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 <title>arranca! - Lernprozesse</title>
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 <title>Dokumentation</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/1/dokumentation</link>
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                    &lt;p&gt;Der hier folgende, aus dem &quot;Sozialistischen Jahrbuch 5&quot; entnommene Text von 1972 be-schreibt die politische Arbeit eines sozialistischen Kollektivs in einem Ferienzeltlager von 14- bis 18-Jährigen. Die Verfasserinnen stellen sowohl ihre Erfahrungen während des Sommer-camps, - die Politisierung und das Handeln der Jugendlichen, das Verhältnis zwischen den Betreuerinnen und den Kids - als auch ihr pädagogisches Konzept dar. Sie vermitteln, daß in dem Ferienlager kollektive Lernprozesse gefördert werden können, daß diese von konkreten Erfahrungen/Handlungen ausgehen müssen, daß Betreuerinnen und Jugendliche ein gleich-berechtigtes Verhältnis entwickeln können, und daß gerade der Konflikt - in diesem Falle mit der Trägerin des Zeltlagers, der SPD-Jugend &quot;Die Falken&quot; - diesen Lernprozeß vorantreibt.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der hier folgende, aus dem &quot;Sozialistischen Jahrbuch 5&quot; entnommene Text von 1972 beschreibt die politische Arbeit eines sozialistischen Kollektivs in einem Ferienzeltlager von 14- bis 18-Jährigen. Die Verfasserinnen stellen sowohl ihre Erfahrungen während des Sommercamps, - die Politisierung und das Handeln der Jugendlichen, das Verhältnis zwischen den Betreuerinnen und den Kids - als auch ihr pädagogisches Konzept dar. Sie vermitteln, daß in dem Ferienlager kollektive Lernprozesse gefördert werden können, daß diese von konkreten Erfahrungen/Handlungen ausgehen müssen, daß Betreuerinnen und Jugendliche ein gleichberechtigtes Verhältnis entwickeln können, und daß gerade der Konflikt - in diesem Falle mit der Trägerin des Zeltlagers, der SPD-Jugend &quot;Die Falken&quot; - diesen Lernprozeß vorantreibt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wir finden diesen inzwischen 21 Jahre alten Text ausgesprochen interessant. Einerseits weil er beschreibt, daß revolutionäre Bildung davon ausgehen muß, daß Pädagoginnen Initiativen entwickeln können, ohne Ergebnisse vorwegzunehmen. Das heißt, daß es ihre Aufgabe ist, kollektives Verhalten in Gang zu bringen. Dabei werden die Lernenden vor allem als Handelnde gesehen, was in dem Text gut zum Ausdruck kommt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Andererseits ist er aber deswegen von Bedeutung, weil auch heute viele linke StudentInnen bei verschiedensten Jugendverbänden (von der Sportjugend, über die Kirchen und Gewerkschaften bis hin zu städtischen Ferienprogrammen) jobben. Für viele ist es eine Möglichkeit in wenigen Wochen zu etwas Geld zu kommen. Kaum noch gesehen wird dabei heute der politische Wert und die Möglichkeiten einer solchen Arbeit mit Jugendlichen. Wir fänden es wichtig, daß über diese Arbeit in Schulen, Jugendclubs, Ferienprogrammen, Antifa-Gruppen usw., (die zum Geld verdienen oder aus individuellen Überlegungen gemacht wird), öfter mal ein öffentliches Wort fallen würde. Nicht wenige sind dort aktiv, ohne daß darüber diskutiert wird. Es wäre für uns und viele andere spannend zu wissen, welche Probleme, Erfahrungen, Möglichkeiten solche politische Arbeit (zum Teil in Institutionen und gegen sie) mit sich bringt. Das oft verkündete Verlassen des &quot;Szeneghettos&quot; bedeutet ja genau, daß in schwierigen Rahmenbedingungen mit ganz anderen Leuten politisch gelernt und gehandelt wird.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Uns ist natürlich klar, daß dieser Bericht vom &quot;Seeheimer Zeltlager&quot; 1972 mit den heutigen Erfahrungen nur sehr allgemein etwas zu tun hat. Heute fehlt das kulturell-rebellische Bewußtsein der Arbeiterjugend (damals das Rockertum), der Politisierungsgrad der Jugendlichen ist insgesamt niedriger, Individualisierung und passives Verhalten sind stärker geworden, und außerdem ist die Notwendigkeit, rassistische Vorurteile abzubauen, heute größer als sozialistisches Bewußtsein zu stärken.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Diese Unterschiede anhand von neueren Erfahrungen darzustellen, könnte ein Thema der nächsten Ausgaben sein - wenn sich unter den Leserinnen eineR findet, die oder der über ihre Arbeit schreibt...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Zeltlager in Seeheim war ein Falkenlager. Die Falken (der SPD nahestehender Jugendverband) führen jedes Jahr über 100 Zeltlager durch, in denen 30-40.000 Kinder und Jugendliche meist proletarischer Herkunft betreut werden. In der verdinglichten Sprache der Falken werden die Zeltlager „Sommermaßnahmen&quot; genannt. Dieser Sprachgebrauch läßt schon erahnen, unter welchen Zielvorstellungen die Falken ihre Arbeit mit der Arbeiterjugend sehen. Wie dem auch sei, Zeltlager bieten eine günstige Voraussetzung für die Feriengestaltung von Jugendlichen(..)&lt;br /&gt;Wir sind uns dabei bewußt, daß die Zeltlagersituation eine Ausnahmesituation schafft. Der durch die Zelte vorgegebene Wohn- und Lebenszusammenhang, die relative Isoliertheit von der normalen Lebenswelt, die damit verbundene Repressionsfreiheit, die Feriensituation und die Angebote zur Freizeitgestaltung, die sich im Zeltlager anbieten, schaffen insbesondere für die Entwicklung von Kollektivbewußtsein günstige Voraussetzungen. Die hier gemachten Erfahrungen sind demgemäß auch nicht unmittelbar übertragbar auf die normale Alltagssituation. Trotzdem sind wir sicher, daß auch die in der Extremsituation des Zeltlagers gemachten Erfahrungsprozesse sich &amp;gt;auswirken&amp;lt;. Allerdings können wir nur wenig darüber aussagen, wie die Lernprozesse der Jugendlichen in unserem Zeltlager die Kampf- und Organisationsbereitschaft auf lange Sicht verändert haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die „Sommermaßnahme&quot; hatten sich 35 Jugendliche gemeldet. Die Teilnehmer (..) waren 14-18 Jahre alt und kamen aus Düsseldorf, Essen und Bochum. Die meisten kannten zu Beginn des Lagers niemanden, allenfalls einen anderen Lagerteilnehmer. Eine Ausnahme machte die Gruppe aus einem Düsseldorfer Bezirk, die sich von den Falken bzw. vom Fußballclub her kannte.&lt;br /&gt;Die meisten Jugendlichen steckten in einer Lehre, einige standen unmittelbar davor. (..) Mit Ausnahme von 5 Jugendlichen kamen alle aus proletarischen Verhältnissen.