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 <title>arranca! - Drogen</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/185/0</link>
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 <title>Mulas</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/1/mulas</link>
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                    &lt;p&gt;E.M. ist eine 38-jährige peruanische Gefangene der JVA Plötzensee,  die  wir seit einem Jahr kennen und regelmäßig besuchen. Sie ist im Juli   1990 auf dem Flughafen Schönefeld&amp;nbsp; festgenommen worden, als sie   versuchte mit einem Begleiter, der ebenfalls aus Peru stammt, in die BRD   einzureisen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;E.M. ist eine 38-jährige peruanische Gefangene der JVA Plötzensee,  die wir seit einem Jahr kennen und regelmäßig besuchen. Sie ist im Juli  1990 auf dem Flughafen Schönefeld&amp;nbsp; festgenommen worden, als sie  versuchte mit einem Begleiter, der ebenfalls aus Peru stammt, in die BRD  einzureisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach einer U-Haft-Zeit von 18 Monaten wurde sie zu einer Haftstrafe  von 7 Jahren verurteilt. Wegen illegaler Einfuhr von Rauschgift, wegen  Bandenbildung und organisierter Kriminalität. „Organisierte  Kriminalität“ ist ein strafverschärfender Vorwurf und mein in E.M.‘s  Fall, daß sie ihre Tat geplant sprich organisiert hat – also den Flug zu  buchen, den Paß zu besorgen, sich mit dem Begleiter zu verabreden – und  nicht im Affekt, sprich unorganisiert gehandelt hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Zollbeamten hatten E.M. und ihren Begleiter während des  Verlassens des Flugzeugs beobachtet und waren wegen ihres unsicheren  Verhaltens und ihrer fehlenden Fremdsprachenkenntnisse auf sie  aufmerksam geworden. Stutzig geworden waren sie auch wegen ihrer  luxuriösen Rindslederkoffer.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zoll- und Polizeibeamte werden psychologisch geschult und trainiert,  besonders unter BürgerInnen aus Peru, Kolumbien und anderen Ländern, aus  denen bekannter weise Kokain exportiert wird, diejenigen  herauszufinden, die als „mulas“ (Packesel) dienen und das Kokain  schmuggeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nachdem das Gepäck der beiden erfolglos durchsucht wurde und beide  Stundenlang verhört worden waren, hatte sich kein Beweis gefunden, daß  die beiden etwas geschmuggelt haben könnten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Beamten waren sich jedoch absolut sicher, daß die beiden  SchmugglerInnen sein mußten und zwangen sie zu medizinischen  Untersuchungen, wie Blutabnahme, Urinproben und Röntgenaufnahmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei stellte sich heraus, daß E.M. und ihr Begleiter jeweils 1,5  Kilo Kokain, verpackt in 90 Präservative, verschluckt hatten, um es so  illegal einführen zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die 18-monatige U-Haft, also Haft unter besonders schweren  Bedingungen, die E.M. bis zu ihrer Urteilsverkündung absitzen mußte, war  nicht deswegen so lang, weil man sich etwa bemüht hatte, die Motive und  Umstände dieser Tat genau abzuklären, und auch entlastendes Material zu  sammeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Gegenteil lagen alle für die Urteilsfindung verwendeten Beweise,  nämlich das medizinische Gutachten, das Geständnis E.M.‘s und ihres  Begleiters, sowie die Stellungnahme der Zollbeamten bereits eine Woche  nach der Festnahme vor. Vielmehr ist unklar, warum E.M., wie die meisten  der ausländischen Gefangenen, einer wesentlich längeren U-Haft  ausgesetzt wurden, als dies bei deutschen Verdächtigen üblich ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine Begründung, die hierzu angeführt wird, ist die, daß ja für jedes  Gespräch mit dem Pflichtverteidiger, dem Staatsanwalt und der Richterin  einE ÜbersetzerIn benötigt würde, und diese in Berlin schwer zu  besorgen seien.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während der gesamten U-Haft-Zeit wurde E.M. dreimal von ihrem  Pflichtverteidiger besucht, ansonsten erhielt sie, bis wir sie  kennenlernten, keinen Besuch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die gesamte Zeit wußte sie nicht, wie es ihren 8-, 11- und  14-jährigen Kindern geht, die sie in ihrem peruanischen Heimatort  Arequipa zurückgelassen hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als sie zu ihrer riskanten Reise aufgebrochen war, hatte sie eine  Kusine gebeten, während der geplanten zweiwöchigen Abwesenheit für die  Kinder zu sorgen und angenommen, in Kürze wieder bei ihnen zu sein und  2000 Dollar mitzubringen. Diese benötigte E.M. dringend zur Zahlung von  Schulden, die sie als alleinerziehende Mutter und mit ihren Jobs als  Sekretärin, Gerichtsbotin und Eisverkäuferin nicht mehr bewältigen  konnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Mann, der ihr den „Job“ mit dem Kokaintransport anbot, hatte ihr  und ihrem Begleiter die hohen Haftstrafen verschwiegen, die in Europa  für Kokainschmuggel verhängt werden und sie lediglich auf das Risiko  hingewiesen, daß ihnen drohte, wenn eines der verschluckten  Kokainpäckchen im Darm platzen würde, einen qualvollen Tod zu sterben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieses Risiko wollte E.M. auf sich nehmen, die auch hoffte, daß ihr  dieses nicht passieren würde, wenn sie während der Reise nichts ißt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daß Zollbeamte in Europa Kontakt mit dem Personal der Fluglinien  haben und genau wegen des Kokainschmuggels immer von den  Stewards/Stewardessen unterrichtet werden, wenn Fluggäste aus  Lateinamerika während des Fluges keine Mahlzeiten zu sich nehmen, war  ihr nicht bekannt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Kokaingebrauch gilt in den Ländern die seit Jahrhunderten Koka  als Kulturdroge anbauen, als akzeptable Form des Drogenkonsums, ähnlich  wie in Westeuropa der Alkoholkonsum und anders als z.B. Heroin und  „Bazuco“. Die beiden letztgenannten Drogen sieht E.M. als gefährliche  Drogen, die die Menschen zerstören, die sie einnehmen und deren  Herstellung mit allen Mitteln verhindert werden sollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als wir E.M. kennenlernten, hatte sie gerade ihrer Verurteilung  hinter sich und war von der U-Haft in den geschlossenen „Normalvollzug“  verlegt worden, wo sie erstmals mit jemandem hatte sprechen können, da  sich hier auch drei andere lateinamerikanische Gefangene befanden. Sie  hatte sich über Briefe mit ihren Verwandten in Verbindung setzen können  und erfahren, daß ihre drei Kinder nicht mehr in Arequipa lebten, die  Wohnung von der Kusine aufgelöst und die Möbel etc. von dieser verkauft  worden waren, um die Mietrückstände zu zahlen, die durch E.M.‘s  Abwesenheit entstanden waren. Da weder die Kusine, noch E.M.‘s  Geschwister in der Lage waren, alle drei Kinder aufzunehmen, waren sie  zu drei verschiedenen Familien entfernter Verwandschaft geschickt  worden, die in unterschiedlichen Regionen in der Provinz auf dem Land  leben, wo es leichter ist, noch jemanden unterzubringen, und die Kinder  außerdem als Arbeitskräfte eingesetzt werden können und so für ihren  Lebensunterhalt selber sorgen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;E.M. hatte in der U-Haft-Zeit keine Möglichkeit gehabt, Deutsch zu  lernen und konnte nur „Bitte“, „Danke“, „Auf Wiedersehen“, „Wieviel“,  „Nähkurs“ und „Wäschekammer“ sagen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;E.M. hatte gegen das Urteil keine Berufung eingelegt, da der  Pflichtverteidiger ihr davon abgeraten hatt, denn dies sei zu teuer und  würde nichts bringen. Inzwischen hatte sie von den anderen Gefangenen  erfahren, daß es in der BRD, anders als in Peru, keine Amnestie oder  andere Formen des Straferlasses gibt und somit die Verurteilung  tatsächlich bedeutet, daß ihre Kinder getrennt von ihr, getrennt  voneinander, ohne Schule und unter miserablen ökonomischen Bedingungen  großwerden sollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sie war deshalb in einer ausgesprochen schlechten seelischen  Verfassung und war entsprechend überrascht, als wir ihr sagten, daß eine  Berufung vielleicht erfolglos, aber sicher nicht zu teuer sei, da der  Pflichtverteidiger vom Staat bezahlt werden müsse, wenn jemand, so wie  sie, kein Geld habe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es stellte sich dann heraus, daß eine Berufung doch nicht mehr  möglich war, da zwischen dem Urteil und unserem ersten Besuch die Frist  abgelaufen war, innerhalb derer ein Berufungsantrag gestellt werden muß.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Inzwischen kennen wir uns seit einem Jahr und besuchen E.M. 2-3 Mal  im Monat. Die Vollzugsordnung ließe maximal 4 Mal im Monat Besuch zu,  drei Mal eine Stunde und einmal zwei Stunden, die Termine werden von dem  sogenannten „Sprechzentrum“ vorgegeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;E.M. hat mittlerweile etwas deutsch lernen können. Da der von der  Anstalt angebotene Kurs einmal die Woche 90 Minuten, mit Frauen aller  Nationalitäten, in keinster Weise ausreicht, lernt E.M. abends, wenn sie  von ihrer Arbeit kommt (sie arbeitet an einer Maschine, mit der  Schnellhefter eingeschweißt werden) weiter. Wir haben ihr ein Buch  besorgt, das ihr etwas hilft, aber oft ist sie dann doch abends zu müde,  es fehlt ihr die Übung in Form von Gesprächen und manchmal leidet sie  unter unerträglichen Kopfschmerzen und Erbrechen; der Nacken ist steif  und sie hat das Gefühl, daß wenn sie die Augen öffnet, alles, was sie  sieht, brennt. Eine Zeit lang hatte sie panische Angst, an einem  Gehirntumor zu leiden und ihre Kinder nicht mehr wiederzusehen. Mit  ihren spärlichen Deutschkenntnissen hat sie es dann trotzdem geschafft,  mit einer Ärztin zu sprechen und wurde von der Anstalt aus ärztlich  untersucht. Man hat ihr gesagt, daß sie nichts habe, und das  Beschwerdebild psychosomatischer Natur sei und sie lernen müsse, sich  selbst nicht so stark mit Sorgen zu belasten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn es ihr besser geht, dann zwingt sie sich zu dem Buch, lernt Vokabeln, spricht sich Texte vor und liest laut Lerntexte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Manchmal scheint sie sich mit der Vorstellung abgefunden zu haben,  weitere 5 Jahre ihres Lebens in der JVA verbringen zu müssen und denkt  darüber nach, ob sie ihre Kinder dann noch erkennen, falls sie sie denn  wiederfindet, wie sie dann Arbeit sucht, und ob sie wieder gesund wird.  An solchen Tagen ist sie voller Energie und fest entschlossen, alles nur  erdenkliche zu tun, um zumindest die wenigen Möglichkeiten, die es an  Freiräumen im Knast gibt auch zu nutzen. Sie wünscht sich, daß sie in  den offenen Vollzug und an einem Ausbildungslehrgang teilnehmen kann.  Daß diese Möglichkeiten aber nur für wenige Gefangene angeboten werden,  und die ausländischen Gefangenen in der Regel nicht in diese sogenannten  „Resozialisierungsmaßnahmen“ einbezogen werden, weiß sie inzwischen.  