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 <title>arranca! - Linke Medienprojekte</title>
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 <title>„Die Linke unter den Großen“</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/die-linke-unter-den-grossen</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Ein Gespräch mit Ivo über seine Erfahrungen in der Redaktion des ND.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Ich finde das Neue Deutschland ziemlich wider­sprüchlich. Da gibt es eine Reihe von wichtigen Nachrich­ten vor allem zur soziale Frage, die man sonst nirgends findet, es gibt eindeutig linke Stand­punkte, wie sie in der taz auf keinen Fall mehr zu lesen sind, und auf der anderen Seite sind da wieder so Hämmer wie ein­zelne Kommentare nach Bad Kleinen, wo die RAF als „Linke&quot; in Anführungszeichen tituliert und ihr ein „Dachschaden&quot; unterstellt wurde. Oder nach dem Anschlag ETAs in Madrid im Juni, wo 5 Mitglieder des spanischen Generalstabs, ein Unteroffizier und ihr Chauffeur in die Luft gesprengt wurden, titelte das ND: „Terroristen nahmen Tod von Kindern in Kauf&quot;. Zwar wurden mehrere Passantinnen, darunter auch Kinder, verletzt, aber es wurde nicht einmal ansatzweise erwähnt, daß das der schwerste Schlag gegen die Militärspitze seit Jahren war, daß im Augen­blick mehr als 100 Totalverwei­gerer in Spanien im Knast sitzen, daß es eine riesige Bewe­gung gegen den Militärdienst gibt, daß die Militärführung zum Teil aus der Franco-Dikta­tur stammt, daß es unter den Passanten keine Toten gab usw. Man sah nur ein Foto mit einem zerrissenen Auto und der genannten Überschrift. Auf der anderen Seite gab es diese Woche wieder ein ganz ähnli­ches Bild mit der Überschrift „Bombenstimmung in Nordir­land&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ivo: Das ND hat ja zumindest den Anspruch, eine pluralisti­sche linke Tageszeitung zu sein. Man kann davon halten, was man will, aber zumindest ist wahr, daß sehr unterschied­liche Stimmen zu Wort kom­men. Vieles fehlt nicht deswe­gen, weil es zensiert würde, sondern weil sich niemand fin­det, der es schreibt. Es könnte viel mehr verschiedene linke Standpunkte in der Zeitung geben, wenn sich aus anderen Bereichen Leute engagieren würden. So lange von dort aber kaum etwas kommt, solange wird auch die Berichterstattung immer so sein, wie du sie beschrieben hast.&lt;br /&gt; Im Übrigen denke ich, daß man mit dem Wörtchen „links&quot; dort, wo Ostler und Westler zusammenarbeiten, nicht mehr weit kommt. Ich würde für so manche ND-Kolleginnen die Bezeichnung „links&quot; auch mit Anführungszeichen versehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Glaubst du, daß es im ND grundsätzlich eine größere Offenheit für außerparlamenta­risch-linke und systemopposi­tionelle Bewegungen gibt als in der taz?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Was es vor allen Dingen gibt, ist eine große Unsicherheit der DDR-BürgerInnen gegenü­ber der West-Linken. Z.B. an die RAF hat man sich kaum herangewagt, aus Unkenntnis der Geschichte, aber auch aus Unsicherheit, was das an Repression nach sich ziehen würde, wenn man darüber berichtet.&lt;br /&gt; Diese Unsicherheit bedeutet auch Neugierde gegenüber anderen Positionen, und die kann man nutzen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Dann wäre aber die Frage, ob diese Offenheit befristet ist. Bei der taz war es ja so, daß sich die Positionen in einer Bewegung geklärt haben und damit die Offenheit ihr Ende fand. Heute powert in der taz eine ganz bestimmte Strömung ihr Projekt. In der DDR-Linken wird so eine Klärung auch eintreten, früher oder später.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Die alternative Bewegung, aus der die taz entsprang, hat sich größtenteils etabliert. Diese Etablierung wird es beim ND so nicht geben, weil es da wie in der PDS zwei Hauptströmungen gibt: eine sozialdemokratische, die schon eta­bliert ist und das ND nicht unbedingt braucht, und zweitens eine traditionell-kommunistische, die meiner Meinung nach eher anachronistisch ist und sich wohl kaum noch einmal etablieren kann. Die Gefahr ist eher, daß sich das ND spalten könnte, wie sich auch die PDS irgendwann spalten wird. Das würde natürlich in die Bedeutungslo­sigkeit führen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was glaubst du, was das ND für eine Rolle spielen kann? Ist es mit seinen 100.000 Auflage nur ein Fossil oder ist es eine Zeitung, die auch wie­der etwas in Gang bringen kann? Wel­che Bedeutung hat die Zeitung z.B hei der Organisierung von Widerstand in der ehemaligen DDR?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Ich glaube nicht, daß das ND politisch richtungsweisend sein kann. Genausowenig wie die PDS. Die Chance, die die Zeitung aber hat, ist, so etwas wie ein Sammlungspunkt für unterschiedliche linke Standpunkte zu sein. Das ist vielleicht auch ganz ange­sagt in einer Zeit, in der die gesamte Linke irgendwo zwischen Resignation und Ratlosigkeit umhertaumelt. Ich finde das reizvoll an der Zeitung, daß — von ganz links bishin zu Liberalen — Leute zu Wort kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Hat das Blatt nicht doch auch eine mobilisierende Funktion? Wenn jemand über den Widerstand gegen die Deindustrialisierung in der Ex-DDR und das Umverteilungsprogramm von unten nach oben berichtet, ist es doch schließ­lich das ND.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Die Leute, die jetzt hungerstreiken gegen den Verlust ihrer Arbeitsplätze oder den Sozialabbau, stellen deswegen nicht die Systemfrage. Sie wollen höhere Löhne, ihren Arbeitsplatz sichern. Es ist anscheinend zur Zeit nicht angesagt, Fragen darüberhinaus zu stellen, und eine Zeitung ändert diese Situation auch nicht.&lt;br /&gt; Es ist interessant, daß die Älteren im ND stark anzweifeln, ob eine Zeitung überhaupt großartig mobilisieren und vorantreiben kann. Sie stellen fest, daß sie über 40 Jahre lang an einem perfekt inszenierten Medienwesen mitgewirkt haben, das dann einfach zusammenge­brochen ist. Diese Kollegen stellen sich die Frage, was das bewirkt hat, was sie solange geschrieben haben.&lt;br /&gt; Selbst wenn du im ND nur gute Arti­kel zu Abschiebungen und den Flücht­lingen schreiben würdest, -solange auf allen Fernsehkanälen, in der U-Bahn, bei der Arbeit und im Radio von „Asylanten­strömen&quot; die Rede ist, wird auch ein Großteil der ND-Leserinnen von „Asy­lantenströmen&quot; reden. Unsere Wirkung ist da sehr gering.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Woran liegt es eigentlich, daß die West-Linke das Neue Deutschland so wenig wahrnimmt und nützt? Es ist doch auffällig, daß noch immer fast alle die taz lesen, obwohl die uns politisch mindestens so fremd ist, wie das Neue Deutsch­land.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Stimmt. Das ist schade, denn ich denke, daß das ND die einzige Zeitung ist, aus der man sich ein authentisches Bild über die Stimmung und Lage im Osten machen kann. Das täte vielen Westlinken ganz gut. Die Verständi­gungsschwierigkeiten sind immer noch ungemein groß. Das ist auch meine eigene Erfahrung, und ich wohne jetzt schon mehr als 3 Jahre im Osten.&lt;br /&gt; Aber zu Deiner Frage: Es hat zum einen sicherlich damit zu tun, daß man das ND im Westen kaum bekommt. In Westdeutschland kriegt man es- außer am Bahnhofskiosk- einen Tag später, selbst in Westberlin muß man es suchen. Das andere und gewichtigere Argu­ment ist, daß das ND eine Ostmentalität ausstrahlt und natürlich schwerpunkt­mäßig über den Osten schreibt. Es gibt sogar ausgesprochen „Wessi-feindliche&quot; Beiträge von einzelnen Redakteuren. Dazu kommt, daß ein Großteil der AbonenntInnen über 60 ist. Der größte Aboschwund kommt daher, daß Leserin­nen sterben.