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 <title>arranca! - Literatur</title>
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 <title>...es war der Funke</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/4/es-war-der-funke</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Sante Notarnicola wurde am 15. Dezember 1938 in Süditalien geboren. Der Vater verläßt bald die Familie, die Mutter emigriert nach Norditalien, um dort, in Turin, das nötige Geld zu verdienen, um die Kinder zu ernähren. Kein ungewöhnliches Schicksal in süditalienischen proletarischen Familien. &lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Sante wächst in einem Internat auf. Mit 15 Jahren, 1953, emigriert er selbst nach Turin. Der Kontakt mit der Arbeitswelt, mit den Fabriken, läßt in ihm ein politisches Bewußtsein aufkommen. Er wird in der FGCI, dem Jugendverband der KP Italiens und später in der KP aktiv. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Angesichts der systemerhaltenden Rolle der KPI, die sich eindeutig gegen revolutionäre Aktionen stellt und eine immer abwiegelndere Position einnimmt, beginnt Sante 1959 mit anderen Kommunistlnnen Enteignungen bei Banken und Juwelierläden durchzuführen, um finanzielle Mittel für den Aufbau einer Guerilla zu besorgen. Am 3.0ktober 1967, einige Tage nach einem Zusammenstoß mit der Polizei, bei dem Sante und ein anderer Genosse entkommen konnten, wird Sante gefaßt. Im Prozeß wird von Sante und den anderen Angeklagten die politische Bedeutung ihrer Aktionen und das Recht auf Widerstand gegen die Ausbeutung betont. Sie werden zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. &lt;br /&gt;Im Knast beteiligt sich Sante am Aufbau revolutionärer Knastkämpfe, er schwört nie ab und verbringt daher zehn Jahre in IsolationshafL Nach 20 Jahren und acht Monaten Haft, davon elf Jahre in Hochsicherheitstrakten und fünf Jahre in Strafzellen, wird Sante am 19. 7. 1988 als Freigänger aus der Haft entlassen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;Sante findet draußen eine völlig veränderte Welt vor. Er wurde vor der Entwicklung einer großen politischen und sozialen Bewegung verhaftet und kam erst lange nach ihrer Zerschlagung aus dem Knast. Sante ist sich und der Bewegung treu geblieben, auf der Suche nach neuen Aktions-und Interventionsmöglichkeiten arbeitete er seit seiner Entlassung z.B. mit linksradikalen HipHoppern zusammen. Die römischen &quot;Assalti Frontali&quot; luden ihn ein, auf ihrer letzten Platte ein Gedicht vorzutragen. Sante dazu: &lt;br /&gt;&quot;Den Generationsabstand bedenkend habe ich mich gefragt, was der Funke war, aus dem die Beziehung entstanden ist, die mir erlaubt, mich an dieser Platte, einem typischen ugendprodukt, zu beteiligen. Zuallererst gibt es eure Neugier. Die Hunderte von Fragen, die ihr mir jedesmal stellt. Mir scheint, ihr habt auch die Deplaziertheit verstanden, die ich durch den Knast immer weiter erlebe und die sich in die Unendlichkeit zu schleppen scheint. Da ist euer Schmerz, der für immer an einigen Mauem Roms befestigt ist. Ich glaube, dieses einende Band entspringt vor allem dem üblichen lieben roten Faden, der die Generationen und die Wege, die Erfahrungen und die Kämpfe, die Gefühle und das Gedächtnis eines jeden Proletariers miteinander verbindet.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Gedichte stammen aus:&amp;nbsp; Sante Notarnicola, &quot;Die Kristalle des Himmels zerbrechen ..&quot;, 1990, GNN-Verlag. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich hab dich lieb &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nach fahren der gefangenschaft &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;bin ich inzwischen ein mann &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;der träume nicht scheut &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wenn auch verändert im gesicht &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und der seele&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;habe ich die ängste der kinder &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;aufbewahrt,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;die zartheit der instinkte &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und die augen weiten sich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wenn ich liebe &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und ohne röte sage: &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich hab dich lieb &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Knast von Favignana, 4.9.1974 &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mit großer &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mehrheil &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;habe ich mich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;gewählt &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ohne diskussionen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ohne mittelsmänner &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;habe ich gewählt &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und basta &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ins parlament &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;der menschlichkeit &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;habe mein leben &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;entschieden. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Knast S. Vittore 14.4.1970 &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;verabredung im gefängnis &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mit den letzten münzen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;habe ich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;in gedanken &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;einen teller kaltes fleisch &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eine zitrone &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eine flasche rotwein &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eine schachtet zigaretten &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eine ansichtskarte &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und eine rose gekauft &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;es war alles bereit, meine geliebte &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und du bist nicht gekommen . &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Knast Procida 28.7.1972&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ein streit &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Iissabon &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;kamst du zurück mit einem foto. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;schmollend. verschlossen, &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;lehntest du erzählungen und lachen ab. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Iissabon ist das ufer eines anderen meeres) &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;es war an dir, die stille zu brechen: &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;weißt du, sagtest du, in Iissabon &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;haben die bougainvilléen andere &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;farben als bei uns. dort &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;gibt es weiße, gelbe &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und sogar rote, denk nur... &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und erst dann verstand ich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wie sehr ich dir fehlte. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Knast von Nuoro 7.8.1979&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zuchthaus &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;dort wo es am feuchtesten war &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;errichteten sie einen enormen festungsgraben &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und in den fels gruben sie nischen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und versperrten sie &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;dann &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;bauten sie kommandostände und wachtürme &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und stellten soldaten hinein &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;als posten &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie ließen uns &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;den kasack anziehen, &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nannten uns verbrecher &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und schließlich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wollten sie den himmel versperren &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ganz gelang es ihnen nicht &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;hoch oben &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sehen wir dem flug der möwen nach. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Favignana 1.6.1973&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 02 Mar 2014 13:03:11 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Sprache als Zuflucht</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/4/sprache-als-zuflucht</link>
