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 <title>arranca! - Lookism</title>
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 <title>Lookism</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/43/lookism</link>
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                    &lt;p&gt;Das Thema ist kompliziert. Wie könnte es auch anders sein, wenn schon   das Wort ‚Lookism‘ derart sperrig ist. Für den aus dem englischen   Sprachgebrauch entliehenen Begriff gibt es keine direkte deutsche   Übersetzung. &lt;br /&gt; Verstanden wird unter ‚Lookism‘, analog zu anderen  strukturellen  gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnissen (etwa  Rassismus oder &lt;br /&gt; Sexismus), diskriminierendes Verhalten gegen  Personen auf Grund  ästhetischer Urteile. Darunter fallen nicht nur  offensichtliche  Frechheiten und Tätlichkeiten, sondern auch abschätzige  Blicke,  zweideutige Kommentare oder sonstige versteckte ausgrenzende   Sozialtechniken. ‚Schönheit‘, so lautet die vordergründige These, ist  unter den Menschen  ungleich verteilt, spielt jedoch in sozialen  Beziehungen eine wichtige  Rolle. Ästhetische Urteile seien für  Individuen wie Gruppen hochgradig  handlungsleitend und führten zu einer  ungerechten und diskriminierenden  sozialen Praxis, die sich durch alle  zentralen Lebensbereiche zieht.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Das Thema ist kompliziert. Wie könnte es auch anders sein, wenn schon  das Wort ‚Lookism‘ derart sperrig ist. Für den aus dem englischen  Sprachgebrauch entliehenen Begriff gibt es keine direkte deutsche  Übersetzung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verstanden wird unter ‚Lookism‘, analog zu anderen  strukturellen gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnissen (etwa  Rassismus oder Sexismus), diskriminierendes Verhalten gegen Personen auf  Grund ästhetischer Urteile. Darunter fallen nicht nur offensichtliche  Frechheiten und Tätlichkeiten, sondern auch abschätzige Blicke,  zweideutige Kommentare oder sonstige versteckte ausgrenzende  Sozialtechniken. &lt;br /&gt;‚Schönheit‘, so lautet die vordergründige These,  ist unter den Menschen ungleich verteilt, spielt jedoch in sozialen  Beziehungen eine wichtige Rolle. Ästhetische Urteile seien für  Individuen wie Gruppen hochgradig handlungsleitend und führten zu einer  ungerechten und diskriminierenden sozialen Praxis, die sich durch alle  zentralen Lebensbereiche zieht. &lt;br /&gt;Wissenschaftlichen Studien verschiedener Güte gibt es zu dieser Beobachtung zu Genüge. &lt;br /&gt;So  konnte bei Versuchen mit fingierten Bewerbungsmappen beispielsweise  nachgewiesen werden, dass ein und derselbe Lebenslauf wesentlich bessere  Chancen hatte zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, wenn ein  Foto mit einer „attraktiven Person“ beilag. Das Fehlen eines Fotos oder  auch die Beigabe eines wenig gelungenen Schnappschusses brachte deutlich  weniger Erfolge. Auch auf das Wahlverhalten hat die ‚Schönheit‘ der  Kandidat_innen Einfluss. &lt;br /&gt;Analog dazu werden jedoch auch gegenläufige  Effekte konstatiert. So geben vor allem Akademikerinnen oftmals an,  sich bewusst ‚unattraktiver‘ zu machen, da bestimmte Formen von  ‚Schönheit‘ als Karrierehemmnis und Einfallstor für negative  Zuschreibungen gefürchtet werden. Wer ‚schön‘ ist hat oft auch Angst,  nicht für voll genommen zu werden: „Die hat ein hübsches Gesicht und  nichts dahinter“, oder „Der hat einen niedlichen Arsch und das scheint  anzukommen …“ Das Mitschwingen boshafter und oftmals auch sexualisierter  Zuschreibungen zeigt, wie janusgesichtig die Sache mit der Schönheit  ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Um der Frage nach der Rolle von ‚Schönheit‘ und ästhetischen  Urteilen in sozialen Beziehungen nachzugehen, treffe ich mich mit  Atlanta am Ufer. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;HW: Ich frage mich die ganze Zeit schon, was  ‚Schönheit‘ überhaupt ist und worauf sich in dieser Debatte bezogen  wird. Denn trotz aller vordergründigen Überzeugungskraft des eingangs  skizzierten Arguments ist mir das bisher vergleichsweise unklar. Ich  habe mal eine aristotelische Definition gelesen, derzufolge Schönheit  „Ordnung, Symmetrie und Eindeutigkeit“ sei. Was schön ist, das wäre  demnach also eckig, oder rund, auf jeden Fall aber nicht krumm und  wahrscheinlich auch nicht neonfarben, denn letzteres kommt auf der  Farbskala nicht vor. Und ‚natürlich‘ ist es ein Mann oder eine Frau und  nichts anderes und schon gar nichts dazwischen, oder? So eine Definition  muss mindestens all jene nervös machen, die überzeugt sind, dass auch  jenseits von Marschmusik ästhetisches Empfinden möglich ist. Deshalb  frage ich mich: kann man mit der Frage „Was ist Schönheit überhaupt?“  eigentlich wirklich anfangen mit dem Fragen?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A: Ja und nein,  würde ich sagen. Die eine Definition davon, was als schön gilt, gibt es  sicher nicht. Und das ist auch gut so, kommt man doch bei der Suche nach  einer allgemeingültigen Definition schnell in düstere Fahrwasser. Bei  mir werden da beispielsweise Assoziationen an das faschistische  Körperideal geweckt. Schon deshalb halte ich es für wenig sinnvoll, ein  Ideal erkennen und beschreiben zu wollen. Schönheit, so wird ja gerne  gesagt, läge im Auge der Betrachtenden. Diese Definition trägt meiner  Meinung nach einmal dem Umstand &lt;br /&gt;besser Rechnung, dass sich gängige  Schönheitsideale über die Jahrhunderte auch immer wieder verändert haben  – von Dürers Frauen-bild über Marilyn Monroe, zu Twiggy, Kate Moss zu  Beth Ditto ist vieles schon mal da und doch immer wieder anders gewesen.  In der Mehrheits-gesellschaft wird Schönheit vor allem immer noch mit  Weiblichkeit assoziiert, auch wenn sich da sicher etwas getan hat und  überhaupt ein Augenmerk auf männliche Schönheit gelegt wird. Ob das nun  unbedingt ein Fortschritt ist, sei einmal dahingestellt. Eine andere  Parallele im Main-stream scheint die Verknüpfung von Schlanksein und  Schönheit zu sein. &lt;br /&gt;Kulturelle Norm von Schönheit ist beispielsweise  auch sowas wie Rasieren oder nicht – besonders bei Frauen, mittlerweile  aber auch bei Männern, die Bärte aus Style-Gründen tragen. Gerade diese  Normen scheinen mir bedeutsam in der Wertung dessen, was als schön  gesehen wird. Und – um den Bogen zurück zur Schönheit in den Augen der  Betrachtenden zu schlagen – natürlich betrachten wir auch innerhalb der  Linken Menschen als schön. Diese Betrachtungsweisen mögen sich an  hinterfragten Schönheitsidealen entlang heraus-bilden – beispielsweise  gibt es gerade ja das Fat-Movement, um der Diskriminierung auf Grund von  Gewicht etwas entgegenzusetzen. In manchen Teilen der Linken gilt das  Rasieren bei Frauen eher als unerwünschte Anpassung an Mainstream-Ideale  denn als schön – im Grunde also als unschön. Und dann ist da natürlich  der viel kritisierte Kleiderkodex. Schwarz ist sexy, bunt eher suspekt.  