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 <title>arranca! - Liebe, Sex&amp; Zärtlichkeit</title>
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 <title>...danach</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/1/danach</link>
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                    &lt;p&gt;if ever I would stop thinking about music and politics • I would teil you that sometimes it’s easier to desire • and pursue the attention and admiration of hundred strangers • than it is to accept the love and loyality • of those closest to me&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;if ever I would stop thinking about music and politics • I would teil you that sometimes it’s easier to desire • and pursue the attention and admi­ration of hundred strangers • than it is to accept the love and loyality • of those closest to me • and 1 would tell you that sometimes • I prefer to lock at myself • through someone elses eyes • eyes that aren&#039;t clouded with the tears of knowing • what an asshole I can be, as yours are • if I would stop thinking about music and politics • I might be able to listen in silence to your concerns • rather than hearing everything as an accusation • or an indictment against me • I would tell you that sometimes • I use sex to avoid communication • it&#039;s the best escape when we&#039;re down an our luck • but I can express more emotions than laughter, anger • and let&#039;s fuck • if ever I would stop thinking about music and politics • I would tell you that the personal revolution • is far more difficult and is the first step in any &amp;nbsp;revolution • I would tell you that music is the expression of emotion • and that politics is merely the decoy of perception&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;sollte ich jemals auf hören, über politik und musik nachzudenken • würde ich dir sagen, daß es manchmal einfacher ist • sehnsüchtig der aufmerksamkeit und bewunderung von hundert fremden nachzujagen • als liebe und loyaltität anzunehmen von denen • die mir am nächsten sind • und ich würde dir sagen, daß ich mich manchmal • lieber mit den augen eines anderen sehe • augen wie deine, die nicht bewölkt sind • von den tränen des wissens • was für ein arschloch ich sein kann • sollte ich jemals aufhören, über politik und musik nachzudenken • dann könnte ich in ruhe deine bedenken anhören • anstatt alles als anklage • gegen mich zu verstehen • ich würde dir sagen, daß ich manchmal • sex dazu benutze, gesprächen aus dem weg zu gehen • das ist die beste flucht, wenn wir eine pechsträhne haben • aber ich kann andere gefühle ausdrücken als lachen, ärger • und laß uns ficken • sollte ich jemals aufhören, über musik und politik nachzudenken • würde ich dir sagen, daß die innere revolution • viel schwerer und der erste schritt jeder revolution ist • würde dir sagen, daß musik ausdruck von gefühlen ist • und politik nur ein köder der erkenntnis&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/liebe-sex-zaertlichkeit">Liebe, Sex&amp; Zärtlichkeit</category>
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 <pubDate>Sat, 06 Mar 2010 12:08:27 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Performing the Gap</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/28/performing-the-gap</link>
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                    &lt;p&gt;Um die Illusion zweier sauber geschiedener Geschlechter aufrecht zu erhalten, kennt unsere Sprache nur die zwei Artikel „sie“ und „er“ sowie die zwei darauf bezogenen Wortendungen, zumeist das weibliche „...in“ und das männliche „...er“. Alles, was außerhalb dieser Ordnung liegt, wird fortwährend verleugnet, denn der Vorstellungshorizont unserer Sprache ist auf eine binäre Struktur eingegrenzt. Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Um die Illusion zweier sauber geschiedener Geschlechter aufrecht zu erhalten, kennt unsere Sprache nur die zwei Artikel „sie“ und „er“ sowie die zwei darauf bezogenen Wortendungen, zumeist das weibliche „...in“ und das männliche „...er“. Alles, was außerhalb dieser Ordnung liegt, wird fortwährend verleugnet, denn der Vorstellungshorizont unserer Sprache ist auf eine binäre Struktur eingegrenzt. Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Damit ist der Platz markiert, den unsere Sprache nicht zulässt, ein Raum spielerischer und erotisch-lüsterner Geschlechtlichkeit, den es in unserer Geschlechterordnung nicht geben darf&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_rtyc9x2&quot; title=&quot;Vgl. z.B. den Film Das verordnete Geschlecht von Oliver Tolmein. Eine weitere Auswahl zu diesem Thema und regelmäßiges Screening bietet A.G. Gender-Killer.&quot; href=&quot;#footnote1_rtyc9x2&quot;&gt;1&lt;/a&gt;. Genderbending&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_k0nct7n&quot; title=&quot;To bend (engl.): beugen, verbiegen.&quot; href=&quot;#footnote2_k0nct7n&quot;&gt;2&lt;/a&gt; wird nicht allein in unserer alltäglichen Praxis immer wieder zensiert und gewaltsam unterdrückt, darüber hinaus bildet auch seine sprachliche Repräsentation eine Unmöglichkeit. Alle, die sich nicht unter die beiden Pole hegemonialer Geschlechtlichkeit subsumieren lassen wollen und können, werden entweder aus diesem Repräsentationssystem ausgeschlossen oder von ihm vereinnahmt - ein eigener Ort bleibt uns verwehrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist der _ in Leser_In, Freund_In, Liebhaber_In, der genau diesen Raum bilden soll. Zwischen die Grenzen einer rigiden Geschlechterordnung gesetzt, ist er die Verräumlichung des Unsichtbaren, die permanente Möglichkeit des Unmöglichen. Mit dieser Sichtbarmachung wird die Achse des zweigeschlechtlichen Imaginären auf jenen Punkt hin dezentriert, der ihr das sichere Gefühl der Normalität versagt: auf den Ort abweichender, perverser Geschlechtlichkeit. Transgender-People und Gender-Outlaws stellen jene „Abweichungen“ von Geschlecht dar, durch die sich unsere Geschlechterordnung ihrer Normalität versichert. Diese Konstruktion verliert ein gutes Stück ihrer Schlüssigkeit in jenem Moment, in dem wir diesen Ort in die Sprache eintreten lassen: _. Die Grenze mit ihrer unsichtbaren Bevölkerung wird zum Ort, indem die beengenden Schranken der Zweigeschlechtlichkeit - du Leser auf der einen, und du Leserin auf der anderen – auseinander geschoben werden, um dem verleugneten Anderen Platz zu machen: du Leser_In nimmst diesen Platz ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die gesetzte Marke eröffnet so einen erotischen Raum, in dem sich Gendermigrant_Innen aller Couleur tummeln können. Dabei handelt es sich natürlich nicht nur darum, allein einen Raum für Intersexuelle, also Leute mit zwei Geschlechtsmerkmalen, zu öffnen. Damit wäre der Raum wieder auf eine Ableitung reduziert, die Ableitung der Geschlechtsidentität aus einem scheinbar determinierenden Körper. Auch handelt es sich nicht ausschließlich um einen Raum für diejenigen von uns, die sich von „innen“ heraus „anders“ fühlen; damit wäre die Geschlechtsidentität wieder auf einen Raum dubioser Innerlichkeit reduziert, den der postmoderne Feminismus zur Genüge dekonstruiert hat. Beides würde den politischen Charakter von queer nicht einholen, denn mit der gesetzten Marke _ ist auch ein politischer Raum widerständiger Praktiken eröffnet, der keine Voraussetzungen macht. Queer kann nicht echt sein, es gibt nichts, was die Authentizität von queer legitimiert. Queer heißt einzig und allein „performing the gap“, den _ zu leben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Damit soll nicht der queere Körper per se zum Politikum gemacht werden&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_72r5aoq&quot; title=&quot;Für eine entsprechende Kritik siehe Von hier nach queer: Feminismus, Identität, Nation, in: Kossek, Brigitte, Gegen-Rassismen, Hamburg/Berlin 1999.&quot; href=&quot;#footnote3_72r5aoq&quot;&gt;3&lt;/a&gt;. Die Aneignung queerer Lebensweisen muss weiterhin mit einer linksradikalen Position verknüpft bleiben, wenn sie eine radikale Gesellschaftskritik sein möchte. Doch zunächst muss klar sein, was es überhaupt bedeutet, sich ein queere Position zu eigen zu machen. Ich kehre daher zur Frage zurück: Was kann es heißen, sich diesen _ anzueignen?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Trans ...?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Überblick im Park neuer Subjektivitäten kann einem schnell verloren gehen, denn Attribute wie transsexuell, transidentitär oder transgender werden gerne und oft als wechselseitig austauschbare Begriffe benutzt. Mir geht es nicht darum, dieses Spiel still zu stellen oder durch Definitionen einzugrenzen. Ich möchte lediglich die hegemoniale Konstruktion transsexueller Positionen etwas näher betrachten. Transsexuelle haben in Frage gestellt, dass unser Körper auf ewig einem Geschlecht angehören muss. Körper sind für sie nicht länger jene festen und immergleichen Materialitäten, mit denen wir geboren werden, sondern form- und dehnbare Einheiten, die durch Crossdressing, Hormone und Operationen angeeignet werden können. Statt jedoch die daraus entstehenden Geschlechtlichkeiten zuzulassen, zwingen medizinische und juristische Standards zu binärer Eindeutigkeit&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_7xg658u&quot; title=&quot;Vgl. auch den Artikel von Ulle Jäger und Christian Sälzer: entweder oder und der rest, in: diskus 3/99.&quot; href=&quot;#footnote4_7xg658u&quot;&gt;4&lt;/a&gt;, gegen den Willen vieler Transsexueller, die gerne darauf verzichten würden, ihren Körper dem je gewünschten Geschlecht anzupassen. Als transsexuell gelten nach herrschender Definition aber nur diejenigen, die eine vollkommene Umwandlung von female to male (ftm) oder male to female (mtf) vornehmen. Der Signifikant dieser Vollkommenheit kann in einer heteronormativen Gesellschaft natürlich nur das Genital sein. Vagina und Penis werden einmal mehr als jene Merkmale aufgeladen, die Frau- oder Mann-Sein ausmachen. Warum eine mtf-Transsexuelle, die schon längst als Frau durchgeht, erst nach dem operativen Eingriff eine amtlich „echte“ Frau ist, bleibt dabei hinter einem Berg bürokratischer Maßnahmen und Regelungen verborgen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das widerständige Potenzial dieser Aneignungsform ist daher sehr begrenzt. Sie führt zwar einen Bruch in die Logik natürlicher Körper ein, indem sie die lebenslange Zugehörigkeit zu einem Geschlecht hinterfragt, vermag deren Strukturierung aber nicht zu überwinden. Der Raum, den wir oben versucht haben einzuführen, existiert für Transsexuelle nur als ein Transitraum. Es ist für sie nicht möglich, sich zwischen den Grenzen hegemonialer Geschlechtlichkeit niederzulassen. Stattdessen geht es gezwungenermaßen darum, diese Grenzen möglichst sauber und unauffällig zu überwinden. Die konstruierte Transsexuelle ist eine TransITsexuelle. Sie durchquert oder kreuzt den _ zwischen den Polen hegemonialer Geschlechtlichkeit, ohne die Möglichkeit zu haben, diesen Raum dauerhaft zu besetzen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Cyborg-Szenarien und queere Lüste&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In einer queeren Perspektive geht es aber genau darum, in diesen Raum zu floaten und dort zu verweilen, sich die dort liegenden Geschlechtsmöglichkeiten zu Eigen zu machen und sich darin zu räkeln und auszutoben. Aneignung bedeutet hier: Einen Raum der Lust, des Unbekannten und des experimentellen Spiels zu durchstreifen; sich einer Veränderung hinzugeben, deren Ende unbestimmt ist. Queer oder transig zu sein heißt, nicht mehr in die traditionellen Konzepte von Körper, Geschlecht und Begehren zu passen; es heißt, traditionelle Bilder zu entgrenzen. Eine Vorstellung, die Donna Haraway mit der berühmten Metapher der Cyborg belegt hat. Die Cyborg ist das Geschöpf einer Post-Gender-Welt, Hybrid aus Mensch und Maschine, welche die Grenzen zwischen natürlich/künstlich, innen/außen, normal/pervers oder männlich/weiblich zusammenbrechen lässt. Als Grenzgängerin verwischt die Cyborg diese scheinbaren Gegensätze, denn sie befindet sich in einem Zustand, der jenseits dieser Gegensätze liegt. Sie ist damit die Paradefigur des oben eröffneten _, denn anstatt „nur“ eine Störung der gegebenen Ordnung zu sein, kündigt die Cyborg das Heraufziehen von neuen Körpersubjektivitäten an. An den Anfang setzt Haraway dann auch die Frage: „Warum sollte unser Körper an unserer Haut enden?