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 <title>arranca! - Die Autonomen</title>
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 <title>Wer von Vereinnahmung redet darf von Erfolgen nicht schweigen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/wer-von-vereinnahmung-redet-darf-von-erfolgen-nicht-schweigen</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Hausbesetzungen sind eines der Zauberwörter linker Bewegungen: Sie sind  unmittelbar radikal, sie brechen mit der Eigentumslogik, sie schaffen  reale Freiräume, in denen es möglich scheint, kapitalistischen  Herrschaftsverhältnissen zumindest teilweise zu entgehen.  Hausbesetzungen haben eine glorreiche Geschichte. Mit ihnen verbinden  sich Erinnerungen an kurze Sommer der Anarchie, wie es sie in vielen  europäischen Städten gegeben hat.&lt;br /&gt; Nach den großen Berliner Hausbesetzungsbewegungen der 1980er und 1990er  Jahre wird die Legendenbildung überlagert von einer weniger  ‚glorreichen’ Wahrnehmung. Angesichts der kompromisslosen Berliner  Räumungspolitik erreichen Besetzungen oft nur noch symbolische Wirkung.  Sie werden als szeneradikale Rituale wahrgenommen, die städtische  Machtverhältnisse kaum in Frage stellen. Und spätestens seit das Wort  Gentrifizierung in aller Munde ist und die Kritik daran ergänzt wird  durch eine Selbstkritik der eigenen Pionierrolle, rücken auch  (ex-)besetzte Häuser in ein anderes Licht. Eine in Mode gekommene  Debatte um die Vereinnahmung linker Bewegungen beschreibt Hausprojekte  als subkulturelle Farbtupfer, die zu steigenden Mieten und Verdrängung  beigetragen hätten.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Hausbesetzungen sind eines der Zauberwörter linker Bewegungen: Sie sind unmittelbar radikal, sie brechen mit der Eigentumslogik, sie schaffen reale Freiräume, in denen es möglich scheint, kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen zumindest teilweise zu entgehen. Hausbesetzungen haben eine glorreiche Geschichte. Mit ihnen verbinden sich Erinnerungen an kurze Sommer der Anarchie, wie es sie in vielen europäischen Städten gegeben hat.&lt;br /&gt;Nach den großen Berliner Hausbesetzungsbewegungen der 1980er und 1990er Jahre wird die Legendenbildung überlagert von einer weniger ‚glorreichen’ Wahrnehmung. Angesichts der kompromisslosen Berliner Räumungspolitik erreichen Besetzungen oft nur noch symbolische Wirkung. Sie werden als szeneradikale Rituale wahrgenommen, die städtische Machtverhältnisse kaum in Frage stellen. Und spätestens seit das Wort Gentrifizierung in aller Munde ist und die Kritik daran ergänzt wird durch eine Selbstkritik der eigenen Pionierrolle, rücken auch (ex-)besetzte Häuser in ein anderes Licht. Eine in Mode gekommene Debatte um die Vereinnahmung linker Bewegungen beschreibt Hausprojekte als subkulturelle Farbtupfer, die zu steigenden Mieten und Verdrängung beigetragen hätten.&lt;br /&gt;Beide Sichtweisen sind trügerisch. Einer legendären Stärke der Bewegung kann mensch nur nachtrauern oder auf einen spontanen Neuausbruch der Revolte hoffen. Und eine Debatte um eigene Verstrickungen in die Herrschaftsverhältnisse scheint hochgradig selbstreflektiv zu sein. Doch sie ist auch ein Spiegel linker Selbstüberschätzung und Ohnmacht. Selbstüberschätzung, weil sie sich fast eitel als Verdienst an den Hut steckt, Stadtviertel auch über die Szene hinaus attraktiv gemacht zu haben. Und Ohnmacht, weil kaum Aussicht darauf zu bestehen scheint, die gesellschaftlichen Verhältnisse herauszufordern und weil die Betrachtung der eigenen Schuld die Handlungsunfähigkeit der Linken noch erhöht.&lt;br /&gt;Erzählungen vom Niedergang und wie man ihnen entkommen kann&lt;br /&gt;Mit der Vereinnahmungs-Diskussion scheint sich in Berlin eine Niedergangserzählung durchgesetzt zu haben. Die hört sich ungefähr so an:&lt;br /&gt;Nachdem zwischen Dezember 1980 und Mai 1981 circa 165 Häuser besetzt worden waren, beendete der neu gewählte CDU-Senat den Höhenflug der Bewegung. Als die Berliner Polizei auf einer Demo einen Besetzer in den Tod trieb und Hausdurchsuchungen und Räumungen zum Alltag wurden, begann sich die Bewegung zu spalten. Stadtteilgruppen drängten auf wohnungspolitische Reformen und fanden militante Aktionen dafür nur hinderlich. Die Verhandler_innen sahen in der Legalisierung die einzige Möglichkeit, ihre Häuser zu halten. Und die Nicht-Verhandler_innen aus dem autonomen Spektrum sahen sich zusehends an den Rand gedrängt.&lt;br /&gt;Die Spaltung entsprach einer Doppelstrategie des Senats: selektive Einbindung guter Besetzer_innen und repressive Marginalisierung der Chaoten. Die Stadtteilgruppen ließen sich in Beteiligungsverfahren einbinden und professionalisierten sich, um den Anforderungen von Planungsrunden und Mittelvergaben zu entsprechen. Und die Verhandler_innen richteten ihre Energien auf die erhofften Verträge und die staatlich subventionierte Instandsetzung ihrer Häuser.&lt;br /&gt;1984 wurden die letzten Häuser geräumt. Die mehr als 100 legalisierten Häuser wurden zum Spezialfall der „behutsamen Stadterneuerung“: Statt Abriss und spekulativem Neubau wurden Altbauten saniert. Aus den Widerstandshorten in Kreuzberg und Schöneberg wurden „lebendige“, alternativ geprägte Szeneviertel.&lt;br /&gt;Doch die Gentrifizierungswelle traf Ende der 1990er Jahre zunächst die Ostberliner Innenstadt. Dort wurden 1989/90 rund 120 Häuser besetzt und nach der Räumung der Mainzer Straße im November 1990 größtenteils legalisiert. Mehr als noch in den 1980er Jahren sorgten sie für die subkulturelle Begleitmusik einer Aufwertung, die mit der Verdrängung bisheriger Bewohner_innen einherging. Auch hier wurden Mieter_innenberatungen für einen reibungslosen Ablauf der Sanierungen instrumentalisiert und die Häuser wurden zu unfreiwilligen PionierInnen einer Aufwertungsdynamik, die nach immer neuen Trendbezirken suchte.&lt;br /&gt;Diese Erzählung scheint die Konsequenz nahezulegen, dass die Bewegung durch die Legalisierung der besetzten Häuser und die Einbindung in eine progressive Stadtpolitik unfreiwillig zur Neoliberalisierung Berlins beigetragen habe.&lt;br /&gt;Um dieser hermetischen Erzählung zu entkommen, ist ein Blick über den Tellerrand hilfreich. In Barcelona beispielsweise hat das moviment okupa einen anderen Weg gewählt: Verweigerung jeder Verhandlungen und unzählige Besetzungen, die auch unter den Bedingungen staatlicher Kriminalisierung und unzähliger Räumungen seit mehr als 15 Jahren beständig um die 20 besetzte soziale Zentren und eine unüberschaubare Anzahl von besetzten Häusern und Wohnungen halten konnte.&lt;br /&gt;Doch auch in Barcelona ist Besetzen keine reine Erfolgsgeschichte. Der Höhepunkt der Bewegung wurde bereits Ende der 1990er Jahre überschritten und seitdem herrscht auch dort Ernüchterung. Der Großteil der Szene hält an den Wurzeln der Besetzungsbewegung – Autonomie, Selbstorganisation und keine Verhandlungen – fest und verurteilt jede politische Öffnung. Gleichzeitig wirken der ständige Wechsel von Besetzung, Räumung und Neubesetzung, die juristischen Auseinandersetzungen und die Erfahrung staatlicher Repression zermürbend und stadtteilübergreifende Organisierungen gibt es kaum noch.&lt;br /&gt;Erfolg haben immer die anderen&lt;br /&gt;Heute scheint sowohl in Berlin als auch in Barcelona die Lage ziemlich aussichtslos zu sein. Doch kann ein Blick auf die jeweilige Geschichte, der sich von den Niedergangserzählungen und von einem simplen Entweder-oder-Schema – Vereinnahmung oder Widerstand – löst, wichtige Ansatzpunkte für eine zeitgemäße radikale Stadtpolitik hervorholen.&lt;br /&gt;Dabei ergänzen sich die dargestellen Erzählungen in ihren Blindstellen. Für Berlin bleibt erstens unsichtbar, dass die Vereinnahmung von Bewegungsteilen nur ein Teilaspekt eines wichtigen Erfolges war: Zumindest für Kreuzberg konnte für etwas mehr als zehn Jahre ein progressives Stadterneuerungsmodell durchgesetzt werden, das den Vorstellungen stadtpolitischer Initiativen sehr nahe kam und das half, die Gentrifizierung bis Mitte der 2000er Jahre hinauszuzögern. Die Besetzungsbewegung Barcelonas ist in dieser Hinsicht wirkungslos geblieben: Mit den ersten Besetzungen 1985 fällt zeitlich ein Umbruch in der Stadtpolitik zusammen, der eine für Berliner Verhältnisse unvorstellbare Neoliberalisierung in Gang setzte, mit Kommerzialisierung, Mietsteigerungen, Verdrängung aus der Innenstadt und der weitgehenden Ausrichtung auf den internationalen Tourismus als Folgen.&lt;br /&gt;Zweitens hat die Legalisierung nicht zwangsläufig zu einem „Schöner Wohnen“ geführt, sondern eine Bewegungsinfrastruktur dauerhaft abgesichert. Besetzte Häuser bieten nicht nur Treffpunkte, Arbeits- und Veranstaltungsräume, sondern auch billigen Wohnraum, der weit unter dem Mietniveau vergleichbarer Häuser liegt. Und in den gut 15 Jahren seit den letzten Legalisierungen war das Häuserspektrum immer wieder Ursprung widerständiger Aktionen. Auch in der verhandlungs- und legalisierungsfreien Zone Barcelona ist die Öffnung solcher Freiräume ein wichtiger Erfolg des moviment okupa – Freiräume, die mangels Mietzahlungen noch „freier“ sind, allerdings um den Preis relativer Unbeständigkeit.&lt;br /&gt;Und drittens ist es wichtig zu sehen, dass das Auseinanderfallen der 1981er-Bewegung in Berlin voraussetzte, dass es eine solche Breite mit ganz unterschiedlichen, auch gegensätzlichen Interessen überhaupt gegeben hat. In Barcelona ist das immer ein fernes Ziel gewesen. &lt;br /&gt;In umgekehrter Hinsicht kann auch die Geschichte des moviment okupa die Berliner Diskussion bereichern. Die Neoliberalisierung der Stadt zeigt, dass eine aggressive Gentrifizierungspolitik auch ohne Einbindung der Besetzungsbewegung und subkulturellen radical chic auskommt. Mit Blick auf Barcelona und auf viele andere Städte weltweit lässt sich auch für Berlin sagen: Die Pionierrolle von (ehemals) besetzten Häusern und subkulturellen Szenen wird maßlos überschätzt.&lt;br /&gt;Gleichzeitig beweisen eine Reihe von Kämpfen, dass besetzte Häuser und soziale Zentren effektiv Sand in das Getriebe der Gentrifizierungsmaschine streuen können. Die Besetzungen der alten Fabrik Can Ricart, eines Hauses am Forat de la Vergonya oder die verschiedenen Häuser der Gruppe Miles de Viviendas wurden zu Kristallisationspunkten für Kämpfe gegen die Gentrifizierungspolitik der Stadtverwaltung. Dass auch in Berlin Hausprojekte aus herrschender Perspektive als Stachel im Fleisch neoliberaler Stadtpolitik wahrgenommen werden und nicht etwa als integriert und befriedet gelten, zeigen die kürzlichen Räumungen von in den 1990ern legalisierten Häusern.&lt;br /&gt;Schließlich zeigen einige soziale Zentren in Barcelona, dass auch heute möglich ist, was es in Berlin Anfang der 1980er und in geringerem Ausmaß Anfang der 1990er gegeben hat: eine aktive Intervention in nachbarschaftliche, wohnungspolitische und migrantische Kämpfe. Die Kämpfe um die Besetzungen von Miles de Vivienda resultierten auch in der Beteiligung an einer Basis-Stadtteilinitiative im gentrifizierungsbedrohten ehemaligen Fischereiviertel Barceloneta, die wohnungspolitische Bewegung V de Vivienda (sie den Artikel von Arndt Neumann in diesem Heft) wird von Besetzer_innengruppen mitgetragen und die Oficinas de Derechos Humanos unterstützen Flüchtlinge und Prekarisierte in ihrem Alltag und ihrer politischen Organisierung.&lt;br /&gt;Erfolge herausstellen und aus Niederlagen lernen&lt;br /&gt;So banal diese Einsicht klingt, so radikal hebt sie sich vom Vereinnahmungsblick ab. Erfolgreiche Mobilisierungen, erkämpfte Freiräume, abgewendete Umstrukturierungsvorhaben und Interventionen in die städtisch-staatliche Politik bieten Ansatzpunkte für heutige Kämpfe gegen das Unternehmen Stadt. Aber auch Spaltungen, das Umschlagen von institutioneller Intervention in politische und personelle Instrumentalisierung sowie die Prekarität einmal erkämpfter Freiräume, sobald ihnen der bewegungspolitische Rückhalt fehlt, sind hierfür lehrreich.&lt;br /&gt;Heutige Kämpfe können aus beiden Geschichten lernen: Eine reine Konzentration auf institutionelle Intervention und Absicherung scheint ebenso wenig erfolgversprechend wie ein reines Verlegen auf außerparlamentarische Aktionen und Selbstorganisation. Erst die immer konflikthafte Kombination beider Strategien hat in Berlin dazu geführt, Forderungen institutionell durchzusetzen. Wenn allerdings der außerparlamentarische Druck fehlt, bleiben Forderungen folgenlos, oder sie können später wieder zurückgenommen werden. Das Beispiel Barcelonas zeigt aber auch: Wenn institutionelle Anknüpfungspunkte fehlen, führt die direkte Aktion weiter als ein Festhalten am staatlichen Dialog.&lt;br /&gt;Sicherlich ist es kein Zufall, dass Erfolge der Besetzungsbewegungen heute unter dem Stichwort der Vereinnahmung diskutiert werden. Aufgenommene Forderungen dienten in Berlin dazu, Teile der Bewegungen zu integrieren und machten es so leicht, andere weniger kooperationsbereite Teile an den Rand zu drängen. Außerdem stellten sich einige Partizipationsmechanismen als Legitimationsbeschaffer für die in den 1990er Jahren beginnende Neoliberalisierung der Stadterneuerung heraus.&lt;br /&gt;Am Ende bleibt die Einsicht, dass Erfolge nicht einfach wiederholt werden können und Niederlagen nicht immer schlau machen, dass an einige Strategien aber angeknüpft werden kann und dass es wichtig ist sich zu vergegenwärtigen, was überhaupt als Erfolg gelten kann: Erfolge gibt es nicht an und für sich und bis in alle Ewigkeit. Zu Erfolgen werden sie erst dann, wenn sie weitere Räume für selbstbestimmte, solidarische Umgangsformen öffnen, für kollektive Lernprozesse und weitere politische Interventionen. Solche Erfolge der Hausbesetzungsbewegungen gilt es gegenüber den Erzählungen ihres Niedergangs zu behaupten.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 18:06:08 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Anti-Atom in Bewegung: Solidarisch, bündnisfähig, radikal!</title>
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                    &lt;p&gt;&lt;em&gt;„Die Verbindung mit denen, die vor  uns am Werk gewesen waren, war immer gleichbedeutend mit einer Eröffnung  des Wegs ins Zukünftige. In diesem Sinn sind wir Traditionalisten,  sagte Katz. An nichts Kommendes können wir glauben, wenn wir Vergangenes  nicht zu würdigen wissen.“&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; &lt;em&gt;(Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands)&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beginnen wir  sozusagen mit einem doppelten Zitat. Mit dieser lakonischen Einstimmung  begann nämlich 1991 ebenfalls der Text „Die Autonomen machen keine  Fehler, sie sind der Fehler!!!“ (Autorenkollektiv Heinz Schenk). Der  damals in Zeiten relativer Stärke der autonomen Bewegung provokante  Titel war im Stil einer Endabrechnung formuliert, wurde aber auch von  vielen Autonomen als radikale Manöver(Selbst-)kritik genutzt. So  übernehmen wir mit diesem Artikel zwanzig Jahre später das Staffelholz  und fragen, was an der Kritik angesichts erfolgreicher linker  Massenmobilisierungen in Heiligendamm, Dresden und im Wendland  zwischenzeitlich stattgefundenen Bewegungs-„Zeitenwende“ noch aktuell  ist? Welche Bedeutung haben die Kernkritikpunkte der Autoren –  Militanzfetisch, Organisierungsfeindlichkeit, Theorie- und  Geschichtslosigkeit und bündnis- und somit gesellschaftsunfähige  Selbstghettoisierung – heute noch?&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Die Verbindung mit denen, die vor uns am Werk gewesen waren, war immer gleichbedeutend mit einer Eröffnung des Wegs ins Zukünftige. In diesem Sinn sind wir Traditionalisten, sagte Katz. An nichts Kommendes können wir glauben, wenn wir Vergangenes nicht zu würdigen wissen.“&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands)&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beginnen wir sozusagen mit einem doppelten Zitat. Mit dieser lakonischen Einstimmung begann nämlich 1991 ebenfalls der Text „Die Autonomen machen keine Fehler, sie sind der Fehler!!!“ (Autorenkollektiv Heinz Schenk). Der damals in Zeiten relativer Stärke der autonomen Bewegung provokante Titel war im Stil einer Endabrechnung formuliert, wurde aber auch von vielen Autonomen als radikale Manöver(Selbst-)kritik genutzt. So übernehmen wir mit diesem Artikel zwanzig Jahre später das Staffelholz und fragen, was an der Kritik angesichts erfolgreicher linker Massenmobilisierungen in Heiligendamm, Dresden und im Wendland zwischenzeitlich stattgefundenen Bewegungs-„Zeitenwende“ noch aktuell ist? Welche Bedeutung haben die Kernkritikpunkte der Autoren – Militanzfetisch, Organisierungsfeindlichkeit, Theorie- und Geschichtslosigkeit und bündnis- und somit gesellschaftsunfähige Selbstghettoisierung – heute noch? &lt;br /&gt;Wir beziehen uns in unseren Ausführungen exemplarisch auf die derzeitigen Anti-Atomkämpfe, speziell auf die Auseinandersetzungen über das Konzept des „Castor-Schotterns“. Denn scheinbar vermittelt sich hier besonders stark der Eindruck, es habe sich in den letzten zwanzig Jahren einiges getan: Autonome und postautonome Gruppen überwinden die trennenden Gräben und einigen sich auf einen Aktionskonsens, binden neue Gruppen ein, vermitteln Erfahrungen und verfeinern das kollektive Aktions-Know-how. Dies wird im Vorfeld, während und nach der Aktion offensiv vermittelt; der ehemalige Feind (Kameramann-Arschloch) wird strategisch als wichtiger Verstärker eingebunden. Wie kam es dazu und was sind die Grenzen?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kameramann? Öffentlichkeit! Ghetto? Gesellschaft!&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auf dem autonomen Kongress 2009 in Hamburg kritisierten wir bewusst provokant aber solidarisch, dass Autonome nach wie vor eher selten in Bündnissen auftauchen und wenn, dann mehr nutznießend anstatt sich aktiv und konstruktiv einzubringen. Dabei sind sie alleine längst nicht mehr handlungsfähig, brauchen also eigentlich immer Rückendeckung durch die Restbewegung, was oftmals zu einem gewissen instrumentellen Verhältnis zu anderen Akteuren führt. Dahinter steht ein Politikverständnis, das wie ein Überbleibsel der K-Gruppen anmutet: Die Vorstellung, dass die eigene politische Linie (revolutionär, militant, autonom) die einzige richtige ist und dass alle anderen Spektren (ob sie sich nun durch Inhalte, Organisations- oder Aktionsformen unterscheiden) überflüssig oder sogar Gegner (zum Beispiel Reformisten) sind. Autonome sind freilich kein homogener Block. So wurde diese Kritik auch als Selbstkritik von einigen Gruppen bestätigt, wenngleich in unterschiedlicher Schärfe und mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen. &lt;br /&gt;Diese Kritik ist zumindest in Bezug auf die Erfahrung mit autonomen Gruppen im Schotterbündnis so pauschal nicht aufrecht zu erhalten. Das Schottern-Bündnis hat zwar so manche Belastungsprobe aushalten müssen und oft überwog bei uns der Verdruss darüber, dass zum Beispiel hartnäckig auf Parteienausschluss bestanden wurde. Für uns stellt eine Parteienbeteiligung einen Indikator für eine erfolgreiche Linksverschiebung innerhalb der Gesellschaft (wovon Parteien ein Teil sind) dar, für autonome Gruppen gilt dies nach wie vor oft als Überschreitung eines Grundprinzips. Dennoch haben wir eine bewusste strategische Neuausrichtung erlebt. &lt;br /&gt;Viele Autonome hatten ihre Schotter-Erfahrungen der letzten Transporte als nur noch begrenzt erfolgreich erlebt und suchten im Schulterschluss mit der Massen-Blockade-Praxis der Interventionistischen Linken und anderer Gruppen einen naheliegenden Ausweg aus der Marginalität. Und so konnte in der Schotter-Mobilisierung, im Verschmelzen „autonomer Aktion“ und „interventionistischer Bündnisorientierung“ eine gute gemeinsame Erfahrung gemacht werden: Eine andere, demokratische und plurale Gesellschaft jenseits des Kapitalismus wurde so ansatzweise schon heute in unserer Bewegung repräsentiert. &lt;br /&gt;Die erfolgreiche gemeinsame Schotter-Aktion beruhte auf dem Synergieeffekt zweier Faktoren: Erstens auf gezielter Öffentlichkeitsarbeit, für die eine Einbettung und Anbindung beispielsweise über ein Bündnis wichtig ist und zweitens auf dem konkreten Druck der Straße, der durch die öffentlichen Aktionsankündigungen selbst entstand. Die im Anschluss an den Castor artikulierte Kritik an der Pressearbeit bezog sich nur auf Detail- und Formulierungsfragen, stellte die Kommunikation mit den MedienvertreterInnen jedoch nicht mehr grundsätzlich in Frage.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Riot? Radikalisierung! &lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ebenfalls kritisierten wir im Rahmen des autonom-Kongress 2009 in Hamburg eine ungebrochen dogmatische Militanz-Fixierung, die eine wirksame Radikalisierung gesellschaftlicher Konflikte durch pseudo-radikale Selbstinszenierung ersetzt. Anstatt die Kommunikation mit anderen Teilen der Gesellschaft zu entwickeln und danach zu fragen, an welchen Stellen es möglich sein könnte, mehr Leute zu erreichen und einzubinden, geht es mehr darum, sich in der eigenen Szene-Identität und Abgrenzung zu gefallen. Selbst in eigenen Szeneveröffentlichungen und auch bei dem Kongress wurde dies mehrheitlich als wichtige (Selbst-)Kritik aufgenommen. Radikalität ist so nur Schein bzw. Selbstzweck und verstellt die Perspektive auf Radikalisierung als Prozess kämpferischer Bewegungen. Es gibt kaum eine Vorstellung davon, was mit Krawall erreicht bzw. durchgesetzt werden soll. Statt einer kollektiven dominiert eine rein lustmäßige und individualistische Bestimmung. Heinz Schenk lässt grüßen. &lt;br /&gt;Demgegenüber wollen wir uns mit möglichst großen Teilen der Gesellschaft, Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen in praktischen politischen Prozessen auseinandersetzen, um mehr Menschen für den Kampf für eine grundsätzliche Aufhebung der gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnisse zu gewinnen. Die Aufgabe von RevolutionärInnen in gesellschaftlichen Konflikten ist dabei „die qualitative Veränderung des Konflikts“. Das bedeutet seine Radikalisierung. Dazu ist einerseits die Anschlussfähigkeit an andere gesellschaftliche Gruppen in einem Konflikt nötig, aber eben auch eine Zuspitzung der Auseinandersetzung. Anschlussfähigkeit als Selbstzweck bedeutet freilich Opportunismus. Dies wird lästigerweise oft und gern als Pauschalvorwurf gegen uns in Stellung gebracht. &lt;br /&gt;Radikalisierung bedeutet jedoch nicht, ständig möglichst heftig auf die Tonne zu hauen, sondern erfordert eine Markierung politischer Konfliktlinien entlang von zwei Maßgaben: &lt;br /&gt;Zum einen muss es um Politisierung gehen, also darum, die von Protestgruppen oft nur pragmatisch und punktuell gestellten Fragen und Forderungen auf die grundlegenden Herrschaftsstrukturen, gegensätzlichen Interessen und tiefer gehenden Widerspruchslinien zurückzuführen. Zweitens ist Selbstermächtigung ein zentraler Punkt. Es geht um die aktive Gestaltung eigener Interessen und darum, sich von Autoritäts- und Staatsfurcht zu lösen und die eigenen Geschicke selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In gemeinsamer Anstrengung mit den autonomen Gruppen im Schotterbündnis ist es erfreulich gut gelungen, Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen und Altersgruppen, aus Großstädten genauso wie aus ländlichen Gebieten, über ein halbes Jahr verlässlich in die Kampagnenarbeit einzubinden. Die Tatsache, dass wir im direkten Ergebnis davon selbstbewusst und erfolgreich einen ganzen Tag lang mehrere Polizeiketten überwunden haben und immer wieder an die Gleise gelangten, belegt diesen großen Erfolg anschaulich. &lt;br /&gt;Umso erstaunlicher fanden wir die im Nachklapp aufbrandende Kritik, wir hätten mit diesem Konzept Leute verheizt und verschreckt. Kritisiert wurde, dass wir den Bullen trotz der großen Anzahl Beteiligter (immerhin 4000) nicht genug Paroli geboten hätten und viele Leute durch die „pazifistische“ Grundausrichtung heftige körperliche und seelische Verletzungen hätten „hinnehmen“ müssen. Dies ist ein Vorwurf, den wir sehr ernst nehmen, dessen Kernelemente wir jedoch nicht teilen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Energiepolitik verdichten sich die bestehenden gesellschaftlichen Grundkonfliktlinien (die Fragen nach Entscheidungsgewalt und Güterverteilung) nahezu idealtypisch. Einer bestehenden politischen Ordnung den Kampf anzusagen kann von daher schon kein Kindergeburtstag sein. Als wir mit einer öffentlichen und praktischen Kampfansage des Schotterns in den Konflikt hineingingen, mussten wir selbstverständlich mit einer massiven Reaktion rechnen. Gleichzeitig gibt es bei Repression keinen Automatismus, die Qualität unterliegt einer politischen Abwägung, so wirkt sich eine Einbettung in bürgerliche Bündnisse häufig positiv aus. Auch aus diesem Grunde wurde dem Bündniszusammenhalt sehr viel Bedeutung beigemessen. &lt;br /&gt;Es scheint bei einigen nicht präsent zu sein, dass ein politischer Konflikt – ob in weißen Overalls ausgetragen oder nicht – irgendwann in eine physische Dimension umschlägt. Dem können wir nun entweder aus dem Weg gehen (nein, niemals!) oder uns darauf vorbereiten. Und letzteres ist immer unser Ziel. &lt;br /&gt;Es ist nämlich schlicht fatal, die Illusion zu nähren, wir könnten so etwas wie Schottern planen und offen dazu aufrufen, um das Ganze dann relaxt als kuscheligen Waldspaziergang abzuwickeln. Die Frage ist also letztlich, wie Repression wirkt, ob sie demoralisiert, erniedrigt und frustriert oder ob sie kollektiv aufgefangen und so gepuffert wird. Und entgegen des Vorwurfs des „Verheizens“ sollten wir die besondere Radikalität des Schotterns als Pluspunkt verbuchen. Im Vorfeld war immer und immer wieder deutlich gemacht worden, dass es nicht möglich sein würde, ganz unbehelligt auf die Schienen und wieder zurückzukommen. Das Ziel war eine erfolgreiche Aktion – trotz Repressionsdrohung! Dabei musste es aber schon im Vorfeld darum gehen, möglichst vielen Menschen die Angst vor der physischen Komponente des politischen Konflikts zu nehmen. Ziel war es, einer bunten Menge mit sehr unterschiedlichen politischen Biographien eine Konzeptidee für ein konfrontatives, aber gemeinsames Verhalten anzubieten. Denn gerade unter dem Eindruck einer sehr direkten Auseinandersetzung werden sonst Frust- und Ohnmachtserfahrungen gesammelt – das genaue Gegenteil von der in autonomen Auswertungen beschworenen Selbstbestimmung. Speziell vor diesem Hintergrund haben wir demnach versucht, die autonome Selbstkritik (!) an ritualisierter, kaum organisierter und unkontrollierter Mackermilitanz aufzunehmen und den oben skizzier-ten Radikalitätsbegriff zu entwickeln. &lt;br /&gt;Das Radikale am Schottern war gerade, dass die Beteiligten schon im Vorfeld recht genau wussten, auf welche Auseinandersetzung sie sich einlassen. Das hat nichts Heroisches und lässt wenig Raum für Einzelkämpfer. Im Gegensatz zu manchem pseudo-rebellischen Kiez-Riot waren im Wendland jedoch eine klare Richtung und ein klarer Ausdruck jederzeit erkennbar; die Zusammenstöße waren schmerzhaft, aber kalkulierbar und über eine bestehende und geübte Delegierten-Struktur war ein Gefühl realer Beeinflussbarkeit des Geschehens gegeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Rückschau überwiegen für uns also die positiven Erfahrungen von Solidarität und Kollektivität und das Empfinden, dass sich die Beteiligten weitestgehend auf den Aktionszusammenhang verlassen konnten. Zusammenfassend betrachten wir die Ansätze zu einer neuen gemeinsamen Bewegungsstärke, wie sie im Rahmen der Schottern-Erfahrung gemacht wurden als positiven Meilenstein – genügend Anlass für Vertiefung und Weiterentwicklung bleibt jedoch erhalten.