viel umfangreicher gewesen, als ich erwartet hatte. Ich hatte nicht im mindesten eine so große Popula­rität erwartet. Auf der Straße treffe ich ständig Menschen, die mich anhalten und mir ihre Zufrieden­heit mitteilen darüber, daß ich rausgekommen bin, und sich wün­schen, daß die anderen auch bald frei kommen.&lt;br /&gt; Ich glaube, es herrscht eine Atmos­phäre der Transformation in Italien. Und die 250 Leute, die als Geiseln in den italienischen Knästen ver­blieben sind, müssen Teil dieser Veränderung sein.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Danke, Renato, für dieses Interview.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Zur Person von Renato Curcio &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Renato Curcio wurde am 23/9/1941 in einem Dorf in der Nähe von Rom geboren Wenige Wochen nach der Geburt gab ihn seine alleinstehende Mutter, die als Kellnerin arbeitete, zu Verwandten in ein kleines Dorf in den Bergen der Norditalienischen Region Pie­mont, Ein Onkel, zu dem er eine enge Bezie­hung hatte und der Partisan war, wird 1945 von deutschen Nazis ermordet. Im Alter von 10 Jahren kommt Renato Curcio in eine Klo­sterschule in der Nähe von Rom, er rebelliert und wird in eine Pflegefamilie nach Imperia gegeben die er mit 15 Jahren, verläßt um Arbeit zu suchen. Er arbeitet eine Weile und macht dann das Fachabitur als Chemielabo­rant. Danach lebt er ein Jahr auf Genuas Straßen. Als er hört, daß in der norditalieni­schen Trento eine neue Soziologiefakultät eröffnet werden soll, fährt er noch Trento. Im Juni 1962 schreibt er sich ein und bekommt wegen seines guten Zeugnis sogar ein Stipen­dium. Er gründet mit Freunden eine „comune&quot; und beginnt linke Diskussionszirkel zu frequen­tieren. Er &#039;beteiligt sich an Universitätskämpfen &#039;66 und &#039;67, es folgen Universitätsbesetzun­gen, Proteste gegen den Vietnam-Krieg und eine fundiertere theoretische Auseinanderset­zung mit den „Klassikern“ und der „Neuen Lin­ken&quot;. Im laufe des Jahres 1968 wird die Kritik am System grundsätzlicher, neue Organisatio­nen in der Linken entstehen. &#039;69 heiratet Renato seine langjährige Genossin Mara Cagol, sein politsches Umfeld aus Trento trifft sich mit Vertretern der Arbeiterbewegung aus der Mailänder Reifen-Fabrik Pirelli, diese beschreiben die Situation in den Fabriken als „reif für die revolutionäre Auseinanderset­zung&quot;. Mara und Renato beschließen nach Mailand zu ziehen, um dort politisch zu arbei­ten. Im Herbst &#039;69 wird das „Metropolitane politische Kollektiv&quot; (CPM) von ihnen mitgegründet und ein altes Theater angemietet, was sich schnell zum Kristallisationspunkt und Kulturzentrum der radikalen Linken entwickelt. Es herrscht eine offene Stimmung, doch dann beginnt der Einsatz der „Strategie der Span­nung&quot;: am 12.12.1969 werden bei einem von den Geheimdiensten organisierten faschistischen Bombenanschlag auf der Mailänder Piazza Fontana vier Personen ermordet. Die „Strategie der Spannung&quot; zielt darauf ab, daß die Geheimdienste Anschläge organisieren, teilweise zusammenhangslos, andere in Zusammenarbeit mit den Faschisten und wieder andere, die sie der Linken unter­schieben. Ein Klima des „Chaos&quot; und der Angst soll erzeugt werden, in dem die Bevöl­kerung inmitten „linker und rechter Gewalt&quot; nach dem starken Staat ruft. Es wird klar, daß die Linke sich anders organisieren muß, denn die Polizei beginnt eine Repressions- und Hetz­kampagne gegen sie. Renato, Mara und andere, die später auch bei den Brigate Rosse sein werden, gründen Sinistra Proletaria (proletarische Linke) und überlegen, wie auch andere Gruppen, an festeren, verbindlicheren Strukturen beteiligt werden können, Ordnungs­dienste für Demos und organisierte Selbstver­teidigung entstehen, die ersten Papiere, in denen der bewaffnete Kampf theoretisch the­matisiert wird, zirkulieren. Während schon die ersten bewaffneten Gruppen entstehen (etwa die GAP des Verlegers Feltrinelli oder „22. Oktober&quot; in Genua) wird 1970 von der „pro­letarischen Linken&quot; in einem Treffen festgestellt, daß ihre Aktionsformen nicht mehr angebracht sind, die Gruppe löst sich auf, es entstehen auch Klein-gruppen, darunter auch der Kern der späteren Roten Brigaden, mit, unter ande­ren, Renato und Mara, die sich an den Kämp­fen in der Fabrik Pirelli beteiligen. Dort entste­hen die Roten Brigaden als Fabrikguerilla, sie greifen mit Anschlägen (z.B. auf Autos) unter­stützend in die Kämpfe der Arbeiter ein. Die Verankerung in den Stadtteilen und Fabriken gelingt: am 25.April (Tag des Partisanenwiderstandes) 1971 und 1972 werden in zwei proletarischen Stadtvierteln Mailands von der Bevölkerung über 200 selbstgenähte Fahnen der Brigate Rosse gehißt. Die ersten Waffen der BR (Pistolen und MG&#039;s) stammen von alten Partisanen, die in den BR würdige Nachfolger sehen. Die Organisation wächst, Ziel ist der Aufbau einer bewaffneten, breiten Gegenmacht von unten. Die Aktionen nehmen zu und ihre Qualität verändert sich: im März 1972 findet die erste Entführung statt. „Beiß zu und fliehe. Nichts wird ungestraft bleiben. Treffe einen, um hundert zu erziehen. Alle Macht dem bewaffneten Volk.&quot; Lauten die ersten Slogans die die Organisation „berühmt&quot; machen. Arbeiteten sie zunächst noch „halblegal&quot;, d.h. sie mieteten Wohnun­gen unter ihrem Namen an, vertraten ihre Positionen auf öffentliche Versammlungen usw., gingen sie nach der Entführung in die Illegalität. Bedeutende Teile der Linken Italiens sind mittlerweile bewaffnet und finanzieren ihre Arbeit durch Banküberfälle, die BR bauen Gruppen in immer mehr Städten und Fabriken (FIAT, Mirafiore u.a.) auf. Im Juni 1974 kommt es zu den ersten Toten bei einer BR-Aktion, bei einem Überfall auf die Parteizentrale den faschistischen MSI in Padua werden zwei Faschisten bei einer Schießerei getötet. Die BR bekennt sich zu der Aktion, betont aber ausdrücklich dies sei nicht die politische Linie der Organisation. Am 8.September 1974 wird Curcio, mit anderen BR-Militanten durch Einsatz eines V-Mannes verhaftet. Am 18.2.1975 wird Renato durch ein 20köpfi­ges BR-Kommando (unter der Leitung von Mara) durch einen Überfall auf das Gefängnis Casale Monferrato befreit. Während die außerparlamentarische Bewegung wieder abflaut, nehmen die bewaffneten Aktionen zu, eine immer mehr militärische Logik setzt sich durch, auch die BR werden umstrukturiert und neuorganisiert. Am 5.6.1975 wird Mara Cagol bei einer Befreiungsaktion der