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 <title>arranca! - Methode</title>
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 <title>Sozialistischer Gebrauch des Arbeiterfragebogens</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/sozialistischer-gebrauch-des-arbeiterfragebogens</link>
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                    &lt;p&gt;Dieser Text ist die schriftliche Übertragung des auf Band aufgenommenen Diskussionsbeitrags von Raniero Panzieri auf einem in Turin im September 1964 veranstalteten Seminar mit dem Thema ArbeiterInnenbefragung.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Dieser Text ist die schriftliche Übertragung des auf Band aufgenommenen Diskussionsbeitrags von Raniero Panzieri auf einem in Turin im September 1964 veranstalteten Seminar mit dem Thema ArbeiterInnenbefragung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[…] Ich weise noch einmal auf den soziologischen Charakter des Marxschen Denkens hin; Marx lehnt es in der Tat ab, die Arbeiterklassen von der Kapitalbewegung her zu bestimmen, d.h. er hält es für unmöglich, von der Kapitalbewegung ausgehend automatisch die Arbeiterklasse analysieren zu können: die Arbeiterklasse, gleichgültig ob sie als Konfliktelement und folglich als kapitalistisches Element oder ob sie als antagonistisches und das heißt antikapitalistisches Element hervorgeht, muss unbedingt einer völlig gesonderten wissenschaftlichen Analyse unterzogen werden. Ich bin deshalb der Ansicht, dass unter diesem Gesichtspunkt das Ende der Soziologie in der marxistischen Tradition auf eine Involution des marxistischen Denkens hindeutet. […]&lt;br /&gt; Das bedeutet meiner Ansicht nach keineswegs, dass die Soziologie eine bürgerliche Wissenschaft ist, sondern es heißt vielmehr, dass wir die Soziologie anwenden und kritisieren können, ebenso wie Marx es mit der klassischen politischen Ökonomie getan hat, d.h. indem wir sie als eine begrenzte Wissenschaft betrachten (und aus der Art der Umfrage, die wir vorhaben, geht deutlich hervor, dass bereits alle Hypothesen darin enthalten sind, die über den Rahmen der gängigen Soziologie hinausgehen) … Es sei noch einmal betont, dass die gesellschaftliche Dichotomie, mit der wir konfrontiert sind, ein sehr hohes Niveau wissenschaftlicher Analyse erfordert, sowohl in Bezug auf das Kapital, als auch hinsichtlich des Konfliktund potentiell antagonistischen Elements, nämlich der Arbeiterklasse. […]&lt;br /&gt; Die Methode der Umfrage ist für uns unter diesem Gesichtspunkt ein ständiger politischer Bezugspunkt, abgesehen davon, dass sie sich später in dieser oder jener spezifischen Umfrage konkretisieren soll; sie bedeutet nämlich, dass wir uns weigern, die Analyse des Entwicklungsstands der Arbeiterklasse von der Analyse der Entwicklung des Kapitals abzuleiten […] Die Methode der Umfrage müsste es also ermöglichen, jede mystische Konzeption der Arbeiterbewegung zu vermeiden und den Bewusstseinsstand der Arbeiterklasse stets wissenschaftlich zu ermitteln; damit müsste sie auch die Möglichkeit bieten, dieses Bewusstsein auf ein höheres Niveau zu heben. Unter diesem Gesichtspunkt besteht eine Kontinuität zwischen der soziologischen Beobachtung, die mit ernsthaften und rigorosen Kriterien durchgeführt wird, und der politischen Aktion: die soziologische Umfrage stellt eine Art von Vermittlung dar, ohne die man Gefahr läuft, sich eine entweder pessimistische oder optimistische, auf jeden Fall aber vollkommen willkürliche Vorstellung vom Niveau des Klassenbewusstseins zu machen, das die Arbeiterklasse erreicht hat. Es liegt auf der Hand, dass diese Überlegung die politischen Ziele der Umfrage beeinflusst, ja dass sie selbst das Hauptziel der Umfrage bildet. […]&lt;br /&gt; Es ist offensichtlich, dass die sozialistische Anwendung der Soziologie neu überdacht werden muss, und zwar im Lichte der grundlegenden Hypothesen, von denen man ausgeht und die sich in einem Satz zusammenfassen lassen: die Konflikte können in Antagonismen umschlagen und damit aufhören, systemdienlich zu sein (wobei man sich vor Augen halten muss, dass die Konflikte systemerhaltend sind, da dieses System dank der Konflikte voranschreitet).