&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 17:53:22 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Magdeburg war eine wirklich unerfreuliche Stadt</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/magdeburg-war-eine-wirklich-unerfreuliche-stadt</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Im Unterschied zu Leipzig, Dresden, Halle oder selbst dem kleineren  Erfurt hatte sich in Magdeburg weder vor noch unmittelbar nach 1989 eine  nennenswerte alternative Subkultur etablieren können. Das, was man  dafür hätte halten können, verlor sich im Bermudadreieck zwischen  Abwanderung, Drogenselbstversuch und SozialarbeiterInnenkarriere. Allein  Punks – in ihrer apolitischsten und unsympathischsten Ausprägung –  prägten das Bild nonkonformer Jugendbewegungen. Antifa, Autonome,  HausbesetzerInnen? Dafür musste man schon nach Braunschweig, der  Partnerstadt aus Vorwendezeiten, fahren. Dort gab es politische  AktivistInnen, die Angst vor Nazis nicht kannten und als gute  KommunistInnen keine Scheu hatten, unverständliche Aufrufe in der  Fußgängerzone zu verteilen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Im Unterschied zu Leipzig, Dresden, Halle oder selbst dem kleineren Erfurt hatte sich in Magdeburg weder vor noch unmittelbar nach 1989 eine nennenswerte alternative Subkultur etablieren können. Das, was man dafür hätte halten können, verlor sich im Bermudadreieck zwischen Abwanderung, Drogenselbstversuch und SozialarbeiterInnenkarriere. Allein Punks – in ihrer apolitischsten und unsympathischsten Ausprägung – prägten das Bild nonkonformer Jugendbewegungen. Antifa, Autonome, HausbesetzerInnen? Dafür musste man schon nach Braunschweig, der Partnerstadt aus Vorwendezeiten, fahren. Dort gab es politische AktivistInnen, die Angst vor Nazis nicht kannten und als gute KommunistInnen keine Scheu hatten, unverständliche Aufrufe in der Fußgängerzone zu verteilen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit den Protesten gegen den ersten Golfkrieg 1991 entstand in Magdeburg ein loser sozialer Zusammenhang von einigen Dutzend Jugendlichen, die sich in einer Antifa-Gruppe organisierten. Ahnung von Politik oder gar politischer Praxis hatte niemand von ihnen, aber die Vorbilder waren klar: die Autonomen. Gerade hatten diese sich mit einigen Tausend Polizisten in der Mainzer Straße eine tagelange Schlacht geliefert, ihre „antifaschistische Selbsthilfe“ war ein einleuchtendes Rezept gegen den täglichen Nazi-Stress. Nur eine „Szene“, auf die man sich stützen konnte, gab es in Magdeburg nicht. Also war man alles gleichzeitig: organisierter Aktivist und eigenes Umfeld, Aufrufer und Mobilisierter, Militanter und Militante-Versteher. &lt;br /&gt;Mitte der 1990er Jahre war es dann gelungen, in einem innenstadtnahen Quartier Fuß zu fassen; es gab dort endlich wirklich ein bisschen „Szene“, ein Hausprojekt, ein paar nette Kneipen. Mit viel Mühe und Ausdauer hatten Antifas und Punks gemeinsam den Stadtteil von Nazis befreit. Gleichzeitig hatte sich die kleine linksradikale Szene ausdifferenziert (vulgo: aufgespalten). Es gab eine Handvoll Anti-Imps, die neben der für eine Stadt wie Magdeburg nicht eben drängenden RAF-Gefangenen-Soli-Arbeit gleich noch die Kurdistan-Solidarität betreuten, es gab ein paar Antifas, die sich an Göttingen und der AA/BO (Antifaschistische Organisation/ Bundesweise Organisation) orientierten, und es gab die ProjekthausbewohnerInnen, die sich über Abwasch, Arbeitsbeteiligung und Anarchismus, vor allem aber Tierrechte stritten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich selbst gehörte zu den Antifas. Ich hatte seit unserer spätgymnasialen „Antifa-Jugend“ Anti-Nazi-Arbeit gemacht, war im Stadtteil mit FreundInnen Patrouille gelaufen, hatte einen Nazi-Angriff auf meine Wohnung überstanden und mit zitternden Knien selbst ein paar Ohrfeigen verteilt und Nazi-Aufnäher eingesammelt. Politisch und in der Praxis ahmten wir mit sehr bescheidenen Mitteln die Antifa (M) aus Göttingen nach. Zum Glück hatten wir jedoch weniger den Vermummungskult übernommen, sondern vor allem die für Autonome ungewöhnliche Wertschätzung von Presse- und Bündnisarbeit. Das eröffnete in einer mittelgroßen Stadt wie Magdeburg in politischer Hinsicht erstaunliche Perspektiven. Doch den auch von uns postulierten Anspruch auf „Kontinuität in der politischen Arbeit“ konnten wir nicht einlösen; nach ein paar schönen Jahren war es mit „Bandiera Rossa“ – so hieß unser Grüppchen – leider vorbei. Statt dem neuen Stern am Autonomen-Himmel, der AAB (Antifaschistische Aktion Berlin), zu folgen, entdeckte ich für mich in alten Interims ein paar interessante Texte: die so genannte Heinz-Schenk-Debatte. Hier sprachen irgendwelche Leute, die sich hinter den Namen abgehalfterter Showmaster verbargen, genau das an, was mich auch an autonomer Politik störte – nur, dass ich nicht in der Lage gewesen wäre, die Kritik so schön zusammenzufassen. Da der organisierte Antifaschismus in Magdeburg ohnehin gerade pausierte, traktierte ich FreundInnen und politisch Aktive mit Einladungen zu Diskussionskreisen. Ich wollte auch bei uns eine Debatte über die Irrwege autonomer Politik anstoßen und aus der Diskussion zu einem neuen lokalen Organisierungsansatz kommen. Das war etwas zu hoch gegriffen und stieß bei den Opfern meines Missionsgedankens auf Ablehnung. Unabhängig von den geplanten Diskussionskreisen begannen jedoch auch andere politisch Aktive, die üblichen Formen autonomer Praxis in Frage zu stellen. Anlass war wohl – wie bei mir auch – die Einsicht, dass das Nachahmen bewunderter Autonomen-Gruppen in einer Stadt wie Magdeburg geradewegs in die totale politische Isolation führt. Da ist es für ein paar übrig gebliebenen Anti-Imp-Betonköpfe vielleicht gemütlich, aber interventionsfähig wird man mit zwei, drei Dutzend GenossInnen nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Atempause für abstrakte Debatten über Grundsätze autonomer Politik dauerte nicht lange: 1997 ermordete ein junger Neonazi auf bestialische Weise einen 17-jährigen Punk. In der Folge kam es zu zum Teil heftigen Protesten, zu denen 4.000 Menschen nach Magdeburg kamen und in das Neubaugebiet Olvenstedt, dem Schauplatz der Tat, zogen. Eins war klar: Das Nazi-Problem war noch lange nicht gelöst. In den Kleinstädten im Umland von Magdeburg reifte vielmehr ein noch größeres Problem heran: aggressive „Freie Kameradschaften“, deren Organisationsgrad und Aktivität deutlich über das hinausging, was man von Nazi-Gruppen bislang kannte. In Magdeburg gründete sich eine Gruppe, in die vieles von der in der Heinz-Schenk-Debatte formulierten Kritik an den Autonomen einfloss. Der Name der Gruppe war bewusst im Hinblick auf Anschlussfähigkeit ausgewählt: „Arbeitskreis Antifaschismus“. Zur Praxis gehörte eine nicht auf subkulturelle Identität hin ausgerichtete antifaschistische Jugendarbeit, eigene Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Anti-Nazi-Recherche und aktive Bündnisarbeit. Bei der Pressearbeit ging es nicht vorrangig darum, „der Presse“ unsere so genannten „Inhalte“ (= Propaganda) anzudrehen, sondern fundierte Analysen und Fakten zur Gefahr von Rechts zu liefern und so als politischer Akteur ernst genommen zu werden. Das ist natürlich bei einem bis weit in die Mitte der Gesellschaft konsensfähigen Thema wie Antifaschismus verhältnismäßig leicht. Mit FelS, also der Gruppe, die diesen Weg durch ihre Texte angeregt hatte, gab es zu dieser Zeit nur sporadisch Berührung – die FelS-Antifa war Ende der 90er mit aus unserer Sicht luxuriösen Hauptstadtthemen (winzige Querfront-Verlage bekämpfen!) befasst. Auch die arranca! half uns in unserer politischen Praxis oft nicht weiter, aber wir bewunderten sie und versuchten die von uns als sehr akademisch empfundenen Texte zu verstehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während der Diskussionen um Sexismus im Magdeburger Hausprojekt diente die berühmte arranca! 8 als wichtige Diskussionsvorlage. Texte wurden abgetippt und erschienen in einem kleinen Faltblatt, das einige engagierte „Post-Autonome“ herausgaben. Doch nicht nur die erfrischend bzw. irritierend neue Sicht auf Sexualität beeindruckte uns, auch das Layout der arranca! war so ganz anders! Es unterschied sich deutlich von der Lieblosigkeit der autonomen Zirkulare, deren Redaktionen mit Hilfe von Schere und Klebestift aus Flugblättern und hundertmal kopierten, immergleichen Fotos, Symbolen und Seyfried-Karikaturen ihre Zeitungen bastelten. Stattdessen ahnte man in der arranca! etwas vom Ringen um einen neuen ästhetischen Ausdruck und eine andere politische Kultur. Ebenfalls Mitte der 1990er Jahre entdeckten einige Leute, dass es jenseits von „But alive“, Bernd Langers Öl-Schinken und dem Interim-Schnippel-Layout eine Kultur, ja sogar eine politische Kultur gab. Interessanterweise war die heute zum Hollywood-Märchen verklärte Malerin Frida Kahlo ein Einstieg in die Beschäftigung mit revolutionärer Kunst. Die arranca! passte irgendwie zu diesem neuen Bedürfnis.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;M. F., 38 Jahre, Leipzig&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 17:31:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Kleine Atempause</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/kleine-atempause</link>
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                    &lt;p&gt;In diesem Sommer gibt es FelS nun ziemlich genau zwei Jahrzehnte – eine  lange Zeit. Doch die wenigsten heute bei FelS Aktiven waren von Anfang  an dabei. Die meisten haben vor 20 Jahren noch in den Kinderschuhen  gesteckt. Was uns als FelS heute verbindet, ist für die Einen vage und  für Andere ganz klar. Dieser Umstand geht nicht zuletzt auf das zurück,  was den nicht minder vagen Titel ‚postautonom‘ trägt. &lt;br /&gt;Was also heißt  postautonom? Die Vorsilbe „post“ allein trägt zur Begriffsbestimmung  nicht viel bei. Dass bisher niemandem ein „eigener“ Name für diese  Generation der radikalen Linken eingefallen ist, mag auch daran liegen,  dass schon die Bezeichnung „Autonome“ stets sehr vage war. Glaubt man  den Jugendforscher_innen an den Unis oder den deutschen  Mainstream-Medien, so genügen ja schon ein schwarzer Kapuzenpullover,  ein Pflasterstein und eine Portion diffuser Wut im Bauch, um sich als  Autonome_r zu qualifizieren. Derlei Platitüden werden von den meisten  Autonomen zwar entschieden zurückgewiesen, auch innerhalb der Bewegung  hat sich aber nie eine gemeinsame (Selbst-)Bezeichnung durchgesetzt. Um  sich dem Begriff und seiner Bedeutung zu nähern, ist es hilfreich in der  Geschichte zu graben.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Warum spielt das Anknüpfen an Traditionen eine so geringe Rolle? Hat die Tatsache, dass der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte wenig Raum gegeben wird, mit einem in der westdeutschen radikalen Linken vorhandenen Abgrenzungswahn zu tun? Die Linke der 1970er hat sich von den 68ern abgegrenzt, die 1980er von den 1970ern usw. Wie also einen Umgang mit Kritik an früheren Bewegungen finden, der trotzdem nicht die produktiven Anknüpfungspunkte vergisst?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;&lt;/em&gt;20 Jahre FelS. Erzählen wie wir gewesen sein wollen und wie wir erinnert werden können&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In diesem Sommer gibt es FelS nun ziemlich genau zwei Jahrzehnte – eine lange Zeit. Doch die wenigsten heute bei FelS Aktiven waren von Anfang an dabei. Die meisten haben vor 20 Jahren noch in den Kinderschuhen gesteckt. Was uns als FelS heute verbindet, ist für die Einen vage und für Andere ganz klar. Dieser Umstand geht nicht zuletzt auf das zurück, was den nicht minder vagen Titel ‚postautonom‘ trägt. &lt;br /&gt;Was also heißt postautonom? Die Vorsilbe „post“ allein trägt zur Begriffsbestimmung nicht viel bei. Dass bisher niemandem ein „eigener“ Name für diese Generation der radikalen Linken eingefallen ist, mag auch daran liegen, dass schon die Bezeichnung „Autonome“ stets sehr vage war. Glaubt man den Jugendforscher_innen an den Unis oder den deutschen Mainstream-Medien, so genügen ja schon ein schwarzer Kapuzenpullover, ein Pflasterstein und eine Portion diffuser Wut im Bauch, um sich als Autonome_r zu qualifizieren. Derlei Platitüden werden von den meisten Autonomen zwar entschieden zurückgewiesen, auch innerhalb der Bewegung hat sich aber nie eine gemeinsame (Selbst-)Bezeichnung durchgesetzt. Um sich dem Begriff und seiner Bedeutung zu nähern, ist es hilfreich in der Geschichte zu graben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Von Autos und Postautos&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Zwar reichen die Wurzeln dieser undogmatischen linksradikalen Strömung bis zu den rätekommunistischen und anarchosyndikalistischen Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts zurück, der wichtigste Bezugspunkt der autonomen Bewegung dürfte aber die italienische Linke der 1960er Jahre darstellen. Dort stand der Begriff der Autonomia zunächst zum Einen für die Emanzipation der Anfang des Jahrzehnts entstandenen neuen linksradikalen Bewegung Italiens von der moskautreuen kommunistischen Partei und ihrem staatstragenden Reformkurs. Zum Anderen verwies er auf den Operaismus, der marxistischen Schule dieser Neuen Linken und seinen Fokus auf die spontanen Arbeitskämpfe der norditalienischen Automobilindustrie, vom „unsichtbaren“ Alltagswiderstand krank feiernder und bummelnder Fließbandarbeiter_innen bis hin zum wilden Streik in der Fabrik. Aus diesen Kämpfen leiteten die italienischen Genoss_innen ein Geschichtsverständnis ab, dasnicht den Tarifrunden und Wahlkämpfen der institutionalisierten Arbeiter_innenbewegung die entscheidende Rolle in der Geschichte des Kapitalismus beimaß. Ihre Begeisterung galt dem weitgehend spontanen und unberechenbaren autonomen Widerstand der Arbeiter_innen selbst, der sich der Kontrolle durch Partei und Gewerkschaft entzog. &lt;br /&gt;In Deutschland wurde der Begriff nie wirklich einheitlich verwendet. Anhänger_innen der operaistischen Ideen wie etwa die Frankfurter Gruppe „Revolutionärer Kampf“ oder die Münchner „Arbeitersache“ versuchten zwar bereits in den 1970er Jahren mit einigem Erfolg, auch in Deutschland eine politische Praxis nach italienischem Vorbild zu etablieren, doch mit dem Bruch der linken Bewegung Ende der 1970er Jahre ging davon viel verloren. Zwar griffen auch in den 1980ern immer wieder Teile der autonomen Szene auf das operaistische Ideengebäude zurück, beispielsweise die Jobber_innenbewegung oder die Autor_innen der Zeitschriften „Wildcat“ oder „Autonomie Neue Folge“. Als sich aber Anfang der 1980er Jahre relativ plötzlich massenhaft linke Jugendliche ohne gemeinsame Organisation oder einheitliches Weltbild als Autonome zu bezeichnen begannen, galten die operaistischen Politikansätze als kaum minder suspekt als die dogmatisch erstarrte Praxis der maoistischen K-Gruppen, die noch wenige Jahre zuvor das linksradikale Spektrum der BRD dominiert hatten. Die zweite Generation der Autonomen wuchs durch die Welle von Hausbesetzungen Anfang der 1980er binnen weniger Monate fast aus dem Nichts zu einer bedeutenden sozialen Bewegung, die während des gesamten nächsten Jahrzehnts von AKW bis Volkszählung bei fast jedem politischen Protestereignis in der BRD mitmischte. Doch trotz zahlloser Versuche von Staat und Medien, die Autonomen als Krawallchaot_innen zu brandmarken, gelang es bis zum Fall der Mauer nicht, sie vom Rest der Neuen Sozialen Bewegungen politisch zu isolieren. &lt;br /&gt;Durch den Bruch mit dem Avantgardeanspruch der K-Gruppen und mit der Weiterverbreitung des „Triple Opression“ -Ansatzes ab Mitte der 1990er Jahre, der mit der Analyse von mehreren sich gegenseitig beeinflussenden Unterdrückungsmechanismen (Rassismus, Sexismus, Klassismus) eine Abkehr vom Hauptwiderspruchsdenken darstellte, leisteten sie einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung eines undogmatischen linken Politikverständnisses – und das trotz ihrem weitgehenden Desinteresse an linker Theorie. &lt;br /&gt;Für eine szeneweite Debatte über die eigene Geschichte fehlte der Raum. Während die Erfahrungen aus dem italienischen Klassenkampf und die operaistische Theorie bei FelS ein Jahrzehnt später auf großes Interesse stießen, ging es der „Generation Weserstadion“ bei ihrer Autonomie in erster Linie um Unabhängigkeit von den (Alltags-)Zwängen der Industriegesellschaft. Das brachte nicht nur die radikale Ablehnung der Lohnarbeits-und-Hausfrauen-Lebensläufe der eigenen Elterngeneration mit sich. Das Wissen um die schlechten Erfahrungen mit linken Organisationsversuchen der 1970er und die fehlende linksradikale Perspektive der realsozialistischen Projekte bedingte einen radikalen Bruch mit allem, was den Organisationsformen der K-Gruppen der 1970er Jahre nur entfernt ähnlich sah.&lt;br /&gt;Es sollte dieses Desinteresse an einem verbindlichen Organisierungssansatz sein, das Ende der 1980er Jahre für große Unzufriedenheit bei vielen Autonomen sorgte. Vor allem die Fixierung der Bewegung auf Großkampagnen gegen Gipfeltreffen (etwa den Reagan-Besuch oder das IWF-/Weltbanktreffen Ende der 1980er in Berlin ), wurde von Teilen der Szene immer schärfer kritisiert. Die Bewegung fiel nach dem Ende einer solchen Kampagne stets wieder auf ihre Ausgangs-situation als selbstreferentielle, unverbindliche und nur anlassbezogen vernetzte Szene zurück. Im Zuge einer später unter dem Namen &lt;a href=&quot;http://www.fels-berlin.de/heinz-schenk&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;„Heinz Schenk Debatte“&lt;/a&gt; bekannt gewordenen Diskussion zum Zustand der autonomen Szene Berlins in der Zeitschrift Interim Anfang der 1990er wurde dieser Status Quo von späteren FelS-Gründungsmitgliedern scharf kritisiert, vor allem mit dem Textbeitrag „Ich bin doch kein Kampagnenheinz!“. Darin hieß es, die autonome Bewegung sei theoriefeindlich, unorganisiert, planlos und unfähig, über die rein szeneinterne Großevent-Mobilisierung hinaus irgendeine nachhaltige linke Politik auf die Beine zu stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es dürfte nicht zuletzt der teilweise beißenden Polemik dieser Texte geschuldet sein, dass „postautonom“ in den Ohren vieler Linker bis heute genauso klingt wie „anti-autonom“. Angesichts der zahlreichen kleinen und großen Streitigkeiten, die das Verhältnis zwischen autonomer Szene einerseits und postautonomen Gruppen wie Avanti, Antifa [M] oder FelS andererseits in den letzten 20 Jahren mit geprägt haben, mag das teilweise stimmen, greift aber zu kurz. Denn wenn man den Beginn der postautonomen Gruppen auf die Heinz-Schenk-Debatte reduziert, vergisst man, dass beispielsweise FelS die autonome Kritik am dogmatischen Marxismus-Leninismus der 1970er Jahre von Anfang an teilte. Der Schritt „weg von den Autonomen“ war nicht einfach ein Schritt zurück zur K-Gruppen-Politik. Die autonome Ablehnung des leninistischen Avantgarde-Selbstverständnisses, der „Hauptwiderspruchs“-Logik oder der Stellvertreter-Praxis der Werkstor-Agitation stellt ein ebenso kennzeichnendes Moment des postautonomen Selbstverständnisses dar wie die Kritik an der auf die eigene Szene beschränkten Kampagnenpolitik der Autonomen. Die für die FelS-Gründung nicht minder bedeutsamen 38 Thesen für eine Neukonstituierung der Linken aus der 1993 erschienenen ersten arranca!-Ausgabe greifen diese Punkte auf und setzen sich darüber hinaus auch intensiv mit dem schweren Erbe des kurz zuvor gescheiterten, erstarrten sozialistischen Modells nach sowjetischem Vorbild auseinander. &lt;br /&gt;Seitdem beschäftigen FelS und andere Gruppen die damals formulierten Ansprüche an die eigene Politik, vor allem die Organisationsfrage. Die mittlerweile in ganz Nordwestdeutschland und Berlin aktive Gruppe Avanti existiert seit 22 Jahren und andere große postautonome Gruppen wie etwa die Organisierte Autonomie aus Nürnberg, die Antifaschistische Aktion Berlin oder die Antifa [M] aus Göttingen haben sich zwar mittlerweile gespalten, ihre Nachfolgeorganisationen spielen aber bis heute bundesweit eine wichtige Rolle in der Linken.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Überlandfahrt statt Stadtverkehr&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Weil der gemeinsame Anspruch, sich zu organisieren, von Anfang an auch überregional gedacht war, wurde schon Anfang der 1990er versucht, diese Gruppen über die Stadtgrenzen hinaus zu vernetzen. Während der erste Versuch, die Initiative Linke Organisierung (ILO), noch stark vom Bedürfnis nach einem einheitlichen Welterklärungsansatz geprägt war und bald am Unvermögen der Beteiligten scheiterte, eine theoretische Einigung zu erzielen, brach der Versuch einer bundesweiten Antifa-Organisation (AA/BO) erst im Jahr 2000 ganz auseinander. FelS hatte sich aus der AA/BO allerdings schon früher verabschiedet und mit dem Austrittspapier für Aufsehen in der deutschen Antifa-Szene gesorgt. Kritisiert wurde dabei vor allem, dass Antifapolitik in der AA/BO nie über bloße Anti-Nazi-Politik hinaus kam. Auch die vielen inhaltlichen Leerstellen wurden bemängelt, vor allem das in der AA/BO dominierende Geschichtsverständnis, nach dem der Faschismus nur eine besonders aggressive Form kapitalistischer Herrschaft darstellt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Richtig gerne erinnere ich mich an die ersten Euromaydays - damals war ich noch nicht bei FelS und weiß noch, dass ich sehr begeistert war, dass es eine linksradikale Gruppe gibt, die auch ohne (dominanten) Dresscode und ohne dieses martialische Auftreten am 1. Mai auf die Straße ging.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach ILO und AA/BO wurde das Projekt einer bundesweiten Organisierung einige Jahre lang zurückgestellt und erst Ende der 1990er mit einem „Beratungstreffen“ verschiedener postautonomer Zusammenhänge und Einzelpersonen, aus dem später die Interventionistische Linke (IL) entstehen sollte, recht zaghaft wieder aufgenommen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Schulterblick und toter Winkel&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn insbesondere seit den 1990er Jahren langfristige Organisierung im Zentrum der Auseinandersetzungen stand, war dies weder Selbstzweck noch das einzige Ziel. Was FelS betrifft, so geben bereits die „38 Thesen“ Aufschluss darüber, was zur Zeit der Gründung der Gruppe angedacht gewesen war. Die am Ende des Textes noch einmal auf „4 Kriterien“ zusammengefassten Kernthesen dieses Manifestes lauten wörtlich:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;linke Politik muss stärker versuchen, gesellschaftliche Isolation zu durchbrechen und sich an die Öffentlichkeit, an die anderen hier lebenden Menschen zu richten&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;die organisatorischen Strukturen müssen soziale Lernprozesse fördern und die Einbindung neuer Menschen ermöglichen&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;ein [...] technologiekritischer, nicht technologiefeindlicher Standpunkt&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;das strategische Ziel, Selbstregierungsformen aufzubauen, d.h Macht nicht als Organisation oder Bewegung zu monopolisieren, sondern zu sozialisieren&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;Diese Thesen eignen sich, um ansatzweise zu beschreiben, was seit der Gründung von FelS alles geschehen ist und um zu überprüfen, inwieweit wir unseren vor 20 Jahren formulierten Ansprüchen gerecht werden. &lt;br /&gt;Die Einbindung neuer Mitglieder ist in einer linken Gruppe oft schwierig. Viele Gruppen ziehen schon auf Grund des ungebrochen großen Interesses der deutschen Repressionsorgane an linker Politik die Klandestinität vor und finden ihre Neuzugänge nur im engsten politischen und persönlichen Umfeld. Wieder andere legen zwar großen Wert auf Offenheit und bemühen sich ständig um neue Mitstreiter_innen, stellen sich jedoch durch schwer verständliche Sprache und szene-interne kulturelle Codes immer wieder selbst ein Bein. Nichts Anderes gilt für die Geschlechterzusammensetzung oder für die krasse Dominanz von Weißen in vielen Gruppen.&lt;br /&gt;FelS hat sich tatsächlich schnell zu einer relativ offenen Gruppe entwickelt und versucht, „Neuen“ den Anschluss an die politischen Diskussionen der mittlerweile sechs Arbeitsgruppen zu ermöglichen. Zwar ist es uns nicht gelungen, Wissenshierarchien ganz abzubauen, aber wir arbeiten daran. Dazu gehört nicht nur der Versuch, sich Theorie gemeinsam in Lesekreisen anzueignen, sondern auch das Handwerkszeug der politischen Praxis untereinander weiterzugeben und Workshops zu Themen wie Pressearbeit oder Webseitenadministration zu organisieren. Was kulturelle Codes angeht, so kann man zwar festhalten, dass es bei FelS keine Dresscodes gibt, also weder Nietengürtel- noch Windbreaker-Pflicht. Die Tatsache, dass sich die Gruppe vor allem aus Weißen Akademiker_innen zusammensetzt, spricht dennoch dafür, dass linke Politik immer noch eine sehr begrenzte Veranstaltung ist. Was das Geschlechterverhältnis betrifft, so wurde in der Geschichte der Gruppe schon zweimal versucht die Notbremse des „Aufnahmestopps für Männer“ zu ziehen, was man getrost als Verzweiflungstat bezeichnen kann. &lt;br /&gt;Seit der FelS Gründung 1991, gab es immer wieder Versuche, Feminismus und Antikapitalismus zu verbinden. Die Arbeitsgruppen, die sich dieser Aufgabe widmen wollten, haben leider nie lange bestanden. Auch der Versuch, Geschlechterverhältnisse als Querschnittsthema innerhalb der konkreten Arbeit der anderen AGs zu bearbeiten, führte dazu, dass die internen Strukturen der Gruppe unter Gender-Gesichtspunkten beleuchtet wurden. Der Versuch, das Thema (Queer-)Feminismus in den Kontext der übrigen gesamtgesellschaftlichen Analysen und der konkreten Auseinandersetzungen der FelS-Praxis zu integrieren, scheiterte dagegen oft. Weil es damit nicht getan sein kann, haben wir Anfang 2010 die AG Queerfeminismus gegründet. Wir sind nach wie vor auf der Suche nach einer politischen Praxis, die dem Rechnung trägt.&lt;br /&gt;Eine Gruppe wie FelS, die den Anspruch hat, auch Menschen jenseits der 30 mit Kind und Kegel zu organisieren, steht beim Versuch, einen Beat zu finden, der älteren Genoss_innen eine regelmäßige und gleichberechtigte Mitarbeit ermöglicht, ohne die jüngeren Companer@s zu brüskieren, die der Gruppe gerne einen Großteil ihrer Zeit widmen wollen, immer wieder vor einer Zerreißprobe. Die regelmäßige Kinderbetreuung während der Gruppentreffen erweist sich in diesem Zusammenhang seit Jahren als sehr hilfreich. Gelöst ist das Problem damit aber noch lange nicht. Hier praktische Lösungen zu finden ist ganz sicher eine der dringlichsten Aufgaben für die nächste Zeit.