<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?>
<rss version="2.0" xml:base="https://arranca.org"  xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">
<channel>
 <title>arranca! - Italien</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/66/0</link>
 <description></description>
 <language>de</language>
<item>
 <title>Die Krise des Marxismus  in Italien, Teil II</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/47/die-krise-des-marxismus-in-italien-teil-ii</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Die Theorieströmung des Operaismus entwickelte sich als Antwort auf die  Krise der italienischen Arbeiterbewegung in den 1950er und -60er Jahren.  Die Mit-Untersuchung &lt;em&gt;con-ricerca&lt;/em&gt; spielte bei ihrer  theoretischen und politisch-praktischen Erneue­rung eine zentrale Rolle,  obwohl sie von Anfang an weit davon entfernt war, eine kohärente  Methode zu sein. Diese konzeptionelle Uneindeutigkeit ist bis heute in  den Debatten über Militante Untersuchungen präsent. Das Konzept und die  operaistische Praxis eingreifender Untersuchungen bilden den Schwerpunkt  dieses zweiten Teils.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_4ljctzw&quot; title=&quot;Die Krise der Repräsentation der  Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer  analysiert worden, zu finden unter arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; href=&quot;#footnote1_4ljctzw&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_4ljctzw&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_4ljctzw&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Die Krise der Repräsentation der  Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer  analysiert worden, zu finden unter &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die Theorieströmung des Operaismus entwickelte sich als Antwort auf die Krise der italienischen Arbeiterbewegung in den 1950er und -60er Jahren. Die Mit-Untersuchung &lt;em&gt;con-ricerca&lt;/em&gt; spielte bei ihrer theoretischen und politisch-praktischen Erneue­rung eine zentrale Rolle, obwohl sie von Anfang an weit davon entfernt war, eine kohärente Methode zu sein. Diese konzeptionelle Uneindeutigkeit ist bis heute in den Debatten über Militante Untersuchungen präsent. Das Konzept und die operaistische Praxis eingreifender Untersuchungen bilden den Schwerpunkt dieses zweiten Teils.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_igd9ghn&quot; title=&quot;Die Krise der Repräsentation der Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer analysiert worden, zu finden unter arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; href=&quot;#footnote1_igd9ghn&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;Im Nachkriegsitalien der 1950er Jahre verfolgten die traditio­nellen Institutionen der Arbeiter*innenbewegung eine zunächst erfolgreiche Strategie des «italienische Wegs zum Sozialismus», die eine «progressive» Demokratie gegen Revanchismus und Monarchie durchsetzen konnte. Sie fokussierte einen wirtschaftlichen Wiederaufbau, der auf quantitatives Wachstum und Industrialisierung setzte. Dadurch entfernten sie sich von den konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter*innenschaft. Die Krise des Marxismus in Italien erschien wesentlich als eine Krise der Repräsentation der Arbeiter*innen durch ihre politischen Institutionen. In dieser Situation fanden junge Aktivist*innen ihren Weg in die Fabriken, um Klassenanalyse und Klassenkampf zu verbinden. Für sie bildete die Untersuchung das «erste Instrument» politischer Arbeit. &lt;br /&gt;Fiat spielte für die Entwicklung und Anwendung der Militanten Untersuchung eine bedeutende Rolle. Marco Revelli beschrieb sie in seinem Buch «Fiat und die Arbeiter(innen)» als «Behemoth aus Metall», dessen Größe und Ausdehnung als zugleich faszinierend und abschreckend erscheint: «Fast 3 Millio­nen Quadratkilometer, zur Hälfte überdacht, Eingangstore, verteilt über einen Umfang von mehr als zehn Kilometern, eine Bevölkerung von 30 bis 60 000 Menschen, je nach Tageszeit, mit einem Straßennetz von 22 und einem Eisenbahnnetz von 40 Kilometern. Acht Lokomotiven, täglich 130 abfahrende und eben soviel ankommende Waggons. Fast 40 Kilometer Fließbänder, 223 Kilometer Hochbänder, 13 Kilometer unterirdische Tunnel, 13 000 Werkzeugmaschinen. Ein Telefonnetz in der Größenordnung einer Stadt wie Ivrea, mit 10 000 Anschlüssen und 667 Kilometer Kabel; eigene Stromproduktionskapazitäten zum Abdecken von 50 Prozent des Energiebedarfs – das entspricht einer Million Glühbirnen oder dem Gesamtstromverbrauch einer Stadt wie Triest. Eine jährlich verfeuerte Brennstoffmenge, mit der man 22 000 Wohnungen heizen könnte. Das ist Mirafiori: die größte Fabrik der Welt».&lt;br /&gt;Im Inneren dieses Behemoths begann Anfang der 1950er Jahre ein intensiver Prozess der Neuorganisation des Unternehmens. Zwar stieg auch die Anzahl der Beschäftigten, jedoch bei weitem nicht im gleichen Maße wie die Produktions- und Umsatzkurven. Bei Fiat vollzog sich durch Rationalisierung und Automation der Übergang in eine neue, «neokapitalistische»&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_fo9osah&quot; title=&quot;Der Begriff des Neokapitalismus wurde von italienischen Autor*innen als Beschreibung der Umwälzung der Produktions- und Regulationweise in den 1950er Jahren verwendet. Im internationalen kritischen Diskurs hat sich allerdings der Begriff des Fordismus durchgesetzt.&quot; href=&quot;#footnote2_fo9osah&quot;&gt;2&lt;/a&gt; Phase der Massenproduktion und -konsumtion. Fiat galt als paradigmatisches Beispiel für die Transformationsprozesse innerhalb der «großen Industrie». Die unternehmerischen Entscheidungen, die bei Fiat getroffen und durchgesetzt wurden, aufgrund der Wirtschaftskraft und seiner Einbindung in den internationalen Markt, als «determinierend für die italienische Politik» bezeichnet. &lt;br /&gt;Und schließlich galt Fiat als Ort der «Massenavantgarden», der bewussten kommunistischen Arbeiter*innenschaft. Die Parteizellen der Pci spielte bei Fiat in den 1940er und 1950er Jahren eine derart große Rolle, dass von einer «Vergewerkschaftung der Partei» gesprochen wurde. Im Juli 1948, nachdem der christdemokratische Block aus den landesweiten Wahlen als Sieger hervorgegangen war, wird die Nachricht von einem Attentat auf den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Palmiro Toglitatti bekannt. Als direkte Reaktion besetzen die Fiat-Arbeiter*innen ihre Betriebe und setzen Führungskräfte fest. Fiat stand in vorderster Linie der Protestbewegung, die ganz Italien zu erfassen begann. In Turin trat daraufhin die Partisan*innen organisation wieder in Erscheinung und stellte sich gegen die Linie der Führung der Arbeiter*innenbewegung. Sie wartete auf die Gelegenheit zum Aufstand, doch diese trat nicht ein. Zwei Tage später schafften es die Gewerkschaft und Partei, die Arbeiter*innen zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. &lt;br /&gt;Anfang der 1950er Jahre kam es dann zu vereinzelten Streiks in Form spontaner Kämpfe, die die Fabrik meist nicht als Ganzes erfassten. Diese spontanen, autonomen Kämpfe standen oft in direkter Konfrontation zu den Institutionen der Arbeiter*innenbewegung und ihrer nationalen Linie des wirtschaftlichen Aufschwungs und des italienischen Weges zum Sozialismus . Die 1955 stattfindenden Wahlen zur &lt;em&gt;commissione interna&lt;/em&gt; (vergleichbar mit Betriebsratswahlen) wurden zu einer historischen Niederlage der kommunistischen Gewerkschaft Fiom, die ihre absolute Mehrheit verlor und auf 36 Prozent einbrach. Ab Mitte der 1950er Jahre schien das Zeitalter der Massenavantgarden endgültig der Vergangenheit anzugehören. Fiat galt als befriedet. Im Frühjahr 1962 schließlich begann der Streik um die Erneuerung der Arbeitsverträge der Metallarbeiter*innen. Bereits im Februar 1962 hatte die Turiner Fiom versucht, einen Streik für Gesamt-Fiat auszurufen. Der Versuch missglückte. In den ersten Streiktagen nahmen die Fiat-Arbeiter*innen an diesen Kämpfen nicht teil. Anfang Juli unterschrieb die katholische Gewerkschaft Uil ein separates Abkommen mit der Fiat-Leitung, woraufhin die Uil-Zentrale an der Piazza Statuto in Turin durch Fiat-Arbeiter*innen besetzt wurde. Es folgten drei Tage schwerer Zusammenstöße mit der Polizei. Am Ende dieser Eskalation stand die Mobilisierung von 60 000 Fiat-Arbeiter*innen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Alquati und die «Neuen Kräfte»&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Eineinhalb Jahre vor den Ereignissen auf der Piazza Statuto, zwischen Ende 1960 und Anfang 1961, hatte Romano Alquati, Mitbegründer der Quaderni Rossi (QR)&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_twj05xe&quot; title=&quot;Die zwischen 1961 und 1967 erschienenen Quaderni Rossi (Roten Hefte) können als erstes Organ des sich konstituierenden Operaismus interpretiert werden.&quot; href=&quot;#footnote3_twj05xe&quot;&gt;3&lt;/a&gt;, etwa zwanzig Tage lang vor allem sozialistische und kommunistische Fiom-Mitglieder der commissione interna interviewt. Er wollte so Arbeitsvorschläge und -hypothesen gewinnen, die dem Fernziel dienen sollten, der klassenkämpferischen Energie und der Konfliktfähigkeit vergangener Tage nachzuspüren und sie wieder herzustellen. &lt;br /&gt;Dieser erste provisorische Untersuchungsansatz steht einem sehr weit gefassten Zielhorizont gegenüber: Der «Umwandlung der objektiven Kräfte in subjektive, politisch bewusste Kräfte in einer Perspektive der Überwindung des bestehenden Systems» (Alquati 1974). Die Schwierigkeiten dem Anspruch der Mit-­Untersuchung in der Praxis gerecht zu werden, sah Alquati durchaus: «Die Mituntersuchung [war] entweder eine erst in der Zukunft realisierbare Forderung oder sie war eine mystifizierte und recht kurze Beziehung zwischen irgendwelchen Forschern und einzelnen Arbeitern!» (Alquati 1985). Alquatis Arbeit hat den Sprung von der punktuellen Arbeiter*innenuntersuchung zur Mit-Untersuchung nie geschafft. &lt;br /&gt;Trotz ihres provisorischen Charakters waren Alquatis Ergebnisse von großer Bedeutung für die sich entwickelnde operaistische Strömung. Er stellte die Hypothese neuer Kräfte bei Fiat auf, die offen für den Klassenkampf seien, sich aber nicht mehr in gleicher Weise wie die frühere Facharbeiterschaft mit ihrer ­Tätigkeit identifizierten. Sie seien nicht mehr in der gleichen Weise in und durch die klassische Arbeiterbewegung sozialisiert und lehnten diese teilweise ab. Sie artikulierten sich auch politisch auf deutlich andere Weise. Später sollte auf dieser Grundlage von der «anderen» Arbeiter*innenbewegung gesprochen werden. ­Alquatis Ziel war es, eine Beziehung zu diesen neuen Avantgarden aufzubauen, blieb dabei aber auf halbem Weg stecken. Annäherungen an neue Modelle blieben noch einer traditionellen Parteiperspektive verhaftet.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Konzept der Klassenzusammensetzung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das zweite wesentliche Ergebnis von Alquatis Untersuchung war das Konzept der Klassenzusammensetzung. Dieser operaistische Begriff war von zentraler Bedeutung für die Erneuerung des Marxismus in Italien und darüber hinaus. Ziel des Konzepts ist die Analyse der historisch-konkreten Ausformung der Arbeiter*innenklasse. Dabei sind zwei Komponenten zu unterscheiden: Erstens wird die arbeitsteilige Aufspaltung, Ausdifferenzierung und Parzellierung der kollektiven lebendigen Arbeit, die durch die kapitalistisch-technologische Entwicklung bestimmt wird auf den Begriff der technologischen Klassenzusammensetzung gebracht; zweitens wird die Realität der Arbeitskämpfe, also der subjektive Faktor der Klasse, ihre Kampfbereitschaft und das erreichte Niveau der Klassenkämpfe, unter dem Begriff der «politischen» Zusammensetzung der Arbeiterklasse gefasst.&lt;br /&gt;Der Begriff der Neuzusammensetzung der Klasse basiert auf der Artikulation dieser beiden Momente: Die Einführung einer neuen Technologie kann es erforderlich machen (oder zumindest als effizient erscheinen lassen) den Produktionsprozess zu restrukturieren (Prozessinnovation). Dieser Neubestimmung des Prozesses entspricht dann eine Neuverteilung der lebendigen Arbeit auf seine Einzelteile. Dies macht andere, veränderte Qualifikationen der Arbeitskraft erforderlich, wodurch bisheriges Wissen im und vom Produktionsprozess entwertet wird.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Hypothese der Integration&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In Anknüpfung und zugleich in einer Gegenbewegung zu ­Alquatis Ansatz ist die Untersuchung zu verstehen, die von den ebenfalls in den QR organisierten Autor*innen Dino De Palma, Vittorio Rieser und Edda Salvadori bei Fiat 1960/61 durchgeführt wurde. Anstoß für ihre Untersuchung war das Aufflammen landesweiter Kämpfe um die Tarifverträge 1959/60 und das gleichzeitige Ausbleiben derselben bei Fiat: Ausgangs- und Einstiegspunkt für die Untersuchung bildete die Tatsache, «dass die Fiat-Arbeiter an der Wiederaufnahme der Kämpfe (insbesondere an den Kämpfen um die Tarifverträge von 1959) nicht beteiligt­ waren. [...] Das wurde von uns nicht als eine ‹betriebsinterne› Angelegenheit betrachtet [...], sondern als ein Phänomen von brennender politischer Bedeutung, dem Allgemeingültigkeit zukam» (De Palma/Rieser/Salvadori 1972). &lt;br /&gt;Während Alquatis provisorische Untersuchung die Hypothese von für den Klassenkampf offenen neuen Kräften aufstellte,­ stellen De Palma/Rieser/Salvadori genau die entgegengesetzte Arbeitshypothese an den Anfang ihrer Untersuchung: Die der gelungenen Integration der Arbeiter bei Fiat. Die Autor*innen wollten der Frage nachgehen, wieso es in einer Fabrik mit einer solchen Tradition der Massenavantgarden möglich war, dass die Arbeiter*innenschaft sich nicht mehr an den Kämpfen beteiligte.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Mit-Untersuchung und die Problematik der Soziologie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Differenzen zwischen diesen beiden Untersuchungsansätzen bestehen auch in ihrem Verhältnis zur Soziologie: Während der «soziologischen Flügel» innerhalb der QR, zu dem De Palma,­ Rieser und Salvadori gehörten, die Mit-Untersuchung in die Nähe der Soziologie rückte, zog Romano Alquati eine klare Grenze: Für ihn war die Mit-Untersuchung eine Methode der politischen Aktion an der Basis. Sie sollte gemeinsam mit den kämpfenden Subjekten nach Zielen und entsprechenden Formen des Klassenkampfs suchen und war strikt auf die Autonomie der Arbeiter*innenklasse ausgerichtet und ihr verpflichtet&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_jwn12g7&quot; title=&quot;Eine ähnliche Auffassung vertrat der Arbeitskreis Militante Untersuchung in den 1980er Jahren: www.wildcat-www.de/thekla/08/t08akmu1.htm&quot; href=&quot;#footnote4_jwn12g7&quot;&gt;4&lt;/a&gt;.&lt;br /&gt;Dieser Gegensatz wurde von Raniero Panzieri in seinem Aufsatz «Sozialistischer Gebrauch des Fragebogens» relativiert. In seiner Perspektive war die zentrale Frage nicht die des Verhältnisses der Untersuchung zur Soziologie, sondern die nach der «sozialistischen Anwendung». Während die Soziologie eine Perspektive der Konfliktbewältigung einnehme, gehe es bei einer «sozialistischen Anwendung» der Soziologie darum, einen Standpunkt zu beziehen, der Konflikte dahingehend betrachtete, wie aus ihnen eine Dynamik entwickelt werden kann, die die Konflikte in einen Antagonismus überführt. Panzieri zufolge brauchte es einen Perspektivwechsel hin zu einem «Arbeiterstandpunkt».&lt;br /&gt;Auch Alquati selbst ließ später eine klare Grenzziehung zwischen Mit-Untersuchung und Soziologie hinter sich und führte statt dessen eine graduelle Differenz ein: Auf die wesentlich von ihm selbst durchgeführte Untersuchung bei Fiat 1960/61 bezogen, sprach er davon, dass es sich dabei um eine soziologische Untersuchung gehandelt habe, die er als Provisorium und Hilfsmoment bezeichnet. Er macht aber zugleich die Differenz zum «soziologischen Flügel» der QR deutlich, für den sie genau das Gegenteil war: «die politische Beziehung zum kollektiven Arbeiter und zu seiner anstehenden autonomen Organisierung war ein Mittel, um die soziologische Untersuchung zu realisieren» ­(Alquati 1985). Die Mit-Untersuchung bezeichnet Alquati in diesem Kontext als ein weit entferntes Ziel: In ihr sollte die Arbeiterklasse selbst das Subjekt der Untersuchung sein. In dieser Perspektive erscheint die Mit-Untersuchung als Fluchtpunkt, der nicht unmittelbar zu erreichen ist, weil das Feld, auf dem sie durchgeführt werden soll, noch nicht in entsprechender Weise strukturiert ist. Die soziologische Methode erlaubt hingegen, sich dem Feld zu nähern, es zu erkunden: «Solange man außerhalb stand, hatte die (französische, englische und amerikanische) Industriesoziologie einige Hypothesen anzubieten». &lt;br /&gt;Alquati ging davon aus, dass versucht werden müsse, über die Diskussion der Ausrichtung und des Inhalts der Untersuchung möglichst viele Mit-Untersuchungsgruppen zu konstituieren, also durch einen bewussten Aushandlungsprozess der Inhalte der Untersuchung und durch die Erarbeitung der Themen mit und durch alle Beteiligten, eine größtmögliche Untersuchungsgruppen-Basis zu schaffen. Diesen Prozess verstand er als Organisierungsansatz. Dagegen bestand der soziologische Flügel darauf, dass das Konzept der Untersuchung sich nicht aus der «Summe der Kontakte mit den Arbeitern ergeben» könne. Die Untersuchung müsse «ganz entschieden von &lt;em&gt;uns&lt;/em&gt; gelenkt werden» (De Palma/Rieser/Salvadori 1972).&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Schlussfolgerung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In gewisser Weise haben wir es bei der Militanten Untersuchung mit einer experimentellen Praxis zu tun, die die Unschärfe des Begriffs bedingt. Diese Unschärfe drückt sich unter anderem in den differenten Auffassungen ihres Verhältnisses zur Soziologie aus. Wenn sie anerkannt und in gewisser Weise auch als konstituiv betrachtet wird, kann sie allerdings dazu beitragen zu verstehen, wieso immer noch kontroverse Debatten darüber geführt werden, was denn eigentlich unter dem Begriff zu verstehen sei.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_mb8uhat&quot; title=&quot;Zum Beispiel in der Beilage zur Wildcat Nr. 93, in der FelS vorgeworfen wird, Sinn und Kernelemente einer Militaten Untersuchung nicht zu verstehen.&quot; href=&quot;#footnote5_mb8uhat&quot;&gt;5&lt;/a&gt; Hinzu kommt, dass in der Literatur die Benutzung der Begiffe äußerst uneinheitlich ist. Wieso der Terminus «Arbeiteruntersuchung» gewählt wird und nicht «Mit-Untersuchung» oder vice versa wird in den historischen Texten kaum reflektiert. &lt;br /&gt;Die folgende begriffliche Differenzierung entspricht nicht der historischen Überlieferung, scheint aber insofern sinnvoll, als sie erstens versucht, die Verwendung der unterschiedlichen Termini zu begründen und zweitens eine konzeptionelle Synthese der Auffassung Alquatis und des soziologischen Flügels der QR zu liefern. Die Unterscheidung ist keine sich gegenseitig ausschließende. Sie kann vielmehr auch als eine Stufenabfolge interpretiert werden. &lt;br /&gt;Die Arbeiter*innenuntersuchung: Sie ist eine Untersuchung der Arbeiter*innen durch andere. Das Subjekt-Objekt-Verhältnis (Untersuchende und Untersuchte) bleibt bestehen.&lt;br /&gt;Die Mit-Untersuchung als Versuch zusammen mit einigen (wenigen) Arbeiter*innen, die Arbeiter*innen zu untersuchen. Auch sie bezeichnet ein von außen gesteuertes Vorgehen, das aber den Versuch macht, die verfestigte Subjekt-Objekt-Relation in Frage zu stellen. &lt;br /&gt;Die (Arbeiter*innen-)Selbstuntersuchung als Untersuchung der Arbeiter*innen durch die Arbeiter*innen. Hierin ist das Subjekt-Objekt-Verhältnis tendenziell aufgehoben. &lt;br /&gt;Die Massen(selbst)untersuchung ist die massenhaft­ ausgeweitete Selbstuntersuchung der Arbeiter*innen durch die Arbeiter*innen. Sie ist als ein der Autonomie der Arbeiter*innenklasse verpflichteter Organisierungsansatz zu verstehen.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_igd9ghn&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_igd9ghn&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Die Krise der Repräsentation der Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer analysiert worden, zu finden unter &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_fo9osah&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_fo9osah&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Der Begriff des Neokapitalismus wurde von italienischen Autor*innen als Beschreibung der Umwälzung der Produktions- und Regulationweise in den 1950er Jahren verwendet. Im internationalen kritischen Diskurs hat sich allerdings der Begriff des Fordismus durchgesetzt.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_twj05xe&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_twj05xe&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Die zwischen 1961 und 1967 erschienenen Quaderni Rossi (Roten Hefte) können als erstes Organ des sich konstituierenden Operaismus interpretiert werden.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_jwn12g7&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_jwn12g7&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Eine ähnliche Auffassung vertrat der Arbeitskreis Militante Untersuchung in den 1980er Jahren: &lt;a href=&quot;http://www.wildcat-www.de/thekla/08/t08akmu1.htm&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.wildcat-www.de/thekla/08/t08akmu1.htm&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_mb8uhat&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_mb8uhat&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Zum Beispiel in der Beilage zur Wildcat Nr. 93, in der FelS vorgeworfen wird, Sinn und Kernelemente einer Militaten Untersuchung nicht zu verstehen.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/47/die-krise-des-marxismus-in-italien-teil-ii&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/47/die-krise-des-marxismus-in-italien-teil-ii&quot; dc:title=&quot;Die Krise des Marxismus  in Italien, Teil II&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/705&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/705  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/47/die-krise-des-marxismus-in-italien-teil-ii#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/italien">Italien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/militante-untersuchung">Militante Untersuchung</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/operaismus">Operaismus</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Sun, 10 Nov 2013 16:33:27 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">705 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Die Krise des Marxismus in Italien</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Konzepte eingreifender Untersuchungen1 stoßen derzeit wieder&lt;br /&gt;
auf ein gesteigertes Interesse. Wieso ist das so?&lt;br /&gt;
Um die wiederkehrende Aktualität besser zu verstehen, lohnt es&lt;br /&gt;
sich, einen Blick auf ihre historischen Entstehungsbedingungen&lt;br /&gt;