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                    &lt;p&gt;&quot;Ni ez naiz hemengoa&quot; (wörtlich: Ich bin nicht von hier) lautet ein 1984 von Sarrionandia noch im Gefängnis geschriebenes Buch. Der 1958 in Durango geborene Baske wurde als 22jähriger wegen ETA-Mitgliedschaft zu 28 Jahren Haft verurteilt. 1985 gelang ihm jedoch, nach einem Benefizkonzert in einem Lautsprecher versteckt, die Flucht aus dem Gefängnis von Martutene. Seitdem lebt Sarrionandia, der im bürgerlichen Literaturbetrieb als einer der anerkanntesten Schriftsteller Euzkadis gilt, irgendwo auf der Welt in der Kladestinität. Erst jetzt wurde sein erstes Buch in Deutsche übersetzt. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Libertäre Assoziation veröffentlichen wir als Vorabdruck einige von uns zusammengestellte Notizen aus &quot;Ni ez naiz hemengoa&quot;, das im August für etwa 20 DM im Buchhandel zu haben sein wird.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Joseba Sarrionandia: Ni ez naiz hemengoa.&amp;nbsp; Verlag Libertäre Assoziation / Übersetzung Ruth Baier&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&quot;Ni ez naiz hemengoa&quot; (wörtlich: Ich bin nicht von hier) lautet ein 1984 von Sarrionandia noch im Gefängnis geschriebenes Buch. Der 1958 in Durango geborene Baske wurde als 22jähriger wegen ETA-Mitgliedschaft zu 28 Jahren Haft verurteilt. 1985 gelang ihm jedoch, nach einem Benefizkonzert in einem Lautsprecher versteckt, die Flucht aus dem Gefängnis von Martutene. Seitdem lebt Sarrionandia, der im bürgerlichen Literaturbetrieb als einer der anerkanntesten Schriftsteller Euzkadis gilt, irgendwo auf der Welt in der Kladestinität. Erst jetzt wurde sein erstes Buch in Deutsche übersetzt. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Libertäre Assoziation veröffentlichen wir als Vorabdruck einige von uns zusammengestellte Notizen aus &quot;Ni ez naiz hemengoa&quot;, das im August für etwa 20 DM im Buchhandel zu haben sein wird.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Den Kalender betrachtend&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich schaue auf den Kalendar: 2. Februar 1984. Sonnenaufgang 7,23. Sonnenun­tergang: 17,33. Erstes Viertel des Mondes in 10 Tagen. ­Ein armseliges Sprichwort und die Namen von drei oder vier Heiligen.&lt;br /&gt;Die Sonnenstrahlen gelangen nur manchmal mit ihren zittrigen und flüchtigen Liebkosungen in die Zelle. Wolkengruppen ziehen vorbei, mit dunklen Bäuchen und weiß überzogenen Schultern. Der Wind treibt sie eifrig, der gleiche kalte und hochmütige Wind, der sich an den Winden des Gefängnisses zu schaffen macht und an einigen im Hauf aufgehängten Kleidungsstücken zerrt. Alles geschieht auf der anderen Seite des Fensterglases. &lt;br /&gt;Das Radio sagt, daß in Madrid 1000 Polizi­sten auf der Suche nach dem Kom­mando sind, das letzten Sonntag einem General der Streitkräfte ein Ende berei­tet hat. Es ist drei Uhr nachmittags, wir sind in den Zellen eingeschlosssen und an anderen Fenstern sehe ich die eine oder andere dunkle Figur. Die Scheiben beschlagen nicht, denn drinnen ist es genauso kalt wie draußen. &lt;br /&gt;Ich habe einen Brief von einem Flücht­ling bekommen, der sich in der Kathe­drale von Bayonne im Hungerstreik befindet, und der, wie er im Brief sagt, nur noch Haut und Knochen ist. &lt;br /&gt;Die Spatzen verstecken sich kälteschau­dernd unter den Dachziegeln, dann schnellen sie wieder aufgescheucht in die Luft und stellen mehrmaliges, kurzes Auffliegen zur Schau, voller dabei die Federn zu verlieren. Im Hof ist nichts, allein der bewegt sich am Boden und Wasser in den Pfützen auf. &lt;br /&gt;Heute beginnt im chinesischen Horoskop das Jahr der Ratte. Die Chinesen sagen, es wird ein Jahr des Konflikts und der Veränderung sein, und da sie in der Mehrheit sind, haben sie sicher Recht.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;2. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ein Junge ist gestorben&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;letzte Nacht hat die Polizei in einer Wohnung in Barrakaldol (1) einen Jungen erschossen, zwei schwer verletzt und zwei weitere festgenommen, die, wie es in der Presse heißt, unverletzt blieben, doch auch sie mußten ins Krankenhaus eingeliefert werden, nachdem sie die Polizeiwache durchgemacht hatten. &lt;br /&gt;Den Jungen, der gestorben ist, Inaki Ojeda, nannten wir &lt;em&gt;Txapel &lt;/em&gt;(2). Ich lernte ihn in Carabanchel kennen, und danach waren wir lange Zeit gemeinsam in Puerto de Santa Maria, bis er letztes Jahr freigelassen wurde. &lt;br /&gt;Er schrieb Gedichte, und einmal, in Puerto, saß er fast drei Monate in Straf­haft, weil irgendein Beamter bei der täg­lichen Zellenfilzung das reichhaltig Geschriebene des Gefangenen durchfor­stete und Gedichte fand, die gemäß der Einstufung des Beamten gegen Strafvollzug gerichtet waren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;16. Februar&lt;br /&gt;(1) Arbeiterstadtteil von Bilbao&lt;br /&gt;(2) Hut&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Eingeschlossen in den Zellen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Heute haben wir mit einer Protestaktion gegen die Anstaltsleitung begonnen. Seit heute morgen, als wir uns nicht fürs Durchzählen sichtbar in den Zellen gestellt haben, wurden die Türen von den Beamten nicht aufgeschlossen. So werden wir bestraft und bleiben den ganzen Tag in den Zellen eingeschlos­sen. Nur ein kleines Radio und ein paar Bücher, um uns die Zeit zu vertreiben, drei Schritte zur einen Seite und nochmal drei zurück. Auf jeden Fall schafft es eine gewisse Freiheit, keinem Befehl von niemandem gehorchen zu müssen, eine Freiheit die so klein ist, daß sie, um es irgendwie zu sagen, in die Handfläche paßt. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;22. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der graue Falke und Al&amp;nbsp; Mu&#039;tamid&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nachdem er unzählige Male die Hügel und Wege der Umgebung von Valencia durchquert und dort viele Überfälle gemacht hatte, wurde der berühmte Bandit, dem die Leute den Namen &lt;em&gt;Grauer Falke&lt;/em&gt; gegeben hatten, gefangen­genommen und so, wie alle es vorher­gesehen hatten dazu verurteilt, am Kreuz zu sterben. In jenen Zeiten fes­selte man den Verurteilten an einen Stamm und ließ ihn dort, bis der Tod ihn übermannte. Der Graue Falke wurde vor den Toren der Stadt gekreu­zigt und, umgeben von seiner Frau und seinen Kindern, die in Trauer und Schmerz versunken waren, erwartete er seine letzte Stunde; und er wußte nicht, was er seiner Familie hinterlassen sollte. Da kam ein Stoffhändler des Weges. Der Graue Falke bat ihn von seinem Kreuz aus, sich zu nähern. Er erzählte ihm die Geschichte seines Banditenturns und erklärte, daß er für seine Frau und seine Kinder sorgen wolle, bevor er sich der letzten Ruhe überließe. Er erzählte dem Händler, daß er vor nicht allzu lan­ger Zeit einen Schatz geraubt hatte, den er in einen tiefen Brunnen, der sich in der Nähe befand, geworfen hatte, bevor er dem König ins Netz gegangen war, und er flehte ihn an, aus Mitgefühl für seine Familie jenes Geld holen zu gehen und es seiner Witwe zu geben. Der Händler willigte ein, überlegte aber, daß er sein Reittier etwas schwerer bela­den könne, anstatt das Geld der Familie jenes unglückseligen und dummen Ban­diten zu geben. So kam es, daß der Händler sich zu dem Brunnen begab und sich daran machte, den Strick hin­abzuklettem. Da durchschnitt die Frau des Gekreuzigten einer Kriegslist fol­gend das Brunnenseil und nahm das Reittier und die Stoffe des Händlers an sich. Sie verkaufte alles auf dem Markt und erzielte im Austausch dafür eine beträchtliche Summe. Währenddessen holten die Leute, die von den Schreien aus der Tiefe des Brunnens herbei­gelockt worden waren, das durchnäßte Männchen heraus und vernahmen die Erzählung des getäuschten Händlers. Und von einem Mund zum anderen gelangte sie bis zum König von Sevilla. Nachdem der König Al Mu&#039;tamid die Geschichte gehört hatte, befahl er, den Gekreuzigten vorzuführen. Der König fragte den Grauen Falken, wie er noch vor den Toren zur Hölle ein neues Ver­brechen habe anzetteln können. Dieser antwortete, daß es wunderbar sei zu rauben und daß der König, wenn er wüßte, wie wunderbar es sei, seinen Thron verlassen und zum Banditen wer­den würde. Daraufhin setzte Al Mu&#039;Tamid, der Dichterkönig von Sevilla, das Urteil außer Kraft und machte ihn zu seinem Leibwächter. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;23. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Barathallako Elhurra Zur&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Heute schneit es, doch auf einzigartige Weise, sehr wenige Flocken, und sie fallen nicht von oben nach unten wie Regen, wie Schnee, sondern sie fliegen von einem wirren Wind getrieben herum, bewegen sich, wirbeln von rechts nach links und von unten nach oben, wie Fliegen in tollem Flug. Der Schnee von heute fällt nicht wie Schnee, die Flocken sind weiße, stumme Fliegen, die auf der anderen Seite des Fensterglases kreisen, in der Luft eine Winterpolka tanzen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gestern Nachmittag haben sie Enrique Casa getötet, den Spitzenkandidaten der PSOE von Guipuzcoa, und heute kennt das Radio kein anderes Thema als den Generalstreik, der im Baskenland statt­findet.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;Wir sind noch immer in den Zellen ein­geschlossen. Um die wachhabenden Beamten nicht zu sehen, ist es fast bes­ser, wenn sie die Tür den ganzen Tag nicht öffnen. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;24. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(..) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Argument der Tautologie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Tautologie ist ein Weg, etwas mit­ mittels seiner selbst zu definieren.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&quot;Wenn wir keine Erklärung haben&quot;&lt;/em&gt;, sagt Roland Barthes, &lt;em&gt;&quot;verschanzen wir uns hinter der Tautologie, so ebenso wenn wir Angst empfinden, Verwirrung oder Trauer.