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine wesentliche Bedeutung gewinnt in diesem Zusammenhang unsere Forderung, einen Teil der Umfrage noch während einer besonders ausgeprägten Konfliktsituation durchzuführen und in dieser Situation das Verhältnis zwischen Konflikt und Antagonismus zu analysieren, d.h. zu prüfen, inwieweit sich das Wertsystem ändert, das der Arbeiter in normalen Zeiten äußert, welche Werte im Bewusstsein als Alternative neu geschaffen werden, welche dagegen in diese Momenten aufgegeben werden, und warum es Werte gibt, die der Arbeiter in normalen Zeiten besitzt und in Momenten der Klassenkonflikte aufgibt, oder umgekehrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es müssen also insbesondere alle Phänomene untersucht werden, die die Solidarität der Arbeiterklasse betreffen, sowie das Verhältnis, das zwischen der Solidarität der Arbeiter und der Ablehnung des kapitalistischen Systems besteht: es gilt also zu bestimmen, inwieweit sich die Arbeiter in Konfliktmomenten bewusst sind, dass ihre Solidarität auch in antagonistische Gesellschaftsformen einmünden kann. Letzten Endes geht es darum zu prüfen, inwieweit sich die Arbeiter bewusst sind, angesichts der auf Ungleichheit gegründeten Gesellschaft eine Gesellschaft von Gleichen zu fordern, und inwieweit ihnen bewusst ist, dass dies für eine Gesellschaft eine allgemeine Bedeutung annehmen kann, als Forderung nach Gleichheit angesichts der kapitalistischen Ungleichheit.&lt;br /&gt; Wenn wir die Bedeutung einer Umfrage in Konfliktsituationen betonen, so gehen wir offensichtlich von einer grundlegenden Annahme aus: nämlich dass es einer in sich antagonistischen Gesellschaft niemals gelingt, zumindest einen der Hauptfaktoren, aus denen sie sich zusammensetzt, nämlich die Arbeiterklasse, gleichzuschalten; es muss deshalb untersucht werden, inwieweit die Dynamik konkret erfasst werden kann, durch die die Arbeiterklasse tendenziell vom Konflikt zum Antagonismus übergeht und damit die Dichotomie, von der die kapitalistische Gesellschaft lebt, explosiv macht. Daher muss die Formulierung des Fragebogens, der in diesen Situationen verwendet werden soll, meiner Ansicht nach mit der größten Sorgfalt durchdacht werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[…] Die Ziele der Umfrage lassen sich folgendermaßen umreißen: wir knüpfen sehr große Erwartungen an die Umfrage, dass sie eine korrekte, wirksame und politisch fruchtbare Methode darstellt, um mit einzelnen Arbeitern und Gruppen von Arbeitern in Kontakt zu kommen; das ist ein sehr wichtiges Ziel: zwischen der Umfrage und dieser politischen Aufbauarbeit besteht nicht nur keine Diskrepanz und kein Widerspruch, sondern die Umfrage erscheint vielmehr als ein grundlegender Aspekt dieser politischen Arbeit. Außerdem stellt die theoretische Diskussion unter Genossen, mit den Arbeitern, usw., zu der uns die Umfrage nötigen wird, eine sehr gründliche politische Bildungsarbeit dar, und auch unter diesem Gesichtspunkt ist die Umfrage ein ausgezeichnetes Mittel der politischen Arbeit. Daneben verfolgt sie noch andere politische Ziele: mir scheint nämlich, dass sie von entscheidender Bedeutung ist, um bestimmte – auch beträchtliche – Unklarheiten auszuräumen, die noch in der von den Quaderni Rossi ausgearbeiteten Theorie bestehen. Wie nämlich zahlreiche Genossen festgestellt haben, sind viele Elemente dieser theoretischen Ansätze lediglich als Antithese erarbeitet worden, entspringen also der Kritik der offiziellen Positionen oder zumindest der Kritik der Entwicklung des Denkens der Arbeiterbewegung, ohne dass die positiv begründet werden, d.h. ohne dass sie vom Klassenstandpunkt her empirisch begründet werden. Da es unmöglich ist, eine regelrechte politische Verifizierung vorzunehmen, bei der die Strenge der Untersuchung zwar auch von grundlegender Bedeutung wäre, die uns aber makroskopische Elemente und unwiderlegbares Beweismaterial an die Hand gäbe, ist eine so durchgeführte Untersuchung die in gewisser Hinsicht wichtigste Arbeit, die wir leisten können, da sie auch die Verbindung zwischen Theorie und Praxis gewährleistet, die uns heute aus objektiven Gründen verlorenzugehen scheint.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dies ist ein Ziel, das ständig verfolgt werden müsste und das letzten Endes einen wesentlichen Aspekt unserer Arbeitsmethode darstellt.&lt;br /&gt; Ein weiteres wichtiges Ziel, das wir uns setzen, besteht schließlich darin, unserer Arbeit eine europäische Dimension zu geben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die vergleichende Gegenüberstellung der Situation in den verschiedenen europäischen Ländern, die die Umfrage ermöglicht, müsste nicht nur uns, sondern auch den französischen und deutschen Genossen wichtige Anhaltspunkte liefern, um die Möglichkeit und die eventuellen Grundlagen einer Vereinigung der Kämpfe der Arbeiterklasse auf europäischer Ebene zu bestimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(Quaderni Rossi, Nr. 5, 1965)&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 13:09:01 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Und Action!