<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?>
<rss version="2.0" xml:base="https://arranca.org"  xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">
<channel>
 <title>arranca! - Medien</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/40/0</link>
 <description></description>
 <language>de</language>
<item>
 <title>Mit Nazis reden</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/3/mit-nazis-reden</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Am Mittwoch, dem 25. August 1993, hatte man erneut Gelegenheit, deutschem TV-Topjournalismus beizuwohnen. In den ARD-Tagesthemen führte Sabine Christiansen ein Interview mit dem sächsischen Innenminister Heinz Eggert über die Frage, ob man junge Neonazis in freundliche, milde Menschen verwandeln könne, indem man sie mit Jugendzentren, Sozialarbeitern usw. überhäufe.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div&gt;
&lt;p&gt;Am Mittwoch, dem 25. August 1993, hatte man erneut Gelegenheit, deutschem TV-Topjournalismus beizuwohnen. In den ARD-Tagesthemen führte Sabine Christiansen ein Interview mit dem sächsischen Innenminister Heinz Eggert über die Frage, ob man junge Neonazis in freundliche, milde Menschen verwandeln könne, indem man sie mit Jugendzentren, Sozialarbeitern usw. überhäufe. Eggert, dessen Äußeres immer wieder in Erinnerung ruft, daß die Folge „Amok in Bethel&quot; aus der TV-Serie Peter Strohm noch immer nicht gedreht worden ist, kippte die Interviewsituation um und fragte Frau Christiansen: „Wann haben Sie oder ich das letzte Mal mit einem Rechtsradikalen gesprochen?&quot; &lt;br /&gt; Nun ist allgemein bekannt, daß Sabine Christiansens berufliche Qualifikation im Besitz eines CDU-Parteibuchs besteht, und gerne erzählten Kollegen, daß sie als einzige in der &lt;em&gt;Tagesthemen&lt;/em&gt;-Redaktion nicht der Lage ist, sich ihre Nachrichtentexte selbst zu schreiben. Ihre parteigebundene Beschränktheit macht Frau Christiansen dadurch wett, daß sie sich bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit an die Spitze des etwaigen Volkszorns setzt; ihr journalistisches Rückgrat kommt dem einer Salatschnecke gleich. Und dennoch hätte selbst sie auf Eggerts o.g. Frage mit Leichtigkeit antworten können: „Aber wieso? Das tue ich doch gerade&quot;, oder ganz simpel: „Warum? Ist das jetzt Pflicht?&quot;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es scheint so. Alle Welt sucht das Gespräch mit Rechtsradikalen. Warum? Haben sie einem etwas zu sagen? Ist nicht hinlänglich bekannt, was sie den­ken, fordern und propagieren? Wo liegt der beschworene aufklärerische Wert, wenn Henryk Broder in der &lt;em&gt;tageszeitung &lt;/em&gt;Franz Schönhuber interviewt? Muß man an jeder Mülltonne schnuppern? Nie­mand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, - das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein &lt;em&gt;wollen&lt;/em&gt;. Eine der unangenehmsten deutschen Eigenschaf­ten, das triefende Mitleid mit sich selbst und den eigenen Landsleuten, aber macht aus solchen Irrläufern der Evolu­tion arme Verführte, ihrem Wesen nach gut, nur eben ein bißchen labil etc., „Menschen&quot; jedenfalls, so Heinz Eggert, „um die wir kämpfen müssen&quot;.&lt;br /&gt; Warum? Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: daß man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschach­telwelt passen. Ob man sie dafür ein­sperrt oder sie dafür auf den Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich, und wer vom Lager (für andere) träumt, kann gerne selbst hin­ein. Dort, in der deutschen Baracke, dürfen dann Leute wie Rainer Langhans, Wolfgang Niedecken und Christine Ostrowski zu Besuch kommen und nach Herzenslust mit denen plaudern, zu denen es sie zieht.&lt;br /&gt; Den Rest der Zeit werden die Berufsdeutschen ein wenig gequält: Verordne­ter Antifaschismus &lt;em&gt;all night long!&lt;/em&gt; Fritz Teppisch spricht nicht unter drei Stun­den! Aus den Lausprechern dröhnt verjüdelte Negermusik! Pflichtlektüre: die schlechtesten Satiren von Ephraim Kishon! Rechte Winkel und Viervierteltakt sind bei Strafe verboten, die Haare wer­den nicht mehr geschnitten. Abends Talkshow mit Henryk Broder und Lea Rosh - es herrscht Teilnahmepflicht. Und dann geht es ruckzuck ohne Nachtisch ins Bett - zu &lt;em&gt;Mister Long Dong Silver&lt;/em&gt;. So geht das.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Verbaler Antifaschismus ist Käse. Militant soll er sein, vor allem aber: erfolgreich. Wenn sich dabei herausstellen sollte, daß er sich gegen 50, 60, 70, 80 oder 90 Prozent des deutschen Volkes richtet, dann ist das eben so. Wo Nazis &lt;em&gt;demo­kratisch &lt;/em&gt;gewählt werden können, muß man sie nicht demokratisch bekämpfen.&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/mit-nazis-reden&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/mit-nazis-reden&quot; dc:title=&quot;Mit Nazis reden&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/579&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/579  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/3/mit-nazis-reden#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/antifaschismus">Antifaschismus</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/medien">Medien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/satire">Satire</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Tue, 14 Dec 2010 15:35:57 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">579 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>„it’s nine o’clock on my rolex“</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/it-s-nine-o-clock-on-my-rolex</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;TV und Radio in den USA sind erbärmlich, weiß hier jede/r. Die Amis werden mit Werbung und Musik zugedu­delt, Nachrichten und Infor­mationen sind hoffnungslos schlecht.&lt;br /&gt; Wie kommt es, daß auch ausführliche Reportagen und mehrstündige bis mehrtägige Anhörungen von Untersu­chungsausschüssen im Äther zu finden sind?&lt;br /&gt; Deutsche Linke wissen mei­stens nicht, daß es in den USA trotz allem kommerziel­len Mist viele Sender gibt, über die man sich besser, als in der BRD, informieren kann und die teilweise sehr eng mit der Basis zusammenarbei­ten oder auch von dieser gemacht werden.&lt;br /&gt; Weil deutsche linke Radio­projekte häufig (nicht nur) am Geld scheitern, lohnt es, sich die Finanzierung der non-commercial (nicht-kom­ merziellen Radios) in den USA mal anzuschauen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;TV und Radio in den USA sind erbärmlich, weiß hier jede/r. Die Amis werden mit Werbung und Musik zugedu­delt, Nachrichten und Infor­mationen sind hoffnungslos schlecht.&lt;br /&gt; Wie kommt es, daß auch ausführliche Reportagen und mehrstündige bis mehrtägige Anhörungen von Untersu­chungsausschüssen im Äther zu finden sind?&lt;br /&gt; Deutsche Linke wissen mei­stens nicht, daß es in den USA trotz allem kommerziel­len Mist viele Sender gibt, über die man sich besser, als in der BRD, informieren kann und die teilweise sehr eng mit der Basis zusammenarbei­ten oder auch von dieser gemacht werden.&lt;br /&gt; Weil deutsche linke Radio­projekte häufig (nicht nur) am Geld scheitern, lohnt es, sich die Finanzierung der non-commercial (nicht-kom­ merziellen Radios) in den USA mal anzuschauen.&lt;br /&gt; Die kommerziellen Sender finanzieren sich ausschließ­lich über Werbung —in Form von Werbespots oder in die Ansagen integrierter Wer­bung: „It&#039;s nine o&#039;clock on my Rolex&quot;. Das System ist ein­fach: die Sender sorgen für ZuhöreInnen, diese Konsu­mentInnen werden dann an die Werbewirtschaft verkauft. Letzteres ist Sinn und Ziel des Sendebetriebes, die Pro­grammgestaltung funktioniert erstrangig unter diesem Gesichtspunkt und ist ent­sprechend.&lt;br /&gt; Zwei Drittel der Amis hören nur diese Sender und ihr Grad an Informiertheit ist tatsächlich furchterregend.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das andere Drittel jedoch hört nur oder auch non-com­mercial radio und ist nicht auf die geldorientierte und unkri­tische Information angewiesen. Das Spektrum dieser Radios ist ziemlich breit, es gibt zwei generelle Ansätze. Ein paar hundert Radiosta­tionen mit Bildungsanspruch (educational radios) haben sich 1970 zu National Public Radio (NPR) zusammenge­schlossen. In jeder mittel­großen Stadt gibt es minde­stens einen NPR-Sender, das Umland wird meist von ihnen mitversorgt. Über die Zentrale in Washington D.C. werden Nachrichten für die eineinhalbstün­digen Nachrichtenmagazine Morning Edition und All Things Considered eingespeist und von den einzelnen Sen­dern durch lokale Informatio­nen ergänzt. Diese Nachrich­ten sind interessant (und machen das Auto zum Wohn­zimmer: spannende Beiträge bringen eine/n dazu, vor dem Haus im Auto sitzenzublei­ben, bis sie fertig sind), behandeln die Hauptthemen wirklich ausführlich —hinter­her hat man eine ziemlich gute Ahnung davon, worum es geht— haben gemischte Themen (im Nachrichtenma­gazin kann eine ausführliche Buchbesprechung enthalten sein) und einen für die USA sehr großen internationalen Teil. Das auffälligste ist viel­leicht, daß sie sich sehr viel Zeit lassen, ein Riesenkontrast zur üblichen Radiohektik. Politisch gelten diese Nach­richten in den USA als liberal, was nach wie vor (völlig zu Unrecht) weit verbreitet als kommunistisch gilt, aber auch mit der deutschen Auffassung von liberal nicht zu verglei­chen ist. Linkssein fängt in den USA angesichts einer sehr breiten Akzeptanz des Gesellschaftssystems schon viel früher an, eine sympathi­sierende Haltung beispiels­weise zu Ländern wie Nicara­gua nach der Revolution, die von den meisten nicht-kommerziellen Radios getragen wurde, eine wohlwol­lende Sendung über sozialistische Ideen und Theorien können daher radikaler oder besser, systementgegengesetzter ein­geschätzt werden als in der BRD. Die politische Ausrichtung einzelner Sen­dungen kann durchaus linksradikal, wie es hier allgemein aufgefaßt wird, sein.