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 <title>arranca! - Feminismus</title>
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 <title>Darf‘s ein bisschen queer sein?</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/52/darf-s-ein-bisschen-queer-sein</link>
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                    &lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die Debatte um «Vergewaltigungsopfer» und «Erlebende», warum alter und neuer Feminismus sich nicht ausstehen können und die Frage, ob ein gemeinsamer Kampf möglich ist.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die Debatte um «Vergewaltigungsopfer» und «Erlebende», warum  alter und neuer Feminismus sich nicht ausstehen können und die Frage, ob  ein gemeinsamer Kampf möglich ist.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anfang 2017 veröffentlichte Mithu Sanyal gemeinsam mit Marie Albrecht in der &lt;em&gt;taz&lt;/em&gt; den Artikel &lt;em&gt;Du Opfer!&lt;/em&gt;, in dem die beiden Autor*innen einen neuen sprachlichen Umgang mit den Betroffenen von Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt vorschlagen. Der Text löste eine Kontroverse aus, in der vor allem ein offener Brief der radikal-feministischen Gruppe &lt;em&gt;Störenfriedas&lt;/em&gt; und eine Replik der &lt;em&gt;Emma&lt;/em&gt; durch eine stark ablehnende Haltung hervorstechen. Diese Texte erhoben zahlreiche Vorwürfe an Sanyal, bis hin zur groben Verharmlosung sexualisierter Gewalt. Wir sehen diese Debatte als exemplarisch für einen grundsätzlichen Konflikt zwischen dem aus der Zweiten Frauenbewegung stammenden Radikalfeminismus und neueren, von queerer Denkart beeinflussten Feminismen, wie er beispielsweise auch in den anhaltenden Debatten über Prostitution/Sexarbeit oder Gender-Wissenschaften erkennbar ist. Wir fragen uns: Warum nur bekämpft man sich auch innerhalb eines feministischen Lagers immer wieder so unerbittlich?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sanyal und Albrechts Artikel entstand in Folge einer Podiumsdiskussion zu Sanyals Buch &lt;em&gt;Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens&lt;/em&gt;. Dort baten Betroffene sexualisierter Gewalt darum, nicht als «Opfer» bezeichnet zu werden. Daraufhin entwarfen die beiden Autor*innen den Alternativvorschlag, von «Erlebenden» sexualisierter Gewalt zu sprechen. Die Bezeichnung Opfer scheint den Autor*innen pro­blematisch, da der Opferbegriff im Zusammenhang mit Vergewaltigung eine sexistische Dimension habe. Er beschreibe Betroffene als ausschließlich passiv und schutzbedürftig, lege sie damit auf stereotyp «weibliche» Normen fest und richte konkrete Erwartungen an sie: Sofern sie sich nicht als gebrochen zeigten, würde ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt und ihnen Unterstützung verwehrt. Dabei geht es Sanyal und Albrecht nicht darum, die Gewalt zu relativieren oder gar die Bedeutung der konkreten Tat abzustreiten, sondern darum, dass die Betroffenen die Deutungsmacht über diese Gewalt und die Handlungsmacht über die Konsequenzen zurückgewinnen. Sie verstehen ihren Vorschlag, den Begriff Erlebende zu nutzen, als eine Möglichkeit für die Betroffenen, mit den Folgen einer Vergewaltigung selbstbestimmt umzugehen und als aktiv Handelnde wahrgenommen zu werden. Der Begriff solle explizit nicht verbindlich für alle gelten, denn Betroffene könnten sich selbst bezeichnen, wie sie es wünschen, also auch als «Opfer».&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Kritik der Störenfriedas und der Emma richtet sich nun im Kern darauf, dass der Begriff Erlebende die Gewalt unsichtbar mache. Die Formulierung würde das krasse Ausmaß sexualisierter Gewalt auf ein bloßes Erlebnis reduzieren, damit verharmlosen und die Betroffenen alleine lassen. Begriffe wie Opfer oder Überlebende dagegen machten die Gewalt sichtbar und würden trotzdem nicht die Bedeutung von Handlungsmacht vergessen. Darüber hinaus sei der Begriff des Opfers in Dualität mit seinem Konterpart wichtig. Die Benennung des Täters sei elementare Voraussetzung für gesellschaftliche Sanktionierung im Allgemeinen und wirksame Strafverfolgung im Speziellen. Auch würde der Begriff der Erlebenden die gesellschaftliche Dimension von sexualisierter Gewalt als verankert in ungleicher, patriarchaler Machtverteilung verschleiern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Zwei feministische «Lager»&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Streit mag verständlicher werden, schaut man auf die Entwicklungslinien und politische Praxis zweier «Lager», die wir hier vermuten. Wir sehen die Störenfriedas und die Emma in der Tradition des Radikalfeminismus, der seine Ursprünge in der sogenannten Zweiten Welle der westdeutschen Frauenbewegung hat. Diese entstand innerhalb der Student*innenbewegung Ende der 1960er Jahre und legte ihren Schwerpunkt auf den Kampf für sexuelle Selbstbestimmung und gegen sexualisierte und häusliche Gewalt. In einer Situation weitgehender Abwesenheit eines gesellschaftlichen Bewusstseins für sexuelle Gewalt war vor allem die öffentliche Benennung und Skandalisierung ein notwendiger erster Schritt. Die Aktivistinnen griffen dabei vor allem auf Erfahrungen ihres Frauseins zurück, um einen gemeinsamen politischen Kampf zu ermöglichen. Dazu musste allerdings definiert werden, was authentisches «Frausein» jenseits der patriarchalen Zurichtung eigentlich sein sollte. Somit wurde neben dem öffentlichen Aktivismus ein starker Fokus auf die Selbstfindung als Frauen in ihrer Differenz zu Männern gesetzt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Zuge erster Erfolge in Gesetzgebung und staatlicher Anerkennung institutionalisierte sich die anfangs autonom organisierte Frauenbewegung in den 1980er Jahren zunehmend, etwa in öffentlich geförderten Frauenzentren oder Gleichstellungsreferaten. Mit der Zeit wurde jedoch auch die Kritik an dieser Form des Feminismus stärker, die im Kern zwei Aspekte beinhaltet: Auf der einen Seite würden nur Frauen mit bestimmter sozialer Positionierung adressiert und zum Beispiel Frauen in prekären ökonomischen Verhältnissen oder ohne deutschen Pass aus dem Blick geraten. Hinzu kommt der Vorwurf einer zu einfachen Vorstellung von Macht und Herrschaft: Neben den Opfer/Täter-Dualismus tritt die Idee der Verstricktheit aller in gesellschaftliche Machtstrukturen, durch die auch Frauen Diskriminierungsformen verinnerlicht hätten. Mit dieser Kritik eng verknüpft ist die Etablierung der &lt;em&gt;Queer Theory&lt;/em&gt; und die damit einhergehende Problematisierung der Kategorie «Frau». Die Theorie kritisiert die Annahme der binären Geschlechter «Mann» und «Frau», da diese Kategorien die Differenzen innerhalb der Geschlechter sowie auch in Hinblick auf zum Beispiel Rassifizierungen oder Klassenlage ignoriert. Das Beharren auf einer starren Definition von «Frau» ermöglicht zwar eine Solidarisierung unter Frauen, legt damit aber neue Ausschlüsse nahe. Diese Grundannahmen der Queer Theory sickerten nun im Laufe der 1990er Jahre zunehmend in eine politische Praxis ein und begründeten Queerfeminismen, die einen starken Fokus auf die Bedeutung von Sprache, Pluralität von Identitäten, Mehrfachdiskriminierungen und Definitionsmacht legen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gemeinsame Kämpfe mit verschiedenen Vorzeichen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Entwicklungslinien zeigen: Sowohl Radikal- als auch Queerfeminismus betonen die gesellschaftliche Dimension von Gewalt, aber unter unterschiedlichen Vorzeichen. Die radikalfeministische Tradition als Patriarchatskritik tendiert eher zu einer Kritik an (cis-)Männern, die gesellschaftliche Strukturen zu ihrem Vorteil einrichten. Nach dieser Lesart ist es nur folgerichtig von einem Opfer/Täter-Dualismus im Kontext von Vergewaltigung auszugehen, eine Benennung, die zu ihrem spezifischen historischen Zeitpunkt notwendig und strategisch sinnvoll war. Queerfeministisch inspirierte Ansätze hingegen betonen die Eingebundenheit &lt;em&gt;aller&lt;/em&gt; in Herrschaftsstrukturen und machen entsprechend die Bedeutung von sprachlicher und praktischer Selbstbestimmung Betroffener stark. Genau dieser Unterschied spiegelt sich im Streit um den Begriff der Erlebenden wider. Während Radikalfeministinnen im Begriff Opfer eine Solidarisierung mit Frauen sehen, kritisiert Sanyal diesen, da er zeigt, dass auch nicht-Männer sexistische Rollenbilder reproduzieren können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ohne Frage sind die Enttabuisierung und auch öffentliche Benennung von sexualisierter Gewalt nach wie vor nötig und möglichst kollektive politische Kampfbegriffe sinnvoll. Andererseits ist eine Erweiterung des traditionellen feministischen Ansatzes im Hinblick auf andere Diskriminierungsformen wie etwa Trans*feindlichkeit oder Rassismus und deren Überschneidungen unbedingt notwendig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Offenere Bündnispolitik&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Radikalfeministische Ansätze könnten durch eine selbstkritische Betrachtung der eigenen Kategorien (wie zum Beispiel des Begriffs Frau) bereichert werden. Damit würden Unterschiede in den eigenen Reihen sichtbar gemacht und diskriminierende Strukturen in der eigenen Denkweise überdacht werden. Die Reflexion sprachlicher Kategorien ist dabei kein reiner Selbstzweck, sondern ermöglicht eine offenere Bündnis­politik: Frauen und Frauen* verbinden schließlich hinsichtlich Gewalt- und Vergewaltigungserfahrungen gleiche Erlebnisse und gemeinsame Interessen. Gleichzeitig muss ein queer beeinflusster Feminismus anerkennen, dass allein Sprachregelungen noch keine institutionell abgesicherten Veränderungen bewirken kann und ein Schwerpunkt auf individuelle Selbstbestimmung unter Umständen zu einer Aufsplitterung der politischen Organisation führt. In der Praxis könnte das heißen, dass man von &lt;em&gt;dem einen&lt;/em&gt; Kampfbegriff für die Subjekte des Widerstands oder für die Sichtbarmachung von Gewalt besser absehen sollte, sich aber andererseits strategisch und in laufender Diskussion auf Begriffe und vor allem auf &lt;em&gt;gemeinsame Ziele&lt;/em&gt; verständigen kann, um eine Atomisierung in der Auseinandersetzung für gemeinsame Interessen zu vermeiden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Solch ein Ziel könnte sein, die gesellschaftlich verankerte Vergewaltigungskultur zu verändern, in der Frauen* und Frauen als dauerhaft verfügbare Objekte dargestellt und Vergewaltigungen so gesellschaftlich akzeptabel gemacht werden. Eine queerfeministische Kritik am tendenziell essentialistischen Opferbegriff und ein Bestehen auf Selbstbestimmung und gegenseitige Anerkennung ist in diesem Kampf allerdings nicht nur moralisch nett, sondern auch politisch geboten, sofern ein Bündnis zwischen &amp;nbsp;«altem» und «neuem» Feminismus wirksam sein und langfristig Bestand haben möchte.&lt;/p&gt;


&lt;!--
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 <category domain="https://arranca.org/tag/feminismus">Feminismus</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/queerfeminismus">Queerfeminismus</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Sun, 17 Jun 2018 22:00:15 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Feministische Politiken in der Türkei</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/45/feministische-politiken-in-der-tuerkei</link>
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                    &lt;p&gt;Bereits in der Spätphase des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert  organisierten sich gebildete Frauen innerhalb der Istanbuler Oberschicht  als Feministinnen und kämpften für Frauenrechte,&amp;nbsp; für den Zugang von  Frauen zu Bildung und Erwerbsarbeit, die Abschaffung der Polygamie und  der &lt;em&gt;Peçe&lt;/em&gt;, einer islamischen Gesichtsbedeckung. Diese  Gruppierungen, in denen auch armenische Frauen aktiv waren, waren durch  europäische feministische Bewegungen beeinflusst. Sie gaben  Frauenzeitschriften in verschiedenen Sprachen heraus und&amp;nbsp; es entstanden  wohltätige, kulturelle, pädagogische sowie wirtschaftlich orientierte  feministische Frauenorganisationen.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Bereits in der Spätphase des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert organisierten sich gebildete Frauen innerhalb der Istanbuler Oberschicht als Feministinnen und kämpften für Frauenrechte,&amp;nbsp; für den Zugang von Frauen zu Bildung und Erwerbsarbeit, die Abschaffung der Polygamie und der &lt;em&gt;Peçe&lt;/em&gt;, einer islamischen Gesichtsbedeckung. Diese Gruppierungen, in denen auch armenische Frauen aktiv waren, waren durch europäische feministische Bewegungen beeinflusst. Sie gaben Frauenzeitschriften in verschiedenen Sprachen heraus und&amp;nbsp; es entstanden wohltätige, kulturelle, pädagogische sowie wirtschaftlich orientierte feministische Frauenorganisationen. &lt;br /&gt;Nach Gründung der türkischen Republik im Jahre 1923 wurden Teile der Frauenbewegung nach und nach in den Staatsapparat integriert oder aber verboten. Der sogenannte Staatsfeminismus etablierte sich als Teil der Modernisierungsbestrebungen von Präsident Mustafa Kemal Atatürk nach westlichem Vorbild. Die Vielehe wurde verboten, Scheidungs- und Erbrechte zwischen den Geschlechtern egalisiert. &lt;br /&gt;Das bereits jahrzehntelang von Feministinnen eingeforderte Wahlrecht für Frauen wurde schließlich 1934 eingeführt. Die türkische Frau galt offiziell als emanzipiert und befreit. Eine große Diskrepanz zwischen formalen Rechten und der gesellschaftlichen Position der Frauen in der Türkei blieb aber bestehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Zweite Welle der Frauenbewegung in den 1980er Jahren&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Trotz staatskritischer sozialer Bewegungen in den 1960er und 1970er Jahren spielten feministische Organisationen und Diskurse erst wieder in der Türkei der 1980er Jahre eine bedeutendere Rolle. Nach dem türkischen Militärputsch 1980 und dem damit zusammenhängenden staatlichen Verbot aller politischen Vereinigungen begannen sich Frauen in Leserunden zu treffen und gemeinsam feministische Literatur zu diskutieren. In den sogenannten Selbsterfahrungsgruppen, die sich vor allem in Istanbul, Ankara und Izmir bildeten, reflektierten die Frauen ihre eigene sozialistische Vergangenheit und analysierten auch die patriarchalen Verhältnisse in den linken Bewegungen. Die Frauen, meist Akademikerinnen, Künstlerinnen und Journalistinnen, begannen aus einer feministischen Perspektive heraus das Konzept der türkischen Familie sowie das damit verbundene geschlechterspezifische Rollenverhalten zu kritisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In den folgenden Jahren wurden unabhängige feministische Frauenzeitschriften wie &lt;em&gt;Feminist &lt;/em&gt;(1987-1990) und &lt;em&gt;Kaktüs&lt;/em&gt; (1988-1990) gegründet, um insbesondere Formen von sexistischer Gewalt und geschlechtsspezifisch strukturierter Herrschaft in der Türkei öffentlich sichtbar zu machen. 1987 organisierten autonome Feministinnen erste öffentliche Demonstrationen gegen männliche Gewalt in Istanbul und Ankara. Es folgten Kampagnen gegen sexuelle Belästigung und für die Selbstbestimmung über den weiblichen Körper. Kritisiert wurde auch der türkische Staat, der die Gewalt gegen Frauen durch staatliche Institutionen wie Justiz oder Polizei nicht verhinderte und damit in gewisser Weise legitimierte. Zum Beispiel galt durch das in den 1980er Jahren noch gültige Ehegesetz der Ehemann als „Oberhaupt der Familie“ über alle anderen Familienmitglieder,&amp;nbsp; ohne dessen Einwilligung die Ehefrau weder eine Abtreibung vornehmen noch einer Erwerbsarbeit nachgehen konnte.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ausdifferenzierung der Frauenbewegung seit den 1990er Jahren&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Schwerpunkt internationaler feministischer Debatten hat sich im Zuge der Anerkennung von Differenzen innerhalb der Kategorie Frau seit den 1990ern auf Fragen von Identitäten und damit zusammenhängenden Machtpositionen verschoben. &lt;br /&gt;So beziehen sich radikale, lesbische, queere, sozialistische, muslimische, kemalistische, kurdische oder armenische Feministinnen und Frauengruppen in der heutigen Türkei auf unterschiedliche Identitäten und Differenzen. In der Datenbank der Netzwerkorganisation &lt;em&gt;Fliegender Besen&lt;/em&gt; waren 2009 mehr als 370 Frauenorganisationen verzeichnet, die sich in Form von Frauenvereinen, Lobbygruppen, Frauenberufsverbänden, feministischen Gruppierungen, Frauenzeitschriften und feministischen Zeitschriften oder Blogs organisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch die Formierung der Homo-, Bisexuellen- und Trans*-Bewegung in der Türkei und die damit zusammenhängende Infragestellung von heterosexuellen Normvorstellungen führten zu einer Weiterentwicklung feministischer Perspektiven. &lt;br /&gt;Für die Sozialwissenschaftlerin Bihter Somersan besteht die Frauenbewegung in der Türkei heute aus zwei Gruppen: Zum einen kämpfen kemalistische „Gleichheitsfeministinnen“ neben der Forderung nach einer landesweiten rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen im Bildungs- und Arbeitsbereich vor allem auch für eine ausreichende Repräsentation von Frauen im türkischen Parlament. Im Gegensatz dazu engagieren sich autonome Feministinnen, die sich aus sozialistischen, radikalen und kurdischen Feministinnen zusammensetzen, für eine grundlegende Transformation der patriarchal-hegemonialen Gesellschaftsstrukturen in der Türkei. &lt;br /&gt;So definiert die Aktivistin Cansu Karamustafa den Feminismus als „Kampf für die Freiheit, gegen alles sexistische und patriarchale Denken. Feminismus ist bedeutsam für mich, da dadurch die Gesellschaftsstruktur hinterfragt wird und somit eine Veränderung für alle impliziert ist.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch die Aktivistin Yasemin Öz betont ihr umfassendes Verständnis von Feminismus: „Feminismus ist für mich eine Ideologie; er thematisiert alle politischen Probleme und Fragen – sogar über die Wirtschaft und den Staat. [...] Ich habe alle Rechte wie jede andere Person auf der Welt, um nicht als Frau oder Lesbe diskriminiert zu werden. [...] Feminismus gibt mir die Macht und die Organisation, um gegen alle Ungleichheiten des Lebens zu kämpfen.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der muslimische Feminismus, der unter anderem die unreflektierte Rezeption westlicher feministischer Theorie im türkischen Kontext hinterfragt, ist ein neueres Phänomen. Die sogenannte Kopftuchdebatte, im Rahmen derer seit den 1980ern – und verstärkt seit dem erneuten Wahlsieg der islamischen Regierungspartei AKP im Jahr 2007 – über den freien Zugang von verschleierten Studentinnen zu Universitäten diskutiert wird, spaltet die Gesellschaft und die Frauenbewegung. Yasemin Öz beschreibt ihre Einstellung zur heftig geführten Debatte wie folgt: „Ein Kopftuch zu tragen akzeptiert die Religion, welche patriarchal strukturiert ist. Ich würde niemals ein Kopftuch tragen. Ich wünsche mir eine Welt, in der keine Frau ein Kopftuch trägt, um ihren Körper als sexuelles Objekt zu bedecken. Aber falls Frauen dies tun, haben wir kein Recht, sie von Bildung und Arbeit auszuschließen. Dies ist eine diskriminierende Praxis.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während autonome Feministinnen sich um eine Annäherung mit religiös geprägten Frauengruppen bemühen, gibt es aufgrund von Repressionserfahrungen während der Militärdiktatur nur eine schwache Zusammenarbeit mit den kemalistischen Frauen. Um feministische Perspektiven weiterentwickeln zu können, sind zudem laut Bihter Somersan „Bündnisse mit anderen gegenhegemonialen sozialen Gruppen wie Anti-Militaristen, die LGBTT-Bewegung&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_odlsmai&quot; title=&quot;LGBTT steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell und transident und bezieht sich in diesem Kontext auf die Homo-, Bisexuellen- und Trans*-Bewegung in der Türkei. &quot; href=&quot;#footnote1_odlsmai&quot;&gt;1&lt;/a&gt; und die linke Bewegung“ wichtig.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Gemeinsame Themen und Praktiken der heutigen Frauenbewegung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Trotz der Ausdifferenzierung seit den 1990er Jahren lässt sich heute zumindest partiell von einer Frauenbewegung sprechen, die über ideologische Grenzen hinweg gemeinsame Themen bearbeitet und öffentlich kritisiert. &lt;br /&gt;Als Reaktion auf den kriegerischen Konflikt zwischen der türkischen Armee und der Arbeiterpartei Kurdistans PKK im Osten der Türkei vertritt die feministische Bewegung heute meist eine antimilitaristische Position. Zudem wird der bereits in den 1980er Jahren eröffnete Diskurs über Geschlechterrollen und die Kritik an patriarchalen Strukturen in Familie, Wirtschaft, Armee, Staat und Religion fortgeführt. Durch die Thematisierung von sexueller Belästigung und Gewalt, von sogenannten Ehrenmorden, von Familien- und Kinderplanung, von Haushaltsarbeit sowie von Sexualität und Abtreibung wird das Privatleben auch von heutigen Feministinnen weiter politisiert. Eine wichtige gemeinsame Forderung der Frauenbewegungen ist zum Beispiel auch die Gründung und staatliche Förderung von Frauenhäusern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele Aktivistinnen beobachten auch weiterhin die türkische Gesetzgebung aus einer feministischen Perspektive. In Folge der Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union sowie dem Druck der 2002 gegründeten „Frauenplattform des Türkischen Strafgesetzes“ (&lt;em&gt;TCK-Kadın Platformu&lt;/em&gt;) hat die Türkei 2004 das türkische Straf-, Zivil- und Familienrecht reformiert. Seitdem werden Frauen und Männer im Ehe-, Scheidungs- und Eigentumsrecht gleichbehandelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In den 1990er Jahren wurden feministische Diskurse durch die Gründung von Frauenforschungsinstituten und universitären Studiengängen, beispielsweise an der Istanbul Universität und der Ankara Universität, institutionalisiert. Daneben erfüllt die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift &lt;em&gt;Amargi &lt;/em&gt;seit dem Jahr 2006 eine wichtige Funktion in der feministischen Theoriebildung und Gesellschaftskritik. &lt;br /&gt;Auf institutioneller Ebene werden heute unter anderem Konzepte des Gender Mainstreaming, der Abbau von geschlechtlicher Diskriminierung insbesondere auf dem türkischen Arbeitsmarkt sowie eine Quotenregelung für Parteien diskutiert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Bewertung der aktuellen feministischen Politiken&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Bihter Somersan zufolge war die feministische Bewegung der 1990er Jahre vor allem durch die Phase der Institutionalisierung und des „Projektfeminismus“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_lhczc92&quot; title=&quot;Seit den 1990er Jahren fließen vermehrt zeitlich begrenzte Projektgelder in Organisationen, die sich landesweit mit Gewalt in der Familie, Analphabetismus oder Frauenarbeitslosigkeit auseinandersetzen und versuchen mit ihren oftmals von der Europäischen Union finanzierten Programmen sozial schwache Frauen in der Türkei zu fördern. &quot; href=&quot;#footnote2_lhczc92&quot;&gt;2&lt;/a&gt; sowie der sich daraus ergebenden innerfeministischen Debatten über „Institutionalisierung versus Autonomie“ geprägt. Seit dem Beginn des 21. Jahrhundert ist die feministische Bewegung aufgrund der Solidarität und Zusammenarbeit von verschiedenen Frauenorganisationen gestärkt worden. Besonders die &lt;em&gt;TCK&lt;/em&gt;-Frauenplattform für die Reform des Strafrechts ist aufgrund der konstruktiven Zusammenarbeit von Parlamentarierinnen, zahlreichen feministischen Organisationen und autonomen feministischen Aktivistinnen ein „Leitmodell für zukünftige feministische Solidaritätskampagnen und für weiteren politischen Aktivismus“.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Meinem Eindruck nach reagieren Feministinnen mit ihrer Kritik und ihren Strategien auf die vielfältige Gesellschaft in der heutigen Türkei. Sie hinterfragen nicht nur die Kategorie Gender, sondern versuchen auch weitere Machtverhältnisse und -hierarchien in ihre Kritik einzubeziehen. Die Anerkennung unterschiedlicher ethnischer oder sozialer Herkünfte sowie die Bedeutung von sexueller Orientierung prägen, wie die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, vermehrt feministische Diskurse in der Türkei. Auch die Aktivistin Hazal Havalut betont den kapitalismuskritischen Aspekt ihres feministischen Ansatzes: „Der Liberalismus ist eine große Herausforderung, da sich die Türkei sehr schnell in eine neoliberale Richtung entwickelt. Ich denke, wir sollten mehr über Ungleichheiten neben Gender-Ungleichheiten nachdenken und wie wir diese in unsere Politik einbeziehen können.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die feministische Bewegung in der heutigen Türkei scheint im Verhältnis zu Diskussionen in Deutschland insgesamt progressiver und radikaler. Eine Erklärung dafür könnte der bisher immer noch vergleichsweise geringe Institutionalisierungsgrad der Frauenbewegung&amp;nbsp; in der Türkei sein. Die feministische Bewegung, vertreten unter anderem durch die Beratungs- und Unterstützungseinrichtung &lt;em&gt;Mor Çati&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Amargi&lt;/em&gt; und das 2008 gegründete &lt;em&gt;Sozialistische Feministische Kollektiv&lt;/em&gt;, hat sich durch ihre bisherige (finanzielle) Autonomie ihre staats- und systemkritische Haltung bewahrt. Auch größere Widerstände in der Gesellschaft gegen die Emanzipation der Frau könnten als Begründung für radikalere Positionen dienen. Feministische Sozialwissenschaftlerinnen wie Bihter Somersan und Anıl Al-Rebholz warnen deshalb auch vor den Gefahren einer weiteren „NGOisierung“ der feministischen Bewegung in der Türkei und der damit zusammenhängenden finanziellen Abhängigkeit von supranationalen und internationalen Organisationen. Befürchtet wird ein Verlust der Radikalität feministischer Kritik, ein weniger nachhaltiger „Projektfeminismus“, die Professionalisierung sowie Elitisierung der Frauen-NGOs und der damit zusammenhängende Verlust des Kontakts zur Basis.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_odlsmai&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_odlsmai&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; LGBTT steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell und transident und bezieht sich in diesem Kontext auf die Homo-, Bisexuellen- und Trans*-Bewegung in der Türkei. &lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_lhczc92&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_lhczc92&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Seit den 1990er Jahren fließen vermehrt zeitlich begrenzte Projektgelder in Organisationen, die sich landesweit mit Gewalt in der Familie, Analphabetismus oder Frauenarbeitslosigkeit auseinandersetzen und versuchen mit ihren oftmals von der Europäischen Union finanzierten Programmen sozial schwache Frauen in der Türkei zu fördern. &lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <category domain="https://arranca.org/tag/feminismus">Feminismus</category>
