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 <title>arranca! - Globalisierung</title>
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 <title>&quot;10 Jahre, das ist für viele von uns eine lange Zeit, politisch betrachtet&quot;</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/45/10-jahre-das-ist-fuer-viele-von-uns-eine-lange-zeit-politisch-betrachtet</link>
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                    &lt;p&gt;Die „Tage von Genua“ im Sommer 2001 haben wie kaum ein anderes Ereignis  der jüngeren „Bewegungsgeschichte“ Spuren in der linken Erinnerung  hinterlassen – nicht nur bei denjenigen, die damals auf den Straßen  waren, sondern ebenso bei den vielen anderen, die sich einer radikalen  antikapitalistischen Linken verbunden fühlen. Zehn Jahre später, im  Sommer 2011, beschäftigte uns besonders die Frage, wie sich  Bewegungsgeschichte vermitteln lässt. Wie können Erfahrungen vermittelt  werden, damit die Erinnerung nicht ausschließlich aus den  wirkungsmächtigen Bildern in unseren Köpfen besteht, die die Erkenntnis  über die Tragweite der Ereignisse und deren Folgen oftmals zu verstellen  drohen? &lt;br /&gt; Im September luden wir deshalb in Münster zu einer öffentlichen  Retrospektive ein, bei der wir mit drei damaligen Aktivisten (B., I. und  M.) über Genua sprachen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Die „Tage von Genua“ im Sommer 2001 haben wie kaum ein anderes Ereignis der jüngeren „Bewegungsgeschichte“ Spuren in der linken Erinnerung hinterlassen – nicht nur bei denjenigen, die damals auf den Straßen waren, sondern ebenso bei den vielen anderen, die sich einer radikalen antikapitalistischen Linken verbunden fühlen. Zehn Jahre später, im Sommer 2011, beschäftigte uns besonders die Frage, wie sich Bewegungsgeschichte vermitteln lässt. Wie können Erfahrungen vermittelt werden, damit die Erinnerung nicht ausschließlich aus den wirkungsmächtigen Bildern in unseren Köpfen besteht, die die Erkenntnis über die Tragweite der Ereignisse und deren Folgen oftmals zu verstellen drohen? &lt;br /&gt;Im September luden wir deshalb in Münster zu einer öffentlichen Retrospektive ein, bei der wir mit drei damaligen Aktivisten (B., I. und M.) über Genua sprachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Linke Geschichte macht eine Generationenfrage auf. Unterschiedliche politische Generationen setzen sich und ihre politische Praxis in unterschiedlichen Bezug zu einer linken Bewegungsgeschichte. Als B. 2001 in Genua demonstrierte, war er schon seit 17 Jahren in der radikalen Linken aktiv. Für ihn gab es anfangs kaum eine „eigene“ Vorgeschichte: &lt;em&gt;„Als ich angefangen habe, mich politisch zu engagieren, da gab es keine Geschichte, wir haben quasi bei Null angefangen. Klar, es gab die 68er und so, aber das war ja nicht unseres, es gab keine autonome Bewegung. Was alles schon passiert ist, wie hat sich das entwickelt, warum stehen wir heute an dem Punkt, an dem wir stehen? Das ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern das hat eine Vorgeschichte, eine Geschichte von dreißig Jahren Kämpfen in verschiedensten Formen und diese Entwicklungen zu verstehen und auf dem Schirm zu haben, finde ich wichtig. Und da ist Genua ein Teil von.“&lt;/em&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_3jr8n0p&quot; title=&quot;Die kursiv gesetzten Passagen sind Auszüge von Wortbeiträgen von der Veranstaltung.&quot; href=&quot;#footnote1_3jr8n0p&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Name Genua verweist auf Bilder, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben: riesige, in Tränengasnebel getauchte Demonstrationszüge; die fantasievoll gepolsterten, zum Sturm auf die Rote Zone anlaufenden Aktivist_innen des &lt;em&gt;Tute Bianche&lt;/em&gt;-Netzwerks; die brennende Wanne der paramilitärischen Carabinieri. Und immer wieder brutale Polizeigewalt, die schließlich in der Ermordung Carlo Giulianis auf der Piazza Alimonda ihren drastischsten Ausdruck findet. Diese Bilder sind deshalb so wirkungsmächtig, weil sie zugleich ungeheure Faszination wie große Ängste erzeugen. Genua wird rückblickend einerseits zum krassen Riot-Event verklärt (vor allem von denjenigen, die nicht dabei waren und glauben, etwas verpasst zu haben), andererseits als staatliche Gewaltorgie eines völlig enthemmten Repressionsapparates erinnert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Bilder und Mythen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Erinnerung setzt sich stets aus symbolisch aufgeladenen Bildern zusammen. Dies grundsätzlich zu kritisieren und daraus eine Art „Bilderverbot“ abzuleiten, schlägt fehl. Im Falle Genuas mögen diese erinnerten Bilder die Mobilisierungskraft miterklären, die in vielen Aktionen rund um den Jahrestag zum Ausdruck kommen. Selbst im meist recht beschaulichen Münster demonstrierten fast 50 Linke unangemeldet durch die Innenstadt.&lt;br /&gt;Allerdings können die wirkungsmächtigen Bilder vergangener Protestereignisse schnell zur Grundlage regelrechter Mythen werden. &lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Ich bin mit diesen autonomen Mythen groß geworden“&lt;/em&gt;, stellte I., der als Mitglied einer Antifa-Gruppe nach Genua reiste, fest. &lt;em&gt;„Wackersdorf 86, Brokdorf und Startbahn West. Davon hörte man immer und war nie dabei. Irgendwie dachte man ‚Wow, das muss so abgegangen sein damals und ganz schnell entstehen solche Mythen.“&lt;/em&gt; Mythen, deren Inhalte nicht länger mit den Erfahrungen der Aktivist_innen übereinstimmen. Ein ebensolcher Mythos rankt mittlerweile auch um die Ereignisse von 2001. &lt;em&gt;„Wenn ich mich mit Jüngeren unterhalte, höre ich oft ‚Wow, Genua‘. Ich finde Genua auch für die Geschichte von uns Linken wichtig und trotzdem denke ich, ein gewisser Mythos Genua, der von gewissen Seiten, also jetzt eher von Autonomen und Antifaszene kommend, den würde ich gerne bis zu einem gewissen Punkt, vielleicht nicht gerade brechen, aber schon anknacksen.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele der Mythen um Genua betreffen die militanten Auseinandersetzungen. Mehrere Stunden lang konnten am 20. Juli 2001 militante Kleingruppen relativ ungestört agieren, Barrikaden bauen und Banken in Brand stecken, bis die Polizei gegen Nachmittag mit massiver Gewalt angriff.&lt;em&gt; „Für mich gab es so um 13 Uhr einen Bruch. Bis 13 Uhr war es total surreal; die lassen dich hier machen, die schießen aus hundert Metern Entfernung ihr Gas, da sind die Gasgranaten noch im hohen Bogen geflogen. Im Nachhinein halte ich diese Zurückhaltung seitens der Polizei für Kalkül. Dann, auf einmal, sind die Bullen nach vorne gegangen. Irgendwann haben sie die Gasgranaten nicht mehr im hohen Bogen geschossen, sondern auf Kopfhöhe und Körperhöhe. Sie haben versucht, Leute zu treffen. Wenn so eine Gasgranate trifft, gibt das schwere Verbrennungen, nicht irgendwie blaue Flecken. Was dann folgte war eine Gewaltorgie.