&lt;br /&gt;Bei den Jungen konnte man zu Anfang des Lagers drei Verhaltenstendenzen beobachten: eine erste Gruppe, gruppierte sich in Cliquen. Sie wollten saufen, legten ein terroristisches Verhalten an den Tag, verhielten sich untereinander unsolidarisch, waren aggressiv, suchten förmlich Situationen, um sich gegenseitig anpöbeln zu können, nutzten jede Chance, um Streit handfest auszutragen. Die Cliquen stabilisierten sich insbesondere auf Kosten der Mädchen: sie pöbelten sie an, machten sich über sie lustig, griffen sie auch tätlich an, Eine zweite Gruppe von Jungen machte sich gleich zu Anfang systematisch an die Mädchen ran. Dabei entwickelten sie bisweilen eine ausgeprägte Perfektion in der Provokation bestimmter Situationen, die die Kontaktaufnahme mit Mädchen ermöglichten. Zwei Jugendliche, Freunde, arbeiteten hierbei arbeitsteilig und strategisch zusammen und warfen sich gegenseitig die Bälle zu. Eine dritte Gruppe, zumeist jüngerer Jugendlicher, fixierte sich auf die Älteren oder waren Einzelgänger. Die Mädchen bildeten zumeist Zweiergrüppchen und verhielten sich deutlich defensiv. Vor Lagerbeginn gab es nur eine feste Beziehung (..)&lt;br /&gt;5 der Jugendlichen bezeichneten sich als Rocker oder hatten Rockererfahrungen; vier waren im Fußballclub, zwei im Boxverein. 5 der Jugendlichen waren Falkenmitglieder, ein Lehrling arbeitete in einer autonomen Lehrlingsgruppe. Drei der eben genannten hatten politische Erfahrungen durch die Arbeit in linken Gruppen. Bei zweien von ihnen hatten die Väter in der illegalen KPD gearbeitet.&lt;br /&gt;Insgesamt könnte man über die gesamte Truppe zunächst urteilen: ein „unpolitischer&quot; Haufen. Nach gängigem Falkenjargon war man geneigt zu sagen: „Mit denen kann man nichts machen!&quot; Mit ihnen soll auch nichts gemacht, es sollen keine Maßnahmen an ihnen vorgenommen werden; sie sollen selber was tun.&lt;br /&gt;Die Leitung des Lagers hatte Alvons (der im Verlauf des Konflikts mit der Falkenleitung abgesetzt wurde, Anm.d.S.) (...) Außerdem nahmen noch 4 studentische Genossen teil, die alle in sozialistischen Hochschulorganisationen arbeiten und Lehrer werden wollen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Ein Tag im Zeltlager Seeheim&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die ersten 3 Tage verliefen ziemlich konfus: es kamen individualistische Feri­envorstellungen zum Tragen. Die Jugendlichen wollten zuerst mal das tun, was in der normalen Familien- und Arbeitssituation verboten ist. Die machten voll einen drauf nutzten die „Freiheit&quot; der Lagersituation aus: Sauen, die Nächte durchmachen, Aggressionen ungestraft äußern, Unterdrückung van Schwächeren, antiautoritäres Ausleben, oft bei bewußter Mißachtung kollektiver Bedürfnisse und auch „vernünftiger&quot; Lagerregelungen: Nichterscheinen beim Essen, bewußtes Provozieren hei Lagervollversammlungen, betontes Absondern bei Gruppenaktivitäten.&lt;br /&gt;Die Überwindung dieser Verhaltensweisen und die Entwicklung, kollektiver Formen des Lagerlebens deuteten sich aber bereits in diesen Tagen in 4 Punkten an:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;1. Wir betonten bei allen Möglichkeiten die Vorzüge von kollektivem Handeln und solidarischem Verhalten. immer wieder gaben wir Impulse, die bei den Jugendlichen bewußt Selbstorganisationsprozesse in Gang setzen sollten. So schlugen Wir zum Beispiel vor, daß jede Zeltbesatzung über die Namensgebung ihres Zeltkollektivs diskutieren sollte (es wurden bis auf eine Ausnahme nur politische Namen gewählt: Anne Frank Frieden, Langer Marsch, Vietnam, Spalte, Petra lebt!), daß sich für die Lagerzeitung Artikelkollektive bilden sollten, daß Jungens und Mädchen auch zusammen Fußball spielen können, daß wir alle, um die Ungleichheit an Taschengeld auszugleichen, unser Geld in einen Topf schmeißen und dann gleichmäßig aufteilen sollten. (Dieser Vorschlag wurde nach langer Diskussion abgelehnt). Einige Jugendliche unterstützten vom ersten Tag an solche Bestrebungen.&lt;br /&gt; 2. Gerade an der Benennungsfrage von Zelten kam es zu einem scharfen Konflikt mit dem Vertreter des Falkenverbands (ein Zelt hatte sich nach der von der Polizei erschossenen, mutmaßlichen RAF-Militanten Petra Schelm „Petra lebt&quot; genannt, Anm. d.S.). In diesem Konflikt wurden die Jugendlichen gezwungen, Stellung zu beziehen. Die Schärfe der Auseinandersetzung, die an ihr einsetzenden Mechanismen politischer Unterdrückung seitens des Falkenverbands und seiner Vertreter einerseits (nach nur 10 Tagen wurde das Zeltlager aufgelöst und der Verantwortliche, Alvons, entlassen, Anm. d.S.) und unsere Solidarität, mit der wir in dieser Frage zu den Jugendlichen hielten, andererseits haben bestimmt viel dazu beigetragen, die Atmosphäre im Lager zu politisieren.&lt;br /&gt;3. Am dritten Tag erschien die erste Lagerzeitung. Bereits hier gelang es, zahlreiche Jugendliche an der Herstellung von Artikeln zu beteiligen.&lt;br /&gt;An der Entstehung der Lagerzeitungen kann man gut zeigen, welche Rolle Intellektuelle in der Zusammenarbeit mit Arbeiterjugendlichen spielen können, wie sie ihre Fähigkeiten und politischen Erfahrungen einbringen können, ohne sich von den Jugendlichen zu isolieren, ohne an derer Interessenlage vorbeizugehen, ohne eine elitäre Beziehung zu ihnen zu entwickeln. Es ist klar, daß die Jugendlichen von sich aus, so wie sie sich in unserem Lager vorfanden, nicht auf den Gedanken kamen, eine Lagerzeitung zu formulieren. Es fehlen ihnen dazu einfach die technischen Qualifikationen. Schreibmaschineschreiben, Umgang mit Matrizen und Abzugsmaschinen, die Organisierung von Material usw. sind, „Künste“ von denen sie zunächst keine Ahnung haben. Dazu kommt noch, daß die Jugendlichen auf Grund der terroristischen Sozialisation, die sie in der Schule über sich ergehen lassen müssen, gerade gegen das, was sie ausschließlich dort betreiben, nämlich intellektualistisches Zeug, eine gründliche Aversion entwickeln. Bei der Erstellung von Zeitungsartikeln muß man sich aber hinsetzen können, muß man Sätze aneinanderreihen, muß man sich längere Zeit konzentrieren. (..)&lt;br /&gt;Die Zeitung wurde dann ein Ereignis, an dem sich unsere Vorstellungen von Kollektiverziehung- zu unserer eigenen Überraschung- sehr gut realisierten. Zumeist auf Vollversammlungen riefen wir die Jugendlichen auf eine Zeitung zu machen. (...)Immer wieder betonten wir den Wert, den eine Zeitung für das kollektive Lagerleben haben müßte. Derart abstrakte Appelle allein nutzten aber nichts. Um Artikelkollektive konstituieren zu können, mußten wir die Jugendlichen (...) persönlich ansprechen: wir forderten ganze Zelte auf die gerade eine dufte Aktion gemacht hatten, darüber zu schreiben, oder einzelne junge Genossen, die nichts zu tun hatten, oder informelle Gruppen, die gerade über ein bestimmtes Problem diskutierten, genau über dieses Thema etwas zu machen.(...) Die endgültigen Formulierungen wurden dann von kleinen Gruppen erledigt. Fast immer war daran ein Student beteiligt. Es war nun aber ganz und gar nicht so, daß dieser Student den Artikel schrieb. Vielmehr versuchten wir möglichst alle Formulierungen aus den Jugendlichen herauszuholen. Wir gaben Tips, bisweilen auch Anregungen für Formulierungen und übernahmen das Aufschreiben. Große Spannung herrschte zumeist beim Finden einer zündenden Überschrift. Wichtig dabei ist, daß ein Artikel ziemlich schnell abgeschlossen wird. Bei aller Begeisterung, die die Jugendlichen an der Arbeit in &lt;strong&gt;Rot Front&lt;/strong&gt; (der Name der Zeitung, Anm.d.S.) entwickelten: allzulange hat man in den Ferien nicht Lust, Kopfarbeit zu leisten. So war die Zeitung dann auch an einem Vormittag fertig. Das Abziehen übernahmen die Jugendlichen selbst. Natürlich war die Abzugsmaschine defekt und somit die Qualität der Zeitung recht vorsintflutlich. Dafür wußte aber jeder im Lager: das ist die Zeitung des Seeheimer Zeltlagers, unsere Zeitung.