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 <title>arranca! - Militante Untersuchung</title>
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 <title>Die Krise des Marxismus  in Italien, Teil II</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/47/die-krise-des-marxismus-in-italien-teil-ii</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Die Theorieströmung des Operaismus entwickelte sich als Antwort auf die  Krise der italienischen Arbeiterbewegung in den 1950er und -60er Jahren.  Die Mit-Untersuchung &lt;em&gt;con-ricerca&lt;/em&gt; spielte bei ihrer  theoretischen und politisch-praktischen Erneue­rung eine zentrale Rolle,  obwohl sie von Anfang an weit davon entfernt war, eine kohärente  Methode zu sein. Diese konzeptionelle Uneindeutigkeit ist bis heute in  den Debatten über Militante Untersuchungen präsent. Das Konzept und die  operaistische Praxis eingreifender Untersuchungen bilden den Schwerpunkt  dieses zweiten Teils.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_4ljctzw&quot; title=&quot;Die Krise der Repräsentation der  Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer  analysiert worden, zu finden unter arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; href=&quot;#footnote1_4ljctzw&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_4ljctzw&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_4ljctzw&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Die Krise der Repräsentation der  Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer  analysiert worden, zu finden unter &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
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&lt;p&gt;Die Theorieströmung des Operaismus entwickelte sich als Antwort auf die Krise der italienischen Arbeiterbewegung in den 1950er und -60er Jahren. Die Mit-Untersuchung &lt;em&gt;con-ricerca&lt;/em&gt; spielte bei ihrer theoretischen und politisch-praktischen Erneue­rung eine zentrale Rolle, obwohl sie von Anfang an weit davon entfernt war, eine kohärente Methode zu sein. Diese konzeptionelle Uneindeutigkeit ist bis heute in den Debatten über Militante Untersuchungen präsent. Das Konzept und die operaistische Praxis eingreifender Untersuchungen bilden den Schwerpunkt dieses zweiten Teils.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_igd9ghn&quot; title=&quot;Die Krise der Repräsentation der Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer analysiert worden, zu finden unter arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; href=&quot;#footnote1_igd9ghn&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;Im Nachkriegsitalien der 1950er Jahre verfolgten die traditio­nellen Institutionen der Arbeiter*innenbewegung eine zunächst erfolgreiche Strategie des «italienische Wegs zum Sozialismus», die eine «progressive» Demokratie gegen Revanchismus und Monarchie durchsetzen konnte. Sie fokussierte einen wirtschaftlichen Wiederaufbau, der auf quantitatives Wachstum und Industrialisierung setzte. Dadurch entfernten sie sich von den konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter*innenschaft. Die Krise des Marxismus in Italien erschien wesentlich als eine Krise der Repräsentation der Arbeiter*innen durch ihre politischen Institutionen. In dieser Situation fanden junge Aktivist*innen ihren Weg in die Fabriken, um Klassenanalyse und Klassenkampf zu verbinden. Für sie bildete die Untersuchung das «erste Instrument» politischer Arbeit. &lt;br /&gt;Fiat spielte für die Entwicklung und Anwendung der Militanten Untersuchung eine bedeutende Rolle. Marco Revelli beschrieb sie in seinem Buch «Fiat und die Arbeiter(innen)» als «Behemoth aus Metall», dessen Größe und Ausdehnung als zugleich faszinierend und abschreckend erscheint: «Fast 3 Millio­nen Quadratkilometer, zur Hälfte überdacht, Eingangstore, verteilt über einen Umfang von mehr als zehn Kilometern, eine Bevölkerung von 30 bis 60 000 Menschen, je nach Tageszeit, mit einem Straßennetz von 22 und einem Eisenbahnnetz von 40 Kilometern. Acht Lokomotiven, täglich 130 abfahrende und eben soviel ankommende Waggons. Fast 40 Kilometer Fließbänder, 223 Kilometer Hochbänder, 13 Kilometer unterirdische Tunnel, 13 000 Werkzeugmaschinen. Ein Telefonnetz in der Größenordnung einer Stadt wie Ivrea, mit 10 000 Anschlüssen und 667 Kilometer Kabel; eigene Stromproduktionskapazitäten zum Abdecken von 50 Prozent des Energiebedarfs – das entspricht einer Million Glühbirnen oder dem Gesamtstromverbrauch einer Stadt wie Triest. Eine jährlich verfeuerte Brennstoffmenge, mit der man 22 000 Wohnungen heizen könnte. Das ist Mirafiori: die größte Fabrik der Welt».&lt;br /&gt;Im Inneren dieses Behemoths begann Anfang der 1950er Jahre ein intensiver Prozess der Neuorganisation des Unternehmens. Zwar stieg auch die Anzahl der Beschäftigten, jedoch bei weitem nicht im gleichen Maße wie die Produktions- und Umsatzkurven. Bei Fiat vollzog sich durch Rationalisierung und Automation der Übergang in eine neue, «neokapitalistische»&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_fo9osah&quot; title=&quot;Der Begriff des Neokapitalismus wurde von italienischen Autor*innen als Beschreibung der Umwälzung der Produktions- und Regulationweise in den 1950er Jahren verwendet. Im internationalen kritischen Diskurs hat sich allerdings der Begriff des Fordismus durchgesetzt.&quot; href=&quot;#footnote2_fo9osah&quot;&gt;2&lt;/a&gt; Phase der Massenproduktion und -konsumtion. Fiat galt als paradigmatisches Beispiel für die Transformationsprozesse innerhalb der «großen Industrie». Die unternehmerischen Entscheidungen, die bei Fiat getroffen und durchgesetzt wurden, aufgrund der Wirtschaftskraft und seiner Einbindung in den internationalen Markt, als «determinierend für die italienische Politik» bezeichnet. &lt;br /&gt;Und schließlich galt Fiat als Ort der «Massenavantgarden», der bewussten kommunistischen Arbeiter*innenschaft. Die Parteizellen der Pci spielte bei Fiat in den 1940er und 1950er Jahren eine derart große Rolle, dass von einer «Vergewerkschaftung der Partei» gesprochen wurde. Im Juli 1948, nachdem der christdemokratische Block aus den landesweiten Wahlen als Sieger hervorgegangen war, wird die Nachricht von einem Attentat auf den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Palmiro Toglitatti bekannt. Als direkte Reaktion besetzen die Fiat-Arbeiter*innen ihre Betriebe und setzen Führungskräfte fest. Fiat stand in vorderster Linie der Protestbewegung, die ganz Italien zu erfassen begann. In Turin trat daraufhin die Partisan*innen organisation wieder in Erscheinung und stellte sich gegen die Linie der Führung der Arbeiter*innenbewegung. Sie wartete auf die Gelegenheit zum Aufstand, doch diese trat nicht ein. Zwei Tage später schafften es die Gewerkschaft und Partei, die Arbeiter*innen zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. &lt;br /&gt;Anfang der 1950er Jahre kam es dann zu vereinzelten Streiks in Form spontaner Kämpfe, die die Fabrik meist nicht als Ganzes erfassten. Diese spontanen, autonomen Kämpfe standen oft in direkter Konfrontation zu den Institutionen der Arbeiter*innenbewegung und ihrer nationalen Linie des wirtschaftlichen Aufschwungs und des italienischen Weges zum Sozialismus . Die 1955 stattfindenden Wahlen zur &lt;em&gt;commissione interna&lt;/em&gt; (vergleichbar mit Betriebsratswahlen) wurden zu einer historischen Niederlage der kommunistischen Gewerkschaft Fiom, die ihre absolute Mehrheit verlor und auf 36 Prozent einbrach. Ab Mitte der 1950er Jahre schien das Zeitalter der Massenavantgarden endgültig der Vergangenheit anzugehören. Fiat galt als befriedet. Im Frühjahr 1962 schließlich begann der Streik um die Erneuerung der Arbeitsverträge der Metallarbeiter*innen. Bereits im Februar 1962 hatte die Turiner Fiom versucht, einen Streik für Gesamt-Fiat auszurufen. Der Versuch missglückte. In den ersten Streiktagen nahmen die Fiat-Arbeiter*innen an diesen Kämpfen nicht teil. Anfang Juli unterschrieb die katholische Gewerkschaft Uil ein separates Abkommen mit der Fiat-Leitung, woraufhin die Uil-Zentrale an der Piazza Statuto in Turin durch Fiat-Arbeiter*innen besetzt wurde. Es folgten drei Tage schwerer Zusammenstöße mit der Polizei. Am Ende dieser Eskalation stand die Mobilisierung von 60 000 Fiat-Arbeiter*innen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Alquati und die «Neuen Kräfte»&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Eineinhalb Jahre vor den Ereignissen auf der Piazza Statuto, zwischen Ende 1960 und Anfang 1961, hatte Romano Alquati, Mitbegründer der Quaderni Rossi (QR)&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_twj05xe&quot; title=&quot;Die zwischen 1961 und 1967 erschienenen Quaderni Rossi (Roten Hefte) können als erstes Organ des sich konstituierenden Operaismus interpretiert werden.&quot; href=&quot;#footnote3_twj05xe&quot;&gt;3&lt;/a&gt;, etwa zwanzig Tage lang vor allem sozialistische und kommunistische Fiom-Mitglieder der commissione interna interviewt. Er wollte so Arbeitsvorschläge und -hypothesen gewinnen, die dem Fernziel dienen sollten, der klassenkämpferischen Energie und der Konfliktfähigkeit vergangener Tage nachzuspüren und sie wieder herzustellen. &lt;br /&gt;Dieser erste provisorische Untersuchungsansatz steht einem sehr weit gefassten Zielhorizont gegenüber: Der «Umwandlung der objektiven Kräfte in subjektive, politisch bewusste Kräfte in einer Perspektive der Überwindung des bestehenden Systems» (Alquati 1974). Die Schwierigkeiten dem Anspruch der Mit-­Untersuchung in der Praxis gerecht zu werden, sah Alquati durchaus: «Die Mituntersuchung [war] entweder eine erst in der Zukunft realisierbare Forderung oder sie war eine mystifizierte und recht kurze Beziehung zwischen irgendwelchen Forschern und einzelnen Arbeitern!» (Alquati 1985). Alquatis Arbeit hat den Sprung von der punktuellen Arbeiter*innenuntersuchung zur Mit-Untersuchung nie geschafft. &lt;br /&gt;Trotz ihres provisorischen Charakters waren Alquatis Ergebnisse von großer Bedeutung für die sich entwickelnde operaistische Strömung. Er stellte die Hypothese neuer Kräfte bei Fiat auf, die offen für den Klassenkampf seien, sich aber nicht mehr in gleicher Weise wie die frühere Facharbeiterschaft mit ihrer ­Tätigkeit identifizierten. Sie seien nicht mehr in der gleichen Weise in und durch die klassische Arbeiterbewegung sozialisiert und lehnten diese teilweise ab. Sie artikulierten sich auch politisch auf deutlich andere Weise. Später sollte auf dieser Grundlage von der «anderen» Arbeiter*innenbewegung gesprochen werden. ­Alquatis Ziel war es, eine Beziehung zu diesen neuen Avantgarden aufzubauen, blieb dabei aber auf halbem Weg stecken. Annäherungen an neue Modelle blieben noch einer traditionellen Parteiperspektive verhaftet.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Konzept der Klassenzusammensetzung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das zweite wesentliche Ergebnis von Alquatis Untersuchung war das Konzept der Klassenzusammensetzung. Dieser operaistische Begriff war von zentraler Bedeutung für die Erneuerung des Marxismus in Italien und darüber hinaus. Ziel des Konzepts ist die Analyse der historisch-konkreten Ausformung der Arbeiter*innenklasse. Dabei sind zwei Komponenten zu unterscheiden: Erstens wird die arbeitsteilige Aufspaltung, Ausdifferenzierung und Parzellierung der kollektiven lebendigen Arbeit, die durch die kapitalistisch-technologische Entwicklung bestimmt wird auf den Begriff der technologischen Klassenzusammensetzung gebracht; zweitens wird die Realität der Arbeitskämpfe, also der subjektive Faktor der Klasse, ihre Kampfbereitschaft und das erreichte Niveau der Klassenkämpfe, unter dem Begriff der «politischen» Zusammensetzung der Arbeiterklasse gefasst.