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 <title>arranca! - Fernsehen</title>
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 <title>Columbos Frau</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/0/columbos-frau</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Am Anfang war die Zerstreuung, in diesem Fall die abendliche vor dem Fernsehapparat. Und die eigenartige Mechanik des Blickes, gefesselt von der Faszination der Bilder. Das Hineinversetzen kam später. Der Kriminalfilm spielt damit. Sein Strickmuster gibt ihm recht. Auch in der Vereinigung ganzer Völker in der Stunde des Kommissars. Columbo ist Inspektor in T.A., warum nicht mehr, weiß der Autor. Das Publikum weiß immer mehr als der Inspektor: es sieht den Mord und den Mörder lange bevor die Jagd beginnt. Der Zustand hält nicht lange an. Meist lernt der Inspektor schneller als große Teile des Publikums. Was fehlt, sind die Beweise. Er wird sie bekommen. Man kann die Uhr danach stellen. Der befreiende Seufzer entfährt der Brust zwischen 21:40 und 21:45. Nächstes Mal wird man besser sein. Besser als der Inspektor nie. Nach der Beschreibung kommt das Denken. Das kann Folgen haben.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Am Anfang war die Zerstreuung, in diesem Fall die abendliche vor dem Fernsehapparat. Und die eigenartige Mechanik des Blickes, gefesselt von der Faszination der Bilder. Das Hineinversetzen kam später. Der Kriminalfilm spielt damit. Sein Strickmuster gibt ihm recht. Auch in der Vereinigung ganzer Völker in der Stunde des Kommissars. Columbo ist Inspektor in T.A., warum nicht mehr, weiß der Autor. Das Publikum weiß immer mehr als der Inspektor: es sieht den Mord und den Mörder lange bevor die Jagd beginnt. Der Zustand hält nicht lange an. Meist lernt der Inspektor schneller als große Teile des Publikums. Was fehlt, sind die Beweise. Er wird sie bekommen. Man kann die Uhr danach stellen. Der befreiende Seufzer entfährt der Brust zwischen 21:40 und 21:45. Nächstes Mal wird man besser sein. Besser als der Inspektor nie. Nach der Beschreibung kommt das Denken. Das kann Folgen haben:&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;1&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ein Volk braucht Helden. Besonders in wenig heroischen Zeiten, wie die auf uns gekommenen es sind. Wie Helden gemacht sind, weiß man. Es gibt Fabriken dafür. Die Betreiber großer Industrien leben von Helden, und das sehr gut, wie bekannt ist. Zum Beispiel von Fernsehhelden. Auch diese lindern den Schmerz. Denn schwer drückt die Masse die Schmach alltäglich erfahrener Minderwertigkeit. Ob die lindernde Wirkung eines vergötterten Rächers nachklingt, auch über seine Anwesenheit im Empfangsraum hinaus, ist nicht sicher, eingedenk des entfesselten Geb3hrens der Programmkonsumenten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die regelmäßige Wiederkehr zur dienstagabendlichen Hauptsendezeit scheint daher wesentlich, die den Programmzeitschriften entnehmbaren Einschaltquoten zeugen gelegentlich von Erinnerungsspuren, ungelöscht diese selbst nach sieben harten Abenden erprobter Gehirnwäsche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die zunehmenden Erfolge von Serien heiligen deren Rezepturen. Ein Ende ist nicht abzusehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Exkurs über das Kriminalstück:&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Es ist die Position des Autors/der Autorin, die erscheint im Detektiv, in dessen Art, die Wahrheit zu sezieren, ihr die Bruchstücke zu entnehmen, die er braucht, den Fall zu lösen. Sein eigenartige Bewegung in ihr beein¬flußt wesentlich die Aufklärung. Er beeinflußt sich selbst. Der asketische Gang in die Schlacht, der bekannt ist vor allem aus England (Chestertons Pater Brown oder Doyles Sherlock Holmes entsprechen dem vielleicht am ehesten), hält den Blick unbestechlich offen für die Spuren der Tat, die kommen aus Vergangenheit wie aus Gegenwart. Er sichert seinem Träger ein auffälliges Maß an Distanz an den Orten des Verbrechens und konserviert ein kühles Unbetei¬ligtsein, das nötig sein wird, der Tat zu überführen. Dieses ist die Distanz zum vom Autor/der Autorin zu bezwingenden Stoff genauso wie des Betrachters von Kunst im Moment der Versenkung es sein sollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Bewegung des us-ameri­kanischen Detektivs im Raum unterscheidet sich zumeist grund­legend von der beschriebenen. Zu tief ist er selbst verstrickt in die offenere Allgegenwart des Ver­brechens. Seine Möglichkeiten, sich da rauszuhalten sind von vornherein geringer, als