Sie schwankt an diesen Tagen zwischen der Einschätzung, irgendwann werde  es sich ändern und zu einer Gleichbehandlung deutscher und  ausländischer Gefangener kommen, zumal letztere ja bald in der Überzahl  seien, und der Hoffnung, daß sie vielleicht irgendwann für ihren  besonderen Fleiß bei der Arbeit mit einer Verlegung in den offenen  Vollzug belohnt werden könnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Manchmal schließt sie auch einen inneren Kompromiß und akzeptiert  selbst den Gedanken, weitere 5 Jahre permanent eingeschlossen zu sein,  ohne jegliche Möglichkeit der Entlastung. In diesem Fall möchte ich sie  dann aber auf jeden Fall auf eine andere geschlossene Station verlegt  werden, wo die Zellenfenster zur Autobahn und nicht wie jetzt, zum Hof  hinausgehen. Sie ist ja auf dem Flughafen festgenommen worden, nachts,  hat außer dem Gerichtssaal und dem Knast nichts gesehen von ihrem  Reiseziel Berlin und meint, wenn sie auf die andere Seite käme, könnte  sie wenigstens immer nach draußen blicken und Berlin sehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Gedanke, weitere fünf Jahre in der JVA Plötzensee zu bleiben,  übersteigt ihre Vorstellungskraft aber an den meisten Tagen. Dann ist es  so, daß wir sie mehr oder weniger verzweifelt antreffen, noch gefasst  oder schon am weinen. Wir haben ihr keine Hoffnung gemacht, für die  Verkürzung ihrer Haftzeit etwas tun zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir wissen, daß unsere Justiz Frauen wie E.M. mit aller Härte  bestraft, oft mit höheren Strafen als Totschläger, immer mit höheren  Strafen als Vergewaltiger von Frauen und Kindern und in der Regel mit  höheren Strafen als Deutsche sie für dasselbe Delikt bekommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir kennen auch die Praxis der Berliner Ausländerbehörde, die anders  als andere Bundesländer in der Regel ihre Zustimmung verweigert, wenn es  um eine vorzeitige Haftentlassung für ausländische Frauennach Verbüßung  von 2/3 der Strafe bei guter Führung geht. Zynischerweise begründet die  Ausländerbehörde, die haftentlassene ausländische Frauen in der Regel  sofort in ihre Heimatländer abschiebt, eben mit dieser Abschiebung ihre  Weigerung, einer sofortigen Haftentlassung zuzustimmen. Die vorzeitige  Entlassung diene der „Resozialisierung“, so zitieren sie die Gesetze,  und die „Resozialisierung“ in die deutsche Gesellschaft komme ja für  Frauen, die abgeschoben werden, natürlicherweise nicht in Betracht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir haben keine Idee, was wir zu einer Freilassung beitragen könnten,  die rechtlichen Wege sind ausgeschöpft und von daher wäre politischer  Druck unserer Meinung nach das einzige Mittel, derartige Urteile in  Frage zu stellen und die Justiz zu einer Revidierung oder den Staat zu  einer Amnestie zu zwingen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie wir diesen Druck in einer Gesellschaft mit einem derartigen  rassistischen Potential überhaupt herstellen können, wie es uns gelingen  soll, in einer sexistischen Gesellschaft Solidarität mit den gefangenen  Frauen zu bewirken, und wie wir die herrschende Meinung zu  Drogendelikten beeinflussen können, indem wir unterdrücktes Wissen zu  Drogenhändlern, -produktion, -„bekämpfungsprogrammen“, -krieg und  letztlich Drogenkonsum sichtbar machen, ist eine riesige Aufgabe, die  wir alleine nicht bewältigen können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Konkrete Hilfeleistungen in materiellen Dingen, persönliche  Unterstützung der Gefangenen, Rechtsbeistand und ähnliche Sachen, die  wir machen, sind ein kleiner Beitrag, die Möglichkeit der Solidarität  sichtbar zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Dieser Bericht wurde vom LAZ (Lateinamerikazentrum)  Frauenplenum geschrieben. Die Namen und Angaben zur Person sind von den  Verfasserinnen geändert worden. Frauen, die ausländische Frauen im Knast  besuchen wollen, wenden sich bitte schriftlich an: Frauenplenum c/o  LAZ, Crellestr. 22, 1000 Berlin 62.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 14 Nov 2010 15:01:33 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Nicht immer, aber immer öfter</title>
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                    &lt;p&gt;Der Alkohol ein Teufelswerk&lt;br /&gt; ein Jeder spricht darüber&lt;br /&gt; doch meistens trifft man&lt;br /&gt; diese dann&lt;br /&gt; betrunken in der Altstadt wieder&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Der Alkohol ein Teufelswerk&lt;br /&gt; ein Jeder spricht darüber&lt;br /&gt; doch meistens trifft man&lt;br /&gt; diese dann&lt;br /&gt; betrunken in der Altstadt wieder&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;You can’t run&lt;br /&gt;and you can’t hide&lt;br /&gt;when habit turns&lt;br /&gt;to necessity&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Benutzung- Mißbrauch&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gebrauch- Gewöhnung&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Ihr könnt ja auch so lustig sein!&quot; hieß es neulich aus dem Mund eines Freun­des anläßlich einer Feier ohne Alkohol. Und „so&quot;, hieß nüchtern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus gegebenem Anlaß hier also einige Gedanken zu unserem Umgang mit „Mami&#039;s kleinen Helfern&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Denn ALLE trinken oder kiffen oder holen sich ihre kleine Flucht, ihren trau­rigen Trost sonst woher, aber über die Konsequenzen für die, die nicht damit umgehen können, für die Gewohnheit zu Notwendigkeit wird, über die Konse­quenz für jene wird nicht geredet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nicht mehr tragbar für den „Zusam­menhang&quot;, sei es die Beziehung, die Freundschaften oder die Gruppe. Ter­mine verpennt, Papiere verschlampt, Leute im Stich gelassen, den Falschen das Falsche erzählt - Fuck you, you&#039;re out!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir wollen nicht zuletzt auch Anstoß geben, unseren Umgang mit Drogen und nicht das Umgehen von Drogen zu überdenken. Denn wer würde den befreienden oder auch nur „drucklösen­den&quot; Moment eines Besäufnisses bestrei­ten wollen. Wer würde andererseits bestreiten wollen, daß der Dauerzustand „besoffen&quot; alles andere als befreiend ist&lt;em&gt;. „Grundsätzlich ist die Haltung des Blues ja nun zu den Drogen sozusagen positiv. Wir finden, daß der neue Faschismus sich stark in den Seelen der Leute und uns niederschlägt. Drogen sehen wir als eine Möglichkeit, die Welt &#039; anders zu sehen und zu erleben, als wir es gelernt haben. Das halten wir für einen ersten Schritt, dann auch anders zu leben. (..) Unsere versteinerte Innen­welt, unsere begrabenen Gefühle, die Ängste voreinander, die Frusts miteinan­der, dieses Leben ohne Träume und Geheimnisse, untereinander, um da rauszukommen, erstmal, nehmen wir Drogen.&quot;&lt;/em&gt; aus „Der Blues&quot; 1967- 1969&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;(Populär) Sozio- Psychologisches&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Zu den Eigenschaften des Menschen gehören nicht nur lebenserhaltende Bedürfnisse, wie Essen, Trinken, Woh­nen, deren Nicht-Befriedigung sehr bald zu Funktionsstörungen des Körpers führt, sondern auch das soziale Bedürfnis nach dem Leben in Gruppen und die Suche nach transzendentaler Erfahrung. Das Bedürfnis nach dem Erleben die­ser anderen Ebenen menschlichen Daseins wird vielfach auf das Bewußt­sein des Menschen zurückgeführt. Die­ses Bewußtsein verhalf ihm einerseits, sein Leben immer &quot;einfacher&quot; zu gestal­ten, andererseits ließ es quälenden Äng­sten Raum, die aus der Tatsache ent­springen, daß Mensch im Gegensatz zum Tier eine Vergangenheit hat und sich vor der Zukunft fürchten kann. Lange Zeit war deshalb allen archai­schen Religionen eine Tendenz zu eigen, die man als Suche nach seeli­schen Ausnahmezuständen, nach einer Ablösung des Bewußtseins von der Rea­lität interpretieren kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dazu bedienten sich die Menschen unterschiedlicher Kulturen unterschiedli­cher Mittel: Fasten, Meditation, Musik und Tanz sind die ältesten Formen, die aber auch eine starke Bereitschaft zur Konzentration, einem bewußten Willen zum Übergang in andere Wahrneh­mungszustände voraussetzten; die Droge ist ein Weg, der dem Suchenden Zugang zu anderen Ebenen verschafft, ohne daß dieser die o.g. Fähigkeiten besitzen muß. Sie birgt somit aber auch die Gefahr der „leeren&quot; Erfahrung, einem inhaltslosen Dröhnzustandes, in dem der Wunsch nach Selbsterfahrung und Bewußtseinserweiterung frustriert wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Wissen um ein Zusammenwirken zwischen Pflanzen, Tieren und der menschlichen Psyche war wesentlicher Bestandteil der archaischen Kulturen. In diesen Zeiten war der Gebrauch von Drogen eingebettet in die jeweilige Kul­tur. Er hatte seine Funktion, und die Menschen hatten zum einen das Wissen um einen „zweckgebundenen&quot; Einsatz der Substanzen, zum anderen besaßen sie aber auch noch das kulturell-spiritu­elle Grundgerüst an Werten und Erkenntnissen, auf die die damaligen Gesellschaften ausgerichtet waren. Die gesamte gegenwärtige Problematik der Rauschdrogen stammt aus ihrer pro­fanen Verwendung. Der charakteristi­sche Wendepunkt in der Sozialge­schichte einer Rauschdroge tritt stets dann ein, wenn am Ende einer Epoche die ursprüngliche Integration der Droge, in die jeweilige Kultur zerfällt. Immer dann, wenn die Möglichkeit versiegte, die Droge ritualisiert oder zumindest sozial eingebettet zu gebrauchen ( als Folge eines um sich greifenden Materia­lismus, eines Verlustes ideeller Werte), zeigte sich exzessives Konsumverhalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf Konsumentenseite ging der Verlust der Ehrfurcht mit dem Mißbrauch Hand in Hand, genauso wie sich auf Produkti­onsseite die Qualität der pflanzlichen ( Heil-) Mittel und natürlicher Braupro­dukte in billige, gefährliche Industrie- Massenware verwandelte.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;aus dem Alkoholreader der Florabeset­zerInnen, Hamburg&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nicht ganz so populär Biophysiolo­gisches:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ethanol, also Alkohol, wird immer und bei jedem Menschen von Mikroor­ganismen gebildet— aus Nahrungsresten im Darm. Daher erklärt sich, warum der Mensch überhaupt Abbauwege besitzt, die ganz speziell auf dieses Zellgift gerichtet sind. Eine sogenannte Oxygen­ase spaltet den Alkohol und macht ihn verdaubar (Alkohol hat einen 50% höhe­ren Energiegehalt als reiner Zucker - deshalb sind eben „Fünf Bier auch &#039;ne Mahlzeit&quot;). Ein weiterer Abbauweg wird durch das Enzym und damit Katalysator „Alkoholdehydrogenase&quot; beschleunigt, eine für jeden Alkohol charakteristische Gruppe wird abgespalten. Bei den Ureinwohnern Amerikas war dieser Abbauweg zum Teil nicht oder nur in abgeschwächtem Maße vorhanden: „Feuerwasser&quot; von den „Bleichgesich­tern&quot; erst verschenkt und dann verkauft entfaltete deshalb unter den „Rothäu­ten&quot; Nordamerikas eine fatalere und länger andauernde Wirkung, außerdem machte es schneller abhängig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alkoholdehydrogenase ist trainierbar —bei häufigem oder konstantem Alkoholkonsum beschleunigt sich die Abbaurate. Ein gesunder Mensch mit normaler Leberfunktion baut pro 10 Kilogramm Körpergewicht und Stunde ein Gramm Alkohol ab. Werden 1,5 - 2,5 g Alkohol pro kg Körpergewicht innerhalb 1/2 Stunde getrunken (Trinkwetten) und ohne Erbrechen resorbiert, so hat dies den Tod zu Folge (Dosis letalis). Die tödliche Blutalkoholkonzentration liegt bei etwa 3,5 Promille - Ausnahmen bestätigen die Regel. Die stark leberschädigende Wirkung des Giftes Alko­hol wird noch durch verschieden Begleitstoffe des Gärungsprozesses ver­stärkt. Der genaue Wirkungsmechanismus der zellschädigen Droge ist noch nicht bekannt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum Thema-Drogen/Industrie eine Feststellung Friedrich Engels, der 1876 schrieb:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„.. Als aber die Warenproduktion von den Zünften in die Fabriken ... von den Handwerkern und Gesellen auf die Industrieproletarier überging, änderte sich die Art der Alkoholversorgung auf bezeichnende Weise. Der Industrialismus erzeugte nicht nur den arbeitenden Mas­sen ein stärkeres und allgemeineres Bedürfnis nach dem Genuß berauschen­der Getränke, er bemächtigte sich auch der Alkoholproduktion, um sie in entfes­seltem Maßstab zu betreiben. Im Zusammenhang damit warf er gewaltige Men­gen von Bier und Schnaps auf den Markt, schuf er eine Vergnügungsindu­strie, die ihm zahllose Gelegenheiten bot, den Alkohol an die Konsumentenschaft zu bringen (...) Kneipen, Amüsierlokale wurden wie Kaufläden, Basare und Warenhäuser zu großkapitalistischen Unternehmungen. &quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der BRD wurden 1989 3,999 Milliarden DM Branntwein und 14,555 Milliarden DM Tabaksteuer kassiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In den letzten 20 Jahren hat sich der Alkoholkonsum verdoppelt, im Trikont sogar verdreifacht, so daß sich der Umsatz auf etwa 17o Milliarden Dollar jährlich beläuft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Alkoholkonsum ist konterrevolutionär!