(...)&lt;br /&gt; 4. Einige Jugendliche zeigten erste Sättigungserscheinungen an einigen ihrer Individualaktionen. Sie wollten nicht dauernd isoliert im Freibad rumhängen, sie hatten genug von der Diskothek, sie wollten nicht mehr den ganzen Tag im Zelt rumgammeln. Daß sie dies äußerten, lag wohl nicht zuletzt daran, daß wir immer versucht haben, die Jugendlichen zu ermuntern, alternative kollektive Lebenszusammenhänge zu erproben. Dabei kam uns die Ausnahmesituation des Zeltlagerlebens genauso entgegen wie die Tatsache, daß den Jugendlichen bereits jetzt das Geld ausging.(...)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Was man alles machen kann!!!&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;(es folgen 16 gemeinsam beschlossene Aktivitäten; ein Volksfest mit Seeheimer Jugendlichen, eine Fahrradrallye, ein Stadtspiel usw. Anm.d.S.) (..)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;Wir betonen nochmals, daß wir in dem Stadtspiel Seeheim erobern wollen. Das heißt, wir wollen die Funktionsträger und Institutionen der Stadt kennenlernen und wir wollen uns dabei nicht verstecken, sondern offen als sozialistische Jugend auftreten. Wir wollen aus Seeheim eine neue Stadt machen: Falkenheim. Denn es gibt hier mehr Falken als Seen! Also werden wir die Stadt abklappern und erobern. Mit der Parole wird auch assoziiert, daß man hier nicht richtig baden kann, wir quasi um die Seen betrogen sind. Damit kommen wir zum Problem Baden.&lt;br /&gt;Alvons erörtert, daß er gehört habe, daß einige es langsam satt haben, immer allein zum Baden zu gehen, daß sie lieber zusammen was machen wollten. Außerdem seien 1,20DM Eintritt zu teuer. Sofort kommt der Vorschlag, daß wir ja einmal alle zusammen schwimmen gehen könnten. Vorschlag, dort Flugblätter zu verteilen, um für unsere Fete am Samstag zu werben. Im Schwimmbad sollen Flugblätter verteilt werden - und mit den Jugendlichen diskutiert werden. Vorschlag, das Megaphon mitzunehmen. „Und dann können wir alle auch umsonst reingehen!&quot; Begeisterte Zustimmung. Manfred, Lutz und Rudi übernehmen den Nachdruck von den Flugblättern. Am Abend Geländespiel: das Vietnam-Zelt soll die Vorbereitungen treffen. Renate sind 100 DM weggekommen, ihr ganzes Taschengeld. Appell an die Solidarität der anderen. Es wird beschlossen, beim Mittagessen zu sammeln: jeder soll, je nach Vermögen, 1,- bis 1,50 DM geben. Da viele ein ganzes Jahr für die Ferienreise gespart haben, sahen alle ein, daß der Renate geholfen werden muß.&lt;br /&gt;Die Mädchen bleiben sitzen und machen Weiberrat. Wir quatschen über unsere Erfahrungen mit den Typen und bleiben über eine Stunde zusammen. Die Jungens werden weggescheucht.&lt;br /&gt;Während die Mädchen zusammensitzen, sind die Jungens teilweise ziemlich verunsichert. „Was machen die denn da?&quot;, fragen einige. Nach einiger Zeit fangen die Jungs an, die üblichen Pöbeleien (du Tier, du dickes Viech ...) den Mädchen zuzurufen, mit Megaphon, damit sie es auch ja richtig verstehen können. Typ aus dem Pärchenzelt kann‘s nicht fassen, daß seine Freundin sich nicht um ihn kümmert, sondern er ihr nun Zigaretten und was zu Saufen besorgen muß. „Ich geh jetzt. Du kannst nachkommen! Wir treffen uns im Cafe!&quot;, ruft er später sichtlich nervös durchs Megaphon.&lt;br /&gt;Mächtige Stimmung beim Mittagessen: alle singen mit Ton-Steine-Scherben: „Macht kaputt, was euch kaputt macht&quot; und „weil der Mensch ein Mensch ist.&quot; Die Teller springen beim wilden Beat- Geklopfe hoch.(...) Gleichzeitig wird das Geld für Renate eingesammelt. Alle geben was! Es kommt fast der gleiche Betrag zustande wie vorher.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&quot;Schon am ersten Tag hat die ihr Geld verloren. Ihr ganzes Taschengeld für das Lager - 100 DM - waren weg. Wir haben das Problem so gelöst, wie es sich für Sozialisten gehört: solidarisch haben wir beim Mittagessen eine Sammelaktion durchgeführt, bei der jeder so viel gegeben hat, wie er erübrigen konnte. 67,50DM haben wir zusammengekriegt. Solidarität ist eine Waffe! ! ! ! &quot; &lt;/strong&gt;aus der Lagerzeitung&lt;strong&gt; Rot Front II&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;&quot;Die Eroberung des Schwimmbads!!&quot;&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Am Mittwoch beschlossen wir auf unserer Vollversammlung im Schwimmbad Flugblätter zu verteilen und für unser Fest am Samstag zu werben. Mit vielen roten Fahnen bewaffnet und kräftigen Gesängen und Parolen zogen wir ins Schwimmbad ein. Die meisten von uns gingen einfach so rein ohne zu zahlen. Wir suchten uns einen Platz, wo wir unsere Fahnen aufstellten. Dann sprangen wir sofort mit Gebrüll und Rot Front ins Wasser. Der Bademeister guckte blöd und meinte, daß Alvons eine Bademütze überziehen müsse. Wir lachten ihn aus. Wir stellten uns neben den Bademeister in einer Reihe auf und sprangen alle zusammen vom Beckenrand direkt neben dem Bademeister aus Protest ins Wasser. Dort bildeten wir Kampftrupps und Schwimmbrigaden. Der Bademeister drohte uns, die Bullen zu holen. Daraufhin riefen wir alle zusammen: Haut den Bullen auf den Sack zack! zack! Der Bademeister wollte uns nur einschüchtern. Aber da hatte er sich getäuscht. Sozialistische Jugendliche lassen sich nicht von einer Bademeisterfigur einschüchtern und den Spaß verderben. Wir waren so lustig, daß auch andere Badegäste einfach bei uns mitmachten. Anschließend verteilten wir unsere Flugblätter und machten uns auf den Heimweg. Wir riefen folgende Parolen: Haut den Unternehmern in die Fressen, daß es kracht - Arbeitermacht, Arbeitermacht! Nixon-Mörder USA-SA-SS und Ho-Ho-Ho Chi-Min (...)&lt;br /&gt;„Manche Leute freuten sich. Manche Oma griff sich an den Kopf. Doch die sozialistische Jugend läßt sich nicht das Maul verbieten.&quot; aus der Rot Front III&lt;br /&gt;(Zur Ergänzung sei noch bemerkt: es wurden nicht nur linke, sondern auch Fußballsprüche wie: Mußt du mal scheißen und hast kein Papier, dann nimm doch den Wimpel von Schalke 04 gebrüllt. Das ergänzte sich wunderbar.)&lt;br /&gt;(...)