&lt;br /&gt; Auf diese älteren Leserinnen stellt sich das Blatt natürlich ein, und das führt zu einem Stil, der junge Westlinke kaum anspricht. Außerdem haben wir auch kaum Leute im Westen, die für das ND schreiben, obwohl wir uns sehr darum bemüht haben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Das heißt letztendlich: die Westlinke müßte von ihren grundsätzli­chen Anforderungen herunterkommen und auf die Zeitung stärker zugehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Ja. Aber auch andersherum muß es Schritte geben. Für die Zeitung ist die Situation schwierig, es ist ein Spa­gat. Einerseits will man die alten Leser nicht verlieren, - mir sind die Leute, die heute das ND lesen, auch wichtig -, andererseits müßte sich die Zeitung ändern, wenn sie jüngere Linke anspre­chen will. Eine Lösung ist dafür nicht in Sicht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Gibt es eigentlich intern die Möglichkeit, daß du Diskussionen ein­fordern kannst, wenn du einen Artikel völlig daneben findest? Gibt es Debat­ten innerhalb des ND?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Es gibt schon Diskussionen. Es gab z.B. die Initiative, daß sich regel­mäßig die ganze Redaktion trifft, um ein bestimmtes Thema gemeinsam zu besprechen. Aber das ist in letzter Zeit eingeschlafen. Ansonsten laufen die mei­sten Gespräche informell unter den Redakteurinnen ab.&lt;br /&gt; Außerdem gibt es auch die Idee, mit den Leserinnen regelmäßig Diskussions­veranstaltungen zu machen. Auf dem Pressetag gab es eine Podiumsdiskus­sion für die Zeitungsmacherinnen und - Leserinnen zum Thema Olympia im Jahr 2000 in Berlin. Da ging es hoch her und das hat meisten Leuten in der Redaktion gut gefallen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Olympia ist ein gutes Beispiel für einen Meinungsumschwung in der Zeitung. Am Anfang war das ND wie auch die PDS klar dafür, inzwischen überwiegt die Ablehnung. Das zeigt doch auch, daß Diskussionen fruchtbar waren.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Es zeigt, daß sehr unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen können. Einen richtigen Meinungsumschwung bei den Leuten hat es aber eigentlich nicht gegeben. Am Anfang hat einfach das Sportressort berichtet, inzwischen schreibt meistens die Lokalredaktion. Das Thema Olympia zeigt wie zerrissen das ND ist, aber auch wie offen für Gegensätze.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Bist du jemals offen zen­siert worden? Gab es das, daß du gedacht hast, das kann ich unmöglich schreiben, selbst wenn ich einen guten, aktuellen Aufmacher finde?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Klar, das gab es. Aber ich sehe meine Auf­gabe auch gar nicht so sehr darin, zu kom­mentieren. Mir geht es eher darum, Informationen zu liefern und die Leute selbst entscheiden zu lassen, und da hatte ich wenig Schwierigkeiten bisher. Im ND stehe ich interessanterweise eher zwi­schen den Fronten. Das ist wie in der PDS, wo sich der sozialdemokratische und traditionskommunistische Flügel bekriegen, aber beide die kleine linksra­dikale Gruppe um die Bundesabgeord­nete Ulla Jelpke eigentlich in Ruhe las­sen. So ähnlich ist das bei uns auch: den scharfen Konflikt liefern sich andere.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was war das für Zensur?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Es läuft meistens darauf hinaus, daß ich selber Sachen herausnehme, weil ich mir denke „ich will nicht schon wieder erklären, warum ich diesen Begriff ver­wende&quot;. Ich nehme mich also selbst zurück. Manchmal habe ich einfach keine Lust auf endlose Diskussionen, vor allem wenn man hei Adam und Eva anfangen müßte und nicht viel Zeit hat. Besonders sensibel ist man bei allem, was -auch hier im Hause- von einigen „Terrorismus&quot; genannt wird. Eine Kolle­gin sagte mal: „Die RAF hat uns 40 Jahre nicht interessiert, warum sollte sie uns jetzt interessieren!&quot; Zum anderen halten marxistisch-leninistisch gebildete Leute ja eh nichts vom „individuellen Terror&quot;. Was Deiner Meinung nach links ist, fin­den Leute aus der Ex-DDR eben oft bür­gerlich. &#039;ich dagegen finde diese spießi­gen ML-Scheuklappen bürgerlich.&lt;br /&gt; Zum Thema RAF-Gefangene gab es hier mal sowas wie einen Beschluß: Natürlich müssen wir über die inhuma­nen Haftbedingungen berichten, aber es muß auch immer klar werden, daß das ND nicht den bewaffneten Kampf akzeptiert. Mal unabhängig davon, was ich zur RAF-Politik meine, ist das natür­lich nicht die Art von Journalismus, die ich machen möchte. Wer es nötig hat, sich von anderen zu distanzieren, nur damit eigene Positionen deutlich wer­den, hat keine Positionen. Und das würde ich, was dieses Thema betrifft, mal vielen beim ND unterstellen. Irgendwo hört die Pluralität beim ND auf. Da bin ich auch oft hin- und herge­rissen. Einerseits denke ich: Lieber nichts schreiben, als was Halbes. Andererseits denke ich dann wieder: Besser ich schreibe es, als irgendjemand anderes, der oder die dann vielleicht behauptet, daß es die RAF doch schon seit Jahren nicht mehr gibt- oder irgendso ein Unsinn.&lt;br /&gt; Ansonsten ist der größte Zensor aber meistens die auferlegte Kürze. Da geht vieles verloren, was für den Text eigent­lich wichtig wäre.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Hältst du das Neue Deutschland eigentlich für ein Parteiorgan?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ivo: Rein von den Besitzverhältnissen ist es das faktisch. Trotzdem ist es hetero­gener als die taz z.B.. Das liegt einfach daran, daß die PDS auch kaum einheit­lich ist. Im Grunde genommen ist das ein Zusammenschluß von vor allem Ossis mit sehr unterschiedlichen Mei­nungen und sehr viel Platz für Initiati­ven. Trotzdem gibt es in der PDS Funk­tionäre, nach deren Meinung nicht genug über ihre Arbeit bzw. verfälscht darüber berichtet wird. Die Tatsache, daß die PDS jetzt eine eigene Mitgliederzeitung herausgibt, zeigt ja auch, daß das ND so sehr nun auch wieder nicht Parteiorgan ist. Zumindest für viele PDS-Mitglieder nicht aus­reichend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Im Augen­blick läuft eine Klage der Treu­hand gegen das Neue Deutschland, in der die Treuhand 2 Millionen Mark von der Zeitung fordert. Wird sie damit durchkommen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ivo: Juristisch hat sie eigentlich keine Chance. Aber wir wissen ja auf welcher Seite die Justiz dieses Landes steht. Es gibt das politi­sche Interesse, das ND zu zerstören. Der Anlaß ist ziemlich absurd: unter der Modrow-Regierung wurde bei der Einstellung der Subventionen an Ost-Zei­tungen noch eine Abschlußzahlung geleistet. Hiervon fordert die Treuhand jetzt einen ersten Teil zurück, eben genannte 2 Millionen DM. Interessanter­weise tut sie das jedoch nur beim ND, und sonst bei keiner Ost-Zeitung. Absehbar ist, daß das ND zumachen müßte, wenn die Treuhandklage durch­kommt. Betroffen davon wäre auch die Junge Welt, die über das gleiche Ver­triebsnetz vertrieben wird.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 14 Nov 2010 12:55:20 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Özgür Gündem. Zeitung machen gegen den Tod</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/oezguer-guendem-zeitung-machen-gegen-den-tod</link>