die des britischen Gentlemen es sind. Meist verzweifelt er schon vorher daran, denn zu gut kann er jeden verstehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Marlow ist immer Täter und Opfer zugleich, denn jede/r kann der Täter sein wie das Opfer. Sein Bourbon­Konsum ist enorm, jede Frau scheint er zu töten. Er ist ein Massenmörder, an sich selbst, wie an dem was er liebt an anderen. Die einzige Chance, die seine Arbeit hat, ist die des Sich­Hineinversetzens. Das fällt ihm inzwischen nicht mehr schwer, denn jeder Fall ist sein letzter. Er wird mit dem Mörder sterben, denn das ist unwiderruflich seine letzte Story. Jeder neue Fall ist eine Auferstehung. Er ist der geborene Erzähler. Indem er von sich redet, redet er von allen. Oder anders. Bukowskis Chance wäre der Kriminalroman gewesen. Auch Columbo ist ein Mythos. Vielleicht der des ewig heimatlosen Europäers in den USA.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;2&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Abgestimmt in Maske und Austattung auf den glitzernden Ausfluß des den Film in regel­mäßigen Abständen zerreißenden Werbeeinspiels, kriechen gespens­tisch anmutende Zombies über die Szene der High-Tech-Büros, Promi­nentenvillen, Werbeagenturen, Fit­nesscenter, Filmstudios, Luxusdam­pfer, kurz aller Tummelplätze us­amerikanischer Herrenmenschen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bis ins kleinste Detail wird der Käufer kaum etwas vermissen von dem, was die Werbung mit der ihr eigenen Penetranz ihm aufzu­schwatzen sucht aus dem Fundus der Industrien. Luxuriös tritt der Tod auf die Galerien der nach aufwärts gerutschten Exkremente des jenseitigen Lebensweges. Die Zwiegespräche der Warenwesen tragen dort einen Realismus zur Schau, der in kühnsten Auswüchsen erinnert an dasGrunzen von, in die Reste der von ihnen einst bearbeiteten Urwälder zurückge­kehrten Hausschweinen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zur Illustration dessen hier der Dialog der mordlüsternen An­gestellten eines Immobilienmaklers, Miss Dimitri, und einem zum Kauf überredeten Ehepaar. Die Szene ist beliebig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Miss Dimitri:&lt;/strong&gt; Ich gebe zu, daß das Hauptschlafzimmer nicht&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;allzu groß ist, aber man könnte die Wand zum angrenzenden Gäste­zimmer herausbrechen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Mann&lt;/strong&gt;: Nicht allzu groß, M&#039;am? Bei uns in Virginia war der Stall&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;halb so groß wie dieses Schlafzimmer.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frau&lt;/strong&gt;: George, man könnte denken, wir hätten in einer Hütte gelebt. Mann: Scheint mir fast, als wäre es so gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frau&lt;/strong&gt;: Verstehen sie uns nicht falsch, Miss Dimitri, dieses Haus&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ist wundervoll...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Miss Dimitri&lt;/strong&gt;: Sehn sie, ich wußte, es wird ihnen gefallen. Auch&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;wenn es ihr Limit übersteigt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Mann&lt;/strong&gt;: M&#039;am, wir hatten in Worrington wirklich ein hübsches Anwesen mit fünfzig Morgan prima Land. Hab&#039;s für `ne Million verkaufen können. Jetzt komm&#039; ich hier &#039;raus und sie zeigen mir ein Haus für sechs Millonen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Miss Dimitri&lt;/strong&gt;: Wissen Sie, Mister, ich will ihnen nichts vormachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich hätte ihnen hier draußen ein paar _Häuser zeigen können, die für, sagen wir mal drei bis dreieinhalb Millonen weggehen. Aber weder Haus noch Lage hätte sie glücklich gemacht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Mann&lt;/strong&gt;: Das möchte ich selbst entscheiden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frau&lt;/strong&gt;: George, hör auf so ein Querkopf zu sein. Du hast neun Jahre gebraucht, dieses dreckige Nest zu verlassen. Und ich schwöre, die sehen uns nie wieder.