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 <title>arranca! - Bewegungsgeschichte</title>
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 <title>Solidarität für die politische Gegenwart</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/46/solidaritaet-fuer-die-politische-gegenwart</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;&lt;strong&gt;David Featherstone ist Dozent für Humangeografie an der Universität Glasgow und unter anderem Autor von &lt;em&gt;»Solidarity. Hidden Histories and Geographies of Internationalism.«&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;David Featherstone ist Dozent für Humangeografie an der Universität Glasgow und unter anderem Autor von &lt;em&gt;»Solidarity. Hidden Histories and Geographies of Internationalism.«&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Du hast gerade ein Buch zu den Themen Internationalismus und Solidarität geschrieben. Was interessiert dich an diesen Themen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Meine Hauptmotivation für die Arbeit an dem Buch war die Frustration darüber, dass sich zwar oft auf Solidarität berufen wird, es aber kaum zu einer grundlegenden Auseinandersetzung mit dem Konzept kommt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die konkreten Ausprägungen von Solidarität werden oft einfach als naturgegeben hingenommen. Das verschleiert die Bedeutung von Solidarität als einer der wichtigsten Praxen der Linken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mein Ausgangspunkt bei alledem war die Annahme, dass die Konstruktion von Solidarität selbst einen kreativen und produktiven Prozess darstellt. Außerdem war ich der Überzeugung, dass sich ausgehend von Solidarität, als einer der zentralen politischen Fähigkeiten von Linken und sozialen Bewegungen und der von ihnen geschaffenen Beziehungen, viele unterschiedliche Geschichten über linke Politik erzählen ließen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich wollte verstehen, wer oder was relevant für den Wandel internationalistischer Politik ist. Dem zu Grunde lag mein Ärger darüber, dass viele Auseinandersetzungen mit linkem Internationalismus den Schwerpunkt vor allem auf Führung und Institutionen gelegt haben. Ich hatte das Gefühl, dass für die Rolle der diversen subalternen Gruppen und Kämpfe und für ihren Einfluss auf die Formierung und Konstruktion von Internationalismus in dieser Lesart der Kämpfe kein Raum war. In diesem Sinne ist es eines meiner zentralen Ziele den von Peter Linebaugh und Marcus Rediker in ihrem für mich sehr inspirierenden Buch Die &lt;em&gt;vielköpfige Hydra&lt;/em&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_leq4eyo&quot; title=&quot;Peter Linebaugh/Markus Rediker: Die vielköpfige Hydra: Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks, Assoziation A, 2008.&quot; href=&quot;#footnote1_leq4eyo&quot;&gt;1&lt;/a&gt; entwickelten Fokus auf multiethnische Solidarität von unten, auf die Kämpfe des zwanzigsten Jahrhunderts zu übertragen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Buch ist auch aus dem Wunsch heraus entstanden, mit den weit verbreiteten Vorurteilen über linke Politik aufzuräumen. Viel zu oft werden linke politische Traditionen als engstirnige, zurückgebliebene und chauvinistische Bewegungen kritisiert. Diesem karikierten Bild der Linken möchte ich widersprechen. Zwar möchte ich keinesfalls die Komplizenschaft linker Politik mit chauvinistischen Formen von Solidarität leugnen. Das Buch beschäftigt sich ausdrücklich auch mit vielen Schattenseiten linker Geschichte, zum Beispiel mit Ausgrenzung entlang der Kategorien Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe. Beispielsweise in der Auseinandersetzung mit der gewerkschaftlichen Organisierung der Seefahrt im frühen zwanzigsten Jahrhundert beschäftige ich mich auch explizit mit der Herausbildung von Arbeiterbewegungsinternationalismus entlang solcher Ausschlusslinien.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber gleichzeitig bestehe ich darauf, dass dies nicht die einzige Geschichte internationalistischer Solidarität ist. Wenn man sich nur auf diese Aspekte konzentriert, tut man der Geschichte der diversen politischen Bewegungen, die linke Politik in der Vergangenheit und der Gegenwart mitgeprägt haben, systematisch Gewalt an. Deshalb beleuchte ich in meinem Buch einige Beispiele multiethnischer Solidarität, die sich im Widerstand zu solchen ausschließenden Formen weißer Arbeiterbewegungssolidarität befinden. Dazu gehört zum Beispiel die Organisierungsarbeit der &lt;em&gt;Industrial Workers of the World&lt;/em&gt;, vor allem im Hafen von Philadelphia, wo schwarze Wobblies wie Ben Fletcher die bedeutendsten Experimente gemischter Gewerkschaftsorganisierung der 1910er/20er Jahre unternahmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Sinn ist das Buch von einer starken Bindung an die diversen politischen Bewegungen getragen, die linken Internationalismus in der Vergangenheit und der Gegenwart geformt haben. Ich versuche einige Ansätze zu entkräften, die linke Politik vor allem in einem nationalstaatlich- zentrierten Rahmen denken, weil dies einige der machtvollen Geschichten und Geografien transnationaler Organisierung und Solidarität zum Schweigen zu bringen droht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Mit welchem geschichtlichen Zeitrahmen beschäftigst du dich in deinem Buch und welche Kämpfe um internationale Solidarität betrachtest du?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Buch beschäftigt sich vor allem mit den umkämpften Formen internationaler Solidarität des 20. Jahrhunderts. Eines meiner zentralen Anliegen war es, die unterschiedlichen Formen und den unterschiedlichen Charakter von Solidarität in dieser Epoche herauszustellen. Ich wollte mich auf Beispiele beziehen, die noch wenig beachtet wurden oder bekanntere Beispiele aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Dabei geht es um drei zentrale Themen: kolonialen und antikolonialen Internationalismus, Formen von Solidarität im Zusammenhang mit der Geopolitik des Kalten Krieges und Solidarität gegen und im Schatten des Neoliberalismus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich untersuche zum Bespiel die Solidarität zwischen Exilchilen_innen und anderen Aktivist_innen zur Zeit des Militärputsches gegen Allende 1973. Es wird ein Teil des beeindruckenden Prozesses der Wiederbelebung der chilenischen Linken nachgezeichnet, aber auch wichtige Solidaritätsaktionen wie die Weigerung schottischer Arbeiter_innen, Flugzeugturbinen der chilenischen Luftwaffe zu warten, die zur Überholung nach Schottland transportiert wurden. Dieses Kapitel betont, wie wichtig antiimperialistische Positionen in dieser Solidarität waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieses chilenische Beispiel zeigt auch, dass der Neoliberalismus seit seinen Anfängen – einschließlich seiner autoritär-repressiven Einführung in Chile unter Pinochet – immer von dynamischen Formen des Widerstandes begleitet war. Dieser Punkt ist für die zweite Hälfte des Buches zentral. Darin versuche ich die in der Linken verbreitete Erzählung eines allmächtigen Neoliberalismus, der ohne nennenswerten Widerstand in die Welt exportiert wurde, zu widerlegen. Einige der britischen Exilchilen_innen waren zum Beispiel daran beteiligt, die Solidarität gegen den Angriff des Thatcherismus auf die Bergarbeiter während des langen Streiks von 1984/85 zu organisieren. Diese transnationalen Artikulationen des Widerstands gegen den Neoliberalismus sollten viel ernster genommen werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der letzte Teil des Buches beschäftigt sich mit der Frage nach Solidarität als integralem Bestandteil von Vorstellungen einer anderen Zukunft jenseits des Neoliberalismus. In Auseinandersetzung mit der globalisierungskritischen Bewegung versuche ich in verschiedenen Kontexten zu zeigen, dass die von dieser Bewegung organisierte Solidarität im Hinblick auf die Kategorien &lt;em&gt;gender&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;race &lt;/em&gt;zwar nicht konfliktfrei, aber dennoch äußerst produktiv war. Transnationaler Feminismus war für die globalisierungskritische Bewegung sehr wichtig, das wird oft nicht genügend beachtet. Das Schlusskapitel untersucht die Formen von Solidarität in der Klimabewegung und dreht sich vor allem um die Proteste in Kopenhagen, blickt aber auch auf deren Verbindungen mit bolivianischen Diskursen von Klimagerechtigkeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Internationale Solidarität birgt viele Fallstricke. Für den deutschen Kontext scheinen die Romantisierung nationaler Befreiungsbewegungen, die damit zusammenhängende Projektion eigener revolutionärer Sehnsüchte und die ernüchternde Landung auf dem Boden der Realität internationale Solidarität ziemlich diskreditiert zu haben. Auch wenn es mit der globalisierungskritischen Bewegung und den Kämpfen der Zapatistas gegenläufige Bewegungen gab, scheint es sich bei der Geschichte internationaler Solidarität in Deutschland vor allem um eine Geschichte des Niedergangs zu handeln. Ist das ein deutscher Sonderfall, oder handelt es sich dabei um ein globales Phänomen? Gibt es eine solidere Grundlage für zeitgenössische Ansätze internationaler Solidarität?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit einer Erzählung des Niedergangs wäre ich vorsichtig. Zwar gab es all die Spannungen und Fallstricke, die du im Zusammenhang mit den politischen Kulturen von Internationalismus ansprichst. Aber auch den Einfallsreichtum der Solidarität und des Internationalismus und die Lebendigkeit der Verbindungen und Beziehungen verschiedener Kämpfe unter ganz unterschiedlichen Bedingungen darf man nicht unterschätzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich wende mich in meinem Buch energisch gegen das Leugnen dieser politischen Kulturen, weil damit bereits großer Schaden angerichtet wurde. Eine Konsequenz daraus ist zum Beispiel, dass die Bedeutung und das Vorhandensein von anti- und postkolonialen politischen Interventionen in der Konstituierung der europäischen Linken ausgeblendet wird, was zu einem extrem reduzierten Verständnis von zentralen politischen Ereignissen wie etwa &#039;68 geführt hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das hatte wirklich schädliche Folgen. Denn dadurch konnte die Erfahrung von 1968 in Deutschland, Frankreich und Großbritannien als bloßer Vorbote eines entpolitisierenden Individualismus gedeutet werden, als Teil des unaufhaltsamen Wegs zu einer neoliberalen Gesellschaft. Das beruht auf der Nichtthematisierung des Einflusses antiimperialistischer Bewegungen und verbannt nichtwestliche Akteure, sowohl in ihrer Anwesenheit und ihrem Austausch mit europäischen Linken, als auch in Bezug auf diverse Kämpfe, die sich oft der »erbarmungslosen binären Logik des Kalten Krieges« in produktiver und innovativer Weise entzogen haben. Wie Quinn Slobodian in seinem aktuellen Buch &lt;em&gt;Foreign Front&lt;/em&gt; schreibt, verblasst die Erinnerung an diese Traditionen im Laufe der Zeit zusehends.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_zgc2f9u&quot; title=&quot;Quinn Slobodian: Foreign Front: Third World Politics in Sixties West Germany, Duke University Press, 2012.&quot; href=&quot;#footnote2_zgc2f9u&quot;&gt;2&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Bedeutung dieser Verbindungen wieder Geltung zu verschaffen, stellt Erzählungen in Frage, die Solidarität und Internationalismus vor allem als Projektion sehen. Solche Erzählungen tendieren dazu, politisches Handeln aus den Verbindungen zwischen unterschiedlichen Bewegungen herauszulösen. Ich bin der Ansicht, dass diese Verbindungen integraler Teil von Praxen und Erfahrungen von Solidarität sind. Für mich folgt aus dem Nachdenken über die verschiedenen transnationalen Verbindungen, Solidarität als Teil anhaltenden Austausches und anhaltender Verbindungen zu sehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei ist es mir wichtig herauszustellen, dass es bei Solidarität in den seltensten Fällen um eine Identifikation mit den »entfernten, entkörperlichten « Anderen geht, sondern vielmehr um die Konstruktion von vielfältigen Verbindungen und Beziehungen. Dabei ist es offensichtlich, dass die Rahmenbedingungen, unter denen diese Verbindungen hergestellt wurden, oft zweifelhaft und ungleich waren. Ich versuche zu zeigen, dass diese Bedingungen zugleich aber auch umstritten waren, kritisiert und umgearbeitet wurden. In diesem Zusammenhang geht es mir mehr um ein Verständnis von Solidarität als gemeinsames Handeln, als Austausch und Zusammenarbeit und somit um ein Untergraben der Darstellung von Internationalismus als etwas, bei dem es vor allem um Projektion geht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Ganze macht die Suche nach einer neuen Grundlage für internationale Solidarität nicht einfacher. Wofür ich mich stattdessen stark mache, ist ein Verständnis von Solidarität, das die Aushandlung und das Herstellen von umkämpften Verbindungen einschließt. Also »Solidarität ohne Garantien«, hergestellt durch Artikulationen und Verbindungen von verschiedenen Kämpfen. Das kann ein ziemlich nervenaufreibender Prozess sein, aber auch ein sehr produktiver. Die von dir erwähnten Zapatistas spielen eine wichtige Rolle bei der Umformung der Sprache politischer Kämpfe. Das ist in erster Linie ihrem Konzept einer vielfältigen Solidarität gegen den Neoliberalismus als gemeinsamen Feind zu verdanken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise scheinen weite Teile der europäischen sozialen Bewegungen nervös darum bemüht zu sein, Verbindungen zu Bewegungen in anderen Teilen (vor allem Süd-)Europas neu aufzubauen. In Bezug auf die lange Geschichte des Internationalismus – welches sind deiner Ansicht nach die Gefahren die dabei lauern und was sollten diese Bewegungen von vorangegangenen Bewegungen lernen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich glaube, das alles hat ein großes Potential. Angesichts der Verheerungen, die mit der europaweiten Austeritätspolitik einhergehen, ist das auch dringend notwendig. Eins darf man dabei nicht vergessen: der Neoliberalismus war bereits vor der derzeitigen Krise umkämpft. Man denke an die schon erwähnten Zapatistas und die globalisierungskritische Bewegung. Dass verschiedene Bewegungen bereits gegen die Durchsetzung des neoliberalen Projekts gekämpft haben, ist eine wichtige Botschaft. Denn dadurch, dass diese Tatsache geltend gemacht wird, kann sich der politische Krisendiskurs verschieben und es können sich neue politische Möglichkeiten ergeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine zentrale Herausforderung ist die Auseinandersetzung um die Begriffe, mit denen wir die Krise zu begreifen versuchen. Mir scheint, dass viele der linken Analysen die Linke in Bezug auf die Krise bestenfalls in der Verteidigerrolle positionieren. Die Linke wird dafür gescholten, nicht vorausschauend und strategisch genug gehandelt zu haben. Ich denke dabei vor allem an Artikel in der &lt;em&gt;New Left Review&lt;/em&gt; oder dem &lt;em&gt;Socialist Register&lt;/em&gt;. Andere Möglichkeiten würden sich bieten, wenn man die jüngsten Auseinandersetzungen als Teil der andauernden Kämpfe gegen den Neoliberalismus sehen würde. So wären diese Bewegungen und Kämpfe nicht lediglich als Reaktion auf die Krise zu interpretieren, sondern als Teil einer fortlaufenden Geschichte, so wie auch die Übereinkunft der linken Mitte mit dem Finanzmarkt-Kapitalismus eine fortlaufende Geschichte ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was sind die Bedingungen, unter denen sich Solidarität zwischen der Bewegung der &lt;em&gt;Indignados &lt;/em&gt;und einer jungen urbanen Linken herstellen lässt? Wie stellt die Klimagerechtigkeitsbewegung Solidarität mit Bergarbeiter_innen her, die unter schrecklichen und unterdrückerischen ökonomischen Bedingungen leben? Vor diesen Herausforderungen sollte man sich nicht drücken, man muss sich auf sie einlassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt viele Ansatzpunkte für einen produktiven wechselseitigen Austausch. Damit gehen allerdings auch einige Herausforderungen für die politische Sprache und Vorstellungskraft in Bezug auf die Krise einher. Als gelungenes Beispiel hierfür würde ich zuallererst die von der Occupy-Bewegung geprägte Rede von den »99 Prozent« zählen, die als popularer Schachzug eine zentrale Stärke aufweist und einigen Erfolg in der Artikulation von Opposition jenseits aktivistischer Subkulturen hatte. Natürlich lauern auch hier wieder Konflikte, vor allem was Beziehungen und Spannungen innerhalb der sogenannten 99 Prozent betrifft. Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf: Wie werden Unterschiede verhandelt? Welche Stimmen und Erfahrungen werden wie anerkannt? Diese Fragen wurden in den einflussreichen Werken der jüngeren globalisierungskritischen Bewegung eher vermieden, so zum Beispiel in Hardt und Negris Konzept der Multitude, dem die Tendenz innewohnt, ganz unterschiedliche Gruppen ohne jedes Problembewusstsein einfach zusammenzuwerfen. Ich glaube, es ist notwendig etwas feinfühliger mit unterschiedlichen und manchmal konfliktreichen politischen Bewegungen zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Krise in Beziehung zu fortlaufenden Kämpfen zu sehen, eröffnet Möglichkeiten den Einfluss der Rechten über die Krisenerzählung zurückzudrängen. Der politische Raum hat sich durch das eindeutige Scheitern des Neoliberalismus deutlich geöffnet. Verschiedene Formen von Solidarität zwischen Kämpfen gegen die Austeritätspolitik haben wirkliches Potential für das Entstehen eines gegenhegemonialen Moments geschaffen. In diesem Sinne denke ich, dass Solidarität und internationalistische Verbindungen eine sehr wichtige Rolle dabei spielen, wie die Krise von der Linken artikuliert werden kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Das Interview führte Patrick Stary.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_leq4eyo&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_leq4eyo&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Peter Linebaugh/Markus Rediker: Die vielköpfige Hydra: Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks, Assoziation A, 2008.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_zgc2f9u&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_zgc2f9u&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Quinn Slobodian: Foreign Front: Third World Politics in Sixties West Germany, Duke University Press, 2012.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Thu, 13 Dec 2012 19:14:40 +0000</pubDate>
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 <title>RE:GENERATION</title>