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                    &lt;p&gt;Wenn mensch die Situation im türkischen Staat betrachtet, entsteht der Eindruck, daß es beim Zeitungsmachen eigentlich nur ein Problem gibt: &lt;em&gt;Überleben.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Wenn mensch die Situa­tion im türkischen Staat betrachtet, entsteht der Eindruck, daß es beim Zeitungsmachen eigent­lich nur ein Problem gibt: &lt;br /&gt;&lt;em&gt; Überleben.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; Wahrscheinlich hat sich in keinem Land der Welt die Aufstandsbekämpfung derart der Medien ange­nommen wie in der Türki­schen Republik. 16 ermor­dete JournalistInnen zählten unabhängige Men­schenrechtsorganisationen 1992. Als Täter werden offiziell fundamentalisti­sche oder türkisch-natio­nalistische Terrorgruppen genannt. Es ist aber viel­fach nachgewiesen wor­den, daß hinter den Grup­pen, die Namen wie „Türkische Rache-Brigade&quot; oder schlicht „Hizbullah&quot; tragen, eine Allianz von Geheimdiensten, Rechts­extremisten und den Anti-Guerilla-Einheiten der tür­kischen Armee stehen. Generalstabschef Güres traf denn im Juli den Nagel auch auf den Kopf, als er sagte: „Im totalen Krieg ist die Presse auch ein Bestandteil&quot;, wobei er und die neue Premiermi­nisterin Tansu Ciller Wert darauf legten, zwischen befreundeten und feindli­chen Medien zu unter­scheiden. Der Krieg gegen linke Medien und Gege­ninformation ist in der Türkei und in Nordkurdi­stan zur brutalen Überle­bensfrage geworden. Besonders betroffen von den Repressionsschlägen ist die türkisch-kurdische Tageszeitung Özgür Gün­dem, - freie Tagesord­nung. Das am 30. Mai 1992 zum ersten Mal erschienene Blatt, das neben der (erst 1993 gegründeten) Aydinlik getrost als einzige linke Tageszeitung im Türki­schen Staat bezeichnet werden kann, ist Haupt­ziel der Angriffe. Sieben JournalistInnen, drei wei­tere MitarbeiterInnen und sogar ein Verkäufer der Zeitung wurden von Todesschwadronen umge­bracht. Die letzten beiden Opfer waren Anfang August der erst 18-jährige Journalist Ferhat Tepe, der in Nordkurdistan entführt wurde, und die Istanbuler Korrespondentin Aysel Malkac.&lt;br /&gt; Dazu kommen Haus­durchsuchungen, Anschläge auf Büros, über 60 Festnahmen gegen RedakteurInnen, inzwi­schen mehr als 40 Ausga­ben, die von staatlichen Stellen beschlagnahmt wurden - Verluste pro beschlagnahmte Nummer laut Özgür Gündem: 175-200 Millionen Türkische Lira, in etwa 30.000 DM.&lt;br /&gt; Es gehört zu den mittleren Wundern, daß die Tageszeitung trotzdem weiterge­macht hat. Außer einer dreimonatigen Pause Anfang 1993, die notwendig war, um die Arbeit neu organisieren zu kön­nen, hat sich das Blatt keine Atempause gegönnt. Eine Besserung der Verhält­nisse ist nicht absehbar. Die Sommermo­nate 1993 gehörten zu den härtesten überhaupt. Nach der Erklärung des „totalen Kriegs&quot; durch den türkischen Sicherheitsrat, wurde die Zeitung am 14.Juli von einem Istanbuler Gericht vorübergehend verboten, am 17. Juli zwei Redaktionschefs verhaftet, am Monatsende ein Journalist bei einem Anschlag schwer verwundet, Anfang August kam es zu den genannten Mor­den, gleichzeitig ist die Polizeiüberwa­chung der Büros verschärft worden.&lt;br /&gt; Der Grund für die Härte, mit der der türkische Staat gegen die Tageszeitung vorgeht, hat damit zu tun, daß Özgür Gündem als einziges Blatt schwer­punktmäßig über den Krieg in Kurdistan berichtet. In den türkischen Medien wird der Konflikt zwischen PKK und den Militärs entpolitisiert als „Terror von Kri­minellen gegen die Brüderlichkeit der türkischen Völker“ dargestellt. Und obwohl es Hunderte von kurdischen Dörfern gibt, die von Anti-Guerilla-Ein­heiten dem Erdboden gleich gemacht und Zehntausende vertrieben wurden, glaubt der überwiegende Teil der Bevöl­kerung in der Türkei nach wie vor die offizielle Version. Die vielen Jugendli­chen, die als Rekruten in Kurdistan ver­heizt werden, bieten eine gute Grund­lage, um den Krieg chauvinistisch zum Nationalitätenkonflikt zu machen.&lt;br /&gt; Das Verbrechen Özgür Gündems besteht darin, sich genau dieser Deutung des Konflikts entgegenzustellen. Die Zei­tung, die täglich 40.000 Exemplare ver­kauft, davon 10.000 im Ausland, ist ent­gegen anderer Darstellungen kein Hausblatt der PKK. Die Tageszeitung ist ein türkisch-kurdisches Gemein­schaftsprojekt, das sich nach eigenen Worten „sowohl an die türkischen Arbei­tenden als auch an das kurdische Volk&quot; richtet. Im Selbstverständnis bezeichnet sich Özgür Gündem als antiimperiali­stisch, antifaschistisch und antichauvini­stisch.&lt;br /&gt; Die Tatsache, daß der Krieg in Kurdi­stan fast immer auf der Titelseite erscheint und der PKK bzw. der ARGK (die Befreiungsarmee) in jeder Ausgabe mindestens eine Seite gewidmet ist, läßt sich nicht mit einer kurdisch-nationalisti­schen Position erklären. Der Krieg bestimmt die Realität im türkischen Staat, der kurdische Widerstand ist die einzige ernstzunehmende Opposition in der türkischen Republik. Linke Bericht­erstattung kann gar nicht daran vorbei, diesen Fragen Platz einzuräumen.&lt;br /&gt; Zumal sich Özgür Gündem nicht auf Kurdistan beschränkt. Gewerkschaften, Studentinnen-, Stadtteil- oder Arbeits­kämpfe in der Türkei nehmen in keiner türkischen Tageszeitung so viel Raum ein wie in Özgür Gündem. Auch wenn manche Beiträge sowohl kurdischer als auch türkischer Linker verschwörungstheoretisch wirken, auch wenn RedakteurInnen zu bestimmten Organisationen ein unkritisches Verhältnis haben, ist die Zeitung als solche keine Hauspostille. Sie ist die einzige Stimme der Opposi­tion, eine der wenigen Quellen, um das zu erfahren, was sich in Kurdistan ereig­net.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 14 Nov 2010 09:59:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Egin Euskadi ta Askatasuna</title>
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                    &lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die baskische linke Tageszeitung Egin ist ein ungewöhnliches Blatt. Am Wochenende umfaßt der Sportteil 20 Seiten, die Titelseiten sind farbig, die Fernsehbeilage steht den Funkzeitschrif­ten in der BRD nicht viel nach: Multico­lor posieren Don Johnson oder die Lebensretter von South Beach. Daneben allerdings steht die letzte ETA-Erklärung im Wortlaut, findet man auf der Mei­nungsseite eine Diskussion über Femi­nismus zwischen HB-nahen und autono­men Feministinnen oder beschreiben in der Jugendbeilage zwei 18-jährige aus der Proletenstadt Orereta, wie sie die letzten 2 Jahre im Knast verbracht haben. Nach 16 Seiten eines durchaus konventionell gehaltenen Lokalteils folgt eine ganzseitige Reportage über die Situation von afrikanischen Immigran­tinnen in Madrid oder über einen Land­arbeiterstreik in Andalusien. Und auf den Politikseiten geht es sowohl um die neue Regierungserklärung von Minister­präsident Gonzalez als auch um eine Schulreform.&lt;/p&gt;

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&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die baskische linke Tageszeitung Egin ist ein ungewöhnliches Blatt. Am Wochenende umfaßt der Sportteil 20 Seiten, die Titelseiten sind farbig, die Fernsehbeilage steht den Funkzeitschrif­ten in der BRD nicht viel nach: Multico­lor posieren Don Johnson oder die Lebensretter von South Beach. Daneben allerdings steht die letzte ETA-Erklärung im Wortlaut, findet man auf der Mei­nungsseite eine Diskussion über Femi­nismus zwischen HB-nahen und autono­men Feministinnen oder beschreiben in der Jugendbeilage zwei 18-jährige aus der Proletenstadt Orereta, wie sie die letzten 2 Jahre im Knast verbracht haben. Nach 16 Seiten eines durchaus konventionell gehaltenen Lokalteils folgt eine ganzseitige Reportage über die Situation von afrikanischen Immigran­tinnen in Madrid oder über einen Land­arbeiterstreik in Andalusien. Und auf den Politikseiten geht es sowohl um die neue Regierungserklärung von Minister­präsident Gonzalez als auch um eine Schulreform.&lt;br /&gt;Das Argument, eine solche Mischung könne nur einem linken Populismus ent­stammen, der sich an die vermeintlichen „Lesegewohnheiten der Massen&quot; anbie­dere, zieht nicht. Egin ist kein „linkes&quot; Boulevardblatt (wie es von dem Labour­nahen Daily Mirror in Großbritannien lange behauptet wurde). „Busenjourna­lismus&quot; oder Sensationalismus haben in ihr keinen Platz. Fußball, Fernsehen oder Volksfest gehören zur Zeitung dazu, weil sie zur Linken gehören, nicht aus plumper Heuchelei.&lt;br /&gt;Egin ist damit etwas wirklich besonde­res: einfach eine beliebte Zeitung und der lesenswerte Beweis, daß linker Jour­nalismus sich nicht nur an kleine Min­derheiten richten muß.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Entstehung und Inhalte&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;1977 im Jahr der ersten Parlaments­wahlen nach dem Tod Francos entstan­den, war die Zeitung von Anfang an die Stimme der und für Unabhängigkeit ein­tretende linke Bewegung. Die Leser­schaft war schon damals weitgehend identisch mit jenem kritischen Bevölke­rungsteil, der die angebliche „Demokra­tisierung&quot;, ablehnte. Obwohl verschiedenste Organisationen den linken Natio­nalisten im allgemeinen rechtslastige Positionen unterstellten, wurde Egin als linkes Projekt allseits anerkannt. Außer dem in Hernani – in der rotesten Gipuzkoa­Provinz, erscheinenden Blatt gab es keine weitere linke Tageszeitung.