Was ich also sagen will: Ich denke schon, dass es in der Linken eine  Auseinandersetzung mit mehrheitsgesellschaftlichen Schönheitsidealen  gegeben hat und sie auch weiter gibt. Trotzdem kommen wir nicht umhin,  auch eigene (Gegen-)Vorstellungen davon, was schön oder sexy ist, zu  reproduzieren. Damit wirken wir auf andere Weisen ausschließend.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;HW:  Mich überzeugt es durchaus, eine essentialistische Definition von  ‚Schönheit‘ zu verwerfen und Schönheit mehr als Norm zu verstehen. Also  als etwas, das durchaus veränderlich ist, sich aber dennoch als  bestimmte (und möglicherweise vehemente) Form der (An-)Forderung in  sozialen Beziehungen manifestieren kann. &lt;br /&gt;Allerdings würde ich hier  gerne noch mal genauer nachfragen. Denn wenn ich an mich selber denke:  Bestimmte Schönheitsideale oder die Fixierung auf bestimmte Objekte, die  mit Sexyness und Coolness verlinkt sind, kann ich in einer Situation  als stressig empfinden und genauso können sie mir in anderen Situationen  unheimlich egal sein oder allenfalls einen verschwindend geringen Teil  des Problems ausmachen. &lt;br /&gt;Ein etwas banales Beispiel: Ich kann mich  erinnern, dass ich spitze Schuhe mit schwindelerregenden Absätzen erst  wahnsinnig unästhetisch fand und mir schließlich doch welche gekauft  habe, weil ich sie mit der Zeit doch schön fand. Und die Tatsache, dass  mein Empfinden, mein Stil und meine Selbstsicherheit so korrupt sind,  dass ich auf Werbung und die Füße der Ladies auf der Straße damit  regiere, dass ich auch so aussehen will, fand ich schon von Zeit zu Zeit  stressig. &lt;br /&gt;Umgekehrt fand ich den Weg von Kate Moss zu mir immer so  weit, dass es mich nie gestresst hat nicht auszusehen wie sie. Und  selbst wenn ich mich an Magerkuren oder sonstige Essstörungen und die  damit einhergehenden Kontrollversuche von allen möglichen  Lebensäußerungen erinnern kann, dann habe ich nicht das Gefühl, dass es  mir wirklich darum ging, nur einem Schönheitsideal hinterherzulaufen. &lt;br /&gt;Du hast das in unserem letzten Gespräch sehr schön ausgedrückt: „Wir kotzen doch nicht wirklich für die Norm …“&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A:  Die Veränderbarkeit dieser Ideale zeigt es ja bereits sehr schön, dass  sie über gesellschaftliche Diskurse dessen, was gerade schön ist, als  Norm in Kraft treten. Klarzustellen wäre zunächst auch einmal, ob es so  etwas wie die eine, homogene Mehrheitsgesellschaft mit ihren  Idealvorstellungen von Schönheit überhaupt noch gibt oder ob dieser  Block nicht längst zerfallen ist in viele einzelne Gruppen und ihre  Vorstellungen davon. Rockabillys, Extremsportler_innen, Hipster usw. –  die orientieren sich ja auch an eigenen Rollen- und Gesellschaftsbildern  und entwickeln darin ihre – letztlich selbst wieder normativ wirkenden –  Vorstellungen von Schönheit. &lt;br /&gt;Da Bewertungskategorien wie  Körpermaße, Haut, Körperhygiene etc. aber weiter existieren, müssen wir  wohl von beidem sprechen. Und ich denke, dass sich aus diesen beiden  Strängen auch die eigenen Schönheitsvorstellungen in der Linken  zusammensetzen. Die Frage nach dem Rasieren wird dann zum Beispiel  tricky. Das war für mich – ganz anders als die spitzen Schuhe übrigens –  oft ein Thema. Rasier ich mir die Beine oder nicht? Es nicht zu tun,  entspräche meinem emanzipierten Anti-Schönheitsideal. Gleichzeitig finde  ich es manchmal sogar selbst schön, glatte Beine zu haben. Wirkt da  dann doch das jahrelange Brainwashing meiner nicht-linke-Szene-Umgebung?  