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 <title>arranca! - Kolumbien</title>
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 <language>de</language>
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 <title>Kurzrezension</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/49/kurzrezension-0</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Redher &amp;amp; CSPP (Hg.), &lt;em&gt;»Ich würde es wieder tun« – Texte aus dem kolumbianischen Knast (»Volvería a hacer lo mismo« – Textos de la cárcel colombiana)&lt;/em&gt;, 117 Seiten, hinkelsteindruck – sozialistische GmbH 2015, Spendenvorschlag 5€; Bestelllung unter kontakt@textosdelacarcel.org&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während allerorten von den angeblichen Friedensverhandlungen und vom Postkonflikt in Kolumbien berichtet wird, ist allein der Titel des Buches eine Provokation: Hier kommen&amp;nbsp; Menschen zu Wort, die zur Verteidigung ihrer politischen Ideale zur Waffe gegriffen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Texte sind von politischen Gefangenen aus sozialen und indigenen Bewegungen, politischen Gruppen und bewaffneten Organisationen wie der ELN und den FARC-EP verfasst und erzählen von überbelegten Knästen, und deren menschenunwürdigen Bedingungen, von der Brutalität des ungerechten Systems, von Folter, ständigen Repressionen, von persönlichen Zweifeln und auch von Träumen und Hoffnungen. In diesem Buch erheben die Marginalisierten, Ausgeschlossenen, Subalternen ihre Stimme. Es handelt sich weniger um historische und politische Analysen, sondern vielmehr um persönliche Perspektiven. Einige Texte zeugen von einem entschlossenen Widerstand, der auch in langen Jahren des Freiheitsentzugs nicht gebrochen werden konnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Texte sind als Teil der politischen Praxis zu verstehen. Der Abdruck der Texte auf Deutsch und Spanisch ist eine gelungene Idee, um eine internationale politische Praxis und Solidarität mit den politischen Gefangenen zu initiieren.&lt;/p&gt;


&lt;!--
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 <pubDate>Sun, 08 May 2016 07:58:27 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>La otra cara</title>
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                    &lt;p&gt;Eine angenehme Stadt. Man sitzt im Taxi auf dem Weg vom Busbahnhof in die Außenbezirke, und der Taxifahrer - ein angenehmer Schwätzer wie in „Night on Earth&quot; - erklärt, daß das, was die Zeitungen schreiben, Quatsch ist, daß Medellin nie eine Killermetropole war („ich weiß gar nicht, wie die auf dieses Wort kommen, Bruder&quot;) und daß die Geschichte mit Pablo Escobar sowieso nur eine dumpfe Geschichte einer Regierung in der Legitimitätskrise sei. „Die haben nichts mehr zu erzählen, und drum erzählen sie nur Mist, korruptes Scheißpack.&quot; Wir schwitzen, Arm aus dem Fenster, esto es la voz popular de Colombia.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Eine angenehme Stadt. Man sitzt im Taxi auf dem Weg vom Busbahnhof in die Außenbezirke, und der Taxifahrer - ein angenehmer Schwätzer wie in „Night on Earth&quot; - erklärt, daß das, was die Zeitungen schreiben, Quatsch ist, daß Medellin nie eine Killermetropole war &lt;em&gt;(„ich weiß gar nicht, wie die auf dieses Wort kommen, Bruder&quot;&lt;/em&gt;) und daß die Geschichte mit Pablo Escobar sowieso nur eine dumpfe Geschichte einer Regierung in der Legitimitätskrise sei&lt;em&gt;. „Die haben nichts mehr zu erzählen, und drum erzählen sie nur Mist, korruptes Scheißpack.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir schwitzen, Arm aus dem Fenster, esto es la voz popular de Colombia.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Rasende Geschwindigkeiten auf der Asphaltpiste. Wir fliegen über Löcher und Huckel, und immer noch ziehen links und rechts die Colectivo-Fahrer vorbei. In ihren Toyota-Kleinbussen jagen sie die Highway herunter wie in us-amerika­nischen Filmen (es sind nur keine ameri­kanischen Straßen), daß einem die Tränen in die Augen steigen, der Magen immer tiefer hinunterrutscht und ein fiebriges Gefühl durch die Haut schauert. „&lt;em&gt;O mano, das sind Piloten, sie müssen beweisen, daß sie nichts zu verlieren haben.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Claro&quot;, &lt;/em&gt;meint der Taxifahrer, früher war er Zollbeamter, aber die Regierung muß jetzt sparen und es gibt kein Geld mehr für Staatsangestellte, &lt;em&gt;„hier hat es heute nacht 32 Tote gegeben. Diese Stadt ist manchmal verrückt, zugegeben, aber es ist unsere. Die Stadt des ewigen Frühlings&quot;. &lt;/em&gt;23 Grad auf der Neonanzeige, 8 Uhr 45 morgens, im Rückspiegel ein grinsender Schnurrbart.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das mit dem ewigen Frühling sagen sie alle. Der Fernseher sagt es alle halbe Stunde, im Radio gehört es zu den Füllsätzen wenn den Moderatoren gerade mal nichts einfällt und der Taxifahrer schiebt noch nach, daß &lt;em&gt;„in Medellin die Liebe, wirklich noch richtige Liebe sei&quot;, &lt;/em&gt;er schnalzt dazu mit der Zunge, das gehört zu den regionalistischen Stereotypen. Sie halten sich daran fest, als ob sie etwas zu verteidigen hätten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei liebt man Medellin wirklich auf Anhieb. Das mit den 32 Toten macht einen Kopf schütteln, das anziehende Gefühl dieser Stadt geht trotzdem nicht verloren. Man lacht über das meiste, am liebsten über den Abgrund.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;An einem Freitagnachmittag Ende November 1992 sterben in Medellin mehr Menschen eines gewaltsamen Todes als in Sarajewo. Grund der Auseinander­setzungen: Massaker der Polizei und Geheimdienste an Jugendlichen, Erschies­sung von Bandenmitgliedern durch die Milicias Populares, Streitigkeiten zwischen verschiedenen Banden um Raubgut, Mord aus Motiven wie Eifersucht, Armut oder &lt;em&gt;„hat mir die Vorfahrt genommen&quot;, &lt;/em&gt;Zusammenstoß einer Polizeipatrouille mit den Milicias Bolivarianas, Exekutierung eines Unternehmers durch die Arbeiter­milizen, die damit eine Entlassungswelle beantworten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nirgends sind die Frontverläufe auf den ersten Blick so unübersichtlich, wie in dieser Stadt, 3-4 Mio. Einwohnerinnen, wichtigstes Industriezentrum Kolumbiens, zweite Stadt nach Bogota, Sitz des wahrscheinlich zweitgrößten Kokain-Kartells der Welt (nach dem von Cali, ebenfalls Kolumbien).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man wohnt in einem Straßenzug in den Außenbezirken der Stadt, arme aber nicht elende, an die Hänge eines Tals gebaute Viertel, hört nachts eine Schießerei und weiß nicht im geringsten was passiert. Nicht einmal Antonio, ein Mitglied der linken Milicias Populares, bei dem ich wohne, geht es anders als mir. &lt;em&gt;„Ich halt mich hier raus&quot;, &lt;/em&gt;sagt er. Als Gewerkschafter und klandestiner Aktivist der Milizen ist es für ihn schlauer, nicht im gleichen Stadtteil politisch zu arbeiten, wo er auch wohnt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Antonio, hager, ein &lt;em&gt;mamagallista, &lt;/em&gt;was man auf Deutsch etwas blöde mit &lt;em&gt;Witzbold übersetzen &lt;/em&gt;würde, interessiert es nicht, was im Stadtteil genau los ist. Die Unordnung hat für ihn etwas schützendes, auf jeden Fall mehr als sich vor Ort irgendwie zu engagieren. Man weiß, daß es auch hier Milicias Populares gibt - man sieht Sprüche an der Wand - aber man merkt auch, daß die Milizarbeit in diesem Viertel noch relativ neu ist und nach wie vor Banden und Bullen das Sagen haben. Man richtet sich ein, und wartet. Die Compas werden ihre Sache schon machen. Er selbst macht sie schließlich ja auch. Seltsame Mentalität und völliger Kontrast zu meiner Neugier.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Chaos perfekt. Das Viertel im Nordwesten der Stadt, wo Antonio lebt und das z.B. London heißt, ist so wie andere Stadtteile Medellins vor 2 Jahren waren. Ein Haufen unromantischer Gang-Ghetto-Kultur.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eines Morgens, ungefähr gegen 9, hören wir Schüsse auf der Straße. Natürlich gibt es Panik im Haus von Antonio. Wir denken alle, daß sie ihn holen, und ich, daß sie in solchen Momenten manchmal die ganze Familie massakrieren. Die Schützen aber, Sicherheitspolizisten vom F-2 Geheimdienst in Zivil, laufen bei Antonio vorbei und umstellen das Haus gegenüber, wo eine alleinstehende Frau und ihre 3 Söhne wohnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach einem kurzen Schußwechsel werden die Jungs, 17, 19 und 20 Jahre alt mit der Kapuze überm Kopf, die Hände auf dem Rücken mit Plastik gefesselt unter Schlägen und Tritten herausgeführt. &lt;em&gt;„Die sehen wir nicht wieder&quot;, &lt;/em&gt;sagt Antonios Frau kühl. &lt;em&gt;„Nichts machen die lieber, als die Leute verschwinden zu lassen. Dann brauchen sie keinen Prozeß zu eröffnen und keine Haftkosten zu zahlen.&quot; &lt;/em&gt;Mehr als 1000 Menschen sind in Kolumbien auf diese Weise seit 1987 &lt;em&gt;verschwunden.