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die massive Polizeigewalt war ein bestimmendes Thema in den Tagen, Wochen und Monaten nach den Protesten. Nicht nur, weil die Polizei scharf geschossen hatte und Carlo Giuliani ermordete. Hunderte Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, die psychischen Folgen der Angriffe dauern bei vielen über Jahre an: „Genua war das traumatischste Erlebnis in meinem Leben. Ich muss heute noch, wenn ich Bilder sehe oder Texte lese, anfangen zu heulen. Das geht nicht anders. Ich war schon auf einer Menge Demos, wo es abging, aber so was habe ich noch nicht erlebt.“ (B.) – „Was ich mit den eigenen Augen gesehen habe, diese Häme, dieses Faschistische, Liegende zu treten, zu erniedrigen, Zigarettenkippen auf ihnen aufzudrücken. Wir waren an der Ecke, wo Carlo erschossen wurde, und ich habe gesehen, wie der Leichnam abtransportiert wurde. Da war nichts mit Bahre oder so. Die haben einfach den toten Körper zu zweit genommen und in den Jeep geschmissen, was auch sehr symbolisch war. Es war eine Art von Menschenverachtung, die ich nie vergessen werde.“ (I.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine Erinnerung an Genua muss einen Raum für diese Erlebnisse und Erfahrungen schaffen. Fragwürdige Erzählungen eines Märtyrertodes oder eine Verherrlichung der Riots bieten dafür keinen Platz.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die starke Betonung des Agierens von Zivilpolizist_innen und Agents Provocateurs während der Straßenschlachten läuft ebenfalls Gefahr, einen entlastenden Mythos aufzurichten. Obwohl bewiesen ist, dass sich Zivilpolizei unter den Demonstrierenden befand und Beweismittel gefälscht wurden, sieht I. in diesem Diskurs eine Flucht vor der Übernahme von Verantwortung: &lt;em&gt;„Also ich glaube im Nachhinein, dass es Teile der Bewegung gab, die sich keinerlei Gedanken darüber gemacht haben, wie weit man einen Staat militärisch herausfordern kann. Ich will damit nicht sagen, dass die Leute selbst schuld sind, was da passiert ist, sondern ich glaube, es war auch gewollt, dass es so eskaliert. Ich sage halt, dass auch auf unserer Seite einige Leute dabei waren, wo ich denke, da haben sich die Wertekriterien ganz schön verschoben.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Letztendlich ist die Frage, ob und in welchem Maße die Gewalteskalation durch den Staat angeheizt wurde, nicht mehr die wichtigste: &lt;em&gt;„Wir hatten uns auf Sachen eingestellt, wir waren alle ausgerüstet. Fünf Wochen vorher hatten die Bullen in Göteborg geschossen. Uns war klar, es kann kippen, es wird kippen. Aber ich habe Sachen erlebt, ich fand, dass die Gewalt völlig aus dem Ruder lief. Nicht nur von den Bullen. Ich will die in keinster Weise in Schutz nehmen, überhaupt nicht. Es war klar, wir haben die Konfrontation gesucht. Das hat am Anfang alles super geklappt, aber dann lief es auch von unserer Seite aus dem Ruder. Irgendwann wurden Brände in Banken gelegt, über denen Wohnungen lagen. ... Wir müssen uns heute selbstkritisch fragen – und ich finde militante Aktionen, die vermittelbar und sinnvoll sind, nach wie vor richtig: Wie konnte man auf die Idee kommen, das soweit zu treiben, weil man eigentlich weiß, dass ein Staat ganz anders hoch militarisiert ist, und das dann soweit zuzuspitzen? Und zumindest in den Teilen, in denen ich mich bewegt habe, war die Bereitschaft weit zu gehen da, aber das ist eine subjektive Einschätzung.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Auch linke Bewegungsgeschichte ist eine Konstruktion&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Rückblickend erscheint es verlockend, bestimmte Ereignisse und Tendenzen linker Bewegungsgeschichte zu verklären oder abzuwatschen. Besonders über die so genannte Globalisierungskritische Bewegung werden schnell vereinfachende Urteile gefällt, die der Bewegung einen radikalen, teilweise sogar jeden progressiven Charakter absprechen. Der Vorwurf der „verkürzten Kapitalismuskritik“ ist schnell zur Hand. Wer die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse und den politischen Kontext nicht beachtet, mag sich zwar in einer Attitüde des Bescheidwissens gefallen, zu einer sinnvollen politischen und historischen Bewertung linker Geschichte gelangt mensch so nicht. Warum erzeugten denn die Gipfelproteste nach Seattle solch ein Interesse?&lt;em&gt; „Vielleicht sollten wir uns an die Situation Anfang der 1990er Jahre erinnern, um die Begeisterung für dieses Gipfelhopping zu verstehen. 1989, Fall der Mauer, Sieg des Kapitalismus. Das war eine total krasse Stimmung. Deutschland wurde größer. Der real-existierende Sozialismus, an dem wir immer superviel Kritik hatten, war weg. Der Kapitalismus hat sich jeden Tag als Sieger postuliert, bekannt gemacht, abgefeiert. Schließlich sei das Ende der Geschichte ja erreicht, der Beweis vollbracht, das beste aller Systeme ist der bürgerliche Parlamentarismus mit Kapitalismus. Daran wird die ganze Menschheit glücklich.”&lt;/em&gt; (M.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die großen Mobilisierungen zu den Gipfeltreffen machten dann kapitalismuskritische Forderungen wieder hörbar. Als erstes Ereignis eines neuen Bewegungsaufbruchs gilt allerdings der Aufstand der Zapatistas: &lt;em&gt;„Da kommt 1994 dieses ‚Ya Basta‘ aus Chiapas, dieses ‚Nein, das ist noch nicht das Ende der Geschichte‘. Die Leute im letzten Winkel Mexikos sagten, ‚Nö, nö, wir machen jetzt hier unser Ding‘. Und sie wollten es anders machen, deshalb hat das viele Leute inspiriert, ihnen Mut gemacht, einfach ‚Nein‘ zu sagen.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die nachträglich vorgenommene Kontextualisierung verweist deutlich darauf, dass natürlich auch Bewegungsgeschichte eine Konstruktion von Geschichte ist. Rückblickend werden Entwicklungen deutlich, Handlungen erhalten Legitimität oder verlieren diese. Folgen und Wirkungen werden festgemacht, Schlussfolgerungen gezogen. Damit stellt sich auch die Frage der Repräsentanz: Welche und wessen Geschichte(n) werden erzählt? Für unsere Veranstaltung mussten wir eine Auswahl treffen. Da nicht die kontroverse Debatte um zugespitzte Thesen, sondern vielmehr die gemeinsame Verständigung und Reflexion im Vordergrund stand, tat es der Veranstaltung keinen Abbruch, dass die eingeladenen Genossen alle Vertreter einer außerparlamentarischen radikalen Linken waren. Sie waren und sind zwar in unterschiedlichen Zusammenhängen (Antifa, Zapatista-Solidarität, autonome Szene) aktiv, teilen aber ähnliche Erfahrungen. Diese Auswahl repräsentierte natürlich nicht die Breite und Vielstimmigkeit der &lt;em&gt;Multitude&lt;/em&gt; von Genua bzw. der globalisierungskritischen Bewegung. Nicht geplant war, dass ausschließlich Männer sprachen, wodurch eine Repräsentanz verschiedener Gender-Identitäten nicht gewährleistet war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die große Resonanz und das Feedback auf die Veranstaltung machten deutlich, dass großes Interesse an einer Auseinandersetzung mit linker Geschichte besteht. Richtig war, dabei auf Fotos und Videos komplett zu verzichten und nur die Berichte der damals Aktiven als Diskussionsgrundlage heranzuziehen. Selbst erst zehn Jahre zurückliegende Ereignisse können es wert sein, wieder zum Thema gemacht zu werden. Nicht zuletzt, weil besonders Antifa-Zusammenhänge vielfach von Jüngeren mitgetragen werden. Dann sind zehn Jahre für viele von uns eine lange Zeit, politisch betrachtet. Vor allem aber geht es um eine offene Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte: &lt;br /&gt;&lt;em&gt;„Da gibt es in der jüngeren Geschichte unheimlich viel zu entdecken, auch Strategien sich anzugucken, wann funktioniert was? Wir sollten unsere Berichte nicht wegschmeißen, sondern die eigene Geschichte von unten dokumentieren.“&lt;/em&gt; (M.)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_3jr8n0p&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_3jr8n0p&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Die kursiv gesetzten Passagen sind Auszüge von Wortbeiträgen von der Veranstaltung.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Tue, 28 Feb 2012 13:21:31 +0000</pubDate>