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die Frauengruppe: Haut den Jungens in den Sack - Zack Zack&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Weiberrat ist im Zeltlager zu einer notwendigen Gruppe geworden. Die Studentengenossinnen haben zur Entstehung der Gruppe ihren Teil beigetragen. Bei der Vorbereitung des Lagers sind wir davon ausgegangen, daß die Unterdrückungssituation proletarischer Mädchen ungleich stärker ist, als unsere eigene, daß es den Arbeitermädchen noch beschissener geht, als uns und daß sie noch weniger dagegen tun können. Es war uns klar, daß jeden Tag Konflikte zwischen Jungen und Mädchen und auch unter den Mädchen aufbrechen werden. An diesen wollten wir anknüpfen. Es gab theoretisch 3 Möglichkeiten, um die Probleme der Unterdrückung aufzugreifen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;1. Wir lesen mit den Mädchen zusammen einen Text zu Problemen der Frauenunterdrückung und versuchen darüber die spezifische Situation der Frauenunterdrückung in den Griff zu bekommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;2. Wir versuchen die objektiven Seiten der Frauenunterdrückung klarzulegen (z.B. durch die Besichtigung einer Frauenfabrik die extreme Ausbeutungssituation der Frau zu zeigen), um die individuelle Situation als allgemeine zu erfahren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;3. Wir gehen von konkreten Lagerkonflikten aus und versuchen uns auf diesem Weg zu verständigen und Möglichkeiten zu finden, wie wir es schaffen können, daß die Typen uns nicht spalten und kaputt machen. Schon während der Vorbereitung war uns klar, daß wir den konkreten und den vom individuellen „Schicksal&quot; geprägten Weg zu gehen haben und nicht den abstrakten, der schon eine Kenntnis von den verallgemeinernden, gesellschaftlichen Bedingungen voraussetzt. Auch unser Bewußtwerden der eigenen Situation ist primär über die tagtäglichen Auseinandersetzungen mit den Typen gelaufen.(...) Es hat sich herausgestellt, daß unsere Einschätzung richtig war: an jedem handfesten Konflikt, von denen es gleich zu Beginn des Lagers sehr viele gab, haben wir uns mit den betroffenen Mädchen solidarisiert und mit ihnen gequatscht. Renate und Brigitte sind gleich in der ersten Nacht von 5-6 besoffenen Jungs bestürmt worden und hatten keine Möglichkeit sowohl ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, als auch Sich gegen die Meute zu wehren, da sie der Situation ganz allein gegenüberstanden. Hier waren genügend Ansatzpunkte gegeben, sich an Diskussionen der Mädchen zu beteiligen. Einige Mädchen legten typisches Konkurrenzverhältnis an den Tag. Das Verhalten von Renate ist von ihnen kritisiert worden („Die ist ja auch besoffen“ „Das geschieht ihr ganz recht!“) und nicht die repressiven Verhaltensweisen der Jungs.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Darüber und über andere Gemeinheiten der Jungs (Reden wie „Du dickes Viech! Blöde Ziege! ...“) sind Diskussionen entstanden, die wirklich versucht haben, einerseits Wut und Haß loszuwerden und andererseits andere Bedürfnisse zu erkennen und Lösungsmöglichkeiten dieses Widerspruchs zu suchen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Petra lebt&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Zeltlager Seeheim wurde kaputtgemacht. Nach 10 Tagen intensiven Lagerlebens wurde das Seeheimer Lager von der Falkenfunktionärsspitze aufgelöst, Alvons, der pädagogische Betreuer fristlos gekündigt und aus dem Verband ausgeschlossen. In der Presseerklärung des Falken-Pressedienstes liest sich das so:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Der Bundesvorsitzende (Dieter Lasse) und der Bezirksvorsitzende des Bezirks Niederrhein (Bruno Neurath) sahen sich zu der Auflösung des Lagers veranlaßt, da durch den verantwortlichen Leiter der Maßnahme Dieter Diemer (Alvons) politische und pädagogische Maßnahmen getroffen wurden, die im Widerspruch zu den Beschlüssen und zum Programm der Sozialistischen Jugend Deutschlands stehen. Es wurden u.a. in den Lagerzeitungen die Taten der Baader-Meinhof-Gruppe beschönigt und in diesem Zusammenhang gesagt, daß diese Leute erkannt haben, daß eine Veränderung der Gesellschaft nur mit Mitteln der Gewalt erfolgreich sein kann. Aussagen ähnlicher Tendenz wurden von den verantwortlichen Beteiligten auch in Spruchbändern auf dem Lagergelände angebracht.&lt;br /&gt;Diemer wurde noch gestern aus dem Verband ausgeschlossen und fristlos aus seiner hauptamtlichen Tätigkeit bei der Organisation entlassen.&quot;&lt;br /&gt;(Es folgt eine ausführliche Chronologie der Ereignisse, die wir aus Platzgründen rauskürzen mußten, Anm.d.S.)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Zur Konzeption des Lagers in Seeheim&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wir hatten das Lager in Seeheim unter die Parole &lt;strong&gt;Zusammen leben, zusammen lernen, zusammen kämpfen&lt;/strong&gt; gestellt.(...) Das Prinzip des kollektiven Leben-Lernen-Kämpfens betont und fordert, Prozesse der Selbstorganisation des Lebensprozesses in Gang zu setzen. In der konkreten Zeltlagersituation gingen wir dabei davon aus, daß das was die Arbeiterjugendlichen an Verhaltensdispositionen, Erlebnismuster und Reaktionsbereitschaft mitbringen, schon immer geprägt ist von ihrer klassenmäßigen Bestimmtheit als Arbeiter. (..)&lt;br /&gt;Prinzipien wie kollektives Handeln, das Finden einer Identität als Arbeiterjugendliche, Solidarität, Erkennen und Austragen von Konflikten mit der Außenwelt sind dabei wichtige Merkmale, die konstituierend für den Prozeß der Bewußtseinsentwicklung werden. Man könnte sagen, die sozialistischen Pädagogen müssen nicht so sehr etwas in die Arbeiterjugendlichen hineintragen, vielmehr müssen sie das in der Arbeiterjugend bereits angelegte herausholen, bewußter machen, vorwärtstreiben. Es gilt Bedingungen zu schaffen, in denen die Jugendlichen beginnen, ihre Bedürfnisse zu entfalten, um sich darin als handelnde Subjekte der Arbeiterklasse wiederzufinden. Die Bedürfnisse werden dabei nicht bewußt, indem man sie über die Köpfe eintrichtert, sondern im aktiven Handeln. Klassenbewußtsein wandert nicht über den Kopf in die Bedürfnisse, sondern über die Bedürfnisse ins Hirn. Ein wichtiges Moment dabei ist allerdings, daß die Jugendlichen ticken, daß die Formen individueller Glückserwartungen allein nichts bringen, daß die Individualisierungen aufgehoben werden. Dies ist allerdings für die Arbeiterjugendlichen gar nicht so sehr schwierig; sie entwickeln schon immer das Bedürfnis, zusammen etwas zu machen, haben einen starken Drang, zusammen zu sein, zusammen zu handeln, zusammen etwas zu erleben.