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 <pubDate>Tue, 28 Feb 2012 13:17:59 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Verschwommene Grenzen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/verschwommene-grenzen</link>
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                    &lt;p&gt;Danach gefragt, wie sich Alltag und linke Politik in den letzten 20 Jahren verändert haben, fällt mir als erstes auf, dass mein eigener Alltag in linker Kultur vor 20 Jahren begann. Ich zog damals in die Großstadt, suchte mir eine Gruppe, in der ich gegen Atomkraftwerke und für energiepolitische Alternativen arbeitete. Ich nahm an Wendo-Kursen teil. Ich arbeitete daran mit, ein Haus instand zusetzen, das ein Wohn- und Arbeitsprojekt für FrauenLesben werden sollte.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Danach gefragt, wie sich Alltag und linke Politik in den letzten 20 Jahren verändert haben, fällt mir als erstes auf, dass mein eigener Alltag in linker Kultur vor 20 Jahren begann. Ich zog damals in die Großstadt, suchte mir eine Gruppe, in der ich gegen Atomkraftwerke und für energiepolitische Alternativen arbeitete. Ich nahm an Wendo-Kursen teil. Ich arbeitete daran mit, ein Haus instand zusetzen, das ein Wohn- und Arbeitsprojekt für FrauenLesben werden sollte. Insbesondere bei Letzterem war ich mir ganz sicher, dass ich mich in „einem Unten, einem Draußen und einem Dagegen“ bewegte: Vorgesehen war für Frauen ein Leben in ökonomischer und persönlicher Abhängigkeit von Männern. Daneben durften wir ein bisschen berufstätig und politisch aktiv sein – aber letztlich sollten wir nicht wirklich autonom handeln. Dagegen setzten wir mit unserem Projekt ein Zeichen, in mehrfacher Hinsicht. Wir organisierten die Instandsetzung als Frauenbaustelle – in Zeiten, in denen Frauen aus vielen Baugewerken noch gesetzlich ausgeschlossen waren oder eine marginale Bedeutung hatten. Wir führten den Begriff Lesbe im Projektnamen, um (unabhängig von unseren tatsächlichen sexuellen Vorlieben) eine von Männern autonome Sexualität sichtbar zu machen. Wir schufen einen Raum, in dem Frauen leben und als Kulturproduzentinnen arbeiten sollten, ohne sich mit Männern auseinandersetzen zu müssen. &lt;br /&gt;Als das Haus fertig war, zog ich (wie etliche andere Projektfrauen) aus dem Projekt aus. Unser gemeinsames Ziel war die Fertigstellung des Hauses gewesen. Darüber hinaus waren unsere Lebensweisen zu unterschiedlich, als dass wir ein Kollektiv werden wollten, in dem wir uns angenehm-solidarisch bei der Alltagsbewältigung halfen oder uns gemeinsam politisch positionierten. Ich begann, Sozialökonomie zu studieren, weil ich über Arbeit als politisches Feld diskutieren wollte, ihre Geschichte verstehen, in diesem Bereich Herrschaftskritik leisten wollte, die auch eingreifen sollte. Außerhalb der Uni stieß man damals in der Linken mit diesem Thema auf wenig Interesse. Arbeit und die Kritik an Erwerbsarbeit waren irgendwie out. Diskutierte man über Rassismus, ging es um die ideologische Konstruktion der Unterschiede zwischen „Rassen“, um Ausschlussmechanismen auch in den eigenen Kontexten, um repressive staatliche Migrations- und Grenzpolitik, aber nicht um Arbeit. In den Diskussionen über Geschlechterverhältnisse ging es zunehmend um eine Dekonstruktion heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit. Butlers Texte sehr schätzend, fand ich doch, dass sich die Debatten über die Konstruktion von Geschlecht, die sich in den 1990er Jahren in Deutschland vervielfältigten, immer mehr auf die (Re-)Produktion kultureller Bilder, Normen, Werte begrenzten und sich von ihrer Anbindung an gesellschaftliche Arbeitsteilung, aber auch an viele Alltagspraxen immer weiter entfernten. Zudem gab es darin wenig wertschätzende Auseinandersetzung damit, dass Frauenbewegungen auch schon vor Butlers Texten vielfältige Praxen und Theorien entwickelt hatte, in denen Frauen die (eigene verinnerlichte) Konstruktion von Weiblichkeit hinterfragten.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Neoliberalismus und das begehrende Subjekt&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Was mein Selbstverständnis, dass wir uns mit feministischer Politik gegen die Reduktion von Frauenleben auf das Hausfrauendasein richten müssen, grundsätzlich erschütterte, war das Erleben, was der Begriff Neoliberalismus bedeutete und mit welchem Menschenbild und welcher Alltagskultur diese neue kapitalistische Produktionsweise einherging und -geht. „Wir werden nicht mehr daran gehindert, zu sagen, was wir selber wollen, sondern wir sollen es jetzt immer und überall tun: während der Arbeit, um alles reibungslos laufen zu lassen, in unserer Freizeit, um viel zu konsumieren“ und darüber all jene Bedürfnisse zu vergessen, die im Widerspruch zu einer von Konkurrenz und Leistungsdruck geprägten Welt stehen, so schrieb ich damals. Neoliberalismus setzt auf das begehrende Subjekt und legt uns nahe, das Bedürfnis, anders als die Masse sein zu wollen in marktfähige Praxen umzusetzen. Sicherlich sprach ein Blick auf die durchschnittliche soziale Positionierung von Frauen immer noch eine deutliche Sprache: Die geringen Einkommen, die (real vorhandene oder ihnen nur zugedachte) Zuständigkeit für Kinder, häufig Teilzeitarbeitsplätze, ihr hoher Anteil an denen, die Sozialleistungen empfangen und gleichzeitig – aufgrund der Anrechnung des Partnereinkommens und Ähnlichem – ihr Ausschluss davon. All dieses führte nach wie vor massenhaft zur ökonomischen Abhängigkeit von Frauen von Männern und einem patriarchalen Sozialstaat. Doch parallel dazu wurde nun auch das Bild der ökonomisch erfolgreichen und sexuell unabhängigen Frau hegemonial.&lt;br /&gt;Passive Revolution nennt Gramsci diesen Vorgang, in dem die Forderungen von ehemals gesellschaftskritischen Gruppen in die Politik der führenden Klassen aufgenommen werden, ohne dass damit Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse ernsthaft in Frage gestellt wären. Diese tiefgreifenden Veränderungen sind u.a. ein Ausdruck dafür, dass soziale Bewegungen in konkreten Kämpfen eine Stärke entwickelt haben, die es für die führenden Gruppen notwendig macht, mit Kompromissen auf sie einzugehen. Aber sie verdeutlichen zugleich auch die Fähigkeit der herrschenden Klassen, immer neue Herrschafts- und Regulationsmodi zu entwickeln. In der Konsequenz sind Praxen, die in fordistischen Verhältnissen Gesellschaft radikal in Frage stellten, unter den heutigen Bedingungen ein Element von Modernisierungsprozessen geworden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Feministische Politik im Neoliberalismus&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Feministische Politik ist seither komplizierter geworden. Plakate von ökonomisch selbstständigen und erfolgreichen Frauen zierten in den letzten Jahren das Hamburger Stadtbild – finanziert von einem konservativen Senat, dessen erste Tat es nach seiner Regierungsübernahme gewesen war, fast allen Projekten, die den Begriff „Frau“ im Titel führten, die Gelder zu streichen. Letzteres führt dazu, dass der Kampf um Projekte, die Frauen unterstützen, fast wieder revolutionär ist. Zugleich reicht eine reine Politik „für Frauen“ in Anbetracht der Politik, die sich symbolisch in den Plakaten ausdrückt und durch eine Frauenförderung, die dem Wirtschaftsstandort dient, durchaus auch materiell wird, nicht mehr aus (vielleicht hat sie auch nie ausge-&lt;br /&gt;reicht). Stärker als früher müssen wir heute deutlich machen, dass es uns um Projekte geht, deren Ziel es ist, dass alle Frauen selbstbestimmt an Gesellschaft teilhaben und ein glückliches Leben führen, das heißt auch arme Frauen, Frauen mit geringer Bildung, Frauen ohne deutschen Pass, Frauen in Krisen, die sich niemals erfolgreich selbst vermarkten werden.&lt;br /&gt;Feministische Politik hatte in den letzten 20 Jahren Probleme, auf diese widersprüchliche Eingelassenheit der eigenen Forderungen in neoliberale Regulierung eine radikale Antwort zu finden. Irgendwie konnte man sich lange Zeit nur zwischen institutionalisierter Frauen- und Gleichstellungspolitik, die in ewiger Gleichförmigkeit auf die Benachteiligung von Frauen hinweisen musste und einer queeren Kritik entscheiden, die zurecht dekonstruierte, was als Frausein galt, sich damit aber weitgehend auf akademisierte und kulturelle Fragen begrenzte. Der Beschränkung auf diese zwei Alternativen entkam man auch nicht, indem man sich in der radikalen Linken verortete. Feministinnen wurde auch hier in der Regel die Rolle zugeschoben, doch bitte etwas über die spezifische Situation von Frauen und die Bedeutung von Geschlechterverhältnissen einzubringen – während dieses Thema ansonsten lediglich in Randbemerkungen auftauchte. Mittlerweile, so scheint mir, entsteht in ganz verschiedenen Kontexten wieder eine Lust daran, beides zusammenzuführen bzw. Feminismus neu zu denken.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Der Zwang zur (linken) Selbstvermarktung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Neoliberale Kräfte wie auch soziale Bewegungen der 1970er - und 1980er Jahren wirkten – trotz teilweise gegensätzlicher politischer Zielsetzungen – in ähnliche Richtungen auf die starren Formen der fordistischen Gesellschaft ein. Gerade an der Frage, welchen Anforderungen sich Menschen (und damit auch Linke) im Alltag bei der Sicherung ihres Lebensunterhalts gegenübersehen, lässt sich diese Nähe konkretisieren. Wir stehen alle sehr viel mehr unter Druck, beim Finden von Erwerbsquellen nicht so wählerisch zu sein. Wir sind oft gezwungen, alle Lebensbereiche den Kriterien von Effizienz und Konkurrenzdruck zu unterwerfen. Dies liegt an strukturellen Zwängen, sei es, dass sozialstaatliche Nischen durch Hartz IV verschwunden sind, seien es geringe Löhne oder die Befristung von Arbeitsverträgen. Dieser Zwang zur Aktivierung verbindet sich mit der Herausbildung einer neuen Kultur, in der sich Menschen (erzwungenermaßen, aber dennoch selbsttätig) permanent dazu anhalten, sich mit den eigenen Haltungen und Wünschen auseinanderzusetzen, um eine individuelle Antwort auf die eigene, problematische Lebenssituation zu finden. Auch die Formen, in denen die individuelle Reproduktion abgesichert wird, sollen nun ausgehandelt und an individuellen Bedürfnissen orientiert gestaltet werden. Ob man dies in einer Patchwork-Familie organisiert, ob sich das kinderlose heterosexuelle Paar die Putzfrau leistet oder ob man als Single außerhalb der Lohnarbeit sozial vereinsamt – solange man die eigene Leistungsbereitschaft am Bedarf des Auftrag- oder Arbeitgebers ausrichtet und somit Marktgängigkeit erreicht, ist es in gewisser Hinsicht relativ egal, welche Lebensweise dazu gewählt wird.&lt;br /&gt;Eine Kritik des SelbstunternehmerInnentums funktioniert nicht darüber, dass wir diese vollständig und vermeintlich radikal zurückweisen. Gesellschaftliche Verhältnisse sind tatsächlich zunehmend so reguliert, dass die Absicherung und Gestaltung der eigenen Lebensqualität, wenn überhaupt, zunehmend nur noch in der Form gelingen kann, dass man die beschworenen Tugenden in irgendeiner Weise für sich lebbar macht. Dies gilt auch und gerade für Linke, die sich durch und für linke Politik hohe soziale Kompetenzen und fachliche Kenntnisse aneignen und weiterentwickeln – zum Beispiel indem sie Gesellschaft analysieren, Kultur produzieren, Bildungsarbeit und andere soziale Prozesse moderieren und initiieren. Das bedeutet unter anderem, dass die festen Grenzen zwischen dem, was Linke aufgrund ihrer politischen Überzeugung tun, und dem, womit sie die eigene Existenz und die Existenz linker Projekt sichern, bisweilen verschwimmen. Dass ich Zeit, Muße und die Fähigkeit habe, Texte wie diesen zu produzieren, ist ein Privileg, auf das ich sehr gerne für einen Kontext wie die arranca! zurückgreife, weil ich weiß, dass diese Überlegungen in linke Praxen einfließen. Es sind zugleich ähnliche Inhalte, an denen ich arbeite, wenn ich versuche, in einer prekären Welt meine eigene Zukunftsplanung abzusichern. Für linke Projekte gehört es heute oft zu ihrem Alltag, regelmäßig auf den „freien“ Märkten der staatlichen oder privaten Finanzierungsquellen ihren (gesellschaftlichen) Nutzen hervorzustellen. Wenn sie dabei desöfteren erfolgreich sind, ist das nicht automatisch ein Zeichen für die Stärke linker Bewegungen oder Ideen. Neoliberale Vergesellschaftung setzt darauf, dass Menschen – in Zeiten fehlender gesellschaftlicher Absicherungen – eigenverantwortlich von unten ihre Praxen regelmäßig erneuern und kreative Antworten auf prekäre Situationen finden. Genau dies können wir als Linke gut.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Trotz allem linke Analysen und Praxen entwickeln&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Mit den Diskussionen über Prekarisierung, die ab Mitte des letzten Jahrzehnts linke Debatten prägten, wandte sich die Linke wieder dem Thema Arbeit und Konflikten um diese zu. Darin wurde diese eigene Verstrickung in die veränderten Herrschaftsverhältnisse teilweise zum Thema. Hieraus erwuchsen etliche neue Politikformen, deren gesellschaftliche Perspektive mir allerdings manchmal unklar ist. AnhängerInnen von Negri/Hardt würden mir auf die zuvor stehenden Überlegungen sicher erwidern, dass wir genau deshalb mit allem, was wir tun, Teil einer Multitude sind, die zwar recht diffus durch die Welt wabert, aber in der nichtsdestotrotz das Begehren für andere gesellschaftliche Verhältnisse wächst, das sich früher oder später in neue revolutionäre Formen ergießt. Ich bin da weniger euphorisch und denke, linker Alltag heißt, sich in den Widersprüchen des SelbstunternehmerInnentums zu bewegen. Das heißt zu lernen, sich selbst und die eigenen Projekte als witzig, erfolgversprechend oder in anderer Weise als etwas Einzigartiges zu präsentieren und zugleich den Bezug zu den Ungerechtigkeiten dieser Welt, zu Ausbeutung, Profit, Unternehmensgewinnen, sozialer Ungleichheit theoretisch und praktisch herzustellen. Letzteres kann gelingen, aber auch scheitern. Dass linke Ansätze, Analysen und Projekte immer mal wieder dafür geeignet sind, in neoliberalen Projekten aufzugehen, dass wir darin oft auch unsere eigene – oft prekäre – Reproduktion absichern müssen, all dies führt meines Erachtens dazu, dass wir täglich relativ hart darum ringen, trotz allem linke Analysen und eingreifende Praxen zu entwickeln und uns nicht einfach an vorherrschenden Erwartungen zu orientieren. Wenn linke Alltagskultur in diesem Kontext eine spezifische Aufgabe hat, dann die, dass wir uns gegenseitig darin unterstützen, dieses Ringen nicht aufzugeben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Unsere Krisen verallgemeinern?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Meiner Wahrnehmung nach gehört es zu den Widersprüchen dieser Kultur des SelbstunternehmerInnentums, dass in ihr ein paar ganz alte Hierarchien wirksam sind, beispielsweise, dass es öfter Frauen sind, die größere Probleme haben, ihre eigenen Projekte als gut und wichtig zu begreifen und entsprechend zu vertreten, die in Gruppen seltener und kürzer das Wort ergreifen. Ich komme mir ungeheuer altmodisch vor, wenn ich dies schreibe, und möchte selber diese dichotome Geschlechterkonstruktion sofort hinterfragen – und dennoch fallen mir auf Anhieb drei Diskussionsräume ein, in denen ich diese Form der Sprach- und Arbeitsteilung in letzter Zeit erlebte. Für mich folgt daraus, dass wir das Feld der Auseinandersetzung mit unseren persönlichen Barrieren, Krisen, Selbstzweifeln und Unfähigkeiten nicht neoliberalen Karriere-Seminaren überlassen sollten, sondern diese Praxen im Gegenteil verallgemeinern und es für alle Menschen brauchbar werden lassen. Dazu gehört dauerhafte Bündnis- und Übersetzungsarbeit. Berufliche Veränderungen haben bei mir dazu geführt, dass ich mich mit der Arbeits- und Lebenssituation von Frauen, die in Pflegeheimen arbeiten, beschäftige. Viele von ihnen schätzen diese Tätigkeit sehr, aber die taylorisierten Bedingungen, unter denen sie arbeiten, sind oft schlicht grauenhaft; politische Auseinandersetzungen um sie gibt es dennoch selten. Ich bin mir seither wieder sehr viel mehr bewusst, dass die Widersprüche, die ich hier aufgezeigt habe, vor allem mein eigenes Umfeld betreffen und nicht ohne weiteres verallgemeinerbar sind und dass meine eigene Lebensweise als Sozialwissenschaftlerin auch ein Privileg darstellt. Das heißt nicht, dass nicht auch ich mit der Prekarität meiner Situation ringe, für deren Bewältigung wir nur mühsam kollektive Antworten finden. Aber es heißt, dass wir als linke Intellektuelle gefordert sind, die unterschiedlichen Unterdrückungserfahrungen, Perspektiven von einem guten Leben und von möglicher Veränderung ineinander zu übersetzen, damit sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensweisen gegenseitig verstehen und damit auch die, die sich nicht ohnehin politisch äußern, eine Stimme entwickeln und gehört werden. Es wäre schön, wenn die vielen kleinen und großen Bündnisse eine politische Stärke entwickeln, mit der die Spielräume für linke Projekte weniger abhängig sind von schwer durchschaubaren Finanzierungsmöglichkeiten, sondern von öffentlich ausgetragenen politischen Auseinandersetzungen, in denen niemand mehr an bestimmten Forderungen vorbei kann.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 16:42:42 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Remember what&#039;s forbidden</title>
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                    &lt;p&gt;„Abtreibungen sind doch legal, das kann doch Jede machen – wieso soll das überhaupt noch ein Thema für die Linke sein?“ – so lautet eine recht häufige Reaktion auf feministische Interventionen, die Abtreibung zum Thema haben. Daran zeigen sich zwei Aspekte, die eine Beschäftigung mit der Praxis von Schwangerschaftsabbrüchen für linke Feminist_innen erforderlich machen: Erstens wissen erstaunlich wenige Menschen Bescheid darüber, dass es in der BRD kein Recht auf Abtreibung gibt und was es praktisch bedeutet, eine Abtreibung haben zu wollen. Zweitens ist ein Schwangerschaftsabbruch immer noch ein Tabu. Zwar finden die meisten Linken wohl, das Abtreibungen zugänglich sein sollten, aber die genauen Umstände sollen bitte Privatsache der ungewollt schwanger Gewordenen bleiben. Dahinter steht die oft unausgesprochene Haltung, dass Abtreibung etwas moralisch Verwerfliches sei.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;„Abtreibungen sind doch legal, das kann doch Jede machen – wieso soll das überhaupt noch ein Thema für die Linke sein?“ – so lautet eine recht häufige Reaktion auf feministische Interventionen, die Abtreibung zum Thema haben. Daran zeigen sich zwei Aspekte, die eine Beschäftigung mit der Praxis von Schwangerschaftsabbrüchen für linke Feminist_innen erforderlich machen: Erstens wissen erstaunlich wenige Menschen Bescheid darüber, dass es in der BRD kein Recht auf Abtreibung gibt und was es praktisch bedeutet, eine Abtreibung haben zu wollen. Zweitens ist ein Schwangerschaftsabbruch immer noch ein Tabu. Zwar finden die meisten Linken wohl, das Abtreibungen zugänglich sein sollten, aber die genauen Umstände sollen bitte Privatsache der ungewollt schwanger Gewordenen bleiben. Dahinter steht die oft unausgesprochene Haltung, dass Abtreibung etwas moralisch Verwerfliches sei.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Abtreibung als Tabu und Praxis&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Warum eigentlich wird im gesellschaftlichen und linken Diskurs so ohne Weiteres angenommen, dass eine Abtreibung ein Erlebnis sein muss, das nach schweren Gewissenskonflikten und in tiefer Trauer stattfindet? Steht hinter dieser Annahme nicht doch der Wunsch, dass Frauen zumindest nicht ohne emotionale Schwierigkeiten Selbst-bestimmung über ihre Körper ausüben sollten? Und wenn eine Abtrei-bung zu einem schwierigen Erlebnis wird – hat das nicht oft mehr mit dem Schweigen zu tun, das eine Abtreibung umgibt, als mit dem Vorgang an sich?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine kritische Debatte über die rechtlichen und praktischen Bedingungen, unter denen Abtreibungen in der BRD stattfinden, ist als erster Schritt hin zu einem emanzipatorischen Umgang mit dem Thema notwendig. Obwohl die letzten intensiven Debatten um eine Neufassung des § 218 erst Anfang der 1990er Jahre stattfanden, wissen viele heute nicht mehr, was der § 218 ist und dass Abtreibungen in Deutschland keineswegs legal oder erlaubt sind. In diesem Paragraphen, der Schwangerschaftsabbrüche mit bis zu drei Jahren Knast belegt, werden mehrere Bedingungen aufgeführt, unter denen eine Abtreibung straffrei bleibt. Die am häufigsten genutzte Ausnahme ist die Fristenlösung, der zufolge Schwangere bis zur zwölften Woche nach der Empfängnis nach einem Beratungsgespräch und einer dreitägigen Wartezeit abtreiben können. Unter diesen Bedingungen gilt eine Abtreibung als „rechtswidrig, aber straffrei“. Nicht rechtswidrig ist der Abbruch, wenn eine Schwangerschaft den „körperlichen oder seelischen Gesundheitszustand“ einer Frau gefährdet. Diese medizinische Indikation ist an keine Frist gebunden. Bis zur zwölften Woche sind Abtreibungen nicht rechtswidrig, wenn die Schwangerschaft wahrscheinlich durch sexuelle Nötigung zustande gekommen ist (kriminologische Indikation). Minderjährige können sich nur dann selbstständig für eine Abtreibung entscheiden, wenn ein/e Arzt/Ärztin die „Einwilligungsfähigkeit“ bescheinigt, also wenn sie „nach ihrem Reifegrad in der Lage ist, die Bedeutung eines Schwangerschaftsabbruches zu erkennen“.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Beratung ist im § 219 und im Schwangerschaftskonfliktgesetz geregelt. Sie soll „dem Schutz des ungeborenen Lebens“ dienen, das „ein eigenes Recht auf Leben hat“, ist aber auch „ergebnisoffen zu führen“.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das juristische Paradox des „rechtswidrigen, aber straffreien“ Abbruchs schlägt sich auf den gesellschaftlichen Umgang mit Abtreibung nieder: Es ist nicht wirklich okay, einen Abbruch zu haben, und ohne Scham und Rechtfertigungsdruck soll es ihn auch nicht geben. Aus einer feministischen Perspektive steht diese Rechtspraxis dem Recht jedes Menschen, über sich und seinen/ihren Körper selbst zu bestimmen, entgegen. In der Zwangsberatung wird unterstellt, dass Frauen nicht in der Lage sind, eine eigenständige Entscheidung zu treffen. Stattdessen hat die Schwangere sich einer staatlich legitimierten, moralischen Kontrollinstanz zu unterwerfen, bevor ihr ein begrenztes Selbstbestimmungsrecht zugestanden wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber auch nach dieser entmündigenden Prozedur ist Abtreibung nicht unbedingt in der wünschenswerten Form zugänglich. Grundsätzlich gibt es zwei Arten abzutreiben: die instrumentelle und die medikamentöse (siehe hierzu Infobox). Welche Methode als besser empfunden wird, ist sehr individuell. Eine Absaugung gilt im Allgemeinen schonender als eine Ausschabung, leider wird letztere aber noch von manchen Ärzt_innen praktiziert. In der BRD werden nur relativ wenige Abbrüche medikamentös durchgeführt (etwa 10 Prozent). Allerdings ist die Wahlmöglichkeit zwischen den verschiedenen Methoden aus Unkenntnis seitens der Ärzteschaft oder auch aus Kostengründen nicht immer gegeben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Selbstbestimmung?