Polizei für einen entführten Industriellen erschossen. Renato Curcio wird am 18.2.1976 wieder verhaftet und in Folge immer wieder zu neuen Haftstrafen verurteilt, niemals jedoch wegen Aktionen, bei denen Menschen verletzt oder getötet wurden. Angelastet werden ihm meh­rere Knastrevolten während seiner Haftzeit und eine „geistige Verantwortung&quot;, als Mit­gründer und „theoretischer Kopf&quot; der BR trage er auch die Verantwortung für alle in Folge ausgeführten BR-Aktionen, auch für die nach seiner Verhaftung. Die Linie der BR draußen unterscheidet sich immer mehr von der der Gefangenen, die dennoch weiterhin in Prozessen zu den BR stehen. Während Ende der &#039;70er und Anfang der &#039;80er alle bewaffneten und nicht bewaffneten linken Bewegungen in Italien durch riesige Repressionswellen Zer­schlagen werden (Über 10.000 Verhaftun­gen, Tausende gehen in den Untergrund oder fliehen ins Ausland) hält der Widerstand in den Knästen vorerst an. Das Pentiti (Reuigen).- und das Dissociati (Losgesagten)-Gesetz werden eingeführt, ersteres entspricht faktisch der Kronzeugenregelung, zweiteres bringt kleine Vorteile, wenn sich die Gefangenen von ihrer Politik distanzieren und vom bewaff­neten Kampf lossagen. Obwohl er die Phase des bewaffneten Kampfes in Italien als abge­schlossene Erfahrung betrachtet, verrät Renata niemanden und lehnt es ab sich &quot;von seiner Geschichte loszusagen&quot;. Er verbleibt im Knast und wird zu einem der prominentesten Gefan­genen, während sich andere die an vielen Aktionen mit tödlichem Ausgang beteiligt waren wieder in Freiheit befinden, da sie andere verraten hoben. Renato fordert weiter­hin eine politische Lösung. Seit Anfang April 1993 ist er Freigänger, d.h. er darf den Tag, da er fest in einer Verlagskooperative arbeitet, außerhalb des Gefängnisses verbringen und muß Abends zurückkehren.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Mon, 29 Nov 2010 12:24:03 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Bestandsaufnahme</title>
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                    &lt;p&gt;Yasar K.. war in den 70er Jahren in einer Kleinstadt der Türkei an der ägäischen Küste mit 200.000 Einwohnern in der TEKP (türkische Kommunistische Partei der Werktätigen, die sich 1974 gründete und im Mai 1980verboten wurde), aktiv. Die TEKP, wie auch Devrimci Militan (Militante Linke) bilden mit der MDD, die man als deren Dachorganisation verstehen kann, eine Einheit. Alle drei gründeten sich aus ehemaligen Mitgliedern der TKP (Türkische Kommunistische Partei) die verboten wurde. Aus der MDD sind alle bewaffneten Gruppen entstanden.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Yasar K.. war in den 70er Jahren in einer Kleinstadt der Türkei an der ägäischen Küste mit 200.000 Einwohnern in der TEKP (türkische Kommunistische Partei der Werktätigen, die sich 1974 gründete und im Mai 1980verboten wurde), aktiv. Die TEKP, wie auch Devrimci Militan (Militante Linke) bilden mit der MDD, die man als deren Dachorganisation verstehen kann, eine Einheit. Alle drei gründeten sich aus ehemaligen Mitgliedern der TKP (Türkische Kommunistische Partei) die verboten wurde. Aus der MDD sind alle bewaffneten Gruppen entstanden. Die sich abwechselnden Regierungen von Ecevit (sozialistisch) und Demirel (VP) in Koalition mit den Grauen Wölfen (und dessen Vorsitzender Alparsan Türkes) und Erbakan (religiöse Fundamentalisten) bringen das Land in eine immer verheerendere wirtschaftliche Krise. Innerhalb der Bevölkerung entsteht eine Polarisierung in rechts und links. In den 70er Jahren erreicht der faschistische Terror gegenüber der Linken und der breiten Schicht von SymphatisantInnen seinen Höhepunkt; Kriegsrecht, Ausgangssperren, Menschenjagden sind an der Tagesordnung. Yasar K. verläßt die Türkei noch vor dem Militärputsch am 12. 9.1980 und kehrt 1992, 12 Jahre nachdem er die Türkei verlassen mußte, das erste Mal wieder in seine Heimat zurück. Dieses Interview ist durch einen persönlichen Kontakt entstanden, Yasar K. spricht in erster Linie für sich. Mit diesem Interview vertreten wir nicht den Anspruch, objektiv und vollständig wiederzugeben, wie die Situation in der Türkei konkret war und wie sie sich heute darstellt; vielmehr ist dies ein Versuch, die gemachten Erfahrungen und deren Verarbeitung anschaubar zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;arranca! (a!):&lt;/strong&gt; Die 70er Jahre in der Türkei waren geprägt von Klassenkämp­fen; eine für unsere Verhältnisse nur schwer vorstellbare Anzahl von Men­schen hat sich an Aktionen der Linken beteiligt. Du warst damals zwischen 16 bis 20 Jahren alt und in der Linken aktiv. Wie hast du diese Zeit erlebt?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Die Zeit von 1974 bis 1980 war nicht so sehr eine Zeit des Klassenkamp­fes, sondern vielmehr des Kampfes gegen die faschistische Bewegung, die Verteidigung gegen Angriffe der Faschi­sten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die damaligen Massenproteste richte­ten sich nicht in erster Linie gegen die Bourgeoisie, sondern gegen türkische Faschisten wie die MHP(nationalistische Bewegungspartei), die Grauen Wölfe und die Konterguerilla, die zu der Zeit aktiv gegen die Linke vorgegangen sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ideen des Klassenkampfes oder des Antiimperialismus&#039; existierten zwar in den Köpfen und Zeitungen der Linken, sind jedoch nie realisiert worden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir waren aktive Antifaschistinnen und haben von &#039;74 bis &#039;80 nicht gemerkt, daß die türkische Bourgeoisie die Faschisten vorgeschickt hat um sich vor der linken Bewegung zu schützen; die Rechnung ging auf, denn die Linke steckte ihre gesamte Kraft in die Vertei­digung gegen die Faschisten und schaffte es darüberhinaus nicht, der Bewegung Inhalte zu geben obwohl ein sehr großes Potential vorhanden war. Zum 1. Mai 1977 waren in Istanbul 500.000 bis 1 Million Menschen auf der Straße. Bei dieser Demonstration kam es zu einem Massaker; 33 Menschen wur­den ermordet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Einfluß der Linken in der Bevölke­rung war sehr groß, durch den Mut, den viele Linke besaßen, gab es viele SympathisantInnen. Wir waren in vielen Bereichen aktiv vertreten, in Grundschu­len, Gymnasien und Universitäten, und haben dort eine Bewegung aufgebaut.