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 <title>arranca! - Islam</title>
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 <title>Mit Islamophobie contra Homophobie?</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/37/mit-islamophobie-contra-homophobie</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Am 10. Dezember 2003 veröffentlichte die linke Wochenzeitung Jungle World ein Pamphlet der beiden französischen Journalistinnen Caroline Fourest und Fiammetta Venner, das eine  Abwehrfigur enthielt, die Karriere machen sollte: Mit ihrer Behauptung, dass der Begriff „Islamophobie“ im Jahr 1979 von den iranischen Mullahs geprägt worden sei, um Frauen zu denunzieren, die sich weigerten, den Schleier zu tragen, versuchten die Autorinnen der  beginnenden Auseinandersetzung um antiislamischen Rassismus einen begrifflichen Riegel vorzuschieben.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;[AN ENGLISH VERSION CAN BE FOUND &lt;a href=&quot;http://mrzine.monthlyreview.org/klauda121107.html&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;With Islamophobia against Homophobia? - by Georg Klauda&quot;&gt;HERE&lt;/a&gt;]&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Am 10. Dezember 2003 veröffentlichte die linke Wochenzeitung Jungle World ein &lt;a href=&quot;http://jungle-world.com/artikel/2003/50/11968.html&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zum Jungle World-Artikel von Fourest&amp;amp;Femmer&quot;&gt;Pamphlet&lt;/a&gt; der beiden französischen Journalistinnen Caroline Fourest und Fiammetta Venner, das eine Abwehrfigur enthielt, die Karriere machen sollte: Mit ihrer Behauptung, dass der Begriff „Islamophobie“ im Jahr 1979 von den iranischen Mullahs geprägt worden sei, um Frauen zu denunzieren, die sich weigerten, den Schleier zu tragen, versuchten die Autorinnen der&amp;nbsp; beginnenden Auseinandersetzung um antiislamischen Rassismus einen begrifflichen Riegel vorzuschieben.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Selbst die &lt;a href=&quot;http://jungle-world.com/artikel/2003/51/12011.html&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zum Jungle World-Artikel von Schmid&quot;&gt;Richtigstellung&lt;/a&gt;, die Bernhard Schmid eine Woche später in derselben&amp;nbsp; Zeitung veröffentlichte, konnte den Siegeszug dieser kleinen Propagandalüge nicht mehr stoppen. Seit über drei Jahren wiederholen „islamkritische“ Autor_innen diesen gefälschten historischen Verweis mit einer Beharrlichkeit, als könne sie die schlichte Tatsache, dass der nach europäischen Wortbildungsregeln konstruierte Terminus „Islamophobie“ weder im Persischen noch im Arabischen existiert, überhaupt nicht erschüttern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tatsächlich erhielt die Vokabel, welche sich erstmalig 1922 in Etienne Dinets &lt;em&gt;L’Orient vu de l’Occident &lt;/em&gt;belegen lässt, ihre klassische Definition durch einen Bericht des Runnymede Trust mit dem Titel &lt;em&gt;Islamophobia: A Challenge for Us All&lt;/em&gt; (1997). Der antirassistische Think Tank aus Britannien legt darin einen bis heute tauglichen Katalog von Kriterien vor, mit denen seriöse Verwendungsweisen des Begriffs von islamistischer Propaganda unterschieden werden können. Denn natürlich wird der Begriff auch von europa-basierten fundamentalistischen Gruppen wie der englischen Hizbut-Tahrir missbraucht, um sich den Zumutungen der Kritik zu entziehen. Doch solchen Instrumentalisierungen unterliegen auch andere solcher Begriffe, wie etwa die regelmäßige und pauschale Denunziation von Kritiker_innen der israelischen Siedlungs- und Besatzungspolitik als vermeintliche „Antisemit_innen“ beweist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist also sinnvoll, Begriffe der Vorurteilsforschung im Kontext realer Konflikte und Auseinandersetzungen so weit einzugrenzen, dass ihrer beliebigen denunziatorischen Verwendung Grenzen gesetzt sind. Nach der Definition des Runnymede Trusts liegt Islamophobie unter anderem dann vor, wenn 1. der Islam als ein monolithischer Block betrachtet wird, der statisch und unempfänglich für Veränderungen sei; 2. er als gesondert und „anders“ gesehen wird, ohne gemeinsame Werte mit anderen Kulturen und ohne von diesen beeinflusst zu sein oder diese zu beeinflussen; 3. er als dem Westen unterlegen, barbarisch, irrational und sexistisch konstruiert wird; und 4. er ausschließlich als gewaltsam, aggressiv, bedrohlich, terroristisch und kulturkämpferisch wahrgenommen wird.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die islamophobe Szene&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Es wäre nun völlig verfehlt, mit diesem Katalog im Rücken Meinungsumfragen à la Wilhelm Heitmeyer zu konzipieren, um die quantitative Verbreitung von Islamophobie in der deutschen Bevölkerung zu eruieren. Denn was man dort erfasst, ist noch immer mehrheitlich völkischer Nationalismus und vulgärer Ausländerhass. Islamophobie hat, zumindest hierzulande, seine Bedeutung nicht als Massenphänomen, sondern als Elitendiskurs, der es beträchtlichen Teilen der linken, liberalen und konservativen&lt;br /&gt;Intelligenz ermöglicht, Ressentiments gegen Migrant_innen und Antirassist_innen in einer Form zu artikulieren, die sie zugleich als glühende Verfechter_innen der alteuropäischen Aufklärung erscheinen lässt. Was Islamophobe türkisch- und arabischstämmigen Leuten zum Vorwurf machen, ist etwas, das die Mehrheit der Deutschen vermutlich gar nicht als solchen begriffe: gegen Juden und Israel zu sein, Schwule nicht zu mögen und Frauen sexistisch herabzustufen – alles gängige Formen der deutschen Alltagspraxis, die im islamophoben Diskurs aber als spezielle Eigenschaften muslimischer Einwanderer konstruiert werden und sie als Mitglieder der deutschen Gesellschaft disqualifizieren sollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Charakteristisch ist hierbei der Einsatz konspirationistischer Bilder, z.B. wenn die ex-linke italienische Starreporterin Oriana Fallaci, einer der Köpfe der islamophoben Bewegung, muslimische Immigrant_innen in Europa als Vorhut einer geplanten Invasion begreift&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_jhksc0r&quot; title=&quot;„Europa ist nicht mehr Europa, es ist Eurabien, eine Kolonie des Islam, wo die islamische Invasion nicht nur physisch voranschreitet, sondern auch auf geistiger und kultureller Ebene.“ (optionjournal.com, 23. 6. 2005)&quot; href=&quot;#footnote1_jhksc0r&quot;&gt;1&lt;/a&gt; oder die frühere Kalaschnikow-Redakteurin&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_d6qhdzd&quot; title=&quot;Bei der Kalaschnikow handelte es sich um ein ursprünglich in der Linken angesiedeltes Querfront-Magazin.&quot; href=&quot;#footnote2_d6qhdzd&quot;&gt;2&lt;/a&gt; Gudrun Eussner die Riots in den französischen Banlieues als eine von Islamisten gelenkte „Vorstadt-Intifada“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_2q6yi8c&quot; title=&quot;http://eussner.net/artikel_2005-11-05_21-10-50.html&quot; href=&quot;#footnote3_2q6yi8c&quot;&gt;3&lt;/a&gt; konstruiert. Im März 2006 war Eussner auch Teilnehmerin eines internationalen Symposions des konservativen „Front Page Magazines“, einer in der deutschen islamophoben Szene vielzitierten Internet-Zeitung, die von dem ehemaligen Marxisten und heute prominenten US-Rechten David Horowitz herausgegeben wird. Bereits einleitend heißt es in dem Transkript: „Eine muslimische Vergewaltigungsepidemie fegt über Europa – und über viele andere Nationen, die Gastgeber für Immigranten aus der islamischen Welt sind. Die direkte Verbindung zwischen den Vergewaltigungen und dem Islam ist unabweisbar, da Muslime unter verurteilten Vergewaltigern und Vergewaltigungsverdächtigen signifikant überrepräsentiert sind.”