&lt;br /&gt;Der Begriff der Neuzusammensetzung der Klasse basiert auf der Artikulation dieser beiden Momente: Die Einführung einer neuen Technologie kann es erforderlich machen (oder zumindest als effizient erscheinen lassen) den Produktionsprozess zu restrukturieren (Prozessinnovation). Dieser Neubestimmung des Prozesses entspricht dann eine Neuverteilung der lebendigen Arbeit auf seine Einzelteile. Dies macht andere, veränderte Qualifikationen der Arbeitskraft erforderlich, wodurch bisheriges Wissen im und vom Produktionsprozess entwertet wird.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Hypothese der Integration&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In Anknüpfung und zugleich in einer Gegenbewegung zu ­Alquatis Ansatz ist die Untersuchung zu verstehen, die von den ebenfalls in den QR organisierten Autor*innen Dino De Palma, Vittorio Rieser und Edda Salvadori bei Fiat 1960/61 durchgeführt wurde. Anstoß für ihre Untersuchung war das Aufflammen landesweiter Kämpfe um die Tarifverträge 1959/60 und das gleichzeitige Ausbleiben derselben bei Fiat: Ausgangs- und Einstiegspunkt für die Untersuchung bildete die Tatsache, «dass die Fiat-Arbeiter an der Wiederaufnahme der Kämpfe (insbesondere an den Kämpfen um die Tarifverträge von 1959) nicht beteiligt­ waren. [...] Das wurde von uns nicht als eine ‹betriebsinterne› Angelegenheit betrachtet [...], sondern als ein Phänomen von brennender politischer Bedeutung, dem Allgemeingültigkeit zukam» (De Palma/Rieser/Salvadori 1972). &lt;br /&gt;Während Alquatis provisorische Untersuchung die Hypothese von für den Klassenkampf offenen neuen Kräften aufstellte,­ stellen De Palma/Rieser/Salvadori genau die entgegengesetzte Arbeitshypothese an den Anfang ihrer Untersuchung: Die der gelungenen Integration der Arbeiter bei Fiat. Die Autor*innen wollten der Frage nachgehen, wieso es in einer Fabrik mit einer solchen Tradition der Massenavantgarden möglich war, dass die Arbeiter*innenschaft sich nicht mehr an den Kämpfen beteiligte.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Mit-Untersuchung und die Problematik der Soziologie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Differenzen zwischen diesen beiden Untersuchungsansätzen bestehen auch in ihrem Verhältnis zur Soziologie: Während der «soziologischen Flügel» innerhalb der QR, zu dem De Palma,­ Rieser und Salvadori gehörten, die Mit-Untersuchung in die Nähe der Soziologie rückte, zog Romano Alquati eine klare Grenze: Für ihn war die Mit-Untersuchung eine Methode der politischen Aktion an der Basis. Sie sollte gemeinsam mit den kämpfenden Subjekten nach Zielen und entsprechenden Formen des Klassenkampfs suchen und war strikt auf die Autonomie der Arbeiter*innenklasse ausgerichtet und ihr verpflichtet&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_jwn12g7&quot; title=&quot;Eine ähnliche Auffassung vertrat der Arbeitskreis Militante Untersuchung in den 1980er Jahren: www.wildcat-www.de/thekla/08/t08akmu1.htm&quot; href=&quot;#footnote4_jwn12g7&quot;&gt;4&lt;/a&gt;.&lt;br /&gt;Dieser Gegensatz wurde von Raniero Panzieri in seinem Aufsatz «Sozialistischer Gebrauch des Fragebogens» relativiert. In seiner Perspektive war die zentrale Frage nicht die des Verhältnisses der Untersuchung zur Soziologie, sondern die nach der «sozialistischen Anwendung». Während die Soziologie eine Perspektive der Konfliktbewältigung einnehme, gehe es bei einer «sozialistischen Anwendung» der Soziologie darum, einen Standpunkt zu beziehen, der Konflikte dahingehend betrachtete, wie aus ihnen eine Dynamik entwickelt werden kann, die die Konflikte in einen Antagonismus überführt. Panzieri zufolge brauchte es einen Perspektivwechsel hin zu einem «Arbeiterstandpunkt».&lt;br /&gt;Auch Alquati selbst ließ später eine klare Grenzziehung zwischen Mit-Untersuchung und Soziologie hinter sich und führte statt dessen eine graduelle Differenz ein: Auf die wesentlich von ihm selbst durchgeführte Untersuchung bei Fiat 1960/61 bezogen, sprach er davon, dass es sich dabei um eine soziologische Untersuchung gehandelt habe, die er als Provisorium und Hilfsmoment bezeichnet. Er macht aber zugleich die Differenz zum «soziologischen Flügel» der QR deutlich, für den sie genau das Gegenteil war: «die politische Beziehung zum kollektiven Arbeiter und zu seiner anstehenden autonomen Organisierung war ein Mittel, um die soziologische Untersuchung zu realisieren» ­(Alquati 1985). Die Mit-Untersuchung bezeichnet Alquati in diesem Kontext als ein weit entferntes Ziel: In ihr sollte die Arbeiterklasse selbst das Subjekt der Untersuchung sein. In dieser Perspektive erscheint die Mit-Untersuchung als Fluchtpunkt, der nicht unmittelbar zu erreichen ist, weil das Feld, auf dem sie durchgeführt werden soll, noch nicht in entsprechender Weise strukturiert ist. Die soziologische Methode erlaubt hingegen, sich dem Feld zu nähern, es zu erkunden: «Solange man außerhalb stand, hatte die (französische, englische und amerikanische) Industriesoziologie einige Hypothesen anzubieten». &lt;br /&gt;Alquati ging davon aus, dass versucht werden müsse, über die Diskussion der Ausrichtung und des Inhalts der Untersuchung möglichst viele Mit-Untersuchungsgruppen zu konstituieren, also durch einen bewussten Aushandlungsprozess der Inhalte der Untersuchung und durch die Erarbeitung der Themen mit und durch alle Beteiligten, eine größtmögliche Untersuchungsgruppen-Basis zu schaffen. Diesen Prozess verstand er als Organisierungsansatz. Dagegen bestand der soziologische Flügel darauf, dass das Konzept der Untersuchung sich nicht aus der «Summe der Kontakte mit den Arbeitern ergeben» könne. Die Untersuchung müsse «ganz entschieden von &lt;em&gt;uns&lt;/em&gt; gelenkt werden» (De Palma/Rieser/Salvadori 1972).&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Schlussfolgerung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In gewisser Weise haben wir es bei der Militanten Untersuchung mit einer experimentellen Praxis zu tun, die die Unschärfe des Begriffs bedingt. Diese Unschärfe drückt sich unter anderem in den differenten Auffassungen ihres Verhältnisses zur Soziologie aus. Wenn sie anerkannt und in gewisser Weise auch als konstituiv betrachtet wird, kann sie allerdings dazu beitragen zu verstehen, wieso immer noch kontroverse Debatten darüber geführt werden, was denn eigentlich unter dem Begriff zu verstehen sei.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_mb8uhat&quot; title=&quot;Zum Beispiel in der Beilage zur Wildcat Nr. 93, in der FelS vorgeworfen wird, Sinn und Kernelemente einer Militaten Untersuchung nicht zu verstehen.&quot; href=&quot;#footnote5_mb8uhat&quot;&gt;5&lt;/a&gt; Hinzu kommt, dass in der Literatur die Benutzung der Begiffe äußerst uneinheitlich ist. Wieso der Terminus «Arbeiteruntersuchung» gewählt wird und nicht «Mit-Untersuchung» oder vice versa wird in den historischen Texten kaum reflektiert. &lt;br /&gt;Die folgende begriffliche Differenzierung entspricht nicht der historischen Überlieferung, scheint aber insofern sinnvoll, als sie erstens versucht, die Verwendung der unterschiedlichen Termini zu begründen und zweitens eine konzeptionelle Synthese der Auffassung Alquatis und des soziologischen Flügels der QR zu liefern. Die Unterscheidung ist keine sich gegenseitig ausschließende. Sie kann vielmehr auch als eine Stufenabfolge interpretiert werden. &lt;br /&gt;Die Arbeiter*innenuntersuchung: Sie ist eine Untersuchung der Arbeiter*innen durch andere. Das Subjekt-Objekt-Verhältnis (Untersuchende und Untersuchte) bleibt bestehen.&lt;br /&gt;Die Mit-Untersuchung als Versuch zusammen mit einigen (wenigen) Arbeiter*innen, die Arbeiter*innen zu untersuchen. Auch sie bezeichnet ein von außen gesteuertes Vorgehen, das aber den Versuch macht, die verfestigte Subjekt-Objekt-Relation in Frage zu stellen. &lt;br /&gt;Die (Arbeiter*innen-)Selbstuntersuchung als Untersuchung der Arbeiter*innen durch die Arbeiter*innen. Hierin ist das Subjekt-Objekt-Verhältnis tendenziell aufgehoben. &lt;br /&gt;Die Massen(selbst)untersuchung ist die massenhaft­ ausgeweitete Selbstuntersuchung der Arbeiter*innen durch die Arbeiter*innen. Sie ist als ein der Autonomie der Arbeiter*innenklasse verpflichteter Organisierungsansatz zu verstehen.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_igd9ghn&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_igd9ghn&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Die Krise der Repräsentation der Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer analysiert worden, zu finden unter &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_fo9osah&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_fo9osah&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Der Begriff des Neokapitalismus wurde von italienischen Autor*innen als Beschreibung der Umwälzung der Produktions- und Regulationweise in den 1950er Jahren verwendet. Im internationalen kritischen Diskurs hat sich allerdings der Begriff des Fordismus durchgesetzt.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_twj05xe&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_twj05xe&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Die zwischen 1961 und 1967 erschienenen Quaderni Rossi (Roten Hefte) können als erstes Organ des sich konstituierenden Operaismus interpretiert werden.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_jwn12g7&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_jwn12g7&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Eine ähnliche Auffassung vertrat der Arbeitskreis Militante Untersuchung in den 1980er Jahren: &lt;a href=&quot;http://www.wildcat-www.de/thekla/08/t08akmu1.htm&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.wildcat-www.de/thekla/08/t08akmu1.htm&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_mb8uhat&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_mb8uhat&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Zum Beispiel in der Beilage zur Wildcat Nr. 93, in der FelS vorgeworfen wird, Sinn und Kernelemente einer Militaten Untersuchung nicht zu verstehen.&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Sun, 10 Nov 2013 16:33:27 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Die Krise des Marxismus in Italien</title>
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                    &lt;p&gt;Konzepte eingreifender Untersuchungen1 stoßen derzeit wieder&lt;br /&gt;