zu werfen.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Konzepte eingreifender Untersuchungen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_lj9spwu&quot; title=&quot;»Eingreifende Untersuchung« wird an dieser Stelle als Oberbegriff verstanden werden, unter den verschiedene Ansätze subsumiert werden können. So z.B. aktivierende Befragungen, militante, Arbeiter- oder auch die sogenannte Mit-Untersuchung. Eingreifende Untersuchungen sind Untersuchungen, die sich bewusst von einer vermeintlich wissenschaftlich neutralen, positivistischen Position distanzieren und versuchen, parteiisch in Konflikte zu intervenieren.&quot; href=&quot;#footnote1_lj9spwu&quot;&gt;1&lt;/a&gt; stoßen derzeit wieder auf ein gesteigertes Interesse. Wieso ist das so? Um die wiederkehrende Aktualität besser zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf ihre historischen Entstehungsbedingungen zu werfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Entwicklung und Anwendung &lt;em&gt;Militanter Untersuchungen&lt;/em&gt; als einer prominenten Form eingreifender Untersuchungen ist unzertrennlich mit der Krise und Erneuerung des italienischen Marxismus der 1950er und 1960er Jahre verbunden. Um diese Erneuerung durch die Theorie- und Bewegungsströmung des &lt;em&gt;Operaismus&lt;/em&gt; besser verstehen zu können, muss zunächst die Krise der Repräsentation der etablierten Institutionen der ArbeiterInnenbewegung analysiert werden. In ihnen brechen die Widersprüche kommunistischer Strategie der Kriegs- und Nachkriegszeit hervor. Die Bearbeitung dieser Widersprüche trägt zur Konstitution der neuen Strömung bei. Vor diesem Hintergrund lassen sich die theoretischen wie auch politisch-praktischen Absetzbewegungen des sich entwickelnden Operaismus besser nachvollziehen. Im zweiten Teil des Artikels in der nächsten &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; wird es genauer um die theoretische Erneuerung und die operaistische Praxis der Militanten Untersuchung am Beispiel der Untersuchung bei FIAT gehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die antifaschistische Volksfront im Zweiten Weltkrieg&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auf dem 7. (und letzten) Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) 1935 fand eine radikale Abkehr von den Beschlüssen des vorangegangenen Weltkongresses 1928 statt: Die Sozialfaschismusthese, nach der die Sozialdemokratie der Hauptfeind der kommunistischen Weltbewegung war, wurde fallen gelassen und der Weg für ein Bündnis zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten freigemacht. Weiterhin musste die These vom Faschismus als die zum Scheitern verurteilte Krisenstrategie des Kapitals, als dessen letzter aussichtsloser Versuch, die kapitalistische Produktionsweise aufrecht zu erhalten, revidiert werden. Die Weltwirtschaftskrise hatte ihre apokalyptische Phase (1929-33) hinter sich gelassen und war 1935 bereits in eine Phase der langen Depression übergegangen. In den USA führte der als &lt;em&gt;New Deal&lt;/em&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_0tsqqa2&quot; title=&quot;Der New Deal war eine Serie von Wirtschafts und Sozialreformen, die als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise durchgesetzt  wurden. Er stellt einen großen Umbruch in der Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte der Vereinigten Staaten dar.&quot; href=&quot;#footnote2_0tsqqa2&quot;&gt;2&lt;/a&gt; bezeichnete Klassenkompromiss zu einer Entspannung und Stabilisierung der ökonomischen und politischen Verhältnisse. In Deutschland war der Nationalsozialismus zwei Jahre zuvor an die Macht gelangt und in Italien der Faschismus längst in eine Phase der Konsolidierung eingetreten. Sowohl die Zusammenbruchstheorie, der mit ihr verbundene revolutionäre Attentismus&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_hsuguyo&quot; title=&quot;Attentismus (lat.: attendere; dt.: abwarten) ist ein Begriff, der ein untätiges, abwartendes Verhalten bezeichnet. Dabei werden Handlungsentscheidungen aufgeschoben in der Erwartung, dass die Situation sich klärt. Revolutionärer Attentismus bezeichnet meist das Warten auf die Revolution in der sozialdemokratischen Arbeiterschaft vor dem Ersten Weltkrieg.&quot; href=&quot;#footnote3_hsuguyo&quot;&gt;3&lt;/a&gt; der sozialdemokratischen ArbeiterInnenbewegung als auch das leninistische Revolutionsmodell – die katastrophische Krise des Kapitalismus, der bewaffnete Aufstand und die Diktatur des Proletariats unter Führung der Avantgarde- Partei – schienen vor dem Hintergrund dieser&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Entwicklungen keine realistische Perspektive mehr zu besitzen. Die Stabilisierung der weltwirtschaftlichen Lage und die Konstitution und Normalisierung des Faschismus hatten die Möglichkeiten einer revolutionären Umwälzung radikal verändert. Der Faschismus und im Besonderen der Nationalsozialismus wurden als reale, physische Bedrohung und Infragestellung der UdSSR und ihres Machtbereichs interpretiert. Palmiro Togliatti&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_czgegg4&quot; title=&quot;Palmiro Togliatti war faktisch von 1926, nach der Verhaftung Antonio Gramscis, Vorsitzender der PCI. Er bekleidete in den 1930er Jahren eine führende Rolle in der Komintern. Er blieb bis in die 1960er Jahre die bestimmende Figur innerhalb der PCI.&quot; href=&quot;#footnote4_czgegg4&quot;&gt;4&lt;/a&gt; stellte diesen Sachverhalt in seinem Referat auf dem 7. Weltkongress durch die Bezugnahme auf die nach Osten orientierte nationalsozialistische »Bodenpolitik« heraus. Auf Grundlage der Definition des Faschismus nach Georgi Dimitroff&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_94mkdk5&quot; title=&quot;Von 1935 bis 1943 war er Generalsekretär der Komintern, ab 1946 bulgarischer Ministerpräsident.&quot; href=&quot;#footnote5_94mkdk5&quot;&gt;5&lt;/a&gt;, wonach dieser eine »offen terroristische[n] Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals« darstelle, bildete sich die Strategie heraus, ein breites Klassenbündnis gegen das faschistische Regime zu formieren, das zwischen ArbeiterInnen, Bauern und dem Bürgertum bis hin zu nicht-monopolistischen Kapitalfraktionen geschlossen werden sollte: die Bildung der antifaschistischen Volksfront. Dieses Bündnis sollte sich aus den demokratischen und antifaschistischen, aber nicht mehr ausschließlich den (sub-)proletarischrevolutionären Klassen und Klassenfraktionen zusammensetzen und deshalb konnte es auch nicht unmittelbar auf das Moment der sozialistischen Revolution hin ausgerichtet werden. Der Sieg über den Faschismus müsse zuerst mithilfe des Volksfrontbündnisses erlangt werden, um direkt danach vom antifaschistischen Befreiungskrieg in einen revolutionären Bürgerkrieg übergehen zu können, der schließlich im Sieg über die liberal-demokratische Bourgeoisie gipfeln würde. Dieses Szenario wurde von Togliatti auf dem 7. Weltkongress in seinem Referat entwickelt, das sich mit den zu erwartenden imperialistischen Kriegen, dem Erstarken der faschistischen Bewegung und den Aufgaben der Kommunistischen Internationalen beschäftigte. Schließlich wurde diese neue Linie einer klassenübergreifenden Volksfrontpolitik im Kampf gegen den Faschismus auf dem 7. Weltkongress beschlossen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Strategie der verlängerten Volksfront&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Kommunistische Partei Italiens (PCI) setzte nach dem Krieg und der Niederschlagung des Faschismus darauf, den demokratischen Verfassungsstaat gegen die starke monarchistische Strömung durchzusetzen und darin das Konzept einer »progressiven Demokratie« zu verankern. Auf diese Weise hoffte die PCI, das zukünftige Terrain der Auseinandersetzung in ihrem Sinne vorstrukturieren zu können. Togliattis Politik der »strukturellen Reformen« sollte die Rahmenbedingungen für einen Übergang zum Sozialismus schaffen. Zusammen mit dem nationalen Projekt des Wiederaufbaus und der wirtschaftlichen Entwicklung wurde diese Strategie als der »italienische Weg zum Sozialismus« bezeichnet. Die antifaschistische Volksfront bildete dabei den Machtblock, in dem sich die PCI bewegen konnte, dessen Kern wiederum von der Arbeitereinheitsfront, das heißt mit dem Parteienbündnis zwischen Sozialisten und Kommunisten, gebildet wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Strategie des »italienischen Weges« resultierte auch aus der Einsicht in die Notwendigkeit, eine abermalige Rechtsverschiebung der Kräfteverhältnisse langfristig durch die Festschreibung des demokratischen Verfassungsstaats zu verhindern und damit der latenten Gefahr eines erneuten Aufstiegs des Faschismus zu begegnen. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, wenn Togliatti sich später in der verfassunggebenden Versammlung nicht gegen den Privatbesitz an Produktionsmitteln aussprechen wird, sondern gegen denjenigen Besitz, der die Form des Monopols annimmt und damit die freie Entfaltung und Initiative von Teilen der Bevölkerung verhindere. Auf diesem Wege sollte die soziale Basis des Faschismus eliminiert werden. Diese Strategie der verlängerten Volksfront ging zunächst auch auf: Die antifaschistische Volksfrontregierung setzte ein Referendum zur verfassunggebenden Versammlung durch, das knapp zugunsten der Republik und gegen die Monarchie entschieden wurde. Bei der Volksabstimmung im Juni 1946 sprachen sich 54,3% für eine Republik aus. Die Verfassung selbst trat am 1. Januar 1948 in Kraft und enthielt einige von der PCI durchgesetzte Formulierungen, die sich auf die herausgehobene Stellung der ArbeiterInnenschaft bei der Konstitution der Republik bezogen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die bürgerliche Demokratie wurde also nicht nur als Kampffeld akzeptiert und gegen reaktionäre Tendenzen verteidigt, vielmehr wurde sie maßgeblich erst selbst durch die PCI durchgesetzt und zwar in einer Zeit, in der die Monarchie in der Bevölkerung noch fest verankert, Mussolini gerade erst abgesetzt und eine postfaschistische Nachfolgeregierung eingesetzt worden war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Neben diesen Erfolgen lag das Problematische der Entwicklung sicherlich darin, dass der Kampf der PCI um die verfassunggebende Versammlung sich nicht länger in Begriffen des Klassenkampfes, der kapitalistischen Ausbeutung und der Aufhebung des Staates artikulierte und artikulieren konnte, sondern zunehmend von Polemiken gegen die »Rente« und das »Parasitentum« ersetzt wurde. Die Partei entledigte sich damit ihres klassenanalytischen und ökonomiekritischen Vokabulars. Der nationale Wiederaufbau und die wirtschaftlichen Prosperität waren von nun an die Zielsetzungen und die Entwicklung der Produktivkräfte das leitende Paradigma, das wiederum als rein technisches und technologisches Problem charakterisiert wurde. Damit musste die kapitalistische Form der wirtschaftlichen Entwicklung systematisch unberücksichtigt bleiben, was in der Konsequenz bedeutete, eine Trennung von politischem und ökonomischem Kampf bei einer Priorisierung des politischen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Scheitern der Strategie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Obgleich die Volksabstimmung zugunsten der Republik entschieden wurde und eine progressive Verfassung im Januar 1948 in Kraft trat, deutete sich mit dem Bruch der antifaschistischen Einheitsfront bereits im Mai 1947 das Scheitern der Strategie der PCI an. Der antikommunistische Flügel der sozialistischen Partei Italiens (PSI) spaltete sich von der PSI ab und bildete die sozialdemokratische Partei (PSDI). Daraufhin bildete der christdemokratische Ministerpräsident De Gasperi die Regierung um. Zeitgleich mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages im Februar 1947 wurden Kommunisten und Sozialisten aus der Regierung gedrängt. Um dieses Scheitern verstehen zu können, ist es wichtig, auch auf den internationalen Kontext zu sprechen zu kommen und zu berücksichtigen, dass 1947 die Phase des Kalten Krieges eingeleitet wurde&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_s8osq90&quot; title=&quot;Am 12. März 1947 hielt der US-amerikanische Präsident Truman, eine später als »Truman- Doktrin« bezeichnete Rede, die den Beginn der containment-Politik gegenüber der kommunistischen Einflusssphäre markierte. Truman polemisierte gegen die von »aggressiven Bewegungen bedrohten Freiheiten« und gegen die Errichtung »totalitärer Regime«, vor allem in Bezug auf Griechenland und die Türkei. Im Zuge dieser containment-Politik wurden Finanzhilfen und militärische Unterstüzung der Regime als »Investitionen in die Freihet« bezeichnet.&quot; href=&quot;#footnote6_s8osq90&quot;&gt;6&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der entstehende Antikommunismus wurde innerhalb der antifaschistischen Volksfront sofort und enthusiastisch vom katholischen Lager aufgenommen. Die USA unterstützten diesen Kurs und sagten Kredite und Lebensmittelhilfen unter der Bedingung des Ausschlusses der PCI von der Regierung zu. Gian Carlo Pajetta, ein Mitglied der Parteiführung der PCI, bemerkte in einer Vorlesung aus dem Jahr 1971, dass die PCI in der Tat nicht damit gerechnet hatte, dass es zu ihrem Ausschluss aus der Regierung zu diesem Zeitpunkt kommen könnte, gerade auch vor dem Hintergrund ihrer zentralen Rolle bei der Befreiung vom Faschismus und ihrer starken Verankerung in der Bevölkerung. Immerhin hatte die PCI 1946 über 2 Millionen Mitglieder.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber selbst wenn die PCI dieses Szenario antizipiert hätte – was wären die Alternativen gewesen, besonders vor dem Hintergrund der sich vollziehenden Spaltung der Welt in zwei machtpolitische Lager und der damit verbundenen Notwendigkeit auf Seiten der italienischen Kommunisten, sich im gegnerischen Lager bewegen zu müssen? Luigi Longo&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_892frll&quot; title=&quot;Luigi Longo (1900-1980) war zunächst Politkommissar der italienischen Brigade im spanischen Bürgerkrieg, später Generalinspekteur aller internationalen Brigaden und ab 1943 in einer führenden Position der Partisanenverbände in der Widerstands- und Befreiungsbewegung Italiens.&quot; href=&quot;#footnote7_892frll&quot;&gt;7&lt;/a&gt; erinnerte im September 1947, bei der Gründung des Kommunistischen Informationsbüros in Polen, an die bitteren Erfahrungen der griechischen kommunistischen Bewegung: In Griechenland war es zu einer bewaffneten Konfrontation der Widerstandsbewegung mit den westlichen Siegermächten gekommen. Die Mängel der Politik der PCI sah Longo deshalb auch nicht in der grundsätzlichen hegemonietheoretisch geleiteten Ausrichtung der PCI, sondern vielmehr in dem Versäumnis, keine wirksamen Massenmobilisierungen und -aktionen gegen diesen »kalten Staatsstreich« durchgeführt zu haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Krise der Strategie der PCI kulminiert Mitte der 1950er Jahre. Insbesondere das Jahr 1956 kann als historisches Datum im negativen Sinne für die PCI verstanden werden: Die für die Volksfront konstitutive Arbeitereinheitsfront zerbrach. Die PSI erneuerte ihren Aktionspakt mit der PCI nicht und initiiert Gespräche mit den antikommunistischen Sozialdemokraten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zudem wurde vermehrt über das Einsetzen eines italienischen Wirtschaftswunders debattiert, an dem sich innerhalb der PCI zwei Strömungen abarbeiteten: Während das erklärte Ziel der Mehrheitsströmung ein akzeptables, quantitatives Wirtschaftswachstum war, konstituierte und verstärkte sich die innere oppositionelle Strömung der PCI, der es um eine qualitativ andere Weise des Wirtschaftens ging. Dabei wurde besonders die Trennung des ökonomischen vom politischen Kampf kritisiert, die als eine Konsequenz aus der Priorisierung der Konstitution einer progressiven Demokratie, auf deren Grundlage ein Kampf um Hegemonie und »strukturelle« Reformen auszutragen sei, bewertet wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Neben diesen drei Konfliktlinien (1. der wachsenden Spannungen zwischen der PCI und den anderen Parteien der antifaschistischen Volksfront über die Ausrichtung des Landes beim Prozess des Wiederaufbaus; 2. der sich formierenden Opposition innerhalb der PCI bezüglich der Frage nach dem Verhältnis von politischem und ökonomischem Kampf und 3. der Beginn des Kalten Krieges) ist noch eine vierte in diesem Kontext wichtig: Im Februar 1956 fand der 20. Parteitag der KPdSU in Moskau statt, auf dem Nikita Chruschtschow die stalinistische Willkürherrschaft und die unter ihr begangenen Verbrechen verurteilte. Gleichzeitig offenbarten die Aufstände in Polen und Ungarn die Krise der realsozialistischen Ordnung. Vor diesem Hintergrund radikalisierte Togliatti die Selbstkritik der KPdSU wie auch diejenige an den KPs Polens und Ungarns und sprach von selbst verschuldeten und inneren Ursachen der Unruhen. Die nationalen KPs seien unfähig, sich den verändernden Verhältnissen anzupassen und den daraus erwachsenden Reformerfordernissen gerecht zu werden. Für die alten, noch durch die Komintern geschulten Kader der PCI war das revisionistischer Verrat am Sozialismus. Dieser Revisionismusvorwurf, der bereits laut geworden war als der absolute Führungsanspruch und die Interessenkonvergenz der italienischen Kommunisten mit der KPdSU durch die Formulierung des nationalen Weges zum Sozialismus infrage gestellt worden war, verstärkte sich nun.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Volksfrontpolitik, die die PCI in Italien verfolgte, zunächst überaus erfolgreich war: Zunächst steht der Sieg über den Faschismus, danach fällt die Entscheidung für die Republik und die Implementierung einer progressiven Verfassung. Aber spätestens 1948 mit dem Zerbrechen der Volksfront und dem »kalten Staatsstreich« gegen die PSI und PCI beginnt sich das Blatt zu wenden. Innerhalb der PCI nehmen die Flügelkämpfe zu, und außenpolitisch werden die KommunistInnen zunehmend isoliert durch den Beginn des Kalten Krieges. Die Krise des Marxismus in Italien, verstanden als Krise der historischen Institutionen der ArbeiterInnenbewegung, beginnt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Krise der Repräsentation der Gewerkschaften&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch die CGIL&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref8_c02fz8k&quot; title=&quot;Die Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL) ist ein nationaler Gewerkschaftsbund in Italien. Sie wurde im Juni 1944 gegründet durch die Einigung von Sozialisten, Kommunisten und Christdemokraten.&quot; href=&quot;#footnote8_c02fz8k&quot;&gt;8&lt;/a&gt; als Einheitsgewerkschaft war der Ideologie des italienischen Weges zum Sozialismus, der Strategie der Implementierung einer progressiven Demokratie und struktureller Reformen, in der Annahme gefolgt, dadurch in eine partizipatorischere Phase der kapitalistischen Entwicklung einzutreten. Sie fixierte sich, analog zur PCI, auf die »großen Probleme der Nation«, wie zum Beispiel auf die »Rückständigkeit« der ökonomischen Strukturen des italienischen Südens. Dem zweiten großen nationalen Problem, der wachsenden Erwerbslosigkeit, wurde mit einem Arbeitsplatzbeschaffungsprogramm begegnet. Zu diesem Zwecke forderte die CGIL eine Reihe von Strukturreformen, die unter anderem die Verstaatlichung der Elektrizitätsbetriebe und neben der Urbarmachung und Bewässerung von Boden, den Aufbau staatlicher Gesellschaften für Infrastrukturmaßnahmen vorsahen, unter anderem Wohnungsbau, Telefon, Kanalisation. Wolfgang Rieland hebt hervor, dass in diesem »piano del lavoro« (Arbeitsplan) die konkrete Gestalt der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung nicht zur Debatte gestellt wurde. Gleichzeitig stand neben dieser nun auch in der CGIL hegemonial gewordenen verlängerten Volksfrontstrategie eine merkwürdige Indifferenz der beginnenden Repression der Staatsapparate gegen streikende Fabrikund bodenbesetzende LandarbeiterInnen gegenüber. Allein im Jahr 1949 wurden mehrere erschossen, Hunderte verwundet und Tausende verhaftet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Währenddessen spaltete sich, analog zum Ausschluss der PCI und PSI aus der Regierung, der katholische Gewerkschaftsflügel von der CGIL ab und konfrontierte diese mit einer Politik, die das »marxistische Gewerkschaftertum« mittels einer »betriebsnahen Tarifpolitik« von seiner ArbeiterInnenbasis abzuschneiden sucht und dadurch die »organisatorische Hegemonie der CGIL« brechen wollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zunächst jedoch ergaben sich aus diesem Prozess keine Konsequenzen für die Führung der CGIL. Auch nach der Spaltung behielt sie ihren Anspruch der Zentralisierung bei, genauso wie den Anspruch, die Klasse der Werktätigen im Allgemeinen zu vertreten. Hierbei kann davon ausgegangen werden, dass gerade durch den Anspruch und die Praxis der Zentralisierung (zum Beispiel in der Tarifpolitik) wesentliche Probleme der CGIL verstärkt, wenn nicht gar produziert wurden, denn dadurch wurde faktisch die Bildung von Basisorganisationen der Gewerkschaft in den Betrieben verhindert und der Bürokratisierung Vorschub geleistet, wodurch wiederum die CGIL den Kontakt zur ArbeiterInnenschaft und damit den Problemen und Bedingungen an den Arbeitsplätzen verlor. Diese dreifache Ursache für die Krise der CGIL, die sich an den großen Problemen der Nation ausrichtete, gleichzeitig von massiven Repressionen betroffen war und in der Fabrik gegen eine Koalition aus Unternehmensleitung und christlichen Gewerkschaften ankämpfen musste, führte letztlich zu einer Bürokratisierung der gewerkschaftlichen Organisation, zu ihrer Unterordnung unter die Politik der Partei und zu einer Entfernung von den konkreten Problemlagen der ArbeiterInnenbasis in den Betrieben. Dies hatte umso fatalere Auswirkungen als genau in jener Zeit, zu Beginn der 1950er Jahre, eine umfassende Restrukturierung der Produktionsprozesse in den Industrien des Nordens stattfand. Mit der Mechanisierung und Rationalisierung, die in einer ersten Welle während der 1950er Jahre die industriellen Großbetriebe erfasste, verlor die CGIL zunehmend ihre Basis in den Betrieben, die von der qualifizierten Facharbeiterschaft gebildet wurde: »Das neue ›kapitalistische Arrangement‹, dass den Arbeitern ›angetan‹ wurde, war der CGIL völlig entgangen, während sie vergeblich eine abstrakte Einheit der Arbeiterklasse zu verteidigen suchte. Dieses ›Vorbeigehen‹ an der neuen Realität der Arbeitsbedingungen bestimmte auch den Ausgang der Wahlen bei der FIAT [...]« (Alf 1977: 198).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_lj9spwu&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_lj9spwu&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; »Eingreifende Untersuchung« wird an dieser Stelle als Oberbegriff verstanden werden, unter den verschiedene Ansätze subsumiert werden können. So z.B. aktivierende Befragungen, militante, Arbeiter- oder auch die sogenannte Mit-Untersuchung. Eingreifende Untersuchungen sind Untersuchungen, die sich bewusst von einer vermeintlich wissenschaftlich neutralen, positivistischen Position distanzieren und versuchen, parteiisch in Konflikte zu intervenieren.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_0tsqqa2&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_0tsqqa2&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Der New Deal war eine Serie von Wirtschafts und Sozialreformen, die als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise durchgesetzt  wurden. Er stellt einen großen Umbruch in der Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte der Vereinigten Staaten dar.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_hsuguyo&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_hsuguyo&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Attentismus (lat.: attendere; dt.: abwarten) ist ein Begriff, der ein untätiges, abwartendes Verhalten bezeichnet. Dabei werden Handlungsentscheidungen aufgeschoben in der Erwartung, dass die Situation sich klärt. Revolutionärer Attentismus bezeichnet meist das Warten auf die Revolution in der sozialdemokratischen Arbeiterschaft vor dem Ersten Weltkrieg.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_czgegg4&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_czgegg4&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Palmiro Togliatti war faktisch von 1926, nach der Verhaftung Antonio Gramscis, Vorsitzender der PCI. Er bekleidete in den 1930er Jahren eine führende Rolle in der Komintern. Er blieb bis in die 1960er Jahre die bestimmende Figur innerhalb der PCI.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_94mkdk5&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_94mkdk5&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Von 1935 bis 1943 war er Generalsekretär der Komintern, ab 1946 bulgarischer Ministerpräsident.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_s8osq90&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_s8osq90&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Am 12. März 1947 hielt der US-amerikanische Präsident Truman, eine später als »Truman- Doktrin« bezeichnete Rede, die den Beginn der containment-Politik gegenüber der kommunistischen Einflusssphäre markierte. Truman polemisierte gegen die von »aggressiven Bewegungen bedrohten Freiheiten« und gegen die Errichtung »totalitärer Regime«, vor allem in Bezug auf Griechenland und die Türkei. Im Zuge dieser containment-Politik wurden Finanzhilfen und militärische Unterstüzung der Regime als »Investitionen in die Freihet« bezeichnet.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_892frll&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_892frll&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; Luigi Longo (1900-1980) war zunächst Politkommissar der italienischen Brigade im spanischen Bürgerkrieg, später Generalinspekteur aller internationalen Brigaden und ab 1943 in einer führenden Position der Partisanenverbände in der Widerstands- und Befreiungsbewegung Italiens.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote8_c02fz8k&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref8_c02fz8k&quot;&gt;8.&lt;/a&gt; Die Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL) ist ein nationaler Gewerkschaftsbund in Italien. Sie wurde im Juni 1944 gegründet durch die Einigung von Sozialisten, Kommunisten und Christdemokraten.