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 <title>arranca! - Islamismus</title>
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 <title>Antiislamismus und Islamismus</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/38/antiislamismus-und-islamismus</link>
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                    &lt;p&gt;Das Bedürfnis, sich über „den Islam“ zu informieren, ist in den letzten Jahren in Deutschland gestiegen. Politische, gesellschaftliche und soziale Phänomene werden zunehmend durch „die Kultur“ und „die Religion“ der Anderen zu erklären versucht. Damit wird der eigene Anteil an diesen Phänomenen und am problematischen Verhältnis zueinander geleugnet. Die Situation der Anderen wird mit deren „Kultur“ begründet, die auf Grund „des Islam“ für desolate Zustände verantwortlich sei.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Das Bedürfnis, sich über „den Islam“ zu informieren, ist in den letzten Jahren in Deutschland gestiegen. Politische, gesellschaftliche und soziale Phänomene werden zunehmend durch „die Kultur“ und „die Religion“ der Anderen zu erklären versucht. Damit wird der eigene Anteil an diesen Phänomenen und am problematischen Verhältnis zueinander geleugnet. Die Situation der Anderen wird mit deren „Kultur“ begründet, die auf Grund „des Islam“ für desolate Zustände verantwortlich sei.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Von „Eigenem“ und „Fremdem“&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Konstruktion des Islam als wesentliches Merkmal und Problem von MigrantInnen aus „islamischen“ Ländern blendet die Bedeutung „westlicher Einflüsse“ für die „islamische“ Entwicklung und das Verhältnis der beiden zueinander aus. Dies führt zu einer TäterInnen-Entlastung auf Seiten von Mehrheitsangehörigen und zur Selbst-Ermächtigung von Minderheitenangehörigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn – aus „westlicher“ Sicht – erklärungsbedürftige Erscheinungen der Anderen (Kopftuch, Geschlechterverhältnis, Politikverständnis, Terroranschläge usw.) auf dem Hintergrund ihrer kulturellen und religiösen Zugehörigkeit interpretiert werden und diese als in sich abgeschlossenes, statisches Gebilde verstanden werden, spielen „islamisch-westliche“ Beziehungen keine Rolle. Indem Entwicklungen in „islamischen“ Ländern oder Verhaltensweisen von MigrantInnen in westlichen Gesellschaften als „islamische“ definiert werden, kann die „westliche Dominanz“ diskursiv geleugnet werden und damit faktisch weiter bestehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Verstärkt wird diese Strategie durch eine weitere: „Der Islam“ wird nicht nur als Erklärungsmuster für Entwicklungen in „islamischen“ Ländern herangezogen, sondern auch für das Verhältnis zum „Westen“. Indem er nun auch als Bedrohung von außen verstanden wird, kann die eigene Aggression als Abwehr umdefiniert werden: Krieg gegen Terror, Türken bedrohen deutsche Frauen, „Nicht ohne meine Tochter“. „Der Islam“ dient so der Verleugnung der eigenen Anteile politischer und gesellschaftlicher Entwicklung „der Anderen“. Es wird zwar eine Beziehung zu sich selbst hergestellt, aber lediglich um sich im Verhältnis zu „den Anderen“ als bedroht zu konstruieren. Mit der Einführung „des Islam“ in den „westlichen“ Diskurs ist es „dem Westen“ gelungen, bestehende Machtverhältnisse zu seinen Gunsten zu festigen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kulturalisierung und Machtverhältnisse&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Konstruktion „des Islam“ als Bedrohung versucht, „westliche“ Aggression als Abwehr umzudefinieren. Argumentativ werden Machtverhältnisse umgekehrt, Privilegien können also weiter ausgeschöpft werden. Der Versuch, gesellschaftliche Prozesse als „islamische“ zu konstruieren, wird allerdings auch von der – je nach Sichtweise – unterentwickelten oder ausgebeuteten Seite aus praktiziert. Indem MigrantInnen oder „Moslems“ eigene Verhaltensweisen und Einstellungen direkt aus dem Qur’an ableiten, versuchen sie oft den eigenen Opferstatus zu überwinden, zumindest die Definitionsmacht über sich selbst wiederzuerlangen. Eine Kopftuch tragende Frau tut dies dann nicht, weil Männer, das Patriarchat oder die Ausgrenzung durch Mehrheitsangehörige sie dazu zwingen, sondern mit Hinweis auf den Qur’an und ihre eigene Entscheidung für das Kopftuch. Indem für das eigene Verhalten