&quot;&lt;/em&gt;, schloss schon in den 30er Jah­ren die KPD.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mensch könnte hier natürlich auf die mannigfachen Verflechtungen des Staa­tes mit der Drogen- und Genußmittelindustrie eingehen, sei es auf die Koks-Connection der US- Regierung, oder auf die Haltung der BRD- Gewaltigen in der Frage der Freigabe von Methadon an Süchtige, aber all das ist woanders in ausführlicherer Form abgehandelt, und ist auch in unserem Zusammenhang bezüglich des Drogengebrauchs nur von sekundärer Bedeutung. Natürlich sollten wir uns auch Gedanken machen, welches Regime wir mit unseren „Dro­genkäufen&quot; unterstützen und wir wer­den später nochmal die Floramenschen zitieren, die diesen Zusammenhang auf­greifen, aber der Ansatz den wir für die­sen Artikel gewählt haben, ist eher der, unsere ganz persöhnliche Beziehung zu Gebrauch und Mißbrauch zu prüfen, und deshalb jetzt:&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Alkohol trinken - ein Selbstversuch&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;08.43 Uhr&lt;/strong&gt;. Zum ersten Mal wachgeworden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Finde meine Augen nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Rumgedreht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;12.07 Uhr&lt;/strong&gt;. Wieder wach geworden. Meine Augen sind doch da wo sie immer sind, nur viel kleiner. Der Ver­such, die Geräusche aus der Küche zu ignorieren, schlägt fehl.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die nächste Stunde den gestrigen Tag rekonstruiert. Es fehlen einige Teile des späten Abends und ich frage mich vor­sichtig, ob es wohl sein kann, daß die sogenannten Filmriße nichts weiter als die Verbannung besonders peinlicher Momente ins Exil des Un-ter-bewußten sind. Nehme mir vor, in der nächsten Zeit meine Träume dahingehend zu überprüfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;- Zurück zu gestern –&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gearbeitet. Danach zwei Biere. Mit taub werdendem Zahnfleisch auf den Weg zur U- Bahn gemacht. Unterwegs am Kiosk noch ein Bierchen geholt. U- Bahn. Es kommt zu leichter Euphorie, als zwei kleine Kerle mit ihren Zieharmonikas für ein paar Groschen die anderen Leute nerven. Auf dem Weg von der U- Bahn nach Hause ein Sech­ser-Pack geholt. Zu Hause Musik aufge­legt und Bier. Dann Duschen und Bier. Gesäubert und leicht angetrunken jetzt, überkommt mich das Gefühl unbedingt!!!, un- be- dingt noch irgendwie raus, Leute, Krach am Besten beides, oder sogar Freunde; ihr wißt, was ich meine. Telefonieren und Bier. Dann endlich raus. Stoße mir die Birne, weil das verpißte Licht im Treppenhaus wie­der nicht funktioniert. Auf dem Weg in die Kneipe nicht in der Lage an der Tanke vorbeizugehen. Mehr Bier. U- Bahn. Kneipe. Rauchen, dumme Witze und Bier. „Wo geht was ab?&quot; Beratung über den weiteren Ablauf des Amüse­ments für den Abend. Wir nehmen einige Beschleuniger zu uns. „Man gönnt sich ja sonst nichts. HAHAHA!&quot; Erstes, leichtes Würgen verspürt. Band so- und- so im Ix, DiJäy Der- und- der im Üpsilon, wichtige Entscheidungen sind zu treffen. Als Entscheidungshilfe: Bier. Also kein Konzert. Disco. Discolatei­nisch: ich lerne. - FUCK! Das Bier ist teuer und schmeckt nach Schultheiss. Deshalb weitere Beschleuniger. Die Musik wird merklich tanzbarer. Abhotten. Schweiß riecht nicht so toll. Plötz­lich totaler Hunger, ey Alta! Raus und irgendwo, irgendwie, irgendwas einge­schoben. Wir greifen uns noch ein Sech­ser- Pack und kommen überein, den Abend mit ein paar&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;netten,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;fetten&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zigaretten zu beschließen. Genau DAS wird dann auch gemacht. Ich gehe glaube ich noch mal Bier. holen und wir singen gemeinsam etwa eine Stunde „Quantanamera/Kwantanamera&quot;. Irgend­wann komme ich noch in mein eigenes Bett, obwohl mir nicht klar ist wie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;13.14 Uhr.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aufgestanden. Mir ist kotzübel und mein Kopf ist so ziemlich Alles auf ein­mal.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Geduscht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als ich meine Hose anziehen will, bemerke ich Kotze auf dem rechten Bein. Kann meinen Schlüssel nicht fin­den, dafür umgekipptes Bier vor der Anlage.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ergebnis des Versuchs POSITIV: Ich war besoffen! Yeah!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Noch drei Thesen der Floramenschen, die wir hier einfach so übernehmen möchten:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Wir wollen keinen Apell wider den zerstörerischen Drogen loslassen, son­dern die Zusammenhänge von Drogen, Sucht und Profit anschauen. Es geht darum, über Alkohol zu diskutieren, aber nicht so zu tun, als ob es etwas von uns außerhalb liegendes wäre. Wir Kon­sumentinnen, die bei der kleinsten Kritik über das Thema hinweggehen, sollten einsehen, daß Alkohol so genossen im Widerspruch zu unseren politischen Ideen und Zielen stehen.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erste Thesen&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1.&lt;/strong&gt; In nicht entfremdeten Gesellschaften (Naturvölkern?) werden Drogen hauptsächlich zum rituellen Gebrauch genutzt. Der Mensch nutzt die Droge als Transportmittel, andere Wahrnehmungsebenen zu erreichen. In industrialisierten Gesellschaften ist Droge, ist Alkohol Ware, die für den Staat doppelte Funk­tion hat. Alkohol- und Tabaksteuern stellen wichtige Posten in der Haushalts­politik dar. Zum zweiten sind sie Mittel, vielleicht auch Zweck, soziale Brenn­punkte zu entschärfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alkohol entpolitisiert, vereinzelt und macht handlungsunfähig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;2.&lt;/strong&gt; Ursachen der Alkohol- und Drogen­sucht sind weniger in den „Persönlich­keitsstrukturen&quot; der Abhängigen zu suchen, als aus den gesellschaftlichen Verhältnissen resultierend zu sehen. Auf der Erscheinungsebene besitzt Alkohol anscheinend (so viel Schein, kann das sein? die red.) viele positive Eigenschaften. Als gesellschaftlich legali­sierte Droge ist es Ausdruck von „Dazugehörigkeit&quot;. Soziale Ängste, Probleme, Streß können mit der Droge betäubt werden. Schauen wir aber genauer hin, stellen wir fest, daß das entfremdete Mit- und Untereinander, das Fehlen von per­sönlichen Bindungen, also die Realität kapitalistischen Alltags, den Drogenkon­sum als eine Möglichkeit der Flucht vor dieser Realität attraktiv erscheinen läßt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;3.&lt;/strong&gt; Alkohol macht krank, abhängig, erpressbar, nicht nur deshalb ist Alkohol und linke, autonome, revolutionäre Bewegung ein Widerspruch in sich.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bis jetzt ging es ja, auch wenn immer von Drogen in der Mehrzahl geschrie­ben wurde in erster Linie um Bierchen und Schnäpschen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Kein Grund sich in Sicherheit zu wiegen Ihr Kiffköppe da draußen!&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der folgende Text von Peter Paul Zahl zeigt, daß auch zu anderen Zeiten das Thema Drogenkonsum innerhalb der Linken ein durchaus kontroverses war. Inwiefern sich gewisse Ausgangspunkte seit den 60ern zu heute unterscheiden wird noch darzustellen sein, erstmal jedoch;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ladies and Gentlemen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Peter Paul Zahl&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Haschisch&lt;br /&gt;oder die Ideologie der glücklichenVerbraucher&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Ich schreibe hier nicht gegen Haschisch, ich bin für Haschisch. Ich schreibe hier nicht über die Vermittel­barkeit der Haschkampagne —das über­lasse ich den Traditionalisten—. Ich möchte hier einiges darlegen über den Wert der Haschkampagne.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1.&lt;/strong&gt; Der Genuß von Haschisch ist absolut ungefährlich. Voraussetzung ist jedoch wie bei Alkohol und Zigaretten, gute Ernährung. Hasch, sagte mir ein junger arabischer Dealer in Tanger, sollte genossen werden, wie früher Kognak und Zigarren in guten Bürgerhäusern. Eine Sucht stellt sich nicht ein. Beweis: Nichterscheinen von Entzugssymptomen nach dem Aufhören von Haschkonsum. Mit dem Rauchen aufzuhören ist einfa­cher als bei Zigaretten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;2.&lt;/strong&gt; Haschischkonsum in den USA und Westeuropa ist Sache der jungen Bour­geoisie. Immer wieder stellen die hiesi­gen Zeitungen erstaunt fest, die „Täter&quot; stammten aus zumeist „gutem Hause&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;3.&lt;/strong&gt; Haschischkonsum in den USA und Westeuropa ist undenkbar ohne die damit verbundene Ideologie. Sie hat zwei Motive: die Frustration der jungen Bürgersöhne, verursacht durch Faschi­sierung, Konservativismus, überlebte abendländische Traditionen und das zur Zeit noch herrschende Haschverbot. Die Haschideologie hat zwei Kompo­nenten: Ersatz abendländischer, europäi­scher Religionen und Traditionen durch fernöstliche und nahöstliche und Scheinbefreiung vom als irrig empfundenen Rationalismus. Zum ersten trugen schon die Beatniks bei — eine Gebetsmühle, geschwungen von Allen Ginsberg in der „speakers corner&quot; des Hyde Park, Lon­don— ein früher Beweis von Scheinbuddhismus, von american imported mysticism. Einer der Protagonisten der zweiten hier in Deutschland ist Reimar Lenz. In einem großen Artikel in der Berliner Hippiezeitung „love&quot; legt er die Motive der Haschideologie klar; er schreibt: &lt;em&gt;„Die Realität, vor der die Hascher fliehen, besteht aus der bürgerli­chen Zwangsfiktion, aus plattem Ratio­nalismus des neunzehnten Jahrhunderts, aus dem vernutzten Alltag von Leistung und Konsum&quot;&lt;/em&gt;, folgert daraus, daß es einen Weg zu einer &lt;em&gt;&quot;neuen Transzen­denz&quot;&lt;/em&gt; geben muß (Haschisch), belegt die, die &lt;em&gt;„weiterhin platt rationalistisch&quot; &lt;/em&gt;bleiben wollen, flugs mit dem Neckna­men &lt;em&gt;&quot;Immanenz- Spießer&quot;,&lt;/em&gt; wirft &lt;em&gt;„sozialistische oder faschistische&quot;&lt;/em&gt; Totalitaris­men in einen Topf (genauso wie just die Bürger, die er zu beschimpfen meint, wie Springer, wie die FAZ, wie der SPIE­GEL), baut dann den &lt;em&gt;„psychedelischen Menschen&quot;&lt;/em&gt; auf, der dann, seiner Mei­nung nach &lt;em&gt;„zum Rationalisten des 19ten Jahrhunderts sich so verhält, wie dieser zum Neandertaler&quot;&lt;/em&gt;, ihm verhelfen Psy­chedelika zu „planetarischer Merk- Fähigkeit&quot;. Für ihn ist &lt;em&gt;„Haschisch ein experimenteller Schlüssel zu einer Relati­vitätstheorie des menschlichen Bewußt­seins&quot;,&lt;/em&gt; berichtet u.a. , daß Hasch von orientalischen Richtern bei geistigen Ent­scheidungen als schöpferisches Hilfsmit­tel zu Rate gezogen wird (daher wohl auch das Handabhacken bei Dieben in Saudi Arabien?), und schließt dann nach recht langem Selbstmitleid, die Kri­minalisierung betreffend, auf Hascher warte &lt;em&gt;„ein geistiger Lohn; die schlafrau­bende Auseinandersetzung mit der Tota­lität des heutigen Informationsuniver­sums&quot;.