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; dc:title=&quot;Die Krise des Marxismus in Italien&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/678&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/678  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/italien">Italien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/militante-untersuchung">Militante Untersuchung</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/operaismus">Operaismus</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Sun, 09 Jun 2013 19:41:11 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">678 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>&quot;10 Jahre, das ist für viele von uns eine lange Zeit, politisch betrachtet&quot;</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/45/10-jahre-das-ist-fuer-viele-von-uns-eine-lange-zeit-politisch-betrachtet</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Die „Tage von Genua“ im Sommer 2001 haben wie kaum ein anderes Ereignis  der jüngeren „Bewegungsgeschichte“ Spuren in der linken Erinnerung  hinterlassen – nicht nur bei denjenigen, die damals auf den Straßen  waren, sondern ebenso bei den vielen anderen, die sich einer radikalen  antikapitalistischen Linken verbunden fühlen. Zehn Jahre später, im  Sommer 2011, beschäftigte uns besonders die Frage, wie sich  Bewegungsgeschichte vermitteln lässt. Wie können Erfahrungen vermittelt  werden, damit die Erinnerung nicht ausschließlich aus den  wirkungsmächtigen Bildern in unseren Köpfen besteht, die die Erkenntnis  über die Tragweite der Ereignisse und deren Folgen oftmals zu verstellen  drohen? &lt;br /&gt; Im September luden wir deshalb in Münster zu einer öffentlichen  Retrospektive ein, bei der wir mit drei damaligen Aktivisten (B., I. und  M.) über Genua sprachen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die „Tage von Genua“ im Sommer 2001 haben wie kaum ein anderes Ereignis der jüngeren „Bewegungsgeschichte“ Spuren in der linken Erinnerung hinterlassen – nicht nur bei denjenigen, die damals auf den Straßen waren, sondern ebenso bei den vielen anderen, die sich einer radikalen antikapitalistischen Linken verbunden fühlen. Zehn Jahre später, im Sommer 2011, beschäftigte uns besonders die Frage, wie sich Bewegungsgeschichte vermitteln lässt. Wie können Erfahrungen vermittelt werden, damit die Erinnerung nicht ausschließlich aus den wirkungsmächtigen Bildern in unseren Köpfen besteht, die die Erkenntnis über die Tragweite der Ereignisse und deren Folgen oftmals zu verstellen drohen? &lt;br /&gt;Im September luden wir deshalb in Münster zu einer öffentlichen Retrospektive ein, bei der wir mit drei damaligen Aktivisten (B., I. und M.) über Genua sprachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Linke Geschichte macht eine Generationenfrage auf. Unterschiedliche politische Generationen setzen sich und ihre politische Praxis in unterschiedlichen Bezug zu einer linken Bewegungsgeschichte. Als B. 2001 in Genua demonstrierte, war er schon seit 17 Jahren in der radikalen Linken aktiv. Für ihn gab es anfangs kaum eine „eigene“ Vorgeschichte: &lt;em&gt;„Als ich angefangen habe, mich politisch zu engagieren, da gab es keine Geschichte, wir haben quasi bei Null angefangen. Klar, es gab die 68er und so, aber das war ja nicht unseres, es gab keine autonome Bewegung. Was alles schon passiert ist, wie hat sich das entwickelt, warum stehen wir heute an dem Punkt, an dem wir stehen? Das ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern das hat eine Vorgeschichte, eine Geschichte von dreißig Jahren Kämpfen in verschiedensten Formen und diese Entwicklungen zu verstehen und auf dem Schirm zu haben, finde ich wichtig. Und da ist Genua ein Teil von.“&lt;/em&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_3jr8n0p&quot; title=&quot;Die kursiv gesetzten Passagen sind Auszüge von Wortbeiträgen von der Veranstaltung.&quot; href=&quot;#footnote1_3jr8n0p&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Name Genua verweist auf Bilder, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben: riesige, in Tränengasnebel getauchte Demonstrationszüge; die fantasievoll gepolsterten, zum Sturm auf die Rote Zone anlaufenden Aktivist_innen des &lt;em&gt;Tute Bianche&lt;/em&gt;-Netzwerks; die brennende Wanne der paramilitärischen Carabinieri. Und immer wieder brutale Polizeigewalt, die schließlich in der Ermordung Carlo Giulianis auf der Piazza Alimonda ihren drastischsten Ausdruck findet. Diese Bilder sind deshalb so wirkungsmächtig, weil sie zugleich ungeheure Faszination wie große Ängste erzeugen. Genua wird rückblickend einerseits zum krassen Riot-Event verklärt (vor allem von denjenigen, die nicht dabei waren und glauben, etwas verpasst zu haben), andererseits als staatliche Gewaltorgie eines völlig enthemmten Repressionsapparates erinnert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Bilder und Mythen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Erinnerung setzt sich stets aus symbolisch aufgeladenen Bildern zusammen. Dies grundsätzlich zu kritisieren und daraus eine Art „Bilderverbot“ abzuleiten, schlägt fehl. Im Falle Genuas mögen diese erinnerten Bilder die Mobilisierungskraft miterklären, die in vielen Aktionen rund um den Jahrestag zum Ausdruck kommen. Selbst im meist recht beschaulichen Münster demonstrierten fast 50 Linke unangemeldet durch die Innenstadt.&lt;br /&gt;Allerdings können die wirkungsmächtigen Bilder vergangener Protestereignisse schnell zur Grundlage regelrechter Mythen werden. &lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Ich bin mit diesen autonomen Mythen groß geworden“&lt;/em&gt;, stellte I., der als Mitglied einer Antifa-Gruppe nach Genua reiste, fest. &lt;em&gt;„Wackersdorf 86, Brokdorf und Startbahn West. Davon hörte man immer und war nie dabei. Irgendwie dachte man ‚Wow, das muss so abgegangen sein damals und ganz schnell entstehen solche Mythen.“&lt;/em&gt; Mythen, deren Inhalte nicht länger mit den Erfahrungen der Aktivist_innen übereinstimmen. Ein ebensolcher Mythos rankt mittlerweile auch um die Ereignisse von 2001. &lt;em&gt;„Wenn ich mich mit Jüngeren unterhalte, höre ich oft ‚Wow, Genua‘. Ich finde Genua auch für die Geschichte von uns Linken wichtig und trotzdem denke ich, ein gewisser Mythos Genua, der von gewissen Seiten, also jetzt eher von Autonomen und Antifaszene kommend, den würde ich gerne bis zu einem gewissen Punkt, vielleicht nicht gerade brechen, aber schon anknacksen.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele der Mythen um Genua betreffen die militanten Auseinandersetzungen. Mehrere Stunden lang konnten am 20. Juli 2001 militante Kleingruppen relativ ungestört agieren, Barrikaden bauen und Banken in Brand stecken, bis die Polizei gegen Nachmittag mit massiver Gewalt angriff.&lt;em&gt; „Für mich gab es so um 13 Uhr einen Bruch. Bis 13 Uhr war es total surreal; die lassen dich hier machen, die schießen aus hundert Metern Entfernung ihr Gas, da sind die Gasgranaten noch im hohen Bogen geflogen. Im Nachhinein halte ich diese Zurückhaltung seitens der Polizei für Kalkül. Dann, auf einmal, sind die Bullen nach vorne gegangen. Irgendwann haben sie die Gasgranaten nicht mehr im hohen Bogen geschossen, sondern auf Kopfhöhe und Körperhöhe. Sie haben versucht, Leute zu treffen. Wenn so eine Gasgranate trifft, gibt das schwere Verbrennungen, nicht irgendwie blaue Flecken. Was dann folgte war eine Gewaltorgie.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die massive Polizeigewalt war ein bestimmendes Thema in den Tagen, Wochen und Monaten nach den Protesten. Nicht nur, weil die Polizei scharf geschossen hatte und Carlo Giuliani ermordete. Hunderte Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, die psychischen Folgen der Angriffe dauern bei vielen über Jahre an: „Genua war das traumatischste Erlebnis in meinem Leben. Ich muss heute noch, wenn ich Bilder sehe oder Texte lese, anfangen zu heulen. Das geht nicht anders. Ich war schon auf einer Menge Demos, wo es abging, aber so was habe ich noch nicht erlebt.“ (B.) – „Was ich mit den eigenen Augen gesehen habe, diese Häme, dieses Faschistische, Liegende zu treten, zu erniedrigen, Zigarettenkippen auf ihnen aufzudrücken. Wir waren an der Ecke, wo Carlo erschossen wurde, und ich habe gesehen, wie der Leichnam abtransportiert wurde. Da war nichts mit Bahre oder so. Die haben einfach den toten Körper zu zweit genommen und in den Jeep geschmissen, was auch sehr symbolisch war. Es war eine Art von Menschenverachtung, die ich nie vergessen werde.“ (I.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine Erinnerung an Genua muss einen Raum für diese Erlebnisse und Erfahrungen schaffen. Fragwürdige Erzählungen eines Märtyrertodes oder eine Verherrlichung der Riots bieten dafür keinen Platz.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die starke Betonung des Agierens von Zivilpolizist_innen und Agents Provocateurs während der Straßenschlachten läuft ebenfalls Gefahr, einen entlastenden Mythos aufzurichten. Obwohl bewiesen ist, dass sich Zivilpolizei unter den Demonstrierenden befand und Beweismittel gefälscht wurden, sieht I. in diesem Diskurs eine Flucht vor der Übernahme von Verantwortung: &lt;em&gt;„Also ich glaube im Nachhinein, dass es Teile der Bewegung gab, die sich keinerlei Gedanken darüber gemacht haben, wie weit man einen Staat militärisch herausfordern kann. Ich will damit nicht sagen, dass die Leute selbst schuld sind, was da passiert ist, sondern ich glaube, es war auch gewollt, dass es so eskaliert. Ich sage halt, dass auch auf unserer Seite einige Leute dabei waren, wo ich denke, da haben sich die Wertekriterien ganz schön verschoben.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Letztendlich ist die Frage, ob und in welchem Maße die Gewalteskalation durch den Staat angeheizt wurde, nicht mehr die wichtigste: &lt;em&gt;„Wir hatten uns auf Sachen eingestellt, wir waren alle ausgerüstet. Fünf Wochen vorher hatten die Bullen in Göteborg geschossen. Uns war klar, es kann kippen, es wird kippen. Aber ich habe Sachen erlebt, ich fand, dass die Gewalt völlig aus dem Ruder lief. Nicht nur von den Bullen. Ich will die in keinster Weise in Schutz nehmen, überhaupt nicht. Es war klar, wir haben die Konfrontation gesucht. Das hat am Anfang alles super geklappt, aber dann lief es auch von unserer Seite aus dem Ruder. Irgendwann wurden Brände in Banken gelegt, über denen Wohnungen lagen. ... Wir müssen uns heute selbstkritisch fragen – und ich finde militante Aktionen, die vermittelbar und sinnvoll sind, nach wie vor richtig: Wie konnte man auf die Idee kommen, das soweit zu treiben, weil man eigentlich weiß, dass ein Staat ganz anders hoch militarisiert ist, und das dann soweit zuzuspitzen? Und zumindest in den Teilen, in denen ich mich bewegt habe, war die Bereitschaft weit zu gehen da, aber das ist eine subjektive Einschätzung.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Auch linke Bewegungsgeschichte ist eine Konstruktion&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Rückblickend erscheint es verlockend, bestimmte Ereignisse und Tendenzen linker Bewegungsgeschichte zu verklären oder abzuwatschen. Besonders über die so genannte Globalisierungskritische Bewegung werden schnell vereinfachende Urteile gefällt, die der Bewegung einen radikalen, teilweise sogar jeden progressiven Charakter absprechen. Der Vorwurf der „verkürzten Kapitalismuskritik“ ist schnell zur Hand. Wer die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse und den politischen Kontext nicht beachtet, mag sich zwar in einer Attitüde des Bescheidwissens gefallen, zu einer sinnvollen politischen und historischen Bewertung linker Geschichte gelangt mensch so nicht. Warum erzeugten denn die Gipfelproteste nach Seattle solch ein Interesse?&lt;em&gt; „Vielleicht sollten wir uns an die Situation Anfang der 1990er Jahre erinnern, um die Begeisterung für dieses Gipfelhopping zu verstehen. 1989, Fall der Mauer, Sieg des Kapitalismus. Das war eine total krasse Stimmung. Deutschland wurde größer. Der real-existierende Sozialismus, an dem wir immer superviel Kritik hatten, war weg. Der Kapitalismus hat sich jeden Tag als Sieger postuliert, bekannt gemacht, abgefeiert. Schließlich sei das Ende der Geschichte ja erreicht, der Beweis vollbracht, das beste aller Systeme ist der bürgerliche Parlamentarismus mit Kapitalismus. Daran wird die ganze Menschheit glücklich.”&lt;/em&gt; (M.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die großen Mobilisierungen zu den Gipfeltreffen machten dann kapitalismuskritische Forderungen wieder hörbar. Als erstes Ereignis eines neuen Bewegungsaufbruchs gilt allerdings der Aufstand der Zapatistas: &lt;em&gt;„Da kommt 1994 dieses ‚Ya Basta‘ aus Chiapas, dieses ‚Nein, das ist noch nicht das Ende der Geschichte‘. Die Leute im letzten Winkel Mexikos sagten, ‚Nö, nö, wir machen jetzt hier unser Ding‘. Und sie wollten es anders machen, deshalb hat das viele Leute inspiriert, ihnen Mut gemacht, einfach ‚Nein‘ zu sagen.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die nachträglich vorgenommene Kontextualisierung verweist deutlich darauf, dass natürlich auch Bewegungsgeschichte eine Konstruktion von Geschichte ist. Rückblickend werden Entwicklungen deutlich, Handlungen erhalten Legitimität oder verlieren diese. Folgen und Wirkungen werden festgemacht, Schlussfolgerungen gezogen. Damit stellt sich auch die Frage der Repräsentanz: Welche und wessen Geschichte(n) werden erzählt? Für unsere Veranstaltung mussten wir eine Auswahl treffen. Da nicht die kontroverse Debatte um zugespitzte Thesen, sondern vielmehr die gemeinsame Verständigung und Reflexion im Vordergrund stand, tat es der Veranstaltung keinen Abbruch, dass die eingeladenen Genossen alle Vertreter einer außerparlamentarischen radikalen Linken waren. Sie waren und sind zwar in unterschiedlichen Zusammenhängen (Antifa, Zapatista-Solidarität, autonome Szene) aktiv, teilen aber ähnliche Erfahrungen. Diese Auswahl repräsentierte natürlich nicht die Breite und Vielstimmigkeit der &lt;em&gt;Multitude&lt;/em&gt; von Genua bzw. der globalisierungskritischen Bewegung. Nicht geplant war, dass ausschließlich Männer sprachen, wodurch eine Repräsentanz verschiedener Gender-Identitäten nicht gewährleistet war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die große Resonanz und das Feedback auf die Veranstaltung machten deutlich, dass großes Interesse an einer Auseinandersetzung mit linker Geschichte besteht. Richtig war, dabei auf Fotos und Videos komplett zu verzichten und nur die Berichte der damals Aktiven als Diskussionsgrundlage heranzuziehen. Selbst erst zehn Jahre zurückliegende Ereignisse können es wert sein, wieder zum Thema gemacht zu werden. Nicht zuletzt, weil besonders Antifa-Zusammenhänge vielfach von Jüngeren mitgetragen werden. Dann sind zehn Jahre für viele von uns eine lange Zeit, politisch betrachtet. Vor allem aber geht es um eine offene Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte: &lt;br /&gt;&lt;em&gt;„Da gibt es in der jüngeren Geschichte unheimlich viel zu entdecken, auch Strategien sich anzugucken, wann funktioniert was? Wir sollten unsere Berichte nicht wegschmeißen, sondern die eigene Geschichte von unten dokumentieren.“&lt;/em&gt; (M.)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_3jr8n0p&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_3jr8n0p&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Die kursiv gesetzten Passagen sind Auszüge von Wortbeiträgen von der Veranstaltung.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/45/10-jahre-das-ist-fuer-viele-von-uns-eine-lange-zeit-politisch-betrachtet&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/45/10-jahre-das-ist-fuer-viele-von-uns-eine-lange-zeit-politisch-betrachtet&quot; dc:title=&quot;&amp;quot;10 Jahre, das ist für viele von uns eine lange Zeit, politisch betrachtet&amp;quot;&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/653&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/653  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/45/10-jahre-das-ist-fuer-viele-von-uns-eine-lange-zeit-politisch-betrachtet#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/europa">Europa</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/g8">G8</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/genua">Genua</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/globalisierung">Globalisierung</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/globalisierungskritik">Globalisierungskritik</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/italien">Italien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/soziale-bewegungen">Soziale Bewegungen</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Tue, 28 Feb 2012 13:21:31 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">653 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Bandite - Verbannte Partisaninnen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/45/bandite-verbannte-partisaninnen</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Der Dokumentarfilm &lt;em&gt;Bandite &lt;/em&gt;von Alessia Proietti und Giuditta  Pellegrini (Italien 2009, 52 min.) fragt nach der Rolle der Frauen im  Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung in Italien zwischen  1943 und 1945. Interviewpassagen mit ehemaligen Partisaninnen,  Statements von Historikerinnen und Archivmaterialien (Bilder von  faschistischen Aufmärschen und der Wehrmacht, Flugblätter der  Partisan_innen, Pässe und Passierscheine) – folgen in schneller Montage  aufeinander. Die schnellen Schnitte und die thematische und  chronologische Zusammenstellung der Interviews – vom Krieg und  Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten 1943 über die Besatzung des  Landes durch die deutsche Wehrmacht, die Entscheidung für die  Resistenza, die Erfahrungen im Widerstand und schließlich das Kriegsende  mit dem Referendum für die Republik als neue Staatsform, in deren  Verfassung die Frauen erstmals in der italienischen Geschichte das  Wahlrecht erhielten – betonen die Gemeinsamkeiten der Protagonistinnen  und ihrer Erfahrungen. Der Film beschreibt dabei den Kampf der Frauen in  der Resistenza nicht nur als Widerstand gegen Faschismus und deutsche  Besatzung, sondern betont die emanzipatorische Dimension des Kampfes,  fängt die Resistenza als zentralen Wendepunkt der Geschichte von Frauen  in Italien ein und schlägt immer wieder den Bogen in die Gegenwart,  indem er die Bedeutung der Erinnerung an die Resistenza für linke  feministische Politik in Italien betont.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Der Dokumentarfilm &lt;em&gt;Bandite &lt;/em&gt;von Alessia Proietti und Giuditta Pellegrini (Italien 2009, 52 min.) fragt nach der Rolle der Frauen im Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung in Italien zwischen 1943 und 1945. Interviewpassagen mit ehemaligen Partisaninnen, Statements von Historikerinnen und Archivmaterialien (Bilder von faschistischen Aufmärschen und der Wehrmacht, Flugblätter der Partisan_innen, Pässe und Passierscheine) – folgen in schneller Montage aufeinander. Die schnellen Schnitte und die thematische und chronologische Zusammenstellung der Interviews – vom Krieg und Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten 1943 über die Besatzung des Landes durch die deutsche Wehrmacht, die Entscheidung für die Resistenza, die Erfahrungen im Widerstand und schließlich das Kriegsende mit dem Referendum für die Republik als neue Staatsform, in deren Verfassung die Frauen erstmals in der italienischen Geschichte das Wahlrecht erhielten – betonen die Gemeinsamkeiten der Protagonistinnen und ihrer Erfahrungen. Der Film beschreibt dabei den Kampf der Frauen in der Resistenza nicht nur als Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung, sondern betont die emanzipatorische Dimension des Kampfes, fängt die Resistenza als zentralen Wendepunkt der Geschichte von Frauen in Italien ein und schlägt immer wieder den Bogen in die Gegenwart, indem er die Bedeutung der Erinnerung an die Resistenza für linke feministische Politik in Italien betont.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Als ich &lt;/em&gt;Bandite &lt;em&gt;in Berlin gesehen habe, hat jemand hinter mir Bella Ciao mitgesungen – die Partisanenversion, nicht die der Reisarbeiterinnen, die im Film zuerst zu hören ist. Ist eine solche Wahrnehmung symptomatisch für die Geschichte der Frauen in der Resistenza – die Konzentration der Erinnerung auf männliche Partisanen? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Reisarbeiterinnen, junge Mädchen, die ihre Familien verließen, um außerhalb zu arbeiten, gehörten zu den ersten, die ihre Rechte mithilfe von Streiks einforderten. Das traditionelle italienische Kulturmodell (und nicht nur das vom Faschismus propagierte) war auf einen solchen Paradigmenwechsel nicht vorbereitet, ist es bis heute nicht ... &lt;br /&gt;Die offizielle Geschichte hat daher immer versucht, die Rolle der Frauen in der &lt;em&gt;Resistenza&lt;/em&gt; abzuwerten, hat die Frauen verschwiegen und in den Schatten der männlichen Partisanen gestellt.&lt;br /&gt;Daher der Titel &lt;em&gt;Bandite&lt;/em&gt;, mit der Doppelbedeutung, den der Begriff im Italienischen hat: bandita, Banditin, als die Kriminelle, die Geächtete, als Begriff, den die Nazis und die Faschisten für die Partisaninnen verwendeten; &lt;em&gt;bandita &lt;/em&gt;bedeutet aber auch verbannt, beiseitegelassen. &lt;em&gt;Bandite &lt;/em&gt;sind all diejenigen, denen der Eingang verwehrt wurde, in diesem Fall der Eingang in die offizielle Geschichtsschreibung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Was war eure Motivation für den Film? Wie habt ihr die Protagonistinnen kennengelernt?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Bandite &lt;/em&gt;ist aus dem Wunsch heraus entstanden, die Wurzeln des feministischen Kampfes in Italien wiederzuentdecken, mit den Partisaninnen als seinen Pionierinnen. Die Resistenza stellte erstmals die klassischen weiblichen Rollen der Mutter und Ehefrau in Frage. Während des Krieges übten Frauen auf einmal neue Funktionen in den Fabriken und im öffentlichen Dienst aus. Sie verließen Heim und Herd, traten in Kontakt mit anderen Frauen und begannen, ihre Interessen in Arbeitskämpfen zu verteidigen. Die Protagonistinnen haben wir durch die historische Forschung von Alessia Proietti kennengelernt, über verschiedene historische Institute und den ANPI: das ist der größte italienische Partisan_innenverband, in dem ehemalige Mitglieder der kommunistischen &lt;em&gt;Garibaldi-Einheiten&lt;/em&gt; organisiert sind.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;¿Wo habt ihr den Film gezeigt, wie waren die Reaktionen?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Film hatte im Februar 2010 auf dem &lt;em&gt;Parma Film Festival&lt;/em&gt; Premiere und ist danach an den unterschiedlichsten Orten gezeigt worden: an Schulen, in sozialen Zentren, in Kinos von Kulturassoziationen, bei feministischen und lesbischen politischen Gruppen.&lt;br /&gt;Bandite war ein Publikumserfolg, wir haben viele interessierte Reaktionen bekommen. Das war und ist eine schöne und wichtige politische Erfahrung für uns, weil es uns ein Gefühl dafür vermittelt, wie viele Antifaschist_innen es heute inner- und außerhalb Italiens gibt: Menschen, die immer wieder daran erinnern, was der Faschismus war, der Krieg, die nazi-faschistischen Massaker vor und nach 1945. Die Diskussionen über den Film sind vor allem deshalb so wichtig für uns, weil die Repression im Moment äußerst hart ist. Diejenigen, die die unmenschlichen Bedingungen, unter denen Migrant_innen in Italien leben müssen, kritisieren, oder den Polizeistaat mit dem Sicherheitspaket, das uns die faschistische Regierung in den letzten Jahren beschert hat, oder die Militarisierung der Städte und die zunehmende Privatisierung des Gesundheits-, Psychiatrie- und Bildungssystems, werden verfolgt und verhaftet. Dabei gibt es in Italien viel Widerstand, viele Resistenze, die aber über das ganze Land verstreut und kaum vernetzt sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Der Historiker Claudio Pavone hat die Resistenza als Geschichte dreier Kriege interpretiert – Befreiungskrieg gegen die Deutschen, Bürgerkrieg und bewaffneter Klassenkampf. Die Protagonistinnen eures Films unterstreichen die Bedeutung der Resistenza für die Emanzipation der Frauen. Meint ihr, dass also eher von vier Kriegen gesprochen werden müsste?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele Historikerinnen haben die Resistenza als den Moment gesehen, in dem Frauen in Italien plötzlich die Möglichkeit hatten, sich in Massen zu versammeln und neue Formen politischer Partizipation fast aus dem Nichts zu entwickeln. Sie streikten und verbreiteten ihre Forderungen auf Flugblättern – Forderungen, die heute noch aktuell sind, wie die nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit. Die Frauen waren es, die das Wort ergriffen und die „fliegenden Komitees“ in den Fabriken organisierten. Nach der harten und prägenden Erfahrung der Resistenza mussten die Frauen das vom Krieg zerstörte Land wieder aufbauen. Und die Männer, die von der Front zurückkehrten, verlangten ihre Arbeitsplätze zurück. Die meisten Frauen kehrten in dieser Phase nach Hause zurück, in die alte Rolle als Hausfrau, Mutter, Ehefrau. Aber einige der Partisaninnen haben so viel politisches Bewusstsein und Selbstsicherheit gewonnen, dass sie ihr ganzes Leben lang radikale Entscheidungen getroffen haben. Einige haben niemals geheiratet und viele der von uns Interviewten haben weiterhin Politik gemacht, in Gewerkschaften, Parteien, im sozialen Bereich. Sie haben dafür gearbeitet, die Erinnerung an die Resistenza wachzuhalten und ihre Erlebnisse den Jüngeren weitergegeben.