</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/und-action</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Aktionsforschung, auch Tat- oder Handlungsforschung genannt, heißt ein sozialwissenschaftlicher Ansatz, der üblicherweise folgende Merkmale aufweist: Erstens nehmen ‚Laien’, also Nicht- WissenschaftlerInnen an der Forschung teil. Die Teilnahme soll die Perspektive der professionell Forschenden erweitern und gegebenenfalls korrigieren. Zweitens ist das Ziel der Forschung, mittels einer intervenierenden Aktion ein bestimmtes gesellschaftliches Problem zu lösen oder zu bearbeiten, von dem die Laien und eventuell auch die professionell Forschenden selber betroffen sind. Drittens sollen mit Hilfe der Aktion neue Erkenntnisse über die Wirksamkeit der Intervention selber und über Charakteristika der gesellschaftlichen Strukturen, die durch die (versuchte) Veränderung deutlich werden, gewonnen werden.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Aktionsforschung, auch Tat- oder Handlungsforschung genannt, heißt ein sozialwissenschaftlicher Ansatz, der üblicherweise folgende Merkmale aufweist: Erstens nehmen ‚Laien’, also Nicht- WissenschaftlerInnen an der Forschung teil. Die Teilnahme soll die Perspektive der professionell Forschenden erweitern und gegebenenfalls korrigieren. Zweitens ist das Ziel der Forschung, mittels einer intervenierenden Aktion ein bestimmtes gesellschaftliches Problem zu lösen oder zu bearbeiten, von dem die Laien und eventuell auch die professionell Forschenden selber betroffen sind. Drittens sollen mit Hilfe der Aktion neue Erkenntnisse über die Wirksamkeit der Intervention selber und über Charakteristika der gesellschaftlichen Strukturen, die durch die (versuchte) Veränderung deutlich werden, gewonnen werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Anfänge in der Emigration&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Begriff und das Konzept der Aktionsforschung (action research) wurden ursprünglich in den 1940er Jahren durch den Sozialpsychologen Kurt Lewin entwickelt. Als Deutscher jüdischer Herkunft, Wissenschaftler und Sympathisant des Linkssozialismus emigrierte Lewin 1933 in die USA. Er analysierte den verbreiteten Rassismus gegen Schwarze und Juden und entwickelte eine Theorie gesellschaftlicher Minderheiten. Seine ersten Interventionen waren antirassistische Trainings in den Gemeinden. Außerdem versuchte er, Strukturen in Industriebetrieben zu demokratisieren. Das Einverständnis der Unternehmensleitungen holte er sich mit dem Versprechen, dadurch die Produktivität der Arbeitenden zu steigern. Man erkennt hier die politische Zwiespältigkeit und eine technokratische Seite der ursprünglichen Aktionsforschung. Lewin sieht in ihr „eine vergleichende Erforschung der Bedingungen und Wirkungen verschiedener Formen des sozialen Handelns und eine zu sozialem Handeln führende Forschung.“ Er postuliert: „Eine Forschung, die nichts anderes als Bücher hervorbringt, genügt nicht.“ Ausgangspunkt sei ein Problem und eine Idee der Lösung, die „im Lichte der zu Verfügung stehenden Mittel“ geprüft werden müsse. Die folgenden Schritte bestünden „aus einem Kreis von Planung, Handlung und Tatsachenfindung über das Ergebnis der Handlung.“ Dies sei nicht nur Sache von Hochschulen. Allerdings komme eine „Bedrohung der Sozialwissenschaften … von ‚Gruppen, die an der Macht sind‘. Sie fürchteten, „sie könnten nicht tun, was sie tun wollten, wenn sie und andere wirklich die Tatsachen kennen würden.“ Es komme darauf an, mit Aktionsforschung „etwas wirklich Demokratisches zu schaffen.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das partizipatorische Element des Ansatzes war das Ergebnis einer Intervention von Betroffenen. Ein antirassistisches Training sollte ausgewertet werden, indem Forschende bei einem separaten Treffen die Interaktionen in der großen Gruppe analysieren. Die Laien forderten, an diesen Treffen teilzunehmen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Wie erziehen Linke ihre Kinder?