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;4.&lt;/strong&gt; Intentionen, Sprache und Motive der Haschischprotagonisten weisen sie als typische Vertreter der sich in Agonie befindlichen Bourgeoisie aus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Haschischkonsum und Haschischver­folgung sind lediglich zwei Seiten ein und derselben Medaille; der kapitali­stisch- autoritären.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die „Isolation&quot; der Hascher, die sie zum Joint greifen läßt, ist lediglich &lt;em&gt;„Ideo­logie, eine gesellschaftlich bedingte und daher nicht zufällige, aber als Ideologie willkürliche Erfindung, die die subjektive Verzweiflung als eine absolute und für ewig unaufhebbare interpretieren möchte, denn sie ist weder anthropolo­gisch noch soziologisch begründbar&quot;&lt;/em&gt; (L. Kofler). Die Hascher nehmen Haschisch, haben ihre Ideologie und ihr Selbstmitleid, weil sie als Vertreter der Bourgeoisie vereinsamt, leer sind und als Leere nicht allein sein können. Ihre „Isolation&quot; ist nicht die der als kriminell diffamier­ten Minderheit ( das werden sie erst, allerdings aus einem großen Irrtum her­aus, den ich noch begründen werde), sie ist ein Vorurteil. Die bourgeois Einsa­men haben sich nichts mehr zu sagen, deshalb verstehen sie „die anderen&quot; nicht mehr. Die „Isolation ist nur ein Vorurteil des bürgerlichen, dekadenten und deshalb verzweifelten Individuums&quot; (Kofler)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;5.&lt;/strong&gt; So ist es verständlich, wenn die Haschprotagonisten als Vertreter der Spätbourgeoisie mit den ökonomi­schen, sozialen, religiösen usw. Traditio­nen der Frühbourgeoisie, d.h. ihrer Klasse, die doch nicht mehr ganz die ihre ist, brechen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sie werden „gegenzeitläufig&quot;. Sie begreifen sich als Vorläufer des &quot;neuen&quot; psychedelischen Menschen und sind in Wirklichkeit nur Endprodukt, Ausfluß einer Klasse. Deshalb stehen sie ihr auch in Feindschaft gegenüber.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;6.&lt;/strong&gt; Sie verstehen nicht: sie verabscheuen die Konsumideologie „der anderen&quot; und konsumieren. Nämlich Hasch. Das in unseren Breiten einen gehörigen Preis hat —und Riesenhandelsspannen—. Sie verabscheuen die Leistungsideologie „der anderen&quot; und leisten. Zumindest nehmen sie sich das vor. Die Produkte ihrer Tätigkeit sind, von einigen Musi­kern abgesehen, eher kläglich. „Das Baden der Füße in kaltem Wasser&quot; (Nietzsche) würde ihre Phantasie viel­leicht mehr beflügeln. Sie verkaufen Hasch für 4 bis 8 Mark das Gramm, das sie für 100 Mark das Kilogramm erwar­ben, erklären die Preisdifferenz mit dem Risiko und vergessen ganz; daß dies genau der Unternehmerideologie und - phraseologie entspricht. Sie wissen ganz&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;genau, daß in viel von dem hier ver­kauften Stoff o=Opium ist, erklären aber trotzdem, das Haschrauchen, was an und für sich richtig ist, ungefährlich und nicht suchterregend sei, sie handeln daher bewußt wider besseres Wissen und dienen den Belangen dieser, unse­rer, von ihnen angeblich verschmähten Wirtschaftsform, nämlich Konsumenten heranzüchten, usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;7.&lt;/strong&gt; Die Verfolgung von Genuß und Ver­kauf von Haschisch ist eher ein komi­scher denn tragischer Irrtum der Väter diesen Söhnen gegenüber.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Holland, speziell in Amsterdam, gelang es der Obrigkeit, die Provo- und Jugendrevolte zum Teil niederzuschla­gen: sie erlaubte das Haschrauchen unter Kontrolle, in staatlichen Klubs. Doch noch existiert keine Haschlobby im Bundestag. Das Unwissen über die Ungefährlichkeit des Krauts macht die herrschenden Väter blind. Wären sie etwas gewitzter, konsequenter, lächelnd skrupelloser - sie monopolisierten das Hasch, fabrizierten Joints, versähen sie mit der Steuerbanderole, und die Söhne, die fröhlichen Haschraucher, trotteten jeden Morgen nach Genuß des staatli­chen Joints glückselig in Unis, Schulen und Fabriken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Papi SPIEGEL erlaubt es den Kleinen schon augenzwinkernd, Onkel Justizmi­nister wird noch nachziehen. Das ist dann die erträumte „neue Wirklichkeit&quot; der Haschprotagonisten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;8.&lt;/strong&gt; Schauen wir uns doch die Haschpro­tagonisten an: die Beatles machen fröhli­che Liedchen, Spaßvögel ihrer Gesell­schaft, wie es die Hesters, Serrano, Leander und Lale Andersen der ihren waren, Warhol macht (ob nun mit oder ohne sein Wissen und Wollen) schon lange Werbung für Campbelltomato­soup, die Mothers of Invention sagten deutlich im Sportpalast, Westberlin, daß sie die Revolution verabscheuen, die Reste der Kommune 1 laufen herum wie Traumtänzer und haben sich (zu Recht) zum Teil an die Unterwäschereklamefürsten verdingt, ganze Industrien arbeiten zu ihrem Ergötzen, CBS und Polydor produzieren „underground&quot; und finden reißenden Absatz, der „Hirtenlook&quot; ist durchaus einträglich, Hippieblätter in der gesamten westlichen Welt, bunt gedruckt auf buntem Papier werden demnächst subventioniert, alle ihre Illu­strationen sind magere und dümmliche Kopien des dekadent- dümmlich- raffi­nierten Jugendstils - sie werden ja schon geliebt. Papi läßt sich ja auch schon die Haare wachsen, er hat ja „soviel Ver­ständnis&quot;. Vater und Sohn zwinkern sich zu, vielleicht probiert der Alte ja auch mal den Joint. Und die British American-Tobacco läßt Hanf schon im Mittelwe­sten der Staaten anbauen. Natürlich unter strengster Bewachung. Und Dul­dung der Bundesregierung. Freundliche Polizisten zeigen freundlichen Touristen freundlich den Weg zur Haight Street, im sonnigen San Francisco (Haschbury Street) zu den sonnigen Blumenkindern. Eine ältliche Dame, Frau Bonn (der Name könnte symptomatisch sein), Best­sellerautorin bei Econ, Düsseldorf, „ist sicher, daß sie wieder raucht&quot;, der Laden läuft doch. Oder?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;9.&lt;/strong&gt; Er läuft. Allerdings sind da einige abgesprungen. Die haben erkannt, daß Haschisch und Blumen nichts ändern. Aus Hippies wurden zum Teil Yippies (Y.I.P. = Youth International Party). Und diese beschlossen, konkreter zu werden, mit ihrer Klasse zu brechen, den Klas­senkampf aufzunehmen, mit den Black Panthers zusammenzuarbeiten. Sie erleb­ten ihr Massaker beim Parteitag in Chi­kago. Und Jerry Rubin und Abbie Hoffmann standen zusammen mit Bobby Seale vor Gericht. (Bezeichnenderweise berichtete die hiesige Presse von diesem Teil der Verhandlungen nichts.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit der Zeit sind die Polizisten im gol­denen Frisko nicht mehr so freundlich, die Touristen lesen Horrormeldungen, Manson, Sharon Tates Großinquisitor, wurde für die Presse stellvertretend für die Hippies schon jetzt gelyncht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;10.&lt;/strong&gt; Da sind sie sich einig, die Hippies und Haschprotagonsten in den Staaten und hier: was die Yippies machen, das macht man nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Denn: Hasch führt im Gegenteil zu Alkohol nicht zu Aggressionen. Hasch macht friedlich, sagen sie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;cui bono?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir brauchen nicht erst Fanon zu lesen, um zu wissen, daß Haß, starker, zielgerichteter Haß ein wichtiges politi­sches movens ist, daß Haß in politische Qualität umschlagen kann, umschlägt, umschlagen muß.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Haß gegen dieses, unser Gesell­schaftssystem, gegen die körperliche und seelische Ausbeutung, ist ein wichti­ger Bestandteil des politischen Kampfes der außerparlamentarischen Bewegung. Es ist der Haß gegen die mörderischen Manipulationen und Repressionen des Kapitalismus. Es ist der Haß gegen ein System, das Song-My und My-Lai und Heintje zuläßt, das zwei Drittel der Menschheit hungern läßt, und zur glei­chen Zeit psychedelische Filme sieht, das Che ermorden läßt und die Beatles adelt, das über Vietnam mehr Bomben abwirft, als im letzten Weltkrieg über Deutschland gefallen sind und einen Schwachkopf namens Leary durch alle Gazetten gehen läßt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;11.&lt;/strong&gt; Der alte Kampf zwischen subjekti­ven Bedürfnissen und politischen Ver­hältnissen hat in der Haschkampagne eine neue Verkleidung bekommen. Die Haschverbraucher sind nicht glücklich. Sie sind ein bißchen mehr glücklich als Frau Saubermann. Und die ist durch Konsum, durch Kauf und Besitz von Fernseher und Pelzmantel auch manchmal „high&quot;. Gewiß, Frau Saubermann ist gefährlicher. Das aber spricht für sie. Haschverbraucher, glück­liche Saubermänner der Psyche verges­sen eines: die Verhältnisse, die sind nicht so.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;12.&lt;/strong&gt; Visionen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Busse westdeutscher und ausländischer Touristen kommen nach Westberlin. Nach obligatem Besuch von Mauer, Gedächtniskirche und Kudamm suchen sie die legalisierten Haschklubs auf. Langhans (Berlinheimkehrer), Uschi, Kunzelmann, die Haschrebellen und die &quot;love&quot;- Redaktion, Lenz, Leary, Ginsberg, alle malerisch gelagert, lassen sich gnä­dig fotografieren. Sie leben nicht schlecht dabei: Trinkgelder gibt es reich­lich —für den Kauf des nächsten Joints—. Und Nixon pflanzt in Wisconsin Hanf an. Er läßt sich von Hasch inspirieren. Dabei kommt allerdings nicht „1001 Nacht&quot; heraus. Eher, wie man durch United Fruit (Alleinhersteller von freund­lichen Drogen) Lateinamerika noch bes­ser ausbeuten kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;13.&lt;/strong&gt; Schluß.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Auseinandersetzung mit der „Tota­lität des heutigen Informations- Univer­sums&quot; wird nicht mit Hanf geführt. Die einen werden durch Hänf gehängt, die anderen durch Hanf betäubt. Wer heute im Orient lebt, nimmt das Gewehr (wie EI Fatah), nicht Haschisch. Wer heute hier lebt, sollte hier den Kampf aufneh­men. Gegen das System. Mit seinen Mit­teln. Solidarisch. Aber nicht mit Hanf/Haschisch.