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 <title>arranca! - Fokismus</title>
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 <title>Stadtguerilla, Fokismus und bewaffneter Kampf</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/3/stadtguerilla-fokismus-und-bewaffneter-kampf</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Interview mit Eleuterio Fernandez Huidobro, Uruguay&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;El poder no se conquista, se construye - (Die Macht wird nicht erobert, sie wird aufgebaut)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Du hast vor 2 Jahren dem ak ein Interview gegeben, -übrigens ein sehr interessantes Interview-, in dem du meintest, der bewaffnete Kampf in Uru­guay sei vor allem eine Reaktion gewe­sen. Ihr hättet Euch auf die Verschärfung der Verhältnisse, auf die militärischen Schläge der Oberschicht vorbereitet, aber diese Verschärfung nicht selbst betrieben. Mich hat das ziemlich über­rascht. Die vorherrschende Idee der Lin­ken damals in Lateinamerika war ja die des „Fokismus&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_ouhipnh&quot; title=&quot;Fokismus: das Wort kommt vom spanischen foco (Brennpunkt). Die Theorie des foquismo behauptete, daß revolutionäre Gruppen durch die Aufnahme des bewaffneten Kampfs in einer bestimmten Gegend die Verhältnisse insgesamt in einem Land zum Kochen bringen könnten: der Brennpunkt weite sich zum Flächenbrand aus. In den 60ern und 70ern war der foquismo die bestimmende Theorie der unabhängigen Linken Lateinamerikas. Sie breitete sich vor allem deshalb aus, weil sie in Cuba in klassischer Form funktioniert hatte. In einer Situation gesellschaftlicher Unzufriedenheit landeten nicht einmal 2 Dutzend Revolu¬tionäre unter der Führung von Fidel Castro und Che Guevara auf der Insel und es gelang ihnen, innerhalb von drei Jahren den Diktator Batista zu stürzen. Danach jedoch erlitten foqui¬stische Guerillas zahlreiche Niederlagen.&quot; href=&quot;#footnote1_ouhipnh&quot;&gt;1&lt;/a&gt;, d.h. man legt einen Brandherd, einen foco, dieser schafft Bewußtsein, das Feuer breitet sich aus. Im Klartext bedeutete das, einige Linke nahmen Waffen in die Hand, bauten eine Guerilla auf und versuchten so mehr Menschen von der Notwendigkeit der Veränderung zu überzeugen. So wie du das in dem Interview dargestellt hast, hörte sich das an, als ob Ihr mit diesen Vorstellungen nicht viel gemein hattet... &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Der Foquismo war zu dieser Zeit in Uruguay und ganz Lateinamerika als Konzept noch nicht entwickelt, das begann erst später...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt;...von welchen Jahren redest du?... &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;1961, 62... die cubanische Revolution hatte gerade erst gesiegt. Damals gab es in Uruguay den faschistischen Terror gegen die Massenbewegung, vor allem gegen die StudentInnen, und ständige Putschgerüchte. 1964 kam die Militär­junta in Brasilien an die Macht, was auf uns starken Einfluß ausübte. Unsere Hal­tung demgegenüber war defensiv, es gab noch kein ausgearbeitetes Konzept. Wir gehörten fast alle linken Gruppen, den Gewerkschaften oder der StudentInnenbewegung an. Das ideologische Gerüst des Foquismo entstand erst später mit Regis Debray&#039;s&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_rz5q56j&quot; title=&quot;Der Franzose Regis Debray schrieb 1966 das Buch „Revolution in der Revolution&amp;quot;, das den Ruf hat, den Fokismus als Theorie begründet zu haben. Ein Jahr später war Debray zusammen mit Che Guevara in der Guerilla in Bolivien, verließ diese aber sehr schnell, weil er mit den har¬ten Bedingungen auf dem Land nicht klar kam. Nach längerer Haft in Bolivien kehrte er nach Frankreich zurück und begann sich von seinen revolutionären Ideen zu verabschieden. 1981 wurde er zum Lateinamerikaberater des sozialdemokratischen Präsidenten Francois Mitterrand.&quot; href=&quot;#footnote2_rz5q56j&quot;&gt;2&lt;/a&gt; „Revolution in der Revolution&quot;. Das war nicht einfach ein Diskussionsbeitrag, es war eine Dok­trin und ein praktischer Beitrag, denn das fokistische Konzept wurde nicht nur diskutiert, es wurde umgesetzt. Deutlich später, zur Zeit, als Che in Bolivien 1967 starb...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; ...aber es bildeten sich schon ab 1964 zahlreiche Guerillas auf dem ameri­kanischen Kontinent...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Gut, aber noch nicht als Ausdruck der fokistischen Doktrin. Es ist auch schwer, einen genauen Termin zu bestimmen. Der Fokismus bildete sich eigentlich in der Praxis heraus, Debray&#039;s Buch brachte das noch einmal in eine schriftliche Form, aber im Grunde genommen hat der Fokismus eine län­gere Entstehungsgeschichte.&lt;br /&gt; Das Buch Debrays war unbestritten sehr wichtig, es wurde überall in Lateiname­rika gelesen und beeinflußte auch die MLN. Dieser Einfluß beschränkte sich nicht auf den bewaffneten Kampf, son­dern wirkte sich auf die Sichtweise eigentlich aller politischen Fragen aus. Das hatte z.B. seine gravierenden Konse­quenzen in der Gewerkschaftsarbeit.&lt;br /&gt; Für mich ist der Fokismus eine Verschär­fung und Übertreibung des Avantgardis­mus. Er enthielt eigentlich keine neuen Elemente, sondern führte die leninisti­sche Theorie der politischen Avantgarde auf die Spitze.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Glaubst du nicht, daß der Fokis­mus durchaus positive Aspekte hatte? Daß er nämlich in verschiedenen .Län­dern Lateinamerikas und auch Europas, z.B. im Baskenland, tatsächlich viele Leute mobilisierte, Bewußtsein schuf?... &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Aber wo? In den Ländern, in denen es bereits Bedingungen gab. Ansonsten beweist Lateinamerika eher das Gegen­teil: nämlich das Scheitern unglaublich vieler Guerillagruppen. Sie starben völlig isoliert in den Bergen, ohne daß sich die Massen dafür auch nur ein bißchen interessiert hätten.&lt;br /&gt; Es gab Ausnahmen. Über das Basken­land weiß ich zu wenig, aber Uruguay war auf jeden Fall eine Ausnahme. Die Guerilla half einer Massenbewegung auf den Weg. Die Voraussetzung aber dafür war, daß die Guerilla auf der Grundlage existierender Bewegung entstand. Es hatte vorher entscheidende Erfahrungen gegeben, Siege wie Niederlagen. Die Guerilla erlangte nicht dadurch Bedeu­tung, daß ihre Aktionen so durchschla­gend waren, sondern dadurch, daß ihre Aktionen das Gefühl vieler Menschen ausdrückte, interpretierte.&lt;br /&gt; In anderen Ländern war die Guerilla eine Tragödie. Das Konzept des Foco wurde mechanisch angewendet. 25 Leute trafen sich in einem Raum und entschieden sich, in die Berge zu gehen, ohne daß das die Bevölkerung auch nur einen Dreck interessiert hätte. Und so war es auch bei Che in Bolivien. Während er im Urwald starb, waren die Minen im Hochland der eigentliche Kon­fliktpunkt. Dort spielten sich die Kämpfe ab, traditionell gewerkschaftliche und keine &lt;em&gt;fokistischen&lt;/em&gt;. Zwischen diesen Arbeitskämpfen und Che&#039;s Guerilla gab es aber keine echte Verbindung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Es ist nur schwer vorauszusehen, ob die Bedingungen gegeben sind oder nicht, das stellt man meistens erst in der Praxis fest. Fidel Castro hielt man 1956 bei seiner Landung auf Cuba für einen verrückten Abenteurer, wenn man ihn überhaupt zur Kenntnis nahm. Viele lat­einamerikanische Linke waren ja auch ehrlich überzeugt, daß die Bedingungen mehr als reif waren: die Armut war groß, der Imperialismus wurde in breiten Tei­len der Bevölkerung abgelehnt, es gab Studentenbewegungen, die ganze dritte Welt rebellierte...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja natürlich. Die Politik ist nicht allein Wissenschaft, sie ist vor allem eine Kunst. Soziologische und ökonomische Daten reichen nicht aus, um eine Situa­tion zu bestimmen. Sonst müßte es in Indien oder ähnlich verarmten Ländern hervorragende Bedingungen für eine Revolution geben. Das heißt: die objektiven Bedingungen müssen berücksichtigt werden, aber sie richtig einzuschätzen, das ist eine Kunst, auch eine Sache der Intuition.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Der Gefangene aus der RAF, Lutz Taufer, hat in einem Text geschrieben, die Logik der militärischen Auseinander­setzung habe die bewaffneten Organisa­tionen fast zwangsläufig zu einer Menta­lität des Duells geführt. Man habe nur noch sich und den Gegner gesehen, alle anderen politischen Kräfte seien damit aus dem Blickfeld verschwunden. Er vertritt, daß die Trennung des bewaffne­ten Kampfs von Bewegungen damit zu tun habe.&lt;br /&gt; Das hat auch sein ideologisches Funda­ment: schließlich galt der Krieg nach Mao als „die entwickeltste Form des Klassenkampfs&quot;. Die Eskalation mußte also weiter vorangetrieben werden, auch wenn dies den Interessen der politi­schen Kämpfe überhaupt nicht ent­sprach.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, ich glaube, daß diese Vision —daß der Kampf um jeden Preis eskalieren muß - die Linke eingenommen hat. Das hat nicht nur den bewaffneten Kampf betroffen, es hat auch bei den gewerk­schaftlichen Auseinandersetzungen, in der Massenbewegung zu einer anderen, negativen politischen Perspektive geführt.&lt;br /&gt; Ich habe dazu ein Diskussionspapier geschrieben, aus dem ich dir gerne zitie­ren würden:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Veränderungen, Revolu­tionen sind keine Werte an und für sich. Sie haben nur dann Sinn, wenn sie höhere Ziele verfolgen. Verände­rungen werden bestimmt von den Mitteln, die angewandt werden, um ein Ziel zu erreichen, ansonsten wür­den sie keinen Sinn machen oder ein­fach nur regressiv sein. Das ist offensichtlich, hat aber wichtige Auswirkungen: das Ziel rechtfertigt nicht die Mittel, auf der anderen Seite aber darf man auch nicht der Ideologie verfallen, daß die Mittel wichtiger sind als die Ziele. Die Ver­änderung um der Veränderung wil­len, die Konfrontation um der Kon­frontation willen, unabhängig von den Ergebnissen, kann nur ein Ergebnis bringen: das Desaster. Mit­tel und Ziele werden so diskreditiert. Die Eröffnung von mehr oder weni­ger gewalttätigen Konfrontationen steht im Zusammenhang mit der theoretischen Vorausschau und der wissenschaftlichen Analyse, aber eben auch mit dem Willen des Feindes. &lt;br /&gt; Das Problem der Konfrontation darf sich deswegen nicht als Frage der Prinzipien stellen. Wenn eine Diskus­sion frei von Apriorismen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_jfkxn00&quot; title=&quot;Apriorismen sind Grundannahmen, von denen man ausgeht. Hier wären die Apriorismen, von den Huidobro spricht, a) die Einstellung, daß die bewaffnete Konfrontation an und für sich gut ist, und b) die bedingungslose Ablehnung des bewaffneten Kampfs wie sie von vielen Refor¬misten vorgebracht wird&quot; href=&quot;#footnote3_jfkxn00&quot;&gt;3&lt;/a&gt; ist, ent­deckt man, daß das vermeintliche Dilemma selbst dann nicht existiert, wenn tiefe Meinungsverschiedenheiten vorhanden sind. Wenn dagegen der Dogmatismus Apriorismen auf­zwingt, dann fällt man unvermeidbar in zwei metaphysische Haltungen:&lt;br /&gt; a) Man sucht den Bruch oder die Konfrontation, koste es, was es wolle; die Konsequenz davon ist der Putsch, das Abenteuer oder der Avantgardismus.&lt;br /&gt; b) Man umgeht die Konfrontation um jeden Preis; die Konsequenz davon: man wird weich oder wählt schlicht und einfach den Verrat.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ich weiß nicht, ob ich dir damit deine Frage beantworte. Aber sowohl beim bewaffneten Kampf als auch in der gewerkschaflichten Konfrontation, beim Kampf gegen Faschismus oder Rassismus führt die Auseinandersetzung um der Auseinandersetzung willen zu den ebengenannten Ergebnissen: zum Avantgardismus, zum Abenteuer, zur Isolation von den Leuten. Das schlimm­ste ist aber, Kampfformen zu diskredi­tieren. Wenn sie wirklich notwendig ist, werden die Leute sie nicht mehr akzep­tieren, weil sie bisher nur zu Niederla­gen geführt hat.&lt;br /&gt; Das ist ein Teil der unserer Erfahrungen. Es gab genug Genossinnen bei uns, die gesagt haben: &lt;em&gt;„Es ist genug geredet worden, wir müssen jetzt endlich die Konfrontation führen, das ist das einzig wichtige, nur das erzeugt Bewußtsein&quot;&lt;/em&gt;. Sie haben die Konse­quenzen hiervon nicht in ihre Analyse mit einbezogen. Sie haben keinen Gedanken daran verschwendet, ob es möglich war, zu siegen. Entscheidend war für sie, die Konfrontation zu begin­nen.&lt;br /&gt; Du weißt, was passiert ist, wir haben die Konfronation geführt, wir waren sehr gut darin, und wir haben verloren. Die Leute aber blieben unbeteiligte Zuschauer, mehr noch: sie haben gese­hen, daß die Konfrontation nichts taugt und damit sind sie zur anderen Seite übergelaufen.&lt;br /&gt; Ich glaube, daß in vielen Ländern Lat­einamerikas genau das mit dem bewaff­neten Kampf erreicht wurde. In Brasilien gab es 46 Guerillas, alle sind besiegt worden. Es ist ein Moment eingetreten, wo dir die Leute gesagt haben: „geh scheißen&quot;, wenn du ihnen mit dem bewaffneten Kampf kamst. „Das bringt nix&quot; haben sie dir gesagt, Leute aus dem Volk. Und dieser Effekt ist eingetreten, weil die Kampfform „bewaffneter Kampf&quot; schlecht und mechanisch einge­setzt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Was du ansprichst, ist zum Teil jedoch auch unvermeidbar gewesen. Die Niederlage hatte nicht nur mit Feh­lern zu tun, sondern auch mit der Stärke des Gegners. Rossana Rossanda hat ein­mal gesagt „Du kannst den Revolu­tionären nicht vorwerfen, die Revolution zu machen&quot;. Genausowenig kannst du ihnen vorwerfen, wenn sie handeln, weil eine bestimmte Situation eingetre­ten ist, z.B. weil niemand mehr etwas von Wahlen und legalem Engagement hält. Sie müssen handeln- selbst dann, wenn die Niederlage absehbar ist.