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&lt;p&gt;Konzepte eingreifender Untersuchungen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_lj9spwu&quot; title=&quot;»Eingreifende Untersuchung« wird an dieser Stelle als Oberbegriff verstanden werden, unter den verschiedene Ansätze subsumiert werden können. So z.B. aktivierende Befragungen, militante, Arbeiter- oder auch die sogenannte Mit-Untersuchung. Eingreifende Untersuchungen sind Untersuchungen, die sich bewusst von einer vermeintlich wissenschaftlich neutralen, positivistischen Position distanzieren und versuchen, parteiisch in Konflikte zu intervenieren.&quot; href=&quot;#footnote1_lj9spwu&quot;&gt;1&lt;/a&gt; stoßen derzeit wieder auf ein gesteigertes Interesse. Wieso ist das so? Um die wiederkehrende Aktualität besser zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf ihre historischen Entstehungsbedingungen zu werfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Entwicklung und Anwendung &lt;em&gt;Militanter Untersuchungen&lt;/em&gt; als einer prominenten Form eingreifender Untersuchungen ist unzertrennlich mit der Krise und Erneuerung des italienischen Marxismus der 1950er und 1960er Jahre verbunden. Um diese Erneuerung durch die Theorie- und Bewegungsströmung des &lt;em&gt;Operaismus&lt;/em&gt; besser verstehen zu können, muss zunächst die Krise der Repräsentation der etablierten Institutionen der ArbeiterInnenbewegung analysiert werden. In ihnen brechen die Widersprüche kommunistischer Strategie der Kriegs- und Nachkriegszeit hervor. Die Bearbeitung dieser Widersprüche trägt zur Konstitution der neuen Strömung bei. Vor diesem Hintergrund lassen sich die theoretischen wie auch politisch-praktischen Absetzbewegungen des sich entwickelnden Operaismus besser nachvollziehen. Im zweiten Teil des Artikels in der nächsten &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; wird es genauer um die theoretische Erneuerung und die operaistische Praxis der Militanten Untersuchung am Beispiel der Untersuchung bei FIAT gehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die antifaschistische Volksfront im Zweiten Weltkrieg&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auf dem 7. (und letzten) Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) 1935 fand eine radikale Abkehr von den Beschlüssen des vorangegangenen Weltkongresses 1928 statt: Die Sozialfaschismusthese, nach der die Sozialdemokratie der Hauptfeind der kommunistischen Weltbewegung war, wurde fallen gelassen und der Weg für ein Bündnis zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten freigemacht. Weiterhin musste die These vom Faschismus als die zum Scheitern verurteilte Krisenstrategie des Kapitals, als dessen letzter aussichtsloser Versuch, die kapitalistische Produktionsweise aufrecht zu erhalten, revidiert werden. Die Weltwirtschaftskrise hatte ihre apokalyptische Phase (1929-33) hinter sich gelassen und war 1935 bereits in eine Phase der langen Depression übergegangen. In den USA führte der als &lt;em&gt;New Deal&lt;/em&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_0tsqqa2&quot; title=&quot;Der New Deal war eine Serie von Wirtschafts und Sozialreformen, die als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise durchgesetzt  wurden. Er stellt einen großen Umbruch in der Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte der Vereinigten Staaten dar.&quot; href=&quot;#footnote2_0tsqqa2&quot;&gt;2&lt;/a&gt; bezeichnete Klassenkompromiss zu einer Entspannung und Stabilisierung der ökonomischen und politischen Verhältnisse. In Deutschland war der Nationalsozialismus zwei Jahre zuvor an die Macht gelangt und in Italien der Faschismus längst in eine Phase der Konsolidierung eingetreten. Sowohl die Zusammenbruchstheorie, der mit ihr verbundene revolutionäre Attentismus&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_hsuguyo&quot; title=&quot;Attentismus (lat.: attendere; dt.: abwarten) ist ein Begriff, der ein untätiges, abwartendes Verhalten bezeichnet. Dabei werden Handlungsentscheidungen aufgeschoben in der Erwartung, dass die Situation sich klärt. Revolutionärer Attentismus bezeichnet meist das Warten auf die Revolution in der sozialdemokratischen Arbeiterschaft vor dem Ersten Weltkrieg.&quot; href=&quot;#footnote3_hsuguyo&quot;&gt;3&lt;/a&gt; der sozialdemokratischen ArbeiterInnenbewegung als auch das leninistische Revolutionsmodell – die katastrophische Krise des Kapitalismus, der bewaffnete Aufstand und die Diktatur des Proletariats unter Führung der Avantgarde- Partei – schienen vor dem Hintergrund dieser&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Entwicklungen keine realistische Perspektive mehr zu besitzen. Die Stabilisierung der weltwirtschaftlichen Lage und die Konstitution und Normalisierung des Faschismus hatten die Möglichkeiten einer revolutionären Umwälzung radikal verändert. Der Faschismus und im Besonderen der Nationalsozialismus wurden als reale, physische Bedrohung und Infragestellung der UdSSR und ihres Machtbereichs interpretiert. Palmiro Togliatti&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_czgegg4&quot; title=&quot;Palmiro Togliatti war faktisch von 1926, nach der Verhaftung Antonio Gramscis, Vorsitzender der PCI. Er bekleidete in den 1930er Jahren eine führende Rolle in der Komintern. Er blieb bis in die 1960er Jahre die bestimmende Figur innerhalb der PCI.&quot; href=&quot;#footnote4_czgegg4&quot;&gt;4&lt;/a&gt; stellte diesen Sachverhalt in seinem Referat auf dem 7. Weltkongress durch die Bezugnahme auf die nach Osten orientierte nationalsozialistische »Bodenpolitik« heraus. Auf Grundlage der Definition des Faschismus nach Georgi Dimitroff&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_94mkdk5&quot; title=&quot;Von 1935 bis 1943 war er Generalsekretär der Komintern, ab 1946 bulgarischer Ministerpräsident.&quot; href=&quot;#footnote5_94mkdk5&quot;&gt;5&lt;/a&gt;, wonach dieser eine »offen terroristische[n] Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals« darstelle, bildete sich die Strategie heraus, ein breites Klassenbündnis gegen das faschistische Regime zu formieren, das zwischen ArbeiterInnen, Bauern und dem Bürgertum bis hin zu nicht-monopolistischen Kapitalfraktionen geschlossen werden sollte: die Bildung der antifaschistischen Volksfront. Dieses Bündnis sollte sich aus den demokratischen und antifaschistischen, aber nicht mehr ausschließlich den (sub-)proletarischrevolutionären Klassen und Klassenfraktionen zusammensetzen und deshalb konnte es auch nicht unmittelbar auf das Moment der sozialistischen Revolution hin ausgerichtet werden. Der Sieg über den Faschismus müsse zuerst mithilfe des Volksfrontbündnisses erlangt werden, um direkt danach vom antifaschistischen Befreiungskrieg in einen revolutionären Bürgerkrieg übergehen zu können, der schließlich im Sieg über die liberal-demokratische Bourgeoisie gipfeln würde. Dieses Szenario wurde von Togliatti auf dem 7. Weltkongress in seinem Referat entwickelt, das sich mit den zu erwartenden imperialistischen Kriegen, dem Erstarken der faschistischen Bewegung und den Aufgaben der Kommunistischen Internationalen beschäftigte. Schließlich wurde diese neue Linie einer klassenübergreifenden Volksfrontpolitik im Kampf gegen den Faschismus auf dem 7. Weltkongress beschlossen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Strategie der verlängerten Volksfront&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Kommunistische Partei Italiens (PCI) setzte nach dem Krieg und der Niederschlagung des Faschismus darauf, den demokratischen Verfassungsstaat gegen die starke monarchistische Strömung durchzusetzen und darin das Konzept einer »progressiven Demokratie« zu verankern. Auf diese Weise hoffte die PCI, das zukünftige Terrain der Auseinandersetzung in ihrem Sinne vorstrukturieren zu können. Togliattis Politik der »strukturellen Reformen« sollte die Rahmenbedingungen für einen Übergang zum Sozialismus schaffen. Zusammen mit dem nationalen Projekt des Wiederaufbaus und der wirtschaftlichen Entwicklung wurde diese Strategie als der »italienische Weg zum Sozialismus« bezeichnet. Die antifaschistische Volksfront bildete dabei den Machtblock, in dem sich die PCI bewegen konnte, dessen Kern wiederum von der Arbeitereinheitsfront, das heißt mit dem Parteienbündnis zwischen Sozialisten und Kommunisten, gebildet wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Strategie des »italienischen Weges« resultierte auch aus der Einsicht in die Notwendigkeit, eine abermalige Rechtsverschiebung der Kräfteverhältnisse langfristig durch die Festschreibung des demokratischen Verfassungsstaats zu verhindern und damit der latenten Gefahr eines erneuten Aufstiegs des Faschismus zu begegnen. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, wenn Togliatti sich später in der verfassunggebenden Versammlung nicht gegen den Privatbesitz an Produktionsmitteln aussprechen wird, sondern gegen denjenigen Besitz, der die Form des Monopols annimmt und damit die freie Entfaltung und Initiative von Teilen der Bevölkerung verhindere. Auf diesem Wege sollte die soziale Basis des Faschismus eliminiert werden. Diese Strategie der verlängerten Volksfront ging zunächst auch auf: Die antifaschistische Volksfrontregierung setzte ein Referendum zur verfassunggebenden Versammlung durch, das knapp zugunsten der Republik und gegen die Monarchie entschieden wurde. Bei der Volksabstimmung im Juni 1946 sprachen sich 54,3% für eine Republik aus. Die Verfassung selbst trat am 1. Januar 1948 in Kraft und enthielt einige von der PCI durchgesetzte Formulierungen, die sich auf die herausgehobene Stellung der ArbeiterInnenschaft bei der Konstitution der Republik bezogen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die bürgerliche Demokratie wurde also nicht nur als Kampffeld akzeptiert und gegen reaktionäre Tendenzen verteidigt, vielmehr wurde sie maßgeblich erst selbst durch die PCI durchgesetzt und zwar in einer Zeit, in der die Monarchie in der Bevölkerung noch fest verankert, Mussolini gerade erst abgesetzt und eine postfaschistische Nachfolgeregierung eingesetzt worden war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Neben diesen Erfolgen lag das Problematische der Entwicklung sicherlich darin, dass der Kampf der PCI um die verfassunggebende Versammlung sich nicht länger in Begriffen des Klassenkampfes, der kapitalistischen Ausbeutung und der Aufhebung des Staates artikulierte und artikulieren konnte, sondern zunehmend von Polemiken gegen die »Rente« und das »Parasitentum« ersetzt wurde. Die Partei entledigte sich damit ihres klassenanalytischen und ökonomiekritischen Vokabulars. Der nationale Wiederaufbau und die wirtschaftlichen Prosperität waren von nun an die Zielsetzungen und die Entwicklung der Produktivkräfte das leitende Paradigma, das wiederum als rein technisches und technologisches Problem charakterisiert wurde. Damit musste die kapitalistische Form der wirtschaftlichen Entwicklung systematisch unberücksichtigt bleiben, was in der Konsequenz bedeutete, eine Trennung von politischem und ökonomischem Kampf bei einer Priorisierung des politischen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Scheitern der Strategie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Obgleich die Volksabstimmung zugunsten der Republik entschieden wurde und eine progressive Verfassung im Januar 1948 in Kraft trat, deutete sich mit dem Bruch der antifaschistischen Einheitsfront bereits im Mai 1947 das Scheitern der Strategie der PCI an. Der antikommunistische Flügel der sozialistischen Partei Italiens (PSI) spaltete sich von der PSI ab und bildete die sozialdemokratische Partei (PSDI). Daraufhin bildete der christdemokratische Ministerpräsident De Gasperi die Regierung um. Zeitgleich mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages im Februar 1947 wurden Kommunisten und Sozialisten aus der Regierung gedrängt. Um dieses Scheitern verstehen zu können, ist es wichtig, auch auf den internationalen Kontext zu sprechen zu kommen und zu berücksichtigen, dass 1947 die Phase des Kalten Krieges eingeleitet wurde&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_s8osq90&quot; title=&quot;Am 12. März 1947 hielt der US-amerikanische Präsident Truman, eine später als »Truman- Doktrin« bezeichnete Rede, die den Beginn der containment-Politik gegenüber der kommunistischen Einflusssphäre markierte. Truman polemisierte gegen die von »aggressiven Bewegungen bedrohten Freiheiten« und gegen die Errichtung »totalitärer Regime«, vor allem in Bezug auf Griechenland und die Türkei. Im Zuge dieser containment-Politik wurden Finanzhilfen und militärische Unterstüzung der Regime als »Investitionen in die Freihet« bezeichnet.&quot; href=&quot;#footnote6_s8osq90&quot;&gt;6&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der entstehende Antikommunismus wurde innerhalb der antifaschistischen Volksfront sofort und enthusiastisch vom katholischen Lager aufgenommen. Die USA unterstützten diesen Kurs und sagten Kredite und Lebensmittelhilfen unter der Bedingung des Ausschlusses der PCI von der Regierung zu. Gian Carlo Pajetta, ein Mitglied der Parteiführung der PCI, bemerkte in einer Vorlesung aus dem Jahr 1971, dass die PCI in der Tat nicht damit gerechnet hatte, dass es zu ihrem Ausschluss aus der Regierung zu diesem Zeitpunkt kommen könnte, gerade auch vor dem Hintergrund ihrer zentralen Rolle bei der Befreiung vom Faschismus und ihrer starken Verankerung in der Bevölkerung. Immerhin hatte die PCI 1946 über 2 Millionen Mitglieder.