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn heute niemand mehr Bür­gerkind sein muß, um Hasch zu rau­chen, auch wenn heute niemand mehr die Möglichkeit psychischer, Abhängig­keit von Haschisch bestreiten wird und somit auch die absolute Unbedenklich­keit der Droge Hasch zum Mythos geworden ist, auch wenn heute das Kif­fen als solches längst nicht mehr als politischer Akt verstanden wird, so ist doch vieles an Zahl&#039;s Argumentation richtig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der wichtigste Punkt ist wohl der, daß mensch mit klarer Rübe am subversiv­sten ist. Deshalb ein kurzer Exkurs über:&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Straight Edge&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Anfang der 80er Jahre in Washington D.C., als Kids, die zu jung waren legal Alkohol ausgeschenkt zu bekommen und Kippen zu rauchen in die Clubs und zu Konzerten nur dann eingelassen wurden, wenn sie durch einen Sticker mit der Aufschrift „Straight Edge&quot; ihren freiwilligen Verzicht zum Ausdruck brachten, entstand in Verbindung mit einer aktiven Polit- Punk- Korrekt- Sein- Wollen- Szene der Begriff Straight Edge, als Synonym für eine Haltung. So unprä­tentiös und undogmatisch diese Anfänge waren, so elitär und dogmatisch waren die Interpretationen von Menschen aus anderen Orten. Keine Namen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die eindeutigste und wohl auch älteste Darstellung dieser Haltung ist wohl der folgende Text:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Straight Edge by Minor Threat&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ich bin ein Mensch genau wie du aber ich hab was besseres zu tun als rumzusitzen und meinen Kopf zu ficken&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;mit lebenden Leichen abzuhängen weiße Scheiße meine Nase raufzu­saugen&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;bei Konzerten ohnmächtig werden ich denke noch nicht mal an&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Speed&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;das ist etwas, das ich nicht brau­che&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;ich hab eine klare Linie &lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ich bin ein Mensch genau wie du doch ich hab was besseres zu tun als rumzusitzen und zu kiffen&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;ich weiß, ich kann mich konfrontieren&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;lache über den Gedanken Trips zu klinken&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;lache über den Gedanken mich mit Patex vollzustinken immer auf dem Posten sein niemals eine.Krücke brauchen&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ich hab eine klare Linie&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir haben in dem Song von Minor Threat die Zeile „I got straight egde&quot; mit „eine klare Linie&quot; übersetzt, weil wir denken, daß es die beiden Bestandteile von Straight Edge am Besten trifft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Klar, im Sinne von klar, wie in „klarer Kopf“ und klar aber auch im Sinne von eindeutig Linie wegen der Konstanz, nennt es Konsequenz einer Linie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf dem Text ist viel herumgeritten worden. Einige haben ihn zur Lebensre­gel erhoben, andere ihn eben deshalb verurteilt, weil sie meinten er wäre zu regelhaft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da ist also ein Mensch, der lieber nüchtern ist ... tja... Muß man da noch groß rumdiskutieren? Warum? Oder ob er vielleicht Recht hat? Oder ob das denn überhaupt jemand darf, sich der Breitmacherei entziehen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ian McKaye, seinerzeit Sänger und Gitarrist der Band betont auch heute noch, daß er den Song nicht als Dogma verstanden wissen möchte, sondern als Dokumentation der eigenen Haltung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Ich trinke kaum Bier, weil es mir nicht schmeckt und rauche kein Hasch, aber ich sage niemandem, tu dies nicht, tu das nicht, das muß jeder selbst wissen, ich sage nur, ich bin für dieses System gefährlicher, wenn ich nüchtern bin und weiß was ich tue.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;We&#039;re taking control of our bodies&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Decisions will now be ours&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;frs not only a question of trust&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;you will do-what is good to you on paper&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;we will do what we must.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Epilog&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;So,... haben wir ja die ganze Palette! Denkste! Was ist mit den Freßsüchtigen, den Magersüchtigen, denTV-Süchtigen, den workaholics? Was ist mit denen, die ohne ihren täglichen 10 Kilometer­lauf nicht leben können?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was ist mit UNS ?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alkoholsucht, Drogensucht ,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Freßsucht, Konsumsucht&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;=Sehnsucht ?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;nach Ritualen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Vielleicht entwickelst sich ja hier und da ein Gespräch über das warum der „Notwendigkeit&quot; bestimmte Dinge des All­&#039; tags auf die eine oder andere mehr oder weniger „gesunde&quot; An und Weise kom­pensieren zu wollen oder müssen. Wol­len oder müsen? Und welche Dinge sind es, die wir aus- oder überblenden?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;In diesem Sinne, auf der Suche ... in Liebe eure P.O.C. (people on crutches)- Foundation.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;PEACE -PIECE-PROST .&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Halt stopl• Hier noch eine Danksagung, einmal an die Floramenschen in Ham­burg... und... an die Stattzeitung aus Kiel.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;(i.A., die Setzerin)&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Trinker-Rap by MC Kackvogel&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wer hat die leeren Flaschen&lt;br /&gt; da...?&lt;br /&gt; Der Alkoholika!&lt;br /&gt; Wer war der Sack der dich im&lt;br /&gt; Stich&lt;br /&gt; ließ?&lt;br /&gt; Wer war der Stinker?&lt;br /&gt; Der Trinker!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer hat die leeren Flaschen&lt;br /&gt; da...?&lt;br /&gt; Der Alkoholika!&lt;br /&gt; Wer war der Arsch wegen dem&lt;br /&gt; du&lt;br /&gt; sitzt?&lt;br /&gt; Wer war der Stinker?&lt;br /&gt; Der Trinker!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Warum sitzen wir noch hier?&lt;br /&gt; Wegen Bier!&lt;br /&gt; Zu sagen haben wir uns schon&lt;br /&gt; lange nichts mehr&lt;br /&gt; und NEUES schon gar nicht&lt;br /&gt; laß uns Altes wiederholen&lt;br /&gt; und wir kippen uns Bier ins&lt;br /&gt; Gesicht&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und deshalb sitzen wir hier&lt;br /&gt; All die Stinker&lt;br /&gt; All die Trinker&lt;br /&gt; Wegen Bier&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer hat die leeren Flaschen&lt;br /&gt; dahin...?&lt;br /&gt; Der Mann mit dem Gin&lt;br /&gt; Wer war die Sau die uns reingeritten hat?&lt;br /&gt; Wer war so daneben?&lt;br /&gt; Einer von denen die immer&lt;br /&gt; einen&lt;br /&gt; heben&lt;br /&gt; Wer hat die leeren Flaschen&lt;br /&gt; dahin...?&lt;br /&gt; Der Mann mit dem Gin!&lt;br /&gt; Wer hat mal wieder Alles&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;geschmissen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer war so blöde?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Mann in der Ein- öde&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und warum steh ich neben dir? Wegen Bier!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zu sagen haben wir uns &#039;ne Menge&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;und dann auch wieder nicht also laß uns doof quatschen und wir kippen uns Bier ins Gesicht&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und deshalb sitzen wir hier&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;All die Trinker All die Stinker Wegen Bier&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer hat die leeren Flaschen dahin&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;gestellt?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Mann von Welt!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer war das mit den Selbstmord&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gedanken&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer kriegt hier den Rüffel? Der Süffel&#039;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer hat die leeren Flaschen dahin&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;gestellt?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Mann von Welt!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer war der Typ mit der Ehekrise?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer kriegt hier den Rüffel? Der Süffelt&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und warum steh ich neben mir?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wegen Bier!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei gedacht hab ich mir nichts&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;also laß mich in Ruhe&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;und ich schütt mir weiter und&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;weiter und immer mehr&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bier ins Gesicht&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und deshalb stehen wir hier Die halbe Menschheit&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;auf Bier&lt;/p&gt;


&lt;!--
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 <pubDate>Sat, 06 Mar 2010 11:31:08 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>La otra cara</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/0/la-otra-cara</link>
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                    &lt;p&gt;Eine angenehme Stadt. Man sitzt im Taxi auf dem Weg vom Busbahnhof in die Außenbezirke, und der Taxifahrer - ein angenehmer Schwätzer wie in „Night on Earth&quot; - erklärt, daß das, was die Zeitungen schreiben, Quatsch ist, daß Medellin nie eine Killermetropole war („ich weiß gar nicht, wie die auf dieses Wort kommen, Bruder&quot;) und daß die Geschichte mit Pablo Escobar sowieso nur eine dumpfe Geschichte einer Regierung in der Legitimitätskrise sei. „Die haben nichts mehr zu erzählen, und drum erzählen sie nur Mist, korruptes Scheißpack.&quot; Wir schwitzen, Arm aus dem Fenster, esto es la voz popular de Colombia.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Eine angenehme Stadt. Man sitzt im Taxi auf dem Weg vom Busbahnhof in die Außenbezirke, und der Taxifahrer - ein angenehmer Schwätzer wie in „Night on Earth&quot; - erklärt, daß das, was die Zeitungen schreiben, Quatsch ist, daß Medellin nie eine Killermetropole war &lt;em&gt;(„ich weiß gar nicht, wie die auf dieses Wort kommen, Bruder&quot;&lt;/em&gt;) und daß die Geschichte mit Pablo Escobar sowieso nur eine dumpfe Geschichte einer Regierung in der Legitimitätskrise sei&lt;em&gt;. „Die haben nichts mehr zu erzählen, und drum erzählen sie nur Mist, korruptes Scheißpack.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir schwitzen, Arm aus dem Fenster, esto es la voz popular de Colombia.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Rasende Geschwindigkeiten auf der Asphaltpiste. Wir fliegen über Löcher und Huckel, und immer noch ziehen links und rechts die Colectivo-Fahrer vorbei. In ihren Toyota-Kleinbussen jagen sie die Highway herunter wie in us-amerika­nischen Filmen (es sind nur keine ameri­kanischen Straßen), daß einem die Tränen in die Augen steigen, der Magen immer tiefer hinunterrutscht und ein fiebriges Gefühl durch die Haut schauert. „&lt;em&gt;O mano, das sind Piloten, sie müssen beweisen, daß sie nichts zu verlieren haben.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Claro&quot;, &lt;/em&gt;meint der Taxifahrer, früher war er Zollbeamter, aber die Regierung muß jetzt sparen und es gibt kein Geld mehr für Staatsangestellte, &lt;em&gt;„hier hat es heute nacht 32 Tote gegeben. Diese Stadt ist manchmal verrückt, zugegeben, aber es ist unsere. Die Stadt des ewigen Frühlings&quot;. &lt;/em&gt;23 Grad auf der Neonanzeige, 8 Uhr 45 morgens, im Rückspiegel ein grinsender Schnurrbart.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das mit dem ewigen Frühling sagen sie alle. Der Fernseher sagt es alle halbe Stunde, im Radio gehört es zu den Füllsätzen wenn den Moderatoren gerade mal nichts einfällt und der Taxifahrer schiebt noch nach, daß &lt;em&gt;„in Medellin die Liebe, wirklich noch richtige Liebe sei&quot;, &lt;/em&gt;er schnalzt dazu mit der Zunge, das gehört zu den regionalistischen Stereotypen. Sie halten sich daran fest, als ob sie etwas zu verteidigen hätten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei liebt man Medellin wirklich auf Anhieb. Das mit den 32 Toten macht einen Kopf schütteln, das anziehende Gefühl dieser Stadt geht trotzdem nicht verloren. Man lacht über das meiste, am liebsten über den Abgrund.