&lt;br /&gt;Beim nächsten Programmpunkt der „38 Thesen“ dürfte es sich um die bis heute wichtigste Selbstzuschreibung vieler postautonomer Gruppen handeln. Dem arranca!-Postulat aus dem Jahre 1993, die „gesellschaftliche Isolation“ der Linken zu durchbrechen, entspricht der Gruppen übergreifende Anspruch aus dem Jahr 2005, künftig gemeinsam eine Interventionistische Linke zu sein. Mit diesem Ziel wird seit dem Dialog und in Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Gruppen außerhalb der radikalen Linken gesucht. Von den Feldern vor Heiligendamm im Juni 2007 bis in die verschneiten Straßen Dresdens im Februar 2011 ist dieses Konzept bisher immer mal wieder aufgegangen. &lt;br /&gt;Auch unabhängig von der Politik der IL hat dieser Anspruch eine enorme Bedeutung für unsere Gruppe. Die FelS-Antifa AG versucht seit Jahren eine selbstreferenziellen und allein auf die linke Szene fokussierte Politik zu vermeiden. Dies ist beispielsweise im Bündnis „NS-Verherrlichung Stoppen“ gelungen, das sich schon länger um „Neue Dresdner Verhältnisse“ bemüht hat. Auch die von FelS initiierten vier Berliner Mayday-Paraden hatten das Ziel, die teilweise selbst verschuldete Isolation der alljährlichen Berliner Szenerituale am 1. Mai zu durchbrechen, was sich jedoch als Daueraufgabe erwiesen hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Für die AG-Arbeit ist auch wichtig, zu gucken, in welchen Lebensverhältnissen wir eigentlich selbst stecken, was für Zeitressourcen und Bedürfnisse sich aus unseren Lebenssituationen ergeben und was das konkret für die AG-Arbeit heißt – das heißt: was können wir als AG eigentlich wuppen, wenn die meisten von uns in Vollzeit-Arbeitsverhältnissen stecken?“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Abbiegerspuren und Richtungswechsel&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Was hingegen „das strategische Ziel, Selbstorganisationsformen aufzubauen“ betrifft, so fällt unser Resümee wesentlich nüchterner aus. Die blumige Wortwahl dieser Forderung dürfte sicherlich unserem ehemals sehr intensiven Bezug zu den Hoffnungsträger_innen der Neuen Linken, beispielsweise in Lateinamerika geschuldet sein. Dennoch bringt dieser Anspruch das auf den Punkt, was wir schon seit der Eröffnung unseres fast vergessenen Friedrichshainer Stadtteilladens in den 1990er Jahren in verschiedenen Politikfeldern unter dem Oberbegriff „Alltagspraxis“ zu erreichen versuchen. So ist beispielsweise der Umschwung der FelS Intersol-AG, die früher an der Chiapas-Solidarität und später den Mobilisierungen nach Genua oder Prag beteiligt war, hin zur antirassistischen Vor-Ort-Arbeit z.B. gegen die menschenunwürdige Unterbringung von Flüchtlingen in der Unterkunft in der Berliner Motardstraße oder gegen die rassistische Residenzpflicht, genau dieser „act-local“-Erwägung geschuldet: Selbstorganisation im Alltag zu unterstützen statt nur exemplarisch und stellvertretend internationale Solidarität zu demonstrieren. Dasselbe gilt für die Kampagne der Klima AG für einen kostenfreien öffentlichen Nahverkehr nach dem COP15-Gipfel in Kopenhagen der, die als lokale Strategie gegen die globalen Folgen des Klimawandels geplant war. Auch die Militante Untersuchung der AG Soziale Kämpfe am Jobcenter in Berlin Neukölln zielte darauf ab, mit einer aktivierenden Befragung die Erwerbslosen-Selbstorganisierung voranzutreiben und damit zugleich der drohenden Ritualisierung des Berliner Mayday-Events entgegenzuwirken. &lt;br /&gt;Doch auf dem Weg zur Förderung von Selbstorganisation im Alltag gibt es zahlreiche Fallstricke. Es ist eine Sache, der Tradition linker Stellvertreterpolitik abzuschwören und sich das Suchen nach neuen Praxisformen auf die Fahnen zu schreiben. Wir stehen selbst nicht außerhalb der Zwänge der Ämter, der Unis und der kapitalistischen Erwerbsarbeit. Solange nicht ausschließlich der eigene (Erwerbs-)Alltag im Zentrum von linker Politik stehen soll, stehen diese Widrigkeiten einer kontinuierlichen linken Alltagspraxis immer wieder entgegen. Auch die immer stärkere Fragmentierung der Gesellschaft erschwert widerständige Alltagspraktiken. Denn anders als in Zeiten der fordistischen Fabrik gibt es keinen zentralen Ort, an dem die Folgen der kapitalistischen Ausbeutung ebenso unmittelbar sichtbar werden wie der Widerstand dagegen. Prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse sind – wenn auch an einigen Orten konzentriert - über die ganze Stadt, über die ganze Welt verstreut und äußerst vielfältig. Das behindert nicht nur die kollektive Erkenntnis, in vergleichbare Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse eingebunden zu sein und ein gemeinsames Interesse an ihrer Überwindung zu haben. Auch der Widerstand bleibt so weitgehend unsichtbar, wenn die Erfolge im Kampf gegen Prekarisierung nicht mit massivem Aufwand medial verbreitet werden. Und auch davon abgesehen genügt oft natürlich schon eine einzige schlecht besuchte Aktion oder Demo, um ein Selbstorganisationsprojekt um Monate zurück zu werfen. &lt;br /&gt;Es also kein Wunder, dass bei der gruppeninternen Befragung nach der schönsten FelS-Erinnerung vor allem die großen Kampagnen-Events von G8 bis Dresden und nicht in erster Linie die verschiedenen Alltagspraxen der einzelnen Arbeitsgruppen so oft genannt wurden. Und das trotz „Kampagnenheinz“-Kritik. Angesichts der nachhaltigen politischen Erfolge (Dresden) und der nicht zu leugnenden kontinuitätsstiftenden Effekte (G8) für die Linke passt die Kampagnen-Kritik auf die eben genannten Großereignisse nur bedingt. Die Frage nach der Selbstorganisation im Alltag lassen die Auswertungen all unserer Lieblingsevents aber trotzdem offen, politische Erfolge hin oder her.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und um uns noch einmal selber zu zitieren und insofern auch noch einmal Bezug zu nehmen auf die ‚Scheitern-Ausgabe‘ der arranca!: „Es ist nicht alles gescheitert, nur weil es nicht zur Weltrevolution geführt hat.“ Also, in diesem Sinne: Zurückblicken – und weitermachen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;FelS | Für eine linke Strömung – Berlin, Juli 2011&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 15:51:31 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Editorial</title>
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                    &lt;p&gt;Viele Fragen haben wir im Call for Papers für diese Ausgabe gestellt, viele Erwartungen an Bewegungsgeschichte steckten darin. Einiges davon schlägt sich in Artikeln dieser Nummer wieder.&lt;br /&gt;
Wie versprochen ist es keine schulterklopfende Nabelschau geworden. Der in unserer Gruppe geschriebene einleitende Artikel hat uns gezeigt, dass es mit der von uns so hochgehaltenen Geschichtsweitergabe nicht so einfach ist: Während diejenigen von uns, die schon lange dabei sind, den Text wenig spektakulär fanden, sind Neuere in der Gruppe froh, endlich mal alles übersichtlich präsentiert zu bekommen.&lt;br /&gt;
Insgesamt ist wenig Reflexion über die Notwendigkeit von Geschichtsschreibung herausgekommen. Ein wenig gewundert hat uns, dass der Zusammenbruch des Realsozialismus in keinem der Artikel eine Rolle spielt (ein geplanter Artikel dazu ist leider nicht zustande gekommen). Zwar gibt es auch bei uns keine Einigkeit darüber, ob der Mauerfall der entscheidende Faktor für die Gründung der Gruppe FelS 1991 war, aber erwartet hatten wir schon, dass die Geschichte der linken Bewegung viel deutlicher in die Zeit davor und danach eingeteilt werden würde. Überhaupt scheinen die letzten 20 Jahre wenig Epochales für eine linke Bewegungsgeschichte gebracht zu haben. Nach den sensationsheischenden Rückblicken auf 30 Jahre deutscher Herbst, 40 Jahre 1968 und so weiter hier also eine weniger spektakuläre Geschichtsbetrachtung. Am ehesten noch zieht sich das Themenfeld der Vereinnahmung durch die Nummer. Insofern bietet sie ein Innehalten, Zurückblicken und Reflektieren und macht uns und hoffentlich euch den Kopf ein wenig klarer für die nächsten Jahre.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Viele Fragen haben wir im Call for Papers für diese Ausgabe gestellt, viele Erwartungen an Bewegungsgeschichte steckten darin. Einiges davon schlägt sich in Artikeln dieser Nummer wieder.&lt;br /&gt;Wie versprochen ist es keine schulterklopfende Nabelschau geworden. Der in unserer Gruppe geschriebene einleitende Artikel hat uns gezeigt, dass es mit der von uns so hochgehaltenen Geschichtsweitergabe nicht so einfach ist: Während diejenigen von uns, die schon lange dabei sind, den Text wenig spektakulär fanden, sind Neuere in der Gruppe froh, endlich mal alles übersichtlich präsentiert zu bekommen. &lt;br /&gt;Insgesamt ist wenig Reflexion über die Notwendigkeit von Geschichtsschreibung herausgekommen. Ein wenig gewundert hat uns, dass der Zusammenbruch des Realsozialismus in keinem der Artikel eine Rolle spielt (ein geplanter Artikel dazu ist leider nicht zustande gekommen). Zwar gibt es auch bei uns keine Einigkeit darüber, ob der Mauerfall der entscheidende Faktor für die Gründung der Gruppe FelS 1991 war, aber erwartet hatten wir schon, dass die Geschichte der linken Bewegung viel deutlicher in die Zeit davor und danach eingeteilt werden würde. Überhaupt scheinen die letzten 20 Jahre wenig Epochales für eine linke Bewegungsgeschichte gebracht zu haben. Nach den sensationsheischenden Rückblicken auf 30 Jahre deutscher Herbst, 40 Jahre 1968 und so weiter hier also eine weniger spektakuläre Geschichtsbetrachtung. Am ehesten noch zieht sich das Themenfeld der Vereinnahmung durch die Nummer. Insofern bietet sie ein Innehalten, Zurückblicken und Reflektieren und macht uns und hoffentlich euch den Kopf ein wenig klarer für die nächsten Jahre.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ab der nächsten Ausgabe müssen wir den Preis auf 4,50 pro Exemplar erhöhen. Wir tun es nicht gern, aber trotz der einen oder anderen Soliparty sind die Kosten für Druck und Versand nicht gedeckt. Und zu einer billigen Internetdruckerei zu wechseln, ist für uns keine Alternative zu unserem geschätzten linken Druckereikollektiv – wir legen Wert auf guten Druck und fabelhafte Drucker_innen, die sich auch für den Inhalt des Druckwerks interessieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die letzte Nummer, Bodycheck und linker Haken, in der es um den/die Körper ging, scheint euch jedenfalls gefallen zu haben. Sie ist ausverkauft! Das Thema ist nicht nur en vogue, sondern auch streitbar. Gleich zwei Erwiderungen auf in der a!43 erschienene Artikel finden sich in der aktuellen Ausgabe: Vera Schwarz und Peter Bachstein bieten in Raus aus dem Reservat den Blick auf den Alltag, den sie in Was heißt Ableism? vermissten. In Queer-feministische Politik und Inter*-Bewegung – Neuentdeckung eines unbekannten Kontinents? vertritt Ulrike Klöppel die These, dass der Artikel Es waren zwei Königskinder unterschiedliche Positionen in der Inter*-Bewegung leugnet und schließt mit der Frage, ob Intergeschlechtlichkeit immer nur so interessant ist, wie sie als terra incognita eine Neuentdeckung verheißt. Andreas Kemper schließlich regte der Schwerpunkt zu seinem Artikel Klassenkörper an.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die Nutzung ihres Fotoarchives möchten wir dem Umbruch Bildarchiv danken: &lt;a href=&quot;http://www.umbruch-bildarchiv.de&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.umbruch-bildarchiv.de&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei der Fertigstellung der Nummer hat uns die Nachricht vom Tod unseres Genossen Moe Hierlmeier erreicht. Moe gehört prägend zur Geschichte der Linken der letzten 20 Jahre. Auch die arranca! hat er immer wieder mit Artikeln bereichert, zuletzt in den Nummern 41 &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/41/haltung-und-rausch%20&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Das Ganze Leben - Haltung und Rausch und&lt;/a&gt; und 43 &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/43/das-ganze-leben-haltung-und-rausch-teil-ii&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Brecht - Bataille - Benjamin und ihre Kritik am Antifaschismus der Arbeiterbewegung&lt;/a&gt;. Die Interventionistische Linke, in der wir organisiert hat, hat gemeinsam mit anderen einen Nachruf auf Moe veröffentlicht, den ihr auf &lt;a href=&quot;http://www.fels-berlin.de/de/601/moe&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;http://www.fels-berlin.de/de/601/moe&lt;/a&gt; findet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Diese Nummer der arranca! widmen wir Moe. Er wird uns fehlen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eure arranca!-Redaktion&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 15:45:05 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Don&#039;t look back in anger</title>
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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 15:36:38 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Einladung zur Zusammenarbeit von Gruppen und Einzelpersonen für das Entstehen einer radikalen, linken Organisation</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/0/einladung-zur-zusammenarbeit-von-gruppen-und-einzelpersonen-fuer-das-entstehen-einer-radik</link>
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                    &lt;p&gt; Dieser Text dokumentiert eine Einladung seitens FelS zum Zweck der Gründung einer bundesweiten radikalen linken Organisation vom Januar 1993.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Dieser Text dokumentiert eine Einladung seitens FelS zum Zweck der Gründung einer bundesweiten radikalen linken Organisation vom Januar 1993.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt heute kaum jemanden in der Linken, der nicht einen Zerfalls- und Individualisierungsprozeß konstatieren würde. Die eigentlich ba­nale Feststellung klingt allerdings wie die linke Version des offiziellen Diskurses vom &lt;em&gt;Ende der Geschichte.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unserer Meinung nach steht nicht das grundsätzliche Ziel, beste­hende Verhältnisse radikal umzuwälzen, sondern die von uns selbst benutzten Kategorien und Muster, mit denen wir uns jahrelang als Au­tonome, Antiimps, Ökosozialistinnen usw. definieren konnten, in Frage. Die Krise der Linke ist keine der Sehnsucht nach Befreiung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Verhältnisse haben sich verändert und die Erklärungsmuster, un­sere Identitätsschablonen stimmen nicht mehr. Die Auseinanderset­zungen , die um das Verhältnis zur SU und DDR, um Politik in oder au­ßerhalb von Institutionen, um die Einstellung zu den Gefangenen der RAF oder um die Nähe zu den (meist mittelständischen) Bewegungen der 80er geführt wurden, sind hinfällig. Es sind aber genau die Diskus­sionen, die als Trennlinien und Identifikationspunkte lange Zeit die Zusammensetzung der Linken in Antiimps, Autonome, Radikale in den Grünen, Bewegungs- und Klassenorientierten bedingten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Wegfall von ldentifikationsmustern macht jetzt, neben den be­drohlichen Veränderungen in Europa, die Sinnkrise aus, die so viele von uns zu spüren glauben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Durcheinander ist groß und durchaus ermutigend: Manche ehe­malige Revis und Grüne sind inzwischen den Gefangenen der RAF näher als ein erheblicher Teil von AntiimperialistInnen, die Autono­men sind (aus Mangel einer radikalen Option neben ihnen) zu einem wässrigen Sammelbegriff verschwommen, der vom kaum politisier­ten Jungpunk mit der &lt;em&gt;Staat-und-Nazis-sind-Schweine-Mentalität &lt;/em&gt;über die radikale Feministin bishin zu den ziemlich gutorganisierten Grup­pen in der Antifa-Bewegung alles greifen soll, und so mancher erbit­terter Streit von vor einigen Jahren (wie die Beteiligung an breiten Bündnissen) wird heute von den gleichen Leuten mit umgekehrten Vorzeichen geführt: während ehemalige Vollautonome Politik in gro­ßen Organisationen wie der PDS gar nicht mehr so schlecht finden, sagen ehemals linke Vollgrüne der PDS reaktionäres Gedankengut nach.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wichtigste Ursache für die Umbrüche waren natürlich die tiefgreifen­den sozialen und politischen Umwälzungen weltweit. Der Blockkon­flikt und seine alles zuordnende Dominanz sind weggefallen. Interna­tionale Orientierungspunkte in Form von ausländischen Regierungen oder Befreiungsbewegungen gibt es kaum noch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der BRD spielen Armut, soziale Unsicherheit und auch wieder Elend eine Rolle. Der Nazismus ist in der Offensive, und vor allem: er ist wieder salonfähig. Hunderttausende in Deutschland sympathisie­ren offen mit faschistischen Ideen, die politische Hegemonie der Rechten allgemein ist erdrückend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Situation in den ehemaligen RGW-Ländern ist völlig unklar, ge­nauso wie der Ausgang der Konkurrenz zwischen den Wirtschaftsmächten und die europäische Integration. Der Marxismus-Leninis­mus sowjetischer Lesart ist ein Fossil, aber genauso all jene zahlrei­chen Ideologien, die sich vor allem durch die Abgrenzung gegenüber jenem definierten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Umbrüche nachzuvollziehen, ist unvermeidbar. Diese finden auch statt, nur eben in den meisten Fällen ohne ein kollektives Be­wußtsein der Beteiligten. Die Diskussion am WG-Tisch oder im Freun­deskreis führt zu individuellen Entscheidungen, meistens zu einem persönlichen Teilrückzug, nicht aber zu einer Neuzusammenset­zung. Viel glücklicher sind auch nicht die Versuche trotz besserer Er­kenntnisse und theoretischer Kritik mit der Praxis so weiter zu ma­chen wie bisher, weil etwas anderes anscheinend &quot;sowieso nicht geht&quot;, wie viele enttäuscht feststellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und&lt;strong&gt;&lt;em&gt; &lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;an manchen Punkten stellen sich zwar pragmatische Verände­rungen ein, aber dadurch, daß sie nicht öffentlich wahrgenommen werden, vermitteln sie kein Gefühl von Aufbruch und bremsen damit auch den Zerfallsprozeß nicht wesentlich.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Debatte hin zu einer Organisation&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Unserer Ansicht nach wäre ein wesentlicher Bestandteil (nicht der einzige) linker Neukonstituierung das Entstehen politischer Organi­sationen. Wir haben schon mehrmals (als f.e.l.S) zu begründen ver­sucht, daß wir politische Organisationen für einen notwendigen Rah­men halten, um&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;-strukturiert und koordiniert zu diskutieren, d.h. z.B. die Zusammen­hangs- und vor allem Konsequenzlosigkeit beispielsweise autonomer Diskussionen zu überwinden,&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;arbeitsteilig handeln zu können,&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;in einem verbindlichen sozialen Zusammenhang, individuelle und kollektive Lernprozesse (sowohl was die Vermittlung von Erfahrun­gen und Wissen als auch was soziales Lernen im alltäglichen Verhal­ten betrifft) zu ermöglichen,&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Individualisierung zu durchbrechen,&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;durch die Nicht-Beschränkung auf ein Hauptthema die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse an vielen Stellen gleichzeitig in Frage stellen zu können und die existierenden Probleme damit so anzuge­hen wie sie sich stellen: &lt;em&gt;als Systemprobleme,&lt;/em&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;in der Öffentlichkeit eine gesellschaftliche Alternative zu formulieren und Anlaufpunkte für politisch aktiv werdende Menschen anzubieten. &lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;Die Existenz einer politischen Organisation ist damit sehr eng ver­knüpft mit der Perspektive linker Politik überhaupt. Wir glauben, daß wir nur darüber gesellschaftliche Definitionsmacht zurückerhalten und unsere eigene persönliche und politische Atomisierung stoppen können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Entstehen politischer Organisationen ist allerdings weder als au­tonomer Organisierungsprozeß, von dem seit bald 10 Jahren ohne Folgen geredet wird, noch als Parteigründung am grünen Tisch vor­zustellen. Notwendig wäre ein allmählicher inhaltlicher und persönli­cher Annäherungsprozeß, bei dem sich verschiedene Gruppen auf der Grundlage von einem vorher festgelegten Mindestkonsens, aus­drücklich das Arbeitsziel &lt;em&gt;&quot;Organisationsstruktur&quot; &lt;/em&gt;setzen. Es geht also nicht nur um inhaltliches &quot;Zusammenkommen&quot;, sondern um bewußte Arbeit an organisationscharakteristischen Strukturen wie Delegation, Rotation, Arbeitsteiligkeit, Dezentralisierung und Zentralisierung, Strukturierung des Lernprozesses, Kriterien für die Beteiligung usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie die Erfahrungen mit der Radikalen Linken gezeigt haben, ist es dabei wichtig, daß man sich die Strukturfrage gründlich überlegt. Un­serer Meinung nach war der entscheidende Irrtum der Radikalen Lin­ken nicht etwa, daß in ihr Promis wie Ebermann, Trampet, Dithfurt und Gremliza eine bestimmende Rolle gespielt haben. Bekannte Menschen, die in der Diskussion größeres Gewicht besitzen als an­dere, wird es in jeder Organisierungsform , die mehr als 4 Personen umfaßt, geben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die entscheidende Schwäche der RL war vielmehr, daß sie für ihre Gründerinnen unerwartet schnell wuchs. Schon wenige Monate nach der Anfangsinitiative kamen 2000 Menschen zusammen, ohne daß es eine Struktur gegeben hätte, die in der Lage war, so viele Menschen aufzufangen. Auf der Ebene der Selbstorganisierung dagegen kam es schnell zur Beliebigkeit: auf den Treffen der RL in Berlin war zu se­hen, wie katastrophal es ist, wenn einfach alle Interessierte, die links von den Grünen stehen, zusammenkommen, um irgendwas gemein­sam zu machen. Die einzigen Orientierungspunkte, die diesem Chaos etwas entgegensetzten waren die Promis, die auf informale Kommunikationskanäle von früher zurückgriffen. (Und so telefonierte die Jutta dann schnell mal nach Hamburg...)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die RL war im Grunde eine sinnvolle Initiative, ihr fehlte es allerdings an Kriterien und Vorschlägen, wer sich mit wem auf welche Art und was für Zielen zusammenschließt. &lt;strong&gt;&lt;em&gt;Offenheit ist eben nicht dasselbe wie Nonchalance. Gerade um eine offene politische Organisation zu schaffen, muß vorher der Rahmen abgesteckt, eingegrenzt werden.&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf dieser Grundlage haben wir uns das Ziel gesetzt, im Verlauf von 1993 intensiver mit anderen interessierten Gruppen an einem Organisierungsprozeß in Richtung einer revolutionären Organisation zu ar­beiten. Wir machen das öffentlich, weil wir davon überzeugt sind, daß es außer den uns bekannten Gruppen auch noch andere Gruppen und Einzelpersonen gibt, die ähnliche Vorstellungen wie wir besitzen. Dabei befinden wir uns in einem Dilemma: auf der einen Seite sehen wir aus den obengenannten Gründen die Notwendigkeit, Kriterien zu definieren, auf der anderen Seite wollen wir uns nicht als schiedsrich­tende Zentrale aufspielen. Die Kriterien und die Vorgehensweise, die wir vorschlagen, sind deshalb nicht als Maßstäbe zu verstehen, die wir einer Linken setzen, sondern als Grundvoraussetzungen für &lt;em&gt;un­sere&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und Personen. Wir sind nicht mehr oder weniger Kern entstehender Organisierung als andere auch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das bedeutet auch, daß wir unsere Initiative nicht als alternativ zu an­deren Organisierungsversuchen, z.B. der &lt;strong&gt;&lt;em&gt;Antifaschistischen Akti­on-Bundesweite Organisation &lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;betrachten. Wenn sich im Verlauf von Diskussionen herausstellt, daß es andere Strukturen gibt, in die wir mit unseren Anliegen hineinpassen, wäre das ein positives Ergeb­nis. Auf keinen Fall sehen wir uns als die Avantgarde eines notwendi­gen Organisationsprozesses&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wesentlicher Bestandteil unserer Initiative ist ein &lt;strong&gt;&lt;em&gt;Arbeitstreffen in­teressierter Gruppen, &lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;wie wir es für das späte Frühjahr für möglich halten. Zwar finden 1993 eine Reihe von linken Kongressen statt - die &lt;em&gt;Libertären Tage&lt;/em&gt; Ostern in Frankfurt, die &lt;em&gt;Vorstellung der Antifaschisti­schen Aktion&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;in Göttingen Anfang Mai und der &lt;em&gt;Konkret-Kongreß&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;in Hamburg im Juni - aber keiner besitzt die Zielrichtung, die wir mit un­serem Arbeitstreffen erreichen wollen. Während es in Göttingen um die öffentlichkeitswirksame Darstellung der Antifaschistischen Aktion nach außen geht, handelt es sich bei den anderen beiden Kongressen um offene Diskussionsveranstaltungen. Wir dagegen planen ein nicht-offenes Arbeitswochenende, das ein erster Schritt hin zu einer Organisation sein müßte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für dieses Konzept ist eine genaue Vorlaufphase unverzichtbar. Aus den Erfahrungen des erstes Jahres &lt;em&gt;f.e.l.S. &lt;/em&gt;glauben wir sehen zu kön­nen, wie wesentlich persönliches Kennenlernen von Gruppen ist. Pa­pier transportiert eben nur einen Bruchteil unseres Seins. D.h wir wol­len uns nur dann mit den verschiedensten Personen und Gruppen an einen Tisch setzen, wenn schon vorher miteinander diskutiert worden ist. Ansonsten dürfte die Katastrophe eintreten, die uns allen aus Ple­nas hinlänglich bekannt ist: vermeintliche Fraktionsbildung verhin­dert gegenseitiges Zuhören.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Außerdem stellen wir uns vor, daß die inhaltliche Diskussion koordi­niert und öffentlich geführt werden muß. Ein Grund für uns, &lt;em&gt;arranca &lt;/em&gt;zu machen und Schwerpunkte zu bestimmen. Die vier im Vorwort vorge­schlagenen Themen stehen stellvertretend für unsere Prioritäten: &lt;em&gt;Or­ganisation/ Neukonstituierung/ Organisationsform, Lernprozesse/ Selbstschulung, &lt;/em&gt;das im Augenblick wohl wichtigste Aktionsfeld &lt;em&gt;An­tifa &lt;/em&gt;und als Thema zur Aufarbeitung &lt;em&gt;der bewaffnete Kampf.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Kriterien, die für uns wesentlich sind, um eine Diskussion mit Hoffnung auf Erfolg führen zu können, sind:&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;·eine selbstkritische Offenheit für Entwicklungen. Wir glauben, daß nur diejenigen, die bereit sind, ihre bisherige Praxis zu kritisieren, auch in der Lage sind, sich auf etwas Neues einzulassen. Wir glau­ben, daß auf dieser Grundlage Konsensfähigkeit, eine der seltensten Fähigkeiten der BRD-Linken vorstellbar wäre.