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 <title>arranca! - Kulturalisierung</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/143/0</link>
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 <title>Antiislamismus und Islamismus</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/38/antiislamismus-und-islamismus</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Das Bedürfnis, sich über „den Islam“ zu informieren, ist in den letzten Jahren in Deutschland gestiegen. Politische, gesellschaftliche und soziale Phänomene werden zunehmend durch „die Kultur“ und „die Religion“ der Anderen zu erklären versucht. Damit wird der eigene Anteil an diesen Phänomenen und am problematischen Verhältnis zueinander geleugnet. Die Situation der Anderen wird mit deren „Kultur“ begründet, die auf Grund „des Islam“ für desolate Zustände verantwortlich sei.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Das Bedürfnis, sich über „den Islam“ zu informieren, ist in den letzten Jahren in Deutschland gestiegen. Politische, gesellschaftliche und soziale Phänomene werden zunehmend durch „die Kultur“ und „die Religion“ der Anderen zu erklären versucht. Damit wird der eigene Anteil an diesen Phänomenen und am problematischen Verhältnis zueinander geleugnet. Die Situation der Anderen wird mit deren „Kultur“ begründet, die auf Grund „des Islam“ für desolate Zustände verantwortlich sei.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Von „Eigenem“ und „Fremdem“&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Konstruktion des Islam als wesentliches Merkmal und Problem von MigrantInnen aus „islamischen“ Ländern blendet die Bedeutung „westlicher Einflüsse“ für die „islamische“ Entwicklung und das Verhältnis der beiden zueinander aus. Dies führt zu einer TäterInnen-Entlastung auf Seiten von Mehrheitsangehörigen und zur Selbst-Ermächtigung von Minderheitenangehörigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn – aus „westlicher“ Sicht – erklärungsbedürftige Erscheinungen der Anderen (Kopftuch, Geschlechterverhältnis, Politikverständnis, Terroranschläge usw.) auf dem Hintergrund ihrer kulturellen und religiösen Zugehörigkeit interpretiert werden und diese als in sich abgeschlossenes, statisches Gebilde verstanden werden, spielen „islamisch-westliche“ Beziehungen keine Rolle. Indem Entwicklungen in „islamischen“ Ländern oder Verhaltensweisen von MigrantInnen in westlichen Gesellschaften als „islamische“ definiert werden, kann die „westliche Dominanz“ diskursiv geleugnet werden und damit faktisch weiter bestehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Verstärkt wird diese Strategie durch eine weitere: „Der Islam“ wird nicht nur als Erklärungsmuster für Entwicklungen in „islamischen“ Ländern herangezogen, sondern auch für das Verhältnis zum „Westen“. Indem er nun auch als Bedrohung von außen verstanden wird, kann die eigene Aggression als Abwehr umdefiniert werden: Krieg gegen Terror, Türken bedrohen deutsche Frauen, „Nicht ohne meine Tochter“. „Der Islam“ dient so der Verleugnung der eigenen Anteile politischer und gesellschaftlicher Entwicklung „der Anderen“. Es wird zwar eine Beziehung zu sich selbst hergestellt, aber lediglich um sich im Verhältnis zu „den Anderen“ als bedroht zu konstruieren. Mit der Einführung „des Islam“ in den „westlichen“ Diskurs ist es „dem Westen“ gelungen, bestehende Machtverhältnisse zu seinen Gunsten zu festigen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kulturalisierung und Machtverhältnisse&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Konstruktion „des Islam“ als Bedrohung versucht, „westliche“ Aggression als Abwehr umzudefinieren. Argumentativ werden Machtverhältnisse umgekehrt, Privilegien können also weiter ausgeschöpft werden. Der Versuch, gesellschaftliche Prozesse als „islamische“ zu konstruieren, wird allerdings auch von der – je nach Sichtweise – unterentwickelten oder ausgebeuteten Seite aus praktiziert. Indem MigrantInnen oder „Moslems“ eigene Verhaltensweisen und Einstellungen direkt aus dem Qur’an ableiten, versuchen sie oft den eigenen Opferstatus zu überwinden, zumindest die Definitionsmacht über sich selbst wiederzuerlangen. Eine Kopftuch tragende Frau tut dies dann nicht, weil Männer, das Patriarchat oder die Ausgrenzung durch Mehrheitsangehörige sie dazu zwingen, sondern mit Hinweis auf den Qur’an und ihre eigene Entscheidung für das Kopftuch. Indem für das eigene Verhalten selbstbewusst kulturelle Besonderheiten beansprucht werden, wird die Auseinandersetzung über sexistische, rassistische und andere Dominanz gemieden. Zuschreibungen und Eingrenzungen werden vorweggenommen und als eigene Entscheidung deklariert, denen mit neuen Bedeutungen versehen ihre verletzende Wirkung genommen werden soll. In derartigen Diskursen wird der Wunsch sichtbar, sich selbst als Opfer zu rehabilitieren und in eine Position der Macht zu heben. Dass gerade der Qur’an als Quelle der Selbstermächtigung gute Dienste leistet, hängt eng mit der „islamisch-westlichen“ Geschichte zusammen. Für das mittelalterliche Abendland galt der Orient gerade in Bezug auf Sexualität, das Geschlechterverhältnis, Intellektualität und Wissenschaft als vorbildlich. Und auch heute bietet sich der Rückgriff auf „den Islam“ als Gegenort zum Westen an, da nach der Beendigung des „Kalten Krieges“ der Platz für Gegenkonzepte zur Weltmacht frei geworden ist.