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 <title>Geister von Müntzer im Morgengrauen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/42/geister-von-muentzer-im-morgengrauen</link>
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                    &lt;p&gt;Es geschah in einer eiskalten Nacht im März 2001. Es passierte in Nurio, im Bundesstaat Michoacán, Mexiko, wo sich RepräsentantInnen aller Indígenas des Landes versammelt hatten, um ein Gesetz über die Rechte der Indígenas einzufordern.&lt;br /&gt;
Es war das dritte Treffen des Nationalen Indígena Kongresses, der zu größten Teilen von den Zapatistas ins Leben gerufen wurde – den PoetenkämpferInnen, die die Medien geschickt einzusetzen wussten und die sieben Jahre zuvor wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, aus den Schlupfwinkeln der Zeit. U2 hatte eben doch Unrecht: Manchmal passiert etwas am Neujahrstag. Manchmal besetzt ein Heer von Mayabauern mit vermummten Gesichtern eine Stadt und überträgt eine Botschaft an Millionen von Menschen. &lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;h4&gt;Ein Geschenk von den Affen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Es geschah in einer eiskalten Nacht im März 2001. Es passierte in Nurio, im Bundesstaat Michoacán, Mexiko, wo sich RepräsentantInnen aller Indígenas des Landes versammelt hatten, um ein Gesetz über die Rechte der Indígenas einzufordern. &lt;br /&gt;Es war das dritte Treffen des Nationalen Indígena Kongresses, der zu größten Teilen von den Zapatistas ins Leben gerufen wurde – den PoetenkämpferInnen, die die Medien geschickt einzusetzen wussten und die sieben Jahre zuvor wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, aus den Schlupfwinkeln der Zeit. U2 hatte eben doch Unrecht: Manchmal passiert etwas am Neujahrstag. Manchmal besetzt ein Heer von Mayabauern mit vermummten Gesichtern eine Stadt und überträgt eine Botschaft an Millionen von Menschen. &lt;br /&gt;Das geschah in San Cristóbal de las Casas, Chiapas, Mexiko, am ersten Januar 1994.&lt;br /&gt;Und nun waren wir da, sieben Jahre später, in der finsteren Umgebung Nurios, die Zapatistas waren da, und ebenso der Subcomandante Marcos, denn dieses Treffen fand während des berühmten Marcha de la Dignidad (Marsch für die Würde) statt, der aufmerksam in der ganzen Welt verfolgt wurde. (...)&lt;br /&gt;Marcos und die Zapatistas wurden begleitet von Menschen von überallher, eine bunte Prozession von Journalist_innen, Aktivist_innen, Intellektuellen, Künstler_innen und Ungeziefer. Von Italien aus angereist waren wir Mitglieder einer merkwürdigen Delegation, die die Autochthonen die monos blancos nannten, die ‚weißen Affen‘. Es war ein Wortspiel, denn mono bedeutet auf Spanisch auch Overall.&lt;br /&gt;In Italien gab es ja die tute bianche, die „weißen Overalls“. In einer interessanten semantischen Windung war eine Arbeitskleidung zu einem provisorischen Emblem zivilen Ungehorsams geworden. Viele Leute trugen sie auf Protestmärschen. Die Bezeichnung ‚mono‘ haftete uns während des gesamten Marsches an und hörte auf, blanco (weiß) zu sein, lange bevor wir in Mexiko Stadt ankamen. Es gab nicht viele Möglichkeiten, sich zu waschen, und wir waren alle einigermaßen durchgeschwitzt. (...)&lt;br /&gt;Aber kehren wir zurück zu der eiskalten Nacht von Nurio. Was passierte in diesem Zeltlager auf dem Zentralmassiv Mexikos? Was passierte, das von so besonderer Bedeutung wäre? Na, was Besonderes geschah eigentlich nicht. Es war nur eine kleine Geste. Während man versuchte, ein Lagerfeuer anzumachen, näherte sich unser Delegierter (Wu Ming 4) dem Subcomandante und überreichte ihm ein Exemplar unseres Romans Q in spanischer Übersetzung. (...)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Marcos, Müntzer und Q&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Übergabe des Buches hatte eine spezifische Bedeutung. Für uns schloss sich dadurch ein Kreis: von den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts (davon handelt das Buch) zum zapatistischen Aufstand. &lt;br /&gt;Die Bauernkriege waren der größte Volksaufstand seiner Epoche. Sie brachen im Herzen des Heiligen Römischen Reiches aus und wurden 1525 grausam niedergeschlagen, ein Jahr bevor die spanischen Conquistadores ihre blutige Invasion in Südmexiko starteten und die Zivilisation der Maya zerstörten. &lt;br /&gt;Der zapatistische Aufstand war die einflussreichste Rebellion von Bauern unserer Zeit; er fand in Südmexiko auf Initiative von Mayaaktivisten statt und hat heute Einfluss auf Kämpfe im ganzen verdammten Empire. &lt;br /&gt;Die Bauernkriege waren ein Ereignis mit Vorbildfunktion. So wie auch ihr Hauptagitator, Thomas Müntzer, eine Vorbildfunktion hatte. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Die soziale Ordnung, die Müntzer und die revolutionären Bauern versinnbildlichten, war ihrer Zeit weit voraus, genau genommen sogar unserer Zeit. (…)&lt;br /&gt;Sie wurden besiegt und massakriert, das ja, aber ihr Erbe ist noch unter uns, begraben in der Erde unter unseren Füßen. Und es kann jedes Mal dann wieder aufblühen, wenn die soziale Ordnung von unten bekämpft wird. Die Rhetorik der führenden Köpfe der Bauern hallt noch einmal wider, über die Jahrhunderte hinweg. In verschiedenerlei Hinsicht kann man sagen, dass Müntzer noch immer zu uns spricht. &lt;br /&gt;Auf jeden Fall sprach er zu vier Aktivisten der Gegenkultur, in Bologna, Ende des Jahres 1995, zwei Jahre nachdem der zapatistische Aufstand den Atlantik überquert hatte und dort, unter anderem, das Phänomen Luther Blissett Project beeinflusste. (...)&lt;br /&gt;Die kommunikativen Strategien der Zapatistas hatten großen Einfluss auf das Luther Blissett Project. (...)