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;·Zulassen von Heterogenität. Als Gegenprojekt zu den bestehen­den, in sich sehr widersprüchlichen gesellschaftlichen Verhältnissen müßte eine revolutionäre Organisation zwangsläufig heterogen sein. Sie würde sowohl sehr große Wissensunterschiede zwischen Erfah­renen und Neuen als auch soziale (zwischen Alten und Jungen, Deut­schen und Ausländerinnen, Männern und Frauen) sowie unterschied­liche politische Standpunkte beinhalten. Wir könnten uns auf kein Hauptsubjekt berufen und müßten uns darum bemühen, BRD-, DDR- und ausländische Erfahrungen zusammenzufassen und das Wider­sprüchliche von autonomer, grüner, feministischer, Bewegungs- oder antiimperialistischer Vorgeschichte als Stärke zu empfinden. Auch dafür braucht es die Bereitschaft zum Zuhören/ zur Offenheit.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;·Einlassen auf einen verbindlichen Arbeitsprozeß, wie wir ihn oben grob &lt;em&gt;umrissen &lt;/em&gt;haben.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;·ein Theorie-Praxis-Verhältnis, das weder theoriefeindlich noch eli­tär daherkommt. Wir teilen weder die Ansicht, daß politische Theorie nur die nächsten praktischen Schritte vorbereiten darf (dann nämlich kann sie immer nur bestehendes weiterführen) noch daß sich theoreti­sche Diskussionen frei im luftleeren Raum bewegen sollen. Konkret: wir glauben, daß theoretische Diskussionen (und eben nicht nur Koor­dination von Arbeit) ein wesentliches Element beim Entstehen einer Organisation darstellen, aber an endlosen Spiegelfechtereien und in­tellektuellen Pirouetten um jeden Begriff haben wir kein Interesse.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;·Abschied vom revolutionären Mythos, ohne sich mit den Verhältnis­sen hier wieder anzufreunden. Revolution ist nur als langwieriger Pro­zeß vorstellbar, von daher sind keineswegs alle Änderungen unter den bestehenden Verhältnissen pauschal abzulehnen. Viele Sachen müssen hier und heute verteidigt werde. Die grundsätzliche Ände­rung der Gesellschaft innerhalb der bestehenden Ordnung allerdings ist genauso illusionär wie die Vorstellung vom &lt;em&gt;Tag X Revo, &lt;/em&gt;nach dem alles besser wird.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;·Wir suchen keine organisatorische Struktur, um die Restbevölke­rung neben uns pauschal als &lt;em&gt;&quot;durch und durch faschistisch&quot; &lt;/em&gt;verurtei­len zu können. Auch wenn revolutionäre Positionen unter den beste­henden Verhältnissen in absehbarer Zeit keine Mehrheitsposition sein können, kämpfen wir dafür, daß mehr hier lebende Menschen et­was verändern wollen. Ein im Grunde genommen konstruiertes radi­kales Selbstausgrenzen aus der Gesellschaft, wie es im Moment von vielen Linken, z.B. in der Zeitschrift &lt;em&gt;konkret &lt;/em&gt;vertreten wird, ist letzten Endes unpolitisch. Wir leben hier und richten uns mit unserer Politik an die hier lebenden Menschen.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;In diesem Sinne richten wir uns an diejenigen Gruppen und Einzelper­sonen, die unsere Kriterien in etwa teilen (100% übereinstimmen läßt sich wohl kaum) und die die Notwendigkeit einer konsequente, radi­kalen, linken Organisation ebenso zu sehen glauben wie wir. Es ist Zeit, die eingeforderte Struktur jetzt - wenn auch erst einmal im Klei­nen- aufzubauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir wissen, daß der öffentliche Weg, den wir mit unserer Initiative ein­geschlagen haben, problematisch ist- &lt;em&gt;aus &lt;/em&gt;Befürchtungen der Re­pression gegenüber, aus enttäuschten Erfahrungen und aus den Un­klarheiten, die sich aus unterschiedlichem Gebrauch von Sprache er­geben. Auf der anderen Seite allerdings sind wir zu diesem Schritt ge­zwungen, wenn wir wollen, daß unser Anliegen über den Klüngel eini­ger untereinander bekannter Gruppen hinausreicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Für eine linke Strömung (FelS)&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 24 Feb 2010 13:02:18 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>John Wayne in Kreuzberg</title>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Was hat sich der Mann nur bei diesem Titel gedacht? Das klingt doch eher nach „bitterem Ende&quot; denn nach „die letzte Schlacht gewinnen wir&quot;. Ich habe lange geglaubt, daß das Autonomen-Bild, das STERN, SPIEGEL und TEMPO zeichnen, zu großen Teilen aus Erfindungen besteht.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Was hat sich der Mann nur bei diesem Titel gedacht? Das klingt doch eher nach „bitterem Ende&quot; denn nach „die letzte Schlacht gewinnen wir&quot;. Ich habe lange geglaubt, daß das Autonomen-Bild, das STERN, SPIEGEL und TEMPO zeichnen, zu großen Teilen aus Erfindungen besteht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach Lecortes Buch bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Sind Autonome wirklich so unsäglich wie Lecorte sie beschreibt?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gigantische Schlachtengemälde; seitenweises Philosophieren über fliegende Steine; die bestätigend zitierte berühmte &lt;em&gt;„Sekunde der Freiheit“&lt;/em&gt; (S.95) zwischen Wurf und Auftreffen - das war damals schon falsch und ist es heute nicht minder. Ewiges Räsonieren über die Gewaltfrage, die üblichen Plattheiten über die RAF &lt;em&gt;(„da sind die doch wirklich etwas abgedriftet“&lt;/em&gt;, S. 132). Leben als eine Abfolge von Steinwürfen und Anschlägen. Die Stadt als eine Ansammlung von anzugreifenden Objekten &lt;em&gt;(„ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Und wenn wir erst aus dem. Knast kommen würden, in etlichen Jahren, würde es sicher mas­senhaft neue reizvolle Objekte gehen, um die wir uns kümmern konnten&quot;&lt;/em&gt;, S. 151). So bleibt die Geschichte dürftig, geradezu glatt. Die Politisierung vom gewaltfreien Linken zur ersten Straßenschlacht während der Hausbesetzerbewegung in Berlin. Das Befreiende der Gewalt. Fraenkelufer - Haig-Besuch - Reagan-Besuch: Die wichtigsten Schlachtendaten werden abgehandelt. Erste Knasterfahrungen, aus denen der Protagonist offensichtlich unbeschadet hervorgeht, dann der Niedergang der Bewegung und Übergang zur Anschlagstaktik. 3 Straßenschlachten und auch 3 Anschläge. Zum Schluß sitzt der Autonome wegen des letzten Anschlags im Knast und denkt über sein Leben nach: im Prinzip alles richtig gemacht, nur Schweine zu stark und Normal0s zu schlapp und angepaßt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Schlechte Literatur beginnt dort, wo Literatur zu Agit-prop- Zwecken mißbraucht wird. Agit-prop ist dort, wo nicht mehr differenzierete Charaktäre gezeichnet werden, weil die Wahrheit einfach ist, denn es gibt nur eine. Das Problem besteht dann nur noch darin, sie zu erkennen - und vorallem darin, daß meistens zu viele andere sie nicht erkennen wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun ist es mir ja seit einiger Zeit ein besonderes Anliegen, nachzuweisen, daß die Autonomen mit realsozialistischen Denkmustern mehr gemein haben als sie wahrhaben wollen. Allgemein wird ja angenommen, daß es genüge, die Macht in allen ihren Ausformungen angreifen zu wollen, um mit Stalin und ähnlichen Halunken nichts zu tun zu haben. Ein manichäisches Weltbild, also eines, wo das Gute gegen das Böse kämpft, teilt Lecorte aber mit Honecker. Beide sind Dogmatiker tiefsten Herzens.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Problem liegt also weniger darin, daß Lecorte nicht schreiben könnte, als in seinem Denken. Dogmatiker können keine gute Literatur schreiben. Der Bekehrungsroman hat auch in der Linken genug Tradition, als daß noch mehr Exemplare hinzugefügt werden müßten. Erst neulich ist mir aus einem Regal zufällig Gudrun Pausewangs „Etwas läßt sich doch bewirken&quot; entgegengefallen. Dieselbe Zeit, dasselbe Anliegen, derselbe Stil. Nur geht es diesmal um die Friedens­bewegung statt um clie Autonomen und statt ewiger Monologe um die Notwendigkeit von Gewalt wird der Held dort zum Gewaltfreien bekehrt. Schließlich geht er glücklich in der Gemeinschaft der Friedfertigen auf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch Lecorte schreibt nichts über grundlegende Konflikte in der Welt der Autonomen. Doch, doch, natürlich ist nicht alles glatt: Boris z.B. „rauchte vor dem Frühstück, und das mochte ich nicht so gern&quot;(S.74). Ach ja, und potentielle Vergewaltiger sind wir Männer ja auch irgendwie: ,,Und denk vor allein nicht an diese kleine schmutzige Tür in dir selbst. durch die deine eigene Faszination bei diesen Vorstellungen in dein Bewußtsein eindringt. Vergiß diese Ahnung von Geilheit bei Gewalt und Unterwerfung, bei Krieg, Sieg und Niederlage, eine Ahnung, die dich dem Feind naherbringt, jedem Feind, der ein Mann ist, denn sie vereint euch als Männer&quot;(S. 20/21).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber sonst war heile Welt in Kreuzberg, „&lt;em&gt;so konnte es noch lange weitergehen&lt;/em&gt;&quot; (5. 76). Nur eben &lt;em&gt;„schade, daß so viele das nicht bemerkten und immer weiter, weiter mußte“&lt;/em&gt;&#039;. (5. 76). Überhaupt, es gibt zwar Aussteiger und Resignierte, warum weiß man nicht so genau, korrumpiert oder verzweifelt über den übermächtigen Feind vielleicht. An der schönen heilen Welt der eigenen Szene kann das nicht liegen: „Von Carmen hatte ich einiges gelernt. obwohl sie kaum älter war als ich. Früher war ihr Vorsprung größer gewesen. Da war sie noch eine Macherin gewesen, das hatte nachgelassen&quot; (S. 88). Dis­kussionen sind eh störend, statt die nächste Bank anzuzünden wird unnütze Zeit vergeudet: „Aber die Zeiten waren eben andere, heute rannten die Leute nicht von selbst los, wenn sie sich für etwas interessierten, sondern sie mußten begeistert werden; oder aber sie setzten sich in kleinen Zirkeln zusammen, die wichtig daherredeten, aus den Gedanken der Menschen verschwanden und sich irgendwann in Wohl- oder Mißgefallen auflösten&#039;&#039;(S. 65).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Folgerichtig ist dann auch der Vorwurf einiger Autonomer Lecortes Buch sei „zu inhaltlich, es werde zu viel diskutiert und gelabert&quot; (S. 27, interim 210). Das ist einerseits konsequent, denn natürlich hätte Lecorte in der Zeit des Buchschreibens Bankscheiben einwerfen, Polizisten bewerfen oder Gebäude abfackeln können. Das schlechte Gewissen, ein Buch zu schreiben, verläßt ja auch Geronimo, unseren anderen Kreuzberger Szeneschreiber, nicht, und er entschuldigt sich wiederholt dafür, theoretische Ausführungen zu machen. Andererseits ist diese Kritik an Lecorte natürlich etwas pomadig, denn die Szene braucht ja neues Frischfleisch. Und dieses kommt eben nach Berlin, wenn man den Mythos vom glücklichen Dorf Kreuzberg in die westdeutschen Dörfer hinausposaunt. Gegenüber Posemuckel ist Kreuzberg allemal befreiend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die andere Kritik an Lecorte ist, wie er im Interview meint, daß er nicht analytisch genug wäre. Wenn ich mich so bezüglich der Erwartungen an die verschiedensten Ansätze umsehe, wie z.B. die RAF-Selbstkritik, dann sitzen viele mit verzweifelten Gesichtern herum, jammern Wir wissen ja nichts mehr und warten darauf, daß ihnen nun gesagt wird, wie es weitergeht. Dieses Wir wissen ja nichts mehr scheint mir Folge der von Lecorte propagierten Politik zu sein. Politik von der Ebene komplexer gesellschaftlicher Prozesse auf den Nenner Habt weg den Scheiß heruntergebracht, fördert nicht eben das Denken über Strategien. Hinzu kommt die - von Lecorte unterschlagene - Uniformität autonomen Denkens, weil nur der/die durchkommt, wer/welche sich den gesetzten Normen anzupassen versteht. Sowas sondert die kritischen Köpfe, die für Krisensituationen gebraucht werden, aus. Dann sitzt man/frau eben mit gläubigen Gesichtern rum, und wartet darauf, daß die vermeintlichen Szene- Vordenkerinnen sagen, wo es langzugehen hat. Und wenn diese sagen, daß sie auch keine Patentrezepte hätten, sondern eine neue Linke erst in einem gemeinsamen Diskussions- und Praxisprozeß aufgebaut werden könnte, wendet man/frau sich enttäuscht ab.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nein, man muß kein analytisches Buch über die Autonomen schreiben. Ein literarisches tut es auch. Eines, in dem sich Stärken wie Schwächen der Bewegung in den Individuen wiederspiegeln. In dem sich Aufbruch und Befreiung ebenso wie Katzenjammer und persönliches Verzweifeln finden. Auf Rechtfertigungsliteratur können wir verzichten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie sagt doch Lecorte in besagtem Interview? „Die Kritik an dem Titelphoto ist ja, daß es bestimmte gesellschaftliche Klischees reproduziert (Autonome = Krawall). Leider ist es tatsächlich so, daß wir sehr vielen Menschen nichts anderes vermitteln. Daran sind sicher nicht nur wir selbst schuld. Aber auf jeden Fall ist das Klischee nicht nur ein Gespenst der Medien, sondern wirklich in den Köpfen drin&quot; (S. 28/29, interim 210). Nein, das Titelbild paßt zum Buch, und Lecorte hat das Klischee im eigenen Kopf drin. Gründe und sogenannte Inhalte werden draufgepfropft, vorherrschend bleibt: Gewalt befreit und ist berechtigt. Und nicht nur das: Sie verbessert sogar das Aussehen: „Ich träumte von Isa, wie sie mit den anderen am Zaun stand, emporkletterte, schöner wurde durch das, was sie da tat (=den Anschlag, (I.V.)&quot; (S. 169). Autonome - die zarte Pflege für die Haut um 20?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&quot;VOLLVERSAMMLUNG IM DRUGSTORE. Die Erste: ein Erfolg. Die Propagandashow des Yankeepräsidenten nachhaltig gestört. Der Zweite: ein Erfolg. Unsere Inhalte machtvoll und entschieden in die Öffentlichkeit getragen. Die Dritte: ein Erfolg. Den Kessel durchbrochen. Gezeigt, daß wir da sind. Die Taktik der Bullen durchkreuzt. Die Vierte: ein Erfolg. Die Bilder der brennenden Wanne, die Bilder vom Winterfeldtplatz werden bleiben. Doro: Blödsinn. Gar nichts war auf dem Kolli machtvoll. Und der Winterfeldtplatz war von oben nicht mehr als ein Hin­und-zurück. Alle auf einmal: nicht vom Dach aus zusehn, sondern auf der Straße kämpfen, das ist die einzige Perspektive, die in unseren Augen zählt.&quot;&lt;/em&gt; (Aus :Michael Wildenhain: Prinzenbad)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nochmal: dieselbe Zeit, dieselbe Stadt, dieselben Ereignisse. Ein &lt;em&gt;„50-DM­Schinken für das Bücherregal von Altlinke“&#039;&lt;/em&gt; (Lecorte im Interview)? Wildenhains dritter und umfassendster Szene-Roman ist immerhin schon seit über einem Jahr draußen und bei denen, die es beschreibt, fast unbeachtet geblieben. Sicher, die Sprache ist sperrig, arbeitet viel mit Collagen und Assoziationen. Notwendig für einen Verfremdungseffekt, aber vielleicht manchmal unnötige Spielerei. &lt;em&gt;Die kalte Haut der Stadt&lt;/em&gt; hat stilistisch viel mit Christian Geisslers &lt;em&gt;kamalatta&lt;/em&gt; gemeinsam -und der wurde meines Wissens ebensowenig gelesen, aber viel gekauft und war lobend in aller Munde. Irgendwie mußte &#039;man&#039; &lt;em&gt;kamalatta&lt;/em&gt; gelesen haben. &lt;em&gt;kamalatta&lt;/em&gt; war zwar differenziert und stellte die Berechtigung verschiedener Politikformen nebeneinander, aber immerhin schrieb sich Geissler eine RAF herbei, die so sympathisch in Wirklichkeit nicht gewesen sein wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wildenhain beschreibt die Kehrseite des 80er Aufbruchs: da ist wenig Befreiendes, viel Individualismus und vor allem der verinnerlichte Druck vermeintlich befreiender Politik. Auch während der als Highlights durch unsere Geschichtsschrei­bung geisternden Schlachten wie dem 1.Mai 1987 bleiben die Kämpferinnen Individualistinnen, bringen die Aktionen nicht zusammen. Dieses Alleinbleiben kontrastiert seltsam mit den immer wieder zitierten Parolen. „Zärtlich (kontinuierlich, anm. d.S) und genau&quot; (S. 531), ist da nichts, es bleibt nur „The lonelyness of the long distance runner&quot; (5. 486).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Entweder ... oder, dazwischen gibt es nichts&quot; (S. 565), das ist die Logik, die den meisten von ihnen das Genick bricht: Kai, der einen von der Polizei bei einer Aktion Gefangenen mit der Pistole befreit und daraufhin nach Frankreich flüchtet, dort alleine über die Runden kommt. Nach Jahren kehrt er fast vergessen nach Berlin zurück. Die Zeit ist schnellebig, keine/r denkt an die Helden von gestern, wenn neue Schlachten die Neuen erwarten. Das Personal der Szene hat gewechselt, nur die Parolen sind geblieben. So täuscht die äußere Kontinuität über die inneren Brüche hinweg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jochen, der nach einer besseren, anderen Szene sucht, sich von der bestehenden aber nicht lösen kann und sich dafür jedesmal härtere Schläge einhandelt: das eingeschlagene Auge auf der Rattay-Gedenkdemo, die Verhaftung wegen der illegalen Zeitung und zum guten Schluß bei einem Einbruch von Polizisten erschossen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zuvor scheitert Jochen beim Versuch, ein Buch über Euthanasie zu schreiben. Euthanasie, das ist sicher von der Szene vorgegebenes Modethema, wird für Jochen aber mehr und mehr zur Gelegenheit über den Sozialdarwinismus der Szene zu schreiben. Wildenhains bösartigste Stelle ist es, wenn er mit Jochens Szenekritik einen Abschnitt beendet („Und die, die keine Kraft mehr haben, verschwinden still und heimlich und werden nicht mehr gesehn&#039;&#039;, S. 245) und den nächsten mit einem NS­Euthanasie-Zitat beginnt: „ Wer sich nach Persönlichkeit und Lebensführung, insbesondere wegen außergewöhnlicher Mängel des Verstandes oder des Charakters außerstande zeigt, aus eigener Kraft den Mindestanforderungen der Volksgemeinschaft zu genügen, ist gemeinschaftsfremd&quot; (5. 245). Darf man das? Wo bleibt das Positive? Ist es richtig, in einer Zeit des allgemeinen Katzenjammers und Absetzens von der Linken einen Roman zu schreiben, der nicht gleich das Neue, Positive mitliefert; der nicht einmal ausdrücklich sagt, daß es überhaupt richtig ist, linke Politik zu machen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sicher, im Grunde genommen ist Wildenhains Roman die Umkehrung von&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Lecortes. Statt Alles-war-prima ein Alles-war-fatal. Mir erscheint Wildenhains Vorgehen aber legitimer. Zum einen sind die Szenegeschädigten eine Gruppe, über die sonst der Mantel des Schweigens gebreitet wird. Aus den Augen, aus dem Sinn.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum anderen gibt es zwar eine Gruppe von älteren Autonomen, die sich persönlich zufriedenstellend zwischen WG, Kollektiv und Politgruppe und gelegentlich-mal-auf-ne-Demo-gehen eingerichtet haben. Diese Gruppe hat aber die vollautonomen Lebensprinzipien, deren Konsequenzen Wildenhain beschreibt, hinter sich gelassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir wollen alles und zwar sofort, diese Haltung auch als Anspruchsdenken gegeneinander formuliert, kann nicht gutgehen. Insofern beschreibt Wildenhain zwar nicht mehr das Befreiende das Aus- und Aufbruchs der 80/81-Bewegung, sondern nur den Endzustand. Dieser Endzustand ist aber die konsequent zu Ende gedachte Ideologie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was fehlt, ist zwar mindestens eine Analytik statt bloßer Beschreibung. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sowas ohne erhobenen Zeigefinger zu schaffen ist. Lesbar ist der Roman sicher auch als Absage an den Kampf für eine andere Gesellschaft. Dafür ist aber das Interesse an Autonomen aber jetzt zu gering als auch die Romanform nicht verdaulich genug, um als Kronzeuge gegen die revolutionäre Linke zitiert zu werden. Vielleicht ist Die kalte Haut der Stadt ja nur für diejenigen interessant und verständlich, die die autonome Geschich­te schmerzhaft als eigene erfahren haben. Das allein aber ist es wert: der Wiederer­kennungseffekt des inneren Drucks zur Konformität unter der freundlichen Einladung zur Autonomie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;mt&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tomas Lecorte:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir tanzen bis zum Ende, Galgenberg-Verlag, 25 DM&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Michael Wildenhain:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die kalte Haut der Stadt, Rotbuch-Verlag, 48 DM&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 24 Feb 2010 11:29:19 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Thesen für eine Neukonstituierung der Linken</title>
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                    &lt;p&gt;Das Ende des Realsozialismus ist kein Ende der Kämpfe um Befreiung. Die Bemühungen, die bestehenden Verhältnisse radikal umzuwälzen wird es immer wieder geben. Aus diesem Grund wird die nicaraguanische Revolution mit Sicherheit nicht die letzte der Geschichte sein. Es gibt auch heute emanzipatorische Bewegungen auf der Welt, die das .bestehende System (nicht unbedingt in diesem Jahrhundert) kippen können.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1 &lt;/strong&gt;Das Ende des Realsozialismus ist kein Ende der Kämpfe um Befreiung. Die Bemühungen, die bestehenden Verhältnisse radikal umzuwälzen wird es immer wieder geben. Aus diesem Grund wird die nicaraguanische Revolution mit Sicherheit nicht die letzte der Geschichte sein. Es gibt auch heute emanzipatorische Bewegungen auf der Welt, die das .bestehende System (nicht unbedingt in diesem Jahrhundert) kippen können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;2&lt;/strong&gt; Es ist unübersehbar, daß sich die Bedingungen für revolu­tionäre Bewegungen in den letzten Jahren grundlegend verändert haben. Durch das Scheitern des Realsozialismus sind bisherige Spielräume wie Grenzen für revolutionäre Bewegungen verschwunden und durch neue ersetzt worden. So gibt es heute weder die positiven Auswirkungen eines Alternativmarkts RGW (als Spielraum für unabhängig gewordene Länder) noch die negativen einer Ordnungszentrale Moskau, die revolutionäre Bewegungen zurückpfeift und Prozesse blockiert, wenn es ihre Interessen verlangen. (Wie es z.B. 1945 in Italien und Griechenland der Fall war und von Moskau mit Jugoslawien versucht wurde).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;3&lt;/strong&gt; Die stattgefundenen Verän­derungen sind damit nur insofern epochal, als sich die Bedingungen für emanzipato­rische/revolutionäre Bewegungen verän­dert haben, nicht aber in dem Sinn, daß die Möglichkeiten und Notwendigkeiten radikaler Umwälzung verschwunden wären. Neukonstituierung ist in diesem Sinne notwendig, weil viele Positionen in der Linken sich letztendlich immer noch an nicht mehr bestehenden Verhältnissen orientieren: die Position zum Realsozialismus, die Einordnung in den Blockkonflikt, das Verhältnis zur RAF, die Rolle der Befreiungsbewegungen im Trikont.