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                    &lt;p&gt;Seit dem ökonomischen Crash von 2007/2008 leben wir in einem seltsamen Zwischenstadium. Die Ideologie des Neoliberalismus, die die Welt seit 30 Jahren dominiert hat, ist erschüttert. Die Krise hat damit die Welt in einen Schwebezustand versetzt. Einerseits hat sich die Ansicht, dass die neoliberale Globalisierung die Probleme der Menschheit lösen könnte, in Luft aufgelöst: Der Neoliberalismus ist bloßgestellt als Selbstbedienungsladen, der den sozialen Reichtum in die Hände weniger verteilt. Weit davon entfernt ein modernes Projekt zu sein, das den sozialen Fortschritt vorantreibt, ist der Neoliberalismus als dekadentes Projekt entlarvt – das, vielleicht von vornherein zum Scheitern verurteilt, nicht mehr als eine Konsequenz der ungelösten Krise der 1970er Jahre ist. &lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;h4&gt;IN-BETWEEN DAYS: Tage dazwischen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Seit dem ökonomischen Crash von 2007/2008 leben wir in einem seltsamen Zwischenstadium. Die Ideologie des Neoliberalismus, die die Welt seit 30 Jahren dominiert hat, ist erschüttert. Die Krise hat damit die Welt in einen Schwebezustand versetzt. Einerseits hat sich die Ansicht, dass die neoliberale Globalisierung die Probleme der Menschheit lösen könnte, in Luft aufgelöst: Der Neoliberalismus ist bloßgestellt als Selbstbedienungsladen, der den sozialen Reichtum in die Hände weniger verteilt. Weit davon entfernt ein modernes Projekt zu sein, das den sozialen Fortschritt vorantreibt, ist der Neoliberalismus als dekadentes Projekt entlarvt – das, vielleicht von vornherein zum Scheitern verurteilt, nicht mehr als eine Konsequenz der ungelösten Krise der 1970er Jahre ist. &lt;br /&gt;Andererseits werden die neoliberalen Reformen des öffentlichen Sektors trotz dieses ideologischen Kollapses fortgesetzt und weiter vorangetrieben. Dass der Neoliberalismus für die beste Möglichkeit Gesellschaft zu organisieren gehalten wird, ist längst nicht mehr der Grund. Es hat sich einfach keine andere Gesellschaftskonzeption durchsetzen und die soziale Schlagkraft entwickeln können, die es gebraucht hätte, um ihn als Ideologie abzulösen. Der italienische Marxist Antonio Gramsci sagt, dass die Ursache für Krisen darin liegt, dass „das Alte stirbt und das Neue nicht entstehen“ kann. Doch erklärt dies nicht alles. Das Problem besteht darin, dass der Neoliberalismus beides ist: &lt;em&gt;sowohl &lt;/em&gt;tot &lt;em&gt;als auch&lt;/em&gt; lebendig. Er taumelt zombieähnlich weiter. Ideologisch auf der Strecke geblieben, seiner Bestimmung beraubt, bietet er keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Aus unserer Sicht besteht das größere Problem allerdings darin, dass es keine genügend starke Gegenbewegung gibt, die in der Lage wäre, ihm den Gnadenstoß zu versetzen&lt;br /&gt;Wie sind wir in diese Situation geraten? Teilweise konnte diese Situation entstehen, weil der Neoliberalismus die Zersetzung der Gesellschaft sehr effektiv vorangetrieben hat – vor allem in den USA und in Großbritannien. Eines seiner ersten Ziele war es, unsere gemeinsame Weltsicht zu verändern und damit die Grundlagen kollektiven Handelns zu unterminieren. Anders formuliert: Neoliberale Reformen einer Gesellschaft zielen auf die Herstellung neoliberaler Subjektivitäten. Marktlogiken werden in immer mehr Lebensbereiche übertragen und durch die Teilhabe an diesen Märkten üben sich die Individuen in einer neoliberalen Logik. Noch genauer: Wenn du dich in einem Wettbewerbssektor bewegst, bist du gezwungen, als nutzenmaximierendes Individuum zu handeln, das sich in rücksichtsloser Konkurrenz zu den anderen über knappe Ressourcen befindet. Je mehr wir uns in diesen Strukturen bewegen, desto mehr nehmen wir diese als natürlich gegeben an: „Each day seems like a natural fact“ (Gang of Four). Die Möglichkeiten, die uns offen zu stehen scheinen, sind durch diese Erfahrungen bestimmt. Nur: Diejenigen, die mit dieser Sicht der Dinge groß geworden sind, haben zunehmend Schwierigkeiten, darin einen Sinn zu erkennen.&lt;br /&gt;Eine andere Perspektive ergibt sich, wenn man soziale Gegensätze in den Blick nimmt. Erwartbar wäre, dass die unnachgiebige Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums in die Hände einiger sehr sehr Reicher Widerstand bei denen hervorrufen würde, denen er genommen wird. Der Neoliberalismus reagiert auf dieses Problem mit Verschleierung, einerseits durch die Etablierung einer Weltsicht, die diese Widersprüche nicht zu erkennen vermag, andererseits durch Mechanismen, die die Probleme verlagern und verzögern. Die Reallöhne im Westen stagnieren seit den späten 1970ern oder sind gesunken. Doch der Zugang zu günstigen Krediten in Kombination mit steigenden Immobilienpreisen half dabei, Lebensstandards zu halten und die Auswirkungen in die Zukunft zu verschieben – eine Zukunft, die nun da ist.&lt;br /&gt;Trotz der beginnenden Kämpfe in Island, Griechenland, Frankreich und auch in Irland, Italien und in Großbritannien ist noch offen, in welche Richtung diese gehen werden. Wir wissen noch nicht, wie weit der gesellschaftliche Ab- und Umbau durch den Neoliberalismus fortgeschritten ist. Der Bruch im neoliberalen Deal scheint einen Anstieg der Kämpfe zu provozieren und dennoch sind die daraus resultierenden kollektiven Maßnahmen sozial und geografisch unterschiedlich. Sollten sich die Kämpfe weiter ausbreiten, werden sie höchstwahrscheinlich nicht die Formen annehmen, die wir heute erwarten. Nach dem sozialen Wandel der letzten beiden Jahrzehnte werden wir nicht erneut die Kämpfe der 1980er erleben und noch weniger die der 60er oder 70er Jahre. Stattdessen werden die Reaktionen auf die Sparkurse zu nicht vorhersehbaren und ganz neuen Antworten führen. So kann es durchaus sein, dass wir einige Kämpfe nicht als Reaktion auf Kürzungen der öffentlichen Dienstleistungen wahrnehmen werden – auch wenn diese ihre Grundlage sein dürften. &lt;br /&gt;Also stellt sich die Frage: Wie können wir uns am besten auf Ereignisse vorbereiten, von denen wir weder wissen, welche Form sie annehmen, noch wann sie eintreten werden? Oder, aus einer anderen Perspektive: Wie können wir, die wir einige Generationen von Kämpfen erlebt haben, uns an der Entstehung neuer Bewegungen beteiligen? Welche Rolle können unsere Erfahrungen hier spielen? Oder verhindern gerade unsere Erwartungen, dass wir in neuen Situationen auch das Neue erkennen können? Und andersherum, wie beziehen sich kommende Generationen auf vorangegangene Bewegungen ohne zu viele Zugeständnisse zu machen und die eigene Einzigartigkeit zu verlieren?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;SECOND TIME AS FARCE …: Das zweite Mal als Farce&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Eine der Quellen, auf die wir uns bei dieser Frage beziehen können, ist Marx‘ großartiger Text über historische Wiederholungen Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirn der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Zunächst haben wir selten Gelegenheit, Akteure in der Weltgeschichte zu werden und sind viel zu selten mit der Möglichkeit konfrontiert, mit den historischen Ideen, die unsere Leben beschränken, zu brechen. Diese Momente, in denen wir kollektiv Einfluss auf die Welt nehmen können, sind das, was wir „Momente des Überschusses“ nennen. An diesen kritischen Punkten gibt es eine verständliche Tendenz, sich auf die Traditionen vergangener Generationen des Kampfes zu beziehen und diese zu wiederholen. Während dieser Momente stehen wir Erfahrungen, Problemen und einem Ausmaß an Freiheit gegenüber, die uns bisher unbekannt waren. In diesen Situationen ist es sinnvoll, nach einer Vorgeschichte zu suchen, um uns zu orientieren. Tatsächlich ist zu beobachten, dass die Leute, die in großen kollektiven Praxen engagiert sind, im Laufe der Kämpfe Übereinstimmungen entdecken – nicht nur mit ihren direkten Vorgänger_innen, sondern auch mit anderen Kämpfen in der ganzen Welt. Würden wir nicht aus den Erfahrungen derer lernen, die ähnliche Problematiken erlebt haben, würden wir desorientiert und wehrlos gegenüber historischer Bedingtheit zurückbleiben und wir könnten nur hilflos dabei zuschauen, wie sich die alte Welt wieder neue Geltung verschafft.&lt;br /&gt;In gewisser Weise kann Wiederholung also ein wichtiges Element sein, welches nicht zu vermeiden ist. Wir können nur unter der Bedingung Neues schaffen, dass wir uns auf die eine oder andere Art mit Personen und Handlungen der Vergangenheit identifizieren. Aber eine einfache Wiederholung dessen, was schon einmal passiert ist, muss scheitern: Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Auch lohnt es sich, den berühmten Satz zu zitieren, der der obigen Passage vorangeht: „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ &lt;br /&gt;Wiederholung ist nur dann Farce, wenn sie stehenbleibt. Wenn heutige Generationen der Kämpfe verhindern wollen, dass das Erbe vergangener Generationen sie herunterzieht, wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden, dann können sie diese Tradition nicht unhinterfragt wiederholen. Authentische Kreation benötigt Formen der Wiederholung, welche „sich beständig selbst (kritisieren), sich fortwährend in ihrem eignen Lauf (unterbrechen), auf das scheinbar Vollbrachte zurückkommen, um es wieder von neuem anzufangen“ (Marx).&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;TALKIN´ BOUT MY GENERATION …&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Vielleicht sollten wir an diesem Punkt zu skizzieren versuchen, was wir überhaupt unter Generation verstehen. Anfangen können wir bei der nicht gerade auf der Hand liegenden Figur von Thomas Jefferson. Obwohl er der zweite Präsident der Vereinigten Staaten war, war er gleichzeitig als Revolutionsführer mit den Problematiken konfrontiert, die eine Revolution mit sich bringt. Er nähert sich dem Konzept der Generation, indem er die Logik des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs fortführt: Wenn ein Land nicht zur Einhaltung der Gesetze eines anderen Landes verpflichtet werden kann, dann kann auch eine Generation nicht verpflichtet werden, sich an die Gesetze der Vorgänger_innen zu halten. Diese Auffassung führt Jefferson zu folgendem Vorschlag: „Die Erde gehört den Lebenden … Jede Verfassung also und jedes Gesetz vergeht naturgemäß nach Ablauf von 19 Jahren. Wenn sie noch länger angewendet werden, so geschieht dies durch Gewalt und nicht aufgrund von Recht.“ (Thomas Jefferson: Unabhängigkeitserklärung)&lt;br /&gt;Nun finden Geburten nicht in einem 20-Jahres-Rhythmus statt, sondern kontinuierlich. Insofern macht das Konzept der „Generationen“ nur insofern Sinn, als dass sie durch grundlegende gemeinsam gemachte Erfahrungen geformt werden. Jeffersons Generation zum Beispiel wurde durch die Amerikanische Revolution geprägt, so wie die globalisierungskritische Bewegung durch die Erfahrung von Seattle 1999 geprägt wurde. Generationen entstehen durch Ereignisse. Und auch diese Ereignisse passieren nicht in einem 20-Jahre-Zyklus. Dies impliziert, dass die gleichen Gruppen oder Individuen an verschiedenen Generationen des Kampfes teilhaben können.&lt;br /&gt;Beim Übergang von einer Generation zur nächsten kommt es allerdings zu Schwierigkeiten. Schon jetzt lassen sich in den Versuchen, sich der gegenwärtigen Krise anzunähern, einige missglückte und potentiell absurde Wiederholungen vergangener Kämpfe erkennen. Uns interessiert genau der Punkt, mit dem alle Generationen konfrontiert sind, wenn der Boden unter ihnen sich verschiebt. Um an der Geburt einer neuen Generation teilzuhaben, muss viel aufgegeben werden – häufig ist es der durch ein Ereignis ausgelöste Schock, der diesen Prozess vollenden kann und Übergang von einer gesättigten Problematik zu einer neuen erlaubt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;STEPPING OUT OF LINE: Aus der Reihe tanzen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Historisch betrachtet war es der Auftrag der Partei, diesen Generationenübergängen Sinn zu geben. Unter Partei verstehen wir hier anarchistische Gruppen, kommunistische Zellen, Gewerkschaften, anarcho-syndikalistische Organisationen oder die orthodox-leninistische Linke. Die Partei ist sowohl der Aufbewahrungsort für die Geschichte der Klasse als auch das Labor für strategische Innovation. Als solche spielt sie eine wichtige inter-generationelle Rolle und verbindet Menschen aus unterschiedlichen Bereichen und Traditionen durch ein gemeinsames Ziel. Soweit die Theorie. In der Praxis hat die Parteien-Form bei dem Versuch, verschiedene Kämpfe miteinander zu verbinden, spektakulär versagt. Ältere Generationen tendieren dazu, ihre Erfahrungen zu universalisieren und eine Strategie zu diktieren. Mit Mechanismen, die auf Reproduktion statt auf Regeneration setzen, ist die Partei unfähig sich ändernden Bedingungen anzupassen. Wie ein Wiederkäuer würgt sie die gleiche alte Parteilinie hervor und fällt auf ein Programm zurück, das sie als die eine immerwährende Wahrheit betrachtet.&lt;br /&gt;Unter diesen Umständen riskieren Parteien Zusammenbruch und Auflösung. Organisationen bündeln Energie: Dies kann einerseits produktiv sein, weil es soziale Kräfte auf eine begrenzte Anzahl von Themen konzentriert. Aber in manchen Fällen führt dies zur Stagnation. Die Organisation aufzubrechen setzt Energie frei und erlaubt die Kreation neuer Formen. Die Geschichte der kommunistischen Bewegung (die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt) ist eine des Zusammenkommens, des Auseinanderbrechens, der Degeneration und der Regeneration.&lt;br /&gt;In den letzten Kampfzyklen gab es eine weitere Organisationstradition. Die radikale direkte Aktion, die auf kleinen Bezugsgruppen basiert, hat ihre mobile horizontale Form effektiv zu nutzen gewusst. Von &lt;em&gt;Reclaim the Streets&lt;/em&gt; über Gipfelproteste zum Klimacamp und darüber hinaus bot sie Raum für Experimente und Innovationen. Indem sie orthodoxe revolutionäre Ansätze mied, war sie in der Lage, neue Visionen entstehen zu lassen und auf neue Möglichkeiten zu reagieren. Allerdings hat die Kreativität ihren Preis: Die informelle Form dieser Bewegung mit all dem Ballast der Subkultur schließt die Bewegung nach außen hin ab und macht sie dem Wandel gegenüber resistent, wenn auch in einer anderen Weise als die Partei. Das Bezugsgruppenmodell ist sehr voraussetzungsreich. Es funktioniert am besten, wenn ein tiefes Vertrauen entstanden ist, das auf einer geteilten persönlichen Geschichte basiert.&lt;br /&gt;Hier, scheint es, haben wir ein Dilemma identifiziert. Die Parteiform ist zu starr, aber unser Bezugsgruppenmodell hat eigene Grenzen und Ausschlüsse. Vielleicht sollten wir Organisation weniger als Substantiv, als feste Einheit oder Modell denken, sondern lieber das Verb und den Prozess stark machen (das Organisieren, eine Organisierung). So wird es leichter, politische Organisierung als eine Art Navigation durch einen Ozean zu verstehen, der zwischen dem liegt, was ist und dem, was sein könnte. Politische Organisierung bedeutet, kollektiv Sinn zu erzeugen und dann danach zu handeln. Aber genau darin liegt eine radikale Uneindeutigkeit, ein fortwährendes Ausjustieren zwischen der Beteiligung am Hier und Jetzt und dem Versuch, dieses Hier und Jetzt zu überwinden. Der Widerstand gegen kapitalistische Zwänge ist nicht abstrakt – er findet immer an einem konkreten Ort zu einer bestimmten Zeit statt. Aber wenn der kollektive Kampf zum Vorschein kommt, bringt er eine ganze Geschichte ans Licht und verbindet uns mit vergangenen Siegen und kommenden Kämpfen. Die Zeitlichkeit von politischer Organisierung ist eine von Brüchen und Wiederholungen. Brav gewühlt, alter Maulwurf!&lt;br /&gt;Wie das alles mit den Möglichkeiten neuer Generationen zusammenhängt, ist vielleicht nicht unmittelbar zu erkennen. Aber bei der revolutionären Organisierung geht es um Neuzusammensetzungen sozialer Kräfte und sozialer Beziehungen, um Kreation neuer Körper. Das Problem der Partei- und der Bezugsgruppenform ist, dass beide dazu tendieren, sich selbst zu reproduzieren. Generationen aber formen sich um Ereignisse herum und haben keinen vorhersehbaren oder messbaren Output. Die kollektive Transformation, die das Konzept der Generation anbietet, bedeutet, dass wir permanent verändert werden, während wir durch sie hindurch gehen. Generationen generieren und regenerieren sich, daher ist es vielleicht sinnvoller auch Generationen eher als Verb zu begreifen statt als Substantiv.&lt;br /&gt;Im November 2010 während der Studierendenproteste in Großbritannien gab es eine Demonstration durch die Innenstadt von Leeds, an der sich mehrere tausend Personen beteiligten. Ungewöhnlicherweise nahmen sowohl Schüler_innen, Oberstufenschüler_innen als auch Studierende und Uni-Angestellte daran teil. Diese neue Mischung produzierte eine aufgeregte, militante und aufsässige Atmosphäre, die in der spontanen Besetzung eines Unigebäudes der University of Leeds endete. Der große Theaterraum füllte sich schnell mit mehr als tausend Leuten, eine Musikanlage, die auf dem Marsch benutzt worden war, wurde in den Raum gebracht und Neuigkeiten wurden mit einem Projektor auf die Wand projiziert. Eine größere Gruppe Jugendlicher tanzte und bei jedem neuen Bild demonstrierender Studierender wurde laut gejubelt. Die Atmosphäre war kribbelig, fast außer Kontrolle und völlig elektrisiert. Die Musik verstärkte das Gefühl der Einheit, während der Jubel über den Protest diese Einheit politisierte. Leider dauerte diese außergewöhnliche Szene nur zweieinhalb Songs. Denn dann stellte ein älterer Aktivist der Studierenden die Musik ab. Ein Streit folgte, die Jüngeren wollten die Musik wieder anmachen, andere brüllten sie nieder. Die Uni-​&lt;br /&gt;Aktivist_innen, die die Kontrolle über das Mikro hatten, argumentierten, dass es eine „ernsthafte Besetzung“ sein solle und eine Liste mit Forderungen an die Unileitung erstellt werden müsse. Nach einer vagen Abstimmung wurde verkündet, dass diejenigen, die weitertanzen wollten, dies draußen tun sollten. Die Musikanlage wurde allerdings nicht wieder eingeschaltet. Binnen einer Stunde wurde die Wahl eines Komitees vorgeschlagen, das die Besetzung führen sollte. Dies löste eine endlose und schlechtgelaunte Debatte aus. Die Aufregung und die Energie waren verpufft – und 80 Prozent der Leute verschwunden.&lt;br /&gt;Es wäre zu einfach, aus dieser Geschichte billige politische Schlüsse zu ziehen, aber offensichtlich war es eine heikle Situation. Die besten Handlungsoptionen waren überhaupt nicht offensichtlich. Das anfängliche Gefühl der Einheit verbarg ganz reale Brüche und Spaltungen zwischen den Beteiligten. Und als Konflikte aufkamen, traten komplexe Dynamiken von class, race und gender ans Licht.&lt;br /&gt;Das hätte noch kein Problem sein müssen: Es zeigte lediglich, dass es sich um einen Moment echter Bewegung gehandelt hat. Der Protest hatte Leute zusammengebracht, die normalerweise vielleicht antagonistische Interessen haben, oder zumindest kein gemeinsames Ziel. Vielleicht lag der Fehler darin, einer neuen Situation ein Modell der Organisierung aufzudrängen, das die Neuartigkeit der Situation nicht berücksichtigen konnte. Die studentische Linke hatte eine Vorstellung davon, wie Studierendenproteste auszusehen haben und sie wussten welche Form der Organisation diese brauchte. Aber auch wenn dieses Modell für vorherige Besetzungen vielleicht, vielleicht auch nicht, funktioniert hat, war die Situation hier anders. Die Zusammensetzung war – zumindest am Anfang – ganz neu. Viele der Oberstufenschüler_innen und der Jugendlichen waren die Kultur und Erwartungen der studentischen Linken nicht gewohnt und die Einführung von Bürokratien schreckte sie ab. Sie zogen sich zurück, und schlossen wiederum diejenigen aus, die nicht mit ihnen übereinstimmten. Wenn die Organisierungserfahrungen vergangener Generationen mechanisch wiederholt werden, wird neues Potential erstickt. Einer Generation muss Zeit gegeben werden, sich zu generieren, einer Bewegung muss Raum gegeben werden sich zu bewegen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Postskript für die deutsche Übersetzung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dieser Text wurde im Januar 2011 geschrieben. Insofern enthält er weder Bezüge zum arabischen Frühling, der Bewegung der Indignados in Spanien oder Griechenland noch zur Occupy-Bewegung. Allerdings sind mit diesen kurz darauf entstandenen Bewegungen die hier angerissenen Fragen eher dringlicher geworden.&lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 28 Feb 2012 13:09:26 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Kurze Geschichte einer kurzen Geschichte</title>