&lt;br /&gt;Organisatorisch entschied sich das Pro­jekt für eine konventionelle Lösung: es gab und gibt eine Chefredaktion, klare Arbeitsverhältnisse und Gewerkschafts­vertreter. Vollversammlungen finden statt, aber sie sind anders als in der- frühen TAZ nicht das zentrale Entschei­dungsgremium.&lt;br /&gt;Auch im Journalistischen setzte die Zei­tung auf eine gewöhnliche Struktur.&lt;br /&gt;Zwar sind keineswegs alle Redakteurin­nen ausgebildete Journalistinnen, aber das berufliche Können spielt in der Zei­tung eine größere Rolle als vermeintli­che „Betroffenenschreiben&quot;.&lt;br /&gt;Kennzeichnend für die Berichterstat­tung der Egin war, daß sie sich auf die Linke bezog, ohne darüber den Blick für das „normale&quot; tagespolitische Geschehen zu verlieren - auch eine Ausnahme - wenn man alternative Medienprojekte in Westeuropa anschaut. Eine Zeitung gegen das Informationsmonopol, die mobilisierend für Bewegungen und soli­darisch mit dem bewaffneten Kampf ein­greift, sich aber nicht an eine bestimmte Szene richtete.&lt;br /&gt;Nicht nur weil die politische Land­schaft entsprechend günstig war, konnte sich diese Zeitung etablieren; zahlreichen zunächst regionalen Bewe­gungen war eine Entwicklung nur des­halb möglich, weil ihnen ein wohlgeson­nenes Medium zur Verfügung stand. Ebenso wie die baskische Linke eine Egin ermöglichte, ermöglichte auch die Egin die Existenz einer relativ starken Linken.&lt;br /&gt;Es ist kein Zufall, daß das Blatt 1977 gleichzeitig mit den neuen legalen Mas­senorganisationen entstand.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die &quot;neue&quot; Egin - eine doppelte Öffnung&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Im Herbst letzten Jahres kündigte das Blatt nach 15 Jahren Bestehen sein Ende an. Zwar wurde schon damals in Aus­sicht gestellt, daß es mit einer neuen Aufmachung und einem anderen Kon­zept weitergehen solle, aber viele Lin­ke befürchteten eine Anpassung an den „poppigen Zeitgeist&quot;. Die Geburtsstunde der „neuen&quot; Egin in einer Sport­halle in Bilbo wurde denn auch zur melodramatischen Inszenierung, bei der nicht wenige TeilnehmerInnen ihr altes Blatt mit Tränen verabschiedeten.&lt;br /&gt;Die neue Egin - mit Farbfotos, verschie­denen Beilagen, einem ausgeweiteten Sportteil und etwas teurer als die alte - konnte die Befürchtungen allerdings nur ein paar Tage bestätigen. Die ansprechendere Aufmachung wurde begleitet von einer politischen Öffnung, vor allem nach links. Die Debattenseiten nahmen auf fünf zu und öffneten sich auch für HB-kritische Linke. Autonome Femini­stinnen, linke KommunistInnen, Anar­chos oder ganz einfach Durchschnittsle­serInnen konnten zwar auch in der „alten&quot; Egin ab und an zu Wort kom­men, aber seit dem letzten Jahr ist das häufiger geworden. Genauso wird sozia­len Bewegungen größeres Gewicht bei­gemessen, vor allem kommen sie mit eigenen Beiträgen zu Wort. Das bedeu­tet jedoch nicht, wie von vielen behaup­tet, eine Anbiederung und Vereinnah­mung einer Bewegung, sondern die gewollte Stärkung radikaler Opposition. Aber auch über die politischen Gegner wird „objektiver&quot; berichtet. Im Wahl­kampf Mai dieses Jahres wurden in der Egin nacheinander alle Par­teien und ihre Spitzenkandi­daten vorgestellt: von der konservativ-frankistischen PP bis hin zu den Erzfeinden der sozialdemokratischen PSOE. Dahinter versteckt sich kein beliebiger Pluralis­mus, sondern die Absicht, die Realität für sich selbst sprechen zu lassen. In Anbetracht einer Linken, die sich gerne mit parolenhaften Floskeln zu Wort mel­det, ist der Versuch, Ein­schätzungen den LeserInnen zu überlassen, durchaus lobenswert.&lt;br /&gt;Hinter der doppelten Öff­nung Egins steht der häufig und nicht nur von der Rech­ten gemachte Vorwurf, das Blatt sei ein Parteiorgan. So wurde kritisiert, daß ande­ren Strömungen der Linken im Blatt kein Platz eingeräumt werde, Kritik an der ETA unter den Tisch falle und die Zeitung eine Art Hofberichter­stattung für die sie nahestehenden Orga­nisationen betreibe.&lt;br /&gt;Daß die Nähe Egins zu den linken Unabhängigkeitsorganisationen nicht immer hilfreich war, läßt sich kaum leugnen. So griff die Zeitung 1991 z.B. in die Spaltung der kleinen bewaffneten Organisation Iraultza ein, indem sie die Kommuniques derjenigen Fraktion ver­öffentlichte, die enger mit ETA zusam­menarbeiten wollte. Stellungnahmen anderer Gruppierungen wie der links­kommunistischen EMK-LKI wurden im Höchstfall einmal zu Spaltenmeldungen gemacht, die frühe Totalverweigerer- Bewegung sogar regelrecht abgelehnt. Den Gipfel der „Halboffizialität&quot; Egins als Sprachrohr der politischen Koalition HB wurde allerdings schon früher, im Juli 1987 erreicht. Damals wurde der Chefredakteur Jose Felix Azurmendi abgelöst, nachdem er einen Monat zuvor einen ETA-Anschlag, bei dem in einem Supermarkt in Barcelona 17 Menschen starben, scharf kritisiert hatte.&lt;br /&gt;Diese „Parteizugehörig­keit&quot; der Zeitung war aber nicht nur eine Beschrän­kung. Es ist wahrschein­lich, daß ein ähnlich „bevölkerungsnahes&quot; Blatt ohne die Nähe zu einer klar umrissenen, organi­sierten Linken in den Sog der sogenannten „Profes­sionalisierung“ geraten wäre.&lt;br /&gt;So war die TAZ beispiels­weise mit linken Bewe­gungen nur über Einzel­personen und ihre Basisgruppen verbunden, was sich ziemlich schnell als zu locker herausstellte. Als die Verbindungen der berliner TAZ mit der Lin­ken nach und nach gekappt wurden, und ein rosa-grünliches Liberalenblatt geboren wurde, das Systemopposition nicht nur kritisiert, sondern geradezu verabscheut, zeigte sich wie wenig die verschiedenen Bewegungen von der Zeitung Rechen­schaft einfordern konnten. Das liegt zwar auch, aber eben nicht nur an der Schwäche einer konsequenten Linken in der BRD.&lt;br /&gt;Im Gegensatz dazu waren die Redak­teurinnen der baskischen Egin niemals nur sich selbst verpflichtet. Politische Ent­scheidungen, die außerhalb der Zeitung fielen, haben auf direktere Art und Weise die Entwicklung des Blattes mit­bestimmt. Daß sie dennoch nicht zum Zentralorgan geworden ist, bleibt das erfreuliche an der Egin.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Im Fadenkreuz der Repression&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Für diesen ziemlich erfolgreichen Kurs ist sie von staatlicher Seite in den letzten 16 Jahren immer wieder angegriffen worden. Das Zeitungsgebäude im Gewerbegebiet von Hernani gleicht einer hermetisch abgeriegelten Festung, in die man nur durch zwei kamerakontrollierte Türen kommt. Anschläge hat es trotzdem immer wieder gegeben: Ende der 70er gegen das Zeitungsgebäude, 1993 gegen Sendemasten von Egin Irra­tia, das Radio, das im gleichen Gebäude sitzt. Täter waren jene Todesschwadrone, die seit Francos Tod mit wech­selnden Namen operieren, aber wie bei mehreren Justizprozessen bewiesen wurde, eigentlich alle direkt mit den oberen Polizeibehörden zu tun haben. Der härteste Anschlag richtete sich im November 1989 gegen den Chefredak­teur Josu Muguruza. Der frühere Flücht­lingssprecher und Vordenker von HB wurde in Madrid von einem Todesschwadron niedergeschossen, als er und andere HB-Abgeordnete zum ersten Mal seit Jahren wieder an einer Sitzung des spanischen Parlaments teilnehmen woll­ten. Wie inzwischen auch gerichtlich nachgewiesen wurde, waren die beiden Attentäter hauptberuflich Polizisten und können nun, wenige Monate nach ihrer Verurteilung, mit einer Begnadigung rechnen; zumindest genießen sie schon jetzt großzügigste Haftbedingungen. Daß die Angriffe gegen die Egin keine Zufälle sind, ist auch aus den offiziellen Maßnahmen der Regierung ersichtlich. Seit Monaten versucht die Autonomiere­gierung in Gasteiz das Medium Egin scheinbar legal zu erledigen. Im Oktober 1992 wurde die Zeitung der intellektuellen Täterschaft für einen Brandanschlag angeklagt, weil sie ein Foto des Drogen­händlers und Polizeikollaborateurs Javier Herranz Gomez veröffentlichte, auf des­sen Auto einen Tag später ein Anschlag verübt wurde. Gegen den Direktor der Egin, Jabier Salutregi, wurde ein Haftbe­fehl erlassen, der erst 7 Monate später wieder aufgehoben wurde.