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dazu kommen die inneren Verän­derungen in der BRD. Die Streitfragen Engagement in den Grünen- ja oder nein­, Bedeutung von Klassenkämpfen versus soziale Bewegungen haben ihre Brisanz verloren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch die Autonomen, die sich lange aus den Mythen der Jugendrevolte der 80er ernährten und im alternativen Milieu überwintern konnten, verlieren zusehends ihre ehemaligen Bezugs­punkte. Diese Veränderungen in der globalen Situation, die Entwicklungen in der BRD, die sich neu stellende soziale Frage, die Annektion der DDR (die mit einem brutalen Identitätsverlust verbunden ist), die Veränderung von Klassenverhältnissen vor allem durch die Migration aus den osteuropäischen Ländern und die faschistische Offensive bedingen Umbrüche und Neudefinierungen in der Linken. Neukonstituierung wäre also vor allem als ein Prozeß zu verstehen, die Um­wälzungen wahrzu­nehmen und beste­hende Identifikationsmuster umzuwerfen. Die Kategorisierung der Linken in Antiimps, Autonome, Revis, vielleicht noch Ökolinke und jenseits davon „ VerräterInnen&quot; ist in dieser Form nicht mehr als eine Worthülse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;4&lt;/strong&gt; Für den angesprochenen notwendigen Neukonstutiuierungsprozeß ist die Auseinandersetzung mit dem ganzen Reichtum linker Geschichte unverzichtbar. Wenn emanzipatorische Bewegungen Fehler nicht wiederholen wollen, müssen sie den Entwick­lungsgang bisheriger Befreiungsversuche (von den Sklavenaufständen und Bauernkriegen über den Realsozialismus bishin zu den italienischen und iberischen Kämpfen der 60er und 70er oder den so unterschiedlichen antiimperialistischen Revolutionsversuchen wie der Agarsozialismus in Tanzania und Burkina Faso, den RGW-orientierten Angola, Vietnam usw. und den sogenannten &quot;3. Wegen&quot; wie in Nicaragua) kennen und kritisch hinterfragen. Dabei wäre meiner Ansicht nach vor allem zu berück­sichtigen, welche materiellen Grundlagen zu was für Entwicklungen geführt haben, welche Probleme sich einer emanzi­patorischen Bewegung auch heute ganz ähnlich wieder stellen und welche alternativen Antworten auf diese äußeren Zwänge (z.B. der überall eingetretenen äußeren Einkreisung) denkbar sind. Ganz entscheidend ist in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung mit dem Realsozialismus. Nicht weil der in den meisten Ländern ein verteidigenswertes Gesellschaftsmodell darge­stellt hätte, sondern weil sein Ursprung - die russische Revolution 1917 - als der bisher größte Versuch von Befreiung zu betrachten ist. Mehr als an den kurz­weiligen und schnell besiegten revolu­tionären Strohfeuern, läßt sich an den realsozialistischen Gesellschaften Ruß­lands, Chinas, Cubas oder Jugoslawiens gerade aufgrund ihrer zahlreichen „Fehlentwicklungen&quot; (gemessen an den ursprünglichen Hoffnungen) lernen. In diesem Zusammenhang halte ich es im übrigen für relativ überflüssig (und falsch), die Entwicklungen in den realsozialistischen Staaten vor allem mit dem Stalinismus und/oder aus den „Machtam­bitionen&quot; der Führer der jeweiligen führenden Parteien erklären zu wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;5&lt;/strong&gt; Die Entwicklung in der SU (eine weitgehend terroristisch durchgesetzte Industrialisierung, Herausbildung einer neuen herrschenden Klasse, Entstehen eines Unterdrückungssystem neuen Typus) erklärt sich einerseits stark aus externen, von den Bolschewiki kaum zu beeinflussenden Faktoren: der äußere Angriff und die inneren Widersprüche zwischen Stadt und Land, zwischen Völkern und Zentrale förderten die Durchsetzung eines repressiven Modells. Dazu kam die Notwendigkeit, als isoliertes Land, wirtschaftliche Autarkie, d.h. Entwicklung einer eigenen Schwer­industrie um jeden Preis, zu erlangen. Neben den verschieden externen Faktoren aber spielt auch das Politik­verständnis der Bolschewiki eine wesentliche Rolle. Die italienische Kommunistin Rossana Rossanda attes­tierte den realsozialistischen Parteien 1971 in ihrem Aufsatz Probleme der Demokratie und der Macht in den Übergangsgesellschaften sehr passend „einen verengten Revolutionsbegriff“, der sich auf politische Machtübernahme und Verstaatlichung des Privateigentums beschränke. Meiner Ansicht nach hat der Revolutionsbegriff der KPdSU (und damit auch späterer kommunistischer Parteien, z.B. der PC Cubas) mit einer wirklichen gesellschaftlichen Umwälzung nur vordergründig zu tun. Die Regierungs­übernahme als solche stellt die Verhältnisse nicht in Frage. Revolution ist ein breiter, subjektiv erfahrbarer Prozeß der radikalen Veränderung aller Lebenssphären, nicht nur die Absetzung der Regierung und die Vergesellschaftung von Eigentum. Revolution ist ein langwieriger Prozeß ohne klaren Anfang und Ende. In diesem Sinne würde ich die These Rossana Rossandas unterstützen, daß „die Machtübernahme zwar notwendiger, aber nicht hinreichender&quot; Bestandteil von Revolution ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;6&lt;/strong&gt; Auf der Grundlage dieser Definition war die russische Revolution genau wie beispiels weise die chinesische, nicaraguanische oder algerische (um vier sehr unterschiedliche zu nennen) nicht mehr als ein Regierungsumsturz, der es für eine Übergangsphase ermöglichte, zahlreiche gesellschaftliche Verhältnisse in Frage zu stellen und anzugreifen. Zu einer bleibenden tiefschürfenden Veränderung kam es (außer in Teilaspekten) jedoch nicht. Die Geschlechterherrschaft blieb bestehen, die Produktionsformen in der Industrie, die Gestaltung des städtischen Alltags, die Technikkonzepte blieben dem modernen Kapitalismus vergleichbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;- Wenn man den Begriff Revolution dagegen nicht wertend definiert, also wie beim Begriff bürgerliche Revolution einfach nur einen Übergang von einer unterdrückerischen Gesellschaftsfor­mation zu einer anderen meint, waren die sozialistischen Revolutionen des 20.Jahrhunderts wie die französische Revolution 1789 die Festschreibung neuer, in Grundfragen jedoch mit den Prinzipien der vorhergehenden Gesell­schaftsformation in vielen Aspekten vergleichbarer Verhältnisse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;7 &lt;/strong&gt;Der Realsozialismus, aber auch Fälle wie Nicaragua haben gezeigt, daß Umstürze, die nicht von einer breiten Mehrheit ge­tragen werden, entweder repressiv werden oder wie in Nicaragua auf halbem Weg stecken bleiben. Damit ist nicht gemeint, daß in Rußland, Cuba, Nicaragua usw. die Bevölkerungsmehrheit nicht für einen Sturz der alten Regierung gewesen wäre. Auch die Bolschewiki hatten im Herbst 1917 ein Mehr­heitsvotum in den Räteversammlungen hinter sich. Das Problem war, daß diese Unterstützung keine Übereinstimmung über die aufzubauende Gesellschaft beinhaltete, sondern sich auf die gemeinsame Ablehnung des bestehenden beschränkte. Die für eine Umwälzung notwendige Hegemonie linker Ideen beinhaltet daher auch eine Einigung über anzustrebende Ziele. Nicht nur- Agrarreform und Friedensschluß (wie in Rußland), sondern auch (klar benannte) sozialistische Ziele müssen von Mehrheiten geteilt werden, wenn der Weg der Bolschewiki nicht wiederholt werden soll. Die revolutionäre Linke muß daher nicht nur um einen Konsens auf der niedrigsten Stufe (gegen Somoza und für Gerechtigkeit), sondern auch für einen gesellschaftlichen Konsens in den langfristigen Zielen kämpfen. D.h die politische Diskussion kann nicht zugunsten notwendiger Effizienz in der Tagespolitik zurückgestellt werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;8&lt;/strong&gt; Für eine umfassende Umwälzung der Verhältnisse ist es in diesem Sinne auch notwendig, daß sehr viel mehr Menschen als in bisherigen revolutionären Prozessen selbst zu Handelnden werden. Diese notwendige aktive Beteiligung an gesellschaftlicher Befreiung beinhaltet, daß in der Gesellschaft vorhandene Widersprüche auch nach Umstürzen, bzw. vor allem dann, ausgetragen werden müssen. Sobald unterschiedliche Erfahrenswelten und Bedürfnisse nicht mehr durch administrative Verordnungen der führen­den Partei künstlich begradigt werden, stellt sich Unruhe ein: in der SU krachten Stadt und Land aufeinander, in der chinesischen Kulturrevolution begannen Jungarbeiterinnen und Facharbeiterinnen zusammenzustoßen, die heutigen Konfliktlinien würden wohl vor allem patriarchale und rassistische Unterdrückung oder die immer größere Diskrepanz zwischen Individuum und Gesamtgesellschaft zur Grundlage haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;9&lt;/strong&gt; Befreiung bedeutet, daß diese Widersprüche nicht von oben zugunsten notwendiger Stabili­tät „für erledigt erklärt werden können&quot;. Zwar muß sich eine nach­revolutionäre Gesellschaft schützen, d.h. wenn sie im inneren Chaos versinkt, geht sie unter, aber sie kann dies nicht repressiv tun. Die subjektive, von jedem Individuum erlebbare Seite der Befreiung ist zwar nicht der einzige Maßstab für gesellschaftliche Veränderung, aber eine in der Geschichte der realsozialistischen Staaten so gut wie gar nicht berück­sichtigte. Die Aufgabe einer nachrevo­lutionären Regierung (eine Revolution, bei der sich auf der Stelle alle Formen institutionalisierter Gesellschaft wie Staat und Regierung auflösen, ist heute nicht vorstellbar) bestünde gerade darin, die Phase gesellschaftlichen Aufbruchs zu verlängern. Die Erfahrung zeigt, daß in Nicaragua, Spanien und Portugal in den 70ern während der Umbruchsmomente ein massiver Räte- und Selbstverwal­tungsenthusiasmus ausbrach, der durch die Politik führender Parteien, aber auch durch ganz normale Ermüdung (Verant­wortung ist ganz einfach Scheiß an­strengend) innerhalb von 2 Jahren fast vollständig wegbrach. Wenn die Linke überhaupt eine Aufgabe hat, dann ist es die, diesen Zusammenbruch zu verhin­dern und dafür zu kämpfen, daß mehr Menschen über die unmittelbare Auf­bruchsstimmung hinaus Verantwortung tragen. Das macht sie nicht, indem sie eigene Kader an die Spitze entstehender Initiativen stellt, sondern nur indem sie das Entstehen organischer Intellektueller (wie es bei Gramsci heißt) fördert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;10&lt;/strong&gt; Veränderung des Alltags, d.h. von Liebe, Sexualität, Arbeit, Kollektivverhalten usw. bedeutet langfristiger Lernprozeß. Ein Dualismus Schwein oder Mensch wie ihn der RAF-Militante Holger Meins vor bald 20 Jahren formuliert hat, gaukelt vor, man müsse sich nur entscheiden, auf welcher Seite man steht. Man springt sozusagen vom alten ins neue. Mit der Realität hat die Vorstellung allerdings so gut wie nichts zu tun.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der unmittelbare Übergang zum „&lt;em&gt;neuen, guten und kollektivistischen Menschen&lt;/em&gt;&quot; ist eine Illusion und führt als Anspruch geradewegs hinein in die Selbstüberforderung. Unter den be­stehenden Verhältnissen von Sozia­lisierung, gesellschaftlichem Druck, aber vor allem von real bestehenden Macht­verhältnissen in Form von Familie, Arbeitsverhältnissen, Staat, Medien und Repressionsinstrumenten können wir nicht,- nur weil wir es wollen-, ganz anders sein. Das ist auch der Grund, warum politische des Systems, unver­zichtbar bleibt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die radikale Umwälzung durch lang andauernden Protest und Selbstverän­derung allein ohne poli­tischen Umsturz gibt es nicht. Revolution ist auch weiterhin Angriff gegen die Regierenden. Zwar müssen wir mehr beden­ken als Lenin - allein die Taktik von Umsturz und Machtübernahme reicht nicht, sie führt zu dem im Realsozialismus vorge­führten Austausch von Eliten -, aber ohne Lenin geht es auch nicht. Ohne Umsturz würde die Geschichte ewig niedergeschlagener Aufstände und kulturell-subversiver Bewegungen (wie das kollektivistische Urchristentum) einfach weitergeschrieben werden. Strategien, die, um der Korrumpiertheit politischer Macht zu entgehen, auf die Selbsttätigkeit von Bewegungen setzen und sich darauf beschränken, die bestehende Gesellschaft zu untergraben, sind daher als Rückfall in die Zeit erfolgloser Aufstandsbewegungen zu betrachten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;11 &lt;/strong&gt;Revolution ist damit eine Kombination unterschiedlichster Anstrengungen, die sich auf den Alltag genauso erstrecken, wie auf die Gewinnung einer politischen Hegemonie emanzipatorischer Vorstel­lungen in der Bevölkerung, auf den Auf­bau realer Gegenmacht und den immer direkter werdenden Angriff gegen die Machtzentralen der modernen Gesell­schaft. Der wesentliche Unterschied zu anderen Revolutionsvorstellungen liegt darin, daß diesem Konzept ein Machtbegriff zugrundeliegt, in dem Gegenmacht eben nicht die Fähigkeit ist, administrativ Veränderungen zu verordnen und diese über große, schlag­kräftige Organisationen und Apparate umzusetzen, sondern vor allem die unterschiedlichsten Formen von Organisierung aufzubauen, in denen Menschen eigene Entscheidungsprozesse erleben. Die Übernahme des Staats­apparates - die weiterhin notwendig bleibt - wird bedeutungslos, wenn nicht vorher gefestigte Formen von Selbst­regierung und Selbstentscheidung entstehen. Eine kollektivierte Produktion z.B. läßt sich nicht befehlen. Kollektivierte Produktion kann es nur dann geben, wenn Menschen in einem Organi­sierungsprozeß gelernt haben, selbst Verantwortung für Planung zu übernehmen. Nur wenn sie in der Lage sind, - weil sie über ausreichend Zeit verfügen, politische und wirtschaftliche Vorgänge zu begreifen und Verantwortung zu übernehmen -, Entscheidungen selbst zu fällen, kann das Entstehen neuer hierarchischer Arbeitsteiligkeiten verhindert werden. Für Rudolf Bahro bestand (als er noch in der DDR und kein Esoteriker war) der &lt;em&gt;Schichten&lt;/em&gt;- Charakter der realsozialistischen Staaten (ich würde es Klassencharakter nennen) genau in der Ausgrenzung der Mehrheit aus kreativen, organisierenden und leitenden Tätigkeiten. Weniger Arbeit ist vor diesem Hintergrund, d.h. wenn es nicht um mehr Raum für Konsum, sondern um mehr Raum für Bildung, Kreativität und gesellschaftliche Verantwortung geht, eine sinnvolle Forderung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;12&lt;/strong&gt; Genauso wie es präventive Konterrevolution gibt, also das System versucht, noch vor dem Ausbruch politischer Wider­sprüche die Herausbildung bestimmter Organisierungsformen durch Repression und Kanalisierung zu verhindern, gibt es auch so etwas wie vorbeugende Revolution. Weit entfernt von jedem Sturz des Systems legen wir mit jeder Organisierungsform, die aus der Systemlogik von Unterwerfung und Konkurrenz ausbricht und sich nicht allmählich mit den Verhältnissen wieder anfreundet (im Gegensatz zu denjenigen Formen alternativen Lebens, die mit ihrer Andersartigkeit das System nicht mehr angreifen, sondern nur noch erweitern- wann das so ist, müßte sich jede Alter­nativbewegung ständig fragen), eine Grundlage für eine andere Gesellschaft. Daß diese Grundlage jederzeit wieder zusammenfallen kann, ist richtig. Aber auch die politischen Revolutionen, also die Länder mit nachrevolutionären Regierungen können diesen Weg gehen wie die Ostländer gezeigt haben. Unumkehrbar ist weder die subjektive Veränderung noch der gesellschaftliche Umsturz.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;13&lt;/strong&gt; Zentral für die emanzipato­rischen Bewe­gungen (die re­volutionäre Linke) ist daneben die Entwicklung eines neuen Fortschrittsbegriffs. Eine entscheiden­de Ursache für den Entwicklungsgang des Realsozialismus war - wie so unterschiedliche RealsozialismuskritikerInnen wie Bahro, Gorz, Rossanda bishin zu Detlef Hartmann aufgezeigt haben - die Kopie eines kapitalistischen Akkumulations- und Fortschrittsmodells durch die KPdSU.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Bolschewiki setzten ab 1917 auf Modernisierung. Zu einem erheblichen Grad mag sich das aus den Notwen­digkeiten Rußlands erklärt haben (der sowjetische Kritiker Eugen Vargas fragt z.B., ob Hitlers Armeen Rußland und Europa nicht für lange Jahrzehnte unterjocht hätten, wenn nicht vorher unter den Bolschewiki eine eigene Rüstungsindustrie aus dem Boden gestampft worden wäre). Aber richtig ist auch, daß den Bolschewiki ein vor allem von der deutschen Sozialdemokratie in den 1890er Jahren entwickeltes, mecha­nistisches Fortschrittsdenken eigen war, in dem der Sozialismus die Folge der technischen Weiterentwicklung darstellt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;14&lt;/strong&gt; Technische Entwicklung und deren Folgen für Arbeitsorganisation, Wissenschaft und Technologie sind aber niemals neutral. Sie tragen - wie der französische Philosoph Andre Gorz sagt - „das Kainsmal des Kapitalismus&quot;. D.h. ihre Ausformung erklärt sich aus den Verhältnissen der Gesellschaft, aus der sie hervorgeht; im Kapitalismus wären das z.B. das Profitinteresse, die Machtsicherung politischer Eliten, aber auch die Gegenwehr von Bewegungen, z.B. der Gewerkschaften.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;15 &lt;/strong&gt;Daraus läßt sich nicht ablesen, daß -wie es die Autonomie- Redaktion, Detlef Hartmann oder jetzt die Materialien für einen neuen Antiimperialismus versuchen- jede technische Weiterentwicklung im Kapitalismus bzw. im Realsozialismus „&lt;em&gt;als technologischer Angriff&lt;/em&gt;&quot; zu interpretieren ist. Fortschritt wird niemals ganz einfach von denkenden Zentralen entworfen und dann durchgeführt, sondern ist ein Prozeß, der sich aus den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen ergibt. Es mag zwar Planungsbüros geben, aber deren Vollstreckungsmöglichkeit ist ausgesprochen begrenzt. Krisen, technologischer Fortschritt, Umstrukturierung sind deshalb zwar keine Eigengesetzlichkeiten, die herrschaftsfrei oder neutral sich einfach ereignen (und damit von der Linken einfach übernommen werden können), aber sie auch nicht einfach Counter-Insurgency-Angriffe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Technologiekritik ist deshalb nicht das gleiche wie Technologiefeindlichkeit. Es gibt in der Entwicklung der letzten Jahrzehnte so positive Entwicklungen wie die größeren Bildungsmöglichkeiten und so negative wie die zunehmende Medienmanipulation. Es gibt Medikamente für die meisten, früher tödlichen Krankheiten, aber es gibt auch neue Krankheiten durch Medikamente. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte enthält nach vorne weisendes ebenso, wie mit dem Begriff von Befreiung absolut unvereinbares.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;16&lt;/strong&gt; Trotzdem bleibt damit richtig, daß die revolutionäre Linke einen anderen Begriff von Entwicklung und Fortschritt entwerfen muß. Nicht das immer mehr an Konsum müßte das Ziel sein, wie es im Realsozialismus der Fall war, sondern die menschenwürdige Umgestaltung der Verhältnisse. „Der Sozialismus, ist die Unterordnung der Ökonomie unter die Gesellschaft&quot;, schreibt Polanyi. Für uns müßte das heißen, daß wir bestehende Industrie und Technik nicht einfach kollektiv verwalten. Wir müssen ihren Sinn in Frage stellen und kollektiv überlegen, ob und welchen Nutzen sie für die Gesellschaft besitzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dafür ist es notwendig Kriterien festzulegen, was unserer Meinung nach der Gesellschaft nützt, wenn es eben nicht der zunehmende Konsum ist. Begriffe wie Entfaltungsmöglichkeiten, ökologische Verträglichkeit, Sozialisierung der Entscheidungsmöglichkeiten, Ab­nahme stupider Arbeit, Grundversorgung der Weltbevölkerung, kultureller Reich­tum, Solidarität usw. dürfen nicht die Steckenpferde der Sozialdemokratie sein. Es sind die emanzipatorischen Kriterien, wonach Fortschritt als sinnvoll zu beurteilen ist oder nicht. Es sind die ganz ureigenen Begrifflichkeiten von Befrei­ungsbewegungen, die sich die Sozialdemokratie oder die Grünen zwar ins Programm schreiben, aber niemals erfüllen können, solange sie sich auf dem Boden des Kapitalismus bewegen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;17 &lt;/strong&gt;Viele Maßstäbe bisheriger Wirtschaftsordnungen werden dadurch uninteressant. Wachstum ist für eine revolutionäre Bewegung kein Kriterium. Zwar muß jede Gesellschaft sich darüber Gedanken machen, ob sie das, was sie konsumiert auch wirklich herstellt (oder ob sie auf Pump lebt bzw. aus Überausbeutung der Ressourcen), aber die Maßstäbe wie Weltmarktanteil sind für Befreiungsmodelle völlig unbedeutend. Um diese Form anderen Wirtschaftens einmal durchzusetzen, ist es jetzt notwendig, andere Ziele breit im Bewußtsein zu verankern (siehe auch Punkt 7). Nicht vielen wird es einleuchten, wenn eine führende Partei nach einem Regier­ungsumsturz ganz unerwartet (bisher forderte sie immer mehr Lohn und Konsum) für die nächsten Jahrzehnte den Mangel verkündet, und z.B. erklärt Autoproduktion wird abgeschafft, weil sie gesellschaftlich unvertretbar ist, stupide Arbeitsplätze schafft, Ressourcen verschwendet und die Luft verpestet. Die Befreiung der Menschen von der stupiden Arbeit ist nur möglich als gesellschaftliche Einigung über ein neues Zivilisations­modell. Nur wenn die Mehrheit anerkennt, daß bestimmte, heute normale Bedürfnisse (wie das Auto, der Privatfernseher und die individuelle Stereoanlage) im Grunde genommen Schwachsinn sind, solange Millionen an Hunger verrecken, wird ihr Fehlen nicht mehr als Mangel empfunden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;18&lt;/strong&gt; Bei diesen Bemühungen um neue gesellschaftliche Ziele ergeben sich daraus mindestens zwei Hauptprobleme:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;innerhalb des Kapitalismus (und im Bewußtsein der Menschen noch Jahre über diesen hinaus) werden aus Profitinteressen neue gesellschaftliche Modelle nicht zugelassen werden (zumindest wenn sie dem Profit widersprechen). Die Abschaffung von Produkten, die Scheiß Arbeitsverhältnisse und Gesundheitsschädigung bedeuten (also die meisten), ist kein Akt des Überzeugens der Produzentinnen und Konsumentinnen. Es ist immer auch ein Gewaltakt. Das einzige, was die Linke tun kann, ist eine politische Mehrheit für diese Veränderungen zu erkämpfen. Die zunehmende Aneignung unserer Vorstellungswelt durch die Werbung und andere kommunikative Fremdbestim­mungsformen muß deswegen ein Kernpunkt revolutionärer Bewegung sein. Eine befreite Gesellschaft, eine andere Zivilisation sind nur möglich, wenn herrschende Ideologien wie der Konsumismus durchbrochen werden. Das allein reicht aber nicht. Wenn Überzeugungsarbeit alleine die Gesell­schaft verändern würde, dann hätte das Christentum ihre Prinzipien durchgesetzt, und nicht andersherum das römische Reich das Christentum aufgesogen. Veränderungen ohne gewalttätige Brüche gibt es nicht.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;für revolutionäre Bewegungen stellt sich mit dem Antikonsumismus ein Problem. Solange die bestehende Gesellschaft so ist wie sie ist, haben die Unterdrückten ein Anrecht auf Teilhabe. Menschen aus anderen Völkern müssen hier mitkonsumieren dürfen, und die Forderung der Malocherinnen auf mehr Lohn ist mehr als korrekt. Mittelständische Askese ist keine adäquate Antwort auf die Verhältnisse, sondern ein Luxus auf der Grundlage garantierten Reichtums. Die Ablehnung der existierenden Produk­tions- und Konsumformen bedeutet nicht, auf die Forderung nach gerechter Verteilung der hergestellten Produkte zu verzichten.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;19&lt;/strong&gt; Revolutionen haben heute kein eindeutig vorherzube­stimmendes Subjekt: weder eine Klasse noch ein Geschlecht oder Volk ist durch die äußeren Be­dingungen derart festgelegt, daß es systemoppositionell zusammengeschweißt wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf der anderen Seite ist es allerdings auch nicht richtig, daß Systemopposition von der Stellung in einem System, von materiellen Privilegien oder Nachteilen unabhängig ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Problem ist, daß es in modernen Industriegesellschaften keine einfache Polarisierung in Arbeiterinnen und Kapitalisten gibt. In Wirklichkeit treten verschiedenste und höchst ausdif­ferenzierte Unterdrückungsformen auf. Bis auf die marginalisierten und meist atomisierten Randgruppen ist damit jede und jeder in den modernen Industriegesellschaften in unterschied­licher Weise gleichzeitig positiv und negativ vom System betroffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der immer wichtiger werdende Moment sozialpsychischer Verelendung, also des gesellschaftlichen und kommunikativen Zerfalls als Folge voranschreitender Durchkapitalisierung des Alltags, ist dagegen subjektiv sehr unterschiedlich erlebbar. In keiner Hinsicht kann man deshalb von der materiellen Bestimmung von Gruppen und Klassen zum revolutionären Subjekt reden. Der autonome Theoretiker Detlef Hartmann hat das in dem Buch Leben als Sabotage (1980) ganz passend zusammengefaßt:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Natürlich ist das historische Subjekt NOTWENDIG durch die Position im Ausbeutungsentwurf der kapitalistischen Verwertung (mit-)bestimmt, aber bei weitem nicht HINREICHEND. Die Subjektivität der Klasse ist nicht aus ihrer Funktion im Kapital begreifbar(...), denn in seiner sozial/technologischen Definition ist sie ja nur Objekt, Gegenstand der Gewaltsamkeit seiner Verwertungsprojekte. Subjekt ist sie nur im Begriff des treibenden, des pro­zessierenden Widerspruchs, durch den sie ihre Subjektivität im Kampf entfaltet und gegen das Kapital vergesellschaftet. (...) Damit wird der Klassenbegriff nicht falsch, verwendbar allerdings nur noch schablonenhaft als Hülse (...)&quot;&lt;/em&gt;. Für andere Unterdrückungsverhältnisse läßt sich ähnliches sagen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;20&lt;/strong&gt; Der gesellschaftliche und kommunikative Zerfall ist für die emanzipatorische Bewe­gung ein Kernproblem. Durch die gesellschaftliche Atomisierung (Gesellschaftlichkeit wird nur noch künstlich vermittelt, d.h. über den Markt, die Medien und Systeminstitutionen wie Parteien, Kirchen etc.) wird systemkritische oder gar -oppositionelle Orga­nisierung insgesamt immer unwahr­scheinlicher, weil einfach immer weniger Bereitschaft zur Auseinandersetzung miteinander und zur gegenseitigen Verbindlichkeit (das Grundprinzip jeder Organisierung ist es ja individuellen Freiraum für gegenseitige Verpflichtung und Versorgung aufzugeben) besteht. Wenn jedoch an verschiedenen Fragen trotz geringer gesellschaftlicher Kom­munikation von unten (d.h unvermittelt über Medien und institutionalisierte Organisationen) Bewegungen zur Durchsetzung einzelner Forderungen entstehen, dann bedingt die Auffächerung der Lebensverhältnisse zwangsläufig zugleich deren Heterogenität.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;21 &lt;/strong&gt;Diese zwangsläufige Vielfalt und Widersprüchlichkeit ist nicht künstlich zu begradigen. Trotzdem bleibt es für jeden revolutionären Prozeß unverzichtbar, daß sich die unterschiedlichen sozialen Gruppen zu einer überschaubaren Zahl von Organisationen zusammenschließen. Nur in dieser Form können emanzipatorische Kräfte in einer Gesellschaft die umfassende Frage nach Veränderung der Verhältnisse stellen. Diese Organisationen müssen nicht Parteien oder Guerillaorganisationen sein wie bisher, aber sie müssen über den jeweils wahrgenommenen (subjektiv wichtigsten) Widerspruch hinausreichen. Sie müssen sich mit ihrer inneren Heterogenität wieder darum bemühen einen umfassenden Emanzipations­gedanken, ein Menschheitsprojekt zu formulieren, in dem sich der rebel­lierende Jugendliche, die von der Kleinfamilie geknechtete Frau, der vereinzelte Mensch, der vom Rassismus betroffene und der/die in der Arbeit entnervte Arbeiterin mit einer gemeinsamen Vision wiederfinden. Zugrunde liegt dem die Idee, daß nur dann Befreiung und menschenwürdiges Leben möglich ist, wenn insgesamt alle Verhältnisse verschwinden, die den Menschen zu einem elenden, ge­knechteten Wesen machen, wie Marx sinngemäß gesagt hat. Solange eine einzige Gruppe, Klasse oder Geschlecht der Menschheit unterworfen lebt, kann es auch für die anderen (von dieser Unterdrückung nicht Betroffenen) kein menschenwürdiges Leben geben. Das ist meiner Ansicht nach der Kerngedanke von Solidarität und Befreiung, und nur auf seiner Grundlage ist eine Alternative zu bestehenden Gesellschaftsformen möglich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;22&lt;/strong&gt; Ein einfaches Bündnis von Bewegungen, die hinsichtlich verschiedener Aspekte (Klassen­unterdrückung, Patriarchat, ko­loniale Ausbeutung, Rassismus, Mensch­Natur-Verhältnis usw.) in Gegnerschaft zum System stehen, reicht nicht aus. Die Regenbogenkoalition, als Bündnis eigenständiger Bewegungen aus Gewerk­schafterinnen, Schwarzen, Feministinnen und Ökologinnen, wie sie in den USA und anderswo propagiert wird, kann auch, wenn sie radikal auftritt, nur ein modernisierender Stachel im System sein. Für eine revolutionäre Umwälzung, die mehr ist als die Modernisierung des Bestehenden (nämlich ein Neuanfang des Menschenwürdigen), ist eine Gesell­schaftsalternative notwendig, eine Idee gemeinsamer Befreiung und auch (wie oben schon hervorgehoben) der zentrale Angriff auf das Herz des bürgerlichen, rassistischen, patriarchalen Staates. All das erfordert ab einem bestimmten Zeitpunkt die Organisierung über ein lockeres Bündnis hinaus: eine gemeinsame Organisation.