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sehen wir aber doch. Ein paar Tage später ist der jüngste der 3 schon wieder auf freiem Fuß, weil er nicht volljährig ist. Seine beiden großen Brüder warten im Knast auf die Eröffnung ihres Prozesses. Es heißt die drei seien Mitglieder einer unabhängigen Miliz, einer &lt;em&gt;Milicia Independiente. &lt;/em&gt;In Medellin haben die meisten Milizen Verbindungen oder zumindest eine gewisse politische Nähe zu einer der revolutionären Organi­sationen, nur die Milicias Independientes eben nicht, die gehören nur sich selbst. Ob das allerdings für besondere Qualität spricht, ist eine andere Frage. Die Nachbarschaft erzählt von den 3 Jungs, daß sie alle 14 Tage neue Möbel angeschleppt haben. &lt;em&gt;„Das waren keine Milicianos&quot;, &lt;/em&gt;sagt eine Oma &lt;em&gt;„das waren stinknormale Einbrecher, eine Bande wie andere auch.&quot; &lt;/em&gt;Die Alte schüttelt den Kopf, sie findet das unmoralisch, als Miliz für den eigenen Vorteil zu arbeiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;...völliges Chaos. Manchmal werden Jugendbanden von der Polizei aufge­fordert, sich Milicia zu nennen, um so das Prestige der Milizen zu zerstören. Manchmal benützt man den Namen einfach nur so, es ist Mode, bei den Milizen zu sein. Es erhöht die Chancen bei den Frauen, manchmal auch Männern (-obwohl die Mehrheit bei den Milicias ganz klar männlich ist). Andere organisieren sich aus einer Art Territorialpatriotismus heraus, nach dem Motto &lt;em&gt;„das ist mein Stadtteil, und hier paß ich auf daß nichts passiert.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der 17-jährige &lt;em&gt;pelado &lt;/em&gt;(wie die kids hier heißen) ist übrigens 2 Wochen später tot. Zwei 16-jährige von der &lt;em&gt;Brückenbande, &lt;/em&gt;die ein bißchen unterhalb von &lt;em&gt;London, &lt;/em&gt;im Stadtteil &lt;em&gt;12.0ktober, &lt;/em&gt;ihr Territorium hat und mit der Polizei zusammenarbeitet - 50% des Raubguts geht an die grüngekleideten Kollegen, die dafür militärische Rückendeckung geben -, knallen den Kleinen mit 6 Schüssen ab. Die Leiche zertrümmern sie danach, aufgedreht wie Wahnsinnige und am hellichten Tage mitten im Viertel, mit Steinen. Ein idiotischer Mord unter Jugendlichen, so saublöd wie die ganze Kultur der Banden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Medellin am Samstagabend in der &lt;em&gt;Comuna Nororiental, &lt;/em&gt;einem Stadtteil gegenüber von London, auf der anderen Seite des Tals, wirkt wie eine Spelunken­stadt. Dämmriges Licht, wenn wegen der Stromrationierungen nicht sowieso alles verdunkelt ist. In den stinkigen, kleinen Tavernen hängen Runden betrunkener Männer um 40, Liebespärchen mit dem &lt;em&gt;„schau-mir-in-die-Augen-Kleines &lt;/em&gt;&quot;-Blick und Jugendcliquen, fast quotiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vor ein paar Monaten wäre die gleichen Szene in der &lt;em&gt;Comuna &lt;/em&gt;unvorstellbar gewesen. Nach 11 waren Vergewal­tigungen an der Tagesordnung und Rachemassaker der jeweils anderen Banden wurden auch mit Vorliebe am Samstagabend begangen. Viele von den Jugendlichen gehen zur Schule oder arbeiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Die Comuna war unerträglich&quot;, &lt;/em&gt;sagt Emilia, die hier seit 30 Jahren wohnt. &lt;em&gt;„Du konntest als normaler Mensch nicht mehr rausgehen. Die Banden haben Busse überfallen, Schutzgelder kassiert und dich wegen Kleinigkeiten erschossen.&quot; &lt;/em&gt;Emilia gehörte zu den ersten in der &lt;em&gt;Comuna Nororiental, &lt;/em&gt;die mit den Milicias Populares, der stärksten und bestorgani­siertesten Miliz Medellins, die politisch in der Nähe der Guerillaorganisation UCELN steht, zusammenarbeitete.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Emilia versteckte Leute und Waffen, gab Informationen und nahm an Versamm­lungen teil, bei denen einzeln über die Banden geredet wurde. &lt;em&gt;„Die sind nicht alle gleich&quot;, &lt;/em&gt;sagt sie, &lt;em&gt;„mit einigen konnte man reden. Die haben eingesehen, daß sie auf dem falschen Weg sind, aber bei anderen half das Quatschen nicht mehr.&quot; &lt;/em&gt;Von revolutionärer Romantik hat die Politik der Milicias Populares in den Armenvierteln Medellins wenig. Allein in einem Teil der &lt;em&gt;Comuna Nororiental, &lt;/em&gt;in dem etwa 50.000 Leute wohnen, starben 1991 etwa 125 Bandenjugendliche- erschossen von den Milicias Populares, meistens genauso alte Jugendliche, die anpolitisiert sind und sich aus Ablehnung des Bandenterrorismus bei den Milizen organisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Normalerweise werden Banden nicht einfach von den Milizen angegriffen. Die Führer oder Einzelpersonen werden angesprochen, und aufgefordert, die armen Stadtteile in Ruhe zu lassen. Ein paar reagieren darauf, manche integrieren sich sogar nach einiger Zeit als Personen in die Milizen, andere sterben oder verschwinden in die Vororte Medellins und in andere Landesteile.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die Bevölkerung der 3,5 Mio.-Metropole haben die Milicias Populares auf jeden Fall mit einer schrecklichen Situation Schluß gemacht, sie sind die &lt;em&gt;pelados &lt;/em&gt;oder &lt;em&gt;muchachos buenos, &lt;/em&gt;die netten Jungs von nebenan - &lt;em&gt;„eine Stimme des Volkes&quot;. &lt;/em&gt;Das erklärt die hohe Sympathie der &lt;em&gt;Milicias Populares del Valle de Aburra. &lt;/em&gt;Aus Stadtteilen, wo die Milizen bisher noch nicht arbeiten, kommen Bewohnerinnen und fragen, ob auch in ihrem Viertel Milizen aufgebaut werden können. Insgesamt 70% der Bevölkerung der Armenviertel soll ein positives Bild von den Milicias haben. Die revolutionäre Gegenpolizei hat aber auch andere Gesichter. Juan Campos, ein bescheidener, stiller Mittdreißiger, ein typischer UCELN-Kader und Mitglied der kollektiven Führung der Milicias Populares: &lt;em&gt;„Es gibt bei uns viel Militarismus. Vor ein paar Monaten wurde ein Jugendlicher erschossen, weil er Fleisch geklaut hatte. Stell dir das vor: ein Mensch wird erschossen, weil er nichts zu fressen hat, und das von einer Organisation, die sich das Interesse der Armen zum Anliegen gemacht hat. In einem anderen Fall hat ein japanisches Fernsehteam die Aktion gegen ein Dealerbaus mitgefilmt. Die ganze Sache sah aus wie in amerikanischen Spielfilmen, gräßlich&quot;, &lt;/em&gt;sagt er. „ &lt;em&gt;Wir benutzen den Video inzwischen zur Schulung der Milizionärinnen, damit, die Jugendlichen wissen, wie sie es nicht machen sollten. Aber das macht die Aktionen auch nicht mehr rückgängig.&quot; &lt;/em&gt;Das sympathische an den kolumbianischen Linken ist ihre überraschende Ehrlichkeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Medellin - Stadt des ewigen Frühlings&quot;, &lt;/em&gt;es dröhnt mal wieder aus dem Radio. Es ist Abend, die meisten Leute stehen in Shorts an der &lt;em&gt;parche &lt;/em&gt;wie die Ecke auf kolumbianisch heißt- ein Synonym für Geselligkeit. Aus den Kneipen knallt Salsa, Rumba und Merengue, von der komerziellen Sorte und mit so intelligenten Texten wie &lt;em&gt;„ich-denke­-immer-nur-an-dich &quot;.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber Medellin ist auch anders. Es gibt eine Hip-Hop-, Hardcore- und Punkkultur. Keine Stadt in Lateinamerika wie diese. Nirgends fiebert das Leben so exzentrisch zwischen Freundlichkeit, grinsendem Abgrund, Angst und Euphorie. Selbst der Terror hat bei 25 Grad und den lässigen Erzählungen der 9-jährigen etwas gemütliches.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Kinder Medellins sind beein­druckend. Sie wachsen schneller, begreifen mit 10, 11 oder 12 den Ernst der Lage und sind 5 Jahre später Väter und Mütter. Abends lungern sie bis spät an der Straßenecke herum, behalten den Stadtteil im Auge, bleiben bei Klatsch und Tratsch auf dem Laufen, spielen Fußball oder tanzen. 8-jährige, die das Chaos der Banden gelebt haben, und wissen, wie der kleine Enrique zu mir sagt, daß &lt;em&gt;„dieser Staat für sie nichts zu bieten hat&quot;. &lt;/em&gt;Wir laufen durch die Straßen der &lt;em&gt;Comuna, &lt;/em&gt;bleiben hängen, reden uns durch Kneipen, Häuser, Familien, sehen das Gemälde des Milizionärs Companero Martin, der vergangenes Jahr von einer Bande erschossen wurde, schauen auf den klaren Nachthimmel, trinken, lachen und erzählen Geschichten, wo stets mindestens ein Toter vorkommt. Die Medelliner sind nicht grausam oder brutal, im Gegenteil sie sind freundlich, hilfsbereit und verliebt ins Leben. Aber sie leben in einer kapitalistischen Scheißstadt. Das ist ihr Problem.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der nächste Morgen ist lau, sogar ein wenig regnerisch. &lt;em&gt;„Es ist Winter&quot;, &lt;/em&gt;sagt Emilia, &lt;em&gt;„aber er wird höchstens 4 Tage dauern.&quot; &lt;/em&gt;Sie lacht. &lt;em&gt;„Schlapper Winter, nicht? In der Regenzeit &lt;/em&gt;3 &lt;em&gt;Tage Sommer und 4 Tage Winter, in der Trockenzeit 5 Tage Sommer und vier Stunden Winter.