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 <title>arranca! - Erwerbslosigkeit</title>
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 <title>Gnadenlos unerträglich</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/gnadenlos-unertraeglich</link>
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                    &lt;p&gt;Die neue Reality-Show auf Sat1, Gnadenlos gerecht, dokumentiert die Arbeit von zwei ‚Sozialfahndern’ im Kreis Offenbach in Hessen. Sie belauern und befragen Leistungsbezieher, um sie des Bruchs von Vorschriften zu überführen oder um nicht angegebenes Eigentum oder zusätzliche Verdienste aufzudecken.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Die neue Reality-Show auf Sat1, Gnadenlos gerecht, dokumentiert die Arbeit von zwei ‚Sozialfahndern’ im Kreis Offenbach in Hessen. Sie belauern und befragen Leistungsbezieher, um sie des Bruchs von Vorschriften zu überführen oder um nicht angegebenes Eigentum oder zusätzliche Verdienste aufzudecken. Wie die einzelnen ‚Fälle’ auf ihren Schreibtisch kommen, ist nicht immer klar - mehrfach werden schriftliche Denunziationen aus der Bevölkerung gezeigt. In diesen wird etwa behauptet, die Leistungsbezieher seien „seit Monaten in der Türkei“ oder der Lebensstil passe einfach nicht zum Bezug von Hartz IV. Dann werden die Fahnder aktiv – „wir müssen da hin“. Die Kamera immer dabei, obwohl man meist nur Nebel sieht, weil ohne die Zustimmung der Betroffenen nichts gezeigt werden kann, was auf ihre Identität hinweist. Also ist die meiste Zeit fast alles mit Weichzeichner hinterlegt – bis auf die beiden Sozialfahnder, die hölzerne Sätze zwischen sich hin- und herschieben. Und natürlich bis auf die Erfolgsgeschichten: wenn der Vater Alkoholiker ist, ist die Sozialfahnderin Frau Fürst auch mal großzügig und gewährt dem jungen Mann, obwohl er noch unter 25 ist, ein paar Euro für die eigene Wohnungseinrichtung. Nicht ohne zu kontrollieren, ob er sie auch richtig ausgegeben hat. Keiner der Aufgesuchten erhält eine Rechtsbelehrung, im Zweifelsfall wird eben das Kind einer Leistungsbezieherin an der Gegensprechanlage in die Mangel genommen, wo denn die Mama sei. Als die Kleine was von einer Fahrradtour erzählt, ist Frau Fürst wieder einen Schritt weiter: Das ist ihr ja schließlich nicht erlaubt, sich ohne Abmeldung von zu Hause zu entfernen - zumindest dieser Tag wird ihr schon mal gestrichen. Und wie dieses erste Anzeichen schon andeutet, wo Rauch ist, ist schließlich auch Feuer, bleibt es nicht bei der Fahrradtour. Durch ‚verdeckte Ermittlungen‘ und extensives Rumlungern in einer Kneipe weisen die Sozialfahnder auch noch Schwarzarbeit in der Kneipe nach. Leistungen werden gestrichen, Rückzahlforderungen, Anzeige wegen Betrugs.&lt;br /&gt; Der Titel Gnadenlos gerecht soll andeuten, dass hier nur dem Recht Geltung verschafft wird. Tatsächlich stellen sich Frau Fürst und ihr Gehilfe (die zwei sind ein bisschen wie in schlechten Fernsehkrimis: damit die Zuschauer den ohnehin schon dürftigen Spannungsbogen mitkriegen, wird dem Kollegen Sicherheitsexperten alles ganz genau erklärt) als eine Art Über-Eltern- Instanz dar: Wer ordentlich fragt und nicht betrügt, dem wird gewährt, ansonsten werden andere Saiten aufgezogen. Der Jargon der Denunziationsbriefe wird gerne von Frau Fürst noch mal wiederholt – „die fährt ’nen dicken fetten BMW“, „die sind also offensichtlich(!) seit Monaten in der Türkei“ –, eine Differenz zwischen Ressentiment und Amtsauftrag scheint es nicht zu geben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die ganze Wirklichkeit?