selbstbewusst kulturelle Besonderheiten beansprucht werden, wird die Auseinandersetzung über sexistische, rassistische und andere Dominanz gemieden. Zuschreibungen und Eingrenzungen werden vorweggenommen und als eigene Entscheidung deklariert, denen mit neuen Bedeutungen versehen ihre verletzende Wirkung genommen werden soll. In derartigen Diskursen wird der Wunsch sichtbar, sich selbst als Opfer zu rehabilitieren und in eine Position der Macht zu heben. Dass gerade der Qur’an als Quelle der Selbstermächtigung gute Dienste leistet, hängt eng mit der „islamisch-westlichen“ Geschichte zusammen. Für das mittelalterliche Abendland galt der Orient gerade in Bezug auf Sexualität, das Geschlechterverhältnis, Intellektualität und Wissenschaft als vorbildlich. Und auch heute bietet sich der Rückgriff auf „den Islam“ als Gegenort zum Westen an, da nach der Beendigung des „Kalten Krieges“ der Platz für Gegenkonzepte zur Weltmacht frei geworden ist.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Essentialisierung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Sowohl die rassistische als auch die islamistische Argumentation bedienen sich der gleichen Mechanismen und argumentieren auf der gleichen Basis. Ihre Konstruktion „des Islam“ ist die gleiche und verhindert eine selbstbestimmte Entwicklung, gerade weil sie gegenwärtige Phänomene als unabhängige zu begründen versucht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Heißt das nun, dass „der Islam“ für die Situation von „Moslems“ keine Rolle spielt? Das sicherlich nicht, auch Konstruktionen haben reale Folgen. Hatte „der Islam“ für viele MigrantInnen keine Bedeutung oder verstanden sie sich explizit als AtheistInnen, so sind diese Haltungen so nicht mehr aufrechtzuerhalten. Auch AtheistInnen fangen wieder an sich mit „dem Islam“ zu beschäftigen, werden sie doch immer wieder mit diesbezüglichen Stereotypen konfrontiert (oder gar als „ExpertInnen“ gefragt). Sich in einem antiislamisch-rassistischen Kontext offen gegen „den Islam“ zu äußern, kann missverstanden werden als Bestätigung rassistischer Konstruktionen. Werden diesen Konstruktionen allerdings differenziertere Überlegungen gegenübergestellt, werden MigrantInnen oft als Moslems stigmatisiert. Auch in vielen „islamischen“ Ländern selbst ist es kaum noch möglich, sich säkular zu verhalten. Der offensichtlichen Aggression von außen wird ein Bedeutungszusammenhang gegeben, der mit konkreten materiellen Hilfen verknüpft nur noch eine eigene Zuordnung zu der einen oder der anderen Seite zulässt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Rassismus und „kulturelle Identität“&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Sowohl Kulturalisierung als auch Ausblendung von Kulturdifferenzen konstruieren den oder die AndereN und damit auch das Selbst und reproduzieren rassistische Machtverhältnisse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun bemühen sich einige „Islam-KennerInnen“ tatsächlich darum, möglichst viele und differenzierte Informationen über „die Anderen“, auch über „den Islam“, zu gewinnen, um nicht in platte Dualismen zu verfallen. Sie ziehen dann nicht das eine Qur’an-Zitat heran, um damit alles zu erklären, sondern versuchen dialektisch und historisch mit Quellen umzugehen. Es bleibt aber die Frage, wozu das gut sein soll. Warum meinen aufgeklärte Mehrheitsangehörige, andere immer wieder verstehen und einordnen zu müssen und ihnen nur dann eine Daseinsberechtigung einräumen zu können, wenn sie einverstanden sind mit deren Lebenskonzept? Auch in diesen Bemühungen kommt das Interesse nach Kontrolle der Situation zum Vorschein, die auf den Machtaspekt von Rassismus, auch antiislamischen, verweist. Jeder Rassismus beinhaltet nicht nur die Konstruktion des Anderen/des Selbst, sondern auch die Position, aus der heraus konstruiert wird. Auch wenn „Moslems“ versuchen, durch die Umkehrung der Bewertung des Islam sich selbst aus der Opferposition herauszudefinieren, bleiben sie dennoch in der unterlegenen Position. Ihre Aussichten auf dem Wohnungs-, Ausbildungs- und Arbeitsmarkt vergrößern sich nicht, wenn sie statt verschämt zu versuchen, ihre Differenz zu verleugnen, sie nun stolz betonen. Allerdings kann es hilfreich sein, sich nicht als wehrloses Opfer, sondern als handelndes Subjekt zu fühlen. Auch bietet die dann neu gewonnene „Schicksalsgemeinschaft“ jenen Rückhalt, der in der