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                    &lt;p&gt;Diese kurze Geschichte der Klima(ge-rechtigkeits)bewegung bewegt sich  irgendwo zwischen linker (Gegen-)Geschichtsschreibung und der Analyse  eines produktiven Scheiterns. Ever tried, ever failed? Ja und ja, und  trotzdem war’s richtig und nützlich.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;em&gt;Diese kurze Geschichte der Klima(ge-rechtigkeits)bewegung bewegt sich irgendwo zwischen linker (Gegen-)Geschichtsschreibung und der Analyse eines produktiven Scheiterns. Ever tried, ever failed? Ja und ja, und trotzdem war’s richtig und nützlich.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;„Es grünt so grün“ wenn des Kapitalismus‘ Blüten blühen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Kapitalismus steckt in drei Krisen, in einer politischen, einer ökonomischen und einer sozial-ökologischen. Letztere, nämlich die eskalierende Klimakrise, ist zwar langfristig systemgefährdend, sie enthält aber auch das Potential die anderen Krisen systemstabilisierend zu überwinden: Ein sogenannter grüner Kapitalismus, wird die Biokrise nicht lösen, denn kapitalistisches Wirtschaften kann, da es Grenzen nicht ertragen kann, auch nicht nachhaltig innerhalb sozio-ökologischer Grenzen bleiben. Ein „grüner Kapitalismus“, so unsere These, wird jedoch die Biokrise inkorporierend nutzen, um politischen Institutionen wieder Legitimität zu verschaffen und neue Wachstumssektoren zu eröffnen, sei es in erneuerbaren Energien, „grünen Autos“, oder Ähnlichem.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Klimawandel hinterm Ofen?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Trotz dieser Brisanz lockt das Thema Klimawandel in der radikalen Linken niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, auch wenn das vor einigen Jahren noch anders war: 2005 hatte der Wirbelsturm Katrina, der New Orleans verwüstete, klar gemacht, dass „die ökologische Frage“ eine soziale ist; 2006 hatte der Stern Report (Stern Review on the Economics of Climate Change) des ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern dem Kapital deutlich gemacht, dass Klimaschutz nicht nur Kosten bedeutet, sondern auch ordentlich Wachstum und Gewinne verspricht. Hierzulande hatte der merkwürdig warme Winter 2007 dafür gesorgt, dass sich das Thema in den gesellschaftlichen Alltagsverstand einprägte. Kurz: Der Klimawandel war 2007 das wichtige Thema und erweckte den Anschein, als würde er es auch für geraume Zeit bleiben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Eine bewegende Coming out-Party&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Zunächst sah es in der BRD diesbezüglich gar nicht schlecht aus: Bei den „Perspektiventagen“ 2008 in Berlin wurde darüber diskutiert, welche thematische Klammer unterschiedliche Spektren zusammenbringen könnte. Diese Diskussionen legten die Grundlage dafür, dass im August 2008 gemeinsam mit dem organisatorisch besser aufgestellten Antira-Spektrum ein kombiniertes antirassistisches und Klimacamp in Hamburg organisiert wurde. &lt;br /&gt;Und – was hat’s gebracht? Auf der Habenseite schafften wir es als Klimacamp, sehr viel positive Medienaufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Die Beteiligung der Grünen Jugend am Camp machte es der Regierung zudem fast unmöglich, uns wie üblich als „Chaoten-Camp“ von der Straße zu fegen. Negativ schlägt zu Buche, dass nur wenige Aktivist_innen im Camp über das Klimathema mobilisiert wurden. Dieser etwas frustrierende Zweiklang – viel mediale Aufmerksamkeit, wenig aktivierte Leute – ließ sich bisher auch in vielen anderen Ländern beobachten, oft unabhängig davon, ob die Aktionen von der radikalen Linken oder anderen Akteur_innen organisiert wurden. Jedoch standen wir auch gerade erst am Anfang eines neuen Zyklus sozialer Kämpfe und was uns fehlte, so schien es, war eine Art Initialzündung, eine „Coming-out-Party“, wie Naomi Klein damals die Seattle-Proteste beschrieben hatte. Außerdem waren wir überzeugt: Der „grüne Kapitalismus“ nahte mit Riesenschritten.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Intermezzo: Krise&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Weltwirtschaftskrise wurde zur Bewährungsprobe für die Thesen der radikalen Klimabewegung: Würde jetzt der „grüne Kapitalismus“ kommen, den wir schon vor seiner Ankunft auf dem weltgeschichtlichen Parkett zur Zielscheibe unserer Kritik gemacht hatten? Um die Antwort vorwegzunehmen: Nein, er kam (noch?) nicht. Zwar glauben wir, dass die momentane Diskussion um eine „Energiewende“ hierzulande zeigt, dass wir nicht total falsch lagen – eine „grüne“ Energiewende kommt, sie wird auch in anderen Ländern kommen – wir hatten aber den Zeitrahmen dieser Veränderungen unterschätzt. &lt;br /&gt;Die in vielen Ländern aufgelegten Konjunkturprogramme enthielten in den meisten Fällen kaum ernst zu nehmende „grüne“ Investitionen. Und hierzulande? Über die Abwrackprämie (offiziell: Umweltprämie) muss wohl kaum noch etwas gesagt werden, während die explizit neoliberale FDP ihren höchsten Stimmenanteil bei einer Bundestagswahl einfuhr. Nicht nur hatte die Geschichte es wohl versäumt, den Neoliberalismus über sein Ableben zu informieren – die gesellschaftlichen Kräfte, von denen wir erwartet hatten, dass sie seinen geschwächten Leib von der Bühne räumen würden, blieben kraftlos. Machte unsere Kritik am „grünen Kapitalismus“ unter diesen Umständen noch Sinn, oder bewegten wir uns damit in eine typisch-ultralinke Sackgasse, wo unser radikales Nein uns eventuell den Blick dafür verstellte, wo der wirkliche Feind stand?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Hoffnungsfalle Klimagipfel&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Nichtsdestotrotz: Die Mobilisierung zum Klimagipfel in Kopenhagen lief auf Hochtouren. Mag die Kritik am „grünen Kapitalismus“ auch etwas verfrüht gewesen sein, sie erzeugte Resonanz und war ein effektives politisches Alleinstellungsmerkmal. Mit unseren geplanten Aktionen konnten wir das politische Feld um diese sonst ziemlich drögen Gipfel gehörig aufmischen und das zivilgesellschaftliche Feld spalten: in diejenigen, die weiterhin darauf setzten, dass der Gipfel irgendwie ein effektives, faires und rechtsverbindliches Abkommen produzieren würde, und all jene, die keinerlei Hoffnung in die Verhandlungen setzten, aber hofften, dass Kopenhagen der Startschuss für eine kraftvolle soziale Bewegung würde.&lt;br /&gt;Unsere großen Hoffnungen blieben jedoch auf der Strecke. Der Kollaps der Verhandlungen ging nicht einher mit einer signifikanten Stärkung sozialer Bewegungen. Die zentrale Demo war zwar riesig (circa 100000 Leute), sagte aber kaum mehr aus als „Könnte hier bitte jemand das Klima retten?“ Alle anderen Aktionen blieben relativ klein, 2000 präventive Verhaftungen wurden ohne großen Widerstand durchgeführt und nachher mussten wir uns eingestehen: war wohl nix mit Coming-out. Prompt verschwand das Thema auch aus den Medien.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Radikale Gerechtigkeit, Moral und Emanzipation&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Gründe für das relative Scheitern unseres Versuches, in der BRD und in Europa eine radikale Klimabewegung oder, wie wir es in der Mobilisierung formulierten, eine Bewegung für Klimagerechtigkeit aufzubauen, liegen aber auch in der Natur der Sache. Der Begriff ist in der Debatte hierzulande ein vor allem von NGOs und wenigen Linksradikalen besetzter Import. In den USA, wo der Begriff herkommt, steht dieser für eine bewegte und radikale Gesichte: In den 1960er Jahren entstand die Umweltbewegung vor allem als eine Bewegung der weißen Mittelklasse, was darin mündete, dass schmutzige Industrien noch mehr als vorher in arme Communities of Color ausgelagert wurden. Diese machten auf den environmental racism aufmerksam und forderten environmental justice. Umweltgerechtigkeit besagt, dass Umweltprobleme, die nicht als soziale Probleme verstanden werden, nicht gelöst, sondern nur einige Stufen in der sozialen Skala nach unten verschoben werden. Eine tatsächliche Lösung der auf die Umwelt reduzierten Probleme bedeutete auch die Lösung der ihnen zugrunde liegenden sozialen Widersprüche. Übertragen wir dieses Argument nun auf den Klimawandel, gelangen wir zum Konzept der Klimagerechtigkeit. Die Distanz zu Debatten hierzulande und die Tatsache, dass der Gerechtigkeitsbegriff von der Sozialdemokratie besetzt ist, bedeutete jedoch, dass Klimagerechtigkeit als Idee und als Klammer kaum Resonanz erzeugte.&lt;br /&gt;Noch schwerwiegender: Der Versuch, eine Klimagerechtigkeitsbewegung aufzubauen, basierte auf keiner strategischen Analyse. Unsere Mobilisierung hatte zumeist moralisch-appellativen Charakter und konnte leicht so verstanden werden, dass wir Menschen in Deutschland dazu aufforderten, ihren Lebensstandard zu senken, damit andere anderswo ein besseres Leben haben können. Moralisch und ökologisch hat das zwar alles seine Richtigkeit – aber es brachte uns in genau die Situation, an der die klassische Umweltbewegung schon scheiterte, nämlich in einen scheinbar unauflösbaren Widerspruch zwischen den Interessen derjenigen, die wir mobilisieren wollten und mussten, und der Moralität, auf die wir uns beriefen. Natürlich sind moralische Argumente relevant, aber Emanzipation muss mehr sein als bloßer Appell, sie muss sich als eigenes Interesse der sich emanzipierenden Subjekte etablieren. Es gab zwar Aufschläge zu anderen Formen der Mobilisierung – beispielsweise gingen die verschiedenen „Fahrt frei“-Kampagnen (zum Beispiel in Bremen oder Tübingen) in eine gute Richtung –, aber auch sie erlebten das Phänomen, sehr viel Medienaufmerksamkeit zu erheischen, aber kaum Leute zu ihren Aktionen zu mobilisieren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ausblick: Klima- und Energiebewegung?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Alles Mist also? Auf keinen Fall, die radikale Klimabewegung mag klein sein, sie ist aber dynamisch und politisch gut platziert. Erstens: Es wird diesen Sommer zwei Klimacamps geben, eines in der Lausitz, gegen die unterirdische Verpressung von CO2 als „grünes“ Feigenblatt der Braunkohleverstromung und eines am Rande des größten Lochs in Europa, dem Braunkohletagebau in Garzweiler. Bei beiden wird Klimagerechtigkeit ein zentrales Thema sein, gleichzeitig schließen die Camps an bereits bestehenden lokalen Widerstand gegen Tagebaue und den Neubau von Kohlekraftwerken an. Wir glauben, dass es wichtig und möglich ist, diese Bewegungsprozesse zusammen mit der Antiatombewegung in einer Art Energiebewegung zusammenzuführen. Wieso? Nun ja, es scheint nun sicher zu sein, dass die Atomkraft hierzulande bald abgeschafft wird. Doch was kommt dann?&lt;br /&gt;Manche sagen, dass wir die „Energiewende“ getrost den NGO, ihren Szenarien und ihrer Expertise überlassen können. Wie aber wird die Energiewende dann aussehen? Wir müssen die radikale Speerspitze des Wandels sein, sonst wird dieser – und hier kommt wieder unsere These vom „grünen Kapitalismus“ zum Tragen – kapitalistisch und autoritär aussehen. Auffällig ist zum Beispiel, dass im weithin diskutierten Energiewendeszenario von Greenpeace an keiner Stelle davon die Rede ist, dass es sinnvoll und wichtig wäre, Strom- und Energieverbrauch zu senken. Stattdessen wird vom Arbeitsplatzwunder durch erneuerbare Energien und von großtechnologischen Wüsten-Solar-Phantasien geschwärmt. Diesbezüglich liegt Greenpeace auf einer Linie mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie: Der hat inzwischen (in Teilen) die Flucht nach vorn ergriffen und will erneuerbare Energiegewinnungskonzepte von einer Nischentechnologie zu einer Breitentechnologie machen, weil nur so damit Geld verdient werden kann. Lieber keine Photovoltaik, eignet sich diese doch (zumindest hierzulande) nur schlecht für zentralisierte Großprojekte. Stattdessen soll auf Offshore-Windparks gesetzt werden, hier werden riesige Wachstumspotentiale für das schwächelnde kapitalistische System erhofft.&lt;br /&gt;Was können wir dagegensetzen? Greenpeace traut sich nicht, die Gretchenfrage zu stellen, ob denn der komplette Umbau auf 100 Prozent erneuerbare Energien bei gleichzeitig weiter steigender Produktion und Konsumption überhaupt wünschenswert ist. Unser Ziel ist ein ressourcenschonendes und gutes Leben für alle, nicht die Beibehaltung des gegebenen kapitalistischen Wachstumswahnsinns auf geänderter Energiebasis. Jetzt rufen einige gleich „Verzichtsrhetorik“ und weisen darauf hin, dass eben moralische Appelle nicht helfen, wenn wir damit noch nicht einmal die eigenen Leute erreichen.&lt;br /&gt;Dazu zwei Anmerkungen: Erstens verzichten wir schon jetzt auf vieles. Weil wir uns ständig den Arsch abarbeiten, verzichten wir auf Zeit, die wir Menschen und Aktivitäten widmen können, die uns wichtig sind. Wir verzichten auf Straßen und Wege, die nicht von Autos beherrscht werden. Beispiele gäbe es viele. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist nicht: Warum sollten wir überhaupt verzichten, denn das tun wir schon, sondern: Worauf wollen wir verzichten? Was wollen wir behalten? Und was gewinnen wir, wenn wir auf der einen Seite auf etwas verzichten, auf einer anderen? Wenn dies unser Ansatz ist, dann kommen wir nämlich an den Punkt, an dem wir sagen: Gegen den massiven Ausbau von Offshore-Windparks, die weiter zu zentralistischen Strukturen im Strommarkt beitragen werden, setzen wir auf die Rekommunalisierung der Energieversorgung. Wir nehmen zum Beispiel die Stadtwerke und machen sie zu Keimzellen der Umverteilung von Macht und Ressourcen von oben nach unten. Unmöglich? Mitnichten. Wenn wir uns anschauen, was auf diesem Gebiet bisher schon alles geschehen ist. So werden beispielsweise in Gemeinden, die schon vor vielen Jahren auf 100 Prozent erneuerbare Energie gesetzt haben, mit dem gewonnenen Solarstrom heute gemeindeeigene Kindergärten subventioniert. Das mag für radikale Linke ein wenig langweilig klingen. Aber immer nur den Winterpalast stürmen zu wollen, bringt uns auch nicht viel weiter.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 18:38:45 +0000</pubDate>
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 <title>Raus aus dem Reservat</title>
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                    &lt;p&gt;Der Artikel „Was heißt Ableism? Überlegungen zu Behinderung und bürgerlicher Gesellschaft“ in der arranca! Nr. 43 hat bei uns einen widersprüchlichen Eindruck hinterlassen. Die politische Intention des Artikels ist uns durchaus sympathisch. Auch der Ansatz einer sozialwissenschaftlichen Definition des Behindertseins in der bürgerlichen Gesellschaft trifft im Großen und Ganzen auf unsere Zustimmung. Doch uns fehlt der konkrete Blick in den Alltag behinderter Menschen, zu denen wir übrigens selber auch gehören.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Der Artikel &lt;a href=&quot;http://arranca.org/43/was-heisst-ableism&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;„Was heißt Ableism? Überlegungen zu Behinderung und bürgerlicher Gesellschaft“&lt;/a&gt; in der &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/43&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;arranca! Nr. 43&lt;/a&gt; hat bei uns einen widersprüchlichen Eindruck hinterlassen. Die politische Intention des Artikels ist uns durchaus sympathisch. Auch der Ansatz einer sozialwissenschaftlichen Definition des Behindertseins in der bürgerlichen Gesellschaft trifft im Großen und Ganzen auf unsere Zustimmung. Doch uns fehlt der konkrete Blick in den Alltag behinderter Menschen, zu denen wir übrigens selber auch gehören.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Alltag und Reservat&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Aus diesem Grund fühlen wir uns auf positive Weise herausgefordert, selber etwas Tinte auszuschwitzen, um eine kleine Portion Alltagsflair aus unserem ganz persönlichen Leben rüberzubringen. Objektivitätsansprüche melden wir besser nicht an. Außerdem überlassen wir das Verbraten sozialwissenschaftlicher Allgemeinplätze über das Dasein Behinderter gerne jenen normalen Fachleuten des Wissenschaftsbetriebs, die sich wertfrei oder auch mal philantropisch über unseren Alltag hermachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir selbst bewegen uns in unserem konkreten Alltag weder im bürgerlichen Mainstream noch auf der entsprechend angepassten Behindertenschiene. Wir sind weder im Blindenverband noch in einer der verschiedenen alternativ gestrickten Selbsthilfegruppen. Solche Organisationen können sicherlich sehr hilfreich sein. Doch aus unserer Sicht sind sie selbst Teil jenes Reservats für Behinderte, das die bürgerliche Gesellschaft für Leute wie uns fürsorglich eingerichtet hat.&lt;br /&gt;Wir aber fühlen uns auf den holprigen Pfaden des Radikalen sehr viel wohler als in der abgeschotteten Sicherheit des Reservats.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ein scheinbares Klischee&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Trotzdem müssen wir ein bekanntes Klischee scheinbar bestätigen: Wir sind sehbehindert und machen Musik. Typisch blind, schallt es da schon mal aus den Tiefen des Publikums. Die meisten Menschen glauben tatsächlich, dass Leute wie wir zum Musikmachen besonders geeignet, quasi verpflichtet sind, weil wir von Natur aus angeblich über ein phänomenales Gehör verfügen. Dieser alte Glaube wird sogar von Sehbehinderten selbst zum Teil gepflegt und wir kennen solche Vorstellungen auch aus linken Kreisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun wollen wir gar nicht bestreiten, dass es unter Blinden und Sehbehinderten relativ viele Leute mit sehr guten Ohren geben kann, vielleicht sind sogar wir beide damit ausgestattet, was uns keineswegs ärgern würde. Einen Vergleichstest mit dem Gehör der „Normalen“ haben wir jedoch nicht gemacht. Wir bestreiten ohnehin, dass nur unser Gehör Grund für die Aufnahme einer Musiker_innentätigkeit gewesen ist. Immerhin gibt es auch Menschen mit Adleraugen, die Musikmachen als Traumberuf betrachten.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ausbruch aus dem Reservat&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wir jedenfalls haben mit Musik und ein bisschen Schreiberei unseren prekären Platz in der bürgerlichen Leistungsgesellschaft ergattert.&lt;br /&gt;Dafür werden wir von manchen wohlmeinenden Mitmenschen sogar ein bisschen bewundert. Weil uns das aber weder dankbar noch zufrieden macht, müssen wir auch noch auf Berge klettern und wenn Schnee liegt, diese auf schnellen Brettern auch wieder runterfahren. Die zahlreichen anderen von uns gepflegten Dummheiten wollen wir mal lieber nicht erwähnen, denn die wohlmeinenden Mitmenschen lassen dann erfahrungsgemäß jede Menge Unverständnis vom Stapel. Musikmachen wäre ja okay, weil das durchaus als Teil des Reservats durchgehen könnte. Alles andere ist aber eindeutig Ausbruch aus dem Reservat und daher nicht akzeptabel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt in diesem Land ohnehin genug Leute, die es für unverantwortlich halten, Blinde und Sehbehinderte vor die Tür zu lassen, weil sie alles umrennen – was durchaus stimmen kann. Neulich erst erwischten wir beim Joggen eine Schubkarre, die mitten im Weg stand und wir hielten einen Mann, der uns im Wald beim Pinkeln beobachtete, zunächst für einen verrotteten Baumstumpf. Einmal gerieten wir sogar auf das Gelände eines umzäunten Sperrgebietes. Wie das passieren konnte, wissen wir bis heute nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nein, sie haben uns nicht gleich erschossen, auch nicht, als die Bullen uns mal beim Mais pflücken erwischten. Bei solchen Aktionen haben wir offenbar immer einen Blindenbonus. Die denken tatsächlich, wir hätten nicht gesehen, was wir da machten. Nicht, dass wir unbedingt in den Knast wollen. Aber wir fragen uns schon manchmal, was wir noch alles machen müssen, um nicht immer als Leute aus dem Reservat behandelt zu werden. Einfallen könnte uns da schon vieles.&lt;br /&gt;Wenn wir über so was reden, lösen wir durchaus blankes Entsetzen aus. Dann gibt es wieder diese wohlmeinenden Mitmenschen, die uns die Vorzüge des Reservats schmackhaft machen wollen. Entsetzt sind aber manchmal auch unsere erwachsenen Kinder. Sie können zum Beispiel nicht ganz verstehen, dass wir uns auch noch als politische Aktivist_innen betätigen müssen. Wobei wir uns kaum mit Behindertenpolitik beschäftigen. Das ausschließliche Agieren im politischen Reservat der Betroffenen wäre uns etwas zu eng und Reservatssprecher_innen wollen wir überhaupt nicht sein. Eher befassen wir uns mit der brennenden Aktualität, gehen also mal zum Mais pflücken, Castor schottern oder Nazis verjagen. Die Kids fragen dann schon mal, ob das Herumtreiben auf Demos für Leute wie uns nicht zu gefährlich sei. Aber gerade solche Aktivitäten sind wichtig und notwendig, um von der bürgerlichen Gesellschaft nicht im Behindertenreservat abgelegt zu werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Applaus für die Stars&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Manchmal wird Behinderten aber auch heftig applaudiert. Als die blinde Biathletin Verena Bentele im vergangenen Jahr fünf Goldmedaillen gewann, war für die breite Öffentlichkeit eine Heldin geboren. Monatelang war sie Quotenbringerin für alle möglichen Rundfunk- und Fernsehsender und im Internet ist ihre Präsenz bis heute ungebrochen. Oder Stephen Hawking, dieser Dauerstar der Astrophysik, Erbe Einsteins und mathematischer Erkunder der Unendlichkeit, reißt bisweilen via Computer auch noch Witze über seine Behinderung und die große Wissenschaft. Aber es geht auch mit der hohen Kunst des Schreibens, wie der US-Schriftsteller Jim Knipfel bewiesen hat. Als blinder Punk entspricht er ganz besonders den Wünschen des sensationslüsternen Publikums. Seine Kolumne „Blindfisch“ war viele Jahre ein Renner in verschiedenen US-Blättern und sein gleichnamiger Roman fand auch kräftigen Applaus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Begeisterung auf allen Kanälen, quer durchs Internet und auch in den Feuilletons. Selbst wir sind angesteckt. Das sind doch welche von uns, die den sogenannten Normalen mal gezeigt haben, wo die Flinte und der Rechenschieber hängen und wie eine anständige Story geschrieben wird.&lt;br /&gt;Die sind raus aus dem Reservat, sind aus dem Gebüsch ins Rampenlicht gesprungen, haben Spitzenleistung gebracht. Ihre Behinderung wird dabei keinesfalls vergessen, im Gegenteil, sie gehört zur Steigerung der Sensation dazu. In einer Zeit, die permanent nach Entertainment und Superlativen giert, passen die paar behinderten Stars voll ins Programm. Behinderte wurden, wie Leute aus anderen Reservaten, schon immer gern vorgeführt – früher im Zirkus, heute im Internet.