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Natürlich. Ich sage das ja auch nicht von außen, wir reden beide von einem revolutionären Standpunkt aus. Mir geht es darum, die Fehler, die wir gemacht haben, aufzuarbeiten und Konsequen­zen zu ziehen. Wir sind geschlagen worden, und unser Fehler war nicht der bewaffnete Kampf, sondern die Art und Weise, wie wir ihn geführt haben.&lt;br /&gt; Unsere Fehler waren militärischer Art. Einer davon war das, was ich gerade erzählt habe, daß GenossInnen Aktionen durchführen wollten, einfach nur um Aktionen zu machen. D.h. es gab keine vorhergehende Analyse, wozu sie dien­ten, und welche konkreten politischen Ergebnisse damit erreicht werden soll­ten. Die Logik, die dahinter steht, war einfach nur: „umso mehr militärische Aktionen es gibt, um so mehr Massenbewußtsein und Klassenkampf entsteht&quot;.&lt;br /&gt; Und das ist einfach nicht so.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Welche Aktion von euch oder heute von anderen Organisationen wäre in dem von dir geforderten Sinne wirk­lich für die Entwicklung von Kämpfen positiv?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ganz allgemein sind das die bewaff­neten Aktionen, die Massenbewegungen begleiten. Zum Beispiel die erste Ent­führung von Rodriguez. Sie wurde als der Höhepunkt eines Kampfs vorbereitet und realisiert, den die StudentInnen und die ArbeiterInnen, und nicht wir geführt hatten. Wir waren nicht Avantgarde, sondern Rückhalt der Bewegung. Die Avantgarde, diejenigen, die auf der Straße die härteste Konfrontation führ­ten, das waren die StudentInnen, nicht wir.&lt;br /&gt; Das gelungene an dieser Aktion war, daß die Leute auf der Straße das Gefühl hatten, die Aktion habe ihre Vorstellun­gen und Wünsche in die Realität umge­setzt. Es war ihre Aktion.&lt;br /&gt; Das Entstehen des bewaffneten Kampfs in einem Land muß Hand in Hand mit der Wahrnehmung der Bevölkerung gehen. Sie muß sehen, daß bestimmte Wege verbraucht sind, daß es neuer Konzepte bedarf. Dann können bewaff­nete Aktionen tatsächlich Bewegungen dynamisieren.&lt;br /&gt; Nichtsdestotrotz kannst du aber auch unter solchen politischen Bedingungen scheitern und isoliert bleiben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Siehst du heute eine Guerilla in Lateinamerika, die aus dieser Selbstkritik gelernt hätte?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Die Erfahrungen des bewaffneten Kampfs in den 60er und 70er Jahren im Cono Sur (Argentinien, Chile, Uruguay) haben meiner Ansicht nach dazu beigetragen, daß die nicaraguanische Revolu­tion stattfand. Die Compañeros in Nica­ragua haben ähnliche Niederlagen erlebt wie wir. Aber nur weil sie aus diesen Niederlagen lernten, sind sie in ihrer Praxis zum bewaffneten Aufstand über­gegangen.&lt;br /&gt; Das hatte nichts mit Debray, Cuba oder Mao-Tse Tung zu tun. Das war ganz ein­fach nur nicaraguanisch, eine Anpassung an konkrete historische und lokale Bedingungen. Danach haben auch die Salvadoreños das Konzept des bewaff­neten Kampfs von Grund auf erneuert. Sie hatten in den 70ern mit einer Form der Stadtguerilla begonnen, die in man­cher Hinsicht an unseren Erfahrungen angelehnt war. Sie gingen davon aus, daß in dem kleinen El Salvador eine ländliche Guerilla nur schwer möglich sei. Mit der Zeit allerdings gingen sie zu Konzepten über, von denen ich nicht wüßte, wie ich sie beschreiben soll. Sie entstanden aus den konkreten Erfahrun­gen nach dem Scheitern des Aufstandes im Januar 1981.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; So neu finde ich das nicht. Die salvadorenische Guerilla besaß mit den ländlichen Rückzugsgebieten durchaus Ähnlichkeit mit der chinesischen Gue­rilla in den 30er und 40er Jahren...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Aber in China gab es riesige Gebiete, in die das Militär niemals kam. Außer­dem gab es eine Grenze zur Sowjet­union. In El Salvador behauptete sich eine Landguerilla, obwohl der ganze Staat nur 300 km lang und 100 km breit ist und die USA insgesamt 6 Milliarden Dollar in den Krieg dort investierten. Das ist einzigartig, das hat mit fokistischen Modellen oder mit dem cubani­schen Vorbild nichts zu tun.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Hältst du die Guerilla heute für einen politischen Faktor in Lateiname­rika? Ich meine, es wird zwar viel von den Demobilisierungen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_9ooexo7&quot; title=&quot;Demobilisierung: Entwaffnung und Wiedereingliederung der Guerilla im Rahmen von Friedensverträgen&quot; href=&quot;#footnote4_9ooexo7&quot;&gt;4&lt;/a&gt; geredet, aber andererseits entstehen neue Bewegun­gen: in Venezuela gibt es eine Guerilla, die eng mit den fortschrittlichen Teilen der Militärs verbunden ist, in Ecuador ist etwas Neues am Entstehen, in Kolum­bien wächst der Einfluß der Guerilla... &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Na ja, wenn man die Situation mit früher vergleicht, ist offensichtlich, daß die Bedeutung der Guerilla abgenom­men hat. Es stimmt, daß sich in Ländern wie Kolumbien die Guerilla gehalten hat, aber ich weiß ehrlich gesagt wenig über die Situation dort. Venezuela halte ich für etwas ganz neues, für eine ausgesprochen interessante Entwicklung. Aber ich glaube insgesamt, daß wir unseren Kopf offen halten müssen für neue Verhältnisse und neue Schemen. Es hat sich vieles geändert...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Was meinst du?...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; In Uruguay und Brasilien ist die Linke zu einer Massenbewegung geworden, das war sie weder in der 60ern noch in der 70ern. Wir waren damals ein paar Gruppen, in Brasilien gab es praktisch gar keine Linke, heute sind es Millionen von organisierten GenossInnen.&lt;br /&gt; Das führt zu anderen Bedingungen. Wenn du früher mit deinem Grüppchen eine Guerilla aufgebaut hast, hatten die Militärs niemanden, den sie treffen konnten, sie mußten dich suchen, und sie sind dabei verrückt geworden.&lt;br /&gt; In den Jahrzehnten dazwischen haben sie gelernt, nicht dich zu schlagen, son­dern dein Umfeld. Ich könnte vielleicht eine Stadtguerillagruppe in Uruguay auf­bauen, mit falschen Papieren, guten Ver­stecken würden wir uns wahrscheinlich jahrelang bewegen können, ohne geschnappt zu werden. Aber was wür­den sie machen? Sie haben das schon angekündigt, sie würden die legale Linke angreifen, Zehntausende von Opfern würden sie uns zufügen, ohne die Guerilla zu treffen.&lt;br /&gt; In Argentinien haben sie 30.000 Men­schen umgebracht, nicht nur Unterstüt­zer von illegalen Organisationen, son­dern Leute, die einfach nur Sympathie mit der Linken hatten.&lt;br /&gt; Deswegen mußt du, wenn du heute von bewaffnetem Kampf redest, von anderen Größen ausgehen. Du kannst nicht mehr an Guerillagruppen denken, sondern an bewaffnete Massen. Wir müssen an Spa­nien 1936-38 denken, nicht mehr an den Che in Bolivien, der mit 25 Leuten und einem Eselchen die Revolution machen wollte. Die lachen sich tot. Damit wirst du geradezu eine folkloristische Attraktion.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Das ist kein ernsthaftes Konzept, was du da vorschlägst. Die Entwicklung, die wir bereits dutzende Male in der Welt gesehen haben, ist doch immer wieder die gleiche gewesen: Wenn eine Bewegung die Privilegien einer Ober­schicht in Frage stellt, dann läßt diese das Militär aufmarschieren, wie jetzt in Haiti. Klar wäre es in dem Fall am besten, die Bevölkerung ist organisiert und gut bewaffnet, um ihre Interessen durchzusetzen. Aber in der Realität ist das beste, was passieren kann, daß ein paar Leute vorbereitet sind, um auf die Situation zu reagieren.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Wieso, was ist damit gewonnen, wenn ein paar dutzend Leute Waffen haben und militärische Aktionen machen? Um die Interessen des Imperia­lismus und der Oligarchie in einem Land ernsthaft anzugreifen, muß es eine Mas­senbewegung mit Hunderttausenden von Menschen geben. Was machen die paar dutzend Bewaffnete, wenn die GenossInnen zu Tausenden in den Sta­dien eingesperrt sind?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Wenn du dir z.B. die Situation in Medellin/Kolumbien anschaust, siehst du, was es bringt. Die Paramilitärs, die Regierung, die Banden und die Drogenmafia haben über Jahre immer die Mas­senbewegung geschlagen. Bis dann die Guerilla in die Stadtteile gegangen ist und mit einer kleinen Gruppe in bestimmten Teilen der Stadt die Todes­schwadrone verdrängt hat. Erst seitdem trauen sich die Leute auch wieder, legale Arbeit zu machen. Inzwischen kontrol­lieren sie 30 oder 40% der Armenviertel Medellins.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Aber wie machen sie das, doch nicht mit ein paar Guerilleros...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; ...mit Milizen...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, und das sind sicher nicht nur ein paar dutzend, sondern Tausende.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Klar, aber die entscheidende Frage ist doch, daß du, um so etwas auf­zubauen, mit wenigen anfangen mußt. Zunächst war es eine kleine Gruppe von vielleicht 15 Leuten, die sich allmählich die Sympathie der Bevölkerung gewann. Sie begann in einem einzigen, eng umrissenen Gebiet und weitete sich langsam aus.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Die Guerilla in Kolumbien hat aber nicht erst gestern begonnen. Vor 30 Jah­ren hat sie einmal als kleine Gruppe angefangen, und heute sind vielleicht diese Milizen das Ergebnis davon.&lt;br /&gt; Was würden wir in Uruguay heute machen, wenn die Todesschwadrone wieder anfangen zu agieren- wir müßten zum Widerstand aufrufen, die 3000-4000 Leute, die schon einmal im Kampf waren, müßten sich neu organisieren. Aber die werden nicht eine Browning 9mm von mir verlangen, sondern 20.000 Gewehre. In Montevideo ist heute einer von drei Menschen links. Die Militärs könnten die Bevölkerung blind massa­krieren, und aus dem Grund muß man in größeren Maßstäben planen. Das ist das, was ich meinte, als ich Spanien 1936 ins Gespräch gebracht habe. Da ging es um Hunderttausende von GenossInnen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Ich würde gerne noch einmal auf eine Frage vom Anfang zurückkommen, nämlich über die Logik und Dynamik militärischer Konfrontation. Es ist ja nicht nur so, daß man die gesellschaftli­chen Verhältnisse insgesamt leicht aus den Augen verliert, sondern auch, daß die Menschlichkeit verloren geht. In fast allen Guerillaarmeen kam es zu Exeku­tionen und sogar zu Folterungen, Dis­kussionen wurden abgewürgt, Kritike­rInnen ausgeschlossen, gegnerische Soldaten massakriert. Läßt sich die Menschlichkeit im Krieg überhaupt bewahren?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Das ist ein großes Problem. Der Krieg ist eine große Scheiße. Du brauchst Dis­ziplin, Hierarchie, es gibt keine Diskussion über militärische Befehle, du mußt lügen, vortäuschen und verbergen, um den Feind auf falsche Fährten zu locken, du mußt mißtrauen und dich verstellen. (lacht) Mit den Autonomen könntet ihr keinen revolutionären Krieg führen, an dem Tag, an dem ihr diszipliniert han­deln müßtet, würdet ihr untergehen. Früher gab es eine schrecklich romanti­sche Vorstellung vom bewaffneten Kampf. Man glaubte, daß die Guerilla etwas reinigendes habe, daß in ihr der &quot;Neue Mensch&quot; entstehen könne, weil man sich in der Guerilla so aufopfert. Aber die Guerilla hat diesen Seifeneffekt nicht, die schlimmsten Bürokraten sind aus ihr hervorgegangen. 500 Berater des neoliberalen argentinischen Präsidenten Menem kommen aus der Guerilla.&lt;br /&gt; Es ist oft so, daß du mit der Guerilla anfängst, deinem Feind zu ähneln, daß du seine Methoden verwendest, daß es zu wahllosen, völlig unmoralischen Mas­sakern kommt. Das ist in El Salvador passiert, wo in Organisationen Mei­nungsunterschiede bewaffnet geklärt wurden, und das siehst du heute in Peru. Du weißt dort nicht, wer dich umballern wird, ob es die Polizei, die Militärs, die paramilitärischen Gruppen, die Drogenmafia oder Sendero Lumi­noso sein wird.&lt;br /&gt; Es gibt keine Impfung gegen den Verlust der Moral. Unsere einzige Chance ist es, über dieses Thema zu reden, sich des Problems bewußt zu sein. Wir müssen erkennen, daß der bewaffnete Kampf, die Gewalt ein Übel ist, daß wir dieses Mittel nur verwenden, weil die Situation noch schlimmer ist, als das Übel, zu dem wir greifen. Und wir müssen sehen, daß unser Kampf Verbesserungen für die Mehrheit der Bevölkerung bringen muß.&lt;br /&gt; In dem Zusammenhang fällt mir ein Satz ein, den ich auf einer Veranstaltung in Berlin gehört habe: man ›dürfe um links zu sein, mit der Bevölkerung nichts mehr zu tun haben‹. Dieses Denken ist elitär. Das ist so, wie wenn du per Dekret festlegst, daß du links bist und die anderen gefälligst zu kapieren haben, wo es lang geht. Entsetzlich, und es ist die Grundlage für unmoralisches Verhalten.&lt;br /&gt; Unser Kampf macht nur Sinn, wenn er für die große Mehrheit Verbesserungen bringt, und nur dieses „höhere Ziel&quot; garantiert auch eine Moral.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Ein anderes Problem der Gueril­las war ihre Machttheorie.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Stimmt. Der Fokismus hatte eine sehr einfache und schematische Vorstellung von der Macht. Danach ist Macht nicht mehr als die Exekutivgewalt des Staates, wie bei Lenin. Du setzt die Herrschen­den militärisch ab, und sicherst die neu errungene Macht selber vorrangig militärisch ab.