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber selbst wenn die PCI dieses Szenario antizipiert hätte – was wären die Alternativen gewesen, besonders vor dem Hintergrund der sich vollziehenden Spaltung der Welt in zwei machtpolitische Lager und der damit verbundenen Notwendigkeit auf Seiten der italienischen Kommunisten, sich im gegnerischen Lager bewegen zu müssen? Luigi Longo&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_892frll&quot; title=&quot;Luigi Longo (1900-1980) war zunächst Politkommissar der italienischen Brigade im spanischen Bürgerkrieg, später Generalinspekteur aller internationalen Brigaden und ab 1943 in einer führenden Position der Partisanenverbände in der Widerstands- und Befreiungsbewegung Italiens.&quot; href=&quot;#footnote7_892frll&quot;&gt;7&lt;/a&gt; erinnerte im September 1947, bei der Gründung des Kommunistischen Informationsbüros in Polen, an die bitteren Erfahrungen der griechischen kommunistischen Bewegung: In Griechenland war es zu einer bewaffneten Konfrontation der Widerstandsbewegung mit den westlichen Siegermächten gekommen. Die Mängel der Politik der PCI sah Longo deshalb auch nicht in der grundsätzlichen hegemonietheoretisch geleiteten Ausrichtung der PCI, sondern vielmehr in dem Versäumnis, keine wirksamen Massenmobilisierungen und -aktionen gegen diesen »kalten Staatsstreich« durchgeführt zu haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Krise der Strategie der PCI kulminiert Mitte der 1950er Jahre. Insbesondere das Jahr 1956 kann als historisches Datum im negativen Sinne für die PCI verstanden werden: Die für die Volksfront konstitutive Arbeitereinheitsfront zerbrach. Die PSI erneuerte ihren Aktionspakt mit der PCI nicht und initiiert Gespräche mit den antikommunistischen Sozialdemokraten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zudem wurde vermehrt über das Einsetzen eines italienischen Wirtschaftswunders debattiert, an dem sich innerhalb der PCI zwei Strömungen abarbeiteten: Während das erklärte Ziel der Mehrheitsströmung ein akzeptables, quantitatives Wirtschaftswachstum war, konstituierte und verstärkte sich die innere oppositionelle Strömung der PCI, der es um eine qualitativ andere Weise des Wirtschaftens ging. Dabei wurde besonders die Trennung des ökonomischen vom politischen Kampf kritisiert, die als eine Konsequenz aus der Priorisierung der Konstitution einer progressiven Demokratie, auf deren Grundlage ein Kampf um Hegemonie und »strukturelle« Reformen auszutragen sei, bewertet wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Neben diesen drei Konfliktlinien (1. der wachsenden Spannungen zwischen der PCI und den anderen Parteien der antifaschistischen Volksfront über die Ausrichtung des Landes beim Prozess des Wiederaufbaus; 2. der sich formierenden Opposition innerhalb der PCI bezüglich der Frage nach dem Verhältnis von politischem und ökonomischem Kampf und 3. der Beginn des Kalten Krieges) ist noch eine vierte in diesem Kontext wichtig: Im Februar 1956 fand der 20. Parteitag der KPdSU in Moskau statt, auf dem Nikita Chruschtschow die stalinistische Willkürherrschaft und die unter ihr begangenen Verbrechen verurteilte. Gleichzeitig offenbarten die Aufstände in Polen und Ungarn die Krise der realsozialistischen Ordnung. Vor diesem Hintergrund radikalisierte Togliatti die Selbstkritik der KPdSU wie auch diejenige an den KPs Polens und Ungarns und sprach von selbst verschuldeten und inneren Ursachen der Unruhen. Die nationalen KPs seien unfähig, sich den verändernden Verhältnissen anzupassen und den daraus erwachsenden Reformerfordernissen gerecht zu werden. Für die alten, noch durch die Komintern geschulten Kader der PCI war das revisionistischer Verrat am Sozialismus. Dieser Revisionismusvorwurf, der bereits laut geworden war als der absolute Führungsanspruch und die Interessenkonvergenz der italienischen Kommunisten mit der KPdSU durch die Formulierung des nationalen Weges zum Sozialismus infrage gestellt worden war, verstärkte sich nun.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Volksfrontpolitik, die die PCI in Italien verfolgte, zunächst überaus erfolgreich war: Zunächst steht der Sieg über den Faschismus, danach fällt die Entscheidung für die Republik und die Implementierung einer progressiven Verfassung. Aber spätestens 1948 mit dem Zerbrechen der Volksfront und dem »kalten Staatsstreich« gegen die PSI und PCI beginnt sich das Blatt zu wenden. Innerhalb der PCI nehmen die Flügelkämpfe zu, und außenpolitisch werden die KommunistInnen zunehmend isoliert durch den Beginn des Kalten Krieges. Die Krise des Marxismus in Italien, verstanden als Krise der historischen Institutionen der ArbeiterInnenbewegung, beginnt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Krise der Repräsentation der Gewerkschaften&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch die CGIL&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref8_c02fz8k&quot; title=&quot;Die Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL) ist ein nationaler Gewerkschaftsbund in Italien. Sie wurde im Juni 1944 gegründet durch die Einigung von Sozialisten, Kommunisten und Christdemokraten.&quot; href=&quot;#footnote8_c02fz8k&quot;&gt;8&lt;/a&gt; als Einheitsgewerkschaft war der Ideologie des italienischen Weges zum Sozialismus, der Strategie der Implementierung einer progressiven Demokratie und struktureller Reformen, in der Annahme gefolgt, dadurch in eine partizipatorischere Phase der kapitalistischen Entwicklung einzutreten. Sie fixierte sich, analog zur PCI, auf die »großen Probleme der Nation«, wie zum Beispiel auf die »Rückständigkeit« der ökonomischen Strukturen des italienischen Südens. Dem zweiten großen nationalen Problem, der wachsenden Erwerbslosigkeit, wurde mit einem Arbeitsplatzbeschaffungsprogramm begegnet. Zu diesem Zwecke forderte die CGIL eine Reihe von Strukturreformen, die unter anderem die Verstaatlichung der Elektrizitätsbetriebe und neben der Urbarmachung und Bewässerung von Boden, den Aufbau staatlicher Gesellschaften für Infrastrukturmaßnahmen vorsahen, unter anderem Wohnungsbau, Telefon, Kanalisation. Wolfgang Rieland hebt hervor, dass in diesem »piano del lavoro« (Arbeitsplan) die konkrete Gestalt der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung nicht zur Debatte gestellt wurde. Gleichzeitig stand neben dieser nun auch in der CGIL hegemonial gewordenen verlängerten Volksfrontstrategie eine merkwürdige Indifferenz der beginnenden Repression der Staatsapparate gegen streikende Fabrikund bodenbesetzende LandarbeiterInnen gegenüber. Allein im Jahr 1949 wurden mehrere erschossen, Hunderte verwundet und Tausende verhaftet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Währenddessen spaltete sich, analog zum Ausschluss der PCI und PSI aus der Regierung, der katholische Gewerkschaftsflügel von der CGIL ab und konfrontierte diese mit einer Politik, die das »marxistische Gewerkschaftertum« mittels einer »betriebsnahen Tarifpolitik« von seiner ArbeiterInnenbasis abzuschneiden sucht und dadurch die »organisatorische Hegemonie der CGIL« brechen wollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zunächst jedoch ergaben sich aus diesem Prozess keine Konsequenzen für die Führung der CGIL. Auch nach der Spaltung behielt sie ihren Anspruch der Zentralisierung bei, genauso wie den Anspruch, die Klasse der Werktätigen im Allgemeinen zu vertreten. Hierbei kann davon ausgegangen werden, dass gerade durch den Anspruch und die Praxis der Zentralisierung (zum Beispiel in der Tarifpolitik) wesentliche Probleme der CGIL verstärkt, wenn nicht gar produziert wurden, denn dadurch wurde faktisch die Bildung von Basisorganisationen der Gewerkschaft in den Betrieben verhindert und der Bürokratisierung Vorschub geleistet, wodurch wiederum die CGIL den Kontakt zur ArbeiterInnenschaft und damit den Problemen und Bedingungen an den Arbeitsplätzen verlor. Diese dreifache Ursache für die Krise der CGIL, die sich an den großen Problemen der Nation ausrichtete, gleichzeitig von massiven Repressionen betroffen war und in der Fabrik gegen eine Koalition aus Unternehmensleitung und christlichen Gewerkschaften ankämpfen musste, führte letztlich zu einer Bürokratisierung der gewerkschaftlichen Organisation, zu ihrer Unterordnung unter die Politik der Partei und zu einer Entfernung von den konkreten Problemlagen der ArbeiterInnenbasis in den Betrieben. Dies hatte umso fatalere Auswirkungen als genau in jener Zeit, zu Beginn der 1950er Jahre, eine umfassende Restrukturierung der Produktionsprozesse in den Industrien des Nordens stattfand. Mit der Mechanisierung und Rationalisierung, die in einer ersten Welle während der 1950er Jahre die industriellen Großbetriebe erfasste, verlor die CGIL zunehmend ihre Basis in den Betrieben, die von der qualifizierten Facharbeiterschaft gebildet wurde: »Das neue ›kapitalistische Arrangement‹, dass den Arbeitern ›angetan‹ wurde, war der CGIL völlig entgangen, während sie vergeblich eine abstrakte Einheit der Arbeiterklasse zu verteidigen suchte. Dieses ›Vorbeigehen‹ an der neuen Realität der Arbeitsbedingungen bestimmte auch den Ausgang der Wahlen bei der FIAT [...]« (Alf 1977: 198).&lt;/p&gt;
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&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_lj9spwu&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_lj9spwu&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; »Eingreifende Untersuchung« wird an dieser Stelle als Oberbegriff verstanden werden, unter den verschiedene Ansätze subsumiert werden können. So z.B. aktivierende Befragungen, militante, Arbeiter- oder auch die sogenannte Mit-Untersuchung. Eingreifende Untersuchungen sind Untersuchungen, die sich bewusst von einer vermeintlich wissenschaftlich neutralen, positivistischen Position distanzieren und versuchen, parteiisch in Konflikte zu intervenieren.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_0tsqqa2&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_0tsqqa2&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Der New Deal war eine Serie von Wirtschafts und Sozialreformen, die als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise durchgesetzt  wurden. Er stellt einen großen Umbruch in der Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte der Vereinigten Staaten dar.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_hsuguyo&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_hsuguyo&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Attentismus (lat.: attendere; dt.: abwarten) ist ein Begriff, der ein untätiges, abwartendes Verhalten bezeichnet. Dabei werden Handlungsentscheidungen aufgeschoben in der Erwartung, dass die Situation sich klärt. Revolutionärer Attentismus bezeichnet meist das Warten auf die Revolution in der sozialdemokratischen Arbeiterschaft vor dem Ersten Weltkrieg.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_czgegg4&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_czgegg4&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Palmiro Togliatti war faktisch von 1926, nach der Verhaftung Antonio Gramscis, Vorsitzender der PCI. Er bekleidete in den 1930er Jahren eine führende Rolle in der Komintern. Er blieb bis in die 1960er Jahre die bestimmende Figur innerhalb der PCI.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_94mkdk5&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_94mkdk5&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Von 1935 bis 1943 war er Generalsekretär der Komintern, ab 1946 bulgarischer Ministerpräsident.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_s8osq90&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_s8osq90&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Am 12. März 1947 hielt der US-amerikanische Präsident Truman, eine später als »Truman- Doktrin« bezeichnete Rede, die den Beginn der containment-Politik gegenüber der kommunistischen Einflusssphäre markierte. Truman polemisierte gegen die von »aggressiven Bewegungen bedrohten Freiheiten« und gegen die Errichtung »totalitärer Regime«, vor allem in Bezug auf Griechenland und die Türkei. Im Zuge dieser containment-Politik wurden Finanzhilfen und militärische Unterstüzung der Regime als »Investitionen in die Freihet« bezeichnet.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_892frll&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_892frll&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; Luigi Longo (1900-1980) war zunächst Politkommissar der italienischen Brigade im spanischen Bürgerkrieg, später Generalinspekteur aller internationalen Brigaden und ab 1943 in einer führenden Position der Partisanenverbände in der Widerstands- und Befreiungsbewegung Italiens.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote8_c02fz8k&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref8_c02fz8k&quot;&gt;8.&lt;/a&gt; Die Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL) ist ein nationaler Gewerkschaftsbund in Italien. Sie wurde im Juni 1944 gegründet durch die Einigung von Sozialisten, Kommunisten und Christdemokraten.&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Sun, 09 Jun 2013 19:41:11 +0000</pubDate>