&quot; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Wir greifen auf die Tautologie zurück, wenn wir sprachlos sind oder keine Erklärung haben. Als Beweisgrund ist die Tautologie eher ein Zustand als ein Werkzeug. Die Tautologie ist ein Zustand oder eine Zuflucht, ebenso wie die Angst, die Verwirrung oder die Trauer. Darüberhinaus, daß sie eine Argumentationsform ist, ist die Tautolo­gie eine Daseinsform.&lt;br /&gt;Ich rufe mir ein Kindergespräch ins Gedächtnis, und sicher werden alle, die einmal Kinder waren, diese Situation wiedererkennen:&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Das ist so. &lt;br /&gt;- Warum? &lt;br /&gt;- Weil ja. (1)&lt;br /&gt;&amp;nbsp;Wir hatten wenige Erklärungen, die Wirklichkeit war ein nahezu unbekann­tes Gebiet, das Wissen eine unerreich­bare Schachtel voller Antworten. Die Tautologie war unser Weg, die Welt kennenzulernen und in ihr zu leben, die Art und Weise, unser Kleinsein zu akzeptieren.&lt;br /&gt;Dessenungeachtet ist die Tautologie in den meisten Fällen ein Argument der Autorität. Das hochrangigste und genau­este Argument der Autorität. &lt;br /&gt;- Das ist so. &lt;br /&gt;- Warum? &lt;br /&gt;- Weil es eben so ist.&lt;br /&gt;Und es gibt eine andere, noch überzeu­gendere Antwort, vollkommen rund, wo auch immer sie auftaucht: &lt;br /&gt;- Das hat mir gerade noch gefehlt! &lt;br /&gt;Unsere Kindheit ist vorbei, die Welt hat sich uns zivilisiert, und wir wissen nun zehnmal mehr, vielleicht, denken wir an die Grammatik (2), doch unsere Form der Auseinandersetzung mit der Welt hat sich nicht allzusehr verändert. &lt;br /&gt;Wenn unsere Sprache die Wirklichkeit nicht in ihrem ganzen Umfang erfassen kann, greifen wir auf die Tautologie zurück. Wir stellen das, was ist, im Arrangement mit dem, was sein soll, dar, wir erklären das, was zu tun ist, mit dem Geschehenen, wir zwingen den anderen und uns selbst die tautologische Sprache des schon bestehenden auf.&lt;br /&gt;Und es scheint, daß die Tautologie von der postmodernen Denkweise übernommen worden ist: &quot;die Tautologie ist das einzige wirklich Wahre&quot;, schreibt der Philosoph Jean Beaudrillard.&lt;br /&gt;Doch die Tautologie bringt uns zur leeren Sprache, zum hohlen Denken, zum unbewohnten Leben. Die Tautologie ist der Schutzschild des Mangels und des Konservativen. Und man muß sich über die Tautologie hinwegsetzen, genauso wie man die Angst und die Verwirrung und die Traurigkeit überwinden muß, zum Wissen hin, zur Freiheit, zur Hoff­nung auf Freiheit zumindest. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;25. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;(1) Im Original heißt es wie folgt. &quot;-Zergatik? / -Zebai irristatzen zitzaigun erdarrenimitzioz / -Zergatik? hagatik -ere esaten genuen&quot;. Hier wird auf einen grammatikalischen Fehler angespielt, der durch den Einfluss des Spanischen häufig vorkommt, er erweist sich jedoch als nicht übersetzbar.&lt;br /&gt;(2) Er bezieht sich auf den zuvor erwähnten Hispanismus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Kuckuck auf der Brücke von Rom&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Man sagt, am 5. März sänge der Kuckuck das erste Mal auf der Brücke von Rom. Von hier aus hört man den Kuckucksruf nicht. Gelänge er hierher, träge er uns womöglich mit den Hosentaschen so leer wie immer an.&lt;br /&gt;Heute denke ich an dich, an dich, die du gerade liest. Zunächst weiß ich noch nicht einmal wer du bist. Also, für wen schreibe dich?&lt;br /&gt;Ich schreibe nicht für mich selbst, obwohl ich ziemlich viel lese, in meiner Zelle kein einziges Buch ungelesen bleibt. Ich schreibe für niemanden im Besonderen, auch nicht für eine bestimmte Art von Leuten, und viel weniger noch für jeden.&lt;br /&gt;Wie dem auch sei, ich vermute, daß ich für irgendjemanden schreibe, ich habe die vage Hoffnung, daß mein Geschrie­benes dich, wer auch immer du sein magst, unterhält. Ich mache Töne und warte auf irgendein Echo von der ande­ren Seite. Meine Frage, wenn auch schon in der Vergangenheit verhallt, verlangt nach deiner Antwort. &lt;br /&gt;Ich sage &quot;In der Vergangenheit verhall­tes Verlangen&quot;, denn was ich dir in die­sem Tagebuch erzähle, liegt weit zurück. Ich weiß nicht, wann du diese Blätter lesen wirst, aber du hast einen Vorteil , du weißt schon, was morgen passiert ist, übermorgen. Vielleicht sind ein oder zwei Jahre vergangen, und was unterdessen passiert ist, weißt du genau. Du weißt mehr als ich, und meine Beobachtungen mögen dir töl­pelhaft erscheinenen von deiner höheren Zeitebene aus. Vielleicht wird das Meine dereinst statt Frage Erinnerung sein.&lt;br /&gt;Ich höre schon den Kuckuck. Ah, es ist nicht die Brücke von Rom. Es ist der Genosse in der Zelle nebenan, der täu­schend echt das Trillern der Vögel nachmacht.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;5. März &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;El Puerto de Santa Maria&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es geschah letzten Sommer. Wir betei­ligten uns an einem Aufstand im Gefängnis von Carabanchel, und nach ziemlich vielen Stunden des Widerstan­des wurden &#039;Wir von der Polizei nieder­gemacht. Zwanzig von uns wurden sofort nach Puerto de Santa Maria ver­legt, in Strafzellen, mit Auflage von einem Monat Sonderhaft. Was ich erzählen möchte, geschah in diesen Iso­lationszellen: &lt;br /&gt;Es war ein drückender Nachmittag, die Mücken beherrschten wie immer alles und jeden, drinnen und draußen, ohne sich um die Gitter zu scheren. Jeder Gefangene in seiner Zelle, alles war ruhig, bis auf das ein oder andere Krei­schen eines Schlüssels oder einer Tür. Plötzlich öffnete sich auf dem Gang der anderen Seite eine Tür, und es waren Schreie zu hören. Ich näherte mich dem Fenster, auf dem Gang gegenüber war eine Diskussion im Gange, drei oder vier Zellen weiter rechts, und ich konnte nicht jedes Wort hören: &lt;br /&gt;- Und Sie werden mich nicht schlagen! &lt;br /&gt;- Und ob ich das werde!&amp;nbsp; - und ich erkannte die Stimme eines Beamten. &lt;br /&gt;Unmittelbar darauf ertönten Schlüssel, ein kangrejo wurde geöffnet. Schläge und Schmerzensschreie des Geschla­genen hallten. Ich begann in dem Moment, gegen den kangrejo meiner Zelle zu schlagen, in dem alle anderen Gefangenen das Gleiche taten, und der ohrenbetäubende Tumult der Türen bei­der Gänge breitete sich aus. &lt;br /&gt;Als wir Ruhe gaben, hörte man immer noch die Diskussion zwischen dem Gefangenem und dem Beamten. &lt;br /&gt;- Und du hast nicht die cojones (1), mich nochmal zu schlagen! - sagt die sehrner­zerfüllte und pathetische Stimme des Gefangenen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Siehst du? - sagt der Beamte - Siehst du? Oder was? Willst du, daß ich dich zu Brei mache?&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Hör auf, Macho! -sagt ein anderer Beamter. &lt;br /&gt;Wieder schlugen wir gegen die Türen. Nach einer Weile trat Ruhe ein. Der Gefangene sagte uns durch das Fenster, daß sie ihn geschlagen hatten, daß er sich schlecht fühle und seine Ruhe haben wolle. Und alles kehrte zum täg­lichen Schweigen zurück.&lt;br /&gt;Eine Stunde später brachten sie das Abendbrot, und ich erkannte die Stimme des Schlägerbeamten. Er selbst öffnete die Tür, mit verbundener Hand. Er schaute herein, sie stellten die Ver­pflegung hin, und er verriegelte eilig die Tür. &lt;br /&gt;Stunden später, um elf Uhr abends, machten sie das Licht aus, und es blieb nichts anderes, als sich ins Bett zu legen. Eine Tür öffnete sich auf dem Gang und Bruchteile einer Unterhaltung waren zu hören, doch ich legte mich hin, ohne mich darum zu kümmern. Ich schlief schon, als mich Licht und Türgeräusch auf einmal weckten: &lt;br /&gt;- Haben Sie das von heute Nachmittag mitbekommen? -fragt der Beamte mich.&lt;br /&gt;Langsam kam ich zu mir, wobei ich den Kopf zwischen den Decken heraus­streckte, ohne die Augen völlig offen­halten zu können, überrascht und bene­belt. &lt;br /&gt;- Na klar, um zu sehen, ob das Geprügel aufhört. &lt;br /&gt;- Sie Politischen sind zivilisiertere Leute, aber mit diesen Leuten kommt man nicht klar, die sind dazu in der Lage, den Erstbesten umzubringen, Sie sind viel...&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Ich vermute, daß ihnen nichts anderes übrig bleibt, als das zu tun, was sie tun. Unter den Bettlaken nackt, sah ich den Beamten in der Tür stehen, in einer Nacht, in der alles übrige Schweigen war. &lt;br /&gt;- Und was halten Sie von dem von heute Nachmittag? - fragt er mich &lt;br /&gt;- Nun, daß es nicht in Ordnung ist, eine Person zu Brei zu schlagen, die sich zudem nicht verteidigen kann. &lt;br /&gt;Er stützte den Ellbogen auf dem kan­grejo auf, wobei er die verbundene Hand hochhielt. Bei den Gefangenen wird die Sicherheitstür, die Gittertür, die es zusätzlich zur gewöhnlichen Tür im Innern der Zelle gibt, kangrejo genannt.&lt;br /&gt;- Ich mußte es tun, weil er mich provoziert hat. Haben Sie das nicht gesehen?&lt;br /&gt;- Was soll ich Ihnen ich sagen? - antwortete ich.&lt;br /&gt;- Jetzt wissen Sie ja, wie es gewesen ist - sagt er, wobei er in seine Worte so etwas wie eine Drohung einfließen läßt, oder einen Hinweis, oder einen Rat.&lt;br /&gt;Er verschloß die Tür, löschte das Licht und ging. Durch das Fenster sah man die Nacht sternenübersät, aber es gab Mücken und war heiß. Und als das metallische Geräusch verklungen war, das Hallen der Stiefel auf dem Gang, kehrte alles zur gezwungenen Stille zurück, zum erdrückenden Frieden. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;9. März &lt;br /&gt;(1) cojones (span. Schimpfwort): Hoden&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Journalismus&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Napoleon Bonaparte wurde vom April 1814 an, als als er in Fontainebleau abdankte, auf der Insel Elba gefangen­gehalten, bis er im Frühling 1815 sein Heer wieder vereinte und beschloß, nach Paris zurückzukehren. Die Schlagzeilen der Pariser Tageszei­tung Moniteur Universel im Laufe jenes März sind in der Tat verblüffend, denn sie geben einzigartiges Zeugnis vom Vorrücken des Ex-Kaisers:&lt;br /&gt;9. März:&lt;em&gt; &quot;Das Ungeheuer ist seiner Verbannung entwichen&#039;&#039;. &lt;/em&gt;10. März: &lt;em&gt;&quot;Der korsische Menschenfresser ist in St. Jean gelandet&quot;.&lt;/em&gt; 11. März: ,&lt;em&gt;,Der Tiger ist in der Gegend von Gap aufgetaucht&quot;. Die Heere rücken dorthin vor, um seinen Vormarsch aufzuhalten. Sein verabscheuenswertes Unterfangen wird, wie andere Verbrechen, ein Ende in den Bergen finden&quot;.&lt;/em&gt; 12. März: &lt;em&gt;&quot;Das Ungeheuer hat die Stadt Grenoble erreicht&quot;&lt;/em&gt;. 13. März: &lt;em&gt;&quot;Der Tyrann befindet sich jetzt in der Gegend von Grenoble und Lyon. Sein Erscheinen hat die Welt in Schrecken versetzt.&quot;&lt;/em&gt; 18. März: &lt;em&gt;&quot;Der Usurpator wagt sich bis zu einem siebzig Stunden Fußmarsch von der Hauptstadt entfernten Punkt vor&quot;&lt;/em&gt;. 19. März: &lt;em&gt;&quot;Bonaparte rückt raschen Schrittes vor, sein Einmarsch in Paris ist unmöglich&quot;&lt;/em&gt;. 20. März: &lt;em&gt;&quot;Napo­leon wird morgen an die Mauern von Paris gelangen&quot;&lt;/em&gt;. 21. März: &lt;em&gt;&quot;Kaiser Napoleon ist in Fontainebleau&quot;. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;22. März: &lt;em&gt;&quot;Gestern Nachmittag hat seine Hoheit der Kaiser seinen öffentlichen Einzug in die Tuilerien gefeiert. Nichts kann den allumfassenden Jubel übertreffen&quot;.­&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;20. März &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;nbsp;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bei abnehmendem Mond&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gestern, um zehn Uhr abends, hat allen Anschein nach ein Kommando CAA (1) versucht, mit einem Boot Typ Zodiac in Pasajes einzulaufen, die spa­nische Polizei erwartete sie in einem Hinterhalt und tötete sie mit mehreren Schüssen, als sie an Land gingen. Pedro Mari Isart und Dionisio Aizpurua de Azpeitia und Jose Marti Izurza und Raf­ael Delas de Pamplona fielen tödlich getroffen, jeder von mehr als zwanzig Kugeln. Sie sind ganz schön tot, hat der Gouverneur von Guipuzkoa im Radio erklärt. &lt;br /&gt;Auf der Tankstelle von San Martln de Biarritz haben sie heute mittag Xabier Perez de Arenaza aus Mondragón getö­tet. Wie es scheint, hat sich jemand an ihn herangemacht, während er sein Auto volltankte, und von nahem auf ihn geschossen. Unmittelbar darauf erklärte sich die Gal (2) verantwortlich. Hier ist der Nachmittag trist. Seit über einem Monat haben wir die Zellen nicht verlassen, und zudem kommen keine guten Nachrichten rein. Manch­mal hat man das Gefühl, daß unsere Toten und unsere Träume sich in den Hohlräumen der Erde ansammeln. &lt;br /&gt;Vom Fenster aus fällt der Blick auf den Hof voller Müll und Pfützen. Manchmal sieht man Kaulquappen, die sich mit kurzen, nervösen Schwanzschlägen bewegen. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;23. März&lt;br /&gt;(1) Bis 1985 existierende autonome Guerilla.&lt;br /&gt;(2) GAL: Grupo Antiterrorista por la Liberación (Antiterroristische Gruppe für die Befreiung); Paramilitärische, von der spanischen PSOE-Regierung geheim finanzierte Organisation, die von 1983 - 1987 in Iparralda agierte und in dieser Zeit 27 Morde an baskischen Flüchtlingen beging und mehrere Dutzend verletzte. Nach dem Rückzug der GAL begann die französische Regierung, vermeintliche ETA-Mitglieder an den spanischen Staat auszuliefern. Der 94 untergetauchte und wegen Korruption gesuchte Chefpolizist Roldán war am Aufbau der GAL aktiv beteiligt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Faßt die Malerei nicht an&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ezkurdi (1), ein Steineichenwald wurde unter dem Einsatz riesiger Bagger und einiger Arbeiter zu einer sonderbaren Marmorarchitektur. Gärten, Teiche, kleine Brücken und weicher Rasen. Als wir Jungen sie zum ersten Mal betraten, hatten wir Angst, etwas zu berühren. Später machten wir uns alles durch Beruhren zu eigen, manchmal steckten wir eine Zigarette zwischen die Bronze­lippen von Fray Juan de Zumarraga, oder wir stahlen dem armen Geflügel im Taubenschlag Federn, denn wenn Nacht wurde, war jenes Gebiet in unserer Hand.&lt;br /&gt;Die siebte Dekade des Jahrhunderts&amp;nbsp; nahm ihren Anfang, und für uns begann die zweite des Lebens.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dort, in Ezkurdi, unter dem Schutz des ersten Bischofs von Mexico, die Trep­pen hinunter und halb um einen Teich herum, wurde eine Kunstgalerie einge­weiht. Auch diese betraten wir beim ersten Mal mit Zurückhaltung. An der Tür gaben uns ein paar unbekannte Männer ein paar Eintrittskarten, ohne sich weiter um uns zu kümmern, einer war Leopoldo Zugaza und der andere ]ose Julian Bakedano. So betraten wir also mit unseren Eintrittskarten die lange Galerie und beschauten die bun­ten, sich wie ein Ei dem anderen glei­chenden Bilder, die an der linken Wand hingen. &lt;br /&gt;Dann hielten wir vor einem der Bilder ein. &quot;Kann man es anfassen?&quot;, fragte mein Freund. &quot;Bilder faßt man nicht an&quot;, sagte ein anderer. Die Ölfarbe war großzügig aufgetragen, nicht eine Figur, tausend blaue und gelbe Schattierungen setzten sich zu einem geheimnisvollen Raum zusammen. &quot;Hier ist niemand&quot;, sagte ein Dritter, &quot;man kann es anfas­sen&quot;. Wir berührten es, und das Blau war sanft, mit einigen braunen, rauben Zonen, das Gelb weich und glatt unter unseren scheuen Fingern. &lt;br /&gt;Ich erinnere mich jetzt an jenen verbo­tenen Kontakt, weil er mit Sicherheit die erste Sünde gegen die Kunst war; wenn nicht die Sünde auch eine Form der Kunst ist. Aber - wenn es sauber ist, die Bilder anzuschauen, warum ist es schmutzig, sie zu berühren? Diese Frage hat mich lange Zeit beunruhigt, ohne daß ich eine Antwort gefunden hätte. &lt;br /&gt;Doch beim Lesen von Leonardo da Vinci versteht man leicht, warum das&amp;nbsp; Berühren verboten ist. In der Abhand­lung über die Malerei von Leonardo da Vinci findet man die hilosophischen Grundlagen der Tradition, die das Sehen über alle anderen Sinne stellt.&lt;br /&gt;In der kulturellen Tradition des Okzi­dents hat man die Sinne in zwei Grup­pen aufgeteilt, es gibt anscheinend sau­bere Sinne und schmutzige Sinne. Das Sehen und das Hören sind die sauberen Sinne, sie sind die zwei feinen Sinne, die man pflegen muß. Das Berühren, das Riechen und der Geschmack hinge­gen sind schmutzig, und man muß sich vor ihnen hüten. &lt;br /&gt;Die sich annähernden Sinne gelten im Okzident noch als Zeichen der Anima­lität. Die Malerei und die Musik hinge­gen erziehen zur Distanz und zur Betrachtung. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;13. April&lt;br /&gt;(1) Ezkurdi bedeutet Steineichenwald, eine Baumart, die Eicheln produziert, aber es ist auch ein Ortsname, genau genommen der Name eines Parks in Durango.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vladmimir Majakowski&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Am vierzehnten April 1930 bringt Vladi­mir Maiakowski sich in Moskau durch einen Schuß aus dem Revolver um. Er hinterläßt einige beschriebene Blätter, eine Art Testament und einige unvollen­dete Gedichte. Im Testament ist folgen­des zu lesen: &lt;br /&gt;&lt;em&gt;&quot;Niemand ist schuld an meinem Tod. &lt;br /&gt;Und bitte keinen Klatsch. Der Verstor­-&lt;br /&gt;bene verabscheute ihn. Mutter, Schwe­-&lt;br /&gt;stern, Freunde, verzeiht mir: Dies ist &lt;br /&gt;nicht der Weg (ich empfehle ihn nie-&lt;br /&gt;­mandem), aber ich weiß keine andere &lt;br /&gt;Lösung. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Lili, liebe mich.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kamerad Regierung: Meine Familie sind &lt;br /&gt;Lili Brik, meine Mutter, meine Schwe-&lt;br /&gt;­stern und Veronika Vitódovna Polóns-&lt;br /&gt;kaia. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Macht ihnen, bitte, das Leben erträglich. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gebt den Brik die unfertigen Gedichte. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sie werden sie entschlüsseln. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wie man zu sagen pflegt: &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schon ist alles zu Ende &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;das Schiff der Liebe &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ist am Alltag gekentert. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ich habe mit dem Leben Frieden geschlossen. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sinnlos &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sind die Erinnerungen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;an &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Leid &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Unglück &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und gegenseitige Kränkungen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vladirnir Maiakowski &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Seid glücklich. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;12-4-30 &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Freunde der Gruppe VAPP: denkt nicht, &lt;br /&gt;daß ich schwach bin. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wirklich, da ist nichts zu machen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Grüße&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sagt Yermilov, daß es mir leid tut, das &lt;br /&gt;Amt niedergelegt zu haben, ich hätte bis &lt;br /&gt;zum Schluß kämpfen sollen. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;VM. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Auf dem Tisch liegen 2000 Rubel, um &lt;br /&gt;die Steuern zu zahlen. Ihr müßt auch&lt;br /&gt; noch das Geld von Giz abrechnen.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Testament ist ein abschließendes Gedicht, es bedarf keiner Kommentare, einige Einzelheiten können jedoch hin­zugefügt werden, um es verständlicher zu machen. Lili Brik war lange Zeit die Geliebte von Vladimir Maiakowski. Der Dichter lernte Lili Brik und ihren Mann 1915 kennen, und es begann ein viel­schichtiges Liebesdreieck. Veronika Vitóldowna Polónskaia war verheiratet, Schauspielerin, und verbrachte mit Vla­dimir Maiakowski das letzte Jahr seines Lebens, wollte ihren Mann jedoch nicht verlassen. VAPP ist der Name der Orga­nisation proletarischer Schriftsteller. Als Das Bad von Vladimir Maiakowski, eine scharfe Kritik an der stalinistischen Bürokratie, uraufgeführt wurde, mach­ten die proletarischen Schriftsteller und vor allem Vladimir Yermilov, der zu die­sem Zeitpunkt Vorsitzender des Vereins war, dem Autor bittere Vorwürfe. Daraufhin hängte Vladimir Maiakowski an dem Ort, an dem das Werk uraufgeführt wurde, ein Antwortschreiben auf: &lt;em&gt;&quot;Es ist unmöglich, in einem einzigen Bad die­sen ganzen Haufen von Bürokraten zu säubern, weder die Badewannen rei­chen aus, noch die Seife, Außerdem ergreifen Kritiker wie Yermilow mit ihrer Feder Partei für die Bürokraten.&quot; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Der Verein VAPP verbot den Text, und Vladimir Maiakowski erklärte sich damit einverstanden, sein Papier abzuhängen. Giz, letzten Endes, ist der staatliche Ver­lag. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;19. April &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gerichte &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Einmal, als er über Gerichte sprach, erklärte Michel Foucault, daß es in den Gerichten eine Hierarchie und eine Reihe festgelegter Riten gäbe, die der verschie­denen Stühle, die der Bekleidung, die Stempelpapiere, eine bestimmte Reihen­folge von Vorschriften, sogar eine eigene und hochgestochene Sprache. Die ganze Förmlichkeit der Justizpaläste - so Michel Foucault - sei ungeignet, die Schuld oder Unschuld des Angeklagten zu beurteilen, die ganze Hierarchie und all die Riten sollen nichts anderes beweisen, als die Unschuld des Gerichtes selbst. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;10. Mai &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Sprache als Zuflucht &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein Seemann an der Westküste Irlands spricht, als einige Studenten, die aus Dublin gekommen sind, an ihm vorü­bergehen, mit seiner Frau, die die Netze säubert, auf gälisch. &lt;br /&gt;Die Alten aus Barkus sprechen in der taberna auf &quot;-skaa&quot;, wenn die &quot;manexak&quot; (nordbaskische Bezeichnung für Leute aus den baskischen Nachbar­provinzen) hereinkommen, so als ob sie zu verstehen geben wollten, daß sie etwas anderes sind. &lt;br /&gt;Die politischen Gefangenen der unter­drückten Völker erklären vor den Gerichten, daß sie nicht in der Staats­sprache sprechen werden, daß sie nur in ihrer eigenen minorisierten und marginalisierten Sprache sprechen werden. Die Frau aus Arneguy spricht mit dem jungen Bizkainer, der eben angekom­men ist, Euskara, versucht sich auf Eus­kara verständlich zu machen, während sie zum Zoll hinüberschaut, in einer schwierigen Unterhaltung das vereinend, was die zwei Sprachen der bei­den Zöllner trennen, hüllt dabei Traum einer Erde ohne Grenzen und Grenzer in den Schutz des Euskera. &lt;br /&gt;In den afrikanischen Hauptstädten par­lieren die jungen Leute auf französisch, weil sie von verschiedenen Stämmen sind und unterschiedliche Sprachen sprechen. Doch taucht ein Weißer auf, spricht jeder, ob sie sich verstehen oder nicht, in seiner Stammessprache, oder sie schweigen. &lt;br /&gt;Menschen, die eine Sprache sprechen, die fast niemand spricht, tun sich zusammen, und unmittelbare Vertraut­heit und äußerst starke Gefühlsbande einen sie.&lt;br /&gt;Zwei Gefangene verständigen sich von Beamten umlauert auf Euskara. Auch von Fenster zu Fenster verständigt man sich, obwohl jeder Laut auf Euskara verboten ist, in der Gewißheit, sich der Kontrolle der Beamten zu entziehen und mit der eigenen Sprache Gitter und Entfernungen zu überwinden. &lt;br /&gt;Es gibt unzählige Situationen. Die Spra­che kann darüberhinaus, daß man Beziehungen durch sie knüpft, eine Zuflucht sein. Ein Moment der Freiheit in einer durch die Umstände aufge­zwungenen feindseligen Welt, ein ver­trauter Ort, um sich vor aufdringlicher Neugier zu schützen, ein klandestiner Aufstand gegen das Unterdrückungssystem; darüberhinaus, daß sie ein Komunikationsmittel ist, bietet sie vielfältige Verwendungsmöglichkeiten für Verteidigung und Widerstand. &lt;br /&gt;Der Gebrauch der Sprache ist einer der letzten Rückhalte, die uns unterdrückten Völkern bleiben, eine kaum zu entreißende Stütze.&lt;br /&gt;Es ist sehr schwer, eine Sprache aus­zulöschen, es ist schwer, die Lippen zu verschließen und noch schwieriger ist es, dem, der sich wehrt, eine Sprache aufzuzwingen. Es ist den Fremden, den Beamten, dem herrschenden Staat unmöglich, den Mündern die Sprache des Geheimen, der Vertrautheit, der Rebellion zu entreißen, und unmöglich ist es, bringen sie auch die Münder zum Schweigen, sie den Herzen zu ent­reißen. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;7. Mai &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Kalb und das Kalbfleisch&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In Sprachzusammenhängen spiegeln sich Machtverhältnisse wider. &lt;br /&gt;In dem Buch&lt;em&gt; Linguistique et Colonialisme&lt;/em&gt; von Louis-Jean Calvet beispielsweise, einer kleinen Abhandlung über die die Entstehungsgeschichte von Sprachen, finden sich interessante Hinweise auf die soziale und idiokratische Unterdrückung des Englischen des XIV. Jahrhunderts, der Epoche der Entstehung der englischen Sprache.&lt;br /&gt;Zu jener Zeit sprach man an den Höfen und auf den Schlössern der normanni­schen Adligen sowie unter Anwälten, Rittern, und reichen Händlern franzö­sisch. Das Angelsächsische hingegen war die Sprache des einfachen Volkes, der Bauern und Leibeigenen, die keine andere Sprache kannten. &lt;br /&gt;Unterdessen entwickelte sich ein Sprachgebrauch, in dem Worte beider Sprachen verwendet wurden, um den Eigentümern von Vieh oder Land die Verständigung mit Bauern und Vieh­züchtern zu ermöglichen. Aus dieser Sprechweise entwickelte sich das moderne Englisch. &lt;br /&gt;In dem Roman Ivanhoe von Walter Scott ist im Laufe einer Unterhaltung zwischen Wanda und Girth ein bemer­kenswerter Abschnitt zu diesem Thema zu finden. Sich über häufig verwendete Worte unterhaltend, fällt ihnen auf, daß sie das Schwein, während es am Leben ist und ein Stalltier, bei seinem sächsischen Namen nennen, und ihm wenn es.einmal gestorben ist, wenn es in Schüsseln auf dem Tisch im Speisesaal des Schlosses steht, wenn es Schweinefleisch ist, den französischen Namen geben. &lt;br /&gt;Noch im modernen Englisch sind die Überbleibsel der ehemaligen Unter­drückung offensichtlich. &lt;br /&gt;Während es auf der Wiese weidet oder lebendig im Stall steht, wird das Kalb &lt;em&gt;calf&lt;/em&gt; genannt, auf französisch &lt;em&gt;veau&lt;/em&gt;, im Engli­schen auch &lt;em&gt;veel&lt;/em&gt;. Der Ochse heißt &lt;em&gt;ox&lt;/em&gt;, wie ihn die sächsischen Ochsentreiber nannten, doch aufgrund des franzöischen Einflusses &lt;em&gt;boeuf&lt;/em&gt; heißt das Ochsenfleisch &lt;em&gt;beef.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Ebenso ist es beim Hammel, er heißt &lt;em&gt;sheep&lt;/em&gt;, während er mit seinen Hörnern und all seinem Fell herumspaziert, doch&amp;nbsp; durch den französischen Einfluß &lt;em&gt;mutton&lt;/em&gt; wird das Hammelfleisch im Englischen &lt;em&gt;mutton&lt;/em&gt; genannt. &lt;br /&gt;Wie das alte Sprichwort&lt;em&gt; izana dela badakigul&lt;/em&gt; (1) sagt, zeigt sich in Worten das Geschehen von einst, erinnern die Spra­chen an andere Welten.&lt;em&gt;&lt;br /&gt;4. Juni&lt;br /&gt;1 Der name ist das Sein&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&quot;Regen&quot; sagen, und es regnet&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wir werden&lt;br /&gt;schweigend Worte wechseln. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Balbina Ederra &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;- Jene Abenddämmerungen waren Stunden des Spiels und des Mysteriums. Erinnerst du dich?&lt;br /&gt;- Ja, bei den letzten Sonnenstrahlen glätteten wir das Gras hin, um zu schlafen, und begannen zu quaken und im ganzen Tal ihre Klänge. &lt;br /&gt;- Als wir uns verkleideten und mit ren Kinderstimmen kreischend Höfe und Wiesen zogen. &lt;br /&gt;- Aber du kamst nicht jedes Mal mit, während wir anderen loszogen, setztest du dich zu dem Blinden. Was erzählte der Blinde dir? Er stellte mir Fragen, nach jedem Ding, wo es sich befand, ob sich etwas verän­dert hatte, wie die Dinge sich beweg­ten, und ich erklärte es ihm...