&quot; &lt;/em&gt;Ewiger Frühling eben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Antonio, der in der &lt;em&gt;Comuna Nororie­ntal, &lt;/em&gt;wo er in den Milizen organisiert ist, nur als Pablo bekannt ist (wie oft bin ich kurz davor mich zu versprechen), nimmt mich ins Zentrum der Stadt mit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Medellin ist mehr wie eine Hauptstadt als das doppelt so große Bogota. Das Regierungsgebäude von Antioquia ist größer, höher und wichtiger als das der Hauptstadt. Wir durchlaufen Spiegel­hallen, Einkaufspassagen mit dem Totchic aus Brooklyn und Paris, sehen sparsam-gutgekleidete SonntagsspaziergängerInnen, BlumenverkäuferInnen, und Jugendliche in Kapuzenpullis und Redbook-Turn­schuhen. Kleidung ist wichtig, vor allem für die Armen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die mit Koksgeldern gebauten Elfenbeintürme sind beeindruckend, aber noch viel monströser ist die von einem deutsch-spanischen Konsortium (darunter Siemens und Man) gebaute Metro - eine Betonrampe, die mitten durch die Innenstadt führt. Der Boden von Medellin gibt für eine unterirdische Bauweise nichts her, darum wurde die Strecke als Hochbahn gebaut, die direkt an den Banktürmen, Kolonialkirchen und gammligen Verwaltungsgebäuden von um die Jahrhundertwende vorbeiführt. Alles in allem eine Trasse Beton, die aussieht als ob sie von einem geistig verstörten Kind in zerstörerischer Absicht in, auf und zwischen die Stadt geknallt worden wäre.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So wird Regierungspolitik gemacht: Koksbarone, die weil sie nicht wissen, wohin mit ihrem Geld, Politiker aushalten und Prestigeobjekte finanzieren, treffen auf dem freien Weltmarkt zusammen mit ausländischen Unternehmen, die weil sie nicht wissen, woher mit dem Geld, ständig neue Märkte suchen. Weil es dann nicht viel prestigemäßigeres gibt als eine U-Bahn zu bauen, wird sie gebaut. Obwohl der Boden dafür nichts hergibt und die ganze geographische Lage nichts taugt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Schluß wird die U-Bahn - wenn sie mal fertig wird - nicht U- sein und außerdem so überflüssig wie ein Kropf. In dem Tal, in das sich Medellin zwängt, kann nur eine einzige, das Tal entlang­führende Nord-Süd-Trasse gebaut werden. Die Massen aber wohnen in den Armenvierteln an den Hängen. Für sie hat die Metro so viel Bedeutung wie ein neuer Golfplatz für pensionierte Staatssekretäre.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was bleibt sind die Schulden, für die Bevölkerung versteht sich. Heute schon hat jeder Medelliner 2500 DM Schulden (das sind 20 Arbeiter-Monatsgehälter) als Folge der U-Bahn. Großprojekte als Umverteilung von unten nach oben. Gewaschenes Crack-Geld aus der Bronx vermischt mit teuren Strom- und Wassergebühren aus Medellin in die Privatschatullen kolumbianischer Berater und westdeutscher Unternehmens­leitungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Nachmittag lernen wir die einzige Stadt der amerikanischen Hemisphäre kennen, in der die soziale Marktwirtschaft funktioniert. In Envigado, einem kolonialen Vorstädtchen Medellins stehen Autos neuester Bauart vor angenehm restaurierten Kolonialhäusern. Die Anti-Drogenspezialeinheiten auf dem Haupt­platz sind mehr wie ein Kasperltheater, man weiß nur nicht, ob es von der Regierung folkloristisch oder als absurdes Theater gedacht ist. In den ruhigen, von Vogelgezwitscher erfüllten Straßen weiß jeder, daß diese Stadt &lt;em&gt;Pablito &lt;/em&gt;gehört - wie sie Escobar freundlich in der Verklein­erungsform nennen. Man ist sich des Vorteils bewußt, in der einzigen lateinamerikanischen Stadt zu wohnen, in der es keine Bettler gibt und jeder auf Sozial- und Arbeitslosenhilfe zählen kann. 15 Jahre Wohlstand sind ein Beweis dafür, daß die Senores vom Kartell nicht nur die besseren Kapitalisten, sondern auch die besseren Sozialpolitiker sind. Envigado weiß, daß es das, was es heute ist, nur durch das Kartell werden konnte. Die Anti-Drogen-Einheiten, die aussehen wie die Jungs von der Kavallerie, nur daß sie statt Pferden, Hunde mit sich führen, werden sich hüten in dieser Stadt, das Drogengeschäft zu bekämpfen. Nichts könnten sie stehen lassen, vor allem aber würden sie selbst nicht einmal ansetzen können. Escobars Leute sind gut organisiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es sticht ins Auge, daß der Kokskönig wirklich von allen Medellinern, selbst von seinen Gegnern &lt;em&gt;Pablito &lt;/em&gt;genannt wird. Manche verehren ihn als lebende Legende der bezaubernden Story vom Kleinkriminellen zum gefürchteten Feind des Imperiums, bei den meisten allerdings rührt die Freundlichkeit nur vom regionalistischen Trotz gegen die blödsinnige Fernsehfahndung her, die jeden Abend mehrmals über den Bildschirm flimmert. Für Escobar und seine Leute werden 10 Mio Dollar geboten. Ein idiotisches Angebot -erstens weiß niemand, ob Kolumbiens Regierung, geizig wie sie ist, wirklich zahlen würde, und zweitens zahlt das Kartell im Falle eines Falles sowieso besser.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Bild des Rebellen, das Pablo Escobar heute in einem Teil der kolumbianischen Bevölkerung besitzt, verdankt er vor allem der Heuchelei der Regierung und dieser Art von Fernseh­fahndung. &lt;em&gt;„Man muß ihn für einen normalen Kapitalisten halten&quot;, &lt;/em&gt;meint Antonio. &lt;em&gt;„Er bereichert sich wie andere Kapitalisten auch an der Arbeit anderer Leute, er macht brutale Geschäfte, aber grausamer, verbrecherischer oder korrupter als der Rest der herrschenden Klasse ist er nicht.&quot; &lt;/em&gt;Die meisten Linken sehen den Konflikt zwischen Regierung und Kartell mit Desinteresse, für sie handelt es sich um einen internen Kampf in der Bourgeoisie, bei dem die Linken nichts zu gewinnen hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Oberhalb von Envigado, mit einem malerisch schönen Blick übers Tal thront der inzwischen von Escobar und seinen Kollegen verlassene Knast, die &lt;em&gt;Kathe­drale, &lt;/em&gt;die seit seinem Haftantritt 1991 das Hauptquartier des Kartells war. Com­puterräume, Luxusbäder und angenehme Aufenthaltssäle befinden sich im vermeintlichen Hochsicherheitstrakt, den Escobar gemäß dem Abkommen mit der Gaviria-Regierung selber bauen ließ. Noch Wochen nach seiner Flucht, die eigentlich mehr einem einfachen Hinausgehen, ohne zurückzukommen, glich, zeigen Fernsehkameras in Großaufnahme vergoldete Wasserhähne und Tampons - laut kolumbianische Medien &lt;em&gt;„Ausdruck des ausschweifenden Lebensstils im sogenannten Gefängnis von Envigado&quot;. &lt;/em&gt;Der Justizminister als Bauernopfer mußte übrigens gehen, als Escobar nicht mehr da war (offizielle Sprachregelung: &lt;em&gt;„ausbrach&quot;&lt;/em&gt;).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ansonsten ist die ganze Flucht nach wie vor Thema von Spekulationen. Klar ist nur, daß die Regierung nach einem internen Konflikt im Medellin-Kartell, den Escobar gewann, im Juli völlig unerwartet meinte, den Kokainbaron in ein anderes Gefängnis verlegen zu müssen. Escobar war anderer Meinung, und als die Großoperation begann, an der angeblich auch 10 US-Beamte des DEA teilnahmen - wahrscheinlich um ihn in die USA zu entführen -, war Escobar bereits weg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Thema beherrschte über 3 Monate die kolumbianische Öffentlichkeit, die Politiker übertrafen sich mit Schuld­zuweisungen, die Medien zeigten zum 47. Mal die gleichen Bilder, und alle fragten sich gespielt, &lt;em&gt;„wie-konnte-das-passieren?&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber nicht alle entblöden sich gleichermaßen. Der Bürgermeister Medellins denkt logisch und kommt auf die glorreiche Idee, Escobars Gefängnis in ein Museum umzubauen. &lt;em&gt;„Die US- Amerikaner haben aus Al &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Capones Zelle eine Touristenattraktion gemacht. Warum machen wir nicht das gleiche mit dem Gefängnis von Envigado?&quot;, &lt;/em&gt;fragt er. &lt;em&gt;- Pablito &lt;/em&gt;eben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daß Escobar kein Robin Hood ist, sondern ein kapitalistischer Geschäfts­mann skrupelloser Sorte, ist nicht zu übersehen. Zumindest zurück von unserem Ausflug, in der &lt;em&gt;Comuna Nororiental, &lt;/em&gt;sieht das Drogenschäft anders aus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dort, wo das Kartell nach wie vor das sagen hat, herrschen die &lt;em&gt;oficinas, &lt;/em&gt;Vermittlungs&lt;em&gt;büros&lt;/em&gt; für Killer. Aufträge für bezahlten Mord laufen hier ein und es wird festgelegt, wer als Konkurrent oder Gegner aus dem Weg zu räumen ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Oficinas - &lt;/em&gt;zu deutsch Büros - sind mehr als nur Treffpunkte von jugendlichen Killern oder Banden, sie sind die Schnittstellen von Drogenhandel, schmutzigem Krieg und rebellisch-nekrophiler (Todeskult) Jugendkultur. 12.000 politische Morde gegen die Linke hat es seit 1987 gegeben, davon ein erheblicher Teil der von bezahlten Killern ausgeführt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich sitzen die Drahtzieher woan­ders, in Amtsstuben, bei Polizei, Streitkräften und Geheimdiensten, in den Villen der Bourgeoisie und des Großgrundbesitzes. Gezahlt und geplant werden die Morde von anderen, wie es amnesty international und andere Menschenrechtsorganismen in zahlrei­chen Berichten festgestellt haben. Und natürlich ist Pablo Escobar als Chef des Medellin-Kartells kein Kopf des schmutzigen Kriegs, - im Gegenteil per­sönlich werden ihm Sympathien für die Linke nachgesagt, vor allem für deren Antiimperialismus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotzdem bleiben die durch eine seltsame Symbiose von Drogenhandel, Banden und Geheimdiensten entstande­nen Oficinas ein Umschlagpunkt für Morde gegen die Oppositionsbewegung und die revolutionäre Linke. Was aber noch schlimmer ist, sie haben unter den 15-jährigen eine Gruftie-Kultur der Todessehnsucht geschaffen. Was zählt ist Geld, möglichst cool sein beim Killen und dem Tod genau in die Pupillen schauen. Die Jugendrebellion ist weder faschistoid noch umstürzlerisch, sie ist ganz einfach nur ein Reflex auf die gähnende Leere. Ihre Sprache, Abzeichen, Ideenfragmente nimmt die Jugendkultur zufällig auf, vom Plattencover einer Heavy-Metall­Band (die bei allen Totenkopf-Emblemen auf ihren Platten, wahrscheinlich die blasse Ahnung vom Sterben haben) oder aus irgendeinem Film. Selbstorganisierung von der authentischsten, echtesten Art. Eine bittere Verarschung für jeden Autonomen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sonntag morgen. Die Sonne steht über der Stadt, die von Santo Domingo, am Rande der &lt;em&gt;Comuna Nororiental, &lt;/em&gt;wie ein mit Hütten vollgebauter Skiabfahrtshang aussieht. Wir stehen fast 300 Meter über dem Zentrum, am Grund des Tals hängt noch Morgennebel, vor unseren Füßen ein berauschender Abgrund.