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                    &lt;p&gt;GenossInnen von FelS diskutierten diesen Sommer über das Gründungspapier&lt;br /&gt;
»Untersuchung – Aktion – Organisation« der Gruppe&lt;br /&gt;
Revolutionärer Kampf (RK). Wir dokumentieren dieses Gespräch&lt;br /&gt;
und geben danach eine kurze Zusammenfassung des Papiers, das&lt;br /&gt;
komplett auf der Website der arranca! nachzulesen ist.&lt;/p&gt;
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        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;GenossInnen von FelS diskutierten diesen Sommer über das Gründungspapier &lt;a href=&quot;http://fels.nadir.org/multi_files/fels/gruendung_rk.pdf&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;»Untersuchung – Aktion – Organisation«&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; der Gruppe Revolutionärer Kampf (RK). Wir dokumentieren dieses Gespräch und geben danach eine kurze Zusammenfassung des Papiers, das komplett auf der Website der &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; nachzulesen ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ FelS hat sich auch anhand einer Kritik an der Theoriefeindlichkeit der Autonomen gegründet. Ihr wurdet wahrscheinlich alle in den 1990er Jahren politisiert und habt das genaue Gegenteil dieser Theoriefeindlichkeit mitbekommen: die theoretizistische Überdrehung im Zuge des antideutschen und wertkritischen Feldzugs gegen den verkürzten Antikapitalismus. Welchen ersten Eindruck hinterlässt bei euch das RK-Papier?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;MH: Ich wurde nicht in den 1990er Jahren politisiert und habe zwischen 1996 und 2004 nur ein halbes Jahr in der BRD gelebt, kann also bei der Einschätzung der »theoretizistischen Überdrehung« nur von dem ausgehen, was GenossInnen mir erzählt haben. Natürlich ist das Papier nicht wertkritisch. Es orientiert sich am »unmittelbaren Produktionsprozess « und will dort, also in der Fabrik, eine möglichst handgreifliche Praxis entwickeln helfen. Aber gerade aus diesem Anspruch spricht doch – zumindest in diesem Fall – die Distanz zur Produktion als erlebter Wirklichkeit. Was für groteske Situationen sich ergaben, als die Studenten in die Produktion gingen, kann man in den Protokollen der RK-Betriebsarbeiter bei Opel nachlesen.1 Für mich lässt sich dieses Papier, bloß weil es eine Praxis zu organisieren versucht, noch nicht in einen eindeutigen Gegensatz zum »Theoretizismus« stellen. Ich würde meinen ersten Eindruck so zusammenfassen: Ein starkes Verlangen nach Unmittelbarkeit, das selbst hochgradig »vermittelt« ist, und zwar auch theoretisch. Z.B. fällt in der Kritik an der Studentenbewegung die Nähe zu den – nicht wenig abstrakten – Analysen Hans Jürgen Krahls auf.2 Aufgaben, die gemeinsam bewältigt werden müssen Ein Gespräch über das &lt;a href=&quot;http://fels.nadir.org/multi_files/fels/gruendung_rk.pdf&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;»Gründungspapier« des Revolutionären Kampfes&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;IS: Was du »hochgradig vermittelt« nennst, würde ich einfach reflektiert nennen. Der Text ist doch recht klassisch aufgebaut: Erst die Skizzierung der objektiven Bedingungen und dann die Frage nach den Aufgaben der Revolutionäre. Dabei besteht ein zentrales Moment darin, die eigene soziale Herkunft radikal auf die Möglichkeiten politischer Praxis zu reflektieren – einmal als sozialistische Studenten und zum anderen als »Produkt« der Revolten von 1968, die, so der RK, von den Akteuren selbst nicht verstanden wurden. Was mich einfach erstaunt hat, war, dass alle Mythen, die ich mir ständig in den 1990er Jahren anhören musste, in diesem Text widerlegt wurden: Die radikale Linke ist nicht einfach unreflektiert in die Betriebe gegangen, sie hat nicht einfach die Septemberstreiks hochleben lassen, sie hat sich nicht einfach mit Befreiungsbewegungen identifiziert, hat sich nicht einfach zur Avantgarde erklärt. Das mag für viele Gruppen gestimmt haben, aber eben nicht für alle. Und da bleibt einfach die Frage, warum sich die Linke immer so gern an schwachen Gegnern abarbeitet und eben nicht an Traditionen, an welchen man ziemlich was zu beißen hat. Was mich beim Lesen beeindruckt hat, war das Niveau, mit dem hier die subjektiven und objektiven Bedingungen der eigenen Politik reflektiert werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;HW: Dem würde ich zunächst schon zustimmen. Die Bereitschaft sich – bei allem heute etwas übertrieben anmutenden Verbalradikalismus – selbstkritisch und problemorientiert an die Analyse der Verhältnisse zu machen und über politische Dogmen einfach mal rüberzubügeln finde ich sehr spannend. Klassenanalyse zunächst als vor allem praktisches Problem zu begreifen und den Schritt von der vermeintlich »reinen« (und dadurch vor allem reaktionären) Kritik hin zu einem »Begreifen« der Verhältnisse zu machen – das finde ich schon interessant. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt so nicht erwartet.&lt;br /&gt; Die Fixierung auf den männlichen weißen Fabrikarbeiter ist natürlich extrem augenfällig, da geht nichts drüber, soweit ich sehe. Trotz dieses blinden Flecks muss man dem Text zu Gute halten, dass bestimmte Probleme wenigstens im Vorbeigehen gestreift werden. Mir gefällt die generelle Skepsis gegenüber abstrakten Parolen sehr gut. Ich darf mal kurz zitieren: »Agitation und Propaganda sollen in der Untersuchung entwickelt und in sie einbezogen werden. Das ist eine Kritik an allen Versuchen, Klasseninteressen abstrakt zu vereinheitlichen. So haben Parolen wie ‚Gleicher Lohn für Männer und Frauen‘ eher moralischen Charakter, wenn sie nicht in Kampfsituationen aufgestellt werden« (11). Das hat etwas Bestechendes – auch wenn ich fürchte, dass die weibliche Belegschaft so verdammt schlecht vertreten wurde – und ist zu mindest ehrlicher als überall ein »das gilt auch für Arbeiterinnen« anzuhängen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Kommen wir zum Komplex Theorie und Praxis. Der RK scheint hier sozusagen einen vermittelnden Begriff dazwischen zu schieben und unterliegt so nicht der Tendenz, Theorie und Praxis ineinander auflösen zu müssen – den Begriff der Untersuchung. Ziel dieser ist es u.a., die Hindernisse für eine Beteiligung an Aktionen zu erkennen. In diesem Zusammenhang wird auch die Möglichkeit einer langen Durststrecke konstatiert. Ist das nicht das Spannungsfeld, in dem sich die radikale Linke auch heute noch bewegt, um sich meist vorschnell in kurzlebigen Aktionismus oder praxisferne Theorieproduktion aufzulösen? Kann uns da das Papier des RK ein paar hilfreiche Gedanken an die Hand geben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;MH: Das Interessante an dem Text ist doch, dass der RK zunächst weniger sich selbst unter die Lupe nimmt als eine ihm ganz fremde gesellschaftliche Realität – die des Betriebs. Diese Realität muss er dann erstmal »reflektieren« und anschließend noch »untersuchen.« Sie bleibt Objekt, also fremd. Im Betrieb soll zwar auf möglichst wenig plumpe Weise agitiert werden, aber der Betrieb bleibt eben Gegenstand von Agitation. Was dann tatsächlich passiert ist, war doch, dass diese Betriebserfahrung die Leute kaputt gemacht und sie den anderen RKMitgliedern, die nicht in den Betrieb gegangen sind, fremd werden ließ. Dieser Versuch, zu »untersuchen« und dann zu agitieren, ist gescheitert. Die in die Betriebe gegangen sind, waren von ihrer ursprünglichen Zielsetzung ganz schnell nicht mehr überzeugt, wodurch sie ihren GenossInnen dann verdächtig wurden. Wer drin war im Betrieb, konnte nicht mehr kommunizieren mit denen draußen, wobei die Papiere eben von denen draußen geschrieben wurden. Der Ernst, mit dem das Untersuchungsprojekt angegangen wurde, ist natürlich bestechend. Aber man muss doch auch sehen, dass die Untersuchung – in ihrer praktischen Umsetzung – Theorie und Praxis tatsächlich nicht verbunden hat. Sie hat sie vielmehr in genau der Gegensätzlichkeit aufscheinen lassen, über die man doch hinaus wollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;HW: Eindeutig: Jein. Das Konzept der Untersuchung an sich ist spannend, ich habe mich sofort an die »militanten Untersuchungen« in Italien erinnert gefühlt. Theorie und Praxis durchdacht, aber ergebnisoffen zu verknüpfen, gefällt mir als Grundansatz recht gut. Ich bin nur ein wenig hin und her gerissen was den Untersuchungsort angeht: Los zu marschieren, um in die Fabriken zu gehen, scheint mir schon eine mittlere Kopfgeburt zu sein, die sich aus vulgärmarxistischen Ideen speist. Nichts gegen den Versuch, die Menschen dort anzusprechen, wo sie sich aufhalten, aber ich finde den Ansatz einfach zu lohnarbeitszentriert. Um heute noch etwas mit dem Konzept der Untersuchung anfangen zu können, müssten meiner Ansicht nach alle Bereiche des Lebens und gerade der Reproduktionsbreich mit einbezogen werden. Gerade die vermeintlichen »Nebenschauplätze« – die heute, in Zeiten fragmentierter Lebens- und Erwerbsbiographien, gar nicht mehr so nebensächlich sind – scheinen mir interessantes »Material« zu liefern. Aber dann stellt sich natürlich die Frage, wo man anfangen soll. Bei sich selbst? Bei den GenossInnen, bei den Kassiererinnen bei Lidl oder beim Nachbarn? Die Frage nach dem angemessenen Ort scheint mir wirklich zentral, gerade heute.