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Essentialisierung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Sowohl die rassistische als auch die islamistische Argumentation bedienen sich der gleichen Mechanismen und argumentieren auf der gleichen Basis. Ihre Konstruktion „des Islam“ ist die gleiche und verhindert eine selbstbestimmte Entwicklung, gerade weil sie gegenwärtige Phänomene als unabhängige zu begründen versucht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Heißt das nun, dass „der Islam“ für die Situation von „Moslems“ keine Rolle spielt? Das sicherlich nicht, auch Konstruktionen haben reale Folgen. Hatte „der Islam“ für viele MigrantInnen keine Bedeutung oder verstanden sie sich explizit als AtheistInnen, so sind diese Haltungen so nicht mehr aufrechtzuerhalten. Auch AtheistInnen fangen wieder an sich mit „dem Islam“ zu beschäftigen, werden sie doch immer wieder mit diesbezüglichen Stereotypen konfrontiert (oder gar als „ExpertInnen“ gefragt). Sich in einem antiislamisch-rassistischen Kontext offen gegen „den Islam“ zu äußern, kann missverstanden werden als Bestätigung rassistischer Konstruktionen. Werden diesen Konstruktionen allerdings differenziertere Überlegungen gegenübergestellt, werden MigrantInnen oft als Moslems stigmatisiert. Auch in vielen „islamischen“ Ländern selbst ist es kaum noch möglich, sich säkular zu verhalten. Der offensichtlichen Aggression von außen wird ein Bedeutungszusammenhang gegeben, der mit konkreten materiellen Hilfen verknüpft nur noch eine eigene Zuordnung zu der einen oder der anderen Seite zulässt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Rassismus und „kulturelle Identität“&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Sowohl Kulturalisierung als auch Ausblendung von Kulturdifferenzen konstruieren den oder die AndereN und damit auch das Selbst und reproduzieren rassistische Machtverhältnisse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun bemühen sich einige „Islam-KennerInnen“ tatsächlich darum, möglichst viele und differenzierte Informationen über „die Anderen“, auch über „den Islam“, zu gewinnen, um nicht in platte Dualismen zu verfallen. Sie ziehen dann nicht das eine Qur’an-Zitat heran, um damit alles zu erklären, sondern versuchen dialektisch und historisch mit Quellen umzugehen. Es bleibt aber die Frage, wozu das gut sein soll. Warum meinen aufgeklärte Mehrheitsangehörige, andere immer wieder verstehen und einordnen zu müssen und ihnen nur dann eine Daseinsberechtigung einräumen zu können, wenn sie einverstanden sind mit deren Lebenskonzept? Auch in diesen Bemühungen kommt das Interesse nach Kontrolle der Situation zum Vorschein, die auf den Machtaspekt von Rassismus, auch antiislamischen, verweist. Jeder Rassismus beinhaltet nicht nur die Konstruktion des Anderen/des Selbst, sondern auch die Position, aus der heraus konstruiert wird. Auch wenn „Moslems“ versuchen, durch die Umkehrung der Bewertung des Islam sich selbst aus der Opferposition herauszudefinieren, bleiben sie dennoch in der unterlegenen Position. Ihre Aussichten auf dem Wohnungs-, Ausbildungs- und Arbeitsmarkt vergrößern sich nicht, wenn sie statt verschämt zu versuchen, ihre Differenz zu verleugnen, sie nun stolz betonen. Allerdings kann es hilfreich sein, sich nicht als wehrloses Opfer, sondern als handelndes Subjekt zu fühlen. Auch bietet die dann neu gewonnene „Schicksalsgemeinschaft“ jenen Rückhalt, der in der Mainstream-Gesellschaft Minderheiten verwehrt wird. Die Frage nach Identität und Zugehörigkeit ist für Ausgegrenzte in der Regel keine akademische, sondern bedeutet häufig erst die Basis dafür, in einer marginalisierten Situation handlungsfähig zu bleiben. Dennoch ist die Gefahr groß, durch die darin liegende Bestätigung von Konstruktionen langfristig bestehende Machtverhältnisse zu zementieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während sich Minderheiten im Interesse ihres Überlebens und ihrer Rehabilitierung an der rassistischen Konstruktion beteiligen, geschieht dies bei Mehrheitsangehörigen vor allem im Interesse ihres Machterhalts. Das gilt es zu reflektieren, und hieran muss antirassistische Arbeit ansetzen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:50 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Iman Attia</dc:creator>