&lt;br /&gt; Das Problem ist aber, daß die Macht nicht erobert wird, sie wird aufgebaut. Das ist viel komplexer als einfach nur einen militärischen Aufstand zu machen. Ich glaube, daß dieses falsche Verständ­nis von Macht viele Fehlentwicklungen nach sich gezogen hat. Die Unfähigkeit der Linken, mit Meinungsverschieden­heiten umzugehen und Minderheiten zu akzeptieren, oder der Autoritarismus, sich selber als alleinige Vertreter der Wahrheit zu sehen, hat damit zu tun.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Ihr habt 1985, als ihr aus dem Knast kamt, beschlossen, als politische Organisation zu arbeiten. Worauf grün­dete sich eigentlich die Entscheidung? War es eine Notlösung, weil ihr gar keine Möglichkeit besaßt, in die Illega­lität zurückzukehren, oder wart ihr wirk­lich überzeugt davon, daß es politisch das richtige sei?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Wir hielten es für eine politisch rich­tige Entscheidung, für die angemes­senste Strategie.&lt;br /&gt; Weißt du, die MLN war nie nur eine militärische Organisation. Auch früher bestanden wir aus einer Reihe von Strukturen, von denen einige in der Legalität, natürlich mit anderem Namen, politisch arbeiteten.&lt;br /&gt; Ab 1983, 84 gab es im &lt;em&gt;Cono Sur&lt;/em&gt; eine ganz wichtige Veränderung: die Massen nahmen sich die Straßen. Dadurch daß sich Hunderttausende an Massenbewe­gungen beteiligten, etwas was wir vor­her nie gehabt hatten, änderten sich die Verhältnisse.&lt;br /&gt; Das andere ist, daß wir niemals Frie­densverhandlungen geführt haben. Wir wurden von den Militärs zerschlagen, ausgelöscht. Es gab uns nicht mehr. Und dann waren es die Massen, die uns aus dem Gefängnis in die Legalität gebracht haben. Nicht wir sind dahin zurückge­kehrt, sie haben uns dorthin gebracht, sie haben uns und den Militärs die Lega­lität aufgezwungen.&lt;br /&gt; Wenn es so große Bewegungen gibt, kann die Avantgarde nicht mehr so sehr Avantgarde sein. Deswegen haben wir bei unserem ersten Kongreß einmütig beschlossen, den legalen politischen Kampf zu führen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Es gibt ein Interviewbuch der chileno-cubanischen Journalistin Martha Harnecker mit den Führern eurer Koali­tion &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Frente Amplio&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;. Du wurdest dort gemeinsam mit Leuten der verschiede­nen linken Parteien über Geschichte und Strategie der uruguayischen Linken befragt.&lt;br /&gt; In dem Buch stellt Harnecker die - wie ich finde - entscheidende Frage, warum ihr glaubt, daß sich die chilenische Erfahrung in Uruguay nicht wiederholen wird. Ihr habt nächstes Jahr Wahlen, als MLN nehmt ihr in der Frente Amplio daran teil, und ihr hofft zu gewinnen. Harnecker fragt, warum ihr so sehr davon überzeugt seid, daß in Uruguay eine linke Regierung nicht wie in Chile 1973 oder jetzt in Haiti weggeputscht wird. Ihr steht sozusagen vor der Alter­native, entweder euer Programm grund­legender Umwälzungen - ob die nun revolutionär oder reformistisch genannt werden, ist mir eigentlich egal - aufzuge­ben oder aber militärisch kalt gemacht zu werden.&lt;br /&gt; Das erstaunliche an dieser Stelle des Interviews war, daß keiner von euch die Frage beantwortet hat. Mein Eindruck war, daß Ihr euch um eine Antwort gedrückt habt. Meinst du wirklich, daß die uruguayische Linke auf so eine Ent­wicklung vorbereitet ist?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Der letzte Teil der Frage ist schwer zu beantworten. Wer ist vorbereitet? Ich habe falsche Papiere und eine Waffe, ich komme davon, wenn es sein muß. Aber es geht ja darum, daß die großen Mas­sen auf eine solche Situation vorbereitet sind, und nicht nur ein paar linke Grup­pen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Aber das Wesentliche wäre doch, daß die Linke Diskussionen vorantreibt. In Chile haben sich Teile der Unidad Popular 1972-73 sehr viel Gedanken dar­über gemacht, wie in den Armenvierteln und Fabriken der Widerstand vorbereitet werden kann. Es wurden Widerstands­kommitees aufgebaut. In Uruguay gibt es, so weit ich das beurteilen kann, nicht einmal eine Diskussion darüber.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Ja, das stimmt, es gibt sie nicht. Wir reden darüber mit den Leuten, aber die Frente Amplio als solche nicht. Das hat mit Kräfteverhältnissen zu tun. Wenn ich zu einem Basiskomitee der &lt;em&gt;Frente Amplio&lt;/em&gt; gehe und über das Problem des Widerstands rede, wird danach ein anderer kommen und die Leute davon zu überzeugen versuchen, daß das der völlige Wahnsinn ist, was ich vorschlage. Ich glaube, wir sind nicht diejenigen, die über eine Vorbereitung entscheiden und sie durchführen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Nein, aber es ist unsere Aufgabe, die Leute von bestimmten Ansichten zu überzeugen und konkrete Vorschläge zu machen.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, aber wie gesagt ist es auch eine Frage des Kräfteverhältnisses. In der Lin­ken in Lateinamerika gibt es heute eine entscheidende Diskussion: ob sie näm­lich die radikalen Forderungen aufrecht erhält oder irgendetwas anderes ent­wickelt. Diese Auseinandersetzung mit den Sozialdemokratinnen und Reformi­stinnen findet überall statt.&lt;br /&gt; Es gibt genug Linke, die früher im bewaffneten Kampf waren, und heute den Leuten vorschlagen, sich nicht vor­zubereiten. Der Comandante der salva­dorenischen FMLN, Joaquin Villalobos ist heute Sozialdemokrat und er besitzt Autorität in der Bevölkerung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt;...der ist kein Sozialdemokrat, der ist nicht mal mehr das.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Wahrscheinlich... Ob wir vorbereitet sind für eine Entwicklung, werden wir nicht am Tisch bestimmen können, das wird man draußen im Klassenkampf erleben. Das Fußballspiel findet auf dem Platz statt...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;So wie du das Kräfteverhältnis in der lateinamerikanischen Linken schil­derst, und so wie ich die Treffen des Sao Paolo-Forums mitbekommen habe, ist die Linke von einem Projekt grundlegen­der Veränderungen also weit, sehr weit entfernt.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Auf dem 8.Kongreß der PT, der vor kurzem stattgefunden hat, hat die radi­kale Linke gewonnen. Das war hervorra­gend, vor allem weil es von der Basis kam. In Uruguay habe ich die große Hoffnung, daß wir das Wunder schaffen werden.&lt;br /&gt; Wir müssen erreichen, daß es einen ideologischen Triumph bestimmter Kon­zepte unter den Massen gibt, daß sie sich dazu entschließen, sich auf Putschsituationen und härtere Konflikte vorzu­bereiten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Was erwartet Ihr von den Wahlen 1994? Die Perspektive, die Regierung zu stellen, ist ja nun nicht gerade umwerfend. Dadurch verändert sich nicht allzu viel.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Nein, das ist richtig. Ich glaube aber, daß Ihr in Europa eine sehr auf Parteien fixierte Sichtweise habt. Man wählt eine Partei wie man sich im Supermarkt für eine Sorte Seife entscheidet. Wenn die Partei dann ihr angekündigtes Programm nicht verwirklicht, dann entscheide ich mich das nächste Mal für ein anderes Produkt.&lt;br /&gt; Das ist natürlich Unsinn. Das einzige, was mich an den Wahlen interessiert, ist, daß durch sie Leute gewonnen werden können, und daß Bewußtsein wächst. Die Frage, ob die &lt;em&gt;Frente Amplio&lt;/em&gt; ihr Pro­gramm umsetzen können wird oder nicht, ist deshalb völlig unwichtig. Inter­essant ist nur, ob die Leute von der lin­ken Regierung an den Entscheidungen beteiligt werden und ob sie dabei ler­nen.&lt;br /&gt; Das Problem ist doch, daß es keinen Pfifferling wert ist, wenn wir &quot;Erleuchte­ten&quot; wissen, daß ein bestimmtes Pro­gramm aufgrund dieser und jener öko­nomischer und militärischer Machtverhältnisse nicht umgesetzt wer­den kann. Die Massen müssen das erkennen, damit sie sich die Frage grundsätzlicher stellen, damit sie mehr in Frage stellen als nur die Regierung...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Einverstanden. Eine linke Regie­rung kann zur Politisierung beitragen, wenn sie die Mehrheit an den Entschei­dungen beteiligt. Aber nur unter dieser Voraussetzung wäre eine linke Regie­rung positiv.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja. Das wäre das einzige, wozu diese Regierung gut wäre. Ich glaube, daß es dann sogar belanglos wäre, ob wir die Auslandsschulden zahlen oder nicht. Wichtig wird sein, ob die Leute auf der Straße begreifen, warum die Schulden bezahlt werden, warum man aus der Klaue des Imperialismus nicht so leicht herauskommt. Und dann werden sie sich das Problem grundsätzlicher stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Aber dafür wäre eine gemein­same Position der Frente Amplio not­wendig. Bei den KommunistInnen und SozialistInnen in der Koalition gibt es ganz andere Vorstellungen darüber, was eine linke Regierung zu machen hätte. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Klar, es gibt eine Linke, die Seifenpo­litik machen möchte. Es kann gut sein, daß 1994 die Frente Amplio zerbrechen wird. Von mir aus können die Seifen- und Teppichverkäufer zurückbleiben, sie werden allein bleiben, ohne die Leute.&lt;br /&gt; Die Wahlen sind auf jeden Fall nicht das Ziel, sondern eine Etappe auf dem Weg. Das sagen wir in Uruguay ganz offen, im Radio.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Laß uns von der internen Debatte der Tupamaros reden. Ihr hattet in den vergangenen Jahren eine Ausein­andersetzung darum, ob ihr euch zu viel in den Bewegungen engagiert. Ein Teil von euch meinte, ihr würdet zu wenig mit eigenem Namen agieren und zu oft nur in Bündnissen und Bewegungen arbeiten. Dahinter steht der Wider­spruch, inwieweit die politische Organi­sation MLN gestärkt werden muß, wel­che Rolle sie für einen Prozeß spielt. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Ich bin Teil dieser Strömung, die ver­tritt, daß wir vor allem die Bewegungen zu unterstützen haben. Wir dürfen uns nicht in Namen und Symbole verlieben. Wenn die Tupas irgendwann nicht mehr nötig sind, weil etwas neues, größeres entsteht, sollten wir nicht zögern, sie aufzulösen. Wir lieben die Revolution, nicht die Markennamen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Aber eine gut strukturierte Orga­nisation mit ihrer Geschichte ist ein sehr wichtiges Instrument dieser Verände­rung.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja. Aber es müssen nicht die Tupama­ros diese konsolidierte Organisation sein. Ich muß akzeptieren, daß es christliche Basiskomitees gibt, die bes­sere Arbeit für die Revolution machen als wir. Solchen Leuten muß ich die Hand reichen. Alles andere wäre sektie­rerisch.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Das ist ja unwidersprochen. Es gibt nur einen gewissen Widerspruch zwischen Verbreitern und Vertiefen. Natürlich müssen wir mehr werden, aber wir müssen eben auch inhaltlich vertie­fen, uns in einem engeren Rahmen fester organisieren als dies in Bewegun­gen möglich ist. Solche festeren Zusam­menschlüsse würde ich nicht als Avant­garde bezeichnen, sondern als Kerne. Es gibt keine starke Massenbewegung, schon gar keine revolutionäre Entwick­lung, ohne solche Kerne.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Genau. Deshalb gibt es die MLN. Wir vertiefen, erarbeiten grundlegende Ana­lysen, bestimmen gemeinsame, langfri­stige Strategien. Aber in der Breite der Bewegung arbeiten wir dann eben auch mit anderen Leuten zusammen. Da gibt es solche, die nur in der Bewegung aktiv sind, und andere, die ebenfalls einem organisierten Kern angehören, die in ihrem Rahmen ebenfalls vertiefen. In Uruguay haben wir 18 linke Organi­sationen, die alle in diesem Sinne für eine Vertiefung arbeiten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Um diese Kerne zu stärken, mußt du aber auch mit eigenem Namen und Inhalt präsent sein. Sonst kannst du nicht wachsen.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja. Du mußt vor allem auch den Moment erkennen. Manchmal ist Wachs­tum in die Breite völlig falsch, dann ist es notwendig erst mal Tiefe zu gewin­nen, inhaltlich Positionen zu bestimmen und deine Struktur zu stärken. In anderen Situationen dann aber zählt vor allem die Breite, das Dazukommen von neuen GenossInnen. Du hast nie die eine oder andere Position in Reinform, es geht vor allem um Gewichtungen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Auf jeden Fall bist du auch der Meinung, daß es Organisationen geben muß, in denen sich die politischen Akti­vistInnen sammeln.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; An dem Punkt würde ich das Erbe von den Anarchisten antreten. Nicht bei allem, aber in diesem Aspekt finde ich ihre Linie am sinnvollsten: demnach sol­len sich diejenigen, die sich nahe sind, gemeinsam organisieren. D.h. es gibt das Recht derjenigen sich zu organisieren, die die gleichen Manien haben. Von mir aus können sie sich in den hierarchisch­sten Strukturen zusammentun, wenn sie das wollen.&lt;br /&gt; Das bedeutet aber, daß es daneben einen breiteren Rahmen geben muß, in denen die verschiedenen Organisationen und Bewegungen wieder zusammenkommen können. Aber ich kann nichts schlechtes daran finden, daß sich dieje­nigen, die eine längerfristigere Strategie entwickeln oder strukturierter arbeiten wollen, einen eigenen Rahmen schaffen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Ein anderer Streitpunkt bei den Tupamaros war die Auseinandersetzung mit der Jugendorganisation Espartaco. Die Jugendlichen haben die MLN vor 2 Jahren verlassen. Du hast in Interviews mehrmals erklärt, daß die Auseinander­setzung darum ging, daß die Jugendli­chen mehr Autonomie in der MLN woll­ten. War das alles oder gab es auch politische Widersprüche?