“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_zl3g7qi&quot; title=&quot;Donna Haraway, Manifest für Cyborgs, Frankfurt/M. 1995, S. 68. Ähnliche Fragen und Figuren werden auch immer wieder in der feministischen Science Fiction-Literatur entworfen. Für einen hervorragenden Überblick siehe www.feministische-sf.de.&quot; href=&quot;#footnote5_zl3g7qi&quot;&gt;5&lt;/a&gt; Ich will mich auf die Spur dieser Frage begeben und drei verschiedene Cyborg-Szenarien rund um Körper, Geschlecht und Sexualität betrachten:&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;‹Alles was wahr ist...›&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Warum sollten nur die Praxen, die wie das Einnehmen von Hormonen oder kosmetisch-operative Eingriffe „unter die Haut“ gehen, unseren Geschlechtskörper verändern? Eine solche Position würde gänzlich den gesellschaftlich-phantasmatischen Anteil an unserem Körper verkennen. Denken wir beispielsweise an die Gummischwänze und Gummibrüste, wie sie von Crossdresser_Innen gerne getragen werden. Warum sollten sie nicht Teil des Körpers sein? Weil sie sich nicht echt anfühlen? Aber was soll denn bitte „echt anfühlen“ heißen? Fühlen sich die abgebundenen Brüste einer butch etwa echter an als meine Gummititten? Ich fühle sie sehr wohl, ich spüre sie als Teil meines Körpers, es erregt mich, wenn meine Freund_In daran herumfummelt. Und dass sie nicht Teil meines Körpers sein sollten, auf diese Idee würde ich nicht kommen. Ich kann vielleicht keinen Brustkrebs bekommen, noch kann ich mein Baby stillen, aber sollen das etwas die Merkmale sein, die darüber entscheiden, ob meine Brüste ein Teil meines Körpers sind oder nicht?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Den Begriff des Geschlechtskörpers gänzlich davon abzukoppeln, wie er auf der einen Seite von den Einzelnen gefühlt und auf der anderen Seite von anderen rezipiert wird, heißt die Vorstellung davon, was ein Körper ist und sein kann, auf eine seltsame Weise zu versperren. Und indem wir diese gesellschaftlich-phantasmatische Dimension unseres Körpers anerkennen, eröffnen sich uns neben den altbekannten Möglichkeiten eine Reihe neuer Körpersubjektivitäten, die auszuprobieren wir eingeladen sind. Die Trennung von sex und gender hält diesem Spiel nur insofern stand, als sie die „unhintergehbare Faktizität“ unseres sex hinter sich lässt und anerkennt, dass unser Biogeschlecht immer auch ein soziales ist. Eines, dem wir uns auf verschiedenste Weise bemächtigen können und das wir de- und rekonfigurieren können, um neue Kombinationen zwischen den verschiedenen „Geschlechtsmerkmalen“ herzustellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Diskurs „primärer“, „sekundärer“ und „phantasmatischer“ Körpermerkmale ist jedoch selbst wieder zu hinterfragen. Die Aneignung verqueerer Geschlechtspositionen besteht längst nicht ausschließlich darin, körperliche Kohärenzvorstellungen zwischen Vagina, Brüsten und Penis neu zu ordnen - auch wenn darin lustvolle und verführerische Möglichkeiten liegen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;‹...ist das was war...›&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Unser Geschlecht ist noch auf eine ganz andere Weise in unseren Körper verstrickt. Insofern unser Körper auch immer ein wissender Körper ist, Speicher einer Unzahl von gesellschaftlich normierten Handlungs- und Verhaltensweisen, kann die Aneignung des _ auch etwas ganz anderes bedeuten als die Aneignung von „primären“ oder „sekundären“ Geschlechtsmerkmalen. Einen Körper zu haben heißt aus dieser Perspektive, ein Set an Inszenierungspraktiken zu beherrschen, das jederzeit abrufbar und einsetzbar ist. Praktiken, die wir nicht bewusst ausführen oder ausüben, sondern die vielmehr in unseren Körper auf scheinbar „natürliche“ Weise eingelagert sind. Wir kennen es zur Genüge: Jungs sitzen gern breitbeinig und spielen gern mit Autos, wohingegen Mädels mehr auf &#039;Backe backe Kuchen&#039; und die keusch verkreuzten Beinchen stehen...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was unseren Körper zu einem geschlechtlich bestimmbaren macht, ist eine spezifische Art des Seins, sein Habitus. Dieser besteht aus einem Bündel von Alltagspraxen, das vom wohl geschulten Augenaufschlag bis zum gekonnten Hüftschwung, vom lässigen Gang bis zum selbstsicheren Ton in der Stimme reicht. Ein Knäuel aus kosmetischen, gestischen und sprachlichen Verhaltensweisen verdichtet sich hier zu dem, was unserem Körper sein Geschlecht erteilt. Was aber, wenn diese Codes neu zugeordnet werden, wenn boyz beginnen sich aufzutakeln und ihren body sexy durch die Straßen schwingen, oder wenn grrrls breit und rotzig daherstampfen? Dann verändert sich nicht nur einfach eine Repräsentation oder Inszenierung, sondern ein Verhältnis zum eigenen Körper, ein Gefühl, was es heißt, dieser Körper zu sein und er sein zu wollen. Was nun, wenn diese Neucodierung subtiler und vielachsiger verläuft? Wenn sie sich nicht einfach an den gängigen Geschlechtergrenzen orientiert, um deren Stereotype auszutauschen? Welche Körper werden wir dann sein? Der Punkt ist, dass unsere Verhaltensweisen nicht auf unseren Körper aufgesetzt sind, sondern ihn erst zu einem Körper machen, der sich auf eine bestimmte Weise anfühlt und der auf eine bestimmte Weise wahrgenommen wird, kurz: der ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beispielhaft möchte ich hier die maskuline Lesbe, die butch, anführen. In ihrer Geschlechterinszenierung eignet sie sich verschiedene Codes von Maskulinität an&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_6dafdoi&quot; title=&quot;Auch diskutiert bei Antke Engel, Wider die Eindeutigkeit, Frankfurt/M. 2002.&quot; href=&quot;#footnote6_6dafdoi&quot;&gt;6&lt;/a&gt;, die es ihr jenen souveränen Status anzunehmen erlauben, der sonst dem männlichen Subjekt vorbehalten bleibt. Dieser Prozess der Selbstermächtigung ist das Einsetzen eines neuen Geschlechtskörpers. Die durch Umarbeitung hinterlassenen, überstehenden Ränder und Überlappungen machen aus der butch nicht einfach einen Mann - der sie auch gar nicht sein will. Vielmehr machen sie ihre Aneignungsbewegungen zu jener erotischen Gestalt, die sich im _ zwischen den Geschlechter eingerichtet hat.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;‹...nicht mehr wahr ist.›&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Queer sex is great!“ ist an Kreuzberger Häuserwänden zu lesen – und es stimmt, queere Sexualität ist sexy. Dass sich hier neue und aufregende Konfigurationen verbergen, das hat auch die Pornobranche für sich entdeckt. So dürfen nun auch Trans-People - oder besser gesagt „big dicked shemales“ - für die Kamera blasen, ficken und abspritzen. Was damit in Frage gestellt wird, ist die Vorstellung einer ausschließlich heterosexuellen Lust, denn die traditionellen Begriffe greifen hier längst nicht mehr. An was ergötzt sich denn der/die Zuschauer_In, wenn Frau oder Mann mit Trans_mann oder Trans_frau fickt und bläst? Schwul ist das nicht, lesbisch auch nicht und hetero schon gar nicht, aber was dann? Diese Art der Irritationen ist jedoch auch schon alles, was uns der Queer-Porno an „subversivem Potential“ zu bieten hat. Denn unangetastet wird hier das Primat genitaler Lust mitsamt seines patriarchal-sexistischen Gehalts übernommen. Übergangen wird so, dass Voyeurismus, Fetischismus und S/M auch auf andere Art und Weise als in einer aggressiv-männlichen Sexualität in unsere Sexspiele eingehen können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Queere Sexualität lässt den genital-patriarchalen Sex zugunsten eines &#039;perversen Begehrens&#039; hinter sich, das haben verschiedene Queertheoretiker_Innen zu zeigen versucht. Perverses Begehren, das gemeinhin ab dem Moment als pervers gilt, wo es von seiner reproduktiven Funktion abgekoppelt ist, ist für sie Teil einer postgenitalen Erotik, die sich am Fetisch orientiert. Damit ist eine Erotik gemeint, die sich nicht mehr über die Härte des männlichen Sex definiert, sondern die eine neue Sprache des Körpers entdeckt. Die Phantasie spielt bei dieser Neubesetzung eine entscheidende Rolle. Die Zonen der Lust und des Begehrens werden über sie an Fetischobjekte vermittelt, die nicht mehr an jene Zonen traditioneller Heteroerotik gebunden sind. Die so zugelassenen vielfältigen repräsentationalen Besetzungen erlauben eine Re-/Erotisierung von Bereichen, die unter dem Primat heterosexueller Lust unzugänglich waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Teresa de Lauretis, eine der bekanntesten Queertheoretikerinnen, sieht das perverse Begehren in der lesbischen Beziehung zwischen butch und femme am Werk. Zentrales Element des gegenseitigen Begehrens bilden hier nicht einfach die traditionell erotisierten Gebiete des Körpers, sondern einzelne, phantasmatisch durchsetzte Elemente der Erscheinung oder Selbstdarstellung sowie die Präsentation physischer, intellektueller oder emotionaler Eigenschaften. Gerade weil sich die Erotik auf solche Zeichen verschiebt, die an eine begehrliche Phantasie gebunden sind, spielt die Maskerade in den butch/femme-Beziehungen eine so wichtige Rolle. Gegenseitiges Begehren ist hier vor allem ein gegenseitig geteiltes Phantasieszenarium. Entscheidend ist dabei die eröffnete Abkehr von einer genital fixierten Körperlichkeit zugunsten einer Hingabe an Codes und Zeichen, welche die Gesamtheit des Körpers neu zu besetzen vermögen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Aneignung revisited&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die angeführten Szenarien zeigen, welche neuen Konfigurationen von Körper und Geschlecht uns offen stehen. Die Aneignung eines Raumes „in between“, des _, verändert, was als Erfahrung von Geschlecht und Körper möglich ist und war. Die Aneignungsbewegungen, die wir betrachtet haben, erlauben uns nun den Begriff „geschlechtliche Aneignung“ etwas genauer zu fassen. Zunächst einmal zeigt sich, dass Aneignung immer eine praktische Tätigkeit im Verhältnis zur Welt bedeutet, eine Tätigkeit, die mehr ist als einfaches Besitzergreifen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_xkwtbdo&quot; title=&quot;Vgl. auch den Aufsatz von Rahel Jaeggi, Aneignung braucht Fremdheit, in: Texte zur Kunst, Heft 46&quot; href=&quot;#footnote7_xkwtbdo&quot;&gt;7&lt;/a&gt;. Sich etwas zu Eigen machen ist mehr als nur etwas äußerlich zu &#039;haben&#039;. Aneignung ist vielmehr mit Durchdringung und Hingabe verbunden. Anders als beim &#039;Kaufen&#039; oder &#039;in Besitz nehmen&#039; ist das &#039;zu eigen machen&#039; ein offener Prozess, dessen Ende nicht klar zu bestimmen ist. Hier handelt es sich nicht um das einfache Ablaufen eines vorkalkulierbaren Prozesses oder das souverän-überschauende Handeln eines männlichen Subjektes. Vielmehr geht es darum, sich auf etwas einzulassen, oder besser: sich von etwas verführen zu lassen, von dem wir nicht im Vorhinein wissen, was es ist. Geschlechtliche Aneignung ist eine Praxis. Eine Praxis, welche durch Offenheit gekennzeichnet ist. Damit ist sie eine Praxis für neugierige, nicht-souveräne und antipatriarchale Subjekte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf diese Weise ist auch ein grundlegender Unterschied zu einem marxistischen Aneignungsbegriff benannt: Es gilt nicht, etwas Verlorenes, ursprünglich Eigenes wieder anzugeignen. Hier wird nicht aus der Perspektive der Entfremdung gesprochen, sondern aus der Perspektive lustvoller und ungewisser Neugierde. Aneignung bedeutet hier keine Rückkehr, kein Zurück zu einem Zustand, der jetzt schon zu benennen wäre. Vielmehr ist dieser Prozess durch seine Ungewissheit gekennzeichnet, wie sie eine undogmatisch-emanzipatorisch Linke besitzen sollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine Politik der Aneignung zeichnet sich durch ihren positiven und ermöglichenden Charakter aus. Grenzen, Schranken und Barrieren werden nicht dadurch sichtbar gemacht, dass sie zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von aufklärerischen Aktionen gemacht werden. Attackiert werden sie vielmehr dadurch, dass sie überschritten werden und dass eine Bandbreite an verlockenden Möglichkeiten aufgezeigt wird, die wir uns nehmen können und sollten. Diese Politik ist nicht mehr durch jene defensive Haltung gekennzeichnet, wie sie viele von uns kennen, sondern durch eine offensive Politik der Überschreitung und der Leidenschaft. Das hat auch die Betrachtung verschiedener geschlechtlicher Aneignungsformen gezeigt, ohne Zweifel eine Praxis, die auf Hindernisse trifft und die mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden ist, da, wo sie auf Widerstände, die scharfen Kanten und stumpfen Grenzen des Systems trifft, die jedoch einen grundlegend positiven und lustvollen Charakter hat. Im Gegensatz zum frustrierenden „Aufklärungsalltag“ liegt hier ein Potential linker Praxis, das mit Spaß, Lust und Erotik verbunden ist.