&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_xtj4p4o&quot; title=&quot;http://www.frontpagemag.com/Articles/ReadArticle.asp?ID=21502&quot; href=&quot;#footnote4_xtj4p4o&quot;&gt;4&lt;/a&gt; Die Logik ist bestechend dumm, so als könne eine statistische Korrelation – die ja z. B. auch zwischen Schuhgröße und Einkommen besteht – den Beweis für einen kausalen Zusammenhang liefern. Soziale Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Armut oder patriarchale Rollenbilder werden von vornherein zugunsten einer religiösen Interpretation ausgeklammert. Doch damit nicht genug, im Verlauf des Symposions stellt Eussner die Vergewaltigungen als Teil einer konzertieren dschihahdistischen Strategie dar, mit der die Expansion des Islam nach Europa bewerkstelligt werden solle. Nicht-muslimische Frauen würden dafür bestraft, dass sie sich nicht gemäß dem Koran verhielten. Hinter allem stünde der Softcore-Islamist Tariq Ramadan, der diese Vergewaltigungen initiiert habe, als er vorschlug, Europa nicht mehr als das “Haus des Krieges” (dessen Gesetzen man sich still unterordnen müsse, solange man in der Minderheit sei), sondern als das “Haus der Einladung zum Islam” zu betrachten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Islamophobe ist der Hass gegen Muslime offenbar eine Art Antisemitismus-Ersatz. Sie mobilisieren ähnliche verschwörungstheoretische Mechanismen, wie sie traditionell in der Judenfeindschaft wirksam sind, allen voran das, was Horkheimer und Adorno „pathische Projektion“ nannten: ein Phänomen wie Vergewaltigung wird herausgegriffen, systematisch ethnisiert und schließlich anhand von Koran-Zitaten bzw. der Zuschreibung einer arabischen Kollektivpsyche entweder als hinterhältiges, planmäßiges Vorgehen zur Eroberung Europas oder als essentialistischer Ausdruck einer mit dem Westen nicht vereinbaren „Kultur“ interpretiert. Die eingeforderten Konsequenzen sind Abschiebung, gesellschaftlicher Ausschluss, Verweigerung von Grundrechten oder die Verschärfung der Zuwanderungsgesetze – wie dies z. B. der islamophobe Autor Horst Pankow in der „linken“ Zeitschrift Konkret (3/2006) fordern durfte. Manchmal werden auch offene Pogromphantasien ins Spiel gebracht, etwa wenn Oriana Fallaci in ihrem Buch Die Wut und der Stolz von ihrer Drohung gegenüber der Polizei spricht, Flüchtlingszelte mit afrikanischen Muslimen in Brand zu stecken, weil diese das Baptisterium in Florenz vorsätzlich bepissten – und dafür den Beifall des Freudomarxisten Uli Krug (Bahamas Nr. 39, 2002) erhält.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit Religionskritik hat das grundsätzlich nichts zu tun, auch wenn das von einigen „linken“ Vertreter_innen der islamophoben Szene anfangs noch vorgeschoben wurde. Doch mittlerweile prangt selbst auf der Titelseite der Bahamas (Nr. 51, 2006) ein Foto des fundamentalistischen Katholiken Joseph Ratzinger, der dort als Held im Kampf gegen die „islamische Invasion“ gefeiert wird. Und auch eine Zeitung wie die Jungle World weiß anlässlich der Ausführungen Benedikts XVI. über den Islam von der „erstaunliche[n] Nähe von Kritischer Theorie und päpstlicher Philosophie“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_13e00os&quot; title=&quot;http://jungle-world.com/artikel/2006/38/18222.html&quot; href=&quot;#footnote5_13e00os&quot;&gt;5&lt;/a&gt; zu berichten – die man polemischerweise wohl am ehesten in der von beiden vertretenen Homophobie erkennen darf&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_coafkqn&quot; title=&quot;Vgl. Randall Hall, „Zwischen Marxismus und Psychoanalyse: Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule“. Zeitschrift für Sexualforschung 9 (1996), S. 343-357.&quot; href=&quot;#footnote6_coafkqn&quot;&gt;6&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Kulturalisierung von Homophobie&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Damit kommen wir zu einem Thema, das vor allem für linke Islamophobe einen Vorwand liefert, ihre Ressentiments als politisch korrekte, ja als emanzipatorische Haltung zu verkaufen. Während Pauschalvorwürfe wie der des Antisemitismus auch sachlich ins Leere laufen, da z. B. französische Muslim_innen, denen man dies während der Vorstadt-Riots Ende 2005 wiederholt anzudichten versuchte, trotz des Nahostkonflikts in überwältigender  Mehrheit (71 %) eine „positive Meinung von Juden“ haben&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_ngqfym4&quot; title=&quot;http://pewglobal.org/reports/display.php?ReportID=253.&quot; href=&quot;#footnote7_ngqfym4&quot;&gt;7&lt;/a&gt;, scheint an der Konstruktion einer spezifisch islamischen Homophobie, glaubt man einer neuen Gallup-Studie&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref8_7j7t4gn&quot; title=&quot;http://www.gallupworldpoll.com/content/?ci=27397&quot; href=&quot;#footnote8_7j7t4gn&quot;&gt;8&lt;/a&gt;, tatsächlich etwas dran zu sein. Während so z. B. 66 % der Briten homosexuelle Handlungen mittlerweile für „moralisch akzeptabel“ halten, sind es unter Londoner Muslim_innen gerade einmal 4 %. Auch in Berlin, wo Muslim_innen erheblich liberaler eingestellt sind – obwohl ihnen Religion nicht minder wichtig ist als ihren Glaubensgenossen in der britischen Hauptstadt – sind es immerhin noch 26 % versus 68 %. Doch schon bei näherem Hinsehen erweist sich dies als Teilaspekt eines größeren Zusammenhangs: Londons Muslim_innen beispielsweise sind auch in anderen Fragen wie Sex außerhalb der Ehe, Abtreibung und das Betrachten von Pornographie wesentlich konservativer eingestellt. Tatsächlich ist das der einzige Bereich, in dem Gallup wesentliche Einstellungsunterschiede festzustellen vermochte. Denn was Gewalt, Selbstmordattentate, Ehrenmorde oder gar die Todesstrafe angeht, sind Muslim_innen entweder genauso skeptisch oder übertrumpfen ihre Landsleute sogar in ihrer Ablehnung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber was bedeuten diese Zahlen überhaupt und worauf lassen sie schließen? Für Islamophobe ist klar, dass hier „Kulturen“ aufeinanderprallen. Jedoch allein der Unterschied zwischen Berliner und Londoner Muslim_innen straft diese Auffassung Lügen. Ähnlich große Differenzen gibt es im Übrigen auch zwischen Deutschen und Französ_innen. Nur ist das den Kommentatoren ebensowenig ein Zeile wert wie, sagen wir, die erwartbaren Unterschiede, die sich bei einer vergleichenden Umfrage zwischen Pol_innen und Dän_innen ergäben. Was nämlich im Fall der Muslim_innen hinzutritt, ist die Tendenz zur Essentialisierung von „Andersheit“: Ihre Haltung gilt, im Unterschied zu der von weißen Europäer_innen, als statisch und unveränderbar, frei von äußeren Einflüssen und eingeschmolzen in die Grunddoktrinen ihrer Religion.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch sind solche Meinungserhebungen überhaupt wirklich indikativ für die Verbreitung von Homophobie? Kehren wir zur Beantwortung dieser Frage noch einmal zurück in das Jahr 1991. Bereits damals stimmten zwei Drittel der Deutschen dem Statement zu: „Die sexuelle Orientierung von Menschen ist mir gleichgültig; warum sollte ich mich daran stören“.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref9_ja40389&quot; title=&quot;Vgl. Michael Bochow, „Einstellungen und Werthaltungen zu homosexuellen Männern in Ost- und Westdeutschland“. In: SVD-NRW (Hrsg.); Günter Dworek (Bearb.), Gefahr von rechts: Gibt es eine antischwule Trendwende? Köln 1993. S.48.&quot; href=&quot;#footnote9_ja40389&quot;&gt;9&lt;/a&gt; Damit setzten sie sich eindeutig von jenem Drittel ab, das Ansichten vertrat wie: „Was die Homosexuellen treiben, ist doch eine Schweinerei; sie sollten kastriert werden“ oder: „Man muss alles tun, um die Homosexualität einzudämmen, auch unter Erwachsenen. Wir brauchen daher wieder strengere Strafvorschriften“. 1974 standen diese beiden Blöcke sich noch ungefähr im Verhältnis 50:50 gegenüber. Ein eindeutiger Fortschritt, wie es scheint.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Allerdings ergab die Umfrage eine Reihe weiterer interessanter Befunde. Obwohl die Mehrheit angab, sich nicht an der sexuellen Orientierung von Menschen zu stören, plädierten gleichzeitig über 70 % der Westdeutschen für eine Diskriminierung von Homosexuellen in Gestalt von Zugangsbeschränkungen zu politischen Ämtern oder zum Beruf des Lehrers (1974 waren es an die 90 %). Mehr noch aber signalisierten fast zwei Drittel, dass sie soziale Kontakte mit homosexuellen Männern meiden möchten. Circa 40 % erklärten gar, dass ihnen in der Gegenwart solcher Personen „körperlich unwohl“ würde. Und auffälligerweise hat sich gerade in diesem Bereich, der dem Item „Homophobie“ von allen am nächsten kommt, zwischen 1974 und 1991 fast überhaupt nichts getan.