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Außer den großen Nachrichtenmagazi­nen gibt es je nach Sender gut recher­chierte Reportagen im Stile des in den USA verbreiteten Aufklärungsjournalis­mus, lange Interviews, Sendungen von und für ethnische Minderheiten (dabei senden einzelne Programme zum Bei­spiel in Navajo, Spanisch, Eskimo etc.) wie black perspectives on the news, Musikmagazine verschiedenster Art mit Musikrichtungen für ein kleineres Publikum, viel Jazz und leider auch bei vielen Sendern vor allem Klassik (nichts gegen Klas­sik), was an der Auffas­sung &amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; des Ostküstenintellektuellenestablishments von Kultur als Gegensatz zur Dekadenz der Mainstream-Kultur liegt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Finanziert wird NPR zum Teil von der staatlichen Federal Communications Commission FCC (was sie natürlich finanziell auch abhängig vom Wohlwollen des Staates macht, Reagan hat beispielsweise die Gelder drastisch gekürzt), zum größeren Teil privat. Grundlage dafür ist das us-amerikanische Gesellschaftssystem, das auf dem Prinzip eines Nachtwächterstaates basiert, der eine weitgehende Verant­wortung für soziale und kulturelle Belange ablehnt. Konsequenz ist private Do-it-yourself-Initiative, die sich viel­schichtig in NPR niederschlägt. So ist NPR listener-sponsored, zuhörergetra­gen, d.h. es hat Mitglieder, die regel­mäßig Beiträge entrichten. Hierzu kommt eine häufige pledge-week. bei denen die Sender solange auf den Ner­ven ihrer Hörerinnen rumtrampeln, bis genug Anruferinnen sich telefonisch zu Spenden verpflichtet haben, die notfalls später durch öffentliche Denunziationen eingetrieben werden („and John Smith from Oakland still basn&#039;t sent the check he promised us&quot;), Auktionen etc.. Die Hörerinnen unterstützen das Radio mit dem Bewußtsein, Gutes nur hören zu können, wenn sie die Sache mehr oder weniger in die eigene Hand nehmen; bei NPR kommt dazu, daß es in intellek­tuellen Kreisen oft moralische Verpflich­tung ist, Kultursender zu unterstützen —so es Klassiksender, die von eigenen Mitglieder nicht unbedingt selbst gehört werden.&lt;br /&gt; Weitere Sponsoren sind philantrope Stiftungen, die die vom Staat freigelas­sene Lücke im sozialen und kulturellen Bereich ausfüllen und beträchtliche Gel­der verwalten. Schließlich gibt es das anwachsende Mäzenatentum von Wirt­schaftsunternehmen, die vor allem ihr Image aufpolieren wollen (schließlich sind die Spenden absetzbar), aber in den USA zum Teil eine Art Verpflichtung spüren, die Härten des Kapitalismus zu lindern, wenn es sie nicht zuviel kostet und Recht und Ordnung nicht gefährdet. Sie finanzieren Sendungen über das cor­porate-underwriting, das sie sich nicht durch Werbespots, sondern Ansagen wie „this program was madepossihle with the help of the Coca-Cola-Company&quot; hono­rieren lassen. Es gibt keinen direkten Einfluß auf die Programmgestaltung, die Firmen zahlen in einen Pool von NPR ein, der dann Gelder an einzelne NPR­Stationen verteilt, damit einzelne Statio­nen nicht boykottiert werden können. Und es wird oft unterschätzt, zu wieviel solche Firmen bereit sind, wenn es dem Ziel, nämlich der Imageaufbesserung dient. So kann es dann vorkommen, daß Coca-Cola Sendungen einer Station unterstützt, die gerade über die Prakti­ken dieser Firma herzog. Weil NPR inzwischen fest mit diesen Geldern rech­net, ist es zu einigem an Selbstzensur bereit, um die vorhandenen Sendestruk­turen nicht zu gefährden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Neben ihren Vorteilen wie einem großes KorrespondentInnennetz mit ent­sprechenden Informationsmöglichkeiten, finanziellem Potential für aufwendige unabhängige Recherchen und wenig Selbstausbeutung hat die Förderung von NPR bei ver­schiedenen Sen­dern auch zu einer abgehobenen Ent­wicklung in Rich­tung Bürokratisie­rung und Etablierung, knall­hartem Finanzma­nagement, festen Bürogebäuden etc. geführt. Entspre­chend hat sich ein überwiegend aus weißen Intellektu­ellen bestehenden Publikum heraus­gebildet. Die Schwerpunkte des Programms wur­den darauf ausgerichtet. Viele Sender scheuen jedes Risiko, weniger in Bezug auf politische Inhalte als auf neue Zuhörerinnengrup­pen, und ihr Kulturverständnis ist zudem banal. NPR stellt also an sich kein revo­lutionäres Potential dar und trägt nicht zum Aufbau einer radikalen Gegenkultur bei, bietet aber gesicherte Finanzierung, Unabhängigkeit von Medienkonzernen und Nischen für radikale Positionen. Außer NPR gibt es noch eine ganze Menge (zwischen 500 und 1000) soge­nannter community radios, die sich fast ausschließlich über ihre ZuhörerInnen und Stiftungen finanzieren, um Unab­hängigkeit zu gewährleisten —sie stehen finanziell denn auch schlechter dar. Der öffentliche Zugang wird gewährleistet und genutzt, es gibt viele Gruppen und Einzelpersonen, die spontan oder regelmäßig eigene Sendungen produzieren. Die jeweilige lokale community hat ein Mitentscheidungs- und Kontrollrecht, oft bilden auch die ZuhörerInnen eine Eigentumsgesellschaft. Das Budget der Sender ist sehr unterschiedlich (zwi­schen 25.000 und 2,5 Millionen Dollar, die meisten operieren mit ein paar hun­derttausend Dollar). Einige Sender expe­rimentieren inzwischen mit lokalem Sponsoring, meist entscheiden die Zuhö­rerInnen per Abstimmung über solche Experimente und zukünftige Finanzie­rungsformen. Die community radios leh­nen die Bürokratisierung von NPR ab und stehen teilweise in einem lockeren Zusammenhang, der dem Austausch von Sendeanlagen und Sendungen dient. Sie sind mehr oder weniger professionell gemacht (es wird zum Teil versucht, die Trennung zwischen AmateurInnen und Professionellen aufzuheben) und bieten politisch eine bunte Mischung aus dem linken Spektrum: anarchistisch, sozialre­volutionär, „grün&quot;, einfach nur radikal und chaotisch oder auch relativ unpoli­tisch. Meistens werden sie von und für eine community gemacht, viele wenden sich zum Beispiel an die jeweilige black oder latino community einer Stadt oder richten sich an ethnisch übergreifende gesellschaftliche Gruppen (KPOO - Radio for the Poor), gesendet wird in vielen Sprachen.&lt;br /&gt; Für indianische Stämme in Reservaten und Eskimogruppen sind community radios das einzige Medium, das sich direkt an sie wendet, da diese Ethnien im Gegensatz zu den Afroamerikanerin­nen und Latinos nicht als großes Kon­sumpotential gelten und daher für die Werbewirtschaft uninteressant sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daneben werden vereinzelt auch Durch­schnittsamerikanerinnen in dünnbesiedelten Gegenden ohne kom­merzielle Sender von commu­nity radios versorgt, die zwar basisorientiert aber politisch nicht unbedingt progressiv sind.&lt;br /&gt; Vor allem in den Städten sind die community radios für ihre communities identitätsstiftend, wenn zum Beispiel ein schwarzer Sender in einer black community schwarze Musik sendet, die kommerzi­elle Stationen nicht übertragen und Interviews und Diskussio­nen mit Leuten aus der community über aktuelle Probleme bringt.&lt;br /&gt; Die Rechte versucht immer wieder, community radios zu sabotieren, so gab es schon Anschläge auf Sendeanlagen durch den Ku-Klux-Klan. Erfolgreich und nervig sind auch Anzeigen bei der Federal Communications Commission. Da direkte politische Zensur in den USA schwer durchzusetzen ist, werden Beschwerden über obszöne Ausdrücke oder Inhalte eingereicht (schon das Wort fuck kann Skandale auslösen). Die FCC spricht dann Verwarnungen aus, die zu Problemen bei der Lizenzverlängerung, für die sie zuständig ist, führen können. Prozesse dagegen anzustrengen ist kost­spielig, größere Sender mit finanziellem Spielraum führen gelegentlich Präze­denzklagen durch alle Instanzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am bekanntesten und größten unter den community radios ist Radio Pacifica (KPFA); in den 40er Jahren in Berkeley gegründet, mittlerweile in fünf Städten vertreten und immer noch basisorientiert. In den 60ern war KPFA das Sprachrohr für die Anti-Vietnam und die Bürgerrechtsbewegung. Auch heute noch gilt Pacifica als Thementrendsetter, es liefert über einen network service Beiträge an andere community radios und stellt ein riesiges Tonarchiv zur Verfügung. Die Pacifica-Stationen (mit je einem Budget von ca. 1 Million Dollar) beschäftigen bezahlte Angestellte und ein mehrfaches an Freiwilligen, die sich vor allem aus dem Publikum rekru­tieren. Zum Teil gestalten diese nur gelegentlich Sendungen, viele arbeiten jedoch regelmäßig mit und bekommen von den Festangestellten und erfahrene­ren Freiwilligen eine Art Radioausbil­dung und machen dann öfter Sendun­gen — live dürfen sie allerdings erst nach einer Weile senden. Nach vier Monaten regelmäßiger Mitarbeit werden sie zum staff, dem festen Personal, gerechnet und haben Zugang zu und Stimmrecht bei den Mitarbeiterinnenversammlungen und können Leistungen der Gewerk­schaft beanspruchen— sie sind also mehr als billige Arbeitskräfte und garantieren ein Programm von unten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Angesichts der über tausend nichtkommerziellen Sender in den USA kann man dort also durchaus das Radio ein­schalten und neben dem üblichen Gedu­del ein Interview mit einem Black Panther-Mitglied über die politischen Gefangenen in den USA, eine Sendung in Navajo über den Kampf der indiani­schen Stämme für ihre Landrechte, Tips für illegale lateinamerikanische Immi­grantinnen, Aufrufe zum Boykott bestimmter Produkte von mit faschisti­schen Gruppen kooperierenden Unter­nehmen, Überlegungen zur Gründung einer sozialistischen Gewerkschaft, Underground-Musik oder Anleitungen zur Verbesserung der Hanfernte hören.