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;IS: Da hast du Recht. Aber eigentlich müsste es doch darum gehen, heute in ähnlicher Weise vorzugehen. Dass die Arbeiterklasse nicht das auserwählte Subjekt für die Befreiung aller ist – geschenkt. Aber jetzt mal eine steile These: Während der RK in seinem Papier in voluntaristischer Manier eine Proletarisierung der Linken einfordert – darunter versteht er eine wirkliche Verflechtung mit den Kämpfen des Proletariats als gemeinsamen Prozess politischer Erfahrung – sind hierfür die objektiven Bedingungen ganz andere. Aus einigen RKlern wurden Hochschulprofessoren, Außenminister oder Europarlamentarier. Im Anschluss an Karl Heinz Roths These von der Wiederkehr der Proletarität ist doch genau das Untersuchungsprogramm des RK noch mal aufzunehmen. Gerade deshalb, weil die Fabrik nicht mehr zentral ist und der unmittelbare Produktionsprozess, von dem du sprichst, eben nicht unbedingt örtlich zu identifizieren ist. Es müsste doch genau darum gehen, die eigene Geschichte zu reflektieren – zum Beispiel die Erfahrungen der Betriebskämpfe, aber auch unseren Hintergrund als Post-Autonome – um sich dann die Frage zu stellen: Wie sind die Ausgangsbedingungen heute für eine politische Organisierung der Lohnabhängigkeit? Ich glaube, dann kommt man auch schnell zu der Feststellung, dass es kaum der Betrieb sein kann. Im Bereich der Callcenter hat sich ja gezeigt, dass es gerade notwendig ist, sich außerhalb zu organisieren. Voraussetzung von Karl Heinz Roths These ist ja die Angleichung der Lebensverhältnisse nach unten. Die Debatte wird ja auch im Rahmen der Prekarisierungsdiskussion geführt. Dass hierbei die Unterschiede zwischen den AkteurInnen sehr groß und die Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind, ist offensichtlich. Aber müsste es nicht genau darum gehen, hier anzusetzen und die Aufgabe der Revolutionäre vor dem heutigen Hintergrund zu untersuchen? Schließlich sind wir – um im Jargon des RK zu bleiben – als sozialistische Intellektuelle einem allgemeinen Angriff der Verunsicherung ausgesetzt. Der »Ort« der Agitation ist nicht mehr ein uns äußerliches Objekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;MH: Dass Untersuchungsarbeit heute wieder besonders aktuell ist – prinzipiell ist sie es ja immer, einfach als Voraussetzung tragfähiger Strategie – glaube ich auch. Besonders aktuell deshalb, weil sich – u.a. durch die Prozesse, die als »Umbau des Sozialstaats« und als »Prekarisierung « bestimmt worden sind – in der Klassenstruktur unserer Gesellschaft und in den Arbeitsverhältnissen zur Zeit einiges tut. Ob ich das als »Wiederkehr der Proletarität« bestimmt haben will, da bin ich mir nicht so sicher. Wobei der Begriff des »Prekariats« natürlich noch weiter daneben greift. Die Unzulänglichkeit der Begriffe zeigt eben, dass wir uns nicht genau genug klar gemacht haben, was hier geschieht. Von daher: Ja zur Untersuchung. Aber bitte nicht in Form der klassischen »militanten Untersuchung.« Die ist so, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen – nämlich fabrikzentriert und interventionistisch – einfach nicht mehr angebracht. Wir sollten zunächst bei uns selbst ansetzen. (Du hast Recht, wenn du sagst, der RK tue das, aber er scheint es eben nur möglichst schnell hinter sich bringen zu wollen.) Vor allem glaube ich, wir sollten viel stärker auf die Auflösung der Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit achten – eine Auflösung, die als Kapitalstrategie von Unternehmern und ihren politischen Vertretern forciert wird – um uns dann sehr genau zu überlegen, wie wir den Bereich der Nichtarbeit positiv und auf gesamtgesellschaftlich relevante Weise füllen können. Mir scheint, die Hausbesetzerbewegung hat das während der 1980er Jahre ein Stück weit geleistet. Ich meine, wir sollten uns diese und andere Kämpfe näher ansehen, um besser zu verstehen, was davon heute noch brauchbar ist – und auch, was damals fehlte, oder jedenfalls, wie solche Kämpfe heute, unter den veränderten Umständen, erweitert werden müssten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Papier &lt;a href=&quot;http://fels.nadir.org/multi_files/fels/gruendung_rk.pdf&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Untersuchung – Aktion – Organisation&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; erschien 1970 und kann als Gründungspapier der Gruppe »Revolutionärer Kampf« (RK) gelten. Die Gruppe war eines unter vielen Sammelbecken nach den Revolten von 1968. Ihr bekanntestes Mitglied ist sicherlich der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer. Der RK verstand sich nicht als Partei, sondern war einer »interventionistischen« Politik verpflichtet, die sich in Häuser- und Betriebskämpfe ebenso einmischte wie in die Solidaritätsarbeit zu Lateinamerika oder in die Stadtteilarbeit. Neben den Gruppen Arbeitersache (München) und Proletarische Front (Hamburg) war der RK in der Redaktion der Zeitschrift Autonomie aktiv. Er verstand sich als Teil der Sponti-Szene in Frankfurt/M.&lt;br /&gt; Das Papier beginnt mit einer Selbstverortung des RK in der antiautoritären Studentenbewegung. Das Papier hat den Zweck, »allgemeine Grundsätze« (3) der Arbeit zu fixieren.3 Nach1968 gab es dem RK zufolge zunächst zwei Erfahrungen: Es wurde begriffen, dass friedliche Parolen gegen die Gewaltsamkeit des kapitalistischen Systems ebenso wenig ausrichten wie die »Identifikation mit den Befreiungsbewegungen « (3). Die Fixierung auf parlamentarische Entscheidungsmechanismen stellte sich ebenso als Illusion heraus wie der aufklärerische Charakter der Wissenschaften. Mit der Erfolglosigkeit des antiautoritären Versuchs, »weitergehende gesellschaftliche Klasseninteressen zusammenzufassen« (4), setzte sich dann die Randgruppentheorie durch. »Erst während sich klärte, dass weder die Summe von Einzelkämpfen in den verschiedenen Überbauberufen eine Revolution ist, noch die Willenserklärung, sich auf die in den Überbauberufen noch nicht offen vorhandenen Klassenkämpfen auszurichten, schon revolutionäre Politik, rückte der Versuch ins Zentrum der Diskussion, über die alten Stadtteil- und Betriebsbasisgruppen hinaus, sich in organisierter Form an den Erfordernissen des proletarischen Kampfes zu orientieren« (5).&lt;br /&gt; Für die sozialistische Intelligenz müsse die Organisation Gegenstand der Arbeit werden und nicht Voraussetzung – eine Feststellung, die sich vor allem gegen die diversen K-Gruppen der Zeit richtete, z.B. gegen die KPD/ML, von der es heißt, sie habe die »kleinbürgerlichen Vorurteile des Proletariats zu ihren eigenen« gemacht und sich »blind den Massen angepasst« (5). Aufgabe theoretischer Arbeit sei es aber, die praktischen Erfahrungen der Klassenkämpfe vor dem Hintergrund objektiver Voraussetzungen der »Kapitalbewegung« zu bestimmen. Konkret bedeutete dies für den RK, die politische Situation nach der Krise von 1966/67 zu analysieren.&lt;br /&gt; Mit der Zerschlagung der kommunistischen Bewegung nach dem NS gab es dem RK zufolge Revolutionäre im wahrsten Sinne des Wortes nur »theoretisch« (7). Dies habe sich schließlich in der Studentenbewegung ausgedrückt, die mit ihrer »Entlarvungstaktik« (7) der bürgerlichen Ideologie bald an Grenzen gestoßen sei. Dieses Dilemma führte dem RK zufolge zu Projektionen, z.B. bei den Septemberstreiks 1969: »Noch im Gefängnis ihrer sich erst allmählich relativierenden Theoreme mussten die Reste der Studentenbewegung, die ihre eigene Spontaneität politisch nicht fortzuentwickeln vermocht hatten, die ‚neue‘ Spontaneität der Arbeiter als Klassenbewusstsein überinterpretieren, dem offensichtlich nur noch die revolutionäre Avantgarde in Form einer kommunistischen Partei fehlte« (8). Zudem kritisiert der RK die zu Grunde liegende Vorstellung von Avantgarde. Diese sei keine Selbstzuschreibung, sondern gehe »aus den Kämpfen selbst hervor« (8) und sei Ausdruck von Klassenbewusstsein, das nicht einfach aus den Produktionsverhältnissen abgeleitet werden könne. Festzustellen sei zudem, dass die Arbeit selbst zu einer Charaktermaske des Kapitalverhältnisses geworden sei, sich also darin eingerichtet habe. »Die Untersuchung der Bedingungen, unter denen diese Subjektivität heute nicht mehr naturwüchsig entsteht, umfasst im Rahmen der Klassenanalyse theoretische Anstrengungen, die eine deutliche Absage an mythologisierende Theorien über die Spontaneität des Proletariats enthalten« (9).&lt;br /&gt; Dies sei vor allem deshalb notwendig, weil Krisenerfahrungen an sich noch keine emanzipatorische Wirkung hätten: »Das dumpfe Gefühl des Betrogenwerdens hat sich nicht in Erkennen des Verhältnisses als nicht schlichtem, sondern gesellschaftlichem, geschweige denn in den Willen zur Veränderung übersetzt« (11). Damit gehe eine Proletarisierung der Intellektuellen einher, worunter der RK einen »gemeinsamen Prozess politischer Erfahrung von Proletariern und Intellektuellen« (9) verstand. Dieser Prozess verlange nach einer Klassenanalyse, bei der das Engagement der Intellektuellen selbst Bestandteil der Reflexion von proletarischer Organisation und Klassenbewusstsein werde.&lt;br /&gt; Aus dieser Reflexion entwickelt der RK den Begriff der Untersuchung: Die Tätigkeit, »die sowohl die objektive Bewegung des Kapitals und dessen Verwertungsschwierigkeiten erfassen, um ihre Auswirkungen auf Betriebsebene überhaupt erkennen zu können, sowie die sich auf dieser ersten Stufe artikulierenden Interessen und Widerstände der Arbeiter bestimmen muss, fassen wir unter dem Begriff der Untersuchung « (12). Weiter heißt es: »Für uns ist es notwendig, einerseits systematisch die Bedingungen und inneren Beziehungen bürgerlicher Ideologien und proletarischen Klassenbewusstseins zu untersuchen, andererseits historisch mit den kapitalistischen Verwertungsschwierigkeiten die Umstände und Bedingungen anzugeben, unter denen sich Kämpfe und Klassenbewusstsein entwickeln können« (14).&lt;br /&gt; Diesen theoretischen Vorstoß konkretisiert der RK für die Betriebsarbeit. Die Klassenverhältnisse in ausgewählten Betrieben sollen so untersucht werden, dass es möglich wird, eine praktische Richtung für Kämpfe zu bestimmen. Die Untersuchung beinhaltet zudem Agitation und Propaganda, wobei diese nicht zur abstrakten Vereinheitlichung von Klasseninteressen dienen, sondern vielmehr in den Kampfsituationen selbst entwickelt werden sollen. Alles andere habe bloß moralischen Charakter. »Daraus ergibt sich die klare Zielrichtung von Agitation auf Aktionen, in denen Ideologie durchbrochen und gemeinsame Interessen wirklich zusammengefasst werden können, also nicht nur propagiert werden« (15).&lt;br /&gt; Bevor erste proletarische Kerne in Aktionen entstanden seien, könne jedoch keine Aussage über die Organisationsform gemacht werden. Es gehe vor allem um die Bildung von Betriebsgruppen und die Auswertung von Aktionserfahrungen im Rahmen von Schulungen. »Bei diesem Prozess, der nur in der praktischen Einheit von Studieren, Kämpfen und Organisieren, die für uns programmatisch gilt, wirklich stattfinden kann, ist es Voraussetzung der ersten praktischen Schritte ebenso wie Bedingung der politischen Objektivierung für die weitere Verallgemeinerung in Form der Klassenanalyse, die Kategorien der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie aufzunehmen« (17). Dem RK ist bewusst, dass die von Marx entwickelten Kategorien im Kapital nicht in der sinnlichen Wirklichkeit wieder zu finden sind. Dennoch gelte es, eine allgemeine Realanalyse auf der Ebene der Konzern- bzw. Branchenebene durchzuführen. Diese müsse zugleich zu einer Klassenanalyse in Beziehung gesetzt werden, um die Entwicklung einer politischen Strategie zu ermöglichen. »Die Aufgaben, die hier anstehen, sind nur zu lösen im Fortschritt der proletarischen Bewegung und können nur begrenzt antizipiert werden. Vor allem sind es Aufgaben, die von der revolutionären Linken gemeinsam bewältigt werden müssen, und insofern sind es wesentliche Organisationselemente für die Herausbildung einer proletarischen Avantgarde, deren Strategiebildung längst beginnen muss, ehe die Organisation sich einheitlich darstellt.« In diesem Sinn verstand der RK auch seine »Beziehung zu anderen revolutionären Gruppen« (21).&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 03 Feb 2010 13:29:20 +0000</pubDate>