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Offenbar hat es durch die „sexuelle Befreiung“ einen ideologischen Einstellungswandel in der deutschen Gesellschaft bezüglich der moralischen Akzeptanz „devianter“ („abweichender“) Sexualpraktiken gegeben. Aber an der homophoben Formkonstitution des bürgerlichen Subjekts hat sich dadurch praktisch nichts verändert. Denn Homophobie ist nicht die moralische Bewertung homosexueller Handlungen, es ist die Furcht vor gleichgeschlechtlicher Intimität, die sich projektiv auch darin niederschlägt, mit „Homosexuellen“ lieber nicht in Berührung zu kommen oder sie für ihr „Sosein“ bestrafen zu wollen. Dass es sich dabei weniger um eine bewusste Einstellung als um einen Akt der Verdrängung handelt, belegt eine experimentalpsychologische Studie aus dem Jahr 1993, derzufolge homophobe Männer überdurchschnittlich häufig (80 %) selbst von schwuler Pornographie erregt werden, verglichen mit 34 % der nichthomophoben Männer – dass sie diese Tatsache aber zugleich beharrlich verleugnen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref10_2mq53r0&quot; title=&quot;Henry E. Adams u. a., „Is Homophobia Associated With Homosexual Arousal?“ Journal of Abnormal Psychology 105 Nr. 3 (1996), 440-445.&quot; href=&quot;#footnote10_2mq53r0&quot;&gt;10&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Homophobie als soziale Struktur&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In unserer Gesellschaft ist die Erfahrung gleichgeschlechtlicher Liebe und Lust an die Übernahme einer verachteten und als „abartig“ betrachteten homosexuellen Rolle gebunden. Wer in diese identitäre Rolle nicht hineinschlüpfen möchte, ist wohl oder übel darauf angewiesen, seine diesbezüglichen Wünsche vor sich und anderen zu verbergen. Das hat mit reformierbaren ideologischen Haltungen wenig zu tun. Ein Grund, warum das Syndrom der Homophobie den tiefreichenden Einstellungswandel im Rahmen der „sexuellen Revolution“ unbeschadet überstehen konnte. Mehr noch: Betrachtet man die Entwicklung von Homophobie als objektiver sozialer Form über längere Zeiten und größere Räume hinweg, lässt sich gut argumentieren, dass sich diese Struktur im 20. Jahrhundert weniger durch eine ideologische Abschwächung als vielmehr durch innere und äußere Expansion auszeichnete: im Innern durch die Ausweitung auf Frauen und Jugendliche&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref11_c0npf6u&quot; title=&quot;Vgl. Ulfried Geuter, Homosexualität in der deutschen Jugendbewegung. Frankfurt/M. 1994; Lilian Faderman, Surpassing the Love of Men: Romantic Friendship and Love Between Women from the Renaissance to the Present. New York 2001.&quot; href=&quot;#footnote11_c0npf6u&quot;&gt;11&lt;/a&gt; – Gruppen, deren romantische Freundschaftsbeziehungen bis dahin kaum problematisiert wurden –, im Äußern durch die zunehmende Einbeziehung der nicht-westlichen Welt. Für ersteres mag als Beispiel eine im Abstand von 20 Jahren wiederholte Studie zur Jugendsexualität genügen. Danach ist die Zahl der 16- bis 18-jährigen Jungen, die angaben, gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben, zwischen 1970 und 1990 – also mitten in der Phase „sexueller Befreiung“ – von 18 auf zwei Prozent gefallen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref12_5ho2rkl&quot; title=&quot;Vgl. Gunter Schmidt, „Gibt es Heterosexualität?“ taz Magazin Nr. 6399, 17.3. 2001; Volkmar Sigusch, „Jugendsexualität – Veränderungen in den letzten Jahrzehnten“. Dt. Ärzteblatt 95 (1998). http://www.bvvp.de/artikel/jugendsex.html.&quot; href=&quot;#footnote12_5ho2rkl&quot;&gt;12&lt;/a&gt;. Die zunehmende Angst, als „Schwuler“ angesehen zu werden, wenn man einem anderen Jungen zu nahe tritt, lässt sich in den USA mittlerweile sogar an der Entstehung neuer urbaner Idiome ablesen – etwa dem „I‘m not gay“ seat. Gemeint ist der Sessel, den zwei Jungen zwischen sich freilassen, wenn sie gemeinsam ins Kino gehen; wer sich draufsetzt, ist schwul! Dies zeigt sehr deutlich, dass es sich bei Homophobie nicht nur um eine individuelle Disposition, sondern um eine gesellschaftliche Formmatrix handelt, die „Schwule“ als eine abweichende Subjektposition überhaupt erst hervorbringt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein sehr schönes Beispiel dafür ist – und hier kehren wir einmal mehr zu unserem Ausgangspunkt zurück – die sog. islamische Welt. Im klassischen Arabisch gibt es kein Wort für „Schwuler“ und trotzdem ist es keine Übertreibung zu behaupten, dass wohl nahezu die Hälfte aller klassischen arabischen Liebesgedichte von männlichen Autoren für Personen ihres eigenen Geschlechts verfasst wurden. Dies galt selbst den Frömmlern nicht als anrüchig – auch wenn sie den Akt des Analverkehrs für eine schwere Sünde hielten. Als der marokkanische Gelehrte Muhammad al-Saffar in den 1840er Jahren Paris besuchte, stellte er verwundert fest: „Tändeleien, Romanzen und Umwerbungen finden bei ihnen [den Franzosen] nur mit Frauen statt, denn sie tendieren nicht zu Knaben oder jungen Männern. Vielmehr gilt ihnen das als extrem schändlich.“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref13_lqzuqrt&quot; title=&quot;Zit. n. Khaled El-Rouayheb, Before Homosexuality in the Arab-Islamic World, 1500-1800. Chicago 2005. S. 2 (Übers.).&quot; href=&quot;#footnote13_lqzuqrt&quot;&gt;13&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Von da betrachtet erscheint es wie eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet&amp;nbsp; arabische und türkische Muslime heute dafür herhalten müssen, Europäer_innen eine Selbstrepräsentation als tolerante Anwält_innen der „Homosexuellen“ zu ermöglichen, die sie in einem jahrhundertelangen Normalisierungsprozess doch überhaupt erst als distinkte „Minderheit“ produziert und ausgesondert haben.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_jhksc0r&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_jhksc0r&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; „Europa ist nicht mehr Europa, es ist Eurabien, eine Kolonie des Islam, wo die islamische Invasion nicht nur physisch voranschreitet, sondern auch auf geistiger und kultureller Ebene.“ (optionjournal.com, 23. 6. 2005)&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_d6qhdzd&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_d6qhdzd&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Bei der Kalaschnikow handelte es sich um ein ursprünglich in der Linken angesiedeltes Querfront-Magazin.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_2q6yi8c&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_2q6yi8c&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; &lt;a href=&quot;http://eussner.net/artikel_2005-11-05_21-10-50.html&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;http://eussner.net/artikel_2005-11-05_21-10-50.html&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_xtj4p4o&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_xtj4p4o&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; &lt;a href=&quot;http://www.frontpagemag.com/Articles/ReadArticle.asp?ID=21502&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;http://www.frontpagemag.com/Articles/ReadArticle.asp?ID=21502&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_13e00os&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_13e00os&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; &lt;a href=&quot;http://jungle-world.com/artikel/2006/38/18222.html&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;http://jungle-world.com/artikel/2006/38/18222.html&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_coafkqn&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_coafkqn&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Vgl. Randall Hall, „Zwischen Marxismus und Psychoanalyse: Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule“. Zeitschrift für Sexualforschung 9 (1996), S. 343-357.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_ngqfym4&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_ngqfym4&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; &lt;a href=&quot;http://pewglobal.org/reports/display.php?ReportID=253.&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;http://pewglobal.org/reports/display.php?ReportID=253.&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote8_7j7t4gn&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref8_7j7t4gn&quot;&gt;8.&lt;/a&gt; &lt;a href=&quot;http://www.gallupworldpoll.com/content/?ci=27397&quot;&gt;http://www.gallupworldpoll.com/content/?ci=27397&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote9_ja40389&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref9_ja40389&quot;&gt;9.&lt;/a&gt; Vgl. Michael Bochow, „Einstellungen und Werthaltungen zu homosexuellen Männern in Ost- und Westdeutschland“. In: SVD-NRW (Hrsg.); Günter Dworek (Bearb.), Gefahr von rechts: Gibt es eine antischwule Trendwende? Köln 1993. S.48.