&lt;br /&gt;- Du bliebst immer bei ihm, bis es Nacht wurde, und hast an seiner Seite gesessen. &lt;br /&gt;- Auch ich stellte ihm Fragen, über die Zeit, als er die Welt durchkreuzt hatte, man sagte, daß ihn sein Augenlicht erloschen sei, er zu gesehen hatte. Du fragtest ihn nach der Sonne, und er sagte zu dir, daß die Sonne sich in den Hochöfen von Bilbao versteckt hielte. Er sagte, daß die Kaul­quappen ins Meer gingen, nachdem sie in den Pfützen gewachsen waren, und sich dort in Tiere verwandelten, die größer waren als Kühe, Tiere, die Wale genannt wurden.&lt;br /&gt;- Einmal, ich erinnere mich, kamst du und sagtest, daß es Steine regnen würde. &lt;br /&gt;- Er sagte zu mir, daß beim Weltunter­gang haufenweise Steine in der Gegend von Barranktt fallen und alles zermal­men und dem Erdboden gleichmachen würden. &lt;br /&gt;- Aber es ist niemals auch nur ein einzi­ger Stein bei Barranku gefallen. &lt;br /&gt;- Ja, im nachhinein begreift man, daß das Ende der Welt nicht plötzliche Zer­störung ist, sondern ein langsames Ertrinken, das sich bei jeder Abenddäm­merung vollzieht.&lt;br /&gt;- Das, woran ich mich am deutlichsten erinnere, sind die Fledermäuse und wie wir die Boinas auf sie warfen. Man sagt, daß sie sehr, sehr alte Tiere seien. &lt;br /&gt;- Sie tauchten immer in der Abenddäm­merung auf, mit unruhigem Flug. Der Blinde sagte, daß Fledermäuse den Rosenkranz auf lateinisch beten können und daß wir ihnen keinen Schmerz zufügen sollten. &lt;br /&gt;- Manchmal denke ich, daß wir damals glücklich waren. &lt;br /&gt;- Das Glück, weißt du, was Glück ist? Es ist, wenn man &quot;Regen&quot;&#039; sagt, und es reg­net.&lt;br /&gt;- Jetzt sind wir wie ein vergessenes Lied.&lt;br /&gt;- Hör mal, schläfst du in der Nacht? Hörst du nicht den Lärm der Züge? &lt;br /&gt;- Ja, Lärm von Zügen, ja, viele fahren Nacht vorbei, aber keiner hält an. &lt;br /&gt;- Hier gibt es weder Bahnhof noch Gleise. Die Züge fahren unter der Erde entlag. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;10. Juni &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 02 Mar 2014 11:45:50 +0000</pubDate>
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 <title>Stachelbeermarmelade und die Farbe der Kunst: </title>
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                    &lt;p&gt;Vor einigen Wochen unterhielten sich die beiden ­italinienischen Schriftsteller Vincenzo Gallico und Paolo Nori für die arranca! darüber, ob Literatur zur Transformation beitragen kann.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Vor einigen Wochen unterhielten sich die beiden ­italinienischen Schriftsteller Vincenzo Gallico und Paolo Nori für die arranca! darüber, ob Literatur zur Transformation beitragen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;L ieber Paolo, &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wir hätten uns gestern sprechen sollen, aber ich hatte einen anstrengenden Tag bei der Arbeit, der sich bis spät hingezogen hat. Und dann musstest du dein Fahrrad reparieren ... Also machen wir sie doch heute, unsere kleine Unterhaltung. An einem Sonntagvormittag, was vielleicht ein guter Zeitpunkt ist, um über Literatur zu sprechen. Mit verquollenen Augen und einem Cappuccino auf dem Tisch. Rom, genauer, San Lorenzo, ist wie ausgestorben zu dieser Stunde. Das Wetter ist mild, eine kleine, sanfte Brise weht. Ich hoffe, bei dir ist alles gut ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mir geht’s gut hier.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;An der Bar dieser Piazza sitzt ein älterer Stammkunde. Ein Pärchen liest Zeitung: sie die Repubblica, er die Gazetta dello Sport. Ein Typ mit einem alten Pullover, auf dem «La rivoluzione non russa»&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_r7ef2jp&quot; title=&quot;Die Tageszeitung Il manifesto hat vor einigen Jahren einer Ausgabe ein Plakat beigelegt, auf dem ein schlafendes Baby seine linke Hand zu einer Faust formt. Übertitelt ist dieses Bild mit den Worten «La rivoluzione non russa», was sowohl «Die Revolution schnarcht nicht» als auch «Die nicht-russische Revolution» bedeuten kann.&quot; href=&quot;#footnote1_r7ef2jp&quot;&gt;1&lt;/a&gt; steht, blättert in einem Buch. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Hast du jemals über Revolution gesprochen in deinen Romanen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Storia della Russia e dell‘Italia [Geschichte Russlands und Italiens] gibt es diese Erzählung über die Ereignisse in Moskau von 1991, die Entführung von Gorbatschow, der Angriff von Panzern auf den Kreml. Dort haben sie das Revolution genannt. Soviel zu Revolution im engeren Sinne, im weiteren Sinne taucht es in meinen Büchern öfter auf, scheint mir.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der Protagonist, der deine erste literarische Produktion prägt, der Schriftsteller, der es nicht gebacken kriegt, der Torwart, der den Abstoß nicht schafft, der reizende Paranoiker, der anarchistische Zeitschriften liest, hat der ein bisschen von Revolution in seiner DNA?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mir kommt ein Satz aus der Kapuzinergruft von Joseph Roth in den Kopf. Eine Figur sagt irgendwann: «Die Revolutionen von heute haben einen Fehler: sie gelingen nicht.» In dieser Hinsicht könnte der Protagonist ein bisschen was damit zu tun haben, mit den Revolutionen, denn der größte Teil von dem, was er versucht zu tun, gelingt ihm nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die moderne Revolution funktioniert also nicht, aber muss man sie nicht lernen, studieren, lehren, die Revolution?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das wäre schön, ein Lehrstuhl für vergleichende Revolutionswissenschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Würdest du mir freundlicherweise deine Definition von Revolution geben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gerne: Rotation um die eigene Achse.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gibt es deiner Meinung nach heutzutage eine revolutionäre Literatur?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn die Literatur eine Art und Weise ist, eine irgendwie geformte Wahrheit zu transportieren, und wenn, wie Gramsci sagte und wie es mir richtig zu sein scheint, die Wahrheit revolutionär ist, müssten wir daraus ableiten, dass die Literatur revolutionär ist. Wenn allerdings, wie der Schriftsteller Manganelli meint, die Literatur eine Lüge ist, ein Affenarsch, dann müssten wir vielleicht daraus ableiten, dass die Literatur konterrevolutionär ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Und welche Form hätte diese revolutionäre Literatur gegebenenfalls?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Form eines Buches (für gewöhnlich).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Komm, Paolo, du hast mittlerweile kapiert, worauf ich hinaus will. Ich hake nach und versuch‘s noch mal: Kann man mit Worten «die Welt verändern»?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man macht es die ganze Zeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf verschiedene Weise, mit der Werbung, mit dem Kino, mit den Zeitungen, und, minimal, kaum wahrnehmbar, auch mit Büchern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Warum hast du angefangen zu schreiben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus Verzweiflung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Also, hast du das für dich oder «für die anderen» gemacht?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nein, nein, nicht für die anderen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ich war vor kurzem ein bisschen im Urlaub, in drei Tagen habe ich Manituana [ein Roman von Wu Ming] verschlungen. Das vorangestellte Zitat ist dem Philosophischen Wörterbuch von Voltaire entnommen. Voltaire schreibt, dass ein Einzelgänger, so fromm, bescheiden und heilig er auch sein mag, niemals tugendhaft genannt werden kann, wenn er nicht irgendeinen Akt der Tugendhaftigkeit vollbracht hat, der «ihn für andere Menschen nützlich werden lässt. Solange er allein ist, tut er weder Gutes noch Böses, er bedeutet für uns nichts.» Du, als Schriftsteller, hältst du dich für tugendhaft?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nein, nein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Noch einmal Wu Ming. Sie umreißen die zugrunde liegende Idee des Buches Q und nennen als eine ihrer Absichten, nicht nur ein «kulturelles Produkt, sondern eine kulturelle Waffe» herzustellen. Hast du jemals ‹kulturelle› Bomben oder Projektile geworfen? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nein, nein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Und was hältst du von einer solchen Definition?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Es hat keinen Sinn, darum herumzureden, früher oder später müssen wir sowieso darüber sprechen: die politische Situation in Italien. Wie fühlt es sich an, in einer solchen Umgebung zu schreiben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt einen Essay von Sklovskij aus den Zwanziger Jahren, in dem er sagt: «Die Farbe der Kunst hat niemals die der Flagge über der Zitadelle widergespiegelt.»&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Sind wir da sicher? Ich hake noch mal nach. Wie viel Einfluss hat Berlusconi auf den Schriftsteller Paolo Nori?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mir kommt ein Essay von Sklovskij aus den Zwanziger Jahren in den Kopf, der sagt, dass die Farbe der Kunst niemals die der Flagge über der Zitadelle widergespiegelt hat. Er trägt den Titel Hopp, hopp, Marsmännchen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Aber auf Paolo Nori als Bürger?