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Sendung arbeitet Denkformen aus, die nahe legen, Gesellschaft so zu denken, „als ob die Unmittelbarkeit seiner Lebenslage/- praxis die ganze Wirklichkeit wäre“, wie Klaus Holzkamp es 1983 in „Grundlegung der Psychologie“ nennt. Holzkamp bezeichnet das als „deutendes Denken“, als kognitiven Aspekt restriktiver Handlungsfähigkeit: also einer Handlungsfähigkeit, die um den Aspekt des Eingreifens verkürzt ist. Gesellschaftliche Vermittlungen werden ausgeblendet. Das ist herrschaftsfunktional und ermöglicht den Einzelnen sich selbst darin so zu denken, dass sie nicht an die gesetzten Grenzen stoßen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Walter Benjamin analysierte das Interesse der Massen am aufkommenden Film als eines daran, sich selbst und ihre Arbeit ins Zentrum zu rücken. In der kapitalistischen Filmindustrie allerdings werde das Interesse der Selbst- und somit auch der Klassenerkenntnis umgelenkt auf das Interesse an Intimitäten der Stars. Die neoliberale Fernsehpraxis der Reality-Shows kann als herrschaftliche Reartikulation dieser verdrängten Interessen gesehen werden: Hier wird der ‚Anspruch’ eines jeden, gefilmt zu werden, nicht mehr bekämpft, sondern aufgegriffen. Diese Selbstverständigung über Lebensweisen und Gerechtigkeitsvorstellungen ist aber von Klassenerkenntnis denkbar weit entfernt. Gleichzeitig wird der Zuschauer in die Position des „halben Fachmanns“ (Benjamin) versetzt, der/die selber darüber befinden kann, was berechtigte Ansprüche sind, was ‚irgendwie verdächtig’ wirkt – und erscheint so plötzlich handlungsmächtig und ‚auf der richtigen Seite’.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In einer europaweiten Interviewstudie zu den Erfahrungen von Menschen mit den aktuellen gesellschaftlichen Umbrüchen zeigt sich immer wieder das Gefühl des „aufgekündigten Vertrages“ (vgl. &lt;a href=&quot;http://www.siren.at&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.siren.at&lt;/a&gt;). Gemeint ist die von vielen geteilte implizite Vorstellung, dass sich „harte Arbeit gegen gesellschaftliche Absicherung, Lebensstandard und Anerkennung tausche.“ Die Interviewten äußern durchaus Bereitschaft, härter zu arbeiten und mehr zu leisten, müssen aber feststellen, dass legitime Erwartung in Bezug auf verschiedene Aspekte von Arbeit, Beschäftigung, sozialen Status oder Lebensstandard dauerhaft frustriert werden: der Vertrag ist ‚einseitig gekündigt‘ worden. Dies führt zu Ungerechtigkeitsgefühlen und Ressentiments in Bezug auf andere soziale Gruppen, die sich den Mühen der Arbeit anscheinend nicht in gleichem Maße unterziehen müssten und für die besser gesorgt werde oder die ihre Sachen (illegal) selbst arrangierten: einerseits Manager, Politiker mit hohem Einkommen, die sich großzügige Pensionen zusprächen, andererseits Menschen, die von der Wohlfahrt lebten, statt zu arbeiten oder Flüchtlinge, die vom Staat unterstützt würden. Hier können rechte Mobilisierungen ansetzen, die ‚das Volk’ nach oben und unten zu verteidigen vorgeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;An solchen Gefühlen kann auch Gnadenlos gerecht ansetzen. Auf der Focus-Webseite unter einem Bericht über die Sendung fragt ‚Klingone’ im Blog: „Aber müssen wir dies als steuerzahlende Bürgerinnen und Bürger dulden, dass wir ausgenommen werden wie die Weihnachtsgänse?