&lt;br /&gt;Erfolgreich war die Regierungskampa­gne dagegen in einem anderen Fall: dem Egin-Sender wurde eine Strafe von über 100.000 DM aufgebrummt, weil das Radio eigenmächtig Sendemasten in der Provinz Bizkaia aufgestellt hatte. Die Regierung verweigert dem Radio seit Jahren eine Lizenz für diese bevölke­rungsreichste Provinz des Baskenlandes. Die Geldstrafe schließlich grenzt an Absurdität, wenn man weiß, daß alle baskischen Radios aufgrund der restrikti­ven Lizenzpolitik eigene Sendemasten aufgestellt haben, ohne daß dies in anderen Fällen zu Strafen geführt hat.&lt;br /&gt;Weitere Schläge erfolgten im Mai und Juni dieses Jahres, als die Zeitung ange­klagt wurde, ein Plakat der revolu­tionären Jugendorganisation Jarrai gedruckt zu haben. Die Anklage ist weit hergeholt, aber zeigt ihre Wirkung: das umstrittene Plakat, auf dem die Redak­teure der staatlichen Fernsehnachrichten als „Mörder&quot; tituliert werden, wurde im Handumdrehen als illegal deklariert, um darüberhinaus auch die hauseigene Druckerei der Egin anklagen zu können. Der Sprecher der baskischen autonomen Regierung Atutxa beschuldigte die Redaktion der Zeitung, Vorarbeit für ETA-Anschläge zu leisten, ein regie­rungsfinanziertes Plakat mit der Über­schrift „Die Egin recherchiert- die ETA exekutiert&quot; kam in Umlauf. Die Zeitung hat somit eine erneute Klage am Hals, die vier Redakteure, die sich hauptsäch­lich mit Recherchearbeiten beschäftigen, sind von Unbekannten mit dem Tode bedroht worden.&lt;br /&gt;Abgerundet wird die Anti-Egin-Kampa­gne schließlich durch einen staatlichen Anzeigenboykott. Während in kleineren Tageszeitungen wie Deia im Mai 1993 Regierungsanzeigen für 42 Millionen Peseten (ca. 500.000 DM) geschaltet wurden, erhielt die Egin nicht einmal 5 Mio, und das obwohl die linke Tageszei­tung fast doppelt so viele LeserInnen hat. Gesetzesgemäß wäre die Regierung verpflichtet, diese verdeckten Subventio­nen nach Auflagenzahlen und nicht nach politischen Kriterien zu verteilen, aber genausowenig wie HB, die staatli­che Wahlkampfkostenerstattung erhält, bekommt Egin Regierungsanzeigen. Man wolle keine destabilisierenden Zeitun­gen unterstützen, hieß es aus dem Innenministerium.&lt;br /&gt;Die Finanzsituation der linken Zeitung ist damit —zum wiederholten Male— höchst kritisch, obwohl die Auflage seit der Einführung des neuen Konzepts im Oktober um 25 % gestiegen ist. In einem Referendum mußten sich die Arbeiterin­nen der Egin dafür entscheiden, auf zusätzliche 13. und 14. Monatsgehälter und Lohnerhöhungen zu verzichten, und das bei nicht sensationellen Einkommen von z.T. gerade einmal 1200 DM.&lt;br /&gt;Die Egin wäre aber nicht die einzige revolutionäre Tageszeitung Europas mit Bedeutung, wenn sie nicht genau das machen würde, auf das hier niemand käme. „Wir können eine Isolierung nicht brauchen“, meinte der Chefredakteur von Egin Irratta, roseba Macias. und lud Spitzenkandidaten aller Parteien kurz vor den Wahlen im Juni zu einer Diskus­sion ins Radio. Bis auf die Sozialdemo­kraten kamen alle: da saßen im Gebäude von Zeitung und Radio Egin diejenigen, die versuchen, die beiden Medien auf jed­wede mögliche Weise zu erledigen und diskutierten mit Redakteuren über die anstehenden Wahlen und die Kampagne der Regierung gegen die Zeitung.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 24 Oct 2010 12:07:43 +0000</pubDate>
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 <title>taz und Radio 100</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/taz-und-radio-100</link>
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                    &lt;p&gt;Radio 100 ging am 1. März 1987 zum ersten Mal auf Sendung. Das Radio  wurde zur Stimme für fast alle irgendwie oppositionellen Kräfte in der  Stadt von den Immigran­tinnen über Alternative zur popkulturellen  Linken, von Kulturfreaks, Lesben und Schwulen bishin zur linksradikalen  &quot;Szene&quot;. Gleichzeitig begonnen die internen Auseinandersetzun­gen um die  politische Linie des Radios, und die Geldprobleme. Nach mehreren harten  Finanzkrisen war das Radio 1991 praktisch pleite. Durch eine  Soli-Kampagne und einen neuen Finanzierungsplan konnte der Zusammenbruch  jedoch abgewendet werden, bis in einem —eigentlich schon gar nicht mehr  kritischen Augenblick- der Geschäftsführer Timme Konkurs anmeldete.  Dahinter stand die Differenz Timmes zu dem seiner Meinung nach zu linken  Konzept des Senders. Wenige Wochen danach erhielt das französische  Unter­nehmen NRJ für einen neuen Sender „Energy&quot; die Frequenz. Seitdem  ist Berlin weitge­hend radiofrei, Hitparaden beherrschen den Äther.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;Die taz dagegen überlebte zwar, aber änderte deutlich ihr Gesicht.  Die Zeitung, die als Basisprojekt für eine links-grün-alternative  Sammelbewegung entstand, geriet schnell an die Grenzen des  Betroffenenjournalismus. Die basisorientierten Strukturen - lokale  Unterstützergruppen sollten noch dem anfänglichen Konzept die  Berichterstattung aus den Städten machen und als politisches Korrektiv  dienen - funktionierten nicht. Berichte waren schlecht geschrieben,  kamen zu spät oder gar nicht. Aufgrund dieser Erfahrungen mit der  politi­schen Basis, aber auch als Ausdruck politischer Veränderungen  strebte eine sich institutio­nalisierende Redaktion nach rechts. 1984  schließlich verbannte das Zeitungsprojekt konse­quent-linke Inhalte  weitgehend aus ihren Seiten. Zwar war das Blatt nie so eindeutig links,  wie es im Rückblick erscheint - die soziale Frage besaß für die taz  beispielsweise nie soviel Bedeutung wie die eher  mittelstandsorientierten sozialen Bewegungen -, aber ein Rechtsruck ist  dennoch unverkennbar.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Radio 100 ging am 1. März 1987 zum ersten Mal auf Sendung. Das Radio   wurde zur Stimme für fast alle irgendwie oppositionellen Kräfte in der   Stadt von den Immigran­tinnen über Alternative zur popkulturellen   Linken, von Kulturfreaks, Lesben und Schwulen bishin zur linksradikalen   &quot;Szene&quot;. Gleichzeitig begonnen die internen Auseinandersetzun­gen um  die  politische Linie des Radios, und die Geldprobleme. Nach mehreren  harten  Finanzkrisen war das Radio 1991 praktisch pleite. Durch eine   Soli-Kampagne und einen neuen Finanzierungsplan konnte der Zusammenbruch   jedoch abgewendet werden, bis in einem —eigentlich schon gar nicht  mehr  kritischen Augenblick- der Geschäftsführer Timme Konkurs  anmeldete.  Dahinter stand die Differenz Timmes zu dem seiner Meinung  nach zu linken  Konzept des Senders. Wenige Wochen danach erhielt das  französische  Unter­nehmen NRJ für einen neuen Sender „Energy&quot; die  Frequenz. Seitdem  ist Berlin weitge­hend radiofrei, Hitparaden  beherrschen den Äther.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;Die taz dagegen überlebte zwar, aber änderte deutlich ihr Gesicht.   Die Zeitung, die als Basisprojekt für eine links-grün-alternative   Sammelbewegung entstand, geriet schnell an die Grenzen des   Betroffenenjournalismus. Die basisorientierten Strukturen - lokale   Unterstützergruppen sollten noch dem anfänglichen Konzept die   Berichterstattung aus den Städten machen und als politisches Korrektiv   dienen - funktionierten nicht. Berichte waren schlecht geschrieben,   kamen zu spät oder gar nicht. Aufgrund dieser Erfahrungen mit der   politi­schen Basis, aber auch als Ausdruck politischer Veränderungen   strebte eine sich institutio­nalisierende Redaktion nach rechts. 