&lt;br /&gt;Was uns neugierig machte, war vor allem die Art und Weise, in der die Zapatistas vermieden, ihren Kampf in irgendeine der abgenutzten Denkweisen des 20. Jahrhunderts einzurahmen. Und sie lehnten die abgegriffenen Dichotomien von Reformismus vs. Revolution, Avantguarde vs. Masse, Gewalt vs. Nicht-Gewalt usw. ab. Die Zapatistas, daran konnte kein Zweifel bestehen, waren Teil der Linken. Aber sie schienen jedwede lineare Repräsentation von links und rechts zurückzuweisen, auf eine Weise, die nichts mit dem ‚weder links noch rechts‘-Gelaber von bestimmten Faschisten zu tun hatte. Ihre Sprache distanzierte sich von dem stereotypen ‚Drittweltismus‘: Sie eigneten sich auf kreative Weise alte Mythen und Legenden wieder an, im Dienst einer großen Vision, der des Transnationalismus (Huey P. Newton würde es „Interkommunitarismus“ nennen). Die Gemeinschaft, von der die Zapatistas sprachen, war eine offene Gemeinschaft, sie überschritt die Grenzen der Ethnie, deren Sprachrohr sie war. „Wir alle sind Indígenas dieser Welt“, sagten sie. Sie kamen aus der abgelegensten Gegend der Welt, aber innerhalb kürzester Zeit kamen sie in Kontakt mit Rebellen aus allen Teilen der Erde. Die Medienstrategie der Zapatistas verzichtete auf die üblichen kamerageilen Leader. In den ersten Tagen des Aufstands erklärte Marcos: „Ich existiere nicht, es gibt mich nur im Rahmen des Bildschirms.“ Dann erklärte er, dass ‚Marcos‘ nur ein Pseudonym sei und er nicht mehr als ein subcomandante, weil er weiß war, während die comandantes alle Indígenas waren. Und er fügte hinzu, dass alle ‚Marcos‘ sein könnten und dass das der eigentliche Sinn der Vermummung sei: Diese Revolution hat kein Gesicht, denn sie hat alle Gesichter. „Wenn ihr das Gesicht unter der Vermummung sehen wollt, nehmt einen Spiegel und seht euch selber an.“ [Jahre danach wurde „Diese Revolution hat kein Gesicht“ das erste Motto von Wu Ming.]&lt;br /&gt;Dort nahm Luther Blissett seinen Anfang. (…) Viele haben versucht, die Anfänge des Projekts auf die Situationisten zurückzuführen, während die Wahrheit offensichtlich war. Es war das Beispiel der Zapatistas, das dem Luther Blissett Project half, seine Ziele zu definieren: den Mythos aus den Händen der Reaktionären zu reissen.&lt;br /&gt;Das Luther Blissett Project war ein Fünfjahresplan und dauerte von 1994 bis 1999. In Italien und anderen Ländern, nahmen Hunderte den Namen an und beteiligten sich an Mediensatire, Radioprogrammen, Fanzines, Videos, Straßentheaterprojekten, Performances, politischen Aktionen und theoretischen Schriften. In Bologna waren mindestens fünfzig Aktivist_innen vom Anfang bis zum Ende dabei. &lt;br /&gt;Im Herbst 1995 fingen einige von ihnen an, mit der Idee zu liebäugeln, einen Roman zu schreiben. Dieser Roman würde Q werden. &lt;br /&gt;Begeistert wie wir von den zapatistischen Ideen waren, entschieden wir uns sofort, die Geschichte eines Bauernaufstands zu schreiben, oder genauer: einen Roman über die Mutter aller modernen Revolten. (…)&lt;br /&gt;Aber warum ein historischer Roman über ein so anachronistisches Thema? Welche Bedeutung könnten Thomas Müntzer und die Bauernkriege für die „Roaring Nineties“ haben? Der ‚Kommunismus‘ war besiegt, die ‚Demokratie‘ hatte gewonnen, der Glaube an die freie Marktwirtschaft war unumstößlich, die Idee des Neoliberalismus triumphierte. Wollten wir wirklich einen Roman über diese proto-kommunistischen, längst vergessenen Penner schreiben? &lt;br /&gt;Klar wollten wir. In Zeiten konterrevolutionärer Arroganz, in der „greediest decade of history“ (wie Joseph Stiglitz sagen würde) war ein Buch dieser Art nötiger denn je. &lt;br /&gt;Um ehrlich zu sein, waren die Bauernkriege und Müntzers Predigten nur der Anfang der Geschichte, die wir erzählen wollten: Die Geschehnisse von Q erstrecken sich über mehr als dreißig Jahre europäischer Geschichte, von 1517 (das Jahr, in dem Luther seine Thesen an die Kirche von Wittenberg anschlug) bis 1555 (das Jahr des Augsburger Friedens). Diese hochbewegten Jahre sind für Historiker_innen und Schriftsteller_innen eine Fundgrube der&amp;nbsp; Prototypen und Pionierleistungen, denn die Rebell_innen und Aufständischen dieser Zeit schienen alle nur erdenklichen Taktiken und Strategien ausprobiert zu haben. Wenn wir dem 16. Jahrhundert die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihm zusteht, treffen wir Anarchist_innen, Protohippies, sozialistische Utopiker_innen, gestandene Leninist_innen, mystische Maoist_innen, verrückte Stalinist_innen, die Roten Brigaden, die Angry Brigades, die Weathermen, Emmet Grogan, Fra‘ Tuck, Punk, Pol Pot (...). Eine große Armee von Geistern und Metaphern. (...)&lt;br /&gt;Wir wollten einen scharfen und leidenschaftlichen Roman schreiben, ein Buch, das sich seiner selbst als kulturelles Produkt bewusst ist (mehr noch: das sich nicht nur als kulturelles Produkt, sondern auch als kulturelle Waffe versteht), aber das sich gleichzeitig nicht hinter dem Zeigefinger der zynischen Entzauberung versteckt. Einen Roman, der die Rückkehr der radikalen Pop/Volkserzählung ankündigt. Die Welt brauchte Abenteuerromane, die von Leuten geschrieben wurden, die an das glaubten, was sie taten, die bereit waren, sich die Hände schmutzig zu machen und sie allen zu zeigen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;„Die von Seattle“, oder: Die belagerte Burg (1999-2001)&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auf die Veröffentlichung von Q folgte eine lange Lesereise durch ganz Italien (und in den Kanton Tessin). Wir trafen tausende Leser_innen an verschiedensten Orten: in centri sociali, Bibliotheken, Buchhandlungen, auf Festivals etc. Während der Tour kündigten wir an, dass wir nach dem Ende des Luther Blissett Projects ein neues Projekt verfolgen würden, mit einer spezifischen Ausrichtung, mit einem stärkeren Fokus auf dem Narrativen, nach hinten offen und ohne Frist.&lt;br /&gt;Wu Ming stand vor der Tür. Wir waren gerade auf Tournee, als der Aufstand von Seattle losbrach.&lt;br /&gt;30. November 1999. An diesem Abend kamen wir in Lodi an und präsentierten das Buch in der Stadtbibliothek. Anstatt über das Buch zu sprechen, sprachen wir fieberhaft über das, was soeben auf dem WTO-Gipfel passiert war. Wir spürten, dass es der Anfang von etwas ganz Großem sein würde. Diese neue Bewegung forderte die Institutionen heraus, die von oben den ‚freien Markt‘ regulierten: den Internationalen Währungsfond, die Weltbank, die Welthandelsorganisation und verschiedene andere Blutsauger.&lt;br /&gt;Das Jahr 2000 war ein Jahr intensiver Organisierung, ein Jahr von Demonstrationen und Protesten gegen wichtige Gipfeltreffen. Die bedeutendsten Demonstrationen waren Ende September in Prag, als tausende DemonstrantInnen einen Gipfel des IWF und der Weltbank lächerlich machten. Wir waren auch da. Irgendwann entschied die Bewegung, dass der Showdown, die Kraftprobe, in Genua stattfinden sollte, wo ein Gipfel der G8-Staaten geplant war. (...)&lt;br /&gt;Währenddessen passierten in Italien, und nicht nur dort, merkwürdige Dinge. Auf den Protestzügen traf man auf Leute, die eingehüllt waren wie das Bibendum, das Michelinmännchen: Sie trugen Helme, weiße Schutzanzüge und darunter verschiedenste Schutzvorrichtungen: Schulterpolster wie beim American Football, Schienbeinschützer, Rettungswesten, Kissen, Schwamm- oder Schaumgummiplatten. Man sah Hunderte dieser merkwürdigen Personen mit Schildern aus Plexiglas in der Hand, man sah sie gemeinsam mobile Barrikaden aus Reifen errichten, um dann in Schildkrötenformation den Polizeireihen entgegenzugehen. Sie trugen keine Waffen, keine Gegenstände zum Angriff, nur Schutzgegenstände, um zu vermeiden, dass die Knüppel ihnen die Knochen brachen. Einige nannten das „ziviler geschützter Ungehorsam“, oder – im Ausland – „ziviler Ungehorsam all‘italiana“. In dieser bisher unbekannten Straßenkampfpraxis spürten wir deutlich etwas ‚Blissettianisches‘ und fingen bald an, mit diesen Gruppen – den tute bianche – zusammenzuarbeiten, den Waisen der Autonomen-Bewegung, zu denen, in etwas anderer Form, auch wir gehörten.