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Durch den Tod Lewins 1947 blieb die Aktionsforschung konzeptionell zunächst in den Anfängen stecken. Erst die 1968er entdeckten den Ansatz neu und verbanden damit Forschung, soziales Engagement und emanzipatorischen Anspruch. Eine marxistische Richtung, die in dieser Tradition steht, ist die Kritische Psychologie, die eine Gruppe um den Berliner FU-Professor Klaus Holzkamp entwickelte. Anfangs noch mit der historischen Fundierung psychologischer Grundbegriffe beschäftigt, wandte man sich gegen Ende der 1970er Jahre verstärkt der aktuell-empirischen Forschung zu. Das erste Projekt hieß Subjektentwicklung in der frühen Kindheit (SUFKI). Gegenstand war die Frage, wie Kinder in Interaktion mit den Eltern zunehmend Mitverfügung über ihre soziale Umwelt erlangen; die Aufmerksamkeit galt den Konflikten in diesem Prozess. Die Eltern führten Tagebücher über ihr Zusammenleben mit den Kindern, insbesondere über Alltagsprobleme wie Konflikte ums Zubettgehen oder ‚Geschwisterrivalität’. Die Interventionen erfolgten jeweils in vier Schritten. Zunächst wurden in der Gruppe Hypothesen über den zugrunde liegenden Konflikt und Lösungsmöglichkeiten gebildet. Falls es Einwände gegen die sich herauskristallisierende Deutung gab, wurden sie einer Analyse unterzogen. Entweder konnten die Widerstände ausgeräumt oder die Deutung musste modifiziert werden. Dann wurde der Lösungsvorschlag ausprobiert. Die Ergebnisse wurden an die Gruppe zurückgemeldet. Verschwand das Problem, konnte dies als pragmatische Bestätigung der Hypothese gewertet werden. Blieb es bestehen, war die Deutung vorerst gescheitert und der Prozess konnte von vorn beginnen. Die theoretische Pointe bestand darin, dass die Vorgänge unter dem Gesichtspunkt individueller Handlungsfähigkeit betrachtet werden; Handlungsfähigkeit beruht auf der Teilhabe an der gemeinsamen Verfügung über die Lebensumstände. Im Licht dieses Konzepts tauchen Fragen nach Macht, Herrschaft und Emanzipation auf. Gleichzeitig verzichtet das SUFKI-Projekt mit seiner pragmatischen Lösungsorientierung weitgehend auf Normen, wie Eltern und Kinder zu sein oder sich zu verhalten haben; derartige Normen werden vielmehr kritisch auf ihre Herkunft befragt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Weitere Projekte erforschten das Verhältnis von Flüchtlingen und Angestellten in Flüchtlingswohnheimen sowie die Rolle von PraktikantInnen in der psychologischen Berufspraxis. Diese Forschungen beleuchten auch die strukturellen Zusammenhänge, das heißt den Einfluss der repressiven staatlichen Flüchtlingspolitik bzw. die fragwürdige Funktion, die der Psychologie in Praxisbereichen wie zum Beispiel in Gefängnissen oder unseriösen Formen der Psychotherapie üblicherweise zugewiesen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nicht alle kritisch-psychologischen Untersuchungen sind partizipativ. Auch werden die Grenzen der Mitforschung diskutiert. Viele Menschen, für deren Lebenssituation sich Forschende interessieren, sind vielleicht bereit, ein Interview zu geben, wollen sich aber nicht an einem längerfristigen Forschungsprozess beteiligen. Auch der heute übliche und zum Teil langwierige Weg, zeitlich begrenzte Projektmittel zu beantragen, macht es nicht leichter, Betroffene einzubeziehen und sich auf einen möglicherweise auch scheiternden gemeinsamen Prozess einzulassen. Kritische Sozialwissenschaft muss auch gesellschaftliche Strukturen erforschen, wenn sie keine Mitforschenden gewinnen kann und der Untersuchungsgegenstand kurzfristig nicht veränderbar ist (zu aktuellen Forschungen siehe &lt;a href=&quot;http://www.kritische-psychologie.de&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.kritische-psychologie.de&lt;/a&gt;).&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Nichts über uns ohne uns&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Als ein Beispiel für die Aneignung der Aktionsforschung durch Marginalisierte können die Disability Studies (DS) gelten. Basis der DS waren zunächst Schriften von behindertenpolitischen AktivistInnen. DS sind interdisziplinär und untersuchen Behinderung vor allem als gesellschaftliches und politisches Problem. Aktionsforschung überträgt Prinzip und Forderung der Behindertenbewegung „Nichts über uns ohne uns!“ („Nothing about us without us!“) auf die Sozialwissenschaft. Neben der üblichen Beteiligung von Betroffenen als Mitforschende (co-research) sind auch die Professionellen in der Regel selbst behindert. Ein aktuelles Projekt in Österreich führte eine Gruppe um Petra Flieger und Volker Schönwiese durch. Gegenstand war das bis dahin unerforschte Portrait eines behinderten Mannes, der Ende des 16. Jahrhunderts lebte. Es handelt sich um eine der ersten Darstellungen eines offensichtlich behinderten Adligen oder Bürgers in der europäischen Malerei. Mitglieder der ‚Referenzgruppe’ waren Angehörige der Behindertenbewegung, Frauen und Männer mit verschiedenen Bildungsabschlüssen, darunter Fachleute und KünstlerInnen. Sie recherchierten historische Fakten, erarbeiteten Interpretationen, analysierten den Umgang des heutigen Kunstbetriebs mit dem Gemälde und dokumentierten die eigene Rezeption. Die abschließende Intervention bestand in einer Ausstellung und der Durchsetzung eines Aufzugs für das betreffende Museum, der auch Gehbehinderten das Bild