&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/it-s-nine-o-clock-on-my-rolex&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/it-s-nine-o-clock-on-my-rolex&quot; dc:title=&quot;„it’s nine o’clock on my rolex“&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/560&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/560  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/2/it-s-nine-o-clock-on-my-rolex#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/massenmedien">Massenmedien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/medien">Medien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/radio">Radio</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/usa">USA</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Tue, 23 Nov 2010 13:51:51 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">560 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>„Die Linke unter den Großen“</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/die-linke-unter-den-grossen</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Ein Gespräch mit Ivo über seine Erfahrungen in der Redaktion des ND.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Ich finde das Neue Deutschland ziemlich wider­sprüchlich. Da gibt es eine Reihe von wichtigen Nachrich­ten vor allem zur soziale Frage, die man sonst nirgends findet, es gibt eindeutig linke Stand­punkte, wie sie in der taz auf keinen Fall mehr zu lesen sind, und auf der anderen Seite sind da wieder so Hämmer wie ein­zelne Kommentare nach Bad Kleinen, wo die RAF als „Linke&quot; in Anführungszeichen tituliert und ihr ein „Dachschaden&quot; unterstellt wurde. Oder nach dem Anschlag ETAs in Madrid im Juni, wo 5 Mitglieder des spanischen Generalstabs, ein Unteroffizier und ihr Chauffeur in die Luft gesprengt wurden, titelte das ND: „Terroristen nahmen Tod von Kindern in Kauf&quot;. Zwar wurden mehrere Passantinnen, darunter auch Kinder, verletzt, aber es wurde nicht einmal ansatzweise erwähnt, daß das der schwerste Schlag gegen die Militärspitze seit Jahren war, daß im Augen­blick mehr als 100 Totalverwei­gerer in Spanien im Knast sitzen, daß es eine riesige Bewe­gung gegen den Militärdienst gibt, daß die Militärführung zum Teil aus der Franco-Dikta­tur stammt, daß es unter den Passanten keine Toten gab usw. Man sah nur ein Foto mit einem zerrissenen Auto und der genannten Überschrift. Auf der anderen Seite gab es diese Woche wieder ein ganz ähnli­ches Bild mit der Überschrift „Bombenstimmung in Nordir­land&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ivo: Das ND hat ja zumindest den Anspruch, eine pluralisti­sche linke Tageszeitung zu sein. Man kann davon halten, was man will, aber zumindest ist wahr, daß sehr unterschied­liche Stimmen zu Wort kom­men. Vieles fehlt nicht deswe­gen, weil es zensiert würde, sondern weil sich niemand fin­det, der es schreibt. Es könnte viel mehr verschiedene linke Standpunkte in der Zeitung geben, wenn sich aus anderen Bereichen Leute engagieren würden. So lange von dort aber kaum etwas kommt, solange wird auch die Berichterstattung immer so sein, wie du sie beschrieben hast.&lt;br /&gt; Im Übrigen denke ich, daß man mit dem Wörtchen „links&quot; dort, wo Ostler und Westler zusammenarbeiten, nicht mehr weit kommt. Ich würde für so manche ND-Kolleginnen die Bezeichnung „links&quot; auch mit Anführungszeichen versehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Glaubst du, daß es im ND grundsätzlich eine größere Offenheit für außerparlamenta­risch-linke und systemopposi­tionelle Bewegungen gibt als in der taz?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Was es vor allen Dingen gibt, ist eine große Unsicherheit der DDR-BürgerInnen gegenü­ber der West-Linken. Z.B. an die RAF hat man sich kaum herangewagt, aus Unkenntnis der Geschichte, aber auch aus Unsicherheit, was das an Repression nach sich ziehen würde, wenn man darüber berichtet.&lt;br /&gt; Diese Unsicherheit bedeutet auch Neugierde gegenüber anderen Positionen, und die kann man nutzen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Dann wäre aber die Frage, ob diese Offenheit befristet ist. Bei der taz war es ja so, daß sich die Positionen in einer Bewegung geklärt haben und damit die Offenheit ihr Ende fand. Heute powert in der taz eine ganz bestimmte Strömung ihr Projekt. In der DDR-Linken wird so eine Klärung auch eintreten, früher oder später.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Die alternative Bewegung, aus der die taz entsprang, hat sich größtenteils etabliert. Diese Etablierung wird es beim ND so nicht geben, weil es da wie in der PDS zwei Hauptströmungen gibt: eine sozialdemokratische, die schon eta­bliert ist und das ND nicht unbedingt braucht, und zweitens eine traditionell-kommunistische, die meiner Meinung nach eher anachronistisch ist und sich wohl kaum noch einmal etablieren kann. Die Gefahr ist eher, daß sich das ND spalten könnte, wie sich auch die PDS irgendwann spalten wird. Das würde natürlich in die Bedeutungslo­sigkeit führen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was glaubst du, was das ND für eine Rolle spielen kann? Ist es mit seinen 100.000 Auflage nur ein Fossil oder ist es eine Zeitung, die auch wie­der etwas in Gang bringen kann? Wel­che Bedeutung hat die Zeitung z.B hei der Organisierung von Widerstand in der ehemaligen DDR?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Ich glaube nicht, daß das ND politisch richtungsweisend sein kann. Genausowenig wie die PDS. Die Chance, die die Zeitung aber hat, ist, so etwas wie ein Sammlungspunkt für unterschiedliche linke Standpunkte zu sein. Das ist vielleicht auch ganz ange­sagt in einer Zeit, in der die gesamte Linke irgendwo zwischen Resignation und Ratlosigkeit umhertaumelt. Ich finde das reizvoll an der Zeitung, daß — von ganz links bishin zu Liberalen — Leute zu Wort kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Hat das Blatt nicht doch auch eine mobilisierende Funktion? Wenn jemand über den Widerstand gegen die Deindustrialisierung in der Ex-DDR und das Umverteilungsprogramm von unten nach oben berichtet, ist es doch schließ­lich das ND.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Die Leute, die jetzt hungerstreiken gegen den Verlust ihrer Arbeitsplätze oder den Sozialabbau, stellen deswegen nicht die Systemfrage. Sie wollen höhere Löhne, ihren Arbeitsplatz sichern. Es ist anscheinend zur Zeit nicht angesagt, Fragen darüberhinaus zu stellen, und eine Zeitung ändert diese Situation auch nicht.&lt;br /&gt; Es ist interessant, daß die Älteren im ND stark anzweifeln, ob eine Zeitung überhaupt großartig mobilisieren und vorantreiben kann. Sie stellen fest, daß sie über 40 Jahre lang an einem perfekt inszenierten Medienwesen mitgewirkt haben, das dann einfach zusammenge­brochen ist. Diese Kollegen stellen sich die Frage, was das bewirkt hat, was sie solange geschrieben haben.&lt;br /&gt; Selbst wenn du im ND nur gute Arti­kel zu Abschiebungen und den Flücht­lingen schreiben würdest, -solange auf allen Fernsehkanälen, in der U-Bahn, bei der Arbeit und im Radio von „Asylanten­strömen&quot; die Rede ist, wird auch ein Großteil der ND-Leserinnen von „Asy­lantenströmen&quot; reden. Unsere Wirkung ist da sehr gering.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Woran liegt es eigentlich, daß die West-Linke das Neue Deutschland so wenig wahrnimmt und nützt? Es ist doch auffällig, daß noch immer fast alle die taz lesen, obwohl die uns politisch mindestens so fremd ist, wie das Neue Deutsch­land.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Stimmt. Das ist schade, denn ich denke, daß das ND die einzige Zeitung ist, aus der man sich ein authentisches Bild über die Stimmung und Lage im Osten machen kann. Das täte vielen Westlinken ganz gut. Die Verständi­gungsschwierigkeiten sind immer noch ungemein groß. Das ist auch meine eigene Erfahrung, und ich wohne jetzt schon mehr als 3 Jahre im Osten.&lt;br /&gt; Aber zu Deiner Frage: Es hat zum einen sicherlich damit zu tun, daß man das ND im Westen kaum bekommt. In Westdeutschland kriegt man es- außer am Bahnhofskiosk- einen Tag später, selbst in Westberlin muß man es suchen. Das andere und gewichtigere Argu­ment ist, daß das ND eine Ostmentalität ausstrahlt und natürlich schwerpunkt­mäßig über den Osten schreibt. Es gibt sogar ausgesprochen „Wessi-feindliche&quot; Beiträge von einzelnen Redakteuren. Dazu kommt, daß ein Großteil der AbonenntInnen über 60 ist. Der größte Aboschwund kommt daher, daß Leserin­nen sterben.&lt;br /&gt; Auf diese älteren Leserinnen stellt sich das Blatt natürlich ein, und das führt zu einem Stil, der junge Westlinke kaum anspricht. Außerdem haben wir auch kaum Leute im Westen, die für das ND schreiben, obwohl wir uns sehr darum bemüht haben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Das heißt letztendlich: die Westlinke müßte von ihren grundsätzli­chen Anforderungen herunterkommen und auf die Zeitung stärker zugehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Ja. Aber auch andersherum muß es Schritte geben. Für die Zeitung ist die Situation schwierig, es ist ein Spa­gat. Einerseits will man die alten Leser nicht verlieren, - mir sind die Leute, die heute das ND lesen, auch wichtig -, andererseits müßte sich die Zeitung ändern, wenn sie jüngere Linke anspre­chen will. Eine Lösung ist dafür nicht in Sicht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Gibt es eigentlich intern die Möglichkeit, daß du Diskussionen ein­fordern kannst, wenn du einen Artikel völlig daneben findest? Gibt es Debat­ten innerhalb des ND?