“ Wie kommt es, dass ‚Klingone’ gar nicht merkt, dass er von den 750 000 Euro, die das Fahnderduo dem Landkreis gespart haben will, nichts abbekommen hat? Zur Kontrastierung der ‚Schmarotzer‘ greift die Sendung auf rassistische Stigmatisierungen zurück: überdurchschnittlich viele angeblich entlarvte ‚Betrüger’ werden als ‚Türken’/‚Ausländer’ charakterisiert – das macht es einfacher, sich selbst nicht in der Lage der ‚Anderen‘ zu sehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Klassengesellschaft&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Diese Soap ist einfach schwer erträglich“, schreibt Michael Hanfeld am 21. August 2008 für Faz.net - und das ist wahrscheinlich das Wahrste, was dazu gesagt werden kann. Allerdings scheinen die Grenzen für Fremdscham unterschiedlich verteilt zu sein, wie Nachmittags-Talksendungen, &lt;em&gt;Toto&amp;amp;Harry&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Big Brother&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Frauentausch&lt;/em&gt; zeigen.&lt;br /&gt; Und doch fragt man sich, ob die Sendung auch gegen den Strich geschaut werden kann? Kann der offensichtliche Zwangscharakter dieser Sozialkontrolle die Wahrnehmung für gesellschaftliche Zusammenhänge stärken und kommt vielleicht irgend jemand mal auf die Idee, die 750 000 angeblich gesparten Euro mit den 480 Milliarden zu vergleichen, die der deutsche Staat von jetzt auf gleich den Banken zur Verfügung stellt? Zumindest finden sich auch Diskussionsbeiträge, die gegen „Stasiund Gestapo“-Methoden wettern und von „Neo-Hexenjagd“ sprechen (Differenzierung ist auch hier nicht gerade die Stärke der Blogger). Kann es sein, dass Menschen aus der Sendung lernen, wie sie nicht so schnell erwischt werden? Dass es sinnvoll sein kann, mit seinen Nachbarn über Zumutungen des Sozialstaates zu sprechen, der ihnen nicht mal die Fahrradtour gönnt? Den Kommentar auf der Faz.net-Seite lesen wohl wieder nicht die Richtigen: „Es geht um [...] ein beeindruckendes Spektakel [...], das vor allem den noch Arbeitenden deutlich vor Augen führen soll, welche Zumutungen man als Arbeitsloser ertragen muss. [...] Die Klassengesellschaft ist mitnichten tot.“&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 13:30:40 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Die Kreation der glücklichen Versager</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/40/die-kreation-der-gluecklichen-versager</link>
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                    &lt;p&gt;Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, dem Abbau von sicheren Arbeitsplätzen, der Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen und dauerhafter Arbeitslosigkeit wird das Misslingen individueller Lebenspläne zu einem Massenphänomen. Am unteren Ende wird die Gruppe der »Entbehrlichen« immer größer, die dauerhaft aus dem Erwerbssystem ausgeschlossen und damit auch kulturell, institutionell und sozial ausgegrenzt sind. Zeitgleich entsteht eine neue Querkategorie sozialer Ungleichheit: die »Überflüssigen« der gut Qualifizierten, die zwar nur zeitweise von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aber mit dem neuen negativen Risikobewusstsein leben müssen, dass es auch diejenigen treffen kann, deren Position bisher garantiert zu sein schien. Angesichts dieser gesellschaftlichen Wandlungsprozesse gibt es ein großes öffentliches Interesse an neuen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern im Umgang mit individuellem und kollektivem »Scheitern«.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, dem Abbau von sicheren Arbeitsplätzen, der Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen und dauerhafter Arbeitslosigkeit wird das Misslingen individueller Lebenspläne zu einem Massenphänomen. Am unteren Ende wird die Gruppe der »Entbehrlichen« immer größer, die dauerhaft aus dem Erwerbssystem ausgeschlossen und damit auch kulturell, institutionell und sozial ausgegrenzt sind. Zeitgleich entsteht eine neue Querkategorie sozialer Ungleichheit: die »Überflüssigen« der gut Qualifizierten, die zwar nur zeitweise von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aber mit dem neuen negativen Risikobewusstsein leben müssen, dass es auch diejenigen treffen kann, deren Position bisher garantiert zu sein schien. Angesichts dieser gesellschaftlichen Wandlungsprozesse gibt es ein großes öffentliches Interesse an neuen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern im Umgang mit individuellem und kollektivem »Scheitern«.