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote10_2mq53r0&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref10_2mq53r0&quot;&gt;10.&lt;/a&gt; Henry E. Adams u. a., „Is Homophobia Associated With Homosexual Arousal?“ Journal of Abnormal Psychology 105 Nr. 3 (1996), 440-445.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote11_c0npf6u&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref11_c0npf6u&quot;&gt;11.&lt;/a&gt; Vgl. Ulfried Geuter, Homosexualität in der deutschen Jugendbewegung. Frankfurt/M. 1994; Lilian Faderman, Surpassing the Love of Men: Romantic Friendship and Love Between Women from the Renaissance to the Present. New York 2001.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote12_5ho2rkl&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref12_5ho2rkl&quot;&gt;12.&lt;/a&gt; Vgl. Gunter Schmidt, „Gibt es Heterosexualität?“ taz Magazin Nr. 6399, 17.&lt;br /&gt;3. 2001; Volkmar Sigusch, „Jugendsexualität – Veränderungen in den letzten Jahrzehnten“. Dt. Ärzteblatt 95 (1998). &lt;a href=&quot;http://www.bvvp.de/artikel/jugendsex.html.&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;http://www.bvvp.de/artikel/jugendsex.html.&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote13_lqzuqrt&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref13_lqzuqrt&quot;&gt;13.&lt;/a&gt; Zit. n. Khaled El-Rouayheb, Before Homosexuality in the Arab-Islamic World, 1500-1800. Chicago 2005. S. 2 (Übers.).&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:47 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Georg Klauda</dc:creator>
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 <title>Der Alltag ist Krieg gegen Frauen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/23/der-alltag-ist-krieg-gegen-frauen</link>
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                    &lt;p&gt;Die &quot;Revolutionäre Vereinigung der Frauen in Afghanistan&quot; (RAWA) ist eine parteiunabhängige feministische Organisation, die 1977 von intellektuellen Frauen in Kabul gegründet wurde und für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit kämpft.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die &lt;a href=&quot;http://www.rawa.org&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur RAWA-Webseite&quot;&gt;&quot;Revolutionäre Vereinigung der Frauen in Afghanistan&quot; (RAWA)&lt;/a&gt; ist eine parteiunabhängige feministische Organisation, die 1977 von intellektuellen Frauen in Kabul gegründet wurde und für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit kämpft. Nach dem Einmarsch der SU gingen Teile nach Pakistan und organisierten sich in der Grenzstadt Quettar und in Peschawar. In den vergangenen 24 Jahren haben sie ein Krankenhaus für Flüchtlinge aufgebaut, mobile medizinische Teams gegründet und führen Bildungsmaßnahmen in Afghanistan und im Exil durch. Sie unterstützen traumatisierte Frauen, bauen geheime Zellen in Kabul auf und organisierte Mädchenschulen im Untergrund. Mehrere Aktivistinnen, wie z.B. Meena, eine der Gründerinnen von RAWA, wurden bei Attentaten ermordet. Die 20-jährige Marina Kamal lebt im Exil in Pakistan. Frauen in Afghanistan dürfen nicht arbeiten, außer im medizinischen Bereich, und Mädchen, die älter als acht Jahre sind, dürfen keine öffentlichen Schulen mehr besuchen. Seit September 1997 wird Frauen und Mädchen der Zugang zu den staatlichen Kliniken verwehrt. Es gibt eine kläglich ausgestattete Frauenklinik in Kabul. Frauen ist es nicht erlaubt, ohne ihren Vater, Bruder oder Ehemann – ohne männlichen Verwandten – das Haus zu verlassen. Frauen, die keine Burka – einen den ganzen Körper verhüllenden Schleier mit nur einem kleinen Sichtgitter – tragen, deren Knöchel z.B. zu sehen sind, drohen Misshandlungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie viele Mitglieder hat RAWA?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind etwa 2.000 Personen aus praktisch allen ethnischen Gruppen Afghanistans. Etwa 80 Prozent unserer Mitglieder entwickeln klandestine Aktivitäten innerhalb des Landes. Die anderen arbeiten in Pakistan, hauptsächlich zur Unterstützung der Flüchtlinge. RAWA ist eine Frauenorganisation, obwohl wir natürlich auch männliche Mitarbeiter haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie sieht ein Tag für eine Aktivistin von RAWA in Pakistan oder Afghanistan aus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das hängt sehr von der Gegend ab, in der wir arbeiten. Als ich im Büro für Öffentlichkeitsarbeit tätig war, haben wir oft nachts gearbeitet. Wir hatten wenig Ressourcen und die Arbeit war sehr hart. Jetzt bin ich in der Bildungsarbeit tätig. Ich besuche die Alphabetisierungskurse und die Lehrerinnen, ich kümmere mich um die Teilnehmerinnen und die Presse. Innerhalb Afghanistans ist unsere Arbeit sehr unterschiedlich und gefährlich. Es gibt Leute, die eine kleine geheime Schule in ihrem Haus betreiben. Andere, wie zum Beispiel Medizinerinnen, leisten medizinische Hilfe. Es gibt auch Leute, die unsere Publikationen innerhalb Afghanistans verteilen. Das sind Publikationen, welche die Leute kaufen, obwohl sie dabei ihr Leben riskieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ihr legt großes Gewicht auf Bildung?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Männer haben mehr Macht in allen Aspekten des öffentlichen Lebens, weil sie besseren Zugang zu Bildung haben. Unsere Alphabetisierungskurse und die Kurse zur politischen Bewusstseinsbildung haben das Ziel, den Frauen Macht zu verschaffen und sie in die Lage zu versetzen, ihre Rechte einzufordern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was bedeutet für Euch Feminismus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir kennen den westlichen Feminismus, aber die Grundlage unserer Ideen beziehen wir aus unseren elementaren Erfahrungen und der Repression, unter der wir leiden. Frauen werden seit drei Jahrzehnten auf allen Ebenen unterdrückt. Die Forderung nach Gleichheit und Grundrechten entsteht da ganz von alleine. Es gibt wichtige Unterschiede zu einem europäisch geprägten Feminismus. Während Frauen im Westen für das Recht auf Scheidung oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit kämpfen, kämpfen wir für das Recht, das Haus zu verlassen. Während Frauen im Westen sich für Parlamentssitze einsetzen, kämpfen wir für grundlegende Dinge, wie dass wir uns alleine in der Öffentlichkeit bewegen können. Oder dafür, dass es nicht lebensgefährlich ist, wenn man aus Versehen einen Arm unter unserer Burka sehen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie leben die Aktivistinnen von RAWA den Islam?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind fast alle Muslime, aber Muslime, die den Islam als eine persönliche Option leben. Er bildet einen Teil unseres Lebens, aber er darf nicht die Politik bestimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie passt eine feministische Bewegung wie Eure in den Islam?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Islam ist eine sehr weite Religion und – selbstverständlich – weit entfernt von der Interpretation der Taliban. Der Islam bietet Frauen das Recht auf Bildung, auf die Straße zu gehen, zu arbeiten und ihre Rechte zu fordern. Es gibt natürlich viele Interpretationen des Islam. Für uns heißt Feminismus in Afghanistan, dieselben Rechte zu besitzen wie die Männer, vor allem das Recht zu leben. Auf jeden Fall ist der Islam ein sehr umstrittenes Thema. Im Laufe der Geschichte hat sich gezeigt, dass die Religionen, der Islam mit eingeschlossen, die besten Waffen in den Händen der Regierenden und Diktatoren waren, die Bevölkerung zu kontrollieren und vor allem die Frauen. Afghanistan ist ein klares Beispiel für die Nutzung der Religion für politische und persönliche Interessen. Alle Fundamentalisten, sowohl die Taliban als auch die Jehadis, haben den Islam entsprechend ihrer eigenen Interpretation benutzt, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Warum sieht man so viele Frauen, die hier in Pakistan die Burka tragen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Burka ist Teil unserer Kultur. Es gab immer Frauen, die sie angezogen haben. In konservativen Familien ist das noch immer üblich. Was ganz neu in unserer Kultur ist, ist, dass Frauen gezwungen werden, die Burka zu tragen. Einige Frauen, wie beispielsweise Meena, die Gründerin von RAWA, benutzten sie, um nicht erkannt zu werden. Wir selbst tragen die Burka manchmal, wenn wir nach Afghanistan reisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was fühlt man unter einer Burka?