&lt;br /&gt;Klar, wir bedienen diesen Zeitgeist bisweilen auch, kokettieren in unseren Songs und bei den Auftritten durchaus mit unserer Behinderung. Das bringt Aufmerksamkeit und Kohle. Und die brauchen wir in dieser herrlichen Gesellschaft, wenn wir nicht wieder ins Reservat verbannt werden wollen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 18:31:58 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Wer von Vereinnahmung redet darf von Erfolgen nicht schweigen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/wer-von-vereinnahmung-redet-darf-von-erfolgen-nicht-schweigen</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Hausbesetzungen sind eines der Zauberwörter linker Bewegungen: Sie sind  unmittelbar radikal, sie brechen mit der Eigentumslogik, sie schaffen  reale Freiräume, in denen es möglich scheint, kapitalistischen  Herrschaftsverhältnissen zumindest teilweise zu entgehen.  Hausbesetzungen haben eine glorreiche Geschichte. Mit ihnen verbinden  sich Erinnerungen an kurze Sommer der Anarchie, wie es sie in vielen  europäischen Städten gegeben hat.&lt;br /&gt; Nach den großen Berliner Hausbesetzungsbewegungen der 1980er und 1990er  Jahre wird die Legendenbildung überlagert von einer weniger  ‚glorreichen’ Wahrnehmung. Angesichts der kompromisslosen Berliner  Räumungspolitik erreichen Besetzungen oft nur noch symbolische Wirkung.  Sie werden als szeneradikale Rituale wahrgenommen, die städtische  Machtverhältnisse kaum in Frage stellen. Und spätestens seit das Wort  Gentrifizierung in aller Munde ist und die Kritik daran ergänzt wird  durch eine Selbstkritik der eigenen Pionierrolle, rücken auch  (ex-)besetzte Häuser in ein anderes Licht. Eine in Mode gekommene  Debatte um die Vereinnahmung linker Bewegungen beschreibt Hausprojekte  als subkulturelle Farbtupfer, die zu steigenden Mieten und Verdrängung  beigetragen hätten.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Hausbesetzungen sind eines der Zauberwörter linker Bewegungen: Sie sind unmittelbar radikal, sie brechen mit der Eigentumslogik, sie schaffen reale Freiräume, in denen es möglich scheint, kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen zumindest teilweise zu entgehen. Hausbesetzungen haben eine glorreiche Geschichte. Mit ihnen verbinden sich Erinnerungen an kurze Sommer der Anarchie, wie es sie in vielen europäischen Städten gegeben hat.&lt;br /&gt;Nach den großen Berliner Hausbesetzungsbewegungen der 1980er und 1990er Jahre wird die Legendenbildung überlagert von einer weniger ‚glorreichen’ Wahrnehmung. Angesichts der kompromisslosen Berliner Räumungspolitik erreichen Besetzungen oft nur noch symbolische Wirkung. Sie werden als szeneradikale Rituale wahrgenommen, die städtische Machtverhältnisse kaum in Frage stellen. Und spätestens seit das Wort Gentrifizierung in aller Munde ist und die Kritik daran ergänzt wird durch eine Selbstkritik der eigenen Pionierrolle, rücken auch (ex-)besetzte Häuser in ein anderes Licht. Eine in Mode gekommene Debatte um die Vereinnahmung linker Bewegungen beschreibt Hausprojekte als subkulturelle Farbtupfer, die zu steigenden Mieten und Verdrängung beigetragen hätten.&lt;br /&gt;Beide Sichtweisen sind trügerisch. Einer legendären Stärke der Bewegung kann mensch nur nachtrauern oder auf einen spontanen Neuausbruch der Revolte hoffen. Und eine Debatte um eigene Verstrickungen in die Herrschaftsverhältnisse scheint hochgradig selbstreflektiv zu sein. Doch sie ist auch ein Spiegel linker Selbstüberschätzung und Ohnmacht. Selbstüberschätzung, weil sie sich fast eitel als Verdienst an den Hut steckt, Stadtviertel auch über die Szene hinaus attraktiv gemacht zu haben. Und Ohnmacht, weil kaum Aussicht darauf zu bestehen scheint, die gesellschaftlichen Verhältnisse herauszufordern und weil die Betrachtung der eigenen Schuld die Handlungsunfähigkeit der Linken noch erhöht.&lt;br /&gt;Erzählungen vom Niedergang und wie man ihnen entkommen kann&lt;br /&gt;Mit der Vereinnahmungs-Diskussion scheint sich in Berlin eine Niedergangserzählung durchgesetzt zu haben. Die hört sich ungefähr so an:&lt;br /&gt;Nachdem zwischen Dezember 1980 und Mai 1981 circa 165 Häuser besetzt worden waren, beendete der neu gewählte CDU-Senat den Höhenflug der Bewegung. Als die Berliner Polizei auf einer Demo einen Besetzer in den Tod trieb und Hausdurchsuchungen und Räumungen zum Alltag wurden, begann sich die Bewegung zu spalten. Stadtteilgruppen drängten auf wohnungspolitische Reformen und fanden militante Aktionen dafür nur hinderlich. Die Verhandler_innen sahen in der Legalisierung die einzige Möglichkeit, ihre Häuser zu halten. Und die Nicht-Verhandler_innen aus dem autonomen Spektrum sahen sich zusehends an den Rand gedrängt.&lt;br /&gt;Die Spaltung entsprach einer Doppelstrategie des Senats: selektive Einbindung guter Besetzer_innen und repressive Marginalisierung der Chaoten. Die Stadtteilgruppen ließen sich in Beteiligungsverfahren einbinden und professionalisierten sich, um den Anforderungen von Planungsrunden und Mittelvergaben zu entsprechen. Und die Verhandler_innen richteten ihre Energien auf die erhofften Verträge und die staatlich subventionierte Instandsetzung ihrer Häuser.&lt;br /&gt;1984 wurden die letzten Häuser geräumt. Die mehr als 100 legalisierten Häuser wurden zum Spezialfall der „behutsamen Stadterneuerung“: Statt Abriss und spekulativem Neubau wurden Altbauten saniert. Aus den Widerstandshorten in Kreuzberg und Schöneberg wurden „lebendige“, alternativ geprägte Szeneviertel.&lt;br /&gt;Doch die Gentrifizierungswelle traf Ende der 1990er Jahre zunächst die Ostberliner Innenstadt. Dort wurden 1989/90 rund 120 Häuser besetzt und nach der Räumung der Mainzer Straße im November 1990 größtenteils legalisiert. Mehr als noch in den 1980er Jahren sorgten sie für die subkulturelle Begleitmusik einer Aufwertung, die mit der Verdrängung bisheriger Bewohner_innen einherging. Auch hier wurden Mieter_innenberatungen für einen reibungslosen Ablauf der Sanierungen instrumentalisiert und die Häuser wurden zu unfreiwilligen PionierInnen einer Aufwertungsdynamik, die nach immer neuen Trendbezirken suchte.&lt;br /&gt;Diese Erzählung scheint die Konsequenz nahezulegen, dass die Bewegung durch die Legalisierung der besetzten Häuser und die Einbindung in eine progressive Stadtpolitik unfreiwillig zur Neoliberalisierung Berlins beigetragen habe.&lt;br /&gt;Um dieser hermetischen Erzählung zu entkommen, ist ein Blick über den Tellerrand hilfreich. In Barcelona beispielsweise hat das moviment okupa einen anderen Weg gewählt: Verweigerung jeder Verhandlungen und unzählige Besetzungen, die auch unter den Bedingungen staatlicher Kriminalisierung und unzähliger Räumungen seit mehr als 15 Jahren beständig um die 20 besetzte soziale Zentren und eine unüberschaubare Anzahl von besetzten Häusern und Wohnungen halten konnte.&lt;br /&gt;Doch auch in Barcelona ist Besetzen keine reine Erfolgsgeschichte. Der Höhepunkt der Bewegung wurde bereits Ende der 1990er Jahre überschritten und seitdem herrscht auch dort Ernüchterung. Der Großteil der Szene hält an den Wurzeln der Besetzungsbewegung – Autonomie, Selbstorganisation und keine Verhandlungen – fest und verurteilt jede politische Öffnung. Gleichzeitig wirken der ständige Wechsel von Besetzung, Räumung und Neubesetzung, die juristischen Auseinandersetzungen und die Erfahrung staatlicher Repression zermürbend und stadtteilübergreifende Organisierungen gibt es kaum noch.&lt;br /&gt;Erfolg haben immer die anderen&lt;br /&gt;Heute scheint sowohl in Berlin als auch in Barcelona die Lage ziemlich aussichtslos zu sein. Doch kann ein Blick auf die jeweilige Geschichte, der sich von den Niedergangserzählungen und von einem simplen Entweder-oder-Schema – Vereinnahmung oder Widerstand – löst, wichtige Ansatzpunkte für eine zeitgemäße radikale Stadtpolitik hervorholen.&lt;br /&gt;Dabei ergänzen sich die dargestellen Erzählungen in ihren Blindstellen. Für Berlin bleibt erstens unsichtbar, dass die Vereinnahmung von Bewegungsteilen nur ein Teilaspekt eines wichtigen Erfolges war: Zumindest für Kreuzberg konnte für etwas mehr als zehn Jahre ein progressives Stadterneuerungsmodell durchgesetzt werden, das den Vorstellungen stadtpolitischer Initiativen sehr nahe kam und das half, die Gentrifizierung bis Mitte der 2000er Jahre hinauszuzögern. Die Besetzungsbewegung Barcelonas ist in dieser Hinsicht wirkungslos geblieben: Mit den ersten Besetzungen 1985 fällt zeitlich ein Umbruch in der Stadtpolitik zusammen, der eine für Berliner Verhältnisse unvorstellbare Neoliberalisierung in Gang setzte, mit Kommerzialisierung, Mietsteigerungen, Verdrängung aus der Innenstadt und der weitgehenden Ausrichtung auf den internationalen Tourismus als Folgen.&lt;br /&gt;Zweitens hat die Legalisierung nicht zwangsläufig zu einem „Schöner Wohnen“ geführt, sondern eine Bewegungsinfrastruktur dauerhaft abgesichert. Besetzte Häuser bieten nicht nur Treffpunkte, Arbeits- und Veranstaltungsräume, sondern auch billigen Wohnraum, der weit unter dem Mietniveau vergleichbarer Häuser liegt. Und in den gut 15 Jahren seit den letzten Legalisierungen war das Häuserspektrum immer wieder Ursprung widerständiger Aktionen. Auch in der verhandlungs- und legalisierungsfreien Zone Barcelona ist die Öffnung solcher Freiräume ein wichtiger Erfolg des moviment okupa – Freiräume, die mangels Mietzahlungen noch „freier“ sind, allerdings um den Preis relativer Unbeständigkeit.&lt;br /&gt;Und drittens ist es wichtig zu sehen, dass das Auseinanderfallen der 1981er-Bewegung in Berlin voraussetzte, dass es eine solche Breite mit ganz unterschiedlichen, auch gegensätzlichen Interessen überhaupt gegeben hat. In Barcelona ist das immer ein fernes Ziel gewesen. &lt;br /&gt;In umgekehrter Hinsicht kann auch die Geschichte des moviment okupa die Berliner Diskussion bereichern. Die Neoliberalisierung der Stadt zeigt, dass eine aggressive Gentrifizierungspolitik auch ohne Einbindung der Besetzungsbewegung und subkulturellen radical chic auskommt. Mit Blick auf Barcelona und auf viele andere Städte weltweit lässt sich auch für Berlin sagen: Die Pionierrolle von (ehemals) besetzten Häusern und subkulturellen Szenen wird maßlos überschätzt.&lt;br /&gt;Gleichzeitig beweisen eine Reihe von Kämpfen, dass besetzte Häuser und soziale Zentren effektiv Sand in das Getriebe der Gentrifizierungsmaschine streuen können. Die Besetzungen der alten Fabrik Can Ricart, eines Hauses am Forat de la Vergonya oder die verschiedenen Häuser der Gruppe Miles de Viviendas wurden zu Kristallisationspunkten für Kämpfe gegen die Gentrifizierungspolitik der Stadtverwaltung. Dass auch in Berlin Hausprojekte aus herrschender Perspektive als Stachel im Fleisch neoliberaler Stadtpolitik wahrgenommen werden und nicht etwa als integriert und befriedet gelten, zeigen die kürzlichen Räumungen von in den 1990ern legalisierten Häusern.&lt;br /&gt;Schließlich zeigen einige soziale Zentren in Barcelona, dass auch heute möglich ist, was es in Berlin Anfang der 1980er und in geringerem Ausmaß Anfang der 1990er gegeben hat: eine aktive Intervention in nachbarschaftliche, wohnungspolitische und migrantische Kämpfe. Die Kämpfe um die Besetzungen von Miles de Vivienda resultierten auch in der Beteiligung an einer Basis-Stadtteilinitiative im gentrifizierungsbedrohten ehemaligen Fischereiviertel Barceloneta, die wohnungspolitische Bewegung V de Vivienda (sie den Artikel von Arndt Neumann in diesem Heft) wird von Besetzer_innengruppen mitgetragen und die Oficinas de Derechos Humanos unterstützen Flüchtlinge und Prekarisierte in ihrem Alltag und ihrer politischen Organisierung.&lt;br /&gt;Erfolge herausstellen und aus Niederlagen lernen&lt;br /&gt;So banal diese Einsicht klingt, so radikal hebt sie sich vom Vereinnahmungsblick ab. Erfolgreiche Mobilisierungen, erkämpfte Freiräume, abgewendete Umstrukturierungsvorhaben und Interventionen in die städtisch-staatliche Politik bieten Ansatzpunkte für heutige Kämpfe gegen das Unternehmen Stadt. Aber auch Spaltungen, das Umschlagen von institutioneller Intervention in politische und personelle Instrumentalisierung sowie die Prekarität einmal erkämpfter Freiräume, sobald ihnen der bewegungspolitische Rückhalt fehlt, sind hierfür lehrreich.&lt;br /&gt;Heutige Kämpfe können aus beiden Geschichten lernen: Eine reine Konzentration auf institutionelle Intervention und Absicherung scheint ebenso wenig erfolgversprechend wie ein reines Verlegen auf außerparlamentarische Aktionen und Selbstorganisation. Erst die immer konflikthafte Kombination beider Strategien hat in Berlin dazu geführt, Forderungen institutionell durchzusetzen. Wenn allerdings der außerparlamentarische Druck fehlt, bleiben Forderungen folgenlos, oder sie können später wieder zurückgenommen werden. Das Beispiel Barcelonas zeigt aber auch: Wenn institutionelle Anknüpfungspunkte fehlen, führt die direkte Aktion weiter als ein Festhalten am staatlichen Dialog.&lt;br /&gt;Sicherlich ist es kein Zufall, dass Erfolge der Besetzungsbewegungen heute unter dem Stichwort der Vereinnahmung diskutiert werden. Aufgenommene Forderungen dienten in Berlin dazu, Teile der Bewegungen zu integrieren und machten es so leicht, andere weniger kooperationsbereite Teile an den Rand zu drängen. Außerdem stellten sich einige Partizipationsmechanismen als Legitimationsbeschaffer für die in den 1990er Jahren beginnende Neoliberalisierung der Stadterneuerung heraus.&lt;br /&gt;Am Ende bleibt die Einsicht, dass Erfolge nicht einfach wiederholt werden können und Niederlagen nicht immer schlau machen, dass an einige Strategien aber angeknüpft werden kann und dass es wichtig ist sich zu vergegenwärtigen, was überhaupt als Erfolg gelten kann: Erfolge gibt es nicht an und für sich und bis in alle Ewigkeit. Zu Erfolgen werden sie erst dann, wenn sie weitere Räume für selbstbestimmte, solidarische Umgangsformen öffnen, für kollektive Lernprozesse und weitere politische Interventionen. Solche Erfolge der Hausbesetzungsbewegungen gilt es gegenüber den Erzählungen ihres Niedergangs zu behaupten.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 18:06:08 +0000</pubDate>
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 <title>Sammeln, sortieren, ablegen</title>
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                    &lt;p&gt;&lt;strong&gt;Mehr als 200 Archive in der Bundesrepublik archivieren  soziale Bewegungsgeschichte. Wir haben einige selbstorganisierte Archive  zu ihrer Arbeit befragt. Alle von ihnen verstehen sich als politische  Akteur_innen. Der Großteil ihrer Arbeit läuft selbstorganisiert und ohne  Bezahlung. &lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das &lt;strong&gt;Archiv der Sozialen Bewegungen (AdSB) Bremen&lt;/strong&gt; gibt es seit 1999. Erklärtes Ziel ist es, die eigene Geschichte zu  bewahren und dem eigenen Interesse für Geschichte und Theorie mehr Raum  zu geben. Ausgangspunkt des &lt;strong&gt;Projektarchivs in Berlin&lt;/strong&gt; war der Unimut-Streik an der FU 1988/89, weil die Erfahrung zeigte, dass  studentische Initiativen immer wieder bei Null anfangen. Erkenntnisse  aus der Vergangenheit sollten fortan besser verarbeitet werden. Das &lt;strong&gt;Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrum e.V. (FFBIZ)&lt;/strong&gt; in Berlin hat sich 1978 mit dem Ziel gegründet, Forschung,  (Weiter-)Bildung und Information (Bibliothek/Archiv/Dokumentation) in  einer Einrichtung zu verbinden. Das &lt;strong&gt;Papiertiger Archiv und Bibliothek der Sozialen Bewegungen &lt;/strong&gt;gründete sich 1983 unter dem Motto „Von der Bewegung für die Bewegung“. Das &lt;strong&gt;Feministische Archiv Marburg (FemArchiv) &lt;/strong&gt;wurde 1989 als Teil des Asta Marburg gegründet und versteht sich als Teil von Frauengegenstrukturen. Das&lt;strong&gt; Antifaschistische Pressearchiv- und Bildungszentrum Berlin e.V. (apabiz) &lt;/strong&gt;wurde 1991 aus dem Teilbereich „Antifaschismus“ des Papiertiger-Archivs gegründet. Das &lt;strong&gt;Hans-Litten-Archiv (HLA)&lt;/strong&gt; gibt es seit 2005. Die Vorgängereinrichtung, das Rote-Hilfe-Archiv,  wurde zusammen mit der Bundesgeschäftsstelle der Roten Hilfe Ende der  1990er Jahre gegründet.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Mehr als 200 Archive in der Bundesrepublik archivieren soziale Bewegungsgeschichte. Wir haben einige selbstorganisierte Archive zu ihrer Arbeit befragt. Alle von ihnen verstehen sich als politische Akteur_innen. Der Großteil ihrer Arbeit läuft selbstorganisiert und ohne Bezahlung. &lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das &lt;strong&gt;Archiv der Sozialen Bewegungen (AdSB) Bremen&lt;/strong&gt; gibt es seit 1999. Erklärtes Ziel ist es, die eigene Geschichte zu bewahren und dem eigenen Interesse für Geschichte und Theorie mehr Raum zu geben. Ausgangspunkt des &lt;strong&gt;Projektarchivs in Berlin&lt;/strong&gt; war der Unimut-Streik an der FU 1988/89, weil die Erfahrung zeigte, dass studentische Initiativen immer wieder bei Null anfangen. Erkenntnisse aus der Vergangenheit sollten fortan besser verarbeitet werden. Das &lt;strong&gt;Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrum e.V. (FFBIZ)&lt;/strong&gt; in Berlin hat sich 1978 mit dem Ziel gegründet, Forschung, (Weiter-)Bildung und Information (Bibliothek/Archiv/Dokumentation) in einer Einrichtung zu verbinden. Das &lt;strong&gt;Papiertiger Archiv und Bibliothek der Sozialen Bewegungen &lt;/strong&gt;gründete sich 1983 unter dem Motto „Von der Bewegung für die Bewegung“. Das &lt;strong&gt;Feministische Archiv Marburg (FemArchiv) &lt;/strong&gt;wurde 1989 als Teil des Asta Marburg gegründet und versteht sich als Teil von Frauengegenstrukturen. Das&lt;strong&gt; Antifaschistische Pressearchiv- und Bildungszentrum Berlin e.V. (apabiz) &lt;/strong&gt;wurde 1991 aus dem Teilbereich „Antifaschismus“ des Papiertiger-Archivs gegründet. Das &lt;strong&gt;Hans-Litten-Archiv (HLA)&lt;/strong&gt; gibt es seit 2005. Die Vorgängereinrichtung, das Rote-Hilfe-Archiv, wurde zusammen mit der Bundesgeschäftsstelle der Roten Hilfe Ende der 1990er Jahre gegründet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Archive bieten theoretisch für heutige Initiativen Anknüpfungspunkte zu früheren Erfahrungen und Theorien und ermöglichen dadurch theoretische und praktische Kontinuität politischen Handelns, die auf Grund der spezifischen Bewegungsstrukturen sonst nicht hergestellt werden können.“ (Papiertiger)&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Worin seht ihr euren Auftrag?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;HLA: Das Sammeln und Archivieren von Dokumenten ist für uns kein Selbstzweck. Wir wollen die Erfahrungen der Vergangenheit aufbereiten, um sie für die Kämpfe der Gegenwart zu nutzen beziehungsweise denjenigen zur Verfügung zu stellen, die heute aktiv sind. Gerade junge GenossInnen lassen sich davon begeistern, dass die Wurzeln der Roten Hilfe in den großen Kämpfen der 1920er und 1930er Jahre liegen.&lt;br /&gt;FFBIZ: Wegen unzureichender öffentlicher Finanzunterstützung bei wachsenden Beständen haben wir 1995 unsere Arbeit aufs Archivieren konzentriert. Dafür erhalten wir öffentliche Unterstützung durch das Land Berlin, allerdings unter dem ärgerlichen Label „Frauenprojekt“.&lt;br /&gt;Papiertiger: Unser Auftrag ist immer noch derselbe - allerdings stellt sich manchmal die Sinnfrage bei der eher schwachen Nutzung des Angebotes durch die Szene. Ein großes Problem ist auch, dass wir als Dinosaurier nicht mehr im gleichen Umfang in der Szene aktiv und präsent sind und die heutigen Aktivist_innen andernorts verkehren.&lt;br /&gt;FemArchiv: Wir verstehen uns als Dokumentations- und Wissen(schafts-)Raum, auch für feministische Aktivitäten im Raum Marburg, als politischer Erfahrungsraum für die Unterstützung von Aktionen und feministischer Gegenöffentlichkeit und als Raum für Menschen, die Diskriminierung durch patriarchale und heteronormative Strukturen erleben.&lt;br /&gt;apabiz: Der Kreis unserer Nutzer_innen ist in den letzten Jahren gewachsen. Wir bekommen heute nicht mehr nur Anfragen von Einzelpersonen und antifaschistischen Initiativen, sondern zunehmend auch von Journalist_innen und Wissenschaftler_innen. Wichtiger geworden ist auch das Erstellen von Bildungsmaterialien.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Woher bekommt ihr eure Archivinhalte?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;AdSB: Die Materialien kommen aus anonymen und personalisierten Privatspenden, von anderen Archiven, von Gruppen und Büros, die sich auflösen oder was abgeben. Außerdem über den laufenden Bezug von Periodika im Infoladen.