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 <title>Das Versprechen des Politischen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/23/das-versprechen-des-politischen</link>
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                    &lt;p&gt;20. Juli. Genua. Zweiter Tag der Demonstrationen. Gegen Mittag machen sich vom Leichtathletikstadion Carlini über 15.000 AktivistInnen aus Süd- und Westeuropa zum Training mit den Tute Bianche auf. Ein kurzer Rundlauf biopolitischer AktivistInnen, der eine Stunde später von einem CS-Gas-Bombardement der Polizei gestoppt werden wird. Zehn, zwanzig Meter steht alles in weißem Nebel. Biopolitischer Gegenangriff. Dahinter Panzerwagen. Wer keine Gasmaske auf hat, stürmt zurück. Zurück? Da ist nichts. Keine Seitenstraße. Keine Grünfläche. Kein Platz. Links meterhoher Bahndamm. Rechts Hauswand an Hauswand. Dazwischen die zähe Größe von Tausenden DemonstrantInnen. Tute Bianche im Training kurz vor der Massenpanik.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;20. Juli. Genua. Zweiter Tag der Demonstrationen. Gegen Mittag machen sich vom Leichtathletikstadion Carlini über 15.000 AktivistInnen aus Süd- und Westeuropa zum Training mit den Tute Bianche auf. Ein kurzer Rundlauf biopolitischer AktivistInnen, der eine Stunde später von einem CS-Gas-Bombardement der Polizei gestoppt werden wird. Zehn, zwanzig Meter steht alles in weißem Nebel. Biopolitischer Gegenangriff. Dahinter Panzerwagen. Wer keine Gasmaske auf hat, stürmt zurück. Zurück? Da ist nichts. Keine Seitenstraße. Keine Grünfläche. Kein Platz. Links meterhoher Bahndamm. Rechts Hauswand an Hauswand. Dazwischen die zähe Größe von Tausenden DemonstrantInnen. Tute Bianche im Training kurz vor der Massenpanik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit Mitte der 90er Jahre üben die Tute Bianche in ihrer theoretischen Praxis die Ingebrauchnahme operaistischer Begriffe: Multitude, reale Subsumtion der Gesellschaften unter das Kapital, In-Wert-Setzung des gesamten Lebens, der Kommunikation, des Wissens, der Affekte usw. Die Tute Bianche könnten sich zum Beispiel gesagt haben: Wenn es stimmt, dass die Produktion den Ort der Fabrik verlässt; wenn es stimmt, dass die Arbeitskämpfe und sozialen Auseinandersetzungen der 60er und 70er mit dazu geführt haben, dass die Fabrik in die Gesellschaft diffundiert, dass die gesamte Gesellschaft zur Fabrik wird; wenn es stimmt, dass die feministische Sichtweise, nicht-bezahlte Arbeit zur gesellschaftlichen Produktivität zu zählen, auf erweitertem Level historisch wahr geworden ist; wenn es stimmt, dass das Kapitalverhältnis sich immer produktiver durch die Körper frisst; das Wissen über die Arbeitsabläufe, die Fähigkeit zu Kooperation und Selbstorganisation, die Gefühle und Subkulturen in Wert setzt und die Subjekte drängt, Unternehmer ihrer eigenen marginalisierten und fragmentierten Existenz zu werden, dann ist es an der Zeit, mitten in dieser Subsumtion eine biopolitische AktivistIn zu erfinden, die auf der Höhe der Zeit ist. Auf der Höhe der Zeit heißt für die Tute Bianche, dass die politischen Praktiken die gesamte vernetzte Sozialität, die der Spätkapitalismus hervorbringt, verwertet und kontrolliert, durchlaufen müssen. Das ist die Multitude. Unglaublich kitschig. Aber charmant. So etwas wie kämpferische Heterogenität. Eigentlich könnte man sagen: das wieder entdeckte Patchwork der Minderheiten, das um sein Modernisierungs- und Innovationspotential für die Verhältnisse weiß. Das Kämpferische wird produktiv und positiv. Das ist die Schule des Kapitalismus selbst, hinter dessen Lehrplan die Tute Bianche nicht zurückgehen wollen: Die permanente zur Selbstunternehmung mobilisierte Subjektivität (Mach was! Verwirkliche, äußere, beweise dich! Rette dich selbst!) soll weniger zur Negation, zum Bruch, zur Arbeitsverweigerung, zum Nehmt die Gewehre! oder zur Sekunde zwischen Wurf und Aufprall, sondern in erster Linie zum Aktivismus dissidenter Selbstorganisation fortschreiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die praktische Praxis rauscht stärker als die theoretische Praxis. Noch direkter als in der Theorie führt sie zur Begegnung mit dem, was nicht gedacht und nicht berücksichtigt wurde. Am 20. Juli scheiterte das Tute bianche-Konzept der spielerischen Militanz und der begrenzten Provokation an der Strategie der Polizei. Ihr war es gelungen, die Straßenmilitanz, mit der sie zu rechnen hatte, direkt in die Aufstandsbekämpfung miteinzubauen. Das Klirren der Scheiben wurde in Kauf genommen, um sie als Vorlage