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit Ende der 1990er Jahre bilden sich Gruppen, wie etwa die &lt;em&gt;glücklichen Arbeitslosen&lt;/em&gt; um Guillaume Paoili, die mit dieser provokativen Bezeichnung das negative Stigma von Arbeitslosigkeit positiv wenden wollen. Es gibt Selbsthilfegruppen für Gescheiterte, eine Fülle von Internetplattformen, die dafür werben, dass man »schöner« oder »besser« scheitern kann (wie etwa die &lt;em&gt;Agentur für gescheites Scheitern).&lt;/em&gt; In Berlin startete zum Jahrtausendbeginn die Veranstaltungsreihe &lt;em&gt;Die Show des Scheiterns&lt;/em&gt; und der &lt;em&gt;Der Club der polnischen Versager&lt;/em&gt; öffnete seine Tore.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So unterschiedlich die Projekte sind, gemeinsam ist ihnen, dass sie bisherige Kriterien eines »gelungenen Lebens«, die sich immer weniger realisieren lassen, in Frage stellen und nach alternativen Lebensentwürfen suchen. Betrachtet man den &lt;em&gt;Club der polnischen Versager&lt;/em&gt; als Teil dieses Diskurses, lässt sich daran anschließend fragen: Wovon ist die Rede, wenn von »Scheitern« gesprochen wird? Wann gilt eine Person bzw. ein Leben als »gescheitert«? Welche alternativen Sinngebungen von »Scheitern« werden entworfen?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Der Club der polnischen Versager&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die vier Gründungsmitglieder des &lt;em&gt;Clubs der Polnischen Versager&lt;/em&gt; – Wojciech Stamm, Leszek Oswiecimski, Piotr Mordel und Adam Gusowski – kamen Ende der 1980er Jahre als Flüchtlinge nach Westberlin. Vor allem die Schwierigkeiten bei der Integration in den Arbeitsmarkt waren für sie der Anlass, den &lt;em&gt;Bund der Polnischen Versager&lt;/em&gt; zu gründen. Die Migranten sahen sich mit einer Abwertung ihrer bisherigen Qualifikationen und schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert. Sie machten Erfahrungen von Ausgrenzung und des potenziell Überflüssigseins.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ähnlich wie die &lt;em&gt;Glücklichen Arbeitslosen&lt;/em&gt; reagierten sie mit einer Selbststigmatisierung auf die Ausgrenzungserfahrungen. Mit der 1995 kreierten Bezeichnung &lt;em&gt;Bund der Polnischen Versager. Polenmarkt e.V.&lt;/em&gt; nimmt die Gruppe eine negative Fremdzuschreibung auf und setzt sie als Selbstbeschreibung ein. Damit eröffnet sich auch die Möglichkeit, deren Bedeutung zu verschieben: Indem die Fremdbilder als Selbstbilder eingesetzt werden, werden sie ironisch gewendet. Verstärkt wird dieses Spiel mit den Stereotypen noch durch das Anhängsel im Namen: &lt;em&gt;Polenmarkt e.V&lt;/em&gt;. Im West-Berlin der 1980er Jahre entstand auf dem Potsdamer Platz und in der Kantstrasse der legendäre »Polenmarkt«, der von den Anwohnern mit Argwohn betrachtet wurde. Negative Stereotypisierungen über die »polnische Wirtschaft« waren und sind in der Bevölkerung weit verbreitet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit der deutsch-polnischen Literaturzeitschrift &lt;em&gt;Kolano&lt;/em&gt;, deutschsprachigen Theaterproduktionen und Satireradiosendungen beim Sender &lt;em&gt;Multikulti&lt;/em&gt; machte und macht die Gruppe das polnische Kunst- und Kulturleben für eine größere Öffentlichkeit sichtbar. Eine ungeahnte Popularität erreichten die &lt;em&gt;Polnischen Versager&lt;/em&gt; mit der Eröffnung der Clubräume im Spätsommer 2001. Seitdem präsentieren die &lt;em&gt;Polnischen Versager&lt;/em&gt; wöchentlich polnische Filme, veranstalten Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen (vgl. http://www.polnischeversager.de).