&lt;br /&gt;FemArchiv: Wir sammeln Plakate und Flyer zu feministischen Veranstaltungen in Marburg. &lt;br /&gt;Die Quantität der Flyer hat im Vergleich zu früher zugenommen. Gleichzeitig läuft inzwischen viel über Verteiler oder Blogs, was wir nicht dokumentieren. Außerdem archivieren wir vor allem wissenschaftliche Bücher und Zeitschriften.&lt;br /&gt;Papiertiger: Früher haben Archivgruppen ihr thematisches Material selbst gesammelt. Mittlerweile kommt viel Material aus privaten Sammlungen, Wohnungsauflösungen oder auch aus Nachlässen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Was hat sich verändert? Welche Themen spielten früher eine Rolle, was sind die Themen heute und wie sehen die typischen Nutzer_innen aus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Papiertiger: Archiviert wurde schon immer alles aus Papier. Heute kommen immer weniger Aktivist_innen vorbei, dafür mehr Student_innen, Filmleute oder Autor_innen. In Zeiten des Internets ist mehr Material online zugänglich, außerdem gibt es generell ein geringeres Interesse an Geschichte. Damit einher geht eine Verflachung inhaltlicher Debatten und Rückschritte des politischen Bewusstseins. Aber vor zwanzig und wahrscheinlich auch vor dreißig Jahren war das Lamento der damals ‚alten‘ Aktivist_innen das gleiche – und genauso berechtigt oder unberechtigt wie heute.&lt;br /&gt;FFBIZ: Im Verein arbeitet niemand mehr in anderen Ländern und schickt uns Material von dort. Als Thema geblieben ist Emanzipation – der Kampf gegen Herrschaft von Menschen über Menschen. &lt;br /&gt;FemArchiv: Früher wurde mehr zu Reproduktions- und Gentechnologie und Geschichte der Frauenbewegungen gearbeitet. Heute liegen die Schwerpunkte eher auf feministischer und queerer Theorie und postcolonial Studies. Die typische heutige Nutzerin studiert, meist Sozial- oder Geisteswissenschaften, und ist meist recht kurze Zeit im femArchiv aktiv. Wir sehen hier einen Zusammenhang mit der Bologna-Reform und damit verbundenen eingeschränkten Freiräumen. Früher war die Verbindung von feministischer Politik und Wissenschaft stärker. Das liegt sicher auch an der Akademisierung und Institutionalisierung von Frauen- und Geschlechterforschung.&lt;br /&gt;apabiz: Inzwischen sind digitale Medien ein fester Bestandteil unserer Arbeit. Thematisch haben wir seit der Gründung des apabiz versucht uns nicht einzuschränken und das gesamte ideologische Spektrum der politischen Rechten zu dokumentieren.&lt;br /&gt;HLA: Da sich das Archiv noch im Aufbau befindet, besteht der Kreis der Nutzer_innen derzeit überwiegend aus Aktivist_innen. Wir bekommen aber auch immer wieder Anfragen von Wissenschaftler_innen – auch aus dem Ausland – zur Geschichte der Roten Hilfe oder der Arbeiter_innenbewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Gibt es Konjunkturen, in denen ihr besonders oft angefragt werdet?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Projektarchiv: Wenn es an der Uni brodelt, kommen Aktivist_innen und fragen, wie sie spontane Aufstände à la 1988/89 organisieren können.&lt;br /&gt;Papiertiger: Jahrestage sind immer sehr beliebt: 30 Jahre Deutscher Herbst, 20 Jahre Mainzer Straße, 30 Jahre Hausbesetzer_innenbewegung …&lt;br /&gt;apabiz: Wir werden beispielsweise vor oder nach Wahlen verstärkt nach unseren Einschätzungen und Analysen gefragt. Auch mediale Ereignisse wie Verbote von Gruppierungen bieten oft Anlass uns zu kontaktieren. Dabei handelt es sich in der Regel um Journalist_innen. Und natürlich werden wir in der vorlesungsfreien Zeit verstärkt von Studierenden genutzt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Was sind eure Zukunftspläne?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;HLA: Wir haben eine ganze Reihe schöner Originalplakate und Zeitschriften aus den 1920er und 1930er Jahren angekauft, die wir in Form von Kalendern und Postkarten veröffentlichen wollen.&lt;br /&gt;FFBIZ: Wir gehen verstärkt in die Digitalisierung, für die uns aber leider meistens das Geld fehlt. Nur manchmal können wir unsere wertvollen Altbestände, beispielsweise eine hektografierte&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_fkh1w4r&quot; title=&quot;Veraltetes Umdruckverfahren mittels einer abfärbenden Vorlage (Matritze).&quot; href=&quot;#footnote1_fkh1w4r&quot;&gt;1&lt;/a&gt; Frauenzeitschrift aus den 1950er Jahren, sichern.&lt;br /&gt;AdSB: Unser Ziel ist, in den nächsten zwei Jahren alle derzeit noch unaufgearbeiteten Materialien entweder zu sortieren oder endlich wegzuwerfen.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_fkh1w4r&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_fkh1w4r&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Veraltetes Umdruckverfahren mittels einer abfärbenden Vorlage (Matritze).&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 17:44:50 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Magdeburg war eine wirklich unerfreuliche Stadt</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/magdeburg-war-eine-wirklich-unerfreuliche-stadt</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Im Unterschied zu Leipzig, Dresden, Halle oder selbst dem kleineren  Erfurt hatte sich in Magdeburg weder vor noch unmittelbar nach 1989 eine  nennenswerte alternative Subkultur etablieren können. Das, was man  dafür hätte halten können, verlor sich im Bermudadreieck zwischen  Abwanderung, Drogenselbstversuch und SozialarbeiterInnenkarriere. Allein  Punks – in ihrer apolitischsten und unsympathischsten Ausprägung –  prägten das Bild nonkonformer Jugendbewegungen. Antifa, Autonome,  HausbesetzerInnen? Dafür musste man schon nach Braunschweig, der  Partnerstadt aus Vorwendezeiten, fahren. Dort gab es politische  AktivistInnen, die Angst vor Nazis nicht kannten und als gute  KommunistInnen keine Scheu hatten, unverständliche Aufrufe in der  Fußgängerzone zu verteilen.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Im Unterschied zu Leipzig, Dresden, Halle oder selbst dem kleineren Erfurt hatte sich in Magdeburg weder vor noch unmittelbar nach 1989 eine nennenswerte alternative Subkultur etablieren können. Das, was man dafür hätte halten können, verlor sich im Bermudadreieck zwischen Abwanderung, Drogenselbstversuch und SozialarbeiterInnenkarriere. Allein Punks – in ihrer apolitischsten und unsympathischsten Ausprägung – prägten das Bild nonkonformer Jugendbewegungen. Antifa, Autonome, HausbesetzerInnen? Dafür musste man schon nach Braunschweig, der Partnerstadt aus Vorwendezeiten, fahren. Dort gab es politische AktivistInnen, die Angst vor Nazis nicht kannten und als gute KommunistInnen keine Scheu hatten, unverständliche Aufrufe in der Fußgängerzone zu verteilen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit den Protesten gegen den ersten Golfkrieg 1991 entstand in Magdeburg ein loser sozialer Zusammenhang von einigen Dutzend Jugendlichen, die sich in einer Antifa-Gruppe organisierten. Ahnung von Politik oder gar politischer Praxis hatte niemand von ihnen, aber die Vorbilder waren klar: die Autonomen. Gerade hatten diese sich mit einigen Tausend Polizisten in der Mainzer Straße eine tagelange Schlacht geliefert, ihre „antifaschistische Selbsthilfe“ war ein einleuchtendes Rezept gegen den täglichen Nazi-Stress. Nur eine „Szene“, auf die man sich stützen konnte, gab es in Magdeburg nicht. Also war man alles gleichzeitig: organisierter Aktivist und eigenes Umfeld, Aufrufer und Mobilisierter, Militanter und Militante-Versteher. &lt;br /&gt;Mitte der 1990er Jahre war es dann gelungen, in einem innenstadtnahen Quartier Fuß zu fassen; es gab dort endlich wirklich ein bisschen „Szene“, ein Hausprojekt, ein paar nette Kneipen. Mit viel Mühe und Ausdauer hatten Antifas und Punks gemeinsam den Stadtteil von Nazis befreit. Gleichzeitig hatte sich die kleine linksradikale Szene ausdifferenziert (vulgo: aufgespalten). Es gab eine Handvoll Anti-Imps, die neben der für eine Stadt wie Magdeburg nicht eben drängenden RAF-Gefangenen-Soli-Arbeit gleich noch die Kurdistan-Solidarität betreuten, es gab ein paar Antifas, die sich an Göttingen und der AA/BO (Antifaschistische Organisation/ Bundesweise Organisation) orientierten, und es gab die ProjekthausbewohnerInnen, die sich über Abwasch, Arbeitsbeteiligung und Anarchismus, vor allem aber Tierrechte stritten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich selbst gehörte zu den Antifas. Ich hatte seit unserer spätgymnasialen „Antifa-Jugend“ Anti-Nazi-Arbeit gemacht, war im Stadtteil mit FreundInnen Patrouille gelaufen, hatte einen Nazi-Angriff auf meine Wohnung überstanden und mit zitternden Knien selbst ein paar Ohrfeigen verteilt und Nazi-Aufnäher eingesammelt. Politisch und in der Praxis ahmten wir mit sehr bescheidenen Mitteln die Antifa (M) aus Göttingen nach. Zum Glück hatten wir jedoch weniger den Vermummungskult übernommen, sondern vor allem die für Autonome ungewöhnliche Wertschätzung von Presse- und Bündnisarbeit. Das eröffnete in einer mittelgroßen Stadt wie Magdeburg in politischer Hinsicht erstaunliche Perspektiven. Doch den auch von uns postulierten Anspruch auf „Kontinuität in der politischen Arbeit“ konnten wir nicht einlösen; nach ein paar schönen Jahren war es mit „Bandiera Rossa“ – so hieß unser Grüppchen – leider vorbei. Statt dem neuen Stern am Autonomen-Himmel, der AAB (Antifaschistische Aktion Berlin), zu folgen, entdeckte ich für mich in alten Interims ein paar interessante Texte: die so genannte Heinz-Schenk-Debatte. Hier sprachen irgendwelche Leute, die sich hinter den Namen abgehalfterter Showmaster verbargen, genau das an, was mich auch an autonomer Politik störte – nur, dass ich nicht in der Lage gewesen wäre, die Kritik so schön zusammenzufassen. Da der organisierte Antifaschismus in Magdeburg ohnehin gerade pausierte, traktierte ich FreundInnen und politisch Aktive mit Einladungen zu Diskussionskreisen. Ich wollte auch bei uns eine Debatte über die Irrwege autonomer Politik anstoßen und aus der Diskussion zu einem neuen lokalen Organisierungsansatz kommen. Das war etwas zu hoch gegriffen und stieß bei den Opfern meines Missionsgedankens auf Ablehnung. Unabhängig von den geplanten Diskussionskreisen begannen jedoch auch andere politisch Aktive, die üblichen Formen autonomer Praxis in Frage zu stellen. Anlass war wohl – wie bei mir auch – die Einsicht, dass das Nachahmen bewunderter Autonomen-Gruppen in einer Stadt wie Magdeburg geradewegs in die totale politische Isolation führt. Da ist es für ein paar übrig gebliebenen Anti-Imp-Betonköpfe vielleicht gemütlich, aber interventionsfähig wird man mit zwei, drei Dutzend GenossInnen nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Atempause für abstrakte Debatten über Grundsätze autonomer Politik dauerte nicht lange: 1997 ermordete ein junger Neonazi auf bestialische Weise einen 17-jährigen Punk. In der Folge kam es zu zum Teil heftigen Protesten, zu denen 4.000 Menschen nach Magdeburg kamen und in das Neubaugebiet Olvenstedt, dem Schauplatz der Tat, zogen. Eins war klar: Das Nazi-Problem war noch lange nicht gelöst. In den Kleinstädten im Umland von Magdeburg reifte vielmehr ein noch größeres Problem heran: aggressive „Freie Kameradschaften“, deren Organisationsgrad und Aktivität deutlich über das hinausging, was man von Nazi-Gruppen bislang kannte. In Magdeburg gründete sich eine Gruppe, in die vieles von der in der Heinz-Schenk-Debatte formulierten Kritik an den Autonomen einfloss. Der Name der Gruppe war bewusst im Hinblick auf Anschlussfähigkeit ausgewählt: „Arbeitskreis Antifaschismus“. Zur Praxis gehörte eine nicht auf subkulturelle Identität hin ausgerichtete antifaschistische Jugendarbeit, eigene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Anti-Nazi-Recherche und aktive Bündnisarbeit. Bei der Pressearbeit ging es nicht vorrangig darum, „der Presse“ unsere so genannten „Inhalte“ (= Propaganda) anzudrehen, sondern fundierte Analysen und Fakten zur Gefahr von Rechts zu liefern und so als politischer Akteur ernst genommen zu werden. Das ist natürlich bei einem bis weit in die Mitte der Gesellschaft konsensfähigen Thema wie Antifaschismus verhältnismäßig leicht. Mit FelS, also der Gruppe, die diesen Weg durch ihre Texte angeregt hatte, gab es zu dieser Zeit nur sporadisch Berührung – die FelS-Antifa war Ende der 90er mit aus unserer Sicht luxuriösen Hauptstadtthemen (winzige Querfront-Verlage bekämpfen!) befasst. Auch die arranca! half uns in unserer politischen Praxis oft nicht weiter, aber wir bewunderten sie und versuchten die von uns als sehr akademisch empfundenen Texte zu verstehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während der Diskussionen um Sexismus im Magdeburger Hausprojekt diente die berühmte arranca! 8 als wichtige Diskussionsvorlage. Texte wurden abgetippt und erschienen in einem kleinen Faltblatt, das einige engagierte „Post-Autonome“ herausgaben. Doch nicht nur die erfrischend bzw. irritierend neue Sicht auf Sexualität beeindruckte uns, auch das Layout der arranca! war so ganz anders! Es unterschied sich deutlich von der Lieblosigkeit der autonomen Zirkulare, deren Redaktionen mit Hilfe von Schere und Klebestift aus Flugblättern und hundertmal kopierten, immergleichen Fotos, Symbolen und Seyfried-Karikaturen ihre Zeitungen bastelten. Stattdessen ahnte man in der arranca! etwas vom Ringen um einen neuen ästhetischen Ausdruck und eine andere politische Kultur. Ebenfalls Mitte der 1990er Jahre entdeckten einige Leute, dass es jenseits von „But alive“, Bernd Langers Öl-Schinken und dem Interim-Schnippel-Layout eine Kultur, ja sogar eine politische Kultur gab. Interessanterweise war die heute zum Hollywood-Märchen verklärte Malerin Frida Kahlo ein Einstieg in die Beschäftigung mit revolutionärer Kunst. Die arranca! passte irgendwie zu diesem neuen Bedürfnis.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;M. F., 38 Jahre, Leipzig&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 17:31:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Lebendige Milieus und unheimliche Fragen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/lebendige-milieus-und-unheimliche-fragen</link>
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                    &lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Könnt ihr kurz erzählen, seit wann ihr in politischen Gruppen  und Bewegungen aktiv seid und welche das im Laufe der Jahre waren? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gabi:  Ich habe mich Anfang der 1970er Jahre im Kommunistischen Bund (KB)  organisiert und war dort bis zu dessen Auflösung. Erst war ich in einer  Stadtteilgruppe und dann in meiner Betriebsarbeitszeit in der  Betriebsgruppe organisiert. Die Stadtteilarbeit hat neben dem  Zeitungsverkauf auch Wohnungs- und Sozialpolitik beinhaltet und die  Betriebsarbeit brachte die Gewerkschaftsarbeit mit sich. Nachdem ich aus  dem Betrieb raus bin, habe ich im Verlag des KB gearbeitet. Die  politische Arbeit war sehr an Kampagnenpolitik orientiert. Wir haben  damals nicht nur große Demonstrationen (mit)organisiert, sondern auch  große Soli-Veranstaltungen mit internationalen Bewegungen. Kaum  vorstellbar für heute, die Hamburger Messehallen voll zu bekommen, wenn  es um die Solidarität mit bewaffneten Befreiungsbewegungen geht. Mein  politischer Zusammenhang war dann die Antirepressionsgruppe im KB. So  etwas wie Anti-AKW, Antifa, § 218 oder Bunte Liste lief natürlich alles  parallel. Heute arbeite ich immer noch in der Redaktionsgruppe von  analyse+kritik mit.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Könnt ihr kurz erzählen, seit wann ihr in politischen Gruppen und Bewegungen aktiv seid und welche das im Laufe der Jahre waren? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gabi: Ich habe mich Anfang der 1970er Jahre im Kommunistischen Bund (KB) organisiert und war dort bis zu dessen Auflösung. Erst war ich in einer Stadtteilgruppe und dann in meiner Betriebsarbeitszeit in der Betriebsgruppe organisiert. Die Stadtteilarbeit hat neben dem Zeitungsverkauf auch Wohnungs- und Sozialpolitik beinhaltet und die Betriebsarbeit brachte die Gewerkschaftsarbeit mit sich. Nachdem ich aus dem Betrieb raus bin, habe ich im Verlag des KB gearbeitet. Die politische Arbeit war sehr an Kampagnenpolitik orientiert. Wir haben damals nicht nur große Demonstrationen (mit)organisiert, sondern auch große Soli-Veranstaltungen mit internationalen Bewegungen. Kaum vorstellbar für heute, die Hamburger Messehallen voll zu bekommen, wenn es um die Solidarität mit bewaffneten Befreiungsbewegungen geht. Mein politischer Zusammenhang war dann die Antirepressionsgruppe im KB. So etwas wie Anti-AKW, Antifa, § 218 oder Bunte Liste lief natürlich alles parallel. Heute arbeite ich immer noch in der Redaktionsgruppe von analyse+kritik mit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Friederike: Meine erste Demonstration war 1980 mit Fahrrädern gegen Atomkraft durch unseren Landkreis. Doch das geplante Endlager sollte da bereits nach Gorleben – nicht mehr zu uns. Dem Gefühl von Bewegt-Sein tat das aber keinen Abbruch: Die Friedensbewegung stand vor der Tür, fast jedes Dorf hatte seine Initiative. Jahre später das letzte Treffen der unsrigen bekam ich nicht mehr mit, denn die Bundesschülervertretung tagte. Ich wurde BundesschülerInnensprecherin (das große I erkämpft) und holte mir in dieser Zeit eine tiefe Abscheu gegen Kungeln und Über-den-Tisch-ziehen (vor allem: gezogen werden), die ich mit einer Politpause behandeln musste. Als Heilmittel erwies sich das autonom geprägte Freie Radio St. Pauli. Von Gruppe zu Gruppe wurden meine autonomen Zusammenhänge kuscheliger, theoretischer und aktionsorientierter zugleich. Schön. Doch war die Welt wirklich hinter dem Wasserturm zu Ende? Nach einigen schaurigen Erfahrungen bei der Suche nach größeren Vernetzungen fand ich 1996 die ganz große: Ich fuhr in den mexikanischen Dschungel zum Intergalaktischen Treffen der Zapatistas. Daraus erwuchs Peoples Global Action, eine weltweite Vernetzung von Basisbewegungen. 1998 war ich Pressekoordinatorin der Proteste in Genf gegen die WTO, 1999 ging es nach Seattle – die Globalisierungsbewegung betrat die Bühne. Im letzten Jahrzehnt wurde in meinem eigenen Leben die ökonomische Bedeutung anderer Wirtschaftsweisen immer offensichtlicher. Seit sieben Jahren lebe ich in einem Projekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vassilis: Während einer kleinen Affäre mit dem christlichen Rechtskonservatismus in meiner Gymnasialzeit musste ich anerkennen, dass meine linken Kontrahenten argumentativ kohärenter waren und subkulturell informierter, und irgendwie besser aussahen. Links sein bzw. links werden war für mich sehr intensiv mit der deutschen Besatzungszeit und ihren Folgen für meine Familiengeschichte verbunden. Ich musste ein unheimliches Schweigen entwirren, das Schweigen der verschämten Besiegten. Keiner hatte dafür eine Sprache. Also versuchte ich es direkt bei den Rechten, um meine Familie zu provozieren, was nur weh tat und nicht half. Ich wurde von der eurokommunistischen Jugendorganisation rekrutiert und machte schnell Parteikarriere. Der Antistalinismus hat mir geholfen das Schweigen zu verstehen, vor allem die skurrile Bürgerkriegszeit. Wir lebten in den Achtzigern irgendwie in den Diskursen der verratenen Revolution – angereichert mit einer Prise Internationalismus. Weil ein Teil der Antworten, die ich suchte, nach Deutschland mit meinen Eltern ausgewandert war, bin ich denen gefolgt. Am Anfang habe ich im Namen meiner Partei Exilpolitik gemacht, aber die Neonazis in Hamburg machten aus mir einen eifrigen Antifa. Es war die Zeit der Pogrome und der militanten migrantischen Selbstorganisierung, eine existenziell prägende Erfahrung. Cafe Morgenland war für mich in der Zeit einfach das richtige. Nach einigen Jahren entdeckte ich Kanak Attak, was für mich die Fortsetzung dessen war, was wir davor machten, allerdings mit popkulturellen Mitteln. Kanak Attak ist die wichtigste politische Erfahrung, die ich je gemacht habe. In der Zeit und im Zuge der europäischen Sozialforen entdeckte ich den Charme der transnationalen Dimension linksradikaler Europa-Politik und agierte mich für das Frassanito-Netzwerk, No Border und das Euromayday-Projekt. Politisch zuhause fühle ich mich in Hamburg und mein Herz schlägt für Lux &amp;amp; Konsorten und für das Netzwerk Welcome To Europe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Wie haben sich eurer Ansicht nach die Bedingungen, unter denen man heute Politik macht, verändert? Sowohl als prekäre_r Jobber_in, als Erwerbslose_r oder an der Uni sind die Freiräume, die es dort mal gab, massiv zusammengeschrumpft und auch in anderen Bereichen sickert die Arbeit zunehmend in den Rest des Lebens. Auf der anderen Seite gibt es aber zumindest technische Möglichkeiten, sich weniger zeitintensiv zu informieren und zu vernetzen. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vassilis: Ich glaube nicht, dass die Bedingungen so anders geworden sind. Sie sind allerdings für mich anders geworden. Als Student hatte ich unendliche Zeit für sektenartige Scheinkämpfe, und jetzt als Dozent habe ich viel weniger Zeit, aber manchmal einflussreichere Netzwerke. Hatte weniger Reproduktionskosten, einen pragmatischen Umgang mit schlechtem Alkohol und viel Nikotin und war weniger eitel. Für politisch Militante (im operaistischen Sinn) gab es schon immer Stress zwischen Lohnarbeit und politischer Praxis. Ich habe immer zwischen dem Selbstvorwurf „ich mache zu wenig“ und dem Milieuvorwurf „ich mache in der Tat zu wenig“ gelebt und gelernt, diese Anstrengung als eine falsche Frage an mich und an das Milieu zurückzugeben. Lebendige politische Milieus sind in der Lage, den Stress der Reproduktion und Politik zärtlich zu absorbieren, nicht-lebendige kollektivieren diesen Stress moralistisch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gabi: Natürlich hat Vassilis Recht, wenn er sagt, dass die Bedingungen auf jeden Fall für einen selbst anders geworden sind. Die Lebens- und Arbeitssituation für die Einzelnen verändern sich. Ich glaube, dass sich auch die äußeren Bedingungen seit Anfang der 1970er Jahre verändert haben. &lt;br /&gt;Ich habe 1972 angefangen im Betrieb zu arbeiten und bin dort hingegangen, um Politik zu machen, nicht um zu arbeiten. Das war notwendiges Übel und lief immer so grenzwertig, dass ich an Abmahnungen wegen zu wenig oder schlechter Arbeit immer noch gerade vorbeigeschrammt bin. Was die Aneignung von Arbeitszeit betraf, waren wir unheimlich kreativ. Stempeluhren für Pappzeitkarten waren eben nur tote Kästen und Papier. Freie Tage mit gelbem Schein haben Luft geschaffen für das Organisieren von Kampagnen oder Demos. Im Betrieb wurden die, wie hat Vassilis doch so nett formuliert, „sektenartigen Scheinkämpfe“ zwischen den verschiedenen linken Gruppen in der Kantine, auf Betriebsversammlungen und in den (gewerkschaftlichen) Betriebsgruppen genauso intensiv geführt wie an der Uni. Mit den Kolleg_innen wurde darüber diskutiert, ob es nun richtig ist, sich bei Demos mit Helm und Fahnenstange zu schützen oder nicht. Das kann ich mir bei den heutigen Arbeitsverhältnissen nicht mehr so recht vorstellen. Schon Ende der 1990er Jahre war das in den Betrieben, in denen ich dann gearbeitet habe, nicht mehr so. Auch die elektronischen Zeiterfassungskarten und Arbeitsnachweise haben die frei verfügbare Arbeitszeit stark eingeschränkt.&lt;br /&gt;Als Stress habe ich diese Situationen nie empfunden, irgendwie war ich trotzdem nächtelang in der Kneipe oder auf Feten. Nicht selten ging es direkt von dort in den Betrieb. Die sanitären Anlagen im Betrieb waren ein beliebter Schlafplatz.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Friederike: „Lebendige politische Milieus sind in der Lage, den Stress der Reproduktion und Politik zärtlich zu absorbieren, nicht-lebendige kollektivieren diesen Stress moralistisch“ – diesen Spruch von Vassilis werde ich mir merken, wenn mir mal wieder jemand in meinem Projekt sagt, ich könnte doch zur Abwechslung auch mal kochen! Nein, im Ernst, mir ist schon bewusst, wie sehr meine prekäre, aber eben auch sehr erfüllte Existenzweise durch die solidarischen Strukturen ermöglicht wird, in denen ich lebe. So kann ich wirklich das tun, was für mich zählt im Leben, persönlich wie politisch. Das ist ein wahnsinniger Luxus. Womit sich für mich paradoxerweise im Umkehrschluss zu Vassilis und unserer Studienzeit ergibt: Die Bedingungen sind sehr anders geworden – allerdings nicht für mich. Ich habe mir aber auch nie träumen lassen, mal in einem Projekt und außerhalb der Stadt zu leben. Dass ich es doch tue, hat zum einen damit zu tun, dass es statt eines offenen Platzes früher wohl eher eine geschlossene Landkommune gegeben hätte. Zum anderen wäre damals die Isolation aber natürlich eine ganz andere gewesen – das Internet macht es möglich, dass es sich nicht so anders anfühlt, ob ich auf St. Pauli in einer WG hocke oder im Wald. Die meisten Menschen, mit denen ich persönlich und politisch eng verbunden bin, leben ohnehin nicht mehr in meinem unmittelbaren Umfeld.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿: Wie ich persönlich an einigen älteren Genoss_innen feststelle, kann langjähriger politischer Aktivismus dazu führen, dass man schnell „abgegessen“ ist, vieles nicht zum wiederholten Male diskutieren will und man weniger bereit zu einer experimentellen Praxis ist, was im Extremfall auch schon mal zu ziemlichem Zynismus führen kann. Wahrscheinlich alles Erfahrungen, die euch keineswegs fremd sind. Wie geht ihr damit um, dass die radikale Linke in Deutschland immer noch vor allem eine Jugendbewegung ist und man ab einer gewissen Altersklippe immer wieder Genoss_innen verliert?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Friederike: Ich weiß noch genau, wie wir in unserer WG Mitte der 1990er einen Bericht über einen 47-Jährigen in einem Berliner Hausprojekt gesehen haben, und wir alle waren so „Wow, das wäre schön, wenn wir dann auch noch …“. Jetzt bin ich von dem Alter nicht mehr weit weg und lebe nicht nur in einem Projekt, sondern auch mit einer Reihe von Leuten zusammen, die älter sind als ich. Das Gefühl, Bewegung ist nur was für Junge, habe ich nicht. Auch meine internationalen Erfahrungen spielen hier bestimmt mit hinein, denn international gesehen, vor allem im Globalen Süden, ist das wesentlich durchmischter. Stimmt schon, in Deutschland sind die meisten jung, vor allem, wenn es um politische Aktionen im engeren Sinne geht, aber da ich die „jüngeren“ Ansätze, Politik zu machen, in der Regel die besseren finde, genieße ich das auch. Überhaupt, bei einer Diskussion mit älteren Linken darüber, ob die Welt in den 1970ern oder heute düsterer bzw. hoffnungsvoller aussah, fiel mir auf, dass ich zwar beide Positionen verstehen konnte, für mich aber das Entscheidende war, dass ich die Linke von heute eindeutig vorziehe – vom Umgang untereinander ebenso wie von dem, was ins politische Bewusstsein gerückt ist seitdem: dass der Weg dem Ziel entsprechen muss und dass Herrschaft nicht platt als Unterdrückung durch Kapitalisten zu verstehen ist, sondern dass Machtverhältnisse komplex, miteinander verwoben und sogar uns selbst durchdringend sind. Und diese Impulse wurden immer besonders stark durch Jüngere aufgenommen und gelebt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vassilis: Ich stimme Friederike absolut zu. Ich bevorzuge eindeutig die gegenwärtige Ausgangssituation für die (Neu)Begründung einer radikal-transnationalen und zugleich gesellschaftlichen Linken. Es hat mich immer wieder die Frage beschäftigt, warum meine Lieblingszeitgenoss_innen die gemeinsamen Politzusammenhänge zuerst verließen. Es war eine erschreckend intensive Frage an mich, im Sinne von: was mache ich hier falsch. Der Zynismus der Aussteiger_innen hat mich wiederum niemals beeindruckt, weil er mich ästhetisch abstößt. Jammern und feuilletonistisch informiertes Kritisieren steht für mich eindeutig für einen kompensatorischen Neid auf die verlorene Freude, die die Praxis voraussetzt und zugleich erst im Gemeinsamen erfahrbar ist. Doch die Privatisierung linker Biografien steht andererseits symptomatisch für die Intoleranz einer linksradikalen Subkultur, der es nicht gelingt, mit unterschiedlichen Belastbarkeits- und Geschwindigkeitsvermögen ohne den Einsatz eines schlechten Gewissens zu umgehen. Und das gilt gleichsam für die Jungen, die Älteren und für mich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gabi: Ich kann mich Friederike auch nur anschließen. Es wäre ja auch absolut ignorant gegenüber der weltweiten gesellschaftlichen Entwicklung und dem Wissen darum, Herrschaft auf die Unterdrückung durch den Kapitalismus zu reduzieren. Obwohl ganz so platt war die Vorstellung von den Machtverhältnissen auch in den 1970er Jahren nicht bei allen linken Gruppen oder sozialen Bewegungen. Die Auseinandersetzungen um Haupt- und Nebenwiderspruch waren ein wesentlicher Bestandteil innerlinker Debatte. Die Frage, die Vassilis aufwirft, warum sind meine Genoss_innen nicht mehr (in den Zusammenhängen wo ich jetzt bin) aktiv und bin vielleicht ich es, die falsch liegt, kenne ich auch. Aber in meiner politischen Praxis merke ich dann, dass es mir Spaß macht, mich auf die neuen Bedingungen und den anderen Umgang der Linken einzulassen und gemeinsam an den anstehenden Problemen zu diskutieren und zu arbeiten. Und ja, manchmal nervt es mich unendlich, wenn ich merke, die Diskussion habe ich nun schon hundertmal geführt. Je nach persönlicher Befindlichkeit bin ich dann mal geduldig und denke, okay, das haben wir damals auch so gemacht, und mal genervt und ungeduldig und denke, es muss doch nicht sein, dass das Rad jedes Mal neu erfunden wird.&lt;br /&gt;Der Umgang innerhalb der Linken hat sich sicherlich verändert. Trotzdem finde ich, dass bestimmte Verhaltensweisen nach wie vor bei den heute Jungen genauso auftreten wie damals bei den heute Alten: Der Machtkampf zwischen diskutierenden Männern fällt mir heute genauso unerträglich auf manchen Treffen auf, wie schon vor 35 Jahren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Spätestens seit den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm scheint es in Deutschland eine neue Generation politischer Aktivist_innen zu geben. Die sich erstens verbindlich organisieren wollen und zweitens damit recht erfolgreich zu sein scheinen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gabi: Wir sind ja als ak-Redaktion in der IL. Die Idee zu einem überregionalen Beratungstreffen von Einzelpersonen, die in verschiedenen Zusammenhängen aktiv sind, ist um 2000 herum von uns initiiert worden. Anfänglich waren wir zwischen fünf und acht Menschen, mit der Vorstellung, wir müssen versuchen, da, wo es noch Zusammenhänge und Aktivist_innen gibt, die Strukturen aufrecht zu erhalten. Dafür brauchte es manchmal doch einiges an Frustrationstoleranz, aber im Laufe der Zeit hat sich der Kreis erweitert und ist dann zur jetzigen IL geworden. Trotz vieler schwieriger Diskussionen und sehr unterschiedlicher Vorstellungen über das Selbstverständnis, die Gewaltfrage, die Organisationsform, finde ich, dass die IL auf einem guten Weg ist und auch gute Chancen hat, die nächsten Jahre weiterzumachen. Ich würde mir wünschen, wenn die Streitkultur innerhalb der IL es ermöglicht, dass die oft sehr kontroversen Positionen mit dem Ziel, „wie weiter miteinander“, ausgetragen werden können und damit auch in den nächsten Jahren der Raum für weitere gemeinsame Mobilisierungen und politisches Eingreifen bleibt. Die Erfolge in der Mobilisierung gegen den G8-Gipfel und auch beim Castor Schottern! haben gezeigt, dass es nicht auf die Anzahl der in linksradikalen Zusammenhängen organisierten Aktivist_innen ankommt, sondern auf die Fähigkeit, Menschen für politische Aktionen und Ziele zu aktivieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Friederike: Im Zuge der Vorbereitung von Heiligendamm gab es auch sehr unschöne Vernetzungsprobleme, wo sich mal wieder zeigte, wie sinnlos es ist, sich auf eine gemeinsame Linie einschwören zu wollen, wenn´s nun mal so gar nicht zusammen passt: Während einige mit aus den Siebzigern stammenden Politikkonzepten die militante Einheit schmieden wollten, waren es tendenziell die Jüngsten, die nun aber auch noch jede dort versammelte Stimme unbedingt integrieren mussten. Das zeigte mir einmal mehr: Jedes krampfhafte Aufrechterhalten einer Struktur geht schnell in die falsche Richtung. Und: Ich selbst bringe mich nur dort ein, wo es sich richtig gut anfühlt. Bei Peoples Global Action war das der Fall. Dass heute niemand weiß, wie wichtig PGA für den Beginn der Globalisierungsbewegung war, liegt aber an eben dieser losen Organisierungsform. Allerdings funktionieren ja auch die aktuellen Bewegungen in Arabien oder Südeuropa so – eher als Raum für Aktionen, auf der Grundlage von Ideen, mit denen Menschen sich identifizieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vassilis: Das ist eine sehr unheimliche Frage, weil sie uns mit einer fantasmatischen Dringlichkeit konfrontiert: Wir haben doch das Organisationsprojekt auf die Beine gestellt – wann kommt endlich das Ereignis? Ich habe übrigens schon immer Probleme mit Ausdrücken wie „politische Arbeit“ oder „-projekte“ gehabt. An beiden vermisse ich das plebejische Bekenntnis zur sozialen Militanz der Praxis, die ich von den italienischen Postoperaist_innen oder vom „Griechischen Dezember“ oder von der „Jasminrevolution“ gelernt habe. Es ist nicht so sehr die Organisation, sondern die Radikalisierung, die sie gewährleisten kann, die mich an der Organisationsfrage interessieren würde. Doch dieses Radikalisierungsvermögen ist per definitionem nicht organisierbar, oder besser gesagt die Organisation kann im besten Fall dieses Vermögen benennen und bejahen. Das ist auch das konkrete Kriterium für meine Bereitschaft, mich in und für eine Organisationsform zu engagieren. Es kommt darauf an, das Wissen, die List und die Beharrlichkeit der Subalternen in immer neue Kulturen und Lebensformen der Wunschproduktion zu kommunizieren und wieder sie verteidigen zu lernen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 16:51:26 +0000</pubDate>
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                    &lt;p&gt;Vordergründiger Anlass dieses Interviews ist das 20-jährige Bestehen der  Gruppe FelS. Dabei soll es allerdings nicht um einen Lobgesang auf die  Tatsache gehen, dass eine linke Basisgruppe es zwei Dekaden lang  geschafft hat, nicht auseinanderzubrechen und in internen Grabenkämpfen  zu versacken. Die Tatsache, dass dauerhafte „Organisierung ohne  Organisation“ in der Realität eher selten ist, ist zwar für alle  Beteiligten erfreulich – und eine Basis auf der sich aufbauen lässt –  dennoch ist Kontinuität allein noch kein Indikator für eine aktive Rolle  innerhalb gesellschaftlicher Kämpfe um die Frage, wohin die Reise geht.  Und auch wenn es keinen Grund für völlige Niedergeschlagenheit gibt: An  den eigenen Ansprüchen gemessen sind die sozialen Bewegungen, ist linke  Organisierung in der Bundesrepublik heute nach wie vor randständig. An  diesem Befund führt kein Weg vorbei, FelS hin oder her. &lt;br /&gt;Allerdings  soll diese Erkenntnis auch nicht zur Untätigkeit verdammen, weder auf  der Straße noch in der politischen Diskussion um Stand und Perspektiven  des emanzipatorischen Projekts. Und so geht es uns darum, unsere eigene  Perspektive auf linke Bewegungsgeschichte kritisch yzu reflektieren und  zu schauen, was „unsere“ Stabilität bedeutet – oder auch nicht. &lt;br /&gt;Für  die arranca! sprach Heike mit dem Hamburger Historiker Peter Birke und  dem Politikwissenschaftler und Gründer des Bremer Archivs der sozialen  Bewegungen, Bernd Hüttner. Beide beschäftigen sich seit Jahren mit  Bewegungskonjunkturen und der Geschichte sozialer Bewegungen.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Vordergründiger Anlass dieses Interviews ist das 20-jährige Bestehen der Gruppe FelS. Dabei soll es allerdings nicht um einen Lobgesang auf die Tatsache gehen, dass eine linke Basisgruppe es zwei Dekaden lang geschafft hat, nicht auseinanderzubrechen und in internen Grabenkämpfen zu versacken. Die Tatsache, dass dauerhafte „Organisierung ohne Organisation“ in der Realität eher selten ist, ist zwar für alle Beteiligten erfreulich – und eine Basis auf der sich aufbauen lässt – dennoch ist Kontinuität allein noch kein Indikator für eine aktive Rolle innerhalb gesellschaftlicher Kämpfe um die Frage, wohin die Reise geht. Und auch wenn es keinen Grund für völlige Niedergeschlagenheit gibt: An den eigenen Ansprüchen gemessen sind die sozialen Bewegungen, ist linke Organisierung in der Bundesrepublik heute nach wie vor randständig. An diesem Befund führt kein Weg vorbei, FelS hin oder her. &lt;br /&gt;Allerdings soll diese Erkenntnis auch nicht zur Untätigkeit verdammen, weder auf der Straße noch in der politischen Diskussion um Stand und Perspektiven des emanzipatorischen Projekts. Und so geht es uns darum, unsere eigene Perspektive auf linke Bewegungsgeschichte kritisch yzu reflektieren und zu schauen, was „unsere“ Stabilität bedeutet – oder auch nicht. &lt;br /&gt;Für die arranca! sprach Heike mit dem Hamburger Historiker Peter Birke und dem Politikwissenschaftler und Gründer des Bremer Archivs der sozialen Bewegungen, Bernd Hüttner. Beide beschäftigen sich seit Jahren mit Bewegungskonjunkturen und der Geschichte sozialer Bewegungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Wenn ihr unsere, wie wir hoffen, nicht enthemmte, aber doch vorhandene Freude über „20 Jahre FelS“ seht, was fällt euch aus eurer Perspektive dazu ein? Was bedeuten 20 Jahre Stabilität einer linken Gruppe im bundesdeutschen (und gerne auch globalen) Kontext, wenn man die Tatsache, dass FelS eben kein Verein oder Verband, sondern ein (langsam aber doch stetig wachsender) Organisierungsversuch ist, berücksichtigt?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;BH: Im Vergleich ist FelS damit eine Ausnahme. Und das bedeutet, dass FelS es geschafft hat, immer wieder eine neue Vision seines Daseinszweckes zu schaffen und auch neue Menschen dafür zu begeistern. Das verdient Respekt – und ich würde mir in der Bundesrepublik in noch ein Dutzend Städten Gruppen mit einer Ausstrahlungskraft und Kontinuität wie FelS wünschen.&lt;br /&gt;PB: Ich finde das Vorhandensein von solchen Gruppen sehr bedeutend – und ich freue mich sehr für euch, hoffentlich gibts eine rauschende Party!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Machen wir, am 24. September in Berlin und sowohl ihr beiden als auch alle Leser_innen sind allerherzlichst eingeladen! &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;PB: Kompliment! Ich finde es sehr wichtig, dass ihr Eure Erfahrungen aufhebt, sie werden ja vielleicht noch gebraucht. Einer der sozialen und politischen Zusammenhänge, in dem ich mich in Hamburg bewege, die Gruppe Blauer Montag, hat das auch versucht. Wir haben sogar ein Buch darüber geschrieben.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_wijf8my&quot; title=&quot;Gruppe Blauer Montag (Hrsg.): Risse im Putz. Autonomie, Prekarisierung und autoritärer Sozialstaat, Hamburg, 2008.&quot; href=&quot;#footnote1_wijf8my&quot;&gt;1&lt;/a&gt; Eigentlich ist es eher eine kommentierte Textsammlung. Das Problem war, dass am Ende vor allem zu sehen war, dass vieles schon mal gesagt oder geschrieben worden ist. Anschließend hat man also nichts mehr zu sagen – und kann sich auflösen. Wir haben das zwar nicht gemacht, aber einfach war das nicht. Das heißt: Sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen kann ziemlich riskant und schwierig sein. Das liegt vielleicht auch daran, dass man die Vergangenheit nicht einfach aufhäufen oder ansammeln kann, so wie man Briefmarken oder Klassenfotos sammelt. Vergangenheit ist nichts, was man einlagern kann. In die Vergangenheit blickt man – wenn man sich dafür entschieden hat – nicht klar und eindeutig, sondern eher wie durch einen zerbrochenen Spiegel. Das gilt meines Erachtens nicht nur individuell, sondern auch in Bezug auf unsere kollektive, politische Geschichte. Es geht insofern eher darum, Geschichte kritisch und systematisch zu reflektieren, als darum, Traditionen anzurufen in der Hoffnung, dass der Geist, den wir beschwören, irgendwann auf der Brüstung erscheint.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Dass sich Traditionen fast schon zur Groteske entwickeln können, lässt sich ja gerade in Berlin zu besonderen Events wie beispielsweise der LLL-Demonstration beobachten. Ich sage das – und gehe trotzdem jedes Jahr wieder hin, wie um mich zu vergewissern, dass es wirklich so merkwürdig ist, wie mein Gedächtnis mir sagt … Aber wie sieht es in Kontexten aus, die weniger parteiförmig, symbolisch aufgeladen und vielleicht auch weniger Nelken-affin sind?