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die stofflichen und geistigen Zivilisationsruinen made in USA bilden die Kulisse für eine Art Verbrechen, das, so möchten die Macher des Films glauben machen, unweigerlich sich abspielen muß auf den Weg zu Ansehen und Besitz: die physische Vernichtung des hinderlichen Nächsten. Die an den Beginn jeder Folge gestellten mörderischen Schweinereien suggerieren das und stehen entgegen dem ausgelaugten Slogan „Everybody can do it&quot;, der die Verzweiflungstat des Obdachlosen bestimmt, der auf den Müllhaufen der ihm verbliebenen Habseligkeiten das starsprangled banner noch hißt. Jeder kann es eben doch nicht schaffen, und daß manchmal Rechtschaffenheit vor Reichtum geht, wird spätestens klar in der Ankunft des Rächers derer, denen immer noch die Makel tristen Alltags anhaften wie der Dreck dem Mantel des Polizisten, den dieser trophäengleich zur Schau trägt, als Symbol seiner Fremdheit im Reich der „Großen dieser Welt&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Tugenden eines frühbürger­lichen Kleinhändlers, gehängt an die Person des Sympathiebündels Peter Falk sind in ihrer Wirkung auf das zu bekämpfende Publikum fast unüber­trefflich. In der überlegenen Schläue und der an Perversität grenzenden Akribie des von ihm zelebrierten Inspektor Columbo vereint sich die Schärfe eines Chirurgenskalpells mit der Lästigkeit einer Schmeißfliege. Er durchschaut sie alle von Anfang an und kann doch ohne sie nicht leben. Er hängt an ihnen, weil er sie braucht. Er versteht sie fast immer in ihrem fernen Leid, und meist bedauert er das, was er tun muß, so notwendig das auch sein mag. Alles darf seinem unerbittlichen Gewissen keinen Abbruch tun. Sie werden ihn, wenn er seine Arbeit getan hat, abstoßen wie das erwähnte lästige Insekt. Er wird wiederkommen, wenn ihre Entgleisungen nach ihm rufen, wenn die Spuren, die er hinterläßt längst verblaßt sind. Er hat das erfahren&lt;em&gt;: „Eine Spur ist nur so lange etwas Wert, wie sie heiß ist. Danach taugt sie zu nichts.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der momentane Sinn, der seinen komisch wirkungsvollen Tätigkeiten unterlegt ist, schlägt den Bogen zum Publikum. Es erkennt sich wieder.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;3&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;An der Spur von Wiedererkennen hängen alle Illusionen. Das Unmerk­liche des Bruchs zwischen der Tiefe der Spur und der Nähe der Illusion macht die Kultfigur. Columbo ist das schon lange. Er ist ihnen allen gewachsen und hat doch nicht mehr als Erfahrenes auf seiner Seite und dazu nötig, der Gerechtigkeit eine Bresche zu schlagen, sei die auch nur symbolisch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mehr ist nicht möglich. Auch darum lieben sie ihn. Ob im Gebraucht­wagen älterer Marke oder im schamhaften Verbergen seiner Ehefrau - seine bessere Hälfte nennt er sie- und hält sie so fern es nur geht (im Film ist das die totale Abwesenheit) von der „upper dass&quot;, zu der sie viel weniger gehört als er, der gezwungenermaßen dort ein- und ausgeht. Er tut seinen Job für die da oben, und er beneidet sie nicht um ihr Leben. Denn der Schein trügt wie so oft. Er möcht die Sorgen der Reichen nicht haben, was heißt, er möchte nicht reich sein. Über die Möglichkeit, es zu werden, sagt sein zur Schau gestelltes Unwohlsein nichts. Die Verinnerlichung der Wünsche eines Angestellten spricht hier nur aus den Sehnsüchten der Frau, die, wenn er jene dort eben zum Besten gibt, das herablassende Interesse derer erwecken, die von den Träumen der unten zu haltenden profitieren und sie deshalb auf ihre Art bedienen. DieProduzenten des Films gehören dazu.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie sprach es doch gleich Columbo anläßlich eines Telfonates mit seiner Gattin in den Hörer: „Wart nicht auf mich. Nimm deine Medizin und geh ins Bett. Es wird spät werden.&quot;&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/fernsehen">Fernsehen</category>
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 <pubDate>Wed, 24 Feb 2010 12:44:07 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Gnadenlos unerträglich</title>
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                    &lt;p&gt;Die neue Reality-Show auf Sat1, Gnadenlos gerecht, dokumentiert die Arbeit von zwei ‚Sozialfahndern’ im Kreis Offenbach in Hessen. Sie belauern und befragen Leistungsbezieher, um sie des Bruchs von Vorschriften zu überführen oder um nicht angegebenes Eigentum oder zusätzliche Verdienste aufzudecken.