zugänglich macht. In ihrem Resümee gibt Flieger einige Empfehlungen für Projekte: Möglichst frühe Einbeziehung der Referenzgruppe, Kriterien für deren Zusammensetzung, eine institutionelle Verankerung, das Finden einer gemeinsamen Sprache und die Zahlung einer Aufwandsentschädigung. An anderer Stelle zählt sie potenzielle Probleme auf: So kann es Interessenkonflikte zwischen Professionellen und Laien geben: Die einen haben eine anerkannte Fachpublikation und evtentuell eine Anschlussfinanzierung als Ziel, die anderen setzen unter Umständen eher auf unmittelbare Verbesserungen für ihr Leben; es bestehen wenige Möglichkeiten der Anonymisierung; wegen ungleicher materieller Voraussetzungen kann es zu Machtverhältnissen zwischen den Beteiligten kommen usw.. Andere kritisieren gesellschaftstheoretische Defizite. Es besteht die Gefahr, dass die Aktionsforschung ‚reformistisch’ wird, indem sie gesellschaftliche Probleme nur insofern wahrnimmt, als sie diese mit ihren Mitteln – das heißt Recherchen und kurzfristige Interventionen – lösen kann. Außerhalb der Linken wurde sie auch technokratisch rezipiert, beispielsweise im Management oder der ‚Entwicklungshilfe’. Die Methode kann nur in Verbindung mit kritischen Theorien ihr emanzipatorisches Potenzial entfalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Methode bietet die Möglichkeit, Wissenschaft radikal zu demokratisieren und Gruppen zugänglich zu machen, die bisher davon ausgeschlossen waren. Im besten Fall ist Wissenschaft nicht Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern Kehrseite von egalitärer Teilhabe: Objektivierung und Transparenz der Untersuchung helfen sicherzustellen, dass ihre Ergebnisse nicht nach Herrschaftsinteressen interpretierbar sind und dass die festgestellten Tatsachen mehr Gewicht und Überzeugungskraft haben als hergebrachte Autoritäten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die ‚Militante Untersuchung’ ist die jüngere proletarische Schwester der Aktionsforschung. Sie wurde in den 1960er Jahren zunächst in den italienischen FIAT-Werken durch Basis-AktivistInnen entwickelt und zu Beginn der 1980er auch bei Ford in der BRD angewandt. Sie verwandte Methoden aus dem Arsenal der Aktionsforschung wie die ‚Mituntersuchung’ und die ‚aktivierende Befragung’. Ihr besonderes Merkmal dürfte sein, dass zwar auch WissenschaftlerInnen an ihr beteiligt waren, im Mittelpunkt aber betriebliche und gewerkschaftliche Fragen standen, zum Beispiel Arbeitsbedingungen, Gesundheitsbelastungen und Organisationsformen. Der Begriff der Militanz verspricht zudem auch eine konfrontative Konfliktorientierung, indem auch herrschende Gruppen in den Blick genommen werden. Gelungen ist dies beispielsweise einer Gruppe um den Politikwissenschaftler Peter Grottian. Die Initiative Bankenskandal recherchierte und veröffentlichte Namen von Fondsanlegern, denen die Berliner Bankgesellschaft in sittenwidriger Weise langfristige Gewinne garantiert. Unter den Anlegern findet sich Parteienprominenz von CDU und SPD sowie Banker, Unternehmer und Journalisten. Die Veröffentlichung beförderte die kritische Debatte um den Bankenskandal, der den Berliner Haushalt auf Jahrzehnte milliardenschwer belastet.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 12:25:09 +0000</pubDate>
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 <title>Orientierungssinn</title>
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                    &lt;p&gt;2007 gaben Stevphen Shukaitis und David Graeber ein Buch über Militante Untersuchungen heraus, in dem einige eng an soziale Bewegungen geknüpfte Untersuchungsmethoden vorgestellt werden: Constituent Imagination. Beschrieben sind auch die Precarias a la Deriva, die wir bereits in der arranca! 31 interviewt haben. Ihre und eine weitere Methode aus dem Kapitel Drifting through the Knowledge Machine dokumentieren wir hier gekürzt.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;2007 gaben Stevphen Shukaitis und David Graeber ein Buch über Militante Untersuchungen heraus, in dem einige eng an soziale Bewegungen geknüpfte Untersuchungsmethoden vorgestellt werden: &lt;em&gt;Constituent Imagination&lt;/em&gt;. Beschrieben sind auch die Precarias a la Deriva, die wir bereits &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/31/provokation-der-vorstallungskraft&quot; title=&quot;zum Interview in der #31&quot;&gt;in der &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; 31 interviewt&lt;/a&gt; haben. Ihre und eine weitere Methode aus dem Kapitel &lt;em&gt;Drifting through the Knowledge Machine &lt;/em&gt;dokumentieren wir hier gekürzt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Precarias a la Deriva: Untersuchungsmethoden für Alltags-Interventionen in einer post-fordistischen Ökonomie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Precarias a la Deriva (umherdriftende prekäre Frauen) wurde aus einem intensiven politischen Moment heraus geboren, an einem Platz, an dem die Probleme der Prekarität am heißesten diskutiert wurden: Eskalera Karakola, ein von Frauen besetztes Soziales Zentrum im Madrider Viertel Lavapiés. Nach einer Analyse ihrer eigenen Situation und der Teilnahme an den verschiedenen Mobilisierungen und Debatten um Arbeitsverhältnisse kamen viele der Frauen von Karakola zu dem Ergebnis, dass die existierenden Formen der Analyse und der Organisierung nicht besonders gut zu ihrer eigenen Situation passten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anlässlich des gegen die EU gerichteten Generalstreiks in Spanien im Juni 2002 teilten mehrere Frauen der Eskalera Karakola das Unbehagen über den allgemeinen Aufruf der großen Gewerkschaften, alle Produktionsketten für 24 Stunden lahmzulegen. Sie wollten zwar Teil eines allgemeinen und expliziten Unmuts gegen die Arbeitsverhältnisse sein, aber die traditionelle Taktik des Streiks geht von einem Idealtyp von Arbeiter aus, der weit weg war von ihren jeweiligen individuellen Situationen. Streiken unter Bedingungen stundenweiser Verträge, häuslicher Arbeit, Zeitarbeit oder Selbständigkeit würde nicht die erwarteten Folgen haben. Niemand würde es überhaupt wahrnehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ihre Diskussion führte zu dem Vorschlag einer piquete-encuesta oder „Streikposten-Befragung“: Während des landesweiten Streiks schwärmten verschiedene Kleingruppen von Frauen, bewaffnet mit Kameras, Aufnahmegeräten, Notebooks und Kugelschreibern, in Madrid aus. Sie wollten Gespräche in den marginalen Zentren der Ökonomie führen, wo der Streik wenig Sinn machte: den unsichtbaren, nicht-regulierten, temporären, undokumentierten, haushaltsbasierten Sektoren des Marktes. Das Hauptthema der Untersuchung drehte sich um die Frage: „Cual es tu huelga?“ (Was ist dein Streik?) Die Untersuchung der precarias stoppte den produktiven und reproduktiven Fluss für einige Zeit und, wichtiger, eröffnete einer unsichtbaren und fragmentierten Bevölkerung temporär die Möglichkeit, miteinander zu reden und sich zuzuhören. Der von diesem Tag an stattfindende Austausch war inspirierend: Die precarias haben einen Raum für unvermittelte Begegnungen zwischen ansonsten unverbundenen Frauen geschaffen, die, obgleich unter ähnlich prekären Bedingungen lebend, radikal unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Innerhalb dieses Sprudelns entstand das Forschungsprojekt &lt;em&gt;In der Drift durch die Kreisläufe weiblicher Prekarität&lt;/em&gt;. Objekt der Untersuchungen und Interventionen waren die Arbeitsverhältnisse von Frauen in verschiedenen Bereichen des prekären Arbeitsmarktes und in einer urbanen Umgebung, die eine postfordistische Ökonomie hervorbringt. Durch eine intensive Beschäftigung mit ihren eigenen Erfahrungen führte das Projekt zu einer Verfeinerung und einer situierteren Version des Begriffes Prekarität. Ihre Forschungen verschmolzen in einem Begriff von &lt;em&gt;precariedad feminina&lt;/em&gt; (weibliche Prekarität) als einer partikularen Form flexibler Arbeit: gendered but not sexed. Dieser Begriff von Prekarität stellt sich gegen eine übermäßig produktionszentrierte Analyse und bietet stattdessen ein Verständnis von wandelnden Arbeitsbeziehungen im Kontinuum von Produktion-Reproduktion. Einer der analytischen Beiträge des Projektes besteht darin, die üblicherweise in der politischen Ökonomie aufrecht erhaltene Trennung von ‚Arbeit’ und ‚Leben’ aufzubrechen. Der Zustand der weiblichen Prekarität kann nicht auf negative Arbeitsverhältnisse reduziert werden, wie durch die Bezeichnung des Prekariats als Cousin des Proletariats nahegelegt wird. Er ist eine Selbstbezeichnung, die die vielfältigen Merkmale des Lebens als precarias (die weibliche Variante von precario) anerkennt und darauf verweist, wie Subjekte unter Verhältnissen gleichzeitiger Unterdrückung und Ermächtigung produziert werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Wir sind precarias. Das heißt einige gute Sachen (wie die Akkumulierung von Wissen, Können und Fähigkeiten durch unsere Arbeit und existentielle Erfahrungen, welche permanent konstruiert werden), eine Menge schlechter Sachen (wie Verwundbarkeit, Unsicherheit, Armut, soziale Instabilität) und größtenteils ambivalenter Kram (Mobilität, Flexibilität).