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Du siehst kaum etwas durch das Stoffgitter in Augenhöhe. Man kann kaum atmen. Während der Mittagshitze vervielfacht sich jede Anstrengung. Der Gedanke, dass dich jemand töten kann, wenn du die Burka öffnest, verstärkt das Gefühl der Drangsalierung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was ist die Politik der Regierung gegenüber RAWA?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Strategie der Taliban und auch der reaktionären Presse in Pakistan ist es, uns zu diskreditieren. Sie bezeichnen uns als &quot;untreue Frauen&quot;, als &quot;Prostituierte&quot;, als &quot;anti-islamisch&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ist das Leben von RAWA-Aktivistinnen auch in Pakistan in Gefahr?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Selbstverständlich. Es ist nicht so gefährlich wie in Afghanistan, aber einige Aktivistinnen sind verhaftet worden, und wir werden beobachtet. Wir werden auch bedroht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Welche Verbindungen zum Ausland habt Ihr?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In dieser harten Zeit ist es eine Notwendigkeit für uns, Mitarbeit und Hilfe von allen Organisationen und Bewegungen, die die Freiheit lieben, zu suchen, egal wo sie sind. Weil unsere politischen Ziele und unsere Situation denen der Palästinenserinnen, Zapatistinnen und Kurdinnen ähneln, ist es klar, dass wir uns diesen progressiven Bewegungen nahe fühlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie sieht sich RAWA politisch?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind eine unabhängige soziale und politische Organisation. Wir sind feministisch und anti-fundamentalistisch. Wir kämpfen für die Freiheit, die Demokratie und die Rechte der Frauen. Innerhalb der politischen Landkarte können wir uns nicht verorten, weil es uns in erster Linie um die genannten Ziele geht. Von der Rechten werden wir als links bezeichnet. Einige Linken sagen, dass wir Rechte sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie schätzt Du die aktuellen Ereignisse ein?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist eine neue Katastrophe für unser Land. Der Angriff auf Afghanistan wird den Schmerz der Amerikaner über die terroristische Attacke nicht lindern. Die USA sollten zwischen der afghanischen Bevölkerung, die eine furchtbare Zeit durchleidet, und den Fundamentalisten unterscheiden. Wir habe die Attentate des 11. September energisch verurteilt, aber wir erinnern daran, dass Bin Laden ein Mitarbeiter der CIA war und die USA die Fundamentalisten finanzierten. Die USA sollten nicht Afghanistan angreifen und Tausende ZivilistInnen ermorden, um sich am Verbrechen von Bin Laden und den Taliban zu rächen. Die Nordallianz ist die andere Seite derselben Medaille. Das sind die gleichen Mörder und Fundamentalisten wie die Taliban.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In ihrer Grausamkeit und ihrer Einstellung zu Frauen sind die Gruppen der Nordallianz kein bisschen besser als die Taliban. Auch bei ihnen wurden Frauen verschleiert, sie durften nicht zur Schule, sie wurden gesteinigt. Es wurden Massaker an ethnischen Minderheiten verübt und Frauen vergewaltigt. Für die afghanische Bevölkerung bietet die Nordallianz keine Perspektive. Wir wollen eine politische Lösung.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:35 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Bad Timing</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/23/bad-timing</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Der 11.9. hat die Globalisierungskritik unterbrochen, das zumindest. Aber zum Attac-Kongress in Berlin kamen wieder Tausende. Das Eindringen militanter Kritik in den gesellschaftlichen Mainstream scheint jedoch verschwunden zu sein.  Dass sogar die CDU damit begonnen hatte, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen, ist mit den Gesetzesvorschlägen von Schily Makulatur geworden.  Was ist mit der Bewegung selber? Mit den vielen Bewegten? Kann es sein, dass der Schock sie eingefroren hat? Was verbindet den 11.9. mit Globalisierungskritik: nur bad timing oder mehr?&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Der 11.9. hat die Globalisierungskritik unterbrochen, das zumindest. Aber zum Attac-Kongress in Berlin kamen wieder Tausende. Das Eindringen militanter Kritik in den gesellschaftlichen Mainstream scheint jedoch verschwunden zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass sogar die CDU damit begonnen hatte, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen, ist mit den Gesetzesvorschlägen von Schily Makulatur geworden.  Was ist mit der Bewegung selber? Mit den vielen Bewegten? Kann es sein, dass der Schock sie eingefroren hat? Was verbindet den 11.9. mit Globalisierungskritik: nur bad timing oder mehr?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Naomi Klein berichtet, dass verschiedene Gruppen für den Oktober einen symbolischen Angriff gegen den Finanzdistrikt Torontos geplant hatten. Schon vor dem 11.9. waren die Plakate gedruckt worden, auf denen Hochhäuser abgebildet und mit roten Umrisslinien als prekäre Zonen markiert waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch die Neoliberalismuskritik zielte auf Symbole des Kapitalverhältnisses. Ende der 90er hatten AktivistInnen von AC! (Gegen die Arbeitslosigkeit) ein Feuer in der Pariser Börse angezündet und Papiergeld von den Rängen regnen lassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Flugzeuge, die in die Tower in NY flogen, sind nun offenkundig alles andere als ein Verstärker der in Seattle artikulierten Kritiken. Das liegt schon daran, dass mit den Flugzeugattentaten keine Ziele formuliert wurden und die, über die spekuliert wird, sich von Seattle unterscheiden. Das Ausmaß des Angriffs auf das WTC überformt gigantisch die unterschiedlichsten Ansätze in der Postfordismuskritik. Verschiedenste Unklarheiten oder Widersprüche, die zum Kern der Bewegung gehören, finden sich nach dem 11.9. verschoben:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt; Die politischen Ziele der Bewegung sind auch in Genua unklar und heterogen geblieben.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Das Niveau des Angriffs wurde nicht genau bestimmt. Der faschistoide Polizeiapparat in Genua verdeckte, dass die Bewegung insgesamt keine wirkliche Unversähnlichkeit mit dem Staat entwickelt. Vor allem in Frankreich zeigt sich das an den Überlegungen zur Rettung des Wohlfahrtstaates. Auch die Tobin-Steuer setzt einen funktionierenden Staat voraus. &lt;/li&gt;
&lt;li&gt; Verwüstete McDonald&#039;s-Läden ändern nichts daran, dass sich daraus kein moralischer Imperativ gegen Fast-Food mehr ergibt (in den 80ern der Ökobewegung war das anders). &lt;/li&gt;
&lt;li&gt; Forderungen nach offenen Grenzen ersetzen keine Überwindung der sozialen Segregation&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_zjq6b2x&quot; title=&quot;Segregation: Trennung, Absonderung&quot; href=&quot;#footnote1_zjq6b2x&quot;&gt;1&lt;/a&gt; zwischen Migrant/innen und nationalen Eingeborenen. &lt;/li&gt;