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&amp;nbsp; &amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;¿Von außen betrachtet scheint es mir eine Tendenz zu geben, die Resistenza mit den Faschisten zu vergleichen, indem behauptet wird, dass beide Seiten im (Bürger-)Krieg Verbrechen begangen haben und deshalb gleich seien. Was haltet ihr von der These des Bürgerkriegs? Welche Funktion hat diese Interpretation der Resistenza im öffentlichen Diskurs in Italien?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Krieg war kein Bürgerkrieg, sondern ein Befreiungskrieg. Ein Befreiungskampf, der in erster Linie gegen die faschistischen Unterdrücker geführt wurde und in zweiter Linie natürlich auch gegen die nazistischen Besatzer. Der Revisionismus, der die Resistenza als Bürgerkrieg bezeichnet, spielt den ohnehin schon starken Kräften der Rechten in die Hände. Sie versuchen, den Wert des Kampfes der Frauen und Männer in der Resistenza zu negieren, die nicht wenig Mut bewiesen haben, als sie sich in einer unvorhergesehenen, tragischen Situation befanden und eine Entscheidung treffen mussten. Sie haben sich entschieden, für ein besseres Leben für alle zu kämpfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Was kann aus der Geschichte der Frauen in der Resistenza für heute gelernt werden? Wie funktioniert die Weitergabe von Wissen und Erfahrungen derjenigen Frauen, die an der Resistenza teilgenommen haben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Geschichte der Frauen im Widerstand ist eine verschwiegene Geschichte, verborgen in einer ihrerseits selbst fast vergessenen Geschichte, der Geschichte der Resistenza. Wenn es nicht die beharrlichen Partisan_innen gäbe, die uns immer wieder erzählen, was sie gemacht haben, gegen wen und vor allem wofür sie gekämpft haben, dann hätten die Revisionisten diese Geschichte sicher ganz unterschlagen. Heute wird die Geschichte des Faschismus, des Zweiten Weltkriegs und der Resistenza in italienischen Schulen gar nicht unterrichtet und es hat sich diese Vorstellung durchgesetzt, dass es auf der einen Seite die Faschisten gab, auf der anderen die Kommunisten, die ihre ideologischen Kämpfe mit Waffengewalt austrugen. Die Zielrichtung und die Komplexität der Resistenza gehen so vollkommen verloren, ebenso wie die Tatsache, dass in ihr Liberale und Anarchist_innen, Kommunist_innen und Sozialist_innen neben Priestern und Carabinieri gegen die faschistische Diktatur kämpften.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Die unterschiedlichen sozialen Situationen, aus denen heraus die Protagonistinnen sich für die Resistenza entschieden haben, sind einem nicht italienisch sprechenden Publikum nicht leicht zugänglich. Im Italienischen hört man einige Frauen Dialekt reden, andere nicht, was ja auch eine Klassenfrage ist. Wieso die Entscheidung, so wenige Differenzen zu zeigen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir waren eigentlich sehr daran interessiert, so viele Unterschiede wie möglich zu zeigen. Aber die Frage der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei zum Beispiel kam nicht vor, weil die Frauen – auch diejenigen, deren Familienmitglieder Sozialist_innen oder Kommunist_innen waren – nicht deshalb zur Resistenza gekommen sind, weil sie Parteimitglieder waren, sondern aus anderen Motiven: weil sie Frieden wollten, weil sie die faschistische Gewalt, die ihre Familie und sie selbst traf, nicht länger ertragen wollten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;¿Der Film zeigt sehr deutlich, wie wichtig die Frauen in allen Bereichen der Resistenza waren. Das ist ein ziemlicher Kontrast dazu, dass sie sonst oft auf die Rolle der Botinnen reduziert werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit dem Begriff &lt;em&gt;staffetta&lt;/em&gt;, Botin, sollte einmal mehr die Rolle der Frauen in der Resistenza marginalisiert und ikonisiert werden. Frauen wurden pauschal einer Tätigkeit zugeordnet, die als zweitrangig, als Hilfstätigkeit betrachtet wurde. Sie spielt aber im Gegenteil eine zentrale Rolle in jedem Krieg, Guerillakrieg oder Befreiungskampf: Der Verbindungsoffizier, hier Botin genannt (&lt;em&gt;staffetta &lt;/em&gt;ist ein weibliches Substantiv, so dass auch Männer als Bot&lt;em&gt;innen&lt;/em&gt; eingesetzt wurden) transportiert Informationen, Waffen, Munition. Das ist von zentraler taktisch-strategischer Bedeutung und ermöglicht erst die Kommunikation zwischen den verschiedenen Abteilungen. Außerdem müssen die Botinnen vertrauenswürdig sein, weil sie sensible Informationen erhalten.&lt;br /&gt;Die Frauen haben genau wie ihre männlichen Genossen alle Funktionen erfüllt: sie haben nachts Wache gehalten, sie haben Waffen und Munition, Kleider und Essen besorgt, Verwundete gepflegt, geschossen. Es gab reine Frauenbrigaden, Frauen, die als GAPistinnen, also in den Stadtguerillagruppen, aktiv waren und den Widerstand in den Fabriken organisiert haben. Die Erfahrungen des Krieges und der Resistenza waren für die Frauen der konkrete Beweis ihrer Gleichheit und der Moment, in der sie sich in der Praxis ihre Rechte als Staatsbürgerinnen erobert haben.&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/45/bandite-verbannte-partisaninnen&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/45/bandite-verbannte-partisaninnen&quot; dc:title=&quot;Bandite - Verbannte Partisaninnen&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/652&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/652  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/45/bandite-verbannte-partisaninnen#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/filmfernsehen">Film&amp;Fernsehen</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/italien">Italien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/partisaninnen">Partisaninnen</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Tue, 28 Feb 2012 13:19:10 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">652 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>„Die Gleichgültigkeit zurückdrängen“</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/die-gleichgueltigkeit-zurueckdraengen</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Interview mit Renato Curcio, dem historischen Kopf der Roten Brigaden.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Wie schätzt du das Italien ein, das du jetzt draußen vorgefunden hast?&lt;br /&gt; CURCIO: Ich kann mir kein vollständiges Urteil erlau­ben, ich kann nur mein Zusammentreffen mit dem Bestehenden beschrei­ben. Ich bin ja „Freigänger&quot;(siehe Biographie am Ende des Artikels) und habe dadurch eine Reihe von Beschränkungen in meiner Bewegungsfrei­heit.&lt;br /&gt; Durch die Arbeit in unserer Verlagskoopera­tive habe ich viele junge Leute aus verschiedenen Stadtteilen kennengelernt, die mir von ihren Aktivitä­ten, Analysen, Kommuni­kationsmitteln, von ihrer Art Kultur in der italieni­schen Gesellschaft erzählt haben. Ich habe einige selbstaufgebaute Gruppen kennengelernt, die Rap und Graffiti machen, und ich habe auf einem Tref­fen im Frühjahr auch die Kreise erlebt, in denen sie versuchen , mit Musik, Gesang, Video ihre politi­sche und kulturelle Bot­schaft hineinzutragen.&lt;br /&gt; Wir haben zusammen ein Video über die Pro­bleme des politischen Strafvollzuges und einiger politischer Gefangener- wie Prospero Gallinari, der sehr herzkrank ist, gedreht. Mir schien es, Jugendliche getroffen zu haben, die sehr aufmerk­sam beobachten, was vor sich geht, die sehr intelli­gent sind und die Pro­bleme der italienischen Gesellschaft erkennen. Heute morgen z.B. habe ich mich mit Jugendlichen aus dem Centro Sociale Forte Prenestino getroffen, die mir von den Proble­men der Immigranten in ihrem Viertel erzählten, z.B. von den Schwierigkei­ten der Nomadenkinder in Schulen. Sie haben auch von den Schwierigkeiten berichtet, über eine Dis­kussion hinaus zu einer produktiven Beziehung mit diesen Leuten zu kommen.&lt;br /&gt; Das alles scheint mir ein großes Lebenszeichen der italienischen Gesellschaft. Ich muß dir sagen, ich fand ein aktives Italien vor, sehr interessiert an dem, was vor sich geht. Ich sehe die Situation nicht so pessimistisch, wie sie von bestimmten Intel­lektuellen dargestellt wird, daß nämlich alles Scheiße Scheiße Scheiße ist.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Wie lief die Poli­tisierung der Bevölkerung und Radikalisierung der italienischen Linken, bevor Du in den Knast kamst?&lt;br /&gt; CURCIO: Ich komme aus einer Zeit, in der die Bewegungen und Formen politischer und kultureller Beteiligung ganz andere waren als heute. Meine politischen Aktivitäten begannen in der 66er, 67er und 68er Bewegung. Damals entstand das, was später zur außerparlamen­tarischen Linken wurde. Die Anfinge liegen in den Arbeiterkämpfen von Pia­zza Statuto 1962; die Bewegung mit Fabrikzei­tungen, Zeitschriften, einer bestimmten Art von Aktivisten - ein bißchen autonom, etwas außerhalb der Gewerkschaften und der KP. Dann kam die Militanz der Bewegung 1967 und 68, die in Ver­bindung mit dem Viet­namkrieg entstand und sich international in Trento, Berlin, Paris, Brüs­sel usw.- manifestierte. Wir gingen zu den großen nationalen Problemen über, zum Beispiel zur Erneuerung des Schulsy­stems, das nur an den Interessen der Eliten ori­entiert war.&lt;br /&gt; 1969 begannen die großen Arbeiterbewegun­gen. Die italienische Nachkriegszeit war ja sehr hart gewesen, geprägt von millionenfacher interner Migration und absolut unterbezahlter Arbeit. In der italienischen Gesell­schaft entstand das Bedürfnis, zu einer Kon­sumphase überzugehen, damit sich die Arbeiter Fernseher, ein kleines Auto, Kühlschränke usw. leisten konnten. Ursprünglich war es sowohl ein Interesse der Arbeiter als auch des itali­enischen Kapitalismus, bis die Arbeiterbewegung immer weitreichendere Forderungen entwickelte, nicht nur Gehaltserhöhun­gen, sondern auch die Beteiligung an der Macht forderte.&lt;br /&gt; Schließlich setzte die Strategie der Spannung (siehe Ende des Artikels) ein, der Blockademechanismus des Staates. Die Bewe­gung veränderte sich, sie wurde in den 70er und den frühen 80er Jahren immer antagonistischer, immer grundlegender oppositionell. Man wollte die bevormundende Demokratie nicht mehr akzeptieren, und begann schließlich, sich zu bewaffnen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Hast du dir die Ausmaße des gegneri­schen Machtapparates so vorgestellt, wie es später herauskam, - mit dem europäischen Geheimdienstnetz Gladio zum Beispiel?&lt;br /&gt; CURCIO: Ach weißt du, wir sind authentische Bewe­gungen gewesen, sehr naiv, wir haben uns gewehrt, weil es großen sozialen Druck gab. Wir sind dann mit einer Orga­nisierung der Macht zusammengestoßen, die uns unbekannt war. Sie war viel wehrhafter und vielschichtiger, als es unsere Analysen zu ver­stehen erlaubt hätten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was hat sich für Euch in den Knästen ver­ändert, als draußen die Bewegung zerschlagen wurde?&lt;br /&gt; CURCIO: Das Ende der Bewegung draußen bedeutete auch ein Aus­bluten der Gefangenen. Es gab spezielle Notstandsgesetze wie das dissociati- ­und pentiti-Gesetz (siehe Kasten), das die Gefange­nen im Austausch für eine Haftverschonung dazu aufforderte, abzusch­wören und zu verraten. Viele nutzten die Situation aus, haben dadurch Freundschaften zu ande­ren Gefangenen gelöst. So wurden Gefangenengrup­pen ausgedünnt: von 6000, die insgesamt die Gefängnisse durchliefen, sind heute 250 übrig geblieben, 100 „Freigän­ger&quot; wie ich und 150 in harter Gefangenschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Draußen wird heute wieder versucht, Demos, Knastkonzerte usw. zu organisieren, um deutlich zu machen, daß die Genossen drinnen nicht vergessen wurden. In Italien gab es Jahre, in denen sich draußen nichts bewegte...&lt;br /&gt; CURCIO: Ja, es gab Jahre, in denen wir allein waren. Das mußt du im Kontext der italienischen Situation sehen. Es war das Ende einer Erfahrung. Kraft gegeben haben uns die Initiativen im Inneren der Knäste. Wir arbeiteten sehr viel mit sozialen Gefangenen zusammen, die wegen Drogenge­schichten saßen, AIDS hatten, transsexuell sind usw. In Rebibbia waren im Gefängnis 30% Immi­granten. Wir diskutierten an den Themen Rassismus und Migration, eines der breitesten, unbekannte­sten und am schlechtesten angegangenen Probleme der Gesellschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Wie siehst du die Lage der Gefangenen heute? Bewegt sich etwas? &lt;br /&gt;CURCIO: Wir, d.h. die Leute drinnen und die „Freigän­ger&quot; wie ich, kämpfen für eine politische Lösung in Form eines Gesetzes. Lange Zeit war dieser Vor­schlag isoliert in der italie­nischen Gesellschaft, auch Jugendliche haben sich mit dem Problem nicht auseinandergesetzt. Erst in letzter Zeit ändert sich die Situation. Die Rap-Musik spielt darin eine wichtige Rolle. Die Musikgruppen setzen sich mit Gefange­nen auseinander und ver­mitteln ihre Erfahrungen in die Centri Sociali. Es gab Demos und Konzerte, auch vor Rebibbia.&lt;br /&gt; Auf politischer Ebene halte ich Ita­lien für ein sterbendes System, das sich mit sich selbst und seiner Geschichte auseinandersetzen muß - d.h. also auch mit uns. In der Hin­sicht gibt es in den Parteien, von PDS (Partei der demokratischen Lin­ken) über Rifondazione Comunista bishin zur Christdemokratie und sogar den Republikanern (die klassi­sche Partei des Kapitals in Italien) eine Bereitschaft, mit einem Gesetz die Jahre des Notstandes zu been­den. Das wäre nicht definitiv, es wäre ein Teilgesetz, aber es wäre eine Möglichkeit, um in diesem historischen Moment alle Leute aus dem Knast zu holen. Es gibt also Bedingungen auf verschiedenen Sei­ten, die eine Befreiung der politi­schen Gefangenen ermöglichen wür­den.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Du glaubst also, daß es in den nächsten Jahren eine politische Lösung geben wird?&lt;br /&gt; CURCIO: Ich hoffe, daß die Gesetzesi­nitiative, die vor kurzem von etwa 50 Abgeordneten verschiedenster Parteien im Senat vorgelegt wurde, noch dieses Jahr diskutiert wird. Die politische Situation in Italien ist offen und es ist unklar, ob das neue Parlament unserer Situation gegenü­ber Sensibilität demonstrieren wird.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was sieht das Gesetz vor? &lt;br /&gt; CURCIO: Es verlangt keinerlei „Gegenleistungen&quot; von den Gefan­genen. Es betrifft alle Gefangenen, die wegen Strafverfahren im Zusam­menhang mit den Ereignissen der 70er Jahre verurteilt wurden. Alle lebenslänglichen Strafen sollen auf 21 Jahre verringert werden, so daß alle 70 politischen Gefangenen, die lebenslänglich sitzen, zumindest als „Freigänger&quot; herauskommen kön­nen. Sie sitzen alle mehr als 10 Jahre und hätten somit mehr als die Hälfte ihrer Strafen abgesessen.&lt;br /&gt; Außerdem sieht das Gesetz die Halbierung aller Zeitstrafen vor, sowie einige sekundäre Aspekte wie z.B die Rückgabe der Zivilrechte. Ich bin beispielsweise nur ein halbierter Bürger, ich besitze die meisten Rechte nicht.&lt;br /&gt; Wir wollen weiterhin einen Amne­stieartikel für sogenannte „Banden­straftaten&quot;, wie Bildung und Mit­ gliedschaft in einer bewaffneten Ver­einigung. Das wird von den Partei­zentralen abgelehnt. Und letztlich verlangen wir, daß Hafterleichterun­gen wie der Status des „Freigängers&quot; automatisch und weniger kontrolliert angewandt werden.&lt;br /&gt; Das alles wäre ein wichtiger Schritt, weil es die Diskussion außer­halb der Gefängnisse ermöglichen würde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Du hast auch aus dem Knast heraus Ereignisse draußen analysiert, z.B. die Pantanella-Besetzung... Was denkst du über die aktu­elle Situation, die von einigen als der definitive Sieg des Kapitalismus gesehen wird?&lt;br /&gt;CURCIO: Meine direkte Erfahrung, als ich aus dem Knast herauskam, war ein Zusammentreffen mit sehr leben­digen Teilen der Gesellschaft. Ich hoffe sie werden nicht erstickt wer­den. Es ist trotzdem kein falscher Optimisus angesagt.Es war eine sehr interessante Begegnung großer Soli­darität und Freude von Leuten über meine Etnlassung. Das werte ich als Aufmerksamkeit gegenüber den Pro­blemen der Transformation, gerade wegen der Rolle als Symbolfigur, die ich irgendwie habe.&lt;br /&gt;Wie ich die internationale Situation sehe, das ist wirklich die Millionen­frage... es fällt mir schwer, dazu etwas zu sagen, weil der Knast dich die Sachen sehr auf deine eigene Weise sehen läßt. Mit der Immigra­tion habe ich auseinandergesetzt, weil ich im Gefängnis damit konfrontiert war. Pantanella war nicht nur die besetzte Nudelfabrik, son­dern einige der 2000 ImmigrantInnen landeten auch im Knast, so daß ich Gelegenheit hatte mit ihnen zu reden. In Rom leben 1 Million ImmigrantInnen, die Stadt hat sich ver­ändert, in den Schulen sitzen indi­sche, nordafrikanische, pakistani­sche Kinder. Mit denen müssen wir irgendwie in Beziehung treten. Es müssen die kulturellen Bedingun­gen für eine Akzeptanz geschaffen werden.&lt;br /&gt; Dahinter steht natürlich, daß sich die Welt verändert hat. Die Ost­West-Bipolarität gibt es nicht mehr, die Nord-Süd-Verhältnisse sind andere geworden. Der realexistie­rende Sozialismus sowie der Libera­lismus sind am Ende, Gewinner gibt es keine. Wir stehen am Ende der Kulturen des 20.Jahrhunderts, vor einer Neuorganisierung der Welt. Die Menschen, die ihrer Ressourcen beraubt wurden, kommen hierher, und ich beginne, mir die italienische Gesellschaft als komplexe Gesell­schaft vorzustellen. Sie ist völlig unvorbereitet für die Situation, die faktisch schon in den Straßen exi­stiert, eine Situation, die es schon gab, als ich aus dem Knast kam. Es gibt keine Sozialpolitik, aber auch keine Kultur des Zusammenlebens von verschiedenen Kulturen in Ita­lien, die diese komplexe Gesell­schaft ermöglichen würde. Ich sehe also, daß es notwendig ist, auf dem Gebiet zu arbeiten. Unsere Verlagskooperative hat sich vorgenommen, diese Art von sozialer Initiative zu unterstützen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Im Verlagsprogramm habe ich auch ein Buch von einem Itab Hassan, einem jungen Palästinenser, gesehen...&lt;br /&gt; CURCIO: Ja, Itab Hassan ist ein palä­stinensischer Junge, der im Shatila-Lager in Beirut geboren wurde und dort 1982 das Massaker erlebt hatte. 7000 Tote innerhalb weniger Tage, er hat seine Mutter und seine Geschwister sterben sehen, er mußte mit 9 Jahren im Libanon kämpfen, mit 14 ist er nach Rom gekommen, um einen Sprengsatz in einem Büro der Britisch Airways zu werfen. Das war eine der Aktionen, die aus Palästina ausgingen, um die Aufmerksamkeit auf die Situation dort zu lenken.&lt;br /&gt; Itab wurde mit 14 Jahren verhaftet und in eine Jugendvollzugsanstalt gesteckt, bis er - sagen wir- in ein „Erwachsenen&quot;-Gefängnis kam. Dort habe ich ihn getroffen. Im Moment sitzen wir, beide Freigänger, immer noch zusammen.&lt;br /&gt; Wir haben dieses Buch publiziert, weil es die Geschichte eines Jungen aus einem Teil der Welt erzählt, das keinen Frieden finden kann, wo es keinen Platz zum essen, trinken, schlafen, leben und für die eigene Kultur gibt. Es geht um einen Jun­gen, der viele Jahre im Knast ver­bracht hat, lange getrennt von sei­nen Leuten lebte und immer noch in einer schwierigen Situation ist: Itab ist Freigänger und arbeitet als Tellerwäscher in der Uni-Mensa in Rom.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was hast du für Vorha­ben?&lt;br /&gt; CURCIO: ich will in dieser Koopera­tive arbeiten und darüber Probleme unserer Gesellschaft sichtbar machen. Die schrecklichen Situatio­nen derjenigen, die in Einsamkeit leben, die durch Institutionen, Gefängnisse, psychiatrische Anstal­ten, Behinderungen, Aids, Transse­xualität usw. isoliert sind, sollen transparent gemacht werden. Aber ich will auch mit den sozialen Akteuren, die heute neue gesell­schaftliche Spannungen ausdrücken, aktiv werden: mit den Immigranten oder der Rap- und Hip Hop-Kultur z.B. Die Einbindung von Jugendlichen in die soziale Problematik ist mir wichtig, d.h. Gleichgültigkeit oder Show-Business-Mentalität zurückzudrängen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Es ist ja gerade ein Inter­view-Buch mit Dir über Deine Zeit in den Brigate Rosse veröffentlicht worden, Hast du da noch andere Projekte?&lt;br /&gt; CURCIO: Ich glaube, daß über die Themen hinaus, die ich in diesem Buch streife und die dort zwangs­läufig sehr oberflächlich behandelt werden müssen, möglichst bald eine sehr viel ernsthaftere Diskus­sion beginnen muß. -Gerade wenn man sich anschaut, in welcher Situation sich Italien heute befin­det.&lt;br /&gt; Ich arbeite deshalb mit einigen anderen seit eineinhalb Jahren am „Projekt Gedächtnis&quot;, ein umfassen­des Forschungsprojekt über die sozialen und kulturellen Grundlagen des bewaffneten Kampfes in Ita­lien, eine Analyse, die alle miteinbezieht, gegen die von 1969-89 im Zusammenhang mit dem bewaffne­ten Kampf ermittelt wurde. Es ist ein Projekt, das allen Leuten, die über dieses Thema diskutieren wollen, eine breite und umfas­sende Grundlage von Daten liefern wird. Es wird eine Art Karteikarten zu den über 150 Organisationen geben, die operiert haben. Die soziale Zusammensetzung der Gruppen sowie ihre interne Geschichte soll dargestellt werden, und es ist eine Charakterisierung der gestorbenen Militanten geplant Was uns betrifft, sind es 70 Leute, die wir nicht vergessen wollen, von denen wir auch wollen, daß Grundzüge ihrer Persönlichkeit bekannt werden.&lt;br /&gt; Das Projekt soll im September 1993 vollendet und der Öffentlichkeit präsentiert werden. Hoffentlich wird dadurch klarer, wer die 6000 Leute waren, die im Knast gelandet sind, aus welchem Teil der Gesell­schaft sie stammten, welche Ideen sie verfolgten. Es wird auch Biblio­graphien der Organisationen gehen, so daß jeder die Unterlagen und Dokumente heraussuchen und nachlesen kann.&lt;br /&gt; Es war im übrigen ein schwieri­ges und großes Projekt. Etwa 170­180 Leute aller bewaffneten Orga­nisationen und Gruppen Italiens haben sich daran beteiligt. Im Abschluß ist jede der „Karteikar­ten&quot;, die wir über die Gruppen zusammengestellt haben, von den Führungskräften der jeweiligen Organisation korrigiert worden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Ich habe dich vor dem Interview gefragt, ob du über den bewaffneten Kampf in deiner Situa­tion überhaupt reden willst. Ich habe den Eindruck, daß die Medien und Politiker in dich immer eine Rolle hineinprojiziert haben, die du eigentlich, als du in den Knast kamst, gar nicht hattest... &lt;br /&gt; CURCIO: Ja, da ist eine symbolische Rolle entstanden, weil ich für die Freiheit der Gefangenen aus allen Organisationen eingetreten bin und man mich deshalb als Kern des ganzen gesehen hat. Ich wünsche mir, daß das bald vorbei ist, daß alle ihre Verantwortung wieder selbst in die Hände nehmen. Es muß zu einer tiefgreifenden Dis­kussion kommen, die nicht nur von einzelnen geführt wird, und in der es Begegnungen gibt. Aber das ist ein Problem, das einfacher zu lösen sein wird, sobald das Gesetz zur Befreiung der politischen Gefangenen verabschiedet ist. Denn es ist klar, daß es ein freies Wort auch nur in Freiheit geben kann.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Du hast vorher von den Menschen auf der Straße geredet... was für Reaktionen bekommst Du auf der Straße zu spüren, wenn du erkannt wirst?&lt;br /&gt; CURCIO: Die Reaktionen sind mir sehr nahe gegangen, sie sind viel umfangreicher gewesen, als ich erwartet hatte. Ich hatte nicht im mindesten eine so große Popula­rität erwartet. Auf der Straße treffe ich ständig Menschen, die mich anhalten und mir ihre Zufrieden­heit mitteilen darüber, daß ich rausgekommen bin, und sich wün­schen, daß die anderen auch bald frei kommen.&lt;br /&gt; Ich glaube, es herrscht eine Atmos­phäre der Transformation in Italien. Und die 250 Leute, die als Geiseln in den italienischen Knästen ver­blieben sind, müssen Teil dieser Veränderung sein.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Danke, Renato, für dieses Interview.