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Jahr 2002 erschien der Roman &lt;em&gt;Klub der Polnischen Wurstmenschen&lt;/em&gt;, geschrieben von Leszek Herman Oswiecimski&lt;em&gt;,&lt;/em&gt; der später auch verfilmt und als Theaterstück inszeniert wurde. Der Roman ist eine Mischung aus Märchen, Schelmenroman und Roadmovie: Anfang der 1990er Jahre sind die Deutschen ganz verrückt nach polnischer Wurst. Polen erlebt sein Wirtschaftswunder, doch dann wird die Einfuhr der polnischen Wurst von den Deutschen in den EU-Binnenmarkt verboten. Freigesetzte Wissenschaftler erfinden deshalb Lebewesen aus polnischer Wurstware, die über die Grenze geschmuggelt werden sollen, um anschließend auf deutschen Fleischertheken zerlegt zu werden. Der erste Versuch scheitert! Immerhin können der dicke, der große und der dünne Wurstmensch fliehen. Die Drei geraten zwischen die Fronten des polnischen und des deutschen Geheimdienstes. Auf vielen Umwegen finden sich die Wurstmenschen in Berlin zusammen und gründen einen Klub.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Roman geht es also um die künstlerische Auseinandersetzung mit der Migration, gleichzeitig wird jedoch auch um das Verhältnis von Deutschen und Polen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft reflektiert. Darüber hinaus erfolgt eine philosophische und historische Auseinandersetzung mit dem Thema Versagen. Der Autor Leszek Oswiecimski entwirft eine Genealogie von Versagertypen und differenziert einen spezifischen polnischen Typus. Er macht sich in diesem Kontext auf die Suche nach einer positiven Bedeutung von Scheitern. Ihm geht es nicht nur um eine &lt;em&gt;Neu&lt;/em&gt;deutung von Scheitern. Sein Ziel ist es, »dass die ganze Lächerlichkeit unseres krampfhaften Festhaltens an der verlogenen Größe und am vermeintlichen Erfolg uns vor Augen tritt« (S. 110).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und so ist es auch die Aufgabe der drei Wursthelden, auf ihrem Weg der Identitätsfindung »mehr Selbstunsicherheit [zu] gewinnen« (S. 133). Zentral dafür ist die Literatur, denn auf Grund eines »genetischen Defekts« haben alle drei Wurstmenschen einen »Drang zur Literatur« (S. 85) und beginnen selbst Lyrik, Essays, Traktate zu schreiben. Bedeutsam ist aber auch die Auseinandersetzung mit der Philosophie der Existenzialisten. Insofern wird im Roman auch, wie Uwe Rada dies formuliert, eine Art »literarische Gebrauchsphilosophie« entworfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Ende des Romans sind sowohl die deutschen als auch die polnischen Geheimdienstler besiegt, und es findet sich eine Gruppe zusammen, die gemeinsam miteinander glücklich sein will, indem sie »massenhaft Zwiespalt und Zweifel [...] und noch mehr Selbstunsicherheit gewinnen [will]« (S. 156). Als Voraussetzung für dieses Glück gilt jedoch die Absage an eine berufliche Karriere und das Streben nach beruflichem Erfolg. Die Wurstmenschen selbst gehen in dieser Gruppe aus Polen und Deutschen nicht gänzlich auf, sondern gründen eine neue »ethnische« Zugehörigkeit, weil sie mittlerweile »so viel Gefallen an ihrem wurstmenschlichen Anderssein fanden«. Deshalb gründen sie einen Klub in einer großen Stadt. Auf der letzten Seite des Romans folgt das &lt;em&gt;Manifest der Wurstmenschen&lt;/em&gt; das mit dem 1995 erschienenen