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Es gibt schon Diskussionen. Es gab z.B. die Initiative, daß sich regel­mäßig die ganze Redaktion trifft, um ein bestimmtes Thema gemeinsam zu besprechen. Aber das ist in letzter Zeit eingeschlafen. Ansonsten laufen die mei­sten Gespräche informell unter den Redakteurinnen ab.&lt;br /&gt; Außerdem gibt es auch die Idee, mit den Leserinnen regelmäßig Diskussions­veranstaltungen zu machen. Auf dem Pressetag gab es eine Podiumsdiskus­sion für die Zeitungsmacherinnen und - Leserinnen zum Thema Olympia im Jahr 2000 in Berlin. Da ging es hoch her und das hat meisten Leuten in der Redaktion gut gefallen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Olympia ist ein gutes Beispiel für einen Meinungsumschwung in der Zeitung. Am Anfang war das ND wie auch die PDS klar dafür, inzwischen überwiegt die Ablehnung. Das zeigt doch auch, daß Diskussionen fruchtbar waren.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Es zeigt, daß sehr unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen können. Einen richtigen Meinungsumschwung bei den Leuten hat es aber eigentlich nicht gegeben. Am Anfang hat einfach das Sportressort berichtet, inzwischen schreibt meistens die Lokalredaktion. Das Thema Olympia zeigt wie zerrissen das ND ist, aber auch wie offen für Gegensätze.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Bist du jemals offen zen­siert worden? Gab es das, daß du gedacht hast, das kann ich unmöglich schreiben, selbst wenn ich einen guten, aktuellen Aufmacher finde?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Klar, das gab es. Aber ich sehe meine Auf­gabe auch gar nicht so sehr darin, zu kom­mentieren. Mir geht es eher darum, Informationen zu liefern und die Leute selbst entscheiden zu lassen, und da hatte ich wenig Schwierigkeiten bisher. Im ND stehe ich interessanterweise eher zwi­schen den Fronten. Das ist wie in der PDS, wo sich der sozialdemokratische und traditionskommunistische Flügel bekriegen, aber beide die kleine linksra­dikale Gruppe um die Bundesabgeord­nete Ulla Jelpke eigentlich in Ruhe las­sen. So ähnlich ist das bei uns auch: den scharfen Konflikt liefern sich andere.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was war das für Zensur?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Es läuft meistens darauf hinaus, daß ich selber Sachen herausnehme, weil ich mir denke „ich will nicht schon wieder erklären, warum ich diesen Begriff ver­wende&quot;. Ich nehme mich also selbst zurück. Manchmal habe ich einfach keine Lust auf endlose Diskussionen, vor allem wenn man hei Adam und Eva anfangen müßte und nicht viel Zeit hat. Besonders sensibel ist man bei allem, was -auch hier im Hause- von einigen „Terrorismus&quot; genannt wird. Eine Kolle­gin sagte mal: „Die RAF hat uns 40 Jahre nicht interessiert, warum sollte sie uns jetzt interessieren!&quot; Zum anderen halten marxistisch-leninistisch gebildete Leute ja eh nichts vom „individuellen Terror&quot;. Was Deiner Meinung nach links ist, fin­den Leute aus der Ex-DDR eben oft bür­gerlich. &#039;ich dagegen finde diese spießi­gen ML-Scheuklappen bürgerlich.&lt;br /&gt; Zum Thema RAF-Gefangene gab es hier mal sowas wie einen Beschluß: Natürlich müssen wir über die inhuma­nen Haftbedingungen berichten, aber es muß auch immer klar werden, daß das ND nicht den bewaffneten Kampf akzeptiert. Mal unabhängig davon, was ich zur RAF-Politik meine, ist das natür­lich nicht die Art von Journalismus, die ich machen möchte. Wer es nötig hat, sich von anderen zu distanzieren, nur damit eigene Positionen deutlich wer­den, hat keine Positionen. Und das würde ich, was dieses Thema betrifft, mal vielen beim ND unterstellen. Irgendwo hört die Pluralität beim ND auf. Da bin ich auch oft hin- und herge­rissen. Einerseits denke ich: Lieber nichts schreiben, als was Halbes. Andererseits denke ich dann wieder: Besser ich schreibe es, als irgendjemand anderes, der oder die dann vielleicht behauptet, daß es die RAF doch schon seit Jahren nicht mehr gibt- oder irgendso ein Unsinn.&lt;br /&gt; Ansonsten ist der größte Zensor aber meistens die auferlegte Kürze. Da geht vieles verloren, was für den Text eigent­lich wichtig wäre.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Hältst du das Neue Deutschland eigentlich für ein Parteiorgan?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ivo: Rein von den Besitzverhältnissen ist es das faktisch. Trotzdem ist es hetero­gener als die taz z.B.. Das liegt einfach daran, daß die PDS auch kaum einheit­lich ist. Im Grunde genommen ist das ein Zusammenschluß von vor allem Ossis mit sehr unterschiedlichen Mei­nungen und sehr viel Platz für Initiati­ven. Trotzdem gibt es in der PDS Funk­tionäre, nach deren Meinung nicht genug über ihre Arbeit bzw. verfälscht darüber berichtet wird. Die Tatsache, daß die PDS jetzt eine eigene Mitgliederzeitung herausgibt, zeigt ja auch, daß das ND so sehr nun auch wieder nicht Parteiorgan ist. Zumindest für viele PDS-Mitglieder nicht aus­reichend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Im Augen­blick läuft eine Klage der Treu­hand gegen das Neue Deutschland, in der die Treuhand 2 Millionen Mark von der Zeitung fordert. Wird sie damit durchkommen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ivo: Juristisch hat sie eigentlich keine Chance. Aber wir wissen ja auf welcher Seite die Justiz dieses Landes steht. Es gibt das politi­sche Interesse, das ND zu zerstören. Der Anlaß ist ziemlich absurd: unter der Modrow-Regierung wurde bei der Einstellung der Subventionen an Ost-Zei­tungen noch eine Abschlußzahlung geleistet. Hiervon fordert die Treuhand jetzt einen ersten Teil zurück, eben genannte 2 Millionen DM. Interessanter­weise tut sie das jedoch nur beim ND, und sonst bei keiner Ost-Zeitung. Absehbar ist, daß das ND zumachen müßte, wenn die Treuhandklage durch­kommt. Betroffen davon wäre auch die Junge Welt, die über das gleiche Ver­triebsnetz vertrieben wird.&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/die-linke-unter-den-grossen&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/die-linke-unter-den-grossen&quot; dc:title=&quot;„Die Linke unter den Großen“&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/557&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/557  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/2/die-linke-unter-den-grossen#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/linke-medienprojekte">Linke Medienprojekte</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/medien">Medien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/neues-deutschland">Neues Deutschland</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/zeitung">Zeitung</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Sun, 14 Nov 2010 12:55:20 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">557 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Vorwort</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/vorwort</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;„Es ist ein Wahn, zu glauben, daß eine Weltanschauung durch rationale Kritiken zerstört werden könnte.&quot; (A. Gramsci)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Zuge der &lt;em&gt;„Kulturrevolution&quot; &lt;/em&gt;der 60er Jahre wanderte linke  Politik in die Kultur aus. Wie viele Zeitungs- und andere Medienprojekte  wurden aus der Taufe gehoben, wieviele verschwanden wieder - und die  uns am intensivsten angehende Frage: WAS bewirkten sie? K.H. Roth  spöttelte schon damals über diese „Überbaurevolten&quot;, die jenseits der  „harten&quot; gesellschaftlichen Interessen angesiedelt seien.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;„Es ist ein Wahn, zu glauben, daß eine Weltanschauung durch rationale Kritiken zerstört werden könnte.&quot; (A. Gramsci)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Zuge der &lt;em&gt;„Kulturrevolution&quot; &lt;/em&gt;der 60er Jahre wanderte linke Politik in die Kultur aus. Wie viele Zeitungs- und andere Medienprojekte wurden aus der Taufe gehoben, wieviele verschwanden wieder - und die uns am intensivsten angehende Frage: WAS bewirkten sie? K.H. Roth spöttelte schon damals über diese „Überbaurevolten&quot;, die jenseits der „harten&quot; gesellschaftlichen Interessen angesiedelt seien.&lt;br /&gt;Die in der „Bewegungsgeneration&quot; entstandene Politik der ersten Person ging darüber hinaus, wandte sich von der Sphäre der Macht ab und verzichtete gar auf die Vermittlerrolle der „Intellektuellen&quot;. Man widmete sich der eigenen Subjektivität, alternative Medien dienten der Selbsterfüllung und/oder blieben für diejenigen Bevölkerungsteile, die nicht dazu gehörten&quot;, unverständlich oder unzugänglich. Die Massenmedien, die sie wahrnahmen, wurden von der Linken abgelehnt und ignoriert.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir hingegen denken, daß die Linke Massenmedien in einem viel stärkeren Maß als bisher benötigt. Es muß eine größere Bereitschaft gehen, sich gesamtgesellschaftlichen Themen — die uns ALLE betreffen — zu öffnen. Die Notwendigkeit, unsere Inhalte auch in uns eigentlich feindlich gesonnenen Massenmedien unterzuschummeln, um sie breiteren Teilen der Bevölkerung zugänglich zu machen, muß erkannt werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Schwerpunkt dieser Ausgabe ist in diesem Sinne auch mit praktischen Fragen gefüllt. Die Göttinger Antifa M stellt ihre — wie wir meinen — recht erfolgreichen Erfahrungen einer offensiven linken Medienpolitik dar. Wir haben uns mit Leuten unterhalten, die in eher linken Projekten wie dem Neuen Deutschland, der taz oder Radio 100 arbeiteten bzw. noch arbeiten, um etwas über Spielräume und Möglichkeiten zu erfahren. Außerdem haben wir den Blick ins Ausland gesucht: in die USA, ins Baskenland und in die Türkei, um zu sehen, wie dort Gegenmedien funktionieren. Die eher kommunikationswissenschaftlichen Fragen konnten wir nur streifen. Da wäre natürlich als erstes die Frage, ob Medien überhaupt und falls ja, welche Rolle/Rollen bei der Herausbildung von massenübergreifender Mentalität und politischer Moral spielen: Es ist uns allen bewußt, daß die elektronischen Massenkommunikationsmittel eine zweite Wirklichkeit — losgelöst von den alltäglichen Erfahrungen— schaffen, das Handeln vor Ort — überall dort, wo Men­schen miteinander reden könnten — jedoch nicht ersetzen sollten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Entwicklung der zumindest letzten 10-15 Jahre ging aber dahin, daß Mas­senmedien einen immer stärkeren und auch direkten Einfluß auf das Denken der Menschen ausübten. Es geht nicht darum, eine linke Medienrealität zu schaffen (was wohl von den vielen Aufrechten befürchtet wird - Manipulationsphobie?!), sondern anzuerkennen, daß wir in Massengesellschaften leben, in denen gewissermaßen weltumspannende Kommunikationsmittel nicht das Böse an sich sind.