zu nutzen, auf jeden organisierten Ausdruck von Demonstration draufzuhauen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ecstasy für die Multitude&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;An der Straßenschlacht, die sich nach dem Polizeiangriff auf die Tute Bianche-Demo entwickelte, waren zu einem Drittel kunststoffgepolsterte DemonstrantInnen beteiligt. Das Umschalten von der so genannten disobbedienza civile zum konventionellen Riot ging schnell, spontan und reibungslos. Diese Übergänge von einer Praxis in die andere, die Grauzonen, das Rauschen und die Diffusion ihrer Vorgehensweisen repräsentieren die Sprecher der Tute Bianche nicht. Ihre relativ starke Position kollidiert mit ihrer Vorstellung der Multitude, was auf der Titelseite der Wochenzeitung &quot;L&#039;Espresso&quot; gut zum Ausdruck kam – vorne Luca Casarini, Sprecher der Tute Bianche, im Hintergrund die Multitude im Demolook der Saison mit Skimütze und weißem Overall.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Tute Bianche artikulieren genauso wie Pink Silver, das Netzwerk der People&#039;s Global Action oder die AktivistInnen migrantischer Selbstorganisation ein Versprechen. Das Versprechen des Politischen. Das leise Wiederauftauchen der Optionen. Das Politische der Situation liegt im Asubjektiven. Es sind in erster Linie nicht die einzelnen Subjekte, die schlauer werden. Denn selbst wenn, würde das nicht ausreichen. Es ist eher das Zusammentreffen. Dieses Gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen. Jenseits der Anstrengung, politisch weiter machen zu wollen, sind die Dinge in Bewegung geraten, weg vom Solidaritäts-Internationalismus, weg von einem Antirassismus, der als erneuerte Identitätspolitik für eine autonome Linke funktioniert, weg von den Vorstellungen der Unterstützung und des Fürsprechens, weg von der pathetischen Authentizität des Streetfighters&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leider sind in der BRD nicht People&#039;s Global Action, Pink Silver, Indymedia, The Voice, das Grenzcamp usw. zu Echokammern für dieses erneuerte Gefühl des Politischen geworden, sondern Attac.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gegenüber der Sedierung&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_yw7wpur&quot; title=&quot;Sedierung: Ruhigstellung&quot; href=&quot;#footnote1_yw7wpur&quot;&gt;1&lt;/a&gt; des Politischen bei Attac sind die Tute Bianche Ecstasy. Das Interessante ist ihre avancierte Vorstellung vom Kapitalismus als gesellschaftlichem Verhältnis. Sie holen den Antikapitalismus weg vom Ökonomismus. Nach einer starken Phase der Integration erneuern sie unter dem Label der Multitude das Konzept der mikropolitischen Praktiken. Und mit der These von der Produktivmachung und In-Wert-Setzung aller subjektiven Artikulationen fusionieren sie feministische und operaistische Ökonomietheorie. In ihrer Selbstsicht scheinen die Tute Bianche aber die gegenläufigen, nicht intendierten und ambivalenten Effekte ihrer politischen Arbeit nicht zu sehen. Der Widerspruch zwischen Multitude und der starken Position ihrer Sprecher ist ein Beispiel. Ein anderes ist die Restrukturierung der Centri sociale in Rom, Mailand und im Nordosten Italiens, die mit ihrer Analyse des Postfordismus zu tun hat: Nachdem sich der disziplinierte und homogene Ort der Fabrik in netzförmige, entgarantierte, fragmentierte und atypische Arbeitszusammenhänge aufgelöst hat, wird immer intensiver auf den lebendigen Reichtum der Subjekte, ihr Wissen, ihre Kommunikation, ihre Selbstorganisation, ihre Gefühle zugegriffen. Der kommunistische Horizont dieser Analyse liegt in der Möglichkeit der selbstbestimmten gesellschaftlichen Kooperation der Multitude, die in den Alltagsstrukturen des Kapitalismus entsteht. Diese Analyse ist sehr optimistisch. Sie dethematisiert die Unentschiedenheit des Kräfteverhältnisses. Sie fragt zu wenig, was es bedeutet, wenn die Multitude in den Teamgeist von Start ups und jungem Unternehmertum regrediert; was es bedeutet, wenn die Netzwerke der SelbstunternehmerInnen in radikalisierte Ideologien investieren: Ultraindividualismus und Abbau aller sozialen Ausgaben, Regionalismus und Rassismus; und was es bedeutet, wenn in den meisten atypischen Dienstleistungsjobs nicht der lebendige Reichtum der immateriellen ArbeiterInnen verwertet wird, sondern ihre Bereitschaft zu flexiblen Services wie Putzen, Aufpassen, Kehren, bezahlter Hausarbeit, Telefonieren für Konzerne usw. Zusammen mit einer Existenzgeldkampagne haben eine Reihe von Centri sociale Ende der 90er Jahre damit begonnen, eine Beratung für immaterielle ArbeiterInnen aufzubauen. Leider überlassen die Tute Bianche die kritische Diskussion, inwieweit diese Praxis auf kommunaler Ebene der Stärkung des sogenannten Dritten Sektors und der zivilgesellschaftlichen Eigeninitiative entgegenkommen könnte, ihren KritikerInnen. Eine Arbeitsteilung, die ein weiteres Mal das Verhältnis der Multitude unterbricht und die moralische Old School von Denunziation und kritikloser Selbstabschließung in der Linken etabliert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kulturalisierung des Politischen nach dem 11.9.