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Die neue Reality-Show auf Sat1, Gnadenlos gerecht, dokumentiert die Arbeit von zwei ‚Sozialfahndern’ im Kreis Offenbach in Hessen. Sie belauern und befragen Leistungsbezieher, um sie des Bruchs von Vorschriften zu überführen oder um nicht angegebenes Eigentum oder zusätzliche Verdienste aufzudecken. Wie die einzelnen ‚Fälle’ auf ihren Schreibtisch kommen, ist nicht immer klar - mehrfach werden schriftliche Denunziationen aus der Bevölkerung gezeigt. In diesen wird etwa behauptet, die Leistungsbezieher seien „seit Monaten in der Türkei“ oder der Lebensstil passe einfach nicht zum Bezug von Hartz IV. Dann werden die Fahnder aktiv – „wir müssen da hin“. Die Kamera immer dabei, obwohl man meist nur Nebel sieht, weil ohne die Zustimmung der Betroffenen nichts gezeigt werden kann, was auf ihre Identität hinweist. Also ist die meiste Zeit fast alles mit Weichzeichner hinterlegt – bis auf die beiden Sozialfahnder, die hölzerne Sätze zwischen sich hin- und herschieben. Und natürlich bis auf die Erfolgsgeschichten: wenn der Vater Alkoholiker ist, ist die Sozialfahnderin Frau Fürst auch mal großzügig und gewährt dem jungen Mann, obwohl er noch unter 25 ist, ein paar Euro für die eigene Wohnungseinrichtung. Nicht ohne zu kontrollieren, ob er sie auch richtig ausgegeben hat. Keiner der Aufgesuchten erhält eine Rechtsbelehrung, im Zweifelsfall wird eben das Kind einer Leistungsbezieherin an der Gegensprechanlage in die Mangel genommen, wo denn die Mama sei. Als die Kleine was von einer Fahrradtour erzählt, ist Frau Fürst wieder einen Schritt weiter: Das ist ihr ja schließlich nicht erlaubt, sich ohne Abmeldung von zu Hause zu entfernen - zumindest dieser Tag wird ihr schon mal gestrichen. Und wie dieses erste Anzeichen schon andeutet, wo Rauch ist, ist schließlich auch Feuer, bleibt es nicht bei der Fahrradtour. Durch ‚verdeckte Ermittlungen‘ und extensives Rumlungern in einer Kneipe weisen die Sozialfahnder auch noch Schwarzarbeit in der Kneipe nach. Leistungen werden gestrichen, Rückzahlforderungen, Anzeige wegen Betrugs.&lt;br /&gt; Der Titel Gnadenlos gerecht soll andeuten, dass hier nur dem Recht Geltung verschafft wird. Tatsächlich stellen sich Frau Fürst und ihr Gehilfe (die zwei sind ein bisschen wie in schlechten Fernsehkrimis: damit die Zuschauer den ohnehin schon dürftigen Spannungsbogen mitkriegen, wird dem Kollegen Sicherheitsexperten alles ganz genau erklärt) als eine Art Über-Eltern- Instanz dar: Wer ordentlich fragt und nicht betrügt, dem wird gewährt, ansonsten werden andere Saiten aufgezogen. Der Jargon der Denunziationsbriefe wird gerne von Frau Fürst noch mal wiederholt – „die fährt ’nen dicken fetten BMW“, „die sind also offensichtlich(!) seit Monaten in der Türkei“ –, eine Differenz zwischen Ressentiment und Amtsauftrag scheint es nicht zu geben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die ganze Wirklichkeit?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Sendung arbeitet Denkformen aus, die nahe legen, Gesellschaft so zu denken, „als ob die Unmittelbarkeit seiner Lebenslage/- praxis die ganze Wirklichkeit wäre“, wie Klaus Holzkamp es 1983 in „Grundlegung der Psychologie“ nennt. Holzkamp bezeichnet das als „deutendes Denken“, als kognitiven Aspekt restriktiver Handlungsfähigkeit: also einer Handlungsfähigkeit, die um den Aspekt des Eingreifens verkürzt ist. Gesellschaftliche Vermittlungen werden ausgeblendet. Das ist herrschaftsfunktional und ermöglicht den Einzelnen sich selbst darin so zu denken, dass sie nicht an die gesetzten Grenzen stoßen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Walter Benjamin analysierte das Interesse der Massen am aufkommenden Film als eines daran, sich selbst und ihre Arbeit ins Zentrum zu rücken. In der kapitalistischen Filmindustrie allerdings werde das Interesse der Selbst- und somit auch der Klassenerkenntnis umgelenkt auf das Interesse an Intimitäten der Stars. Die neoliberale Fernsehpraxis der Reality-Shows kann als herrschaftliche Reartikulation dieser verdrängten Interessen gesehen werden: Hier wird der ‚Anspruch’ eines jeden, gefilmt zu werden, nicht mehr bekämpft, sondern aufgegriffen. Diese Selbstverständigung über Lebensweisen und Gerechtigkeitsvorstellungen ist aber von Klassenerkenntnis denkbar weit entfernt. Gleichzeitig wird der Zuschauer in die Position des „halben Fachmanns“ (Benjamin) versetzt, der/die selber darüber befinden kann, was berechtigte Ansprüche sind, was ‚irgendwie verdächtig’ wirkt – und erscheint so plötzlich handlungsmächtig und ‚auf der richtigen Seite’.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In einer europaweiten Interviewstudie zu den Erfahrungen von Menschen mit den aktuellen gesellschaftlichen Umbrüchen zeigt sich immer wieder das Gefühl des „aufgekündigten Vertrages“ (vgl. &lt;a href=&quot;http://www.siren.at&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.siren.at&lt;/a&gt;). Gemeint ist die von vielen geteilte implizite Vorstellung, dass sich „harte Arbeit gegen gesellschaftliche Absicherung, Lebensstandard und Anerkennung tausche.