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Slogan „Mein Bauch gehört mir“, mit dem in der zweiten Frauen-bewegung das Recht auf körperliche Selbstbestimmung formuliert wurde und der Selbstbestimmungsbegriff sind heute von feministischen Aktivist_innen nicht mehr (ungebrochen) benutzbar. Unserer Meinung nach ist er im neoliberalen Diskurs im Sinne von Selbstmanagement und Selbstoptimierung umgedeutet worden. Die argumentative Konzentration auf Selbstbestimmung blendet die gesellschaftlichen Bedingungen aus, unter denen wir uns entscheiden müssen und die eine wirklich freie Entscheidung verunmöglichen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Slogan bleibt zwar insofern richtig, als er sich gegen die Entscheidungshoheit von Gesetzgeber_innen, Ärzt_innen und Richter_innen über die Körper von Frauen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_ftoso60&quot; title=&quot;Trotz aller Kritik an zuschreibender Sprechweise (die auch wir teilen), die sich gegen die Verwendung des Begriffs „Frau“ als normative Festschreibung der heterosexuellen Matrix richtet, kommen wir nicht umhin, von Frauen zu sprechen um gesellschaftliche Zuschreibungen und Hierarchisierungen zu benennen und zu kritisieren. Gerade im Abtreibungsdiskurs wird das Bild der Frau als heterosexuell aktives fruchtbares Wesen, als umsorgende Mutter, als Verantwortliche für die demographische Reproduktion der Nation oder des Humankapitals oder eben als verantwortungslose Abtreiberin und Rabenmutter immer wieder (re)konstruiert und kann aber auch hier dekonstruiert und widerlegt werden.&quot; href=&quot;#footnote1_ftoso60&quot;&gt;1&lt;/a&gt; richtet. Auch eine Verteidigung des Sub-jektstatus der Frau gegenüber dem Fötus, der ihr gerade von Abtreibungsgegner_innen oft als gleichberechtigtes (Rechts-)Subjekt entgegengestellt wird, ist weiterhin unumgänglich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Zeiten der technischen Machbarkeit von Pränataldiagnostik (PND), Präimplantationsdiagnostik (PID) und Designer-Babys&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_wn6aut8&quot; title=&quot;Kinder, deren genetische Disposition so ausgewählt wird, dass sie perfekt als Organ- oder Knochemarkspender_innen für kranke Geschwister dienen können&quot; href=&quot;#footnote2_wn6aut8&quot;&gt;2&lt;/a&gt; müssen sich Feminist_innen allerdings die Frage stellen, worüber Frauen denn selbst bestimmen können sollen. Durch diese Reproduktionstechniken werden keine Freiheiten, sondern Entscheidungszwänge produziert, durch die auf die Frauen ein gesellschaftlicher Druck zur Kontrolle und Optimierung des „Produktes“ ausgeübt wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Von der Grundforderung der Frauenbewegung, dass es allein Sache der Schwangeren sein soll, sich für oder gegen die Fortführung einer Schwangerschaft entscheiden zu können, wollen wir nicht abgehen. Dies führt uns allerdings nicht zu der Aussage, Frauen hätten das Recht zu entscheiden, was für ein Kind sie haben wollten. Frauen müssen eine Schwangerschaft ablehnen können. Dazu muss ihnen die nötige Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist aber genauso vonnöten, über die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Ressourcen zu sprechen, derer es bedarf, um eine Schwangerschaft anzunehmen. Dies heißt dafür zu streiten, dass Kinder nicht Armut bedeuten und dass Behinderung kein Defizit darstellt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für einen linken Feminismus bedeutet dies, immer den gesellschaftlichen Kontext mitzudenken, in dem sich Entscheidungen artikulieren und zu fragen, wer denn unter welchen Umständen über was entscheiden kann und was das bedeutet. Die Kriterien der kapitalistischen Verwertungslogik umzusetzen, ist nicht die Freiheit, die wir meinen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Kreuz mit den 1000 Kreuzen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wenn es schon innerhalb der Linken nicht einfach ist, offen über Schwangerschaftsabbrüche zu sprechen, haben wir im gesellschaftlichen Mainstream erst recht nicht die Diskurshoheit. Selbsternannte Lebensschützer_innen haben zunehmend Erfolg damit, Debatten in ihrem Sinne zu beeinflussen. Aus einem evangelikalen und katholischen, größtenteils stramm rechtskonservativen Spektrum kommend, engagieren sich Abtreibungsgegner_innen für die Verschärfung der Abtreibungsgesetze. Sie arbeiten dabei mit gefälschten Zahlen, sprechen von 1000 statt 440 Abtreibungen pro Werktag, und geben sich als Retter der zur Abtreibung verführten Frauen. Letztere bekämen unweigerlich das so genannte Post-Abortion-Syndrome (PAS), das sich durch Depressionen, Drogensucht und Selbstmord äußere. Dass das PAS nie wissenschaftlich nachgewiesen wurde, hindert die Abtreibungsgegner_innen nicht daran, mit dieser Konstruktion moralischen Druck aufzubauen und Ängste zu schüren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn die 1000 Kreuze Märsche „für das Leben“, die Abtreibungsgegner_innen regelmäßig in Berlin, München, Münster und Fulda durchführen, oft wie die bizarre Inszenierung einer wirren Minderheit wirken: „Lebensschützer_innen“ haben gute Verbindungen zur Politik. Christian Wulff saß von 2005 bis 2010 im Kuratorium der evangelikalen Organisation pro christ, deren Führungsfigur Ulrich Parzany neben Abtreibungen auch Homosexualität als „Sünde“ und „Krankheit“ bezeichnet. Ursula von der Leyen pflegt ein gutes Verhältnis zum Arbeitskreis Christlicher Publizisten, der sich arge Sorgen um das Aussterben der Deutschen macht und von der Leyens Vater, den ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, mit den Worten zitiert: „Wenn die Türken hier mal die Macht übernehmen, kann es an Albrecht nicht gelegen haben.“ Bei Lebensschützer_innen verbindet sich patriarchale Ideologie, die Frauen mit Kindern in Küche und Kirche sehen will, mit Homophobie, Nationalismus. Kurz: „Lebensschutz“ ist Teil eines weit verbreiteten Rechtskonservatismus in der BRD.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch beim letzten Berliner „Marsch für das Leben“ im September 2010 wurden Grußworte etwa von den Bundesminister_innen Schavan, Guttenberg und Pofalla verlesen. Ungestört können die Abtreibungsgegner_innen jedoch schon seit 2008 nicht mehr durch die Hauptstadt ziehen: Feminist_innen und Antifaschist_innen begleiten sie lautstark und lassen die Kreuze, die für Abtreibungen stehen sollen, in die Spree platschen.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_ftoso60&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_ftoso60&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Trotz aller Kritik an zuschreibender Sprechweise (die auch wir teilen), die sich gegen die Verwendung des Begriffs „Frau“ als normative Festschreibung der heterosexuellen Matrix richtet, kommen wir nicht umhin, von Frauen zu sprechen um gesellschaftliche Zuschreibungen und Hierarchisierungen zu benennen und zu kritisieren. Gerade im Abtreibungsdiskurs wird das Bild der Frau als heterosexuell aktives fruchtbares Wesen, als umsorgende Mutter, als Verantwortliche für die demographische Reproduktion der Nation oder des Humankapitals oder eben als verantwortungslose Abtreiberin und Rabenmutter immer wieder (re)konstruiert und kann aber auch hier dekonstruiert und widerlegt werden.&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Sat, 18 Dec 2010 14:46:49 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Organisationsgeschichte</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/0/organisationsgeschichte</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;In diesem Text soll der Versuch unternommen werden, einen groben, dokumentarischen Überblick über die verschiedenen Organisationsansätze der letzten 25 Jahre in der BRD zu geben (wobei hier kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden soll), da nur über das Ver-stehen schon praktisch erfahrener Ansätze die Sicht frei werden könnte für einen neuen Organisationsversuch.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;In diesem Text soll der Versuch unternommen werden, einen groben, dokumentarischen Überblick über die verschiedenen Organisationsansätze der letzten 25 Jahre in der BRD zu geben (wobei hier kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden soll), da nur über das Ver-stehen schon praktisch erfahrener Ansätze die Sicht frei werden könnte für einen neuen Organisationsversuch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daß ein solcher notwendig ist, halte ich für unbestreitbar. Schließlich beschreibt Organisation zunächst einmal nicht mehr als den Zusammenschluß mehrerer Individuen zur Lösung eines politischen Problems. Für jede politische und soziale Gruppe, die ihre Interessen und Bedürfnisse nach außen vertreten will, stellt sich damit die Frage nach der politischen Organisationsform ganz zwangsläufig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Beurteilung von Organisations­ansätzen müßte sich daran festmachen, mit welchen Inhalten, Zielen und welcher Komplexität sie arbeiten und sich nach außen vermitteln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Meiner Ansicht nach ergeben sich vor allem zwei verschiedene Typen von Organisationsformen. Die einen, orga­nisch gewachsene, aus Bewegungen enstandene (Massenarbeiterkämpfe, Anti- AKW- Bewegung, Jugendrevolte); die anderen politisch bestimmte (K-Gruppen, operaistische und autonome Gruppen, RAF etc).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei der heutigen Debatte dreht sich vieles nur um bestimmte Erscheinungen, z.B. die schlechte Öffentlichkeitsarbeit, Ghettoisierung, Isolation usw. Es wird häufig versucht, diesen Erscheinungen mit neuen Formen von verbindlicher Arbeit zu begegnen. Allein dadurch werden die strukturellen Probleme aber nicht zu lösen sein. Die unzureichende Öffentlichkeitsarbeit autonomer Gruppen ist ja nicht nur Folge ihrer mangelnden Strukturen, sondern Teil ihres politisch- ideologischen Konzepts. Demzugrunde liegt die mechanistische Vorstellung, daß sich eine gute Aktion bereits durch ihre Vorbildhaftigkeit politisch vermittelt und zum Nachmachen motiviert, Öffentlich­keitsarbeit also weitgehend überflüssig ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Diskussion über Erscheinungs­formen hat fatale Auswirkungen. Sie führt zu einer Vertiefung der schon existierenden Gräben innerhalb der Restlinken. Die Debatten werden als Angriffe auf noch existierende Zusammenhänge begriffen bzw. die inhaltlichen Auseinandersetzungen als Scheingefechte geführt, in denen durch die jeweiligen ideologischen Grundposi­tionen die Ergebnisse von vorne herein feststehen. Jegliche Debatte über Organisierung verläuft so entlang der Linie Unorganisiertheit gegen Organi­siertheit - es entsteht sofort „Partei­verdacht&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es wird nicht mehr über die Grundlagen von Organisierung diskutiert, wobei hier zu betonen ist, daß auch die autonomen Gruppen nur eine spezifische Form davon darstellen, also das Schlagwort unorganisiert real nicht existiert. Als Folge der Begriffsverwirrung stellt sich auch der Rückgriff auf alte Organisationsmodelle &lt;em&gt;(„Ich sag wie es ist“ &amp;nbsp;&lt;/em&gt;Hamburg 1987) ein. Übersehen wird dabei, daß es nicht nur um eine Form geht, sondern auch um ihre spezifischen Inhalte, die wiederum die Form bestimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist also unabdingbar, die Organisa­tionsformen der letzten fünfundzwanzig Jahre nicht nur an den Erscheinungs­formen zu betrachten, sondern auch in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontext.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Verfasser dieses Artikels ist männlich. Ich bemühe mich, die Geschichte der Frauenbewegung und ihrer Organisationsstruktur hier kurz darzustellen, da ich der Meinung bin, daß ein Versuch der Analyse der Organisationsmodelle linker Gruppen ohne die der Frauenbewegung mangelhaft wäre. Daß diese Darstellung oberflächlich&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;und durch einen von außen geworfenen Blick gekennzeichnet ist, versteht sich aus dem, was Frauenbewegung heißt, nämlich Bewegung/Organisierung von Frauen, ohne Männer.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;I. Die Organisationsdiskussion im SDS&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Begonnen werden soll bei der Darstellung der verschiedenen Organisationsmodelle mit dem Diskussionspapier von Hans Jürgen Krahl und Rudi Dutschke (22. Dele­giertenkonferenz des SDS im September 67, erschienen in „Geschichte ist machbar&quot;, Berlin 1980). Der Text gliedert sich in drei klassische Schritte: Aus einer ökonomischen Analyse werden strategische Schlußfolgerungen für den politischen Kampf und daraus wiederum die erforderlichen organisatorischen Konsequenzen für den SDS gezogen. Gleichzeitig stellt das Papier den Versuch einer Zuspitzung der verbandsinternen Auseinandersetzung zwischen antiautoritärem und dem traditionellen Flügel - an der illegalen KPD orientierten Mitgliedern - dar. &lt;em&gt;„Der &lt;/em&gt;&lt;em&gt;noch nie dagewesenen Verbreiterung des antiautoritären Protestes nach dem 2. Juni war die überkommene, noch an der SPD orientierte Organisationsstruktur des SDS nicht gewachsen. Die Spontaneität der Bewegung droht die größten Gruppen organisatorisch zu paralysieren. Ihr politisches Verhalten erscheint deshalb zum großen Teil reaktiv aufgezwungen, und Ansätze für politisch-initiative Führung waren weitgehend hilflos&quot;.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In starker Anlehnung an einen Text von Ferencz Janossy, der später unter dem Titel „Das Ende des Wirtschaftswunders&quot; erschien, interpretierten sie die Rezession 1966/67 nicht einfach als Konjunktur­schwankung, sondern als Indiz für das Ende der die Nachkriegszeit bestim­menden Wiederaufbauphase.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;„Die auffälligste Erscheinung der gegenwärtigen ökonomischen Formationsperiode ist die Zunahme der staatlichen Eingriffe in den wirklichen Produktionsprozess als Einheit von Produktion und Zirkulation. Dieser Gesamtkomplex der staatlich- gesellschaftlichen Wirtschafts­regulierung bildet ein System des integralen Etatismus, der im Unterschied zum Staatskapitalismus auf der Grundlage der Beibehaltung der privaten Verfügung über die Produktionsmittel die Gesetze der kapitalistischen Konkurrenz ausschaltet und den ehemals naturwüchsigen Ausgleich der Profitrate durch eine staatlich- gesellschaftlich orientierte Verteilung der gesamtgesellschaftlichen Mehrwertmasse herstellt. In dem Maße, indem durch eine Symbiose staatlicher und industrieller Bürokraten der Staat zum gesellschaftlichen Gesamtkapitalisten wird, schließt sich die Gesellschaft zur staatlichen Gesamtkaserne zusammen, expandiert die betriebliche Arbeitsteilung tendenziell zu einer gesamtgesellschaftlichen. ”&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Indem die unmittelbaren Produzenten die ökonomische Gewalt verinnerlichten, könne der Staat scheinbar eine Liberalisierung seiner Herrschaftsfunktionen vollziehen. Möglich sei diese Perfektionierung der Machtapparatur nur - und darin wird ein zweites Mal an zentraler Stelle auf die Kritische Theorie rekurriert - durch ein gigantisches System der Manipulation.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&quot;Der Ausweg des Kapitalismus aus der Weltwirtschaftkrise beruhte auf der Fixierung an die terroristische Machtstruktur des faschistischen Staates. Nach 1945 wurde diese außer- ökonomische Zwangsgewalt keineswegs abgebaut, sondern im totalitären Ausmaß psychisch umgesetzt. Diese Verinner­lichung beinhaltete den Verzicht auf manifeste Unterdrückung nach innen und war konstitutiv für den Scheinliberalismus und Scheinparlamentarismus, allerdings um den Preis der antikommunistischen Projektion eines absoluten Außenfeindes. Die manipulativ verinnerlichte, außerökonomische Zwangsgewalt konstituiert eine neue Qualität von Naturwüchsigkeit des kapitalistischen Systems.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Von der ökonomischen Analyse kommen die Autoren des Referates zu strategischen Schlußfolgerungen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Wenn die Struktur des integralen Etatismus durch alle seine institutionellen Vermittlungen hindurch ein gigantisches System von Manipulationen darstellt, so stellt dies eine neue Qualität von Leiden der Masse her, die nicht mehr aus sich heraus fähig sind, sich zu empören. Die Selbstorganisation ihrer Interessen, Bedürfnisse, Wünsche ist damit geschichtlich unmöglich geworden. Sie erfassen die soziale Wirklichkeit nur noch durch die von ihnen verinnerlichten Schemata des Herrschaftssystems selbst. Die Möglichkeit zur qualitativen politischen Erfahrung ist auf ein Minimum reduziert worden.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Krahl und Dutschke ist es unstrittig, daß es in der alles entscheidenden Frage nach der Konstitution von Bewußtseins prinzipiell neuer Formen des politischen Kampfes bedarf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die Agitation in der Aktion, die sinnliche Erfahrung der organisierten Einzelkämpfer in der Auseinandersetzung mit der staatlichen Exekutivgewalt bilden die mobilisierenden Faktoren in der Verbreiterung der radikalen Opposition und ermöglichen tendenziell einen Bewußtseinsprozeß für agierende Minderheiten innerhalb der passiven und leidenden Massen, denen durch sichtbar irregulärer Aktionen die Gewalt des Systems zur sinnlichen Gewißheit werden kann.&quot; &#039;Die entscheidende Forderung an die SDS- Delegierten lautet: die Propaganda der Schüsse (Che) in der dritten Welt muß durch die Propaganda der Tat in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerillatätigkeiten geschichtlich möglich macht, Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des System der repressiven Organisationen.&quot; „Die revolutionären Bewußtseinsgruppen, die auf der Grundlage ihrer spezifischen Stellung im Organisationswesen eine Ebene von aufklärerischen Gegensignalen durch sinnlich manifeste Aktionen manifestieren können, benutzen eine Methode des politischen Kampfes, die sie von den traditionellen Formen politischer Auseinandersetzung prinzipiell unterscheiden.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die organisatorische Konsequenz lautet:&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Die bisherige Struktur des SDS war orientiert am revisionistischen Modell der bürgerlichen Mitgliederparteien. Andererseits vermochte der SDS die perfekte Verwaltungsfunktion revisionistischer Mitgliederparteien nicht voll zu übernehmen, da er nur ein teilbürokratisierter Verband ist, ein organisatorischer Zwitter. Demgegenüber stellt sich heute das Problem der Organisation als Problem revolutionärer Existenz.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Text wurde von mir nicht ausgewählt, um einen Rückgriff auf die Entwicklung zum bewaffneten Kampfes vorzunehmen, sondern weil mir kein anderer Text bekannt ist, der mit vergleichbarer theoretischer Komplexität und Tiefe die Organisationsfrage erörtert. Im Gegensatz zu vielen anderen Beiträgen unternimmt der Text die Anstrengung, den Organisationsvorschlag aus den sozialen und ökonomischen Verhältnissen der damaligen BRD heraus zu entwickeln. Zwar bleibt die konkrete Ausgestaltung des Organisationsansatzes sehr vage, doch stellen die dort aufgeworfenen Fragen nach wie vor eine wichtige Grundlage - auch für die Beurteilung der aktuellen Ereignisse - dar. Darüber hinaus orientierte sich die weitere Organisationsdebatte (Entstehung der diversen K-Gruppen, Sponti-Gruppen, RAF) an den theoretischen Auseinandersetzungen innerhalb des SDS.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;II. K-Gruppen&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Als direkte Folge auf die Selbstauflösung des SDS entstanden ab 1969 die verschiedenen K- Gruppen (mit Aus­nahme der KPD/ML, die 1966 gegründet wurde). Es soll hier weder auf die einzelnen Entstehungsgeschichten eingegangen werden, noch eine historische Aufarbeitung geleistet werden. Es geht um die Darstellung des organisatorischen Rahmens und der ideologischen Grundlagen der einzelnen Gruppierungen. Bestimmte Grundan­nahmen und organisatorische Prinzipien waren in allen Gruppen mehr oder weniger identisch. Es gab Unterschiede hinsichtlich der Propagierung bestimmter Inhalte, z.B. pro oder contra Stalin, in der inhaltlichen Ausrichtung albanientreu oder nicht, pekingorientiert oder auch nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im organisatorischen Verständnis definierten sich einige dieser Gruppen als Parteien (z.B. KPD/ML), andere als Gruppen zum Aufbau einer Partei, (z.B. KPD/AO) oder als Zusammenschluß verschiedener kommunistischer Zellen zu Bünden mit dem erklärten Ziel des Aufbaus einer kommunistischen Partei zu einem geeigneten Zeitpunkt (z.B. KB, KBW).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gemeinsam war allen Gruppierungen der „ML-Bewegung&quot; dagegen&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;die offene und ausschließliche Befürwortung einer revolutionären Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse,&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;die ausschließliche Betonung des Proletariats als führende Kraft der Revolution,&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;der Wunsch, die Partei der Arbeiterklasse aufzubauen,&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;die Propagierung Mao Tsetungs und mehr oder minder ausgeprägt auch Stalins als Klassiker des Marxismus-Leninismus&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;und die weitgehende, wenn auch unterschiedlich ausgeprägte Übernahme der Organisationsprinzipien des demokratischen Zentralismus, wie er von den russischen Bolschewiki, besonders von Lenin in seinen Schriften „Was Tun&quot; und „Ein Schritt vorwärts, zwei zurück&quot; entwickelt worden war. Als K-Gruppen zu bezeichnen sind nur diejenigen Gruppen, die alle diese Charakteristika aufweisen, während einzelne dieser Faktoren auch durchaus bei anderen Formationen eine Rolle spielen, wie z.B. die Befürwortung der Revolution durch anarchistische, operaistische, spontaneistische, rätekommunistische, trotzkistische und libertäre Kräfte oder das Bekenntnis zu Marx, Engels und Lenin bei Trotzkisten und bei auf die KPDSU ausgerichteten Kräften (z.B. DKP).&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;Trotz der teilweise erbitterten Feindschaft einzelner dieser Gruppen gegeneinander, ergaben sich doch viele Gemeinsamkeiten und wichtige Überschneidungen in den Arbeitsfeldern, politischen Themen und Aktionen. Insbesondere gegenüber den anderen politischen Gruppen, vor allem dem radikalen und militanten Flügel der Linken (Wir Wollen Alles, Bewegung 2.Juni, RAF, Freie Arbeiter Union etc.) fand eine scharfe Abgrenzung statt, die z.T. auch unter Anwendung körperlicher Gewalt durchgesetzt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei insgesamt ungefähr 100.000 Menschen, die die K- Gruppen in den 70ern durchlaufen haben, muß man von einer regelrechten Massenbewegung sprechen. In Folge dieser breiten Organisierung in parteiähnlichen Strukturen kam es zu einer emotional getragenen Gegenreaktion, die sich besonders in den Anfangsjahren der entstehenden Anti- AKW- Bewegung beobachten ließ. So wurde Ende der 70er Jahre aus Ablehnung „parteiverdächtiger&quot; Strukturen das erste Mal die Bezeichnung „autonome Gruppen“ verwendet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotz aller berechtigten Kritik an den K- Gruppen wäre es allerdings viel zu platt, diese Organisationen über einen Kamm zu scheren und ohne genauere Kennt­nisse abzutun.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es bleiben noch viele Fragen offen, ohne deren Beantwortung und genaue Untersuchung eine abschliessende Klärung über den Nutzen dieser Parteimodelle nicht erfolgen kann: - Warum haben diese Parteimodelle ihren emanzipatorischen Charakter verloren? - Warum brach die massenhafte Organi­sierung in den Betrieben zusammen, die die K-Gruppen erreicht hatten? - Worin lagen die organisatorisch-ideologischen Schwächen dieses Modells, führten diese zum Zerfall der K-Gruppen? - Was machten die Mitglieder der K-Gruppen nach deren Zerfall, weiter Politik? - Und wenn, dann wo?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;III. Die operaistischen Gruppen (Wir wollen alles)&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Eine weitere, teilweise in der Versenkung verschwundene Strömung, stellen die Gruppen mit operaistischem Ansatz dar, auch als „Wir- Wollen- Alles- Gruppen&quot; bekannt. Bei ihnen handelte es sich um Betriebs- und Stadtteilgruppen, die sich hauptsächlich auf lokaler Ebene koordinierten und keine zentrale Führung besaßen. Vorort waren diese zwar durchaus straff organisiert, und es gab auch bundesweit koordinierte Aktionen sowie eine gemeinsame Zeitung der Bewegung (die „Wir wollen Alles&quot;, die bis Mitte der 70er erschien), aber im Gegensatz zu den K-Gruppen gab es nie den Versuch, eine bundesweite Organisation zu gründen. Im Mittelpunkt ihrer Strategie stand die Intervention in konkrete, d.h. lokale Konflikte (in der Fabrik, Jugendzentren, Miete, Fahrpreise etc.) mit dem Ziel diese zuzuspitzen. Die Eroberung der politischen Macht sollte durch die Entwicklung des Klassenbewußtseins der revoltierenden Massen erreicht werden, und nicht durch das taktische und strategische Geschick der Avantgardepartei.