&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der terroristische Angriff auf das World Trade Center am 11.9. hat auf einen Schlag gezeigt, was negative politische Potentialität ist. Die Tage nach Genua waren von einer asubjektiven Potentialität neuer internationaler Praktiken bestimmt, die auch dann noch strahlte, als sie sich in Berlin nicht in alltägliche Politik umsetzen ließ, als die Veranstaltungen und Demonstrationen von den alten Sprechweisen und Artikulationsformen bestimmt wurden, und das Gefühl der Langsamkeit zurückkehrte. Die Zeit nach dem 11.9. zeigt dagegen, was negativer Internationalismus ist, das Auftauchen einer äußerst riskanten und politischen Situation auf internationaler Ebene, von deren Bestimmung man vollkommen abgeschlossen zu sein scheint. Die reaktionäre Struktur des Terroranschlags drückt sich in seiner extrem imaginären und katastrophischen Kraft aus: Das Zentrum, das es nicht gibt, ist getroffen worden. Der SciFi ist eingetreten. Wir befinden uns im Rücken des Bildschirms und der kollektiven Sicherheitsängste kapitalisierter Gesellschaften. Seine gleichzeitig materielle, vernichtende Gewalt, mit der eine Art technologisch präzises Totenfest inszeniert wurde, führt dazu, dass sich das politische Feld auf vielen Ebenen verändert. Der Terroranschlag ist ein Katalysator nach rechts. Er macht schon länger existierende hegemoniale Strategien auf einen Schlag in einer neuen Dimension politisch funktional – vor allem die Etablierung eines flexiblen Polizei- und Kontrollregimes nach innen und außen und eine rechte Kulturalisierung des Politischen. Das heißt die Gefahr eines gesellschaftlichen Konsenses, der besagt, dass es nur das Bestehende oder den Terror gebe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das, was jetzt passiert, erschöpft sich nicht in einer militärischen Operation, mit der das religiös-paranoische System der Taliban und das terroristische Netzwerk al Qaida wie per Lichtschalter ausgeschaltet werden. Augenscheinlich geht es um eine Tendenz, das gesellschaftliche Feld weiter in Richtung einer globalisierten Normalisierungspolitik zu entwickeln, in der das Bestehende nicht mehr durch politische Praktiken oder Aktionen in Frage gestellt wird, sondern durch das Abnorme, Gefährliche, Kriminelle und Menschenrechtsverletzende, also durch Drogen, Terror, ethnischen Hass, organisierte Kriminalität, religiösen Fundamentalismus usw. – Phänomene, die nicht aus ihrer politischen Entwicklungsgeschichte und in ihrem politischen Ausdruck, sondern wie Naturkatastrophen begriffen werden, die über das hereinbrechen, was ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit dem 11.9. hat ein Prozess der Negativ-, der Minus-Politisierung begonnen, in der die gesellschaftliche Entwicklung sich hermetisch verschließt. Das wirft ein irres Schlaglicht auf den Optimismus der operaistischen Theorie des Postfordismus. Seine glückliche Analyse der möglichen Zukunft immaterieller ArbeiterInnen springt zu leichtfertig über die postfordistischen Subjekte hinweg, die Schill, FPÖ, Fini und Lega Nord wählen. Und sie fragt noch weniger nach der Transformationsdynamik, mit der der Fordismus in den ehemals kolonisierten Staaten in die Krise kam, ohne sich überhaupt etabliert zu haben. Die Projekte der nachholenden Industrialisierung, der Import-Substitution, der nationalstaatlichen Entwicklungsdiktaturen zum Fordismus sind genauso gescheitert wie die sozialistischen Staatsprojekte im Trikont. Der Übergang zum Postfordismus hat sich viel katastrophischer als in den kapitalistischen Zentren realisiert, auch wenn mit der Peripherisierung der Metropolen und der Entstehung von global cities eine Tendenz der Ineinanderschaltung von erster und dritter Welt sichtbar wird. In den riesigen informellen Armutsökonomien des Südens, der Schattenwirtschaft und der Heimarbeit, im massenhaften Selbstunternehmertum auf der Straße wird (wie im Norden) nur selten eine proto-kommunistische Multitude sichtbar, die sich die Arbeitsmittel und das Wissen der Kooperation produktiv angeeignet hat; dafür aber die materielle Basis für die Verbindung, die neoliberales Selbstunternehmertum der Armen mit rassistischen, politisch-religiösen und ethnischen Ideologien eingeht.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_yw7wpur&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_yw7wpur&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Sedierung: Ruhigstellung&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Stephan Geene</dc:creator>