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_rtyc9x2&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_rtyc9x2&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Vgl. z.B. den Film &lt;em&gt;Das verordnete Geschlecht&lt;/em&gt; von Oliver Tolmein. Eine weitere Auswahl zu diesem Thema und regelmäßiges Screening bietet &lt;a href=&quot;http://www.gender-killer.de&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur A.G. Gender-Killer&quot;&gt;A.G. Gender-Killer&lt;/a&gt;.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_k0nct7n&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_k0nct7n&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; To bend (engl.): beugen, verbiegen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_72r5aoq&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_72r5aoq&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Für eine entsprechende Kritik siehe &lt;em&gt;Von hier nach queer: Feminismus, Identität, Nation&lt;/em&gt;, in: Kossek, Brigitte, &lt;em&gt;Gegen-Rassismen&lt;/em&gt;, Hamburg/Berlin 1999.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_7xg658u&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_7xg658u&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Vgl. auch den Artikel von Ulle Jäger und Christian Sälzer: &lt;em&gt;entweder oder und der rest&lt;/em&gt;, in: &lt;a href=&quot;http://www.copyriot.com/diskus/&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur diskus-Webseite&quot;&gt;diskus&lt;/a&gt; 3/99.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_zl3g7qi&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_zl3g7qi&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Donna Haraway, &lt;em&gt;Manifest für Cyborgs&lt;/em&gt;, Frankfurt/M. 1995, S. 68. Ähnliche Fragen und Figuren werden auch immer wieder in der feministischen Science Fiction-Literatur entworfen. Für einen hervorragenden Überblick siehe &lt;a href=&quot;http://www.feministische-sf.de&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur Seite www.feministische-sf.de&quot;&gt;www.feministische-sf.de&lt;/a&gt;.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_6dafdoi&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_6dafdoi&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Auch diskutiert bei Antke Engel, &lt;em&gt;Wider die Eindeutigkeit&lt;/em&gt;, Frankfurt/M. 2002.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_xkwtbdo&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_xkwtbdo&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; Vgl. auch den Aufsatz von Rahel Jaeggi, &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.textezurkunst.de/46/aneignung-braucht-fremdheit/&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;Rahel Jaeggis Aufsatz online&quot;&gt;Aneignung braucht Fremdheit&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;, in: &lt;em&gt;Texte zur Kunst&lt;/em&gt;, Heft 46&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:20 +0000</pubDate>
 <dc:creator>s_he</dc:creator>
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 <title>Aus unserem schönen Dorf</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/14/aus-unserem-schoenen-dorf</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Fikret hat nie zu dieser Sorte Kaufhallen-Lans gehört, die mitten im August mit Wollmütze und Daunenjacke vor dem Viertelaldi stehen, Zigaretten schnorren und Sachen wie &quot;Hey Alter, suchst du Ärger oder warum schleichst du hier so blöde rum?&quot; sagen. Also eher untypisch für die Siedlung, einer von der Art Abiturkurden, die Maschinenbau studieren wollen, wenn sie groß sind, sich im Sommer gepflegt in Räumen (und nicht auf Treppen, Plätzen oder Randsteinen) aufhalten und (wie ihre teutonischen Gastgeber) andere Leute nur dann ansprechen, wenn es unbedingt unvermeidbar ist (beim Streit um einen Sitzplatz in der U-Bahn zum Beispiel).&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Fikret hat nie zu dieser Sorte Kaufhallen-Lans gehört, die mitten im August mit Wollmütze und Daunenjacke vor dem Viertelaldi stehen, Zigaretten schnorren und Sachen wie &quot;Hey Alter, suchst du Ärger oder warum schleichst du hier so blöde rum?&quot; sagen. Also eher untypisch für die Siedlung, einer von der Art Abiturkurden, die Maschinenbau studieren wollen, wenn sie groß sind, sich im Sommer gepflegt in Räumen (und nicht auf Treppen, Plätzen oder Randsteinen) aufhalten und (wie ihre teutonischen Gastgeber) andere Leute nur dann ansprechen, wenn es unbedingt unvermeidbar ist (beim Streit um einen Sitzplatz in der U-Bahn zum Beispiel).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;April, in der Hochhaussiedlung vor Iserlohn (zwölfstöckige Familienbuchten mit vollgepißtem Keller, getaggten Briefkästen und einem immer kaputten Aufzug, was der üblichen Verfettung in den oberen Stockwerken gewisse Grenzen setzt) übten sich die Bewohner in gewöhnlicher Kommunikation. Graugesichtige Sulzwurstkäuferinnen, die am liebsten Dinge wie &quot;habt ihr zu Hause nicht gelernt, euch zu benehmen?&quot; fragen, Kopftuchträgerinnen, die dickdarmdurchweichend vom Fenster im 7. Stock ihren Kinder hinterhergrölen &quot;Cocuguuuum, buraya gel!&quot;, oder jene Sorte Nachbarn, die sich am Briefkasten begegnen, um geradezu übereinander herzufallen: &quot;Schönes Wetter heute, was?&quot;, &quot;Ja, wurde auch Zeit langsam.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf den Grünflächen (Betreten natürlich irgendwie verboten) brachen die erste Krokusse raus und Slobo, der so was wie der beste Kumpel von Fikret ist und zu jener Klasse Kanacken gehört, die in den Augen der Deutschen lange Zeit gar keine richtigen waren, nämlich Jugos, und deswegen auch nicht besonders auffallen, passierte, was fast allen Gelb-, Rot-, Braun-, Blau- und Schwarzköpfigen um diese Jahreszeit passiert: Ihn befiel die innere Unruhe, das heißt, der nervöse Blick oder das kindische Kichern, wenn irgendwelche Frauen vorbeilaufen, was in diesem Land umso schwerwiegender ist, als man sonst eigentlich problemlos acht Monate mönchisch verbringen kann, ohne sich über Dinge wie Sex größere Gedanken zu machen. Aber April ist eben anders, man wird zum Opfer der Hormone, entdeckt die Schönheit des Lebens und will auf einmal eine Familie gründen (oder so ähnlich) und so verschaute sich dieser entkoffeinierte Mixedpicklejugoslawe (der im Prinzip auch beim VfB Stuttgart als Mittelstürmer spielen könnte, so bubimäßig kommt er rüber) ausgerechnet in eine dieser alewitischen Schönheiten, die sich keiner anzusprechen traut, weil sie mindestens einenmetervierundvierzig über dem Erdboden schweben und einen gnadenlos niederlächeln, wenn ihnen gerade danach ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Keine Ahnung, woher dieser Skopje-Albano-Slowene (das sind diese Leute, die viersprachig groß werden, weil die Eltern gleichzeitig türkisch, serbo-kroatisch, albanisch und ein paar Fetzen griechisch verstehen) den größenwahnsinnigen Gedanken hatte, diese Frau zum Kaffee einzuladen, aber irgendwie klappte es, und so sah man an jenem denkwürdigen 8. April, der noch in die Geschichte von Iserlohn eingehen sollte, die beiden zusammen in der Eisdiele. Der Laden heißt &quot;Bei Luigi&quot;, aber alle sagen einfach nur &quot;bei Lutschi&quot;, weil das auch ganz gut zu einem Eisladen paßt, und angeblich gibt es hier den besten Bananasplit nördlich der Linie Triest-Bordeaux.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Fakt ist, daß Slobo, der Kümmeljugoslawe, sein Anliegen der Herzdame so charmant näher brachte, daß sie noch am selben Abend mit ihm in einem Hauseingang verschwand. Feuchte Küsse und hektisches Gefummel, aber &quot;weiter war nich, Mann&quot;. Die schöne Ceyhan verteidigte ihre Familienehre ohne Abstriche und zwar nicht nur an diesem Abend, sondern auch an den folgenden 73 Abenden, die ziemlich ähnlich abliefen. Die gelockte Schönheit war zwar für manche Schweinerei zu haben, bei der gelbköpfige Damen und Herren vor Scham erröten würden, aber ans Häutchen ließ sie nix kommen, &quot;da ist Babas Schnurbart vor&quot; oder &quot;da hat der Spaß ein Ende&quot;, und die beiden waren einfallsreich und intelligent genug, um das zu akzeptieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Fikret, der Abiturkurde mit Maschinenbaustudiumambitionen und stickdeckenfreier Wohnzimmereinrichtung, mit der Sache gar nichts zu tun. Das einzige, was ihm auffiel, war, daß man mit Slobo keinen vernünftigen Satz mehr wechseln konnte und Slobos Handy auf Dauermailboxbetrieb gestellt war, &quot;der Inhaber dieser Nummer ist zur Zeit leider nicht erreichbar&quot;. Entspannte Frühlingswochen, während der Fikret seinen Freund manchmal mit einer gewissen Abneigung, manchmal mit aufrichtigem Neid beobachtete.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber dann wurde Fikret von einem Bekannten des Vaters gesteckt, daß die Familie des Bräutigams sich die Sache zwischen der Versprochenen und Slobo nicht länger mitanschauen würde. Die Geschichte – von der weder Slobo noch Fikret gewußt hatten – war nämlich die, daß Ceyhan seit Jahren einem Typen aus Witten versprochen war, der da in der zweiten Generation auf StahlkocherABM machte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Familie des Bräutigams kündigte ihre Ankunft in der Iserlohner Vorstadt an – was für Ceyhan schon deshalb eine Katastrophe war, weil nun auch die letzten im Wohnblock, nämlich ihre eigenen Eltern, begreifen würden, wo der Hase langlief. Und Slobo, die feige Sau, anstatt mit seiner Freundin abzuhauen, den romantischen LoveStory-Film abzuziehen und irgendwo in Oberpfaffenhofen oder New Mexico eine 12- bis 17-köpfige Familie zu gründen, setzte alle verfügbaren Hebel in Bewegung, um die Telefonnummer seiner Jäger herauszubekommen. Nach exakt 37 Minuten Recherche hatte er sie (Vorwahl inclusive) ermittelt, und Slobos Vater rief sofort beim Bräutigam Baba an (solche Angelegenheiten regelt man nicht persönlich), um die üblichen Demutsbekundigungen vorzubringen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;– Agabey, ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Wenn wir gewußt hätten, daß das Mädchen verlobt ist, hätten wir es nie erlaubt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber der Vater des Bräutigams ließ nicht mit sich reden, mit ritterlicher Stimme (keine Ahnung, wie solche Vorstellungen 30 Jahre Hösch-Hochofen überdauern) antwortete der Mann:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;– Ich danke Ihnen für diese Worte, aber dafür ist es jetzt leider zu spät.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich hätte Slobo schon da auf die glorreiche Idee kommen können, daß man in Frankfurt genauso gut arbeitslos sein kann wie in einer ökobewegtneubegrünten Schlakkenhaldenregion. Stattdessen jedoch bemühte er sich weiter um die Gunst des zukünftigen Bräutigams – als ob Ceyhan nur ein Trick gewesen wäre, um an den Mann ranzukommen. Er telefonierte ihm hinterher, wann immer sich eine Gelegenheit ergab, und tatsächlich schlug ihm der Bräutigam nach zehn Tagen doch noch ein Treffen vor. Sie verabredeten sich ausgerechnet im &quot;Güzel Deniz&quot;, einem spielautomatenverseuchten Café, in dem die versammelten Lans-Mannschaften anzutreffen waren: wer etwas auf den Spoiler am Golf und das Handy am Gürtel hielt, kam hierher – egal ob die Papiere deutsch oder ausländerisch waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Fikret war trotz Maschinenbaustudiumambitionen und PommfritzLessingSchillerBVB-Assimilation noch GemüseAli genug, um bei der Wahl des Ort mißtrauisch zu werden. Und so beschloß er, noch einen Freund anzusprechen, um schließlich zu dritt loszugehen: Vorneweg Horstundrenate (ein ziemlich langsamer XXXL-Basketballhemden-Gelbkopf, der in Wirklichkeit natürlich Hanspeter hieß, aber den griffigen Spitznamen einfach nicht mehr los wurde) und dahinter Slobo und Fikret.