Mainstream-Gesellschaft Minderheiten verwehrt wird. Die Frage nach Identität und Zugehörigkeit ist für Ausgegrenzte in der Regel keine akademische, sondern bedeutet häufig erst die Basis dafür, in einer marginalisierten Situation handlungsfähig zu bleiben. Dennoch ist die Gefahr groß, durch die darin liegende Bestätigung von Konstruktionen langfristig bestehende Machtverhältnisse zu zementieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während sich Minderheiten im Interesse ihres Überlebens und ihrer Rehabilitierung an der rassistischen Konstruktion beteiligen, geschieht dies bei Mehrheitsangehörigen vor allem im Interesse ihres Machterhalts. Das gilt es zu reflektieren, und hieran muss antirassistische Arbeit ansetzen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:50 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Iman Attia</dc:creator>
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 <title>Der Westen als Pferdefuß des ägyptischen Feminismus</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/20/der-westen-als-pferdefuss-des-aegyptischen-feminismus</link>
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                    &lt;p&gt;Die Stimmung in dem überfüllten Raum des Forschungszentrums für Menschenrechte ist enthusiastisch, zahlreiche Vertreterinnen von Frauen- und Familienorganisationen sind gekommen, auch ein paar Männer mischen sich in die Diskussion ein. Die Schriftstellerin und über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannteste Feministin Nawal Al Sadawi will eine Plattform ins Leben rufen: Frauen aus allen politischen und gesellschaftlichen Kreisen sollen ihre Rechte verteidigen und am 8. März 2000 auf die Straße gehen.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Die Stimmung in dem überfüllten Raum des Forschungszentrums für Menschenrechte ist enthusiastisch, zahlreiche Vertreterinnen von Frauen- und Familienorganisationen sind gekommen, auch ein paar Männer mischen sich in die Diskussion ein. Die Schriftstellerin und über die Grenzen Ägyptens hinaus bekannteste Feministin Nawal Al Sadawi will eine Plattform ins Leben rufen: Frauen aus allen politischen und gesellschaftlichen Kreisen sollen ihre Rechte verteidigen und am 8. März 2000 auf die Straße gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Anliegen ist gewagt. Demonstrationen sind in Ägypten verboten, denn seit dem Attentat auf Saddat 1981 gilt Notstandsgesetzgebung. Wer sich in Ägypten antipatriarchaler Frauenpolitik oder Menschenrechten verschrieben hat, muss nicht nur gegen Behörden, sondern auch gegen die öffentliche Meinung kämpfen. Doch den Ägypterinnen wird nicht etwa vorgeworfen, sie seien frustriert, hysterisch, vermännlicht oder getrieben vom Männerhass, wie es Feministinnen in allen westlichen Ländern zu hören bekommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Ägypten kann der Vorwurf genau in die andere Richtung gehen: eine Feministin steht eher in dem Ruf, besonders freizügig zu sein, womöglich wolle sie nur kurze Röcke anziehen und die freie Liebe einführen, wie es Nawal Al Sadawi einmal vorgeworfen wurde. Der Feminismus&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_3jkipys&quot; title=&quot;Feminismus bezeichnet hier jede frauenrechtlich orientierte Aktivität. Eine Unterscheidung wie im Deutschen gibt es nicht, da historisch keine Separierung der unterschiedlichen Strömungen statt gefunden hat. In der deutschen Literatur zum Thema ist der Begriff Feminismus wahrscheinlich schlicht aus dem Englischen übernommen. Ebenso könnte immer von Frauen-Rechtlerinnen die Rede sein.&quot; href=&quot;#footnote1_3jkipys&quot;&gt;1&lt;/a&gt; gilt generell als eine Erscheinung der westlichen Industrienationen, dementsprechend heißt es, die Feministinnen seien verwestlicht. Dabei weiß niemand so genau was Verwestlichung ist. Gehen Bruder und Schwester nach Paris oder London zum Studieren, wird man ihn bei seiner Rückkehr als modern bezeichnen, sie dagegen als verwestlicht, sofern sie nicht umgehend ein Kopftuch umbindet. Mit dem Westen hängt alles zusammen, was die Islamisten als Dekadenz bezeichnen: Lebensstil, Kleidung, Schminke. Aber auch Ideen zählen dazu, zumal wenn sie den Islamisten oder der Regierung nicht passen. So sind die Menschenrechte westlichen Ursprungs. Der Islam habe schon immer gemeinschaftliche Menschenrechte gekannt, heißt es, Individualrechte seien überflüssig und gegen die Religion oder die Tradition.