&lt;br /&gt;Anstatt den Kopf - wie Vogel Strauß — in den Sand zu stecken, sollten wir sie zur Kenntnis nehmen, und mit daran tun, die Menschen zu befähigen, bewußte MediennutzerInnen (und somit auch uns selbst) und -teilnehmerInnen zu werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daran anknüpfend und diese Zeitung betreffend sei hier gesagt, daß wir uns nach wie vor darüber freuen, wenn Menschen, die Interesse haben, für die Arranca zu schreiben, dies tun.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;An der Organisationsdiskussion sind wir natürlich auch weiterhin dran. Auch wenn uns diesmal keine Texte dazu erreicht haben, stehen 3 Artikel im Zusammenhang mit dieser, d.h. vor allem mit der Antifaschistischen Aktion-Bundesweite Organisation, die wir für einen wichtigen praktischen Ansatz halten. Der Text der Antifa M und das Interview mit Gunther aus Wiesbaden, dessen Prozeß von der Antifaschistischen Aktion-BO mit einer Kampagne begleitet wird, dokumentieren die Bemühungen für eine politische Organisation.&lt;br /&gt;Danken wollen wir an dieser Stelle für die Mitarbeit der Fotogruppe Rhein/Main, die uns auch diesmal Fotos zur Verfügung gestellt hat, obwohl wir in der letzen Ausgabe vergessen haben, die Kürzel unter deren Fotos zu setzen. Aber wir machen dies hiermit rückwirkend: Von der Fotogruppe waren die Fotos auf Seite 4 und Seite 50-51.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;die redaktion&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;ARRANCA, (ital.): &lt;/strong&gt;hastig davonhinken. Das heißt eigentlich im: Er oder sie hinkt vorwärts. Wir hinken weiter, weil der Aufbau einer politischen Organisation - jenseits von kommunistischen Parteimodellen - bisweilen eine nervenzermürbende, magenschleimhautzersetzende Angelegenheit ist...&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/vorwort&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/vorwort&quot; dc:title=&quot;Vorwort&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/499&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/499  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/2/vorwort#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/editorial">Editorial</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/medien">Medien</category>
 <pubDate>Tue, 16 Feb 2010 14:19:57 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">499 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Gnadenlos unerträglich</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/gnadenlos-unertraeglich</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Die neue Reality-Show auf Sat1, Gnadenlos gerecht, dokumentiert die Arbeit von zwei ‚Sozialfahndern’ im Kreis Offenbach in Hessen. Sie belauern und befragen Leistungsbezieher, um sie des Bruchs von Vorschriften zu überführen oder um nicht angegebenes Eigentum oder zusätzliche Verdienste aufzudecken.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die neue Reality-Show auf Sat1, Gnadenlos gerecht, dokumentiert die Arbeit von zwei ‚Sozialfahndern’ im Kreis Offenbach in Hessen. Sie belauern und befragen Leistungsbezieher, um sie des Bruchs von Vorschriften zu überführen oder um nicht angegebenes Eigentum oder zusätzliche Verdienste aufzudecken. Wie die einzelnen ‚Fälle’ auf ihren Schreibtisch kommen, ist nicht immer klar - mehrfach werden schriftliche Denunziationen aus der Bevölkerung gezeigt. In diesen wird etwa behauptet, die Leistungsbezieher seien „seit Monaten in der Türkei“ oder der Lebensstil passe einfach nicht zum Bezug von Hartz IV. Dann werden die Fahnder aktiv – „wir müssen da hin“. Die Kamera immer dabei, obwohl man meist nur Nebel sieht, weil ohne die Zustimmung der Betroffenen nichts gezeigt werden kann, was auf ihre Identität hinweist. Also ist die meiste Zeit fast alles mit Weichzeichner hinterlegt – bis auf die beiden Sozialfahnder, die hölzerne Sätze zwischen sich hin- und herschieben. Und natürlich bis auf die Erfolgsgeschichten: wenn der Vater Alkoholiker ist, ist die Sozialfahnderin Frau Fürst auch mal großzügig und gewährt dem jungen Mann, obwohl er noch unter 25 ist, ein paar Euro für die eigene Wohnungseinrichtung. Nicht ohne zu kontrollieren, ob er sie auch richtig ausgegeben hat. Keiner der Aufgesuchten erhält eine Rechtsbelehrung, im Zweifelsfall wird eben das Kind einer Leistungsbezieherin an der Gegensprechanlage in die Mangel genommen, wo denn die Mama sei. Als die Kleine was von einer Fahrradtour erzählt, ist Frau Fürst wieder einen Schritt weiter: Das ist ihr ja schließlich nicht erlaubt, sich ohne Abmeldung von zu Hause zu entfernen - zumindest dieser Tag wird ihr schon mal gestrichen. Und wie dieses erste Anzeichen schon andeutet, wo Rauch ist, ist schließlich auch Feuer, bleibt es nicht bei der Fahrradtour. Durch ‚verdeckte Ermittlungen‘ und extensives Rumlungern in einer Kneipe weisen die Sozialfahnder auch noch Schwarzarbeit in der Kneipe nach. Leistungen werden gestrichen, Rückzahlforderungen, Anzeige wegen Betrugs.&lt;br /&gt; Der Titel Gnadenlos gerecht soll andeuten, dass hier nur dem Recht Geltung verschafft wird. Tatsächlich stellen sich Frau Fürst und ihr Gehilfe (die zwei sind ein bisschen wie in schlechten Fernsehkrimis: damit die Zuschauer den ohnehin schon dürftigen Spannungsbogen mitkriegen, wird dem Kollegen Sicherheitsexperten alles ganz genau erklärt) als eine Art Über-Eltern- Instanz dar: Wer ordentlich fragt und nicht betrügt, dem wird gewährt, ansonsten werden andere Saiten aufgezogen. Der Jargon der Denunziationsbriefe wird gerne von Frau Fürst noch mal wiederholt – „die fährt ’nen dicken fetten BMW“, „die sind also offensichtlich(!) seit Monaten in der Türkei“ –, eine Differenz zwischen Ressentiment und Amtsauftrag scheint es nicht zu geben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die ganze Wirklichkeit?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Sendung arbeitet Denkformen aus, die nahe legen, Gesellschaft so zu denken, „als ob die Unmittelbarkeit seiner Lebenslage/- praxis die ganze Wirklichkeit wäre“, wie Klaus Holzkamp es 1983 in „Grundlegung der Psychologie“ nennt. Holzkamp bezeichnet das als „deutendes Denken“, als kognitiven Aspekt restriktiver Handlungsfähigkeit: also einer Handlungsfähigkeit, die um den Aspekt des Eingreifens verkürzt ist. Gesellschaftliche Vermittlungen werden ausgeblendet. Das ist herrschaftsfunktional und ermöglicht den Einzelnen sich selbst darin so zu denken, dass sie nicht an die gesetzten Grenzen stoßen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Walter Benjamin analysierte das Interesse der Massen am aufkommenden Film als eines daran, sich selbst und ihre Arbeit ins Zentrum zu rücken. In der kapitalistischen Filmindustrie allerdings werde das Interesse der Selbst- und somit auch der Klassenerkenntnis umgelenkt auf das Interesse an Intimitäten der Stars. Die neoliberale Fernsehpraxis der Reality-Shows kann als herrschaftliche Reartikulation dieser verdrängten Interessen gesehen werden: Hier wird der ‚Anspruch’ eines jeden, gefilmt zu werden, nicht mehr bekämpft, sondern aufgegriffen. Diese Selbstverständigung über Lebensweisen und Gerechtigkeitsvorstellungen ist aber von Klassenerkenntnis denkbar weit entfernt. Gleichzeitig wird der Zuschauer in die Position des „halben Fachmanns“ (Benjamin) versetzt, der/die selber darüber befinden kann, was berechtigte Ansprüche sind, was ‚irgendwie verdächtig’ wirkt – und erscheint so plötzlich handlungsmächtig und ‚auf der richtigen Seite’.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In einer europaweiten Interviewstudie zu den Erfahrungen von Menschen mit den aktuellen gesellschaftlichen Umbrüchen zeigt sich immer wieder das Gefühl des „aufgekündigten Vertrages“ (vgl. &lt;a href=&quot;http://www.siren.at&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.siren.at&lt;/a&gt;). Gemeint ist die von vielen geteilte implizite Vorstellung, dass sich „harte Arbeit gegen gesellschaftliche Absicherung, Lebensstandard und Anerkennung tausche.“ Die Interviewten äußern durchaus Bereitschaft, härter zu arbeiten und mehr zu leisten, müssen aber feststellen, dass legitime Erwartung in Bezug auf verschiedene Aspekte von Arbeit, Beschäftigung, sozialen Status oder Lebensstandard dauerhaft frustriert werden: der Vertrag ist ‚einseitig gekündigt‘ worden. Dies führt zu Ungerechtigkeitsgefühlen und Ressentiments in Bezug auf andere soziale Gruppen, die sich den Mühen der Arbeit anscheinend nicht in gleichem Maße unterziehen müssten und für die besser gesorgt werde oder die ihre Sachen (illegal) selbst arrangierten: einerseits Manager, Politiker mit hohem Einkommen, die sich großzügige Pensionen zusprächen, andererseits Menschen, die von der Wohlfahrt lebten, statt zu arbeiten oder Flüchtlinge, die vom Staat unterstützt würden. Hier können rechte Mobilisierungen ansetzen, die ‚das Volk’ nach oben und unten zu verteidigen vorgeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;An solchen Gefühlen kann auch Gnadenlos gerecht ansetzen. Auf der Focus-Webseite unter einem Bericht über die Sendung fragt ‚Klingone’ im Blog: „Aber müssen wir dies als steuerzahlende Bürgerinnen und Bürger dulden, dass wir ausgenommen werden wie die Weihnachtsgänse?