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Zur Person von Renato Curcio &lt;/strong&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Renato Curcio wurde am 23/9/1941 in einem Dorf in der Nähe von Rom geboren Wenige Wochen nach der Geburt gab ihn seine alleinstehende Mutter, die als Kellnerin arbeitete, zu Verwandten in ein kleines Dorf in den Bergen der Norditalienischen Region Pie­mont, Ein Onkel, zu dem er eine enge Bezie­hung hatte und der Partisan war, wird 1945 von deutschen Nazis ermordet. Im Alter von 10 Jahren kommt Renato Curcio in eine Klo­sterschule in der Nähe von Rom, er rebelliert und wird in eine Pflegefamilie nach Imperia gegeben die er mit 15 Jahren, verläßt um Arbeit zu suchen. Er arbeitet eine Weile und macht dann das Fachabitur als Chemielabo­rant. Danach lebt er ein Jahr auf Genuas Straßen. Als er hört, daß in der norditalieni­schen Trento eine neue Soziologiefakultät eröffnet werden soll, fährt er noch Trento. Im Juni 1962 schreibt er sich ein und bekommt wegen seines guten Zeugnis sogar ein Stipen­dium. Er gründet mit Freunden eine „comune&quot; und beginnt linke Diskussionszirkel zu frequen­tieren. Er &#039;beteiligt sich an Universitätskämpfen &#039;66 und &#039;67, es folgen Universitätsbesetzun­gen, Proteste gegen den Vietnam-Krieg und eine fundiertere theoretische Auseinanderset­zung mit den „Klassikern“ und der „Neuen Lin­ken&quot;. Im laufe des Jahres 1968 wird die Kritik am System grundsätzlicher, neue Organisatio­nen in der Linken entstehen. &#039;69 heiratet Renato seine langjährige Genossin Mara Cagol, sein politsches Umfeld aus Trento trifft sich mit Vertretern der Arbeiterbewegung aus der Mailänder Reifen-Fabrik Pirelli, diese beschreiben die Situation in den Fabriken als „reif für die revolutionäre Auseinanderset­zung&quot;. Mara und Renato beschließen nach Mailand zu ziehen, um dort politisch zu arbei­ten. Im Herbst &#039;69 wird das „Metropolitane politische Kollektiv&quot; (CPM) von ihnen mitgegründet und ein altes Theater angemietet, was sich schnell zum Kristallisationspunkt und Kulturzentrum der radikalen Linken entwickelt. Es herrscht eine offene Stimmung, doch dann beginnt der Einsatz der „Strategie der Span­nung&quot;: am 12.12.1969 werden bei einem von den Geheimdiensten organisierten faschistischen Bombenanschlag auf der Mailänder Piazza Fontana vier Personen ermordet. Die „Strategie der Spannung&quot; zielt darauf ab, daß die Geheimdienste Anschläge organisieren, teilweise zusammenhangslos, andere in Zusammenarbeit mit den Faschisten und wieder andere, die sie der Linken unter­schieben. Ein Klima des „Chaos&quot; und der Angst soll erzeugt werden, in dem die Bevöl­kerung inmitten „linker und rechter Gewalt&quot; nach dem starken Staat ruft. Es wird klar, daß die Linke sich anders organisieren muß, denn die Polizei beginnt eine Repressions- und Hetz­kampagne gegen sie. Renato, Mara und andere, die später auch bei den Brigate Rosse sein werden, gründen Sinistra Proletaria (proletarische Linke) und überlegen, wie auch andere Gruppen, an festeren, verbindlicheren Strukturen beteiligt werden können, Ordnungs­dienste für Demos und organisierte Selbstver­teidigung entstehen, die ersten Papiere, in denen der bewaffnete Kampf theoretisch the­matisiert wird, zirkulieren. Während schon die ersten bewaffneten Gruppen entstehen (etwa die GAP des Verlegers Feltrinelli oder „22. Oktober&quot; in Genua) wird 1970 von der „pro­letarischen Linken&quot; in einem Treffen festgestellt, daß ihre Aktionsformen nicht mehr angebracht sind, die Gruppe löst sich auf, es entstehen auch Klein-gruppen, darunter auch der Kern der späteren Roten Brigaden, mit, unter ande­ren, Renato und Mara, die sich an den Kämp­fen in der Fabrik Pirelli beteiligen. Dort entste­hen die Roten Brigaden als Fabrikguerilla, sie greifen mit Anschlägen (z.B. auf Autos) unter­stützend in die Kämpfe der Arbeiter ein. Die Verankerung in den Stadtteilen und Fabriken gelingt: am 25.April (Tag des Partisanenwiderstandes) 1971 und 1972 werden in zwei proletarischen Stadtvierteln Mailands von der Bevölkerung über 200 selbstgenähte Fahnen der Brigate Rosse gehißt. Die ersten Waffen der BR (Pistolen und MG&#039;s) stammen von alten Partisanen, die in den BR würdige Nachfolger sehen. Die Organisation wächst, Ziel ist der Aufbau einer bewaffneten, breiten Gegenmacht von unten. Die Aktionen nehmen zu und ihre Qualität verändert sich: im März 1972 findet die erste Entführung statt. „Beiß zu und fliehe. Nichts wird ungestraft bleiben. Treffe einen, um hundert zu erziehen. Alle Macht dem bewaffneten Volk.&quot; Lauten die ersten Slogans die die Organisation „berühmt&quot; machen. Arbeiteten sie zunächst noch „halblegal&quot;, d.h. sie mieteten Wohnun­gen unter ihrem Namen an, vertraten ihre Positionen auf öffentliche Versammlungen usw., gingen sie nach der Entführung in die Illegalität. Bedeutende Teile der Linken Italiens sind mittlerweile bewaffnet und finanzieren ihre Arbeit durch Banküberfälle, die BR bauen Gruppen in immer mehr Städten und Fabriken (FIAT, Mirafiore u.a.) auf. Im Juni 1974 kommt es zu den ersten Toten bei einer BR-Aktion, bei einem Überfall auf die Parteizentrale den faschistischen MSI in Padua werden zwei Faschisten bei einer Schießerei getötet. Die BR bekennt sich zu der Aktion, betont aber ausdrücklich dies sei nicht die politische Linie der Organisation. Am 8.September 1974 wird Curcio, mit anderen BR-Militanten durch Einsatz eines V-Mannes verhaftet. Am 18.2.1975 wird Renato durch ein 20köpfi­ges BR-Kommando (unter der Leitung von Mara) durch einen Überfall auf das Gefängnis Casale Monferrato befreit. Während die außerparlamentarische Bewegung wieder abflaut, nehmen die bewaffneten Aktionen zu, eine immer mehr militärische Logik setzt sich durch, auch die BR werden umstrukturiert und neuorganisiert. Am 5.6.1975 wird Mara Cagol bei einer Befreiungsaktion der Polizei für einen entführten Industriellen erschossen. Renato Curcio wird am 18.2.1976 wieder verhaftet und in Folge immer wieder zu neuen Haftstrafen verurteilt, niemals jedoch wegen Aktionen, bei denen Menschen verletzt oder getötet wurden. Angelastet werden ihm meh­rere Knastrevolten während seiner Haftzeit und eine „geistige Verantwortung&quot;, als Mit­gründer und „theoretischer Kopf&quot; der BR trage er auch die Verantwortung für alle in Folge ausgeführten BR-Aktionen, auch für die nach seiner Verhaftung. Die Linie der BR draußen unterscheidet sich immer mehr von der der Gefangenen, die dennoch weiterhin in Prozessen zu den BR stehen. Während Ende der &#039;70er und Anfang der &#039;80er alle bewaffneten und nicht bewaffneten linken Bewegungen in Italien durch riesige Repressionswellen Zer­schlagen werden (Über 10.000 Verhaftun­gen, Tausende gehen in den Untergrund oder fliehen ins Ausland) hält der Widerstand in den Knästen vorerst an. Das Pentiti (Reuigen).- und das Dissociati (Losgesagten)-Gesetz werden eingeführt, ersteres entspricht faktisch der Kronzeugenregelung, zweiteres bringt kleine Vorteile, wenn sich die Gefangenen von ihrer Politik distanzieren und vom bewaff­neten Kampf lossagen. Obwohl er die Phase des bewaffneten Kampfes in Italien als abge­schlossene Erfahrung betrachtet, verrät Renata niemanden und lehnt es ab sich &quot;von seiner Geschichte loszusagen&quot;. Er verbleibt im Knast und wird zu einem der prominentesten Gefan­genen, während sich andere die an vielen Aktionen mit tödlichem Ausgang beteiligt waren wieder in Freiheit befinden, da sie andere verraten hoben. Renato fordert weiter­hin eine politische Lösung. Seit Anfang April 1993 ist er Freigänger, d.h. er darf den Tag, da er fest in einer Verlagskooperative arbeitet, außerhalb des Gefängnisses verbringen und muß Abends zurückkehren.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/die-gleichgueltigkeit-zurueckdraengen&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/die-gleichgueltigkeit-zurueckdraengen&quot; dc:title=&quot;„Die Gleichgültigkeit zurückdrängen“&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/565&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/565  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/2/die-gleichgueltigkeit-zurueckdraengen#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/1968">1968</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/bewaffneter-kampf">Bewaffneter Kampf</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/italien">Italien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/renato-curcio">Renato Curcio</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/rote-brigaden">Rote Brigaden</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Mon, 29 Nov 2010 12:24:03 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">565 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Geister von Müntzer im Morgengrauen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/42/geister-von-muentzer-im-morgengrauen</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Es geschah in einer eiskalten Nacht im März 2001. Es passierte in Nurio, im Bundesstaat Michoacán, Mexiko, wo sich RepräsentantInnen aller Indígenas des Landes versammelt hatten, um ein Gesetz über die Rechte der Indígenas einzufordern.&lt;br /&gt;
Es war das dritte Treffen des Nationalen Indígena Kongresses, der zu größten Teilen von den Zapatistas ins Leben gerufen wurde – den PoetenkämpferInnen, die die Medien geschickt einzusetzen wussten und die sieben Jahre zuvor wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, aus den Schlupfwinkeln der Zeit. U2 hatte eben doch Unrecht: Manchmal passiert etwas am Neujahrstag. Manchmal besetzt ein Heer von Mayabauern mit vermummten Gesichtern eine Stadt und überträgt eine Botschaft an Millionen von Menschen. &lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;h4&gt;Ein Geschenk von den Affen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Es geschah in einer eiskalten Nacht im März 2001. Es passierte in Nurio, im Bundesstaat Michoacán, Mexiko, wo sich RepräsentantInnen aller Indígenas des Landes versammelt hatten, um ein Gesetz über die Rechte der Indígenas einzufordern. &lt;br /&gt;Es war das dritte Treffen des Nationalen Indígena Kongresses, der zu größten Teilen von den Zapatistas ins Leben gerufen wurde – den PoetenkämpferInnen, die die Medien geschickt einzusetzen wussten und die sieben Jahre zuvor wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, aus den Schlupfwinkeln der Zeit. U2 hatte eben doch Unrecht: Manchmal passiert etwas am Neujahrstag. Manchmal besetzt ein Heer von Mayabauern mit vermummten Gesichtern eine Stadt und überträgt eine Botschaft an Millionen von Menschen. &lt;br /&gt;Das geschah in San Cristóbal de las Casas, Chiapas, Mexiko, am ersten Januar 1994.&lt;br /&gt;Und nun waren wir da, sieben Jahre später, in der finsteren Umgebung Nurios, die Zapatistas waren da, und ebenso der Subcomandante Marcos, denn dieses Treffen fand während des berühmten Marcha de la Dignidad (Marsch für die Würde) statt, der aufmerksam in der ganzen Welt verfolgt wurde. (...)&lt;br /&gt;Marcos und die Zapatistas wurden begleitet von Menschen von überallher, eine bunte Prozession von Journalist_innen, Aktivist_innen, Intellektuellen, Künstler_innen und Ungeziefer. Von Italien aus angereist waren wir Mitglieder einer merkwürdigen Delegation, die die Autochthonen die monos blancos nannten, die ‚weißen Affen‘. Es war ein Wortspiel, denn mono bedeutet auf Spanisch auch Overall.&lt;br /&gt;In Italien gab es ja die tute bianche, die „weißen Overalls“. In einer interessanten semantischen Windung war eine Arbeitskleidung zu einem provisorischen Emblem zivilen Ungehorsams geworden. Viele Leute trugen sie auf Protestmärschen. Die Bezeichnung ‚mono‘ haftete uns während des gesamten Marsches an und hörte auf, blanco (weiß) zu sein, lange bevor wir in Mexiko Stadt ankamen. Es gab nicht viele Möglichkeiten, sich zu waschen, und wir waren alle einigermaßen durchgeschwitzt. (...)&lt;br /&gt;Aber kehren wir zurück zu der eiskalten Nacht von Nurio. Was passierte in diesem Zeltlager auf dem Zentralmassiv Mexikos? Was passierte, das von so besonderer Bedeutung wäre? Na, was Besonderes geschah eigentlich nicht. Es war nur eine kleine Geste. Während man versuchte, ein Lagerfeuer anzumachen, näherte sich unser Delegierter (Wu Ming 4) dem Subcomandante und überreichte ihm ein Exemplar unseres Romans Q in spanischer Übersetzung. (...)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Marcos, Müntzer und Q&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Übergabe des Buches hatte eine spezifische Bedeutung. Für uns schloss sich dadurch ein Kreis: von den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts (davon handelt das Buch) zum zapatistischen Aufstand. &lt;br /&gt;Die Bauernkriege waren der größte Volksaufstand seiner Epoche. Sie brachen im Herzen des Heiligen Römischen Reiches aus und wurden 1525 grausam niedergeschlagen, ein Jahr bevor die spanischen Conquistadores ihre blutige Invasion in Südmexiko starteten und die Zivilisation der Maya zerstörten. &lt;br /&gt;Der zapatistische Aufstand war die einflussreichste Rebellion von Bauern unserer Zeit; er fand in Südmexiko auf Initiative von Mayaaktivisten statt und hat heute Einfluss auf Kämpfe im ganzen verdammten Empire. &lt;br /&gt;Die Bauernkriege waren ein Ereignis mit Vorbildfunktion. So wie auch ihr Hauptagitator, Thomas Müntzer, eine Vorbildfunktion hatte. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Die soziale Ordnung, die Müntzer und die revolutionären Bauern versinnbildlichten, war ihrer Zeit weit voraus, genau genommen sogar unserer Zeit. (…)&lt;br /&gt;Sie wurden besiegt und massakriert, das ja, aber ihr Erbe ist noch unter uns, begraben in der Erde unter unseren Füßen. Und es kann jedes Mal dann wieder aufblühen, wenn die soziale Ordnung von unten bekämpft wird. Die Rhetorik der führenden Köpfe der Bauern hallt noch einmal wider, über die Jahrhunderte hinweg. In verschiedenerlei Hinsicht kann man sagen, dass Müntzer noch immer zu uns spricht. &lt;br /&gt;Auf jeden Fall sprach er zu vier Aktivisten der Gegenkultur, in Bologna, Ende des Jahres 1995, zwei Jahre nachdem der zapatistische Aufstand den Atlantik überquert hatte und dort, unter anderem, das Phänomen Luther Blissett Project beeinflusste. (...)&lt;br /&gt;Die kommunikativen Strategien der Zapatistas hatten großen Einfluss auf das Luther Blissett Project. (...)&lt;br /&gt;Was uns neugierig machte, war vor allem die Art und Weise, in der die Zapatistas vermieden, ihren Kampf in irgendeine der abgenutzten Denkweisen des 20. Jahrhunderts einzurahmen. Und sie lehnten die abgegriffenen Dichotomien von Reformismus vs. Revolution, Avantguarde vs. Masse, Gewalt vs. Nicht-Gewalt usw. ab. Die Zapatistas, daran konnte kein Zweifel bestehen, waren Teil der Linken. Aber sie schienen jedwede lineare Repräsentation von links und rechts zurückzuweisen, auf eine Weise, die nichts mit dem ‚weder links noch rechts‘-Gelaber von bestimmten Faschisten zu tun hatte. Ihre Sprache distanzierte sich von dem stereotypen ‚Drittweltismus‘: Sie eigneten sich auf kreative Weise alte Mythen und Legenden wieder an, im Dienst einer großen Vision, der des Transnationalismus (Huey P. Newton würde es „Interkommunitarismus“ nennen). Die Gemeinschaft, von der die Zapatistas sprachen, war eine offene Gemeinschaft, sie überschritt die Grenzen der Ethnie, deren Sprachrohr sie war. „Wir alle sind Indígenas dieser Welt“, sagten sie. Sie kamen aus der abgelegensten Gegend der Welt, aber innerhalb kürzester Zeit kamen sie in Kontakt mit Rebellen aus allen Teilen der Erde. Die Medienstrategie der Zapatistas verzichtete auf die üblichen kamerageilen Leader. In den ersten Tagen des Aufstands erklärte Marcos: „Ich existiere nicht, es gibt mich nur im Rahmen des Bildschirms.“ Dann erklärte er, dass ‚Marcos‘ nur ein Pseudonym sei und er nicht mehr als ein subcomandante, weil er weiß war, während die comandantes alle Indígenas waren. Und er fügte hinzu, dass alle ‚Marcos‘ sein könnten und dass das der eigentliche Sinn der Vermummung sei: Diese Revolution hat kein Gesicht, denn sie hat alle Gesichter. „Wenn ihr das Gesicht unter der Vermummung sehen wollt, nehmt einen Spiegel und seht euch selber an.“ [Jahre danach wurde „Diese Revolution hat kein Gesicht“ das erste Motto von Wu Ming.]&lt;br /&gt;Dort nahm Luther Blissett seinen Anfang. (…) Viele haben versucht, die Anfänge des Projekts auf die Situationisten zurückzuführen, während die Wahrheit offensichtlich war. Es war das Beispiel der Zapatistas, das dem Luther Blissett Project half, seine Ziele zu definieren: den Mythos aus den Händen der Reaktionären zu reissen.&lt;br /&gt;Das Luther Blissett Project war ein Fünfjahresplan und dauerte von 1994 bis 1999. In Italien und anderen Ländern, nahmen Hunderte den Namen an und beteiligten sich an Mediensatire, Radioprogrammen, Fanzines, Videos, Straßentheaterprojekten, Performances, politischen Aktionen und theoretischen Schriften. In Bologna waren mindestens fünfzig Aktivist_innen vom Anfang bis zum Ende dabei. &lt;br /&gt;Im Herbst 1995 fingen einige von ihnen an, mit der Idee zu liebäugeln, einen Roman zu schreiben. Dieser Roman würde Q werden. &lt;br /&gt;Begeistert wie wir von den zapatistischen Ideen waren, entschieden wir uns sofort, die Geschichte eines Bauernaufstands zu schreiben, oder genauer: einen Roman über die Mutter aller modernen Revolten. (…)&lt;br /&gt;Aber warum ein historischer Roman über ein so anachronistisches Thema? Welche Bedeutung könnten Thomas Müntzer und die Bauernkriege für die „Roaring Nineties“ haben? Der ‚Kommunismus‘ war besiegt, die ‚Demokratie‘ hatte gewonnen, der Glaube an die freie Marktwirtschaft war unumstößlich, die Idee des Neoliberalismus triumphierte. Wollten wir wirklich einen Roman über diese proto-kommunistischen, längst vergessenen Penner schreiben? &lt;br /&gt;Klar wollten wir. In Zeiten konterrevolutionärer Arroganz, in der „greediest decade of history“ (wie Joseph Stiglitz sagen würde) war ein Buch dieser Art nötiger denn je. &lt;br /&gt;Um ehrlich zu sein, waren die Bauernkriege und Müntzers Predigten nur der Anfang der Geschichte, die wir erzählen wollten: Die Geschehnisse von Q erstrecken sich über mehr als dreißig Jahre europäischer Geschichte, von 1517 (das Jahr, in dem Luther seine Thesen an die Kirche von Wittenberg anschlug) bis 1555 (das Jahr des Augsburger Friedens). Diese hochbewegten Jahre sind für Historiker_innen und Schriftsteller_innen eine Fundgrube der&amp;nbsp; Prototypen und Pionierleistungen, denn die Rebell_innen und Aufständischen dieser Zeit schienen alle nur erdenklichen Taktiken und Strategien ausprobiert zu haben. Wenn wir dem 16. Jahrhundert die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihm zusteht, treffen wir Anarchist_innen, Protohippies, sozialistische Utopiker_innen, gestandene Leninist_innen, mystische Maoist_innen, verrückte Stalinist_innen, die Roten Brigaden, die Angry Brigades, die Weathermen, Emmet Grogan, Fra‘ Tuck, Punk, Pol Pot (...). Eine große Armee von Geistern und Metaphern. (...)&lt;br /&gt;Wir wollten einen scharfen und leidenschaftlichen Roman schreiben, ein Buch, das sich seiner selbst als kulturelles Produkt bewusst ist (mehr noch: das sich nicht nur als kulturelles Produkt, sondern auch als kulturelle Waffe versteht), aber das sich gleichzeitig nicht hinter dem Zeigefinger der zynischen Entzauberung versteckt. Einen Roman, der die Rückkehr der radikalen Pop/Volkserzählung ankündigt. Die Welt brauchte Abenteuerromane, die von Leuten geschrieben wurden, die an das glaubten, was sie taten, die bereit waren, sich die Hände schmutzig zu machen und sie allen zu zeigen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;„Die von Seattle“, oder: Die belagerte Burg (1999-2001)&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auf die Veröffentlichung von Q folgte eine lange Lesereise durch ganz Italien (und in den Kanton Tessin). Wir trafen tausende Leser_innen an verschiedensten Orten: in centri sociali, Bibliotheken, Buchhandlungen, auf Festivals etc. Während der Tour kündigten wir an, dass wir nach dem Ende des Luther Blissett Projects ein neues Projekt verfolgen würden, mit einer spezifischen Ausrichtung, mit einem stärkeren Fokus auf dem Narrativen, nach hinten offen und ohne Frist.&lt;br /&gt;Wu Ming stand vor der Tür. Wir waren gerade auf Tournee, als der Aufstand von Seattle losbrach.&lt;br /&gt;30. November 1999. An diesem Abend kamen wir in Lodi an und präsentierten das Buch in der Stadtbibliothek. Anstatt über das Buch zu sprechen, sprachen wir fieberhaft über das, was soeben auf dem WTO-Gipfel passiert war. Wir spürten, dass es der Anfang von etwas ganz Großem sein würde. Diese neue Bewegung forderte die Institutionen heraus, die von oben den ‚freien Markt‘ regulierten: den Internationalen Währungsfond, die Weltbank, die Welthandelsorganisation und verschiedene andere Blutsauger.&lt;br /&gt;Das Jahr 2000 war ein Jahr intensiver Organisierung, ein Jahr von Demonstrationen und Protesten gegen wichtige Gipfeltreffen. Die bedeutendsten Demonstrationen waren Ende September in Prag, als tausende DemonstrantInnen einen Gipfel des IWF und der Weltbank lächerlich machten. Wir waren auch da. Irgendwann entschied die Bewegung, dass der Showdown, die Kraftprobe, in Genua stattfinden sollte, wo ein Gipfel der G8-Staaten geplant war. (...)&lt;br /&gt;Währenddessen passierten in Italien, und nicht nur dort, merkwürdige Dinge. Auf den Protestzügen traf man auf Leute, die eingehüllt waren wie das Bibendum, das Michelinmännchen: Sie trugen Helme, weiße Schutzanzüge und darunter verschiedenste Schutzvorrichtungen: Schulterpolster wie beim American Football, Schienbeinschützer, Rettungswesten, Kissen, Schwamm- oder Schaumgummiplatten. Man sah Hunderte dieser merkwürdigen Personen mit Schildern aus Plexiglas in der Hand, man sah sie gemeinsam mobile Barrikaden aus Reifen errichten, um dann in Schildkrötenformation den Polizeireihen entgegenzugehen. Sie trugen keine Waffen, keine Gegenstände zum Angriff, nur Schutzgegenstände, um zu vermeiden, dass die Knüppel ihnen die Knochen brachen. Einige nannten das „ziviler geschützter Ungehorsam“, oder – im Ausland – „ziviler Ungehorsam all‘italiana“. In dieser bisher unbekannten Straßenkampfpraxis spürten wir deutlich etwas ‚Blissettianisches‘ und fingen bald an, mit diesen Gruppen – den tute bianche – zusammenzuarbeiten, den Waisen der Autonomen-Bewegung, zu denen, in etwas anderer Form, auch wir gehörten.&lt;br /&gt;Aber das war nicht das einzige sonderbare Phänomen, das wir in jenen Tagen bemerkten. In unerwarteten Momenten schien etwas auf ... der Geist von Thomas Müntzer. &lt;br /&gt;Es gab eine Art Kurzschluss zwischen Q und der Bewegung. Dank Mundpropaganda und dem Internet war der Roman zu einem internationalen Bestseller geworden. Wir fingen an, das Motto „Omnia sunt communia“ auf Wänden und Transparenten zu sehen. Zitate aus Q wurden als ‚Unterschriften‘ in den Emails verschiedener AktivistInnen verwendet. In den Foren der Bewegung gab es Menschen, die sich den Nickname ‚Magister Thomas‘ oder ‚Brunnengert‘ gaben. Es war nichts anderes als der Anfang einer seltsamen, strittigen und schwierigen Beziehung zwischen unserer literarischen Arbeit und den sich abspielenden Kämpfen. In den Monaten bis Genua wurde der Name Wu Ming mehr mit unseren Agit-Prop-Ideen verbunden als mit unserer Literatur.&lt;br /&gt;Es war vor allem unsere Schuld, denn wir stürzten uns mit so viel Überzeugung in die Kämpfe, dass sich die beiden Kontexte überlappten. (...) In diesen Wochen schrieben wir, alleine oder mit anderen gemeinsam, viele Aufrufe, entwickelten medienwirksame Performances und Aktionen, wie beispielsweise die ‚Nacht der sprechenden Statuen‘.&lt;br /&gt;Wir haben viel darüber nachgedacht und wir sind von einer Sache überzeugt. Der Geist von Thomas Müntzer, und – als Konsequenz daraus – wir Autoren des Romanes finden uns im Zentrum der Mobilisierung wieder, denn dort drinnen nahm eine enorme Metapher Form an. &lt;br /&gt;Immer häufiger wurde das Empire als eine belagerte Burg beschrieben, belagert von einer ‚Multitude‘ von Bauern. Diese Metapher tauchte in verschiedenen Texten und Gesprächen wieder auf. Manchmal explizit, manchmal subtil, aber sie war da.&lt;br /&gt;Wenn auch beflügelnd und effizient, so war die Metapher doch irreführend. Keine Belagerung war im Gange, weil man keine Macht belagern konnte, die überall war und deren grundlegende Veräußerung ein kontinuierlicher Fluss der Elektronen von Aktie zu Aktie ist.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Dieser Irrtum hatte schwere Folgen.&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wir verwechselten die formalen Zeremonien der Macht mit &lt;br /&gt;der Macht selber. &lt;br /&gt;Wir machten den gleichen Fehler wie Müntzer und die deutschen &lt;br /&gt;Bauern. &lt;br /&gt;Wir hatten einen Kampfplatz gewählt und einen mutmaßlichen &lt;br /&gt;Kampftag.&lt;br /&gt;Wir gingen alle nach Frankenhausen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Frankenstein in Frankenhausen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wann hat eure Flucht begonnen? (…)&lt;br /&gt;Das habe ich Euch ja schon gesagt: Seit Pfarrer und Propheten sich meines Lebens bemächtigen wollten. Ich kämpfte mit Müntzer und den Bauern gegen die Fürsten. War Täufer in dem Irrsinn zu Münster. Göttlicher Henker mit Jan van Batenburg. Gefährte Eloi Pruynsticks unter den freien Geistern von Antwerpen. Jedesmal ein anderer Glaube, immer die gleichen Feinde, eine einzige Niederlage. &lt;br /&gt;(Luther Blissett, Q)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Thomas Müntzer sprach zu uns, aber wir verstanden nicht, was er sagte. Es war keine Segnung, sondern eine Warnung. Es ist unmöglich, unsere Verantwortung zu schmälern. Wir Wu Ming waren unter denjenigen, die am eifrigsten versuchten, die Leute nach Genua zu bewegen, und mehr als andere halfen wir der Macht, einen Hinterhalt zu legen. Nach dem Blutbad brauchten wir einige Zeit – und viel Nachdenken – um zu verstehen, was unsere Fehler gewesen waren, die spezifischen, in dem weiten Feld von Fehlern der Bewegung. &lt;br /&gt;Es war offensichtlich, dass etwas in unserer ‚mythopoetischen‘ Praxis falsch gelaufen war, in der Konstruktion der Mythen von unten, die das Fundament für unsere Arbeit darstellte – und in gewisser Weise auch noch immer darstellt. &lt;br /&gt;Unter Mythos haben wir niemals eine ‚falsche Erzählung‘ verstanden, die als die banalste und oberflächlichste Bedeutung des Wortes gelten kann. Wir haben das Wort immer benutzt, um eine Erzählung von großem emblematischen Wert zu bezeichnen, dessen Bedeutung von einer community (zum Beispiel der Bewegung) zusammengesetzt und geteilt wird, wobei die Mitglieder der community kontinuierlich die Erzählung kreieren und ‚sozialisieren‘. Uns interessieren die Erzählungen, die enge Beziehungen zwischen Menschen herstellen. Die communities halten sie (wenn alles glatt läuft)&amp;nbsp; in der Gesellschaft inspirierend und lebendig. Die Mythen entwickeln sich dabei weiter, denn das, was in der Gegenwart passiert, verändert unseren Blick auf die Vergangenheit: Also ändert sich auch die Art und Weise, in der die gleichen Erzählungen zusammengesetzt werden und sie erhalten neue symbolische Bedeutungen.