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Einfluß ging z.T.so weit, daß es eigene linke Städte und Stadtteile gab; aber auf der anderen Seite bildeten sich auch rechte Stadtteile heraus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In dieser Zeit entwickelte sich ebenfalls die Kurdenbewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ihre Probleme und darausfolgend ihr Ziel waren jedoch andere. Ehr Kampf richtete sich nicht gegen türkische Faschisten, sondern gegen den türki­schen Staat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Welche Position nahm die türkische Linke bezüglich der Kurden ein?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Wir haben darüber diskutiert, ob sie einen eigenen Staat gründen sollten, ob Türken und Kurden zusammen in einem Staat leben können und ob Kurdi­stan Teil der Türkei ist. Bezüglich dieser Frage z.B. merken wir heute, daß wir damals Kemalisten&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_i9d1emp&quot; title=&quot;Kemalismus: Das Ende des 1. Weltkrieges bedeutete für das Osmanische Reich den Niedergang durch erheblichen Verlust an Menschen, die Besetzung weiter Teile des Landes durch die Alliierten, und die Zersetzung des zentralen Staatsapparates . Hatte bislang die Staatsbürokratie die Macht im Land, kam es nach 1919 zu einem politischen Klassenbündnis von traditioneller osmanischer Bürokratie und der besitzenden Klasse. Die Führung innerhalb dieses Bündnisses errang allerdings nach wie vor die Bürokratie, mit ihrem Repräsentanten Mustafa Kemal (1934 legt er sich den Beinamen Atatürk=Vater der Türken zu.). Im Zuge einer Einladung zur Friedenskonferenz im Oktober 1922 erzwang Kemal auf der Versammlung des Bündnisses die Abschaffung des Sultans; das Osmanische Reich findet damit sein endgültiges Ende und wird vom Regime Kemals abgelöst. Diese Zeit von 1919 bis zur Gründung der Republik Türkei am 29.10.1923 wird als Nationaler Kampf bezeichnet. Die auf der Friedenskonferenz anerkannte Souveränität der Türkei und die weitgehende Annullierung der Kapitulation (rechtlich, finanziell und ökonomisch) bilden die Grundlage für den Aufbau der türkischen Republik; der Republikanischen Volkspartei (CHP) unter Kemal gehören alle bürgerlichen Abge-ordnete an, Ankara wird zur Hauptstadt erklärt und Kemal wird Präsident der Republik. Seine Politik, der Kemalismus, bedeutete grundlegende politische, wirtschaftliche, und kulturell-religiöse Veränderungen für die Türkei. Grob umrissen machen den Kemalismus folgende Punkte aus: -Es wurde versucht, den Entwicklungsstand der Türkei möglichst schnell an den von mitteleuropäischen Industrieländern anzugleichen. Private Investitionen und Kredite wurden gefördert, um das Entstehen von Unternehmertum und einer Handelsbourgeoisie zu fördern; diese liberale Wirtschaftspolitik hatte keinen großen Erfolg, so daß ab 1930 ein Weg zwischen Marktwirtschaft und Planwirtschaft eingeschlagen wurde. -Trennung von Staat und Religion. Das Kalifat wurde abgeschafft, ebenso geistliche Schulen, klerikale Besitze wurden eingezogen und es wurden weltliche Gerichte eingeführt. -Populismus; Bestehende Klassengegensätze (die politische Macht befand sich in den Händen des Bündnisses von bürgerlicher Intelligenz und Großgrundbesitzern, die unteren sozialen Schichten waren nicht repräsentiert, obwohl die Struktur des Landes von überwiegend im Agrar-Sektor arbeitenden Menschen geprägt war) wurden zugunsten der Betonung gleicher nationaler Interessen aller Bevölkerungsteile geleugnet. &quot; href=&quot;#footnote1_i9d1emp&quot;&gt;1&lt;/a&gt; waren. Denn wir haben selbst als Linke die Grenzen, wie sie nach dem ersten Weltkrieg gezogen wurden, anerkannt und nahmen damit eine sehr nationalistische Position ein. Wir waren anfangs weder Marxisten noch Leninisten, sondern haben - und zwar nicht nur was die Kurdenfrage anbelangt - Positionen von Kemal Atatürk vertreten und unsere Ideen von dort ausgehend entwickelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Den Widerspruch, daß der türkische Staat bzw. die türkische Bourgeoisie sich zwar einerseits vom Imperialismus, also von den Briten, den Franzosen befreite, andererseits jedoch damals 10 - 15 Mil­lionen Kurden gefangennahm und bis heute in seinen Grenzen behält, haben wir nicht gesehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gab nur sehr wenige Gruppierun­gen, die sich tatsächlich ernsthafter mit der Situation der KurdInnen auseinan­dergesetzt haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch gegenüber der Islamischen Bewegung haben wir unsere Augen verschlossen, und sie - wieder sehr kemalistisch - unterschätzt und ignoriert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Du glaubst also, es war ein Fehler, sich nur auf den antifaschistischen Kampf beschränkt und dabei die Ent­wicklung von eigenen Perspektiven ver­nachlässigt zu haben?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Der antifaschistische Kampf als solcher war natürlich kein Fehler, bleibt es jedoch das Einzige, womit sich eine Linke beschäftigt, dann ist es ein Fehler. Wenn wir es geschafft hätten, die antifa­schistische Bewegung zu einer antiim­perialistischen, antikapitalistischen Bewegung weiterzuentwickeln, dann hätten wir die Ideen, die in unseren Köpfen waren mit der Menge von Men­schen umsetzen können und die Linke in der Türkei wäre heute nicht in dieser Situation.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unser größter Fehler aber war es, den Kemalismus nicht hinterfragt zu haben, weder als Element unserer eigenen Poli­tik, noch in seiner gesellschaftlichen Bedeutung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Im August 1980, also noch vor dem Putsch am 12. September 1980, entsch­ließt du dich, die Türkei zu verlassen, du flüchtest mit anderen Genossen vor­erst in den Libanon...