“ Wie kommt es, dass ‚Klingone’ gar nicht merkt, dass er von den 750 000 Euro, die das Fahnderduo dem Landkreis gespart haben will, nichts abbekommen hat? Zur Kontrastierung der ‚Schmarotzer‘ greift die Sendung auf rassistische Stigmatisierungen zurück: überdurchschnittlich viele angeblich entlarvte ‚Betrüger’ werden als ‚Türken’/‚Ausländer’ charakterisiert – das macht es einfacher, sich selbst nicht in der Lage der ‚Anderen‘ zu sehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Klassengesellschaft&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Diese Soap ist einfach schwer erträglich“, schreibt Michael Hanfeld am 21. August 2008 für Faz.net - und das ist wahrscheinlich das Wahrste, was dazu gesagt werden kann. Allerdings scheinen die Grenzen für Fremdscham unterschiedlich verteilt zu sein, wie Nachmittags-Talksendungen, &lt;em&gt;Toto&amp;amp;Harry&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Big Brother&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Frauentausch&lt;/em&gt; zeigen.&lt;br /&gt; Und doch fragt man sich, ob die Sendung auch gegen den Strich geschaut werden kann? Kann der offensichtliche Zwangscharakter dieser Sozialkontrolle die Wahrnehmung für gesellschaftliche Zusammenhänge stärken und kommt vielleicht irgend jemand mal auf die Idee, die 750 000 angeblich gesparten Euro mit den 480 Milliarden zu vergleichen, die der deutsche Staat von jetzt auf gleich den Banken zur Verfügung stellt? Zumindest finden sich auch Diskussionsbeiträge, die gegen „Stasiund Gestapo“-Methoden wettern und von „Neo-Hexenjagd“ sprechen (Differenzierung ist auch hier nicht gerade die Stärke der Blogger). Kann es sein, dass Menschen aus der Sendung lernen, wie sie nicht so schnell erwischt werden? Dass es sinnvoll sein kann, mit seinen Nachbarn über Zumutungen des Sozialstaates zu sprechen, der ihnen nicht mal die Fahrradtour gönnt? Den Kommentar auf der Faz.net-Seite lesen wohl wieder nicht die Richtigen: „Es geht um [...] ein beeindruckendes Spektakel [...], das vor allem den noch Arbeitenden deutlich vor Augen führen soll, welche Zumutungen man als Arbeitsloser ertragen muss. [...] Die Klassengesellschaft ist mitnichten tot.“&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/39/gnadenlos-unertraeglich&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/39/gnadenlos-unertraeglich&quot; dc:title=&quot;Gnadenlos unerträglich&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/67&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/67  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/39/gnadenlos-unertraeglich#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/erwerbslosigkeit">Erwerbslosigkeit</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/fernsehen">Fernsehen</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/medien">Medien</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 13:30:40 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">67 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Wer am Boden liegt ...</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/40/wer-am-boden-liegt</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Rehad Desai im Interview mit Romin Khan. Rehad Desai ist Filmemacher und sozialer Aktivist in Südafrika.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Du &lt;/em&gt;&lt;em&gt;bist Filmemacher und auch sozialer Aktivist ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich wurde 1976 politisch aktiv, als 13-Jähriger. Ich wollte immer nach Südafrika zurückkehren, denn ich bin in Kapstadt geboren. Doch meine Familie musste das Land verlassen, weil mein Vater als Kommunist verfolgt wurde. Wir lebten im britischen Exil und ich wollte aktiv an den Kämpfen in Südafrika teilnehmen. Ich stieß auf die &lt;em&gt;Socialist Workers Party&lt;/em&gt;, die indische MigrantInnen unterstützte. Dieser Kampf gegen Rassismus ähnelte für mich dem Kampf, den wir in Südafrika führten: Der Slogan »Brixton, Soweto – One struggle, one fight« klang in meinen Ohren richtig. Ich engagierte mich auch in der &lt;em&gt;Anti-Nazi League&lt;/em&gt; und in der SchülerInnenvereinigung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zwei Tage bevor Nelson Mandela 1990 aus dem Gefängnis entlassen wurde, kehrte ich dann nach Südafrika zurück.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Im Mai 2008 kam es über ganz Südafrika verteilt zu Angriffen auf afrikanische EinwanderInnen. 60 Menschen sind dabei umgekommen, über 200.000 sind in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt. Die damit verbundene humanitäre Katastrophe ist noch lange nicht überwunden.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Du hast damals zusammen mit ein paar anderen die Gruppe &lt;/em&gt;Filmmakers Against Racism&lt;em&gt; gegründet und eine Reihe von Dokumentarfilmen und Spots über die rassistische Gewalt und Xenophobie in Südafrika gedreht. Wie kam es zu diesem Projekt? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir wollten als Filmemacher intervenieren. Wir entschieden uns dafür, keine Statements abzugeben, Presseerklärungen zu schreiben und so weiter, sondern das zu machen, was wir am besten können: Filme.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Es gab sicher viele Diskussionen darum, was zu den rassistischen Angriffen geführt hat…&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das war natürlich eine strukturelle Sache: der brutalisierende Charakter des Neoliberalismus, der die Menschen enthumanisiert, die tiefe Armut, also quasi das ABC der Grundlage für Rassismus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Armut existiert an vielen Orten. Hier kam hinzu, dass der ANC, die regierende Partei, in einer enormen Krise ist und auf ethnischen Chauvinismus zurückgegriffen hat. Die Mobilisierungskampagnen für die Kandidaten basierten immer auf ethnischer Zugehörigkeit. Aber wenn du dem Chauvinismus deinen kleinen Finger reichst, bist du verloren: Du hast dem Rassismus die Tür geöffnet. Und so sind dann auch über Jahre gewachsene ethnische Vorbehalte und xenophobe Gefühle explodiert. Die Krise der politischen Führung hat ein Vakuum erzeugt, das von einer Welle von Xenophobie gefüllt wird. Die Linke und die sozialen Bewegungen haben es nicht geschafft, eine wirkliche Alternative zum ANC aufzubauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Xenophobe Einstellungen finden sich in vielen Bewegungen, auch in den Gewerkschaften und im ANC. Der Führungsspitze dieser Organisationen ist das bewusst, daher gehen sie nicht hart gegen Rassisten vor, um die Unterstützung der Leute nicht zu verlieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Die Befreiungsbewegung ist also gescheitert?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ja. Die nationale Befreiungsbewegung vertritt die afrikanische Middle Class, und diese repräsentiert nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung. Um diese verhältnismäßig kleine Basis nicht vor den Kopf zu stoßen, wird eine Politik gegen die Interessen der Armen und der Arbeiterklasse gemacht. Denn der ANC ist mit Washington und Westeuropa ins Bett gestiegen und musste dementsprechend handeln, er musste Verordnungen erlassen, die die Arbeitsverhältnisse flexibilisierten und die Deregulierung vorantrieben. Ja, diese Politik ist gescheitert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Du würdest also sagen, dass die Wut der Menschen von oben fehlgeleitet wurde? Die Frage ist doch, warum sich der Zorn nicht gegen die reichen Weißen richtete? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Angriffe richteten sich eben gegen die Verletzlichsten. Wenn du ganz unten bist, gibt es nur wenige Ziele, die du anpeilen kannst, du kannst nur wenige verletzen und schädigen, und das waren dann die Illegalen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Südafrika hat ja eine lange Tradition im Überwinden von rassistischen Trennungen. Warum wurde nicht daran angeknüpft? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unsere Bewegungen waren schon immer sehr abhängig von Führungsfiguren, gebildeten Männer und Frauen, die zumeist aus der Mittelkasse kamen. Und die wollten nach 20 Jahren politischer Arbeit jetzt mal ein Haus haben, einen Job und sich um ihre Rente, um sich selber kümmern. Sie sind in den Staatsapparat oder die Wirtschaft gegangen. Da ging ein institutionelles Gedächtnis, wie man mobilisiert und organisiert, verloren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es war ein langer Kampf, unter den sehr verschiedenen Gruppen in Südafrika eine nationale Identität aufzubauen, die darauf abzielt, dass Diversität die Stärke Südafrikas ist. Es ist nicht leicht, die Menschen dazu zu bringen, das wirklich zu akzeptieren. Die meisten glauben immer noch, dass die ethnische Diversität die Schwäche Südafrikas ist. In der Architektur dieses Landes sind die Risse zwischen den ethnischen Gruppen, die Hierarchien im Bildungssystem und unter den Arbeitskräften immer noch sehr sichtbar. Nur eine kleine Elite kann von einer vollwertigen Staatsbürgerschaft profitieren und hat Zugang zu dem, was Südafrika bieten kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Wie kannst du mit deinen Filmen zu einer Veränderung beitragen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man muss das Konzept von politischen Debatten fördern. Die Filme zeigen beispielhaft, wie gute Diskussionen geführt werden können, mit Respekt zwischen den Kontrahenten. Sie zeigen eine Pluralität der Stimmen auf. Das zentrale Ziel des Projektes ist zu zeigen, dass Rassismus nicht toleriert wird. Es darf nicht zugelassen werden, dass rassistische Bigotterie, Chauvinismus, Rassismus in politischen Attacken auftauchen. Die Filme können helfen, da Grenzen aufzubauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Auch in der Nähe von Wohnheimen Zulu sprechender BinnenmigrantInnen kam es zu Angriffen auf AusländerInnen. Vielfach wurde von dem Aufschwung einer männlich dominierten Zulu-Kultur, eines wiedererstarkenden Zulu-Nationalismus gesprochen, der in seiner Gewalt auch vor anderen SüdafrikanerInnen nicht halt macht. Wie siehst du dieses Problem? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zulu-Nationalismus ist tatsächlich wieder aufgeflammt, und zwar inmitten des Kampfes zwischen Zuma und Mbeki während des Präsidentschaftswahlkampfes. Diese nationalistischen Gefühle wurden aktiv mobilisiert. Die Leute dachten plötzlich, das ist ok, dieses Verhalten wird toleriert, es ist normal. Erschreckend war, dass es so wenig bedurfte, um den ethnischen Chauvinismus hervorzuholen. Angeheizt wurde das natürlich durch ökonomische und soziale Faktoren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;In den Filmen gewinnt man den Eindruck, dass die Kultur der Befreiung sich in eine Kultur der Unterdrückung umgewandelt hat. Mein Eindruck war bisher, dass die Menschen sich auch unter den widrigsten Umständen ein politisches Bewusstsein aus der langen Geschichte von Befreiungskämpfen bewahren, das solche Gewaltausbrüche verhindern würde. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die verschiedenen politischen und kulturellen Einflüsse vermischen sich. Es ist chaotisch in den informellen Siedlungen, den Siedlungen aus tausenden von Wellblechhütten, wo diejenigen stranden, die vom Land in die Städte gekommen sind und die massiv mit Arbeitslosigkeit konfrontiert sind. Dort wird unsere Kampfgeschichte genutzt, um Menschenrechte zu verletzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Das bestätigt meinen Eindruck, dass es sich um einen Konflikt von MigrantInnen gegen MigrantInnen handelt. Denn die armen SüdafrikanerInnen in den informellen Siedlungen haben ja selber eine Migrationsgeschichte, sind nicht in die Städte integriert und bleiben ausgeschlossen. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Armen sind nicht in der Lage, an den Dienstleistungen der Stadt zu partizipieren. Gesundheit, Transport, Bildung – das ist für sie nicht erreichbar. Ihnen wird gesagt, sie hätten einen Anspruch auf die vollständigen verfassungsmäßigen Rechte, aber sie merken nichts davon. Durch die enttäuschten Erwartungen verschärft sich ihre Krise. Und es wird noch dramatischer, wenn du sechs Millionen MigrantInnen hinzutust, von denen viele nach Südafrika fliehen, weil in ihren Herkunftsländern so viel Scheiße los ist, dass sie alles akzeptieren. Sie sind bereit, für lächerliche Tageslöhne zu arbeiten, denn inzwischen gibt es eine regelrechte Reservearmee an billiger Arbeitskraft.&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/40/wer-am-boden-liegt&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/40/wer-am-boden-liegt&quot; dc:title=&quot;Wer am Boden liegt ...&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/44&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/44  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/40/wer-am-boden-liegt#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/medien">Medien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/migration">Migration</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/rassismus">Rassismus</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/suedafrika">Südafrika</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Fri, 08 Jan 2010 22:32:43 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">44 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Scheiternhaufen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/40/scheiternhaufen</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Die neoliberalen Predigten von Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft, der Sorge um sich (und niemand anderen) sind immer begleitet (gewesen?) von der Bedrohung, an ihnen zu scheitern und dafür auch noch individuell verantwortlich gemacht zu werden. Als Person mit allen Denkweisen, Emotionen, Handlungsgewohnheiten in ein hegemoniales Projekt wie den Neoliberalismus eingebunden zu sein bedeutet, sich umfassend vermarkt- und verwertbar zu machen. Ein prominenter Ort, Menschen mit einer Mischung aus Zwang und Konsens in ein hegemoniales Projekt einzubinden, sind die so genannten &lt;em&gt;Makeover-Shows&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die neoliberalen Predigten von Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft, der Sorge um sich (und niemand anderen) sind immer begleitet (gewesen?) von der Bedrohung, an ihnen zu scheitern und dafür auch noch individuell verantwortlich gemacht zu werden. Als Person mit allen Denkweisen, Emotionen, Handlungsgewohnheiten in ein hegemoniales Projekt wie den Neoliberalismus eingebunden zu sein bedeutet, sich umfassend vermarkt- und verwertbar zu machen. So sehr sich die Anforderungen ausweiten, die unterschiedlichsten Aspekte der eigenen Persönlichkeit zu bearbeiten, so hoch ist die existenzielle Bedrohung, aus sozialen Zusammenhängen heraus zu fallen. Ausgehend von der Neuorganisation der Arbeitsformen der »hochtechnologischen Produktionsweise« (Haug) werden auch im Alltag Geschmack, Gewohnheiten, Denkweisen und Gefühle erneuert. Antonio Gramsci spricht deswegen auch von der »Lebensweise«, die entsprechend der Produktionsweise ständig erneuert werden muss. Diese »Lebensweise« hat zwar eigene Dynamiken und eine eigene Zeitlichkeit, die sie von der Produktionsweise unterscheiden, politisch aber sind beide Teil des gleichen Projekts.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So wurden in der Durchsetzung von Fabrikarbeit nicht allein die Arbeitsabläufe in der Fabrik mit moralischen Kampagnen bearbeitet, sondern auch die alltäglichen Gewohnheiten der Arbeitenden wie ihr Alkoholkonsum und ihre sexuellen Gewohnheiten. Denn die relativ hohen Löhne, die ein Mittel der Organisation von Zustimmung zur rigiden Fabrikdisziplin waren, reichten allein nicht aus. Fit am Fließband war schließlich nur, wer sein Geld nicht fürs Saufen oder käuflichen Sex verschleuderte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Herstellung neuer »Lebensweisen« spielen deshalb nach wie vor Kampagnen um die »angemessene Lebensführung« eine zentrale Rolle. Die nahe gelegten sinnvollen oder ›vernünftigen‹ Weisen des Umgangs mit sich und den eigenen Ressourcen, Körpern, Wünschen und Begehren sollen rückgebunden werden an die Bedingungen der Produktion und eingefasst werden in immer wieder neue Konsummuster. Die Umarbeitung von Lebensweisen erfolgt vor allem durch Konsensproduktion: ›Hergestellt‹ werden: Subjekte, die in Aussehen, Gewohnheiten, Gesten, Stil usw. den zeitgenössischen Anforderungen gerecht werden oder wenigstens nahe kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Darin steckt eine Auseinandersetzung mit der Frage, was als ›normal‹ und als zeitgenössisch gilt. Ein prominenter Ort, Menschen mit einer Mischung aus Zwang und Konsens in ein hegemoniales Projekt einzubinden, sind die so genannten &lt;em&gt;Makeover-Shows&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;»I want to be made!«&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Als &lt;em&gt;Makeover-Shows&lt;/em&gt; werden Sendeformate bezeichnet, in deren Zentrum die Veränderung von Menschen und/oder ihrem Umfeld steht. In unterschiedlichen Sendungen geht es dabei um Aussehen, Gewicht, Figur, Fitness, Ernährung, Gesundheit oder um Dinge wie Wohnung, Garten, Job, Hobby, Schulabschluss, Ausbildung oder Kindeserziehung. Für nahezu jeden Aspekt des alltäglichen Lebens gibt es eigene Formate. Entweder werden sie als ganze Sendungen produziert, oder sie sind Elemente in Lifestylemagazinen wie &lt;em&gt;taff!, red!, &lt;/em&gt;oder&lt;em&gt; explosiv&lt;/em&gt;. Diese Shows versuchen, eine zeitgenössische Lebensweise über die Verbindung des Wunsches nach individuellem Glück mit dem Zwang zur Selbstführung und veränderten Konsummustern herzustellen. In &lt;em&gt;The Biggest Loser&lt;/em&gt; wird im Rahmen von Kooperation und Konkurrenz versucht, dass eigene Gewicht und das des Teams so zu reduzieren, dass am Ende die eigene Gruppe Vorteile erspielt und man als einzelne/r Chancen auf die Siegprämie behält. In &lt;em&gt;The Swan, &lt;/em&gt;das sich an weiße Frauen aus der unteren Mittelschicht wendet, gibt es das Komplettprogramm von Facelifting über professionelle Zahnbehandlung, psychologische Beratung und Umstyling zur neuen glamourösen Existenz (McRobbie). In &lt;em&gt;Celebrity Rehab&lt;/em&gt; können sich Stars aus den 1980er und 1990er Jahren vom Drogenwrack zu »erneuertem« Glanz therapieren lassen. &lt;em&gt;Die Kochprofis&lt;/em&gt; sind zuständig für die Umarbeitung von Kochklitschen zu konkurrenzfähigen und qualitativ höherwertigen Imbissen, &lt;em&gt;Popstars&lt;/em&gt; für die Bearbeitung von HobbysängerInnen zu Stars, &lt;em&gt;Wohnen nach Wunsch&lt;/em&gt; für das Ersetzen der Eichenschrankwand durch stylische Katalogmöbel, und die bekannte &lt;em&gt;Super-Nanny&lt;/em&gt; hilft Eltern, mit Techniken von Autorität, Belohnungsverfahren und der Regulation von Bedürfnisbildung den unkontrollierten Wünschen der Kinder zu begegnen und prekäre Zustände erzieherisch in den Griff zu bekommen. Manche der Shows wie &lt;em&gt;The Swan &lt;/em&gt;oder &lt;em&gt;Celebrity Rehab&lt;/em&gt; erscheinen gegenüber Shows wie &lt;em&gt;Wohnen nach Wunsch&lt;/em&gt; als besonders eingreifend. Sie unterscheiden sich nach ihrem »Gegenstand« und den in ihnen vermittelten Denkweisen und Handlungsmöglichkeiten. Je nach Art und Umfang der gewünschten Veränderung reicht die Intervention der ModeratorInnen von Kommentaren und Beratung bis zum Hinzunehmen von ExpertInnen und/oder medizinischem, technischem, pädagogischem und psychologischem Fachpersonal. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie alle auf die Herausbildung einer für alle verbindlichen neuen Lebensweise orientiert sind.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Bist du nicht willig ...&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Ausgangspunkt der Shows ist immer eine Art Bestandsaufnahme, die mit der Delegitimation eines als unerträglich und veraltet beschriebenen Zustands einhergeht. Eine kompetente Stil- und Lebensberatung wird als notwendige Bedingung für die erwartete Verwandlung angeführt. Die Palette der pädagogischen Mittel reicht von ermahnenden Hinweisen bis hin zu offenem Hohn, Auslachen und entsprechenden Gesten. Das Ziel ist es, »Geschmack zu haben« und »Stil zu entwickeln« und zwar so, dass alle es sehen können, was Beliebtheit und Erfolg verspricht. Mit der Aneignung bestimmter Formen von »kulturellem Kapital« (Bourdieu) und sozialen Kompetenzen ist die Erwartung auf eine deutliche Verbesserung von Status und Lebenschancen verbunden. Die Menschen sollen sich nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell, um ihren Standort sorgen, sich einzigartig machen und im Kampf um symbolischen Profit, Anerkennung und Respekt weit vorne mit dabei sein. Dem Druck ökonomischer Konkurrenz wird die Notwendigkeit kultureller Distinktion und der Arbeit an einer angemessenen Lebensweise zur Seite gestellt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die gewünschte Art der Veränderung wird mit den KandidatInnen zusammen und im Anschluss an ihre Interessen und Wünsche formuliert. Nicht selten werden Begehren erst produziert, indem sie als verfügbare Ware ins Blickfeld rücken. Dabei reicht das Spektrum vom konkreten Wunsch die Wohnung neu einzurichten bis zum Bedürfnis, die eigene Person in ihrer Gesamtheit neu auszurichten. Ziel ist es, mit Gewohnheiten zu brechen um »nicht ständig die gleichen Fehler zu machen«, wie zwischen zwei Diäten in alte Essgewohnheiten zurückzufallen, zur Tilgung offener Kredite immer wieder neue Schulden zu machen oder Hartz IV zu beantragen, auch wenn man es aus Angst vor der Behörde immer wieder aufschiebt. Der Weg zum Ziel wird von verschiedenen ExpertInnen oder (als solche auftretenden) ModeratorInnen geplant und festgelegt. Diese ExpertInnen agieren im Sinne eines definierten zeitgenössischen Geschmacks, sind selbst aber als Teil der sozialen Hierarchie in die Auseinandersetzungen um die legitimen Formen von Geschmack und Stil verstrickt. Insofern erfüllen sie eine erzieherische Funktion, bewegen sich im Veränderungsprozess als legitimes Führungspersonal durch die Lebenswelten der KandidatInnen und nehmen diese dabei an die Hand. Sie ermahnen oder beglückwünschen, erinnern an gemachte Fortschritte oder intervenieren, wenn jemand droht, nicht mehr mitmachen zu wollen oder zu können. Der Punkt der ›Führung‹ und Anleitung ist zentral, weil die von den Leuten erwünschten Ziele nicht selten mit enormen Anstrengungen verbunden sind. KandidatInnen überlegen es sich oft anders, sind schlicht am Ende ihrer Kräfte oder wollen abbrechen. Häufig entscheiden sich die KandidatInnen ›falsch‹ - also nicht im Sinne des gewünschten Endergebnisses – wenn sie immer wieder ihren alten gewohnten Präferenzen folgen. An diesem Punkt werden oftmals Begleitpersonen der KandidatInnen eingebunden, die nach der Wandlung die eindeutige Verbesserung feststellen und bestätigen. Dies sorgt auch bei den nicht immer überzeugten KandidatInnen für Zustimmung, Einsicht, Versicherung und Rückhalt sorgen. Die Versprechen auf Zufriedenheit, Glück, Erfolg und Schönheit rechtfertigen dabei alle Anstrengungen und Übergriffe von Seiten der ModeratorInnen. Die öffentliche Verunglimpfung von Menschen ohne anerkannten Geschmack oder Stil durch anerkannte ExpertInnen bringt eine scheinbar belustigende Dimension in die Shows. Mit einer Mischung aus Nötigung, Bestechung und Konsens, die sie wiederum mit Hilfe von Ironie und Autorität regulieren, das heißt mittels symbolischer Gewalt, wird rückwirkend Legitimation für die gewählten Eingriffe und Übergriffe geschaffen. Die ModeratorInnen versuchen, ihre eigenen partikularen Geschmacksurteile, die lediglich Ausdruck einer Position im Kampf um Hegemonie sind, als allgemein auszugeben. Sie stellen so ihren Geschmack als universellen Ziel- und Referenzpunkt dar, zu dem die Teilnehmenden in Beziehung gesetzt werden. Ihre Kenntnisse rechtfertigen dann wiederum ihre Position als auf diesem Gebiet ›Führende‹. Als »organische Intellektuelle« (Gramsci) der neoliberalen Selbstführungsprämissen nehmen die ModeratorInnen und ExpertInnen damit eine zentrale Position ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Formen symbolischer Gewalt, die der Festschreibung sozialer Ungleichheit dienen, stellen den Versuch einer von Prozessen der Prekarisierung betroffenen Mittelklasse dar, sich fortwährend auf dem Feld der Kultur als prädestiniertes Führungspersonal zu etablieren bzw. zu halten. Wenn ganze Gruppen von Leuten als unzeitgemäß, unangemessen oder unbearbeitet definiert werden, können sie unter der Prämisse von neuen Vorgaben und Anforderungen bearbeitet werden. Gleichzeitig positionieren sich diejenigen, die sich problemlos im Rahmen des »guten Geschmacks« bewegen, über den sichtbaren Beweis ihrer stilistischen Kompetenz als »Zeitgenossinnen und -genossen«. Der Versuch, sich in diesen Umbrüchen zurechtzufinden, wird begleitet von der permanenten Bedrohung, daran zu scheitern, also vor den Augen »aller« anderen als veralteter Depp dazustehen, der den Anschluss verpasst hat, stur an »alten Mustern« festhält, keinen Geschmack, kein Sinn für Stil und Glamour hat und so zum Relikt einer längst überholten Lebensweise wird. Mit dem Hinweis, dass es noch viel Zeit, Tränen und Schweiß braucht, um ZeitgenossIn zu sein und nicht den Anschluss verpasst zu haben, haben die ModeratorInnen neben der »gewaltlosen Gewalt« von Lästern, ironischen Kommentaren und abwertenden Blicken zusätzlich den stummen Zwang der aktuellen Verwertungslogik auf ihrer Seite. Wenn die Leute an der (Selbst-)Bearbeitung scheitern, heißt das oft im Klartext: das eigene Restaurant geht pleite, die Beziehung wird nicht länger halten, das Kind wird keinen höheren Bildungsabschluss bekommen, das Bewerbungsgespräch wird daneben gehen und auf der Straße wird man wohl eher zum Gespött als zum Star. Mit dieser Zukunftsaussicht direkt oder indirekt zu drohen, ist das Mittel, um neben der Überzeugungsarbeit auch zu zeigen, dass die KandidatInnen es sich gern anders überlegen können, aber einen hohen Preis dafür zu zahlen haben. Dagegen geraten solidarische Formen des Umgangs mit knappen Ressourcen, kollektive Bedürfnisbefriedigung oder politische Aktivität in der individuellen Perspektive des »Jede/r kann es schaffen« völlig aus dem Blick.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die verstärkte ökonomische Unsicherheit wird im Modus kultureller Hervorhebung lebbar gemacht. Es bleibt offen inwieweit sich die durch die Krise verschärfenden Widersprüche in verstärkten kulturellen Grenzziehungen artikulieren und soziale Widersprüche lebbar machen, ohne sie zu lösen. Die aktuellen Debatten um das Scheitern des neoliberalen Projekts berücksichtigen die Veränderungen im Kulturellen, besonders im Populären und Alltäglichen nur unzureichend. Im Kontext der Krisenprozesse stellt sich damit die Frage nach den kulturellen Bearbeitungsformen sozialer Ungleichheit. Dass der Neoliberalismus seine Hegemonie verloren hat gilt offensichtlich nicht für den Bereich der »Lebensweise«. Diskussionen über den weiteren Verlauf der Krise scheinen weitgehend unabhängig von jenen populären Diskursen zu verlaufen, in denen und durch die der Neoliberalismus zu einem konsensfähigen Projekt werden konnte. Ob er gar mithilfe solcher fortgesetzten »alltäglichen Klassenkämpfe« weiterhin bestimmend sein wird, ist unklar. Für die unterschiedlichen Krisenlösungen ist allerdings relevant, ob sie an Alltagserfahrungen der Menschen anschließen und so Zustimmung für ein neues kapitalistisches Projekt (wie beispielsweise. den »Green New Deal«) organisieren können. Weitergehend bedeutet das, systematisch über »kulturelle Periodisierung« (Demirovic) nachzudenken und die soziale Bindekraft neoliberaler Ideologie in die Beurteilung seines (Nicht-)Verschwindens einzubeziehen. Denn im treibenden Beat der neoliberalen Selbstverwirklichungsparty schwingt immer auch die Frage mit, wie heftig der Kater ausfallen wird.&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/40/scheiternhaufen&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/40/scheiternhaufen&quot; dc:title=&quot;Scheiternhaufen&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/41&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/41  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/40/scheiternhaufen#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/fernsehen">Fernsehen</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/medien">Medien</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/neoliberalismus">Neoliberalismus</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/scheitern">Scheitern</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Fri, 08 Jan 2010 21:27:32 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">41 at https://arranca.org</guid>
</item>
</channel>
</rss>