&lt;br /&gt;Mythen stellen uns Vorbilder zur Verfügung, die wir annehmen oder verwerfen können, sie geben uns ein Gefühl von Kontinuität oder Diskontinuität mit der Vergangenheit und erlauben uns, eine Zukunft zu imaginieren. Ohne sie können wir nicht leben, unser Verstand arbeitet so, unser Gehirn denkt entlang von Erzählungen, Metaphern und Allegorien.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;An einem bestimmten Punkt kann eine Metapher anfangen, unter Verkalkung zu leiden und immer weniger nützlich sein, bis sie jeglicher Bedeutung entleert wurde und ein geisttötendes Klischee wird, ein Hindernis für das Wachstum neuer inspirierender Erzählungen. Wenn das passiert, müssen wir den Kurs ändern und auf die Suche nach neuen Bildern und Wörtern gehen. &lt;br /&gt;Revolutionäre und progressive Bewegungen haben sich immer verschiedener Mythen und Erzählungen bedient, um fortzuschreiten. In den meisten Fällen haben sich die Mythen länger aufrechterhalten, als sinnvoll gewesen wäre und sind fremd geworden.&lt;br /&gt;Die Leichenstarre der Sprache setzte ein, die Sprache wurde hölzern, die Metaphern machten die Menschen eher zu Sklaven als sie zu befreien. Die folgende Generation hat darauf häufig mit der Negation der Vergangenheit und ikonoklastischen Verhaltensweisen reagiert. Ein Teil jeder Generation hat in den geerbten Mythen nichts als falsche Erzählungen gesehen. Einige haben für eine Demythisierung der Theorie und der Diskurse gekämpft, sei es im Namen der Vernunft, der ‚political correctness‘, des Nihilismus oder einfacher Dummheit (wie es für die Position der Fall ist, die davon ausgeht, dass der Mythos an sich faschistisch ist).&lt;br /&gt;Niemand kann den Mythos aus den Köpfen der Menschen beseitigen. Tatsächlich endet jeder Bildersturm damit, dass neue Ikonen kultiviert werden, gegen die der Bildersturm von morgen losbrechen wird. Der Kreislauf wird niemals enden, wenn wir nicht verstehen, wie diese Erzählungen funktionieren. &lt;br /&gt;Das Problem mit den Mythen besteht nicht in ihrer intrinsischen Falschheit, Wahrheit oder Pseudo-Wahrheit. Das Problem hierbei ist vielmehr, dass sie gerinnen und austrocknen, wenn wir sie für selbstverständlich halten.&lt;br /&gt;Der Erzählfluss muss lebendig gehalten werden, indem wir mit immer neuen Mitteln erzählen, Sichtweisen und Blicke verändern. Wir müssen die Erzählungen permanent herausfordern, um zu verhindern, dass sie verhärten und unser Hirn verstopfen. &lt;br /&gt;Das ist natürlich eine äußerst schwierige Aufgabe, aus verschiedenen Gründen. &lt;br /&gt;Zunächst einmal ist es sehr einfach, die Risiken der Arbeit an den Mythen zu unterschätzen. Man läuft immer Gefahr, wie Doktor Frankenstein vorzugehen oder, noch schlimmer, wie Henry Ford. Ein Mythos entsteht nicht durch Willenskraft, wie am Fließband. Man erweckt ihn auch nicht zum Leben in einem Privatlabor. (... )&lt;br /&gt;Im Gegensatz dazu verlangt eine ‚genuine‘ Herangehensweise an Mythen die Fähigkeit, aufmerksam zu sein und zuzuhören. Wir müssen dem Mythos Fragen stellen und hören, was er uns zu sagen hat, wir müssen die Mythen erforschen, wir müssen sie in ihrem Territorium mit Hingabe und Respekt aufsuchen, ohne sie zu vereinnahmen und ohne sie zwanghaft in unsere Realität zu pressen. (...)&lt;br /&gt;Unsere Chimäre war der richtige Abstand: nicht zu nah am Mythos, um geblendet zu werden, nicht zu weit weg, um daraus keine Kraft mehr ziehen zu können. Es war ein schwer zu haltendes Gleichgewicht, und in der Tat hielten wir es nicht. &lt;br /&gt;Denn das Problem ist auch: wer ist der Hersteller der Mythopoesie, der Beschwörer, der Geburtshelfer? Es sollte einer ganzen Bewegung, community oder sozialen Klasse obliegen, die Mythen zu händeln und lebendig zu halten. Keine Gruppierung kann sich selbst und alleinig damit beauftragen. Wir hingegen sind schließlich zu ‚Funktionären‘ in dem Prozess der Manipulation der Metaphern und der Beschwörung der Mythen geworden. Unsere Rolle ist die von Quasi-Spezialisten geworden, eine Agit-Prop-Zelle. Wir sind zu Spin Doctors geworden.&lt;br /&gt;Dalle moltitudini d‘Europa ... richtig, das gab den Leuten einen Tritt in den Arsch, das brachte die Leute dazu, sich sofort nach Genua aufzumachen, aber das war nicht der Punkt. Wir erzielten niemals ein „kritisches Verhalten den mythischen Motiven [unseres] Handelns gegenüber“. Das ‚Praktisch‘ brach niemals das ‚Unmöglich‘ auf. &lt;br /&gt;Im Moment scheint es keine Möglichkeit außer der folgenden zu geben: den Mythos weiter zu erforschen, zuzuhören, einen nicht-instrumentellen Zugang zu diesem zu suchen, vom Mythos zu lernen, ohne dessen Komplexität zu reduzieren und ohne gleich seine politische Aerodynamik im Windkanal zu testen.&lt;br /&gt;In Genua hat sich keine ‚militärische‘ Niederlage ereignet, sondern eine kulturelle Katastrophe. &lt;br /&gt;20. Juli 2001. An diesem Freitag Nachmittag, in der Straße Via Tolemaide, trug niemand die tuta bianca. Wenige Tage zuvor hatte man beschlossen, die Praxis des ‚geschützten zivilen Ungehorsams‘ auf möglichst viele Personen auszuweiten. Aber sogar ein offenes Symbol wie die tuta bianca wäre für dieses Vorhaben hinderlich gewesen.&lt;br /&gt;Deswegen definierte sich der Demonstrationszug, der vom Stadion Carlini losgezogen war, nur aufgrund des Bezuges auf eine gemeinsame Praxis als die Ungehorsamen.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_x7wbzsc&quot; title=&quot;Wobei sich „die Ungehorsamen“ („disobbedienti“ mit kleinem d) hier auf all diejenigen bezieht, die aus dem Carlini Stadion kamen und nicht auf die Gruppe der „Dis obbedienti“ (mit großem D) [Anm. d Üb.].&quot; href=&quot;#footnote1_x7wbzsc&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;Dann wurde Carlo Giuliani ermordet und alle Proteste lösten sich unter massiver Repression auf.&amp;nbsp; Tausende mussten sich ihren Weg zurück zum Stadion erkämpfen, wie die Warriors, die versuchen nach Coney Island zurückzukehren. &lt;br /&gt;Die Nacht brach an und wir fühlten uns wie Ziele beim Taubenschießen. Wir hatten Angst, aber wir mussten einfach noch einmal auf die Straße gehen. An diesem Punkt war unsere einzige Hoffnung, dass so viele Menschen wie irgend möglich nach Genua kommen würden, um die zu unterstützen, die schon da waren. &lt;br /&gt;Am folgenden Tagen kamen 300.000 Leute, um uns den Arsch zu retten. Zum größten Teil waren das nicht die Hardcore-Militanten – die waren schon da. Es waren einfach Leute, die das Blutbad im Fernsehen gesehen hatten und zur Unterstützung kommen wollten. Wir werden dieser Multitude auf ewig dankbar sein. An diesem Samstagnachmittag beschlossen wir, diese Leute niemals im Stich zu lassen. Die Rettung bestand darin, offen zu bleiben, ehrlich und verständlich. Die Rettung bestand darin, sich von Sektierertum weit entfernt zu halten. &lt;br /&gt;Zu diesem Zeitpunkt fingen wir – zunächst noch verworren – an, eine neue Metapher zu denken, eine, die die Kritik an den vorhergehenden Metaphern einschließt: Genua als Frankenhausen. &lt;br /&gt;Einer, der zufällig unseren Gesprächen folgte, fragte uns: „Sagt mal, wer ist dieser Frank Ènausen, von dem ihr die ganze Zeit sprecht?“&lt;br /&gt;Zwei Monate später: der 11. September und die Situation verschärfte sich noch, in Italien und der ganzen Welt. Die Metapher der Belagerung kehrte sich um, und die Belagerten wurden wir. &lt;br /&gt;2003 steckte die italienische Linke in einer tiefen Krise. Nicht einmal die Mobilisierung gegen den Irakkrieg war in der Lage, ihr zu neuer Energie zu verhelfen. Der italienische Ausdruck der globalsten Bewegung seit jeher nahm immer weniger Abstand von ihrer Bezeichnung ‚No Global‘ und wurde zu einer marginalen Präsenz, bestehend aus kleinen Gruppierungen, die den Raum der traditionellen radikalen Linken besetzte. Das alte langweilige Spiel, gespielt nach den alten langweiligen Regeln. Ein Haufen von ‚Berufsrevolutionären‘ übernahm, was noch da war, beging jede nur erdenkliche Art von Fehlern und stellte sich als unsagbar unfähig dar. Eigentlich schon fossilisierte, sub-leninistische Strategien und Taktiken wurden wieder hervorgeholt. Unglaublich viel Zeit und Energie ging in Identitätskämpfen zwischen Gruppierungen verloren. Versammlungen wurden zu erbämlichen Hahnenkämpfen. Der Großteil derjenigen, die vernünftiger und nicht ‚eingereiht‘ waren (vor allem Frauen) resignierten und wandten sich schließlich ab. Auch wir entschieden uns dafür. Eine selbsternannte Avantgarde von Ex-Tute-Bianche widmete sich neuen Projekten, die wir allerdings für grotesk hielten. (...)&lt;br /&gt;Wenn man es genau betrachtet, hat unsere Zusammenarbeit mit dem Netzwerk ein bisschen länger als ein Jahr gedauert. So glorreich geht die Welt zugrunde. &lt;br /&gt;Seitdem haben wir viel Zeit und Kraft darein gesteckt, unser literarisches Projekt voranzutreiben,&amp;nbsp; wir haben neue Romane und Essays geschrieben und unsere Präsenz in der Kultur und Kulturindustrie verstärkt. &lt;br /&gt;Lange nachdem wir den Kampf verlassen haben, ist uns auf jeden Fall eines klar: Wir werden nie wieder Doktor Frankenstein mit den technisierten Mythen spielen. &lt;br /&gt;Und indessen schreiten wir voran, (...)&lt;br /&gt;und keine Niederlage ist endgültig&lt;br /&gt;und die Herzen schlagen weiter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_x7wbzsc&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_x7wbzsc&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Wobei sich „die Ungehorsamen“ („disobbedienti“ mit kleinem d) hier auf all diejenigen bezieht, die aus dem Carlini Stadion kamen und nicht auf die Gruppe der „Dis obbedienti“ (mit großem D) [Anm. d Üb.].&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/42/geister-von-muentzer-im-morgengrauen&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/42/geister-von-muentzer-im-morgengrauen&quot; dc:title=&quot;Geister von Müntzer im Morgengrauen&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/534&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/534  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/42/geister-von-muentzer-im-morgengrauen#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/disobbedienti">disobbedienti</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/globalisierung">Globalisierung</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/italien">Italien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/mythos">Mythos</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/seattle">Seattle</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/transformationsstrategien">Transformationsstrategien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/zapatismus">Zapatismus</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Mon, 05 Jul 2010 09:26:26 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">534 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>„wir imitieren nicht den radikalen Amikram!“</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/1/wir-imitieren-nicht-den-radikalen-amikram</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    Ein Interview mit Nefa Beat - Isola Posse Allstars (Bologna), Lele und Fumo - Lion Horse Posse (Mailand), Nando Popu - Salento Posse (Lette). Geführt Ende März in Berlin.


        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Ein Interview mit:&lt;br /&gt;Nefa Beat - Isola Posse Allstars (Bologna)&lt;br /&gt;Lele und Fumo - Lion Horse Posse (Mailand)&lt;br /&gt;Nando Popu - Salento Posse (Lette)&lt;br /&gt;Geführt Ende März in Berlin&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;dna: &lt;/strong&gt;Warum macht ihr Hip-Hop?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B:&lt;/strong&gt; Letztes Jahr wurde in Italien Musikern, die italienische Popmusik machen vorgeworfen, sie würden sich eine Kultur aneignen, die nicht ihre ist, sondern die der schwarzen Ghettos in den USA. Der Vorwurf kam vor allem auf einem Treffen einiger Independent- Labels, an dem wir nicht teilgenommen haben, auf. Ich glaube, um zu rechtferti­gen, daß ihre eigenen Musiker weiterhin englischsprachigen Brei produzieren um die Leute in den Discos zum hüpfen zu bringen. Wir haben uns in Italien, und ich denke in Deutschland ist es genauso, nicht eine Kultur sondern ein Mittel angeeignet. Hip-Hop wird als Gedan­ken- und Kommunikationsbewegung von unten nach oben benutzt. Sein Vor­teil ist, daß es ein sehr direktes und schnelles Kommunikationsmittel ist. Leute, die sich bereits durch das System „sozial besiegt” sahen und kaum Mög­lichkeiten hatten, sich frei auszudrücken -da sie entweder der Mainstreamkultur oder der Mainstreamgegenkultur folgen mußten- fanden sich auf einmal mit einem Mikro in der Hand direkt vor einem Haufen Leute und konnten sagen, was sie wollten. Am Anfang war das ziemlich bunt gemischt. Einige hatten den Menschen etwas wichtiges zu sagen, andere sprachen einfach von positiven und negativen Gefühlen im Alltag, und wie­der andere erzählten nur Scheiße. Mit der Zeit ist da glücklicherweise gefiltert worden und jetzt gibt es in Italien Kon­takte zwischen verschiedenen Gruppen aus verschiedenen Städten. Das umfasst Bands, aber auch andere Gruppen, teil­weise aus Centri Sociali (Jugendzentren, oft besetzte Häuser).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hip-Hop und Raggamuffin bringen diese Menschen zusammen, das betrifft auch mich, daß sie sich auf halbem Wege zwischen der mehr oder weniger organisierten und mehr oder weniger kranken Linken sowie dem Alltag in der Stadt, d.h. Repression, Paranoia, Lange­weile, Schweigen usw. bewegen. Es handelt sich um Leute die einen anderen Weg nach draußen suchen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Wir haben nicht den radikalen Amikram imitiert. Wir haben einfach das gesungen, was wir jeden Tag erleben, und das hatte Ähnlichkeit mit den Pro­blemen der Leute in den Ghettos von Los Angeles. Die Probleme des Proletariats – um das ganze mal etwas großspurig auszudrücken – sind international.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Wir machen Hip-Hop weil es voll cheap ist, mit äußerst wenigen Mit­teln zu realisieren eben. Wir haben unsere beiden Platten zu Hause aufge­nommen, diese Möglichkeit bietet keine andere Art von Musik. Noch leichter ist es einfach &#039;ne Baseline auf Platte zu nehmen und drauf zu singen, so haben wir im Leoncavallo (Seit über 15 Jahren besetztes Zentrum in Mailand) angefan­gen. Lele legte immer mehr Bands die &#039;ne bestimmte message hatten, wie etwa Public Enemy, auf und spielte sie auf Dancehall-Nächten, bei Volxsdiscos wie wir sie nennen, wo Du zwischen 0 und 2,50 DM bezahlst und die ganze Nacht tanzen kannst (Discos sind in Italien sehr teuer, ca. 20-40 DM). Dabei haben wir festgestellt, daß es wirklich super­leicht ist zu kommunizieren, in den Anfangszeiten hat im Leoncavallo jeder das Mikro in die Hand genommen, mitt­lerweile ist das leider zurückgegangen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Warum hat sich das verändert?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Fumo: Na es ist wie bei allen anderen Musikarten geworden; da ist einerseits die Band und andererseits das Publi­kum. Wir versuchen es, besonders im Leo, immer noch und echt schon fast mit Arschtritten, den Leuten das Mikro in die Hand zu drücken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Vorteil der Volxdisco ist auch, daß sie viele Leute zusammenbringt, sie ist ein Moment der Begegnung in der Lin­ken. Viele Leute hatten die Schnauze voll vom Hard-Core, ultraschnellen Sounds, tierischem Chaos und Noise bei dem Tanzen oder Kommunizieren ein­fach unmöglich wurde. Mit diesen Volxsdisco-Abenden kamen und kom­men viele Leute, die wenig oder über­haupt nichts mit Centri Sociali zu tun hatten, und wenn die Dance-Hall vorbei war, blieben sie, und zwar nicht nur um ein Bierchen zu trinken, sondern auch um den Ort mit zu verteidigen und sich über andere Besetzungen zu informie­ren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando Popu:&lt;/strong&gt; Ich kannte, bevor ich mit Hip-Hop etwas zu tun hatte, gar nicht die Realität der Centri Sociali, da es sie bei mir unten (Synonym für den Süden Italiens) nicht gibt. Für uns im Süden bedeutet der Raggamuffin&#039; mehr, der hat Tradition... die Sonne..., das fühlst Du im Blut, also diese Musik hat uns ermöglicht soviele Menschen zusam­menzubringen, die sonst oft außen vor standen und sich für viele Probleme nicht interessierten und nie angingen obwohl sie täglich mit ihnen konfrontiert waren. Dank der Texte hat es da eine große Sensibilisierung gegeben. Du weißt wie italienische Lieder sonst sind - „amore... paparapa... trara..&quot; Hip-Hop ist vielleicht die erste musikalische Bewegung, die sich in Italien ausbreitet und nicht mehr von irgendwelchem sen­timentalen Kram oder Liebesdramen singt. Oder wenn es in der italienischen Musik etwas sozialkritisch wurde, dann blieb es immer sehr vage. Hip-Hop wächst auch Dank der ganzen politisch- kulturellen Meetings, die es gibt, oder der gemeinsamen Konzerte, z.B. unsere Band hier ist keine homogene Band, wir kommen aus Mailand, Bologna und Lecce.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Habt ihr mit einem derartigen „Erfolg&quot; gerechnet, als ihr angefangen habt Hip-Hop zu machen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alle lachen: „Welchen Erfolg?&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Du meinst wohl den Platz, den uns die Medien auf einmal geben...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Nein, es ist doch schon so, daß Eure Platten gehört werden und die „Szene&quot; recht groß ist...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Ich habe das schon erwartet, viel­leicht nicht gerade von LHP, auch wegen der begrenzten Mittel, aber italie­nischer Hip-Hop und Raggamuffin mußte früher oder später Erfolg haben.... Leider haben wir vorher nicht alle daran gedacht, sonst hätten wir das lockerer angehen können, weniger chaotisch und ohne die ganze Eifersucht und den Neid, der jetzt zu Tage kommt. Einige machen sich zur Stimme der „Auto­nomia&quot;, andere zu der des Hip-Hop der ganzen Welt und da gibt&#039;s häu­fig Probleme...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa Beat&lt;/strong&gt;: Zum Teil sind die Texte sogar abgeschrie­ben...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Das ist alles bloß Rauch... es gab dieses pushen der Medien, Kommerzschienen und du hast Bands gefun­den, die Konzerte gegeben haben, obwohl sie nur zwei Stücke hatten. Die italienische Hip-Hop-Szene ist aber ins­gesamt eher klein geblieben...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele und Nefa B&lt;/strong&gt;: He He! Wart&#039; mal....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B&lt;/strong&gt;: Sagen wir mal, daß die Szene die so Anfang der 90er rausgekommen ist, positive und negative Früchte getra­gen hat. Was mir gefällt, ist, daß es 15jährige Kids gibt, die sich die Texte durchlesen und für sich akzeptieren und nicht weil sie einfach gegen etwas sind. Ich glaube das wird noch Früchte tra­gen, Bands wie wir alle hier oder Sud Sound System, Onda Rossa usw. sind Leute, die versuchen eine Mauer einzu­drücken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Ich bin mir sicher, daß Hip­Hop einen größeren Durchbruch erle­ben wird. Bedenken müssen wir, welche Qualität wir ihm geben sollen. Wir ste­hen auf einmal Major-Labels gegenüber, und wir müssen das angehen, denn viele interessieren sich für Major-Labels und die jungen Hip-Hop-Kids schiessen wie die Pilze aus dem Boden. Wir müssen einerseits unser Image „pflegen&quot; gegenü­ber all&#039; dem Mist der noch rauskommen wird und es wird noch einiges kommen, das kommt auch in Ländern wie Deutschland rüber, wo es einen -sagen wir- Underground-HipHop aus Centri Sociali nicht gibt, hier in Deutschland wird das ja als US-Phänomen gesehen; Baseballmütze etc.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Ihr spielt sehr viel in verschiede­nen Orten, auf was für ein Publikum trefft ihr dabei und wie gestaltet sich die Kommunikation mit dem Publikum?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Ich hab&#039; schon in fast ganz Italien gespielt, aber am schönsten ist es immer noch in Lecce, wo ich her­komme, das ist ein ganz anderes Gefühl, denn das Publikum ist viel heterogener, du findest 70-80jährige, Jugendliche und Familien mit Kleinkindern, die nicht mal richtig laufen können. Es ist echt was breites und nicht so wie an anderen Orten, wo du nur Leute hast, die schon was mit Hip-Hop zu tun haben, Jugend­liche bis höchstens 25.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Du singst ja auch in deinem Dia­lekt...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Ich singe ausschließlich in meinem Dialekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Über was singst du denn?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Über das Leben eines „gewöhnlichen&quot; Jugendlichen, der in Lecce lebt und mit der Mafia konfrontiert ist, sich mit den Leuten auseinandersetzen muß, denen es gut geht, für die alles OK ist, solange sie fressen und saufen können. Über Jugendliche, die eigentlich genauso sind wie du, dir aber Stöcke zwischen die Speichen schieben weil sie ihre individuellen Scheißinteres­sen haben. Das Leben da unten besteht aus zur Schule gehen und heiraten, und dann bist du ein „anständiger&quot; Mensch, bürgerlich eben. Das Hauptproblem meines Landes (das meint den Süden) ist dieses „anständig sein&quot; und die fatalisti­sche Lebenseinstellung der meisten, sie machen einfach nichts. Bei uns geht es dem Hip-Hop darum, die Leute .aufzu­fordern, nicht alles als gegeben hinzu­nehmen und was eigenes beizusteuern, selbst eigene Aktionen und Initiativen vorzuschlagen. In. meiner Gegend z.B. gab es bis vor 5 Jahren noch keine Pro­bleme mit der Mafia und innerhalb von 5 Jahren hat sich alles ins Gegenteil ver­kehrt, du siehst Leute mit Wummen rumlaufen und sie zeigen sie dir auch, das Spielchen im Auto und an der Ampel dann Line und Kavaliersstart, echt Wild-West-mäßig. Niemand macht etwas dagegen, im Gegenteil immer mehr Leute hauen ab, früher sind auch Leute emigriert, aber es ist extremer geworden, früher sind die Leute gegan­gen, weil es keine Arbeit gab, einige haben versucht zu bleiben und sich durchzuschlagen, aber selbst die gehen jetzt, weil sie sich das ganze Chaos und&#039; die Gewalt nicht mehr reinziehen wol­len. Wir von der Salento Posse themati­sieren das, denn wenn alle weggehen, und es sind ja immer die besten, die gehen, die die arbeiten, studieren oder was aufbauen wollen, dann bleiben am Schluß nur noch die Vollidioten, die sich gegenseitig abknallen. Das ist natürlich schwer, ich kann nicht einem Typen der jetzt in Mailand lebt erzählen er soll wie­der hierher kommen, wo es keine Arbeit und nix gibt... der spuckt mir doch ins Auge.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Wie reagieren denn die Leute auf deine Texte?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Die Leute reagieren sehr positiv, negativ reagieren nur wie immer als eine genauere Überlegung, die Politiker, wir haben Druck und sogar Drohun­gen seitens einiger Politi­ker bekommen, denn unsere primären Angriffsziele sind die lokalen Politiker, da hat es einige Probleme gegeben, wir sind aber auf ihre Feste, haben ihnen die Sachen ins Gesicht gesagt, sind wieder gegangen und im Endeffekt haben wir sie immer gearscht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Und die Familien, älteren Leute, wie reagieren die?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Du siehst, daß die Leute echt glücklich sind, weil du auf Dialekt singst, das ist etwas sehr wichtiges. Im Süden hat der Staat große Anstrengun­gen unternommen, um die Menschen zu homogenisieren. Da Dialekt bei uns sehr lebendig war und diese Tradition auch gespürt wurde, wurde das Bild aufge­baut, daß wer Dialekt redet, dumm ist, und wer einigen Traditionen noch nach­geht, die zu einer alten Mentalität gehören, auch ein Idiot ist. Die meisten Menschen haben sich angepasst. Wir versuchen deutlich zu machen, daß Tra­ditionen zu deinem Leben gehören, das hat uns mal den Vorwurf eingehandelt wir seien Faschisten, weil die auch für Traditionen sind. Das ist echt Schwach­sinn, Traditionen und Kultur sind Sachen, die du mit ins Leben bekommst und du kannst sie nicht einfach verleug­nen, und wenn, wirst du es später bereuen. Kultur ist etwas, das du in dir trägst und du mußt lernen, sie schätzen und nutzen zu können. Das versuchen wir.