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der operaistische Ansatz, gestärkt durch die erfolgreichen Massenarbeiterkämpfe in Italien, war in einzelnen Städten und Regionen von großer politischer und organisatorischer Bedeutung (z.B. Arbeitersache München, Revolutionärer Kampf Frankfurt, Proletarische Front Hamburg und Bremen). Aus einer marxistisch-leninistischen Tradition kommend, wurde die Avantgardepartei abgelöst durch den Versuch eines Neuaufbaus von Massenorganisation. Trotzdem erreichte die WWA-Bewegung nie den massenhaften Organisierungsgrad der K-Gruppen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bestimmend für den operaistischen Ansatz war auch, daß er sich nicht mehr an der Arbeiterklasse als solcher, sondern an dem neuen revolutionären Subjekt des Massenarbeiters orientierte. Das hieß für die Kämpfe in den Betrieben den Schwerpunkt nicht mehr auf die gewerkschaftlich Organisierten, sondern auf die ungelernten deutschen und ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter zu legen. In der ersten Nummer der „Wir Wollen Alles&quot; schrieben sie zu ihrem Selbstverständnis:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&quot;Sie haben alle angefangen, und das ist das wichtigste daran, ihr Leben und ihre Arbeit in Frage zu stellen und sich an den einzelnen Punkten zu wehren. Wir meinen das ist Klassenkampf Weil hier Leute kämpfen und weil sie selbst versuchen, etwas an ihrer Lage zu ändern. Wir alle wissen aber, daß die Arbeiter, Lehrlinge, Frauen, alle die Richtung ihrer Kämpfe voll bestimmen können, helfen wir die Erfahrung zu verallgemeinern, diskutieren wir theoretisch, wo es nötig ist und vor allem: Greifen wir die Manöver an, mit denen die Abwiegler aller Lager, die Gewerkschaftler, die Parteien, die meisten Linken, alles ablehnen, was wirklich sagt: Dieses Leben ist Mist. Wir wollen ein anderes... Wir wollen alles!&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gerade für Gruppen und Zusammenhänge, die politische Organisierung nicht nur als ein Szeneprojekt begreifen wollen, sind innerhalb der WWA-Gruppen wichtige Erfahrungen gesammelt worden. Nicht nur bestehend aus ihren Kämpfen innerhalb der Fabrik, sondern auch gerade mit den teilweise äußerst militanten Aneignungskämpfen um z.B. Wohnraum, Nulltarif bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, selbstverwaltete Jugendzentren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;IV. Die Frauenbewegung&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Ursprung der neuen Frauenbewegung liegt Ende der 60er in den Auseinandersetzungen innerhalb des SDS, wo das patriarchale Herrschaftsverhältnis als politisches Problem weit­gehend ausgeklammert blieb. Die Frauen im SDS, d.h. konkreter der ,,Aktionsrat zur Befreiung der Frauen&quot; schrieb 1968 (in der SDS- Korrespondenz des gleichen. Jahres):&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&quot;Wir stellen fest, daß der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse ist. Dabei macht man Anstrengungen, alles zu vermeiden, was zur Artikulierung dieses Konfliktes zwischen Anspruch und Wirklichkeit beitragen könnte. Diese Artikulierung wird auf einfache Weise vermieden, nämlich dadurch, daß man einen bestimmten Bereich des Lebens vom gesellschaftlichen abtrennt, ihn tabuisiert, indem man ihm den Namen Privatleben gibt. Diese Tabuisierung hat zur Folge, daß das spezifische Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen, verdrängt wird, wodurch gewährleistet wird, das die Männer ihre alte, durch das Patriarchat gewonnene Identität noch nicht aufgeben müssen. Die Konsequenz, die sich daraus für den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen ergab, ist folgende: Wir können die gesellschaftliche Unterdrückung der Frauen nicht individuell lösen. Wir können damit nicht auf Zeiten nach der Revolution warten.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Konflikt spitzte sich schnell zu. Am 23.9.68 wurden auf der Delegierten­konferenz des SDS in Frankfurt SDS-Funktionäre aufgrund ihrer ignoranten Position gegenüber dem patriarchalen Herrschaftsverhältnis mit Tomaten beworfen und in der Folgezeit kam es zum massenhaften Rückzug von Frauen aus dem SDS. Vor allem in den (Universitäts-) Städten bildeten sich autonome Frauengruppen, die hauptsächlich für die ersatzlose Streichung des §218 kämpften und sich theoretisch mit den Themen Sexualität, Selbst­bestimmung, Feminismus und Klassenkampf (Haupt-Nebenwiderspruch) beschäftigten (nachzulesen auch im „Rote Zora&quot;-Buch).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die meisten Frauen bedeutete dieser Schritt allerdings keinen Abschied vom Marxismus. Aus dem „Frauenhandbuch von Brot und Rosen&quot;, Berlin, 1974:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Auf welche Weise der Sexismus &lt;/em&gt;abzuschaffen ist, erarbeitet die Frauenbewegung in der feministischen Theorie. Soviel ist heute sicher, daß es keinen Feminismus ohne Sozialismus geben kann und keinen Sozialismus ohne Feminismus. D.h., die marxistische Theorie befindet sich nicht im Widerspruch zur Frauenbewegung, sondern sie wird von denen, die sich für Marxisten halten und die Theorie nicht verstehen, dazu deklariert. In der Arbeitsbehinderung spielen diese Gegner eine gewisse Rolle. Das Dilemma ist, daß viele der Nachfahren von Marx und Engels den Fehlschluß ziehen, daß die Auseinandersetzung mit den Reproduktionsbedingungen unwichtig ist, nur weil Marx und Engels dieses Problem nicht behandelt haben. Denn die wenigen Aussagen der beiden hierüber können wir nicht als Auseinandersetzung mit dem Problem betrachten. Aus der linken Ignoranz folgt, daß die Frauenbewegung gegen mehrere Fronten kämpfen muß: gegen die erkennbaren Feinde: Arbeitergeber, Kirchen, Ärzteorganisationen usw. und gegen die bornierten Freunde: die eigenen Ehemänner, Kinder und Befreiungsorganisationen, die sich damit aufhalten, die Abgrenzungen im gemeinsamen Kampf zu ziehen. ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unterschiedliche Erfahrungen und Kenntnisse führen oft dazu, daß diese Unterschiede wegen der angestrebten Gemeinsamkeit und Solidarität nicht richtig beachtet, heruntergespielt oder verwischt werden. In manchen Frauengruppen wird ein künstlicher Gegensatz zwischen Rationalität und Emotionalität aufgebaut. Rational ist männlich-autoritär, emotional ist weiblich. D.h., viele Frauen sitzen dem Klischee der Männer von Frauen selber auf Das führt dann dazu, daß Frauen mit Erfahrung im methodischen und systematischen Denken aus falsch verstandener Bescheidenheit oder aus Angst, für männlich gehalten zu werden, sich zurückhalten (oder die Gruppen) verlassen um nicht autoritär zu wirken oder andere abzublocken. Das ist aber falsch. Es gibt faktisch keine aufgearbeitete Geschichte der Frauen, es gibt keinerlei Geschichtsbewußtsein, keinerlei Wissen darüber, daß Frauen nicht immer das verkommene, ängstliche, bigotte, gedemütigte und masochistische Geschlecht waren, das es heute ist. ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Wissenschaft hat den Frauen ihre Mindewertigkeit wissenschaftlich bewie­sen. Frauen lernen erst allmählich, daß es darauf ankommt die bestehende Wissenschaft zu verändern. Das aber heißt, die Wissenschaft zu erobern.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In einem Teil der Frauenbewegung wurde sich ab 1974 außerdem die Frage illegaler Aktionsformen auch praktisch gestellt. Es entstand unter anderem die aus den Revolutionären Zellen her­vorgehende Rote Zora, deren Entstehung von dieser selbst in unmittelbarem Zusammenhang mit dem den Konflikt um den Paragraphen 218 gesehen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Am 26.4.&#039;74 wurde die Fristenlösung mit Regierungsmehrheit beschlossen. Am 25.2.&#039;75 erklärte das Bundes­verfassungsgericht sie für verfassungs­feindlich. Als Antwort darauf griffen die Frauen der RZ am 4.3.&#039;75 das Bundes­verfassungsgericht in Karlsruhe mit einer Bombe an. Das war Ausdruck einer neuen Qualität militanter Frauenorgani­sierung in der BRD.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und aus dem Emma-Interview der Roten Zora 1984:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Rote Zora soll auch ausdrücken, daß wir die gleichen Grundsätze wie die RZs haben, dieselbe Konzeption, illegale Strukturen aufzubauen, ein Netz zu schaffen, daß der Kontrolle und dem Zugriff des Staatsapparates entzogen ist. Nur so können wir - im Zusammenhang mit den offenen, legalen Kämpfen der verschiedenen Bewegungen - auch subversive und direkte Aktionen durchführen. &quot;Wir schlagen zurück&quot; - Diese Parole der Frauen aus dem Mai 68 ist heute im Bezug &#039;auf individuelle Gewalt gegen Frauen unumstritten. Heftig umstritten und weitgehend tabuisiert ist sie jedoch als Antwort auf die Herrschaftsverhältnisse, die diese Gewalt erst ständig aufs neue erzeugen. ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;Angefangen haben die Frauen der RZ 1975 mit einem Bombenanschlag auf das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, weil wir alle die Abschaffung des §218 wollten und nicht diese jederzeit manipulierbare Indikationslösung. In der Walpurgisnacht &#039;77 haben wir einen Sprengsatz bei der Bundesärztekammer gezündet, weil von dort aus selbst diese reduzierte Abtreibungsreform mit allen Mitteln hintertrieben wurde. Und immer wieder Angriffe gegen Sexshops. Also wir halten es für eine absolute Notwendigkeit, die Ausbeutung der Frau als Sexualobjekt und Kinderproduzentin aus dem Privatbereich herauszureißen und mit Feuer und Flamme unsere Wut und unseren Zorn darüber zu zeigen. ... Wir sind Teil der Frauenbewegung, wir führen den Kampf um Frauenbefreiung. Neben den theoretischen Gemeinsamkeiten gibt es noch einen anderen Zusammenhang zwischen unserer Praxis, nämlich den der subjektiven Radikalisierung, die auch anderen Frauen Mut machen kann, sich zu wehren, die dazu beiträgt, daß Frauen sich selbst und ihren Widerstand ernstnehmen.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Vorwort zum Praxisheft „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren&quot; schreibt die Rote Zora etwa 1988:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Nichts verbergen zu haben und offen Positionen zu vertreten, darf hierbei nicht verwechselt werden, es ist notwendig, daß radikale Frauen das Feld der Öffentlichkeitsarbeit nicht den Reformistinnen überlassen, sondern Diskussionen über revolutionäre Strategien diskutieren und diskutierbar machen. Wir finden eine inhaltliche Verbreiterung thematischer Schwerpunkte, wie die Gen- und Reproduktionstechnik immens wichtig, sie darf sich aber nicht loslösen von unseren politischen Zielen als radikale Frauen. Sie muß in den Zusammenhang der Gesamtheit des patriarchalen imperialistischen Systems gestellt werden und kann so auch nicht als Teilbereich bekämpft werden. D.h. auch das Verhältnis von militanter Politik und offensiver Öffentlichkeitsarbeit politisch zu klären. Das ist eine Forderung an uns alle: eine offene Auseinandersetzung zu führen, voneinander zu lernen d.h., politisch unterschiedliche Einschätzungen miteinander zu konfrontieren, Konflikten nicht aus dem Wege gehen, vor lauter Repressionsangst nur im stillen Kämmerlein heimlich Freude zeigen. Klarheit zu bekommen über die notwendige Verbindung von bewaffneten Aktionen, Regelverstößen gegen die sogenannte öffentliche Ordnung und bewußtseinsbezogener Aufklärungsarbeit.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;V. Der bewaffnete Kampf&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Dieser Abschnitt soll nicht dazu dienen, an den Mythen vom bewaffneten Kampf mitzuspinnen, sondern aus einigen Grundlagentexten aus den Anfangsjahren von RAF und 2.Juni zu zitieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die große Beachtung, die ich diesem Aspekt gebe, hat damit zu tun, daß meiner Ansicht nach die Frage nach dem Verhältnis zu bewaffneten und militanten Kampfformen eine wesentliche Rolle in den sich neukonstituierenden Organi­sationen spielen müssen wird. Nicht nur, weil ein Großteil der linken Identität mit den Aktionen der bewaffneten Gruppen in der BRD der 70er und 80er Jahre verbunden ist, sondern gerade weil die Glaubwürdigkeit einer Linken innerhalb der Restbevölkerung davon abhängt, mit welcher Entschlossenheit und eigenem Wagnis linke und revolutionäre Politik praktisch betrieben wird. Wenn sich 1975 nach einer Umfrage 20% der Bundesbürger bereiterklärten, einem „Terroristen&quot; mindestens für eine Nacht Unterschlupf zu gewähren, dann ist das Ausdruck&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; davon, daß diese Entschlossenheit, für eine politische Überzeugung auch zu sterben, von der Bevölkerung breit anerkannt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Damit ist nicht gemeint, daß der bewaffnete Kampf die höchste Stufe von Gegenwehr darstellen würde. Auch die Bewunderungshaltung&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; gegenüber dem/der Guerilla-Militanten halte ich nicht für angemessen. Vielmehr geht es um die reale Bedeutung, die der bewaffnete Kampf gehabt hat und haben kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich möchte hier noch der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß diese wichtige Diskussion mit vielen Trägerinnen der bewaffneten Gruppen, die heute noch im Knast sitzen, bald möglich sein wird. Daß hier nicht alle bewaffneten Gruppen dargestellt werden, liegt lediglich an der Form des Artikels, sie stellt keine politische, inhaltliche Auswahl dar (Leseempfehlung - neues Buch zur RZ und Roten Zora im ID- Verlag).&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die Rote Armee Fraktion&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Aus „Texte der RAF&quot; - Das Konzept Stadtguerilla, 1970:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&quot;Wir behaupten, daß die Organisierung von bewaffneten Widerstandsgruppen zu diesem Zeitpunkt in der BRD und Westberlin richtig ist. Daß es richtig, möglich und gerechtfertigt ist, hier und jetzt Stadtguerilla zu machen. Daß der bewaffnete Kampf als „die höchste Form des Marxismus-Leninismus&quot;( Mao) jetzt begonnen werden kann und muß, daß es ohne den keinen antiimperialistischen Kampf in den Metropolen gibt. ... Es ist das Verdienst der Studentenbewegung in der BRD und Westberlin - ihrer Straßenkämpfe, Brandstiftungen, Anwen­dung von Gegengewalt, ihres Pathos also auch ihrer Übertreibungen und Ignoranz, kurz: ihrer Praxis, den Marxismus- Leninismus wenigstens ins Bewußtsein der Intelligenz als diejenige politische Theorie rekonstruiert zu haben, ohne die politische, ökonomische und ideologische Tatsachen und ihre Erscheinungsformen nicht auf den Begriff zu bringen sind, ihr innerer und äußerer Zusammenhang nicht zu beschreiben ist.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der bewaffnete Kampf wurde von der RAF Anfang der 70er noch als eingebetteter Bestandteil linker Gegen­bewegung gesehen. Mehr als um eigene militärische Stärke ging es ihr um die mobilisierende Wirkung, um die Zuspitzung bereits vorhandener Widersprüche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Wir behaupten, daß ohne revolutionäre Initiative, ohne die praktische revolutionäre Intervention der Avantgarde, der sozialistischen Arbeiter und Intellektuellen, ohne den konkreten antiimperialistischen Kampf es keinen Vereinheitlichungsprozeß gibt, daß das Bündnis nur in gemeinsamen Kämpfen hergestellt wird oder nicht, in denen der bewußte Teil der Arbeiter und Intellektuellen nicht Regie zu führen, sondern voran zu gehen hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Rote Armee Fraktion stellt die Verbindung her zwischen legalem und illegalem Kampf zwischen nationalem und internationalem Kampf zwischen politischem und bewaffnetem Kampf, zwischen der strategischen und der taktischen Bestimmung der internationalen kommunistischen Bewegung. Stadtguerilla heißt, trotz der Schwäche der revolutionären Kräfte in der Bundesrepublik und Westberlin hier und jetzt revolutionär intervenieren!&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In dem Text „Dem Volke dienen - Stadtguerilla und Klassenkampf&quot;, 1972 verurteilte die RAF das vorsichtige Vorgehen der K-Gruppen, das nur auf die Durchsetzung von Zwischenerfolgen abzielte (was übrigens heute genau von der RAF -allerdings unter anderen Bedingungen- als Strategie eingefordert wird):&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die legal arbeitende Linke ist dieser Offensive des Kapitals gegenüber nicht nur defensiv, sie ist auch objektiv ratlos. Sie setzen dem ihre Flugblätter und Zeitungen entgegen, ihre Arbeiteragitation, die besagt, daß das Kapital an allem Schuld ist, was richtig ist. Daß die Arbeiter sich organisieren müssen, die sozialdemokratische Linie in den Gewerkschaften überwinden müssen, lernen ökonomische Kämpfe zu führen, lernen, das Bewußtsein als Klasse zurückzugewinnen - was notwendige politische Arbeit ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als einzige politische Arbeit ist sie kurzsichtig. Sie sieht die Maschinenpistolen und sagt den ökonomischen Kampf entwickeln. Sie sieht die Notstandsübungen und . sagt Klassenbewußtsein. Die Konterrevolution traut sich zu, mit allen Problemen fertig werden zu können, die sie produziert, auch ist ihr kein Mittel zu dreckig dafür. Aber sie kann nicht warten, bis der Faschismus sich wirklich entfaltet hat, die Massen für sie mobilisiert sind und sie braucht die Gewißheit, daß Bewaffnung und bewaffneter Kampf ihr Monopol bleibt. ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Reformversprechungen sind Religionsersatz geworden, Opium für&#039;s Volk, das Versprechen auf eine bessere Zukunft, das nur dazu dient, eine psychologische Motivation zugunsten Geduld und Abwarten, Passivität, zu liefern. Mit den Anstrengungen, die nötig wären, um Reformen durchzusetzen, könnte man die Revolution selber machen.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der linksradikale Hamburger Sozialgeschichtler Karl-Heinz Roth schätzte die Bedeutung der RAF folgendermaßen ein („Klaut Sie&quot;, 1980):&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die RAF ging wie alle anderen subversiven Gruppen der zweiten APO- Welle, von einem Konzept der sozialen Revolutionierung von unten aus. Die Befreiung Baaders aus der Haft galt als bewußter Bruch, als Versuch, durch den Aufbau bewaffneter Kerne den ambivalenten und von den studentischen Avantgarden verlassenen, sozialen Protest von ganz unten eine neue Stütze zu geben. Bevor sie sich von den anderen subversiven Gruppen absetzte und ihren Hegemonieanspruch anmeldete, verfolgte die RAF also zweierlei: die Stabilisierung des Massenprotestes von unten und die Rückeroberung der in Reform- und Proletariatsmythen abdriftenden privilegierten Schichten der außer­parlamentarischen Bewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Worin liegt also die historische Bedeutung der RAF? Ich halte es für legitim, ja sogar notwendig, heute diese Frage in aller Schärfe zu stellen. Die RAF war und ist kein abstraktes Phänomen, sondern sie war Teil eines historischen Prozesses, in dem sie verschiedene Phasen durchlief Nach ihrem großen Rückschlag vom Mai/Juni 1972 wandte sie der metropolitanen Sozialrevolte und der aus ihr hervorgegangenen Linken den Rücken, sie verstand sich fortan ausschließlich als verlängerter Arm der Befreiungs­bewegungen der drei Kontinente. In diesem Selbstverständnis hat sie der spätkapitalistischen Metropole insgesamt förmlich den Krieg erklärt. ... Die moralische Integrität.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Genossinnen und Genossen der RAF haben ihre Identität kompromißlos ihrem politischen Ziel verpflichtet. Ihre gegenseitige Kritik war schneidend, offen, schonungslos bis hin zur erbarmungslosen Kälte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was ich trotz dieser oft ins maßlose umschlagenden Härte als Tendenz zur Aneignung von moralischer Identität in den Reihen der RAF bezeichne, war die Proklamierung des Subjektes als militanten Träger der Revolution. ... Theorie für die Praxis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich komme zu dem vielleicht manche verblüffenden Ergebnis, daß in der RAF im Kern eine Menge angelegt war, um aus der APO- Revolte die Initiative für eine konsequente wie überfällige Revolution gegen die verfeinerte Fortdauer des nationalsozialistischen Ausmerze- und Auslesefanatismus zu ergreifen. Ihr Endzeitbewußtsein war echt. Sie hat die ersten Schritte vom objektivistischen linken Dogmenstreit zur Rückeroberung des revolutionären Subjekts hinter sich gebracht. Sie hat sich auf Sieg oder Tod verpflichtet, und damit signalisiert, daß sie es mit der sozialen Befreiung ernst meinte. Und dennoch ist sie gescheitert.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wobei Roth klar stellte, daß seiner Meinung nach die Verantwortung für das Scheitern der RAF zu einem erheblichen Teil bei den anderen, legalen Gruppen der Neuen Linken lag.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ebenfalls weitgehend solidarisch, aber in der Sache mit einer klar bestimmten Kritik äußerte sich 1972 der Revolutionäre Kampf, Frankfurt:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Unsere Kritik an der RAF unterscheidet &lt;/em&gt;sich von der Kritik der ML oder der Revisionisten. Wir reduzieren die Bewegung nicht auf den Versuch, im traditionell bestimmten Industrieproletariat eine Partei aufzubauen. Wir knüpfen an die weltweite Jugendrevolte an, wir begreifen es als Teil unseres politischen Kampfes, daß die Jugendlichen anders, nämlich in Kommunen leben wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hier unterscheidet sich unsere Kritik, weil wir nicht sagen, die RAF soll sich dem Bewußtsein der Massen anpassen; unsere Kritik besagt, daß die Aktionen der RAF sich von der Bewegung insgesamt gelöst haben. Wir halten die Ansätze innerhalb der Jugend für einen wesentlichen Bestandteil der revolutionären Bewegung. Sie sind die Basis für einen Teil unserer militanten Aktionen. Die Aktionen der Studentenbewegung standen im Zusammenhang einer weltweiten Jugendrevolte. Unsere Militanz in Demonstrationen oder bei Haus­besetzungen hat sich im Rahmen dieser Bewegung entwickelt. Im Unterschied dazu verfolgt die RAF das Modell einer blanquistischen Organisation, ihre Aktionen sind schon im Ansatz getrennt von der Massenbewegung, sie können verurteilt, gutgeheißen oder ignoriert werden, sie werden den Massen vorgeführt wie ein Theaterstück oder ein Fußballspiel. Die Unterstellung der RAF, daß wir die Gewaltfrage auf die Zukunft verschieben wollen, ist falsch. Vielmehr fallen die Bomben ins Springer- Hochhaus weit zurück hinter die militante Blockade der Springerzeitung 1968....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Uns stellt sich die Gewaltfrage qualitativ: Es kommt nicht darauf an, mit der gleichen Feuerkraft oder schlaueren Tricks das System auf der militärischen Ebene zu schwächen. Weder naht der Endkampf noch kann sich dieser jemals entwickeln, losgelöst von den Massenkämpfen. Wir haben die bürgerliche Gewalt nicht erfunden, sondern vorgefunden. Wir fragen nicht, ob es prinzipiell falsch oder richtig ist, Gewalt anzuwenden. Für uns stellt sich die Frage als praktische, wir fragen: Was sind unsere Interessen und wie können wir sie durchsetzen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und wie wir diese Interessen durchsetzen können, bemißt sich an der Alltäglichkeit der Gewalt, die unser Leben beherrscht.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Der 2.Juni&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Neben der RAF entstand 1972 die Bewegung 2. Juni, die leider viel zu oft in der linken Geschichtsschreibung über­gangen wird. Im Gegensatz zur RAF berief sich der 2.Juni nicht auf das traditionelle leninistische Avantgardemodell, besaß keinen Führungsanspruch in der linken Bewegung und zog nicht alle Militante in die Illegalität ab. Charakteristisch für den 2.Juni waren auch seine starken Wurzeln in der Subkulturbewegung. So war einer der Vorläufer des 2.Juni die Gruppe ,,Umherschweifende Haschrebellen&quot;, eine aus der proletarischen Jugendkultur in Berlin entstandene Gruppierung, die Anfang der 70er begann, Brandanschläge gegen Banken und Einrichtungen der Besatzungsmächte zu verüben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In ihrem programmatischen Grundsatztext schrieb der 2 Juni 1972:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Die Bewegung zählt sich nur insoweit zur Avantgarde, als sie zu den ersten zählt, die die Waffe ergreifen. Sie wird nicht dadurch zur Avantgarde, daß sie sich einfach so nennt. Das Gewehr allein und der Vollzug revolutionärer Aktionen genügen nicht, den Anspruch zu gerecht zu werden....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Zeitalter des entwickelten Imperialismus bedurfte es keiner neuen Analysen, daß die Hauptaufgabe nicht der Aufbau einer Partei ist, sondern die Auslösung der revolutionären Aktion.... Die militärische Linie der Bewegung 2.Juni ist nicht von der politischen Linie getrennt und ist ihr nicht untergeordnet. Wir betrachten beide Linien als untrennbar verbunden. Sie sind zwei Seiten derselben revolutionären Sache. Die Linie der Bewegung 2.Juni ist einheitlich politisch-militärisch...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Bewegung des 2.Juni ist nicht der bewaffnete Arm einer Partei oder einer Organisation. Die bewaffneten, taktischen Einheiten der Bewegung sind die selbständigen politisch-militärischen Kommandos der Organisation....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Bewegung 2.Juni ist keineswegs dem romantischen Mythos der Untergrundarbeit verfallen. Daß der revolutionäre Tod im Zuge der verschärften Klassenauseinandersetzungen zunehmen wird, ist uns klar. Der Krieg gegen Staat und Kapital wird ein langwieriger Krieg werden. Das Krieg führen aber lernen wir nur in der Praxis. Praxis heißt für uns: Schaffung militanter legaler Gruppen, Schaffung von Milizen, Schaffung von Stadtguerilla bis zur Armee des Volkes.