&lt;li&gt; Die Kritik an den neuen Ausbeutungsverhältnissen in deregulierten Arbeitsmaschinen wird nicht unbedingt dadurch aufgehoben, dass manche in der Bewegung stolz darauf sind, selbst wie moderne Unternehmen funktionieren zu können.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;Die Bewegung löst diese Art von Widersprüchen nicht. Sie hält sie nur aus: Das allein bedeutet schon eine Stärke. Man könnte auch sagen, es ist ihre historische Bedingung und insofern weder gut noch schlecht. Es gibt dafür viele Gründe und ist möglicherweise (emanzipativ) schlicht nicht anders denkbar. Einer liegt schon darin, dass bei vielen Linken langsam die Erkenntnis angekommen ist, dass man nicht damit fortfahren kann, historische Subjekte irgendwo in der Welt zu suchen, die tatsächlich in der Lage wären, den Antagonismus zum System zu tragen; also Menschen, die objektiv bis zu dem Grade ausgebeutet werden, dass ihre Ablehnung des Systems auch nicht durch das Versprechen auf partielle Verbesserungen aufzuheben wäre. Verzichtet man darauf, Radikalität auf andere zu projizieren, dann folgt daraus, dass ein Angriff - auch ein radikaler - nur mit Verwicklung in das, was er angreift, gedacht werden kann. Darin liegt ein Antitotalitarismus, der kein Selbstzweck ist, sondern nur so stark ist, wie er Neues erfindet: neue strategische Verbindungen, neue soziale Realitäten. Die Differenzen zwischen NGO-Strategien, zwischen außerparlamentarischer Sozialdemokratie oder einem internationalistischen Antikapitalismus sind dadurch nicht verschwunden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Heterogenität der Bewegung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In bestimmter Hinsicht ermöglicht die Heterogenität und Widersprüchlichkeit der Bewegung eine Integration auch sehr unterschiedlicher Politikansätze und lokalspezifischer politischer Erfahrungen. Sind beispielsweise die jeweiligen Geschichten der Linken in der DDR und BRD schon kaum miteinander  zu vergleichen, so sind die Unterschiede in Deutschland und Frankreich nicht kleiner (in Frankreich gab es eine staatstragende Linke, in der BRD nicht). Wie viel weniger einfach ist das im Fall ehemaliger Kolonialstaaten oder Ländern des früheren Staatssozialismus mit überwiegend muslimisch orientierter Bevölkerung. Der Einsatz, den die globalisierungskritische Bewegung für die Affirmation der Migration, ihre Durchsetzung und die Sichtbarmachung des Zusammenhangs zwischen Kapitalismus und Einwanderung leistet, macht nur dann Sinn, wenn diese Unterschiede übersprungen werden können. Überspringen heißt aber nicht unsichtbar machen oder beseitigen, sondern eher realisieren. Ein Sprecher von THE VOICE sagte zum Beispiel auf einer Diskussionsveranstaltung zu Genua, dass die Mehrzahl der europäischen DemonstrantInnen mit ihren politisch-sozialen Erfahrungen den G8-Eliten näher stünden als den kämpfenden Subjekten im Süden. Die Bewegung ist so gut, wie sie etwas daran ändert und gleichzeitig nicht daran auseinander bricht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist wichtig, bestimmte Widersprüche und Unterschiede in der politischen Bewegung konstruktiv zu machen, will man nicht andere dissidente Erfahrungen kolonialisieren. Wenn die Bewegung damit den Internationalismus der 80er Jahre beerben kann, dann eben in einer Umkehrung. Statt eine gemeinsame Front aufzubauen, werden heute eher Vorstellungen von Netzen entwickelt, die Widersprüche verbinden können. Genau das ermöglichte bis heute überhaupt, dass sich die ökonomische Globalisierung kritisch nachvollziehen ließ. Initiativen wie MoneyNation oder nettime machten beispielweise vom Zusammenhang zwischen Internetkommunikation und neuen kulturellen Mustern in einigen Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes Gebrauch, um eine Zusammenarbeit herzustellen, die nicht ausschließlich darauf basiert, dass alle gemeinsame Ziele verfolgen. Es ist für die Strategie der Bewegung wichtig, die Bewegung nicht mit den Bewegten zu verwechseln. Eine Bewegung kann besser oder schlechter sein, als die individuelle Verfassung der Beteiligten das vermuten lässt. Negri machte schon für die Pariser Streikbewegungen in den 90er Jahren geltend, dass es nicht alleine ausschlaggebend sei, dass ihre expliziten Forderungen bürgerlich seien. Die öffentlichen Beschäftigten schienen sich nur für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu interessieren, die SchülerInnen nur für Reformen im Schulbereich. Aber die Radikalität und das Ausmaß der Streiks hatten eine eigene Dynamik, die mehr versprach. Die bürgerliche Ausrichtung der Beteiligten und der OrganisatorInnen waren nicht 1:1 auf die Bewegung hochzurechnen. Das trifft auch weiterhin zu, auch für die Momente, in denen verschiedene Menschen in Genua einen wirksamen Zusammenhang erzeugt haben. Die Trennung von Bewegung und Einzelnen macht nicht zuletzt ernst mit der Erkenntnis, dass Subjekte nicht einheitlich sind.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Internationalismus und Islam&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn es wichtig ist, die Attacke auf das WTC nicht als einen Angriff &lt;em&gt;&quot;des Islams&quot;&lt;/em&gt; gegen &lt;em&gt;&quot;den Westen&quot;&lt;/em&gt; misszuverstehen, so werden ununterbrochen von allen Seiten Verbindungen hergestellt. Der 11.9. ist von einer Thematisierung der kolonial-korporativen Verbrechen der alten und neuen Weltordnung nicht wirklich zu trennen. Jede Beschäftigung mit den Tätern oder den Ursachen weist hilflos auf die europäische Kolonialgeschichte und die Hegemonialpolitik der USA. Und auch wenn man die Flugzeugbomben in NY islamischen Radikalen zuschreibt und den politischen Gehalt der Tat als reaktionär fixiert, lässt der Krieg gegen Afghanistan dennoch die Frage wiederkehren, wie der Westen eine neue Weltordnung organisiert, um gegen ein sich islamisch rechtfertigendes System vorzugehen. Die Willkürlichkeit des heutigen Angriffs gegen das Taliban-Regime, die Nachlässigkeit von Beweisen gegen Bin Laden, die Ziellosigkeit der Angriffe, all das deutet auf das rassistische Verhältnis der Weltregierungen dem nun terroristischen Regime gegenüber. An dieser Stelle setzt ein komplexes Feld ein. Einerseits der autoritäre Exzess der Taliban, ihre anti-israelischen Drohgebärden und andererseits eine zwanzig Jahre währende zum Teil vom Kalten Krieg überdeterminierte Geschichte fortgesetzter Kriege in Afghanistan und die Projektion politisch-religiöser Organisationen auf einen eigenen Nullpunkt, aus dem heraus ein islamischer Staat sich formieren könnte. Dieses Feld kann nicht vereinfacht werden und die verschiedenen Elemente dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Eines der Elemente wird nicht weniger wahr, weil das andere auch gilt. In jedem Fall sind die fehlenden Schnittstellen der meisten Linken zum Komplex politischer Islam ein Hinweis, mit abschließenden Urteilen vorsichtig zu sein. Der Internationalismus von Genua hat hier sein schwarzes Loch. Es wäre nur zu erhellen, wenn sich die Westlinke in Diskussionen hineinziehen ließe, die sich um jene reaktionäre Formierungen drehen, die im Postfordismus stärker werden und die nicht in das konventionelle Verständnisraster der Linken (militärische, staatliche, ökonomische Repression) fallen: die Ethnifizierung des Sozialen, die Politisierung der Religion usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das sehen manche anders. Sie wissen, was los ist: die Gegner, gegen die das globale Anti-Terror-Bündnis antritt, sind für einige Linke Faschisten und das Eigene wird plötzlich verteidigenswert. Die Freiheit im Kapitalismus ist doch irgendwie Freiheit und säkularer Staat nicht so schlecht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Plötzlich ist westlicher Lebensstil ein erhaltenswertes Gut. Radikale Linke werden zu einer neuen kriegerischen Poplinken, die Fanta Statt Fatwa dichtet. Das fällt noch hinter die Globalisierungskritik zurück, denn deren No Logo Logo versucht beides gleichzeitig zu tun: Lebensstile anzugreifen und gleichzeitig für sich zu beanspruchen. Wenn man in der Vergangenheit die Ambivalenz der Konsumprodukte behauptet hat, darauf bestanden hat, dass Individuen von ihnen in sehr unterschiedlicher Weise Gebrauch machen können - emanzipativer oft als von den Dingen, die zum Zwecke progressiver Kultur konzipiert wurden -, dann kann daraus nicht der Umkehrschluss gezogen werden, dass es sich bei Konsumkultur um etwas handelt, das verteidigt werden muss. Mit Fanta ist nicht das liberale Eigene bezeichnet, das einer vorgeschichtlichen Fatwa-Logik voraus ist, weil, erstens wer Fatwa sagt, auch gerne mal eine Fanta trinkt und zweitens Fatwa auch eine spätmoderne Reaktion auf die Antagonismen der Fantawelt ist. Nach Seattle ist es auch als eine wichtige Voraussetzung heutiger Politik anerkannt worden, dass man nicht einfach über die Analyse verfügt, wie die Veränderungen der Fanta-Fatwa-Welt idealiter aussehen würden. Eine solche Veränderung kann ohnehin nicht voluntaristisch geplant werden. Sie hat eher damit zu tun, was vorhanden ist. Jede Kraft bezieht sich auf das, was sie kann. Die Konkurrenzlogik von vielen (journalistischen) Linken, die immer genau wissen, wie die Analyse zu machen ist, hätte nun wirklich ein Ende. Jede Analyse ist nicht so gut wie das, was sie erklärt, sondern so gut wie das, was sie herstellt.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_zjq6b2x&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_zjq6b2x&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Segregation: Trennung, Absonderung&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Stephan Geene</dc:creator>