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                    &lt;p&gt;Das Projekt &lt;em&gt;Kamera läuft! Ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; untersucht den Wandel kultureller, kreativer, in der Regel un- oder unterbezahlter Berufe, die zu Modellen selbst bestimmter Arbeit stilisiert worden sind und werden. Das Projekt startete mit einer Befragung von KulturproduzentInnen nach der Methode der Arbeiterselbstuntersuchungen, wie sie postmarxistische, bewegungspolitische Strömungen in den siebziger Jahren entwickelten.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Das Projekt &lt;em&gt;Kamera läuft! Ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; untersucht den Wandel kultureller, kreativer, in der Regel un- oder unterbezahlter Berufe, die zu Modellen selbst bestimmter Arbeit stilisiert worden sind und werden. Das Projekt startete mit einer Befragung von KulturproduzentInnen nach der Methode der Arbeiterselbstuntersuchungen, wie sie postmarxistische, bewegungspolitische Strömungen in den siebziger Jahren entwickelten. Diese Recherchepraxis, die davon ausgeht, dass das zur Veränderung der Produktionsweisen notwendige Wissen in den Arbeits- und Lebensbedingungen selbst begründet liegt und sich in den Wünschen der dort Beschäftigten artikuliert, war für uns zentral. Denn es ging uns nicht so sehr darum, den diffusen Betrieb, in dem KulturproduzentInnen beschäftigt sind, soziologisch zu umreißen. Vielmehr wollten wir nach Möglichkeiten von Widerstand suchen, die etwas anderes als die Refordisierung der Denk- und Lebensweisen wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir befragten zunächst Personen aus unserem näheren und weiteren Umfeld in Berlin, darunter auch uns selbst, nach Alltag, Wünschen und Perspektiven. Darüber hinaus interviewten wir Personen, die nicht nur kulturelle Produkte, sondern auch Diskurse und gesellschaftspolitische Handlungsfelder erarbeiten. Damit wollten wir das Verhältnis zwischen der Prekarität der jeweiligen Lebensverhältnisse und der Widerspenstigkeit von Kultur- und Wissensproduktion in den Blick bekommen, um von dort nach kollektivierbaren Linien zu suchen, die aus der individuellen Erfahrung hinausführen. Unsere Fragen waren:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie sieht dein Arbeitsleben aus? Was gefällt dir daran und was sollte sich ändern? Wann und warum wird dir alles zuviel, und was machst du dann? Was stellst du dir unter einem ‚guten Leben’ vor? Sollten KulturproduzentInnen sich auf Grund ihrer gesellschaftlichen Vorzeigerolle mit anderen sozialen Bewegungen zusammentun, um an neuen Formen der Organisierung zu arbeiten? Die Fragen sind angelehnt an die von &lt;em&gt;Fronte della Gioventù Lavoratrice&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Potere Operaio&lt;/em&gt; Anfang 1967 in Mirafiori durchgeführte Umfrageaktion ‚Fiat ist unsere Universität’.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;kpd – ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; sind: Brigitta Kuster, Isabell Lorey, Katja Reichard, Marion von Osten. Die hier folgenden Zitate sind Teile des Drehbuchs für&lt;em&gt; Kamera läuft!&lt;/em&gt;. Zugrunde liegen Interviews, die die Gruppe im Februar 2004 während eines viertägigen fiktiven Castings aufnahm. Die Redaktion der &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; hat die Interviewsequenzen verfremdet und neu montiert. Die vorläufige Videofassung von &lt;em&gt;Kamera läuft! Ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; ist über &lt;a href=&quot;mailto:arranca@nadir.org&quot; title=&quot;Mail an arranca!&quot;&gt;arranca@nadir.org&lt;/a&gt; erhältlich.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;FORDISMUS&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich habe jahrelang mein Geld an der Kinokasse verdient. Als ich damit aufgehört hab, war das befreiend, wegen der Monotonie … Es war aber auch schade, denn es war noch so ein schön fordistischer Job, wo man so hin geht, den Kopp an den Nagel hängt, zehn Stunden durchschubbert und wieder nach Hause geht. Eine berechenbare, allseits gut abgesprochene Arbeit, mit Anfangszeiten, mit Betriebsrat, mit allen sozialstaatlichen Vorteilen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Letztens habe ich bei so nem stressigen Stiftungsprojekt mitgearbeitet. Ich war richtig angestellt, und habe begonnen, ganz fordistische Eigenschaften anzunehmen. So im Sinne: Ich überidentifiziere mich hier jetzt echt nicht und bring mich um, sondern lasse einfach innerlich den Griffel fallen …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;NEOLIBERALE SUBJEKTIVIERUNG&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich arbeite eigentlich immer in Gruppen oder Kollektiven, die sich Projekte ausdenken und dann versuchen, sie zu realisieren. Arbeit sickert dann so in dein Leben … Mein ganzes Leben steht unter dieser Arbeitsmöglichkeit. Ich muss die Grenze, wann die Arbeit aufhört, selber setzen, weil du tendenziell überall immer noch mehr reinstecken kannst. Diese Selbstunternehmerisierung funktioniert nicht unbedingt über einen starken Außendruck, sondern über die Konfrontation mit einem starken Innendruck. Arbeit ist für mich auch irre bedrohlich. Freie Zeit empfinde ich auch nicht als freie Zeit, sondern denke permanent: Oh scheiße, dann musst du noch das machen, und dann musst du noch das machen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Meine Tage sind von permanenten Operationen der Mikrokrisenbewältigung, der Selbstorganisation und der Selbstmotivation durch Selbstverführung, Selbstüberlistung, einem permanenten Tricksen am Ich strukturiert. Immer wieder nehme ich mir vor, mit Hilfe eines zuverlässig-verbindlichen Fahrplans so durch den, von einem wohldurchdachten und von „Personal“ und Angehörigen geführten Haushalt abgesicherten Tag getragen zu werden, wie es die regelmäßigkeitsbesesessenen „großen“ Schriftststeller und Künstler in ihren Autobiografien entwerfen. 7 Uhr Schreibtisch, 9 Uhr Frühstück, 10 Uhr Schreibtisch, 12 Uhr den Hund ausführen, 13 Uhr Mittag, 14 Uhr Korrespondenz, 16 Uhr Schreibtisch, Korrektur des am Vormittag Geschriebenen, 19 Uhr Abendessen, 20 Uhr Hund ausführen. 23 Uhr Bettruhe.&amp;nbsp; Stattdessen: lauter Irregularitäten und Unberechenbarkeiten …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Und in der Öffentlichkeit beginnst du, vor anderen zu simulieren, du seist an einer ganz tollen Arbeit dran. Da geht es nämlich darum, deinen Marktwert zu performen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Wenn man sieht, wie man die Zeit beschleunigt, wie die Zeit rast... Mein Arbeitsplan ist viel schneller, als mein Zeitvermögen. Ich will da nicht immer hinter herhecheln, alles so zuschaufeln, immer so weiter rasen … aber stehenbleiben ist auch gefährlich …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Dieser permanente Aufruf, das eigene Sein – vermittelt über Arbeit oder Ereignisse, die sein müssen – zu erfahren, reicht vom Sex über die Drogen, über das Ausgehen bis zur Arbeit. Man ist in viele, viele Richtungen mobilisiert, präsent zu sein und aktiv da zu sein …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Mir tut jetzt seit Monaten mein Arm weh! Das ist ja der Computerarm, der streikt. Eine körperliche Verweigerung: Ich-will-nicht-mehr! … Und dann staut sich wahnsinnig viel Arbeit auf … Und da zeigt sich, was das alles hier für ein biopolitisches Modell ist, schön, jung und gesund zu sein … und zu bleiben …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;STRESS - ANGST&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Was wir hier erleben, ist doch nichts singuläres, sondern Prekarität betrifft viele in anderen Berufen auch, diese Angst um die eigene Existenz auf einer finanziellen Ebene. Selbst wenn man es nicht reduzieren kann auf das Finanzielle, aber der Auslöser ist, ob du Geld hast oder nicht …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Diese Angst, dass du raus fällst, dass dich niemand mehr ansprechen wird, dass du im Grunde nicht mehr Teil bist von dieser produktiven Bewegung, diese Angst, die ja so projiziert wird in diesem neoliberalen Wir-müssen-uns-selber-Erfinden …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Das kenne ich aus dieser langen Phase in meinem Leben, wo ich weder konkrete Aufträge noch Geld hatte. Mein damaliger Freund hat mich dann finanziell unterstützt, und ich saß immer nur zu Hause und hatte Angstkrämpfe. Ich hatte so richtige Herzprobleme und habe dann auch die ganze Zeit nur noch so verkrampft dagesessen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Es gibt einfach nur mich und den Markt, und ich muss sagen, das produziert Stress. Und jetzt auch mit diesen ganzen veränderten sozialstaatlichen Absicherungen, die nicht mehr vorhanden sind, da stellen sich diese Fragen auch neu. Darum finde ich auch, arbeitslos Sein, das ist total schlimm …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Ja und Geld umverteilen! Dieses Scheiss-Geld! Ich muss andauernd an den unmöglichsten Stellen Dampf produzieren, damit sich dahinter der Finanzzylinder ein bisschen bewegt. Wenn ich länger nichts in Aussicht habe, bekomme ich Angstzustände. Und dann siehst du, dass du mit kulturellem Kapital keine Miete zahlen kannst. Aber das ist dein Privatproblem im Rausch der Projekte … und das Häuschen von der Oma wird ja dann auch nicht vergesellschaftet …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;ARBEIT -&amp;nbsp; LEBEN&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Für mich gehört aber zu einem guten Leben noch viel mehr Faulheit … Komischerweise ist das wahrscheinlich nicht Freizeit in dem Sinne von dem, was die allgemeine Vorstellung einer sinnvollen Freizeit ist … Wenn ich hier Zuhause sitze und über irgendein Thema schreibe, das mir gefällt, das mich interessiert, und ich hör dazu ein paar bestimmte Musiksachen, oder ich schau mir ein paar Texte an, dann ist das zwar objektiv gesehen Arbeit, aber es fühlt sich null unangenehm an, es gibt keinen Stress, es gibt kein „Ich-muss-irgendwas-aus-Gründen-der-Verwertung-Tun“. Das ist von Freizeit fast nicht zu unterscheiden. Es ist angenehmes Arbeiten in den eigenen vier Wänden. … Vielleicht ist es so: Wenn ich was Unangenehmes tun muss, und ich es dann nicht tue, dann wird’s Freizeit …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Ich sehe den Begriff des ‚guten Lebens’ dann eben doch eher im Kontext meiner Arbeit. Das ganze Produzieren und Tätigsein macht mich schon glücklich. Ich wüsste gar nicht, was ich denn sonst machen sollte. – In Urlaub fahren? …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Seitdem ich ein Kind habe, habe ich meinen Lebensunterhalt nicht mehr über diese Projekte finanziert, sondern Unterstützung bekommen … Ich bin jetzt allein erziehende Mutter. Es war richtig Arbeit, damit umgehen zu können, und es war Arbeit zu versuchen, damit auch glücklich zu sein. … Es gibt eine Morgenprobe, das ist eher eine Mittagsprobe, und noch ne Abendprobe. Und auf den Abendproben bin ich eigentlich nicht, weil ich dann Zuhause sein muss. … Es ist ein enormer Leistungsdruck, das hinzukriegen als Mutter und Künstlerin …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Zuhause ist es bedrohlich, dieses Abgeschottete erinnert mich immer daran, ich sollte mir jetzt mal Zeit nehmen und mich länger an was dran hocken. Ich bin ja permanent in diesem Kommunikationsrausch. Alles ist durchflutet von Anfragen, da ist permanent Alarm – aber auch Ideen … Und dann stresst es mich, wenn ich alleine zuhause hocke, dann tut die Stille weh …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Wir haben fast nur mit unserer eigenen Generation zu tun. Das finde ich schon sehr schwierig. Und darin stellt sich auch wieder ne wichtige feministische Frage: Wie ist es möglich, so was wie Reproduktion in irgendeiner Art und Weise positiv zu denken, ohne dieses Rückzugsding, ohne diese Familienbarriere, ohne diese klassische Fortpflanzungs-Repräsentation …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;ARBEITSBEDINGUNGEN&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich hab mir das ja mal angeschafft, für so Bastelsachen: Layout und Musikmachen. Und jetzt ist daraus das verlängerte Telefon und der schriftliche Anrufbeantworter geworden. Ich bekomme hundert beschissene Emails am Tag. Und das ist wirklich der Punkt, an dem ich Lust habe, dieses Scheiss-Schlepptop auf die Strasses zu werfen und zu sagen: Fick dich selbst! …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Für mein Arbeitsleben gibt es keine passende Beschreibung. Weil es befristete Anstellungsverhältnisse sind, an unterschiedlichen Orten gleichzeitig. Ich bin üblicherweise 3 Tage da, 