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Entscheidend für die Entwicklung des 2.Juni war das Zusammentreffen sehr unterschiedlicher Gruppen ohne ein einigermaßen klar umrissenes politisches Programm. Im 2.Juni bestanden anarchistische und leninistische Vorstellungen nebeneinander, wobei sich die Gemeinsamkeiten vor allem aus der Praxis ergaben. Der Schwerpunkt der Aktionen lag im Aufbau von Strukturen durch Waffen- und Geldbeschaffung. Die erbeuteten Gelder wurden dabei nicht nur für den 2.Juni verwendet. Es ging eben gerade auch um die Stärkung von Strukturen außerhalb der Gruppierung. Mit oft recht populistischen Aktionsformen hatte der 2.Juni Mitte der 70er größere Bedeutung als die RAF. Durch das Verteilen von Schoko-Küssen bei einem Banküberfall oder der Veröffentlichung eines Privatbriefs bei der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz gelang es dem 2. Juni über seine unmittelbaren Aktionen hinaus Aufsehen zu erregen und Sympathien zu erlangen. Außerdem gelang der Bewegung mit der Lorenz- Entführung die einzige Gefangenenfreipressung in der Geschichte der BRD.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der politischen Offenheit des 2.Juni war allerdings auch sein späterer Zusammenbruch angelegt. Ab 1975/76 begannen sich die Unterschiede als 2 Hauptlinien herauszukristallisieren. Während die einen, den Anschluß an die RAF und damit den zentralen Angriff auf &lt;em&gt;„das Herz der Bestie&quot; &lt;/em&gt;verlangten, versuchte die andere Tendenz um Reinders den diffusen Bewegungscharakter einer sozialrevolutionären Strömung aufrecht zu erhalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Linie, die sich 1979 in die RAF auflöste, warf der zweiten, sozial­revolutionären Fraktion die Behinderung des bewaffneten Kampfs und „pervertierte Spaßguerilla&quot; vor. Sie schrieb im sogenannten Auflösungspapier:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Das hat 10 Jahre lang Spaltung, Konkurrenz und Desorientierung unter den Linken und auch in der Guerilla produziert und es hat auch unseren eigenen revolutionären Prozeß behindert. So haben wir mit unseren Aktionen auf der populistischen Ebene operiert, ohne die politische Orientierung zu geben, ohne eine Mobilisierung gegen die Strategie der Schweine zu schaffen. ... Die Befreiungsaktion in Berlin 75 ist in einer politisch zugespitzten Situation gelaufen. Der Kampf der Stammheimer Genossen hatte eine nationale und internationale Mobili­sierung geschaffen, die durch den großen Hungerstreik auf den Höhepunkt gebracht und von Schmidt kaum noch zu verkraften war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Situation haben wir nicht nur völlig ignoriert, sondern sie über die Auswahl der Gefangenen auch politisch gekippt. Darin und in dem Typen - aus einer Partei, die für die imperialistische Politik nur noch eine untergeordnete Bedeutung hat - lag statt Strategie das Kalkül.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In unserer propagandistischebn Arbeit zu und nach Peter Lorenz war uns der kurzfristig errungene Sieg - das konsumierbare Ritual - wichtiger, als das politisch-militärische Niveau zu erkämpfen, das die imperialistische Stategie bricht. Darin ist auch die Wurzel der pervertierten Spaßguerrilla von Reinders, Teufel etc. zu finden. Die Offensive der RAF &#039;77 und die Reaktion des Staates hat letztlich auch uns neu vor die Frage der politischen Strategie gestellt.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die sozialrevolutionäre Tendenz erwiderte darauf mit sarkastischem Unterton:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Jawohl, die Fraktion, die seit drei Jahren versucht, die Bewegung 2. Juni auf RAF- Linie zu bringen, ist zur RAF gegangen. In ihrem Übereifer haben diese Genossen gleich die Bewegung mit auf­gelöst - in einem Meer von Phrasen. Eins noch vorab: da nun einmal die Wurzel der pervertierten Spassguerilla von Reinders, Teufel etc. offengelegt wurde, erklären wir: die Spassguerilla ist aufgrund der Kritik „Fighters für Leader&quot; und Strategie schon längst in der Auflösung aufgelöst worden. Die Spassguerilla ist aufgelöst! Jawohl, jahrelang haben wir die eigene Perversität zur tragenden Säule des Widerstandes gemacht. Schluß damit! Spaß ist pervers! Und Spaß am Kampf ist perverser Kampf. So wie sich dieses Auflösungspapier liest, hatte der HS (Hungerstreik, d.V.) beinahe den Sturz des Westzonenregimes zur Folge, der nur deshalb nicht geschah, weil der 2. Juni 2 die historischen Schweine­hunde - durch die Auswahl der Gefan­genen die schon fast hoffnungslose Situation für Schmidt zu dessen Gunsten politisch gekippt hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der 2. Juni, der Retter der Nation und Helfer Schmidts. Und das alles kurz bevor die RAF das politische Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten kippen konnte. ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Hauptfehler ist es, den bewaffneten Kampf zum Fetisch zu machen - kämpfen um zu kämpfen: der politische Angriff - materialisiert durch die Waffe - bleibt immer ein Sieg, selbst da, wo die Operation militärisch geschlagen wird, weil er diesen Prozeß antizipiert und einleitet.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn die sozialrevolutionäre Fraktion im 2.Juni noch einmal schreibt „Sozialrevolutionäre Politik - für die auch die Bewegung 2. Juni steht - läßt sich nicht auflösen wie ein kleinbürgerlicher Schrebergartenverein&quot; verschwindet die bewaffnete Gruppe in der Folgezeit von der Bildfläche.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;VI. Autonome Gruppen&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Vorneweg: den Begriff „Autonome&quot; zu verwenden, erscheint mir fragwürdig. In ideologisierender Absicht wird versucht, unter dem Oberbegriff alle möglichen Richtungen zusammenzufassen, die im Grunde genommen gar nicht zusammen gehören. Darüber hinaus ist er als Zuordnung zum ersten Mal vom Verfassungsschutz gebraucht und in der Öffentlichkeit verbreitet worden. Man sollte deshalb lieber von „autonomen Gruppen&quot; oder &quot;autonomer Bewegung&quot; reden. Aber selbst in diesem Sinne halte ich die Bezeichnung nicht für besonders treffend. Weder in Anlehnung an den italienischen Autonomie-Begriff (als massenhafte Loslösung von der politischen und kulturellen Hegemonie des Kapitals) noch in der eigentlichen Bedeutung als „Unabhängigkeit&quot; trifft er auf die Bewegung in der BRD wirklich zu.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Organisationsfrage durchzieht die gesamte Geschichte der autonomen Bewegung. Sie taucht periodisch immer wieder auf. Die ersten breiteren Diskussionen begannen Ende der 70er Jahre innerhalb der Anti-AKW-Bewegung, hauptsächlich als informelle, nicht an die Öffentlichkeit getragenen Texte zur Organisierung der Anti-AKW-Kämpfe. Eine zweite Welle tritt mit dem Niedergang der Hausbesetzerinnen­bewegung, d.h. nach &#039;81/&#039;82 ein. 1984 wurde im Rahmen der Anti-WWG­Mobilisierung die Frage, wie über Kampagnen und konkrete Anlässe hinaus politische Strukturen geschaffen werden könnten, genauso gestellt wie bei den Libertären Tagen in Frankfurt oder 1988 mit dem Papier „Ich sag wie es ist&quot; thematisiert (dem Versuch, der schein­baren Unorganisiertheit der autonomen Bewegung eine marxistisch- leninistische Partei überzustülpen).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;All diesen Organisationsversuchen lag meiner Ansicht nach eine begrenzte Sichtweise zugrunde. Organisation wurde immer als etwas äußerliches, rein formales angesehen. Es ging um Effizienzsteigerung sowohl der eigenen Diskussion als auch der daraus resultierenden Praxis, und wurde mit Schlagwörtern wie „Raus aus dem Ghetto&quot;, „Verbindliche, überregionale Strukturen&quot;, „Verhältnis zur Militanz&quot; abgehandelt. (s.a. Heinz Schenk Debatte). Die eigenen ideologischen Grundlagen, wie z.B. die (fehlende) Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse oder eine genauere Vorstellung von politischer Vermittlung und „Rekrutierung&quot; neuer Leute, dagegen wurden kaum zum Thema gemacht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Warum die Organisationsdebatte in dem linksalternativen Spektrum, das sich selbst als „Autonome&quot; bezeichnet, so wenig gefruchtet hat, lag daneben vor allem an ihren Emanzipationsvorstellungen: die Befreiung wurde als Akt der individuellen Herauslösung aus der Gesellschaft gesehen. Zwar ist es richtig, daß man zur Emanzipation aus den gesellschaftlichen Normen ausbrechen muß, aber das ist nur dann ein sinnvoller Schritt, wenn man gleichzeitig begreift, daß man dabei Teil der Gesellschaft bleibt und mit den vollzogenen Brüchen immer wieder aufs Neue gesellschaftlich interveniert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Interessanter als die Entwicklung der autonomen Gruppen wäre es wahrscheinlich sich mit den anderen in den 80er und 90er Jahren entstandenen Ansätzen wie z.B. den Erwerbslosen- (Schwarze Katze), Flüchtlings- (Koordina­tion Rhein-Ruhr) und AntiFa- Gruppen auseinanderzusetzen, die in vieler Hinsicht die zu stellenden Fragen (von Bündnispolitik bis Öffentlichkeitsarbeit und Einbindung neuer Leute) in der Praxis zu beantworten versucht haben. Die Auseinandersetzung mit ihren Erfahrungen wird im Rahmen linker Neukonstituierung eine zentrale Rolle spielen müssen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;VII. Zum Schluß&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die heutige Situation weist gewisse Parallelen zu der Situation auf, die in dem Dutschke - Krahl- Artikel Ende der 60er Jahre beschrieben wurde. Nur daß die heute stattfindenden gesellschaftlichen Umwälzungen viel gravierender und massiver sind, als die, die Ende der 60er Jahre von statten gingen. Die heutige Situation ist gekennzeichnet durch die Herausbildung eines neuen, kapitalistischen Verwertungsgroßraumes, verbunden mit dem Absterben einzelner Nationalstaaten und der Gründung der Vereinigten Staaten von Europa, als dynamischen Kern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Prozeß geht einher mit massiven ökonomischen Umwälzungen im westlichen Europa, verstärkter Mono­polisierung, fortschreitender Verarmung großer Teile des Proletariats, sowie dem Abbau erkämpfter Sozial- und Arbeits­rechte. Dazu kommt der erzwungene Zusammenbruch des ehemaligen realen Sozialismus. Mit all seinen gravierenden Erscheinungen von Verelendung und Enttäuschung, ja Hoffnung auf den Kapitalismus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dem steht eine verlorene Linke gegenüber, die die Erfahrung der eigenen Niederlage erst noch verarbeiten muß. Dazu kommt das Roll-Back eines „völkischen Rassismus&quot;, der getragen wird aus dem permanenten Erfahrungen der linken Niederlagen(siehe dazu: LUPUS „Geschichte, Rassismus und das Boot&quot;, 1992). Dieser völkische Rassismus kommt zusammen mit den psychischen Instabilitäten bei einem Großteil der Bevölkerung und im Osten klar vollzogene ökonomische und soziale Ausgrenzungen. Für den Westen gilt sicherlich auch, daß es zu einem ökonomischen und sozialen Angriff auf bestimmte Teile der Klasse gekommen ist. Dies löst bei großen Teilen der Bevölkerung Existenzängste und Verunsicherung aus. Dies führt zum verstärkten Auftreten von psychischen Deformationen und der Aktivierung von irrationalen Abwehrmechanismen und Ängsten. In dieser diffusen Orientierungs­losigkeit bricht sich der „völkische Rassismus&quot; eine Bahn und entlädt sich wie in Hoyerswerda, Mannheim oder Rostock.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unter diesen Voraussetzungen stellt sich die Frage, mit welchen Mitteln und Methoden die verbleibende Linke politisch diesen Erscheinungen etwas entgegen setzen kann bzw. welcher organisatorischen Strukturen dafür die Linke bedarf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei können wir nicht wie die Lumpensammlerinnen durch die Geschichte wandeln, bei jedem Organisationsansatz die besten Versatzstücke für uns herauspicken und damit die neue Organisation zusammenwursteln. Organisationsformen müssen sich aus den jeweiligen gesellschaftlichen und materiellen Bedingungen (auch der Linken, die dieses Projekt tragen) herleiten. Zu berücksichtigen wären vor allem Punkte wie das (durch die gesellschaftliche Atomisierung) immer weniger befriedigte Bedürfnis nach sozialer Kommunikation und Solidarität, die zunehmende Verschiedenheit der Unterdrückungsverhältnisse (die sich nicht auf Klassen-, Geschlechter- und rassistische Unter­drückung beschränken), die unterschied­lichen geschichtlichen und politischen Sozialisierungen der Individuen, die oben beschriebene Internationalisierungstendenz des Kapitals und damit zu­sammenhängend die in absehbarer Zukunft schwieriger werdende ökono­mische Versorgung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Anforderungen lassen sich nicht theoretisch, sondern nur in der Praxis einlösen, d.h. als eine sich allmählich vollziehende, oft kräftezehrende Verän­derung. Dafür braucht die Linke neben der inhaltlichen Grundlage auch eine organisatorische Struktur. Dem Gefühl von Vereinsamung und psychischer Deformierung kann sie als Gruppen von 5-15 Personen allein nichts entgegensetzen. Nur in einem größeren Rahmen kann Gesellschaftlichkeit „sinnlich erlebt&quot; werden, und nur aus dieser Erfahrung Hoffnung auf ein anderes Leben erwachsen. In diesem Zusammenhang macht die Strukturdiskussion Sinn.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 23 Feb 2010 12:10:25 +0000</pubDate>
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                    &lt;p&gt;Wir arbeiten seit ca. drei Jahren als feministische, linke Frauengruppe zusammen. Schwerpunkt unserer Arbeit war lange Zeit ein Workshop zu Technologiekritik und Bevölkerungspolitik im Rahmen einer feministischen Kritik an der Weltausstellung EXPO 2000. Mit dem Thema »Definitionsmacht« sind wir ziemlich plötzlich und auf verschiedene Weise konfrontiert worden, unter anderem durch den gegenwärtigen Umgang mit sexueller / sexualisierter Gewalt in der radikalen / autonomen Linken.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Wir arbeiten seit ca. drei Jahren als feministische, linke Frauengruppe zusammen. Schwerpunkt unserer Arbeit war lange Zeit ein Workshop zu Technologiekritik und Bevölkerungspolitik im Rahmen einer feministischen Kritik an der Weltausstellung EXPO 2000. Mit dem Thema »Definitionsmacht« sind wir ziemlich plötzlich und auf verschiedene Weise konfrontiert worden, unter anderem durch den gegenwärtigen Umgang mit sexueller/sexualisierter Gewalt&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_qwz3e19&quot; title=&quot;Wir halten uns im Folgenden an einen weitgefassten Gewaltbegriff, der strukturelle und indirekte Formen von Gewalt einschließt. »Sexualisiert« verweist darauf, dass nicht die Sexualität das Entscheidende ist, sondern die Gewaltausübung, die eben in sexualisierter Form auftritt.&quot; href=&quot;#footnote1_qwz3e19&quot;&gt;1&lt;/a&gt; in der radikalen/autonomen Linken. Dieser Artikel basiert auf unserer Broschüre »DefinitionsMacht: schwergeMacht. Zu Vergewaltigungsdebatten in der radikalen Linken und darüber hinaus«, in der wir den bisherigen Stand unserer Diskussion veröffentlicht haben, um der verbreiteten Geschichtslosigkeit der jetzigen Debatten um sexualisierte Gewalt etwas entgegenzusetzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Um eine Perspektive im Umgang mit sexualisierter Gewalt zu entwickeln, betrachten wir erst mal die Ausgangslage. Trotz eines gesellschaftskritischen Anspruchs der autonomen Linken wird das Geschlechterverhältnis häufig ausgeblendet, die Beschäftigung mit Sexismus und sexualisierter Gewalt »privatisiert« und/oder fast in klassischer Arbeitsteilungs-Manier an Frauengruppen delegiert. Die fortschreitende Nichteinbeziehung von feministischen Positionen gründet auch im Niedergang der Frauenbewegung: der politische Druck fehlt. Feministinnen sind heute in der gemischtgeschlechtlichen Linken subsumiert, wo die jüngeren Frauen auch meist politisch sozialisiert wurden. Frauengruppen hingegen werden wieder offen in Frage gestellt, Diskussionen um Machtverhältnisse zwischen Frauengruppen und Gemischtlinker ausgespart.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die derzeitige Situation spiegelt sich in fataler Weise in den Vergewaltigungsdebatten wider. Die Schlammschlachten bezeugen einmal mehr die Geschichtslosigkeit, das partielle Unvermögen in der Linken, das eigene Vorgehen zu hinterfragen, und die Ausblendung des Geschlechterverhältnisses. Vielmehr bilden die Vergewaltigungsdebatten derzeit den einzigen Aufhänger für die Diskussion innerhalb der autonom-linken Öffentlichkeit um das Geschlechterverhältnis, was für Bewusstseinsbildung denkbar ungünstig ist, da sie niemandem die Gelegenheit zum Erkenntnisgewinn gibt. Die zunehmende Behandlung von Sex und Beziehungen als »Privatsache« führt nur zu häufig dazu, dass ein Bild der betroffenen Frau als zu pathologisierendes, passives Opfer reproduziert wird. Abstrakte Kritik feministischer Parolen (»heißt nein wirklich immer nein?«) und an dieser Stelle irrelevante Problematisierungen irgendwelcher HobbypsychologInnen (»aber es gibt doch auch Frauen, die Vergewaltigungsphantasien&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_gkqfatn&quot; title=&quot;Gerade deren Vorhandensein verweist darauf, dass Phantasien nicht rein spielerisch und ohne äußere Beeinflussung zustande kommen.&quot; href=&quot;#footnote2_gkqfatn&quot;&gt;2&lt;/a&gt; haben!«) rücken ins Zentrum bzw. werden zur »Gretchenfrage«. Im Fokus des Interesses steht nicht etwa die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse oder die Suche nach einem vernünftigen politischen Umgang mit sexualisierter Gewalt, sondern ob der »Täter« wirklich ein »Täter« und das »Opfer« wirklich ein »Opfer« ist.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Definitionsrecht oder Definitionsmacht?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ohne die Gesellschaftsverhältnisse einzubeziehen, wird versucht, ein abstraktes, allgemeingültiges Raster auszutüfteln, bei dem die Täterbestrafung in den Vordergrund rückt und von der Subjektivität des Erlebten und der Er- und Überlebenden&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_tqm123d&quot; title=&quot;Dem mit Passivität assoziierten Opferbegriff wurde von Frauen der Überlebendenbegriff entgegengesetzt. Frauen sind nicht nur Opfer, sondern kämpfen auch ständig um ihr Überleben, sowohl innerhalb einer Gewaltsituation als auch danach. Das daraus resultierende widersprüchliche Verhalten von Frauen Männern gegenüber wird ihnen oft als Mittäterschaft ausgelegt. Hierbei wird aber eines grundlegend verkannt: Eine Frau, die sich in einem Gewaltverhältnis befindet, hat dieses nicht herbeigeführt. Sie versucht ihr Überleben zu sichern und so wenig wie möglich Schaden zu nehmen.&quot; href=&quot;#footnote3_tqm123d&quot;&gt;3&lt;/a&gt; wegführt. Das Verfahren weist Züge eines bürgerlichen Gerichtsprozesses auf und zeugt sowohl von Perspektivverlust als auch von einer Sehnsucht radikal-linker Zusammenhänge nach einfachen Verhältnissen, die das schlechte Bestehende affirmiert. Die Begriffswahl Definitionsrecht gegenüber Definitionsmacht verdeutlicht dies. Ein »Recht« wird gewährt (oder nicht), wodurch ein passives Bild der betreffenden Frau impliziert und diese dadurch als Objekt behandelt wird. Bleibt die Frage, wer dieses Recht gewährleistet. Der Begriff »Definitionsrecht« vermittelt eine »Einklagbarkeit« gegenüber einem System. Ein dogmatisches Vereinbarungsschema, in welchem ein pseudo-juristisches Vorgehen dominiert, reduziert die Frau auf einen »Fall« und entpolitisiert das Geschehene.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Begriff Definitionsmacht ist nicht auf den Bereich sexualisierte Gewalt beschränkt, sondern wird in allen politischen Kontexten von Linken benutzt. Es geht dabei um die Frage, wer die Macht hat, etwas zu definieren. Die Linke skandalisiert die Definitionsmacht herrschender Eliten, Begriffe festzulegen; umgekehrt wird Definitionsmacht als eine politische Maßnahme für diejenigen eingefordert, die direkt von Unterdrückung betroffen sind. Niemand würde diesbezüglich auf die abstruse Idee kommen, von Definitionsrecht zu sprechen, als würde das irgendeine Instanz garantieren. Wer von einer nötigen Infragestellung der Definitionsmacht von Frauen in der radikalen Linken redet, suggeriert ein ausgeglichenes Machtverhältnis, das nicht vorhanden ist, und blendet damit auch dieselben Verhältnisse aus, die autonome Organisierung von Frauen und deren Widerstand überhaupt notwendig machen. Implizit werden auf diese Weise Frauengruppen als Organisationsform – und potentielle Gegenmacht gegenüber einer unsolidarischen Linken – infragegestellt. Bereits bei der Definition dessen, was überhaupt wichtige Fragen sind, beginnt die Definitionsmacht. Die generös angebotene »Diskussion« ist vor diesem Hintergrund keine, sondern schlichter Machtkampf. Somit ist es seitens der Frauengruppen folgerichtig, sich nicht gemäß einer Debatte zu verhalten, sondern wie in einer Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Macht: darf&#039;s ein bisschen mehr sein?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Erkämpfung der Definitionsmacht bzw. die Einsicht in die Notwendigkeit dieser kann nur eine – wenn auch gewichtige – politische Maßnahme sein, die sich durch die gegebenen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse legitimiert. Es handelt sich dabei um kein perfektes Konzept, da es historisch bedingt aus einer Defensive geboren wurde und zudem eine »missbräuchliche« Verwendung nicht auszuschließen ist. Letzteres als Argument gegen die Definitionsmacht ins Feld zu führen heißt jedoch auch, sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse auszublenden, zu denen diese politische Forderung in enger Beziehung steht. Die Unterstellung eines (potentiell) inflationären »Begriffsmissbrauchs« verweist an dieser Stelle einmal mehr auf die Verkennung der Relationen. Der Skandal besteht nicht in der gegebenen Möglichkeit, dass Frau XY »widerrechtlich« Gebrauch von dem »Machtmittel« Vergewaltigungsdebatte macht. Der Punkt ist, dass ohne Verwendung des Vergewaltigungsbegriffs oder anderer »Tabubrüche« mit Sicherheit nichts passiert. Die Verteidigung und Erweiterung der »Definitionsmacht« muss deren Geschichte einbeziehen und unter Bezug auf Prinzipien feministischer Politik erfolgen. Das beinhaltet die Beibehaltung und Stärkung der Autonomie der Frauengruppen und die prinzipielle Möglichkeit der Frauen innerhalb gemischter Gruppen und Organisationen, diese auch abgestuft nach Bedarf für sich einzusetzen. Nur aus der Autonomie heraus kann die Definitionsmacht über die Gestalt und Relevanz sexualisierter Gewalt und sexistischer Übergriffe durchgesetzt werden. Schließlich geht es um Macht, und die wird nicht freiwillig abgegeben, sondern durch den Aufbau von Gegenmacht erstritten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es geht uns jedoch nicht um ein »mechanisches« Verteidigen einer lediglich situativen Definitionsmacht, sondern um die Erweiterung der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in der gemischten radikalen Linken. Diese Auseinandersetzung sollte der Orientierung »pro-Frau« statt »contra-Mann« folgen. Derartige Prioritäten zu setzen hieße, sich für das zu entscheiden, was eine linke Bewegung und Organisation leisten kann, statt weiterhin Mini-Staat oder widerspruchsfreie Zone zu spielen. Wir halten es für notwendig, sich kontinuierlich mit der gesellschaftlichen Bedingtheit sexueller und sonstiger Männergewalt zu befassen, worauf dann aufgebaut und angesichts konkreter Vorfälle zurückgegriffen werden kann, statt das vereinzelte Heraufbeschwören eines Eklats. Auch unabhängig vom Tatbestand »Vergewaltigung«, angesichts »weniger schlimmer« Vorfälle muss gehandelt werden. Priorität bei allem, was infolge von Übergriffen unternommen wird, muss Schutz und ggf. Rehabilitierung&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_0ihwk4z&quot; title=&quot;Dass eine solche überhaupt nötig ist, spricht für sich und gegen Gruppen und Organisationen, deren Verhalten eine Rehabilitierung nötig macht. Trotzdem ist es Fakt, dass Frauen sich auch in derartig frauenfeindlichen Gruppen organisieren wollen, und diese Wahl ist ihnen offen zu halten.&quot; href=&quot;#footnote4_0ihwk4z&quot;&gt;4&lt;/a&gt; der betroffenen Frau sowie die Orientierung an ihrem Willen sein&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_0bnqydi&quot; title=&quot;Nicht alles, was an Unleidlichem in Heterobeziehungen passiert, muss unbedingt den Weg über eine explizite »Politisierung« nehmen, wenn es auch außerhalb dessen, im zwischenmenschlichen Bereich (Vertrauen, Verzeihen, Hoffnung, Freundschaft, Nachsicht) möglich ist, einer Frau nach einem Scheißerlebnis Unterstützung zuteil werden zu lassen und das auch geschieht. Wohl überflüssig zu erwähnen, dass die Einschätzung der Betroffenen maßgeblich dafür ist, ob ein Vorfall ausreichend »politisiert« wurde.