&lt;br /&gt;Aber das war nicht das einzige sonderbare Phänomen, das wir in jenen Tagen bemerkten. In unerwarteten Momenten schien etwas auf ... der Geist von Thomas Müntzer. &lt;br /&gt;Es gab eine Art Kurzschluss zwischen Q und der Bewegung. Dank Mundpropaganda und dem Internet war der Roman zu einem internationalen Bestseller geworden. Wir fingen an, das Motto „Omnia sunt communia“ auf Wänden und Transparenten zu sehen. Zitate aus Q wurden als ‚Unterschriften‘ in den Emails verschiedener AktivistInnen verwendet. In den Foren der Bewegung gab es Menschen, die sich den Nickname ‚Magister Thomas‘ oder ‚Brunnengert‘ gaben. Es war nichts anderes als der Anfang einer seltsamen, strittigen und schwierigen Beziehung zwischen unserer literarischen Arbeit und den sich abspielenden Kämpfen. In den Monaten bis Genua wurde der Name Wu Ming mehr mit unseren Agit-Prop-Ideen verbunden als mit unserer Literatur.&lt;br /&gt;Es war vor allem unsere Schuld, denn wir stürzten uns mit so viel Überzeugung in die Kämpfe, dass sich die beiden Kontexte überlappten. (...) In diesen Wochen schrieben wir, alleine oder mit anderen gemeinsam, viele Aufrufe, entwickelten medienwirksame Performances und Aktionen, wie beispielsweise die ‚Nacht der sprechenden Statuen‘.&lt;br /&gt;Wir haben viel darüber nachgedacht und wir sind von einer Sache überzeugt. Der Geist von Thomas Müntzer, und – als Konsequenz daraus – wir Autoren des Romanes finden uns im Zentrum der Mobilisierung wieder, denn dort drinnen nahm eine enorme Metapher Form an. &lt;br /&gt;Immer häufiger wurde das Empire als eine belagerte Burg beschrieben, belagert von einer ‚Multitude‘ von Bauern. Diese Metapher tauchte in verschiedenen Texten und Gesprächen wieder auf. Manchmal explizit, manchmal subtil, aber sie war da.&lt;br /&gt;Wenn auch beflügelnd und effizient, so war die Metapher doch irreführend. Keine Belagerung war im Gange, weil man keine Macht belagern konnte, die überall war und deren grundlegende Veräußerung ein kontinuierlicher Fluss der Elektronen von Aktie zu Aktie ist.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Dieser Irrtum hatte schwere Folgen.&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wir verwechselten die formalen Zeremonien der Macht mit &lt;br /&gt;der Macht selber. &lt;br /&gt;Wir machten den gleichen Fehler wie Müntzer und die deutschen &lt;br /&gt;Bauern. &lt;br /&gt;Wir hatten einen Kampfplatz gewählt und einen mutmaßlichen &lt;br /&gt;Kampftag.&lt;br /&gt;Wir gingen alle nach Frankenhausen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Frankenstein in Frankenhausen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wann hat eure Flucht begonnen? (…)&lt;br /&gt;Das habe ich Euch ja schon gesagt: Seit Pfarrer und Propheten sich meines Lebens bemächtigen wollten. Ich kämpfte mit Müntzer und den Bauern gegen die Fürsten. War Täufer in dem Irrsinn zu Münster. Göttlicher Henker mit Jan van Batenburg. Gefährte Eloi Pruynsticks unter den freien Geistern von Antwerpen. Jedesmal ein anderer Glaube, immer die gleichen Feinde, eine einzige Niederlage. &lt;br /&gt;(Luther Blissett, Q)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Thomas Müntzer sprach zu uns, aber wir verstanden nicht, was er sagte. Es war keine Segnung, sondern eine Warnung. Es ist unmöglich, unsere Verantwortung zu schmälern. Wir Wu Ming waren unter denjenigen, die am eifrigsten versuchten, die Leute nach Genua zu bewegen, und mehr als andere halfen wir der Macht, einen Hinterhalt zu legen. Nach dem Blutbad brauchten wir einige Zeit – und viel Nachdenken – um zu verstehen, was unsere Fehler gewesen waren, die spezifischen, in dem weiten Feld von Fehlern der Bewegung. &lt;br /&gt;Es war offensichtlich, dass etwas in unserer ‚mythopoetischen‘ Praxis falsch gelaufen war, in der Konstruktion der Mythen von unten, die das Fundament für unsere Arbeit darstellte – und in gewisser Weise auch noch immer darstellt. &lt;br /&gt;Unter Mythos haben wir niemals eine ‚falsche Erzählung‘ verstanden, die als die banalste und oberflächlichste Bedeutung des Wortes gelten kann. Wir haben das Wort immer benutzt, um eine Erzählung von großem emblematischen Wert zu bezeichnen, dessen Bedeutung von einer community (zum Beispiel der Bewegung) zusammengesetzt und geteilt wird, wobei die Mitglieder der community kontinuierlich die Erzählung kreieren und ‚sozialisieren‘. Uns interessieren die Erzählungen, die enge Beziehungen zwischen Menschen herstellen. Die communities halten sie (wenn alles glatt läuft)&amp;nbsp; in der Gesellschaft inspirierend und lebendig. Die Mythen entwickeln sich dabei weiter, denn das, was in der Gegenwart passiert, verändert unseren Blick auf die Vergangenheit: Also ändert sich auch die Art und Weise, in der die gleichen Erzählungen zusammengesetzt werden und sie erhalten neue symbolische Bedeutungen.&lt;br /&gt;Mythen stellen uns Vorbilder zur Verfügung, die wir annehmen oder verwerfen können, sie geben uns ein Gefühl von Kontinuität oder Diskontinuität mit der Vergangenheit und erlauben uns, eine Zukunft zu imaginieren. Ohne sie können wir nicht leben, unser Verstand arbeitet so, unser Gehirn denkt entlang von Erzählungen, Metaphern und Allegorien.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;An einem bestimmten Punkt kann eine Metapher anfangen, unter Verkalkung zu leiden und immer weniger nützlich sein, bis sie jeglicher Bedeutung entleert wurde und ein geisttötendes Klischee wird, ein Hindernis für das Wachstum neuer inspirierender Erzählungen. Wenn das passiert, müssen wir den Kurs ändern und auf die Suche nach neuen Bildern und Wörtern gehen. &lt;br /&gt;Revolutionäre und progressive Bewegungen haben sich immer verschiedener Mythen und Erzählungen bedient, um fortzuschreiten. In den meisten Fällen haben sich die Mythen länger aufrechterhalten, als sinnvoll gewesen wäre und sind fremd geworden.&lt;br /&gt;Die Leichenstarre der Sprache setzte ein, die Sprache wurde hölzern, die Metaphern machten die Menschen eher zu Sklaven als sie zu befreien. Die folgende Generation hat darauf häufig mit der Negation der Vergangenheit und ikonoklastischen Verhaltensweisen reagiert. Ein Teil jeder Generation hat in den geerbten Mythen nichts als falsche Erzählungen gesehen. Einige haben für eine Demythisierung der Theorie und der Diskurse gekämpft, sei es im Namen der Vernunft, der ‚political correctness‘, des Nihilismus oder einfacher Dummheit (wie es für die Position der Fall ist, die davon ausgeht, dass der Mythos an sich faschistisch ist).