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;23&lt;/strong&gt; Entgegen organisationsfanatischer wie organisationsfeindlicher Vorstellungen sind politische Organisationen nicht -etwa Dinge vom anderen Stern, sondern authentischer Bestandteil der Gesellschaft wie andere Organisierungsformen auch. Um es mit einem etwas blöden Bild zu veranschaulichen: an einer gigantischen Maschine, die an Hunderten von Stellen kaputt ist, und an der an Hunderten von Stellen Menschen Reparaturen für notwendig halten, wird sich - wenn Kommunikation stattfindet - auch Organisierung einstellen. Entweder in kleineren Gruppen, um einen Teilkomplex gemeinsam zu richten, oder, wenn man den Fehler für grundsätzlicher hält, in immer größeren Einheiten. Ein Teil der Reparierenden wird dabei die Meinung vertreten, die Maschine insgesamt auseinander nehmen zu müssen. Daß sich diese Menschen zusammenschließen, ist genauso eine logische Schlußfolgerung wie es die Zusammenarbeit der anderen ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Den politischen Organisationen geht damit im positiven wie im negativen Sinne weitgehend ihr Sonderstatus abhanden. Allerdings nicht in einem Punkt: zwar kann an jeder Stelle der Maschine der grundlegende Systemfehler entdeckt werden (d.h. die politischen Organisationen haben kein Monopol auf das richtige Bewußtsein) aber zur Demontage und Neuzusammensetzung ist in umfassenderer Form als an Einzelstellen koordiniertes, kollektiv überlegtes, also organisiertes Handeln notwendig. Zumal unsere Maschine ja kein passives Objekt ist, daß sich einfach so ohne Widerstand auseinandernehmen und neuzusammenschrauben ließe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;24&lt;/strong&gt; Der Begriff der Authentizität wie er in autonomen und sozialrevolutionären Diskus­sionen verwendet worden ist - als Kritik an nicht- authentischen Organisationsformen- ist darüberhinaus ein schlechtes Kriterium für politische Beurteilung. So ist die K- Gruppe (sie spiegelt die westdeutsche Linke und eine bestimmte psychische Struktur einer Zeit gut wieder) genauso authentisch wie die soziale Bewegung, die Jungnazis in Rostock und die Autonomen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Entscheidend für die Beurteilung von einer revolutionären Organisation ist ihre emanzipatorische Zielsetzung und darin dann auch, ob sie sich als organischer Bestandteil der Gesellschaft begreift oder aber als Fremdkörper. Wenn sie zweites ist, kann sie Umwälzung nur als Zwangsprojekt gegen die Mehrheit begreifen, als verordnete Neustruk­turierung, nicht aber als gesellschaftlichen Prozeß der Selbstfindung und Selbstumdeutung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;25&lt;/strong&gt; Damit ist angesprochen, daß die Linke (d.h. die für - eine – Umwälzung Lebenden) in stär­kerem Maß als in den vergangenen 15 Jahren begreifen muß, daß nur Massen Revolutionen machen können, und daß selbst in Bedingungen, in denen eine revolutionäre Bewegung wie heute in Deutschland auf sehr lange Sicht Minderheit bleiben muß, die Massen ein ganz wesentlicher Bezugspunkt sind. Die Tatsache, daß die Bevölkerungs­mehrheit heute individualistisch, kon­sumistisch, sexistisch und rassistisch auftritt, stellt diesen Satz nicht in Frage. Eine emanzipatorische Bewegung - die Linke - muß darum kämpfen, rechte Hegemonie zu durchbrechen. Sie kann Umwälzung, das eigentliche Kriterium einer emanzipatorischen Bewegung, nur erreichen, indem sie innerhalb der Gesellschaft wächst. Für jede Neube­stimmung der Linken halte ich deswegen die Durchsetzung einer Massenlinie (womit ich wie schon beschrieben kein unkritisches Verhältnis zur Gesellschaft meine, ganz im Gegenteil) für unabdingbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;26&lt;/strong&gt; Die Linke muß sich von ihren elitären Traditionen befreien. Sie muß wieder Organisations­formen schaffen, in denen Leute, die gerade erst anfangen sich zu politisieren, Platz haben. Das bedeutet, daß politische Grüppen mit dem Widerspruch leben lernen müssen, daß einerseits sehr erfahrene, andererseits sehr neue Leute in der gleichen Gruppen zusammenarbeiten. In diesem Umgang haben gerade die Erfahreneren zu lernen, sich in einer verständlichen Art und Weise auszudrücken, die Kenntnisse der Neuen - auch wenn sie unbeholfen oder naiv ausgedrückt werden, ernst zu nehmen, und erst kurz Organisierten Wissen und Erfahrungen zu vermitteln. Dafür bedarf es eines anderen Begriffs von Lernen. Lernen nicht mehr als Erreichen von theoretischen Spitzen­werten, in denen einzelne für sich oder ihre Kleingruppe was rausziehen, son­dern als gemeinschaftlicher Prozeß, indem es vor allem um vergesellschaftetes Wissen geht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;27 &lt;/strong&gt;Abschied von den elitären Traditionen bedeutet außer­dem, die Auseinandersetzung mit Menschen außerhalb unserer politischen Strömung, Gruppe oder Organisation geradezu zu suchen, und zwar nicht in Form von Agitation für unsere Ziele, sondern als offene Kommunikation, in der keine Seite Wahrheitsanspruch erheben kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das, was so oft als &lt;em&gt;Sendungsbewußtsein&lt;/em&gt; diffamiert wird, nämlich der Wunsch, mit mehr Menschen für eine Veränderung einzutreten, ist die Eigenschaft schlecht­hin des/der RevolutionärIn (so dumm es auch klingt).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Öffentlichkeitsarbeit in diesem Sinne würde eine massive und koordinierte Verankerung in bestehenden Massen­organisationen wie Mietervereinen, Basisgewerkschaften, Jugendgruppen etc. genauso beinhalten wie die Schaffung eigener, wirklich für die Öffentlichkeit bestimmter Räume (z.B. nicht szenemäßig aufgemachter Antifa-Cafés), eigener Medien und einer gut geplanten Pressearbeit für die bestehenden, weitgehend gleichgeschalteten Medien. Vor allem jedoch bedeutet (wie oben bereits kurz angedeutet) die Aufgabe elitärer Traditionen, endlich damit aufzuhören sich von den Lasten dieser Gesellschaft reinwaschen zu wollen. Weder das Abgrenzen vom spießigen Normalo noch das Anklagen des rassistischen Mobs befreit uns davon, Teil dieser Gesellschaft und von der deutschen Kultur als hier lebende Menschen (individuell unterschiedlich stark) geprägt zu sein. Wer hier mehr sein will als der ewig marginale metropolitane Arm anderswo geführter Kämpfe, kann nicht diejenigen, mit denen eine systemoppositionelle Bewegung entstehen müßte, pauschal angreifen. In den sozialen Bewegungen und in Teilen der Antifa ist das immer wieder richtig verstanden worden. Im Diskurs vieler Linker, von Gremliza bis zu den Szene- Autonomen lebt das elitäre Denken allerdings, meiner Ansicht nach, munter fort.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;28&lt;/strong&gt; Kein linker organisatorischer Zusammenhang könnte von sich heute oder in in der Zukunft behaupten, Avantgarde in der gesellschaftlichen Umwälzung zu sein. Der emanzipatorische Prozeß/die Revolution beinhaltet viel zu viele Aspekte, als daß eine Gruppe in allen führende Kraft sein könnte. Trotzdem kommt den linken Gruppen und Organisationen in diesem Prozeß eine Sonderrolle zu: nämlich bewußt Verantwortung zu übernehmen, zu systematisieren und zu koordinieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der schwierigste und widersprüchlichste Aspekt von notwendiger Verantwortung für einen gesellschaftlichen Prozeß, ist dabei (als normaler Teil einer Gruppe/ der Gesellschaft) immer wieder Initiative zu übernehmen, ohne Entscheidungs­prozesse zu bevormunden. Im Endeffekt beinhaltet es, exponierte Rollen anzunehmen und sich dabei trotzdem in jeder Situation hinterfragen zu können. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob einzelne in Gruppen (oder bestimmte Gruppen und Organisationen in der Gesellschaft) Wortführerrollen besitzen, sondern ob man trotz dieser (sich in jedem sozialen Prozeß herausbildenden) Stellung in der Lage ist, sich zurückzu­halten, wenn man als Gruppe oder Person beginnt, unaufhebbare Aktiv- und Passivrollen zu schaffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unterstreichen möchte ich allerdings (weil das meiner Ansicht nach längst nicht allseitiger Konsens ist) daß die langfristig übernommene Verantwortung eine essentielle Bedingung für jede revolutionäre Entwicklung darstellt. Es gibt keine gesellschaftliche Entwicklung in Richtung Befreiung, ohne daß einzelne Verantwortung übernehmen bzw. man sich darauf vorbereitet. Ob man diese Rolle als Kader, politischen Kern, oder Plumpaquatsch bezeichnet, ist völlig unwesentlich. Tatsache ist, daß in keiner Gruppe alle Menschen die gleiche Initiative besitzen, bzw. sich gleich für ein Projekt entschieden haben. Das Gefälle von Verantwortung Übernehmenden und den eher Passiven ist nie vollständig, sondern nur tendenziell zu überwinden. Es ist Zeit, daß sich die Linke dieser Tatsache stellt. Wenn sie glaubt in einem Organisationsprozeß solchen Phänomen ausweichen zu können, wird sie an ihren Ansprüchen unvermeidbar zerbrechen. Als Alternative bleibt dann nur der Kleinstzusammenhang gleichaltriger, gleichgeschlechtlicher, gleichberuflicher Gleichgesinnter: kurzum einfach nur der Reflex bestehender Atomisierung und Vereinzelung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;29&lt;/strong&gt; Die Neuzusammensetzung der Linken ist keine einschienige Angelegenheit. Sie besteht (mindestens) gleichzeitig aus&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;einer gewissen Kontinuität bestehender Praxis,&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;einer theoretischen Diskussion, die über einen organisatorischen Zusam­menhang und Lernkonzepte vor allem in die Breite geht, und&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;der Rückkehr in die soziale Realität. Die Linke muß also die schwierige Aufgabe bewältigen, sich intensiv mit sich selbst auseinandersetzen, ohne sich darüber erneut gesellschaftlich abzu­sondern (egal ob als Partei oder als Subkultur-Szene). Genauso kompliziert ist es (wie das Leben zeigt) zeitaufwendige theoretische Arbeit und ebenso zeitaufwendige Praxis miteinander zu verbinden. Trotzdem ist unverzichtbar, daß sich jede Gruppe und Person das Ziel setzt, diese Arbeitsteiligkeit von Theorie und Praxis zu überwinden. Wie im einzelnen Prioritäten gesetzt werden (welche Kampagne, Demonstration ist uns so wichtig, daß wir bestimmte Diskussionen aufschieben oder umgekehrt), ist die Entscheidung der unterschiedlichen Gruppen, nicht als Vorwurf aneinander formuliert werden (Aktionisten gegen Laberer).&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;30&lt;/strong&gt; Kontinuität zu bewahren heißt einerseits, bestehende Projekte nur nach einer intensiven Prüfung aufzugeben und ander­erseits nicht an alles die Forderung zu stellen, neu sein zu müssen. Ich behaupte, daß es gänzlich unmöglich ist, das allermeiste, was die Linke bisher ausgemacht hat, neu zu erfinden. Eher dürfte es darum gehen, bestehendes neu zu gewichten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So sind Aktionsformen wie Demon­strationen, Streiks, Mahnwachen, Kam­pagnen, Happenings, Straßentheater, Straßenschlachten, Öffentlichkeitsarbeit, Diskussionen genauso wenig durch neues zu ersetzen wie die Organisations­strukturen Delegation, Rotation, Sprecher­Innen-Prinzip. Das ganz andere wird nicht eintreten. Die Neubestimmung wird unspektakulär aussehen, und von weiten Teilen der Linken erst im Nachhinein bemerkt werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;31&lt;/strong&gt; Die Neukonstituierung sollte in meinen Augen das Entstehen einer heterogenen, gemischten Organisation beinhalten. Damit ist nicht gemeint, daß eine Neukonstituierung sich hauptsächlich aus dieser Organisationsentwicklung bestimmt noch daß sich diese Organisation einfach gründen ließe. Nur ein allmähliches Ineinanderwachsen von unterschiedlichen Gruppen und Organisationen ermöglicht, daß verschiedene Standpunkte und Sozialisierungen berücksichtigt werden. Dafür wäre es zunächst nötig, eine Struktur für Diskussionen und gemeinsame Arbeitsprojekte zu schaffen. Dies wäre relativ leicht möglich, wenn sich Gruppen, die einen groben Grundkonsens teilen und das Entstehen einer revolutionären Organisation für ein wichtiges Projekt halten, in regelmäßigen Abständen zu Arbeitstreffen zusam­menfinden wie das in Bewegungen zu Sachfragen schon lange der Fall ist. Neben der Bedeutung von Arbeit an einer revolutionären Organisation, steht aber auch fest, daß es andere, wichtige Beiträge auf ganz anderer Ebene geben kann (z.B. eine stärker mit den Medien arbeitende Demonstrationspraxis wie bei den Göttingerinnen, eine lange und ehrliche Selbstreflektion der RAF, die Diskussion zum Rassismus, die lobenswerten Theoriebemühungen von Kleinverlagen wie dem ID- Archiv, einer Antifa-Arbeit, die über gegen Nazis hinausgeht, Mieterinnen, Stadtteil- und gewerkschaftskritische Betriebsarbeit in der ehemaligen DDR oder einer Reorganisierung der bei den Grünen ausgestiegenen Linken in der Ökolinken...).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;32 &lt;/strong&gt;Die Einheit aller linksradikalen Gruppen ist unmöglich. Es macht keinen Sinn, alle beste­henden Tendenzen zusammen­fassen zu wollen. Dabei ist unsere Erfahrung, daß mehr als unterschiedliche Standpunkte die Uneinigkeit über Diskussions- und Arbeitsmethoden eine Rolle spielt. Es ist in der radikalen Linken eine oft zu machende Erfahrung, daß im Grunde genommen bestehender Konsens bei Inhalten deswegen nicht wahr­genommen wird, weil unterschiedliche Politisierungsprozesse und Erfahrungs­weiten zu einem unterschiedlichen Gebrauch von Sprache führen. So wird sich ausgiebig über Begriffe gefetzt, obwohl bei der konkreten Frage weitgehende Übereinstimmung besteht. Ich glaube, daß unterschiedliche Standpunkte sehr wohl in einer gemeinsamen Struktur Platz haben. Sie müssen es sogar, denn wenn Befreiung etwas sein soll, in dem sich die überwältigende Mehrheit der Menschheit wiederfinden kann, dann müssen auch die Organisationen, die dieses Projekt vorantreiben, heterogen bleiben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn also z.B. bestimmte Organisationscharakteristika in Gruppen oder Struk­turen bestehen wie: Verbindlichkeit, Konfliktbereitschaft, Politik als kreative Arbeit und nicht als bloßes Happening, Planung, Koordinierung und Systema­tisierung. Wenn zweitens eine Bereit­schaft besteht, die eigene Position in Frage zu stellen und neues auszupro­bieren, und wenn drittens die politische Gruppe und Struktur auch als sozialer Zusammenhang anerkannt ist, dann halte ich eine gemeinsame Arbeit von Ö kosozialistInnen/Ex-Grünen, feminis­tischen Gruppen, Antifas, Antiimps und Autonomen für möglich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;33&lt;/strong&gt; Die verschiedenen Kampf­formen sind nicht in Frage gestellt, auch nicht der bewaf­fnete Kampf. Es ist meiner Ansicht nach durchaus möglich, daß (im Gegensatz zur RAF, die im April 1992 geschrieben hat, die heute notwendigen Bewegungen könnten nicht durch Aktionen der Guerilla entstehen) bewaffnete Aktionen massenhafte Organisierung auslösen. Die Existenz ETAs im Baskenland, der FMLN in El Salvador oder der der CGSB in Kolumbien spielt eine wesentliche Rolle dabei, daß der Organisationsgrad in den Bevölkerungen der jeweiligen Länder vergleichsweise hoch ist oder war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das stimmt zwar nicht ewig und in bestimmten Momenten können bewaffnete Aktionen Massenaktionen und -organisierung blockieren (in diesem Sinne hätte die RAF recht), aber das Verhältnis ist sehr viel widersprüchlicher als es oft zusammengefaßt wird in Form: der Protagonismus der Guerilla grenzt den der Bevölkerung ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im konkreten Fall im Baskenland beispielsweise hat die Existenz ETAs mehrere positive Auswirkungen:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;ihre Aktionen haben bestimmten Forderungen wie beim Bau des AKWs Lemoiz genug Gewicht gegeben, um den Erfolg der Massenbewegung zu gewährleisten. Durch Erfolgsaussichten jedoch bleibt Organisierung attraktiv und das Gefühl &lt;em&gt;bringt ja eh nichts&lt;/em&gt; setzt sich nicht vollständig durch. Dieses Argument, auf das auch die RAF abzielt, wenn sie jetzt die Strategie Durchsetzung konkreter Ziele in den Mittelpunkt rückt, ist meiner Ansicht nach allerdings nur sehr bedingt richtig. Schließlich können Bewegungen auch ohne Guerilla Erfolge erringen, oft sogar einfacher (weil es für den Staat dann nicht im gleichen Maße ums Prestige geht).&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;ETA ist ein Kern, der alle Bewegungen und Initiativen in ihrem Umfeld stabiler macht. Zwar bedeutet die Allgegen­wärtigkeit ETAs oft Bevormundung der sozialen Bewegungen, auf der anderen Seite allerdings sehen diese viel weniger lose aus als im Rest des spanischen Staates oder sonst in Westeuropa. ETA übt eine bündelnde Kraft aus, direkt über die Beteiligung Militanter, in den letzten Jahren aber viel häufiger indirekt durch Darstellung des eigenen Standpunkts.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;wirkt sich die Konsequenz ETAs auf moralischer Ebene mobilisierend aus. Die Tatsache, daß Jugendliche bereit sind, für emanzipatorische Ziele, ihr Leben zu riskieren oder in den Knast zu gehen, bringt andere Menschen dazu, auch zu handeln (den Effekt gab und gibt es über die politischen Gefangenen in der BRD ja durchaus auch).&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;symbolisiert eine bewaffnete Organisation den radikalen, polaren Widerspruch schlechthin. Es ist im Baskenland sehr viel üblicher als sonstwo auf dem westeuropäischen Kontinent, das bestehende System in Frage zu stellen. Zwar ist ETA wahrscheinlich keineswegs der wichtigste Pfeiler der Machtalter­native, aber niemand repräsentiert diese in dem Ausmaß wie es die 1959 gegründete Organisation tut. Im Baskenland fällt das Gerede von der zivilen Gesellschaft schwer und das ist gut so, solange die Unterdrückungsverhältnisse fortbestehen wie bisher.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;34&lt;/strong&gt; Die Krise von RAF und RZ stellen den bewaffneten Kampf damit nicht zur Disposition. Das Problem der bewaffneten Linken in der BRD war es meiner Ansicht nach eher, daß sie niemals politisch-militärische Organisationen wurden. Die RAF zog 1973 in einer wohl eher symbolisch gemeinten Entscheidung (nach dem Motto: kapiert es doch endlich- legal geht hier nichts mehr) ihre politischen Militanten in die Illegalität ab und verbaute sich damit die Möglichkeit einer Vermittlung ihrer Aktionen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die RZ dagegen verfolgten ein Organisierungskonzept, das auf Selbstwüchsigkeit baute. Diesem Hoffen auf Vermassung fehlte das Verständnis von Lernprozessen: um nicht zur klassischen Avantgarde zu werden, beschränkten sich die RZ darauf, andere zum Nachmachen aufzufordern. Damit allerdings wurde Vermittlung von Erfahrungen zu einer anonymen oder bestenfalls individuellen Angelegenheit. Ein Organisationsmodell, das die Vermittlung von Erfahrungen innerhalb der Struktur und die ständige&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kommunikation nach außen mit politischen und sozialen Bewegungen nicht gewährleistet, kann aber wiederum nur in Isolation enden. Diese trifft für RAF wie für RZ zu: ersteren fehlte vor allem die Gleichzeitigkeit von politischer und militärischer Arbeit in der Struktur, zweiteren die Bereitschaft oder Fähigkeit, die große Anzahl militanzbereiter Menschen in eine Struktur einzubinden und sie bei ihrem Schritt zu begleiten. Repression ist dafür kein ausreichendes Argument, wenn man berücksichtigt, daß sich auch in anderen Ländern unter oft noch brutalerer Überwachung Guerillamilitante gegenüber Militanz- bereiten offenbaren und sie in Strukturen einbinden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;35&lt;/strong&gt; Die von der RAF in der April- Erklärung (1992) vorgeschlagene stärkere Orientierung an konkreten Erfolgen ist (zumindest als Abkehr vom linksradikalen Maximalismus: wir wollen alles und das jetzt sofort) sinnvoll. Eine Linke, die immer wieder auf den heilsbringenden Tag X verweist, gleicht einer religiösen Sekte. Veränderungen, die tatsächlich eine qualitative Verbesserung der Lebensverhältnisse darstellen (z.B. im Bereich Gesundheit) und/oder die das Kampfterrain verbessern (z.B. ein liberales Mediengesetz, das den Betrieb freier Radios ermöglicht) sind auch dann sinnvoll, wenn sie das System nicht stürzen und von diesem natürlich auch instrumentell benützt werden (z.B. um eine Protestbewegung kalt zu stellen).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;36&lt;/strong&gt; Der Schwerpunkt Straßenpolitik, d.h. der hauptsächliche Ausdruck autonomer Organi­sierung und Praxis in Form von Demos, Kampagnen und Randale, müßte relativiert werden. Zwar ist es ein wesentliches Kennzeichen radikaler Politik, daß sie sich auf der Straße, also außerinstitutionell ausdrückt, aber trotzdem gibt es andere wichtigere Maßstäbe linken Erfolgs oder Mißerfolgs als spek­takuläre Ereignisse wie die Störung des offiziellen 8.November-Fern­sehumzugs in Berlin (so geglückt diese auch sein mögen). Die Teil­nahme an einen oder mehreren Ak­tionen bedeutet nämlich in keinster Weise die Übereinstimmung mit einer bestimmten politischen Linie. Gerade bei Randale sind es oft im Normalalltag reaktionäre Positionen vertretende Jugendliche, die ihren Haß gegen die Bullen (nicht mal gegen das System) freien Lauf lassen. Ob das Organisieren spektakulärer Aktionen auf der Straße wirklich Hauptschwerpunkt linker Politik sein sollte, steht damit in Frage (wie viele Papiere haben sich in der autonomen Interim mit Demos auseinandergesetzt wie wenig dagegen mit den Schwierigkeiten bei der Vermittlung von Wissen in offenen Gruppen?) Das Einbinden von neuen Leuten in einen kontinuierlichen sozialen und organi­satorischen Zusammenhang und Lernprozesse in einer Gruppe sind wichtigere, weil stabilere Kriterien für die richtige oder falsche Politik als Highlights.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;37&lt;/strong&gt; Es ist- so glaube ich- nicht richtig, den Antifa-Kampf zum alles bestimmenden Anliegen der Linken zu machen. Gerade um ein Anwachsen der faschistischen Bewegung zu verhindern, wäre es notwendig, daß die Linke zum Entstehen antikapi­talistischer Bewegungen beiträgt und die sozialen Widersprüche wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit bringt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Antifa ist außerdem keine Anti-Nazi und auch keine Anti- Nazi&amp;amp;Bullenpolitik. Die politische Organisierungs-und Öffentlichkeitsarbeit und die Wiederan­eignung der Geschichte sind wichtigere Aspekte an der heute bestehenden Antifa­Bewegung (die ihre Bedeutung vor allem daderch besitzt, daß sich in ihr extrem viele Jugendliche zum ersten Mal in ihrem Leben unabhängig organisieren).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;38&lt;/strong&gt; Um eine internationalistische Position einzunehmen, muß die Linke in der BRD stärker als in den letzten Jahren ihren eigenen Kampf wichtig nehmen. Unterstützungsarbeit für andere Kämpfe zu leisten, ohne dabei durch Beteiligung an Diskussionen zu profitieren - wie es bei der klassischen Soli-Arbeit der Fall ist - , ist perspektivlos. Internationalismus beinhaltet eine revolutionäre Praxis im eigenen Land zu besitzen und von dieser Position aus, gleichberechtigt, d.h. konfliktbereit mit Organisationen anderer Länder zusammenzuarbeiten. Es ist auch falsch von ausländischen Organisationen das nicht einzufordern, was man bei allen anderen Gruppen in der BRD verlangt, - daß man nämlich Meinungsver­schiedenheiten diskutieren darf. Ohne Kritik an ausländischen Menschen und Gruppen betreibt die Linke Paternalismus, nicht Internationalismus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;* Zusammengfaßt halte ich deswegen 4 Kriterien für essentiell bei einer Neuzusammensetzung der Linken:&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;&lt;em&gt;linke Politik muß stärker versuchen, gesellschaftliche Isolation zu durch­brechen und sich an die Öffentlichkeit an die anderen hier lebenden Menschen zu richten&lt;/em&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;em&gt;die organisatorischen Strukturen müssen soziale Lernprozesse fördern und die Einbindung neuer Menschen ermöglichen&lt;/em&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;em&gt;ein im obengenannten Sinne technologiekritischer, nicht technologie­feindlicher Standpunkt&lt;/em&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;em&gt;das strategische Ziel, Selbstregierungs-formen aufzubauen, d.h Macht nicht als Organisation oder Bewe­gung zu monopolisieren, sondern zu sozialisieren&lt;/em&gt;&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;


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 <pubDate>Tue, 23 Feb 2010 12:17:05 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Organisationsgeschichte</title>