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sitzen vor einer Haustür, wo Bier verkauft wird, ein betrunkener Bauar­beiter, der noch nicht Pause gemacht hat seit dem Vorabend, lädt uns ein, wir lauschen der &lt;em&gt;„voz popular de Colombia&quot; &lt;/em&gt;- der Volksstimme Kolumbiens - und verpassen die Milizschule, zu der wir eingeladen sind. Es ist heiß, die Höhe macht die Sonne intensiver. Sie brennt auf der Haut.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Antonio und ich spüren die Wochen­end-Ferien-Stimmung. Der Bauarbeiter quatscht von irgendeiner Geschichte, bei der er Antonio einmal angegriffen hat, „ich war besoffen, Bruder&quot;, langt durch die Gitterstäbe des Hauses und verlangt noch einmal drei Bier. „Tut mir leid, Brüder, echt, ich war besoffen&quot;. Sagt es und sackt leicht zusammen. „Schon gut, Charly, war halt viernes cultural - kultureller Freitag&quot;, antwortet Charly dem 25-jährigen mit dem obligatorischen Schnurrbart und zu mir: „Der gute war so besoffen, daß er mich beinahe mit der Machete erschlagen hätte.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Drogensucht ist ein echtes Problem in den Armenvierteln Medellins. Getrennt nach Generationen und Kulturen pfeifen die Jugendlichen die Kokapaste Bazuco oder Marihuana ein, die Älteren (älter ist man eigentlich schon ab 22) saufen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Milicias Populares haben in einigen Stadtteilen eine Kampagne gegen die Drogensucht gestartet. &lt;em&gt;„Deine Familie erwartet dich zu Hause&quot;, &lt;/em&gt;steht es an den Wänden Londons, und der Konsum von Rauschgift vor den Augen der Kinder oder öffentlich auf der Straße ist von den Milicias ganz verboten worden. Die linke Ordnungsmacht hat sogar das absurde Wunder geschafft, daß in den von ihnen kontrollierten Armenviertel ( - in denen mehrere Hunderttausend Menschen leben - ) kein Drogenhandel mehr läuft. Mitten in der Drogenhochburg Medellins gibt es riesige Stadtteile, in denen jeder Verkauf von Rauschgift unterbunden ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach 3 Bier können wir uns endlich von dem freundlichen, aber unberechenbaren Bauarbeiter loseisen. In einem Sicher­heitshaus 2 Straßen weiter treffen wir uns, etwas benebelt, zu einem Interview mit 2 Verantwortlichen der Milicias Populares del Valle de Aburra, die gemeinsam mit ein paar anderen &lt;em&gt;Compas, &lt;/em&gt;die Milizarbeit im ganzen Großraum von Medellin koordinieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Empfang ist nett. Ein Gruppe von Jugendlichen, alles Jungs um die 15 oder 16, ist gerade auf Milizionärsschulung. 10 Leute, 7 Jungsche, die 2 Verantwortliche und eine Frau, die für die politische Schulung zuständig ist, lümmeln auf dem Ehebett einer Sympathisantenfamilie. Das Thema ist „was für ein Sozialismus ist denkbar? was müßte in Kolumbien anders gemacht werden als im Ostblock?&quot;. Die Jugendlichen sind interessiert, aber ein wenig hilflos. Die meiste Zeit versuchen sie zuzuhören und stellen Fragen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Rogelio Sanchez, einen der beiden Verantwortlichen, sind Milizschulungen von elementarer Bedeutung. „ Wir sind politischer geworden. Am Anfang war das Hauptziel ganz einfach, dem Banden­terror ein Ende zu setzen, heute be­schäftigen wir uns damit, Volksmacht aufzubauen, und das heißt vor allem, andere Leute und sich selbst zu schulen.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Jugendlichen, die alle noch auf der Schule sind, kommen jedes Wochenende. Sie lernen über Geschichte des Wider­stands, soziale Verhältnisse im Land und Positionen der linken Organisationen. Außerdem nehmen sie an den öffent­lichen Fortbildungen für Stadtteil­führerInnen und Gemeinderäte teil. Sonntägliche Nachmittagsveranstaltungen, in denen über die Spielräume der Arbeit in den halbinstitutionellen Kommunal­juntas diskutiert wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Rogelio Sanchez und Juan Campos haben die politischen Anstrengungen vor allem mit einer grundlegenden Selbst­kritik der Volksmilizen zu tun. „Früher waren wir Robin Hood, wir lösten die Probleme des Viertels, stellvertretend für das Viertel. Das Verhältnis war seltsam - eine Mischung aus Paternalismus unsererseits und Utilarismus von seiten der Gemeinde.&quot; Inzwischen wird von den Milicias eine gute Kulturveranstaltung, an der sich die Bevölkerung aktiv beteiligt, höher eingeschätzt als eine militärische Aktion, „die wir machen, und für die wir Applaus erhalten&quot;. Die Organisierung von systemoppositionellen Bewegungen im Stadtteil, das Entstehen von Widerstand, Selbstregierung und Volksmacht ist das zentrale Ziel der Milizen geworden. „Die Bevölkerung muß lernen, sich als Subjekt zu sehen&quot;, meint Juan Campos und fährt fort: „Wir glauben, daß revolutionäre Organisationen in diesem Bewuß­tseinsprozeß eine wichtige Rolle spielen. Von selbst entsteht Volksmacht nicht. Aber unsere Rolle ist nicht zu befehlen, unsere Rolle ist aufzufordern und zu stimulieren&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die beiden glauben, daß sich das Verhältnis von Bevölkerung und Milicias stark verändert hat durch die neue Praxis. Die Stadtteilbewohnerinnen seien kritischer geworden mit den Milizen und in der Lage, auch einmal &lt;em&gt;nein &lt;/em&gt;zu einem Vorschlag der Milicias zu sagen. Für die beiden Verantwortlichen ein großer Schritt, zeigt er doch an, daß die Leute anfangen, sich ein eigenes Bild zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch das Verhältnis zwischen den Milizen und der Guerillaorganisation UCELN, einer aus dem Guevarismus entstandenen undogmatischen Organisa­tion, die als radikalste der 3 kolum­bianischen Gruppen gilt, ist offener geworden. Niemand leugnet mehr, daß es in den Milicias Populares Militante der UCELN gibt. „Der Geheimdienst weiß es, wozu sollen wir die Bevölkerung anlü­gen&quot;, meint Rogelio Sanchez. Trotzdem seien die Milizen etwas eigenständiges: „Wir sind eine militärische Massen­organisation und von daher stehen wir der Guerilla so nahe oder fern wie eine Gewerkschaft, ein Bauernverband oder eine Stadtteilorganisation. Überall in den Massenorganisationen gibt es Guerilla- Militante, auch bei den Milizen. Und es ist auch richtig, daß wir bestimmte politische Ziele der Guerillakoordination Simon Bolivar, und im speziellen der Camilis­tischen Union EIN teilen. Aber wir sind dennoch nicht das gleiche. Wir haben andere Kriterien für eine Mitgliedschaft, unsere unmittelbaren Anliegen und unsere Praxis sind von der der Guerilla verschieden.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Medellin ist damit ein Novum. Nach Cucuta und der Erdölstadt Barrancabermeja ist es die erste Stadt, und vor allem die erste richtige Großstadt, in der die Guerilla städtischen Einfluß gewonnen hat. Auf Stadtteil­schulen zirkulieren die Hefte der Coordinadora Guerillera und von manchen Militanten wissen die Stadt­teilaktivistInnen zu welcher Organisation sie gehören. &lt;em&gt;„Mit der Politik der Milicias Populares ist die Position der Guerilla vielen Leuten näher gekommen. Das ist für den revolutionären Prozeß in Kolumbien ein immens wichtiger Schritt&quot;, &lt;/em&gt;meint Juan Campos zufrieden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Medellin. Lateinamerikanische Hardcore­Metropole am Rande des Wahnsinns, auch was die Linke betrifft: jede Gruppe versucht hier ihre eigene Miliz aufzubauen. Neben den Milicias Populares, gibt es die den kommunis­tischen FARC-EP nahestehenden Milicias Bolivarianas, die Milicias Populares de Liberacion (die mit dem EPL zu tun haben), die Milicias 6 y 7 de noviembre, die zum Teil heute unabhängig sind, zum anderen in der Nähe der „Corriente de Renovation Socialista&quot; (einer kleinen Abspaltung der UCELN) stehen. Die Trotzkisten haben ein Milizgrüppchen, an dessen Namen ich mich nicht erinnere, genauso wie die „Nucleos Obreros­Populares&quot;, deren Ausrichtung ich nicht kenne, und die RIM-Mitgliedorganisation GCR, revolutionär-kommunistische Gruppe. Jede Sekte ihr Projekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ach ja, und dann gibt es noch das Milizprojekt der sozialdemokratischen EPL-Abspaltung &lt;em&gt;„Esperanza, Paz y Libertad&quot;, &lt;/em&gt;von der Polizei zur Verwirrung selbst gegründete Milizen, den unab­hängigen nicht-kriminellen Milizen, den kriminellen Gruppen, die sich Milizen nennen, weil sie den eigenen Straßenzug sichern, den nächsten aber überfallen, den unabhängigen selbstorganisierten Wachschutz von Jugendlichen, und die Leute Escobars, die zwar keine Miliz sind, aber auch bewaffnet auf der Straße herumlaufen können.... aber das alles gehört nicht mehr zur Linken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das seltsamste ist, daß man dieses ganze Chaos, von dem erzählt wird, nicht zu sehen bekommt. Medellin ist nicht die Stadt, in der an jeder Ecke geschossen wird, bewaffnete Patrouillen mit 27 verschiedenen Kürzeln auf den Armbändern kreuz und quer laufen, von Milizen Straßenkontrollen zur Kontrolle ihrer Territorien gemacht werden, wie es auf den Fernsehbildern aus Beirut immer zu sehen war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Medellin geht man morgens gemütlich auf der Straße frühstücken, verbringt den Tag mit Freunden, hört abends in einer Kneipe Musik, geht vergleichsweise früh nach Hause und schläft, um an nächsten Morgen zu hören, daß 32 Menschen umgekommen sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Horror bleibt meistens distanziert und die Präsenz der Milizen läßt sich in allem spüren, nur nicht in offener Bewaffnung auf der Straße.