&lt;br /&gt;Niemand kann den Mythos aus den Köpfen der Menschen beseitigen. Tatsächlich endet jeder Bildersturm damit, dass neue Ikonen kultiviert werden, gegen die der Bildersturm von morgen losbrechen wird. Der Kreislauf wird niemals enden, wenn wir nicht verstehen, wie diese Erzählungen funktionieren. &lt;br /&gt;Das Problem mit den Mythen besteht nicht in ihrer intrinsischen Falschheit, Wahrheit oder Pseudo-Wahrheit. Das Problem hierbei ist vielmehr, dass sie gerinnen und austrocknen, wenn wir sie für selbstverständlich halten.&lt;br /&gt;Der Erzählfluss muss lebendig gehalten werden, indem wir mit immer neuen Mitteln erzählen, Sichtweisen und Blicke verändern. Wir müssen die Erzählungen permanent herausfordern, um zu verhindern, dass sie verhärten und unser Hirn verstopfen. &lt;br /&gt;Das ist natürlich eine äußerst schwierige Aufgabe, aus verschiedenen Gründen. &lt;br /&gt;Zunächst einmal ist es sehr einfach, die Risiken der Arbeit an den Mythen zu unterschätzen. Man läuft immer Gefahr, wie Doktor Frankenstein vorzugehen oder, noch schlimmer, wie Henry Ford. Ein Mythos entsteht nicht durch Willenskraft, wie am Fließband. Man erweckt ihn auch nicht zum Leben in einem Privatlabor. (... )&lt;br /&gt;Im Gegensatz dazu verlangt eine ‚genuine‘ Herangehensweise an Mythen die Fähigkeit, aufmerksam zu sein und zuzuhören. Wir müssen dem Mythos Fragen stellen und hören, was er uns zu sagen hat, wir müssen die Mythen erforschen, wir müssen sie in ihrem Territorium mit Hingabe und Respekt aufsuchen, ohne sie zu vereinnahmen und ohne sie zwanghaft in unsere Realität zu pressen. (...)&lt;br /&gt;Unsere Chimäre war der richtige Abstand: nicht zu nah am Mythos, um geblendet zu werden, nicht zu weit weg, um daraus keine Kraft mehr ziehen zu können. Es war ein schwer zu haltendes Gleichgewicht, und in der Tat hielten wir es nicht. &lt;br /&gt;Denn das Problem ist auch: wer ist der Hersteller der Mythopoesie, der Beschwörer, der Geburtshelfer? Es sollte einer ganzen Bewegung, community oder sozialen Klasse obliegen, die Mythen zu händeln und lebendig zu halten. Keine Gruppierung kann sich selbst und alleinig damit beauftragen. Wir hingegen sind schließlich zu ‚Funktionären‘ in dem Prozess der Manipulation der Metaphern und der Beschwörung der Mythen geworden. Unsere Rolle ist die von Quasi-Spezialisten geworden, eine Agit-Prop-Zelle. Wir sind zu Spin Doctors geworden.&lt;br /&gt;Dalle moltitudini d‘Europa ... richtig, das gab den Leuten einen Tritt in den Arsch, das brachte die Leute dazu, sich sofort nach Genua aufzumachen, aber das war nicht der Punkt. Wir erzielten niemals ein „kritisches Verhalten den mythischen Motiven [unseres] Handelns gegenüber“. Das ‚Praktisch‘ brach niemals das ‚Unmöglich‘ auf. &lt;br /&gt;Im Moment scheint es keine Möglichkeit außer der folgenden zu geben: den Mythos weiter zu erforschen, zuzuhören, einen nicht-instrumentellen Zugang zu diesem zu suchen, vom Mythos zu lernen, ohne dessen Komplexität zu reduzieren und ohne gleich seine politische Aerodynamik im Windkanal zu testen.&lt;br /&gt;In Genua hat sich keine ‚militärische‘ Niederlage ereignet, sondern eine kulturelle Katastrophe. &lt;br /&gt;20. Juli 2001. An diesem Freitag Nachmittag, in der Straße Via Tolemaide, trug niemand die tuta bianca. Wenige Tage zuvor hatte man beschlossen, die Praxis des ‚geschützten zivilen Ungehorsams‘ auf möglichst viele Personen auszuweiten. Aber sogar ein offenes Symbol wie die tuta bianca wäre für dieses Vorhaben hinderlich gewesen.&lt;br /&gt;Deswegen definierte sich der Demonstrationszug, der vom Stadion Carlini losgezogen war, nur aufgrund des Bezuges auf eine gemeinsame Praxis als die Ungehorsamen.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_x7wbzsc&quot; title=&quot;Wobei sich „die Ungehorsamen“ („disobbedienti“ mit kleinem d) hier auf all diejenigen bezieht, die aus dem Carlini Stadion kamen und nicht auf die Gruppe der „Dis obbedienti“ (mit großem D) [Anm. d Üb.].&quot; href=&quot;#footnote1_x7wbzsc&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;Dann wurde Carlo Giuliani ermordet und alle Proteste lösten sich unter massiver Repression auf.&amp;nbsp; Tausende mussten sich ihren Weg zurück zum Stadion erkämpfen, wie die Warriors, die versuchen nach Coney Island zurückzukehren. &lt;br /&gt;Die Nacht brach an und wir fühlten uns wie Ziele beim Taubenschießen. Wir hatten Angst, aber wir mussten einfach noch einmal auf die Straße gehen. An diesem Punkt war unsere einzige Hoffnung, dass so viele Menschen wie irgend möglich nach Genua kommen würden, um die zu unterstützen, die schon da waren. &lt;br /&gt;Am folgenden Tagen kamen 300.000 Leute, um uns den Arsch zu retten. Zum größten Teil waren das nicht die Hardcore-Militanten – die waren schon da. Es waren einfach Leute, die das Blutbad im Fernsehen gesehen hatten und zur Unterstützung kommen wollten. Wir werden dieser Multitude auf ewig dankbar sein. An diesem Samstagnachmittag beschlossen wir, diese Leute niemals im Stich zu lassen. Die Rettung bestand darin, offen zu bleiben, ehrlich und verständlich. Die Rettung bestand darin, sich von Sektierertum weit entfernt zu halten. &lt;br /&gt;Zu diesem Zeitpunkt fingen wir – zunächst noch verworren – an, eine neue Metapher zu denken, eine, die die Kritik an den vorhergehenden Metaphern einschließt: Genua als Frankenhausen. &lt;br /&gt;Einer, der zufällig unseren Gesprächen folgte, fragte uns: „Sagt mal, wer ist dieser Frank Ènausen, von dem ihr die ganze Zeit sprecht?“&lt;br /&gt;Zwei Monate später: der 11. September und die Situation verschärfte sich noch, in Italien und der ganzen Welt. Die Metapher der Belagerung kehrte sich um, und die Belagerten wurden wir. &lt;br /&gt;2003 steckte die italienische Linke in einer tiefen Krise. Nicht einmal die Mobilisierung gegen den Irakkrieg war in der Lage, ihr zu neuer Energie zu verhelfen. Der italienische Ausdruck der globalsten Bewegung seit jeher nahm immer weniger Abstand von ihrer Bezeichnung ‚No Global‘ und wurde zu einer marginalen Präsenz, bestehend aus kleinen Gruppierungen, die den Raum der traditionellen radikalen Linken besetzte. Das alte langweilige Spiel, gespielt nach den alten langweiligen Regeln. Ein Haufen von ‚Berufsrevolutionären‘ übernahm, was noch da war, beging jede nur erdenkliche Art von Fehlern und stellte sich als unsagbar unfähig dar. Eigentlich schon fossilisierte, sub-leninistische Strategien und Taktiken wurden wieder hervorgeholt. Unglaublich viel Zeit und Energie ging in Identitätskämpfen zwischen Gruppierungen verloren. Versammlungen wurden zu erbämlichen Hahnenkämpfen. Der Großteil derjenigen, die vernünftiger und nicht ‚eingereiht‘ waren (vor allem Frauen) resignierten und wandten sich schließlich ab. Auch wir entschieden uns dafür. Eine selbsternannte Avantgarde von Ex-Tute-Bianche widmete sich neuen Projekten, die wir allerdings für grotesk hielten. (...)&lt;br /&gt;Wenn man es genau betrachtet, hat unsere Zusammenarbeit mit dem Netzwerk ein bisschen länger als ein Jahr gedauert. So glorreich geht die Welt zugrunde. &lt;br /&gt;Seitdem haben wir viel Zeit und Kraft darein gesteckt, unser literarisches Projekt voranzutreiben,&amp;nbsp; wir haben neue Romane und Essays geschrieben und unsere Präsenz in der Kultur und Kulturindustrie verstärkt. &lt;br /&gt;Lange nachdem wir den Kampf verlassen haben, ist uns auf jeden Fall eines klar: Wir werden nie wieder Doktor Frankenstein mit den technisierten Mythen spielen. &lt;br /&gt;Und indessen schreiten wir voran, (...)&lt;br /&gt;und keine Niederlage ist endgültig&lt;br /&gt;und die Herzen schlagen weiter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_x7wbzsc&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_x7wbzsc&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Wobei sich „die Ungehorsamen“ („disobbedienti“ mit kleinem d) hier auf all diejenigen bezieht, die aus dem Carlini Stadion kamen und nicht auf die Gruppe der „Dis obbedienti“ (mit großem D) [Anm. d Üb.].&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Mon, 05 Jul 2010 09:26:26 +0000</pubDate>