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                    &lt;p&gt;In diesem Text soll der Versuch unternommen werden, einen groben, dokumentarischen Überblick über die verschiedenen Organisationsansätze der letzten 25 Jahre in der BRD zu geben (wobei hier kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden soll), da nur über das Ver-stehen schon praktisch erfahrener Ansätze die Sicht frei werden könnte für einen neuen Organisationsversuch.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;In diesem Text soll der Versuch unternommen werden, einen groben, dokumentarischen Überblick über die verschiedenen Organisationsansätze der letzten 25 Jahre in der BRD zu geben (wobei hier kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden soll), da nur über das Ver-stehen schon praktisch erfahrener Ansätze die Sicht frei werden könnte für einen neuen Organisationsversuch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daß ein solcher notwendig ist, halte ich für unbestreitbar. Schließlich beschreibt Organisation zunächst einmal nicht mehr als den Zusammenschluß mehrerer Individuen zur Lösung eines politischen Problems. Für jede politische und soziale Gruppe, die ihre Interessen und Bedürfnisse nach außen vertreten will, stellt sich damit die Frage nach der politischen Organisationsform ganz zwangsläufig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Beurteilung von Organisations­ansätzen müßte sich daran festmachen, mit welchen Inhalten, Zielen und welcher Komplexität sie arbeiten und sich nach außen vermitteln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Meiner Ansicht nach ergeben sich vor allem zwei verschiedene Typen von Organisationsformen. Die einen, orga­nisch gewachsene, aus Bewegungen enstandene (Massenarbeiterkämpfe, Anti- AKW- Bewegung, Jugendrevolte); die anderen politisch bestimmte (K-Gruppen, operaistische und autonome Gruppen, RAF etc).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei der heutigen Debatte dreht sich vieles nur um bestimmte Erscheinungen, z.B. die schlechte Öffentlichkeitsarbeit, Ghettoisierung, Isolation usw. Es wird häufig versucht, diesen Erscheinungen mit neuen Formen von verbindlicher Arbeit zu begegnen. Allein dadurch werden die strukturellen Probleme aber nicht zu lösen sein. Die unzureichende Öffentlichkeitsarbeit autonomer Gruppen ist ja nicht nur Folge ihrer mangelnden Strukturen, sondern Teil ihres politisch- ideologischen Konzepts. Demzugrunde liegt die mechanistische Vorstellung, daß sich eine gute Aktion bereits durch ihre Vorbildhaftigkeit politisch vermittelt und zum Nachmachen motiviert, Öffentlich­keitsarbeit also weitgehend überflüssig ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Diskussion über Erscheinungs­formen hat fatale Auswirkungen. Sie führt zu einer Vertiefung der schon existierenden Gräben innerhalb der Restlinken. Die Debatten werden als Angriffe auf noch existierende Zusammenhänge begriffen bzw. die inhaltlichen Auseinandersetzungen als Scheingefechte geführt, in denen durch die jeweiligen ideologischen Grundposi­tionen die Ergebnisse von vorne herein feststehen. Jegliche Debatte über Organisierung verläuft so entlang der Linie Unorganisiertheit gegen Organi­siertheit - es entsteht sofort „Partei­verdacht&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es wird nicht mehr über die Grundlagen von Organisierung diskutiert, wobei hier zu betonen ist, daß auch die autonomen Gruppen nur eine spezifische Form davon darstellen, also das Schlagwort unorganisiert real nicht existiert. Als Folge der Begriffsverwirrung stellt sich auch der Rückgriff auf alte Organisationsmodelle &lt;em&gt;(„Ich sag wie es ist“ &amp;nbsp;&lt;/em&gt;Hamburg 1987) ein. Übersehen wird dabei, daß es nicht nur um eine Form geht, sondern auch um ihre spezifischen Inhalte, die wiederum die Form bestimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist also unabdingbar, die Organisa­tionsformen der letzten fünfundzwanzig Jahre nicht nur an den Erscheinungs­formen zu betrachten, sondern auch in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontext.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Verfasser dieses Artikels ist männlich. Ich bemühe mich, die Geschichte der Frauenbewegung und ihrer Organisationsstruktur hier kurz darzustellen, da ich der Meinung bin, daß ein Versuch der Analyse der Organisationsmodelle linker Gruppen ohne die der Frauenbewegung mangelhaft wäre. Daß diese Darstellung oberflächlich&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;und durch einen von außen geworfenen Blick gekennzeichnet ist, versteht sich aus dem, was Frauenbewegung heißt, nämlich Bewegung/Organisierung von Frauen, ohne Männer.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;I. Die Organisationsdiskussion im SDS&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Begonnen werden soll bei der Darstellung der verschiedenen Organisationsmodelle mit dem Diskussionspapier von Hans Jürgen Krahl und Rudi Dutschke (22. Dele­giertenkonferenz des SDS im September 67, erschienen in „Geschichte ist machbar&quot;, Berlin 1980). Der Text gliedert sich in drei klassische Schritte: Aus einer ökonomischen Analyse werden strategische Schlußfolgerungen für den politischen Kampf und daraus wiederum die erforderlichen organisatorischen Konsequenzen für den SDS gezogen. Gleichzeitig stellt das Papier den Versuch einer Zuspitzung der verbandsinternen Auseinandersetzung zwischen antiautoritärem und dem traditionellen Flügel - an der illegalen KPD orientierten Mitgliedern - dar. &lt;em&gt;„Der &lt;/em&gt;&lt;em&gt;noch nie dagewesenen Verbreiterung des antiautoritären Protestes nach dem 2. Juni war die überkommene, noch an der SPD orientierte Organisationsstruktur des SDS nicht gewachsen. Die Spontaneität der Bewegung droht die größten Gruppen organisatorisch zu paralysieren. Ihr politisches Verhalten erscheint deshalb zum großen Teil reaktiv aufgezwungen, und Ansätze für politisch-initiative Führung waren weitgehend hilflos&quot;.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In starker Anlehnung an einen Text von Ferencz Janossy, der später unter dem Titel „Das Ende des Wirtschaftswunders&quot; erschien, interpretierten sie die Rezession 1966/67 nicht einfach als Konjunktur­schwankung, sondern als Indiz für das Ende der die Nachkriegszeit bestim­menden Wiederaufbauphase.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;„Die auffälligste Erscheinung der gegenwärtigen ökonomischen Formationsperiode ist die Zunahme der staatlichen Eingriffe in den wirklichen Produktionsprozess als Einheit von Produktion und Zirkulation. Dieser Gesamtkomplex der staatlich- gesellschaftlichen Wirtschafts­regulierung bildet ein System des integralen Etatismus, der im Unterschied zum Staatskapitalismus auf der Grundlage der Beibehaltung der privaten Verfügung über die Produktionsmittel die Gesetze der kapitalistischen Konkurrenz ausschaltet und den ehemals naturwüchsigen Ausgleich der Profitrate durch eine staatlich- gesellschaftlich orientierte Verteilung der gesamtgesellschaftlichen Mehrwertmasse herstellt. In dem Maße, indem durch eine Symbiose staatlicher und industrieller Bürokraten der Staat zum gesellschaftlichen Gesamtkapitalisten wird, schließt sich die Gesellschaft zur staatlichen Gesamtkaserne zusammen, expandiert die betriebliche Arbeitsteilung tendenziell zu einer gesamtgesellschaftlichen. ”&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Indem die unmittelbaren Produzenten die ökonomische Gewalt verinnerlichten, könne der Staat scheinbar eine Liberalisierung seiner Herrschaftsfunktionen vollziehen. Möglich sei diese Perfektionierung der Machtapparatur nur - und darin wird ein zweites Mal an zentraler Stelle auf die Kritische Theorie rekurriert - durch ein gigantisches System der Manipulation.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&quot;Der Ausweg des Kapitalismus aus der Weltwirtschaftkrise beruhte auf der Fixierung an die terroristische Machtstruktur des faschistischen Staates. Nach 1945 wurde diese außer- ökonomische Zwangsgewalt keineswegs abgebaut, sondern im totalitären Ausmaß psychisch umgesetzt. Diese Verinner­lichung beinhaltete den Verzicht auf manifeste Unterdrückung nach innen und war konstitutiv für den Scheinliberalismus und Scheinparlamentarismus, allerdings um den Preis der antikommunistischen Projektion eines absoluten Außenfeindes. Die manipulativ verinnerlichte, außerökonomische Zwangsgewalt konstituiert eine neue Qualität von Naturwüchsigkeit des kapitalistischen Systems.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Von der ökonomischen Analyse kommen die Autoren des Referates zu strategischen Schlußfolgerungen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Wenn die Struktur des integralen Etatismus durch alle seine institutionellen Vermittlungen hindurch ein gigantisches System von Manipulationen darstellt, so stellt dies eine neue Qualität von Leiden der Masse her, die nicht mehr aus sich heraus fähig sind, sich zu empören. Die Selbstorganisation ihrer Interessen, Bedürfnisse, Wünsche ist damit geschichtlich unmöglich geworden. Sie erfassen die soziale Wirklichkeit nur noch durch die von ihnen verinnerlichten Schemata des Herrschaftssystems selbst. Die Möglichkeit zur qualitativen politischen Erfahrung ist auf ein Minimum reduziert worden.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Krahl und Dutschke ist es unstrittig, daß es in der alles entscheidenden Frage nach der Konstitution von Bewußtseins prinzipiell neuer Formen des politischen Kampfes bedarf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die Agitation in der Aktion, die sinnliche Erfahrung der organisierten Einzelkämpfer in der Auseinandersetzung mit der staatlichen Exekutivgewalt bilden die mobilisierenden Faktoren in der Verbreiterung der radikalen Opposition und ermöglichen tendenziell einen Bewußtseinsprozeß für agierende Minderheiten innerhalb der passiven und leidenden Massen, denen durch sichtbar irregulärer Aktionen die Gewalt des Systems zur sinnlichen Gewißheit werden kann.&quot; &#039;Die entscheidende Forderung an die SDS- Delegierten lautet: die Propaganda der Schüsse (Che) in der dritten Welt muß durch die Propaganda der Tat in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerillatätigkeiten geschichtlich möglich macht, Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des System der repressiven Organisationen.&quot; „Die revolutionären Bewußtseinsgruppen, die auf der Grundlage ihrer spezifischen Stellung im Organisationswesen eine Ebene von aufklärerischen Gegensignalen durch sinnlich manifeste Aktionen manifestieren können, benutzen eine Methode des politischen Kampfes, die sie von den traditionellen Formen politischer Auseinandersetzung prinzipiell unterscheiden.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die organisatorische Konsequenz lautet:&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Die bisherige Struktur des SDS war orientiert am revisionistischen Modell der bürgerlichen Mitgliederparteien. Andererseits vermochte der SDS die perfekte Verwaltungsfunktion revisionistischer Mitgliederparteien nicht voll zu übernehmen, da er nur ein teilbürokratisierter Verband ist, ein organisatorischer Zwitter. Demgegenüber stellt sich heute das Problem der Organisation als Problem revolutionärer Existenz.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Text wurde von mir nicht ausgewählt, um einen Rückgriff auf die Entwicklung zum bewaffneten Kampfes vorzunehmen, sondern weil mir kein anderer Text bekannt ist, der mit vergleichbarer theoretischer Komplexität und Tiefe die Organisationsfrage erörtert. Im Gegensatz zu vielen anderen Beiträgen unternimmt der Text die Anstrengung, den Organisationsvorschlag aus den sozialen und ökonomischen Verhältnissen der damaligen BRD heraus zu entwickeln. Zwar bleibt die konkrete Ausgestaltung des Organisationsansatzes sehr vage, doch stellen die dort aufgeworfenen Fragen nach wie vor eine wichtige Grundlage - auch für die Beurteilung der aktuellen Ereignisse - dar. Darüber hinaus orientierte sich die weitere Organisationsdebatte (Entstehung der diversen K-Gruppen, Sponti-Gruppen, RAF) an den theoretischen Auseinandersetzungen innerhalb des SDS.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;II. K-Gruppen&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Als direkte Folge auf die Selbstauflösung des SDS entstanden ab 1969 die verschiedenen K- Gruppen (mit Aus­nahme der KPD/ML, die 1966 gegründet wurde). Es soll hier weder auf die einzelnen Entstehungsgeschichten eingegangen werden, noch eine historische Aufarbeitung geleistet werden. Es geht um die Darstellung des organisatorischen Rahmens und der ideologischen Grundlagen der einzelnen Gruppierungen. Bestimmte Grundan­nahmen und organisatorische Prinzipien waren in allen Gruppen mehr oder weniger identisch. Es gab Unterschiede hinsichtlich der Propagierung bestimmter Inhalte, z.B. pro oder contra Stalin, in der inhaltlichen Ausrichtung albanientreu oder nicht, pekingorientiert oder auch nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im organisatorischen Verständnis definierten sich einige dieser Gruppen als Parteien (z.B. KPD/ML), andere als Gruppen zum Aufbau einer Partei, (z.B. KPD/AO) oder als Zusammenschluß verschiedener kommunistischer Zellen zu Bünden mit dem erklärten Ziel des Aufbaus einer kommunistischen Partei zu einem geeigneten Zeitpunkt (z.B. KB, KBW).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gemeinsam war allen Gruppierungen der „ML-Bewegung&quot; dagegen&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;die offene und ausschließliche Befürwortung einer revolutionären Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse,&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;die ausschließliche Betonung des Proletariats als führende Kraft der Revolution,&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;der Wunsch, die Partei der Arbeiterklasse aufzubauen,&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;die Propagierung Mao Tsetungs und mehr oder minder ausgeprägt auch Stalins als Klassiker des Marxismus-Leninismus&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;und die weitgehende, wenn auch unterschiedlich ausgeprägte Übernahme der Organisationsprinzipien des demokratischen Zentralismus, wie er von den russischen Bolschewiki, besonders von Lenin in seinen Schriften „Was Tun&quot; und „Ein Schritt vorwärts, zwei zurück&quot; entwickelt worden war. Als K-Gruppen zu bezeichnen sind nur diejenigen Gruppen, die alle diese Charakteristika aufweisen, während einzelne dieser Faktoren auch durchaus bei anderen Formationen eine Rolle spielen, wie z.B. die Befürwortung der Revolution durch anarchistische, operaistische, spontaneistische, rätekommunistische, trotzkistische und libertäre Kräfte oder das Bekenntnis zu Marx, Engels und Lenin bei Trotzkisten und bei auf die KPDSU ausgerichteten Kräften (z.B. DKP).&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;Trotz der teilweise erbitterten Feindschaft einzelner dieser Gruppen gegeneinander, ergaben sich doch viele Gemeinsamkeiten und wichtige Überschneidungen in den Arbeitsfeldern, politischen Themen und Aktionen. Insbesondere gegenüber den anderen politischen Gruppen, vor allem dem radikalen und militanten Flügel der Linken (Wir Wollen Alles, Bewegung 2.Juni, RAF, Freie Arbeiter Union etc.) fand eine scharfe Abgrenzung statt, die z.T. auch unter Anwendung körperlicher Gewalt durchgesetzt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei insgesamt ungefähr 100.000 Menschen, die die K- Gruppen in den 70ern durchlaufen haben, muß man von einer regelrechten Massenbewegung sprechen. In Folge dieser breiten Organisierung in parteiähnlichen Strukturen kam es zu einer emotional getragenen Gegenreaktion, die sich besonders in den Anfangsjahren der entstehenden Anti- AKW- Bewegung beobachten ließ. So wurde Ende der 70er Jahre aus Ablehnung „parteiverdächtiger&quot; Strukturen das erste Mal die Bezeichnung „autonome Gruppen“ verwendet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotz aller berechtigten Kritik an den K- Gruppen wäre es allerdings viel zu platt, diese Organisationen über einen Kamm zu scheren und ohne genauere Kennt­nisse abzutun.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es bleiben noch viele Fragen offen, ohne deren Beantwortung und genaue Untersuchung eine abschliessende Klärung über den Nutzen dieser Parteimodelle nicht erfolgen kann: - Warum haben diese Parteimodelle ihren emanzipatorischen Charakter verloren? - Warum brach die massenhafte Organi­sierung in den Betrieben zusammen, die die K-Gruppen erreicht hatten? - Worin lagen die organisatorisch-ideologischen Schwächen dieses Modells, führten diese zum Zerfall der K-Gruppen? - Was machten die Mitglieder der K-Gruppen nach deren Zerfall, weiter Politik? - Und wenn, dann wo?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;III. Die operaistischen Gruppen (Wir wollen alles)&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Eine weitere, teilweise in der Versenkung verschwundene Strömung, stellen die Gruppen mit operaistischem Ansatz dar, auch als „Wir- Wollen- Alles- Gruppen&quot; bekannt. Bei ihnen handelte es sich um Betriebs- und Stadtteilgruppen, die sich hauptsächlich auf lokaler Ebene koordinierten und keine zentrale Führung besaßen. Vorort waren diese zwar durchaus straff organisiert, und es gab auch bundesweit koordinierte Aktionen sowie eine gemeinsame Zeitung der Bewegung (die „Wir wollen Alles&quot;, die bis Mitte der 70er erschien), aber im Gegensatz zu den K-Gruppen gab es nie den Versuch, eine bundesweite Organisation zu gründen. Im Mittelpunkt ihrer Strategie stand die Intervention in konkrete, d.h. lokale Konflikte (in der Fabrik, Jugendzentren, Miete, Fahrpreise etc.) mit dem Ziel diese zuzuspitzen. Die Eroberung der politischen Macht sollte durch die Entwicklung des Klassenbewußtseins der revoltierenden Massen erreicht werden, und nicht durch das taktische und strategische Geschick der Avantgardepartei.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der operaistische Ansatz, gestärkt durch die erfolgreichen Massenarbeiterkämpfe in Italien, war in einzelnen Städten und Regionen von großer politischer und organisatorischer Bedeutung (z.B. Arbeitersache München, Revolutionärer Kampf Frankfurt, Proletarische Front Hamburg und Bremen). Aus einer marxistisch-leninistischen Tradition kommend, wurde die Avantgardepartei abgelöst durch den Versuch eines Neuaufbaus von Massenorganisation. Trotzdem erreichte die WWA-Bewegung nie den massenhaften Organisierungsgrad der K-Gruppen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bestimmend für den operaistischen Ansatz war auch, daß er sich nicht mehr an der Arbeiterklasse als solcher, sondern an dem neuen revolutionären Subjekt des Massenarbeiters orientierte. Das hieß für die Kämpfe in den Betrieben den Schwerpunkt nicht mehr auf die gewerkschaftlich Organisierten, sondern auf die ungelernten deutschen und ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter zu legen. In der ersten Nummer der „Wir Wollen Alles&quot; schrieben sie zu ihrem Selbstverständnis:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&quot;Sie haben alle angefangen, und das ist das wichtigste daran, ihr Leben und ihre Arbeit in Frage zu stellen und sich an den einzelnen Punkten zu wehren. Wir meinen das ist Klassenkampf Weil hier Leute kämpfen und weil sie selbst versuchen, etwas an ihrer Lage zu ändern. Wir alle wissen aber, daß die Arbeiter, Lehrlinge, Frauen, alle die Richtung ihrer Kämpfe voll bestimmen können, helfen wir die Erfahrung zu verallgemeinern, diskutieren wir theoretisch, wo es nötig ist und vor allem: Greifen wir die Manöver an, mit denen die Abwiegler aller Lager, die Gewerkschaftler, die Parteien, die meisten Linken, alles ablehnen, was wirklich sagt: Dieses Leben ist Mist. Wir wollen ein anderes... Wir wollen alles!&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gerade für Gruppen und Zusammenhänge, die politische Organisierung nicht nur als ein Szeneprojekt begreifen wollen, sind innerhalb der WWA-Gruppen wichtige Erfahrungen gesammelt worden. Nicht nur bestehend aus ihren Kämpfen innerhalb der Fabrik, sondern auch gerade mit den teilweise äußerst militanten Aneignungskämpfen um z.B. Wohnraum, Nulltarif bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, selbstverwaltete Jugendzentren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;IV. Die Frauenbewegung&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Ursprung der neuen Frauenbewegung liegt Ende der 60er in den Auseinandersetzungen innerhalb des SDS, wo das patriarchale Herrschaftsverhältnis als politisches Problem weit­gehend ausgeklammert blieb. Die Frauen im SDS, d.h. konkreter der ,,Aktionsrat zur Befreiung der Frauen&quot; schrieb 1968 (in der SDS- Korrespondenz des gleichen. Jahres):&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&quot;Wir stellen fest, daß der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse ist. Dabei macht man Anstrengungen, alles zu vermeiden, was zur Artikulierung dieses Konfliktes zwischen Anspruch und Wirklichkeit beitragen könnte. Diese Artikulierung wird auf einfache Weise vermieden, nämlich dadurch, daß man einen bestimmten Bereich des Lebens vom gesellschaftlichen abtrennt, ihn tabuisiert, indem man ihm den Namen Privatleben gibt. Diese Tabuisierung hat zur Folge, daß das spezifische Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen, verdrängt wird, wodurch gewährleistet wird, das die Männer ihre alte, durch das Patriarchat gewonnene Identität noch nicht aufgeben müssen. Die Konsequenz, die sich daraus für den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen ergab, ist folgende: Wir können die gesellschaftliche Unterdrückung der Frauen nicht individuell lösen. Wir können damit nicht auf Zeiten nach der Revolution warten.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Konflikt spitzte sich schnell zu. Am 23.9.68 wurden auf der Delegierten­konferenz des SDS in Frankfurt SDS-Funktionäre aufgrund ihrer ignoranten Position gegenüber dem patriarchalen Herrschaftsverhältnis mit Tomaten beworfen und in der Folgezeit kam es zum massenhaften Rückzug von Frauen aus dem SDS. Vor allem in den (Universitäts-) Städten bildeten sich autonome Frauengruppen, die hauptsächlich für die ersatzlose Streichung des §218 kämpften und sich theoretisch mit den Themen Sexualität, Selbst­bestimmung, Feminismus und Klassenkampf (Haupt-Nebenwiderspruch) beschäftigten (nachzulesen auch im „Rote Zora&quot;-Buch).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die meisten Frauen bedeutete dieser Schritt allerdings keinen Abschied vom Marxismus. Aus dem „Frauenhandbuch von Brot und Rosen&quot;, Berlin, 1974:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Auf welche Weise der Sexismus &lt;/em&gt;abzuschaffen ist, erarbeitet die Frauenbewegung in der feministischen Theorie. Soviel ist heute sicher, daß es keinen Feminismus ohne Sozialismus geben kann und keinen Sozialismus ohne Feminismus. D.h., die marxistische Theorie befindet sich nicht im Widerspruch zur Frauenbewegung, sondern sie wird von denen, die sich für Marxisten halten und die Theorie nicht verstehen, dazu deklariert. In der Arbeitsbehinderung spielen diese Gegner eine gewisse Rolle. Das Dilemma ist, daß viele der Nachfahren von Marx und Engels den Fehlschluß ziehen, daß die Auseinandersetzung mit den Reproduktionsbedingungen unwichtig ist, nur weil Marx und Engels dieses Problem nicht behandelt haben. Denn die wenigen Aussagen der beiden hierüber können wir nicht als Auseinandersetzung mit dem Problem betrachten. Aus der linken Ignoranz folgt, daß die Frauenbewegung gegen mehrere Fronten kämpfen muß: gegen die erkennbaren Feinde: Arbeitergeber, Kirchen, Ärzteorganisationen usw. und gegen die bornierten Freunde: die eigenen Ehemänner, Kinder und Befreiungsorganisationen, die sich damit aufhalten, die Abgrenzungen im gemeinsamen Kampf zu ziehen. ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unterschiedliche Erfahrungen und Kenntnisse führen oft dazu, daß diese Unterschiede wegen der angestrebten Gemeinsamkeit und Solidarität nicht richtig beachtet, heruntergespielt oder verwischt werden. In manchen Frauengruppen wird ein künstlicher Gegensatz zwischen Rationalität und Emotionalität aufgebaut. Rational ist männlich-autoritär, emotional ist weiblich. D.h., viele Frauen sitzen dem Klischee der Männer von Frauen selber auf Das führt dann dazu, daß Frauen mit Erfahrung im methodischen und systematischen Denken aus falsch verstandener Bescheidenheit oder aus Angst, für männlich gehalten zu werden, sich zurückhalten (oder die Gruppen) verlassen um nicht autoritär zu wirken oder andere abzublocken. Das ist aber falsch. Es gibt faktisch keine aufgearbeitete Geschichte der Frauen, es gibt keinerlei Geschichtsbewußtsein, keinerlei Wissen darüber, daß Frauen nicht immer das verkommene, ängstliche, bigotte, gedemütigte und masochistische Geschlecht waren, das es heute ist. ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Wissenschaft hat den Frauen ihre Mindewertigkeit wissenschaftlich bewie­sen. Frauen lernen erst allmählich, daß es darauf ankommt die bestehende Wissenschaft zu verändern. Das aber heißt, die Wissenschaft zu erobern.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In einem Teil der Frauenbewegung wurde sich ab 1974 außerdem die Frage illegaler Aktionsformen auch praktisch gestellt. Es entstand unter anderem die aus den Revolutionären Zellen her­vorgehende Rote Zora, deren Entstehung von dieser selbst in unmittelbarem Zusammenhang mit dem den Konflikt um den Paragraphen 218 gesehen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Am 26.4.&#039;74 wurde die Fristenlösung mit Regierungsmehrheit beschlossen. Am 25.2.&#039;75 erklärte das Bundes­verfassungsgericht sie für verfassungs­feindlich. Als Antwort darauf griffen die Frauen der RZ am 4.3.&#039;75 das Bundes­verfassungsgericht in Karlsruhe mit einer Bombe an. Das war Ausdruck einer neuen Qualität militanter Frauenorgani­sierung in der BRD.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und aus dem Emma-Interview der Roten Zora 1984:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Rote Zora soll auch ausdrücken, daß wir die gleichen Grundsätze wie die RZs haben, dieselbe Konzeption, illegale Strukturen aufzubauen, ein Netz zu schaffen, daß der Kontrolle und dem Zugriff des Staatsapparates entzogen ist. Nur so können wir - im Zusammenhang mit den offenen, legalen Kämpfen der verschiedenen Bewegungen - auch subversive und direkte Aktionen durchführen. &quot;Wir schlagen zurück&quot; - Diese Parole der Frauen aus dem Mai 68 ist heute im Bezug &#039;auf individuelle Gewalt gegen Frauen unumstritten. Heftig umstritten und weitgehend tabuisiert ist sie jedoch als Antwort auf die Herrschaftsverhältnisse, die diese Gewalt erst ständig aufs neue erzeugen. ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;Angefangen haben die Frauen der RZ 1975 mit einem Bombenanschlag auf das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, weil wir alle die Abschaffung des §218 wollten und nicht diese jederzeit manipulierbare Indikationslösung. In der Walpurgisnacht &#039;77 haben wir einen Sprengsatz bei der Bundesärztekammer gezündet, weil von dort aus selbst diese reduzierte Abtreibungsreform mit allen Mitteln hintertrieben wurde. Und immer wieder Angriffe gegen Sexshops. Also wir halten es für eine absolute Notwendigkeit, die Ausbeutung der Frau als Sexualobjekt und Kinderproduzentin aus dem Privatbereich herauszureißen und mit Feuer und Flamme unsere Wut und unseren Zorn darüber zu zeigen. ... Wir sind Teil der Frauenbewegung, wir führen den Kampf um Frauenbefreiung. Neben den theoretischen Gemeinsamkeiten gibt es noch einen anderen Zusammenhang zwischen unserer Praxis, nämlich den der subjektiven Radikalisierung, die auch anderen Frauen Mut machen kann, sich zu wehren, die dazu beiträgt, daß Frauen sich selbst und ihren Widerstand ernstnehmen.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Vorwort zum Praxisheft „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren&quot; schreibt die Rote Zora etwa 1988:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Nichts verbergen zu haben und offen Positionen zu vertreten, darf hierbei nicht verwechselt werden, es ist notwendig, daß radikale Frauen das Feld der Öffentlichkeitsarbeit nicht den Reformistinnen überlassen, sondern Diskussionen über revolutionäre Strategien diskutieren und diskutierbar machen. Wir finden eine inhaltliche Verbreiterung thematischer Schwerpunkte, wie die Gen- und Reproduktionstechnik immens wichtig, sie darf sich aber nicht loslösen von unseren politischen Zielen als radikale Frauen. Sie muß in den Zusammenhang der Gesamtheit des patriarchalen imperialistischen Systems gestellt werden und kann so auch nicht als Teilbereich bekämpft werden. D.h. auch das Verhältnis von militanter Politik und offensiver Öffentlichkeitsarbeit politisch zu klären. Das ist eine Forderung an uns alle: eine offene Auseinandersetzung zu führen, voneinander zu lernen d.h., politisch unterschiedliche Einschätzungen miteinander zu konfrontieren, Konflikten nicht aus dem Wege gehen, vor lauter Repressionsangst nur im stillen Kämmerlein heimlich Freude zeigen. Klarheit zu bekommen über die notwendige Verbindung von bewaffneten Aktionen, Regelverstößen gegen die sogenannte öffentliche Ordnung und bewußtseinsbezogener Aufklärungsarbeit.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;V. Der bewaffnete Kampf&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Dieser Abschnitt soll nicht dazu dienen, an den Mythen vom bewaffneten Kampf mitzuspinnen, sondern aus einigen Grundlagentexten aus den Anfangsjahren von RAF und 2.Juni zu zitieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die große Beachtung, die ich diesem Aspekt gebe, hat damit zu tun, daß meiner Ansicht nach die Frage nach dem Verhältnis zu bewaffneten und militanten Kampfformen eine wesentliche Rolle in den sich neukonstituierenden Organi­sationen spielen müssen wird. Nicht nur, weil ein Großteil der linken Identität mit den Aktionen der bewaffneten Gruppen in der BRD der 70er und 80er Jahre verbunden ist, sondern gerade weil die Glaubwürdigkeit einer Linken innerhalb der Restbevölkerung davon abhängt, mit welcher Entschlossenheit und eigenem Wagnis linke und revolutionäre Politik praktisch betrieben wird. Wenn sich 1975 nach einer Umfrage 20% der Bundesbürger bereiterklärten, einem „Terroristen&quot; mindestens für eine Nacht Unterschlupf zu gewähren, dann ist das Ausdruck&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; davon, daß diese Entschlossenheit, für eine politische Überzeugung auch zu sterben, von der Bevölkerung breit anerkannt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Damit ist nicht gemeint, daß der bewaffnete Kampf die höchste Stufe von Gegenwehr darstellen würde. Auch die Bewunderungshaltung&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; gegenüber dem/der Guerilla-Militanten halte ich nicht für angemessen. Vielmehr geht es um die reale Bedeutung, die der bewaffnete Kampf gehabt hat und haben kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich möchte hier noch der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß diese wichtige Diskussion mit vielen Trägerinnen der bewaffneten Gruppen, die heute noch im Knast sitzen, bald möglich sein wird. Daß hier nicht alle bewaffneten Gruppen dargestellt werden, liegt lediglich an der Form des Artikels, sie stellt keine politische, inhaltliche Auswahl dar (Leseempfehlung - neues Buch zur RZ und Roten Zora im ID- Verlag).