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine angenehme Stadt. Vor 25 Jahren ein Provinznest mit ein paar Hunderttausend Einwohnerinnen, angeblich so langweilig wie Stuttgart (behauptet ein Freund aus Bogota), und heute eine richtige Stadt, in der alle Trends der Welt zu finden sind: von den letzten Luxusartikeln, den Subkultur­bewegungen bis hin zur tiefschürfendsten Diskussion in der revolutionären Linken. Medellin wirkt in keinem Moment seltsam fremd wie etwa San Salvador oder Managua. Man kann einen aufgestellten Iro tragen, und sofort sagt der Alte an der Ecke fachmännisch &lt;em&gt;„Punk, was?&quot;. &lt;/em&gt;Europäerinnen fallen nicht auf, die &lt;em&gt;Paisas &lt;/em&gt;- die Medelliner - sind selbst nichts als Mischungen. Sogar ein Blondschopf, der sich anzieht wie vor Ort, kann - wenn er oder sie nicht gerade Sommersprossen und hochrote Haut hat- als Einheimischer durchgehen. Die Stadt wirkt, als ob sie etwas Vertrautes hätte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und hat sie doch wiederum nicht. Medellin liegt in einem tropischen Hochgebirgstal, große Kordillerenzüge schließen die Stadt eng ein, die Häuser bestehen aus einstöckigen, unverputzten Ziegelbauten, die Wege oft nicht asphaltiert, am Morgen der Nebel der Anden, am Mittag die Bergluft, die Bananenstauden überall am Wegrand.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber was wichtigste in Medellin ist: Zwischen der Tragödie wächst eifrig die Sehnsucht nach Leben, Organisierung aus dem fast-nichts, eine gigantische Überzeugung, daß außer der Revolution alles andere Quark ist. Das ist seltsam jenseits der deutschen Jämmerlichkeit von links. Eben eine aufbauende Stadt. Auf dem Weg zum Busbahnhof fällt mir der Verantwortliche der Milicias ein, der am Vorabend nach der Schulung zu uns meinte &lt;em&gt;„und wenn ich draufgehe, dann wünsche ich mir ein Spitzenbegräbnis - nur Salsa und RocknRoll.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Taxifahrer grinst in den Rücks­piegel. „ &lt;em&gt;Warst du zum ersten Mal hier?&quot; &lt;/em&gt;Ich nicke, damit er nachsetzt: „ &lt;em&gt;Und Bruder, wie fandest du Medellin, unsere Stadt des ewigen Frühlings?...&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 24 Feb 2010 12:52:33 +0000</pubDate>
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                    &lt;p&gt;Nelson Berrio war 1984-91 Mitglied des Exekutivkommitees von A Luchar, einer radikalen politischen Massenorganisation. A Luchar entstand 1984 während des Waffenstillstandes eines Teils der Guerilla mit der Regierung, damals unter dem konservativen Präsidenten Belisario Betancur. In der Organisation kamen so unterschiedliche Kräfte zusammen wie revolutionäre Christinnen, Marxistinnen, CamilistInnen, TrotzkistInnen und MaoistInnen. Die Organisation war ein Sammelbecken für die gesamte Linke, links von der Kommunistischen Partei.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Nelson Berrio war 1984-91 Mitglied des Exekutivkommitees von &lt;em&gt;A Luchar&lt;/em&gt;, einer radikalen politischen Massenorganisation. A Luchar entstand 1984 während des Waffenstillstandes eines Teils der Guerilla mit der Regierung, damals unter dem konservativen Präsidenten Belisario Betancur. In der Organisation kamen so unterschiedliche Kräfte zusammen wie revolutionäre Christinnen, Marxistinnen, CamilistInnen, TrotzkistInnen und MaoistInnen. Die Organisation war ein Sammelbecken für die gesamte Linke, links von der Kommunistischen Partei. In den folgenden Jahren bis 1988/89 gewann die Organisation aufgrund ihrer undogmatischen Linie und konsequenten Konfliktpolitik stark an Bedeutung. Aus einem diffusen Sammelbecken wurde eine Massenbewegung, die sich 1988 anstellte, zur stärksten Kraft in der Linken zu werden. Nach dem gescheiterten Generalstreik im gleichen Jahr allerdings kam für AL die Krise. Die unterschiedlichen politischen Vorstellungen über Partei-, Bewegungs- oder Organisationscharakter brachen voll aus. In relativer kurzer Zeit, nämlich innerhalb von 2 Jahren zerfiel A Luchar, ohne daß allerdings ihre politische Arbeit gänzlich verloren gegangen wäre. Mitte 1991 löste sich die Organisation praktisch auf der wichtigste Sektor ALs, darunter auch Nelson Berrio verließ die Organisation um wieder in Basisprojekten zu arbeiten. Streitpunkt damals vor allem: die Auto­nomie A Luchars gegenüber anderen Organi­sationen (v.a. gegenüber der Guerilla)und die Beteiligung an den Institutionen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das mit einem Repräsentanten A Luchars geführte Interview in der Broschüre &quot;Gramsci, Volksmacht und kontinentale Befreiung&quot; fand 1990 relativ viel Beachtung. Es wurde im AK abgedruckt und tauchte bei verschiedenen Diskussionen auf A Luchar hatte bei einzelnen Personen auch in der BRD einen Ruf als undogmatische und radikale Organisation. Aus diesem Grund glauben wir, daß es nicht ganz uninteressant ist, den Zerfall ALs noch einmal genauer zu betrachten. Es ist offensichtlich, daß Nelson Berrio seine Analysen und Standpunkte manchmal nur andeuten kann. Viele Konflikte sind nicht dazu da, um öffentlich behandelt zu werden. Trotzdem bleibt er bei seinen Aussagen relativ klar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Nach 8 Jahren ist 1991/92 die politische Organisation A Luchar ver­schwunden. Du und andere machen heute andere politische Projekte, die Basis hat sich zum Teil zerstreut, zum Teil ist sie von anderen Organisationen, z.B. der Guerilla beeinflußt. Die Geschichte von A Luchar ist seltsam. Ab 1984 war A Luchar wegen seiner undogmatischen Linie für viele Linke eine Hoffnung, und zwar nicht nur in Kolumbien selbst, sondern auch in den lateinameri­kanischen Nachbarstaaten und sogar auf anderen Kontinenten. Das erklärt sich damit, daß A Luchar der Versuch war, eine nicht-traditionelle, politische Massenbewegung mit Organisationscharakteristika zu sein. Auf jeden Fall stand A Luchar ein ganzes Stück außerhalb der normalen Organisationskonzepte. Was waren - abgesehen vom schmutzigen Krieg - die Gründe für das Ende von A Luchar?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Ich glaube, daß ein wesentlicher Grund war, daß es AL nicht gelungen ist, eine eigene, konsolidierte Basis aufzu­bauen. Zum Teil war unsere Basis auch die Basis anderer Organisationen. Das bedeutet nun auch nicht, daß AL nur ein Führungszirkel gewesen wäre. Das war mit Sicherheit nicht der Fall, wir hatten gute Massenarbeit in verschiedenen Regionen. Aber in anderen Regionen war unsere Basis nicht vorrangig eine Basis von A Luchar...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Uns ist es nicht gelungen AL in eine politische Massenbewegung zu verwan­deln, in der ein radikaler, linker und von anderen Organisationen unterschied­licher Standpunkt zur Geltung kommt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind eine Kraft auf nationaler Ebene gewesen und wir haben Sympathie genossen, weil unsere Vorstellungen über die Orthodoxie hinausreichten: unser Konzept der Volksmacht und der Autonomie gegenüber den politischen Parteiorganisationen, unsere interne Arbeit, was die Veränderungen des menschlichen Alltags betrifft, unser Humanismus; all diese Sachen haben es uns ermöglicht, daß MaoistInnen, TrotzkistInnen, Anhängerinnen von Camilo Torres, Marxistinnen allgemein und Christinnen zusammengekommen sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als Einheitsprojekt waren wir meiner Meinung nach ziemlich erfolgreich. Was wir nicht bewältigt haben, war die Diskussion über die Autonomie der politischen Organisationen, d.h. daß Organisationen wie die sozialistische UP, A Luchar oder der Frente Popular eine eigene Basis, Linie und Finanzen besitzen müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das andere war das Problem, wie mit den Massen zu arbeiten ist. Ich glaube, daß es bis heute keine Praxis gibt, in der sich das Ziel aller Revolutionärinnen, - daß nämlich die Massen alles sind und die Organisationen dazu da, den Massen als Werkzeug zu dienen-, wirklich praktisch widerspiegelt. Das Verhältnis von Organisationen und Massen ist trotz aller theoretischer Überlegungen in der Praxis ungeklärt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Meiner Ansicht nach muß eine Organisation anführen und anleiten können, sie muß orientieren und sie kann als Führung nicht aus Massen bestehen, sondern wird immer eine vergleichsweise kleinere Gruppe der Bevölkerung sein. Aber auf der anderen Seite muß die Organisation eben auch begreifen, daß sie dabei das zum Ausdruck bringen und artikulieren soll, was die Massen wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Na ja, aber die Forderungen der Bevölkerung sind ja oft nicht gerade fortschrittlich. Was z.B. ganz schnell von der Bevölkerung gewollt wird, sind nationale oder rassische Lösungen...