“ Die Interviewten äußern durchaus Bereitschaft, härter zu arbeiten und mehr zu leisten, müssen aber feststellen, dass legitime Erwartung in Bezug auf verschiedene Aspekte von Arbeit, Beschäftigung, sozialen Status oder Lebensstandard dauerhaft frustriert werden: der Vertrag ist ‚einseitig gekündigt‘ worden. Dies führt zu Ungerechtigkeitsgefühlen und Ressentiments in Bezug auf andere soziale Gruppen, die sich den Mühen der Arbeit anscheinend nicht in gleichem Maße unterziehen müssten und für die besser gesorgt werde oder die ihre Sachen (illegal) selbst arrangierten: einerseits Manager, Politiker mit hohem Einkommen, die sich großzügige Pensionen zusprächen, andererseits Menschen, die von der Wohlfahrt lebten, statt zu arbeiten oder Flüchtlinge, die vom Staat unterstützt würden. Hier können rechte Mobilisierungen ansetzen, die ‚das Volk’ nach oben und unten zu verteidigen vorgeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;An solchen Gefühlen kann auch Gnadenlos gerecht ansetzen. Auf der Focus-Webseite unter einem Bericht über die Sendung fragt ‚Klingone’ im Blog: „Aber müssen wir dies als steuerzahlende Bürgerinnen und Bürger dulden, dass wir ausgenommen werden wie die Weihnachtsgänse?“ Wie kommt es, dass ‚Klingone’ gar nicht merkt, dass er von den 750 000 Euro, die das Fahnderduo dem Landkreis gespart haben will, nichts abbekommen hat? Zur Kontrastierung der ‚Schmarotzer‘ greift die Sendung auf rassistische Stigmatisierungen zurück: überdurchschnittlich viele angeblich entlarvte ‚Betrüger’ werden als ‚Türken’/‚Ausländer’ charakterisiert – das macht es einfacher, sich selbst nicht in der Lage der ‚Anderen‘ zu sehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Klassengesellschaft&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Diese Soap ist einfach schwer erträglich“, schreibt Michael Hanfeld am 21. August 2008 für Faz.net - und das ist wahrscheinlich das Wahrste, was dazu gesagt werden kann. Allerdings scheinen die Grenzen für Fremdscham unterschiedlich verteilt zu sein, wie Nachmittags-Talksendungen, &lt;em&gt;Toto&amp;amp;Harry&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Big Brother&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Frauentausch&lt;/em&gt; zeigen.&lt;br /&gt; Und doch fragt man sich, ob die Sendung auch gegen den Strich geschaut werden kann? Kann der offensichtliche Zwangscharakter dieser Sozialkontrolle die Wahrnehmung für gesellschaftliche Zusammenhänge stärken und kommt vielleicht irgend jemand mal auf die Idee, die 750 000 angeblich gesparten Euro mit den 480 Milliarden zu vergleichen, die der deutsche Staat von jetzt auf gleich den Banken zur Verfügung stellt? Zumindest finden sich auch Diskussionsbeiträge, die gegen „Stasiund Gestapo“-Methoden wettern und von „Neo-Hexenjagd“ sprechen (Differenzierung ist auch hier nicht gerade die Stärke der Blogger). Kann es sein, dass Menschen aus der Sendung lernen, wie sie nicht so schnell erwischt werden? Dass es sinnvoll sein kann, mit seinen Nachbarn über Zumutungen des Sozialstaates zu sprechen, der ihnen nicht mal die Fahrradtour gönnt? Den Kommentar auf der Faz.net-Seite lesen wohl wieder nicht die Richtigen: „Es geht um [...] ein beeindruckendes Spektakel [...], das vor allem den noch Arbeitenden deutlich vor Augen führen soll, welche Zumutungen man als Arbeitsloser ertragen muss. [...] Die Klassengesellschaft ist mitnichten tot.“&lt;/p&gt;


&lt;!--
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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 13:30:40 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Scheiternhaufen</title>
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                    &lt;p&gt;Die neoliberalen Predigten von Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft, der Sorge um sich (und niemand anderen) sind immer begleitet (gewesen?) von der Bedrohung, an ihnen zu scheitern und dafür auch noch individuell verantwortlich gemacht zu werden. Als Person mit allen Denkweisen, Emotionen, Handlungsgewohnheiten in ein hegemoniales Projekt wie den Neoliberalismus eingebunden zu sein bedeutet, sich umfassend vermarkt- und verwertbar zu machen. Ein prominenter Ort, Menschen mit einer Mischung aus Zwang und Konsens in ein hegemoniales Projekt einzubinden, sind die so genannten &lt;em&gt;Makeover-Shows&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Die neoliberalen Predigten von Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft, der Sorge um sich (und niemand anderen) sind immer begleitet (gewesen?) von der Bedrohung, an ihnen zu scheitern