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 <title>world.wide.revolution</title>
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                    &lt;p&gt;&quot;Ungewohnte Hitze beeinträchtigt das Denkvermögen&quot;, oder zumindest die Konzentration, heißt es so schön. Auch in Spanien war es diesen Sommer ziemlich heiß. Ob diese Tatsache aber als Entschuldigung für ein inhaltlich ziemlich beliebiges zweites intergalaktisches Treffen gegen den Neoliberalismus und für die Menschlichkeit reicht?&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;&quot;Ungewohnte Hitze beeinträchtigt das Denkvermögen&quot;, oder zumindest die Konzentration, heißt es so schön. Auch in Spanien war es diesen Sommer ziemlich heiß. Ob diese Tatsache aber als Entschuldigung für ein inhaltlich ziemlich beliebiges zweites intergalaktisches Treffen gegen den Neoliberalismus und für die Menschlichkeit reicht?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Für eine Welt, in die viele Welten passen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Treffen, in Kurzform Encuentro genannt, war als Nachfolgetreffen des letzten &quot;Intergalaktischen Treffens&quot; im lakandonischen Urwald in Mexiko gedacht. Zu diesem Treffen war von der EZLN, die im Januar 1994 den Aufstand gegen die mexikanische Regierung im Bundesstaat Chiapas probte, eingeladen worden, um gemeinsam über die zapatistischen Grundforderungen und den &quot;Erzfeind Neoliberalismus&quot; zu diskutieren. Selbstverständlich fand sich deshalb auch dieses Jahr viel Zapatistisches beim Zweiten Treffen, das in verschiedensten Arbeitsgruppen und verteilt über ganz Spanien Themen wie Ökonomie, Kultur, Patriarchat, Ökologie und Marginalisierung behandelte. Doch was spannend klingt, gelang nicht immer. So machte sich die Dominanz der europäischen TeilnehmerInnen genauso bemerkbar wie der permanente Drang nach Repräsentation. Dazu kam die scheinbar unausgesprochene Losung, möglichst wenig Kritik und viel gemeinsamen Kampfeswillen zu demonstrieren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Viele Welten – und es bleibt dunkel&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Neben der inhaltlichen Beliebigkeit des Treffens kam es zu Kritik und handfesten Auseinandersetzungen an den verschiedensten Punkten. So hatte eine organisatorische Panne bei der Auftaktkundgebung in Madrid zur Folge, daß der Europasprecher der peruanischen MRTA, Isaac Velasco, nicht öffentlich reden konnte. Velasco hat in der BRD und verschiedenen anderen europäischen Ländern politisches Betätigungsverbot. Sein Auftritt wäre nicht nur deshalb dringend notwendig gewesen. Statt dessen zelebrierte mensch in Spanien weniger politische Forderungen, als viel mehr den eigenen revolutionären Habitus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Treffen, das emanzipatorische Strategien gegen die kapitalisitsche Welt(un)ordnung, Patriarchat, Ausbeutung und Unterdrückung entwickeln will, muß diese Begriffe zunächst einmal deutlich definieren. Nur so kann anhand der gemeinsamen Konkretisierung, was das Encuentro sein kann und sein soll, erreicht werden, daß so etwas nicht wieder passiert. Leider ist dies in Spanien nicht gelungen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Eine Welt – und wie geht&#039;s weiter&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Schon in Spanien regten sich deshalb kritische Stimmen. So gab es den Wunsch nach umfangreichen nationalen Auswertungstreffen, die dann auch eine Auswertung auf internationaler Ebene möglich machen sollten. So auch in der BRD.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch schon über die Frage der Bewertung gab es verschiedene Ansichten. Die einen beklagten die Sinnlosigkeit des Treffens, von anderer Seite wurden es und seine &quot;konkreten Ergebnisse&quot; hochgelobt. Ein Mittelweg ist wohl angebracht. Neben konkreten Bündnissen und Kontakten, die am Rande des Encuentros entstanden, ist vor allem von Bedeutung, wie viel das Encuentro über die Probleme innerhalb einer linken, internationalistischen Bewegung ausgesagt hat. Die organisatorischen Pannen zu beheben, dürfte das kleinste Problem sein. Was viel schwerer (und wichtiger) sein wird, ist die Frage, wie es möglich ist, dem Encuentro neben seiner symbolischen Bedeutung auch ein inhaltliches Fundament zu geben. Angesichts der als neoliberal beschriebenen Veränderungsprozesse des globalen Kapitalismus in dieser Welt steht linke Politik eher hilflos als kampfbereit da. Das läßt sich durch die entstandenen Aktionsbündnisse nur