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Natürlich das stimmt. Die For­derungen der Bevölkerung sind oft ganz einfach falsch. Aber genau daraus erklärt sich meiner Meinung nach die Notwen­digkeit politischer Organisationen. Ihre Intervention sorgt dafür, daß die Massen sich und ihre Forderungen in Frage stellen können. Die Organisationen können mögliche Wege aufzeigen, wie die Bevölkerung ihre Probleme lösen kann. Sie hinterfragt, arbeitet für die Hegemonie anderer, emanzipatorischer Gedanken. Dafür ist die Organisation da.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Zusammenhang ist auch noch einmal prinzipiell darauf hinzuweisen, daß Revolutionen überhaupt nur dann etwas anderes als Machtübernahmen durch neue Eliten sein können, wenn sie von Massen gemacht werden. Organisationen können Organisierungsprozesse ankurbeln und unterstützen. Aber sie machen keine Revolutionen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Was bei A Luchar ziemlich interessant war, ist, daß die Organisation mit der Kritik am Apparatismus antrat, die Gefahr immer wieder erwähnt hat und ihn trotzdem reproduzierte.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Die Kritik des Apparatismus ist uns immer wichtig gewesen, das stimmt. Auf der 2. Konvention haben wir es sogar noch einmal explizit festgehalten, daß wir eine Organisation und keine Apparate schaffen wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dafür daß danach dennoch eine &amp;lt;gewisse Tendenz hin zum Apparatismus eintrat, gibt es Gründe. Einer ist beispielsweise, daß die Bevölkerung die Lösung ihrer konkreten sozialen und wirtschaftlichen Probleme sucht und deswegen an einer längerfristigen Beteiligung, an der Verantwortung in einer Organisation nicht sonderlich interessiert ist. D.h. ihr Engagement ist sozial oder wenn es politisch ist, dann meistens angekoppelt an ein Problem, nach dessen Verschwinden auch das Interesse an der politischen Verantwor­tung verschwindet. Das ist ein allgemeines Problem in der kolumbianischen Bevöl­kerung: sie ist politisch fast völlig apathisch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das andere Problem, das ich schon angedeutet habe, war, daß bestimmte Bereiche, in. denen AL arbeitete, auch von anderen Organisationen beeinflußt wurden. Es gab dabei keine klare Differenzierung welche Basis zu welcher Organisation gehört. Es kam also nie zu einer spezifischen AL-Basis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dazu kommt das Problem der Massenbewegung selbst. In den Jahren bis 1988, d.h bis zum Generalstreik am 27.0ktober gab es eine gewisse Hoch­konjunktur der Volksbewegungen. 1985 findet ein Treffen von Bauern, Arbeitern, Stadtteilbewohnern und Frauen statt, an dem 5000 Personen teilnehmen; sozusagen die öffentliche Geburt von AL. 1988 gibt es die Bauernmärsche, an denen Zehntausende teilnehmen, Es gibt Mobilisierungen in der Arbeiterschaft usw. Diese Bewegung bricht jedoch weg, und damit geraten auch wir in die Krise. Für den Zerfall der Bewegungen trägt AL natürlich eine große Mitverantwortung. Uns ist es nicht gelungen, die Bewegungen zu politisieren und zu festigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Du drückst dich ein bißchen. Eine Companera, die auch in der Führung von AL war, hat vor einigen Wochen in einer Diskussion gemeint, daß vor allem die Bündnispolitik Euch in einen Apparat verwandelt hat. Sie meinte, daß ihr durch den Eintritt der Trotzkisten und durch die Bemühungen mit anderen linken Parteien eine Linksfront zu bilden, immer mehr geworden wärt wie Eure Bündnispartner. AL, das am Anfang als Mittelding zwischen Massenbewegung und Organi­sation gedacht war, wäre zur Partei geworden.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Ich glaube nicht, daß die Fehler in unserer Bündnispolitik viel mit der Frage Bewegung oder Partei zu tun hatten. Die Entwicklung von AL hat mehr mit den widersprüchlichen Konzeptionen bei uns selbst zu tun. Es gab gerade hinsichtlich der Bündnispolitik sehr unterschiedliche Vorstellungen. Einige befürworteten eine breite Bündnispolitik, die sich bis zur Basis der Liberalen und Konservativen erstrecken sollte, Dabei hat es sicherlich Fehler gegeben. Z.B. haben wir bei der Wahl zur Verfassunggebenden Versam­mlung, an einer Liste teilgenommen, auf der auch ein pensionierter General mit einer ganz und gar nicht sympathischen Vorgeschichte kandidiert hat. Dieses Wahlbündnis haben wir mitgetragen, weil wir an der Allianz mit anderen linken Gruppierungen interessiert waren, die wiederum diesen General aufstellten, um bestimmte kritische Schichten der Mittelklasse anzusprechen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dagegen stand die Meinung einiger Genossinnen und Genossen, die vertreten haben, daß A Luchar nur mit revolu­tionären Sektoren zusammen Bündnisse bilden sollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Keine von den beiden Positionen hat dagegen etwas über den Charakter von A Luchar ausgesagt: ob nämlich AL Partei oder Bewegung sein solle. Es ist sogar so, daß die erste Position, die mehr mit breiten Bündnissen arbeiten wollte, näher am Bewegungskonzept ((ran war. Denn um so breiter du bist, um so mehr Bevölkerungsbeteiligung du hast, um so starker hast du einen Bewegungscharakter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dagegen könnte man behaupten, daß diejenigen, die ftir ein ausschließlich revolutionäres Bündnis eintraten, im Grunde genommen stärker Organisationsgebunden waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Also ich glaube nicht, daß man den Konflikt so erklären kann. Ich glaube nicht einmal, daß AL an seinem Parteicharakter zu grunde gegangen ist. Wenn AL eine Partei gewesen wäre, dann gäbe es die Organisation noch- stark geschwächt zwar, aber es gäbe sie noch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Du teilst also auch nicht die Ansicht, daß AL mit der Zeit immer mehr Büro und immer weniger Basisarbeit war?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: AL war immer mehr Arbeit in den Regionen. Die Büroarbeit, die sogenannte Bürokratie war nie mehr als das, was jede Organisation unverzichtbar braucht. jede Organisation braucht Leute im Büro, die koordinieren, die politische Vorschläge ausarbeiten, Zeitungen machen usw. Zeitweise war der Kontakt zwischen Basis und Büro auch extrem groß. Es war z.B. lange Zeit so, daß von 13 Mitgliedern des Exekutivkomitees nur 3 oder 4 in Bogota waren. Auch in den sozialen Bewegungen waren zahlreiche Leute von uns wirklich tief drin. Wir hatten Leute in der Arbeiter-, Bauern- und Stadtteil­bewegung,. über die Arbeit verschiedener Companeras haben wir die Bedeutung der Frauenbewegung kennengelernt. Und was für Kolumbien ganz neu war, wir haben sogar die ersten Erfahrungen. mit der Ökologiefrage gesammelt. Das alles, weil wir eben nicht eine eingesperrte, isolierte Bürokratie waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Und das Fehlen von Demokratie...? Z.B auf der Konvention von 1988 wurden die wesentlichen Fragen schon vorher vom Organisationskommitee ausgemau­schelt, wo die verschiedenen Kräfte, die hinter A Luchar standen, vertreten waren.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Die Frage der Demokratie hat meiner Meinung nach vor allem was mit Bildung zu tun. Ich glaube, daß wir vor allem in dieser Hinsicht gescheitert sind. In AL und noch viel weniger in den traditionellen Parteien und sozialen Organisationen gibt es heute Bildungskonzepte, die es den Leuten ermöglichen, eine eigene Meinung zu entwickeln&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;...Bildungsmängel auf Seiten der Führer oder der Basis? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Auf beiden Seiten. Was gerade demokratisch ist, hängt auch vom Gesichtspunkt ab. Wenn du in der Mehr­heit bist, wirst du eine Abstimmung unglaublich demokratisch finden. Aber Demokratie das ist im Grunde nicht die Zahl der gehobenen Hände und auch nicht immer das Recht der Mehrheit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was sich bei der Konvention ereignete, war folgendes. Die Führungen der politischen Gruppierungen, die wir AL bildeten, haben Vorschläge für die Konvention ausgearbeitet, die sich auf der Konvention ziemlich schnell, mit großer Mehrheit durchsetzten. Es war die Mehrheit, aber es war nicht demokratisch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn wir diese Vorgehensweise nicht wollen, dann bedeutet das, daß wir uns als Führer stärker zurückhalten müssen. Wir müssen zulassen, daß die Leute selbst ihre Demokratie machen, und nicht, daß wir für sie die Demokratie machen, die wir wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Selbstkritik ist also angebracht, aber sie muß viel tiefschürfender sein als die Frage, ob du abgestimmt hast oder nicht, ob du manipuliert hast oder nicht. Das Problem nimmt vor allem außerhalb der politischen Organisationen nicht ab, sondern zu. Ich war z.B. lange Zeit Gewerkschafter. Auf Gewerkschaftsver­sammlungen konntest du 90 Stimmen bekommen, aber bewußt abgegebene Stimmen waren davon gerade einmal 5 oder 10. Für mich beißt, die Demokratie zu stärken, die nichtbewußten Stimmen zu qualifizieren, sie zu einer bewußt getroffenen Entscheidung zu bringen. Wir müssen dahin kommen, daß eben nicht aus Stimmungen, Freundschaften oder Vorteilen heraus, ein Vorschlag angenommen wird und ein anderer nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Überzeugung; erwächst nur aus Bildung. Damit meine ich nicht nur die akade­mische Bildung, das Wissen im strengen Sinne. Bildung ist neben den wissen­schaftlichen Kenntnissen auch die menschliche Qualität, die Erfahrung im Umgang mit anderen Leuten und sozialen Prozessen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Nach AL seid ihr immer noch der Meinung, daß in Kolumbien eine poli­tische Organisation nötig ist. Ihr redet heute von einer neuen politischen Bewegung, dem „Nuevo Movimiento Politico&quot;. Welche Charakteristika sollte diese Bewegung oder Organisation haben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: ja, wir glauben auch nach den Erfahrungen mit A Luchar, daß eine politische, demokratische und autonome Bewegung, die Vorschläge für das Land entwirft, notwendig ist. Ich glaube außerdem, daß die Charakteristika weitgehend die gleichen bleiben müßten wie bisher. Es müßte eine breite Bewegung sein, in der revolutionäre, marxistische und christliche Organisationen genauso Platz haben wie fortschrittliche Intel­lektuelle, Ökologiegruppen und Frauen­bewegungen. Und es müßte eine demo­kratische Bewegung sein, in der Mei­nungsunterschiede möglich sind, Einzelpersonen und Organisationen respektiert werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit autonom ist gemeint, daß sie unabhängig von der Regierung, anderen politischen Organisationen und den sozialen Bewegungen entscheiden kann und handelt. Das beinhaltet auch, sich eine eigene Massenbasis zu erarbeiten, und dabei institutionelle und außerin­stitutionelle Elemente miteinander zu verbinden. Sie muß wenn es sinnvoll ist, an Wahlen teilnehmen können, aber gleichzeitig mobilisieren und Straßenkämpfe führen. Im Grunde genommen würde die Neue Politische Bewegung also nur die bereits vorhandenen, positiven Elemente vorhergehender Gruppen zusammenfassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Zielst du damit auf die Einigung noch bestehender linker Organisationen ab oder geht es Euch um einen Neuaufbau von der Basis und aus den Regionen heraus? Ist es also eine neue linke Bewegung oder eine Neuzusammen­setzung zunächst aus der übrig geblie­benen Linken?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Regionale, gemeindebezogene oder sektorale- z.B. Gewerkschaften- Basisbe­wegungen sind sicherlich etwas unverzichtbares. Über sie läuft die unmittelbare Mobilisierung, es geht um die Durch­setzung eines konkreten Ziels. Wenn diese Bewegungen allerdings keinen nationalen Bezugspunkt haben, dann bleiben sie konjunkturell. Wir haben schon eben darüber geredet. Eine Bewegung, die ihre Forderung nicht einbringt in eine gesamtgesellschaftliche, politische Ausein­andersetzung und sich damit auch verändert, kann nur punktbezogen bleiben. Sobald das konkrete Problem gelöst oder nicht mehr aktuell ist, verschwindet auch die Bewegung. Eine Gemeindebewegung, die den Bau einer Brücke fordert, löst sich in Nichts auf, wenn nicht ein politischer; landesweiter Bezugspunkt da ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Deswegen würde ich behaupten, daß es notwendig ist, beides gleichzeitig in Angriff zu nehmen: Basisbewegung und politische Führung. Man kann das nicht nacheinander aufbauen.- Das wäre wie wenn man zuerst die Füße macht, und sich danach -wenn die Beine ordentlich wachsen- Gedanken darüber macht, ob man irgendwann einmal den Kopf entwickelt. Das Problem der politischen Bewegung in Kolumbien ist ähnlich. Wir brauchen Basisbewegungen, aber wir brauchen auch Führungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Na ja, aber die Köpfe könnten organisch aus den Massen und Basen selbst hervorgehen. So wie du es beschreibst, kommen sie von außen und werden draufgesetzt.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Die Führerinnen der politischen Bewegung sind aus den Massen selbst hervorgegangen. Die Leute, die in der Lage sind, eine landesweite Bewegung zu koordinieren und organisieren, gibt es längst in der regionalen Arbeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Von daher wäre es Unsinn, wenn wir jetzt 2 Jahre nur regional und an der Basis arbeiten, bis dann organisch das Landesweite entsteht&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Glaubst du wirklich, daß die Existenz von politischen Organisationen der Entwicklung sozialer Bewegungen nützt? Ich meine, daß die Erfahrung mit der Hegemoniesucht der politischen Organi­sationen und auf der anderen Seite mit der Angst der sozialen Bewegungen instrumentalisiert zu werden, aufzeigt, daß die Existenz der politischen Organisation die sozialen Bewegungen geradezu blockieren kann.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Wenn die politischen Organisationen zum Arbeitsziel haben, die sozialen Bewegungen mit einer gewissen Selbst­ändigkeit zu stimulieren und ihre Ent­wicklung zu unterstützen, dann glaube ich, haben die Organisationen auf jeden Fall einen Sinn.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn sie dagegen ihre Rolle, Orien­tierungspunkt für die Bewegungen zu sein, zu überzeugen, die Leute durch Unterstützung und Beistand zu gewin­nen, nicht einnehmen, sondern ver­suchen, ihre Linie aufzuzwingen, dann wird es sicherlich das Konfliktverhältnis geben, von dem du sprichst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ganz allgemein allerdings halte ich die Existenz von politischen Organisationen für unverzichtbar. Ohne Organisationen wird eine soziale Bewegung nur sehr schwer dahin kommen, grundsätzlich die Verhältnisse umwälzen zu wollen, d.h. die Machtfrage zu stellen. Die Bewegungen an und für sich sind ein wesentlicher Teil der Gegenmacht, aber sie sind nicht alles. Die Verhältnisse zwischen Organisation und Bewegung können in den verschie­denen Ländern ganz stark variieren, und es ist mit Sicherheit niemals ein einfaches Verhältnis. Auf der anderen Seite aber ist das politische Bewußtsein, das zur Bildung von Organisationen führt und von der Lösung eines konkreten Problems zur gesamtgesellschaftlichen Fragestellung übergeht, für die revolutionäre Umwäl­zung unverzichtbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Das klingt ein bißchen nach dem alten Transmissionsriemenkonzept des Marxismus-Leninismus. Da ist in der Organisation ja auch schon öfter drüber diskutiert worden. Ich finde das proble­matisch, weil es ein hierarchisches Bild des Intellektuellen, verkörpert in der Partei, reproduziert. Bewußtsein wird zu den Bewegungen gebracht und nur so schaffen diese den Sprung... Das ist avantgardistisch und trägt zur Überwin­dung der Unterwerfung nichts bei.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Der Avantgardismus ist sicherlich in der ganzen Welt so gut wie erledigt. Aber ich glaube nicht, daß wir jetzt ins Gegen­teil verfallen sollten: in die völlige Sozialisierung des Machtkampfs,- „die Macht wird nur noch von den unmittelbaren Bewegungen aus erkämpft werden&quot;. Das klingt zwar ganz gut, aber es ist unrealistisch. Die sozialen Bewe­gungen sind ein wesentlicher Teil bei der gesellschaftlichen Umwälzung, aber sie alleine machen eben keine Revolution. Ein Beispiel: die kolumbianische Gewerkschaftszentrale CUT wird sich niemals in eine Machtalternative verwan­deln können. Sie wird immer soziale Interessen unterhalb der Machtfrage vertreten…&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Aber die brasilianische Gewerkschaft hat sich mit der PT in eine Machtalter­native verwandelt...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Die CUT ist in Brasilien nicht die Machtalternative, die Machtalternative ist die PT...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Die aber aus der CUT hervorgeht...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Nein, das stimmt nicht. Die PT geht aus der Arbeiterbewegung hervor, aus der Bewegung, aus den Arbeitern, nicht aber aus dem Gewerkschaftsapparat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich wird es weiterhin Beziehungen zwischen den Arbeiterinnen, ihrer Gewerkschaft und der Organisation oder Partei geben. Aber es sind unter­schiedliche Phänomene.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beim bolivianischen Gewerkschafts­verband COB glaubte man z.B. nach dem Eintritt von anderen Volkssektoren- Bäuerinnen, Stadtteilbewohnerinnen usw.