&quot; href=&quot;#footnote5_0bnqydi&quot;&gt;5&lt;/a&gt;, was sich punktuell widersprechen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei ist unsere Erfahrung, dass Gewalterlebnisse für die Opfer subjektiv leichter verkraftbar sind, wenn sie nicht wie eine Bestätigung immergleicher, unveränderlicher Verhältnisse und darin erlebter Missachtung daherkommen. Wenn anstelle der bisher häufigsten Gewissheit, dass das betreffende Erlebnis aus gesellschaftlichen Verhältnissen hervorging, die zu bekämpfen die GenossInnen nicht für nötig erachten, der Eindruck tritt, dass sie im Kampf dagegen prinzipiell hinter der Betroffenen stehen, kann z.B. das Gefühl von Abwertung im Nachhinein gemildert werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;… darüber hinaus&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die geforderte Parteilichkeit gerade der gemischten linken Gruppen lässt sich nicht als Verhaltenskanon verpacken. Statt beim individualistischen »im Zweifel für die Frau« stehen zu bleiben, muss als Boden für konkretes Verhalten eine umfassende Sicht auf die – patriarchal verfassten – Dinge entwickelt werden. Praktisch muss die Bereitschaft da sein, wenigstens Schadensbegrenzung zu leisten. Wem es bisher an dieser Erkenntnis mangelte, dem sei gesagt: die Parteilichkeit der Männer für ihresgleichen in der gegenwärtigen Gesellschaft, ihr männerbündisches Agieren, macht feministische Parteilichkeit erst notwendig. Um den Zustand tatenloser männlicher Mittäterschaft zu durchbrechen, braucht es aktive, sichtbare Parteinahme von Männern – den Verrat am Männerbund: »Wer schweigt, stimmt zu«. Es ist Aufgabe der gesamten radikalen Linken, sich mit sexualisierter Gewalt auseinander zu setzen und daraus Konsequenzen zu ziehen, die tatsächlich den gesellschaftlichen Verhältnissen etwas entgegensetzen. Würden wir die Linke für reaktionär und sonst nix halten, dann bräuchten wir kein Bündnis mit ihr zu suchen, und ein Selbstverständnis als Linke wäre obsolet. Aber auch »Feminismus« bietet nicht automatisch ein emanzipatorisches Zuhause. Da wir uns selbst auch als Linke sehen und den Anspruch haben, linke Politik mitzubestimmen, sehen wir nicht ein, weshalb wir uns zwischen einer »linken« und einer »feministischen« Ausrichtung entscheiden sollten. Es geht uns daher sowohl darum, Debatten zu feministischen Positionen unter Frauen anzuregen, als auch (gemischt)linke Politik durch feministische zu radikalisieren. Obwohl die Berliner Debatte schon eine Zeitlang her ist, ist es leider sehr wohl nötig, den Sinn einst erkämpfter feministischer Gepflogenheiten und Begriffe neu herzuleiten und auch auf diesem Wege durchzusetzen. Die fruchtlosen Vergewaltigungsdebatten stehen dabei symptomatisch für die autonome Geschichtslosigkeit und den daraus folgenden Zwang, permanent das Rad neu zu erfinden&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_45g0eye&quot; title=&quot;Vgl. dazu Heinz Schenk: Die Autonomen machen keine Fehler, sie sind der Fehler, 1991&quot; href=&quot;#footnote6_45g0eye&quot;&gt;6&lt;/a&gt;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_qwz3e19&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_qwz3e19&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Wir halten uns im Folgenden an einen weitgefassten Gewaltbegriff, der strukturelle und indirekte Formen von Gewalt einschließt. »Sexualisiert« verweist darauf, dass nicht die Sexualität das Entscheidende ist, sondern die Gewaltausübung, die eben in sexualisierter Form auftritt.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_gkqfatn&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_gkqfatn&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Gerade deren Vorhandensein verweist darauf, dass Phantasien nicht rein spielerisch und ohne äußere Beeinflussung zustande kommen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_tqm123d&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_tqm123d&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Dem mit Passivität assoziierten Opferbegriff wurde von Frauen der Überlebendenbegriff entgegengesetzt. Frauen sind nicht nur Opfer, sondern kämpfen auch ständig um ihr Überleben, sowohl innerhalb einer Gewaltsituation als auch danach. Das daraus resultierende widersprüchliche Verhalten von Frauen Männern gegenüber wird ihnen oft als Mittäterschaft ausgelegt. Hierbei wird aber eines grundlegend verkannt: Eine Frau, die sich in einem Gewaltverhältnis befindet, hat dieses nicht herbeigeführt. Sie versucht ihr Überleben zu sichern und so wenig wie möglich Schaden zu nehmen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_0ihwk4z&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_0ihwk4z&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Dass eine solche überhaupt nötig ist, spricht für sich und gegen Gruppen und Organisationen, deren Verhalten eine Rehabilitierung nötig macht. Trotzdem ist es Fakt, dass Frauen sich auch in derartig frauenfeindlichen Gruppen organisieren wollen, und diese Wahl ist ihnen offen zu halten.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_0bnqydi&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_0bnqydi&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Nicht alles, was an Unleidlichem in Heterobeziehungen passiert, muss unbedingt den Weg über eine explizite »Politisierung« nehmen, wenn es auch außerhalb dessen, im zwischenmenschlichen Bereich (Vertrauen, Verzeihen, Hoffnung, Freundschaft, Nachsicht) möglich ist, einer Frau nach einem Scheißerlebnis Unterstützung zuteil werden zu lassen und das auch geschieht. Wohl überflüssig zu erwähnen, dass die Einschätzung der Betroffenen maßgeblich dafür ist, ob ein Vorfall ausreichend »politisiert« wurde.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_45g0eye&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_45g0eye&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Vgl. dazu Heinz Schenk: Die Autonomen machen keine Fehler, sie sind der Fehler, 1991&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:19 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Mamba</dc:creator>
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 <title>Was ihr von mir wollt, das kotzt mich an</title>
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                    &lt;p&gt;Seit Mitte der 80er Jahre boomt in den westlichen Industriemetropolen die Essstörung Bulimie, die davor weder ein gesellschaftliches noch in fachpsychologischen Diskussionen ein nennenswertes Thema gewesen war. Die Betroffenen sind zum großen Teil Frauen und ihre Anzahl steigt mit zunehmender Tendenz. Diese Form des gestörten Essverhaltens steht im Kontext sich verändernder Leitbilder und Anforderungen an Frauen. Sie ist eine mögliche Überlebensstrategie gegen Normierungsdruck und struktureller (sexualisierter) Gewalt und sollte Konsequenzen für linke Politik haben.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;Seit Mitte der 80er Jahre boomt in den westlichen Industriemetropolen  die Essstörung Bulimie, die davor weder ein gesellschaftliches noch in  fachpsychologischen Diskussionen ein nennenswertes Thema gewesen war.  Die Betroffenen sind zum großen Teil Frauen und ihre Anzahl steigt mit  zunehmender Tendenz. Diese Form des gestörten Essverhaltens steht im  Kontext sich verändernder Leitbilder und Anforderungen an Frauen. Sie  ist eine mögliche Überlebensstrategie gegen Normierungsdruck und  struktureller (sexualisierter) Gewalt und sollte Konsequenzen für linke  Politik haben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Der Begriff des Überlebens in der feministischen Theorie und Praxis&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In der feministischen Theorie und Praxis ist der Begriff des  Überlebens eng gekoppelt an das Weiterleben nach einem Angriff auf die  psychische und physische Unversehrtheit durch sexualisierte Gewalt. Für  die neue Frauenbewegung der 70er Jahre in Westeuropa und den USA war die  Auseinandersetzung mit und Thematisierung von Gewalt gegen Frauen und  Mädchen ein konstituierendes Element. Dieser Diskurs verlief ausgehend  von der Analyse eigener Betroffenheit hin zu dem Kampf um die  gesellschaftliche Verankerung des Wissens über das Ausmaß und die Folgen  sexualisierter Gewalt. Der Begriff des Überlebens meint in diesem  Zusammenhang konkret das Überleben von sexualisierter Gewalt in der  Kindheit (sexueller Missbrauch&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_btcpt9x&quot; title=&quot;Der Begriff des sexuellen Missbrauchs von Kindern ist grundsätzlich kritisch dahingehend zu hinterfragen, da im wörtlichen Sinne Missbrauch das Gegenteil von Gebrauch bedeutet und deshalb im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen auf Kinder eigentlich falsch ist. Sexualität von Älteren mit Kindern bedeutet immer sexuelle Gewalt, da es keine positive Sexualität mit Kindern gibt.&quot; href=&quot;#footnote1_btcpt9x&quot;&gt;1&lt;/a&gt;); Überlebensstrategien sind  Bewältigungsmechanismen solcher Übergriffe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sexualisierte Gewalt ist in verschiedener Form und Ausprägung aus  Sozialisation und Lebensalltag nicht wegzudenken. Jede Frau hat  Erfahrungen in diese Richtung gemacht – sei es durch die sexualisierte  Darstellung von Frauenkörpern in den Medien, die alltägliche  Objektivierung auf der Straße durch Blicke, Sprüche, Antatschen oder  durch verschiedene Formen sexuellen Drucks, Vergewaltigung oder das  Erleben sexuellen Missbrauchs in der Kindheit. All dies lässt sich als  ein Kontinuum von struktureller und sexualisierter Gewalt gegen Frauen  begreifen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Untersuchungen zur Häufigkeit sexualisierter Gewalt kommen zu dem  Ergebnis, dass jede 4. bis 7. Frau vergewaltigt und jedes 3. bis 4.  Mädchen sexuell missbraucht wird&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_jpy8sdi&quot; title=&quot;Auch viele Jungen sind betroffen von sexuellem Missbrauch  (jeder 10. bis 15. Junge). Da dies ein Artikel über Essstörungen als weiblicher Überlebensstrategie ist (mehr als 90% der Betroffenen sind Frauen) wird hier nicht explizit darauf eingegangen.&quot; href=&quot;#footnote2_jpy8sdi&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Sexuelle Übergriffe bedeuten für  die Betroffenen das Erleben von Ohnmacht und Hilflosigkeit, die  Enteignung des eigenen Körpers und somit die Erfahrung kompletter  Fremdbestimmtheit. Dadurch, dass v.a. sexueller Missbrauch meist in  engen, eigentlich vertrauensvollen Beziehungen passiert und dem Kind die  Wahrnehmung abgesprochen wird, dass etwas geschieht, das nicht in  Ordnung ist, sind häufige Folgen Misstrauen, Wahrnehmungs- und  Selbstzweifel, Schuldgefühle und das Erleben des eigenen Körpers als  etwas nicht zu sich Gehörendes und Abzulehnendes.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Überlebensstrategien nach sexualisierter Gewalt in der Kindheit&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Im Zusammenhang mit solchen Traumatisierungen werden verschiedene  Formen von Bewältigungsmechanismen entwickelt. Diese  Überlebensstrategien lassen sich grob als innerpsychisches Erleben oder  als Verhaltensweisen beschreiben, die sich als funktional erweisen, mit  diesen Erfahrungen umzugehen und die Wucht der sie begleitenden Gefühle  und Erinnerungen wegzudrängen bzw. ein Ventil dafür zu finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So wird mittlerweile von PraktikerInnen in der Entstehungsgeschichte von  Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_nwqajct&quot; title=&quot;Das Ritzen bis hin zum massiven Schneiden und Brennen des eigenen Körpers dient zum einen als Ventil, inneren Druck abzubauen. Zum anderen gelingt es manchen, über den Schmerz den nicht mehr fühlbaren Körper wieder zu spüren.&quot; href=&quot;#footnote3_nwqajct&quot;&gt;3&lt;/a&gt;, dissoziativen Störungen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_t1ilw0t&quot; title=&quot;Dissoziation ist das Gegenteil von Assoziation bzw. beide bilden die Pole eines Kontinuums. Die Dissoziation ist eine Störung oder Veränderung der normalen integrativen Funktionen von Gedächtnis, Identität, Emotion und Bewusstsein. Die Änderung kann plötzlich oder allmählich auftreten und vorübergehend oder chronisch (= dissozative Störungen) sein. Chronisch wird sie dann, wenn die Psyche verhindern muss, dass bestimmte Verbindungen existieren. So bedeutet bspw. Depersonalisation, sich selbst, dem Körper, dem Handeln gegenüber immer wieder fremd zu fühlen, gar nicht in sich drin zu stecken. Eine weitere Form der dissoziativen Störungen ist die sog. multiple Persönlichkeit, bei der voneinander unabhängige Identitäten gebildet werden, die nichts voneinander und demzufolge auch nichts über die Erfahrungen der anderen wissen.&quot; href=&quot;#footnote4_t1ilw0t&quot;&gt;4&lt;/a&gt;  sowie bei Drogenabhängigkeit (speziell bei Polytoxikomanie&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_ajcc4er&quot; title=&quot;Polytoxikomanie bedeutet, alles und in unterschiedlichsten Mischungen zu konsumieren, um eine größtmöglichste Distanz zur Realität zu schaffen.&quot; href=&quot;#footnote5_ajcc4er&quot;&gt;5&lt;/a&gt;) von  der hohen Bedeutung traumatischer Erfahrungen ausgegangen.  Frauen-Sucht-Beratungsstellen oder Therapieeinrichtungen berichten nach  langjährigen Erfahrungen davon, dass kaum eine ihrer Klientinnen nicht  Überlebende von sexuellem Missbrauch ist. Gemeinsam sind allen diesen  „weiblichen“ Strategien der Verlust des Zuganges zu sich, den eigenen  Gefühlen, Bedürfnissen, Wünschen und Grenzen, eine gestörte  Körperwahrnehmung (häufig sich als viel zu dick und unförmig zu erleben)  oder das Gefühl, den Körper gar nicht mehr zu spüren sowie diverse  Komponenten von Autoaggressivität und des Kampfes gegen den eigenen  Körper.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Essstörungen als weibliche Bewältigungsstrategie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In diagnostischen Leitlinien werden drei Formen der Essstörung  voneinander unterschieden, die Adipositas (Fresssucht)&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_ncexs4t&quot; title=&quot;Da es um „weibliche“ Überlebensstrategien geht, werden hier die Anorexie und ausführlicher die Bulimie dargestellt, die beide zu über 90% bei Frauen auftreten, während bei der Adipositas kein geschlechtsspezifischer Unterschied feststellbar ist.&quot; href=&quot;#footnote6_ncexs4t&quot;&gt;6&lt;/a&gt;, die Anorexie  (Magersucht) und die Bulimie (Fress-Kotz-Sucht). Anorexie und Bulimie  beginnen meist in der Pubertät und werden durch den „ganz normalen  Diätwahn“ ausgelöst, den fast jede 13/14-Jährige kennt. Die Mädchen  erleben sich als zu dick und fangen an, Essen zu reglementieren. Schon  die Betrachtung des typischen Beginns macht deutlich, dass es  simplifizierend wäre, erlebte Traumatisierung als einzigen  Erklärungsansatz heranzuziehen. Nicht jede bulimische oder anorektische  Frau ist Überlebende von sexualisierter, psychischer oder physischer  Gewalt – aber alle Betroffenen führen mit dieser Symptomatik eine  Auseinandersetzung um ihre weibliche Geschlechtsrolle. Gerade in der  Analyse von Essstörungen müssen neben traumatischen Hintergründen die  gesellschaftliche Zuweisung und hierarchische Bewertung von  Geschlechterrollen, darüber entstehende Idealbilder und Bewegungsräume  betrachtet werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei der Magersucht wird die pubertäre Diät zur dauernden Kontrolle  und Verweigerung der Nahrungsaufnahme und führt zur lebensbedrohlichen  Abmagerung - mit dem gleichzeitigen, subjektiven Gefühl, viel zu dick zu  sein. Feministische psychologische Interpretationen dieser Essstörung  sehen darin die Ablehnung aller weiblichen Körperformen als Ausdruck der  Ablehnung der geschlechtlich zugeschriebenen Rolle. Durch die absolute  Kontrolle der Nahrung erlangen die Frauen das Gefühl von Autonomie und  Stärke – die ihnen anders nicht zugestanden wird. Gleichzeitig wird in  dem Abmagern auch die innewohnende Ambivalenz deutlich: während meist  von den Betroffenen Unabhängigkeit und Eigenständigkeit betont werden,  strahlt der Körper Schutz- und Hilfsbedürftigkeit aus. Im Abhungern  jeglicher weiblichen Rundung liegt eine Pseudosicherheit gegenüber  objektivierenden Sprüchen, Blicken und Übergriffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während die Magersucht als Symptomatik seit langem bekannt ist,  tauchte die Bulimie in größerem Ausmaß erst in den 80er Jahren mit dem  Wandel des Bildes von und der Anforderungen an Frauen in westlichen  Industrieländern auf. Bulimie ist gekennzeichnet durch regelmäßige  Fressattacken, in denen viel Nahrung nahezu verschlungen und hinterher  wieder erbrochen wird. Meist als das Diätmittel schlechthin entdeckt,  verselbständigt sich die Symptomatik zur Suchtstruktur, die das Leben  der Betroffenen bestimmt. Nicht selten erfolgen solche Attacken mehrmals  täglich, die Frauen fühlen sich diesem Drang ausgeliefert und können  dem nichts mehr entgegensetzen. Dies wird verheimlicht, oft weiß nicht  einmal das engste Umfeld Bescheid. Auch äußerlich ist den Frauen nichts  anzusehen, da der Körper bulimischer Frauen meist dem gängigen  Schönheitsideal entspricht. Die Betroffenen verkörpern häufig das Ideal  der „modernen Frau von heute“ – attraktiv, stark, unabhängig und  erfolgreich. Parallel dazu existiert ihre abhängige, unkontrollierte und  heimliche, ihre bulimische Seite. Während einerseits die Anpassung an  geschlechtsspezifischen Normierungsdruck im Vordergrund steht, erfolgt  andererseits die Rebellion dagegen, die aber in autoaggressiven  Verhaltensweisen verharrt und nicht nach außen dringt – was wiederum  eine Form der Anpassung ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die anerkannte Frau ist heute beruflich erfolgreich, durchsetzungsfähig,  autonom und aktiv – und gleichzeitig, je nachdem, in welcher Rolle sie  gerade gefragt ist, ist sie beziehungs- und männerorientiert. Diese  Anforderungen sind teilweise extrem widersprüchlich – und frau geht  immer das Risiko ein, falsch zu sein, falsch zu handeln – was eine  immense innere Spannung erzeugen kann. Gemeinsamer Bestandteil  weiblicher Idealbilder ist, dass frau sehr genau spüren soll, was andere  von ihr erwarten und sich daran ausrichten soll. Sie soll ihren Wert  über die Anerkennung anderer, statt aus sich und ihrem Tun heraus  beziehen. Nach wie vor steht und fällt diese Anerkennung unabhängig von  jeder Rolle für Frauen mit ihrer körperlicher Attraktivität und diese  ist nahezu gleichgesetzt mit Schlanksein. Das Schönheitsideal für Frauen  hat sich zu einem Idealkörper entwickelt, der für kaum eine Frau ohne  Diät und Hungern – und oftmals nur mit Hilfe von Saugapparaten und  Silikonimplantaten – erreichbar ist. Dabei geht es nicht um einen  natürlichen, sondern um einen makellos straffen, gertenschlanken und  doch wohlgerundeten, letztendlich künstlichen Body. Als Paradigma der  inzwischen unterschiedlichen Zivilisierungstechniken steht nicht mehr  der gekleidete, physisch und unmittelbar durch das Korsett gehaltene,  sondern der nackte, durch Fitness, Disziplin und Diät gezähmte  Frauenkörper.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die bulimische Symptomatik ermöglicht, optisch sowohl dem  Schönheitsideal als auch dem Bild der starken Frau zu entsprechen und  gleichzeitig eigene Bedürftigkeit, den Wunsch nach Anlehnung und  Sicherheit über das Fressen ohne Ende zu stillen. Durch das Erbrechen  großer Nahrungsmengen wird schließlich wiederum die Unabhängigkeit von  solchen Bedürfnissen gewahrt. Das Erbrechen bringt eine innere  Entspannung von Widersprüchen, dient als Ventil für geschluckte Wut und  die Anpassung nach außen wird wieder neu möglich. Durch die  Körperkontraktionen wird der für viele nicht mehr fühlbare Körper  gespürt und wieder für einen kurzen Moment als zu sich selbst gehörend  erlebt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Familien von Bulimikerinnen taucht überdurchschnittlich häufig  sexueller Missbrauch auf. Über die Konzentration auf Essen und Erbrechen  kann eine Betäubung, Unterdrückung und Abspaltung negativer, mit den  sexuellen Übergriffen zusammenhängender Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Wut  und Schmerz erreicht werden. Das Erbrechen kann als ein symbolischer  Versuch gesehen werden, sich von diesen Gewalterfahrungen zu reinigen.  Der Hass und die Aggression, die eigentlich dem Täter gelten und ihm  gegenüber nicht ausgedrückt werden dürfen, werden auf den eigenen Körper  gelenkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Bewältigungsgeschichte ausgeprägter Essstörungen spielt das  Bedürfnis, sich selbst jenseits des Normierungsdrucks zu entdecken, eine  zentrale Rolle. Eigene Wünsche, Träume, Sehnsüchte, Grenzen kennen und  spüren zu lernen – diese spontan nach außen zu tragen und unabhängiger  vom Urteil anderer zu werden, ist für die allermeisten wesentlich  gewesen, die Symptomatik hinter sich lassen zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Essstörungen lassen sich jedoch nicht ausschließlich durch  diagnostische Kategorien erfassen. Sich dauernd zu sorgen, zu dick zu  sein und den eigenen Wert darüber zu bestimmen, immer wieder nicht bis  zum Sättigungsgefühl zu essen, stolz darauf zu sein, in der letzten  Woche dreimal abends nichts gegessen zu haben und sowieso seit Wochen  auf Schokolade zu verzichten, sich immer wieder an Kleidergröße 36 bis  38 zu messen und eine Krise zu bekommen, wenn eine Hose nicht mehr passt  – all das ist Bestandteil des Lebensalltags vieler, auch linker Frauen.  Kaum eine Frau ist frei davon. Es wäre aber falsch, zu behaupten, dass  essgestörtes Verhalten und die Betroffenheit von komplexen  gesellschaftlichen Anforderungen und Schönheitsidealen ein  ausschließlich weibliches Problem darstellen. Zunehmend verändert und  verstärkt sich auch für Männer der körperbezogene Normierungsdruck. Seit  einigen Jahren nimmt auch die Zahl bulimischer und magersüchtiger  Männer kontinuierlich zu. Gesellschaftliche Rollenerwartungen sind auch  für Männer nicht mehr eindeutig und in sich konsistent, durch  Erwerbslosigkeit, einer neoliberalen Umstrukturierung von Arbeits- und  Lebensverhältnissen entstehen neue Anforderungen und Verunsicherungen –  auch für Männer könnte die Entwicklung einer manifesten Essstörung zu  einer Art der Bewältigung dessen werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Offensichtlich ist auch, dass Essstörungen fast ausschließlich in  reichen Ländern vorkommen. Die historische und kulturelle Voraussetzung  dafür, Ernährung als Konfliktlösungsstrategie einsetzen zu können, Essen  zu verweigern oder dieses in großen Mengen zu verschlingen, um es  hinterher wieder zu erbrechen, ist der materielle Überfluss und die  beliebige Verfügbarkeit von Nahrung. Genauso benötigt ein bestimmter  Körper- und Fitnesskult gute ökonomische Bedingungen. Falsch ist jedoch,  in diesem Zusammenhang durch moralisierende Argumentationen die  Betroffenen anzugreifen und damit deren subjektives Leid abzuwerten, da  die bulimische Symptomatik eine Überlebensstrategie vor dem Hintergrund  massiver Konflikte und teilweise Traumatisierungen – eben in einer  Wohlstandsgesellschaft – darstellt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ausblick auf eine mögliche linke Politik&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In linken Zusammenhängen werden Essstörungen genauso wie andere  psychische Konfliktlösungsstrategien unterschätzt und tabuisiert.  Besonders für die bulimische Symptomatik, das „Verschwenden von Essen“,  existiert kaum Verständnis. Die Trennung von Öffentlichem und damit  Politischem und Privatem ist wieder rigider geworden. Essstörungen  werden als „psychische Macken“ kategorisiert und im Privatbereich  verortet. Da die Heimlichkeit bei der Bulimie ein Kennzeichen der  Symptomatik darstellt, besteht in einem solchen repressiven und  moralisierenden Klima die Gefahr, dass die Spaltung in eine äußere  angepasste Fassade und das andere, „bulimische Ich“ und damit die  Isolation der Betroffenen weiter verschärft wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine Änderung dieser Situation kann jedoch nur auf der Grundlage einer  selbstverständlichen und eindeutigen Positionierung zu jeder Form  struktureller Gewalt erfolgen und dem Begreifen psychischer  Symptomatiken als einer Konsequenz und einer Strategie des Überlebens  solcher Erfahrungen. Die gesamtgesellschaftliche Tendenz eines  modernisierten patriarchalen Backlash schlägt sich aber auch in  innerlinken Diskussionen nieder: Frauen, die für das emotionale Klima  bei Diskussionen scheinbar zufällig zuständig werden, gesellschaftliche  Analysen, die uneindeutig gegenüber bis blind für strukturell und  konkret gewalttätige gesellschaftliche Verhältnisse sind, Meinungen, vor  allem von Jüngeren, wie „das Patriarchat gibt es nicht mehr“,  Positionen, die Argumente wie „Missbrauch mit dem Missbrauch“ oder  solche der „false-memory-bewegung“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_c73qsjq&quot; title=&quot;Diese Bewegung geht davon aus, dass der Großteil von Erinnerung an sexuellen Missbrauch oder den rituellen Missbrauch in satanischen Kulten in der Therapie durch die Therapeutin suggeriert würden und ausschließlich darüber die hohe Anzahl an Betroffenen zu erklären sei.&quot; href=&quot;#footnote7_c73qsjq&quot;&gt;7&lt;/a&gt; aus den USA aufgreifen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref8_3mbmcjz&quot; title=&quot;Ein Beispiel hierfür ist der Artikel von Ingo Way in der Zeitschrift Bahamas (Nr. 34).