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;PB: Ein einfaches Beispiel: Politische Kollektive in unserem Alter, auch wenn sie sich nicht parteiförmig konstituieren, neigen oft dazu, die eigenen Bewegungserfahrungen zum Maßstab zu machen, etwa in der Form, in der Kampagnen gemacht werden, durch inhaltliche Setzungen wie zum Beispiel eine bestimmte Art, nach „der Klasse“ zu fragen, über Vorstellungen über das Zusammenleben und die Organisierung. Aber wenn eine neue Soziale Bewegung beginnt, stehen in Wirklichkeit fast nie diese Fragen im Vordergrund. Man fragt sich eher, warum die Leute plötzlich so wütend sind und welcher Funke es war, der das Ganze zur Explosion gebracht hat. Das gilt grundsätzlich für alle Aufstände: Wer hätte damit gerechnet, dass ein prekärer Wissensarbeiter jenseits von Tunis eine „arabische Revolution“ auslösen könnte? Oder wer hat vorausgesagt, dass in Portugal ein paar Millionen Menschen über Facebook zu Massendemonstrationen gegen Prekarisierung mobilisiert werden können? &lt;br /&gt;Ich will das nicht vergleichen oder sogar gleichsetzen. Aber solche Überraschungen können wir auch in einem lokalen Maßstab erleben. Ehrlich gesagt haben wir in Hamburg keine der Protestbewegungen der letzten mindestens zehn Jahre kommen sehen und gleichzeitig haben wir uns oft falsche Hoffnungen gemacht, wo eigentlich nur Stagnation war. Und ob es die großen sozialpolitischen Proteste, Bambule oder jetzt „Recht auf Stadt“ waren – wenn überhaupt, haben wir immer erst eingegriffen, wenn sich bereits etwas bewegte. Ich glaube, dass der richtige Umgang ist, sich eine forschende oder suchende Haltung zu bewahren, und zwar in Bezug auf die Vergangenheit und die Gegenwart und sogar in Bezug auf das, was früher als Zukunft erhofft wurde. Ich weiß, dass dieser Vorschlag vielleicht eher nach einem Glückwunsch zum Erreichen des Rentenalters klingt. Aber irgendwie ist es ja auch so: Im Vergleich zu den meisten anderen linksradikalen Gruppen haben wir nach 18 oder 20 Jahren Bestand ja schon so etwas wie das Rentenalter erreicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Da muss ich jetzt nachfragen: Seid ihr denn als Mitglieder des Blauen Montag gemeinsam gewachsen und ins „Rentenalter“ gekommen, also ist die Gruppe personell so stabil, dass man nach 18 Jahren seine Pappenheimer irgendwie kennt und weiß, wer heimlich die Schachfiguren frisst oder habt ihr wie wir eher eine hohe Fluktuation? Denn aus meiner Perspektive konterkariert diese Fluktuation bei FelS unser „Rentner_innendasein“ – sowohl in Hinsicht auf die schlechten Seiten wie Eingefahrenheit und eine gewisse Erschöpfung durch immer nur graduell gewonnene Schlachten als auch auf die guten Seiten wie Erfahrung, kontinuierliche Wissensakkumulation, Vertrautheit, eine gewisse Abgebrühtheit …&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;PB: Du hast Recht, da gibt es einen Unterschied. Natürlich wollte ich weder die arabische Revolution und die „Recht auf Stadt“-Bewegung noch FelS und unseren bescheidenen Diskussionszirkel vergleichen. In Hamburg ist es meiner Wahrnehmung nach tatsächlich so, dass es einige Gruppen gibt, die sehr lange zusammenarbeiten, die viele, wichtige Erfahrungen gemacht haben, aber nur eine oder vielleicht anderthalb politische Generationen repräsentieren. Das ist eine Stärke und zugleich ist es eine Schwäche. Vielleicht habt ihr das Problem bei FelS nicht so oder anders. Aber eines ist wichtig: Auch Genoss_innen werden alt, sind überarbeitet, bekommen Kinder oder einen Burn-out, ziehen um, werden verzweifelt oder krank, einige sterben. Eine Stärke ist, dass wir lernen, mit diesen vielen und oft existenziellen Veränderungen umzugehen und uns nicht zu verlieren. Eine Schwäche ist mit Sicherheit, dass wir immer unzureichend damit umgehen. Aber es ist eine wichtige Herausforderung für eine Linke, die auf Dauer nicht aus ein paar wenigen Opas und einer Masse Jugendlichen bestehen will. Eine Erklärung für die kurze Verfallsdauer der Sozialen Bewegungen und das Gefühl, dass Erfahrungen immer wieder neu gemacht werden, sich aber irgendwie auch dauernd ähneln, ist: Soziale Bewegungen in der Bundesrepublik sind fast immer, heimlich oder erklärtermaßen, Jugendbewegungen gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Diesen Befund teile ich absolut, obwohl ich von Heimlichkeit nicht viel entdecken kann … Aber hier lässt sich anschließen, denn ich wollte auf Bewegungszyklen zu sprechen kommen, also auf die These, dass es immer wiederkehrende Hoch- und Tiefphasen gibt, zwischen denen soziale Bewegungen oszillieren. Lässt sich das aus eurer Perspektive so behaupten? Wenn ja, sind es wiederkehrende ähnliche Gründe, die diese Auf- oder Abschwungphasen auslösen? Oder sind die Gründe oder Auslöser zufällig?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;BH: Zufall ist ein wichtiges Prinzip des historischen Materialismus, um an dieser Stelle passender Weise Peter zu zitieren ... Ansonsten ist das die Henne-oder-Ei-Frage. Lösen Verwerfungen im Kapitalismus die Sozialen Bewegungen aus, oder umgekehrt? Keine Ahnung, beziehungsweise sowohl als auch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Knapper und gleichzeitig nuancierter kann man die Antwort auf die Frage nach dem Zusammenspiel von Akteur_innen und Bedingungen, unter denen diese handeln, wohl nicht auf den Punkt bringen. Wobei ich mich immer wieder frage, ob die Sache mit dem Huhn und dem Ei in den jeweils konkreten Situationen nicht doch immer nach einer Antwort schreit, oder zumindest nach dem Versuch nach einer. Vielleicht aber doch noch mal zum ersten Teil meiner Frage, der Frage nach Bewegungszyklen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;PB: Eine positivistische Antwort, etwas ironisch: Die Forschung über soziale Bewegungen hat solche Zyklen entdeckt, also gibt es sie. Der Zyklus einer Student_innenbewegung endet zum Beispiel oft in den Semesterferien, und in der Adventszeit wird in Nordeuropa viel seltener gestreikt als in allen anderen Monaten. Eine Ausnahme ist hier natürlich Finnland, wo eigentlich immer gestreikt wird. Das wissen wir alles und bis ins Detail. Die Frage ist nur: Was wissen wir dann? Wir wissen zum Beispiel nichts über Kontingenz. Der November ist zum Beispiel – wie Heiner Müller ja auch mal bedauernd ausgedrückt hat – ein schlechter Monat für Revolutionen. Trotzdem haben einige bedeutende Revolutionen des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt in Deutschland, im November stattgefunden. Und trotzdem lag Heiner Müller mit seiner Feststellung nicht falsch. Nur: was ist das für eine Feststellung? Im Grunde genommen ist das eher eine Figur des Trauerns. Das ist nicht unwichtig, Trauerarbeit ist nötig, aber nur deshalb, weil sie eine Warnung vor der Wiederkehr der Katastrophe enthält. Die optimistische Fragestellung, die nach 1968 mit der Idee der Zyklen verbunden war, liegt zugleich aber auch in der Vorstellung, dass 1968 noch nicht das Ende der Revolten war und sich etwas von der Spur, die damals gelegt wurde, fortsetzen würde. Das ist zweifellos richtig, aber auch zweifellos falsch. 1968 hat einen Ausgangspunkt formuliert: Die meisten Sozialen Bewegungen haben sich danach von diesem Ausgangspunkt abgegrenzt. Das gilt für die neue Frauenbewegung ebenso wie für die der Hausbesetzungen, spätestens seit der Generation der 1980er Jahre. Mit der Vorstellung der Zyklen kann man diesen Prozess nicht erfassen: Es „fängt wieder an“, aber es ist zugleich „etwas Neues“.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Vielleicht lässt sich hier an meine nächste Frage anschließen, an die Frage nach so etwas wie Orientierung an Vergangenem, der Suche nach gewissen Leitlinien und dem Wunsch, nicht immer wieder bei Null anzufangen, sondern bestimmte Erfahrungen auch nach dem Gong in die nächste Runde rüberzuretten. Wenn ich an FelS denke, dann gibt es beispielsweise bestimmte Kampagnen, bestimmte Ereignisse oder hart erkämpfte Entscheidungen, die öfter mal „hervorgeholt“ werden, um den Status quo zu rechtfertigen oder zu erklären, warum „wir“ bestimmte Dinge so und so machen. Welche Rolle spielt eurer Erfahrung nach historisches Erinnern für die Stabilität von Gruppen bzw. Akteur_innen innerhalb sozialer Bewegungen oder auch ihre Fähigkeit als Kollektiv zu wachsen? Lassen sich „Ergebnisprotokolle“ von Diskussionsverläufen festhalten? Ist der Verweis auf gewisse historische „Wegmarken“ eher hilfreich oder kann er auch destruktiv sein?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;BH: Grundsätzlich denke ich, dass historische Erfahrungen eine geringe Rolle spielen. Eine Gruppe, die sich auf eine gemeinsame Sichtweise auf historische Ereignisse verständigt hat, ist sicher stabiler, was aber am kollektiven Diskussionsprozess und nicht am historischen Ereignis, das ja in gewissem Sinne eh eine kollektive Konstruktion ist, liegt.&lt;br /&gt;PB: Sich auf Erfahrungen zu berufen, ist zwar nicht falsch, aber wenn du sagst, dass damit der Status quo gerechtfertigt wird, deutest du ja zugleich an, dass es sich um einen (internen oder externen) Diskurs handelt und damit um die Produktion von Macht. Erinnern ist nichts Harmloses: Es dient der Verständigung und Vergewisserung, aber auch der Normierung. Die Frage ist, wie man die Auseinandersetzung, den Konflikt um die Erinnerung sichtbar machen kann, die verschiedenen Konsequenzen, die daraus abgeleitet werden können. Diese Frage hat in der bundesdeutschen Linken durchaus eine wichtige Rolle gespielt und es ist aus meiner Sicht gut, weiter darüber nachzudenken. Dabei ist Erinnern ja in Wirklichkeit ein sehr komplexer Prozess. Es hat zum Beispiel eine wichtige biografische Dimension. Feiertage sind Erinnerungstage, an denen – sowohl von unserer als auch von der anderen Seite – diese biografische Dimension organisiert wird. Ich finde von diesem Ausgangspunkt aus die Vorstellung von Walter Benjamin wichtig, der in den Geschichtsthesen darauf hingewiesen hat, wie das Gedächtnis im herrschenden Diskurs enteignet wird, wie aber zugleich oppositionelles und kritisches Erinnern und Gedächtnis „im Augenblick der Gefahr“ aus der Latenz ins Licht geholt wird. Auch in dieser Vorstellung steht die Idee im Vordergrund, dass Erinnerungskultur untrennbar mit sozialen Konflikten verbunden ist. In der feministischen Erinnerungsarbeit der frühen 1970er Jahre oder in der frühen Oral-History-Bewegung waren solche Erfahrungen ja auch sehr präsent. Und Erinnerungen an Streiks werden oft durch Streiks produziert. Natürlich ist es wichtig, so etwas zu thematisieren, nicht als Historiker_in, sondern eher in einer Art des History Workshop, also in Kooperation mit dem, was du etwas vage „Akteur_innen“ genannt hast. Aber man darf sich so einen Workshop nicht einfach vorstellen: Es ist oft ein schmerzhafter und eingreifender Prozess, weil er sich nicht alleine nur auf die äußere, politische Geschichte bezieht, sondern auch eine Bedeutung dafür hat, wie wir unsere alltägliche Kooperation und unser persönliches und kollektives politisches Eingreifen organisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Am Punkt der potentiellen „Schmerzhaftigkeit des Erinnerns“ würde ich gerne einhaken: So betrachtet wäre historisches Erinnern weder ein Instrument, also so etwas wie der Kitt, der Bewegungen oder Gruppen zusammenhält und als solches gepflegt werden muss, noch ein naturwüchsiger oder fast beiläufiger Prozess, sondern irgendetwas Drittes …&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;BH: Historisches Erinnern im Sinne einer Aufarbeitung vergangener Erfahrungen gibt es in der radikalen Linken ja kaum. Dass geschichtspolitische Deutungen instrumentell eingesetzt werden, gibt es ja eher in traditionell linken Milieus. Dort, zum Beispiel in der Partei „Die Linke“, sind geschichtspolitische Diskurse viel mehr Gegenstand von Tagespolitik und Konflikten.&lt;br /&gt;PB: Historisches Erinnern ist kein Instrument, sonst ist es nicht viel mehr als Traditionspflege. Es gibt natürlich viele Projekte, gerade in der bundesdeutschen Linken, die sich der Tradition verpflichten. Ich glaube aber, das führt kaum weiter: Es ist vor allem die Herstellung von problematischen Identifikationen und – im Sinne dessen, was ich oben in Bezug auf Heiner Müller gesagt habe – von Melancholie. Diesen melancholischen und zugleich sicherlich auch faszinierenden Aspekt hat es auch, wenn Linke sich hinter den Masken der Vergangenheit bewegen oder in der Sprache Lenins und Rosa Luxemburgs sprechen. Man muss sich klar machen, dass man sich damit auf vergangene Formen beruft und dass die Identifikationen mit dieser Vergangenheit ambivalent sind: es ist auch die Identifikation mit unseren Niederlagen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Es gibt ja die These, dass in der Bundesrepublik ein massives Problem mit fehlenden „Vorbildern“ existiert, dass es wenige gibt, die die Schallgrenzen zwischen Schul/Unizeit und Berufseintritt oder Familiengründung als Aktivist_innen überstehen. Glaubt ihr, dass das wirklich eine Rolle spielt und wenn ja, warum ist das ein Problem?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;BH: Es spielt eine Rolle. Gleichzeitig gibt es heute durchaus viele &lt;br /&gt;radikale Linke, die über 40 sind. Sogar welche die Kinder haben. Das ist auch eine Frage der materiellen Reproduktion. Diese basierte bis Hartz IV ja auf individuellen Nischen, die es jetzt so nicht mehr gibt. Insofern hat in den letzten Jahren die erzwungene Unterwürfigkeit der radikalen Linken zugenommen.&lt;br /&gt;PB: Und ich möchte hinzufügen: auch die roten Großväter, so sehr ich sie persönlich schätze, haben sich in den Widersprüchen ihrer Gesellschaft bewegt. Entsprechend sind viele Biografien, auch unsere eigenen, in Wirklichkeit ziemlich bunt, nicht nur deutsch, fast nie nur revolutionär. Und wir produzieren unsere eigenen blinden Flecken, die die Generationen nach uns aufarbeiten werden müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Da stimme ich vollends zu, aber ich wollte auch auf den Stellenwert von Vorbildern für bestimmte Formen des Transfers von „Bewegungswissen“ oder „gelebter Subversion“, auf den Zusammenhang von alten und neuen Widerstandsformen hinaus. Wie wichtig sind tradierte Formen und alltägliche Praxen des politischen Engagements für die Reichweite und „Durchschlagkraft“ sowohl von Revolten als auch tagtäglichem politischen Engagement? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;PB: „Bilder“ sind etwas, was in der eigenen Wahrnehmung zusammengesetzt wird, auch Bilder aus der Vergangenheit, also „Vor“-Bilder. Klar brauchen wir solche Bilder, und es ist auch falsch, davon auszugehen, dass sie in der Bundesrepublik oder sonst irgendwo nicht sowieso existieren. Mir geht es mehr darum, den Prozess ihres Entstehens zu reflektieren und eine Verständigung über diese Bilder zu suchen. Eine erste Frage wäre dabei, inwiefern es sich um verdichtete Erfahrungen handelt. Was bedeutet das Bild, das du, ich oder wir uns zum Beispiel von dem historischen Handeln und den Texten (und vielleicht auch von den Liebesbriefen) von Rosa Luxemburg machen, für das, was du „gelebte Subversion“ nennst? Welche Praxen verbinden sich mit diesem Bild? Was können wir in diesem Bild verstehen, was wird uns ein Rätsel bleiben? Das sind meines Erachtens sehr wichtige Fragen, die man nicht delegieren sollte, vor allem nicht an die HistorikerInnen, gegenüber deren Definitionsmacht ja im Grunde höchstes Misstrauen angebracht ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿„Misstrauen gegenüber HistorikerInnen“ ist vielleicht ein gutes Stichwort für meine vorerst letzte Frage, in der es um das Archivieren und Konservieren von historischen Zeugnissen gehen soll. Sind linke Gruppen und Akteur_innen darin eigentlich eher gut, oder eher ganz hoffnungslos „rückständig“, wenn ich dieses etwas ungeschickte Wort hier nehmen darf? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;PB: Es gibt sehr wichtige Archive der Linken: die „Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts“ ist ein Beispiel, Bewegungsarchive sind ein anderes. Es ist eine sehr wichtige, aber im Moment sicherlich nicht einfache Aufgabe, solche Archive zu erhalten. &lt;br /&gt;BH: Das längerfristige Archivieren ist oftmals ein Steckenpferd einiger älterer oder altgewordener linksradikaler Nerds. Der Mehrheit der aktuell agierenden Bewegung ist ihre eigene Geschichte nicht so wichtig, und die Aufbewahrung von Dokumenten herzlich egal. Zumal auch die staatlichen Archive langsam die Bedeutung dieser Dokumente für die Geschichtsschreibung der 1970er und 1980er Jahre erkennen. Wichtige und vor allem: gut geführte Archive zu den Neuen Sozialen Bewegungen sind eh halbstaatlich, etwa das der Böllstiftung oder das des Hamburger Institut für Sozialforschung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Aber findest du, dass Archivierung als Steckenpferd einiger „Nerds“ auch ausreicht, bzw. dass linke Gruppen das besser staatlichen Archiven oder Stiftungen überlassen sollten? Oder gibt es schlagende Argumente, hier viel mehr Energie und Ressourcen hineinzustecken?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;BH: Bei der Frage der Zugänglichkeit der Hinterlassenschaften bin ich pragmatisch. Bevor Material verloren geht, soll es ruhig von einem staatlichen Archiv übernommen werden, wenn jenes es zugänglich hält. Zumal staatliche Archive auch noch in 50 Jahren existieren werden, das können wir bei Bewegungsarchiven nicht annehmen. Ich klage mittlerweile die linke Bewegung weniger als früher dafür an, dass sie geschichtslos ist. Auch wenn ich weiterhin der Meinung bin, aus der Geschichte könne gelernt werden, nämlich indem Fragen aus heutiger Sicht an die Vergangenheit gestellt werden – das wäre dann was anderes als Traditionen, die mich nicht so interessieren. Vielleicht wäre das sogar das Gegenteil von Tradition.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Das ist ein sehr gutes Schlusswort, finde ich! Herzlichen Dank für das Gespräch!&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_wijf8my&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_wijf8my&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Gruppe Blauer Montag (Hrsg.): Risse im Putz. Autonomie, Prekarisierung und autoritärer Sozialstaat, Hamburg, 2008.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 16:03:59 +0000</pubDate>