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Bei den Jugendlichen gab es eine Abneigung gegen die politische Arbeit und einen Hang zu mehr sozialen Akti­vitäten. D.h. sie wollten nicht in den politischen Bündnissen, in denen die MLN organisiert ist- der Frente Amplio und der MPP- aktiv sein, sondern eher soziale und kulturelle Aktivitäten ent­wickeln, z.B. Konzerte, Feste usw.&lt;br /&gt; Auf der anderen Seite gab es in der MLN ein autoritäres Verhalten, eine Art stalini­stische Deformierung. Sie meinten, daß eine revolutionäre Organisation nur aus disziplinierten Kadern zu bestehen habe, und forcierten von den Jugendlichen, daß sie, wenn sie Mitglieder der Organi­sation sind, auch die anstehenden Arbei­ten erledigen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Es ist ja auch richtig, daß jede/r AktivistIn einer Organisation sich an einer Kampagne, die gemeinsam beschlossen wird, beteiligt. Ich brauche keine Organisation, wenn die Leute nur das machen, wozu sie gerade Lust haben. Mit Absprachen verpflichten wir uns gegenseitig zu einem bestimmten Handeln.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Ja, sonst wird es eine Freizeitbeschäf­tigung. Ich glaube auch nicht, daß die Jugendlichen grundsätzlich recht hatten. Sie wollten wirklich ein bißchen Freizeitpolitik machen. Und genau das hat die Reaktion der anderen Seite hervorgeru­fen.&lt;br /&gt; Es gab also sowohl Fehler bei den Jugendlichen als auch bei der MLN, genau deswegen ideologisierte sich der Konflikt, bis er nicht mehr zu lösen war.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Frage: Sind die Jugendlichen, seitdem sie die MLN verlassen haben, immer noch aktiv?&lt;br /&gt; A: Sie haben es versucht, aber im Moment machen sie praktisch nichts. Das ist das traurigste daran. Wenn eine Gruppe geht und etwas neues aufbaut, dann ist das positiv, auch wenn es Mei­nungsverschiedenheiten gibt. Aber wenn eine Gruppe aus einer Organisation her­ausgeht und nicht mehr für die Revolu­tion arbeitet, dann ist es ein echter Ver­lust.&lt;br /&gt; Ich hoffe, daß sie zum Kampf zurückfin­den, in der MLN oder woanders. Ich hab es ihnen auch oft gesagt, baut euer eige­nes Projekt auf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Laß uns über Alternativen zum Kapitalismus reden. Du hast in deinen letzten Büchern immer wieder betont, der Realsozialismus sei unter anderem daran gescheitert, daß er den Kapitalis­mus wirtschaftlich und technologisch zu kopieren versucht habe. Diese Ansicht ist inzwischen mindestens 25 Jahre alt und hat sehr viel richtiges. Wodurch würde sich deiner Ansicht nach eine Alternative zum Kapitalismus auszeich­nen, was wäre der Unterschied zu den agrarsozialistischen Versuchen wie es sie z.B. in Afrika gegeben hat?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Es stimmt, daß diese Diskussionen alle nicht neu sind. Es gibt nur einen Unterschied zu früher: es sind keine Dis­kussionen mehr, vieles ist praktisch geworden. Die Geschichte hat die Fehler bestraft, mit langer Zeitverzögerung, aber immerhin.&lt;br /&gt; Die Idee, den Sozialismus in einem agra­rischen, unterentwickelten Land aufzu­bauen, hat nicht viel mit dem zu tun, was ich meine. Ich glaube, wir sollten vor allem aufhören, den Sozialismus in einem Land verwirklichen zu wollen. Das geht nicht.&lt;br /&gt; Ich glaube, es war Lenin, der gesagt hat „Nicht das ausländische Heer, sondern die Waren können dich besiegen&quot;. Es sind die Markenturnschuhe, die den Sozialismus geschlagen haben. Ich war baff, als ich vor Jahren in Cuba- damals war die Versorgungslage nicht wie jetzt, sondern es gab alles- gesehen habe, daß die Jugendlichen alles tun, um ein Paar Turnschuhe zu bekommen. Sie gehen auf den Schwarzmarkt, verhalten sich egoistisch, bescheißen andere Leute, ris­kieren Kopf und Kragen, nur um ein paar blöde US-Turnschuhe zu bekom­men.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Das Modell des „Sozialismus in einem Land&quot; entstand Mitte der 20er Jahre in der Sowjetunion aber nicht des­halb, weil die Bolschewiki die Idee so toll fanden, sondern weil die Sowjet­union alleine blieb. Es kam nicht zu den erwarteten Revolutionen in Westeuropa. Und am Anfang praktizierten die Kom­munistischen Parteien mit ihrer Interna­tionalen das, was wir heute wieder auf­bauen wollen, nämlich eine international diskutierende und handelnde Linke.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Der Internationalismus wurde aufge­geben. Der „Sozialismus in einem Land&quot; war eine self-fulfilling prophecy. Die Bürokratie verwandelte das, was aus einer historischen Notwendigkeit erwachsen war, in eine Doktrin. Der Sozialismus in einem Land war ab Mitte der 20er Jahre keine traurige Notwendigkeit mehr, er war eine für immer festge­schriebene Doktrin.&lt;br /&gt; Das letzte Mal, das es internationale Kämpfe um das gleiche Ziel gab, waren die Arbeiterkämpfe für die 40-Stundewo­che im 19.Jahrhunclert, die den ersten Mai als Kampftag begründeten. Seitdem hat es keine gemeinsamen Kämpfe mehr gegeben. Wie lange ist das her.&lt;br /&gt; Wie wenig Leute kapieren heute die internationale Dimension von Kämpfen. Wenn ich nach Deutschland komme, fragen mich die Leute in Uruguay, was ich hier will. Sie sagen mir, daß ich meine Zeit verschwende.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Aber die Revolution wird niemals gleichzeitig auf der ganzen Welt ausbre­chen. Das ist eine Illusion. Also wirst du das Problem, als einzelnes Land anfan­gen zu müssen, immer wieder neu vor­finden.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Natürlich. Aber du mußt das, was du dann aufbaust, nicht Sozialismus nen­nen. Weil es keiner ist. Du kannst Bedingungen schaffen, das ist alles. Ansonsten bringst du den Begriff Sozia­lismus in Verruf, so wie das in der Sowjetunion passiert ist.&lt;br /&gt; Das andere ist, daß wir uns durchaus stärker um internationale Zusammenar­beit bemühen können. Wir haben mit dem Sao Paolo-Forum angefangen, trotz­dem ist es für mich immer noch leichter, mich in Frankfurt mit Leuten von der PT zu treffen als in Lateinamerika. Da gibt es noch vieles, was wir machen können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Gut, eine internationalistischere Politik wäre ein Element. Was müßte noch gemacht werden, um eine soziali­stische Gesellschaft aufzubauen? Was würdest du tun, wenn wir in lateiname­rikanischen Ländern wieder eine Situa­tion wie in Nicaragua 1979 hätten?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Das erste wäre eine Radikalisierung der Demokratie. Es können nicht nur die Revolutionärinnen sein, die diese neue Gesellschaft schaffen, das muß die Mehrheit machen. Das heißt, diese Bevölkerungsmehrheit müßte durch ihre eigene Aktivität sehen, was möglich ist und wenn nicht, warum eine bestimmte Veränderung nicht drin ist. Wir müssen alle zu Strategen der Revolution werden. Ich bin also dafür, daß wir die Forde­rung nach Demokratie wieder zu unse­rer machen. &lt;br /&gt; Das andere ist, daß wir in weiten Teilen der Welt so weit zurückgefallen sind, daß es revolutionär anmutet, wenn man drei Mal am Tag zu essen hat. Das war früher reformistisches Minimalpro­gramm, heute ist es für Milliarden von Menschen eine Verheißung.&lt;br /&gt; Wir brauchen also ein Notprogramm, das solche fundamentalen Dinge wieder gewährleisen kann. Auf den Trümmern wirtschaftlicher, sozialer und moralischer Zerstörung kann man keinen Sozialis­mus schaffen. In diesem Elend verfallen ethische Werte, da gibt es keine Bemühungen mehr um eine andere Gesellschaft, nur noch den Drang nach Existenz. Also müssen wir zuerst Grundlagen schaffen. Schon das wird uns harte Auseinandersetzungen abver­langen, denn die Oligarchie, der IWF, sie sind nicht bereit, diese Veränderun­gen durchzuführen. Wir müssen sie uns erkämpfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Was ist mit den Vorstellungen einer anderen wirtschaftlichen und tech­nischen Entwicklung.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, klar, das ist das, was du am Anfang angesprochen hast. Wir werden die kapitalistische Industrialisierung nicht einfach wiederholen können. Aber genau dafür brauchen wir die Hilfe der 1.Welt. Denn aufgrund unserer Unterent­wicklung fehlen uns genau die techni­schen Elemente, um eine alternative Ent­wicklung zu durchschreiten, also z.B. auf anderem Weg Energie zu erzeugen.&lt;br /&gt; In Uruguay gibt es viele Genossinnen, die als Ziel anstreben, einmal so zu leben wie die Belgier. Während in Bel­gien sich die Linken Gedanken machen, was zu tun ist, um nicht mehr Belgien zu sein. Das ganze ist also auch ein ideologisches Problem. Eine bestimmte technische Entwicklung wird als alterna­tivlos betrachtet, der relative Wohlstand der europäischen Länder macht sie zu Vorbildern.&lt;br /&gt; Wir müßten oft einfach nur dem gesun­den Menschenverstand folgen, um zu sehen, daß das Quatsch ist. In Uruguay ist ein Pferd unter bestimmten Bedin­gungen sinnvoller als ein Traktor. Um das auszurechnen brauchst du keinen Taschenrechner.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Das Problem Cubas...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Nach 30 Jahren entdecken sie das Fahrrad.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Im Zusammenhang mit einem neuen Begriff von Sozialismus haben wir uns in der Arranca! mit lateinamerikani­scher Befreiungspädagogik auseinander­gesetzt. Der Brasilianer Paulo Freire zeigt auf, daß es sich bei der Emanzipa­tion —also auch bei der Revolution— nicht so sehr um Agitation und Propa­ganda dreht, bei der du die Linke zu einem bestimmten Ziel bringen willst, sondern eher um Bewußtwerdung. D.h. die Linke muß dafür arbeiten, daß die Menschen sich selbst als Subjekte ent­decken, daß sie ihr eigenes kritisches Bewußtsein entwickeln, das sie dann zwangsläufig in Konflikt mit der beste­henden Ordnung bringt.&lt;br /&gt; Hatte die Befreiungspädagogik auf die Praxis der Tupamaros irgendeinen Ein­fluß?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, aber das war keine bewußte Ent­scheidung von Organisationen, diese Erkenntnisse in diese politische Praxis zu überführen. Es hatte vor allem damit zu tun, daß sehr viele PädagogInnen aktive Linke waren und sind, und daß sie ihre Standpunkte in die Arbeit einge­bracht haben.&lt;br /&gt; Ein Beispiel für den Einfluß, den das auf den Alltag gehabt hat, war die Kampa­gne gegen die Privatisierung der öffentli­chen Unternehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Das war 1992...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, es gab das Referendum Ende 1992. Wir haben über das ganze Jahr Gespräche mit den Leuten geführt. Es sind Brigaden der Frente Amplio gebil­det worden, und mit dem Computer haben wir das ganze Land in Bezirke eingeteilt, die von den einzelnen Bri­gaden bearbeitet werden sollten. Die Leute sind von Haustür zu Haustür gegangen, um mit den Menschen über die Privatisierungen zu reden. D.h. es waren keine Veranstaltungen, sondern Personen der Frente Amplio haben mit der ganzen uruguayischen Bevölkerung geredet.&lt;br /&gt; Manche Leute sind 2, 3 oder 4 Mal besucht worden, weil die Diskussion weiterging. Du mußt dir vorstellen, alle Linken in Berlin würden einen Straßen­zug übernehmen und sie müßten dort alle Haustüren abklappern, um danach Bericht zu erstatten, wie das verlaufen ist.&lt;br /&gt; Die Wirkung so einer Arbeit ist phäno­menal. Deine Parolen, Schlagwörter, Erklärungsmuster, deine zurecht geleg­ten theoretischen Diskurse nützen dir nichts mehr, wenn du Menschen aus Haut und Haaren gegenüberstehst. Da verläßt du das Ghetto, du erlebst die Wirklichkeit, du spürst das Desinteresse, das Unverständnis, den Haß, aber eben auch die Sympathie der Menschen.&lt;br /&gt; Dabei lernst du, die Menschen als Sub­jekte zu behandeln. Du mußt sie fragen, ob du in die Wohnung kommen darfst, du mußt auf ihre Fragen Antworten suchen und dich belehren lassen. Denn sie haben Kritik und Vorstellungen, von denen du lernen kannst.&lt;br /&gt; Die BrigadistInnen sind natürlich auch an den Haustüren von Faschisten und Militärs gewesen, von außen siehst du das nicht. Und sie sind weggejagt wor­den. Aber genau dabei stellst du fest, ob deine Vorstellungen mit der Wirklichkeit des Volkes etwas zu tun haben.&lt;br /&gt; Das andere, was ich an Freire wichtig finde, ist die Verteidigung des Gedächt­nisses. D.h. eine unterdrückte Bevölke­rung darf die Erinnerung an ihre Geschichte nicht verlieren. Ich habe keine schriftstellerischen Ambitionen, ich begreife mich beim Schreiben als Kämp­fer für die Verteidigung unserer Geschichte.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Du besuchst bei deinen Rundrei­sen durch die BRD auch politische Gefangene aus der RAF. Du warst selber 15 Jahre lang im Gefängnis, wie ist es für dich in den Knast zurückzukehren?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ja, ich besuche die Celler Gefange­nen. Mir gefallen die Gefängnisbesuche natürlich nicht. Selbst dann nicht, wenn ich Freunde sehen kann. Aber der Besuch der Gefangenen ist eine Ver­pflichtung, das ist eine prinzipielle Angelegenheit, daß man solidarisch zu den Eingesperrten bleibt. Ich weiß, was der Besuch für einen gefangenen Genossen bedeutet, er ist eine nicht-reli­giöse Messe, etwas ganz besonderes. Verglichen mit dem, wo ich eingesperrt war, erscheinen die deutschen Gefäng­nisse natürlich wie das Sheraton-Hotel. Aber was ich von den deutschen Gefängnissen gesehen habe, war ja auch nur die Besucherzone. Der eigentliche Knast ist da, wo wir nicht hinkommen. Und außerdem können auch die saube­ren, gut gestrichenen Gebäude Orte des Schreckens sein. Es gibt vielen Formen die Menschen zu foltern. Jede Freiheits­beraubung und jede Isolation sind eine Art Folter.