&lt;br /&gt;Das Prinzip des kollektiven Leben-Lernen-Kämpfens bedeutet für die sozialistischen Pädagogen, daß sie lernen müssen, sich selbst in die Gemeinschaft einzuordnen. Ihr Verhältnis zur Arbeiterjugend darf nicht ein pädagogisierendes sein, es muß radikal solidarisch sein. Auch die Erzieher müssen erzogen werden. Sie müssen es wagen, sich von den Jugendlichen erziehen zu lassen. Nur dann kann es gelingen, daß sie das, was sie an Wissensvorsprung und politischen Erfahrungen mitbringen, auch vermitteln können. Alles andere wäre bürgerliche Pädagogik. Das heißt nun aber ganz und gar nicht, daß die Intellektuellen duckmäuserisch und ergeben den Jugendlichen gegenübertreten sollten. Im Gegenteil - sie brauchen ihre eigene politische Identität nicht unter den Scheffel zu stellen. Es gab bei uns keinen „Lagerleiter&quot;. Alle Ideen und Vorschläge der Jugendlichen wurden aufgenommen, auch wenn sie noch so „albern&quot; waren. Eine Kuh zu entführen und zu schlachten ist z.B. so eine Idee. Es war immer klar, daß dies kaum in die Tat umzusetzen gewesen Wäre. Sie zeugt aber von der draufgängerischen Grundeinstellung vieler Jugendlichen die, wäre ein Rindvieh in Lagernähe aufgetaucht, sich durchaus in Handeln umgesetzt hätte. Wir freuen uns darüber. „Gute Pädagogen&#039;&#039;. z.B. der Falkenfunktionär Neurath, sahen allein schon bei dem Gedanken die Konterrevolution am Werk, denn, so dozierte er, Kleinhintern gehörten auch zur ausgebeuteten Klasse, daran sei stets zu denken, deshalb müsse man ihnen ihre Kühe lassen. (Ede: „Der tickt nicht richtig!&quot;) Wir verhielten uns den Aktivitäten und Ideen der Jugendlichen gegenüber nicht abwieglerisch und besserwisserisch. Das führte auf der einen Seite dazu, daß uns die Jugendlichen als dufte Kumpel akzeptierten, auf der anderen Seite aber durchaus Respekt vor uns hatten. Sie akzeptierten uns, weil wir in Aktivitäten, die das Selbstbewußtsein der Jugendlichen stark prägen (Fußballspielen, Kraftsport, Radikalität) immer mitmachten und - an manchen Ecken- sogar etwas besser waren; vor allem aber auch, weil wir viele Vorschläge machten, die voll einschlugen, auf die die Jugendlichen von sich aus nicht gekommen wären. Wir selber haben dies erst im Umgang mit den Jugendlichen gelernt. Wir haben es wohl deshalb gelernt, weil wir uns mit einigen Verhaltensweisen der Jugendlichen, vor allem denen, die kämpferische Ansätze zeigten, identifizierten. Das sind wohl die Merkmale, die Klassifikationen wie „Chaotenlager&quot; oder „Räuberhauptmänner&quot; einbrachten.&lt;br /&gt;Unsere Erfahrungen lassen sich durch folgende Punkte zusammenfassen: es muß geschafft werden, daß alles, was im Lager geschieht, von den Jugendlichen begriffen wird als Moment ihres Lebensprozesses. Auch wenn sie sich an bestimmten Aktivitäten nicht selbst beteiligen, müssen sie doch den Sinn und den Bezug als Bestandteil ihres kollektiven Ferienlebens begreifen und einordnen.&lt;br /&gt;Alles was im Lager geschieht, hat Prozeß kollektiver und öffentlicher Planung zu sein,&lt;br /&gt;- es muß geschafft werden, daß im Prozeß der Selbstorganisation die Jugendlichen lernen, ihre Fähigkeiten zu entfalten, Phantasie zu entwickeln, Selbst- und Massenkritik zu üben,&lt;br /&gt;- alle Versuche, dem Lager vorn ersten bis zum letzten Tage eine verbindliche Organisationsstruktur (z.B. Zeltdelegierte) zu geben, hauten nicht hin. Tragendes Organisationsprinzip war die Vollversammlung. Das Interesse an der Vollversammlung stieg in dem Maße, wie sich die kollektiven Lageraktivitäten entfalteten und es notwendiger wurde, das Lager gegen Angriffe von außen seitens der Falkenfunktionäre, Lagerverwaltung u.a. (…) zu verteidigen.&lt;br /&gt;Bei akuten Anlässen wurden Aktivitäten spontan organisiert. Dabei erwies es sich oft als wichtig, daß ein studentischer Genosse die Initiative ergriff. Oft mußten wir dazu intensiv mit einzelnen Jugendlichen oder Gruppen diskutieren und an ihre Solidarität appellieren: Gemacht haben sie aber nur etwas, wenn ihnen etwas unmittelbar einleuchtete. Bisweilen ergriffen wir auch selbst die Initiative und mußten bestimmte Dinge (z.B. die erste Lagerwandtafel) selber machen.&lt;br /&gt;- die Jugendlichen müssen die Erfahrung machen, daß alle ihre Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Ansprüche ernst genommen werden und geäußert werden können.&lt;br /&gt;- es ist eine große Gefahr, ein Lager gestalten zu wollen unter dem Vorsatz, die Jugendlichen zu „organisieren&quot; mit einer „festen, arbeitenden“ Gruppe aus dem Lager heimzukehren. Das Lager kann nicht Mittel sein, um z.B. eine Lehrlingsgruppe aufzubauen. Warum? Erstens führt dies dazu, daß das Zeltlagerkollektiv gespalten wird: diejenigen Jugendlichen, die politisch arbeiten wollen, diskutieren andauernd über ihre Erfahrungen und Perspektiven. Sie isolieren sich dabei von denen, die halt Ferien machen wollen, was für sie nichts mit „Politik&quot; zu tun hat. Sie verkneifen sich ihre Ferienbedürfnisse und laufen nur noch verkniffen rum. Bei einer solchen „Strategie&quot; wird - zweitens- völlig vergessen, daß auch an den sogenannten unpolitischen Verhaltensweisen Lernprozesse gemacht werden. Das Erkennen von Bedürfnissen und die kollektive Organisierung von Bedürfnisbefriedigung, die Politisierung des gesamten Lebensprozesses machen das Zeltlager zu einer politischen Anstalt. Insbesondere darf nicht vergessen werden, was Urlaub für Arbeiterjugendliche bedeutet: es ist die Reproduktion ihrer Arbeitskraft, Freizeit, wo sie nicht unter kapitalistischen Zwängen arbeiten. Und da wollen die „Pädagogen“ mit Kopfarbeitsprogrammen kommen! Ziel der Freizeitgestaltung muß es sein: die Bedingungen schaffen helfen, daß die Jugendlichen eine Alternative, eine sozialistische Alternative von Lebensgestaltung erfahren, erleben, bewußt erleben. Das allerdings schließt eine praktische Kritik bürgerlicher Freizeitvorstellungen und damit immer schon einen Angriff auf die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse mit ein.&lt;br /&gt;- der Prozeß der Selbstorganisation, das Erlernen kollektiven Verhaltens, die Findung einer proletarischen Identität - auch wenn sie sich im Rahmen der Urlaubs - und Freizeitgestaltung vollzieht - stellt sich nicht naturwüchsig her (etwa nach den Vorstellungen antiautoritärer Selbstregulation der Gruppe), sondern nur an Projekten und Aktionen, die aktiv in gesellschaftliche Prozesse eingreifen und von den Jugendlichen auch auf das Leben außerhalb bzw. nach dem Lager bezogen werden können.&lt;br /&gt;- gelingt es, eine bewußte Freizeitgestaltung zu realisieren, so wird sich bei den Jugendlichen notgedrungen die Frage stellen, wie sie ihre Erfahrungen auch nach dem Lager organisiert weitermachen können. Die Frage des Organisierens wird zum Bedürfnis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus: Sozialistisches Jahrbuch 5, Wagenbach 1973; zuerst abgedruckt in „Erziehung und Klassenkampf“ 8/1972.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 29 Sep 2010 10:19:36 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Kontinuität und Bruch</title>