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele Jugendliche sprechen heute ihren Dialekt nicht mehr. Wir finden das falsch, denn er erklärt am besten ihr Umfeld, ihre Kultur. Es geht uns nicht darum zu sagen „redet Dialekt wohin ihr geht&quot; das wäre idiotisch. Aber Dialekt ist wie ein Krug und enthält viele Sachen, die du nicht ins italienische übersetzen kannst, nicht sprachlich sondern kon­zeptuell, die gehören zu einer Gegend zu dem Land. Ich weiß, daß ich einige Werte besitze, die ich jemand anderem kaum erklären kann, da er/sie in eine andere Mentalität hineingeboren wurde. Es ist sicherlich nicht angebracht, daraus unüberwindbare Unterschiede zu kon­struieren, aber jeder hat halt seine „Last&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Verschieden aber Gemeinsam!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B&lt;/strong&gt;.: Der Faschismus, Rassismus und die ganzen Vorurteile erwachsen ja aus der Angst vor der Verschiedenheit, vor Veränderungen und der Angst vor dem Kontakt mit etwas, daß dem, was du im Kopf hast, nicht entspricht. Einige Leute erkennen die Unterschiede an und können zusammenleben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Das nur als Ergänzung, weil einige Leute uns als Leghisten bezeich­net hatten (Anhänger der Leghen,. rechtspopulistische bis faschistoide regionalistische Gruppen die sich zur Wahl stellen). Auf einem Kongreß kam mal einer auf mich zu und sagte „Du singst auf Dialekt, du förderst den Separatismus”. Da konnte ich nur noch „Halt!&quot; sagen, da mußt du ja alles von vorne dis­kutieren. Daß wir auf Dialekt singen, hat nichts mit Separatis­mus zu tun, sondern damit, die eigene Kultur kennen zu wollen und sie anderen Menschen nahe zu bringen. Bis jetzt wurde sie nämlich immer mit dem Hammer traktiert, und es ist nur richtig, daß sie ihre adäquate Stellung bekommt. Basta!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Oft, wenn wir im Ausland&#039; spiel­ten, kamen Leute auf die Bühne und haben beispielsweise auf spanisch gerapt, und einmal in Barracaldo hat &#039;ne Frau sogar auf Euskera gerapt, das war die Hölle, echt super, alle haben getanzt und die Texte verstanden, vor allem haben sie verstanden welches Instru­ment Hip-Hop darstellt. Wir werden sehen, wie im Ausland radikaler, militan­ter italienischer Hip-Hop, nenne es wie du willst, aufgenommen werden wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Was bedeutet für euch Kultur, was ist Politik und wie geht das zusammen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Politik ist für mich der Alltag. Da ich in einem besetzten Haus lebe, ist das die ständige Auseinandersetzung mit den Realitäten um mich rum, der Ver­such, so viele Leute wie möglich auf meine Seite zu ziehen. -Auch wenn ich nicht weiß, ob ich die Wahrheit gefres­sen habe. Das mache ich vor allem indem ich aufzeige, daß meine Lebens­art möglich, und vor allem menschlich ist. Das Fehlen von Solidarität und Inter­esse in Bezug auf die Menschen, die um uns herum sind, kann ich nicht akzeptie­ren. So wie ich lebe, ist die einzige Lebensweise, die es mir erlaubt, noch menschliche Beziehungen aufrechtzuer­halten. Außer in einem besetzten Haus zu leben und Politik in einem Centro Sociale zu machen, gibt&#039;s da die Musik! Ich gestehe ich bin „erleuchtet&quot; worden durch ein Interview mit KRS One, BDP (Boogie Down Production), in dem es um Pädagogik gin, und das ist für mich immer ein Schlüsselwort geblieben. Ich singe nicht, um Scheiße zu erzählen, ich respektiere Unterhaltungsmusik, die nur zum tanzen ist, es geht mir am Arsch vorbei, ob jemand 6 Stunden lang singt, wie geil seine Kappe ist, is&#039;OK, ist sein Job, aber ich muß was sagen, ich brauche es, sonst steig&#039; ich auf keine Bühne. Hier in Deutschland habe ich echt Probleme, aber ich versuche vor den Stücken zu erklären, wer ich bin und was ich sagen werde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber für mich gibt es einen ganz kla­ren Unterschied zwischen Unterhaltung und einer Person, die etwas mitzuteilen versucht, zu lehren, ich schäme mich nicht, das so auszudrücken, ich akzep­tiere auch das Lernen von anderen und bringe meinen Teil an Erfahrungen ein, mit dem ich jemand anderes, etwas bei­bringen kann. Ich bin auch sehr glück­lich über unsere neuste Scheibe, die um das Thema Knast geht, eine Sache, der sich echt niemand annimmt. Die Platte wird sogar von Sony vertrieben werden und vielleicht, ich sage vielleicht, wird es gelingen, daß die Kids, die Hip-Hop hören, anfangen, sich eine andere Vor­stellung von Knast zu machen als die, die ihnen täglich von Zeitungen, Fernse­hen und sonstigen Medien präsentiert wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Die Scheibe wird zwar von Sony vertrieben, aber wir müssen ergänzen unter was für Bedingungen, denn ich glaube es ist die erste-Scheibe, die von Major-Labels vertrieben wird und einen festgelegten Preis hat. Den Verkaufspreis haben wir festgelegt, und die Scheibe ist in Eigenproduktion entstanden. Ich glaube mittlerweile, zumindest in Italien, nicht mehr an Indie-Vertriebe und den ganzen Kram, denn die, die es gibt, müßen entweder höllische Anstrengun­gen unternehmen, um zu promoten und konzentrieren sich daher meist nur auf eine Band, oder sie reden von Eigenver­trieb und verkaufen dann 1.000 Stück an Virgin und du findest dann deine Scheibe mit dem Aufdruck „zahle nicht mehr als...&quot; in irgendeinem Laden wie­der und sie kostet viel mehr. Du hast keine Kontrolle mehr über den Preis deines Produktes, wenn du was produ­zierst, mußt du damit auf den kapitalisti­schen Markt und das mußt du dann in einer bestimmten Art und Weise versu­chen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Unser Interesse ist dabei immer gewesen den „Verbraucher&quot; zu bevorzu­gen. Die Platte ist Ware und den Markt für Tonträger haben die Major-Labels geschaffen, du kannst da nicht den Durchbruch von unten schaffen, die Indie-Vertriebe sind Sklaven der Major- Vertriebe, sie sind ihnen unterworfen und können ihre Regeln nicht durchset­zen. Das ist ein Bereich, in dem die - sagen wir mal -„Linke&quot; erst viel zu kurz drin ist. Das Kapital hingegen hat jahr­zehntelange Erfahrungen. Ich glaube, daß die einzige Lösung darin liegt, es so aufzuziehen wie wir das gemacht haben: einen Vertrag abzuschliessen, mit dem Du einerseits die Käufer bevorzugen kannst, damit sie für ein verdammtes Stück Vinyl nicht übermäßig viel ausgeben müssen, und andererseits ein multinatio­naler Konzern nichts dran ver­dient.(Das glaubst du ja wohl selber nicht! Anm.d.Setzer) -Wir verdienen dann auch nichts dran, aber das ist kein Problem.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Du unterschreibst ja auch nichts bei ihnen, es läuft so, daß du sagst, ihr kriegt das zu dem Preis und müßt es zu dem und dem Preis verkaufen. Wenn Sony das als Major-Label macht, wird das auch respektiert, während die Indie-Vertriebe keine Kontrolle über ihre Sachen haben. Das Problem mit den Major-Labels ist die Produktion von Musik. Wenn du &#039;ne Platte mit Sony auf­nimmst weißt du nicht was dabei raus­kommst...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa Beat&lt;/strong&gt;: Das Thema stellt im Moment die wichtigste Diskussion in der italienischen Hip-Hop-Szene dar, des­halb&#039; sind wir hier gelandet, obwohl du &#039;ne ganz andere Frage gestellt hast.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B&lt;/strong&gt;: Ich will noch ergänzen, was ich bekämpfe. Meine Vision von Kultur und Politik ist Kultur und Politik der Straße. Heute wird unter Kultur vor allem der verbitterte Intelektuelle verstanden, der mit einem total schwierigen Vokabular redet und zu verstehen gibt, daß er mehr Bücher gelesen hat als jemand anders. Wenn sie sich von dieser menschlichen Krankheit leiten lassen, die ersten sein zu wollen, immer im Mit­telpunkt zu stehen, dann ist ihr Konzept von Grund auf falsch. Was ist Politik heutzutage? Mich interessiert eigentlich nicht, was dir jemand wie ich dazu erzählt, denn das weiß ich schon. Mich interessiert was z.B. der Typ in der Kneipe dazu meint, und der meint, daß das &#039;ne Reihe Politiker sind, die das Geld verpulvern, sich im Wahl­kampf prostituieren, um deine Stimme zu bekommen und dann Tschüß! Und genau hier mußt du kämpfen. Das Kon­zept von Kultur und Politik darf nicht in Büchern gelesenes und nicht angewand­tes ranziges Wissen sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Entschuldige, es stimmt zwar was du sagst, aber es kommt auch darauf an, was du unter ranzig verstehst. Denn Politik ist auch Gedächtnis, Erinnerung. Erinnerung bedeutet eine eigene Geschichte zu haben und diese erkennt der Staat, der auf jeden Fall eine Macht darstellt, nicht an, er tendiert dazu sie auszulöschen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B&lt;/strong&gt;: Stimmt. Und ich denke nicht, daß Politik Neuigkeiten bedeutet, Politik bedeutet historisches Gedächtnis und Korrektur nicht funktionierender Kon­zepte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: All&#039; das worüber wir reden erinnert mich an eine Sache: Wenn ich was schreibe habe ich ziemlich klar im Kopf auch provozierend zu sein. Ich finde in der Kultur, und ich bin überzeugt, daß ich Kultur mache, schon angefangen von der Sprache die ranzig ist, muß man manchmal auch Mechanismen in Gang setzen, die hart, stark und radikal sind, um die Leute zum Nachdenken zu zwingen. In Italien ist das ein Problem, ich hab&#039; s0000 viele Posse gesehen, und einen Namen will ich nennen, die Radical Sunshine Posse, die mir echt die Kotze hochkommen lassen. Die steigen auf die Bühne uns singen dann „Vergewaltigung ist zu verurteilen&quot;. Ja, OK, kein Zweifel, völlig einverstan­den, aber zum Nachden­ken regt das nicht an, oder „Abtreibung muß legalisiert werden&quot; OK, das weiß ich auch seit Jahren...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B&lt;/strong&gt;.: ... oder „Pfarrer zum Teufel jagen...&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Das ist doch keine Kultur, völlig öde...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Das ist echt zu leicht und stumpf irgendwelche Demosprüche aneinander zu reihen...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B.:&lt;/strong&gt; Das ist Gegenkultur die genausoviel wert ist wie die Kultur, die sie vorgibt zu bekämpfen...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Ich ziehe es vor, mir was von Nefa anzuhören, was ich unter Umstän­den nicht teile, worüber ich aber nach­denke, mir meine Überlegungen dazu mache, mit Nefa oder jemand anderem darüber rede... Die Provokation ist aus dieser Sicht sehr wichtig. Im Hip-Hop gibt es auch Wettbewerb, OK, aber bitte nicht wer ist die Nummer 1, wer ist der schnellste, sondern wer schießt die Kugel, die die Hirne bewegt. Vielleicht haben wir auch oft übertrieben, haben über ein gewisses Maß hinausgeschos­sen, wer weiß, vielleicht war es die Punk-Einstellung von der Provokation um jeden Preis, aber ich weiß noch, daß bei unseren ersten Konzerten, später haben uns die Leute dann geschluckt und verdaut, kamen die Leute und haben von uns Stellungnamen gefordert zu Songs wie „Polenpapst&quot; oder &quot;Ent­führungen&quot; (in dem Song werden auf satirische Weise Entführungen von den Kindern der im Mailänder Hinterland lebenden Großindustriellen gutgeheißen) und das hat mir bestens gepaßt. Ich kann mich daran erinnern, daß ich nie über den Text von „Entführungen&quot; nach­gedacht hatte bis ich einmal eine Woche in Cosenza (Süditalien) festhing, weil uns auf einer Tour das Auto explodiert war, und die Genossen aus Cosenza haben mich zur Seite gezogen und gesagt „Sag mal Fumo weißt du eigentlich was die Mafia ist? Weißt du, wie es ist mit der Mafia leben zu müssen?&quot; Ich wohne in Mailand, da ist Mafia fast was romantisches, die Mafiosi respektieren uns, weil wir in besetzten Häusern wohnen und „Outlaws&quot; sind wie sie. Im Süden aber ist das was anderes, das habe ich auch erst mit der Zeit gelernt. Jetzt singe ich den Text nicht mehr. Der Song hat vielleicht einigen Leuten genützt, die mir zugehört haben, weil es eine Provokation war, aber vor allem hat er mir genützt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Ihr habt vorhin schon angedeutet, daß euch Sexismus vorgeworfen wurde, wie kam das, was steckt dahinter?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Da gab es einige Mißverständnisse, die wir noch klären müssen. Wir benutzen sicherlich eine vulgäre Spra­che, denn wir singen so wie wir auf der Straße reden. Ich glaube, daß in Italien die Umgangssprache viel härter ist als in Deutschland. Es sollte jedoch klar unter­schieden werden zwischen Sexismus und vulgärer Sprache. Manchmal wird alles in einen Topf geworfen und alles ist sexistisch. Eigentlich fehlt die tatsäch­liche Auseinandersetzung darum und es wird in der Linken oft mechanisch die „Sexismus-Schablone&quot; angewandt.&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/1/wir-imitieren-nicht-den-radikalen-amikram&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/1/wir-imitieren-nicht-den-radikalen-amikram&quot; dc:title=&quot;„wir imitieren nicht den radikalen Amikram!“&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/521&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/521  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/1/wir-imitieren-nicht-den-radikalen-amikram#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/hiphop">HipHop</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/italien">Italien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/musik">Musik</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Sat, 06 Mar 2010 11:23:25 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">521 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Das Versprechen des Politischen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/23/das-versprechen-des-politischen</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;20. Juli. Genua. Zweiter Tag der Demonstrationen. Gegen Mittag machen sich vom Leichtathletikstadion Carlini über 15.000 AktivistInnen aus Süd- und Westeuropa zum Training mit den Tute Bianche auf. Ein kurzer Rundlauf biopolitischer AktivistInnen, der eine Stunde später von einem CS-Gas-Bombardement der Polizei gestoppt werden wird. Zehn, zwanzig Meter steht alles in weißem Nebel. Biopolitischer Gegenangriff. Dahinter Panzerwagen. Wer keine Gasmaske auf hat, stürmt zurück. Zurück? Da ist nichts. Keine Seitenstraße. Keine Grünfläche. Kein Platz. Links meterhoher Bahndamm. Rechts Hauswand an Hauswand. Dazwischen die zähe Größe von Tausenden DemonstrantInnen. Tute Bianche im Training kurz vor der Massenpanik.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;20. Juli. Genua. Zweiter Tag der Demonstrationen. Gegen Mittag machen sich vom Leichtathletikstadion Carlini über 15.000 AktivistInnen aus Süd- und Westeuropa zum Training mit den Tute Bianche auf. Ein kurzer Rundlauf biopolitischer AktivistInnen, der eine Stunde später von einem CS-Gas-Bombardement der Polizei gestoppt werden wird. Zehn, zwanzig Meter steht alles in weißem Nebel. Biopolitischer Gegenangriff. Dahinter Panzerwagen. Wer keine Gasmaske auf hat, stürmt zurück. Zurück? Da ist nichts. Keine Seitenstraße. Keine Grünfläche. Kein Platz. Links meterhoher Bahndamm. Rechts Hauswand an Hauswand. Dazwischen die zähe Größe von Tausenden DemonstrantInnen. Tute Bianche im Training kurz vor der Massenpanik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit Mitte der 90er Jahre üben die Tute Bianche in ihrer theoretischen Praxis die Ingebrauchnahme operaistischer Begriffe: Multitude, reale Subsumtion der Gesellschaften unter das Kapital, In-Wert-Setzung des gesamten Lebens, der Kommunikation, des Wissens, der Affekte usw. Die Tute Bianche könnten sich zum Beispiel gesagt haben: Wenn es stimmt, dass die Produktion den Ort der Fabrik verlässt; wenn es stimmt, dass die Arbeitskämpfe und sozialen Auseinandersetzungen der 60er und 70er mit dazu geführt haben, dass die Fabrik in die Gesellschaft diffundiert, dass die gesamte Gesellschaft zur Fabrik wird; wenn es stimmt, dass die feministische Sichtweise, nicht-bezahlte Arbeit zur gesellschaftlichen Produktivität zu zählen, auf erweitertem Level historisch wahr geworden ist; wenn es stimmt, dass das Kapitalverhältnis sich immer produktiver durch die Körper frisst; das Wissen über die Arbeitsabläufe, die Fähigkeit zu Kooperation und Selbstorganisation, die Gefühle und Subkulturen in Wert setzt und die Subjekte drängt, Unternehmer ihrer eigenen marginalisierten und fragmentierten Existenz zu werden, dann ist es an der Zeit, mitten in dieser Subsumtion eine biopolitische AktivistIn zu erfinden, die auf der Höhe der Zeit ist. Auf der Höhe der Zeit heißt für die Tute Bianche, dass die politischen Praktiken die gesamte vernetzte Sozialität, die der Spätkapitalismus hervorbringt, verwertet und kontrolliert, durchlaufen müssen. Das ist die Multitude. Unglaublich kitschig. Aber charmant. So etwas wie kämpferische Heterogenität. Eigentlich könnte man sagen: das wieder entdeckte Patchwork der Minderheiten, das um sein Modernisierungs- und Innovationspotential für die Verhältnisse weiß. Das Kämpferische wird produktiv und positiv. Das ist die Schule des Kapitalismus selbst, hinter dessen Lehrplan die Tute Bianche nicht zurückgehen wollen: Die permanente zur Selbstunternehmung mobilisierte Subjektivität (Mach was! Verwirkliche, äußere, beweise dich! Rette dich selbst!) soll weniger zur Negation, zum Bruch, zur Arbeitsverweigerung, zum Nehmt die Gewehre! oder zur Sekunde zwischen Wurf und Aufprall, sondern in erster Linie zum Aktivismus dissidenter Selbstorganisation fortschreiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die praktische Praxis rauscht stärker als die theoretische Praxis. Noch direkter als in der Theorie führt sie zur Begegnung mit dem, was nicht gedacht und nicht berücksichtigt wurde. Am 20. Juli scheiterte das Tute bianche-Konzept der spielerischen Militanz und der begrenzten Provokation an der Strategie der Polizei. Ihr war es gelungen, die Straßenmilitanz, mit der sie zu rechnen hatte, direkt in die Aufstandsbekämpfung miteinzubauen. Das Klirren der Scheiben wurde in Kauf genommen, um sie als Vorlage zu nutzen, auf jeden organisierten Ausdruck von Demonstration draufzuhauen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ecstasy für die Multitude&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;An der Straßenschlacht, die sich nach dem Polizeiangriff auf die Tute Bianche-Demo entwickelte, waren zu einem Drittel kunststoffgepolsterte DemonstrantInnen beteiligt. Das Umschalten von der so genannten disobbedienza civile zum konventionellen Riot ging schnell, spontan und reibungslos. Diese Übergänge von einer Praxis in die andere, die Grauzonen, das Rauschen und die Diffusion ihrer Vorgehensweisen repräsentieren die Sprecher der Tute Bianche nicht. Ihre relativ starke Position kollidiert mit ihrer Vorstellung der Multitude, was auf der Titelseite der Wochenzeitung &quot;L&#039;Espresso&quot; gut zum Ausdruck kam – vorne Luca Casarini, Sprecher der Tute Bianche, im Hintergrund die Multitude im Demolook der Saison mit Skimütze und weißem Overall.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Tute Bianche artikulieren genauso wie Pink Silver, das Netzwerk der People&#039;s Global Action oder die AktivistInnen migrantischer Selbstorganisation ein Versprechen. Das Versprechen des Politischen. Das leise Wiederauftauchen der Optionen. Das Politische der Situation liegt im Asubjektiven. Es sind in erster Linie nicht die einzelnen Subjekte, die schlauer werden. Denn selbst wenn, würde das nicht ausreichen. Es ist eher das Zusammentreffen. Dieses Gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen. Jenseits der Anstrengung, politisch weiter machen zu wollen, sind die Dinge in Bewegung geraten, weg vom Solidaritäts-Internationalismus, weg von einem Antirassismus, der als erneuerte Identitätspolitik für eine autonome Linke funktioniert, weg von den Vorstellungen der Unterstützung und des Fürsprechens, weg von der pathetischen Authentizität des Streetfighters&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leider sind in der BRD nicht People&#039;s Global Action, Pink Silver, Indymedia, The Voice, das Grenzcamp usw. zu Echokammern für dieses erneuerte Gefühl des Politischen geworden, sondern Attac.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gegenüber der Sedierung&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_yw7wpur&quot; title=&quot;Sedierung: Ruhigstellung&quot; href=&quot;#footnote1_yw7wpur&quot;&gt;1&lt;/a&gt; des Politischen bei Attac sind die Tute Bianche Ecstasy. Das Interessante ist ihre avancierte Vorstellung vom Kapitalismus als gesellschaftlichem Verhältnis. Sie holen den Antikapitalismus weg vom Ökonomismus. Nach einer starken Phase der Integration erneuern sie unter dem Label der Multitude das Konzept der mikropolitischen Praktiken. Und mit der These von der Produktivmachung und In-Wert-Setzung aller subjektiven Artikulationen fusionieren sie feministische und operaistische Ökonomietheorie. In ihrer Selbstsicht scheinen die Tute Bianche aber die gegenläufigen, nicht intendierten und ambivalenten Effekte ihrer politischen Arbeit nicht zu sehen. Der Widerspruch zwischen Multitude und der starken Position ihrer Sprecher ist ein Beispiel. Ein anderes ist die Restrukturierung der Centri sociale in Rom, Mailand und im Nordosten Italiens, die mit ihrer Analyse des Postfordismus zu tun hat: Nachdem sich der disziplinierte und homogene Ort der Fabrik in netzförmige, entgarantierte, fragmentierte und atypische Arbeitszusammenhänge aufgelöst hat, wird immer intensiver auf den lebendigen Reichtum der Subjekte, ihr Wissen, ihre Kommunikation, ihre Selbstorganisation, ihre Gefühle zugegriffen. Der kommunistische Horizont dieser Analyse liegt in der Möglichkeit der selbstbestimmten gesellschaftlichen Kooperation der Multitude, die in den Alltagsstrukturen des Kapitalismus entsteht. Diese Analyse ist sehr optimistisch. Sie dethematisiert die Unentschiedenheit des Kräfteverhältnisses. Sie fragt zu wenig, was es bedeutet, wenn die Multitude in den Teamgeist von Start ups und jungem Unternehmertum regrediert; was es bedeutet, wenn die Netzwerke der SelbstunternehmerInnen in radikalisierte Ideologien investieren: Ultraindividualismus und Abbau aller sozialen Ausgaben, Regionalismus und Rassismus; und was es bedeutet, wenn in den meisten atypischen Dienstleistungsjobs nicht der lebendige Reichtum der immateriellen ArbeiterInnen verwertet wird, sondern ihre Bereitschaft zu flexiblen Services wie Putzen, Aufpassen, Kehren, bezahlter Hausarbeit, Telefonieren für Konzerne usw. Zusammen mit einer Existenzgeldkampagne haben eine Reihe von Centri sociale Ende der 90er Jahre damit begonnen, eine Beratung für immaterielle ArbeiterInnen aufzubauen. Leider überlassen die Tute Bianche die kritische Diskussion, inwieweit diese Praxis auf kommunaler Ebene der Stärkung des sogenannten Dritten Sektors und der zivilgesellschaftlichen Eigeninitiative entgegenkommen könnte, ihren KritikerInnen. Eine Arbeitsteilung, die ein weiteres Mal das Verhältnis der Multitude unterbricht und die moralische Old School von Denunziation und kritikloser Selbstabschließung in der Linken etabliert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kulturalisierung des Politischen nach dem 11.9.