und dafür auch noch individuell verantwortlich gemacht zu werden. Als Person mit allen Denkweisen, Emotionen, Handlungsgewohnheiten in ein hegemoniales Projekt wie den Neoliberalismus eingebunden zu sein bedeutet, sich umfassend vermarkt- und verwertbar zu machen. So sehr sich die Anforderungen ausweiten, die unterschiedlichsten Aspekte der eigenen Persönlichkeit zu bearbeiten, so hoch ist die existenzielle Bedrohung, aus sozialen Zusammenhängen heraus zu fallen. Ausgehend von der Neuorganisation der Arbeitsformen der »hochtechnologischen Produktionsweise« (Haug) werden auch im Alltag Geschmack, Gewohnheiten, Denkweisen und Gefühle erneuert. Antonio Gramsci spricht deswegen auch von der »Lebensweise«, die entsprechend der Produktionsweise ständig erneuert werden muss. Diese »Lebensweise« hat zwar eigene Dynamiken und eine eigene Zeitlichkeit, die sie von der Produktionsweise unterscheiden, politisch aber sind beide Teil des gleichen Projekts.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So wurden in der Durchsetzung von Fabrikarbeit nicht allein die Arbeitsabläufe in der Fabrik mit moralischen Kampagnen bearbeitet, sondern auch die alltäglichen Gewohnheiten der Arbeitenden wie ihr Alkoholkonsum und ihre sexuellen Gewohnheiten. Denn die relativ hohen Löhne, die ein Mittel der Organisation von Zustimmung zur rigiden Fabrikdisziplin waren, reichten allein nicht aus. Fit am Fließband war schließlich nur, wer sein Geld nicht fürs Saufen oder käuflichen Sex verschleuderte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Herstellung neuer »Lebensweisen« spielen deshalb nach wie vor Kampagnen um die »angemessene Lebensführung« eine zentrale Rolle. Die nahe gelegten sinnvollen oder ›vernünftigen‹ Weisen des Umgangs mit sich und den eigenen Ressourcen, Körpern, Wünschen und Begehren sollen rückgebunden werden an die Bedingungen der Produktion und eingefasst werden in immer wieder neue Konsummuster. Die Umarbeitung von Lebensweisen erfolgt vor allem durch Konsensproduktion: ›Hergestellt‹ werden: Subjekte, die in Aussehen, Gewohnheiten, Gesten, Stil usw. den zeitgenössischen Anforderungen gerecht werden oder wenigstens nahe kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Darin steckt eine Auseinandersetzung mit der Frage, was als ›normal‹ und als zeitgenössisch gilt. Ein prominenter Ort, Menschen mit einer Mischung aus Zwang und Konsens in ein hegemoniales Projekt einzubinden, sind die so genannten &lt;em&gt;Makeover-Shows&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;»I want to be made!«&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Als &lt;em&gt;Makeover-Shows&lt;/em&gt; werden Sendeformate bezeichnet, in deren Zentrum die Veränderung von Menschen und/oder ihrem Umfeld steht. In unterschiedlichen Sendungen geht es dabei um Aussehen, Gewicht, Figur, Fitness, Ernährung, Gesundheit oder um Dinge wie Wohnung, Garten, Job, Hobby, Schulabschluss, Ausbildung oder Kindeserziehung. Für nahezu jeden Aspekt des alltäglichen Lebens gibt es eigene Formate. Entweder werden sie als ganze Sendungen produziert, oder sie sind Elemente in Lifestylemagazinen wie &lt;em&gt;taff!, red!, &lt;/em&gt;oder&lt;em&gt; explosiv&lt;/em&gt;. Diese Shows versuchen, eine zeitgenössische Lebensweise über die Verbindung des Wunsches nach individuellem Glück mit dem Zwang zur Selbstführung und veränderten Konsummustern herzustellen. In &lt;em&gt;The Biggest Loser&lt;/em&gt; wird im Rahmen von Kooperation und Konkurrenz versucht, dass eigene Gewicht und das des Teams so zu reduzieren, dass am Ende die eigene Gruppe Vorteile erspielt und man als einzelne/r Chancen auf die Siegprämie behält. In &lt;em&gt;The Swan, &lt;/em&gt;das sich an weiße Frauen aus der unteren Mittelschicht wendet, gibt es das Komplettprogramm von Facelifting über professionelle Zahnbehandlung, psychologische Beratung und Umstyling zur neuen glamourösen Existenz (McRobbie). In &lt;em&gt;Celebrity Rehab&lt;/em&gt; können sich Stars aus den 1980er und 1990er Jahren vom Drogenwrack zu »erneuertem« Glanz therapieren lassen. &lt;em&gt;Die Kochprofis&lt;/em&gt; sind zuständig für die Umarbeitung von Kochklitschen zu konkurrenzfähigen und qualitativ höherwertigen Imbissen, &lt;em&gt;Popstars&lt;/em&gt; für die Bearbeitung von HobbysängerInnen zu Stars, &lt;em&gt;Wohnen nach Wunsch&lt;/em&gt; für das Ersetzen der Eichenschrankwand durch stylische Katalogmöbel, und die bekannte &lt;em&gt;Super-Nanny&lt;/em&gt; hilft Eltern, mit Techniken von Autorität, Belohnungsverfahren und der Regulation von Bedürfnisbildung den unkontrollierten Wünschen der Kinder zu begegnen und prekäre Zustände erzieherisch in den Griff zu bekommen. Manche der Shows wie &lt;em&gt;The Swan &lt;/em&gt;oder &lt;em&gt;Celebrity Rehab&lt;/em&gt; erscheinen gegenüber Shows wie &lt;em&gt;Wohnen nach Wunsch&lt;/em&gt; als besonders eingreifend. Sie unterscheiden sich nach ihrem »Gegenstand« und den in ihnen vermittelten Denkweisen und Handlungsmöglichkeiten. Je nach Art und Umfang der gewünschten Veränderung reicht die Intervention der ModeratorInnen von Kommentaren und Beratung bis zum Hinzunehmen von ExpertInnen und/oder medizinischem, technischem, pädagogischem und psychologischem Fachpersonal. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie alle auf die Herausbildung einer für alle verbindlichen neuen Lebensweise orientiert sind.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Bist du nicht willig ...&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Ausgangspunkt der Shows ist immer eine Art Bestandsaufnahme, die mit der Delegitimation eines als unerträglich und veraltet beschriebenen Zustands einhergeht. Eine kompetente Stil- und Lebensberatung wird als notwendige Bedingung für die erwartete Verwandlung angeführt. Die Palette der pädagogischen Mittel reicht von ermahnenden Hinweisen bis hin zu offenem Hohn, Auslachen und entsprechenden Gesten. Das Ziel ist es, »Geschmack zu haben« und »Stil zu entwickeln« und zwar so, dass alle es sehen können, was Beliebtheit und Erfolg verspricht. Mit der Aneignung bestimmter Formen von »kulturellem Kapital« (Bourdieu) und sozialen Kompetenzen ist die Erwartung auf eine deutliche Verbesserung von Status und Lebenschancen verbunden. Die Menschen sollen sich nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell, um ihren Standort sorgen, sich einzigartig machen und im Kampf um symbolischen Profit, Anerkennung und Respekt weit vorne mit dabei sein. Dem Druck ökonomischer Konkurrenz wird die Notwendigkeit kultureller Distinktion und der Arbeit an einer angemessenen Lebensweise zur Seite gestellt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die gewünschte Art der Veränderung wird mit den KandidatInnen zusammen und im Anschluss an ihre Interessen und Wünsche formuliert. Nicht selten werden Begehren erst produziert, indem sie als verfügbare Ware ins Blickfeld rücken. Dabei reicht das Spektrum vom konkreten Wunsch die Wohnung neu einzurichten bis zum Bedürfnis, die eigene Person in ihrer Gesamtheit neu auszurichten. Ziel ist es, mit Gewohnheiten zu brechen um »nicht ständig die gleichen Fehler zu machen«, wie zwischen zwei Diäten in alte Essgewohnheiten zurückzufallen, zur Tilgung offener Kredite immer wieder neue Schulden zu machen oder Hartz IV zu beantragen, auch wenn man es aus Angst vor der Behörde immer wieder aufschiebt. Der Weg zum Ziel wird von verschiedenen ExpertInnen oder (als solche auftretenden) ModeratorInnen geplant und festgelegt. Diese ExpertInnen agieren im Sinne eines definierten zeitgenössischen Geschmacks, sind selbst aber als Teil der sozialen Hierarchie in die Auseinandersetzungen um die legitimen Formen von Geschmack und Stil verstrickt. Insofern erfüllen sie eine erzieherische Funktion, bewegen sich im Veränderungsprozess als legitimes Führungspersonal durch die Lebenswelten der KandidatInnen und nehmen diese dabei an die Hand. Sie ermahnen oder beglückwünschen, erinnern an gemachte Fortschritte oder intervenieren, wenn jemand droht, nicht mehr mitmachen zu wollen oder zu können. Der Punkt der ›Führung‹ und Anleitung ist zentral, weil die von den Leuten erwünschten Ziele nicht selten mit enormen Anstrengungen verbunden sind. KandidatInnen überlegen es sich oft anders, sind schlicht am Ende ihrer Kräfte oder wollen abbrechen. Häufig entscheiden sich die KandidatInnen ›falsch‹ - also nicht im Sinne des gewünschten Endergebnisses – wenn sie immer wieder ihren alten gewohnten Präferenzen folgen. An diesem Punkt werden oftmals Begleitpersonen der KandidatInnen eingebunden, die nach der Wandlung die eindeutige Verbesserung feststellen und bestätigen. Dies sorgt auch bei den nicht immer überzeugten KandidatInnen für Zustimmung, Einsicht, Versicherung und Rückhalt sorgen. Die Versprechen auf Zufriedenheit, Glück, Erfolg und Schönheit rechtfertigen dabei alle Anstrengungen und Übergriffe von Seiten der ModeratorInnen. Die öffentliche Verunglimpfung von Menschen ohne anerkannten Geschmack oder Stil durch anerkannte ExpertInnen bringt eine scheinbar belustigende Dimension in die Shows. Mit einer Mischung aus Nötigung, Bestechung und Konsens, die sie wiederum mit Hilfe von Ironie und Autorität regulieren, das heißt mittels symbolischer Gewalt, wird