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 <title>Kleine Atempause</title>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;In diesem Sommer gibt es FelS nun ziemlich genau zwei Jahrzehnte – eine  lange Zeit. Doch die wenigsten heute bei FelS Aktiven waren von Anfang  an dabei. Die meisten haben vor 20 Jahren noch in den Kinderschuhen  gesteckt. Was uns als FelS heute verbindet, ist für die Einen vage und  für Andere ganz klar. Dieser Umstand geht nicht zuletzt auf das zurück,  was den nicht minder vagen Titel ‚postautonom‘ trägt. &lt;br /&gt;Was also heißt  postautonom? Die Vorsilbe „post“ allein trägt zur Begriffsbestimmung  nicht viel bei. Dass bisher niemandem ein „eigener“ Name für diese  Generation der radikalen Linken eingefallen ist, mag auch daran liegen,  dass schon die Bezeichnung „Autonome“ stets sehr vage war. Glaubt man  den Jugendforscher_innen an den Unis oder den deutschen  Mainstream-Medien, so genügen ja schon ein schwarzer Kapuzenpullover,  ein Pflasterstein und eine Portion diffuser Wut im Bauch, um sich als  Autonome_r zu qualifizieren. Derlei Platitüden werden von den meisten  Autonomen zwar entschieden zurückgewiesen, auch innerhalb der Bewegung  hat sich aber nie eine gemeinsame (Selbst-)Bezeichnung durchgesetzt. Um  sich dem Begriff und seiner Bedeutung zu nähern, ist es hilfreich in der  Geschichte zu graben.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Warum spielt das Anknüpfen an Traditionen eine so geringe Rolle? Hat die Tatsache, dass der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte wenig Raum gegeben wird, mit einem in der westdeutschen radikalen Linken vorhandenen Abgrenzungswahn zu tun? Die Linke der 1970er hat sich von den 68ern abgegrenzt, die 1980er von den 1970ern usw. Wie also einen Umgang mit Kritik an früheren Bewegungen finden, der trotzdem nicht die produktiven Anknüpfungspunkte vergisst?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;&lt;/em&gt;20 Jahre FelS. Erzählen wie wir gewesen sein wollen und wie wir erinnert werden können&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In diesem Sommer gibt es FelS nun ziemlich genau zwei Jahrzehnte – eine lange Zeit. Doch die wenigsten heute bei FelS Aktiven waren von Anfang an dabei. Die meisten haben vor 20 Jahren noch in den Kinderschuhen gesteckt. Was uns als FelS heute verbindet, ist für die Einen vage und für Andere ganz klar. Dieser Umstand geht nicht zuletzt auf das zurück, was den nicht minder vagen Titel ‚postautonom‘ trägt. &lt;br /&gt;Was also heißt postautonom? Die Vorsilbe „post“ allein trägt zur Begriffsbestimmung nicht viel bei. Dass bisher niemandem ein „eigener“ Name für diese Generation der radikalen Linken eingefallen ist, mag auch daran liegen, dass schon die Bezeichnung „Autonome“ stets sehr vage war. Glaubt man den Jugendforscher_innen an den Unis oder den deutschen Mainstream-Medien, so genügen ja schon ein schwarzer Kapuzenpullover, ein Pflasterstein und eine Portion diffuser Wut im Bauch, um sich als Autonome_r zu qualifizieren. Derlei Platitüden werden von den meisten Autonomen zwar entschieden zurückgewiesen, auch innerhalb der Bewegung hat sich aber nie eine gemeinsame (Selbst-)Bezeichnung durchgesetzt. Um sich dem Begriff und seiner Bedeutung zu nähern, ist es hilfreich in der Geschichte zu graben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Von Autos und Postautos&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Zwar reichen die Wurzeln dieser undogmatischen linksradikalen Strömung bis zu den rätekommunistischen und anarchosyndikalistischen Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts zurück, der wichtigste Bezugspunkt der autonomen Bewegung dürfte aber die italienische Linke der 1960er Jahre darstellen. Dort stand der Begriff der Autonomia zunächst zum Einen für die Emanzipation der Anfang des Jahrzehnts entstandenen neuen linksradikalen Bewegung Italiens von der moskautreuen kommunistischen Partei und ihrem staatstragenden Reformkurs. Zum Anderen verwies er auf den Operaismus, der marxistischen Schule dieser Neuen Linken und seinen Fokus auf die spontanen Arbeitskämpfe der norditalienischen Automobilindustrie, vom „unsichtbaren“ Alltagswiderstand krank feiernder und bummelnder Fließbandarbeiter_innen bis hin zum wilden Streik in der Fabrik. Aus diesen Kämpfen leiteten die italienischen Genoss_innen ein Geschichtsverständnis ab, dasnicht den Tarifrunden und Wahlkämpfen der institutionalisierten Arbeiter_innenbewegung die entscheidende Rolle in der Geschichte des Kapitalismus beimaß. Ihre Begeisterung galt dem weitgehend spontanen und unberechenbaren autonomen Widerstand der Arbeiter_innen selbst, der sich der Kontrolle durch Partei und Gewerkschaft entzog. &lt;br /&gt;In Deutschland wurde der Begriff nie wirklich einheitlich verwendet. Anhänger_innen der operaistischen Ideen wie etwa die Frankfurter Gruppe „Revolutionärer Kampf“ oder die Münchner „Arbeitersache“ versuchten zwar bereits in den 1970er Jahren mit einigem Erfolg, auch in Deutschland eine politische Praxis nach italienischem Vorbild zu etablieren, doch mit dem Bruch der linken Bewegung Ende der 1970er Jahre ging davon viel verloren. Zwar griffen auch in den 1980ern immer wieder Teile der autonomen Szene auf das operaistische Ideengebäude zurück, beispielsweise die Jobber_innenbewegung oder die Autor_innen der Zeitschriften „Wildcat“ oder „Autonomie Neue Folge“. Als sich aber Anfang der 1980er Jahre relativ plötzlich massenhaft linke Jugendliche ohne gemeinsame Organisation oder einheitliches Weltbild als Autonome zu bezeichnen begannen, galten die operaistischen Politikansätze als kaum minder suspekt als die dogmatisch erstarrte Praxis der maoistischen K-Gruppen, die noch wenige Jahre zuvor das linksradikale Spektrum der BRD dominiert hatten. Die zweite Generation der Autonomen wuchs durch die Welle von Hausbesetzungen Anfang der 1980er binnen weniger Monate fast aus dem Nichts zu einer bedeutenden sozialen Bewegung, die während des gesamten nächsten Jahrzehnts von AKW bis Volkszählung bei fast jedem politischen Protestereignis in der BRD mitmischte. Doch trotz zahlloser Versuche von Staat und Medien, die Autonomen als Krawallchaot_innen zu brandmarken, gelang es bis zum Fall der Mauer nicht, sie vom Rest der Neuen Sozialen Bewegungen politisch zu isolieren. &lt;br /&gt;Durch den Bruch mit dem Avantgardeanspruch der K-Gruppen und mit der Weiterverbreitung des „Triple Opression“ -Ansatzes ab Mitte der 1990er Jahre, der mit der Analyse von mehreren sich gegenseitig beeinflussenden Unterdrückungsmechanismen (Rassismus, Sexismus, Klassismus) eine Abkehr vom Hauptwiderspruchsdenken darstellte, leisteten sie einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung eines undogmatischen linken Politikverständnisses – und das trotz ihrem weitgehenden Desinteresse an linker Theorie. &lt;br /&gt;Für eine szeneweite Debatte über die eigene Geschichte fehlte der Raum. Während die Erfahrungen aus dem italienischen Klassenkampf und die operaistische Theorie bei FelS ein Jahrzehnt später auf großes Interesse stießen, ging es der „Generation Weserstadion“ bei ihrer Autonomie in erster Linie um Unabhängigkeit von den (Alltags-)Zwängen der Industriegesellschaft. Das brachte nicht nur die radikale Ablehnung der Lohnarbeits-und-Hausfrauen-Lebensläufe der eigenen Elterngeneration mit sich. Das Wissen um die schlechten Erfahrungen mit linken Organisationsversuchen der 1970er und die fehlende linksradikale Perspektive der realsozialistischen Projekte bedingte einen radikalen Bruch mit allem, was den Organisationsformen der K-Gruppen der 1970er Jahre nur entfernt ähnlich sah.&lt;br /&gt;Es sollte dieses Desinteresse an einem verbindlichen Organisierungssansatz sein, das Ende der 1980er Jahre für große Unzufriedenheit bei vielen Autonomen sorgte. Vor allem die Fixierung der Bewegung auf Großkampagnen gegen Gipfeltreffen (etwa den Reagan-Besuch oder das IWF-/Weltbanktreffen Ende der 1980er in Berlin ), wurde von Teilen der Szene immer schärfer kritisiert. Die Bewegung fiel nach dem Ende einer solchen Kampagne stets wieder auf ihre Ausgangs-situation als selbstreferentielle, unverbindliche und nur anlassbezogen vernetzte Szene zurück. Im Zuge einer später unter dem Namen &lt;a href=&quot;http://www.fels-berlin.de/heinz-schenk&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;„Heinz Schenk Debatte“&lt;/a&gt; bekannt gewordenen Diskussion zum Zustand der autonomen Szene Berlins in der Zeitschrift Interim Anfang der 1990er wurde dieser Status Quo von späteren FelS-Gründungsmitgliedern scharf kritisiert, vor allem mit dem Textbeitrag „Ich bin doch kein Kampagnenheinz!“. Darin hieß es, die autonome Bewegung sei theoriefeindlich, unorganisiert, planlos und unfähig, über die rein szeneinterne Großevent-Mobilisierung hinaus irgendeine nachhaltige linke Politik auf die Beine zu stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es dürfte nicht zuletzt der teilweise beißenden Polemik dieser Texte geschuldet sein, dass „postautonom“ in den Ohren vieler Linker bis heute genauso klingt wie „anti-autonom“. Angesichts der zahlreichen kleinen und großen Streitigkeiten, die das Verhältnis zwischen autonomer Szene einerseits und postautonomen Gruppen wie Avanti, Antifa [M] oder FelS andererseits in den letzten 20 Jahren mit geprägt haben, mag das teilweise stimmen, greift aber zu kurz. Denn wenn man den Beginn der postautonomen Gruppen auf die Heinz-Schenk-Debatte reduziert, vergisst man, dass beispielsweise FelS die autonome Kritik am dogmatischen Marxismus-Leninismus der 1970er Jahre von Anfang an teilte. Der Schritt „weg von den Autonomen“ war nicht einfach ein Schritt zurück zur K-Gruppen-Politik. Die autonome Ablehnung des leninistischen Avantgarde-Selbstverständnisses, der „Hauptwiderspruchs“-Logik oder der Stellvertreter-Praxis der Werkstor-Agitation stellt ein ebenso kennzeichnendes Moment des postautonomen Selbstverständnisses dar wie die Kritik an der auf die eigene Szene beschränkten Kampagnenpolitik der Autonomen. Die für die FelS-Gründung nicht minder bedeutsamen 38 Thesen für eine Neukonstituierung der Linken aus der 1993 erschienenen ersten arranca!-Ausgabe greifen diese Punkte auf und setzen sich darüber hinaus auch intensiv mit dem schweren Erbe des kurz zuvor gescheiterten, erstarrten sozialistischen Modells nach sowjetischem Vorbild auseinander. &lt;br /&gt;Seitdem beschäftigen FelS und andere Gruppen die damals formulierten Ansprüche an die eigene Politik, vor allem die Organisationsfrage. Die mittlerweile in ganz Nordwestdeutschland und Berlin aktive Gruppe Avanti existiert seit 22 Jahren und andere große postautonome Gruppen wie etwa die Organisierte Autonomie aus Nürnberg, die Antifaschistische Aktion Berlin oder die Antifa [M] aus Göttingen haben sich zwar mittlerweile gespalten, ihre Nachfolgeorganisationen spielen aber bis heute bundesweit eine wichtige Rolle in der Linken.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Überlandfahrt statt Stadtverkehr&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Weil der gemeinsame Anspruch, sich zu organisieren, von Anfang an auch überregional gedacht war, wurde schon Anfang der 1990er versucht, diese Gruppen über die Stadtgrenzen hinaus zu vernetzen. Während der erste Versuch, die Initiative Linke Organisierung (ILO), noch stark vom Bedürfnis nach einem einheitlichen Welterklärungsansatz geprägt war und bald am Unvermögen der Beteiligten scheiterte, eine theoretische Einigung zu erzielen, brach der Versuch einer bundesweiten Antifa-Organisation (AA/BO) erst im Jahr 2000 ganz auseinander. FelS hatte sich aus der AA/BO allerdings schon früher verabschiedet und mit dem Austrittspapier für Aufsehen in der deutschen Antifa-Szene gesorgt. Kritisiert wurde dabei vor allem, dass Antifapolitik in der AA/BO nie über bloße Anti-Nazi-Politik hinaus kam. Auch die vielen inhaltlichen Leerstellen wurden bemängelt, vor allem das in der AA/BO dominierende Geschichtsverständnis, nach dem der Faschismus nur eine besonders aggressive Form kapitalistischer Herrschaft darstellt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Richtig gerne erinnere ich mich an die ersten Euromaydays - damals war ich noch nicht bei FelS und weiß noch, dass ich sehr begeistert war, dass es eine linksradikale Gruppe gibt, die auch ohne (dominanten) Dresscode und ohne dieses martialische Auftreten am 1. Mai auf die Straße ging.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach ILO und AA/BO wurde das Projekt einer bundesweiten Organisierung einige Jahre lang zurückgestellt und erst Ende der 1990er mit einem „Beratungstreffen“ verschiedener postautonomer Zusammenhänge und Einzelpersonen, aus dem später die Interventionistische Linke (IL) entstehen sollte, recht zaghaft wieder aufgenommen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Schulterblick und toter Winkel&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn insbesondere seit den 1990er Jahren langfristige Organisierung im Zentrum der Auseinandersetzungen stand, war dies weder Selbstzweck noch das einzige Ziel. Was FelS betrifft, so geben bereits die „38 Thesen“ Aufschluss darüber, was zur Zeit der Gründung der Gruppe angedacht gewesen war. Die am Ende des Textes noch einmal auf „4 Kriterien“ zusammengefassten Kernthesen dieses Manifestes lauten wörtlich:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;linke Politik muss stärker versuchen, gesellschaftliche Isolation zu durchbrechen und sich an die Öffentlichkeit, an die anderen hier lebenden Menschen zu richten&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;die organisatorischen Strukturen müssen soziale Lernprozesse fördern und die Einbindung neuer Menschen ermöglichen&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;ein [...] technologiekritischer, nicht technologiefeindlicher Standpunkt&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;das strategische Ziel, Selbstregierungsformen aufzubauen, d.h Macht nicht als Organisation oder Bewegung zu monopolisieren, sondern zu sozialisieren&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;Diese Thesen eignen sich, um ansatzweise zu beschreiben, was seit der Gründung von FelS alles geschehen ist und um zu überprüfen, inwieweit wir unseren vor 20 Jahren formulierten Ansprüchen gerecht werden. &lt;br /&gt;Die Einbindung neuer Mitglieder ist in einer linken Gruppe oft schwierig. Viele Gruppen ziehen schon auf Grund des ungebrochen großen Interesses der deutschen Repressionsorgane an linker Politik die Klandestinität vor und finden ihre Neuzugänge nur im engsten politischen und persönlichen Umfeld. Wieder andere legen zwar großen Wert auf Offenheit und bemühen sich ständig um neue Mitstreiter_innen, stellen sich jedoch durch schwer verständliche Sprache und szene-interne kulturelle Codes immer wieder selbst ein Bein. Nichts Anderes gilt für die Geschlechterzusammensetzung oder für die krasse Dominanz von Weißen in vielen Gruppen.&lt;br /&gt;FelS hat sich tatsächlich schnell zu einer relativ offenen Gruppe entwickelt und versucht, „Neuen“ den Anschluss an die politischen Diskussionen der mittlerweile sechs Arbeitsgruppen zu ermöglichen. Zwar ist es uns nicht gelungen, Wissenshierarchien ganz abzubauen, aber wir arbeiten daran. Dazu gehört nicht nur der Versuch, sich Theorie gemeinsam in Lesekreisen anzueignen, sondern auch das Handwerkszeug der politischen Praxis untereinander weiterzugeben und Workshops zu Themen wie Pressearbeit oder Webseitenadministration zu organisieren. Was kulturelle Codes angeht, so kann man zwar festhalten, dass es bei FelS keine Dresscodes gibt, also weder Nietengürtel- noch Windbreaker-Pflicht. Die Tatsache, dass sich die Gruppe vor allem aus Weißen Akademiker_innen zusammensetzt, spricht dennoch dafür, dass linke Politik immer noch eine sehr begrenzte Veranstaltung ist. Was das Geschlechterverhältnis betrifft, so wurde in der Geschichte der Gruppe schon zweimal versucht die Notbremse des „Aufnahmestopps für Männer“ zu ziehen, was man getrost als Verzweiflungstat bezeichnen kann. &lt;br /&gt;Seit der FelS Gründung 1991, gab es immer wieder Versuche, Feminismus und Antikapitalismus zu verbinden. Die Arbeitsgruppen, die sich dieser Aufgabe widmen wollten, haben leider nie lange bestanden. Auch der Versuch, Geschlechterverhältnisse als Querschnittsthema innerhalb der konkreten Arbeit der anderen AGs zu bearbeiten, führte dazu, dass die internen Strukturen der Gruppe unter Gender-Gesichtspunkten beleuchtet wurden. Der Versuch, das Thema (Queer-)Feminismus in den Kontext der übrigen gesamtgesellschaftlichen Analysen und der konkreten Auseinandersetzungen der FelS-Praxis zu integrieren, scheiterte dagegen oft. Weil es damit nicht getan sein kann, haben wir Anfang 2010 die AG Queerfeminismus gegründet. Wir sind nach wie vor auf der Suche nach einer politischen Praxis, die dem Rechnung trägt.&lt;br /&gt;Eine Gruppe wie FelS, die den Anspruch hat, auch Menschen jenseits der 30 mit Kind und Kegel zu organisieren, steht beim Versuch, einen Beat zu finden, der älteren Genoss_innen eine regelmäßige und gleichberechtigte Mitarbeit ermöglicht, ohne die jüngeren Companer@s zu brüskieren, die der Gruppe gerne einen Großteil ihrer Zeit widmen wollen, immer wieder vor einer Zerreißprobe. Die regelmäßige Kinderbetreuung während der Gruppentreffen erweist sich in diesem Zusammenhang seit Jahren als sehr hilfreich. Gelöst ist das Problem damit aber noch lange nicht. Hier praktische Lösungen zu finden ist ganz sicher eine der dringlichsten Aufgaben für die nächste Zeit.&lt;br /&gt;Beim nächsten Programmpunkt der „38 Thesen“ dürfte es sich um die bis heute wichtigste Selbstzuschreibung vieler postautonomer Gruppen handeln. Dem arranca!-Postulat aus dem Jahre 1993, die „gesellschaftliche Isolation“ der Linken zu durchbrechen, entspricht der Gruppen übergreifende Anspruch aus dem Jahr 2005, künftig gemeinsam eine Interventionistische Linke zu sein. Mit diesem Ziel wird seit dem Dialog und in Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Gruppen außerhalb der radikalen Linken gesucht. Von den Feldern vor Heiligendamm im Juni 2007 bis in die verschneiten Straßen Dresdens im Februar 2011 ist dieses Konzept bisher immer mal wieder aufgegangen. &lt;br /&gt;Auch unabhängig von der Politik der IL hat dieser Anspruch eine enorme Bedeutung für unsere Gruppe. Die FelS-Antifa AG versucht seit Jahren eine selbstreferenziellen und allein auf die linke Szene fokussierte Politik zu vermeiden. Dies ist beispielsweise im Bündnis „NS-Verherrlichung Stoppen“ gelungen, das sich schon länger um „Neue Dresdner Verhältnisse“ bemüht hat. Auch die von FelS initiierten vier Berliner Mayday-Paraden hatten das Ziel, die teilweise selbst verschuldete Isolation der alljährlichen Berliner Szenerituale am 1. Mai zu durchbrechen, was sich jedoch als Daueraufgabe erwiesen hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Für die AG-Arbeit ist auch wichtig, zu gucken, in welchen Lebensverhältnissen wir eigentlich selbst stecken, was für Zeitressourcen und Bedürfnisse sich aus unseren Lebenssituationen ergeben und was das konkret für die AG-Arbeit heißt – das heißt: was können wir als AG eigentlich wuppen, wenn die meisten von uns in Vollzeit-Arbeitsverhältnissen stecken?“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Abbiegerspuren und Richtungswechsel&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Was hingegen „das strategische Ziel, Selbstorganisationsformen aufzubauen“ betrifft, so fällt unser Resümee wesentlich nüchterner aus. Die blumige Wortwahl dieser Forderung dürfte sicherlich unserem ehemals sehr intensiven Bezug zu den Hoffnungsträger_innen der Neuen Linken, beispielsweise in Lateinamerika geschuldet sein. Dennoch bringt dieser Anspruch das auf den Punkt, was wir schon seit der Eröffnung unseres fast vergessenen Friedrichshainer Stadtteilladens in den 1990er Jahren in verschiedenen Politikfeldern unter dem Oberbegriff „Alltagspraxis“ zu erreichen versuchen. So ist beispielsweise der Umschwung der FelS Intersol-AG, die früher an der Chiapas-Solidarität und später den Mobilisierungen nach Genua oder Prag beteiligt war, hin zur antirassistischen Vor-Ort-Arbeit z.B. gegen die menschenunwürdige Unterbringung von Flüchtlingen in der Unterkunft in der Berliner Motardstraße oder gegen die rassistische Residenzpflicht, genau dieser „act-local“-Erwägung geschuldet: Selbstorganisation im Alltag zu unterstützen statt nur exemplarisch und stellvertretend internationale Solidarität zu demonstrieren. Dasselbe gilt für die Kampagne der Klima AG für einen kostenfreien öffentlichen Nahverkehr nach dem COP15-Gipfel in Kopenhagen der, die als lokale Strategie gegen die globalen Folgen des Klimawandels geplant war. Auch die Militante Untersuchung der AG Soziale Kämpfe am Jobcenter in Berlin Neukölln zielte darauf ab, mit einer aktivierenden Befragung die Erwerbslosen-Selbstorganisierung voranzutreiben und damit zugleich der drohenden Ritualisierung des Berliner Mayday-Events entgegenzuwirken. &lt;br /&gt;Doch auf dem Weg zur Förderung von Selbstorganisation im Alltag gibt es zahlreiche Fallstricke. Es ist eine Sache, der Tradition linker Stellvertreterpolitik abzuschwören und sich das Suchen nach neuen Praxisformen auf die Fahnen zu schreiben. Wir stehen selbst nicht außerhalb der Zwänge der Ämter, der Unis und der kapitalistischen Erwerbsarbeit. Solange nicht ausschließlich der eigene (Erwerbs-)Alltag im Zentrum von linker Politik stehen soll, stehen diese Widrigkeiten einer kontinuierlichen linken Alltagspraxis immer wieder entgegen. Auch die immer stärkere Fragmentierung der Gesellschaft erschwert widerständige Alltagspraktiken. Denn anders als in Zeiten der fordistischen Fabrik gibt es keinen zentralen Ort, an dem die Folgen der kapitalistischen Ausbeutung ebenso unmittelbar sichtbar werden wie der Widerstand dagegen. Prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse sind – wenn auch an einigen Orten konzentriert - über die ganze Stadt, über die ganze Welt verstreut und äußerst vielfältig. Das behindert nicht nur die kollektive Erkenntnis, in vergleichbare Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse eingebunden zu sein und ein gemeinsames Interesse an ihrer Überwindung zu haben. Auch der Widerstand bleibt so weitgehend unsichtbar, wenn die Erfolge im Kampf gegen Prekarisierung nicht mit massivem Aufwand medial verbreitet werden. Und auch davon abgesehen genügt oft natürlich schon eine einzige schlecht besuchte Aktion oder Demo, um ein Selbstorganisationsprojekt um Monate zurück zu werfen. &lt;br /&gt;Es also kein Wunder, dass bei der gruppeninternen Befragung nach der schönsten FelS-Erinnerung vor allem die großen Kampagnen-Events von G8 bis Dresden und nicht in erster Linie die verschiedenen Alltagspraxen der einzelnen Arbeitsgruppen so oft genannt wurden. Und das trotz „Kampagnenheinz“-Kritik. Angesichts der nachhaltigen politischen Erfolge (Dresden) und der nicht zu leugnenden kontinuitätsstiftenden Effekte (G8) für die Linke passt die Kampagnen-Kritik auf die eben genannten Großereignisse nur bedingt. Die Frage nach der Selbstorganisation im Alltag lassen die Auswertungen all unserer Lieblingsevents aber trotzdem offen, politische Erfolge hin oder her.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und um uns noch einmal selber zu zitieren und insofern auch noch einmal Bezug zu nehmen auf die ‚Scheitern-Ausgabe‘ der arranca!: „Es ist nicht alles gescheitert, nur weil es nicht zur Weltrevolution geführt hat.“ Also, in diesem Sinne: Zurückblicken – und weitermachen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;FelS | Für eine linke Strömung – Berlin, Juli 2011&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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