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                    &lt;p&gt;Ein Interview über Seminare, Selbstschulungen und Gruppenprozesse mit FelS&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Der Schwerpunkt dieser Ausgabe der Arranca lautet Selbstschulung, Lernprozesse und Pädagogik. Naheliegend also, einen Einblick in die FelS-Arbeit in diesem Bereich zu geben. Ihr bietet seit eineinhalb Jahren Seminare zu politisch-revolutionären Themen an. Wie habt ihr euch dazu entschlossen, Seminare zu einem Schwerpunkt eurer Arbeit zu machen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Manni: Sicherlich ist dies eine etwas unübliche Praxisform und erinnert an den etwas fossilen Charakter von einigen K-Gruppen, Schulungen zu machen. Gerade in autonomen, linken Zusammenhängen herrscht diese Auffassung vor.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Regine: Unsere konkrete Erfahrung aus der politischen Praxis der letzten Jahre war, daß in der autonomen Bewegung Erfahrungen und Wissen nicht weitergegeben werden. Das heißt in der Konsequenz, jede Generation muß die gleichen Fehler neu machen, oder wie ein Altautonomer mal selbstkritisch zu mir sagte: Bei jeder Kampagne müssen wir das Rad neu erfinden ... Der Durchlauf der Autonomen ist so groß, daß praktisch alle eineinhalb Jahre neue Leute kommen und die Erfahrungen, die schon gemacht wurden, z.B., beim Organisieren von Volxküchen oder Demos nicht mehr weitergegeben werden. Altautonome - die wenigen, die schon lange dabei und inzwischen 35 bis 40 Jahre alt sind - versuchen nur in den allerwenigsten Fällen mit jüngeren Leuten gemeinsame Erfahrungen zu sammeln, womit also die Weitergabe und das Ansammeln und Formulieren von geschichtlichem Wissen und Erinnerungen gewährleistet wäre. Dass dies nicht stattfindet, ist einer der wichtigsten Gründe, warum die Linke hier seit Jahren auf der Stelle tritt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Was für Seminare habt ihr in den letzten anderthalb Jahren gemacht und wie haben sich die Inhalte der Seminare mit der Zeit verändert?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: Angefangen haben wir mit einem Seminar, in dem wir versucht haben, den Organisierungsgedanken dem Spontaneismus gegenüberzustellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Wie seid ihr gerade zu diesem Thema gekommen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: Interessiert hat uns dieser Punkt aus dem Grund, weil das vor allem der Konflikt war, in dem wir uns mit unseren Erfahrung innerhalb autonomer Politik befunden haben. Unsere Kritik war die, daß wir vieles in der Praxis der Autonomen als zu spontaneistisch und zu wenig organisiert wahrgenommen haben.&lt;br /&gt;Anhand der geschichtlichen Auseinandersetzungen der letzten 150 Jahre haben wir versucht herauszufinden, ob sich Organisiertheit und Spontaneismus tatsächlich derart gegenüberstehen müssen.&lt;br /&gt;In diesem Seminar haben wir uns anfangs mit Texten von Marx und Bakunin beschäftigt. Über Bakunin wußten damals viele von uns noch nicht, daß er trotz seiner nach außen libertären Ideen Mitglied einer hierachischen Geheimorganisation war.&lt;br /&gt;Dies also in einer Zeit der sich entwickelnden linksradikalen Ideologie. Außerdem sprachen wir lange mit einer Übersetzerin von Lenin über seine Texte, in denen er das Modell der kommunistischen Partei entwickelte und entdeckten viel aktuelles an seinem Text „Linksradikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus&quot; und lasen Luxemburg, die ihn schon früh kritisierte. Das stellvertretend für eine Epoche, die den Scheidepunkt hin zu der Ergreifung einer Gegenmacht und damit konkret praktischer Politik darstellte. Zum anderen ging es um einen Rückblick in die siebziger Jahre und die Frage, in welcher Form sich da organisierte (K-Gruppen) und spontaneistische Ansätze gegenübergestanden haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Nach welcher Methode seid ihr vorgegangen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Regine: Nach einem Einführungsreferat über die Siebziger hat uns ein Zeitzeuge seine Erfahrungen erst aus einer K-Gruppe und dann innerhalb der Spontibewegung geschildert. Danach haben wir uns in zwei Arbeitsgruppen aufgeteilt, die auch Parallelen zu den erwähnten Klassikern sahen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: Dass es zwei Gäste gegeben hat, die jedeR auf ihre/seine Art involviert waren, hat dieses Seminar bereichert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Hat euch dieses Seminar darüber hinaus konkrete Ergebnisse gebracht?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Manni: Ja, wir haben gemerkt, daß der schon angesprochene Widerspruch zwischen den beiden Polen als solcher gar nicht besteht; obwohl er in der tagtäglichen Auseiandersetzung immer wieder Diskussionen blockiert. Man wird schnell eingeordnet: Entweder Sponti oder Parteikommunist. Neben dieser theoretischen Beschäftigung ging es uns aber auch darum, unmittelbar Leute zu erleben, mit ihnen zu reden und somit Geschichte weiterzugeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Wie ging es nun mit den Seminaren weiter?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: Das zweite Seminar beschäftigte sich mit der italienischen politischen Gruppe „Il Manifesto&quot; (u.a. Texte von Rossana Rossanda) in den 70er Jahren in Italien. Die Auseinandersetzung mit dieser Gruppe war uns deswegen wichtig, weil sie - zu ihrer Zeit und natürlich in einer anderen Größenordnung - wie wir meinen, einen unserem Versuch ähnlichen Weg eingeschlagen haben. Entstanden ist sie aus der Abspaltung von der italienischen KP, jedoch ohne ihre Vergangenheit völlig abzulehnen und ihr Konzept sah so aus, einen fruchtbaren Mittelweg zwischen KP und autonomer Bewegung in Italien zu finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Manni: Dieser Gedanke durchzieht eigentlich auch das dritte Seminar. Es ist die Beschäftigung mit zwei nicht traditionellen KP-Linken in Europa, nämlich einmal die Koordination KAS aus dem Baskenland und darüberhinaus mit der „Neuen Linken Strömung&quot; aus Griechenland. Zustande gekommen ist dieses Seminar auch deswegen, weil es sowohl persönliche Kontakte zu diesen beiden Gruppen gab und deshalb leicht möglich war, aktuelle Alternativen linker Politik kritisch aufzuzeigen, ohne immer in die Mottenkiste zu greifen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Regine: Das nächste Seminar behandelte das Thema revolutionäre Pädagogik. Durchgeführt wurde dieses Seminar in Zusammenarbeit mit einer kolumbianischen Volkspädagogin, die dort für die unterschiedlichen Spektren (von LandarbeiterInnen bis zu Intellektuellen) Schulungen vorbereitet. Der Schwerpunkt bei dieser Veranstaltung lag bei der spezifischen methodischen Durchführung, die sich grundsätzlich von Konzepten hier unterscheidet: Viele der Seminare liefen über eine Woche, an deren Anfang erst einmal stand, sich kennenzulernen und somit auf persönlich sehr unterschiedlichen Ausgangsbedingungen für die TeilnehmerInnen einzugehen. Wir merkten, daß die Themen aus der dortigen Situation heraus ganz anders aufgearbeitet werden müssen und staunten über die intensive Vor- und Nachbereitung, zum Teil auch mit TeilnehmerInnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Wie waren die Erfahrungen für eure Gruppe nach den ersten Seminaren?