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 <title>Bad Timing</title>
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                    &lt;p&gt;Der 11.9. hat die Globalisierungskritik unterbrochen, das zumindest. Aber zum Attac-Kongress in Berlin kamen wieder Tausende. Das Eindringen militanter Kritik in den gesellschaftlichen Mainstream scheint jedoch verschwunden zu sein.  Dass sogar die CDU damit begonnen hatte, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen, ist mit den Gesetzesvorschlägen von Schily Makulatur geworden.  Was ist mit der Bewegung selber? Mit den vielen Bewegten? Kann es sein, dass der Schock sie eingefroren hat? Was verbindet den 11.9. mit Globalisierungskritik: nur bad timing oder mehr?&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Der 11.9. hat die Globalisierungskritik unterbrochen, das zumindest. Aber zum Attac-Kongress in Berlin kamen wieder Tausende. Das Eindringen militanter Kritik in den gesellschaftlichen Mainstream scheint jedoch verschwunden zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass sogar die CDU damit begonnen hatte, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen, ist mit den Gesetzesvorschlägen von Schily Makulatur geworden.  Was ist mit der Bewegung selber? Mit den vielen Bewegten? Kann es sein, dass der Schock sie eingefroren hat? Was verbindet den 11.9. mit Globalisierungskritik: nur bad timing oder mehr?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Naomi Klein berichtet, dass verschiedene Gruppen für den Oktober einen symbolischen Angriff gegen den Finanzdistrikt Torontos geplant hatten. Schon vor dem 11.9. waren die Plakate gedruckt worden, auf denen Hochhäuser abgebildet und mit roten Umrisslinien als prekäre Zonen markiert waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch die Neoliberalismuskritik zielte auf Symbole des Kapitalverhältnisses. Ende der 90er hatten AktivistInnen von AC! (Gegen die Arbeitslosigkeit) ein Feuer in der Pariser Börse angezündet und Papiergeld von den Rängen regnen lassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Flugzeuge, die in die Tower in NY flogen, sind nun offenkundig alles andere als ein Verstärker der in Seattle artikulierten Kritiken. Das liegt schon daran, dass mit den Flugzeugattentaten keine Ziele formuliert wurden und die, über die spekuliert wird, sich von Seattle unterscheiden. Das Ausmaß des Angriffs auf das WTC überformt gigantisch die unterschiedlichsten Ansätze in der Postfordismuskritik. Verschiedenste Unklarheiten oder Widersprüche, die zum Kern der Bewegung gehören, finden sich nach dem 11.9. verschoben:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt; Die politischen Ziele der Bewegung sind auch in Genua unklar und heterogen geblieben.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Das Niveau des Angriffs wurde nicht genau bestimmt. Der faschistoide Polizeiapparat in Genua verdeckte, dass die Bewegung insgesamt keine wirkliche Unversähnlichkeit mit dem Staat entwickelt. Vor allem in Frankreich zeigt sich das an den Überlegungen zur Rettung des Wohlfahrtstaates. Auch die Tobin-Steuer setzt einen funktionierenden Staat voraus. &lt;/li&gt;
&lt;li&gt; Verwüstete McDonald&#039;s-Läden ändern nichts daran, dass sich daraus kein moralischer Imperativ gegen Fast-Food mehr ergibt (in den 80ern der Ökobewegung war das anders). &lt;/li&gt;
&lt;li&gt; Forderungen nach offenen Grenzen ersetzen keine Überwindung der sozialen Segregation&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_zjq6b2x&quot; title=&quot;Segregation: Trennung, Absonderung&quot; href=&quot;#footnote1_zjq6b2x&quot;&gt;1&lt;/a&gt; zwischen Migrant/innen und nationalen Eingeborenen. &lt;/li&gt;
&lt;li&gt; Die Kritik an den neuen Ausbeutungsverhältnissen in deregulierten Arbeitsmaschinen wird nicht unbedingt dadurch aufgehoben, dass manche in der Bewegung stolz darauf sind, selbst wie moderne Unternehmen funktionieren zu können.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;Die Bewegung löst diese Art von Widersprüchen nicht. Sie hält sie nur aus: Das allein bedeutet schon eine Stärke. Man könnte auch sagen, es ist ihre historische Bedingung und insofern weder gut noch schlecht. Es gibt dafür viele Gründe und ist möglicherweise (emanzipativ) schlicht nicht anders denkbar. Einer liegt schon darin, dass bei vielen Linken langsam die Erkenntnis angekommen ist, dass man nicht damit fortfahren kann, historische Subjekte irgendwo in der Welt zu suchen, die tatsächlich in der Lage wären, den Antagonismus zum System zu tragen; also Menschen, die objektiv bis zu dem Grade ausgebeutet werden, dass ihre Ablehnung des Systems auch nicht durch das Versprechen auf partielle Verbesserungen aufzuheben wäre. Verzichtet man darauf, Radikalität auf andere zu projizieren, dann folgt daraus, dass ein Angriff - auch ein radikaler - nur mit Verwicklung in das, was er angreift, gedacht werden kann. Darin liegt ein Antitotalitarismus, der kein Selbstzweck ist, sondern nur so stark ist, wie er Neues erfindet: neue strategische Verbindungen, neue soziale Realitäten. Die Differenzen zwischen NGO-Strategien, zwischen außerparlamentarischer Sozialdemokratie oder einem internationalistischen Antikapitalismus sind dadurch nicht verschwunden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Heterogenität der Bewegung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In bestimmter Hinsicht ermöglicht die Heterogenität und Widersprüchlichkeit der Bewegung eine Integration auch sehr unterschiedlicher Politikansätze und lokalspezifischer politischer Erfahrungen. Sind beispielsweise die jeweiligen Geschichten der Linken in der DDR und BRD schon kaum miteinander  zu vergleichen, so sind die Unterschiede in Deutschland und Frankreich nicht kleiner (in Frankreich gab es eine staatstragende Linke, in der BRD nicht). Wie viel weniger einfach ist das im Fall ehemaliger Kolonialstaaten oder Ländern des früheren Staatssozialismus mit überwiegend muslimisch orientierter Bevölkerung. Der Einsatz, den die globalisierungskritische Bewegung für die Affirmation der Migration, ihre Durchsetzung und die Sichtbarmachung des Zusammenhangs zwischen Kapitalismus und Einwanderung leistet, macht nur dann Sinn, wenn diese Unterschiede übersprungen werden können. Überspringen heißt aber nicht unsichtbar