Kann ich nicht manchmal glatte Beine schön finden und manchmal  unrasierte und das so halten, wie ich es richtig finde? Darum geht es  doch am Ende. &lt;br /&gt;Aber wie werde ich dann von den anderen gelesen? Und  was ist, wenn genau die Person, die ich total toll finde, meine  unrasierten Beine nicht schön findet? Die eigenen Ansprüche an eine  bessere Gesellschaft, in der der Mensch um seiner selbst Willen zählt,  verkomplizieren eine Auseinandersetzung mit den im Kopf eben doch  verankerten Idealen. &lt;br /&gt;Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie ein,  sagen wir mal, langhaariger Mann mit langem, ungepflegten Bart in die  Gruppe kommt. Sagen wir auch mal, die Körperhygiene ist nicht so ganz  perfekt. Was denkst du, welche Auswirkungen das hätte? Ich denke ganz  ehrlich, dass ihm zwar das Gefühl gegeben wird, willkommen zu sein. Aber  tatsächlich wird er sich wohl durch andere Qualitäten seinen Platz in  der Gruppe erobern müssen – etwa, dass er über viel Wissen verfügt oder  Aufgaben annimmt und die gut erfüllt. Was zeigt das über unhinter-fragte  Normen, die wir dann eben doch einhalten und teilen? Manche Realitäten  werden also auch einfach unter den Tisch gekehrt – weil man nicht  verletzen oder nichts Falsches machen will. Und so bleibt die ganze  Debatte um die Ausschlüsse und Normen weiter ein Phantomthema.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;HW:  Klar, Schönheit (oder um es zu erweitern: die Einhaltung von  Schönheitsnormen), sagt ja noch nichts über Intelligenz, Originalität  oder Qualifikation einer Person. aus. Die Frage, die sich allerdings  automatisch stellt, ist, nach welchen Kriterien denn in einer besseren &lt;br /&gt;Gesellschaft  bewertet werden könnte. Die Schlagworte, die ich hier eingeworfen habe,  passen ja sicher traditionell erstmal in einen Kontext, in dem  Konkurrenz als grundlegendes Verhältnis der Individuen zueinander eine  bestimmende Rolle spielt. In einem Gespräch mit einem Freund über dieses  Thema wurde mir mehr oder weniger durch die Blume gesagt, dass Lookism  eben letztlich doch eine Art ‚Nebenwider-spruch‘ sei, ein Problem, das  nur in einem System kapitalistischer Konkurrenz überhaupt eine Rolle  spiele und nur durch Abschaffung des grundlegenden sozialen  Konkurrenzverhältnisses wirklich effektiv bekämpft werden könne.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A:  Ich sehe das nicht so. Etwas zum Nebenwiderspruch zu erklären heißt  eigentlich meistens, sich nicht damit beschäftigen zu wollen. Geht es  nicht ganz banal auch um Sexismen? Um Objektivierungen? Das Thema steht  ja nicht im luftleeren Raum.&lt;br /&gt;Nach welchen Maßstäben wir dann  bewerten, wird auch davon abhängen, welche Fragen wir heute stellen und  wie wir diskutieren. Stell dir mal vor, die Revolution hätte in  Deutschland 1955 stattgefunden. Hätte sich beispielsweise die  Frauenfrage danach von alleine gelöst? Ich denke nicht. Sie ist ja viel  präziser erst später formuliert worden. Also deshalb: Immer schön offen  bleiben für neue Diskussionen! Ich hoffe natürlich immer noch auf eine  freie Assoziation freier Individuen, eben keine Be- und Abwertung. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;HW:  Ich finde es auch grundsätzlich problematisch, soziale Konflikte oder  das Nachdenken über Probleme in sozialen Beziehungen auf „nach der  Revolution“ zu vertagen. Auch wenn ich mit der Feststellung, dass  bestimmte Probleme in einer kapitalistischen Gesellschaft notwendig  virulent und umkämpft bleiben viel anfangen kann. &lt;br /&gt;Aber kehren wir  zur Debatte ins Hier und Jetzt zurück, nachdem wir einen kleinen  Ausblick gewagt haben: Welche Rolle spielen beispielsweise Klassen- oder  Altersunterschiede für die aktuellen Debatten um Lookism? Und ist es  tatsächlich so, dass die Kategorie Gender (noch) immer eine wesentliche  Rolle für den Umgang mit dem Thema spielt?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A: Klassenunterschiede  spielen ganz sicher eine Rolle, denk beispielsweise mal an das Thema  Zähne. Schöne Zähne gelten als sexy. &lt;br /&gt;Wer allerdings nicht  einigermaßen gut verdient, kann sich im jetzigen Gesundheitssystem nur  „Zähne zweiter Klasse“ leisten. Und wird eben auch so wahrgenommen  werden. Beim Thema Alter liegt es auf der Hand: Schönheit meint meistens  auch, ein bestimmtes ‚Haltbarkeitsdatum‘ nicht überschritten zu haben.  Oder wie viele 70-Jährige kennst Du, denen noch immer nachgesagt wird,  sehr schön zu sein? Gender spielt auf ganz verschiedene Arten eine  Rolle, ganz klassisch schon durch die Verknüpfung  Schönheit/Schönheitsideale = weibliche Körper. Die sind nun mal von  Objektivierung, Bewertung und Kommentierung viel stärker betroffen. Wer  weder den normativen Kategorien Mann noch Frau entspricht, wird  mehrheitsgesellschaftlich doch vor allem als Freak gesehen, als schön  dagegen überhaupt nicht. So als müsste sich das eben ausschließen. &lt;br /&gt;Und  klar gibt es auch Werturteile über die Schönheit von Männern, die  handlungsleitend sind darin, wem wir gerne zuhören, wen wir ernst nehmen  und wessen Vorschläge in Gruppendiskussionen bei uns gut ankommen.  Interessanterweise wird das an Männern nur in dieser Form nicht  verhandelt. Vielleicht einerseits, weil wir uns an den  Mainstreamdiskursen mit ihren geschlechtlichen (Ent-)Privilegierungen  abarbeiten. Andererseits wäre es wert zu fragen, was genau uns davon  abhält, den Zusammenhang von männlicher Schönheit und deren sozialer  Bewertung zu analysieren. Ist es die Angst, sich als männlich  privilegiertes Geschlecht mit der Frage danach in den Vordergrund zu  drängen (und damit die Angst, Sexismen zu reproduzieren)? Ist es eine  wertkonservative Haltung, die ganz banal von dem Fehlen der  Auseinandersetzung um solche ‚weichen‘ Themen zeugt und damit nur  (vorsichtig formuliert) den Stellenwert der Debatte in der nach wie vor  (thematisch) männlich-weiß dominierten Linken anzeigt?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;HW:  Interessanter Gedanke. Es wäre zu prüfen, ob das Thema Schönheit und  Attraktivität bei Männern möglicherweise oftmals einfach anders benannt  und diskutiert wird. Also, man bedient sich eines ‚Charisma‘- Begriffes  oder nennt es Ausstrahlung oder Durchsetzungsfähigkeit, an Stellen, wo  der gleiche Umstand bei Frauen möglicher Weise als „Schönheit, die Türen  öffnet“ entnannt oder (um es neutraler zu formulieren) umgedeutet  werden würde. &lt;br /&gt;Aber müsste man dann nicht evtl. doch noch mehr  Gewicht darauf legen, danach zu fragen, welche Funktion die Be- und  Entnennung von Dingen und Personen als ‚schön‘ in den jeweiligen  sozialen Kontexten hat und was es aussagt, wenn bestimmte Dinge eben  nicht &lt;br /&gt;mehr vorrangig als schön bewertet werden. Also, um dein  Beispiel von eben aufzugreifen: was ersetzt die Bewertung ‚schön‘ im  Alter? Was sind es für Systeme, die an ihre Stelle treten? Ich erinnere  mich, dass es bei meiner Großmutter irgendwann ‚gepflegt‘ war. Wobei ich  