rückwirkend Legitimation für die gewählten Eingriffe und Übergriffe geschaffen. Die ModeratorInnen versuchen, ihre eigenen partikularen Geschmacksurteile, die lediglich Ausdruck einer Position im Kampf um Hegemonie sind, als allgemein auszugeben. Sie stellen so ihren Geschmack als universellen Ziel- und Referenzpunkt dar, zu dem die Teilnehmenden in Beziehung gesetzt werden. Ihre Kenntnisse rechtfertigen dann wiederum ihre Position als auf diesem Gebiet ›Führende‹. Als »organische Intellektuelle« (Gramsci) der neoliberalen Selbstführungsprämissen nehmen die ModeratorInnen und ExpertInnen damit eine zentrale Position ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Formen symbolischer Gewalt, die der Festschreibung sozialer Ungleichheit dienen, stellen den Versuch einer von Prozessen der Prekarisierung betroffenen Mittelklasse dar, sich fortwährend auf dem Feld der Kultur als prädestiniertes Führungspersonal zu etablieren bzw. zu halten. Wenn ganze Gruppen von Leuten als unzeitgemäß, unangemessen oder unbearbeitet definiert werden, können sie unter der Prämisse von neuen Vorgaben und Anforderungen bearbeitet werden. Gleichzeitig positionieren sich diejenigen, die sich problemlos im Rahmen des »guten Geschmacks« bewegen, über den sichtbaren Beweis ihrer stilistischen Kompetenz als »Zeitgenossinnen und -genossen«. Der Versuch, sich in diesen Umbrüchen zurechtzufinden, wird begleitet von der permanenten Bedrohung, daran zu scheitern, also vor den Augen »aller« anderen als veralteter Depp dazustehen, der den Anschluss verpasst hat, stur an »alten Mustern« festhält, keinen Geschmack, kein Sinn für Stil und Glamour hat und so zum Relikt einer längst überholten Lebensweise wird. Mit dem Hinweis, dass es noch viel Zeit, Tränen und Schweiß braucht, um ZeitgenossIn zu sein und nicht den Anschluss verpasst zu haben, haben die ModeratorInnen neben der »gewaltlosen Gewalt« von Lästern, ironischen Kommentaren und abwertenden Blicken zusätzlich den stummen Zwang der aktuellen Verwertungslogik auf ihrer Seite. Wenn die Leute an der (Selbst-)Bearbeitung scheitern, heißt das oft im Klartext: das eigene Restaurant geht pleite, die Beziehung wird nicht länger halten, das Kind wird keinen höheren Bildungsabschluss bekommen, das Bewerbungsgespräch wird daneben gehen und auf der Straße wird man wohl eher zum Gespött als zum Star. Mit dieser Zukunftsaussicht direkt oder indirekt zu drohen, ist das Mittel, um neben der Überzeugungsarbeit auch zu zeigen, dass die KandidatInnen es sich gern anders überlegen können, aber einen hohen Preis dafür zu zahlen haben. Dagegen geraten solidarische Formen des Umgangs mit knappen Ressourcen, kollektive Bedürfnisbefriedigung oder politische Aktivität in der individuellen Perspektive des »Jede/r kann es schaffen« völlig aus dem Blick.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die verstärkte ökonomische Unsicherheit wird im Modus kultureller Hervorhebung lebbar gemacht. Es bleibt offen inwieweit sich die durch die Krise verschärfenden Widersprüche in verstärkten kulturellen Grenzziehungen artikulieren und soziale Widersprüche lebbar machen, ohne sie zu lösen. Die aktuellen Debatten um das Scheitern des neoliberalen Projekts berücksichtigen die Veränderungen im Kulturellen, besonders im Populären und Alltäglichen nur unzureichend. Im Kontext der Krisenprozesse stellt sich damit die Frage nach den kulturellen Bearbeitungsformen sozialer Ungleichheit. Dass der Neoliberalismus seine Hegemonie verloren hat gilt offensichtlich nicht für den Bereich der »Lebensweise«. Diskussionen über den weiteren Verlauf der Krise scheinen weitgehend unabhängig von jenen populären Diskursen zu verlaufen, in denen und durch die der Neoliberalismus zu einem konsensfähigen Projekt werden konnte. Ob er gar mithilfe solcher fortgesetzten »alltäglichen Klassenkämpfe« weiterhin bestimmend sein wird, ist unklar. Für die unterschiedlichen Krisenlösungen ist allerdings relevant, ob sie an Alltagserfahrungen der Menschen anschließen und so Zustimmung für ein neues kapitalistisches Projekt (wie beispielsweise. den »Green New Deal«) organisieren können. Weitergehend bedeutet das, systematisch über »kulturelle Periodisierung« (Demirovic) nachzudenken und die soziale Bindekraft neoliberaler Ideologie in die Beurteilung seines (Nicht-)Verschwindens einzubeziehen. Denn im treibenden Beat der neoliberalen Selbstverwirklichungsparty schwingt immer auch die Frage mit, wie heftig der Kater ausfallen wird.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 08 Jan 2010 21:27:32 +0000</pubDate>
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