1984   schließlich verbannte das Zeitungsprojekt konse­quent-linke Inhalte   weitgehend aus ihren Seiten. Zwar war das Blatt nie so eindeutig links,   wie es im Rückblick erscheint - die soziale Frage besaß für die taz   beispielsweise nie soviel Bedeutung wie die eher   mittelstandsorientierten sozialen Bewegungen -, aber ein Rechtsruck ist   dennoch unverkennbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anton war von 1987 bis zum Konkurs 1991 wesentlich am Berliner Alternativsender Radio 100 beteiligt. Imma gehörte von 1981 bis 1993 auf unterschiedlich­sten Posten - von der Redaktion bis zur Aboabteilung - zur taz. Beide waren in ihren Medienprojekten nicht einfach nur Mitarbeiterinnen, sondern traten oft als linke „Wortführerinnen&quot; auf. Umso über­raschter waren wir zu sehen, wie unscharf die Position der beiden hin­sichtlich der Entwicklung ihrer Projekte war. Vieles im Gespräch blieb allgemein. Entwicklungen wurden geradezu naturgesetzlich erklärt. Andere Punkte waren widersprüchlich.&lt;br /&gt;Das Gespräch erscheint uns ein Ausdruck davon zu sein, daß zwar Abgrenzungen gegenüber der taz stattgefunden haben, daß es aber kaum Analysen gibt, warum sich linke Massenmedienprojekte bisher in der BRD nicht halten konnten. Ohne behaupten zu wollen, daß wir praktische Antworten darauf hätten, war es schon einigermaßen erstaunlich, wie wenig konkrete Schlußfolgerungen aus den Erfahrungen bisher gezogen werden konnten. Selbst die (ehemaligen) Mache­rinnen können nicht so richtig erklären, was eigentlich passiert ist. Um realisierbare Konsequenz für zukünftige Medienarbeit drückt man sich herum.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;arranca! (a!): Laßt uns erst einmal mit einem Rückblick anfangen. Was waren die Sternstunden bzw. die schwärzesten Momente Eurer Projekte?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ANTON: Da fällt mir nichts ein...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Wieso, hatte Radio 100 keine Sternstunden?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Na ja, es gab so ein paar Tage, wo man das Gefühl hatte, etwas in Bewe­gung gesetzt zu haben. Wenn das Radio überhaupt eine Wirkung hatte, dann in Augenblicken, in denen es darum ging, einen bestimm­ten Informationsstand herzu­stellen. Aber auch dann hat sich das auf den Teil von Leuten beschränkt, die sich schon dazugehörig gefühlt haben. Es ist selten darüber hinaus gegangen. Ich finde, daß selbst die taz da noch mehr geleistet hat als Radio 100.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;em&gt;a!: Wenn ich mich an den Golfkrieg erinnere, glaube ich schon, daß die Anti-Kriegsproteste in Berlin ohne Radio 100 so nicht verlaufen wären. Das war, trotz eines bitteren Anlasses, eine Art „Stern­stunde&quot;.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Ich kann das nicht so genau beurteilen, weil unsere Außenwahrnehmung gering war. Die Macherinnen von solchen Projekten igeln sich in der Regel ja ein. Sie haben ihren Apparat zu bewältigen und kriegen nichts mehr mit. Selbst wenn es ein feedback gibt, sind die Leute so genervt, daß sie keine offe­nen Ohren mehr dafür haben. I: Bei der taz erinnere ich mich an zwei Sachen. Das eine war 1981 die Brokdorf- Demo. Da lief viel über die taz. Sowohl die Herrschenden als auch die Szene haben damals in die taz geschaut. Das andere Beispiel, das jetzt viel kürzer zurückliegt, ist die Rostock-Demo. Die haben wir praktisch über die taz organisiert. Das hat uns eini­ges zu denken gegeben. Wir waren ziemlich erstaunt, daß es auch in einem solchen Apparat noch Kräfte gibt, die einen Multiplikatoreffekt ermöglichen. Das war zwar keine Sternstunde der taz, aber es hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, kein Terrain preiszugeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Der schwärzeste Augen­blick?...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;I: Da müßte ich noch mal unterscheiden zwischen der Funktion, die die taz als Mei­nungsmacherin gespielt hat und der inneren Struktur der taz als Projekt. Die Verände­rungen in dem Projekt taz sind scheibchenweise gelau­fen, von daher läßt sich eine „schwärzeste Stunde&quot; gar nicht so genau benennen. Aber dieser Abbau der Selbst­verwaltungsstrukturen, das war schon harter Stoff.&lt;br /&gt;Was das inhaltliche betrifft, passiert es mir oft, daß ich heim Aufschlagen der Zeitung denke, „Mein Gott, was steht denn da&quot;. Aber darunter mein allerschlimmstes Erlebnis zu nennen, das kann ich nicht. Das müßtet Ihr als Leser eigentlich auch besser wissen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;em&gt;a!: Gab es dann für dich überhaupt einen Punkt, wo du sagen würdest, dort ist das Projekt gescheitert?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;I: Ich finde die Frage nach dem Scheitern von Projekten falsch. Denn alle Projekte „scheitern&quot;, sie laufen sich fest, ver­greisen. Die Frage ist für mich eher, ob Projekte in der Zeit, in der sie lebendig waren —und da kann jeder einen unterschiedlichen Zeitpunkt ansetzen, wo das geendet hat— etwas bewegt haben, und was sie an Strukturen und Maßstäben hinterlassen haben. Und in dieser Hin­sicht sind sowohl die taz als auch Radio 100 als Projekte erfolgreich gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Gab es bei Radio 100 einen Moment, wo das Projekt gekippt ist?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Natürlich, viel stärker als bei der taz. Bei Radio 100 war es geradezu put­schartig. Eine Diskussionsebene exi­stierte kaum, Intrigen- und Machtkämpfe entschieden die Entwicklung.&lt;br /&gt;Ich kann das bis heute nicht vollständig nachvollziehen: eine Person, damit meine ich jetzt gar nicht den berühmten Geschäftsführer, sondern das &amp;gt;Zünglein an der Waage&amp;lt; unter den Gesellschaf­tern hat den Zusammenbruch eingelei­tet. Und ich kann eigentlich bis heute nicht verstehen, warum er das gemacht hat. Davon gehabt hat er auf jeden Fall nichts: das Projekt ist kaputt gegangen. Der Konflikt in Radio 100 war also deutlich verschärfter als in der taz. Es gab einen Teil des Radios, der sich stark an der Entwicklung der taz orientiert hat, mit den Redakteuren von dort zusammensaß, und - das sollte man nicht vergessen- ja auch organisatorisch mit der Zeitung verbunden war. Die taz war ja Gesellschafter in der Radio- GmbH. Diese Leute wollten über die taz noch hinaus.&lt;br /&gt;Witzigerweise waren wir mit unserem Konzept immer in der Mehrheit, aber wir konnten das organisatorisch und administrativ nicht umsetzen. Wir konn­ten mit unserem 33% Anteil an der GmbH alles verhindern, aber nichts durchsetzen. Im Nachhinein glaube ich, daß wir, die wir Programm gemacht haben, die anderen, die Anti-Programm gemacht haben, einfach vor die Tür hät­ten setzen sollen. Das war Doofheit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;I: In gewisser Weise hat die Auseinan­dersetzung bei Radio 100 die Konflikte der taz weitergeführt. Deswegen war sie von Anfang an auch schärfer. Daran zeigt sich ein Grundproblem des linken, widerständigen Teils solcher Projekte. Daß wir nämlich in der Regel keine Ahnung vom Handwerkszeug, vom know-how haben. Diejenigen, die admi­nistrative Erfahrungen besitzen, neigen meistens zur anderen, der angepaßten Seite.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Würdet Ihr sagen, daß die Projekte daran gescheitert sind, daß sie zu heterogen waren? Oder ward Ihr dem inter­nen Machtkampf ganz einfach nicht gewachsen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Meine Kritik hei Radio 100 ist nicht seine Heterogenität, sondern daß der Laden mit der Zeit inflationär und beliebig wurde. Dahinter steht ein Geldproblem. Wenn du keine Kohle hast, brauchst du immer mehr Leute, die bereit sind, kostenlos irgendwas zu machen. Durch diesen Riesenkreis von Radiomachern gab es in Ausnahmen Highlights, im Normalfall allerdings plat­ten Blödsinn.