&quot; href=&quot;#footnote8_3mbmcjz&quot;&gt;8&lt;/a&gt;, sind  linke Normalität. Auch körperlicher Normierungsdruck spielt besonders in  der gemischtgeschlechtlichen Linken (wieder) eine erstaunlich große  Rolle: Körper- und Fitnesskult nehmen zu, Sport hat für viele nicht mehr  in erster Linie die Spaß-, sondern eher die Bodybuild-Funktion. Die  Ansprüche linker Subkulturen, sich im Lebensstil und Verhalten von „den  anderen“ zu unterscheiden, sind längst harter Realität gewichen – schöne  neue Linke: erfolgreich, flexibel, reflektiert und optisch mit den  diversen Anforderungen kompatibel. Die linke Frau ist alles andere als  „ein Weibchen“, hat einen frechen Spruch auf der Lippe, macht Kampfsport  und setzt sich auf jeden Fall auch durch. Anerkennung ist für alle,  egal ob Mann oder Frau, immens an äußere Attraktivität gekoppelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für eine Linke, die eben nicht in individualistische Zuschreibungen  verfallen will, sondern das strukturelle gewalttätige Moment von  Gesellschaft betont, ist es unumgänglich, über die Existenz, Gründe und  Zusammenhänge von Bulimie zu diskutieren und damit eine Atmosphäre der  Normalität zu prägen, die es den Betroffenen möglich macht, über ihre  Probleme zu sprechen und sich Unterstützung suchen zu können. Wichtig  dafür ist eine selbstverständliche und eindeutige Positionierung zu  jeder Form von struktureller Gewalt und das Begreifen von psychischen  Symptomatiken als eine Form von Überlebensstrategien bei solchen  Erfahrungen. Ein Ansatzpunkt könnte sein, den Fokus auf das der  Symptomatik innewohnende Element der Rebellion zu legen – und in engeren  Kreisen mit den Betroffenen gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie  dieses Element nach außen gelangen kann. In der persönlichen  Auseinandersetzung mit der eigenen Sozialisation unter  geschlechtsspezifischen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen, der  Analyse gesellschaftlicher Strukturen und ihrer individuellen  Verinnerlichung liegen Chancen dafür, die Reproduktion von  Machtstrukturen zu verhindern. Da diese immer subtiler zu Tage treten,  wird ein politischer Ansatz, der gesellschaftliche Stereotypen offensiv  angreift und im politischen Alltag anders lebt, wie dies beispielsweise  schon in der Transgender-Bewegung versucht wird, immer wichtiger.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_btcpt9x&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_btcpt9x&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Der Begriff des sexuellen Missbrauchs von Kindern ist grundsätzlich kritisch dahingehend zu hinterfragen, da im wörtlichen Sinne Missbrauch das Gegenteil von Gebrauch bedeutet und deshalb im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen auf Kinder eigentlich falsch ist. Sexualität von Älteren mit Kindern bedeutet immer sexuelle Gewalt, da es keine positive Sexualität mit Kindern gibt.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_jpy8sdi&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_jpy8sdi&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Auch viele Jungen sind betroffen von sexuellem Missbrauch  (jeder 10. bis 15. Junge). Da dies ein Artikel über Essstörungen als weiblicher Überlebensstrategie ist (mehr als 90% der Betroffenen sind Frauen) wird hier nicht explizit darauf eingegangen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_nwqajct&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_nwqajct&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Das Ritzen bis hin zum massiven Schneiden und Brennen des eigenen Körpers dient zum einen als Ventil, inneren Druck abzubauen. Zum anderen gelingt es manchen, über den Schmerz den nicht mehr fühlbaren Körper wieder zu spüren.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_t1ilw0t&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_t1ilw0t&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Dissoziation ist das Gegenteil von Assoziation bzw. beide bilden die Pole eines Kontinuums. Die Dissoziation ist eine Störung oder Veränderung der normalen integrativen Funktionen von Gedächtnis, Identität, Emotion und Bewusstsein. Die Änderung kann plötzlich oder allmählich auftreten und vorübergehend oder chronisch (= dissozative Störungen) sein. Chronisch wird sie dann, wenn die Psyche verhindern muss, dass bestimmte Verbindungen existieren. So bedeutet bspw. Depersonalisation, sich selbst, dem Körper, dem Handeln gegenüber immer wieder fremd zu fühlen, gar nicht in sich drin zu stecken. Eine weitere Form der dissoziativen Störungen ist die sog. multiple Persönlichkeit, bei der voneinander unabhängige Identitäten gebildet werden, die nichts voneinander und demzufolge auch nichts über die Erfahrungen der anderen wissen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_ajcc4er&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_ajcc4er&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Polytoxikomanie bedeutet, alles und in unterschiedlichsten Mischungen zu konsumieren, um eine größtmöglichste Distanz zur Realität zu schaffen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_ncexs4t&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_ncexs4t&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Da es um „weibliche“ Überlebensstrategien geht, werden hier die Anorexie und ausführlicher die Bulimie dargestellt, die beide zu über 90% bei Frauen auftreten, während bei der Adipositas kein geschlechtsspezifischer Unterschied feststellbar ist.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_c73qsjq&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_c73qsjq&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; Diese Bewegung geht davon aus, dass der Großteil von Erinnerung an sexuellen Missbrauch oder den rituellen Missbrauch in satanischen Kulten in der Therapie durch die Therapeutin suggeriert würden und ausschließlich darüber die hohe Anzahl an Betroffenen zu erklären sei.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote8_3mbmcjz&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref8_3mbmcjz&quot;&gt;8.&lt;/a&gt; Ein Beispiel hierfür ist der Artikel von Ingo Way in der Zeitschrift Bahamas (Nr. 34).&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:12 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Joanna Rivas</dc:creator>
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 <title>Der Alltag ist Krieg gegen Frauen</title>
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                    &lt;p&gt;Die &quot;Revolutionäre Vereinigung der Frauen in Afghanistan&quot; (RAWA) ist eine parteiunabhängige feministische Organisation, die 1977 von intellektuellen Frauen in Kabul gegründet wurde und für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit kämpft.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die &lt;a href=&quot;http://www.rawa.org&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur RAWA-Webseite&quot;&gt;&quot;Revolutionäre Vereinigung der Frauen in Afghanistan&quot; (RAWA)&lt;/a&gt; ist eine parteiunabhängige feministische Organisation, die 1977 von intellektuellen Frauen in Kabul gegründet wurde und für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit kämpft. Nach dem Einmarsch der SU gingen Teile nach Pakistan und organisierten sich in der Grenzstadt Quettar und in Peschawar. In den vergangenen 24 Jahren haben sie ein Krankenhaus für Flüchtlinge aufgebaut, mobile medizinische Teams gegründet und führen Bildungsmaßnahmen in Afghanistan und im Exil durch. Sie unterstützen traumatisierte Frauen, bauen geheime Zellen in Kabul auf und organisierte Mädchenschulen im Untergrund. Mehrere Aktivistinnen, wie z.B. Meena, eine der Gründerinnen von RAWA, wurden bei Attentaten ermordet. Die 20-jährige Marina Kamal lebt im Exil in Pakistan. Frauen in Afghanistan dürfen nicht arbeiten, außer im medizinischen Bereich, und Mädchen, die älter als acht Jahre sind, dürfen keine öffentlichen Schulen mehr besuchen. Seit September 1997 wird Frauen und Mädchen der Zugang zu den staatlichen Kliniken verwehrt. Es gibt eine kläglich ausgestattete Frauenklinik in Kabul. Frauen ist es nicht erlaubt, ohne ihren Vater, Bruder oder Ehemann – ohne männlichen Verwandten – das Haus zu verlassen. Frauen, die keine Burka – einen den ganzen Körper verhüllenden Schleier mit nur einem kleinen Sichtgitter – tragen, deren Knöchel z.B. zu sehen sind, drohen Misshandlungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie viele Mitglieder hat RAWA?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind etwa 2.000 Personen aus praktisch allen ethnischen Gruppen Afghanistans. Etwa 80 Prozent unserer Mitglieder entwickeln klandestine Aktivitäten innerhalb des Landes. Die anderen arbeiten in Pakistan, hauptsächlich zur Unterstützung der Flüchtlinge. RAWA ist eine Frauenorganisation, obwohl wir natürlich auch männliche Mitarbeiter haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie sieht ein Tag für eine Aktivistin von RAWA in Pakistan oder Afghanistan aus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das hängt sehr von der Gegend ab, in der wir arbeiten. Als ich im Büro für Öffentlichkeitsarbeit tätig war, haben wir oft nachts gearbeitet. Wir hatten wenig Ressourcen und die Arbeit war sehr hart. Jetzt bin ich in der Bildungsarbeit tätig. Ich besuche die Alphabetisierungskurse und die Lehrerinnen, ich kümmere mich um die Teilnehmerinnen und die Presse. Innerhalb Afghanistans ist unsere Arbeit sehr unterschiedlich und gefährlich. Es gibt Leute, die eine kleine geheime Schule in ihrem Haus betreiben. Andere, wie zum Beispiel Medizinerinnen, leisten medizinische Hilfe. Es gibt auch Leute, die unsere Publikationen innerhalb Afghanistans verteilen. Das sind Publikationen, welche die Leute kaufen, obwohl sie dabei ihr Leben riskieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ihr legt großes Gewicht auf Bildung?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Männer haben mehr Macht in allen Aspekten des öffentlichen Lebens, weil sie besseren Zugang zu Bildung haben. Unsere Alphabetisierungskurse und die Kurse zur politischen Bewusstseinsbildung haben das Ziel, den Frauen Macht zu verschaffen und sie in die Lage zu versetzen, ihre Rechte einzufordern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was bedeutet für Euch Feminismus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir kennen den westlichen Feminismus, aber die Grundlage unserer Ideen beziehen wir aus unseren elementaren Erfahrungen und der Repression, unter der wir leiden. Frauen werden seit drei Jahrzehnten auf allen Ebenen unterdrückt. Die Forderung nach Gleichheit und Grundrechten entsteht da ganz von alleine. Es gibt wichtige Unterschiede zu einem europäisch geprägten Feminismus. Während Frauen im Westen für das Recht auf Scheidung oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit kämpfen, kämpfen wir für das Recht, das Haus zu verlassen. Während Frauen im Westen sich für Parlamentssitze einsetzen, kämpfen wir für grundlegende Dinge, wie dass wir uns alleine in der Öffentlichkeit bewegen können. Oder dafür, dass es nicht lebensgefährlich ist, wenn man aus Versehen einen Arm unter unserer Burka sehen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie leben die Aktivistinnen von RAWA den Islam?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind fast alle Muslime, aber Muslime, die den Islam als eine persönliche Option leben. Er bildet einen Teil unseres Lebens, aber er darf nicht die Politik bestimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie passt eine feministische Bewegung wie Eure in den Islam?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Islam ist eine sehr weite Religion und – selbstverständlich – weit entfernt von der Interpretation der Taliban. Der Islam bietet Frauen das Recht auf Bildung, auf die Straße zu gehen, zu arbeiten und ihre Rechte zu fordern. Es gibt natürlich viele Interpretationen des Islam. Für uns heißt Feminismus in Afghanistan, dieselben Rechte zu besitzen wie die Männer, vor allem das Recht zu leben. Auf jeden Fall ist der Islam ein sehr umstrittenes Thema. Im Laufe der Geschichte hat sich gezeigt, dass die Religionen, der Islam mit eingeschlossen, die besten Waffen in den Händen der Regierenden und Diktatoren waren, die Bevölkerung zu kontrollieren und vor allem die Frauen. Afghanistan ist ein klares Beispiel für die Nutzung der Religion für politische und persönliche Interessen. Alle Fundamentalisten, sowohl die Taliban als auch die Jehadis, haben den Islam entsprechend ihrer eigenen Interpretation benutzt, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Warum sieht man so viele Frauen, die hier in Pakistan die Burka tragen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Burka ist Teil unserer Kultur. Es gab immer Frauen, die sie angezogen haben. In konservativen Familien ist das noch immer üblich. Was ganz neu in unserer Kultur ist, ist, dass Frauen gezwungen werden, die Burka zu tragen. Einige Frauen, wie beispielsweise Meena, die Gründerin von RAWA, benutzten sie, um nicht erkannt zu werden. Wir selbst tragen die Burka manchmal, wenn wir nach Afghanistan reisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was fühlt man unter einer Burka?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Du siehst kaum etwas durch das Stoffgitter in Augenhöhe. Man kann kaum atmen. Während der Mittagshitze vervielfacht sich jede Anstrengung. Der Gedanke, dass dich jemand töten kann, wenn du die Burka öffnest, verstärkt das Gefühl der Drangsalierung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was ist die Politik der Regierung gegenüber RAWA?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Strategie der Taliban und auch der reaktionären Presse in Pakistan ist es, uns zu diskreditieren. Sie bezeichnen uns als &quot;untreue Frauen&quot;, als &quot;Prostituierte&quot;, als &quot;anti-islamisch&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ist das Leben von RAWA-Aktivistinnen auch in Pakistan in Gefahr?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Selbstverständlich. Es ist nicht so gefährlich wie in Afghanistan, aber einige Aktivistinnen sind verhaftet worden, und wir werden beobachtet. Wir werden auch bedroht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Welche Verbindungen zum Ausland habt Ihr?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In dieser harten Zeit ist es eine Notwendigkeit für uns, Mitarbeit und Hilfe von allen Organisationen und Bewegungen, die die Freiheit lieben, zu suchen, egal wo sie sind. Weil unsere politischen Ziele und unsere Situation denen der Palästinenserinnen, Zapatistinnen und Kurdinnen ähneln, ist es klar, dass wir uns diesen progressiven Bewegungen nahe fühlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie sieht sich RAWA politisch?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind eine unabhängige soziale und politische Organisation. Wir sind feministisch und anti-fundamentalistisch. Wir kämpfen für die Freiheit, die Demokratie und die Rechte der Frauen. Innerhalb der politischen Landkarte können wir uns nicht verorten, weil es uns in erster Linie um die genannten Ziele geht. Von der Rechten werden wir als links bezeichnet. Einige Linken sagen, dass wir Rechte sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie schätzt Du die aktuellen Ereignisse ein?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist eine neue Katastrophe für unser Land. Der Angriff auf Afghanistan wird den Schmerz der Amerikaner über die terroristische Attacke nicht lindern. Die USA sollten zwischen der afghanischen Bevölkerung, die eine furchtbare Zeit durchleidet, und den Fundamentalisten unterscheiden. Wir habe die Attentate des 11. September energisch verurteilt, aber wir erinnern daran, dass Bin Laden ein Mitarbeiter der CIA war und die USA die Fundamentalisten finanzierten. Die USA sollten nicht Afghanistan angreifen und Tausende ZivilistInnen ermorden, um sich am Verbrechen von Bin Laden und den Taliban zu rächen. Die Nordallianz ist die andere Seite derselben Medaille. Das sind die gleichen Mörder und Fundamentalisten wie die Taliban.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In ihrer Grausamkeit und ihrer Einstellung zu Frauen sind die Gruppen der Nordallianz kein bisschen besser als die Taliban. Auch bei ihnen wurden Frauen verschleiert, sie durften nicht zur Schule, sie wurden gesteinigt. Es wurden Massaker an ethnischen Minderheiten verübt und Frauen vergewaltigt. Für die afghanische Bevölkerung bietet die Nordallianz keine Perspektive. Wir wollen eine politische Lösung.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:35 +0000</pubDate>
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 <title>Der Westen als Pferdefuß des ägyptischen Feminismus</title>
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                    &lt;p&gt;Die Stimmung in dem überfüllten Raum des Forschungszentrums für Menschenrechte ist enthusiastisch, zahlreiche Vertreterinnen von Frauen- und Familienorganisationen sind gekommen, auch ein paar Männer mischen sich in die Diskussion ein. Die Schriftstellerin und über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannteste Feministin Nawal Al Sadawi will eine Plattform ins Leben rufen: Frauen aus allen politischen und gesellschaftlichen Kreisen sollen ihre Rechte verteidigen und am 8. März 2000 auf die Straße gehen.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die Stimmung in dem überfüllten Raum des Forschungszentrums für Menschenrechte ist enthusiastisch, zahlreiche Vertreterinnen von Frauen- und Familienorganisationen sind gekommen, auch ein paar Männer mischen sich in die Diskussion ein. Die Schriftstellerin und über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannteste Feministin Nawal Al Sadawi will eine Plattform ins Leben rufen: Frauen aus allen politischen und gesellschaftlichen Kreisen sollen ihre Rechte verteidigen und am 8. März 2000 auf die Straße gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Anliegen ist gewagt. Demonstrationen sind in Ägypten verboten, denn seit dem Attentat auf Saddat 1981 gilt Notstandsgesetzgebung. Wer sich in Ägypten antipatriarchaler Frauenpolitik oder Menschenrechten verschrieben hat, muss nicht nur gegen Behörden, sondern auch gegen die öffentliche Meinung kämpfen. Doch den Ägypterinnen wird nicht etwa vorgeworfen, sie seien frustriert, hysterisch, vermännlicht oder getrieben vom Männerhass, wie es Feministinnen in allen westlichen Ländern zu hören bekommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Ägypten kann der Vorwurf genau in die andere Richtung gehen: eine Feministin steht eher in dem Ruf, besonders freizügig zu sein, womöglich wolle sie nur kurze Röcke anziehen und die freie Liebe einführen, wie es Nawal Al Sadawi einmal vorgeworfen wurde. Der Feminismus&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_3jkipys&quot; title=&quot;Feminismus bezeichnet hier jede frauenrechtlich orientierte Aktivität. Eine Unterscheidung wie im Deutschen gibt es nicht, da historisch keine Separierung der unterschiedlichen Strömungen statt gefunden hat. In der deutschen Literatur zum Thema ist der Begriff Feminismus wahrscheinlich schlicht aus dem Englischen übernommen. Ebenso könnte immer von Frauen-Rechtlerinnen die Rede sein.&quot; href=&quot;#footnote1_3jkipys&quot;&gt;1&lt;/a&gt; gilt generell als eine Erscheinung der westlichen Industrienationen, dementsprechend heißt es, die Feministinnen seien verwestlicht. Dabei weiß niemand so genau was Verwestlichung ist. Gehen Bruder und Schwester nach Paris oder London zum Studieren, wird man ihn bei seiner Rückkehr als modern bezeichnen, sie dagegen als verwestlicht, sofern sie nicht umgehend ein Kopftuch umbindet. Mit dem Westen hängt alles zusammen, was die Islamisten als Dekadenz bezeichnen: Lebensstil, Kleidung, Schminke. Aber auch Ideen zählen dazu, zumal wenn sie den Islamisten oder der Regierung nicht passen. So sind die Menschenrechte westlichen Ursprungs. Der Islam habe schon immer gemeinschaftliche Menschenrechte gekannt, heißt es, Individualrechte seien überflüssig und gegen die Religion oder die Tradition.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei den Frauen, die sich an der Plattform beteiligen wollen, steht als erstes der Punkt Finanzierung auf der Tagesordnung. »Auf keinen Fall Spenden aus dem Ausland« ist die einhellige Meinung der Aktivistinnen. Man glaubt, wer Spenden aus Europa oder den USA erhalte, sei von dort manipuliert. Erst vor einigen Monaten geriet eine Menschenrechtsorganisation in Verruf, weil das britischen Konsulat Geld für ein Projekt der Organisation gespendet hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Vorwurf der Verwestlichung ist nicht nur ein Mittel der Regierung, sich die missliebige Opposition vom Leibe zu halten, oder der Islamisten, die damit ihre Widersacher diskreditieren wollen. Auch innerhalb der Frauenbewegung ist sie ein beliebtes Mittel der Diffamierung anderer Frauengruppen. Dabei kann es um Geld, Sex oder politische Ausrichtung gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So sagt die feministische Schriftstellerin Salwa Bakr in einem Interview, viele ihrer Mitstreiterinnen würden nur über Sex und den Körper schreiben, um einem westlichen Publikum zu gefallen. Der Einwurf, dass die meisten Bücher der feministischen Autorinnen, über die sie spricht, nicht aus dem Arabischen übersetzt sind, ändert ihre Meinung nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Vorwurf der Verwestlichung meist gefolgt von der Behauptung, sie würde nur über Sex schreiben, ist neben einigen jüngeren Dichterinnen vor allem gegen Nawal As Sadawi gerichtet. Die Theater- und Soapschreiberin Fatayat Al Assal, aktiv in der Frauenvereingung der Linkspartei Tagammu, sagt über Sadawi: »Meine Arbeit ist politisch, wenn ich mich für die Verbesserung der Situation von Frauen einsetze. Sie ist mehr Feministin, mehr europäisch. Sie interessiert sich nur für die Frau an sich und die Sexualität, dabei geht es doch um die ökonomische Situation.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sieht man sich Sadawis Schriften an, erscheinen diese Vorwürfe widersinnig. In ihren politischen Schriften analysiert sie die Situation von Frauen im Kontext von Klassengesellschaft und imperialistischem System. In ihren Romanen existieren vereinsamte Frauen, die von einem System aus Traditionen und kapitalistischen Zwängen erdrückt werden. Handlungsunfähig und unterdrückt sind aber auch die Männer in diesen Geschichten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viel Aufsehen erregte sie, als sie als erste die Praxis der Klitorisbeschneidung schon in den 60ern öffentlich attackierte und das Konzept der Jungfräulichkeit angriff. Beides brachte ihr den Vorwurf ein, für eine ungezügelte Sexualität ein zu treten und sich damit gegen Religion und Kultur zu wenden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sadawi selbst legt großen Wert darauf, nicht verwestlicht zu sein: »Ich habe nie gesagt, dass wir befreit sein wollen wie westliche Frauen. In meinen Büchern schreibe ich, dass Frauen im Westen unterdrückt sind. Ich schreibe sogar, dass ich die westliche Form der Demokratie ablehne.«&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Kolonialmacht schafft die Fronten&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Von Anfang an wurde der Frauenbewegung vorgeworfen, ihre Ideen seien ein Import aus dem Westen oder schlimmer noch: sie spielten den westlichen Kolonialisten und später Imperialisten in die Hände. Die Kritik ist nicht völlig aus der Luft gegriffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die ersten, die sich für die Rechte der ägyptischen Frauen einsetzten war ein Zirkel von Kolonialistenfrauen: die Lady Cromer Society. Die Thematisierung der Unterdrückung der Musliminnen war für die Briten Teil ihrer Kolonialpolitik und diente der Diffamierung der einheimischen Kultur und des Islam. Zentraler Angriffspunkt war das Kopftuch, an ihm wurde gezeigt, dass die Muslime nicht zivilisiert seien.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Laut offizieller ägyptischer Geschichtsschreibung wurde die Diskussion um die Befreiung der Frau von einem Mann eingeleitet. Der Jurist Qasim Amin löste 1899 mit seinem Buch »Die Befreiung der Frau« eine heftige Debatte aus. Die bürgerliche Kleinfamilie war sein Modell. Amin plädierte für die Monogamie, die Abschaffung des Gesichtsschleiers, die Einschränkung der Scheidungsmöglichkeiten für Männer und für das Recht auf gleiche Bildungsmöglichkeiten. Doch seine Argumentation war eingebettet in seine Bewunderung für die Errungenschaften der europäischen Zivilisation und spiegelte die Sicht der britischen Kolonialmacht wieder. Die Muslime sind für Amin rückständig und faul. »Die geistige Hebung der Frau« ist für ihn vor allem ein Schritt zur Erlangung des europäischen Zivilisationsgrads. Doch liegt das Problem nicht einzig darin, dass er die eigene Kultur weitestgehend negiert und damit die Haltung der Kolonialmacht teilt, von Anfang an spielte auch die Klassenfrage in diesem Konflikt ein wesentliche Rolle. Amins war Angehöriger einer Oberschicht, die von der Kolonialherrschaft profitierte. Er stammte aus einer Großgrundbesitzerfamilie und hatte in Frankreich studiert. Die konservative und antifeministische Gegenposition wurde von Angehörigen der traditionellen Mittelschicht vertreten, die in Folge der kapitalistischen Entwicklung von sozialem Abstieg betroffen waren und deren männliche Angehörige nun ihre Position als Familienoberhäupter angegriffen sahen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_s1m90bp&quot; title=&quot;Vgl.: Kreile, Renate: Politische Herrschaft, Geschlechterpolitik und Frauenmacht im Vorderen Orient, 1997, S. 230 ff.