Manifest der &lt;em&gt;Polnischen Versager&lt;/em&gt; identisch ist. Darin konstituieren sie sich als eine kleine, exklusive Gruppe, die sich vom »Rest«, den »Menschen des Erfolgs«, abgrenzt. Sie stellen den Anspruch, sich nicht an deren »Terror der Vollkommenheit« orientieren zu wollen und trotz ihrer permanenten Missgeschicke als kreative Menschen sozial anerkannt zu werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Fazit&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Obwohl sich die Kritik gegen die Erfolgskultur als Ganzes richtet, ist für die &lt;em&gt;Polnischen Versager&lt;/em&gt; der Erfolg vor allem an den Erwerbsbereich geknüpft. Mit der Negativbewertung ist folgerichtig auch der Abschied von einem Lebensentwurf verbunden, der auf eben dieses berufliche Vorwärtskommen und die berufliche Anerkennung ausgerichtet ist. Kritisiert wird die Entfremdung, die das Individuum bei der Erwerbsarbeit erfährt. Erst jenseits von Erwerbsarbeit öffnen sich dem Individuum »neue Welten von Wissen und Fakten, von denen [...] [es] bisher nichts gehört hatte« (S. 106). Dem kühlen und kaltblütigen Spezialisten der westeuropäischen Erfolgskultur wird ein Wesen gegenübergestellt, das gefühlvoll und intellektuell ist, sich künstlerisch betätigt und das sich Zweifel erlaubt an seinen tiefen Überzeugungen und Weltanschauungen. Dieser »neue Mensch«, so der Autor in einem Interview, hat auch das Potenzial, die Welt zu verbessern, indem er zweifelt und grübelt&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Entwurf eines »neuen Menschen« wird implizit das auf Erwerbsarbeit fokussierte hegemoniale Männlichkeitsmodell kritisiert und eine Alternative entworfen. Obwohl dies nicht explizit gesagt wird, verhandelt der Roman die Lebensentwürfe von männlichen Wesen, dass die Wurstmenschen männlichen Geschlechts sind, daran lässt der Autor keinen Zweifel. Oswiecimskis alternativer Entwurf setzt das Versagen im bzw. die Absage an ein Berufsleben voraus. Dem männlichen »Berufsmenschentum« stellt er einen Lebensentwurf gegenüber, in dessen Mittelpunkt intellektuelles und künstlerisches Schaffen um seiner selbst willen steht. Das Unterlaufen des Erfolgsprinzips, Versagen und Selbstzweifel werden zum konstitutiven Moment eines alternativen Lebensmodells aufgewertet, das in komplexen Bezügen zu sowohl modernen als auch postmodernen philosophischen und künstlerischen Konzepten steht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gerade diese Kritik an einem auf Erwerbsarbeit zentrierten Lebenslauf halte ich für einen dringend notwendigen Beitrag im öffentlichen Diskurs. Denn trotz des Rückgangs an Arbeitsplätzen gewinnt in den Lebensentwürfen von Männern (und nun auch Frauen) Erwerbsarbeit an neuer Strahlkraft und auch die Politik hält an dem unrealistischen Ziel einer Vollerwerbsgesellschaft fest. Das massenweise Scheitern von Biographien ist durch diese Ausrichtung fast vorprogrammiert. Umso dringender sind alternative Diskurse notwendig wie ihn die &lt;em&gt;Polnischen Versager&lt;/em&gt; und andere »Gescheiterte« öffentlich formulieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;&lt;em&gt; Bei dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Fassung meiner Analyse des aktuellen Diskurses der »Gescheiterten«, nachzulesen in: &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Scholz, Sylka: Die »Show des Scheiterns« und der »Club der Polnischen Versager«. Der (neue) Diskurs der Gescheiterten. In: Zahlmann, Stefan/Scholz, Sylka (Hg.): Scheitern und Biographie. Die andere Seite moderner Lebensgeschichten, Gießen 2005.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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