&lt;br /&gt;Das mit dem Machtkampf habe ich ja schon gesagt. Wir hatten vor den Macht­kämpfen zu viel Angst. Wenn eine Macht zu ergreifen ist, dann ergreift sie sowieso jemand. Deswegen sollten wir die ersten sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;I: Das sehe ich anders. Mir leuchtet zwar ein, daß man die Konsequenz ziehen kann, aber ich würde sie nicht ziehen. Ich finde, wir müßten klar haben, was die Grenzen des Vertretbaren für uns sind, und innerhalb dieses Rahmens stär­ker ausreizen. Also z.B. nicht immer Angst davor haben, was die Szene über uns erzählt. Aber Machtpolitik, d.h. Intri­genpolitik, finde ich falsch. Was läuft, muß offen laufen und sich über ein Mehrheitsvotum durchsetzen. Wenn das nicht möglich ist, dann würde ich lieber eine Sache in den Sand setzen, und an einem anderen Punkt neu anfangen. Meiner Ansicht nach stellt sich allerdings vor allem das Problem, was wir inhalt­lich wollen. Ich überlege manchmal, ob es nicht Zeit wäre für eine neue linke Tageszeitung, und da denke ich, daß— unabhängig vom Geld und anderen Bedingungen— die Aufgabenstellung ein­fach nicht mehr so klar ist wie vor 15 Jahren. Da hatten wir doch einen ziemlich einfachen Begriff von Gegenöffent­lichkeit und —Information.&lt;br /&gt;Ich finde es sehr schwierig, sich von der normalen Meinungsverwurstung unab­hängig zu machen, ohne andererseits so etwas wie „Betroffenheitskult&quot; zu betrei­ben. Dadurch daß ich den einfachen Mann oder die einfache Frau auf der Straße befrage, kriege ich nicht unbe­dingt die Wahrheit zu hören. Deswegen wäre meine erste Frage eigentlich auch gewesen, was Ihr unter &amp;gt;alternativen Medien&amp;lt; überhaupt versteht. Alternativ zu was?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;a!: Wir benützen den Begriff der &amp;gt;alternativen Medien&amp;lt; sehr offen. Wir kön­nen einen Medien-Mainstream der Systemkonformität beobachten, und alles, was sich von links oppositionell dazu verhält, wäre demnach „alternativ&quot;. Das sagt natürlich noch nichts über die Qualität aus.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber ich habe bei der Entwicklung von taz und Radio 100 noch eine ganz andere Frage, nämlich das Konzept Basisjournalismus allgemein. Ich halte das längst nicht für so positiv, wie das meistens vertreten wird. Ich will nicht unbedingt der Professionalität das Wort reden, - weil Professionalität auch bedeu­ten kann, sich an eine vorherrschende Berufsauffassung anzupassen -, sondern ich meine journalistisches Können. Man muß Informationen und Meinungen ver­mitteln können, man muß eine Vorstel­lung davon haben, wie Kommunikation in der Gesellschaft abläuft, man muß dabei gleichzeitig im Kopf haben, an wen man sich richtet, wessen Sprache man spricht usw. Das sind Sachen, die lassen sich nicht erlernen, wenn man — wie die taz anfangs — Spezialisierungen grundsätzlich ablehnt und vertritt, daß alle alles können müssen. Es ist doch unsinnig, wenn immer dann, wenn einer oder eine gerade was gelernt hat, er oder sie herausrotieren soll...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;I: Ja, das macht keinen Sinn. Ich würde den Leuten eine vernünftige handwerkliche Ausbildung angedeihen und sich auf das spezialisieren lassen, wo sie von ihrem inhaltlichen und politischen Interesse herkommen. Aber ich würde sie dann auch zurückschicken, damit sie ein halbes Jahr da arbeiten, worüber sie nor­malerweise schreiben.&lt;br /&gt;Du merkst es in der taz immer, wenn Leute von ihrem Schreibtisch irgendwo­hin gehen, wo sie ihre Themen direkt erleben. Meistens sind es Auslandsjour­nalisten, die dann anfangen, ganz andere Artikel zu schreiben.&lt;br /&gt;Daß die Betroffenen selber schreiben, funktioniert nicht. Einmal, weil sie die journalistische Kompetenz meistens nicht haben, und zum anderen weil sie betriebsblind sind. Man vertritt logischerweise seine Interessen, wenn man direkt irgendwo drinnen steckt.&lt;br /&gt;Die Leute müßten also die Kompetenz und einen gewissen Abstand haben. Worum es dann geht, ist die Verbindung herzustellen, damit sie nicht ins gegen­teilige Extrem, in diese journalistische Fremdheit verfallen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Siehst du das auch so, Anton?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Ja, auf jeden Fall. Bei Radios ist Professionalität oder Können noch wich­tiger: du kannst nicht einfach wie hei einer Zeitung die Seite umschlagen, wenn ein Beitrag unerträglich ist.&lt;br /&gt;Das mit der journalistischen Fremdheit als anderem Extrem ist auch richtig. Du bist als Journalist schnell daran gewöhnt, deine Informationen ständig nur von den gleichen Institutionen zu beziehen. Das ist auch das Bild, das die taz heute abgibt. Nach meiner Erfahrung wäre die beste Lösung - auch wenn es ein bißchen zynisch klingt - nur mit einem kleinen Kreis von erfahrenen Leuten, die das Funktionieren gewährleisten, zu arbei­ten. Der größere Teil von Leuten, die inhaltlich schreiben, sollte sich dage­gen relativ häufig abwechseln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;I: Das hat auch mit einem Problem zu tun, das bei der taz sichtbar wird, näm­lich mit der Vergreisung. Das Projekt bleibt an Leute gebunden und die wer­den älter. Ich hätte es richtig gefunden, wenn sich die taz ver­jüngt hätte, d.h. ganz einfach die Alten müs­sen abtreten, die Klappe halten oder die Tickermeldungen durch­schauen. Aber die Zei­tung hat genau das, nämlich andere Mei­nung zuzulassen, nicht gemacht.&lt;br /&gt;Man merkt der Zeitung diesen Alterungsprozeß an: die Leute sind viel­leicht einerseits differen­zierter geworden, aber zum anderen sind sie desillusionierter. Es ist kein Raum mehr für Leute, die so ankom­men, wie die taz ursprünglich war: oft mit oberflächlichen Schnellschüssen, aber eben auch mit neuen Gedanken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Aber diese Vergrei­sung, die Ihr beschrieben habt, ließe sich ja auch anders beseitigen, als diese Leute hinauszuwerfen. Z.B. indem sie einfach wieder Verbindungen mit politi­scher Arbeit entwickeln...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;I: Das müssen die aber wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Du meinst, die meisten wollen das gar nicht mehr?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;I: Nein, weil es erfordern würde, sich auf Widersprüche einzulassen. Man muß sich Kommentare zum x-ten Mal anhören, die man falsch findet, die einem völlig gegen den Strich gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Wahrscheinlich müßte man Pro­jekte immer wieder neugründen, wenn sie sich überholt haben. Das Problem ist schließlich nicht nur eines der Redak­teure, sondern auch eines der Leser- oder Hörerschaft. Die altert genauso.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Ich glaube nicht, daß diese Vergrei­sung so zwangsläufig ist, wie Ihr es beschrieben habt. Mir geht es eher um ein anderes goldenes Kalb des &amp;gt;Basisjournalismus&amp;lt;, daß nämlich möglichst viel autonom ablaufen soll. Ich glaube, daß -wenn man sich die letzten Monate von Radio 100 anschaut- klar wird, wie sehr koordinierende Gremien notwendig sind. Damals konnte man um 15 Uhr ein ziemlich unpolitisches Jugendradio hören, um 17 Uhr die Hofberichterstat­tung der AL aus den Bezirksparlamenten und um 19 Uhr schließlich die für eine Szene gemachten Politprogramme. Kon­traste sind ja nun bestimmt nichts negati­ves, aber wenn es nur noch um eine beliebige Aneinanderreihung geht, dann läuft irgendwas falsch. Meine Frage ist: hat den alternativen Medien eine Chefre­daktion gefehlt?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;I: Was ist da dein Problem?...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Mein Problem ist, daß ich es nicht für einen Wert an sich halte wenn verschie­denste Programme miteinander vermischt werden, ohne daß es eine Auseinander­setzung zwischen ihnen gibt.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Das stimmt in mancher Hinsicht schon. Aber wenn du dich auf diese Argumentation wirklich einläßt, dann bist du ganz schnell bei den durchgenormten Kommerzradios, die nur für ihre Werbekundschaft spielen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Natürlich muß Widerstand einen Regenbogencharakter haben. Aber das Problem bei Radio 100 war -für Radio Dreyeckland in Freiburg kannst du es genauso sagen-, daß Programme nur noch von einzelnen gemacht und kaum noch abgesprochen wurden, daß über die Beiträge keine größeren Diskussio­nen stattfanden, daß sie zum Teil hundsmiserabel gemacht und für immer weni­ger Leute im Radio die Kräfteverhältnisse durchschaubar waren usw.