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Und wie hast du die drei in Gelle erlebt? Lutz Taufer und Karl Heinz Dellwo sind seit 18 Jahren eingesperrt... &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Ich war überrascht, wie sehr sie sich ihre Lebensfreude bewahrt haben. Wenn man sieht, wie lange sie sitzen, wie schrecklich diese Jahre gewesen sind, ...sie sind sehr lebendig geblieben, sehr aufrecht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Wie ist das eigentlich für euch, daß ihr für so viele bewaffnete Kämpfe in der ganzen Welt als Vorbild gedient habt? Stört es euch manchmal, fühlt ihr euch in unzulässiger Weise kopiert? Ich meine, daß Anfang der 70er die aller­meisten neu entstehenden Stadtguerillas, egal ob in Italien, der BRD, Spanien oder in Lateinamerika von den Tupas redeten.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Wir haben das erst 1985 mitbekom­men, als wir aus dem Knast herauska­men. Bis dahin hatten wir keine Ahnung davon, was in der Welt passierte, nicht einmal Nachrichten aus unserem eige­nen Land erreichten uns.&lt;br /&gt; Wir hatten aber nie daran gedacht, daß wir einmal als Vorbild dienen könnten. Ich bin ehrlich gesagt, auch gegen die Imitationen und Kopien. Man muß die Prozesse anderer Länder kennen und von ihnen lernen, aber immer dann, wenn wir versucht haben, etwas ganz einfach nur nachzumachen, hat es nicht funktioniert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Du hast in Frankfurt gesagt, daß ihr demnächst ein „Komitee zur Unter­stützung der Revolution in Deutschland&quot; gründen wollt...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; ...das war natürlich eine Kritik, weil sich so viele europäische Linke damit beschäftigen, andere Länder paternali­stisch zu unterstützen, anstatt bei sich selber zu arbeiten...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Klar, und zur Soli-Arbeit gehört immer auch der gute Ratschlag für die Genossinnen anderswo. Was empfiehlst du als Mitglied des uruguayischen Soli­daritätskomitees der Linken in der BRD? &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Na ja, vor allem die Revolution zu machen...(lacht)&lt;br /&gt; Ich kenne die Wirklichkeit in der BRD natürlich nur sehr wenig. Aber das wich­tigste fände ich, daß die Linke hier mehr mit den Bevölkerung zu tun hat, daß sie aufhört, von den „normalen Leuten&quot; zu reden, daß sie sich als Teil dieser Gesell­schaft erkennt. Dieses Argument, daß man sich abgrenzen müsse, um über­haupt links zu sein, erscheint mir völlig unsinnig.&lt;br /&gt; Zum anderen ist die Linke unorganisiert. Das hat Vor- und Nachteile. Die Autono­mie der westdeutschen Linken hat ihr eine große Lebendigkeit eingehaucht, sie ist nicht zusammengebrochen, als der Realsozialismus fiel. Das ist sehr positiv. Unabhängig davon, ob es viele sind oder nicht, die Linke hier lebt. Die Größe spielt da nur eine Nebenrolle. Die negative Seite ist die Aufsplitterung in unzusammenhängende, lose beste­hende Grüppchen. Die BRD-Linke ist sehr sektiererisch, auch die Autonomen. Die Frage ist also, wie diese vielfältige Autonomie aufrecht erhalten werden kann und sich gleichzeitig Kräfte mit gemeinsamen Zielen bündeln. Ihr müß­tet lernen, mit Unterschieden umzuge­hen und dennoch eng zusammenzuar­beiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn das gelingen würde, wäre das eine ziemlich interessante Synthese.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Danke, Nato, für dieses Gespräch&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_ouhipnh&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_ouhipnh&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Fokismus: das Wort kommt vom spanischen foco (Brennpunkt). Die Theorie des foquismo behauptete, daß revolutionäre Gruppen durch die Aufnahme des bewaffneten Kampfs in einer bestimmten Gegend die Verhältnisse insgesamt in einem Land zum Kochen bringen könnten: der Brennpunkt weite sich zum Flächenbrand aus. In den 60ern und 70ern war der foquismo die bestimmende Theorie der unabhängigen Linken Lateinamerikas. Sie breitete sich vor allem deshalb aus, weil sie in Cuba in klassischer Form funktioniert hatte. In einer Situation gesellschaftlicher Unzufriedenheit landeten nicht einmal 2 Dutzend Revolu¬tionäre unter der Führung von Fidel Castro und Che Guevara auf der Insel und es gelang ihnen, innerhalb von drei Jahren den Diktator Batista zu stürzen. Danach jedoch erlitten foqui¬stische Guerillas zahlreiche Niederlagen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_rz5q56j&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_rz5q56j&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Der Franzose Regis Debray schrieb 1966 das Buch „Revolution in der Revolution&quot;, das den Ruf hat, den Fokismus als Theorie begründet zu haben. Ein Jahr später war Debray zusammen mit Che Guevara in der Guerilla in Bolivien, verließ diese aber sehr schnell, weil er mit den har¬ten Bedingungen auf dem Land nicht klar kam. Nach längerer Haft in Bolivien kehrte er nach Frankreich zurück und begann sich von seinen revolutionären Ideen zu verabschieden. 1981 wurde er zum Lateinamerikaberater des sozialdemokratischen Präsidenten Francois Mitterrand.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_jfkxn00&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_jfkxn00&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Apriorismen sind Grundannahmen, von denen man ausgeht. Hier wären die Apriorismen, von den Huidobro spricht, a) die Einstellung, daß die bewaffnete Konfrontation an und für sich gut ist, und b) die bedingungslose Ablehnung des bewaffneten Kampfs wie sie von vielen Refor¬misten vorgebracht wird&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_9ooexo7&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_9ooexo7&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Demobilisierung: Entwaffnung und Wiedereingliederung der Guerilla im Rahmen von Friedensverträgen&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Wed, 05 Jan 2011 16:30:21 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Suppe im Salz</title>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Es gibt nur wenige Diskussionen, die der Linken so von außen aufgezwungen wurde wie die Gewaltdiskussion der vergangenen 15 Jahre. Im Anschluß an den Herbst 1977, vor allem mit dem Beginn der Friedensbewegung wurde die Frage zum Gewissensbekenntnis.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Jenseits des Tellerrandes:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;„Wir kennen diese Frage nicht&quot;&lt;/em&gt;, meint ein griechischer Genosse zur Gewaltfrage.&lt;em&gt; „Mein Großvater war kommunistischer Partisan, die Generation meiner älteren Geschwister stand im Widerstand gegen die Diktatur, bei den Anti-NATO-Demonstrationen in den 80er Jahren waren es Hunderttausende, die verlangt haben, die US-Botschaft niederzubrennen. Ich habe nie verstanden, wie sich die BRD-Linke diese Diskussion hat aufzwingen lassen.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die fanatischen Eiferer: &lt;/strong&gt;Es war einer der erheiterndsten Momente meines Lebens, als auf einer Demonstration gegen den Golfkrieg ein bekennender Pazifist einem Freund blutige Lippen schlug. Der Freund zertrümmerte mit Steinen die Fensterscheiben einer Bank, als ihn von hinten ein Friedensbewegter anfiel und wutschäumend auf ihn einprügelte.&lt;em&gt; „Du gewalttätiges Schwein&quot;&lt;/em&gt;, schrie er den Freund an, und seine Begleiterin, taubenbesteckt, brüllte uns an: &lt;em&gt;„Ihr Chaoten&quot;&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die andere Seite:&lt;/strong&gt; Bewaffnung ist zur bundesdeutschen Wirklichkeit geworden. In vielen Fällen geht es um Selbstverteidigung, die Medien jammern, die Polizei rüstet auf, - und Teile der Linken feiern den Zerfall des staatlichen Gewaltmonopols. Das entbehrt nicht eines bitteren Nachgeschmacks. Auch wenn man weiß, für wen und gegen wen das staatliche Gewaltmonopol in Gang gesetzt wird, auch wenn man erkennt, daß Bewaffnung legitim, unvermeidbar ist, gibt es nichts zu jubeln über die neuen Verhältnisse. Schmetterlingsmesser in der Grundschule...&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die unglaublich unsägliche Gewaltfrage&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt nur wenige Diskussionen, die der Linken so von außen aufgezwungen wurde wie die Gewaltdiskussion der vergangenen 15 Jahre. Im Anschluß an den Herbst 1977, vor allem mit dem Beginn der Friedensbewegung wurde die Frage zum Gewissensbekenntnis.&lt;br /&gt; So wie die SPD mit den Berufsverboten das Treuebekenntnis zum bürgerlichen Staat zur Bedingung für den Eintritt in den öffentlichen Dienst gemacht hatte, so wurde Ende der 70er die Distanzierung von der Gewalt von links zur Grundvoraussetzung für „Diskussions- und Arbeitsfähigkeit&quot; in Bündnissen. Die Fraktionierung der Grünen in Systemunterstützer (Realos) und -oppositionelle (Fundis) wurde mit dem Thema vorangetrieben, die wichtigsten sozialen Bewegungen gespalten und die bewaffnete Linke in der BRD isoliert.&lt;br /&gt; Wer Militanz als Mittel vor den AKW- Baustellen oder NATO-Camps nicht ausschließen mochte, wurde genauso ausgegrenzt wie diejenigen, die in den Gefangenen des 2. Juni und der RAF nicht nur Kriminelle sahen.&lt;br /&gt; Anders aber als bei den Berufsverboten machten sich die Betroffenen selbst zu Bütteln der von oben vorgegebenen Katharsis des Widerstands. Es war letztendlich nicht der Staatsapparat, sondern die Vollmers und heutigen Befürworter einer Intervention in Bosnien, die die Distanzierung von der Gewalt durchsetzten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Natürlich war die Debatte um „Friedfertigkeit gegen Gewaltbereitschaft&quot;, in der die „Friedfertigen&quot; als moralisch dastanden, eigentlich immer ein durchsichtiges Manöver gewesen. Die offizielle Seite hatte mit Gewalt an sich keine Probleme. Ihr ging es um die Wahrung des staatlichen Monopols darauf, - was sie auch beherzt vorführte, wenn es einmal ein wenig enger wurde. Wer erinnert sich nicht an die CS-Gasgranaten - ein in den Genfer Konventionen geächtetes Kriegsgas -, die aus Hubschraubern vor Wackersdorf auf die Menschenmenge geschleudert wurden? Oder an die prügelnden Polizeieinheiten vor Brokdorf, die Ausrüstung von immer neuen Sondereinheiten oder die in der SPD/FDP Regierung im Herbst 1977 geführte Diskussion, „stündlich einen Gefangenen der RAF zu erschießen&quot; (aus den Regierungsprotokollen)?&lt;br /&gt; Aber auch von Seiten der &lt;em&gt;Bewegungsfriedlichen &lt;/em&gt;war das Verlangen nach Militanzverzicht ein höhnischer Einwand. In Anbetracht bestehender Gewaltverhältnisse, in denen Alkoholismus, Obdachlosigkeit, Arbeitsplatzverlust, Vergewaltigung und rassistische Überfälle Bestandteil des gesellschaftlichen Normalzustands sind, klangen und klingen sie nach Komplizenschaft. Wer gegen gewalttätige Zustände nicht mit allen Kräften Position bezieht, bezieht Position. Er stellt sich, gewollt oder ungewollt, auf die Seite der Normalität, auf die Seite herrschender Gewalt.&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Friedfertigkeit &lt;/em&gt;gab es deswegen nie. Schon der Begriff beinhaltet, daß einvernehmliche Lösungen immer möglich sind. Das aber ist ab einem bestimmten Punkt nicht nur eine Illusion, es ist ein Verbrechen. Wer die Entlassung von Hunderttausenden als wirtschaftlich unvermeidbar bezeichnet oder die Obdachlosigkeit normal findet, hat Stellung bezogen: klar und unmißverständlich auf der Seite derjenigen, die von den Verhältnissen profitieren. Es müssen keine Fäuste fliegen oder Schüsse fallen, damit Gewalt herrscht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der soziale und politische Widerstand in der BRD hat das lange Jahrzehnte nicht verstanden. In Italien hagelt es Backpfeifen für Streikbrecher, in Frankreich legen Bauerndemonstrationen Hauptverkehrsstraßen mit Strohbarrikaden lahm, und im spanischen Staat bauen Stahlarbeiter im Arbeitskampf mit großem Elan Geschütze, um die Polizei vom Betriebsgelände fernzuhalten. Man weiß, daß die Alternativen nicht „friedlicher&quot; wären als das, was man tut.&lt;br /&gt; Bei uns - aber nicht nur bei uns - zieht man dagegen das Bitten dem Fordern vor. Das Fehlen einer Widerstandskultur - keine einzige Revolution schafften die Deutschen außer der nationalsozialistischen - war kein Zufall, sondern hatte seinen historischen Rahmen: Von preußischer Autoritätshörigkeit und den Bismarckschen Sozialgesetzen, die die Arbeiterklasse zum „Sozialpartner&quot; verpflichteten, über die Ausmerzung der kämpferischen Linken unter den Nazis, bis hin zur halb-totalitären Adenauer- Demokratie spannt sich der Bogen, der es den Getretenen in Deutschland immer so schwer gemacht hat, den Kopf oder die Hand nach oben zu erheben. Deutsche Bürgerinnen identifizieren sich mit ihrem Staat, sie erkennen ihn als neutralen Schiedsrichter an, als ob er zwischen den Interessenseiten stünde. Die Philosophie des aus den USA kommenden Fordismus wie auch der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft&quot; beherrscht die Köpfe. „Arbeiterinnen und Unternehmerinnen sitzen in einem Boot&quot;. Der Staat tut so, als ob er der institutionalisierte Konsens zwischen beiden wäre.&lt;br /&gt; Und wirklich - in Deutschland, aber nicht nur hier, schien diese Losung lange aufzugehen; als sie nicht mehr aufging, wurde auf Kosten der Nachbarn dafür gesorgt, daß sie weiter aufgehen kann. Das ist das Tragische an der Konfrontationsfeindlichkeit nach innen: Die Sehnsucht nach Harmonie unter den Klassen grenzt andere aus. Lebensverhältnisse in Deutschland „sozialpartnerschaftlich&quot; lösen, bedeutet, die Außengrenzen dicht zu machen, mit Infrarot, Bundesgrenzschutz und Hetzjagden. Die „Friedfertigkeit&quot; nach innen beinhaltet die latente Aggression nach außen. Nie war sich Deutschland so einig, Arbeiterinnen und Unternehmerinnen so Freund wie damals in den „goldenen 12 Jahren&quot;.