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mir fällt ein Essay von Sklovskij ein, der, glaube ich, aus den Zwanziger Jahren ist. Das Buch heißt Der Lauf des Pferdes, wie der Essay heißt, weiß ich nicht mehr, und ich erinnere mich auch kaum daran, was drin steht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Aber auf den Anarchisten Learco Ferrari, hat es auf den ein bisschen Einfluss?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Frage richtig verstanden habe, aber mir kommt ein Essay von Sklovskij in den Kopf, aus den Zwanziger Jahren, ich glaube, der Essay heißt wbeermarmelade, und der Satz, der mir eingefallen ist, ist: «Ich kann Cechov kein zweites Mal lesen».&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Paolo, vor zwei Jahren hast du ein Dokument unterschrieben, das Der Streik des Autors hieß. Es beinhaltete den Verzicht, innerhalb der Verlagsgesellschaft zu publizieren, die von Berlusconi abhängig ist und die Weigerung, bei Initiativen mitzumachen, die von rechten Ausschüssen vorgeschlagen werden. Vielleicht war es eine widerliche Weise meinerseits, mich selbst zu verarschen und zu glauben, ein reines Gewissen zu haben. Mein Roman wird nächstes Jahr nicht bei dieser Verlagsgesellschaft erscheinen. Du hast viel bei Einaudi publiziert, ein traditionell antifaschistisches Verlagshaus, das jetzt unter die Kontrolle des Großverlegers Mondadori gelangt ist. Wie verhältst du dich diesem Dilemma gegenüber?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vor einer längeren Weile hab ich mir eine Antwort zu dieser Frage überlegt, für den Fall, dass sie mir gestellt würde. Wenn wir die Vorschüsse ansehen, die sie mir zahlen und die Anzahl der Exemplare, die ich verkaufe, hätte ich geantwortet, bin nicht ich es, der für Berlusconi arbeitet, sondern er, der für mich arbeitet. Niemand hat mich je gefragt, du bist der Erste, also benutze ich jetzt diese alte Antwort, die allerdings noch wie neu ist, ich habe sie nie benutzt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;In Bezug auf diese Debatte wollte ich noch auf etwas anderes hinaus: Ein Buch ist offensichtlich ein kulturelles Produkt, es folgt Regeln der Marktwirtschaft. Hast du dir jemals Sorgen darum gemacht, ‹verkauft zu werden›? Teil eines ökonomischen Systems zu sein, das sich in den Bahnen des Kapitalismus bewegt? Hat dich das weniger frei sein lassen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Teil dieses Mechanismus sind wir sowieso, unabhängig vom Beruf, den wir ausüben; aber es scheint mir, dass, unabhängig von der Tatsache, dass wir auf der Ebene des historischen Zeitpunktes Teil dieses Mechanismus sind, auf der Ebene des individuellen Zeitpunktes die Dinge von uns abhängen. Und auch unsere Freiheit, sie wird uns nicht von irgendjemandem gegeben oder von irgendeinem besonderen System, sie hängt von uns ab, davon, wie sehr wir es schaffen, uns anzustrengen, jeden Tag, jeden Vormittag, von dem Blick, den wir auf die Dinge zu werfen imstande sind. Unglaublich schwierig, aber der Kapitalismus hat nichts damit zu tun.&amp;nbsp;&amp;nbsp; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ich glaube, wir haben schon einmal darüber gesprochen. Vor Jahren habe ich die deutsche Übersetzung von Bassotuba non c‘è [Titel der dt. Übersetzung: Sie ist weg] gelesen. Es war nicht gut übersetzt. Die Rezensionen in Deutschland ließen das spüren. Meiner Einschätzung nach sind in der Übersetzung die Musikalität deiner Sprache und ihr Ausdruckspotenzial nicht herausgekommen. Würdest du mir deine Sprache beschreiben? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das schaff ich nicht. Und ich glaube auch nicht, eine Sprache zu haben. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kann man von der Existenz einer konservativen oder progressiven Sprache sprechen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ein russischer Dichter fällt mir dazu ein, Krucenych, der 1913 geschrieben hat, dass die Klarheit, die Reinheit, die Ehrlichkeit und die Annehmlichkeit, die in der Vergangenheit Eigenschaften waren, die man dem Wort zugesprochen hat, Merkmale sind, die sich nunmehr eher auf eine Frau beziehen als auf die Sprache. Aber ich weiß nicht, ob das irgendetwas damit zu tun hat und darüber hinaus wäre ich auch nicht besonders einverstanden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Aber in deinen Romanen gibt es eine Beziehung zwischen Form und Substanz ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Beziehung zwischen Form und Substanz gibt es in allen Dingen, die man sagt oder schreibt, auch in einem Rezept für Medikamente, auch in diesem Interview.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ist es dir schon passiert, dass du etwas geschrieben hast, was nicht deinen Blick auf die Gesellschaft widergespiegelt hat? Etwas, das, einmal veröffentlicht, missverstanden werden könnte?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alles kann missverstanden werden - es scheint mir sogar, dass alles die ganze Zeit missverstanden wird. Was den ersten Teil deiner Frage betrifft: Ich verstehe nicht, was du meinst, aber ich antworte trotzdem: Es gibt manchmal Figuren in meinen Büchern, die die Welt auf ihre Weise sehen, die sich von der Weise unterscheidet, wie ich sie sehe, aber es ist immer noch meine Weise, in gewissem Sinne. Aber es ist auch ihre Weise, es ist die von uns beiden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wenn ich mich nicht irre, Paolo, ich habe es so im Kopf, aber ich könnte mich täuschen, hast du einmal, als du über deinen Stil gesprochen hast, ihn als surreal definiert. Was bedeutet diese Äußerung in Bezug auf das Konzept, das du von Literatur hast?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Von Zeit zu Zeit wird mir gesagt, dass ich in einer surrealen Weise schreibe und darauf habe ich einmal spontan geantwortet, dass die Welt surreal ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Erklärst du mir genauer, welches Verständnis du von Literatur hast?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mir kommt ein Gedicht von Nino Perdetti in den Kopf, in dem heißt es: «Sagt mir nicht, dass die Welt hässlich ist, krank, zu Scheiße geworden, die Welt muss schön sein, auch wenn dir das Herz schreit, auch wenn sie dir die Finger ausreißen.»&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ist die Literatur der Realität unterlegen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich weiß nicht genau, was das sein soll, die Realität, im Singular, die Realität, was ist das? Wo ist sie, wo wohnt sie, kann man mit ihr sprechen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Aber wenn man einen Versuch unternimmt, wenn man die Adresse findet, wo Signora Realität wohnt, die dann die Adresse wäre von einem Straßenreiniger, der schon zu dieser Stunde den Platz vor der Bar fegt, die Adresse vom Besitzer des SUV hier vorne, der ganz bestimmt ein alternativer Student ist, Bildungsbürgersohn, die Adresse von meinem Vermieter, der eine Wuchermiete verlangt, außerdem die Adresse von dem indischen Rosenverkäufer, der gerade auf mich zukommt und vermutlich keine Papiere hat, und wenn sie ihn erwischen, wird er in den Fangarmen des neuen Sicherheitspakets enden, so, wenn wir all diese Adressen finden, kann die Literatur Einfluss auf die Realität haben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt einen Essay von Sklovskij aus den Zwanziger Jahren, in dem es heißt, dass die Kunst immer emanzipiert war vom Leben, und auch die Farbe der Kunst hat niemals die der Flagge über der Zitadelle widergespiegelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Paolo, mittlerweile ist offensichtlich geworden, dass du ein großer Experte der russischen Literatur bist (insbesondere spezialisiert auf einen Essay von Sklovskij, meine ich zu verstehen). Welche Beziehung gab es in Russland zwischen Literatur und Realität?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das gleiche Problem, das es auch hier in Italien gibt, das Problem, die Adresse dieser viel zitierten Realität zu finden, gibt es meiner Meinung nach auch in Russland.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Und zwischen Literatur und Revolution?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt eine Sammlung von Blok, über Literatur und Revolution, die ist sehr schön.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Bei wie vielen Romanen bist du mittlerweile angelangt?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich weiß es nicht. Ich müsste sie zählen, das erscheint mir wenig elegant.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dann werde ich wenig elegant, zähle sie und sage dir: achtzehn, wenn wir wirklich alle alle mitrechnen. Wann erscheint der nächste, wenn man das sagen kann?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Februar 2010.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Gab es jemals Momente der Resignation? Ich spreche nicht von professioneller, ökonomischer&amp;nbsp; Resignation. Ich meine Momente, in denen du dich gefragt hast: «Was mache ich hier bloß? Für wen mach ich all das?»