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;An einem Freitagnachmittag Ende November 1992 sterben in Medellin mehr Menschen eines gewaltsamen Todes als in Sarajewo. Grund der Auseinander­setzungen: Massaker der Polizei und Geheimdienste an Jugendlichen, Erschies­sung von Bandenmitgliedern durch die Milicias Populares, Streitigkeiten zwischen verschiedenen Banden um Raubgut, Mord aus Motiven wie Eifersucht, Armut oder &lt;em&gt;„hat mir die Vorfahrt genommen&quot;, &lt;/em&gt;Zusammenstoß einer Polizeipatrouille mit den Milicias Bolivarianas, Exekutierung eines Unternehmers durch die Arbeiter­milizen, die damit eine Entlassungswelle beantworten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nirgends sind die Frontverläufe auf den ersten Blick so unübersichtlich, wie in dieser Stadt, 3-4 Mio. Einwohnerinnen, wichtigstes Industriezentrum Kolumbiens, zweite Stadt nach Bogota, Sitz des wahrscheinlich zweitgrößten Kokain-Kartells der Welt (nach dem von Cali, ebenfalls Kolumbien).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man wohnt in einem Straßenzug in den Außenbezirken der Stadt, arme aber nicht elende, an die Hänge eines Tals gebaute Viertel, hört nachts eine Schießerei und weiß nicht im geringsten was passiert. Nicht einmal Antonio, ein Mitglied der linken Milicias Populares, bei dem ich wohne, geht es anders als mir. &lt;em&gt;„Ich halt mich hier raus&quot;, &lt;/em&gt;sagt er. Als Gewerkschafter und klandestiner Aktivist der Milizen ist es für ihn schlauer, nicht im gleichen Stadtteil politisch zu arbeiten, wo er auch wohnt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Antonio, hager, ein &lt;em&gt;mamagallista, &lt;/em&gt;was man auf Deutsch etwas blöde mit &lt;em&gt;Witzbold übersetzen &lt;/em&gt;würde, interessiert es nicht, was im Stadtteil genau los ist. Die Unordnung hat für ihn etwas schützendes, auf jeden Fall mehr als sich vor Ort irgendwie zu engagieren. Man weiß, daß es auch hier Milicias Populares gibt - man sieht Sprüche an der Wand - aber man merkt auch, daß die Milizarbeit in diesem Viertel noch relativ neu ist und nach wie vor Banden und Bullen das Sagen haben. Man richtet sich ein, und wartet. Die Compas werden ihre Sache schon machen. Er selbst macht sie schließlich ja auch. Seltsame Mentalität und völliger Kontrast zu meiner Neugier.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Chaos perfekt. Das Viertel im Nordwesten der Stadt, wo Antonio lebt und das z.B. London heißt, ist so wie andere Stadtteile Medellins vor 2 Jahren waren. Ein Haufen unromantischer Gang-Ghetto-Kultur.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eines Morgens, ungefähr gegen 9, hören wir Schüsse auf der Straße. Natürlich gibt es Panik im Haus von Antonio. Wir denken alle, daß sie ihn holen, und ich, daß sie in solchen Momenten manchmal die ganze Familie massakrieren. Die Schützen aber, Sicherheitspolizisten vom F-2 Geheimdienst in Zivil, laufen bei Antonio vorbei und umstellen das Haus gegenüber, wo eine alleinstehende Frau und ihre 3 Söhne wohnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach einem kurzen Schußwechsel werden die Jungs, 17, 19 und 20 Jahre alt mit der Kapuze überm Kopf, die Hände auf dem Rücken mit Plastik gefesselt unter Schlägen und Tritten herausgeführt. &lt;em&gt;„Die sehen wir nicht wieder&quot;, &lt;/em&gt;sagt Antonios Frau kühl. &lt;em&gt;„Nichts machen die lieber, als die Leute verschwinden zu lassen. Dann brauchen sie keinen Prozeß zu eröffnen und keine Haftkosten zu zahlen.&quot; &lt;/em&gt;Mehr als 1000 Menschen sind in Kolumbien auf diese Weise seit 1987 &lt;em&gt;verschwunden.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sehen wir aber doch. Ein paar Tage später ist der jüngste der 3 schon wieder auf freiem Fuß, weil er nicht volljährig ist. Seine beiden großen Brüder warten im Knast auf die Eröffnung ihres Prozesses. Es heißt die drei seien Mitglieder einer unabhängigen Miliz, einer &lt;em&gt;Milicia Independiente. &lt;/em&gt;In Medellin haben die meisten Milizen Verbindungen oder zumindest eine gewisse politische Nähe zu einer der revolutionären Organi­sationen, nur die Milicias Independientes eben nicht, die gehören nur sich selbst. Ob das allerdings für besondere Qualität spricht, ist eine andere Frage. Die Nachbarschaft erzählt von den 3 Jungs, daß sie alle 14 Tage neue Möbel angeschleppt haben. &lt;em&gt;„Das waren keine Milicianos&quot;, &lt;/em&gt;sagt eine Oma &lt;em&gt;„das waren stinknormale Einbrecher, eine Bande wie andere auch.&quot; &lt;/em&gt;Die Alte schüttelt den Kopf, sie findet das unmoralisch, als Miliz für den eigenen Vorteil zu arbeiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...völliges Chaos. Manchmal werden Jugendbanden von der Polizei aufge­fordert, sich Milicia zu nennen, um so das Prestige der Milizen zu zerstören. Manchmal benützt man den Namen einfach nur so, es ist Mode, bei den Milizen zu sein. Es erhöht die Chancen bei den Frauen, manchmal auch Männern (-obwohl die Mehrheit bei den Milicias ganz klar männlich ist). Andere organisieren sich aus einer Art Territorialpatriotismus heraus, nach dem Motto &lt;em&gt;„das ist mein Stadtteil, und hier paß ich auf daß nichts passiert.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der 17-jährige &lt;em&gt;pelado &lt;/em&gt;(wie die kids hier heißen) ist übrigens 2 Wochen später tot. Zwei 16-jährige von der &lt;em&gt;Brückenbande, &lt;/em&gt;die ein bißchen unterhalb von &lt;em&gt;London, &lt;/em&gt;im Stadtteil &lt;em&gt;12.0ktober, &lt;/em&gt;ihr Territorium hat und mit der Polizei zusammenarbeitet - 50% des Raubguts geht an die grüngekleideten Kollegen, die dafür militärische Rückendeckung geben -, knallen den Kleinen mit 6 Schüssen ab. Die Leiche zertrümmern sie danach, aufgedreht wie Wahnsinnige und am hellichten Tage mitten im Viertel, mit Steinen. Ein idiotischer Mord unter Jugendlichen, so saublöd wie die ganze Kultur der Banden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Medellin am Samstagabend in der &lt;em&gt;Comuna Nororiental, &lt;/em&gt;einem Stadtteil gegenüber von London, auf der anderen Seite des Tals, wirkt wie eine Spelunken­stadt. Dämmriges Licht, wenn wegen der Stromrationierungen nicht sowieso alles verdunkelt ist. In den stinkigen, kleinen Tavernen hängen Runden betrunkener Männer um 40, Liebespärchen mit dem &lt;em&gt;„schau-mir-in-die-Augen-Kleines &lt;/em&gt;&quot;-Blick und Jugendcliquen, fast quotiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vor ein paar Monaten wäre die gleichen Szene in der &lt;em&gt;Comuna &lt;/em&gt;unvorstellbar gewesen. Nach 11 waren Vergewal­tigungen an der Tagesordnung und Rachemassaker der jeweils anderen Banden wurden auch mit Vorliebe am Samstagabend begangen. Viele von den Jugendlichen gehen zur Schule oder arbeiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Die Comuna war unerträglich&quot;, &lt;/em&gt;sagt Emilia, die hier seit 30 Jahren wohnt. &lt;em&gt;„Du konntest als normaler Mensch nicht mehr rausgehen. Die Banden haben Busse überfallen, Schutzgelder kassiert und dich wegen Kleinigkeiten erschossen.&quot; &lt;/em&gt;Emilia gehörte zu den ersten in der &lt;em&gt;Comuna Nororiental, &lt;/em&gt;die mit den Milicias Populares, der stärksten und bestorgani­siertesten Miliz Medellins, die politisch in der Nähe der Guerillaorganisation UCELN steht, zusammenarbeitete.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Emilia versteckte Leute und Waffen, gab Informationen und nahm an Versamm­lungen teil, bei denen einzeln über die Banden geredet wurde. &lt;em&gt;„Die sind nicht alle gleich&quot;, &lt;/em&gt;sagt sie, &lt;em&gt;„mit einigen konnte man reden. Die haben eingesehen, daß sie auf dem falschen Weg sind, aber bei anderen half das Quatschen nicht mehr.&quot; &lt;/em&gt;Von revolutionärer Romantik hat die Politik der Milicias Populares in den Armenvierteln Medellins wenig. Allein in einem Teil der &lt;em&gt;Comuna Nororiental, &lt;/em&gt;in dem etwa 50.000 Leute wohnen, starben 1991 etwa 125 Bandenjugendliche- erschossen von den Milicias Populares, meistens genauso alte Jugendliche, die anpolitisiert sind und sich aus Ablehnung des Bandenterrorismus bei den Milizen organisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Normalerweise werden Banden nicht einfach von den Milizen angegriffen. Die Führer oder Einzelpersonen werden angesprochen, und aufgefordert, die armen Stadtteile in Ruhe zu lassen. Ein paar reagieren darauf, manche integrieren sich sogar nach einiger Zeit als Personen in die Milizen, andere sterben oder verschwinden in die Vororte Medellins und in andere Landesteile.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die Bevölkerung der 3,5 Mio.-Metropole haben die Milicias Populares auf jeden Fall mit einer schrecklichen Situation Schluß gemacht, sie sind die &lt;em&gt;pelados &lt;/em&gt;oder &lt;em&gt;muchachos buenos, &lt;/em&gt;die netten Jungs von nebenan - &lt;em&gt;„eine Stimme des Volkes&quot;. &lt;/em&gt;Das erklärt die hohe Sympathie der &lt;em&gt;Milicias Populares del Valle de Aburra. &lt;/em&gt;Aus Stadtteilen, wo die Milizen bisher noch nicht arbeiten, kommen Bewohnerinnen und fragen, ob auch in ihrem Viertel Milizen aufgebaut werden können. Insgesamt 70% der Bevölkerung der Armenviertel soll ein positives Bild von den Milicias haben. Die revolutionäre Gegenpolizei hat aber auch andere Gesichter. Juan Campos, ein bescheidener, stiller Mittdreißiger, ein typischer UCELN-Kader und Mitglied der kollektiven Führung der Milicias Populares: &lt;em&gt;„Es gibt bei uns viel Militarismus. Vor ein paar Monaten wurde ein Jugendlicher erschossen, weil er Fleisch geklaut hatte. Stell dir das vor: ein Mensch wird erschossen, weil er nichts zu fressen hat, und das von einer Organisation, die sich das Interesse der Armen zum Anliegen gemacht hat. In einem anderen Fall hat ein japanisches Fernsehteam die Aktion gegen ein Dealerbaus mitgefilmt. Die ganze Sache sah aus wie in amerikanischen Spielfilmen, gräßlich&quot;, &lt;/em&gt;sagt er. „ &lt;em&gt;Wir benutzen den Video inzwischen zur Schulung der Milizionärinnen, damit, die Jugendlichen wissen, wie sie es nicht machen sollten. Aber das macht die Aktionen auch nicht mehr rückgängig.&quot; &lt;/em&gt;Das sympathische an den kolumbianischen Linken ist ihre überraschende Ehrlichkeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Medellin - Stadt des ewigen Frühlings&quot;, &lt;/em&gt;es dröhnt mal wieder aus dem Radio. Es ist Abend, die meisten Leute stehen in Shorts an der &lt;em&gt;parche &lt;/em&gt;wie die Ecke auf kolumbianisch heißt- ein Synonym für Geselligkeit. Aus den Kneipen knallt Salsa, Rumba und Merengue, von der komerziellen Sorte und mit so intelligenten Texten wie &lt;em&gt;„ich-denke­-immer-nur-an-dich &quot;.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber Medellin ist auch anders. Es gibt eine Hip-Hop-, Hardcore- und Punkkultur. Keine Stadt in Lateinamerika wie diese. Nirgends fiebert das Leben so exzentrisch zwischen Freundlichkeit, grinsendem Abgrund, Angst und Euphorie. Selbst der Terror hat bei 25 Grad und den lässigen Erzählungen der 9-jährigen etwas gemütliches.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Kinder Medellins sind beein­druckend. Sie wachsen schneller, begreifen mit 10, 11 oder 12 den Ernst der Lage und sind 5 Jahre später Väter und Mütter. Abends lungern sie bis spät an der Straßenecke herum, behalten den Stadtteil im Auge, bleiben bei Klatsch und Tratsch auf dem Laufen, spielen Fußball oder tanzen. 