&lt;br /&gt; Nun zerbricht das Boot wieder, schon seit einem Jahrzehnt, die Gleichung Lohnerhöhung=Wachstum geht nicht mehr auf; was gut ist für die Unternehmerinnen, ist Arbeitslosigkeit für die anderen. Die allermeisten haben es trotzdem noch nicht begriffen. Die Kali-Kumpel aus Bischofferode klagen über die Treuhand. Mißmutig quengelt man über die schlechte &quot;Vereinigungspolitik&quot; der Regierenden, als ob man den Begriff „Klassengesellschaft&quot; für eine Erfindung des MfS hielte. Aber eine echte Perle der alten und neuen Staatsbürgerlichkeit auch unter den Linken bot sich auf einer Antifa-Demo im Berliner Stadtteil Marzahn. Demo-eigene Ordner verjagten Demonstrantinnen vom Mittelstreifen der Straße mit dem Argument, daß „die Polizei nur die Fahrbahn, nicht aber den Grünstreifen genehmigt hätte.&quot; Die Auseinandersetzung kulminierte in dem schönen Satz „Wollt Ihr ordentlich marschieren oder Radaukommunismus?&quot; - Wie süß klang mir das dahingenäselte Wort in den Ohren. Radaukommunismus - das muß etwas sehr lebendiges sein, z.B. das Abenteuer eines Mittelstreifens oder die Übertretung einer Verordnung. Ich ahnte süße Träume zwischen Plattenbauten und Wurstbuden, geordnet marschierend.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;&quot;Im Auftrag des Herrn Landrat bestätige ich ihre Anmeldung für den  sogenannten Ostermarsch. Soweit die Demonstration durch das Gebiet des  Landkreises Obernburg führt, darf nur auf Feldwegen und Landstraßen  3.Ordnung demonstriert werden. Die rechte Straßenseite ist streng  einzuhalten, und es darf nur in Zweierreihen gegangen werden. Eine  Kundgebung auf dem Marktplatz von Obernburg wird nicht genehmigt, weil  dadurch am Samstagnachmittag Ruhestörungen und Belästigungen zu erwarten  sind. Für ihre Kundgebung steht ihnen das Sportgelände direkt am Main  zur Verfügung. Da nicht auszuschließen ist, daß bei der Demonstration  kommunistische Parolen mitgeführt werden, sind sie verpflichtet, alle  Parolen und Flugblattexte, bevor sie öffentlich zugänglich gemacht  werden, meiner Behörde zur Einsicht vorzulegen. Die beantragte Benutzung  von Lautsprechern kann nicht genehmigt werden. Sofern sie auf ihrer  Demonstrationsstrecke die Bundesstraße 469 überqueren müssen, hat sich  die Demonstration vorher aufzulösen, und alle Transparente sind  einzurollen.&quot; Ostermarsch 1961-zitiert nach Lutz Taufer&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Militanter Pazifismus...&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Natürlich gab es in der BRD-Linken auch andere Gegner der politischen Gegengewalt als die quengelnden, moralisierenden Untertanenoppositionellen. Da waren zum Beispiel jene militanten Pazifistinnen, die mit respektabler Ausdauer Anfang der 80er Jahre NATO-Stützpunkte blockierten und in Rüstungsfabriken Sabotage betrieben. Für sie war klar, daß Widerstand die vom Staat zur Legalität gemachten Grenzen nicht zu beachten braucht, weil dieser Staat selber Träger von Gewalt ist. Sie verhielten sich eindeutig, kämpferisch, setzten sich mit denen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr und riskierten einiges dabei.&lt;br /&gt; Grundlage ihres &lt;em&gt;gewaltfreien &lt;/em&gt;Verhaltens war die Erkenntnis, daß man von den „Mitteln geformt wird, die man gebraucht&quot;, daß auch der revolutionäre Krieg Menschen zu Soldaten macht. Sie dagegen forderten, die angestrebte Gesellschaft radikal vorwegzunehmen, indem sie eben nicht handelten, wie es der Gegner tut. Das ist richtig und auch wieder nicht. Im Falschen gibt es nichts einwandfreies, in der unterdrückten Gesellschaft keinen ganz „neuen Menschen&quot;, in der Gewalt keine völlige Friedfertigkeit.&lt;br /&gt; Das soll nicht heißen, daß ihre Kampfformen wie Sitzblockaden kein Mittel sein könnten, auch nicht, daß sie in der Anti-NATO-Bewegung nichts bewirkt hätten. Ihr &lt;em&gt;kämpferisch-pazifistisches&lt;/em&gt; Dagegenhalten taugt einfach nur für bestimmte Situationen. In Rostock hätten weder Menschenketten noch Blockaden etwas erreicht. Es hätte die Rassisten, die ihre verlorengegangene Identität dadurch gewinnen, daß sie nach unten, gegen die Schwächeren durchtreten, nur in ihrem Bild bestätigt. Die anderen sind Schwächlinge, sie aber sind stark. Wer Nazis das zeigt, gibt ihnen Rückenwind. In der neuen Situation, in der wir uns befinden, wählen wir die Mittel unseres Widerstandes nur noch bedingt, andere wählen sie für uns.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Kämpferischer, ziviler Ungehorsam kann deswegen nicht die einzige Kampfform bleiben. Spätestens nach dem 2.Massaker an einer Demonstration zerbricht der &lt;em&gt;gewaltfreie&lt;/em&gt; Widerstand an seiner Hilflosigkeit. Zum Kämpfen gehört immer auch Aussicht auf Erfolg, der Ausbruch aus der Opferrolle. Wer immer nur geschlagen wird, steht nicht mehr auf. Es sei denn, es gelingen kleine moralische Siege: eine Sabotageaktion, die eine ganze Fabrik lahmlegt, der Tod eines Folterers, der 3. Stromausfall in einer Woche, obwohl die Straßen voller Militärs sind. Man braucht nur nach dem Chile der Militärdiktatur schauen oder nach Kurdistan heute. Hätte die chilenische Menschenrechtsbewegung so lange gekämpft, wenn es die Nadelstiche gegen die Pinochet-Schergen nicht gegeben hätte? Oder würden die Oppositionellen in Diyarbakir ihre Hilflosigkeit gegenüber den türkischen Truppen ertragen, wenn sie nicht wüßten, daß in den Bergen rundherum die Folterknechte nichts zu lachen haben? Überhaupt ziviler Ungehorsam: Kolumbianische Linke gehen immer mindestens zu sechst, wenn sie nachts Sprüche an die Wände schreiben: 2 malen, die anderen kontrollieren bewaffnet die nächsten Straßenzüge. Wer erwischt wird, wird erschossen.&lt;br /&gt; Die Herrschenden benützen in der Verteidigung ihrer Privilegien alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, militärische sind ein Teil davon. Niemand kann die Gesellschaft grundlegend verändern, ohne sich dagegen zu organisieren. Und genau deswegen ist ziviler Ungehorsam allein einfach zu wenig.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;...oder by any means necessary?&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das vielleicht einzig Positive an der gewalttätiger werdenden BRD-Wirklichkeit ist, daß dem moralisierenden Diskurs des „Gewalt oder Friedfertigkeit&quot; der Boden entzogen worden ist. Mit den 5000 Überfällen und Anschlägen der faschistischen Terrorgruppen seit 1990 wird es immer schwerer, sich individuell darauf zurückzuziehen, daß man für sich persönlich Gewalt ablehnt. Die Wirklichkeit verlangt der Linken heute viel klarere Entscheidungen ab, als dies vor ein oder zwei Jahrzehnten der Fall war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotzdem ist es ist keine Antwort, wenn - nachdem die „Friedfertigkeit&quot; als Lüge enttarnt ist - Gewalt zum wichtigsten der politischen Mittel hochstilisiert wird, wie das unter den Befürworterinnen des bewaffneten Kampfs vielfach der Fall war oder ist und sich heute in der Antifa-Bewegung teilweise wiederholt. Militanz, das heißt die kämpferische Bereitschaft, etwas zu riskieren und mit allen Mitteln Widerstand zu leisten, läßt sich mit Gewalt nicht gleichsetzen; auch mit Entschlossenheit nicht. In vielen lateinamerikanischen Ländern oder in der türkischen Republik ist es härter, politisch zu arbeiten, als in die Berge zu gehen. Während das Leben in der Guerilla berechenbar ist, tobt in den Städten der schmutzige Krieg gegen die legale Linke. Die Bereitschaft, das Leben zu ändern, notfalls auch zu sterben - also militant zu sein -, macht sich nicht an den Waffen fest. Genausowenig sind sie Garantie für einen schnelleren Erfolg.&lt;br /&gt; „&lt;em&gt;By any means necessary&lt;/em&gt;“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_3ycycs5&quot; title=&quot;„By any means necessary&amp;quot; (mit allen notwendigen Mitteln) meinte Malcolm X eigentlich nicht zur politischen Gewalt im allgemeinen, sondern im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen den Ku-Klux-Klan. Zur pauschalen Bejahung des bewaffneten Kampfes/der politischen Gewalt wurde der Ausspruch erst danach.&quot; href=&quot;#footnote1_3ycycs5&quot;&gt;1&lt;/a&gt; ist deswegen ein pauschales Schnellurteil. Gewalt ist natürlich nicht in jedem Fall notwendig. Auch wenn völlig auf der Hand liegt, daß die Gegenseite immer bereit ist, ihre Ordnung und Herrschaft notfalls auch militärisch zu verteidigen, sagt das nichts über den Sinn eigener Gewalt aus. Gerade dann, wenn von Gegnern die militärische Konfrontation gesucht wird, ist es sinnvoll, ihr aus dem Weg zu gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es läßt sich zum Beispiel die Frage stellen, ob nicht Malcolm X&#039; Satz &lt;em&gt;„By any means necessary&quot;&lt;/em&gt; für die Black Panther Party zum Verhängnis wurde. Die schwarze Organisation zeigte ihre Bereitschaft bewaffnet zu kämpfen bei jeder Gelegenheit. Auf Postkarten der BPP sagten schwarze Kinder zu ihren Daddies „schenk mir eine Knarre zu Weihnachten&quot;. Und das zu einem Zeitpunkt, wo in den ganzen USA gerade einmal ein paar hundert Leute in der BPP organisiert waren. Die Organisation stand auf wackligen Beinen, auf die Repression, die danach kam, war sie nicht vorbereitet. Hätte sie die militärische Seite ihres Kampfes nicht so betont, wäre es ihr wahrscheinlich leichter gefallen, sich in den Ghettos zu verankern. Andersherum hätte den staatlichen Stellen ein gutes Stück Legitimation gefehlt, gegen die BPP loszuschlagen.&lt;br /&gt; Das ist natürlich kein Argument dagegen, daß die Entscheidung, sich zu bewaffnen, gerechtfertigt war. Und es stimmt auch, daß die Anziehungskraft der Panthers auch deswegen groß war, weil sie nach Jahrhunderten der Sklaverei die erste landesweite Organisation war, die sich zum bewaffneten Kampf bekannte. Trotzdem eskalierte die Situation für die Black Panthers wahrscheinlich zu früh. Der heraufbeschworenen Konfrontation war sie nicht gewachsen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das ist kein echtes Urteil über die BPP. Es ist nur ein Beispiel dafür, daß sich das Problem der politischen Gewalt für die Linke ganz anders stellt. Sie muß - wenn sie die Verhältnisse wirklich grundlegend verändern will - immer militant kämpfen, d.h auch mit Mitteln, die ihr der Staat versagt. Aber sie muß mit der politischen Gewalt als Kampfmittel sehr bewußt umgehen, sie darf sich den Moment ihrer Verwendung nicht aufzwingen lassen, und vor allem muß sie das Reaktionäre in ihr ständig erkennen.&lt;br /&gt; Das Geschick liegt letztendlich darin, sich auf Situationen vorzubereiten, ohne sie dadurch herbeizubeschwören, Eskalationen abzusehen, ohne sie im falschen Moment zu verschärfen. Ich werde darauf noch zurückkommen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Der fehlende Begriff gesellschaftlicher Macht&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;„Das Weltbild der Revolutionäre, ob im Trikont oder in den Metropolen, war in den vergangenen Dekaden geprägt von jenem klassischen Verständnis des Politikmachens, in dem die Hauptagenten des politischen Manövers und der politischen Macht Großorganisationen wie Staaten, Parteien, Gewerkschaften, schließlich nationale Befreiungsbewegungen sind, Vorstellungen, die auch die ersten Jahre des Aufbruchs hier geprägt haben und sich noch immer großer Sympathie erfreuen. Es ist ein Verständnis, das seine Wurzeln im 18. und 19. Jahrhundert hat, wo jene zentralen Instanzen der Gesellschaftsorganisationen von oben, der Staat der Moderne und seine Apparate, Parteien, schließlich Gewerkschaften, aus der Taufe gehoben wurden. Der Staat, die Gesellschaft von oben organisierend, ist der Angelpunkt des Politischen, die Revolutionäre kämpfen entweder um die Erringung oder die Abwehr der Staatsmacht. Sie haben dieses Weltbild, das in besonderen Fällen den Charakter eines Duells annimmt, in dem die Gesellschaft überhaupt nicht mehr vorkommt, gegen alle Anfechtungen der Wirklichkeit sorgfältig verteidigt...&quot;&lt;/em&gt; (Lutz Taufer, „Wird Zeit, daß wir rauskommen&quot; in: Odranoel)&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;„(...) wir werden um die Erkenntnis nicht herumkommen, daß ein altes System - schon gar nicht so ein ausdifferenziertes - mit bloßen Machtmitteln nicht beseitigt werden kann, solange nicht ein neuer ökonomischer und sozialer Sinn herangewachsen ist, der das alte, zu eng gewordene Machtgebäude sprengt.&quot;&lt;/em&gt; (Taufer, „Wird Zeit, daß wir rauskommen&quot; in: Odranoel)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die Linke - damit meine ich die emanzipatorischen Bewegungen insgesamt -, stellt sich die Wahl der Gewalt als politisches Mittel als pragmatische Frage. Man muß Gewalt nicht prinzipiell bejahen, um sie dennoch anzuwenden. Wer erkannt hat, daß Klassenkampf nicht gemacht werden muß, weil er bereits vorgefunden wird, wer Rassismus, sexistische Gewaltverhältnisse, Elend gesehen und die Ursachen in den gesellschaftlichen Verhältnissen erkannt hat, redet nicht mehr von Gewaltfreiheit. Das ist die moralische Grundlage des Konzepts bewaffneter Kampf.&lt;br /&gt; Die entscheidende Frage lautet dann allerdings, ab wann bewaffnete Politik sinnvoll ist und in welcher Weise. Die sich bewaffnenden Linken der vergangenen Jahrzehnte sind hier fast alle „gescheitert&quot;. Zugegebenermaßen gab es zu manchen Niederlagen keine Alternative. Es gab Augenblicke, wo man gegen einen übermächtigen Gegner kämpfen mußte, selbst wenn man nicht die kleinste Aussicht auf Erfolg hatte.