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei den Frauen, die sich an der Plattform beteiligen wollen, steht als erstes der Punkt Finanzierung auf der Tagesordnung. »Auf keinen Fall Spenden aus dem Ausland« ist die einhellige Meinung der Aktivistinnen. Man glaubt, wer Spenden aus Europa oder den USA erhalte, sei von dort manipuliert. Erst vor einigen Monaten geriet eine Menschenrechtsorganisation in Verruf, weil das britischen Konsulat Geld für ein Projekt der Organisation gespendet hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Vorwurf der Verwestlichung ist nicht nur ein Mittel der Regierung, sich die missliebige Opposition vom Leibe zu halten, oder der Islamisten, die damit ihre Widersacher diskreditieren wollen. Auch innerhalb der Frauenbewegung ist sie ein beliebtes Mittel der Diffamierung anderer Frauengruppen. Dabei kann es um Geld, Sex oder politische Ausrichtung gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So sagt die feministische Schriftstellerin Salwa Bakr in einem Interview, viele ihrer Mitstreiterinnen würden nur über Sex und den Körper schreiben, um einem westlichen Publikum zu gefallen. Der Einwurf, dass die meisten Bücher der feministischen Autorinnen, über die sie spricht, nicht aus dem Arabischen übersetzt sind, ändert ihre Meinung nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Vorwurf der Verwestlichung meist gefolgt von der Behauptung, sie würde nur über Sex schreiben, ist neben einigen jüngeren Dichterinnen vor allem gegen Nawal As Sadawi gerichtet. Die Theater- und Soapschreiberin Fatayat Al Assal, aktiv in der Frauenvereingung der Linkspartei Tagammu, sagt über Sadawi: »Meine Arbeit ist politisch, wenn ich mich für die Verbesserung der Situation von Frauen einsetze. Sie ist mehr Feministin, mehr europäisch. Sie interessiert sich nur für die Frau an sich und die Sexualität, dabei geht es doch um die ökonomische Situation.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sieht man sich Sadawis Schriften an, erscheinen diese Vorwürfe widersinnig. In ihren politischen Schriften analysiert sie die Situation von Frauen im Kontext von Klassengesellschaft und imperialistischem System. In ihren Romanen existieren vereinsamte Frauen, die von einem System aus Traditionen und kapitalistischen Zwängen erdrückt werden. Handlungsunfähig und unterdrückt sind aber auch die Männer in diesen Geschichten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viel Aufsehen erregte sie, als sie als erste die Praxis der Klitorisbeschneidung schon in den 60ern öffentlich attackierte und das Konzept der Jungfräulichkeit angriff. Beides brachte ihr den Vorwurf ein, für eine ungezügelte Sexualität ein zu treten und sich damit gegen Religion und Kultur zu wenden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sadawi selbst legt großen Wert darauf, nicht verwestlicht zu sein: »Ich habe nie gesagt, dass wir befreit sein wollen wie westliche Frauen. In meinen Büchern schreibe ich, dass Frauen im Westen unterdrückt sind. Ich schreibe sogar, dass ich die westliche Form der Demokratie ablehne.«&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Kolonialmacht schafft die Fronten&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Von Anfang an wurde der Frauenbewegung vorgeworfen, ihre Ideen seien ein Import aus dem Westen oder schlimmer noch: sie spielten den westlichen Kolonialisten und später Imperialisten in die Hände. Die Kritik ist nicht völlig aus der Luft gegriffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die ersten, die sich für die Rechte der ägyptischen Frauen einsetzten war ein Zirkel von Kolonialistenfrauen: die Lady Cromer Society. Die Thematisierung der Unterdrückung der Musliminnen war für die Briten Teil ihrer Kolonialpolitik und diente der Diffamierung der einheimischen Kultur und des Islam. Zentraler Angriffspunkt war das Kopftuch, an ihm wurde gezeigt, dass die Muslime nicht zivilisiert seien.