&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die Rote Armee Fraktion&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Aus „Texte der RAF&quot; - Das Konzept Stadtguerilla, 1970:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&quot;Wir behaupten, daß die Organisierung von bewaffneten Widerstandsgruppen zu diesem Zeitpunkt in der BRD und Westberlin richtig ist. Daß es richtig, möglich und gerechtfertigt ist, hier und jetzt Stadtguerilla zu machen. Daß der bewaffnete Kampf als „die höchste Form des Marxismus-Leninismus&quot;( Mao) jetzt begonnen werden kann und muß, daß es ohne den keinen antiimperialistischen Kampf in den Metropolen gibt. ... Es ist das Verdienst der Studentenbewegung in der BRD und Westberlin - ihrer Straßenkämpfe, Brandstiftungen, Anwen­dung von Gegengewalt, ihres Pathos also auch ihrer Übertreibungen und Ignoranz, kurz: ihrer Praxis, den Marxismus- Leninismus wenigstens ins Bewußtsein der Intelligenz als diejenige politische Theorie rekonstruiert zu haben, ohne die politische, ökonomische und ideologische Tatsachen und ihre Erscheinungsformen nicht auf den Begriff zu bringen sind, ihr innerer und äußerer Zusammenhang nicht zu beschreiben ist.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der bewaffnete Kampf wurde von der RAF Anfang der 70er noch als eingebetteter Bestandteil linker Gegen­bewegung gesehen. Mehr als um eigene militärische Stärke ging es ihr um die mobilisierende Wirkung, um die Zuspitzung bereits vorhandener Widersprüche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Wir behaupten, daß ohne revolutionäre Initiative, ohne die praktische revolutionäre Intervention der Avantgarde, der sozialistischen Arbeiter und Intellektuellen, ohne den konkreten antiimperialistischen Kampf es keinen Vereinheitlichungsprozeß gibt, daß das Bündnis nur in gemeinsamen Kämpfen hergestellt wird oder nicht, in denen der bewußte Teil der Arbeiter und Intellektuellen nicht Regie zu führen, sondern voran zu gehen hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Rote Armee Fraktion stellt die Verbindung her zwischen legalem und illegalem Kampf zwischen nationalem und internationalem Kampf zwischen politischem und bewaffnetem Kampf, zwischen der strategischen und der taktischen Bestimmung der internationalen kommunistischen Bewegung. Stadtguerilla heißt, trotz der Schwäche der revolutionären Kräfte in der Bundesrepublik und Westberlin hier und jetzt revolutionär intervenieren!&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In dem Text „Dem Volke dienen - Stadtguerilla und Klassenkampf&quot;, 1972 verurteilte die RAF das vorsichtige Vorgehen der K-Gruppen, das nur auf die Durchsetzung von Zwischenerfolgen abzielte (was übrigens heute genau von der RAF -allerdings unter anderen Bedingungen- als Strategie eingefordert wird):&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die legal arbeitende Linke ist dieser Offensive des Kapitals gegenüber nicht nur defensiv, sie ist auch objektiv ratlos. Sie setzen dem ihre Flugblätter und Zeitungen entgegen, ihre Arbeiteragitation, die besagt, daß das Kapital an allem Schuld ist, was richtig ist. Daß die Arbeiter sich organisieren müssen, die sozialdemokratische Linie in den Gewerkschaften überwinden müssen, lernen ökonomische Kämpfe zu führen, lernen, das Bewußtsein als Klasse zurückzugewinnen - was notwendige politische Arbeit ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als einzige politische Arbeit ist sie kurzsichtig. Sie sieht die Maschinenpistolen und sagt den ökonomischen Kampf entwickeln. Sie sieht die Notstandsübungen und . sagt Klassenbewußtsein. Die Konterrevolution traut sich zu, mit allen Problemen fertig werden zu können, die sie produziert, auch ist ihr kein Mittel zu dreckig dafür. Aber sie kann nicht warten, bis der Faschismus sich wirklich entfaltet hat, die Massen für sie mobilisiert sind und sie braucht die Gewißheit, daß Bewaffnung und bewaffneter Kampf ihr Monopol bleibt. ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Reformversprechungen sind Religionsersatz geworden, Opium für&#039;s Volk, das Versprechen auf eine bessere Zukunft, das nur dazu dient, eine psychologische Motivation zugunsten Geduld und Abwarten, Passivität, zu liefern. Mit den Anstrengungen, die nötig wären, um Reformen durchzusetzen, könnte man die Revolution selber machen.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der linksradikale Hamburger Sozialgeschichtler Karl-Heinz Roth schätzte die Bedeutung der RAF folgendermaßen ein („Klaut Sie&quot;, 1980):&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die RAF ging wie alle anderen subversiven Gruppen der zweiten APO- Welle, von einem Konzept der sozialen Revolutionierung von unten aus. Die Befreiung Baaders aus der Haft galt als bewußter Bruch, als Versuch, durch den Aufbau bewaffneter Kerne den ambivalenten und von den studentischen Avantgarden verlassenen, sozialen Protest von ganz unten eine neue Stütze zu geben. Bevor sie sich von den anderen subversiven Gruppen absetzte und ihren Hegemonieanspruch anmeldete, verfolgte die RAF also zweierlei: die Stabilisierung des Massenprotestes von unten und die Rückeroberung der in Reform- und Proletariatsmythen abdriftenden privilegierten Schichten der außer­parlamentarischen Bewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Worin liegt also die historische Bedeutung der RAF? Ich halte es für legitim, ja sogar notwendig, heute diese Frage in aller Schärfe zu stellen. Die RAF war und ist kein abstraktes Phänomen, sondern sie war Teil eines historischen Prozesses, in dem sie verschiedene Phasen durchlief Nach ihrem großen Rückschlag vom Mai/Juni 1972 wandte sie der metropolitanen Sozialrevolte und der aus ihr hervorgegangenen Linken den Rücken, sie verstand sich fortan ausschließlich als verlängerter Arm der Befreiungs­bewegungen der drei Kontinente. In diesem Selbstverständnis hat sie der spätkapitalistischen Metropole insgesamt förmlich den Krieg erklärt. ... Die moralische Integrität.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Genossinnen und Genossen der RAF haben ihre Identität kompromißlos ihrem politischen Ziel verpflichtet. Ihre gegenseitige Kritik war schneidend, offen, schonungslos bis hin zur erbarmungslosen Kälte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was ich trotz dieser oft ins maßlose umschlagenden Härte als Tendenz zur Aneignung von moralischer Identität in den Reihen der RAF bezeichne, war die Proklamierung des Subjektes als militanten Träger der Revolution. ... Theorie für die Praxis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich komme zu dem vielleicht manche verblüffenden Ergebnis, daß in der RAF im Kern eine Menge angelegt war, um aus der APO- Revolte die Initiative für eine konsequente wie überfällige Revolution gegen die verfeinerte Fortdauer des nationalsozialistischen Ausmerze- und Auslesefanatismus zu ergreifen. Ihr Endzeitbewußtsein war echt. Sie hat die ersten Schritte vom objektivistischen linken Dogmenstreit zur Rückeroberung des revolutionären Subjekts hinter sich gebracht. Sie hat sich auf Sieg oder Tod verpflichtet, und damit signalisiert, daß sie es mit der sozialen Befreiung ernst meinte. Und dennoch ist sie gescheitert.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wobei Roth klar stellte, daß seiner Meinung nach die Verantwortung für das Scheitern der RAF zu einem erheblichen Teil bei den anderen, legalen Gruppen der Neuen Linken lag.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ebenfalls weitgehend solidarisch, aber in der Sache mit einer klar bestimmten Kritik äußerte sich 1972 der Revolutionäre Kampf, Frankfurt:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Unsere Kritik an der RAF unterscheidet &lt;/em&gt;sich von der Kritik der ML oder der Revisionisten. Wir reduzieren die Bewegung nicht auf den Versuch, im traditionell bestimmten Industrieproletariat eine Partei aufzubauen. Wir knüpfen an die weltweite Jugendrevolte an, wir begreifen es als Teil unseres politischen Kampfes, daß die Jugendlichen anders, nämlich in Kommunen leben wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hier unterscheidet sich unsere Kritik, weil wir nicht sagen, die RAF soll sich dem Bewußtsein der Massen anpassen; unsere Kritik besagt, daß die Aktionen der RAF sich von der Bewegung insgesamt gelöst haben. Wir halten die Ansätze innerhalb der Jugend für einen wesentlichen Bestandteil der revolutionären Bewegung. Sie sind die Basis für einen Teil unserer militanten Aktionen. Die Aktionen der Studentenbewegung standen im Zusammenhang einer weltweiten Jugendrevolte. Unsere Militanz in Demonstrationen oder bei Haus­besetzungen hat sich im Rahmen dieser Bewegung entwickelt. Im Unterschied dazu verfolgt die RAF das Modell einer blanquistischen Organisation, ihre Aktionen sind schon im Ansatz getrennt von der Massenbewegung, sie können verurteilt, gutgeheißen oder ignoriert werden, sie werden den Massen vorgeführt wie ein Theaterstück oder ein Fußballspiel. Die Unterstellung der RAF, daß wir die Gewaltfrage auf die Zukunft verschieben wollen, ist falsch. Vielmehr fallen die Bomben ins Springer- Hochhaus weit zurück hinter die militante Blockade der Springerzeitung 1968....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Uns stellt sich die Gewaltfrage qualitativ: Es kommt nicht darauf an, mit der gleichen Feuerkraft oder schlaueren Tricks das System auf der militärischen Ebene zu schwächen. Weder naht der Endkampf noch kann sich dieser jemals entwickeln, losgelöst von den Massenkämpfen. Wir haben die bürgerliche Gewalt nicht erfunden, sondern vorgefunden. Wir fragen nicht, ob es prinzipiell falsch oder richtig ist, Gewalt anzuwenden. Für uns stellt sich die Frage als praktische, wir fragen: Was sind unsere Interessen und wie können wir sie durchsetzen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und wie wir diese Interessen durchsetzen können, bemißt sich an der Alltäglichkeit der Gewalt, die unser Leben beherrscht.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Der 2.Juni&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Neben der RAF entstand 1972 die Bewegung 2. Juni, die leider viel zu oft in der linken Geschichtsschreibung über­gangen wird. Im Gegensatz zur RAF berief sich der 2.Juni nicht auf das traditionelle leninistische Avantgardemodell, besaß keinen Führungsanspruch in der linken Bewegung und zog nicht alle Militante in die Illegalität ab. Charakteristisch für den 2.Juni waren auch seine starken Wurzeln in der Subkulturbewegung. So war einer der Vorläufer des 2.Juni die Gruppe ,,Umherschweifende Haschrebellen&quot;, eine aus der proletarischen Jugendkultur in Berlin entstandene Gruppierung, die Anfang der 70er begann, Brandanschläge gegen Banken und Einrichtungen der Besatzungsmächte zu verüben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In ihrem programmatischen Grundsatztext schrieb der 2 Juni 1972:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die Bewegung zählt sich nur insoweit zur Avantgarde, als sie zu den ersten zählt, die die Waffe ergreifen. Sie wird nicht dadurch zur Avantgarde, daß sie sich einfach so nennt. Das Gewehr allein und der Vollzug revolutionärer Aktionen genügen nicht, den Anspruch zu gerecht zu werden....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Zeitalter des entwickelten Imperialismus bedurfte es keiner neuen Analysen, daß die Hauptaufgabe nicht der Aufbau einer Partei ist, sondern die Auslösung der revolutionären Aktion.... Die militärische Linie der Bewegung 2.Juni ist nicht von der politischen Linie getrennt und ist ihr nicht untergeordnet. Wir betrachten beide Linien als untrennbar verbunden. Sie sind zwei Seiten derselben revolutionären Sache. Die Linie der Bewegung 2.Juni ist einheitlich politisch-militärisch...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Bewegung des 2.Juni ist nicht der bewaffnete Arm einer Partei oder einer Organisation. Die bewaffneten, taktischen Einheiten der Bewegung sind die selbständigen politisch-militärischen Kommandos der Organisation....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Bewegung 2.Juni ist keineswegs dem romantischen Mythos der Untergrundarbeit verfallen. Daß der revolutionäre Tod im Zuge der verschärften Klassenauseinandersetzungen zunehmen wird, ist uns klar. Der Krieg gegen Staat und Kapital wird ein langwieriger Krieg werden. Das Krieg führen aber lernen wir nur in der Praxis. Praxis heißt für uns: Schaffung militanter legaler Gruppen, Schaffung von Milizen, Schaffung von Stadtguerilla bis zur Armee des Volkes.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Entscheidend für die Entwicklung des 2.Juni war das Zusammentreffen sehr unterschiedlicher Gruppen ohne ein einigermaßen klar umrissenes politisches Programm. Im 2.Juni bestanden anarchistische und leninistische Vorstellungen nebeneinander, wobei sich die Gemeinsamkeiten vor allem aus der Praxis ergaben. Der Schwerpunkt der Aktionen lag im Aufbau von Strukturen durch Waffen- und Geldbeschaffung. Die erbeuteten Gelder wurden dabei nicht nur für den 2.Juni verwendet. Es ging eben gerade auch um die Stärkung von Strukturen außerhalb der Gruppierung. Mit oft recht populistischen Aktionsformen hatte der 2.Juni Mitte der 70er größere Bedeutung als die RAF. Durch das Verteilen von Schoko-Küssen bei einem Banküberfall oder der Veröffentlichung eines Privatbriefs bei der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz gelang es dem 2. Juni über seine unmittelbaren Aktionen hinaus Aufsehen zu erregen und Sympathien zu erlangen. Außerdem gelang der Bewegung mit der Lorenz- Entführung die einzige Gefangenenfreipressung in der Geschichte der BRD.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der politischen Offenheit des 2.Juni war allerdings auch sein späterer Zusammenbruch angelegt. Ab 1975/76 begannen sich die Unterschiede als 2 Hauptlinien herauszukristallisieren. Während die einen, den Anschluß an die RAF und damit den zentralen Angriff auf &lt;em&gt;„das Herz der Bestie&quot; &lt;/em&gt;verlangten, versuchte die andere Tendenz um Reinders den diffusen Bewegungscharakter einer sozialrevolutionären Strömung aufrecht zu erhalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Linie, die sich 1979 in die RAF auflöste, warf der zweiten, sozial­revolutionären Fraktion die Behinderung des bewaffneten Kampfs und „pervertierte Spaßguerilla&quot; vor. Sie schrieb im sogenannten Auflösungspapier:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Das hat 10 Jahre lang Spaltung, Konkurrenz und Desorientierung unter den Linken und auch in der Guerilla produziert und es hat auch unseren eigenen revolutionären Prozeß behindert. So haben wir mit unseren Aktionen auf der populistischen Ebene operiert, ohne die politische Orientierung zu geben, ohne eine Mobilisierung gegen die Strategie der Schweine zu schaffen. ... Die Befreiungsaktion in Berlin 75 ist in einer politisch zugespitzten Situation gelaufen. Der Kampf der Stammheimer Genossen hatte eine nationale und internationale Mobili­sierung geschaffen, die durch den großen Hungerstreik auf den Höhepunkt gebracht und von Schmidt kaum noch zu verkraften war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Situation haben wir nicht nur völlig ignoriert, sondern sie über die Auswahl der Gefangenen auch politisch gekippt. Darin und in dem Typen - aus einer Partei, die für die imperialistische Politik nur noch eine untergeordnete Bedeutung hat - lag statt Strategie das Kalkül.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In unserer propagandistischebn Arbeit zu und nach Peter Lorenz war uns der kurzfristig errungene Sieg - das konsumierbare Ritual - wichtiger, als das politisch-militärische Niveau zu erkämpfen, das die imperialistische Stategie bricht. Darin ist auch die Wurzel der pervertierten Spaßguerrilla von Reinders, Teufel etc. zu finden. Die Offensive der RAF &#039;77 und die Reaktion des Staates hat letztlich auch uns neu vor die Frage der politischen Strategie gestellt.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die sozialrevolutionäre Tendenz erwiderte darauf mit sarkastischem Unterton:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Jawohl, die Fraktion, die seit drei Jahren versucht, die Bewegung 2. Juni auf RAF- Linie zu bringen, ist zur RAF gegangen. In ihrem Übereifer haben diese Genossen gleich die Bewegung mit auf­gelöst - in einem Meer von Phrasen. Eins noch vorab: da nun einmal die Wurzel der pervertierten Spassguerilla von Reinders, Teufel etc. offengelegt wurde, erklären wir: die Spassguerilla ist aufgrund der Kritik „Fighters für Leader&quot; und Strategie schon längst in der Auflösung aufgelöst worden. Die Spassguerilla ist aufgelöst! Jawohl, jahrelang haben wir die eigene Perversität zur tragenden Säule des Widerstandes gemacht. Schluß damit! Spaß ist pervers! Und Spaß am Kampf ist perverser Kampf. So wie sich dieses Auflösungspapier liest, hatte der HS (Hungerstreik, d.V.) beinahe den Sturz des Westzonenregimes zur Folge, der nur deshalb nicht geschah, weil der 2. Juni 2 die historischen Schweine­hunde - durch die Auswahl der Gefan­genen die schon fast hoffnungslose Situation für Schmidt zu dessen Gunsten politisch gekippt hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der 2. Juni, der Retter der Nation und Helfer Schmidts. Und das alles kurz bevor die RAF das politische Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten kippen konnte. ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Hauptfehler ist es, den bewaffneten Kampf zum Fetisch zu machen - kämpfen um zu kämpfen: der politische Angriff - materialisiert durch die Waffe - bleibt immer ein Sieg, selbst da, wo die Operation militärisch geschlagen wird, weil er diesen Prozeß antizipiert und einleitet.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn die sozialrevolutionäre Fraktion im 2.Juni noch einmal schreibt „Sozialrevolutionäre Politik - für die auch die Bewegung 2. Juni steht - läßt sich nicht auflösen wie ein kleinbürgerlicher Schrebergartenverein&quot; verschwindet die bewaffnete Gruppe in der Folgezeit von der Bildfläche.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;VI. Autonome Gruppen&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Vorneweg: den Begriff „Autonome&quot; zu verwenden, erscheint mir fragwürdig. In ideologisierender Absicht wird versucht, unter dem Oberbegriff alle möglichen Richtungen zusammenzufassen, die im Grunde genommen gar nicht zusammen gehören. Darüber hinaus ist er als Zuordnung zum ersten Mal vom Verfassungsschutz gebraucht und in der Öffentlichkeit verbreitet worden. Man sollte deshalb lieber von „autonomen Gruppen&quot; oder &quot;autonomer Bewegung&quot; reden. Aber selbst in diesem Sinne halte ich die Bezeichnung nicht für besonders treffend. Weder in Anlehnung an den italienischen Autonomie-Begriff (als massenhafte Loslösung von der politischen und kulturellen Hegemonie des Kapitals) noch in der eigentlichen Bedeutung als „Unabhängigkeit&quot; trifft er auf die Bewegung in der BRD wirklich zu.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Organisationsfrage durchzieht die gesamte Geschichte der autonomen Bewegung. Sie taucht periodisch immer wieder auf. Die ersten breiteren Diskussionen begannen Ende der 70er Jahre innerhalb der Anti-AKW-Bewegung, hauptsächlich als informelle, nicht an die Öffentlichkeit getragenen Texte zur Organisierung der Anti-AKW-Kämpfe. Eine zweite Welle tritt mit dem Niedergang der Hausbesetzerinnen­bewegung, d.h. nach &#039;81/&#039;82 ein. 1984 wurde im Rahmen der Anti-WWG­Mobilisierung die Frage, wie über Kampagnen und konkrete Anlässe hinaus politische Strukturen geschaffen werden könnten, genauso gestellt wie bei den Libertären Tagen in Frankfurt oder 1988 mit dem Papier „Ich sag wie es ist&quot; thematisiert (dem Versuch, der schein­baren Unorganisiertheit der autonomen Bewegung eine marxistisch- leninistische Partei überzustülpen).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;All diesen Organisationsversuchen lag meiner Ansicht nach eine begrenzte Sichtweise zugrunde. Organisation wurde immer als etwas äußerliches, rein formales angesehen. Es ging um Effizienzsteigerung sowohl der eigenen Diskussion als auch der daraus resultierenden Praxis, und wurde mit Schlagwörtern wie „Raus aus dem Ghetto&quot;, „Verbindliche, überregionale Strukturen&quot;, „Verhältnis zur Militanz&quot; abgehandelt. (s.a. Heinz Schenk Debatte). Die eigenen ideologischen Grundlagen, wie z.B. die (fehlende) Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse oder eine genauere Vorstellung von politischer Vermittlung und „Rekrutierung&quot; neuer Leute, dagegen wurden kaum zum Thema gemacht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Warum die Organisationsdebatte in dem linksalternativen Spektrum, das sich selbst als „Autonome&quot; bezeichnet, so wenig gefruchtet hat, lag daneben vor allem an ihren Emanzipationsvorstellungen: die Befreiung wurde als Akt der individuellen Herauslösung aus der Gesellschaft gesehen. Zwar ist es richtig, daß man zur Emanzipation aus den gesellschaftlichen Normen ausbrechen muß, aber das ist nur dann ein sinnvoller Schritt, wenn man gleichzeitig begreift, daß man dabei Teil der Gesellschaft bleibt und mit den vollzogenen Brüchen immer wieder aufs Neue gesellschaftlich interveniert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Interessanter als die Entwicklung der autonomen Gruppen wäre es wahrscheinlich sich mit den anderen in den 80er und 90er Jahren entstandenen Ansätzen wie z.B. den Erwerbslosen- (Schwarze Katze), Flüchtlings- (Koordina­tion Rhein-Ruhr) und AntiFa- Gruppen auseinanderzusetzen, die in vieler Hinsicht die zu stellenden Fragen (von Bündnispolitik bis Öffentlichkeitsarbeit und Einbindung neuer Leute) in der Praxis zu beantworten versucht haben. Die Auseinandersetzung mit ihren Erfahrungen wird im Rahmen linker Neukonstituierung eine zentrale Rolle spielen müssen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;VII. Zum Schluß&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die heutige Situation weist gewisse Parallelen zu der Situation auf, die in dem Dutschke - Krahl- Artikel Ende der 60er Jahre beschrieben wurde. Nur daß die heute stattfindenden gesellschaftlichen Umwälzungen viel gravierender und massiver sind, als die, die Ende der 60er Jahre von statten gingen. Die heutige Situation ist gekennzeichnet durch die Herausbildung eines neuen, kapitalistischen Verwertungsgroßraumes, verbunden mit dem Absterben einzelner Nationalstaaten und der Gründung der Vereinigten Staaten von Europa, als dynamischen Kern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Prozeß geht einher mit massiven ökonomischen Umwälzungen im westlichen Europa, verstärkter Mono­polisierung, fortschreitender Verarmung großer Teile des Proletariats, sowie dem Abbau erkämpfter Sozial- und Arbeits­rechte. Dazu kommt der erzwungene Zusammenbruch des ehemaligen realen Sozialismus. Mit all seinen gravierenden Erscheinungen von Verelendung und Enttäuschung, ja Hoffnung auf den Kapitalismus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dem steht eine verlorene Linke gegenüber, die die Erfahrung der eigenen Niederlage erst noch verarbeiten muß. Dazu kommt das Roll-Back eines „völkischen Rassismus&quot;, der getragen wird aus dem permanenten Erfahrungen der linken Niederlagen(siehe dazu: LUPUS „Geschichte, Rassismus und das Boot&quot;, 1992). Dieser völkische Rassismus kommt zusammen mit den psychischen Instabilitäten bei einem Großteil der Bevölkerung und im Osten klar vollzogene ökonomische und soziale Ausgrenzungen. Für den Westen gilt sicherlich auch, daß es zu einem ökonomischen und sozialen Angriff auf bestimmte Teile der Klasse gekommen ist. Dies löst bei großen Teilen der Bevölkerung Existenzängste und Verunsicherung aus. Dies führt zum verstärkten Auftreten von psychischen Deformationen und der Aktivierung von irrationalen Abwehrmechanismen und Ängsten. In dieser diffusen Orientierungs­losigkeit bricht sich der „völkische Rassismus&quot; eine Bahn und entlädt sich wie in Hoyerswerda, Mannheim oder Rostock.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unter diesen Voraussetzungen stellt sich die Frage, mit welchen Mitteln und Methoden die verbleibende Linke politisch diesen Erscheinungen etwas entgegen setzen kann bzw. welcher organisatorischen Strukturen dafür die Linke bedarf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei können wir nicht wie die Lumpensammlerinnen durch die Geschichte wandeln, bei jedem Organisationsansatz die besten Versatzstücke für uns herauspicken und damit die neue Organisation zusammenwursteln. Organisationsformen müssen sich aus den jeweiligen gesellschaftlichen und materiellen Bedingungen (auch der Linken, die dieses Projekt tragen) herleiten. Zu berücksichtigen wären vor allem Punkte wie das (durch die gesellschaftliche Atomisierung) immer weniger befriedigte Bedürfnis nach sozialer Kommunikation und Solidarität, die zunehmende Verschiedenheit der Unterdrückungsverhältnisse (die sich nicht auf Klassen-, Geschlechter- und rassistische Unter­drückung beschränken), die unterschied­lichen geschichtlichen und politischen Sozialisierungen der Individuen, die oben beschriebene Internationalisierungstendenz des Kapitals und damit zu­sammenhängend die in absehbarer Zukunft schwieriger werdende ökono­mische Versorgung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Anforderungen lassen sich nicht theoretisch, sondern nur in der Praxis einlösen, d.h. als eine sich allmählich vollziehende, oft kräftezehrende Verän­derung. Dafür braucht die Linke neben der inhaltlichen Grundlage auch eine organisatorische Struktur. Dem Gefühl von Vereinsamung und psychischer Deformierung kann sie als Gruppen von 5-15 Personen allein nichts entgegensetzen. Nur in einem größeren Rahmen kann Gesellschaftlichkeit „sinnlich erlebt&quot; werden, und nur aus dieser Erfahrung Hoffnung auf ein anderes Leben erwachsen. In diesem Zusammenhang macht die Strukturdiskussion Sinn.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 23 Feb 2010 12:10:25 +0000</pubDate>
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