&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der terroristische Angriff auf das World Trade Center am 11.9. hat auf einen Schlag gezeigt, was negative politische Potentialität ist. Die Tage nach Genua waren von einer asubjektiven Potentialität neuer internationaler Praktiken bestimmt, die auch dann noch strahlte, als sie sich in Berlin nicht in alltägliche Politik umsetzen ließ, als die Veranstaltungen und Demonstrationen von den alten Sprechweisen und Artikulationsformen bestimmt wurden, und das Gefühl der Langsamkeit zurückkehrte. Die Zeit nach dem 11.9. zeigt dagegen, was negativer Internationalismus ist, das Auftauchen einer äußerst riskanten und politischen Situation auf internationaler Ebene, von deren Bestimmung man vollkommen abgeschlossen zu sein scheint. Die reaktionäre Struktur des Terroranschlags drückt sich in seiner extrem imaginären und katastrophischen Kraft aus: Das Zentrum, das es nicht gibt, ist getroffen worden. Der SciFi ist eingetreten. Wir befinden uns im Rücken des Bildschirms und der kollektiven Sicherheitsängste kapitalisierter Gesellschaften. Seine gleichzeitig materielle, vernichtende Gewalt, mit der eine Art technologisch präzises Totenfest inszeniert wurde, führt dazu, dass sich das politische Feld auf vielen Ebenen verändert. Der Terroranschlag ist ein Katalysator nach rechts. Er macht schon länger existierende hegemoniale Strategien auf einen Schlag in einer neuen Dimension politisch funktional – vor allem die Etablierung eines flexiblen Polizei- und Kontrollregimes nach innen und außen und eine rechte Kulturalisierung des Politischen. Das heißt die Gefahr eines gesellschaftlichen Konsenses, der besagt, dass es nur das Bestehende oder den Terror gebe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das, was jetzt passiert, erschöpft sich nicht in einer militärischen Operation, mit der das religiös-paranoische System der Taliban und das terroristische Netzwerk al Qaida wie per Lichtschalter ausgeschaltet werden. Augenscheinlich geht es um eine Tendenz, das gesellschaftliche Feld weiter in Richtung einer globalisierten Normalisierungspolitik zu entwickeln, in der das Bestehende nicht mehr durch politische Praktiken oder Aktionen in Frage gestellt wird, sondern durch das Abnorme, Gefährliche, Kriminelle und Menschenrechtsverletzende, also durch Drogen, Terror, ethnischen Hass, organisierte Kriminalität, religiösen Fundamentalismus usw. – Phänomene, die nicht aus ihrer politischen Entwicklungsgeschichte und in ihrem politischen Ausdruck, sondern wie Naturkatastrophen begriffen werden, die über das hereinbrechen, was ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit dem 11.9. hat ein Prozess der Negativ-, der Minus-Politisierung begonnen, in der die gesellschaftliche Entwicklung sich hermetisch verschließt. Das wirft ein irres Schlaglicht auf den Optimismus der operaistischen Theorie des Postfordismus. Seine glückliche Analyse der möglichen Zukunft immaterieller ArbeiterInnen springt zu leichtfertig über die postfordistischen Subjekte hinweg, die Schill, FPÖ, Fini und Lega Nord wählen. Und sie fragt noch weniger nach der Transformationsdynamik, mit der der Fordismus in den ehemals kolonisierten Staaten in die Krise kam, ohne sich überhaupt etabliert zu haben. Die Projekte der nachholenden Industrialisierung, der Import-Substitution, der nationalstaatlichen Entwicklungsdiktaturen zum Fordismus sind genauso gescheitert wie die sozialistischen Staatsprojekte im Trikont. Der Übergang zum Postfordismus hat sich viel katastrophischer als in den kapitalistischen Zentren realisiert, auch wenn mit der Peripherisierung der Metropolen und der Entstehung von global cities eine Tendenz der Ineinanderschaltung von erster und dritter Welt sichtbar wird. In den riesigen informellen Armutsökonomien des Südens, der Schattenwirtschaft und der Heimarbeit, im massenhaften Selbstunternehmertum auf der Straße wird (wie im Norden) nur selten eine proto-kommunistische Multitude sichtbar, die sich die Arbeitsmittel und das Wissen der Kooperation produktiv angeeignet hat; dafür aber die materielle Basis für die Verbindung, die neoliberales Selbstunternehmertum der Armen mit rassistischen, politisch-religiösen und ethnischen Ideologien eingeht.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_yw7wpur&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_yw7wpur&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Sedierung: Ruhigstellung&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/23/das-versprechen-des-politischen&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/23/das-versprechen-des-politischen&quot; dc:title=&quot;Das Versprechen des Politischen&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/207&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/207  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <category domain="https://arranca.org/tag/911">9/11</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/genua">Genua</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/italien">Italien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/kulturalisierung">Kulturalisierung</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/operaismus">Operaismus</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/tutebianche">TuteBianche</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Stephan Geene</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">207 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Die Entdeckung des Eigensinns</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/die-entdeckung-des-eigensinns</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;In den langen 1950er Jahren wurde in vielen westeuropäischen Ländern eine alte Marx‘sche Vorhersage zur Realität: Der Anteil der Lohnarbeiter_innen an den Arbeitenden stieg auf einen historischen Höhepunkt, die große Mehrheit lebte vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Doch der Proletarisierung folgte keine Politisierung im Sinne der traditionellen Parteien und Gewerkschaften, die aus der Zweiten und Dritten Internationale hervorgegangen waren. Überall schien die Arbeiterklasse sich mehr für die neuen Konsummöglichkeiten und das individuelle Fortkommen zu interessieren als für die Revolution. Immer deutlicher wurde, wie die Hoffnung auf die Fabrik als ‚Organisatorin der Massen’ sich nicht erfüllen würde. Die Rebellion, die am Ende des Jahrzehnts auch die Fabriken und Büros ergriff, war vielmehr ein Aufstand gegen die Arbeit einschließlich ihrer stark entfremdeten und hierarchischen Organisationen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;In den langen 1950er Jahren wurde in vielen westeuropäischen Ländern eine alte Marx‘sche Vorhersage zur Realität: Der Anteil der Lohnarbeiter_innen an den Arbeitenden stieg auf einen historischen Höhepunkt, die große Mehrheit lebte vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Doch der Proletarisierung folgte keine Politisierung im Sinne der traditionellen Parteien und Gewerkschaften, die aus der Zweiten und Dritten Internationale hervorgegangen waren. Überall schien die Arbeiterklasse sich mehr für die neuen Konsummöglichkeiten und das individuelle Fortkommen zu interessieren als für die Revolution. Immer deutlicher wurde, wie die Hoffnung auf die Fabrik als ‚Organisatorin der Massen’ sich nicht erfüllen würde. Die Rebellion, die am Ende des Jahrzehnts auch die Fabriken und Büros ergriff, war vielmehr ein Aufstand gegen die Arbeit einschließlich ihrer stark entfremdeten und hierarchischen Organisationen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Jahrzehnt des Scheiterns&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Für die politische Linke Westeuropas war die unmittelbare Nachkriegszeit eine Zeit der großen Hoffnungen und ebenso großen Enttäuschungen. In einer Reihe von Staaten beteiligten sich die kommunistischen Parteien, die sich im Befreiungskampf gegen die deutsche Wehrmacht einen guten Ruf erobert hatten, an den Regierungen. Es gab kein Land, in dem der ‚Aufbau der Produktion’ von den KP‘en nicht gegen die vorhandenen Rätebewegungen, Streiks und Aufstände ausgespielt worden wäre. In den westlichen Besatzungszonen und der jungen Bundesrepublik hatte die KPD vor ihrem Verbot das ihre dazu beigetragen, die lokalen Arbeitskämpfe in den symbolischen Generalstreik von 1948 und die spätere Etablierung einer ‚sozialen Marktwirtschaft’ zu überführen. Im Osten kam es kurze Zeit später zu Massenprotesten gegen die Enteignung der Arbeiter_innenklasse durch das Management des Sozialismus: 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn. Mitte der 1950er Jahre, noch bevor der ‚real existierende Sozialismus’ dazu ansetzte, den „Westen einzuholen und zu überholen“, waren die Versuche, einen Sozialismus jenseits des Fabrikregimes zu denken, mehr als einmal gescheitert. Das jugoslawische Modell blieb eine relativ isolierte Alternative, seine restringierte Selbstverwaltung ertrank schließlich in der Konkurrenz der Betriebe und jugoslawischen Regionen um Devisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gleichzeitig begann die Suche nach den Resten dieser Alternative auf einem lokalen Niveau. Der Blick zurück auf den Blauen Montag&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_lz6sumy&quot; title=&quot;Der Blaue Montag war die allwöchentliche Verweigerung der Handwerksgesellen des 19. Jahrhunderts, an Montagen zu arbeiten. Allgemein steht er für den lokalen, ‚unpolitischen’ Kampf um die Arbeitszeit.&quot; href=&quot;#footnote1_lz6sumy&quot;&gt;1&lt;/a&gt;, die Interviews mit Arbeitenden in der gigantischen und scheinbar immer weiter wachsenden fordistischen Automobilindustrie, schließlich auch eine gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die von ‚exemplarischem Lernen’ sprach, all dies beförderte die Entdeckung des Eigensinns, die Einsicht in den Umstand, dass sich inmitten der vollkommenen Herrschaft fordistischer Rationalität ein neues historisches Subjekt zu konstituieren schien. Wichtige Elemente dieser neuen Subjektivität waren die Ironie als befreiende Erkenntnis, die Negation als Flucht aus der Fabrik und die Produktivität als Suche nach Alternativen jenseits der Lohnarbeit. Es war ein Kampf, der sich in Europa über drei Jahrzehnte hinzog, ein Kampf der Maulwürfe, mit unzähligen lokalen Eruptionen, deren Höhepunkte die Arbeitskämpfe in Westeuropa der späten 1960er und frühen 1970er Jahre waren. Auf allen drei Ebenen stellte das konkrete Arbeiter_innenverhalten einen Bruch mit der Normalität dar, auf die die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien Westeuropas sich hatten festlegen lassen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ironie, Verweigerung und Produktivität&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ihre Kader schilderten die Fabrik als Moloch, der alle denkbaren Formen des Widerstands und der Organisierung beseitige. Als Beweis zitierten sie den Verlust des Einflusses der traditionellen Gewerkschaften in den großen Fabriken, der sich bei FIAT in Turin Mitte der 1950er Jahre genauso ereignete wie in den neuen Autofabriken in der Bundesrepublik und sogar auf den Werften und in den Metallbetrieben Skandinaviens. Eine wesentliche Entdeckung der ‚militanten’ Untersuchungen der frühen 1960er Jahren war, dass die Arbeitenden sich ihre Freiräume trotzdem durch ‚untraditionelle’ Methoden eroberten, die die offizielle Arbeiterbewegung für ‚unterentwickelt‘ und längst für erledigt hielt. Nanni Balestrini hat diesen Formen ein Denkmal gesetzt, als er Anfang der 1970er Jahre die Arbeit am ‚500er Band’ bei FIAT beschrieb:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Vor allem von den Jungen gingen viele sofort wieder, nachdem sie gesehen hatten, was für eine Scheißarbeit das war. Wer so blöd ist, kann ja hier bleiben, und dann gingen sie wieder. Dann gab es welche, die ständig krankfeierten. Na ja, und weil infolgedessen weniger Arbeiter da waren, als am Band gebraucht wurden, musste jeder von uns viel mehr Handgriffe ausführen. Sie mussten einen Haufen Personal bezahlen, das ihnen nichts nutzte, weil es praktisch nicht da war. Deshalb wurde ich auch ziemlich sauer und verletzte mich am Finger. Ich quetschte mir den Fingernagel, ohne mir groß weh zu tun. Aber ich rieb mir etwas schwarzes Schmieröl, etwas schwarzes Fett über den Finger, damit es schwarz aussah, wie geronnenes Blut.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Resultat der Aktion war, dass der Ich-Erzähler von Wir wollen alles zwölf Tage auf Kosten der FIAT freigestellt wird. Die Erzählung lebt tatsächlich von der Pointe, dass der Kampf, der in der modernsten italienischen Fabrik begonnen hatte, nicht allein ein Kampf um die Zeit war, sondern auch ein diskreter Kampf, der mit allen Mitteln der Fälschung und Erschleichung geführt wurde. Er war eine Komödie, die die Angriffe auf die körperliche Integrität, die ein zentrales Moment des Fabriksystems war, imitierte, mit Schmieröl statt mit echtem Blut. Besser noch schien es, gar nicht erst hinzugehen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Wir standen auf dem Bahnsteig. Es war ein herrlicher Tag. Da hat einer gefragt: ‚Gehen wir heute zur Arbeit oder gehen wir nicht?’ Wir haben dann eine Münze geworfen, wenn Zahl, gehen wir zur Arbeit, wenn Kopf, bleiben wir zu hause. Es kam dann Zahl und wir haben gesagt: ‚Wir gehen trotzdem nicht hin’.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Szene, die sich Mitte der 1950er Jahre auf dem Weg zur Arbeit bei VW in Wolfsburg abgespielt haben soll, zeigt, dass der Protest gegen die Fließbandarbeit wesentlich außerhalb der Arbeit stattfand, in der ‚Freizeit’, jenseits der Fabrik. Die Arbeitgeber beklagten die ‚Unkameradschaftlichkeit’, die Regierung das ‚Bummelantentum’, die Gewerkschaften sahen die ‚Disziplinlosigkeiten’ der jungen Arbeitenden als ihr größtes Organisierungsproblem. Die Protagonisten der historischen Militanten Untersuchung sahen hingegen das Potenzial solcher Handlungen, die die Ineffektivität der neuen Arbeitsformen und die Bürokratie, in der sie verwaltet wurden, bloßstellten. In der FIAT-Untersuchung von 1960/61, eine der Arbeiten, die als Modell für eine Militante Untersuchung gelten, hieß es:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Die Organisation der Produktion bei FIAT (ist) weit weniger ‚rational’ als man annehmen könnte und - als Folge davon - sind die FIAT-Arbeiter weit weniger integriert als es nach außen hin erscheint. [...] Das mythische Bild einer rational organisierten Fabrik zerfällt.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beim Wiederlesen fällt auf, dass die FIAT-Untersuchung nicht in erster Linie die Frage nach der Ironie oder der Verweigerung, sondern die Frage nach der Produktivität bewegt. Die Autoren der Studie schlossen unter anderem an betriebswirtschaftliche Überlegungen an, die Mayo und andere zur frühen Krise des Taylorismus in den USA der 1930er Jahre angestellt hatten und in denen Wege gesucht wurden, wie der ‚mangelnden Motivation‘ und dem ‚tendenziell‘ destruktiven Charakter der Arbeitskräfte entgegengewirkt werden könne. Hinzu kam ein nach eigener Auskunft ‚naiver Marxismus‘. Und schließlich wurde die FIAT-Untersuchung in enger Kooperation mit der CGIL - dem kommunistischen Gewerkschaftsverband – durchgeführt. Die Organisierungsfrage, die hier zuerst gestellt wurde, ging davon aus, dass die Krise der modernen Fabrik zugleich eine Krise der traditionellen Gewerkschaften hervorbringe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Bundesrepublik entwickelten sich im Grunde ganz ähnliche Ansätze, im SDS, in der Bildungsarbeit der damals relativ linken IG Chemie und der IG Metall. Günther Wallraff, der eines dieser Projekte schriftstellerisch begleitete, schrieb Mitte der 1960er Jahre:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Man hat mir von einem Arbeiter erzählt, der sich auf seine Art gegen das Band zu wehren wusste. Er soll am vorderen Bandabschnitt eingesetzt worden sein. Um eine einzige Zigarette zu rauchen, beging er Sabotage am Band. Statt einen Presslufthammer an die immer gleiche vorgesehene Stelle der Karosserie zu halten, bohrte er kurz in das Band hinein, und alles stand augenblicklich still: Tausende Mark Ausfall für das Werk, für ihn drei bis fünf Minuten Pause.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die frühe Militante Untersuchung betonte die Ineffektivität, ja die Unmöglichkeit einer totalen Kontrolle über die Arbeitskraft. Fragen nach der Möglichkeit der Selbstorganisation und der Selbstermächtigung schlossen sich an. Wenn man so will, dann war der Keim für die Reform des Fabrikregimes in diesen Texten bereits angelegt. Gleichzeitig trugen sie aber auch dazu bei, die Kritik an diesem Regime sichtbar und gesellschaftsfähig zu machen. Die Militante Untersuchung war sowohl Frühwarnsystem als auch Parteinahme für den Protest. Als es 1962 in Turin zu einem ersten Riot junger, migrantischer Massenarbeiter kam, entschied sich zumindest ein Teil der Forscher für die Parteinahme - und gegen die weitere Zusammenarbeit mit der CGIL.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die ‚Militante Untersuchung’ und die ‚autonome Arbeit’&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Verdienst des historischen Operaismus&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_u1aqwnx&quot; title=&quot;Operaismus: dissidente Strömung im italienischen Marxismus, die sich aus Projekten wie der militanten Untersuchung entwickelte.&quot; href=&quot;#footnote2_u1aqwnx&quot;&gt;2&lt;/a&gt; ist nicht, die ‚Autonomie in der Arbeit’ entdeckt zu haben. Lange vor der FIAT-Untersuchung war sie bereits von der Industriesoziologie beschrieben worden und bis heute wird sie von ihr ‚operationalisiert’. Die Pointe war nicht die ‚Militante Untersuchung’ als solche, sondern ihre Verknüpfung mit einer Theorie der Revolution, die die Subjektivität der sozialen Kämpfe, ihren Eigensinn, die Notwendigkeit der Ermächtigung und Selbstverwaltung hervorhob. Aus Sicht von Operaisten wie Panzieri, Tronti und Negri schafft die Revolte der Arbeitenden das Kapital, nicht nur im ökonomischen Sinne, wie im tendenziellen Fall der Profitrate ausgedrückt, sondern auch in der konkreten Verweigerung gegen die Zumutungen der Arbeit. Aber welchen Ort hat dieser Protest? Martin Dieckmann antwortete vor einigen Jahren mit der Feststellung, dass „die Arbeiter_innen außerhalb des Kapitals zwar als Klasse, aber als Einzelne, während sie als gesellschaftliche Klasse nur im Inneren des Kapitals, als angewandte Arbeitskraft, fungieren.“ Arbeitskämpfe sind in diesem Sinne, wenn man so will, eine ‚Rebellion der angewandten Arbeitskraft’, die strukturell und räumlich getrennt von der Arbeiter_innenklasse existiert, die im Raum des öffentlichen politischen Handelns präsent ist. Die Restrukturierung der Fabrik, die bis heute anhält, schließt die Poren des Widerstandes, die innerhalb dieser Position nicht nur denkbar waren, sondern auch praktisch wurden. Dabei spielten die Gewerkschaften eine entscheidende Rolle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die offenen organisierten Streiks der späten 1960er Jahre, ob in Paris, Turin, Kiruna, Dortmund oder London, waren zugleich Kämpfe, die zwischen der Position der Verweigerung und der Position der Produktivität ausgetragen wurden. Autonomie und Selbstorganisation waren Stichworte, die sowohl im Sinne der Reform des Fabrikregimes als auch im Sinne der Revolte dagegen zum Sprechen gebracht wurden. Dabei ist es kein Zufall, dass eines der wenigen großen Beispiele des Arbeitskampfes in Frankreich im Mai 1968, in dem die Frage der Selbstverwaltung die Forderung nach besseren Löhnen und Arbeitsbedingungen auskonkurrierte, ein Kampf der hoch Qualifizierten war, die die ‚gute Arbeit’ forderten. Im Anschluss an solche Kämpfe wurden die Gewerkschaften zum Träger eines historischen Kompromisses, der Autonomie und Selbstorganisation zu funktionalen, hochwertigen Bestandteilen der kapitalistischen Produktion machen wollte, ein Arrangement, das in erstaunlicher Geschwindigkeit die alten Rationalisierungsabteilungen und REFA-Debatten ablöste, die vor allem in Nordeuropa im Konsens mit den Unternehmern auf dem Höhepunkt der ‚Goldenen Zeiten’ eingerichtet worden waren. Dass die Gewerkschaften in Westeuropa um 1975 eine Stärke erreichten, die historisch nur mit der in der revolutionären Situation nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg verglichen werden kann, war untrennbar mit der Adaption der Forderungen aus den Arbeitskämpfen verbunden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein wichtiges Moment war die Instrumentalisierung und Operationalisierung der Subjektivität, die in den westeuropäischen Ländern vermittels von Programmen wie der ‚Humanisierung der Arbeit’, den ‚neuen Unternehmenskulturen’ der 1980er Jahre, der Umstellung der Automobilproduktion von der Linearität der Bandarbeit auf selbst steuernde Gruppen, schließlich in Formen wie der ‚indirekten Steuerung’ betrieben wurde. Dass die Kritik der politischen Ökonomie mit dem Operaismus ein Subjekt bekam, dass das historische Verhältnis zwischen einer unproduktiv gewordenen Arbeiterbewegung und der politischen Organisierung auf den Kopf gestellt wurde, schreibt sich in diese Geschichte ein: Die Antwort war, die Lohnarbeit selbst zu entgrenzen, auch die informellen und kommunikativen Anteile des Arbeitsprozesses sichtbar und verwertbar zu machen. Die Renaissance des Operaismus, die in der radikalen Linken seit einigen Jahren vorhält, ist vor allem vor diesem Hintergrund bedeutend.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Militanten Untersuchungen der Zukunft&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Heute ist es kaum noch denkbar, den Zyklus von Ironie, Verweigerung und Produktivmachung zu erneuern, ohne den Konflikt zu betonen, der ihm innewohnt. Vor dieses Problem ist die radikale Linke gestellt insofern sie, wie Dieckmann schrieb, seit einiger Zeit „eine Entdeckungsreise in den neuen Kontinent“ der Lohnarbeit unternimmt. Die Produktivmachung von Kommunikation und Körpern, die Entgrenzung der Arbeitszeit, die Prekarisierung der sozialen Absicherung, all dies stellt ganz unmittelbar die Frage nach Handlungs- und Widerstandsmöglichkeiten. Was wäre an einer ‚Autonomie in der Arbeit’ unter den aktuellen Bedingungen erstrebenswert? Wie werden unter diesen Bedingungen soziale Rechte und Grenzen der Ausbeutung definiert? Heute kann ‚Militante Untersuchung’ sich nicht mehr auf die Entdeckung des lokalen Eigensinns beschränken, darauf warten, dass der rebellische Maulwurf irgendwann die gesellschaftliche Oberfläche erreicht. Viel stärker als im historischen Operaismus müssen heute die bereits in aller Offenheit stattfindenden Konflikte in ihrem Zusammenhang begriffen werden. Dabei können die Ansatzpunkte, die die feministische Kritik am Operaismus der frühen 1970er Jahre fokussiert hat, wieder ins Gespräch gebracht werden: die Kritik an der Produktion und Reproduktion öffentlicher Güter, der Kampf um urbane Räume, die bedeutende Rolle migrantischer Kämpfe. Es gilt, die Scharniere sichtbar zu machen, die zwischen den ‚diskreten’ und den öffentlichen Räumen existieren, in denen sich die Selbstorganisation der Lohnarbeit heute abspielt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei einer militanten Untersuchung wird die Arbeitsteilung zwischen Untersuchenden und Untersuchten nicht nur umgedreht, sondern in der Tendenz aufgehoben. Selbstverständlich hat auch die distanzierte Beobachtung der ‚umkämpften Arbeit’ eine große Bedeutung. Arbeiten über die Kämpfe im Dienstleistungssektor, Untersuchungen über Streiks bei Gate Gourmet oder Opel, über urbane soziale Kämpfe, Freiräume, öffentliche Güter, die Geschichte der Selbstverwaltung und der Alternativbewegung, die Kämpfe der Migration, die Neuzusammensetzung der Klasse in China, Indien oder Südafrika sind vielleicht bedeutender als wir selbst meist denken. Mein Eindruck ist, dass derartige Untersuchungen - ob sie nun innerhalb, am Rande oder außerhalb des Wissenschaftsbetriebes angesiedelt sind - in den vergangenen Jahren an Umfang und Qualität gewonnen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine offene Frage bleibt jedoch, wie diese zersplitterte Sammlung von Texten und Themen zu einer umfassenden, kollektiven Arbeit werden können, die mehr beschreiben als nur Episoden des Klassenkampfes. Eine Debatte über den roten Faden all dieser Untersuchungen, eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhältnis zum so genannten Gegenstand, eine Erörterung der systemfeindlichen Potentiale der Kämpfe, der eigenen Ressourcen und der möglichen Alternativen wären ein Fortschritt. Die vorliegende Ausgabe der arranca! kann vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_lz6sumy&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_lz6sumy&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Der Blaue Montag war die allwöchentliche Verweigerung der Handwerksgesellen des 19. Jahrhunderts, an Montagen zu arbeiten. Allgemein steht er für den lokalen, ‚unpolitischen’ Kampf um die Arbeitszeit.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_u1aqwnx&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_u1aqwnx&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Operaismus: dissidente Strömung im italienischen Marxismus, die sich aus Projekten wie der militanten Untersuchung entwickelte.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/39/die-entdeckung-des-eigensinns&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/39/die-entdeckung-des-eigensinns&quot; dc:title=&quot;Die Entdeckung des Eigensinns&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/52&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/52  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/39/die-entdeckung-des-eigensinns#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/arbeit-0">Arbeit</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/geschichte">Geschichte</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/italien">Italien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/militante-untersuchung">Militante Untersuchung</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/operaismus">Operaismus</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/soziale-kaempfe">Soziale Kämpfe</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Tue, 19 Jan 2010 14:24:09 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">52 at https://arranca.org</guid>
</item>
</channel>
</rss>