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Laut offizieller ägyptischer Geschichtsschreibung wurde die Diskussion um die Befreiung der Frau von einem Mann eingeleitet. Der Jurist Qasim Amin löste 1899 mit seinem Buch »Die Befreiung der Frau« eine heftige Debatte aus. Die bürgerliche Kleinfamilie war sein Modell. Amin plädierte für die Monogamie, die Abschaffung des Gesichtsschleiers, die Einschränkung der Scheidungsmöglichkeiten für Männer und für das Recht auf gleiche Bildungsmöglichkeiten. Doch seine Argumentation war eingebettet in seine Bewunderung für die Errungenschaften der europäischen Zivilisation und spiegelte die Sicht der britischen Kolonialmacht wieder. Die Muslime sind für Amin rückständig und faul. »Die geistige Hebung der Frau« ist für ihn vor allem ein Schritt zur Erlangung des europäischen Zivilisationsgrads. Doch liegt das Problem nicht einzig darin, dass er die eigene Kultur weitestgehend negiert und damit die Haltung der Kolonialmacht teilt, von Anfang an spielte auch die Klassenfrage in diesem Konflikt ein wesentliche Rolle. Amins war Angehöriger einer Oberschicht, die von der Kolonialherrschaft profitierte. Er stammte aus einer Großgrundbesitzerfamilie und hatte in Frankreich studiert. Die konservative und antifeministische Gegenposition wurde von Angehörigen der traditionellen Mittelschicht vertreten, die in Folge der kapitalistischen Entwicklung von sozialem Abstieg betroffen waren und deren männliche Angehörige nun ihre Position als Familienoberhäupter angegriffen sahen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_s1m90bp&quot; title=&quot;Vgl.: Kreile, Renate: Politische Herrschaft, Geschlechterpolitik und Frauenmacht im Vorderen Orient, 1997, S. 230 ff.&quot; href=&quot;#footnote2_s1m90bp&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Diese Position behauptete, die imperialistischen Mächte wollten das Kernstück der arabischen Kultur – die Familie – schwächen, um die arabischen Länder zu unterwerfen. Ihr Instrument sei die Frauenrechtsbewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Fronten sind bis heute in veränderten Erscheinungsformen geblieben. Auf der einen Seite stehen die Angehörigen der Oberschicht und oberen Mittelschicht, die ihren Töchtern das Studium im Ausland ermöglichen und damit auch akzeptieren, dass diese Frauen einen Beruf ergreifen und sich Freiheiten nehmen, die in der Bevölkerung als unmoralisch gelten. Auf der anderen Seite steht die untere Mittelschicht. Dazu gehört der traditionelle Mittelstand, sowie die Masse an HochschulabsolventInnen, die sich mit minderbezahlten Jobs in der Verwaltung begnügen müssen oder überhaupt keine Arbeit finden. Für sie sind die Thesen der Islamisten attraktiv, die gegen den Imperialismus wettern, die Dekadenz der Gesellschaft und den Verfall der Familie als Indiz dafür nehmen. Männer wie Frauen dieser Schichten können nicht am kapitalistisch erwirtschafteten Reichtum der Gesellschaft teilhaben. Das Gerede von der Dekadenz gibt ihnen ein Ventil für ihren Hass gegen diejenigen, die es sich leisten können, in Diskotheken zu gehen oder sich in schicken Shoppingmalls Modekleidung zu kaufen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kurze Geschichte der Frauenrechte&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Obwohl die erste ägyptische Frauenbewegung sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts klar antikolonialistisch artikulierte, konnte sie den Graben zwischen der vom Kolonialismus profitierenden Oberschicht und der deklassierten Mittelschicht nicht überwinden. Sie beteiligten sich zwar aktiv am Befreiungskampf gegen die Kolonialmacht England. Aber ihre frauen-rechtlichen Aktivitäten zeichneten sie als Angehörige der privilegierten Schichten aus: Sie gaben Zeitungen heraus und setzten sich für Bildungsmöglichkeiten ein. Freiheiten, die sich diese Frauen errangen, blieben für ihre Schichten reserviert. Allenfalls wurden Nähkurse für Mädchen der Arbeiterklasse eingerichtet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine grundlegende Änderung für die Ägypterinnen brachte erst Nassers »Staatsfeminismus«. Der durch den Putsch der »freien Offiziere« an die Macht gelangte Präsident führte 1956 das Wahlrecht für Frauen ein und schuf erstmals umfassende Bildungsmöglichkeiten für Frauen, die es ihnen ermöglichten, auch höher qualifizierte Berufe zu ergreifen. Nasser baute die Universitäten aus und versprach jedem Absolventen einen Arbeitsplatz in der Verwaltung. Weil die wirtschaftliche Entwicklung in Ägypten zurückblieb, gab es bald eine Masse an Hochschulabsolventen, die auf dem freien Arbeitsmarkt keine Anstellung fanden. Der Staat musste sie einstellen, damit sanken aber die Löhne für Behördenposten immer weiter. Heute arbeiten in der Verwaltung zum großen Teil Frauen. Sie sind so zumindest sichtbar