machen oder beseitigen, sondern eher realisieren. Ein Sprecher von THE VOICE sagte zum Beispiel auf einer Diskussionsveranstaltung zu Genua, dass die Mehrzahl der europäischen DemonstrantInnen mit ihren politisch-sozialen Erfahrungen den G8-Eliten näher stünden als den kämpfenden Subjekten im Süden. Die Bewegung ist so gut, wie sie etwas daran ändert und gleichzeitig nicht daran auseinander bricht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist wichtig, bestimmte Widersprüche und Unterschiede in der politischen Bewegung konstruktiv zu machen, will man nicht andere dissidente Erfahrungen kolonialisieren. Wenn die Bewegung damit den Internationalismus der 80er Jahre beerben kann, dann eben in einer Umkehrung. Statt eine gemeinsame Front aufzubauen, werden heute eher Vorstellungen von Netzen entwickelt, die Widersprüche verbinden können. Genau das ermöglichte bis heute überhaupt, dass sich die ökonomische Globalisierung kritisch nachvollziehen ließ. Initiativen wie MoneyNation oder nettime machten beispielweise vom Zusammenhang zwischen Internetkommunikation und neuen kulturellen Mustern in einigen Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes Gebrauch, um eine Zusammenarbeit herzustellen, die nicht ausschließlich darauf basiert, dass alle gemeinsame Ziele verfolgen. Es ist für die Strategie der Bewegung wichtig, die Bewegung nicht mit den Bewegten zu verwechseln. Eine Bewegung kann besser oder schlechter sein, als die individuelle Verfassung der Beteiligten das vermuten lässt. Negri machte schon für die Pariser Streikbewegungen in den 90er Jahren geltend, dass es nicht alleine ausschlaggebend sei, dass ihre expliziten Forderungen bürgerlich seien. Die öffentlichen Beschäftigten schienen sich nur für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu interessieren, die SchülerInnen nur für Reformen im Schulbereich. Aber die Radikalität und das Ausmaß der Streiks hatten eine eigene Dynamik, die mehr versprach. Die bürgerliche Ausrichtung der Beteiligten und der OrganisatorInnen waren nicht 1:1 auf die Bewegung hochzurechnen. Das trifft auch weiterhin zu, auch für die Momente, in denen verschiedene Menschen in Genua einen wirksamen Zusammenhang erzeugt haben. Die Trennung von Bewegung und Einzelnen macht nicht zuletzt ernst mit der Erkenntnis, dass Subjekte nicht einheitlich sind.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Internationalismus und Islam&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn es wichtig ist, die Attacke auf das WTC nicht als einen Angriff &lt;em&gt;&quot;des Islams&quot;&lt;/em&gt; gegen &lt;em&gt;&quot;den Westen&quot;&lt;/em&gt; misszuverstehen, so werden ununterbrochen von allen Seiten Verbindungen hergestellt. Der 11.9. ist von einer Thematisierung der kolonial-korporativen Verbrechen der alten und neuen Weltordnung nicht wirklich zu trennen. Jede Beschäftigung mit den Tätern oder den Ursachen weist hilflos auf die europäische Kolonialgeschichte und die Hegemonialpolitik der USA. Und auch wenn man die Flugzeugbomben in NY islamischen Radikalen zuschreibt und den politischen Gehalt der Tat als reaktionär fixiert, lässt der Krieg gegen Afghanistan dennoch die Frage wiederkehren, wie der Westen eine neue Weltordnung organisiert, um gegen ein sich islamisch rechtfertigendes System vorzugehen. Die Willkürlichkeit des heutigen Angriffs gegen das Taliban-Regime, die Nachlässigkeit von Beweisen gegen Bin Laden, die Ziellosigkeit der Angriffe, all das deutet auf das rassistische Verhältnis der Weltregierungen dem nun terroristischen Regime gegenüber. An dieser Stelle setzt ein komplexes Feld ein. Einerseits der autoritäre Exzess der Taliban, ihre anti-israelischen Drohgebärden und andererseits eine zwanzig Jahre währende zum Teil vom Kalten Krieg überdeterminierte Geschichte fortgesetzter Kriege in Afghanistan und die Projektion politisch-religiöser Organisationen auf einen eigenen Nullpunkt, aus dem heraus ein islamischer Staat sich formieren könnte. Dieses Feld kann nicht vereinfacht werden und die verschiedenen Elemente dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Eines der Elemente wird nicht weniger wahr, weil das andere auch gilt. In jedem Fall sind die fehlenden Schnittstellen der meisten Linken zum Komplex politischer Islam ein Hinweis, mit abschließenden Urteilen vorsichtig zu sein. Der Internationalismus von Genua hat hier sein schwarzes Loch. Es wäre nur zu erhellen, wenn sich die Westlinke in Diskussionen hineinziehen ließe, die sich um jene reaktionäre Formierungen drehen, die im Postfordismus stärker werden und die nicht in das konventionelle Verständnisraster der Linken (militärische, staatliche, ökonomische Repression) fallen: die Ethnifizierung des Sozialen, die Politisierung der Religion usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das sehen manche anders. Sie wissen, was los ist: die Gegner, gegen die das globale Anti-Terror-Bündnis antritt, sind für einige Linke Faschisten und das Eigene wird plötzlich verteidigenswert. Die Freiheit im Kapitalismus ist doch irgendwie Freiheit und säkularer Staat nicht so schlecht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Plötzlich ist westlicher Lebensstil ein erhaltenswertes Gut. Radikale Linke werden zu einer neuen kriegerischen Poplinken, die Fanta Statt Fatwa dichtet. Das fällt noch hinter die Globalisierungskritik zurück, denn deren No Logo Logo versucht beides gleichzeitig zu tun: Lebensstile anzugreifen und gleichzeitig für sich zu beanspruchen. Wenn man in der Vergangenheit die Ambivalenz der Konsumprodukte behauptet hat, darauf bestanden hat, dass Individuen von ihnen in sehr unterschiedlicher Weise Gebrauch machen können - emanzipativer oft als von den Dingen, die zum Zwecke progressiver Kultur konzipiert wurden -, dann kann daraus nicht der Umkehrschluss gezogen werden, dass es sich bei Konsumkultur um etwas handelt, das verteidigt werden muss. Mit Fanta ist nicht das liberale Eigene bezeichnet, das einer vorgeschichtlichen Fatwa-Logik voraus ist, weil, erstens wer Fatwa sagt, auch gerne mal eine Fanta trinkt und zweitens Fatwa auch eine spätmoderne Reaktion auf die Antagonismen der Fantawelt ist. Nach Seattle ist es auch als eine wichtige Voraussetzung heutiger Politik anerkannt worden, dass man nicht einfach über die Analyse verfügt, wie die Veränderungen der Fanta-Fatwa-Welt idealiter aussehen würden. Eine solche Veränderung kann ohnehin nicht voluntaristisch geplant werden. Sie hat eher damit zu tun, was vorhanden ist. Jede Kraft bezieht sich auf das, was sie kann. Die Konkurrenzlogik von vielen (journalistischen) Linken, die immer genau wissen, wie die Analyse zu machen ist, hätte nun wirklich ein Ende. Jede Analyse ist nicht so gut wie das, was sie erklärt, sondern so gut wie das, was sie herstellt.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_zjq6b2x&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_zjq6b2x&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Segregation: Trennung, Absonderung&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Stephan Geene</dc:creator>
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