8-jährige, die das Chaos der Banden gelebt haben, und wissen, wie der kleine Enrique zu mir sagt, daß &lt;em&gt;„dieser Staat für sie nichts zu bieten hat&quot;. &lt;/em&gt;Wir laufen durch die Straßen der &lt;em&gt;Comuna, &lt;/em&gt;bleiben hängen, reden uns durch Kneipen, Häuser, Familien, sehen das Gemälde des Milizionärs Companero Martin, der vergangenes Jahr von einer Bande erschossen wurde, schauen auf den klaren Nachthimmel, trinken, lachen und erzählen Geschichten, wo stets mindestens ein Toter vorkommt. Die Medelliner sind nicht grausam oder brutal, im Gegenteil sie sind freundlich, hilfsbereit und verliebt ins Leben. Aber sie leben in einer kapitalistischen Scheißstadt. Das ist ihr Problem.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der nächste Morgen ist lau, sogar ein wenig regnerisch. &lt;em&gt;„Es ist Winter&quot;, &lt;/em&gt;sagt Emilia, &lt;em&gt;„aber er wird höchstens 4 Tage dauern.&quot; &lt;/em&gt;Sie lacht. &lt;em&gt;„Schlapper Winter, nicht? In der Regenzeit &lt;/em&gt;3 &lt;em&gt;Tage Sommer und 4 Tage Winter, in der Trockenzeit 5 Tage Sommer und vier Stunden Winter.&quot; &lt;/em&gt;Ewiger Frühling eben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Antonio, der in der &lt;em&gt;Comuna Nororie­ntal, &lt;/em&gt;wo er in den Milizen organisiert ist, nur als Pablo bekannt ist (wie oft bin ich kurz davor mich zu versprechen), nimmt mich ins Zentrum der Stadt mit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Medellin ist mehr wie eine Hauptstadt als das doppelt so große Bogota. Das Regierungsgebäude von Antioquia ist größer, höher und wichtiger als das der Hauptstadt. Wir durchlaufen Spiegel­hallen, Einkaufspassagen mit dem Totchic aus Brooklyn und Paris, sehen sparsam-gutgekleidete SonntagsspaziergängerInnen, BlumenverkäuferInnen, und Jugendliche in Kapuzenpullis und Redbook-Turn­schuhen. Kleidung ist wichtig, vor allem für die Armen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die mit Koksgeldern gebauten Elfenbeintürme sind beeindruckend, aber noch viel monströser ist die von einem deutsch-spanischen Konsortium (darunter Siemens und Man) gebaute Metro - eine Betonrampe, die mitten durch die Innenstadt führt. Der Boden von Medellin gibt für eine unterirdische Bauweise nichts her, darum wurde die Strecke als Hochbahn gebaut, die direkt an den Banktürmen, Kolonialkirchen und gammligen Verwaltungsgebäuden von um die Jahrhundertwende vorbeiführt. Alles in allem eine Trasse Beton, die aussieht als ob sie von einem geistig verstörten Kind in zerstörerischer Absicht in, auf und zwischen die Stadt geknallt worden wäre.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So wird Regierungspolitik gemacht: Koksbarone, die weil sie nicht wissen, wohin mit ihrem Geld, Politiker aushalten und Prestigeobjekte finanzieren, treffen auf dem freien Weltmarkt zusammen mit ausländischen Unternehmen, die weil sie nicht wissen, woher mit dem Geld, ständig neue Märkte suchen. Weil es dann nicht viel prestigemäßigeres gibt als eine U-Bahn zu bauen, wird sie gebaut. Obwohl der Boden dafür nichts hergibt und die ganze geographische Lage nichts taugt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Schluß wird die U-Bahn - wenn sie mal fertig wird - nicht U- sein und außerdem so überflüssig wie ein Kropf. In dem Tal, in das sich Medellin zwängt, kann nur eine einzige, das Tal entlang­führende Nord-Süd-Trasse gebaut werden. Die Massen aber wohnen in den Armenvierteln an den Hängen. Für sie hat die Metro so viel Bedeutung wie ein neuer Golfplatz für pensionierte Staatssekretäre.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was bleibt sind die Schulden, für die Bevölkerung versteht sich. Heute schon hat jeder Medelliner 2500 DM Schulden (das sind 20 Arbeiter-Monatsgehälter) als Folge der U-Bahn. Großprojekte als Umverteilung von unten nach oben. Gewaschenes Crack-Geld aus der Bronx vermischt mit teuren Strom- und Wassergebühren aus Medellin in die Privatschatullen kolumbianischer Berater und westdeutscher Unternehmens­leitungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Nachmittag lernen wir die einzige Stadt der amerikanischen Hemisphäre kennen, in der die soziale Marktwirtschaft funktioniert. In Envigado, einem kolonialen Vorstädtchen Medellins stehen Autos neuester Bauart vor angenehm restaurierten Kolonialhäusern. Die Anti-Drogenspezialeinheiten auf dem Haupt­platz sind mehr wie ein Kasperltheater, man weiß nur nicht, ob es von der Regierung folkloristisch oder als absurdes Theater gedacht ist. In den ruhigen, von Vogelgezwitscher erfüllten Straßen weiß jeder, daß diese Stadt &lt;em&gt;Pablito &lt;/em&gt;gehört - wie sie Escobar freundlich in der Verklein­erungsform nennen. Man ist sich des Vorteils bewußt, in der einzigen lateinamerikanischen Stadt zu wohnen, in der es keine Bettler gibt und jeder auf Sozial- und Arbeitslosenhilfe zählen kann. 15 Jahre Wohlstand sind ein Beweis dafür, daß die Senores vom Kartell nicht nur die besseren Kapitalisten, sondern auch die besseren Sozialpolitiker sind. Envigado weiß, daß es das, was es heute ist, nur durch das Kartell werden konnte. Die Anti-Drogen-Einheiten, die aussehen wie die Jungs von der Kavallerie, nur daß sie statt Pferden, Hunde mit sich führen, werden sich hüten in dieser Stadt, das Drogengeschäft zu bekämpfen. Nichts könnten sie stehen lassen, vor allem aber würden sie selbst nicht einmal ansetzen können. Escobars Leute sind gut organisiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es sticht ins Auge, daß der Kokskönig wirklich von allen Medellinern, selbst von seinen Gegnern &lt;em&gt;Pablito &lt;/em&gt;genannt wird. Manche verehren ihn als lebende Legende der bezaubernden Story vom Kleinkriminellen zum gefürchteten Feind des Imperiums, bei den meisten allerdings rührt die Freundlichkeit nur vom regionalistischen Trotz gegen die blödsinnige Fernsehfahndung her, die jeden Abend mehrmals über den Bildschirm flimmert. Für Escobar und seine Leute werden 10 Mio Dollar geboten. Ein idiotisches Angebot -erstens weiß niemand, ob Kolumbiens Regierung, geizig wie sie ist, wirklich zahlen würde, und zweitens zahlt das Kartell im Falle eines Falles sowieso besser.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Bild des Rebellen, das Pablo Escobar heute in einem Teil der kolumbianischen Bevölkerung besitzt, verdankt er vor allem der Heuchelei der Regierung und dieser Art von Fernseh­fahndung. &lt;em&gt;„Man muß ihn für einen normalen Kapitalisten halten&quot;, &lt;/em&gt;meint Antonio. &lt;em&gt;„Er bereichert sich wie andere Kapitalisten auch an der Arbeit anderer Leute, er macht brutale Geschäfte, aber grausamer, verbrecherischer oder korrupter als der Rest der herrschenden Klasse ist er nicht.&quot; &lt;/em&gt;Die meisten Linken sehen den Konflikt zwischen Regierung und Kartell mit Desinteresse, für sie handelt es sich um einen internen Kampf in der Bourgeoisie, bei dem die Linken nichts zu gewinnen hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Oberhalb von Envigado, mit einem malerisch schönen Blick übers Tal thront der inzwischen von Escobar und seinen Kollegen verlassene Knast, die &lt;em&gt;Kathe­drale, &lt;/em&gt;die seit seinem Haftantritt 1991 das Hauptquartier des Kartells war. Com­puterräume, Luxusbäder und angenehme Aufenthaltssäle befinden sich im vermeintlichen Hochsicherheitstrakt, den Escobar gemäß dem Abkommen mit der Gaviria-Regierung selber bauen ließ. Noch Wochen nach seiner Flucht, die eigentlich mehr einem einfachen Hinausgehen, ohne zurückzukommen, glich, zeigen Fernsehkameras in Großaufnahme vergoldete Wasserhähne und Tampons - laut kolumbianische Medien &lt;em&gt;„Ausdruck des ausschweifenden Lebensstils im sogenannten Gefängnis von Envigado&quot;. &lt;/em&gt;Der Justizminister als Bauernopfer mußte übrigens gehen, als Escobar nicht mehr da war (offizielle Sprachregelung: &lt;em&gt;„ausbrach&quot;&lt;/em&gt;).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ansonsten ist die ganze Flucht nach wie vor Thema von Spekulationen. Klar ist nur, daß die Regierung nach einem internen Konflikt im Medellin-Kartell, den Escobar gewann, im Juli völlig unerwartet meinte, den Kokainbaron in ein anderes Gefängnis verlegen zu müssen. Escobar war anderer Meinung, und als die Großoperation begann, an der angeblich auch 10 US-Beamte des DEA teilnahmen - wahrscheinlich um ihn in die USA zu entführen -, war Escobar bereits weg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Thema beherrschte über 3 Monate die kolumbianische Öffentlichkeit, die Politiker übertrafen sich mit Schuld­zuweisungen, die Medien zeigten zum 47. Mal die gleichen Bilder, und alle fragten sich gespielt, &lt;em&gt;„wie-konnte-das-passieren?&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber nicht alle entblöden sich gleichermaßen. Der Bürgermeister Medellins denkt logisch und kommt auf die glorreiche Idee, Escobars Gefängnis in ein Museum umzubauen. &lt;em&gt;„Die US- Amerikaner haben aus Al &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Capones Zelle eine Touristenattraktion gemacht. Warum machen wir nicht das gleiche mit dem Gefängnis von Envigado?&quot;, &lt;/em&gt;fragt er. &lt;em&gt;- Pablito &lt;/em&gt;eben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daß Escobar kein Robin Hood ist, sondern ein kapitalistischer Geschäfts­mann skrupelloser Sorte, ist nicht zu übersehen. Zumindest zurück von unserem Ausflug, in der &lt;em&gt;Comuna Nororiental, &lt;/em&gt;sieht das Drogenschäft anders aus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dort, wo das Kartell nach wie vor das sagen hat, herrschen die &lt;em&gt;oficinas, &lt;/em&gt;Vermittlungs&lt;em&gt;büros&lt;/em&gt; für Killer. Aufträge für bezahlten Mord laufen hier ein und es wird festgelegt, wer als Konkurrent oder Gegner aus dem Weg zu räumen ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Oficinas - &lt;/em&gt;zu deutsch Büros - sind mehr als nur Treffpunkte von jugendlichen Killern oder Banden, sie sind die Schnittstellen von Drogenhandel, schmutzigem Krieg und rebellisch-nekrophiler (Todeskult) Jugendkultur. 12.000 politische Morde gegen die Linke hat es seit 1987 gegeben, davon ein erheblicher Teil der von bezahlten Killern ausgeführt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich sitzen die Drahtzieher woan­ders, in Amtsstuben, bei Polizei, Streitkräften und Geheimdiensten, in den Villen der Bourgeoisie und des Großgrundbesitzes. Gezahlt und geplant werden die Morde von anderen, wie es amnesty international und andere Menschenrechtsorganismen in zahlrei­chen Berichten festgestellt haben. Und natürlich ist Pablo Escobar als Chef des Medellin-Kartells kein Kopf des schmutzigen Kriegs, - im Gegenteil per­sönlich werden ihm Sympathien für die Linke nachgesagt, vor allem für deren Antiimperialismus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotzdem bleiben die durch eine seltsame Symbiose von Drogenhandel, Banden und Geheimdiensten entstande­nen Oficinas ein Umschlagpunkt für Morde gegen die Oppositionsbewegung und die revolutionäre Linke. Was aber noch schlimmer ist, sie haben unter den 15-jährigen eine Gruftie-Kultur der Todessehnsucht geschaffen. Was zählt ist Geld, möglichst cool sein beim Killen und dem Tod genau in die Pupillen schauen. Die Jugendrebellion ist weder faschistoid noch umstürzlerisch, sie ist ganz einfach nur ein Reflex auf die gähnende Leere. Ihre Sprache, Abzeichen, Ideenfragmente nimmt die Jugendkultur zufällig auf, vom Plattencover einer Heavy-Metall­Band (die bei allen Totenkopf-Emblemen auf ihren Platten, wahrscheinlich die blasse Ahnung vom Sterben haben) oder aus irgendeinem Film. Selbstorganisierung von der authentischsten, echtesten Art. Eine bittere Verarschung für jeden Autonomen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sonntag morgen. Die Sonne steht über der Stadt, die von Santo Domingo, am Rande der &lt;em&gt;Comuna Nororiental, &lt;/em&gt;wie ein mit Hütten vollgebauter Skiabfahrtshang aussieht. Wir stehen fast 300 Meter über dem Zentrum, am Grund des Tals hängt noch Morgennebel, vor unseren Füßen ein berauschender Abgrund.