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Es wurden in der Türkei täglich an die 30 Menschen umgebracht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir haben mit anderen Genossen gese­hen, daß es so nicht weitergehen kann und beschlossen, bestimmte Leute ins Ausland zu bringen, damit sie sich dort auszubilden und weiterdiskutieren, um danach wieder zurückzukehren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind dann über Syrien in den Liba­non geflüchtet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dort haben wir begonnen zu diskutie­ren. Der Blick von außerhalb hat es uns ermöglicht, ein besseres Bild von dem zu bekommen, was sich in der Türkei abspielte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir erkannten, daß die Zeit bis zu unserer Flucht zur Vorbereitung der Junta gedient hatte. Die Bourgeoisie schuf eine Situation, die letztendlich die Machtübernahme der Junta am 12. Sep­tember 1980 rechtfertigen sollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch hatten wir zum ersten Mal die Möglichkeit, Fehler, die wir gemacht haben, zu benennen: Wir haben zwar kleine Faschisten und deren Sympathisanten abgeschossen, aber nicht die, die an der Spitze diese Bewegung steuerten, ‚obgleich wir sehr wohl die Möglichkei­ten dazu gehabt hätten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach der Machtübernahme der Junta sind viele Menschen in den Libanon geflüchtet und schilderten uns die Situa­tion; die Repression war nach dem 12.September nochmal härter, es wur­den Menschen auf offener Straße gejagt, verhaftet und umgebracht, linke Zusam­menhänge wurden dadurch völlig zer­schlagen. Unser Vorhaben in die Türkei zurückzugehen und dort zu intervenie­ren war unmöglich geworden. Durch die ständigen Niederlagen und Verluste war der Mut bei vielen Menschen nicht mehr vorhanden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach einem Jahr scheiterte die Diskus­sion zwischen den verschiedenen Orga­nisationen im Ausland darüber, was wie zu machen sei.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir alle wissen, daß die PKK ab 1984 die einzigen waren, die in Kurdistan alleine Aktionen gegen die türkische Armee unternahmen, denn die türkische Linke gab es in der Türkei so nicht mehr.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:.&lt;/strong&gt; Aus welchen Gründen ist die Diskus­sion und damit ein Versuch, die Junta zu bekämpfen, gescheitert?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar&lt;/strong&gt;: Heute können wir feststellen, daß vieles, was die Gruppierungen im Ausland versprochen hatten zu tun, nicht wirklich umgesetzt wurde, also nichts als große Worte waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eigentlich war geplant, daß 1983 Leute in die Türkei hätten zurückkehren sol­len; sattdessen drehte sich die Diskus­sion immer noch darum, ob mit den Kurden zusammengearbeitet werden sollte oder nicht. Aber ich glaube, das war nicht nur durch die türkische Linke bedingt, sondern auch durch die Konterguerilla.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ende 1983 entschied sich dann ein wichtiger Vertreter von Dev Yol, nach Europa zu gehen und von dort aus weiterzumachen. Dev Yol (Revolutionärer Weg) war anfangs eine Jugendorganisation, später die größte Organisation der unabhängigen revolutionären Linken, und ihr Rückzug hatte verheerende Auswirkungen für den gesamten Diskussionszusammenhang. Es kam zu Streitereien zwischen den verschiedenen Gruppierungen, und viele haben aus diesen Erfahrungen dann ihre Konsequenzen gezogen und das Projekt, in die Türkei zurück­zukehren, auf Eis gelegt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Im März 1982 gehst du nach Deutsch­land; was habt ihr für Erwartun­gen oder Hoffnungen damit verbunden?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar&lt;/strong&gt;: Zuerst einmal muß man bedenken, daß wir selbst die zwei Jahre im Libanon in permanentem Kriegszustand gelebt haben, mit dem Unterschied allerdings, daß wir passiv dasaßen und nichts machen konnten; das zehrte an den Nerven. Hinzu kam die Art der Kriegsführung. Du hast den Feind nicht gesehen; ent­weder die Menschen wurden von Hub­schraubern aus abgeschossen, von Flug­zeugen Bomben abgeworfen oder es wurde von offener See aus angegriffen. Du mußtest zusehen, wie Kinder umge­bracht werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir haben mitbekommen, daß es in Deutschland eine Bewegung gegen die Junta in der Türkei gibt, wir hörten von Demonstrationen und hatten die Hoffnung, von Deutschland aus mehr machen zu können, zumal wir im Liba­non einfach schon zu lange Gast waren. Die Leute dort haben uns dann geholfen, nach Deutschland zu kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir hatten sehr positive Vorstellungen von der deutschen Linken, von der Frie­densbewegung, von den Gewerkschaf­ten, linken Parteien; das alles war für unsere Verhältnisse sehr fortschrittlich. Auch von der Sozialdemokratie hörten wir, daß sie sich gegen die Junta aus­sprachen, und glaubten, daß, wenn wir es schafften, alle diese Bewegungen zusammenzubringen, es für die Junta nicht mehr länger möglich gewesen wäre, an der Macht zu bleiben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Wie sah dann die Realität in Berlin aus? Ihr habt zuerst Kontakt zu türki­schen Linken aufgenommen...,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Ja, um unsere bisherigen Diskus­sionen mit den eigenen Leuten hier wei­terzuführen, suchten wir zuerst diesen Kontakt. Mit den Kräften, die es hier gab, haben wir dann versucht, gemein­same Sachen zu organisieren, doch das war problematisch: Die Gruppierungen hier haben generell getrennt voneinan­der agiert. Im Laufe der Zeit sind dann auch Gruppen wie Dev Yol hier ausein­andergebrochen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Waren wir anfangs noch davon ausge­gangen, daß es hier eine gemeinsame linke Bewegung gegen die Geschehnisse in der Türkei gab, stellte sich bald her­aus, daß nur wenige türkische Linke Aktionen organisierten, an denen sich andere Gruppierungen dann allenfalls beteiligten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und auch bei der deutschen „Linken&quot; wurde bald offensichtlich, daß sie nicht das waren, was wir uns in der Türkei vorgestellt hatten. Es gab z.B. Kontakte zu den Grünen und Gewerkschaften, die die türkische Linke unterstützt haben. Diese bewegten sich jedoch nur in einem gemäßigten, demokratischen Rah­men, sobald es um militantere Positio­nen ging, wurden, versagten sie uns ihre Unterstützung, und wir standen alleine da.