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Horstundrenate schien für diese Sache eine ganz gute Wahl zu sein. Der Typ gehörte zu jener seltenen Sorte Teutschmänner, die es verstehen, zur Begrüßung die Hand zu geben, ohne dabei gleich eine leicht klemmige Situation aufkommen zu lassen, also kein Arschkneifenalemanne, der vor lauter Steifheit im Treppenhaus immer wortlos an einem vorbeizuhuschen versucht. Gleichzeitig versprach sich Fikret, der die Sache strategisch durchdacht und geplant hatte, von Horstundrenate so etwas wie einen Deeskalationseffekt, denn sicher wollte sich der Bräutigam vor einem dieneuerevueDichterunddenker nicht wie ein anatolischer Olivenzüchter aufführen. Aber das war von Fikret ziemlich um die Ecke gedacht, wie sich herausstellen sollte, denn erstens entpuppte sich Horstundrenate als ziemliches Sicherheitsrisiko und zweitens hatte der Bräutigam berechtigterweise überhaupt keine Bedenken, vor einem Teutonen als unzivilisiert wirken zu können (&quot;Glücksrad&quot; und &quot;Arabella Kiesbauer&quot;!).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Slobo, Fikret und der ziemlich coole Deutsche betraten das &quot;Güzeldeniz&quot; mit jener Menge kaltem Schweiß auf der Stirn, der bei solchen Angelegenheiten wahrscheinlich unvermeidbar ist. Um sie herum nichts als Karten klopfende und spielautomatenfütternde Goldkettchentypen, die so taten, als ob sie vom Treffen am Nebentisch nichts wüßten (wobei jedoch ziemlich auffällig war, daß dieses normalerweise um die Tageszeit völlig verschlafene Café bis zum letzten Platz gefüllt war). Während die Blicke von 43 &quot;voll-das-Gefährt-du&quot;-Jungmännern auf ihnen und ihren schweißbedeckten Stirnen ruhten, versuchten Slobo, Fikret und Horstundrenate möglichst souverän auszusehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Bräutigam und sein Adjudant kamen sofort auf sie zu, nickten wortlos und wiesen ihnen Plätze an einem Tisch in der vorderen Ecke des Raums zu. Das war komisch, normalerweise hätte man sich bei so einer Sache mit Sicherheit in den abgelegensten Teil der Kneipe verdrückt, aber alle anderen Tische waren voll, also setzten sie sich zu fünft direkt neben das Glasfenster, das zur Straße hinausging.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als ob sie damit nicht schon genug auf der Platte gewesen wären, hatten sich zu allem Überfluß auf der gegenüberliegenden Strassenseite auch noch einige Zivilbullen plaziert, die Wind davon bekommen hatten, daß &quot;im Güzeldeniz eine Blutfehde zwischen zwei türkischen Familien ausgetragen werden sollte&quot;. Also nicht nur Spielhallenkönige und ansonsten aufgeklärte Alewiten (bei denen der Spaß allerdings auch irgendwo aufhört), sondern auch noch hippietranige Polizisten im Aldijacken-Zivil. Alle Voraussetzungen für ein glamouröses Finale.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;– Laß uns zu zweit rausgehen, sagte der Bräutigam streng.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;– Wir können auch hier reden, antwortete Slobo, der schon ahnte, was auf ihn zukam. Aber der Bräutigam bestand darauf:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;– Das muß unter uns bleiben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;– Ich hab keine Geheimnisse vor meinen Freunden, erwiderte Slobo.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;– Aber ich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Fikret versuchte Slobo zurückzuhalten, aber der Freddybobic-Jugo ließ sich doch darauf ein, anscheinend wollte er die Geschichte einfach hinter sich bringen, und so verschwand er mit dem Bräutigam vor die Tür.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es war Fikret hinterher nicht ganz klar, was ihn schließlich dazu bewog, trotz der kategorischen Worte des Bräutigams doch noch aufzuspringen und seinem Kumpel hinterherzuhechten. Während Horstundrenate gleichgültig dasaß und lässig mit einer kleinen Feile den Dreck unter seinen Fingernägeln hervorpuhlte, als ob er gerade einem schlechten Schwarze-Reihe-Krimi entsprungen wäre, beobachtete Fikret die Leute an den Nebentischen und begann nervös zu werden. Entweder er hatte genug &quot;Aralseeasiaten-ich-weiß-was-mit-Blutfehden-abgeht-Instinkt&quot; (Südländer!) oder aber es lag einfach an den auffällig zuckenden Fingern der Kleinstadtdjangos an den anderen Tischen. Auf jeden Fall sprang er auf, als einer der Nachbarn eine zu schnelle Bewegung machte, warf den Tisch in Richtung der auf ihn zuspringenden Typen und schlüpfte an ihnen vorbei durch die Tür hinaus. Horstundrenate, der reaktionsschwache, saß währenddessen wie angegossen da, schaute ein wenig verdutzt und puhlte – wahrscheinlich aus Verlegenheit – weiter mit der Feile den Dreck unter den Nägeln hervor. Ich nehme an, daß genau das – seine ins Auge stechende Unschuld – der Grund war, warum ihn niemand angriff. Erst als sämtliche Leute in der Kneipe auf den Beinen waren, stand auch er langsam und umständlich auf, um die Kneipe zu verlassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Fikret war inzwischen ohne lang nachzudenken um die Ecke verschwunden und rannte einem schmerzerfüllten Schnaufen nach, das aus einem Hauseingang in der Nähe herüberdrang. Tatsächlich waren dort direkt neben der Klingelanlage eines ranzigen Altbaus die Leute versammelt, nach denen er gesucht hatte: der Bräutigam, vier seiner bestgebauten Freunde und ein blutüberströmter Slobo, der immer wieder unter den Schlägen der fünf ihn umringenden Männer zusammenzuckte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun weiß man ja, daß der Orientale (so wie der Afrikaner den Rhythmus im Blut hat) stets ein Messer bei sich trägt (das Wetter, die Gene...), aber ausgerechnet Fikret hatte natürlich keins und mußte sich deshalb wie ein Selbstmörder mit bloßen Händen auf die fünf Schläger stürzen. Gerade als er dabei war, eine dieser Massenschlägereien loszutreten, bei der die Masse einen einzelnen nach Strich und Faden vermöbelt, kam Horstundrenate angeeiert. Das Hemd schlabbrig aus der Hose hängend, die Schuhe nicht richtig zugebunden und mit einem Blick, der in seiner Aufgewecktheit an einen blinden Maulwurf erinnerte. Man konnte denken, daß er nur deswegen aus dem &quot;Güzel Deniz&quot; hierhergekommen war, weil ihn jemand herüber geschickt hatte oder weil ihm auf dem Heimweg plötzlich eingefallen war, daß er den anderen seine sauberen Fingernägel zeigen könnte. Auf jeden Fall kam er gerade an, als Fikret eins auf die Nase bekam und wie ein Schwein aus der Nase zu bluten begann, und weil Horstundrenate den Abiturkurden und Slobo echt gut leiden kann, begab er sich ebenfalls ins Handgemenge, zerrte erst ein wenig an den anderen rum und zog dann ohne langes Fackeln sein Messer. Es war eins dieser &quot;Schmetterlings-ich-zeig-dir-was-ein-wirklich-cooler-Typ-ist&quot;-Teile, die kaum klakken, wenn man sie aufmacht, und ohne groß Aufsehen zu erregen, stach Horstundrenate damit viermal zu. Der Bräutigam sowie der fetteste seiner Kollegen sackten in sich zusammen, die anderen zwei bekamen von Fikret eine aufs Maul und der fünfte war damit beschäftigt, seine umfallende Freunde aufzufangen. Horstundrenate hatte damit eine fulminante Wendung der Ereignisse eingeleitet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Fikret kapierte erst mal gar nicht, was passiert war, schließlich hatte er ziemlich zugequollene Augen, und außerdem mußte er sich darauf konzentrieren, Slobo, der sich schlaff den Bauch hielt, von der Wand wegzuziehen. Als die beiden zu registrieren begannen, daß der Bräutigam und einer seiner Freunde Messerstiche abbekommen hatten, waren schon die Zivilbullen da. Die Revier-Tranis hatten die ganze Zeit die Kneipe beobachtet und deshalb war ihnen völlig entgangen, daß die wichtigen Leute dort schon vor 10 Minuten rausgegangen waren, um draußen abzurechnen. Erst als der Bräutigam nach dem Messerstich aufschrie, begriffen sie, was los war, und kamen angerannt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Aldijacken-Beamten hatten natürlich erst mal nichts besseres zu tun, als die Verletzten nach Waffen abzutasten und ihre Papiere zu kontrollieren, und so wurden alle, auch Slobo und Fikret, vorübergehend festgenommen. Bis dahin alles normal.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der einzige, der sich seelenruhig verpißte, und zwar ziemlich sicher nicht aus Gelassenheit, sondern weil er zu blöde gewesen war zu begreifen, daß diese angeranzten Fuzzis Bullen sein sollten, war natürlich Horstundrenate. Unbeholfen hatte er das Messer weg gesteckt und war losgegangen, um Wasser und einen Lappen für Slobo zu holen, und als er zurückkam, war schon alles von den Bullen abgeriegelt. Horstundrenate sah deshalb zu, daß er Land gewann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber das war noch nicht alles, der eigentliche Höhepunkt kam erst noch: Weder die Lans aus dem &quot;Güzel Deniz&quot; noch die Freunde des Bräutigams hatten nämlich geschnallt, wer zugestochen hatte. Die Typen in der Kneipe glaubten, der Nagelfeilennachwuchsbasketballer sei nach Hause gegangen und der Bräutigam und seine Kumpels waren viel zu sehr mit der Schlägerei beschäftigt gewesen, um zu blicken, wer auf sie eingestochen hatte. Auf diese Weise machte das Gerücht die Runde, Fikret, der Terrorkurde, habe einen Kosovo-Kumpel (um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, wurde der slowenische Anteil der Familie einfach verschwiegen) allein gegen fünf Leute rausgekämpft. Und wenn ich sage: &quot;das Gerücht machte die Runde&quot;, dann meine ich das auch so, es flog förmlich. Innerhalb von fünf Stunden wußte es ganz Iserlohn. Die Typen erzählten es sich im Imbiß, beim Teetrinken in den Dernekler, vor der Camii, in der deutschen Schweinesülzmetzgerei oder bei Aldi, und jeder variierte die Story nach Belieben: für die Deutschen war die ganze Sache klar – anatolische Blutrache, die Türken hielten es für eine PKK-Aktion, die Jugos sagten: &quot;nichts als Notwehr&quot;, die Kurden zollten dem Beweis ritterlicher Freundschaft ihren Respekt und für Fikret schließlich war es nichts als eine echte Katastrophe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er wurde auf die Wache verfrachtet und sah sich schon die nächsten Monate in Untersuchungshaft, als die Bullerei ihn gegen Abend rausließ. Der Bräutigam und seine Freunde hatten die Aussage verweigert: &quot;Das machen wir unter uns klar, da haben die Deutschen nichts mit zu tun.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So kamen Slobo und Fikret frei und begannen Horstundrenate zu suchen. Sie mußten ziemlich lang rumlaufen, der Gelbkopf hatte sich in der Wohnung eines Freundes verschanzt: die Türen mit Schränken verstellt, die Vorhänge zugezogen und den Briefkasten mit Werbesendungen vollgestopft: &quot;Bin bis nächstes Jahr verreist.&quot; Aber Fikret, der Abiturkurde, durchblickte den Trick natürlich sofort und so hingen sie dann um drei Uhr nachts zusammen in dieser verdunkelten Wohnung rum und machten sich gegenseitig mit original orientalischen Blutracheanekdoten nervös, bei denen ganze Familien mit Handgranaten ausgelöscht und dann mit dem Kebapmesser geschnetzelt worden waren. Die drei hatten zwar keine Ahnung von so was, aber man kennt solche Geschichten ja aus Funk&amp;amp;Fernsehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach 24 durchwachten Stunden verließen sie schließlich im Kofferraum eines Audis und mit den Nerven völlig am Ende die Stadt, um vor den Bullen und den sie jagenden türkischen Clans unterzutauchen. Sie versteckten sich bei Verwandten in Frankfurt, Hanau, Augsburg, Hannover, Kassel, Bamberg, Konstanz, Schifferstadt und schließlich sogar im österreichischen Graz und gaben ungefähr 1876 DM für Ferngespräche aus, denn Fikret und Slobo setzten alles daran, sich beim Bräutigam (respektive seiner Familie) zu entschuldigen und die Sache in irgendeiner Weise zu bereinigen. Aber es war wie verhext: Der Bräutigam und sein Vater waren weder im Krankenhaus noch am Arbeitsplatz zu erreichen, entweder war der Hörer gleich ganz neben die Gabel gelegt worden oder es hieß einfach nur: &quot;die sind heute nicht da&quot;. Die drei wurden also immer nervöser, aber dann bekam Fikret durch einen Zufall doch noch raus, was inzwischen Stand der Dinge war: In Iserlohn sprach niemand von Horstundrenate; Fikret hingegen galt als der große Stecher, der zwölf Alewitenschränke ganz allein angegriffen hatte, und wenn sich der Bräutigam immer verleugnen ließ, dann lag das nur daran, daß er einen Höllenschiß vor Fikret hatte. Was ihn und seine Kumpels betraf, hatten sie tatsächlich die Aussagen bei den Bullen verweigert, aber dafür hatten ein paar Lans aus der Kneipe, die die ganze Sache gar nicht richtig mitverfolgt hatten, alles mögliche über den blutrünstigen Messerstecher von Iserlohn-Vorstadt ausgepackt (natürlich über Fikret und nicht über XXXXL-Basketball-Vorstadt-DennisRodman-Hanspeter).