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sitzen vor einer Haustür, wo Bier verkauft wird, ein betrunkener Bauar­beiter, der noch nicht Pause gemacht hat seit dem Vorabend, lädt uns ein, wir lauschen der &lt;em&gt;„voz popular de Colombia&quot; &lt;/em&gt;- der Volksstimme Kolumbiens - und verpassen die Milizschule, zu der wir eingeladen sind. Es ist heiß, die Höhe macht die Sonne intensiver. Sie brennt auf der Haut.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Antonio und ich spüren die Wochen­end-Ferien-Stimmung. Der Bauarbeiter quatscht von irgendeiner Geschichte, bei der er Antonio einmal angegriffen hat, „ich war besoffen, Bruder&quot;, langt durch die Gitterstäbe des Hauses und verlangt noch einmal drei Bier. „Tut mir leid, Brüder, echt, ich war besoffen&quot;. Sagt es und sackt leicht zusammen. „Schon gut, Charly, war halt viernes cultural - kultureller Freitag&quot;, antwortet Charly dem 25-jährigen mit dem obligatorischen Schnurrbart und zu mir: „Der gute war so besoffen, daß er mich beinahe mit der Machete erschlagen hätte.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Drogensucht ist ein echtes Problem in den Armenvierteln Medellins. Getrennt nach Generationen und Kulturen pfeifen die Jugendlichen die Kokapaste Bazuco oder Marihuana ein, die Älteren (älter ist man eigentlich schon ab 22) saufen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Milicias Populares haben in einigen Stadtteilen eine Kampagne gegen die Drogensucht gestartet. &lt;em&gt;„Deine Familie erwartet dich zu Hause&quot;, &lt;/em&gt;steht es an den Wänden Londons, und der Konsum von Rauschgift vor den Augen der Kinder oder öffentlich auf der Straße ist von den Milicias ganz verboten worden. Die linke Ordnungsmacht hat sogar das absurde Wunder geschafft, daß in den von ihnen kontrollierten Armenviertel ( - in denen mehrere Hunderttausend Menschen leben - ) kein Drogenhandel mehr läuft. Mitten in der Drogenhochburg Medellins gibt es riesige Stadtteile, in denen jeder Verkauf von Rauschgift unterbunden ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach 3 Bier können wir uns endlich von dem freundlichen, aber unberechenbaren Bauarbeiter loseisen. In einem Sicher­heitshaus 2 Straßen weiter treffen wir uns, etwas benebelt, zu einem Interview mit 2 Verantwortlichen der Milicias Populares del Valle de Aburra, die gemeinsam mit ein paar anderen &lt;em&gt;Compas, &lt;/em&gt;die Milizarbeit im ganzen Großraum von Medellin koordinieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Empfang ist nett. Ein Gruppe von Jugendlichen, alles Jungs um die 15 oder 16, ist gerade auf Milizionärsschulung. 10 Leute, 7 Jungsche, die 2 Verantwortliche und eine Frau, die für die politische Schulung zuständig ist, lümmeln auf dem Ehebett einer Sympathisantenfamilie. Das Thema ist „was für ein Sozialismus ist denkbar? was müßte in Kolumbien anders gemacht werden als im Ostblock?&quot;. Die Jugendlichen sind interessiert, aber ein wenig hilflos. Die meiste Zeit versuchen sie zuzuhören und stellen Fragen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Rogelio Sanchez, einen der beiden Verantwortlichen, sind Milizschulungen von elementarer Bedeutung. „ Wir sind politischer geworden. Am Anfang war das Hauptziel ganz einfach, dem Banden­terror ein Ende zu setzen, heute be­schäftigen wir uns damit, Volksmacht aufzubauen, und das heißt vor allem, andere Leute und sich selbst zu schulen.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Jugendlichen, die alle noch auf der Schule sind, kommen jedes Wochenende. Sie lernen über Geschichte des Wider­stands, soziale Verhältnisse im Land und Positionen der linken Organisationen. Außerdem nehmen sie an den öffent­lichen Fortbildungen für Stadtteil­führerInnen und Gemeinderäte teil. Sonntägliche Nachmittagsveranstaltungen, in denen über die Spielräume der Arbeit in den halbinstitutionellen Kommunal­juntas diskutiert wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Rogelio Sanchez und Juan Campos haben die politischen Anstrengungen vor allem mit einer grundlegenden Selbst­kritik der Volksmilizen zu tun. „Früher waren wir Robin Hood, wir lösten die Probleme des Viertels, stellvertretend für das Viertel. Das Verhältnis war seltsam - eine Mischung aus Paternalismus unsererseits und Utilarismus von seiten der Gemeinde.&quot; Inzwischen wird von den Milicias eine gute Kulturveranstaltung, an der sich die Bevölkerung aktiv beteiligt, höher eingeschätzt als eine militärische Aktion, „die wir machen, und für die wir Applaus erhalten&quot;. Die Organisierung von systemoppositionellen Bewegungen im Stadtteil, das Entstehen von Widerstand, Selbstregierung und Volksmacht ist das zentrale Ziel der Milizen geworden. „Die Bevölkerung muß lernen, sich als Subjekt zu sehen&quot;, meint Juan Campos und fährt fort: „Wir glauben, daß revolutionäre Organisationen in diesem Bewuß­tseinsprozeß eine wichtige Rolle spielen. Von selbst entsteht Volksmacht nicht. Aber unsere Rolle ist nicht zu befehlen, unsere Rolle ist aufzufordern und zu stimulieren&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die beiden glauben, daß sich das Verhältnis von Bevölkerung und Milicias stark verändert hat durch die neue Praxis. Die Stadtteilbewohnerinnen seien kritischer geworden mit den Milizen und in der Lage, auch einmal &lt;em&gt;nein &lt;/em&gt;zu einem Vorschlag der Milicias zu sagen. Für die beiden Verantwortlichen ein großer Schritt, zeigt er doch an, daß die Leute anfangen, sich ein eigenes Bild zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch das Verhältnis zwischen den Milizen und der Guerillaorganisation UCELN, einer aus dem Guevarismus entstandenen undogmatischen Organisa­tion, die als radikalste der 3 kolum­bianischen Gruppen gilt, ist offener geworden. Niemand leugnet mehr, daß es in den Milicias Populares Militante der UCELN gibt. „Der Geheimdienst weiß es, wozu sollen wir die Bevölkerung anlü­gen&quot;, meint Rogelio Sanchez. Trotzdem seien die Milizen etwas eigenständiges: „Wir sind eine militärische Massen­organisation und von daher stehen wir der Guerilla so nahe oder fern wie eine Gewerkschaft, ein Bauernverband oder eine Stadtteilorganisation. Überall in den Massenorganisationen gibt es Guerilla- Militante, auch bei den Milizen. Und es ist auch richtig, daß wir bestimmte politische Ziele der Guerillakoordination Simon Bolivar, und im speziellen der Camilis­tischen Union EIN teilen. Aber wir sind dennoch nicht das gleiche. Wir haben andere Kriterien für eine Mitgliedschaft, unsere unmittelbaren Anliegen und unsere Praxis sind von der der Guerilla verschieden.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Medellin ist damit ein Novum. Nach Cucuta und der Erdölstadt Barrancabermeja ist es die erste Stadt, und vor allem die erste richtige Großstadt, in der die Guerilla städtischen Einfluß gewonnen hat. Auf Stadtteil­schulen zirkulieren die Hefte der Coordinadora Guerillera und von manchen Militanten wissen die Stadt­teilaktivistInnen zu welcher Organisation sie gehören. &lt;em&gt;„Mit der Politik der Milicias Populares ist die Position der Guerilla vielen Leuten näher gekommen. Das ist für den revolutionären Prozeß in Kolumbien ein immens wichtiger Schritt&quot;, &lt;/em&gt;meint Juan Campos zufrieden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Medellin. Lateinamerikanische Hardcore­Metropole am Rande des Wahnsinns, auch was die Linke betrifft: jede Gruppe versucht hier ihre eigene Miliz aufzubauen. Neben den Milicias Populares, gibt es die den kommunis­tischen FARC-EP nahestehenden Milicias Bolivarianas, die Milicias Populares de Liberacion (die mit dem EPL zu tun haben), die Milicias 6 y 7 de noviembre, die zum Teil heute unabhängig sind, zum anderen in der Nähe der „Corriente de Renovation Socialista&quot; (einer kleinen Abspaltung der UCELN) stehen. Die Trotzkisten haben ein Milizgrüppchen, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, genauso wie die „Nucleos Obreros­Populares&quot;, deren Ausrichtung ich nicht kenne, und die RIM-Mitgliedorganisation GCR, revolutionär-kommunistische Gruppe. Jede Sekte ihr Projekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ach ja, und dann gibt es noch das Milizprojekt der sozialdemokratischen EPL-Abspaltung &lt;em&gt;„Esperanza, Paz y Libertad&quot;, &lt;/em&gt;von der Polizei zur Verwirrung selbst gegründete Milizen, den unab­hängigen nicht-kriminellen Milizen, den kriminellen Gruppen, die sich Milizen nennen, weil sie den eigenen Straßenzug sichern, den nächsten aber überfallen, den unabhängigen selbstorganisierten Wachschutz von Jugendlichen, und die Leute Escobars, die zwar keine Miliz sind, aber auch bewaffnet auf der Straße herumlaufen können.... aber das alles gehört nicht mehr zur Linken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das seltsamste ist, daß man dieses ganze Chaos, von dem erzählt wird, nicht zu sehen bekommt. Medellin ist nicht die Stadt, in der an jeder Ecke geschossen wird, bewaffnete Patrouillen mit 27 verschiedenen Kürzeln auf den Armbändern kreuz und quer laufen, von Milizen Straßenkontrollen zur Kontrolle ihrer Territorien gemacht werden, wie es auf den Fernsehbildern aus Beirut immer zu sehen war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Medellin geht man morgens gemütlich auf der Straße frühstücken, verbringt den Tag mit Freunden, hört abends in einer Kneipe Musik, geht vergleichsweise früh nach Hause und schläft, um an nächsten Morgen zu hören, daß 32 Menschen umgekommen sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Horror bleibt meistens distanziert und die Präsenz der Milizen läßt sich in allem spüren, nur nicht in offener Bewaffnung auf der Straße.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine angenehme Stadt. Vor 25 Jahren ein Provinznest mit ein paar Hunderttausend Einwohnerinnen, angeblich so langweilig wie Stuttgart (behauptet ein Freund aus Bogota), und heute eine richtige Stadt, in der alle Trends der Welt zu finden sind: von den letzten Luxusartikeln, den Subkultur­bewegungen bis hin zur tiefschürfendsten Diskussion in der revolutionären Linken. Medellin wirkt in keinem Moment seltsam fremd wie etwa San Salvador oder Managua. Man kann einen aufgestellten Iro tragen, und sofort sagt der Alte an der Ecke fachmännisch &lt;em&gt;„Punk, was?&quot;. &lt;/em&gt;Europäerinnen fallen nicht auf, die &lt;em&gt;Paisas &lt;/em&gt;- die Medelliner - sind selbst nichts als Mischungen. Sogar ein Blondschopf, der sich anzieht wie vor Ort, kann - wenn er oder sie nicht gerade Sommersprossen und hochrote Haut hat- als Einheimischer durchgehen. Die Stadt wirkt, als ob sie etwas Vertrautes hätte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und hat sie doch wiederum nicht. Medellin liegt in einem tropischen Hochgebirgstal, große Kordillerenzüge schließen die Stadt eng ein, die Häuser bestehen aus einstöckigen, unverputzten Ziegelbauten, die Wege oft nicht asphaltiert, am Morgen der Nebel der Anden, am Mittag die Bergluft, die Bananenstauden überall am Wegrand.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber was wichtigste in Medellin ist: Zwischen der Tragödie wächst eifrig die Sehnsucht nach Leben, Organisierung aus dem fast-nichts, eine gigantische Überzeugung, daß außer der Revolution alles andere Quark ist. Das ist seltsam jenseits der deutschen Jämmerlichkeit von links. Eben eine aufbauende Stadt. Auf dem Weg zum Busbahnhof fällt mir der Verantwortliche der Milicias ein, der am Vorabend nach der Schulung zu uns meinte &lt;em&gt;„und wenn ich draufgehe, dann wünsche ich mir ein Spitzenbegräbnis - nur Salsa und RocknRoll.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Taxifahrer grinst in den Rücks­piegel. „ &lt;em&gt;Warst du zum ersten Mal hier?&quot; &lt;/em&gt;Ich nicke, damit er nachsetzt: „ &lt;em&gt;Und Bruder, wie fandest du Medellin, unsere Stadt des ewigen Frühlings?...&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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