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;I: Klar, wenn die Situation völlig festge­fahren ist, und die unterschiedlichen Gruppen nur noch auf Besitzstandwah­rung aus sind, dann ist das Scheiße. In der taz gab es 1983/84 auch eine Wagenburgmentalität, wo sich die ver­schiedenen Redaktionen abgeschottet haben, um keine Konflikte führen zu müssen. Dadurch konnten die Unter­schiede überhaupt nicht mehr fruchtbar gemacht werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Aber um sie fruchtbar machen zu können, brauchst du ja koordinierende Gremien, wo Auseinandersetzungen überhaupt stattfinden...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;I: Na ja....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Das ist jetzt aber auch die span­nende Frage: welche Instanzen gibt man sich. Mit diesen Instanzen entstehen ja auch die sich entfremdenden Speziali­sten, die Machtauseinandersetzungen beginnen usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Das hat mit der Frage nichts zu tun. Was Ihr die ganze Zeit diskutiert, ist die fehlende Erneuerung. Unsere Frage ist, wie man solche Projekte strukturieren kann.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Bei Radio 100 hatte es diese Dis­kussionen gegeben. Wir haben uns lange Gedanken über die möglichen Struktu­ren gemacht, haben aus­geklügelt, wie die unter­schiedlichen beteiligten Gruppen wo und wie Auseinandersetzungen miteinander führen. Und trotzdem hat das letzt­endlich nur dazu geführt, daß die Redak­tionen sich irgendwann - von den Konflikten abgenervt - isoliert haben. Das Strukturpro­blem halte ich einfach für ungelöst.&lt;br /&gt;Ich glaube, daß die ein­getretenen Entwicklun­gen mit Organisation nicht viel zu tun haben, sondern in gewisser Weise ein zwangsläufi­ger Prozeß waren. Das einzige, was wir machen können, ist uns darauf einzustellen und uns verschiedene Lösungen zu überlegen, z.B. ein Projekt zeitlich zu begrenzen. Vielleicht wäre es richtig, von vorne herein zu sagen „in 3 Jahren ist Schluß.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Ich finde, daß ihr es Euch mit der These von den unvermeidbaren Ent­wicklungen zu einfach macht. Eure Behauptung, eine bestimmte Vergrei­sung sei unumgänglich und das beste sei, Projekte zeitlich zu begrenzen, über­zeugt mich nicht. Im Gegenteil, ich glaube, wir müßten nicht noch schnellebiger, sondern vor allem kontinuierlicher werden. Das heißt nicht, sich inhaltlich zu versteifen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Natürlich gibt es auch alte Leute und Projekte, die flexibel bleiben. Bei der taz und Radio 100 hat die Versteifung vielleicht auch ganz einfach mit dem Sektierertum auf beiden Seiten zu tun gehabt, das ja in Berlin ganz beson­ders ausgeprägt ist. Die komplette Unfähigkeit, Pluralismus zuzulassen, die ständigen Versuche, die jeweils andere Fraktion herauszukantern, hat auch dazu geführt, daß man für Gedanken von außerhalb der eigenen Fraktion kaum noch offen war. Auch das bedeutet Ver­greisung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Damit widersprichst du genau dem, was du anfangs gesagt hast. Während du meintest, ihr hättet zu viele Skrupel mit der anderen Frak­tion gehabt, vertrittst du jetzt, ihr hättet Euch zu wenig auf Diskussionen eingelassen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Ich glaube, daß wir die Grenzen nicht klar bestimmt haben. Diskussionen sollten geführt werden und man sollte sich auch auf Unterschiede einlassen, aber man sollte auf der anderen Seite nicht den Fehler bege­hen, getroffene Entscheidun­gen aus Skrupeln nicht zu realisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Das verstehe ich trotzdem noch nicht: waren die Unter­schiede jetzt eine Belastung für das Radio oder waren sie eine Bereicherung?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Im Inneren bedeuteten sie permanente Kämpfe, d.h. sie waren eine Belastung, nach außen dagegen stellten sie sich wahrscheinlich als Bereicherung dar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Angenommen wir würden uns in absehbarer Zukunft wieder darum bemühen, ein Massenmedium zu machen. An was für ein Publikum müßte es sich richten? Wir haben vor dem Interview noch einmal in den Archiven gewühlt und den Eindruck bekommen, daß die taz eigentlich von Anfang an ziemlich abgeschlossen war. Das Projekt richtete sich an die aufkom­mende grüne Bewegung und an die linke Szene, die ja damals noch eng mit­einander verstrickt waren. Bei Radio 100 erschien uns das Konzept schon sehr viel überzeugender. Das war ein Sender, der in vieler Hinsicht offen war, gerade eben auch durch die Heterogenität des Programms. Das Problem, das sich daraus ergibt, haben wir ja schon beschrie­ben. Also was meint Ihr: an wen sollte sich ein solches Projekt richten?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Ich würde immer für ein Kon­zept wie das von Radio 100 plädieren, das Offenheit zuläßt. Ein Medium, das einen Wissensstand voraussetzt und damit das Publikum schon mal filtert, ist machtlos. Beim Radio hast du den grundsätzlichen Vorteil, daß Musik viel unvoreingenommener anspricht als Texte.&lt;br /&gt;Auf der anderen Seite mußt du dein Medium aber immer auch so machen, daß du selbst dahinterstehst. Du kannst nicht ein Programm machen, das du sel­ber doof findest, nur weil du dir denkst, daß es irgendeiner Zielgruppe gefallen würde. Das kriegen die Leute mit und lehnen es ab. Das Publikum ist deshalb gar nicht so sehr eine Sache der Kon­zepte, sondern mehr eines der Leute, die ein Radio oder eine Zeitung in die Hand nehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Aber es hat natürlich schon auch etwas mit der Außendarstellung zu tun. Wenn ich mich mit unterschiedlichen Leuten unterhalte, drücke ich mich anders aus. Das hat mit Verstellung nicht unbedingt etwas zu tun. Es ist zunächst nicht mehr als ein Eingehen auf die andere Person. Und da stellt sich natür­lich schon die Frage „wie sage ich etwas, damit mich wer versteht&quot;.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Die Hörerschaft im Radio defi­niert sich als allererstes immer über die Musik. Damit grenzt du mehr oder weni­ger eindeutig ein. Die politischen Inhalte sind dann meistens nur zweitrangig, was so weit geht, daß die Hörerschaft abnimmt, um so mehr Beiträge vorkom­men.&lt;br /&gt;Nur weil alle halbe Stunde ein progressiver Wortbeitrag gesendet wird, setzt du poli­tisch nichts in Bewegung. Das geht den Leuten ins eine Ohr hinein und aus dem anderen wieder hinaus. Inhalte sind eigentlich nur in bestimmten, zugespitzten Situationen wirk­lich wichtig. Normalerweise achtet die überwiegende Mehrheit der Hörerinnen nicht darauf, wie und ob du etwas sagst. Deswegen ist nicht der Inhalt zentral, son­dern vor allem das Milieu, das sich aus ganz unterschiedli­chen Sachen zusammensetzt: aus den informell transpor­tierten Werten, die auch über die Musik vermittelt werden, über die Persönlichkeiten, über die Initiativen, die Radios sonst allgemein tragen. D.h. es ergibt sich ein Gesamt­bild, eine Art Lebensgefühl.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;a!: Aber genau da wäre doch die Frage, wie weit man die­ses Lebensgefühl ausweitet. Bei Radio Egin gibt es z.B. ein zwei-stündiges Programm, das heißt „Triki&#039;s not dead&quot;. Triki Trixa ist die baskische Volksmusik. Wäre es nicht richtig, auch hier andere Musikrichtungen mit in einen linken Sender hereinzunehmen, um eben auch andere Bevölkerungsgruppen nicht von vorneherein auszuschließen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;ANTON: Volksmusik nicht, seichter Pop auf jeden Fall, würde ich sagen.&lt;/p&gt;


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