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine ziemlich absurde Situation also. Slobo jammerte über die verlorene Ceyhan, Fikret mußte mit seinem ungewohnten Image klarkommen, und Horstundrenate machte sich Vorwürfe wegen den Messerstichen. Die Situation schien unlösbar, und nach drei Wochen war Horstundrenate so fertig, daß er sich stellen wollte, um seinen Kumpel Fikret zu entlasten (was eine blöde Idee war, es hätte ihm sowieso niemand geglaubt), aber inzwischen hatte Fikrets Cousin die Namen von den Leuten rausbekommen, die bei den Bullen Aussagen gemacht hatten. Fikret war zwar (wie schon gesagt) kein Kaufhallenlan, aber bei dieser Sache hatte er die einmalige Gelegenheit, als coolster Vorstadtkanacke der ganzen Region in die Annalen einzugehen, und deswegen kam ihm diese total blödsinnige Idee, die der ganzen Angelegenheit die Krone aufsetzte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mitten in einer heißen Julinacht kam er mit einem geliehenen Schlitten nach Iserlohn zurück, fuhr in der Siedlung vor und klingelte im piekfeinen Anzug die Typen aus dem Schlaf, die gegen ihn ausgesagt hatten. Obwohl in den Fluren der blöden Mietshäuser nur schwächliche Neonlampen flimmerten, hatte er seine Sonnenbrille aufgesetzt, eines dieser DonJohnson-Modelle, die nach Miami-Cop aussehen, und Fikret bekam es hin, nirgends mehr als einen einzigen Satz zu sagen: &quot;Du weißt, du hast zwei Möglichkeiten: Entweder du ziehst die Aussage zurück oder du weißt, was passieren kann...&quot; (Husten, Grippe, ein verstauchter Fuß?)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Leute dachten an 12 niedergestochene Schränke (und eben nicht an Erkältung...) und glaubten Fikret, der von Schmetterlingsmessern nicht die geringste Ahnung hatte. Alle kauften dem verdammten Bastard die Story ab, zogen ihre Aussagen zurück und entschuldigten sich bei Fikrets Familie und Slobo. Von der neuen Entwicklung noch eingeschüchterter als bisher ging endlich auch der Bräutigam wieder ans Telefon. Es täte ihm leid, was geschehen sei, sagte er zu Slobo, er trage selbst schuld an den Verletzungen und betrachte die Angelegenheit als erledigt, wenn die anderen dem zustimmen würden. Die beiden – eigentlich so was wie DudarfstAusländer (halbe Werte!) – waren auf einmal echte Ghettokönige, solche von der Sorte, denen man sofort den Durchgang freimacht, wenn sie in einer Kneipe an einem vorbeiwollen und die von allen gegrüßt werden. Eine Woche später kehrten die drei glorreich nach Iserlohn zurück und liefen wieder ganz relaxed durch die Siedlung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So hatte alles wieder seine Ordnung: Die Bullen waren maßlos entnervt, weil auf einmal die ganze schöne Anklage gegen diesen &quot;PKK-Terroristen mit Verbindungen zur Albanier-Mafia&quot; (der Vater aus Skopje, das kennt man ja) zusammengebrochen war, die Eltern von Slobo und dem Bräutigam bekundeten sich gegenseitig ihre Hochachtung und tranken einen Versöhnungs-Cay, im &quot;Güzel Deniz&quot; redeten die Lans voller Bewunderung von dieser vorbildlichen Männerfreundschaft, und sogar die alternativ angehauchten Sozialarbeiter begannen auf Fikret aufmerksam zu werden (&quot;man müßte mit dem mal über andere Konfliktlösungsstrategien reden&quot;). In ganz Iserlohn-Vorstadt war der Frieden zurückgekehrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die einzige, die bei der Geschichte definitiv die Arschkarte zog, war natürlich Ceyhan, die während Slobos Flucht das Haus kaum verlassen hatte, weil ihre Eltern befürchteten, sie könnte mit ihrem Liebhaber abhauen. Um den Trottel von Bräutigam kam sie auch nach der Rückkehr der drei nicht mehr herum. Es wurde eine ziemlich durchschnittliche Hochzeit, bei der sie aussah, als ob man ihr Zahnstocher in die Wangeninnenseiten gesteckt hätte, aber das haben die meisten Ehen so an sich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Deswegen war sie auch die einzige weit und breit, die eine einigermaßen realistische Einschätzung hatte: &quot;Harte Typen? Bullshit, Weicheier mit mehr Glück als Verstand.&quot; Abiturtypen eben.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:42 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Raul Zelik</dc:creator>
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 <title>Move Your Body</title>
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                    &lt;p&gt;Unendliche Variationen der so genannten Vergewaltigungsdebatte haben in den verschiedensten linken und linksradikalen Zusammenhängen und Organisationen während der gesamten 1990er Jahre immer wieder eine zentrale und zugleich dramatische Rolle gespielt. Entlang der meist aufreibenden, erhitzten und für alle Seiten unbefriedigenden Auseinandersetzung zum Thema sexuelle Gewalt spalteten sich ganze Gruppen, entzweiten sich befreundete GenossInnen, entstanden neue (unüberbrückbar scheinende) Fraktionierungen, politisierten sich die einen, während sich andere »aus der Politik« zurückzogen. Würde man jedoch eine Umfrage zum Thema durchführen, welches die prägenden Debatten innerhalb der radikalen Linken in den vergangenen zehn Jahren waren, kaum jemand würde die Vergewaltigungsdebatte nennen.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Unendliche Variationen der so genannten Vergewaltigungsdebatte haben in den verschiedensten linken und linksradikalen Zusammenhängen und Organisationen während der gesamten 1990er Jahre immer wieder eine zentrale und zugleich dramatische Rolle gespielt. Entlang der meist aufreibenden, erhitzten und für alle Seiten unbefriedigenden Auseinandersetzung zum Thema sexuelle Gewalt spalteten sich ganze Gruppen, entzweiten sich befreundete GenossInnen, entstanden neue (unüberbrückbar scheinende) Fraktionierungen, politisierten sich die einen, während sich andere »aus der Politik« zurückzogen. Würde man jedoch eine Umfrage zum Thema durchführen, welches die prägenden Debatten innerhalb der radikalen Linken in den vergangenen zehn Jahren waren, kaum jemand würde die Vergewaltigungsdebatte nennen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das heißt, eine Debatte, die für viele Frauen und auch für einige Männer grundsätzlich die politische Perspektive verändert hat, rangiert in der Hierarchie der linksradikalen Historisierung der 1990er Jahre ganz unten. Die Diskussion war und ist ein klassisches Thema, das als »sub narrative« die Begleitmusik zu den »master narratives« der 1990er Jahre wie z.B. Nation spielt. Warum ist das Thema sexuelle Gewalt in der »Szene« einerseits ein immer wieder sich entzündender wunder Punkt, wird aber andererseits nicht als politisch prägendes Thema in der Linken wahrgenommen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Grund liegt sicherlich in der von uns so genannten neuen Privatheit der Linken. Neu deshalb, weil unserer Meinung nach diese Trennung zwischen »außerpolitischer« und »politischer« Handlung in der Geschichte der linken autonomen Bewegung schon einmal schwächer war. Hier sind auch die legitimatorischen Wurzeln des Definitionsrechtes und der identitären Debatte darum zu finden, die vielen von uns heute so seltsam starr und skurril erscheint. Diese Genese der Vergewaltigungsdiskussion ist kaum in die gemischtgeschlechtliche Linke der 1990er Jahre vermittelt worden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Geschichte der Vergewaltigungsdebatte&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Vergewaltigungsdebatte, wie sie heute geführt wird, hat ihre Wurzeln im Kampf der Frauenbewegung der 1970er Jahre um die Abschaffung des Paragraphen 218 und der daraus resultierenden Forderung nach dem prinzipiellen Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper. Die theoretische Grundlage für die Forderung bildete die Analyse, dass der weibliche Körper im Rahmen der patriarchalen Ordnung als Objekt betrachtet wurde: er galt als Eigentum des Mannes und wurde vom Staat – genauer gesagt von Ärzten und Richtern – kontrolliert und beherrscht. Die öffentliche Forderung nach der Selbstbestimmung über den Körper galt der damaligen feministischen Praxis zufolge als eines der wichtigsten Elemente für die weibliche Subjektkonstitution bzw. emanzipatorische Subjektivierungsprozesse und die Politisierung eines der Sphäre der Privatheit zugeordneten Themas. Die Forderung nach dem Definitionsrecht der Frau bezüglich sexueller Gewalt ist eine logische Fortsetzung der Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht über den Körper. Folge war, dass das Thema Frau-Sein politisch gefüllt, aber auch identitär bestimmt wurde. Mit dem Erbe dieser Identitätspolitik sind wir heute konfrontiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die ersten Auseinandersetzungen um sexuelle Gewalt in linksradikalen Strukturen tauchten Mitte der 1980er Jahre auf. Nicht zu fällig nahm diese Debatte vor allem in autonomen Zusammenhängen den meisten Raum ein. Denn die autonome Bewegung hatte den Anspruch, das so genannte Nichtöffentliche, Private, das Persönliche als politisches Kampffeld zu definieren; im Gegensatz beispielsweise zu den so genannten Antiimps, die dazu neigten, alles, was als »persönlich« galt, dem revolutionären Kampf zur Befreiung unterdrückter Völker unter zu ordnen oder auch zu den eher parteifixierten K-Gruppen, die zwar Antisexismus als Verhaltensanweisung an ihre Mitglieder ausgaben, das Thema spielte aber in ihrer Politik lediglich eine untergeordnete Rolle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die aufkommende Debatte um sexuelle Gewalt in den eigenen Reihen wurde unterstützt von einer Entwicklung der Frauenbewegung der 70er Jahre hin zur Institutionalisierung feministischer Projekte wie Frauenhäuser, Beratungsstellen und Verlage, die das Thema der sexuellen Gewalt aus dem sozialen Nahbereich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machten und auch die autonome Frauen- und Lesbenbewegung maßgeblich beeinflussten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein wichtiger Meilenstein war die Erarbeitung des Definitionsrechtes. Dessen Basis war die Erkenntnis, dass die Suche nach objektiven Kriterien zur Beurteilung von sexueller Gewalt auf einem Objektivitätsbegriff basiert, der ein bürgerlich-patriarchales Phantasma ist und asymmetrische soziale Verhältnisse reproduziert, weil er die real nicht existierende prinzipielle Gleichheit aller Menschen zu Grunde legt. Die Geschichte des Definitionsrechtes der Frau ist die Geschichte der Politisierung ungleicher Geschlechterverhältnisse. Ziel war ein Machtzugeständnis an Frauen in einer ansonsten als objektiv definierten, real aber männlich oder patriarchal bestimmten symbolischen, juristischen und sozialen Ordnung. Vergewaltigung galt früher als Kavaliersdelikt und bis vor kurzem stellte die Vergewaltigung in der Ehe keinen Straftatbestand dar. Abgesehen von der Tatsache, dass man in Vergewaltigungsprozessen vor Gericht zur Pathologisierung der Vergewaltigten neigte oder versuchte, der Klägerin eine Mittäterschaft nachzuweisen, bezog sich die juristische Definition von Vergewaltigung lediglich auf die Penetration mit dem Schwanz unter Anwendung oder Androhung von Gewalt. Inzwischen ist diese enge und phallozentristische Definition auf weitere erzwungene sexuelle Handlungen erweitert worden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Geschichte der staatlichen, juristischen Beschäftigung mit Vergewaltigung legitimierte vor allem in autonomen Zusammenhängen lange Zeit das absolute Definititionsrecht der Frau, wobei die normative Parteilichkeit für das Opfer die normative Parteilichkeit der bürgerlichen Rechtsprechung für den Täter ersetzte. Dadurch wurde die subjektive Wahrnehmung zur politischen Artikulation aufgewertet. Diese Identitätsbildung war wichtig für die Artikulation, Sichtbarmachung und Durchsetzung bestimmter Forderungen. Heute aber ist sie erstarrt, auf Dauer stilisiert, obwohl die Grenzen in den letzten Jahren deutlich sichtbar wurden. Der Diskurs über das Definitionsrecht »der Frau« hat dazu beigetragen, bipolare und hierarchische Geschlechtsidentitäten ebenfalls zu naturalisieren, weil Stereotypen von Männlichkeit (aktiver Täter) und Weiblichkeit (passives Opfer) reproduziert werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Vernachlässigte Diskussion um Sexualität&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Diese Polarisierung hinterließ auch ihre Handschrift auf der immer noch heterosexuell-patriarchal bestimmten Ordnung unserer Gruppenstrukturen, unseres Habitus, und unserer Kategorisierung in persönliche und politische bzw. ineffiziente und effiziente Themen. Eine Konsequenz dessen war, dass im Gegensatz zur hoch emotionalisierten Diskussion um sexuelle Gewalt Diskussionen um Sexualität wenig vorangetrieben wurden und als politisches Feld kaum eine Rolle spielten. Ein – zugegebenermaßen unbeholfener – Versuch in diese Richtung war die Nummer 8 der &lt;em&gt;Arranca!