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Regine: Wir haben Seminare angeboten, wo die Leute unabhängig von den Gründen ihres Interesses und der bisherigen Intensität ihrer Beschäftigung mit den Themen kommen konnten. Wenn wir uns dann in kleinere Gruppen von fünf oder sechs Leuten aufgeteilt haben, war es immer noch schwierig. Die Bereitschaft ohne Arroganz sein Wissen zur Verfügung zu stellen statt damit anzugeben oder sich abzugrenzen war nur teilweise vorhanden, oder einige waren einfach nicht in der Lage, es mit einfachen Worten darzustellen. Zum anderen hatten die, die wenig zu dem Thema wußten, Hemmungen, den Verlauf der Seminare dadurch mitzugestalten, daß sie sagten, wenn es zu schnell gegangen, ist und ihre Fragen formulierten. Das gegenseitige Vermitteln, das eigentlich einer unserer Ansätze ist, war so nicht leicht umsetzbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: Das Seminar der Kolumbianerin war auch eine Anregung für unsere Praxis, denn sie sagte, sie würde Seminare für unterschiedliche „Wissensstände“ machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Inwiefern habt ihr die Methodik der Seminare dann geändert?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Regine: Wir haben gesehen, daß es wichtig ist, Seminare speziell für die Leute zu machen, die kein großes politisches Vorwissen mitbringen, die viele Fragen haben und die Antworten gemeinsam erarbeiten wollen. Da gab es zweierlei: die Idee, eine ganze Seminarreihe einmal im Monat über ein halbes Jahr zur politischen Ökonomie machen, von einem Uni-Dozenten veranstaltet, der auch schon im Bildungsbereich von Gewerkschaften tätig war. Da wollten wir grundsätzliche Fragen klären. Zum anderen haben wir alle zwei Wochen donnerstags ein Treffen gemacht, das noch weiter „unten“ ansetzen sollte. Ausgehend von dem bereits vorhandenen Wissen, sei es aus der Schule, sei es angelesen, wollten wir ohne große Vorbereitung in lockerer Atmosphäre zu Themen der Geschichte erzählen können, was wir wissen. Die Themen orientierten sich an einer Art Geschichte des Widerstands, es ging aber auch z.B. über die Herausbildung der Städte oder den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat. Da sind wieder ganz andere Leute gekommen. Außerdem versuchte eine andere Gruppe die Erfahrungen aus unserem Seminar zum 3:1 Text von Viehmann und anderen zusammenzufassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Wie laufen zur Zeit eure Seminare?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Manni: Es soll eine Seminarreihe über Ost-Europa geben. Ansonsten läuft die Seminarreihe über politische Ökonomie nach wie vor. Da kommen auch jedesmal an die 15 bis 20 Leute, die nicht zu Fels gehören relativ kontinuierlich. Der Lerndonnerstag wird umstrukturiert, obwohl es stellenweise spannend war, in der Geschichte zu graben. Wir hatten Schwierigkeiten, den Bezug zu heute herzustellen. Daraus wird ein wöchentliches Treffen, auf dem über aktuelle Themen, die in der Presse auffallen, geredet werden soll, z. B. was der Solidarpakt für uns bedeutet, was mit den „Metallern“ ist und so weiter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: Dieses Donnerstagstreffen, wie auch die neue Seminarreihe, resultiert aus einer grundsätzlichen Überlegung: Jede politische Gruppe, die offen ist, muß sich mit dem Widerspruch konfrontieren, daß „erfahrenere“ und „unerfahrenere“ Leute zusammenkommen und es nicht die Lösung sein kann, daß die „erfahreneren“ unter sich bleiben, sondern es darum gehen muß, daß es zum Dialog der unterschiedlichen Menschen kommt. In jedem Handwerk wird als normal empfunden, daß der Meister dem Lehrling erklärt, wie&#039;s geht. Die Probleme tauchen auch hier erst bei der Art der Wissensvermittlung auf. Der „Oberchecker“ soll nicht dem Lernenden die Dinge einpauken, sondern es geht um einen allmählichen Prozeß, in dem sich der Lernende selbst entdeckt und seine Meinung Stück für Stück entwickelt. Ebenso langwierig und prozeßhaft ist natürlich auch die konkrete Umsetzung dieses Anspruchs.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Manni: Das spiegelte sich auch in unserer Gruppe wieder. Bisher hatten wir eine Art Klüngel an Leuten, die länger aktiv sind und auch den Überblick über die Gruppe behalten. Wir finden es aber wichtig, daß diese. koordinierenden Aufgaben verteilt werden und nicht in den Händen von denen bleiben, die das schon immer machen. Die Planungsgruppe von drei bis vier Leuten übernimmt die Koordination und rotiert, so daß gewährleistet wird, daß jedEr in der Gruppe sich abwechselnd in der Situation befindet, eine aktive Rolle zu haben. Das wird vor allem dann interessant, wenn viele neue Leute hinzukommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Regine: Genau, daran liegt es auch, daß die Planungsgruppe immer wieder einschläft. Seit längerer Zeit sind kaum Leute dazugekommen und die, die schon lange dabei sind, können schnell koordinieren und treffen daher eher die Entscheidungen. Jemand, der außerhalb von diesem Kreis ist und nur zu manchen Terminen kommt, kriegt vieles einfach nicht mit. Wir müssen aufpassen, daß der Kreis nicht noch geschlossener wird und Neue schwer einen Zugang finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: Das so etwas nicht passiert, wäre ja eigentlich die Aufgabe der Planungsgruppe: Mit etwas Abstand ein Auge darauf zu haben, in welche Richtung sich was entwickelt und wo andere Punkte verloren gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Manni: Das Problem wäre nur dadurch zu lösen, daß sich alle gleich oft sehen und sich gleich stark in der Gruppe engagieren. Sonst müßte man den Aktiveren verbieten, mehr als drei mal die Woche etwas zu machen und den Passiveren müßte man es vorschreiben. Aber wir wollen ja gerade möglich machen unterschiedliche Menschen mit mehr oder weniger Zeit eine Mitarbeit zu ermöglichen. Auch die Unfähigkeit hierzu hatten wir ja autonomen Strukturen hier in Berlin vorgeworfenen. Das Problem läßt sich nicht endgültig lösen. Wir können uns immer nur korrigieren. Da ist die Planungsgruppe sicherlich ein richtiger Schritt. Lernprozesse erreichen nie ein Idealbild, sondern können immer nur neue Anstöße geben, damit man nicht bequem wird und sich mit einem Zustand abfindet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Ist da nicht ein Widerspruch: auf der einen Seite stellt ihr ein klares Seminarkonzept auf und andererseits scheint aber innerhalb der Gruppe ein klares Ziel, an dem ihr euch orientiert, zu fehlen. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Selbstschulung für euch?