geworden. Sie verdienen jedoch häufig nicht mehr als 100 Mark monatlich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der später von Islamisten ermordete Präsident Sadat leitete eine umfassende Liberalisierung der Wirtschaft ein. Er schuf damit ein Heer von Arbeitslosen. Als er auch noch Frieden mit Israel schloss, erhielten die Islamisten einen enormen Zulauf. Wenn auch Sadat unter dem Druck seiner Frau das Familienrecht reformierte, die Polygamie einschränkte und Frauen ein begrenztes Scheidungsrecht gab, so hat sich doch wenig an der Frontstellung geändert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Frauen und die Islamisten&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Konservative und Islamisten haben in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und Abbau von sozialen Leistungen ein leichtes Spiel, Frauen ihre Rechte streitig zu machen. Mit ihrem Ruf nach der islamischen Familie schlagen sie gleich zwei Fliegen: Sie reinstallieren die patriarchale Stellung des Mannes als Brotverdiener, wenn Frauen vom Arbeitsmarkt gedrängt werden. Den Backlash legitimieren sie, indem sie den Feminismus als Produkt des Westens diffamieren. So erscheint die Zurückdrängung der Frauen als Teil ihres antiimperialistischen Kampfes.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vollkommen zurückdrängen können die Islamisten Frauen jedoch nicht aus dem öffentlichen Leben. Im Gegenteil organisieren sich gerade in ihren eigenen Reihen massiv auch Frauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der seit den 1980ern zunehmende Islamismus schafft zwar die Atmosphäre, in der sich Frauen immer mehr rechtfertigen müssen, gleichzeitig nutzen ihn Frauen als Freiraum. Gerade Frauen der unteren Schichten können sich mittels der neuen Religiösität über traditionelle Moralvorstellungen hinwegsetzen. Nadia Wasif, Aktivistin und Mitglied des Frauenforschungszentrums Kairo, meint: »Das Kopftuch ermöglicht ihnen Freiheiten, die ihre unverschleierten Mütter nicht hatten. Sie können sich frei auf der Strasse bewegen, arbeiten gehen, sogar mit Männern verkehren und trotzdem respektiert werden.« Die verschleierten Frauen können aktiv am öffentlichen Leben teilnehmen, ohne dass ihnen der Vorwurf der Verwestlichung gemacht werden könnte. Die Tochter eines kommunistischen Funktionärs beschreibt das Dilemma, nachdem ich sie gefragt habe, ob sie politisch aktiv sei – etwa in der Studentenschaft organisiert. Für ein junges Mädchen sei es nicht akzeptabel heutzutage an politischen Veranstaltungen mit Männern teilzunehmen, sagt die 19-Jährige. Auf den Einwurf, dass doch aber viele Frauen aktiv seien, weist sie auf ihre vom T-shirt nicht bedeckten Arme und sagt: »Diese Frauen tragen Kopftücher. Sie können hingehen, wohin sie wollen. Aber für mich ist es besser, wenn ich nach den Vorlesungen gleich nach Hause gehe.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nawal As Sadawi hat Islamistinnen zu der neuen feministischen Plattform eingeladen. Anfang der 90er sah sie im Islamismus noch den größten Feind, heute sagt sie über die Islamistinnen: »Sie existieren, sie sind Teil der Bevölkerung. Außerdem gibt es einige sehr aufgeklärte Islamistinnen, die Frauen innerhalb des Islam befreien wollen und den Koran reinterpretieren wie viele christliche Theologinnen die Bibel neu interpretiert haben.«&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_3jkipys&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_3jkipys&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Feminismus bezeichnet hier jede frauenrechtlich orientierte Aktivität. Eine Unterscheidung wie im Deutschen gibt es nicht, da historisch keine Separierung der unterschiedlichen Strömungen statt gefunden hat. In der deutschen Literatur zum Thema ist der Begriff Feminismus wahrscheinlich schlicht aus dem Englischen übernommen. Ebenso könnte immer von Frauen-Rechtlerinnen die Rede sein.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_s1m90bp&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_s1m90bp&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Vgl.: Kreile, Renate: Politische Herrschaft, Geschlechterpolitik und Frauenmacht im Vorderen Orient, 1997, S. 230 ff.&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:16:26 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Hannah Wettig</dc:creator>
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