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 <title>Der Westen als Pferdefuß des ägyptischen Feminismus</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/20/der-westen-als-pferdefuss-des-aegyptischen-feminismus</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Die Stimmung in dem überfüllten Raum des Forschungszentrums für Menschenrechte ist enthusiastisch, zahlreiche Vertreterinnen von Frauen- und Familienorganisationen sind gekommen, auch ein paar Männer mischen sich in die Diskussion ein. Die Schriftstellerin und über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannteste Feministin Nawal Al Sadawi will eine Plattform ins Leben rufen: Frauen aus allen politischen und gesellschaftlichen Kreisen sollen ihre Rechte verteidigen und am 8. März 2000 auf die Straße gehen.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die Stimmung in dem überfüllten Raum des Forschungszentrums für Menschenrechte ist enthusiastisch, zahlreiche Vertreterinnen von Frauen- und Familienorganisationen sind gekommen, auch ein paar Männer mischen sich in die Diskussion ein. Die Schriftstellerin und über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannteste Feministin Nawal Al Sadawi will eine Plattform ins Leben rufen: Frauen aus allen politischen und gesellschaftlichen Kreisen sollen ihre Rechte verteidigen und am 8. März 2000 auf die Straße gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Anliegen ist gewagt. Demonstrationen sind in Ägypten verboten, denn seit dem Attentat auf Saddat 1981 gilt Notstandsgesetzgebung. Wer sich in Ägypten antipatriarchaler Frauenpolitik oder Menschenrechten verschrieben hat, muss nicht nur gegen Behörden, sondern auch gegen die öffentliche Meinung kämpfen. Doch den Ägypterinnen wird nicht etwa vorgeworfen, sie seien frustriert, hysterisch, vermännlicht oder getrieben vom Männerhass, wie es Feministinnen in allen westlichen Ländern zu hören bekommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Ägypten kann der Vorwurf genau in die andere Richtung gehen: eine Feministin steht eher in dem Ruf, besonders freizügig zu sein, womöglich wolle sie nur kurze Röcke anziehen und die freie Liebe einführen, wie es Nawal Al Sadawi einmal vorgeworfen wurde. Der Feminismus&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_3jkipys&quot; title=&quot;Feminismus bezeichnet hier jede frauenrechtlich orientierte Aktivität. Eine Unterscheidung wie im Deutschen gibt es nicht, da historisch keine Separierung der unterschiedlichen Strömungen statt gefunden hat. In der deutschen Literatur zum Thema ist der Begriff Feminismus wahrscheinlich schlicht aus dem Englischen übernommen. Ebenso könnte immer von Frauen-Rechtlerinnen die Rede sein.&quot; href=&quot;#footnote1_3jkipys&quot;&gt;1&lt;/a&gt; gilt generell als eine Erscheinung der westlichen Industrienationen, dementsprechend heißt es, die Feministinnen seien verwestlicht. Dabei weiß niemand so genau was Verwestlichung ist. Gehen Bruder und Schwester nach Paris oder London zum Studieren, wird man ihn bei seiner Rückkehr als modern bezeichnen, sie dagegen als verwestlicht, sofern sie nicht umgehend ein Kopftuch umbindet. Mit dem Westen hängt alles zusammen, was die Islamisten als Dekadenz bezeichnen: Lebensstil, Kleidung, Schminke. Aber auch Ideen zählen dazu, zumal wenn sie den Islamisten oder der Regierung nicht passen. So sind die Menschenrechte westlichen Ursprungs. Der Islam habe schon immer gemeinschaftliche Menschenrechte gekannt, heißt es, Individualrechte seien überflüssig und gegen die Religion oder die Tradition.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei den Frauen, die sich an der Plattform beteiligen wollen, steht als erstes der Punkt Finanzierung auf der Tagesordnung. »Auf keinen Fall Spenden aus dem Ausland« ist die einhellige Meinung der Aktivistinnen. Man glaubt, wer Spenden aus Europa oder den USA erhalte, sei von dort manipuliert. Erst vor einigen Monaten geriet eine Menschenrechtsorganisation in Verruf, weil das britischen Konsulat Geld für ein Projekt der Organisation gespendet hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Vorwurf der Verwestlichung ist nicht nur ein Mittel der Regierung, sich die missliebige Opposition vom Leibe zu halten, oder der Islamisten, die damit ihre Widersacher diskreditieren wollen. Auch innerhalb der Frauenbewegung ist sie ein beliebtes Mittel der Diffamierung anderer Frauengruppen. Dabei kann es um Geld, Sex oder politische Ausrichtung gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So sagt die feministische Schriftstellerin Salwa Bakr in einem Interview, viele ihrer Mitstreiterinnen würden nur über Sex und den Körper schreiben, um einem westlichen Publikum zu gefallen. Der Einwurf, dass die meisten Bücher der feministischen Autorinnen, über die sie spricht, nicht aus dem Arabischen übersetzt sind, ändert ihre Meinung nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Vorwurf der Verwestlichung meist gefolgt von der Behauptung, sie würde nur über Sex schreiben, ist neben einigen jüngeren Dichterinnen vor allem gegen Nawal As Sadawi gerichtet. Die Theater- und Soapschreiberin Fatayat Al Assal, aktiv in der Frauenvereingung der Linkspartei Tagammu, sagt über Sadawi: »Meine Arbeit ist politisch, wenn ich mich für die Verbesserung der Situation von Frauen einsetze. Sie ist mehr Feministin, mehr europäisch. Sie interessiert sich nur für die Frau an sich und die Sexualität, dabei geht es doch um die ökonomische Situation.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sieht man sich Sadawis Schriften an, erscheinen diese Vorwürfe widersinnig. In ihren politischen Schriften analysiert sie die Situation von Frauen im Kontext von Klassengesellschaft und imperialistischem System. In ihren Romanen existieren vereinsamte Frauen, die von einem System aus Traditionen und kapitalistischen Zwängen erdrückt werden. Handlungsunfähig und unterdrückt sind aber auch die Männer in diesen Geschichten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viel Aufsehen erregte sie, als sie als erste die Praxis der Klitorisbeschneidung schon in den 60ern öffentlich attackierte und das Konzept der Jungfräulichkeit angriff. Beides brachte ihr den Vorwurf ein, für eine ungezügelte Sexualität ein zu treten und sich damit gegen Religion und Kultur zu wenden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sadawi selbst legt großen Wert darauf, nicht verwestlicht zu sein: »Ich habe nie gesagt, dass wir befreit sein wollen wie westliche Frauen. In meinen Büchern schreibe ich, dass Frauen im Westen unterdrückt sind. Ich schreibe sogar, dass ich die westliche Form der Demokratie ablehne.«&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Kolonialmacht schafft die Fronten&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Von Anfang an wurde der Frauenbewegung vorgeworfen, ihre Ideen seien ein Import aus dem Westen oder schlimmer noch: sie spielten den westlichen Kolonialisten und später Imperialisten in die Hände. Die Kritik ist nicht völlig aus der Luft gegriffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die ersten, die sich für die Rechte der ägyptischen Frauen einsetzten war ein Zirkel von Kolonialistenfrauen: die Lady Cromer Society. Die Thematisierung der Unterdrückung der Musliminnen war für die Briten Teil ihrer Kolonialpolitik und diente der Diffamierung der einheimischen Kultur und des Islam. Zentraler Angriffspunkt war das Kopftuch, an ihm wurde gezeigt, dass die Muslime nicht zivilisiert seien.