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Ansätze von politischer Arbeit boten keine großen Perspektiven. Ein weiterer Versuch einiger türkischer Lin­ken, mit der militanten Linken der Häu­serbewegung ins Gespräch zu kommen, schlug fehl, denn zum einen waren die kulturellen Unterschiede sehr groß und zum anderen existierte keine Bereit­schaft, sich gegenseitig in seiner Unter­schiedlichkeit zu akzeptieren. Die türki­schen Linken fanden die Art der Hausbesetzerinnen zu leben, sich anzu­ziehen usw. abstoßend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;1983 habe ich mich vom Großteil die­ser türkischen Linken zurückgezogen und versucht, mit einigen von ihnen ein Forum zu schaffen, um mit der deut­schen linksradikalen Szene Kontakt zu bekommen. Allerdings habe ich mir den Anfang lange nicht so schwer vorgestellt! Wir bekamen einen gemeinsamen Laden zur Verfügung gestellt bekommen, um uns überhaupt erst einmal kennenzuler­nen; doch sie hatten ihre Vorurteile, und ich meine, sie haben mich nicht verstan­den und ich sie nicht. So scheiterte Ende 1983 auch dieser Versuch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Woran glaubst du, hat es gelegen, daß eine gegenseitige Akzeptanz nicht vorhanden war?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Die deutsche Hausbesetzerinnen- Linke hat sich damals nicht mit Fragen, die Gastarbeiterinnen - wie sie früher hießen, heute nenne ich sie Immigran­tinnen - betreffen, beschäftigt. Sie haben keine Politik mit oder für Immigrantin­nen gemacht. Für sie war der Kontakt mit Ausländerinnen etwas Neues und die Idee, daß Immigrantinnen und Deut­sche zusammen gemeinsame Interessen durchsetzen —was unser Ansatz ab 1983 war— gab es so erst einmal nicht, auf diesen Schritt waren sie auch nicht vor­bereitet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir wiederum haben uns .zu wenig Gedanken darüber gemacht, wie und an welcher Stelle eine Zusammenarbeit mit deutschen Linken möglich sein konnte. Dazu kommt, daß du, wenn du aus einem Land, wie der Türkei nach Deutschland kommst, sozusagen einen Kulturschock erlebst, den du erst einmal verarbeiten mußt. Kulturschock sage ich deshalb, weil die türkische Kultur im Vergleich zur Deutschen sehr viel mora­lischer ist. Daraus folgen zwei völlig ver­schiedene Lebenseinstellungen. Am deutlichsten wurde das für mich in Bezug auf die Mann-Frau-Beziehung: Sexuelle Befreiung, offene Beziehungen, hat es in der Form in der Türkei natür­lich nie gegeben. Die türkische Moral baut auf völlig veralteten Normen auf, Schwule und Lesben z.B. waren für mich Kranke, bis ich sie kennenlernte und merkte, daß sie völlig normale Men­schen waren; ich war es überhaupt nicht gewöhnt, mich so frei, wie Deutsche es tun, zu bewegen, frei zu denken und einen eigenen Willen zu entwickeln. Innerhalb der deutschen Gesellschaft mußt du dich vor niemandem rechtferti­gen, du kannst also so ziemlich alles machen, was dir gefällt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das mag ulkig klingen, aber ich habe alleine drei Monate gebraucht, bis ich alleine U-Bahn fahren konnte...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; In den folgenden Jahren bemüht ihr euch, ein anderes Spektrum von Men­schen zu erreichen...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar&lt;/strong&gt;: Ja, wir haben angefangen, uns mit den Jugendlichen, die auf der Straße waren und mit der türkischen Linken erst einmal nichts zu tun hatten, auseinanderzusetzen, zusammen mit einigen deutschen Linken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele Jugendliche waren alleine, woll­ten aber sinnvolle Sachen machen, so daß sie in Kontakt mit uns kamen. Diese daraus entstandene antifaschistische Gruppe hat sich zusammen mit Deut­schen gegen deutsche Faschisten zur Wehr gesetzt. Die Gruppe hat aber nur sechs, sieben Monate existiert, denn einige haben sich herausgezogen, da ihnen die Aktionen zu militant waren. Ich denke, es ist nur schwer möglich, eine militante und eine nicht-militante Ebene in einer Gruppe zu vereinen, und wir haben sicher auch Fehler gemacht, was das anbelangt. Doch ist es nicht so, daß diese Leute nicht mehr politisch interessiert oder aktiv sind, sie machen weiterhin ihre Art von politischer Arbeit und das ist wichtig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Kommen wir zurück zur Türkei. Im Sommer 1992 bist du das erste Mal seit 12 Jahren wieder hingefahren,. Das war begleitet von einer Reihe von Ängsten, z.B., verhaftet zu werden...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber auch mit dem Gefühl - so stelle ich es mir vor - nicht zu wissen, was auf einen zukommt, was sich verändert hat und nicht mehr so ist, wie es in der Ver­gangenheit und in deinen Vorstellungen einmal war. Wie hast du diese Reise für dich erlebt?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Natürlich habe ich auch von anderen mitgekriegt, wie die Situation in der Türkei heute ist, aber es ist etwas völlig anderes, wenn man dann selber dorthin zurückgeht, denn vieles wollte man vielleicht nicht wahrhaben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe meine Genossinnen und meine Familie vermisst, die ich seitdem nicht mehr gesehen habe - zumal ich die Türkei eigentlich in dem Glauben verlas­sen habe, bald zurückzukehren und nicht nach Europa emigrieren zu müs­sen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe die Stadt, in der ich groß geworden bin, vermisst und das Leben dort; die politische Atmosphäre und das Gefühl, total aktiv zu sein und viel zu machen, was das Leben trotz allem sehr schön gemacht hat. Dieses Gefühl ver­stärkt sich - habe ich gemerkt - nochmals dadurch, daß mir durch die große Distanz, die ich zur Türkei hatte, eigentlich marginale Dinge ins Bewußt­sein rückten und ungeheuer wichtig wurden, z.B. solche Kleinigkeiten wie das Teetrinken und Teilen mit Genossin­nen, und das prägt die Erinnerung sehr. An all das denkst du, wenn du zurück­herst, doch die Realität holt dich schnell ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe diese Reise 2 Jahre vorberei­tet und es existierten in der Tat die Äng­ste, verhaftet,. gefoltert oder ermordet zu werden, und dies hat mich sicherlich auch davon abgehalten, früher in die Türkei zu fahren. Auf der anderen Seite wurde die Notwendigkeit, doch hin­zufahren auch immer größer.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Wie hast du die Genossin­nen, die du in der Türkei zurückgelassen hast, vorge­funden?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Ich hatte geglaubt, sie seien noch wie früher, hatte geglaubt, sie hätten sich nicht verändert. Aber die Realität sieht so aus, daß sie den Ideen, die wir damals im Kopf hatten, den Rücken gekehrt haben. Viele ihrer Äußerun­gen sind rassistisch. Sie sind sehr resigniert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum Beispiel habe ich mit einem Genossen, mit dem ich damals viel zu tun hatte, und der in seinem Bereich wich­tige Funktionen innehatte, in einem Cafe gesessen, und es tanzten dort ein paar Jugendliche. Daraufhin sagte er: „Die erleben ihre Jugend; wir haben unsere nicht erlebt.