“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kollektive Formen des Kämpfens zu finden war eine der zentralen Aufgaben. Insbesondere ging es um die Ausdrucksmöglichkeiten von Frauen, welche die gemeinsame Erfahrung der &lt;em&gt;precariedad&lt;/em&gt; teilten, aber in äußerst unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen arbeiteten – von der Universitätsprofessorin über die Sexworkerin bis hin zur Heimarbeiterin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf Grundlage der Begeisterung über die Ergebnisse der Streikposten-Befragung entstand der Plan, die Diversität der Erfahrungen der precariedad auf systematischere Art und Weise wieder miteinander zu verknüpfen. Dafür bedurfte es Forschungsmethoden, welche den Umständen angemessen und relevant hinsichtlich des Provozierens von Konflikt waren. Auf der Suche nach einer Prozedur, die ihre offenen, unabgeschlossenen und kontingenten Alltagsleben erfassen konnte, ließen sie sich von der situationistischen Technik des „Driftens“ inspirieren. Situationistische ForscherInnen wandern durch die Stadt, offen für Begegnungen, Konversationen, Interaktionen und Mikro-Ereignisse, die sie entlang ihrer urbanen Reise leiten. Das Ergebnis ist eine Psychogeografie auf Grundlage zufälliger Zusammentreffen. Diese Variante wurde jedoch eher als angemessen für ein männliches, bürgerliches Individuum ohne Verpflichtungen gesehen und war für eine precaria unzureichend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Methode der precarias folgt daher einem intentionalen Modell der Drift in Räumen, die normalerweise als unzusammenhängend wahrgenommen und nun verknüpft werden. Dies erlaubt es, untergründige Realitäten – ansonsten außerhalb des Radars des gängigen Diskurses – sichtbar zu machen. Diese Variante des Driftens zeigte sich als ideale Technik und als aufmerksam für das räumlich-temporäre Kontinuum, welches sie als Frauen in den neuen Arbeitsverhältnissen erlebten. Das Hin- und Hergehen zwischen verschiedenen Quellen und ihren jeweiligen gelebten Erfahrungen erlaubt eine situierte Untersuchung der gemeinsamen materiellen Bedingungen und der durchlebten radikalen Unterschiede. Diese feministischen Driften fungieren als Kreisläufe der Artikulierung fragmentierter Räume und experimenteller Reisen, die das Politische als kollektive Interventionen in das Alltagsleben wieder vorstellbar machen. Sie stellen teilnehmende Kartografi en ihrer eigenen kollektiven Reisen her, in denen Feldforschung die temporäre Entdeckungsreise ist, die dem raum-zeitlichen Kontinuum singulärer Erfahrungen folgt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Bureau d’études/Université Tangente: Kartografien hacken, um Macht abzubilden und sich Aufstände vorzustellen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In Strasbourg gegründet, startete diese aktivistische Kartenerstellungsgruppe im Jahr 1998. Ihre Wurzeln hat sie in der radikalen Kunstwelt Frankreichs dieser Zeit. Bureau d‘études/Université Tangente (BE/UT) fing an, mit Protoversionen von Karten und Flussdiagrammen ökonomischer Netzwerke als einer Form von öffentlicher/politischer Kunst zu experimentieren. Nach verschiedenen Projekten wuchs die Frustration über die politische Ökonomie der Kunstwelt. Die Organisierung der Arbeitslosen und die Hausbesetzungsbewegung dieser Zeit führten die Anstrengungen des BE/UT zu einer stärker politisch engagierten Kunst und zur Arbeit über Themen der ‚New Economy’, beispielsweise die Wissensarbeit. Aus Reflexionen über die sich wandelnde Natur der Ökonomie, die wachsende Prominenz globaler Widerstandsbewegungen und die Rufe nach einer neuen Art internationaler Solidarität ergab sich für diese Gruppe letzten Endes ein Schauplatz jenseits des Galerie- und Museumskreislaufs: Sie brachten das Kollektiv zur dauerhaften Beschäftigung mit Kartografie als einer Art und Weise, an Themen im Zusammenhang mit den neuen Bewegungen zu arbeiten und diese zu kommunizieren. Antagonistische Karten ebenso wie begleitende Texte wurden in großer Anzahl für die radikale Analyse und Bildung produziert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese kartografischen Repräsentationen sind oft eine unwahrscheinliche und verwirrende Darstellung von Institutionen, Akteuren, Persönlichkeiten, Organisationen und Bewegungen: eine Art von Netzwerkkarte, die die Verbindungen von ‚Machtstrukturen’ (Europäische Union, globale Finanzwirtschaft, einzelne Unternehmen) und Flüsse von Gegenmacht verfolgt. Auf einer Karte namens „Europäische Normen der Weltproduktion“ sieht man beispielsweise Symbole für so etwas wie die Europäische Kommission, welche mit verschiedenen Banken, politischen Institutionen und Persönlichkeiten verbunden sind. Flüsse vernetzter Verknüpfungen zeigen die Verbindungen zwischen dieser Institution und biotechnologischen Regulierungen, Verteidigungsindustrien, Telekommunikation, Migrationspolitiken etc.