&lt;br /&gt; Aber es gab Niederlagen, die glimpflicher hätten sein können oder vermeidbar waren. Einer der Gründe dieses „Versagens&quot; liegt darin, daß es bei den Anhängerinnen des bewaffneten Kampfs (und nicht nur bei ihnen, sondern auch bei den Befürworterinnen eines „friedlichen Übergangs zum Sozialismus&quot;) ein mangelndes Verständnis davon gab, wie gesellschaftliche Macht funktioniert.&lt;br /&gt; Renato Curcio, einer der Gründer der italienischen Roten Brigaden meinte in einem Interview im Frühsommer &lt;em&gt;„wir sind authentische Bewegungen gewesen, sehr naiv, wir haben uns gewehrt, weil es großen sozialen Druck gab. Wir sind dann mit einer Organisierung der Macht zusammengestoßen, die uns unbekannt war. Sie war viel wehrhafter und vielschichtiger, als es uns unsere Analysen zu verstehen erlaubt hätten.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; Der Punkt aber ist entscheidend. Ebenso wie sich ein Teil der Linken im „Marsch durch die Institutionen&quot; abarbeitete und letztendlich aufgesaugt wurde, weil sie das System zu wenig begriff, sind andere Linke der letzten Jahrzehnte an ihrem militaristischen Machtverständnis gescheitert. Sie begriffen den Konflikt nur noch - wie Lutz Taufer schreibt - als „Duell, in dem die Gesellschaft überhaupt nicht mehr vorkommt&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die frühen Texte der RAF sind dafür wahrlich ein Beispiel. Ulrike Meinhof schrieb 1976 an Hanna Krabbe:&lt;em&gt; „das ist scheiße, was du da redest. dein gedankengang ist imaginär. als wäre der feind die ideologie, die er ausspuckt, das gewäsch, die plattitüden, die dir da aus dem kasten in der wand (...) entgegenkommen.&quot; Oder Meinhof und Baader im gleichen Jahr: „worum es geht, ist, in den metropolen die zweite demarkationslinie, die determiniert ist, durch die dialektik der rückwirkungen der befreiungskriege an der peripherie des systems in den metropolen, also den versuch der strategischen rekonstruktion des us-kapitals durch zurücknahme seiner linien in den zentren - ideologisch, politisch, militärisch, ökonomisch ja auch - zur FRONT zu entwickeln, zur politisch-militärischen auseinandersetzung- der prozesse, der den klassenkampf in den metropolen als teil des befreiungskrieges in der 3.welt definiert, indem er hier antizipiert, was proletarische politik heute ist: befreiungskrieg.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn es natürlich stimmt, daß die Konflikte Anfang der 70er Jahre vor allem ihre militärische Seite zeigten, auch wenn man berücksichtigt, daß damals in weiten Teilen der Welt Guerillakrieg herrschte - Vietnam war nur dessen heftigster Ausdruck -, selbst wenn man der Ansicht ist, daß der bewaffnete Kampf einen notwendigen Bestandteil auf dem Weg zur Veränderung darstellt, so bleiben die Aussagen Meinhofs und Baaders trotzdem falsch.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die Stabilität einer Gesellschaftsordnung fußt längst nicht nur auf ihrer Fähigkeit, militärisch-polizeilich ihre Gegner zu unterdrücken. Unter den drei Stützen der Macht - Modernisierungsfähigkeit, politisch-kulturelle Hegemonie und Herrschaft- erlangt die militärische Seite der Herrschaft erst dann Bedeutung, wenn sich ein Konflikt zuspitzt, wenn die normalen Mechanismen der Herrschaftsreproduktion nicht mehr funktionieren.&lt;br /&gt; Die Ostblockstaaten haben das gezeigt: Obwohl sie vor Waffen starrten, waren sie nicht in der Lage, die Opposition niederzuhalten. Es war unsicher geworden, ob Polizisten und Soldaten Befehle überhaupt noch ausführen würden. Die herrschende Klasse besaß zwar die Kontrolle über den Staatsapparat, aber keine Glaubwürdigkeit mehr. Die Hegemonie, also die Fähigkeit politische und kulturelle Werte durchzusetzen, war ihr entglitten.&lt;br /&gt; Noch wichtiger als das war die Unfähigkeit des Systems, sich zu erneuern. Die bleierne Trägheit der realsozialistischen Apparate verhinderte noch die banalsten Reformen. Erneuerung, Anpassung an veränderte weltgesellschaftliche Bedingungen fanden schleppend oder gar nicht statt. Am Ende war der wirtschaftliche und politische Zerfall so weit, daß große Teile der herrschenden Klasse im Realsozialismus sich vom bisherigen Modell abwandten. Die alte Gesellschaftsordnung brach zusammen, ohne daß ein einziger Schuß fiel. Nicht ihre militärische Schwäche, sondern die Unfähigkeit, sich zu erneuern und eine politisch-kulturelle Hegemonie aufzubauen, führte zum Zusammenbruch der realsozialistischen Regime.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es ist eine Erkenntnis, die wir immer noch viel zu wenig verstehen. Verhängnisvoll ist das deswegen, weil die Reduzierung von Macht auf das Militärische auch zu einer politischen Beschränkung der bewaffneten Organisationen geführt hat. Sie fingen an, sich in der militärischen Konfrontation zu verlieren, durch die subjektiv erlebte Verschärfung der Widersprüche verschwammen andere gesellschaftliche Entwicklungen, bis nur noch die beiden Armeen sichtbar waren. Die Bevölkerungsmehrheit wurde zu passiven Beobachtern, zu Statisten.&lt;br /&gt; Das spricht nicht gegen den bewaffneten Kampf allgemein. Es spricht gegen ein bestimmtes Konzept bewaffneter Kämpfe.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Ein Rückblick auf die bewaffneten Kämpfe&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Seltsamerweise taucht beim Stichwort Guerilla immer wieder die Assoziation &lt;em&gt;nationale Befreiungsbewegungen seit Mitte der 60er Jahre&lt;/em&gt; auf. Lange aber vor den antiimperialistischen Kämpfen jener Jahre, sogar lange vor Cuba, ist die Guerilla Widerstandsform von Bevölkerungen gewesen. &lt;br /&gt; Zum ersten Mal als feststehende Bezeichnung taucht der Begriff während der französichen Besetzung Spaniens 1808 auf. &lt;em&gt;Guerilla &lt;/em&gt;- die Verkleinerungsform von &lt;em&gt;guerra &lt;/em&gt;(Krieg) - stand für den von einer irregulären Armee geführten Kleinkrieg gegen das stehende Heer Napoleons. Die Guerilla war die nahelie­gende Organisationsform einer mittellosen Bevölkerung gegen einen mächtigeren Feind. Sie zermürbte den Gegner in Kleinstgefechten, griff ihn an, wenn er es nicht erwartete, zerstreute sich vor den Angriffen des feindlichen Heers in der Bevölkerung.&lt;br /&gt; Im Rußland des 19.Jahrhundert bekam der Kleinkrieg eine neue Komponente. Die Volkstümler (Narodniki) übten in kleinen Geheimgruppen Terror (wie sie selbst sagten) gegen das Zarenregime aus in der Hoffnung, damit das System zu destabilisieren und schließlich zu enthaupten.&lt;br /&gt; Diese Erwartung erfüllte sich nicht. 1881 gelang es den &lt;em&gt;Narodniki &lt;/em&gt;zwar, den Zar Alexander Il. bei einem Attentat zu ermorden. Aber anstelle des Zusammenbruchs des Regimes folgte seine Konsolidierung. Alexander III. ersetzte den alten Zaren lückenlos, er galt sogar als noch weitaus tyrannischer als sein Vorgänger. Aufgrund dieser Erfahrungen grenzten sich die russischen Sozialdemokraten vom Terrorismus in den kommenden Jahrzehnten radikal ab. Lenin, dessen älterer Bruder bei den &lt;em&gt;Narodniki &lt;/em&gt;gekämpft hatte und gestorben war, betonte wie andere Sozialdemokraten auch, daß nur eine organisierte Klasse das Zarenregime ernsthaft gefährden könne, nicht aber der von wenigen getragene Terror gegen die Herrschenden. Die Position war durchaus inkonsequent, denn trotz dieser Kritik führten auch die Bolschewisten den bewaffneten Kampf. Ihre „technischen Einheiten&quot; waren die aktivsten bewaffneten Gruppen Rußlands in den ersten Jahren des 20.Jahrhundert. Sie verübten Anschläge auf Regierungstruppen und zaristische Beamte, überfielen Banken und Waffendepots, womit einerseits die politische Arbeit finanziert und zweitens Stoßtruppen für die Revolution ausgebildet werden sollten. Auch wenn sie von der offiziellen kommunistischen Geschichtsschreibung verachtet wurden, spielten sie über Jahre hinweg eine wichtige Rolle bei der Destabilisierung des zaristischen Regimes.&lt;br /&gt; Auf Terror gegen die herrschende Klasse als ein Mittel der Destabilisierung und als eine Art Katalysator für die Massenbewegung setzten auch Teile der Anarcho-Syndikalisten in Spanien in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts. Buenaventura Durrutti, der historische Kopf der spanischen Revolution, war lange Jahre einer der meistgesuchtesten „Terroristen&quot; in Spanien und Lateinamerika. Stärker als bei den russischen Narodniki machte sich in Spanien bemerkbar, daß Anschläge, auch wenn sie nur von wenigen verübt wurden, durchaus mobilisierend für eine Massenbewegung sein können. Das Gefühl, daß die Herrschenden nicht unverwundbar sind und für ihre Greueltaten bestraft werden können, führte dazu, daß sich Durrutti und andere in Volkshelden verwandelten, und gleichzeitig die Massenbewegung erstarkte.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der Dirigent Yehudi Menuhin auf die Frage &quot;Was sagen Sie einem  Skinhead?&quot;: &quot;Das sind arme Kinder, die nie Liebe und Zärtlichkeit  kennengelernt haben. Ein Kind soll träumen, aber seine Träume sollten  nicht vom Fernsehen kommen oder aus Medien, in denen nur Brutalität  vorkommt. So werden seine Träume auch brutal oder angsterfüllt. Das ist  schade, denn es gibt fabelhafte Bücher heute, die für die Kinder  geschrieben sind, wirklich schöne Bücher. Kinder können heute mehr  lernen als je zuvor. Kinder, die täglich sieben Stunden lang vor dem  Fernse­her sitzen und ihre Gedanken und ihre Phan­tasie mit diesen  Schrecklichkeiten anfüllen, entwickeln sich nicht gut. Das sollte nie,  nie erlaubt werden. Aber dafür müssen die Eltern sich opfern und selber  nicht fernsehen. Und natürlich auch nicht rauchen ...&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der erste, der den revolutionären Prozeß dann theoretisch und praktisch als Krieg begriff, war in den gleichen Jahren auf der andere Seite der Erdkugel Mao TseTung. Entgegen der Anweisungen der Moskauer Zentrale der Komintern unter Stalin baute der junge chinesische Kommunist konsequent ein Volksheer auf, das sich in Rückzugsgebieten festsetzte und zum ersten Mal in der Geschichte der marxistischen Linken vorrangig auf die Bauernschaft stützte. Im Kreml hielt man Mao deshalb für einen Spinner, der die chinesischen Kommunisten womöglich in den Untergang führen werde. Erstaunlicherweise jedoch war das Konzept des langanhaltenden revolutionären Krieges, der von 1924 bis &#039;49 dauerte, in China schließlich erfolgreich.&lt;br /&gt; Das bahnbrechende an diesem Konzept war, daß der bewaffnete Aufstand nicht mehr als begleitende Komponente im gesellschaftlichen Prozeß gesehen wurde, sondern zur tragenden Achse der Revolution wurde. Der &lt;em&gt;revolutionäre Krieg&lt;/em&gt; sei, so Mao, die höchste Stufe zur Auflösung des sozialen Konflikts, ein all­mählicher Wachstumsprozeß, in dem sich Widersprüche zuspitzen und Kräfte gesammelt werden.&lt;br /&gt; Was nach Mystifizierung von Gewalt und Waffen klingt, hat eine sehr einleuchtende Begründung: Eskalierende gesellschaftliche Konflikte führen dazu, daß die Staatsmacht ihren Krieg in Form bedingungsloser Repression entwickelt. Der revolutionäre Krieg, der wie Mao meint „ein Krieg gegen den Krieg sei&quot;, nimmt deswegen die unvermeidbare Entwicklung vorweg. Anstatt darauf zu warten, daß die Gegenseite ihren Krieg eröffnet, also z.B eine Streikbewegung zerschlägt, muß sich die Linke nicht nur frühzeitig für die Auseinandersetzungen rüsten, sie rfiuß die Konfrontation sogar beginnen, bevor sie ihr aufgezwungen wird...&lt;br /&gt; Hier zu entgegnen, daß nur defensive Gewalt legitim sei, geht an der Frage vorbei. Die Erfahrung, auf der Mao und danach zahlreiche andere revolutionäre Bewegungen aufbauten, ist ja die eines täglich erlebten „Klassenkampfs von oben&quot;, dessen Leiden bereits so groß sind, daß sie durch den Ausbruch eines offenen Krieges nicht mehr großartig verschlimmert werden würden. Zwar ist der Krieg brutal, aber er bietet immerhin noch die Hoffnung auf Veränderung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Mit einem ähnlichen Selbstverständnis entstanden in der ganzen Dritten Welt&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_7mxz0rt&quot; title=&quot;Dritte Welt ist als Begriff umstritten, weil er eine hierarchische Wertung vornimmt. Ursprünglich aber lehnte sich das in den 50er Jahren zum ersten Mal verwendeten französische Wort „Tiers Monde&amp;quot; an den 3. Stand der Nicht-Adeligen, den „Tiers Etat&amp;quot; im französischen Absolutismus an, der 1789 die Revolution in Frankreich trug. Der Begriff Dritte Welt ist deshalb auch programmatisch zu verstehen: Er beschreibt eine Art internationale Klasse der unterdrückten Schichten und Nationen. Dieses Verständnis war kennzeichnend für den Antiimperialismus der 50er, 60er und 70er Jahre. Die Revolution begann demnach in der 3.Welt und sollte sich von dort aus in den reichen Norden ausbrei­ten. Das meinten auch Baader und Meinhof, als sie von der „2.Demarkationslinie in den Metropolen&amp;quot; schrieben.