&quot; Aber ich bin der Meinung, wir haben sehr wohl eine Jugend erlebt und bestimmt eine sehr viel sinnvollere, als diese herum- wackelnden Jugendlichen, die sich um gesellschaftliche Probleme schätzungs­weise noch keinen Kopf gemacht haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir waren uns unserer Sache bewußt, wir sind mit einem Lächeln zu den Demos oder Aktionen gegangen, und es war keiner der Meinung, wir verlieren unsere Jugend, und das, was wir machen sei Scheiße. Auch er hat nicht gesagt, alles war Scheiße, aber er glaubte, er habe seine Jugend ver­schwendet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein anderer, dem ich damals sehr ver­traut habe, ist sehr unsolidarisch gewor­den, er denkt nur noch an sich; um Leute, die aus dem Knast gekommen sind, wurde sich nicht gekümmert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele sind in völliges Prestigedenken verfallen, wollen konsumieren, obgleich sie es sich gar nicht leisten können...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A.:&lt;/strong&gt; Geht diese Resignation denn so weit, daß sich die Menschen als Linke negie­ren?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Nein, viele sagen immer noch von sich, sie seien Linke, aber ihr Ver­halten und ihre Äußerungen sind es oft nicht mehr. Über politische Themen&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;wird nicht mehr diskutiert, die Leute ste­hen morgens auf, gehen ins Cafe, spie­len Tavla und gehen abends wieder nach Hause; sie haben sich in einem einigermaßen sicheren Leben eingerich­tet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und wenn du mit ihnen über neue Möglichkeiten, wieder etwas aufzubauen redest, sagen sie dir, du kommst jetzt- mit neuen Ideen, wir kämpfen zehn Jahre und zehn Jahre später haben wir den Kampf wieder verloren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele haben keine Hoffnung mehr, daß die Linke irgendwelche Änderungen in der Gesellschaft erringen kann&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Was für ein Gefühl ist das für dich persönlich; sie haben die Jahre nach dem Putsch erlebt, du nicht, und sie haben sich derart verändert…&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Die ersten drei Jahre der Junta waren sicher hart, sie haben Ängste durchgestanden, viele Genossinnen sind verhaftet worden, wieder freigekommen, wieder verhaftet&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In dieser schwierigen Zeit haben sie nicht an die Zukunft gedacht, sondern die gegenwärtige Zeit gelebt, und das kann schnell zur Gewohnheit werden. Aber mit der Zeit haben viele nur noch gejammert, nicht daß man sie alleine gelassen hat, aber sie haben die Hoff­nung in die Organisationen verloren, und vor allem ihren eigenen Glauben. Sie führten seitdem keine politischen Diskussionen mehr geführt. Heute lesen sie irgendwelche türkische Zeitungen, und über das, was irgendein Staatsmann erzählt, wird geredet, nur in einer linken Sprache; eigene Ideen oder Ansätze haben sie nicht mehr.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Über die Kurdenbewegung z.B. ist die Meinung total negativ. Sie gehen sogar so weit, daß sie die Kurdenbewegung dafür verantwortlich machen, daß sich der türkische Staat so lange halten konnte, und die Unterdrückung der lin­ken Szene wegen der Kurdenbewegung anhält.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich erinnere mich sehr gut, daß wir da früher schon einmal etwas weiter waren...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Durch 12 Jahre Manipulation durch die Medien haben viele ihre linke Identität verloren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Aus was für Leuten setzt sich dann die heutige Linke in der Türkei zusam­men&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Es sind Leute, die entweder im Knast oder im Ausland waren und zurückgekehrt sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber ich habe auch Jugendliche getrof­fen, die wirklich gut drauf waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sie handeln noch nicht unbedingt bewußt, sondern eher aus dem Gefühl heraus, daß ihnen die Situation, so wie sie ist, nicht paßt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sie stellen sich gegen diesen gesell­schaftlichen Rassismus gegen Alevi­ten&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_qf0p9pi&quot; title=&quot;Aleviten: In Unterscheidung zu den Suniten. Ca. 640 n.u.Z. wurde in der Moschee Ali, der Cousin des obersten Propheten Mohammed, von den Sunniten umgebracht, woraufhin. die Aleviten, deren Bezugsperson Ali war, nicht mehr in die Moschee gingen, da sie für die Aleviten keinheiliger Ort mehr war. Im Gegensatz zu den Sunniten üben die Aleviten ihre Religion nicht so streng aus, ihr Weltbild ist freier. Das brachte, und bringt, den Aleviten gegenüber den Vorwurf ein, sie seien keine richtigen Moslems, worauf sich rassistisches Verhalten ihnen gegenüber begründet.&quot; href=&quot;#footnote2_qf0p9pi&quot;&gt;2&lt;/a&gt;, Zigeuner, Kurden und versu­chen, mit diesen Gruppen zusammen etwas zu machen, in der Idee ähnlich wie Jugendbanden eine Bewegung gegen faschistische Jugendbanden auf­zubauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sie haben mit der Linken keinen Kon­takt, aber das liegt nicht unbedingt an ihnen. Im Gegenteil, sie sind sehr inter­essiert und du merkst, daß sie zwar Respekt haben vor dem, was die Linke damals gemacht hat, aber sehr genau wissen, daß sie das so nicht erleben wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf der anderen Seite kümmert sich die Linke nicht darum, Kontakt zu den Jugendlichen zu bekommen; sie unter­nehmen nichts, ihre Anziehungskraft zu erhöhen. Z.B. was die Sprache der Lin­ken betrifft: Diskussionen, Geschriebe­nes ist nur verständlich, wenn du schon länger in linken Diskussionen steckst, der Rest wird ausgegrenzt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Allgemein ist die Öffentlichkeitsarbeit der Linken falsch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Inwiefern ist sie falsch?