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anstelle einer defätistischen „Macht ist überall, wir können nichts mehr tun“-Antwort rufen diese Karten etwas anderes hervor. In vielen von ihnen gibt es eine Vielzahl von Zielen und Orten, an denen Macht ausgeübt wird. Diese Aneignung von Kartografie stellt neue Wege des Denkens bereit, neue Formen des Antagonismus, ebenso wie das Verständnis, dass Institutionen oder „Stellen“ der Macht nicht auf einfache Art gebunden oder in sich geschlossen sind. Jede machtvolle Institution besteht aus ihren Verbindungen und Flüssen mit anderen Formen der Macht. Das Bureau d’études erklärt die Wichtigkeit dieser Bewegungsforschung:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Autonomes Wissen kann sich durch die Analyse des Funktionierens komplexer Maschinen konstituieren […] Die Dekonstruktion komplexer Maschinen und ihre „dekolonisierte“ Rekonstruktion kann anhand vielfältiger Objekte ausgeführt werden […] In der gleichen Art und Weise wie man ein Programm dekonstruiert, kann man das interne Funktionieren einer Regierung oder Administration, einer Firma, oder einer industriellen oder finanzökonomischen Gruppe dekonstruieren. Eine solche Dekonstruktion geht einher mit der präzisen Identifi zierung der Operationsprinzipien einer gegebenen Administration oder der Verbindungen und Netzwerke zwischen Administrationen, Lobbys, Unternehmen, etc. Auf dieser Grundlage lassen sich Formen des Handelns und der Intervention definieren.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während Macht abgebildet wird kann man auch den Pfaden der Aktivität einer Bewegung folgen – mit dem Ziel, autonome Formen der Organisierung zu stärken, verschiedene aktivistische Bemühungen gemeinsam zu begreifen oder nach neuen Orten des Widerstandes zu suchen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf der Grundlage dessen, was wir aus den Erfahrungen des Bureau d’études und anderer Kartografi erungsgruppen gelernt haben, haben wir versucht, die Vorteile von katografi scher Produktion innerhalb von sozialen Bewegungen hinsichtlich der Stärkung und Vertiefung sozialer Auseinandersetzungen herauszustellen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Karten sind nicht-textlich und nicht-grammatikalisch.&lt;/em&gt; Anders als Texte und Traktate, wo der/die LeserIn dazu gezwungen ist, der Bahn der AutorIn in einer sehr linearen Weise zu folgen, haben Karten also weder einen starren Anfang noch ein starres Ende. Karten zeigen einige Sachen eindeutig, während sie andere verheimlichen, und sie sind dabei nicht an die gleichen Regeln von Grammatik und Syntax gebunden. Verschiedene KartenbetrachterInnen können unterschiedliche Verbindungen und Ordnungen der Dinge sehen und können sich jederzeit auf jeden Punkt der Karte konzentrieren, ohne Seiten umblättern zu müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Karten sind einfacher in partizipativer und kollektiver Weise herzustellen.&lt;/em&gt; Während es recht schwierig sein kann, an einem Text einer Gruppe nennenswerter Größe mitzuschreiben – da Sätze mit vielen Leuten schwierig zu konstruieren sind – können hingegen Kartenobjekte und –symbole sehr viel einfacher zusammengefügt werden. Verschiedene Leute können verschiedenen Gegenstände vorschlagen, die relevant für die Karte sein könnten, zum Beispiel ein bestimmtes Unternehmen, eine Anzahl von Arbeitsbeziehungen, einen Teil der Nachbarschaft usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Karten sind ausgezeichnete Werkzeuge für Weiterbildungen und Workshops.&lt;/em&gt; Sie sind außerdem praktische Mittel zur Kommunikation zwischen Kämpfen im Allgemeinen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Karten müssen niemals als fertig betrachtet werden.&lt;/em&gt; Leute können auf ihnen herummalen und neue Karten zeichnen. Textfelder können ergänzt werden. Verschiedene Karten können in Ergänzung miteinander gelesen werden, um zu einer tieferen Analyse zu gelangen und weitere Werkzeuge zu finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Ziel ist insbesondere zu verstehen, mit welchen Formen von Macht wir konfrontiert sind und welche Formen der Gegenmacht wir kreieren können. Die Karten werden Teil aktivistischen ‚Wachstums’, wenn man so will. Sie können einen Weg darstellen, alltägliche Erfahrungen und Reisen mit den Konfigurationen ökonomischer und politischer Macht auf größerem Maßstab zu verbinden.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 19 Jan 2010 16:43:25 +0000</pubDate>
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