&lt;/em&gt; mit dem Titel »Sexualmoralischer Verdrängungszusammenhang«. Diese Ausgabe wurde vor allem deshalb kritisiert, weil sie nicht über eine heterosexuell – wenn nicht sogar männlich – geprägte Betrachtungsweise von Sexualität hinaus reichte. Trotzdem transportierte die &lt;em&gt;Arranca!&lt;/em&gt; 8 einen wichtigen Kritikpunkt: die Tendenz autonomer Frauen- und Lesbenzusammenhänge, heterosexuelle Praktiken a priori als potentielle Gewalterfahrung für die Frau zu analysieren und unter die Gewaltdebatte zu subsumieren. Andererseits wird auch in hegemonialen Diskursen sexuelle Gewalt nach wie vor dem Bereich Sexualität und Körper und damit zumindest implizit der Privatsphäre zugeordnet, obwohl Sexualität und körperliche Gewalt zunächst zwei verschiedene Phänomene darstellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass sich diese Gleichsetzung jedoch hartnäckig durch linke und hegemoniale Betrachtungsweisen zieht, liegt an der diskursiven Funktion des Körpers als umkämpfter Ort, in den gesellschaftliche Herrschafts- und Zwangsverhältnisse wie Geschlechtsidentität eingeschrieben werden. Die allererste soziale Zuordnung, die ein Mensch erfährt, ist die des Körpers als bipolar geschlechtlich definierter Ort, als männlich oder weiblich. Den vordiskursiven Körper gibt es somit nicht. Auf dem Feld »Körper« wird auch Sexualität und Gewalt ausgetragen. In beiden Fällen wird um die Grenzen des Körpers gerungen, im ersten Fall spielerisch, im zweiten Fall unter Zwang.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Körper als Kampffeld&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In den meisten nationalen Mythologien ist der geschlechtlich definierte Körper eine sexualisierte Metapher für die Nation, als Ort der Eroberung, der Unterwerfung und des Kampfes gegen andere Nationen-Körper. In diesen nationalen Mythologien werden dem männlichen und dem weiblichen Körper unterschiedliche Funktionen zugeschrieben. Der männliche Körper steht in dieser nationalen Symbolik für Stärke und Eroberung, der weibliche dient als Metapher für den Ort der Reproduktion des Nationen-Volkes oder aber für den zu unterwerfenden, zu erobernden Ort. Systematische Vergewaltigungen von Frauen des Feindes im Krieg sollen dessen Demütigung, Unterwerfung und Zerstörung markieren. Im Militär werden neue oder schwache Soldaten häufig von ihren Vorgesetzten in sexualisierten, gewalttätigen Rituaelen gedemütigt. Setzen sie sich nicht erfolgreich zur Wehr, bezeichnet man sie danach als Frauen oder Schwule.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dies zeigt, dass Vergewaltigung weder an einen anatomischen weiblichen Körper gebunden ist, noch dass sexuelle Gewalt mit »anders nicht auslebbaren« bzw. »gesellschaftlich unterdrückten sexuellen Trieben« zu rechtfertigen ist. Sexuelle Gewalt dient der Herstellung und Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen, die auf dem sozialen Feld des Körpers ausgetragen werden. Diese Herrschaftsverhältnisse basieren auf einer heterosexuellen, phallozentrischen gesellschaftlichen Matrix, in der das Weibliche als Mangel konzipiert ist. Die symbolische Ordnung der Geschlechter wird von Männern und Frauen – siehe Klitorisbeschneidung oder die medizinischen Vereindeutigung von Intersexuellen – permanent und häufig gewaltförmig reproduziert. Die These, dass einer Vergewaltigung meist primär nicht ein Bedürfnis nach Sexualität zugrunde liegt, bestätigt auch Georg Klauda in seinem Artikel »Genosse Vergewaltiger - Feministinnen im Visier der Linken« (Gigi, 9/10/2000). Klauda bezieht sich auf eine empirische Studie von Wolfgang Kröhn 1968 anhand von knapp 150 polizeibekannten Vergewaltigern, die zu dem Schluss kommt, dass nur bei 20 Prozent der Täter unter anderem sexuelle Kontaktstörungen für die Tat eine Rolle spielten. Bei weiteren 30 Prozent der Vergewaltigern liegen »kaum sexuelle Motive zugrunde«, sondern »Dominanzkonflikte und Insuffizienzgefühle in der eigenen Männlichkeitsrolle« (ebd). Die größte Gruppe (etwa 50 Prozent) besteht aus Tätern, »die in der unvermittelten sexuellen Attacke auf das andere Geschlecht ihre offen frauenfeindliche, verobjektivierenende und abschätzige Haltung zum Ausdruck bringen (...) Ihre Beziehungen zum anderen Geschlecht sind von Desinteresse und wenig Zärtlichkeit bestimmt, sie selbst weisen schlechte Ich-Kontrollen und geringe Frustrationstoleranz auf.«&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Körper als Spielfeld&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch bei Sexualität geht es um Macht, allerdings verstanden als Bestimmung über Prozesse und Selbstbestimmung über Ressourcen. Im Gegensatz zur sexuellen Gewalt ist Sexualität ein Spiel mit Machtpositionen, das auf einer Übereinkunft basiert, in dem es um das ausgehandelte Austesten, Aufgeben oder Überschreiten von Körpergrenzen geht, die in anderen Formen sozialer Beziehungen nicht angetastet werden. Die verbale Ebene der Kommunikation kann verlassen und durch eine körperliche Ebene der Verständigung ersetzt oder ergänzt werden. Diese Übereinkunft kann auch beinhalten, dass eine Person den unterwerfenden, die andere den erobernden Part übernimmt – die Beteiligten also bestimmte Rollen spielen. Der entscheidende Unterschied zur sexuellen Gewalt, die auf Zwang basiert, besteht im zuvor vereinbarten »Spiel« mit sexuellen Positionen – auch wenn sie dem »heterosexuellen Mainstream« entsprechen. Sexuelle Rollen werden verhandelt, verteilt und eingenommen. Ganz anders als im Fall von sexueller Gewalt geht es aber nicht darum, unter Zwang herrschaftsförmige sexuelle Hierarchien zu reproduzieren, weil sie als »natürlich« gelten.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Neue Privatheit - alte Muster&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Vergewaltigungsdebatten in der »Szene« werden meist durch einen konkreten Vorfall im jeweiligen politischen Umfeld ausgelöst und in der Folge zunächst – dem Denken der Unterscheidung von Privatleben und öffentlichem Leben folgend – »gruppenintern« verhandelt. Als privat wird hierbei die eigene Gruppe, als öffentlich die so genannte Szene definiert. Hier greift der Trend der Linken wieder, zunehmend zwischen dem »individuellen« Privatleben (Beziehungen, Lifestyle, aber auch mehr und mehr die persönlichen Arbeitsverhältnisse) und »öffentlicher« politischer Betätigung in Diskussions- und Aktionszusammenhängen zu trennen. Geht es um sexuelle Gewalt in den eigenen Reihen – so unsere These – bricht dieser Widerspruch auf, da plötzlich und oft ziemlich massiv eine Positionierung der »politischen Öffentlichkeit« zum selbst ernannten »Privatleben« gefordert wird, meist seitens der/des von sexueller Gewalt Betroffenen oder noch eher seitens des engsten Umfeldes. Dass der Widerspruch zwischen neuer Privatheit und politischer Öffentlichkeit dort aufbricht, wo sexuelle Gewalt zum Thema werden soll, liegt unserer Meinung nach daran, dass feministische Aspekte in der autonomen Bewegung schon immer eher auf Akzeptanz gestoßen sind als beispielsweise antikapitalistische Analysen. Deshalb entzünden sich innerhalb postautonomer Zusammenhänge auch keine emotional geführten Debatten entlang ungleicher ökonomischer Bedingungen der Gruppenmitglieder – aber das nur am Rande.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die auf den Vorfall der sexuellen Gewalt folgende – in der ersten Phase gruppeninterne – Auseinandersetzung verläuft meist nach kurzer Zeit über die betroffenen Personen hinweg auf einen Grabenkampf zwischen mehreren sich bildenden Fraktionen hinaus und nach einem der folgenden Muster ab:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;Die von sexueller Gewalt betroffene Person (meist eine Frau) wird pathologisiert oder psychiatrisiert, man gibt ihr, zumindest latent, eine Mitschuld an dem Vorfall oder aber ihr Umfeld schreibt sie als gesamte Person »für immer« auf den Opferstatus fest.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;»Der Täter« (zumeist ein Mann) wird – eher durch Ignoranz des sekundären Umfelds als durch aktive Parteinahme – von einer Fraktion geschützt oder aber für immer aus dem jeweiligen politischen Umfeld ausgeschlossen, was dem »Verstoßungsritual« traditioneller Dorfgemeinschaften gleichkommt und strukturell vormoderne Züge trägt. Auch er bleibt damit für immer »der Täter«.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Die Frauen der Gruppe fühlen sich plötzlich alle irgendwie als potentielle Opfer, alle Männer als potentielle Täter, man grenzt sich ab oder ist froh, ein »Bauernopfer« erbracht zu haben.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Schließlich stellt man zum wiederholten Male das Definitionsrecht der Frau in Frage und ringt – noch tiefer in bürgerliche Rechtsstaatsgläubigkeit versinkend – nach der Findung »objektiver« Kriterien zur Prüfung des Wahrheitsgehalts der Aussage der Anklägerin bzw. ihrer Verteidigung.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;h4&gt;Antisexistische Perspektiven&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das große Dilemma aller Vergewaltigungsdebatten in der Linken besteht darin, dass stoisch wiederkehrend, mit dem Argument objektive Kriterien finden zu müssen, das Definitionsrecht der Frau grundsätzlich in Frage gestellt wird, weil man es mit einem Sanktionsrecht bzw. mit einem standardisierten Katalog an Sanktionen und Umgehensweisen gleichsetzt (»Vergewaltiger und Täterschützer raus aus allen unseren Zusammenhängen«). Diese Sanktionen und Umgehensweisen tragen den Charakter interner Säuberungen und müssen neu diskutiert werden, wenn in Zukunft eine konstruktivere Praxis gegen sexuelle Gewalt in den eigenen Reihen entwickelt werden soll. Denn mit der Forderung nach dem »Vergewaltiger raus aus allen unseren Zusammenhängen« wird erstens ein höchst zweifelhaftes »Wir« konstruiert, das die Vorstellung transportiert, man könne den eigenen Zusammenhang allein durch drakonische Maßnahmen von den »schädlichen« gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen »draußen« reinhalten. Zum zweiten entledigt man sich real nur vermeintlich eines Problems, indem man es an eine sich außerhalb der Szene befindliche Gesellschaft geradezu erleichtert übergibt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei der Entwicklung eines anderen Umgehens mit sexueller Gewalt muss jedoch nicht das prinzipielle Definitionsrecht berührt werden, wenn es als Parteilichkeit für die von sexueller Gewalt betroffene Person definiert wird, der eben nicht zwingend die standardisierten Sanktionen folgen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Diskussion um die politischen und sozialen Konsequenzen der Artikulation des Definitionsrechtes sollte in Zukunft vielmehr stärker kollektiv geführt werden. Das bedeutet, ein von der betroffenen Person gewähltes Umfeld muss die politische Verantwortung für ein praktisches Umgehen mit dem Definitionsrecht wahrnehmen und von Einzelfall zu Einzelfall garantieren. Die szeneüblichen Verallgemeinerungen und Formalisierungen bezüglich sexueller Gewalt sind sowieso nicht standardisiert anzuwenden – das wissen alle, die schon einmal »näher« an einer solchen Auseinandersetzung dran waren. Sexuelle Gewalt ist ein systematischer Angriff auf die persönliche Integrität, trotzdem