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Es gibt in der Türkei bewaffnete Gruppen, die Attentate etc. verüben. Aus deren Umfeld existieren ein paar legale Gruppen, doch ihre einzige Arbeit besteht darin, die Aktionen der bewaff­neten Gruppen hochzujubeln, egal, ob sie sinnvoll waren oder nicht, ohne daß diese Aktionen irgendwie begründet und somit verständlich für die Bevölke­rung werden und Sympathien bringen würden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der legale Bereich beschränkt sich also nur auf die Legitimierung der illegalen Aktionen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das hat zur Folge, daß die Leute, die politisch eher links sind, Angst haben, irgendetwas mit diesen Leuten zu tun zu haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Wie müßte eine sinnvolle Öffentlichkeitsarbeit denn deiner Meinung nach aussehen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Es muß versucht werden, wieder das Vertrauen der Menschen in eine Linke aufzubauen; dieses Vertrauen war schließlich einmal da, und es war - anders als hier in der BRD - eine Masse von Menschen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das muß auf zwei Ebenen laufen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum einen könnte man durch die Gründung von Vereinen, z.B. für Men­schenrechte oder durch Sportvereine eine Möglichkeit schaffen, daß sich dort z.B. die Jugendlichen an die linke Szene annähern und Vertrauen gewinnen kön­nen, und hierdurch die 12 Jahre lang durch die Medien aufgebauten Vorur­teile gegenüber der Linken, daß sie die Menschen ausnutzen, funktionalisieren würde, abbauen können. Die Linke wurde zum Sündenbock für alles gemacht und das muß sich ändern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum anderen muß dies auch über andere Arten von illegalen Aktionen lau­fen, mit denen du die Sympathie der Menschen gewinnst; ansonsten kannst du Vereine gründen wie du willst, du wirst sie nicht vollkriegen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist zum Beispiel sinnlos, irgendei­nen Polizeibeamten, der auf dem Weg nach Hause ist, vielleicht erst ein paar Jahre im Amt ist und noch keinen Lin­ken ermordet hat - es wahrscheinlich noch tun wird, o.k. - , erschießt. Es wird keiner sagen, toll, das war eine gute Aktion.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Oder du bombardierst irgendeine Poli­zeikaserne, ein paar Beamte gehen drauf - Unbekannte. Solange die Bevölkerung den Staat akzeptiert, wirst du mit sol­chen Aktionen keinerlei Erfolg haben. Wenn du aber öffentlich machst, daß jemand nachweislich in Knästen gefol­tert hat, dies also eine Zeitlang in der Presse erscheint und ihn daraufhin liqui­dierst, wird es sehr viel verständlicher sein und du setzt Signale, nämlich, daß dies jedem passieren kann, der das Glei­che getan hat oder noch tun wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sei es, daß du Mülltransporte in die Türkei, die dort im Schwarzen Meer lan­den, bekannt machst und danach den Verantwortlichen umbringst, dafür wirst du Sympathien kriegen; oder du greifst einen Arbeitgeber an, der in seinem&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Betrieb 500 Arbeiterinnen entläßt: auch dafür bekommst du Unterstützung, denn das alles sind Dinge, die die Menschen betreffen und die sie nachvollziehen können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das dauert ein, zwei Jahre, du mußt auf der Straße vertreten sein, aber es ist zu schaffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nur ist es heute so, daß selbst, wenn in Kurdistan etwas passiert, in Istanbul oder Ankara Kurden eine Demo machen, die türkische Linke diese aber unterstützt, obwohl sie als Linke die Ver­antwortung gegenüber der kurdischen Bewegung in ihrem Kampf gegen den türkischen Staat hat, aber dieser Verant­wortung ist sie sich nicht bewußt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Linke hat aus den Niederlagen der 80er Jahre nichts gelernt, diese Zeit ist nicht verarbeitet worden, das ist erschreckend, die Aktionen sind die gleichen wie vor 12 Jahren&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Wie hat sich die heutige Linke im Vergleich zu früher in gesellschaftlichen und kulturellen Fragen verändert?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar&lt;/strong&gt;: Sie ist heute extrem moralisch, so moralisch wie die türkische Gesellschaft. Für diese Gesellschaft ist es nicht akzep­tabel, daß ein Mann und eine Frau auf der Straße Hand in Hand laufen, geschweige denn, sich auf der Straße küssen - die Linke akzeptiert das ebensowenig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Aber in den 80er Jahren war das doch anders, denn die Frauenbewegung der 70er Jahre in Europa hatte auch Aus­wirkungen auf die türkische Linke.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Ja, in der Zeit war es tatsächlich anders, da gab es solche Freiheiten; zwar waren nicht &#039;alle politischen Orga­nisationen so, bei vielen gab es das auch nicht. Deine GenossInnen waren für dich Brüder oder Schwestern und mit denen durftest du natürlich keine sexu­ellen Beziehungen haben, aber im Großen und Ganzen war es akzeptiert. Das Problem in Bezug auf die Frauen­bewegung in Europa war aber, daß vie­les einfach übernommen wurde. Das hieß also, daß Entwicklungen, die von europäischen Normen ausgingen, auf die türkische Gesellschaft, die völlig andere Normen hat, übertragen wurden. Aber die Voraussetzungen sowohl für Frauen, als auch für Männer sind auf­grund der türkischen Gesellschaft zwangsläufig andere, und das ist ein Grund, warum vieles nicht greifen konnte. Nimm z.B. die Forderung, daß Frauen gleichberechtigt im industriellen Sektor arbeiten dürfen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Türkei war lange nicht so durchka­pitalisiert, wie europäische Länder, zu 70% arbeiteten die Frauen im landwirt­schaftlichen Sektor.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Allgemein war es nicht die Regel, daß Frauen überhaupt Lohnarbeit verrichte­ten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Rollenaufteilung ist sehr viel strik­ter, aber die mußt du erst einmal aufbre­chen und zwar auf beiden Seiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele Frauen in der Türkei waren immer zu Hause und am öffentlichen Leben, wie Cafés, Kino, Disko, oder ein­fach nur alleine auf der Straße zu sein, nicht beteiligt, und diese Situation stellte sich ihnen als Ausgangspunkt. Ein Groß­teil der Arbeit, die Frauen verrichten, ist Hausarbeit. Es muß also erst einmal durchgesetzt werden, daß z.B. nicht mehr nur die Frauen die Hausarbeit machen, sondern auch Männer und das heißt, du knackst zwei feststehende Bil­der: Das der Frau, die sich selbst erst in Frage stellen und vertreten muß, daß der Mann zum Hausmann wird —in der Tür­kei ist es eines der übelsten Schimpf­wörter für einen Mann, ihn Hausmann zu nennen, denn das heißt, er ist kein richtiger Mann— und das des Mannes, der seine alte, sehr viel patriarchalere Rolle in Frage stellen muß, was er aber nicht tut.