&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Anfang gab es die, aber im Allgemeinen ist das ein Beruf, bei dem es manchmal, an den Tagen, an denen es läuft, nicht dazu kommt, dass du dich fragst, warum du das tust. Den Rest, glaube ich, kann man nicht sagen, wenn das einer sagt, dann wird das gestrichen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Die Bar füllt sich. Ich höre Stimmengewirr um mich herum. San Lorenzo wacht auf. Auf dem Tisch des Pärchens ist La Repubblica liegen geblieben. Darin ein Artikel über Roberto Saviano, über seine Verurteilung zum Tod von Seiten der Camorra nach dem Erscheinen seines dokumentarischen Romans Gomorra über das organisierte Verbrechen. Roberto hat versucht, eine sehr komplexe Operation durchzuführen. Er hat das Zitat von Pasolini wieder aufgegriffen «Ich weiß und ich habe Beweise», als er die Mafia anklagte, und jetzt trägt er die Konsequenzen. Stieg Larsson lebte unter permanenter Bedrohung durch rechtsextreme Gruppierungen. Ist das das Schicksal derjenigen, die versuchen, mit einem literarischen Text einen politischen Einfluss auszuüben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alles hat einen politischen Effekt, glaube ich. Was mich am meisten beeindruckt, zum Beispiel in dem Fall Pasolini, ist, dass wenn wir ein Diagramm zeichnen, das wir Moral nennen und den Punkt ausmachen, an dem Pasolini sich selbst platziert, dann sehen wir, dass das auf der Achse der Moral unglaublich hoch liegt, oberhalb jedes Lesers und jeder Figur, die sich in Pasolinis Literatur bewegt. Wie Manganelli sagt, man spürt dort drinnen (Manganelli sagt das in Bezug auf die Polemik zur Abtreibung) eine so immense moralische Überlegenheit dem Universum gegenüber, dass diese schwer vereinbar ist mit einer verständlichen Prosa. Mir gefällt die Haltung des erzählenden Ichs besser, zum Beispiel in diesem Gedicht von Raffaello Baldini:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn es einen Radiergummi gäbe, um zu radieren, einen Radiergummi&lt;br /&gt;aus Tinte, nicht aus Bleistift, oder wenn nicht das, &lt;br /&gt;mit einer Schreibmaschine, xxx anschlagen, &lt;br /&gt;oder, um es besser zu machen, xyxy&lt;br /&gt;oder, um es noch besser zu machen, mnmn, &lt;br /&gt;was wenig ausrichtet, mn, aber es löscht, &lt;br /&gt;verdammt nochmal, das nichts mehr versteht, &lt;br /&gt;oder sogar, am allerbesten, aber das habe ich nicht, &lt;br /&gt;ein Computer wäre gut, dass eine Taste reicht, &lt;br /&gt;und alles verschwindet, ohne einen Schwamm, alles weiß, &lt;br /&gt;als wäre nichts geschehen, &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;weil ich in meinem Leben, all die Fehler, die ich gemacht habe&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Paolo, hier in der Bar wird es immer voller. Es wird Zeit, mich aufzumachen und nach Hause zu gehen. Mittagessen kochen, an das Kapitel denken, das heute Nachmittag geschrieben werden will, die Arbeit ein bisschen vorantreiben. Tausend Dank für das Gespräch, ich überlasse dir den letzten Satz. Mir gefallen einige deiner abgebrochenen Enden, wie das aus deinem Roman Grandi ustionati [Schwere Verbrennungen]. Bis bald ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf Wiedersehen.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_r7ef2jp&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_r7ef2jp&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Die Tageszeitung Il manifesto hat vor einigen Jahren einer Ausgabe ein Plakat beigelegt, auf dem ein schlafendes Baby seine linke Hand zu einer Faust formt. Übertitelt ist dieses Bild mit den Worten «La rivoluzione non russa», was sowohl «Die Revolution schnarcht nicht» als auch «Die nicht-russische Revolution» bedeuten kann.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <title>Die Unsichtbaren</title>
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                    &lt;p&gt;Ein Auszug aus dem Roman „Die Unsichtbaren“ des italienischen Autors Nanni&amp;nbsp; Balestrini. Der Roman ist Teil der Trilogie „Die große Revolte“ und 1987 in deutscher Übersetzung im Verlag Assoziation A erschienen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Der vereinbarte Tag war gekommen und in aller Frühe bevor die Schultore öffneten hatten wir ein großes Plakat angeklebt das die Versammlung ankündigte und alle aufforderte an der Versammlung teilzunehmen wir nehmen ohne zu fragen stand groß darauf und Gelso hatte noch druntergeschrieben und zwar alles was wir brauchen Rektor Mastino kommt wie immer als erster und liest das Plakat bläst die Backen auf und blickt uns grimmig an fixiert uns einen nach dem anderen als wolle er sagen ich nehme es zur Kenntnis aber wartet nur ich werd&#039;s euch geben dann kommen die Lehrer lesen kommentarlos schauen uns nur an wie lauter Verrückte ein paar Minuten später kommt ein Trupp Schuldiener heraus denen hatte Mastino befohlen die Plakate zu zerreißen&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;der mutigste Schuldiener der zugleich auch der dümmste war hebt einen Arm um das Plakat abzureißen aber Cocco stellt sich wütend vor ihn mit erhobenen Armen in seinem langen schwarzen Mantel mit purpurrotem Futter und läßt einen Schrei los der Pedell hält erschrocken inne und derweil kommen auch wir näher die Schuldiener wissen nicht was tun schauen zu Mastino hinauf der sie vom Fenster des Rektorats aus beobachtet doch am Ende beschließen sie wieder reinzugehen weil ihnen klar ist daß es eine Schlägerei gibt wenn sie weitermachen die ersten Schüler die eintrudeln haben die Szene gesehen beginnen mit uns zu diskutieren und gehen nicht rein und nach und nach wird die Gruppe größer Mastino hält es für angebracht persönlich einzugreifen und tritt in die Vorhalle hinaus um zu zeigen daß er auch da ist und fängt an auf und ab zu gehen&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;mir kam er vor wie der Fabrikherr der vor der Fabrik auf und ab spaziert in diesen Geschichten die ich über die ersten Arbeiterkämpfe die ersten Streiks gelesen hatte die gleiche Einschüchterungsmethode und wirklich kriegen die Schüler Angst der eine oder andere sagt er will reingehen tausend Ausreden fallen ihnen ein obwohl wir uns jede Mühe geben ihnen klarzumachen daß wenn wir alle draußen bleiben Mastino uns nichts anhaben kann alle kann er uns nicht feuern aber da ist zu viel Unschlüssigkeit und zu viel Angst und ein erstes Grüppchen geht mit gesenkten Köpfen hinein und das ist wie ein allgemeines Signal auch die anderen stürzen hinein und innerhalb von Minuten sind fast alle drinnen nur an die zwanzig bleiben draußen und wir sechs und auch Mastino geht wieder rein und grinst zufrieden&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;wir machen lange Gesichter Malva ist ganz fertig aber Cocco läßt sich nicht locker gehen wir rein und machen sie trotzdem mit denen die da sind sagt er wir müssen sie trotzdem machen jetzt haben wir ohnehin nichts mehr zu verlieren ruft er und so überreden wir die anderen die Versammlung trotzdem zu machen wir gehen alle zusammen hinein und setzen uns in ein leeres Klassenzimmer im Erdgeschoß eine Minute sind wir drin und haben noch kein Wort gesagt da kommt Mastino und brüllt was wollt ihr hier du da und du und du ihr seid alle relegiert hinauf mit euch ins Rektorat einer nach dem anderen und dann geht er wieder und läßt die Tür offen Scilla gibt der Tür einen Tritt und verbarrikadiert sie wir schieben zwei Bänke davor verharren einen Augenblick stumm wir müssen was tun blicken uns in die Augen aber wissen nicht was tun kommen uns vor wie in der Falle&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;dann ein Geistesblitz und ich habe die Seite aus einer Broschüre vor Augen die ich diesen Sommer gelesen hatte über die Kampfformen in den Fabriken und all das Zeug ich habe die Seite genau vor Augen mit der fettgedruckten Überschrift Demonstrationszug durch die Fabrik und ich sage Demo durch die Fabrik einen Demonstrationszug durch die Schule müssen wir machen was sagen die andern dazu ja eine Demo in der Schule wir gehen in alle Klassen und holen alle raus probieren wir es wenigstens wir fangen bei der ersten an und machen sie alle durch alle sind einverstanden wir gehen auf den Gang hinaus und machen einen kleinen Demonstrationszug und kommen vor das erste Klassenzimmer der Unterricht hat schon begonnen wir platzen hinein treten alle schweigend ins Klassenzimmer der Lehrer ein notorischer Liebediener von Mastino kriegt einen Mordsschreck und tut keinen Muckser sämtliche Schüler drehen sich zur Tür&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Valeriana ist resolut wenn sie spricht selbstsicher nervös aber bestimmt sie hat eine laute Stimme und spricht klar und deutlich der Rektor hat uns alle relegiert sagt sie weil wir ohne seine Genehmigung eine Versammlung machen wollten alle haben es gewußt ihr habt es auch alle gewußt daß wir vorhatten diese Versammlung zu machen schon seit Wochen diskutieren wir darüber heute seid ihr aus Angst reingegangen aber wenn ihr heute Angst habt dann habt ihr morgen auch Angst und immer und wir werden nie selber über unsere Angelegenheiten entscheiden können also müßt ihr jetzt gleich was tun wir müssen die Versammlung jetzt gleich machen wir alle um zu zeigen daß wir in dieser Schule keine Sklaven sind wir müssen sie machen um das zu machen was in allen anderen Schulen auch gemacht wird um zu zeigen daß wir selber entscheiden denn es ist unsere Schule und nicht die von Mastino&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Cocco und Scilla blicken den Lehrer drohend an wie um zu sagen wage nicht den Mund aufzumachen und der bleibt wirklich ganz still stehen an einigen tischen steht jemand auf und es kommen die ersten Kommentare jawohl gehen wir raus alle raus ja machen wir die Runde durch alle Klassen vom anderen Ende Korridors kommt Mastino und sieht den Demonstrationszug vor sich fängt an zu brüllen aber jetzt kann er keinem mehr Angst machen Cocco bleibt vor ihm stehen und schreit ihm ins Gesicht Versammlung Versammlung Mastino brüllt weiter rot vor Zorn und droht allen mit Rausschmiß und brüllt wir sollen in die Klassen zurück aber der Demonstrationszug platzt schon in die nächste Klasse hinein die Methode besteht darin alle gleichzeitig ins Klassenzimmer zu stürzen&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Mon, 13 Dec 2010 09:33:55 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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