die These wagen würde, dass der ehemals vielleicht auf ‚Schönheit‘  getrimmte ‚wertende Blick‘ eben nur umbenannt wird und nicht  verschwindet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A: Ja, ich denke, du hast damit Recht. Meine erste  Assoziation zu ‚Charisma‘ wäre auch, „Naja, der sieht wahrscheinlich gut  aus“. Manchmal ist bei Männern ja auch von ‚Schönlingen‘ die Rede. Bei  Frauen dagegen interessanterweise nicht. Und ‚Schönling‘ klingt auch &lt;br /&gt;abwertend,  gerade in dem Sinn, dass jemand auf die – für Männer nicht ausreichende  – Qualität seines Aussehens reduziert wird. Also muss der Schönling, um  wertig zu sein, auch weitere Qualitäten haben. Eine davon könnte dann  sicher auch mit Charisma benannt werden. Da wird es dann wirklich  absurd, weil es ja tatsächlich auch um Attraktivität geht, nur das Ganze  eben nicht so benannt wird. &lt;br /&gt;Zur entnannten Schönheit im Alter würde  ich zum Beispiel auch „hat ein freundliches Gesicht“ hinzufügen. Das  gilt ja häufig als schön bei alten Menschen, wohl deshalb, weil es  zeigt, dass man nicht verhärmt ist, nicht verbittert. Das wiederum hat  natürlich auch wieder was mit gesell-&lt;br /&gt;schaftlichen Vorstellungen zu tun, wie wir sein sollen, wenn wir alt sind. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;HW:  Vielleicht lässt sich hier auch gut überleiten zu meinem vorerst  letzten Punkt. Ein spannender Aspekt, den du eben schon aufgebracht  hast: Die Frage nach Strategien gegen bestimmte Schönheitsnormen. Denn  Slogans wie „Big is beautiful“ oder „40 ist the new 20“ retten eine_n ja  im Einzelfall trotzdem nicht davor, sich manchmal fett oder alt und  (was wohl das entscheidende ist) dadurch weniger begehrenswert zu  fühlen. Ist also eine Strategie, die sagt: „Was ihr hässlich findet,  finden wir aber schön!“ schon Teil der Lösung? Oder ist es allenfalls  ein Anfang, der aber sozusagen das bestehende Koordinatennetz für  ästhetische Urteile weiterhin benutzt, innerhalb dessen ‚schön‘ und  ‚nicht schön‘ weiterhin wesentliche Unterscheidungen sind? &lt;br /&gt;Und wenn wir uns aber drauf einigen könnten, dass es dennoch gut ist, überhaupt einen Anfang zu wagen: Was käme danach?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;A:  Das ist eine schwierige Frage. Nur eine Anti-Norm zu postulieren und es  dabei zu belassen, kann wie gesagt keine sinnvolle Strategie sein. Das  hieße ja, sich permanent an dem abzuarbeiten, was andere als Normen  setzen. Der Kern des Problems ist doch die Enge der Norm und die  Ausschlüsse, die darüber produziert werden. Self-Empowerment ist  natürlich ein guter Anfang, sich dem Schönheits-, Schlankheits- oder was  auch immer Diktat zu entziehen. Eigentlich greift da meines Erachtens  immer noch eine ganz simple, alte feministische Forderung: Mein Körper  gehört mir. In der Lookism-Bewegung geht es ja genau darum, dafür zu  sensibilisieren, andere Körper eben nicht zu bewerten, zu beurteilen und  damit ihre Träger_innen quasi zu ‚enteignen‘.&lt;br /&gt;Was danach kommt: Ein  respektvollerer Umgang miteinander und mit dem eigenen Körper natürlich  auch. Vielleicht auch ein ganz anderes Empfinden davon, welche Schuhe du  haben willst … Vielleicht auch nicht – das wäre dann guten Gewissens  einfach deine Sache.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Gespräch führten Heike und Atlanta Athens.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 09 Apr 2011 11:20:27 +0000</pubDate>
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