&quot; href=&quot;#footnote2_s1m90bp&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Diese Position behauptete, die imperialistischen Mächte wollten das Kernstück der arabischen Kultur – die Familie – schwächen, um die arabischen Länder zu unterwerfen. Ihr Instrument sei die Frauenrechtsbewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Fronten sind bis heute in veränderten Erscheinungsformen geblieben. Auf der einen Seite stehen die Angehörigen der Oberschicht und oberen Mittelschicht, die ihren Töchtern das Studium im Ausland ermöglichen und damit auch akzeptieren, dass diese Frauen einen Beruf ergreifen und sich Freiheiten nehmen, die in der Bevölkerung als unmoralisch gelten. Auf der anderen Seite steht die untere Mittelschicht. Dazu gehört der traditionelle Mittelstand, sowie die Masse an HochschulabsolventInnen, die sich mit minderbezahlten Jobs in der Verwaltung begnügen müssen oder überhaupt keine Arbeit finden. Für sie sind die Thesen der Islamisten attraktiv, die gegen den Imperialismus wettern, die Dekadenz der Gesellschaft und den Verfall der Familie als Indiz dafür nehmen. Männer wie Frauen dieser Schichten können nicht am kapitalistisch erwirtschafteten Reichtum der Gesellschaft teilhaben. Das Gerede von der Dekadenz gibt ihnen ein Ventil für ihren Hass gegen diejenigen, die es sich leisten können, in Diskotheken zu gehen oder sich in schicken Shoppingmalls Modekleidung zu kaufen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kurze Geschichte der Frauenrechte&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Obwohl die erste ägyptische Frauenbewegung sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts klar antikolonialistisch artikulierte, konnte sie den Graben zwischen der vom Kolonialismus profitierenden Oberschicht und der deklassierten Mittelschicht nicht überwinden. Sie beteiligten sich zwar aktiv am Befreiungskampf gegen die Kolonialmacht England. Aber ihre frauen-rechtlichen Aktivitäten zeichneten sie als Angehörige der privilegierten Schichten aus: Sie gaben Zeitungen heraus und setzten sich für Bildungsmöglichkeiten ein. Freiheiten, die sich diese Frauen errangen, blieben für ihre Schichten reserviert. Allenfalls wurden Nähkurse für Mädchen der Arbeiterklasse eingerichtet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine grundlegende Änderung für die Ägypterinnen brachte erst Nassers »Staatsfeminismus«. Der durch den Putsch der »freien Offiziere« an die Macht gelangte Präsident führte 1956 das Wahlrecht für Frauen ein und schuf erstmals umfassende Bildungsmöglichkeiten für Frauen, die es ihnen ermöglichten, auch höher qualifizierte Berufe zu ergreifen. Nasser baute die Universitäten aus und versprach jedem Absolventen einen Arbeitsplatz in der Verwaltung. Weil die wirtschaftliche Entwicklung in Ägypten zurückblieb, gab es bald eine Masse an Hochschulabsolventen, die auf dem freien Arbeitsmarkt keine Anstellung fanden. Der Staat musste sie einstellen, damit sanken aber die Löhne für Behördenposten immer weiter. Heute arbeiten in der Verwaltung zum großen Teil Frauen. Sie sind so zumindest sichtbar geworden. Sie verdienen jedoch häufig nicht mehr als 100 Mark monatlich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der später von Islamisten ermordete Präsident Sadat leitete eine umfassende Liberalisierung der Wirtschaft ein. Er schuf damit ein Heer von Arbeitslosen. Als er auch noch Frieden mit Israel schloss, erhielten die Islamisten einen enormen Zulauf. Wenn auch Sadat unter dem Druck seiner Frau das Familienrecht reformierte, die Polygamie einschränkte und Frauen ein begrenztes Scheidungsrecht gab, so hat sich doch wenig an der Frontstellung geändert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Frauen und die Islamisten&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Konservative und Islamisten haben in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und Abbau von sozialen Leistungen ein leichtes Spiel, Frauen ihre Rechte streitig zu machen. Mit ihrem Ruf nach der islamischen Familie schlagen sie gleich zwei Fliegen: Sie reinstallieren die patriarchale Stellung des Mannes als Brotverdiener, wenn Frauen vom Arbeitsmarkt gedrängt werden. Den Backlash legitimieren sie, indem sie den Feminismus als Produkt des Westens diffamieren. So erscheint die Zurückdrängung der Frauen als Teil ihres antiimperialistischen Kampfes.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vollkommen zurückdrängen können die Islamisten Frauen jedoch nicht aus dem öffentlichen Leben. Im Gegenteil organisieren sich gerade in ihren eigenen Reihen massiv auch Frauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der seit den 1980ern zunehmende Islamismus schafft zwar die Atmosphäre, in der sich Frauen immer mehr rechtfertigen müssen, gleichzeitig nutzen ihn Frauen als Freiraum. Gerade Frauen der unteren Schichten können sich mittels der neuen Religiösität über traditionelle Moralvorstellungen hinwegsetzen. Nadia Wasif, Aktivistin und Mitglied des Frauenforschungszentrums Kairo, meint: »Das Kopftuch ermöglicht ihnen Freiheiten, die ihre unverschleierten Mütter nicht hatten. Sie können sich frei auf der Strasse bewegen, arbeiten gehen, sogar mit Männern verkehren und trotzdem respektiert werden.« Die verschleierten Frauen können aktiv am öffentlichen Leben teilnehmen, ohne dass ihnen der Vorwurf der Verwestlichung gemacht werden könnte. Die Tochter eines kommunistischen Funktionärs beschreibt das Dilemma, nachdem ich sie gefragt habe, ob sie politisch aktiv sei – etwa in der Studentenschaft organisiert. Für ein junges Mädchen sei es nicht akzeptabel heutzutage an politischen Veranstaltungen mit Männern teilzunehmen, sagt die 19-Jährige. Auf den Einwurf, dass doch aber viele Frauen aktiv seien, weist sie auf ihre vom T-shirt nicht bedeckten Arme und sagt: »Diese Frauen tragen Kopftücher. Sie können hingehen, wohin sie wollen. Aber für mich ist es besser, wenn ich nach den Vorlesungen gleich nach Hause gehe.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nawal As Sadawi hat Islamistinnen zu der neuen feministischen Plattform eingeladen. Anfang der 90er sah sie im Islamismus noch den größten Feind, heute sagt sie über die Islamistinnen: »Sie existieren, sie sind Teil der Bevölkerung. Außerdem gibt es einige sehr aufgeklärte Islamistinnen, die Frauen innerhalb des Islam befreien wollen und den Koran reinterpretieren wie viele christliche Theologinnen die Bibel neu interpretiert haben.«&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_3jkipys&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_3jkipys&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Feminismus bezeichnet hier jede frauenrechtlich orientierte Aktivität. Eine Unterscheidung wie im Deutschen gibt es nicht, da historisch keine Separierung der unterschiedlichen Strömungen statt gefunden hat. In der deutschen Literatur zum Thema ist der Begriff Feminismus wahrscheinlich schlicht aus dem Englischen übernommen. Ebenso könnte immer von Frauen-Rechtlerinnen die Rede sein.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_s1m90bp&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_s1m90bp&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Vgl.: Kreile, Renate: Politische Herrschaft, Geschlechterpolitik und Frauenmacht im Vorderen Orient, 1997, S. 230 ff.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:16:26 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Hannah Wettig</dc:creator>
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 <title>Diverser leben, arbeiten und Widerstand leisten</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/41/diverser-leben-arbeiten-und-widerstand-leisten</link>
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                    &lt;p&gt;Manchmal scheint die Welt in einer winterlichen Starre gefangen zu sein. Immer noch werden Menschen in Gruppen unterteilt und ihre Beziehungen zueinandersind von Herrschaftsverhältnissen geprägt. Immer noch Rassismus, immer noch Sexismus, immer noch Kapitalismus. Immer noch ist Besitz extrem ungleich verteilt, haben wenige undenkbar viel und viele zu wenig zum Überleben. Immer noch Kriegeund Gewalt und immer mehr Überwachung. Andererseits passieren überall auf der Welt auch Sachen, die unsere Herzen höher schlagen lassen. Menschen gehen Beziehungen miteinander ein, arbeiten zusammen und vernetzen sich, entwickeln tolle Projekte und erfinden unglaubliche Geräte. Sie schaffen sich Freiräume, sie experimentieren und sie weichen lustvoll ab.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Manchmal scheint die Welt in einer winterlichen Starre gefangen zu sein. Immer noch werden Menschen in Gruppen unterteilt und ihre Beziehungen zueinandersind von Herrschaftsverhältnissen geprägt. Immer noch Rassismus, immer noch Sexismus, immer noch Kapitalismus. Immer noch ist Besitz extrem ungleich verteilt, haben wenige undenkbar viel und viele zu wenig zum Überleben. Immer noch Kriegeund Gewalt und immer mehr Überwachung. Andererseits passieren überall auf der Welt auch Sachen, die unsere Herzen höher schlagen lassen. Menschen gehen Beziehungen miteinander ein, arbeiten zusammen und vernetzen sich, entwickeln tolle Projekte und erfinden unglaubliche Geräte. Sie schaffen sich Freiräume, sie experimentieren und sie weichen lustvoll ab.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Queer-feministische Theorien haben uns geholfen, unser Nachdenken über Geschlecht und Sexualität in Bewegung zu bringen und die Unterschiedlichkeit von Körpern, Lebens- und Liebensweisen nicht nur anzuerkennen, sondern auch zu feiern. Zentral für diese Emanzipation und Transformation war es, einen Ausweg aus der Formel ‹Biologie = Schicksal› zu finden. Die Norm der vermeintlich natürlichen Zweigeschlechtlichkeit wurde als unerreichbares Ideal entlarvt, nach dem alle streben. Wer nicht wenigstens versucht, ihr zu entsprechen, wird aus dem Kreis der Normalen ausgeschlossen. An dieses kritische und dekonstruktive Denken wollen wir anknüpfen, wenn wir uns in diesem Text auf die Suche begeben nach Möglichkeiten, die Spuren gesellschaftlicher Transformation, die in unseren Alltagspraxen stecken, zu erkennen, zu reflektieren und zu intensivieren. Alles beginnt für uns also damit, die Norm des Kapitalismus, seine vermeintliche Omnipotenz und seinen Anspruch auf Universalität anzugreifen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die regulatorische Fiktion ‹Kapitalismus› dekonstruieren&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;J.K. Gibson-Graham, die sich mit nichtkapitalistischen ökonomischen Praxen beschäftigen, liefern uns einen ersten Ansatz, Ökonomie anders zu denken. Sie kritisieren unseres Erachtens nach zu Recht, dass ‹Kapitalismus› als akkurate Beschreibung der wirtschaftlichen Realität gilt. Ähnlich wie Judith Butler es für Geschlechtsidentität vorgeschlagen hat, begreifen sie das Konzept ‹Kapitalismus› als eine regulatorische Fiktion. Der Kapitalismus wird dabei so dargestellt, als sei er total normal, nahezu natürlich und zugleich übermächtig und unaufhaltsam. Kapitalismus ist der Master Term, von dem aus definiert wird, was Zentrum und Peripherie, was Produktion und Reproduktion ist. Es scheint, als sei er die bestimmende und treibende Kraft hinter allen denkbaren gesellschaftlichen Entwicklungen. An dieser Identität des Kapitalismus stricken sowohl hegemoniale als auch kapitalismuskritische Aussagen mit: Beide reproduzieren das Bild des Kapitalismus als omnipotenter Akteur im Spiel der Kräfte. Damit wird der Blick auf die Diversität sozialer, kultureller, aber auch ökonomischer Praxen, das heißt auf bestehende und denkbare Formen des Wirtschaftens jenseits kapitalistischer Ausbeutung und Verwertung, beharrlich verdeckt. Versuchen wir also einmal, dem ‹kapitalozentrischen› Diskurs einen Diskurs der ökonomischen Vielfalt entgegenzusetzen und überlegen wir, in welchen Formen wir knappe Güter und Dienstleistungen produzieren, verteilen und konsumieren. Wenn wir ‹wirtschaften›, sind wir nicht immer Teil von Prozessen, bei denen Arbeitskraft gegen Lohn verkauft wird und in denen Profit vom Kapitalbesitzer in Form von Mehrwert angeeignet wird. Manchmal verschenken wir unsere Arbeitskraft oder tauschen sie gegen Geld, das nicht direkt aus dem kapitalistischen Wirtschaften kommt. Manche betreiben neben der Lohnarbeit unabhängige Produktion in ihren Gärten. Manchmal tauschen wir Güter oder Dienstleistungen mit unseren Liebsten auch direkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unserer Erfahrung nach werden die ökonomischen Aspekte eines vermeintlich ‹nicht-ökonomischen› Teils unseres Lebens zu häufig ausgeblendet. Ökonomie kommt uns immer so unangenehm kapitalistisch vor, aber ist sie das in jedem Fall? Oder ist sie genauso divers wie Geschlecht und Sexualität es sein können? Wenn Gegen-Narrative zum kapitalozentrischen Denken jenseits kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse geschaffen werden sollen, dann muss auch Klasse als prozesshaft, komplex und nicht kohärent konzipiert werden. Damit greifen wir die dekonstruktivistische Kritik an der Vorstellung von kohärenten Identitäten auf, die mit der Unsichtbarmachung Anderer einhergehen. Etablierte und ausgrenzende Identitätsformen, wie beispielsweise die gewerkschaftlich repräsentierte Arbeiterklasse, aber auch die ‹Klasse der Kapitalisten›, können so destabilisiert werden. Nicht nur Menschen, die in sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen als Hausfrauen und -männer, Selbstständige oder Freelancer arbeiten, sind in komplexe und sich wandelnde Klassenprozesse eingebunden, sondern auch der männliche ‹Normalarbeiter›, der in seiner Freizeit fischen geht und in einem ökonomischen Austauschprozess mit seiner reproduktionsarbeitenden Ehefrau steht. Wir glauben, dass diese dekonstruktivistische Perspektive auf sexuelle und ökonomische Identitäten transformatorische Praxen voran bringen kann. Zunächst, indem sie nach dem fragt, was ausgeschlossen und übergangen wird und es dadurch möglich macht, Machtsensibilität in konkrete Projekte einzuschreiben. Aber auch, indem sie Leidenschaft für politische Projekte entstehen lässt, die jenseits von binären Codes vielfältiges, lustvolles Leben, Denken und Arbeiten ermöglichen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus queer-feministischer Perspektive gehen wir auf die Spurensuche nach ökonomischen Prozessen der Transformation, die wir in bestehenden Praxen erkennen können. Es existieren Projekte, bei denen Menschen Ressourcen wie Geld, Zeit und Produktionsmittel kollektiv nutzen, um gemeinsam oder individuell an Sachen zu arbeiten, die ihnen Spaß machen und mit denen sie ein gesellschaftliches Ziel verbinden. Ein Beispiel dafür sind Hackerspaces. In diesen Räumen treffen sich Menschen, die sich für Technologie, Computer, Programmieren, Basteln, Kunst und Wissenschaft interessieren, um zusammen abzuhängen und zu arbeiten. Es gibt dort nicht nur Rechner, sondern auch Labore, Maschinen, Werkzeug, Bastelmaterial und vor allem Wissen, das geteilt werden kann. Ihrem Selbstverständnis nach sind Hackerspaces nicht dazu da, Startups zu gründen, um die gemeinsamen Arbeitsergebnisse als Waren kapitalistisch zu verwerten. Vielmehr geht es darum, Produkte (weiter) zu entwickeln und zugänglich zu machen. Dass es dabei auch zu kritischen Auseinandersetzungen um Machtpositionen kommt, zeigt der Text Hacking The Spaces. Johannes Grenzfurthner und Frank Apunkt Schneider problematisieren darin, dass Hackerspaces überwiegend von weißen, männlichen Nerds gestaltet werden und fordern, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sich dies auf die Praxis der Hackerspaces auswirkt. Hackerspaces stehen in einer linken, gegenkulturellen Tradition, sich Freiräume zu schaffen. Und sie überschreiten Grenzen: Nicht nur zwischen Wohnzimmer und Arbeitsplatz wird die vermeintliche Trennung aufgehoben, sondern auch die Gegenüberstellung von Arbeit mit Kunstmachen und Spaßhaben wird durchquert. Sie können Räume sein, die Arbeitsweisen und Technologien entwickeln, die zur Veränderung der Gesellschaft beitragen und Systeme im besten Sinne von benutzeruntypischem Verhalten hacken.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Freiheit und Prekarisierungsweisen in neoliberalen Verhältnissen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Aber wohin soll die Reise gehen? Was sind unsere Koordinaten, nach denen wir transformatorische Projekte politisch gestalten und bewerten wollen? Es geht nicht darum, die Frage nach den Auswirkungen kapitalistischer Verhältnisse auf die Gesellschaft und auf die unterschiedlichsten Aspekte des Lebens nicht mehr zu stellen. Als Ausgangspunkt finden wir – die wir nicht länger auf die Weltrevolution warten wollen – es konstruktiv, dafür die momentanen neoliberalen Vergesellschaftungsprozesse in all ihren diskursiven Widersprüchlichkeiten und sozialen Effekten in den Blick zu nehmen. Unter Neoliberalismus verstehen wir die Ökonomisierung von immer mehr Gesellschaftsbereichen entlang eines marktlogischen Verwertungsinteresses. Dieser Prozess ist mit einem Menschenbild verbunden, welches Subjekte als ‹Unternehmer_innen ihrer selbst› anruft. Demnach haben angeblich alle die gleichen Chancen, Kosten und Nutzen richtig abzuwägen. Alle haben die ‹Wahl›. Jede kann es schaffen, wenn sie nur gebildet und fleißig genug ist. Antke Engel stellt die These auf, dass die breite politische Zustimmung zu neoliberaler Rationalität durch die positive Neubewertung von Differenz abgesichert wird. Einerseits führen veränderte Lohn- und Arbeitsbedingungen sowie der Abbau staatlicher Leistungen zu einer Verschärfung des ökonomischen Drucks und zu sozialer Unsicherheit. Auf der anderen Seite versprechen neoliberale Regierungsweisen jedoch einen Freiheitsgewinn: Eigenverantwortung und Leistungsindividualismus werden eben nicht nur negativ erlebt, sondern ermöglichen persönliche Entfaltung jenseits normierter Formen der Lebensgestaltung. Dazu kommt, dass ökonomische Verwertungsinteressen nicht-normativen und hybriden Identitäten nicht mehr per se entgegen stehen, sondern diese geradezu befördern: Ein offenes gesellschaftliches Klima, Diversität und das Vorhandensein von schwulen Szenevierteln gelten beispielsweise als entscheidende Standortfaktoren, wenn es darum geht, die ‹kreative Klasse› in eine Stadt zu locken. Doch kommt es dort, wo einerseits eine Anerkennung von Differenz/en zu verzeichnen ist, andererseits zu einer Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen und zur Privatisierung von immer mehr ‹Lebensrisiken›. Ob Karies oder das Rentenalter: Wer nicht individuell vorsorgt, hat Pech gehabt. Deshalb spricht Engel in diesem Zusammenhang treffend von privatisierter Freiheit jenseits sozialer Gerechtigkeit. Individuelle Leistungsfähigkeit ist dabei das Maß, anhand dessen bestimmt wird, welche Differenzen anerkannt werden und welche nicht. Der Umgang mit den komplexen Anforderungen und strukturellen Problemen wird auf die einzelnen Individuen abgewälzt. Das Subjekt, das alle neoliberalen und recht widersprüchlichen Anforderungen irgendwie managen muss, kann also als Kristallisationspunkt neoliberaler Regierungsweisen gesehen werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Über die Klassenfrage hinaus&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Vor diesem Hintergrund sollte nach unserem Verständnis eine queer-feministische Ökonomiekritik den Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital nicht zum Ausgangspunkt nehmen. Denn die Bedeutung anderer gesellschaftlicher Strukturkategorien droht neben derjenigen der ‹Klasse› unter den Tisch zu fallen. Spätestens mit der Intersektionalitätsdebatte sind die Zeiten des Hauptwiderspruchs endgültig vorbei: Die Erkenntnis, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse und Identitätskategorien nur in ihrer Verschränkung betrachtet und politisiert werden können, gilt es für queeres ökonomiekritisches Denken produktiv zu machen. Dies bedeutet zum einen, dass Geschlecht nicht ohne Sexualität gedacht werden kann, Männlichkeit und Weiblichkeit nicht ohne Rassialisierungspraxen und Sexualität wiederum nicht ohne Körperdiskurse, die Menschen in ‹gesund› und ‹krank/behindert›, ‹jung› und ‹alt› einteilen. Zum anderen heißt es aber auch, dass nicht nur Diskriminierungs- und Ausgrenzungspraxen, sondern auch Privilegien vor dem Hintergrund eines komplexen Verständnisses von gesellschaftlichen Machtverhältnissen untersucht werden müssen. Die ‹Klassenfrage› muss also durch eine Analyse der vielfältigen Positionierungen in Erwerbs- und Reproduktionsarbeitsverhältnissen ersetzt werden. Wie das funktionieren kann, zeigen die Mobilisierungen zum Euromayday. Die Aktivist_innen scheuen sich nicht, den Individualisierungsdruck anzugreifen und gleichzeitig auf individuellen Rechten zu bestehen, die Vermarktung von Differenzen kritisch zu thematisieren und sich gleichzeitig aus prekären Sprechpositionen auf provisorische Identitäten zu berufen. Das Beispiel zeigt, dass die Widersprüchlichkeiten neoliberaler Regierungsweisen für politische Praxen genutzt werden können.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Alle arbeiten sexuell&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wir wollen Denk- und Praxisstrategien weiterverfolgen, die diesen Schritt gemacht haben. Dazu brauchen wir einen erweiterten Arbeitsbegriff. Das Konzept der ‹Sexuellen Arbeit› von Pauline Boudry, Brigitta Kuster und Renate Lorenz macht deutlich, dass Arbeit immer auch eine emotionale Komponente hat, die mit normativer Heterosexualität bzw. Sexualität im Allgemeinen verknüpft ist. Ein klassisches Beispiel ist die Sorge-Arbeit, welche vermeintlich aus Liebe gern freiwillig und unbezahlt getan wird, oder die Stewardess, die mit ihren männlichen Fluggästen flirtet. Aber auch ein Hausmeister verkörpert heterosexuelle Männlichkeit, und in politischen Projekten arbeiten wir ebenfalls sexuell. Denn immer sind Fähigkeiten und Emotionen gefordert, die dem Bereich der Persönlichkeit zugeordnet werden. Persönliche Verhältnisse zu Kolleg_innen, Chef_ innen und Genoss_innen müssen aufgebaut werden und je nach Job und Position sind bestimmte zugehörige Charaktereigenschaften zu performen: Freundlichkeit, Durchsetzungsstärke, Einfühlungsvermögen usw. Für die Subjekte heißt das, sich selbst zu regieren und den gesellschaftlichen Regeln zu unterwerfen, um handlungsfähig zu werden. Die Aufforderung, entlang der Verkörperung persönlicher Eigenschaften bestimmte Rollen einzunehmen, ist zugleich Drohung und Versprechen, in einem hohen Maße geschlechtsspezifisch und durch die heteronormative Struktur der Gesellschaft geprägt. Ein freches Dienstmädchen würde ‹bestraft›, ein Professor, der beim Thema ‹Armut› in Tränen ausbricht, ebenfalls. Wenn es ihnen gelingt, ihre Rollen richtig zu verkörpern, läuft auch der Arbeitstag einigermaßen rund und sexuelle Arbeit war mal wieder doppelt produktiv: Sie hat Dienstleistungen und Produkte, aber auch verkörperlichte, vergeschlechtlichte und sexuelle Subjekte hergestellt. Sexualität und Arbeit sind eben nicht zwei getrennte Sphären von sexueller Selbstbestimmtheit in der Freizeit und Entfremdung und Zwang auf der Arbeit. Das Konzept der ‹Sexuellen Arbeit› lenkt den Blick auf die Gemeinsamkeiten dieser vermeintlich individuellen Erfahrungen und kann sie damit politisieren. Es ist möglich und nötig, diese Anrufungen zu durchqueren und umzuarbeiten, ihnen teilweise nicht zu entsprechen oder daran produktiv zu scheitern. Das neoliberale Versprechen individueller Freiheit stößt gerade hier an seine Grenzen. Durch das Fehlen notwendiger materieller Ressourcen wie sozialer Transferleistungen oder kostenloser Bildung wird der Zwang, sich als Subjekt in Arbeitsverhältnissen mittels sexueller Arbeit auf bestimmte Weisen zu konstituieren, immer wieder erneuert. Aus queer-feministischer Sicht scheint es uns deshalb zentral, genau die Diskurse anzugreifen, die eine Stabilisierung normativer Verhältnisse und vorgeschriebener Identitätskonstruktionen stützen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Queering and Hacking Capitalism!&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Und damit zurück zur politischen Praxis: Divers leben, wirtschaften und mit politischen Strategien umgehen! Das geht gut zusammen, denn wenn ‹alle› so unterschiedlich sind, brauchen wir diverse politische Praxen, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen und mit verschiedenen Strategien arbeiten. Anfangen können wir damit, uns zu fragen, für welche Zwecke wir uns selbst ausbeuten. Es kann damit weitergehen, Lohn und andere Ressourcen aus der Erwerbsarbeit zu nutzen, um ökonomische und ökologische Alternativen zu entwickeln. Wir denken hier dank Friederike Habermann zum Beispiel an Hausprojekte, die anders mit Eigentum umgehen, Umsonstläden, Foodcoops und Guerillagärtner_innen oder Freifunkprojekte, die kostenloses Wlan in die Städte bringen. Neben solchen Alltagspraxen wollen wir aber auch Forderungen an das System stellen. Um eine grundsätzliche Umverteilung von oben nach unten zu erkämpfen, sollten wir den Mythos der Vollbeschäftigung endlich ziehen lassen. Im Angesicht steigender Armut in den verschiedensten Prekarisierungsweisen und vor dem Hintergrund des aktivierenden Sozialstaates, der den steigenden ökonomischen Druck auf die Schultern der Individuen legt, ist die Forderung eines bedingungslosen Grundeinkommens eine sinnvolle Intervention in die Anrufung der Subjekte als ‹Unternehmer_innen ihrer selbst›. Abhängigkeitsverhältnisse zwischen erwachsenen Personen könnten damit zurückgefahren werden, heteronormative Strukturen könnten ihre soziale und steuerliche Bevorzugung verlieren und der feminisierte und ethnisierte Niedriglohnsektor würde quasi ausgehebelt, denn Menschen müssten ihre Arbeitskraft eben nicht mehr um jeden Preis verkaufen. Auch wenn das bedingungslose Grundeinkommen wie ein paternalistisches Instrument der Gleichbehandlung daher kommt, eröffnet es neue Möglichkeiten der selbstbestimmten Repräsentation von Subjektivität, Sexualität, Arbeitszusammenhängen und Lebensformen. So wie queere Praxen die gesellschaftlich vorgegebenen binären Geschlechtercodes unterlaufen, versuchen wir, das regulatorische Ideal des Kapitalismus samt seiner Vorstellung von Arbeit zu hacken, denn vor lauter kapitalistischer Hegemonie besteht sonst die Gefahr, dass vielfältige Alltagspraxen, die Herrschaftsverhältnisse bereits durchqueren, nicht wahrgenommen werden. Wir sollten versuchen, immer weiter genau dagegen anzudenken, um das Begehren nach Transformation zu beleben, ohne uns vom übermächtigen Monster ‹Kapitalismus› grundsätzlich entmutigen zu lassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 22 Jan 2010 14:07:24 +0000</pubDate>
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