&quot; href=&quot;#footnote2_7mxz0rt&quot;&gt;2&lt;/a&gt; in den Folgejahren antiimperialistische Befreiungsbewegungen, die als Guerillas agierten. Die lateinamerikanische Form des revolutionären Krieges war der von Che Guevara und Regis Debray geschaffene Fokismus. Demnach müsse die revolutionäre Bewegung einen bewaffneten &lt;em&gt;foco&lt;/em&gt;, d.h. einen Herd oder eine Brandstelle schaffen, von dem aus sich der Konflikt ausbreite. Tatsächlich hatte in Cuba ja die Errichtung einer einzigen bewaffneten Front mit weniger als 20 Leuten gereicht, um innerhalb von 3 Jahren (1956-59) die Regierung Batista zu stürzen. Davon ausgehend behauptete der &lt;em&gt;Fokismus&lt;/em&gt;, daß kleine Gruppen, die den bewaffneten Kampf aufnehmen würden, eine gewaltige Katalysatorwirkung erlangen würden. Einerseits würden sich immer mehr Menschen der Landbevölkerung diesen Guerilla-Einheiten anschließen, und zum zweiten hätten die Schläge der Guerilla gegen das System eine motivierende Wirkung auf die Opposition in den Städten. Letztendlich führe die Verschärfung der Widersprüche zum Volksaufstand, zur &lt;em&gt;„Insurrección&quot;&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt; Auch in Ländern ohne strategische Rückzugsgebiete auf dem Land, wie z.B in Uruguay, kamen Elemente des fokistischen Konzepts zur Anwendung. Die Tupamaros, die für zahlreiche westeuropäische Guerillas Vorbild waren, entwickelten in Uruguay eine Stadtguerilla. Auch sie sollte als Brandherd den Politisierungsprozeß beschleunigen und die Konfrontation verschärfen, d.h eine Entscheidung herbeizwingen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der &lt;em&gt;Fokismus &lt;/em&gt;breitete sich von 1960-75 rasend schnell aus, und das, obwohl er fast überall entweder in raschen Niederlagen oder in Stagnation mündete. Die lateinamerikanischen Guerillaherde, die Anfang der 60er Jahre entstanden waren, verglimmten überall mit Ausnahme Kolumbiens, Guatemalas und Nicaraguas, wo die Guerilla 1979 siegte.&lt;br /&gt; Es stellte sich heraus, daß der &lt;em&gt;Foquismo &lt;/em&gt;in noch schärferer Weise als der revolutionäre Krieg Entwicklungen vorwegnahm. Die Armen in Lateinamerika verstanden die Gerechtigkeit eines bewaffneten Kampfs gegen die Hungerregimes, aber diese allein moralische Zustimmung reichte als Motivation für eine aktive Beteiligung nicht aus.&lt;br /&gt; Der Grund dafür lag nicht nur in der geschickter werdenden Aufstandsbekämpfung, die sich verstärkt über massenpsychologische Entwicklungen Gedanken machte. Wesentlich war auch, daß die &lt;em&gt;fokistischen &lt;/em&gt;Guerillas zum offenen, militärischen Angriff übergingen, wo die gesellschaftlichen Konflikte noch kaum entwickelt waren. Maos revolutionärer Krieg hatte zwar bewiesen, daß Bewußtsein im Krieg wachsen könne, aber er zeigte dies vor allem in der Situation der offenen japanischen Besatzung, die von jedem Durchschnittschinesen abgelehnt und als Terror erlebt wurde. Nicht nur, daß die foquistischen Guerillas diesen eindeutigen Gegner nicht besaßen, sie begannen ihren Krieg auch in viel überstürzterer Form: Mit oft nur 20-25 Personen wurde die militärische Konfrontation eröffnet. Zwar gingen dem Aufbau eines „Focos&quot; soziologische und historische Feldstudien voraus - wo nämlich aufgrund der sozialen Lage und der historischen Traditionen eine bewaffnete Gruppe besonders gute Aussichten habe, - aber dies bedeutete meistens nicht, daß es wirklich ausgebildete Konflikte gab. Der Fokismus war in vielen Ländern den realen Prozessen um zu viele Schritte voraus, er wurde für die Bevölkerung unnachvollziehbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unabhängig vom richtigen Anteil dieser Kritik wird oft übersehen, daß die fokistischen Guerillas trotzdem Massenbewußtsein schufen: Durch die Fähigkeit, die Herrschenden zu bestrafen, selber offensiv zu sein, und durch ihre große, moralisch eindrucksvolle Entschlossenheit mobilisierten wenige Guerilleros erhebliche Teile ihrer Bevölkerung. In Uruguay die Tupamaros, in Kolumbien die ELN, in Italien die Roten Brigaden oder im Baskenland die ETA; sie waren keineswegs Bremser gesellschaftlicher Prozesse. Ganz im Gegenteil beschleunigten sie zeitweise Massenbewegungen, die nicht offen auftreten konnten oder an ihre Grenzen geraten waren. Das pauschal verwendete Argument, Guerillas würden Massenbewegungen blockieren, stimmt in dieser Farm einfach nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das entscheidende Problem (das zu lösen fast keiner Guerilla fokistischen Ursprungs gelang) war, daß das entstehende Massenbewußtsein, die vage Sympathie, nicht organisiert wurde. In ihren konspirativen, engen Strukturen war kein Platz für die vielen, die von den bewaffneten Organisationen angesprochen wurden.&lt;br /&gt; Selbst wenn die Guerillas zu den Massenorganisationen Beziehungen aufrecht erhielten, indem Militante der illegalen Organisationen dort verdeckt arbeiteten (wie dies eigentlich überall der Fall war), gelang die Einheit nicht. Die Eigendynamik der militärischen Konfrontation, in der sich die meisten Guerillaorganisationen befanden, verschärfte den Konflikt, ohne daß dies von den AktivistInnen außerhalb der Guerillas begriffen wurde. Die bewaffneten Organisationen waren immer wieder außerstande, die Eskalation, die sie benutzten, auch wieder außer Kraft zu setzen. Die Spirale „Aktion - Repression - mehr Bewußtsein - neue Aktion&quot; führte zu einer Eigenlogik wachsender Härte. Der Krieg galt ja als entwickeltste Form des Konflikts. Diese Verschärfung, die natürlich nicht nur von den Guerillas ausging, sondern auch durch härtere Repression bedingt war, trieb unkontrolliert weiter. Die Roten Brigaden, die mit Anschlägen auf Fahrzeuge von Firmenbonzen begonnen hatten, meinten 1979, dazu gezwungen zu sein, den entführten Christdemokraten Moro zu erschießen. Sie waren im Krieg, und das Hinhalten durch die Regierenden mußte bestraft werden. Gleichermaßen sah die RAF keine Alternative zur Ermordung von Schleyer, schließlich handelte die BRD Tag für Tag faschistoider, nahm die Brutalität gegen die Gefangenen zu. Wieviel sinnvoller aber wäre es gewesen, die Staatsmacht als Aggressor bloßzustellen. Aldo Moro und Schleyer waren sicherlich für vieles verantwortlich, aber aus welchem Grund sollten sie sterben? Die Bevölkerungsmehrheit begriff diese Morde nicht, dem Staat dienten sie zur Legitimation neuer Unterdrückung, und geschwächt wurde der Apparat in keiner Weise. Bei den Roten Brigaden gab es diese Diskussion, dennoch setzte sich der Beschluß durch, Moro zu töten. Die Logik des Krieges war entwickelter als das Verständnis politischer Prozesse. Auch das ist kein allein westeuropäisches Phänomen. Die Eskalation des Krieges gab es ähnlich auch in Lateinamerika. Der sehr subjektiv erlebte Krieg, von dem nur ein paar Dutzend oder hundert Guerilleros und die Landbevölkerung einer Region betroffen war, verstellte den Blick für andere Realitäten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die wahrgenommene Verschärfung wurde auf das ganze Land produziert. Dazu kam die Durchsetzung eines militaristischen Bewußtseins. Unter dem enormen Außendruck entwickelte sich die Repression nach innen: In der ELN Kolumbiens waren Erschießungen Mitte der 70er Jahre bei Meinungsverschiedenheiten keine Seltenheit. Das Verhältnis zu Massenorganisationen gestaltete sich ebenfalls wie im Krieg: militärisch, hierarchisch und instrumentell. Die gewollte, antizipierte Eskalation der Verhältnisse überrollte die bewaffneten Organisation selbst.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Dennoch sollte man sich hüten, in traditionell kommunistischer Manie von individuellem Terrorismus zu reden und sich von den bewaffneten Organisationen zu entsolidarisieren.&lt;br /&gt; Anders als die unentschlossen hin und her lavierenden kommunistischen Parteien unter der Fuchtel Moskaus haben die Guerillas moralische Integrität ausgestrahlt. Und man sollte das nicht vergessen, sie waren auch erfolgreich: In den antikolonialen Befreiungskriegen, zuletzt 1979 in Nicaragua, stürzten sie die Regime. Im Baskenland oder in Nordirland sind bewaffnete Organisationen Orientierungspunkt für breite Teile der Linken, in El Salvador oder Kolumbien haben sie Landesteile sozial neu organisiert. Wieviele andere linke Bewegungen, Parteien und Organisationen können von sich behaupten, mehr geschafft zu haben?&lt;br /&gt; Ein Mitglied der kolumbianischen UCELN hat folgendes Resumee gezogen:&lt;br /&gt; &lt;em&gt;„Heute wird der Fokismus stark kritisiert, alle stellen fest, daß das ein avantgardistisches Konzept ist, und es ist ja wirklich ein Problem, daß die Guerilla in Kolumbien sich seit 25 Jahren in den Bergen herumschlägt, ohne daß der revolutionäre Prozeß wirklich bedeutend vorangekommen wäre. Trotzdein sind unsere Guerilla-Fronten weiterhin nach dem Modell des Focus konzipiert und wir glauben nicht, daß das falsch ist.&quot; Und an anderer Stelle: „Die fokistische Guerilla hatte viel vom Mythos der guten Jungs an sich, die aus den Bergen kommen und irgendwann mal die Veränderung bringen. In der Praxis kannte die Guerilla dann eigentlich nur zwei Schritte der Politik: einmal Protest abzuwarten und anzuführen und dann den beteiligten Menschen eine revolutionäre Lösung schmackhaft zu machen.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; Kurzum: Ihr ist nicht gelungen, verschiedene Kampfformen miteinander zu kombinieren, und eine eigenständige, kreative Organisierung der Bevölkerungsmehrheit voranzubringen. Daran ist sie gescheitert.&lt;br /&gt;Aber ist das den sozialen Bewegungen, den kommunistischen Parteien oder undogmatischen Gruppen irgendwo gelungen? Welche Alternative einer anderen Gesellschaft und welche Garantie dafür bieten diese an? Warum sollte legalen Parteien wie der mit so großem Interesse verfolgten brasilianischen Arbeiterpartei PT etwas anderes wider­fahren als den meisten anderen konsequenten Reformbemühungen:&lt;br /&gt; Sie werden zermürbt, integriert oder zerschlagen? Und letztendlich: Welche Alternative haben wir, als uns einem menschenfeindlichen System auf allen Feldern, und d.h. klar auch dem militärischen, zu stellen? - Die Zeiten werden härter, die Winter roter, das Schlucken tiefer, jeden Tag bleibt uns weniger die Wahl der Mittel. Längst wählen sie andere für uns.&lt;br /&gt; - Was von jetzt ab kommt, werden wir alle tragen müssen, nicht mehr nur 15 straighte KämpferInnen. Die Zeit, um längst Begriffenes einfach so zu vergessen, haben wir nicht....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Georg Büchner (1813-1837) BRIEF AN DIE FAMILIE&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Straßburg, den 5. 4. 1833&lt;/em&gt;. Heute erhielt ich Euren Brief mit den Erzählungen aus Frankfurt. Meine Mei­nung ist: Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwar­ten haben. Alles, was sie bewilligten, wurde ihnen durch Notwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen wie eine erbet­telte Gnade und ein elendes Kinderspiel­zeug, um dem ewigen Maulaffen Volk seine zu eng geschnürte Wickelschnur vergessen zu machen. Es ist eine blecherne Flinte und ein hölzerner Säbel, womit nur ein Deutscher die Abgeschmacktheit begehen konnte, Soldatchens zu spielen. Unsere Land­stände sind eine Satire auf die gesunde Vernunft, wir können noch ein Säkulum (Jahrhundert) damit herumziehen, und wenn wir die Resultate dann zusam­mennehmen, so hat das Volk die schö­nen Reden seiner Vertreter noch immer teurer bezahlt als der römische Kaiser, der seinem Hofpoeten für zwei gebro­chene Verse 20.000 Gulden geben ließ. Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzu­stand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch stecken mit ange­schmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde. Was nennt Ihr den gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbe­deutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Und dies Gesetz, unter­stützt durch eine rohe Militärgewalt und durch die dumme Pfiffigkeit seiner Agen­ten, dies Gesetz ist eine ewige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Mund und Hand dagegen kämpfen, wo ich kann. Wenn ich an dem, was geschehen, keinen Teil genommen und an dem, was vielleicht geschieht, keinen Teil nehmen werde, so geschieht es weder aus Mißbilligung noch aus Furcht, son­der nur, weil ich im gegenwärtigen Zeit­punkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung betrachte und nicht die Verblendung derer teile, welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sehen. Diese tolle Meinung führte die Frankfurter Vorfälle herbei, und der Irr­tum büßte sich schwer. Irren ist übrigens keine Sünde und die deutsche Indiffe­renz ist wirklich von der Art, daß sie alle Berechnung zu Schanden macht. Ich bedaure die Unglücklichen von Herzen. Sollte keiner von meinen Freunden in die Sache verwickelt sein?(..)&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_3ycycs5&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_3ycycs5&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; „By any means necessary&quot; (mit allen notwendigen Mitteln) meinte Malcolm X eigentlich nicht zur politischen Gewalt im allgemeinen, sondern im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen den Ku-Klux-Klan. Zur pauschalen Bejahung des bewaffneten Kampfes/der politischen Gewalt wurde der Ausspruch erst danach.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_7mxz0rt&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_7mxz0rt&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Dritte Welt ist als Begriff umstritten, weil er eine hierarchische Wertung vornimmt. Ursprünglich aber lehnte sich das in den 50er Jahren zum ersten Mal verwendeten französische Wort „Tiers Monde&quot; an den 3. Stand der Nicht-Adeligen, den „Tiers Etat&quot; im französischen Absolutismus an, der 1789 die Revolution in Frankreich trug. Der Begriff Dritte Welt ist deshalb auch programmatisch zu verstehen: Er beschreibt eine Art internationale Klasse der unterdrückten Schichten und Nationen. Dieses Verständnis war kennzeichnend für den Antiimperialismus der 50er, 60er und 70er Jahre. Die Revolution begann demnach in der 3.Welt und sollte sich von dort aus in den reichen Norden ausbrei­ten. Das meinten auch Baader und Meinhof, als sie von der „2.Demarkationslinie in den Metropolen&quot; schrieben.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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