kommt es auf die Biographie, emotionale Verfasstheit und vor allem auf das Umfeld der jeweiligen Frau an, wie sie eine Vergewaltigung verarbeitet, und ob bzw. welche psychischen Schäden eine Vergewaltigung hinterlässt. Die Stilisierung der Vergewaltigung zum Schlimmsten, was einer Frau passieren kann, einerseits und die Tabuisierung von sexueller Gewalt als gesellschaftlicher Alltag andererseits bewirken häufig erst den Kreislauf von Scham, Schuld und Viktimisierung. Zudem ist die Annahme, dass die betroffene Frau sich allein über eine Vergewaltigung klar wird und den Vorwurf dann ebenso im Alleingang vorbringt, generell ein Trugschluss. Dem öffentlich artikulierten Vorwurf, vergewaltigt worden zu sein, geht meist ein längerer Prozess an Gesprächen und emotionalen sowie gedanklichen Klärungsprozessen mit vertrauten Personen voraus. Was bei den meisten Debatten nicht thematisiert wird, sind die Ansprüche an eine kollektive präventive Praxis, die eben keine Feuerwehrpolitik ist. Denn eigentlich sollte das Definitionsrecht am Ende einer ansonsten missglückten antisexistischen Politik stehen. Sexuelle Gewalt ist kein Ausrutscher, keine Einzeltat eines Gestörten, sondern ein alltägliches gesellschaftliches Phänomen, das ganz banal die sexualisierten Herrschaftsverhältnisse spiegelt. Deshalb ist eine größer angelegte, gruppenübergreifende, öffentliche politische Auseinandersetzung um den Unterschied zwischen Sexualität und sexueller Gewalt, um (auch in der Szene gültige) traditionelle Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie um Geschlechtsidentität, vor allem mit jungen anpolitisierten Leuten nötig. Aus diesem Grund ist auch die Auseinandersetzung mit den »Tätern« nötig. Insbesondere junge Antifas sehen beispielsweise den Hooliganism von jungsclubartig auftretenden postpubertierenden Mackern als elementaren Teil einer linksradikalen politischer Identität.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine langfristige, antisexistische Praxis muss deshalb zuerst die strukturelle heterosexuelle Verfasstheit unserer eigenen Arbeitsformen, Politikinhalte und die Trennung zwischen öffentlich-politischem und privat-individuellem Leben, die mittlerweile unabhängig vom Geschlecht von den meisten mitgetragen werden, wieder wahrnehmen. Damit ist zum einen die Benennung struktureller Gewaltverhältnisse entlang der Kategorie Geschlecht in der alltäglichen politischen Praxis (einschließlich der eigenen Strukturen) gemeint – und nicht nur, wenn es brennt. Vielmehr aber muss in Zukunft das eigene bipolare, heterosexuelle und identitäre Denken kritisch betrachtet und verändert werden. Opfer zu sein ist ein beseitigungswürdiger Zustand, aber keine politische Kategorie, in der das Subjekt aus dem Diskurs verschwindet. So könnte das Thema Geschlechterverhältnisse, das der Diskussion um die sogenannte Vergewaltigungsdebatte zu Grunde liegt, als eine asymmetrische Machtstruktur, die nicht zwangsläufig an das anatomische Geschlecht gebunden ist, wieder an Bedeutung gewinnen und für Linke zu einem Politikinhalt werden.&lt;/p&gt;


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 <title>SEXualmoralischer Verdrängungsprozeß</title>
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                    &lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;Love Counts.&lt;/strong&gt;&lt;span&gt; Im Anfang war die Zahl, und die Zahl war bei Gott, und die Zahl war Gott, sie war im Anfang bei Gott. In der Liebe hab ich mich stets verrechnet, so dass aus Etwas Nichts geworden ist. Über die Jahre war ich mit einer mittleren Anzahl von Leuten zusammen. Wie Schwermetalle haben sich die Rückstände dieser Liebesgeschichten in meinem Körper angesammelt; Erinnerungen an Dinge, Sätze, Kleidungsstücke, die in Wohnungen deponiert und in Kartons oder Tragetaschen wieder abgeholt wurden. Kann mich an die Badezimmer erinnern, ein umfunktioniertes Zigarettenregal, einen Aufkleber auf einem Spiegel &lt;em&gt;(reclaim your face)&lt;/em&gt;, eine insektenhaft gesprungene Kachel und an gute Momente ganz für mich auf der Wannenkante, während in meinem Mund die Zahnbürste selbsttätig rotierte und jemand im Bett schon auf mich wartete. &lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;1 Love Counts.&lt;/strong&gt;&lt;span&gt; Im Anfang war die Zahl, und die Zahl war bei Gott, und die Zahl war Gott, sie war im Anfang bei Gott. In der Liebe hab ich mich stets verrechnet, so dass aus Etwas Nichts geworden ist. Über die Jahre war ich mit einer mittleren Anzahl von Leuten zusammen. Wie Schwermetalle haben sich die Rückstände dieser Liebesgeschichten in meinem Körper angesammelt; Erinnerungen an Dinge, Sätze, Kleidungsstücke, die in Wohnungen deponiert und in Kartons oder Tragetaschen wieder abgeholt wurden. Kann mich an die Badezimmer erinnern, ein umfunktioniertes Zigarettenregal, einen Aufkleber auf einem Spiegel &lt;em&gt;(reclaim your face)&lt;/em&gt;, eine insektenhaft gesprungene Kachel und an gute Momente ganz für mich auf der Wannenkante, während in meinem Mund die Zahnbürste selbsttätig rotierte und jemand im Bett schon auf mich wartete. &lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aller Anfang ist gut, sonst würde man nicht anfangen. Der Kunststoff- und Metallanteil in mir wächst ständig, nach jeder gescheiterten Hoffnung musste ich Dinge an meinem Körper reparieren oder austauschen (look at me, son: a kind of Frankenstein’s daughter). Liebten wir einander nicht genug, oder nicht aus den richtigen Gründen? Spielen die Gründe in der Liebe vielleicht die entscheidende Rolle? Keine Ahnung. Wenn ich ein hübscheres Gesicht hätte, hätte ich mehr Auswahl. Du mochtest, wie ich aussehe, besonders mein Hals und mein Arsch hatten es dir angetan. Ich hatte nichts dagegen. Ich war verrückt nach dir, nie war ich nach jemandem so verrückt wie nach dir, Eric. Wir stehen oben auf einem Hoteldach und rauchen und es ist der absolute Beginn von allem, die große Stadt tief unter uns, der Himmel unendlich, die Sonne gerade erst geschaffen, der helle Wahnsinn. Du: Glaube, das ist es. Ich: Kann nicht sein. Du: Nimm noch mal meinen Schwanz in den Mund. Ich hatte absolut nichts dagegen und lernte viel Neues, zum Beispiel dass es immer noch tiefer geht und man nur von Milchkaffee, Sex und Zigaretten leben kann. Dein Glaube zog mich mit und ich konnte weder richtig essen noch arbeiten, bis ich mich halbwegs wieder gefangen hatte, das Herz moderater schlug und du zu mir zogst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gefühl: wie angekommen, close, easy, waren glücklich, alles leicht, alles lösbar. Bis sich ein Problem ergab, das sich als zentral herausstellen sollte. Fast schien es, als sei unsere Beziehung nur um der Entdeckung dieses einen Problems willen eingerichtet worden. Wir kreisten darum wie zwei Monde um einen Planeten, die Anziehungskraft des Problems hielt uns zusammen. Wir drehten und wendeten es, bis wir nicht mehr weiter wussten. Freunde wurden zu Rate gezogen, hinein in die Umlaufbahn des Problems, nach und nach ein ganzes Team von Freunden, das die Chancen und Risiken mit mir durchrechnete. Mit den Ergebnissen nahm ich die Verhandlungen neu auf, es wurde Abend, und Nacht, wir redeten, zu viele Drinks, redeten und schliefen schließlich ein, eng ineinander verzahnt in jener seltsamen Weisheit völliger körperlicher Erschöpfung und diese Momente kurz vorm Einschlafen waren die besten. Am Morgen in der Küche ging es von vorne los. Wir kamen einfach nicht dahinter. Da war eine seltsame Schieflage an uns, irgendein Mangel, und zugleich war dieser Mangel nun das, was uns so fieberhaft zusammenhielt. Ich glaube, als Paar waren wir vor allem eines: typisch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In langen Testserien von Beziehungen, die, dem Stoffkreislauf unterworfen, zunehmend von ihren technischen Problemen lebten, war die Knappheit von irgendwas unser Antrieb und jedes Paar ein Hybrid, ein Duo perfekter, nervöser Motoren, denen nie der Saft ausging, doch unsern Kosenamen so langsam die Luft. Es war hoffnungslos. Es änderte sich nichts, bis es zu Ende war. So viele soziale Experimente über all die Jahre. Bis in deinen Gefühlen eine Generation die nächste ablöst, hast du noch eine Liebschaft in den Sand gesetzt. Zurzeit bin ich etwas antriebslos in dieser Sache, mein Körper scheint die Rückstände weiterer Geschichten nicht speichern zu wollen. In der Liebe hab ich mich stets verrechnet. Zum Glück gibt die Forschung nie auf, nur für jetzt, für diesen Moment, hab ich’s aufgegeben. Zum Glück gibt es noch andere Sachen als die Liebe. Und zum Glück hab ich Zugang zu exzellenten Computern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;2 The Institute.&lt;/strong&gt; Im Anfang war die Zahl, und die Zahl war bei Gott, und die Zahl war Gott. Gott ist die absolute Mathematik, wie hätte er sonst das Nichts und das Wiedernichts so zusammenrechnen können, dass es etwas ergab, den ersten Tag und alle folgenden?, da muss einer schon ein geschickter Rechner sein, ein absolut geschickter Rechner. Der Theorieanteil in mir wächst ständig. Auf dem Weg zum Institut hab ich mir ein perfektes Sandwich gekauft: schöne Schichten von Salaten, mondgelbem Käse, rubinroten Tomaten, hellen und dunklen Saucen, zubereitet von unsichtbarer Hand. Neuerdings kaufe ich es jeden Morgen. Ich esse es nicht sofort; denn dieses Sandwich ist der Dreh- und Angelpunkt meines Vormittags, sein Sinn und seine Schwerkraft. Ich habe schon viele Sandwiches wie dieses gegessen. Nein, keines war wie du.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;16: the number of my lovers (you included, Eric). 96: the number of my eyes. Die Zahl deiner Augen muss mit der Zahl der Dinge schritthalten. Der Dinge sind viele. Mit schmalem Koffer schlängele ich mich an Autos vorbei, biege und beuge mich um Mülltonnen, Werbetafeln, konjugiere mich um die Dinge herum (so wie gestern noch um die Männer). Eher ändere ich mich, als dass ich sie ändere. Ich hänge an den Dingen. Ich reinige sie, zähle sie, ordne sie, &lt;em&gt;der Begriff der Wirtschaftsordnung umfasst theoretische Vorstellungen über die grundlegende Regulierung und Steuerung des Austauschprozesses,&lt;/em&gt; ich vermesse, verehre, fürchte sie. Siebenmal kontrolliere ich die Dingschalter, bevor ich aus meiner Wohnung gehe. Und dann noch mal zurückgehe, um sie auf frischer Tat zu ertappen (hinterrücks betrügen dich die Dinge). &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich führe ein indirektes Leben. Deine neue Flamme wirkt nett, offen. Ich weiß nicht, ob sie mir die Wahrheit gesagt hat, aber anscheinend geht es dir gut. Auf diese Information hin hatte ich eine Monatsaffäre. Aus Gründen des sozialen Ausgleichs. Und aus Aberglaube. Viele Wissenschaftler sind abergläubisch. Weil die Wahrheit so heikel ist; sie kann dir schon aus Prinzip keine Treue versprechen, that’s fallibilism, baby. Die Wahrheit ist ein Lover, der nach einer heißen Nacht nicht mal aus Höflichkeit noch zum Frühstück bleiben würde. Diese Welt ist seltsam. Ich denke, die Welt kam so: Am ersten Tag schuf Gott die Menschen. Am zweiten schnitt er den meisten von ihnen den Kopf ab, und das waren die Dinge. Wenn du den Dingen alle Unterschiede abschneidest, hast du das Geld. Wenn du eine Walnuss in zwei Teile schneidest, hast du zwei Hälften einer Walnuss, aber kein Paar. Paare sind heikel, Maschinen zur Vernichtung von Information, lernen sie einander bis zur Unkenntlichkeit gut kennen. Schau dir nur mal an, wie du gehst, sagtest du, du bist komplett unromantisch. Wieso?, wie gehe ich denn? Ich wusste nicht, was du von mir wolltest. Ich wollte vor allem nicht allein einschlafen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich war schon immer eher eifersüchtig, aber nie so wie bei dir. Diffuser Mann, in einem Atemzug konntest du von der Ewigkeit reden und von Hormonen. Ich kam einfach nicht dahinter, du warst gleichzeitig ein Romantiker und ein User. In Gesprächen zerfielst du mir wie ein Ball aus Sand unter dem Leib eines Käfers. Du erzähltest einen ganz schönen Haufen Mist. Und ich schwankte zwischen der Lust, doch noch einen Treuedreh für uns zu finden, völligem Überdruss und dem Gefühl, alle meine Berechnungen liefen unter falschem Vorzeichen ab. Wir wetteiferten um die Hegemonie in der Wohnung. Du räumtest Dinge an den falschen Platz, ich stellte sie zurück an den richtigen und verdächtigte dich, in allen Dingen so untreu zu sein. Ab und zu hab ich dein Handy kontrolliert. Nichts. Aber ich möchte nicht in einem Moment verlassen werden, wo ich nicht damit rechne (vorbereitet sein), und hab dich ein, zwei Mal betrogen (was in der Hinterhand haben). All das ist vernünftig. Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unsicherheit, Romantik ist der Versuch, sich seines Verstandes wieder zu entledigen. Ich denke, im Vergleich zur Aufklärung war die Romantik ganz klar eine Subprime-Epoche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;3 The Need of Competition.&lt;/strong&gt; Ob die Liebe aktuell gescheitert ist? Keine Ahnung, bin Wissenschaftler, nicht Journalist; Tagespolitik interessiert mich nicht. Du hingegen brauchtest die News; nur im Bett sollten die Hormone für immer überirdisch bleiben. Die Schere quietscht, ich schneide die Zeit aus, schrieb Ende der Zwanziger Franz Pfemfert in der Zeitschrift &lt;em&gt;Aktion&lt;/em&gt;. Ein Mann, ein Blatt. Eine Frau, 96 Blätter, bin ich die überhistorische Forschung. Ich mag das Quietschen der Schere. Oder mag ich bloß die Metapher? Einst entwickelte ich Maschinen, jetzt sind es Metaphern. Ist nicht schon der Gebrauch von Metaphern heillos romantisch? Maschinen sind Menschen ohne Metaphern. Und ohne Angst, ohne Eifersucht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der achte Tag. Das Institut ist in dieser Woche fast verwaist. Sehr gut. Das perfekte Sandwich lächelt mich an, mein Kragen strahlt wie der Fortschritt, doch aus den Kopfhörern kommen die späten Fünfziger; mein bester Freund, der Kapuzentyp, hat sie mir gegeben (Algis mag die Songs auch). Jene mit Gesinnung warf dem Kapuzentyp einmal vor, er flüchte sich musikalisch in die Vergangenheit. Doch er entgegnete, es gäbe eine Rückwärtsromantik, die nicht die Sehnsucht nach der Vergangenheit sei, sondern die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die noch an die Zukunft glaubte, und damit sei es letztlich eine Sehnsucht nach der Zukunft. Der Kapuzentyp kann manchmal spitzfindiger sein als unser gemeinsamer Freund, der Spitzfindige. Und wenn der Kapuzentyp sie verteidigt, ist vielleicht etwas dran, an der Romantik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Schere quietscht elektronisch, ich schneide ein Bild aus, &lt;em&gt;Affe mit Schneeball &lt;/em&gt;von Mitsuaki Iwago. Der Affe trägt den großen Schneeball in beiden Armen durch die weiße Fläche auf uns zu. Ich mag dieses Foto, warum ist es so traurig? Weil der Affe ein so trauriges Gesicht macht? Weil eine seiner Zehen abseits von den anderen in die Kälte herausgestreckt ist wie der Fühler einer Schnecke? Weil er seine fremde Last trägt wie einen Schatz? Weil auch ich an Dingen trage, die ich nicht verstehe, und Mitleid habe mit dem Lastträger in mir? Die Schere quietscht. Die Traurigkeit ist eine Wissenschaft für sich. Ich bin maßgeblich an ihrer Weiterentwicklung beteiligt. Ziel?, Nobelpreis für Traurigkeit? Come on, girl, lass dich nicht so hängen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Sandwich liegt auf seinem Teller auf der Fensterbank, frisch und unberührt wie die Jungfrau Maria. Es hat sich nicht verändert seit dem Vormittag, die Farben leuchtend, keinerlei Anzeichen des Verfalls. Offenbar hat das Biest vor, mich zu übertreffen, aber ich werde ihm und dem Kollegen einen Strich durch die Rechnung machen. Zwischen den Feiertagen ist der zu seiner Familie gefahren und ich kann mir einen Wissensvorsprung verschaffen. Wir brauchen den Wettbewerb. Der Wettbewerb ist ein Verfahren zur Entdeckung von Tatsachen, die ohne sein Bestehen entweder unbekannt blieben oder doch zumindest nicht genutzt werden würden, sagt von Hayek. Um sie zu nutzen, muss man den Tatsachen auf die Sprünge helfen. Die soziale Ungleichheit fördert die Konkurrenz und damit den Fortschritt, sagt der Institutsleiter, der ein begeisterter Verfechter der sozialen Ungleichheit ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es war jedes Mal ein Schock, wenn ich vom Job in die Wohnung zurückkam. Nach und nach holtest du alle deine Sachen ab. Wolltest du mich quälen, mir deine Überlegenheit Stück für Stück vor Augen führen? Wie auch immer, mit jedem neuen Leerraum wuchs das Volumen meines Scheiterns. Am Anfang war die Traurigkeit ein Berg. Der Berg lag da, im letzten Licht des Tages, sah fern, wählte Nummern, aß das Gelieferte, schwieg, schlief. Das ging einige Zeit so. Dann war die Traurigkeit ein Messer. Das Messer rasierte dem Berg den Wald von den Beinen, stellte die übrig gebliebenen Möbel um und setzte sich mit Walkman frisch an den Schreibtisch, um ein paar Dinge zu verdichten. &lt;em&gt;Occam’s razor, Occam’s compressor.&lt;/em&gt; Das MP3-Format sei der Tod der Musik, sagtest du mal (das hattest du gelesen), irgendwann würde mir auffallen, dass ich von den Kompressionen aus dem Hause Fraunhofer Kopfschmerzen bekäme. Ich, retour: Und das sagt einer, der alle Metaphysik romantisch in 16 Zentimetern Schwanz komprimiert, na, schon Kopfschmerzen da unten? (so cool ich im Job bin, so uncool war ich bei dir). Pech in der Liebe, Glück im Handel, meint der Institutsleiter, der uns zeigt, wie wir den romantischen Herdentrieb der Börsenanalysten für unsere Zwecke ausnutzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mein Fachbereich: Sprachökonomie. Arbeitsgebiet: die Ordnungspolitik der Sprache und ihre globale Implementierung. Die ideale Sprache des Positivismus zog eine Mauer hoch zwischen Physik und Metaphysik und war staatlich quasi durchgeregelt (redet Tatsachen, Leute!, &lt;em&gt;no nonsense,&lt;/em&gt; keine Ausflüchte, wir kontrollieren das). Die ideale Sprache hat sich nicht durchgesetzt, zu viel Plan, zu wenig Moment, zu wenig subjektiver Faktor und keine Chance gegen den Rest der Welt. Die normale Sprache ist das alltägliche Ringen um Ausdruck. Ich schreibe das Institut in Marktlücken hinein. Ist literarischer Wettbewerb ein Verfahren zur Entdeckung von Sätzen, die ohne ihn unbekannt bleiben würden?, oder ist die pure Entdeckerfreude einfach nur langsamer?, sollte man vielleicht alle Sätze zufällig beim Spazierengehen entdecken?, was würde man finden? Wer kann das wissen. Gäbe es auch nur einen der Sätze hier ohne den Wettbewerb? Schulterzucken. Kann grad nicht weiterdenken. Du fehlst mir so. Das Sandwich blickt mich von seinem Teller aus an, fresh, cool.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;4 Apartment Blues.&lt;/strong&gt; 1849 gab Thomas Carlyle der Ökonomie den Namen &lt;em&gt;Dismal Science&lt;/em&gt;, traurige Wissenschaft. Ich male mir aus, um wie viel besser deine neue Flamme ist (besser am Tisch &amp;amp; besser im Bett). Still so jealous, meint Algis Budrys (der hier im Institut die Reinigungsmaschine durch die Flure fährt), so eifersüchtig, als hätte man euch einander nicht aus den Rippen geschnitten. Was meint er damit? Er startet zu einer neuen Runde. Hier im Institut habe er den Blues bekommen, sagt er, but it’s not that bad, Julia. Niemand außer mir und dem Pförtner hört ihn singen. Ich liebe es, ihm zuzuhören, dem Mann, der auf seiner Maschine sitzend wohl irgendwie die Zeit überbrückt bis die Zukunft ihn eingeholt hat:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;I’m a bumblebee in the anthill of stock exchange&lt;br /&gt;Lot of storytelling with bull and bear at the gate&lt;br /&gt;I’ve got ants in my pants, but no more futures to trade&lt;br /&gt;I’m a bumblebee in the anthill of stock exchange&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;And a moth in the wardrobe of separated hopes&lt;br /&gt;Lot of coat-hangers, who’ve never seen&lt;br /&gt;That truth, love and friendship are somewhere between&lt;br /&gt;I’m a moth in the wardrobe of separated hopes&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Menschen sind schon seltsam. Früher schrieb Algis Science-Fiction, weil er sich nach der Gegenwart sehnte, und jetzt macht er Oldschool-Blues, weil er sich nach der Zukunft sehnt. Ist es eigentlich wichtig, warum man etwas tut, warum man Forschung betreibt?, wichtig, die richtigen Dinge auch aus den richtigen Gründen zu tun, oder machen die falschen Gründe keinerlei Unterschied für das Ergebnis? Sindbad der Seefahrer reiste, weil er das Erzählen liebte. Wollte ich dich haben, weil ich dich liebte? Oder weil ich sie experimentell nachweisen wollte, die Möglichkeit der Liebe? Auf dem Weg rüber zur Kaffeeküche begegne ich in der Spiegelwand einer Gestalt: Sindbad der Lastträger. Der Kopf ist ihm schwer. Oder ist es das Herz, das ihm schwer ist? Das Rad ist noch nicht erfunden. Oder ist es die Straße, die noch nicht erfunden ist? Oder irgendwas dazwischen? Seltsamer Mangel an allem heute, diese Zeit ist irgendwie an einem toten Punkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nur Romantik kann die Menschen bewegen, vorwärts oder rückwärts, schrieb Pfemfert in der &lt;em&gt;Aktion&lt;/em&gt;. Und Nâzim Hikmet, der seinem Roman aus irgendeinem Grund den Titel &lt;em&gt;Die Romantiker&lt;/em&gt; gab, hat seinen Mitgefangenen Lesen und Schreiben beigebracht. Nicht, damit sie seinen Roman lesen oder damit er ein edler Mensch sein konnte. Einfach so. Weil es gut war. Eins der schönsten Dinge, die ich je im Fernsehen sah, war eine alte Frau in einer östlichen Stadt, die zum Ende ihres Lebens noch Lesen lernte. Gemeinsam mit anderen Frauen in den Bänken sitzend, war ihr Blick weit geöffnet, als wäre sie bei der Erschaffung der Welt dabei, und so war es auch, denn diese Frau wollte nicht etwas, sondern alles, die ganze Sprache, die ganze Welt, und ich fühlte eine große Zuneigung für diese Frau und wünschte, ich hätte dabei sein können, bei ihrem Lesen, das so anders war als meines. Ich benutze das Lesen, sie brauchte es.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Du fehlst mir. Die Bedeutung von allem besteht in der Art seines Gebrauchs. Der eine Gebrauch unterscheidet sich vom anderen wie der Sinn von der Funktion, das Bedürfnis vom Bedarf, das Erzählen und Zuhören vom Güteraustausch zum gegenseitigen Vorteil. Der Gebrauch der Romantik führt in die Rhetorik, die Romantik des Gebrauchs führt vielleicht hinaus aus der Traurigkeit. Zu riskant? Möchte ich noch mal jemanden so sehr brauchen wie dich, Eric, mir noch mal die Hoffnung machen, dass es dieses Mal nicht zu wenig sein wird? Ist Liebe überhaupt möglich? Weiß nicht, rechne noch, Affe mit Taschenrechner.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Algis Budrys kommt auf seiner Maschine bei mir am Schreibtisch vorbei. Es ist gut, dass er kommt, denn ich komme nicht weiter, habe eine Frage auf dem Herzen: Hör zu, Algis, ich denke, ich wollte beweisen, dass ich gut genug für ihn bin, aber ich war es nur fast, der Anfang war Wahnsinn, aber am Ende war es eben nur fast Liebe, ist es nicht so? Algis sieht zum Teller mit dem Sandwich rüber: Hast vorhin nicht zugehört, hm, bist weiterhin ein Apartment?, oder ein Sandwich wie dieses? Er lacht. Lacht meine Eifersucht aus: Ja, wenn du ein besseres Sandwich gewesen wärst… Ich: Ich hätte cooler sein können. Du lebst, sagt er (jetzt ärgerlich), und glaub mir, schneller als du denkst ist das vorbei und dann kannst du … cool sein; wieso vertraust eigentlich gerade du der Grammatik?, Substantive, Adjektive, diese verdammten Immobilien eures Redens über euch selbst, hör zu, wenn du weiterhin so redest, wirst du scheitern, und zwar in jeder Beziehung. Verdammt, Algis, dann sag mir doch, wie soll ich denn reden? Er: Hier kannst du nicht auf andere Gedanken kommen – komm her, Julia, come on, aufsteigen. Was?, jetzt?, aber ich arbeite. Wieso nicht jetzt? – Okay, wieso nicht genau hier einen Cut und was anderes machen. Diese Reinigungsmaschine hier ist gar kein übler Anfang, denke ich, für ein Scifi-Roadmovie vielleicht (der Kapuzentyp wäre begeistert). &lt;span&gt;Also gut, die Story heißt &lt;span&gt;&lt;em&gt;Something in the ground &lt;/em&gt;&lt;span&gt;und beginnt folgendermaßen: &lt;span&gt;&lt;em&gt;I took a seat and Algis started the engine with an incredible sound. &lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;We’re bugs in dismal grammar’s house of love&lt;br /&gt;We’ve been jealous women and jealous men&lt;br /&gt;Building solitary somethings as high as we can&lt;br /&gt;But now we’re bugs in dismal grammar’s house of – love&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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