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn nun aber die Normen der europäischen Frauenbewegung über­nommen werden, wie es gemacht wurde, ohne erst einmal die Grundvor­aussetzungen dafür durchgesetzt zu haben, kommt es zu einer zweifelhaften Doppelmoral.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frauen nehmen am gesellschaftli­chen Leben teil, aber zu Hause sind es nach wie vor sie - und zwar sehr viel extremer als in Europa -, die den Haus­halt schmeißen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der 8. März ist zwar bis zu den Män­nern durchgedrungen, aber das sah dann so aus, daß am 8. März die Männer über die Frauenfrage diskutiert haben und die Frauen nichts zu sagen hatten. Die Frauenbewegung hat zwar ein Bewußtsein geschaffen, daß es wichtig ist, sich damit auseinanderzusetzen, aber es ist falsch, etwas zu übernehmen; damit sich etwas durchsetzt, müssen die Ausgangsbedingungen genannt werden und von da aus muß sich etwas ent­wickeln, und da muß in der türkischen Gesellschaft sehr viel weiter unten ange­setzt werden, als in Europa.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;a!:&lt;/strong&gt; Wie siehst du die Frage der Emanzi­pation bei türkischen Mädchen und Frauen und die Rolle der türkischen Jun­gen und Männer der verschiedenen Generationen hier in der BRD?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Yasar:&lt;/strong&gt; Es ist erschreckend, viele Män­ner oder Jungen, die ich heute auf der Straße sehe, sind noch schlimmer, als die Männer in der Türkei, sie sind nicht nur typische Männer, sondern Machos. Auf der Straße spielen sie den freien Mann und zu Hause herrscht die islami­sche Moral.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frauen kämpfen hier viel authentischer, weil Schritte heraus aus ihrer Kul­tur für Frauen, obgleich es immer noch Wege zurück gibt, sehr viel mehr Konse­quenzen haben, als für Männer.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Mann lebt eine zeitlang, wie es ihm gefällt, er erlebt hier alles und er darf es auch, mit der Freiheit, Freundinnen zu haben, die er aber nicht gleich heiraten muß. Er hat jederzeit und einfacher die Möglichkeit, eine Jungfrau aus der Tür­kei zu heiraten und eine heilige Familie zu gründen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Frauen stehen sehr viel mehr in einem Kulturkonflikt, denn wenn sie ein Leben, wie deutsche Frauen führen, bedeutet das größere Brüche mit ihrer eigenen Kultur. Sie stehen dazwischen, sie wer­den nicht mehr von der türkischen Kul­tur akzeptiert, sind aber in deutsche Lebensformen ebenfalls nicht integriert. Solche Schritte erfordern sehr viel Mut und ihnen gebührt eine Menge Respekt.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_i9d1emp&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_i9d1emp&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Kemalismus: Das Ende des 1. Weltkrieges bedeutete für das Osmanische Reich den Niedergang durch erheblichen Verlust an Menschen, die Besetzung weiter Teile des Landes durch die Alliierten, und die Zersetzung des zentralen Staatsapparates . Hatte bislang die Staatsbürokratie die Macht im Land, kam es nach 1919 zu einem politischen Klassenbündnis von traditioneller osmanischer Bürokratie und der besitzenden Klasse. Die Führung innerhalb dieses Bündnisses errang allerdings nach wie vor die Bürokratie, mit ihrem Repräsentanten Mustafa Kemal (1934 legt er sich den Beinamen Atatürk=Vater der Türken zu.). Im Zuge einer Einladung zur Friedenskonferenz im Oktober 1922 erzwang Kemal auf der Versammlung des Bündnisses die Abschaffung des Sultans; das Osmanische Reich findet damit sein endgültiges Ende und wird vom Regime Kemals abgelöst. Diese Zeit von 1919 bis zur Gründung der Republik Türkei am 29.10.1923 wird als Nationaler Kampf bezeichnet. Die auf der Friedenskonferenz anerkannte Souveränität der Türkei und die weitgehende Annullierung der Kapitulation (rechtlich, finanziell und ökonomisch) bilden die Grundlage für den Aufbau der türkischen Republik; der Republikanischen Volkspartei (CHP) unter Kemal gehören alle bürgerlichen Abge-ordnete an, Ankara wird zur Hauptstadt erklärt und Kemal wird Präsident der Republik. Seine Politik, der Kemalismus, bedeutete grundlegende politische, wirtschaftliche, und kulturell-religiöse Veränderungen für die Türkei. Grob umrissen machen den Kemalismus folgende Punkte aus: -Es wurde versucht, den Entwicklungsstand der Türkei möglichst schnell an den von mitteleuropäischen Industrieländern anzugleichen. Private Investitionen und Kredite wurden gefördert, um das Entstehen von Unternehmertum und einer Handelsbourgeoisie zu fördern; diese liberale Wirtschaftspolitik hatte keinen großen Erfolg, so daß ab 1930 ein Weg zwischen Marktwirtschaft und Planwirtschaft eingeschlagen wurde. -Trennung von Staat und Religion. Das Kalifat wurde abgeschafft, ebenso geistliche Schulen, klerikale Besitze wurden eingezogen und es wurden weltliche Gerichte eingeführt. -Populismus; Bestehende Klassengegensätze (die politische Macht befand sich in den Händen des Bündnisses von bürgerlicher Intelligenz und Großgrundbesitzern, die unteren sozialen Schichten waren nicht repräsentiert, obwohl die Struktur des Landes von überwiegend im Agrar-Sektor arbeitenden Menschen geprägt war) wurden zugunsten der Betonung gleicher nationaler Interessen aller Bevölkerungsteile geleugnet. &lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_qf0p9pi&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_qf0p9pi&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Aleviten: In Unterscheidung zu den Suniten. Ca. 640 n.u.Z. wurde in der Moschee Ali, der Cousin des obersten Propheten Mohammed, von den Sunniten umgebracht, woraufhin. die Aleviten, deren Bezugsperson Ali war, nicht mehr in die Moschee gingen, da sie für die Aleviten keinheiliger Ort mehr war. Im Gegensatz zu den Sunniten üben die Aleviten ihre Religion nicht so streng aus, ihr Weltbild ist freier. Das brachte, und bringt, den Aleviten gegenüber den Vorwurf ein, sie seien keine richtigen Moslems, worauf sich rassistisches Verhalten ihnen gegenüber begründet.&lt;/li&gt;
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