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Laut offizieller ägyptischer Geschichtsschreibung wurde die Diskussion um die Befreiung der Frau von einem Mann eingeleitet. Der Jurist Qasim Amin löste 1899 mit seinem Buch »Die Befreiung der Frau« eine heftige Debatte aus. Die bürgerliche Kleinfamilie war sein Modell. Amin plädierte für die Monogamie, die Abschaffung des Gesichtsschleiers, die Einschränkung der Scheidungsmöglichkeiten für Männer und für das Recht auf gleiche Bildungsmöglichkeiten. Doch seine Argumentation war eingebettet in seine Bewunderung für die Errungenschaften der europäischen Zivilisation und spiegelte die Sicht der britischen Kolonialmacht wieder. Die Muslime sind für Amin rückständig und faul. »Die geistige Hebung der Frau« ist für ihn vor allem ein Schritt zur Erlangung des europäischen Zivilisationsgrads. Doch liegt das Problem nicht einzig darin, dass er die eigene Kultur weitestgehend negiert und damit die Haltung der Kolonialmacht teilt, von Anfang an spielte auch die Klassenfrage in diesem Konflikt ein wesentliche Rolle. Amins war Angehöriger einer Oberschicht, die von der Kolonialherrschaft profitierte. Er stammte aus einer Großgrundbesitzerfamilie und hatte in Frankreich studiert. Die konservative und antifeministische Gegenposition wurde von Angehörigen der traditionellen Mittelschicht vertreten, die in Folge der kapitalistischen Entwicklung von sozialem Abstieg betroffen waren und deren männliche Angehörige nun ihre Position als Familienoberhäupter angegriffen sahen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_s1m90bp&quot; title=&quot;Vgl.: Kreile, Renate: Politische Herrschaft, Geschlechterpolitik und Frauenmacht im Vorderen Orient, 1997, S. 230 ff.&quot; href=&quot;#footnote2_s1m90bp&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Diese Position behauptete, die imperialistischen Mächte wollten das Kernstück der arabischen Kultur – die Familie – schwächen, um die arabischen Länder zu unterwerfen. Ihr Instrument sei die Frauenrechtsbewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Fronten sind bis heute in veränderten Erscheinungsformen geblieben. Auf der einen Seite stehen die Angehörigen der Oberschicht und oberen Mittelschicht, die ihren Töchtern das Studium im Ausland ermöglichen und damit auch akzeptieren, dass diese Frauen einen Beruf ergreifen und sich Freiheiten nehmen, die in der Bevölkerung als unmoralisch gelten. Auf der anderen Seite steht die untere Mittelschicht. Dazu gehört der traditionelle Mittelstand, sowie die Masse an HochschulabsolventInnen, die sich mit minderbezahlten Jobs in der Verwaltung begnügen müssen oder überhaupt keine Arbeit finden. Für sie sind die Thesen der Islamisten attraktiv, die gegen den Imperialismus wettern, die Dekadenz der Gesellschaft und den Verfall der Familie als Indiz dafür nehmen. Männer wie Frauen dieser Schichten können nicht am kapitalistisch erwirtschafteten Reichtum der Gesellschaft teilhaben. Das Gerede von der Dekadenz gibt ihnen ein Ventil für ihren Hass gegen diejenigen, die es sich leisten können, in Diskotheken zu gehen oder sich in schicken Shoppingmalls Modekleidung zu kaufen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kurze Geschichte der Frauenrechte&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Obwohl die erste ägyptische Frauenbewegung sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts klar antikolonialistisch artikulierte, konnte sie den Graben zwischen der vom Kolonialismus profitierenden Oberschicht und der deklassierten Mittelschicht nicht überwinden. Sie beteiligten sich zwar aktiv am Befreiungskampf gegen die Kolonialmacht England. Aber ihre frauen-rechtlichen Aktivitäten zeichneten sie als Angehörige der privilegierten Schichten aus: Sie gaben Zeitungen heraus und setzten sich für Bildungsmöglichkeiten ein. Freiheiten, die sich diese Frauen errangen, blieben für ihre Schichten reserviert. Allenfalls wurden Nähkurse für Mädchen der Arbeiterklasse eingerichtet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine grundlegende Änderung für die Ägypterinnen brachte erst Nassers »Staatsfeminismus«. Der durch den Putsch der »freien Offiziere« an die Macht gelangte Präsident führte 1956 das Wahlrecht für Frauen ein und schuf erstmals umfassende Bildungsmöglichkeiten für Frauen, die es ihnen ermöglichten, auch höher qualifizierte Berufe zu ergreifen. Nasser baute die Universitäten aus und versprach jedem Absolventen einen Arbeitsplatz in der Verwaltung. Weil die wirtschaftliche Entwicklung in Ägypten zurückblieb, gab es bald eine Masse an Hochschulabsolventen, die auf dem freien Arbeitsmarkt keine Anstellung fanden. Der Staat musste sie einstellen, damit sanken aber die Löhne für Behördenposten immer weiter. Heute arbeiten in der Verwaltung zum großen Teil Frauen. Sie sind so zumindest sichtbar geworden. Sie verdienen jedoch häufig nicht mehr als 100 Mark monatlich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der später von Islamisten ermordete Präsident Sadat leitete eine umfassende Liberalisierung der Wirtschaft ein. Er schuf damit ein Heer von Arbeitslosen. Als er auch noch Frieden mit Israel schloss, erhielten die Islamisten einen enormen Zulauf. Wenn auch Sadat unter dem Druck seiner Frau das Familienrecht reformierte, die Polygamie einschränkte und Frauen ein begrenztes Scheidungsrecht gab, so hat sich doch wenig an der Frontstellung geändert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Frauen und die Islamisten&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Konservative und Islamisten haben in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und Abbau von sozialen Leistungen ein leichtes Spiel, Frauen ihre Rechte streitig zu machen. Mit ihrem Ruf nach der islamischen Familie schlagen sie gleich zwei Fliegen: Sie reinstallieren die patriarchale Stellung des Mannes als Brotverdiener, wenn Frauen vom Arbeitsmarkt gedrängt werden. Den Backlash legitimieren sie, indem sie den Feminismus als Produkt des Westens diffamieren. So erscheint die Zurückdrängung der Frauen als Teil ihres antiimperialistischen Kampfes.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vollkommen zurückdrängen können die Islamisten Frauen jedoch nicht aus dem öffentlichen Leben. Im Gegenteil organisieren sich gerade in ihren eigenen Reihen massiv auch Frauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der seit den 1980ern zunehmende Islamismus schafft zwar die Atmosphäre, in der sich Frauen immer mehr rechtfertigen müssen, gleichzeitig nutzen ihn Frauen als Freiraum. Gerade Frauen der unteren Schichten können sich mittels der neuen Religiösität über traditionelle Moralvorstellungen hinwegsetzen. Nadia Wasif, Aktivistin und Mitglied des Frauenforschungszentrums Kairo, meint: »Das Kopftuch ermöglicht ihnen Freiheiten, die ihre unverschleierten Mütter nicht hatten. Sie können sich frei auf der Strasse bewegen, arbeiten gehen, sogar mit Männern verkehren und trotzdem respektiert werden.« Die verschleierten Frauen können aktiv am öffentlichen Leben teilnehmen, ohne dass ihnen der Vorwurf der Verwestlichung gemacht werden könnte. Die Tochter eines kommunistischen Funktionärs beschreibt das Dilemma, nachdem ich sie gefragt habe, ob sie politisch aktiv sei – etwa in der Studentenschaft organisiert. Für ein junges Mädchen sei es nicht akzeptabel heutzutage an politischen Veranstaltungen mit Männern teilzunehmen, sagt die 19-Jährige. Auf den Einwurf, dass doch aber viele Frauen aktiv seien, weist sie auf ihre vom T-shirt nicht bedeckten Arme und sagt: »Diese Frauen tragen Kopftücher. Sie können hingehen, wohin sie wollen. Aber für mich ist es besser, wenn ich nach den Vorlesungen gleich nach Hause gehe.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nawal As Sadawi hat Islamistinnen zu der neuen feministischen Plattform eingeladen. Anfang der 90er sah sie im Islamismus noch den größten Feind, heute sagt sie über die Islamistinnen: »Sie existieren, sie sind Teil der Bevölkerung. Außerdem gibt es einige sehr aufgeklärte Islamistinnen, die Frauen innerhalb des Islam befreien wollen und den Koran reinterpretieren wie viele christliche Theologinnen die Bibel neu interpretiert haben.«&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_3jkipys&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_3jkipys&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Feminismus bezeichnet hier jede frauenrechtlich orientierte Aktivität. Eine Unterscheidung wie im Deutschen gibt es nicht, da historisch keine Separierung der unterschiedlichen Strömungen statt gefunden hat. In der deutschen Literatur zum Thema ist der Begriff Feminismus wahrscheinlich schlicht aus dem Englischen übernommen. Ebenso könnte immer von Frauen-Rechtlerinnen die Rede sein.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_s1m90bp&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_s1m90bp&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Vgl.: Kreile, Renate: Politische Herrschaft, Geschlechterpolitik und Frauenmacht im Vorderen Orient, 1997, S. 230 ff.&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:16:26 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Hannah Wettig</dc:creator>
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