schwer überdecken. Bevor die Diskussion über globale Netzwerke des Widerstandes geführt werden kann, muß deshalb erst einmal darüber diskutiert werden, was das sein kann. Erst der politische Analyse der globalen Prozesse kann eine &quot;Gegenbewegung&quot; folgen. Dazu muß der &quot;Kampf in den Metropolen&quot; neu diskutiert und inhaltlich fundiert werden. Unrealistisch ist es zu glauben, die kapitalistische Welt(un)ordnung könnte tatsächlich in den Ländern des Trikonts außer Kraft gesetzt werden. Die beste Solidaritätsbewegung für die Aufständigen in Chiapas ist deshalb eine anti-kapitalistische Bewegung in den kapitalistischen Zentren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Davon ist mensch aber heuer noch weit entfernt. Bei der gemeinsamen Auswertung gingen solche Aspekte eher unter. Nachdem der erste Ärger und Mißmut verraucht waren, schickte mensch sich dann an, selbst zu organisieren, natürlich besser als &quot;die da unten in Spanien&quot;. Dabei galt es, linke Formeln wie Basisnähe und Transparenz mit Effizienz und kontrollierbarer Haushaltung zusammenzubringen. Über die eigenen Organisationstalente wurde aber das, was eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, vergessen (oder nicht doch ignoriert?): Diskutierbare Inhalte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine organisatorische Verbesserung kann förderlich sein, diese zu erreichen. Sie darf aber nicht zum Stein der Weisen verkommen. Die Forderung des Nachbereitungstreffens, das nächste intergalaktische Encuentro frühestens im Jahr 2.000 zu veranstalten, läßt zumindest Raum für die nötigen Diskussionen. Diese müssen nun geführt werden. Doch auch die hiesigen FreundInnen der Zapatistas haben noch einige Unklarheiten auszuräumen und Positionen zu diskutieren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Meine Welt und Deine Welt – und die soli-linke Kulturverliebtheit&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ein Knackpunkt ist dabei das &quot;neue&quot; Politikverständnis, das in der heutigen &quot;Chiapas Soli Szene&quot; grassiert und &quot;Politik als Kultur&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_hkef4b5&quot; title=&quot;Tom Kucharz: Ein bißchen mehr Disziplin und das nächste mal die Augen aufmachen. Dresden 1997&quot; href=&quot;#footnote1_hkef4b5&quot;&gt;1&lt;/a&gt; versteht. Der Begriff der Kultur wird zum neuen Zauberwort, mit dem sich jede inhaltliche Auseinandersetzung umgehen läßt. &quot;Viele sehen sich scheinbar als politische Wesen, die losgelöst von ihrer eigenen Kultur anderen Kulturen gegenüberstehen&quot;, kritisierte ein Auswertungspapier. &quot;Das Nicht-betrachten unserer eigenen, auch der politischen Kultur, bewirkt genau dieses scheinbare Neutralisieren der eigenen Kultur, das die Anderen zur Ausnahme macht&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_4ni84s7&quot; title=&quot;Susanne: Wir haben in Prag den Anspruch formuliert...&quot; href=&quot;#footnote2_4ni84s7&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Nicht mehr das Konstrukt Kultur an sich, das genauso wie Nation, Volk und Geschlecht das Andere schon als Gegen-Kategorie in sich trägt, ist länger das Problem, sondern das &quot;Nichtbetrachten unserer eigenen, auch der politischen Kultur&quot;. Was denn &quot;unsere eigene Kultur&quot; ist, wenn nicht allerhöchstens ein politisches Selbstverständnis, wagen wir nicht zu fragen, denn außer &quot;deutsch&quot;, &quot;mann&quot;, &quot;frau&quot;, &quot;links&quot;, &quot;rechts&quot; bleibt da nicht mehr viel übrig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;An anderer Stelle wurde eine Politik gefordert, &quot;die sich nicht auf die Mechanik von Machtbeziehungen beschränkt, sondern Politik als Kultur versteht&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_jth4zax&quot; title=&quot;Tom Kucharz/Dresden 1997&quot; href=&quot;#footnote3_jth4zax&quot;&gt;3&lt;/a&gt;. Das klingt ähnlich nebulös wie vieles, was im neuerstarkenden Internationalismuszusammenhang geäußert wird. Es erinnert etwas an rohe Eier. Bloß nicht von dem reden, was passiert, lieber den eigenen Widerstand hochjubeln. Auch wenn wir unter uns Hierarchien abbauen wollen, müssen wir zunächst anerkennen, daß es diese Hierarchien gibt. Die Welt ist durchwoben von Macht und Machtbeziehungen und auch bei uns ist das nicht alles so frei, wie es scheint. Machtbeziehungen, die sich an Herkunft, Geschlecht oder Bildung (Sprachen) orientierten, waren auch in Spanien präsent. Auch der Einwand, &quot;Politik als Kultur&quot; zu verstehen, verschweigt die Bedeutung, die Kultur und kulturelle Verhaltensweisen haben. Was anklingt, ist die subkulturelle Verhaltensweise: &quot;Hey, ihr müßt uns akzeptieren, wir sind eine Kultur!