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: Einen solchen Widerspruch sehe ich nicht. In der Gruppe ist der Versuch nur praktischer, konkreter. Auf dem Seminar hingegen, selbst wenn es ein halbes Jahr läuft und die Leute vielleicht kontinuierlich kommen, kannst du nicht immer verfolgen, was es tatsächlich bei ihnen bewirkt und welche Konsequenzen sie daraus ziehen. In der Gruppe kommen die Schwierigkeiten, die ein Lernprozeß mit sich bringt, mehr zum tragen: Allein der Anspruch, Verantwortung zu übernehmen, reicht nicht aus. Oft ist es schwerer als man glaubt, übernommene Aufgaben auch konsequent durchzuführen. Der Unterschied zu den Seminaren ist die Eigendynamik, der die Gruppe unterliegt. Es geht um einen sozialen Lernprozeß, der sich weniger auf einer Erkenntnis als vielmehr auf einer persönlichen Ebene abspielt. Somit sind Konflikte und Schwierigkeiten nicht unbedingt ein Anzeichen dafür, daß die Gruppe nicht funktioniert. Wir erreichen nicht viel, wenn wir moralische Appelle formulieren, sondern wenn wir die Konflikte durchleben und uns gegenseitig kritisieren. Andererseits kann ein Seminar diese Art von Lernen mit beeinflussen. Wir versuchen jetzt neuen Leuten einen Einstieg über das praktiktische Mitwirken zu ermöglichen, wie gesagt über die Seminare oder durch die Teilnahme an der Zeitung. Wir haben zwar ein offenes Plenum, aber wenn technische Dinge geklärt werden, entsteht bei den Leuten schnell der Eindruck, nichts beitragen zu können, was bei inhaltlichen Diskussionen anders ist. Deshalb laden wir neue Leute auch immer dazu ein, eine Stunde vor Beginn zu kommen, um dann in Ruhe erstmal alle Fragen beantworten und sich beschnuppern zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Nochmal zu den Seminaren: Werdet ihr nicht zu einer Volkshochschule oder anders ausgedrückt zu einem Dienstleistungsunternehmen, wenn die Leute eure Seminare zwar „konsumieren“, sich sonst aber an der Arbeit der Gruppe nicht beteiligen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Manni: Bisher bestimmt nicht. Das wäre so, wenn sich unsere Arbeit auf das Veranstalten von Seminaren beschränken würde.&lt;br /&gt;Wir wollen Denkanstöße geben, sich kritisch mit seiner Realität auseinanderzusetzen und Möglichkeiten, Widerstand zu leisten, entwickeln. Wie und ob die Leute dann aktiv werden, liegt erstmal bei ihnen selbst. Wir bieten ihnen an, auch an anderen Fels-Projekten teilzunehmen, setzen dies aber nicht voraus. Niemand fühlt sich gern vereinnahmt oder rekrutiert. Natürlich wünschen wir uns Verbindlichkeit, wollen diese aber auch niemandem aufzwingen. Dabei lassen wir uns auf eine Gratwanderung ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Habt ihr in den eineinhalb Jahren Arbeit objektive Kriterien gefunden, wo Selbstschulungsprozesse an Grenzen stoßen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: Bei jüngeren Leuten, die vielleicht noch in der Schule sind ist es oft schwer, ein Interesse an Selbstschulung zu wecken, weil „lernen“ und „Schulung“ zum großen Teil negativ besetzt sind. Schule wird mit vorgegebenen Inhalten, die mit der persönlichen Situation der Lernenden nichts zu tun haben, assoziiert. Außerdem kommt der Aufwand an Zeit hinzu, der dafür notwendig ist.&lt;br /&gt; Ein weiterer Punkt ist sicherlich, daß man in gewissen Fragen über ein Halbwissen verfügt, mit dem man sich zufrieden gibt. Erst wenn man es vertieft und ausbaut, werden größere Zusammenhänge deutlich. Oftmals bemüht man sich nicht, sich weiterzuentwickeln, um vielleicht alte Positionen zu verlassen oder zu anderen Konzepten zu kommen. Ein anderer Grund für diese Barriere ist, daß die Bevölkerungsmehrheit eher intellektuell gefordert ist und zusätzlicher „Beanspruchung“ abwehrend gegenüber steht. Hinzu kommt, daß beim Lernprozeß bevormundende Verhaltensmuster reproduziert werden, mit denen man sich nicht identifiziert und die man für sich ablehnt, da Situationen aufkommen können, die einem vom Umgang mit Autoritäten, wie Lehrer oder Eltern, bekannt sind. Auch die permanente Reizüberflutung, der wir ausgesetzt sind, spielt eine Rolle. Daher müssen wir das Vermitteln von Wissen lebendig gestalten, indem es in Bezug zur eigenen Person gesetzt wird. So kann sogar an sich trockene Theorie für einen selbst wichtig werden, wenn klar wird, welchen Hintergrund und Tragweite sie hat. So weit sind wir noch lange nicht. Uns fehlt dabei oft die Kreativität und die Idee, wie theoretisches Wissen praktisch vermittelt werden kann. Stattdessen sind wir viel zu oft in konventionelle Lernformen zurückgefallen. Erstmal lehren Menschen oft, wie sie selbst gelernt haben. Das müssen wir noch stärker in Frage ziehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Was ihr von eurer Arbeit berichtet, klingt erst einmal sehr theoretisch. Wo hat eure Arbeit denn den konkreten Bezug zu eurer Praxis innerhalb der Gruppe und zu Gruppen, mit denen ihr zusammenarbeitet?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: Unsere Arbeit ist insofern Praxis, als sie ja eine organisierende Wirkung anstrebt. Ziel eines revolutionären Prozesses ist ja nicht nur, daß du in den Schlagzeilen erscheinst, sondern daß auch mehr Leute dazu kommen, sich über ihre Situation bewußt werden und anfangen, sich in einer Gruppe sozial zurechtzufinden. Was kann die Linke im Moment mehr machen als für die Zukunft zu bauen und erkämpfte Errungenschaften zu verteidigen? Solch eine Arbeit ist ein Teil, ich würde nicht behaupten, daß es der wichtigste ist und alles andere Quatsch ist oder inhaltslos. Andererseits raubt uns die Arbeit so viel Kraft, daß wir, wenn uns andere Gruppen auf Mobilisierung ansprechen, oft sagen müssen, finden wir zwar gut, wir haben aber an dem Tag schon fünf Treffen. Mit dieser neuen Orientierung haben wir uns den Vorwurf eingeheimst, eine Labertruppe zu sein. Außerdem sind viele von uns noch unabhängig von Fels in anderen Gruppen aktiv.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Frage: Glaubt Ihr, daß eure Art der Arbeit in dem Gesamtprozeß einer revolutionären Linken innerhalb der BRD und international Perspektiven hat?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erika: (...lacht) ...na so wichtig ist unser kleiner Haufen nun nicht ... aber die Veränderungen, die innerhalb des Zusammenbruchs des Sozialismus stattfanden, haben eine ganze Menge an Vorstellungen und Utopien von einer. anderen Gesellschaft zerstört. Es ist ja nicht so, daß nur die kommunistischen Parteien von dem was geschehen ist, betroffen sind, sondern die Linke insgesamt. Wenn wir eine nicht kapitalistisch und nicht patriarchale Gesellschaft wieder vorstellbar machen wollen, müssen wir auch Entwürfe entwickeln. können. Wir finden es wichtig, sich in der Geschichte auszukennen, um sagen zu können, hier stimmen wir überein und da unterscheiden wir uns, und an diesem Problem sind verschiedene Ansätze gescheitert oder eingemacht worden, um selber wieder ein Bild zu gewinnen, von dem, wo wir hin wollen. Natürlich ist nicht nur das Wissen um die verschiedenen Theorieansätze von zentraler Bedeutung, aber wir als Gruppe haben hier erstmal eine Priorität gesetzt. In Zukunft hoffen wir natürlich auch mehr „praktische“ Arbeit im engeren Sinn zu machen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 21 Sep 2010 14:32:19 +0000</pubDate>
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