-, daß sich der Verband in eine Machtalternative verwandeln könne. Aber genau das ist nicht passiert. Ich glaube, daß nur die Kombination von Orga­nisation und sozialer Bewegung die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt in Frage stellen kann. Die politische Organisation geht natürlich aus den sozialen Bewegungen hervor, viele von uns politischen Dirigentes sind wir Arbeiterinnen, und ich betrachte mich auch immer noch als Arbeiter und nicht als Politiker. Trotzdem ist auch nicht anzuzweifeln, daß mein Horizont durch die Organisation und die Arbeit in ihr ein ganz anderer ist als der eines normal malochenden Arbeiters. Die Frage ist also nicht, daß die Militanten einer politischen Organisation nicht aus den Bewegungen kommen können. Der Unterschied ist, daß sich ihr Horizont durch ihre politische Militancia von der Einzelforderung weg auf die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse hin erweitert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Zuletzt ist viel von den Grenzen der nationalen Befreiung in Lateinamerika geredet worden. Wir haben schon früher darüber diskutiert und im Grunde genommen liegt es nach Nicaragua auf der Hand. Glaubst du, daß in absehbarer Zeit eine lateinamerikanische oder lateinamerikanistische Bewegung möglich ist?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Die Krise des Sozialismus in Osteuropa und der SU hat in Latein­amerika eine positive Auswirkung gehabt. Wir diskutieren heute wieder intensiv, wie denn der Marxismus in unseren Verhältnissen auszusehen hat. Es gibt einige, die &#039;behaupten, daß der Marxismus auf diesem Kontinent erst noch entdeckt werden muß.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir fangen erst an. Daß es sich dabei nicht mehr um Kopien handeln kann, wie sie praktisch alle lateinamerikanischen Linken gemacht haben, versteht sich von selbst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ausgehend von dem Treffen des „Foro de Sao Paolo&quot;, wo sich marxistische, einige sozialdemokratische und demokratische Organisationen treffen, glauben wir, daß zumindest unter den marxistischen Gruppen eine lateinamerikanische Internationale möglich ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Wär das eine Koordination, oder wirklich ein organischer Körper, eine echte Einheit, in Form einer internationalen Organisation? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Das wäre zunächst natürlich nur eine Koordination, die sich alle x-Monate trifft, um Ideen auszutauschen und Aufgaben abzustimmen. Das „Foro&quot; arbeitet im Augenblick auf dieser Ebene. Das Ziel dagegen ist natürlich eine viel solidere und kontinuierlichere Zusam­menarbeit, die gleichzeitig die Eigenheiten jedes Landes berücksichtigt. Es geht nämlich auf der anderen Seite auch nicht um eine Fusion aller linken Organisationen Lateinamerikas.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Du hast die Gültigkeit des Marxismus erwähnt. In dem Zusammenhang gehört es auch schon zu meinen Standards zu fragen, was du von der Gültigkeit des Leninismus hälst?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Die Thesen von Marx und Lenin sind sehr eng miteinander verknüpft. Wir sind heute nicht mehr wie die Bibelleser des Kapitals vor einigen Jahren, die geglaubt haben, die beiden hätten niemals irren können. Aber in den grundlegenden Fragen glauben wir, daß diese beiden Denker nach wie vor zum elementaren Rüstzeug jeder revolutionären Bewegung gehören müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Genau wie die Schriften vom Che, von Camilo Torres, Mariategui und vielen vielen anderen sind sie Grundlage für die Entwicklung eines revolutionären, marxistischen Denkens.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Aber es gibt doch wesentliche Thesen gerade was das Entwicklungsmodell der Bolschewiki betrifft, die man als Revolutionärin eigentlich nicht vertreten kann. Z.B die Industrialisierung auf Kosten der Bauernschaft, die unter Stalin zu einem offenen Terror gegen die Landbevölkerung geführt hat. Meiner Ansicht kann ein solches Entwick­lungsmodell - egal wie schwierig die Lage der russischen Revolution in den Jahren nach 1917 war- nicht richtig sein.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Marx und Lenin mögen hinsichtlich der unterentwickelten Länder in vieler Hinsicht falsch gelegen sein. Z.B auch die Vorstellung Marx&#039; über den Führer der antikolonialen Bewegung in unseren Ländern,- Simon Bolivar, der für Marx einfach nur ein reaktionärer Bourgeois war und sonst gar nichts. Wir halten das für Blödsinn.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was du über Lenin sagst, mag in vielen Aspekten stimmen, aber das disqualifiziert meiner Meinung nach noch kein Denken. Ob ein Denken als solches verworfen werden kann oder nicht, hängt nicht von den Irrtümern ab, die gesagt und geschrieben wurden, sondern davon, oh die ihm zugrunde liegende Methode eine Wirklichkeit erklärt und Lösungs­ansätze liefert oder nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei Lenin z.B. finde ich die Schriften über die Demokratie sehr gut. Wenn wir Lenins Vorstellun­gen über die Demokratie in den revolutionären Organisationen verwirk­lichen würden, dann hätten wir nicht die anti-demokratischen Apparate, die wir heute kennen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei Marx läßt sich ähnliches sagen. Er mag die Bedingungen unterentwickelter Länder zunächst nicht verstanden haben, aber zu seinem Lebensende hat er sehr viel zur Entwicklung des Kapitalismus in unterwickelten Staaten geschrieben, und war dabei, von seiner These abzurücken, daß Revolutionen nur entwickelten kapitalistischen Ländern möglich sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Ein Satz, der vielleicht ein bißchen höhnisch klingt: „Die Parole der Zeit muß heißen, radikaler zu werden&quot;. Was meinst du?...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Na ja, wenn man unter radikal versteht, revolutionäre Prinzipien zu besitzen, eine Sehnsucht, den Sozialismus aufzubauen, dann finde ich es richtig, daß wir die Radikalität bewahren müssen. Wir müssen darauf bestehen, daß die Gesellschaften nicht reformiert, sondern revolutioniert werden sollen, daß wir die Machtfrage zu stellen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn Radikalität allerdings heißt, jede Ordnung anzugreifen, die Realität nicht so zu sehen wie sie ist, sondern so wie man sie gerne hätte, dann würde das kaum einen Fortschritt bedeuten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Es ist ein interessantes Phänomen sowohl in den USA, als auch in Europa und Lateinamerika, daß während die Massen immer unzufriedener, rebellischer und spontan staatsfeindlicher werden, die Linken einen immer gemäßigteren Kurs vertritt. Wie erklärst du dir dieses Phänomen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: Es gibt eine ziemlich große Verwirrung heute in der Linken, und zwar weltweit. Das dürfte niemandem von uns entgangen sein, und diese Verwirrung drückt sich natürlich auch in der Aufweichung der politischen Linie aus. Ohne 100% klare Konzepte und Perspektiven sind zumindest die Vordenkerinnen der Linken, d.h. die Intellektuellen für eine Wende nach der Mitte ziemlich anfällig. Schließlich stehen ihnen in der bürgerlichen Gesellschaft eine ganze Menge Möglichkeiten offen. Wenn sie also sowieso am Zweifeln sind, dann wird dieser Zweifel, sehr schnell zum Anlaß für eine offene Wende zurück ins System.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die revolutionäre Linke muß heute zweifellos ihre Praxisformen z.T. verändern und ihre politischen Vorschläge umgestalten, kurzum wir müssen uns an die Tatsache anpassen, daß wir am Ende des 20Jahrhunderts leben. Ansonsten würden wir wirklich das werden, was die bürgerliche Presse von uns behauptet, daß wir nämlich Dinosaurier sind, die dem Aussterben nicht mehr entgehen können. Aber das bedeutet für unsere Prinzipien nichts. Die bleiben gültig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Inwieweit hat der Zusammenbruch des Realsozialismus eigentlich hierbei eine Rolle gespielt?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A: In der Bevölkerung wurde das eigentlich kaum wahrgenommen, aber in der aktiven Linken hat es natürlich wie ich schon angedeutet habe, eine enorme Bedeutung gehabt. Positiv war es in der Hinsicht, daß Dogmen auf einmal angezweifelt werden müssen. Negativ dagegen war vor allem, daß es eine massive Kampagne der bürgerlichen Medien gab, die uns zu Fossilien erklärt hat. Und diese Kampagne plus das Gefühl der Unklarheit, der Suche führte bei vielen Linken dazu, alles anzuzweifeln: die Prinzipien revolutionärer Politik - wie z.B. daß die Machtfrage gestellt werden muß- die Ziele einer grundlegend unige­wälzten, menschlichen und sozial­istischen Gesellschaft, die eigene Geschichte, die Bedeutung poli­tischer Organisationen, die Richtigkeit von Systemopposition überhaupt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der lange Zeit falsche Umgang mit Zweifeln und Widersprüchen in den linken Organisationen hat dann dazu geführt, daß alle Organisa­tionen sich gespalten haben: aus der KP gingen verschiedene, sozial­demokratische gewandelte Gruppen heraus, das EPL zerbrach und es entstand ein Flügel, der den bewaffneten Kampf ablehnt, von der UCELN spaltete sich die Corriente ab usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Medienkampagne in der Bevölkerung dagegen hat weniger Bedeutung als man am Anfang glauben konnte. Es ist einfach offensichtlich geworden, daß die Krise des Sozialismus hier viel weniger spürbar ist als die chronische Krise des Kapitalismus.&lt;/p&gt;


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