&quot;, die in der politischen Auseinandersetzung aber auch immer wieder darauf zurückgeworfen wird: &quot;Eben, also seid zufrieden.&quot; Kultur wird immer mehr zum Ersatz der Kategorien Volk, Rasse und Nation und so zu einem zentralen Bestandteil neurechter Diskurse. Aber auch Linke haben ihre Erfahrung mit der zweifelhaften Gunst, eine Kultur zu sein, schon gemacht. Die außerparlamentarische Linke 1968 konnte von der parlamentarischen Ex-Linken ohne weiteres als Kultur absorbiert werden. Neben der herrschenden Kultur gab es von da an eben noch Sub-Kultur, StudentInnen-Kultur und sonstige Kulturen, deren politische Relevanz mit zunehmender Kulturalisierung notwendigerweise abnahmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das gefährliche Spiel mit der Kultur ist in der Chiapas-Soliszene allein deshalb virulent, weil auch die Zapatistas auf das Argument der kulturellen Eigenständigkeit gesetzt haben. Die Forderung nach kultureller Autonomie ist die einzige, auf die die mexikanische Regierung tatsächlich eingegangen ist. Leider führt dies auch dazu, daß die EZLN und ihre politischen VerhandlungsführerInnen bei weitergehenden Forderungen nun auf diese &quot;kulturelle Eigenständigkeit&quot; zurück verwiesen werden. &quot;Eine Reduktion schließlich auf die Frage nach &#039;kultureller Autonomie&#039; würde – ungeleugnet der jahrhundertelangen rassistischen Unterdrückung – den Fall der EZLN in die politische Bedeutungslosigkeit befördern.&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_ndgsggj&quot; title=&quot;Jens Winter: Hoch die internat... in: links 1&amp;amp;2 1997. Seite 32.&quot; href=&quot;#footnote4_ndgsggj&quot;&gt;4&lt;/a&gt; Und könnte aus der Forderung nach kultureller Autonomie nicht auch &quot;eine spezifisch mexikanische Reservatsordnung resultieren&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_cl6jxap&quot; title=&quot;ebenda&quot; href=&quot;#footnote5_cl6jxap&quot;&gt;5&lt;/a&gt;?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ungeachtet dessen war auch in Spanien das Spiel mit Symbolen und kulturellen Merkmalen omnipräsent. Vom Zapatistenpüppchen bis zum Marcosschal war für Revolutionsdevotionalien gesorgt. Auch die beiden chiapanekischen Companer@s wurden im Laufe des Encuentros in den kulturellen Strudel hineingezogen. Bei den zahlreichen Repräsentationsveranstaltungen schien es, als ob die beiden von den VeranstalterInnen regelrecht &quot;präsentiert&quot; wurden. Der Eindruck, daß sie lediglich zur Authenzitätssteigerung des Treffens beitragen sollten, drängte sich dabei auf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei richtet sich unsere Kritik nicht gegen die beiden chiapanekischen Companer@s, sondern gegen jene, die die beiden lediglich als &quot;echte Campesinos&quot; vorführten und so &quot;mißbrauchten&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So überlebenswichtig der Kampf der Zapatistas in Chiapas ist: Er ist nicht auf ein solches Treffen zu übertragen. Im wahrsten Sinne des Wortes geht es ihnen nämlich ums &quot;Überleben&quot;. Auch Symbole, wie die der Companer@s, die Symbole ihrer Heimat präsentierten, sind zunächst einmal nur Symbole, die in einer anderen Umgebung (z.B. einer Arena mit zahlreichen &quot;Fans&quot;) eine andere Bedeutung bekommen können. Um ihre Bedeutung muß gekämpft werden - inhaltlich und politisch.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_hkef4b5&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_hkef4b5&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Tom Kucharz: &lt;em&gt;Ein bißchen mehr Disziplin und das nächste mal die Augen aufmachen&lt;/em&gt;. Dresden 1997&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_4ni84s7&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_4ni84s7&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Susanne: &lt;em&gt;Wir haben in Prag den Anspruch formuliert...&lt;/em&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_jth4zax&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_jth4zax&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Tom Kucharz/Dresden 1997&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_ndgsggj&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_ndgsggj&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Jens Winter: &lt;em&gt;Hoch die internat...&lt;/em&gt; in: links 1&amp;amp;2 1997. Seite 32.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_cl6jxap&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_cl6jxap&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; ebenda&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:16:18 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Timo Reinfrank</dc:creator>
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