3 Tage hier, 2 Tage dort. Alles ist sehr stark davon abhängig, wie ich in welche institutionellen Verhältnisse einbezogen bin. Diese unterschiedlichen Institutionen wollen interessanterweise alle meine Sozialität, sie wollen sehr stark meine Zusammenhänge und Kontakte, aber die wollen mich nicht als Produzent und interessieren sich auch nicht für die Reise- oder Lebensprobleme, die mit dieser Art von Arbeiten entstehen … Die Sozialität, die ich vorher entwickelt habe zum Beispiel mit meinen feministischen Freundinnen, durch das In-der-Kneipe-Rumstehen- und-Auseinandersetzungen-Haben, also diese informellen Formen von Wissensproduktionen, Austausch, Distribution, die wird plötzlich so abgefragt …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Interessant bei dem Job war, dass ich in einem Raum mit Leuten zusammen gearbeitet habe, die alle ihre private Sphäre mitgebracht haben. … Vielleicht war das berlinspezifisch, dass alle diesen Job als so eine Art Freizeit empfunden haben. Wir waren Musiker, Fotografen, Künstler. Deswegen gab es eine zeitlang auch keinen Betriebsrat, weil alle dachten, sie arbeiten gar nicht in einer Firma …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Durch die Billigairlines habe ich angefangen zu fliegen, anstatt mit der Bahn zu fahren, trotz ökologischem Wahnsinn … Manche Texte schreibe ich oft zwischen Tür und Angel. … Ich muss insgesamt viel nebenher organisieren, da geht bestimmt pro Woche ein halber Tag drauf … Wenn ich das zusammenzähle, die Eigenwerbung, das Kontakte Halten, Gespräche Führen, Geldeintreiben … Was da für Zeit drauf geht, wenn man sich selbst als Büro begreift. Das ist Wahnsinn. … Und da ist ja auch noch die Organisation, sich Freizeit herbeizuschaffen. Meine Freundschaften sind ja verstreut in der Welt …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;SOZIALE RÄUME - KÄMPFE&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich habe immer schon Räume selbstorganisiert. Ich finde es wichtig, eigene Räume zu haben, auch materiell, sich räumlich zu äußern. Es ist auch ein Ort einer kollektiven Selbstbehauptung, man kann sich sozusagen adressieren …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Die Arbeitsweise und Methode, sich mit anderen zu solidarisieren, zusammen was zu entwickeln, war immer auch ein politisches Projekt, das sich an Welt, an Weltaneignung richtet, ein soziales Umfeld produziert, Vergesellschaftung, und das ist Materie, über die man als Kulturschaffende nachdenkt …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Das ist doch politisch, ein nicht so arbeits-wahnsinniges und nicht so heteromäßiges Leben gegen diese Mobilisierung zur Arbeit hin zu bekommen! Man müsste mehr auf die Sachen schauen, die verbinden, statt zu denken, man erlebt das alles hier, den ganzen Wahnsinn alleine …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Ich glaube, man muss tatsächlich ne Organisierung erfinden, die gewerkschaftliche Organisationsform komplett transformieren, oder vielleicht ne neue erfinden … Und dann muss man in Kämpfe eintreten, wie auch immer die sind, keine komplett Gesellschaft verändernden Kämpfe, es geht dabei nicht um eine Revolution, das muss man sich klar machen, es kann nur um neue, aber strukturell klassische Arbeitskämpfe gehen, und die sind im besten Falle reformerisch, aber nicht revolutionär …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Wenn immer mehr solche Arbeits- und Lebensverhältnisse strukturell ne Ähnlichkeit haben, muss es doch auch einen kollektiveren, solidarischeren Umgang geben. Und das ist eine gesellschaftliche Frage …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Dass es Aktionsformen gibt, die einem gefallen, Arbeitslosenbüros besetzt wurden, Techniker im Theater gestreikt haben und all das. Dass man gemeinsam was rocken kann und Veränderungen anstoßen, das muss man viel eher betonen, dass sich das auf Gemeinsamkeit und Stärke hinbewegen kann …&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:40 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Editorial</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/editorial</link>
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                    &lt;p&gt;Es ist Krise und wir schlagen vor, über Methoden zu reden. Methoden, die da ansetzen, wo wir leben, lieben und kämpfen. Methoden, die fragen, zuhören und hinschauen – Untersuchungen. Nicht „Wie hängen Finanz-, Ernährungs- und Energiekrise zusammen?“ (wüssten wir trotzdem gerne), sondern „Wie geht es mir beim Hangeln von Projekt zu Job zu Projekt?“ / „Wie würdest Du gerne wohnen, arbeiten, leben?“ / „Was macht mich krank?“ / „Wo können wir zusammenkommen?“&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;Es ist Krise und wir schlagen vor, über Methoden zu reden. Methoden, die da ansetzen, wo wir leben, lieben und kämpfen. Methoden, die fragen, zuhören und hinschauen – Untersuchungen. Nicht „Wie hängen Finanz-, Ernährungs- und Energiekrise zusammen?“ (wüssten wir trotzdem gerne), sondern „Wie geht es mir beim Hangeln von Projekt zu Job zu Projekt?“ / „Wie würdest Du gerne wohnen, arbeiten, leben?“ / „Was macht mich krank?“ / „Wo können wir zusammenkommen?“ Dank der Krise(n) herrscht auf der Makro-Ebene der Analyse in den letzten Wochen viel Gedränge und wir hoffen, davon bleiben erhellende Spuren zurück. Trotzdem meinen wir, dass brauchbare praktische Antworten auf diese Krisen vor allem auf der Mikro-Ebene handfester sozialer Auseinandersetzungen entstehen werden. Auch deshalb Untersuchungen: Solche Antworten werden nicht am Schreibtisch geboren, weil wir dank der überlegenen Analyse Bescheid wissen, sondern vor Ort. Dort, wo wir sowieso schon sind, und weil die richtigen Fragen gestellt werden - die richtigen Fragen, denn wir gehen nicht als leere, &#039;objektive&#039; ForscherInnen-Hüllen an die Untersuchungen heran sondern immer auch als beteiligte Subjekte. Wir bringen die praktischen Erfahrungen und die Debatten unserer Geschichte mit und wollen, dass die ganze Scheiße aufhört, dass es besser wird.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Trotz des gegenwärtigen Hypes um das Label ‚Militante Untersuchungen’ ist es auffällig, dass es kaum einen Austausch zwischen den unterschiedlichen Ansätzen gibt. Mit diesem Heft wollen wir einen solchen Austausch zwischen den unterschiedlichen Ansätzen anregen. Sie unterscheiden sich nicht nur in ihrem Ort – soziale Bewegungen in Argentinien, Callcenter im Ruhrgebiet, Orte weiblicher Prekarität in Madrid, ein Filmfestival und eine Mayday-Parade in Berlin, Opel in Rüsselsheim, die linksradikale Szene in den USA – sondern eben auch in ihrer Form. Eine Ausstellung wird kuratiert und gerät außer Kontrolle, Callcenter-ArbeiterInnen organisieren sich, Menschen mit Behinderung untersuchen zusammen mit ForscherInnen die Geschichte und Rezeption eines Kunstwerks, oder AktivistInnen agitieren MalocherInnen in der Fabrik. Interviews werden aufgeschrieben, aufgenommen oder gefilmt. Dahinter steht ein Teil des akademischen Apparats, eine organisierte, linksradikale (Klein-)Gruppe, der Wille, dem Kunstbetrieb ans Bein zu pissen, ein bundesweites linkes Nicht-Bündnis oder die Forderung „Nichts über uns ohne uns!“ Das Resultat ist Ernüchterung, eine wissenschaftliche Veröffentlichung, gestiegenes Selbstbewusstsein chinesischer Wanderarbeiterinnen, ein arranca!-Artikel, Flugblätter und ein bisschen Unruhe im Callcenter, ein Buch oder das Entstehen eines neuen Zusammenhangs feministischer Aktivistinnen und Theoretikerinnen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die meisten dieser Untersuchungen beziehen sich auf die operaistische &lt;em&gt;conricerca&lt;/em&gt; (Mit-Untersuchung) im Italien der 1960er Jahre. Der Bezug reicht von einer lockeren Inspiration bis hin zu einem bewussten Weiterentwickeln. Wer das Label ‚Militante Untersuchung‘ verwendet, setzt sich häufig auf diese Spur (manchmal jedoch einzig des radikalen Klanges wegen). Mit diesem geschichtlichen Faden verknüpfen auch wir diese arranca!, ohne einerseits das historische Vorbild auf den Sockel der Unangreifbarkeit heben zu wollen, aber auch ohne uns allzu lange mit begrifflichen Abgrenzungen aufzuhalten: Die Operaisten selbst sind seinerzeit, gemessen an ihren eigenen Kriterien, nie über Vor-Untersuchungen zu einer &#039;wirklichen&#039; conricerca hinausgekommen ... Anstatt also über den Begriff zu streiten, wollen wir über konkrete Praktiken sprechen. Und zu Militanten Untersuchungen ermutigen: Gucken, was geht, und dabei pragmatisch sein, sich nicht allzu sehr um die (akademischen) Regeln kümmern. Natürlich ist es toll, wenn die Differenz zwischen untersuchendem Subjekt und untersuchtem Objekt aufgehoben wird, wenn da nicht eineR von außen kommt, sondern die Untersuchung eine Selbst-Untersuchung in der ersten Person ist, wenn am Ende nicht der akademische Wissensstand oder die Argumente einer Partei, Gewerkschaft oder Politgruppe fundierter geworden, sondern sich selbst vervielfältigende Kerne von Selbstorganisierung entstanden sind ... Aber wollen wir die Latte so hoch hängen und dann doch am Schreibtisch sitzen bleiben, weil die Ressourcen zu knapp, die geforderte Authentizität eine Illusion und die zu erwartenden Erfolge eher bescheiden sind? Das befruchtende Moment Militanter Untersuchungen bleibt der Versuch, auf Tuchfühlung mit der (post)fordistischen Realität zu gehen und angemessene Widerstandsformen zu entwickeln, anstatt lediglich über die festgefahrene Lage zu jammern.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Übrigens wollten wir für diesen Schwerpunkt ursprünglich die Themen „Militante Untersuchungen“ und „Organisierung“ verknüpfen. Beide haben sich jedoch bei näherer Betrachtung als zu umfangreich erwiesen, so dass „Organisierung“ ein Schwerpunkt einer der folgenden &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt;s werden wird. Artikelvorschläge können gerne schon an arranca@nadir.org geschickt werden.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;An dieser Stelle noch einen herzlichen Dank an unsere beiden Layouterinnen, die mit Mut und großem Engagement in die Bresche gesprungen sind und diese wunderschöne Nummer gestaltet haben.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; ist eine Zeitschrift der Gruppe FelS (Für eine linke Strömung). FelS ist eine offene Gruppe und Ihr seid zur Mitarbeit eingeladen. Meldet Euch einfach unter fels@nadir.org oder arranca@nadir.org.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt;-Redaktion&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 14:02:50 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Sozialistischer Gebrauch des Arbeiterfragebogens</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/sozialistischer-gebrauch-des-arbeiterfragebogens</link>
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                    &lt;p&gt;Dieser Text ist die schriftliche Übertragung des auf Band aufgenommenen Diskussionsbeitrags von Raniero Panzieri auf einem in Turin im September 1964 veranstalteten Seminar mit dem Thema ArbeiterInnenbefragung.&lt;/p&gt;

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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Dieser Text ist die schriftliche Übertragung des auf Band aufgenommenen Diskussionsbeitrags von Raniero Panzieri auf einem in Turin im September 1964 veranstalteten Seminar mit dem Thema ArbeiterInnenbefragung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[…] Ich weise noch einmal auf den soziologischen Charakter des Marxschen Denkens hin; Marx lehnt es in der Tat ab, die Arbeiterklassen von der Kapitalbewegung her zu bestimmen, d.h. er hält es für unmöglich, von der Kapitalbewegung ausgehend automatisch die Arbeiterklasse analysieren zu können: die Arbeiterklasse, gleichgültig ob sie als Konfliktelement und folglich als kapitalistisches Element oder ob sie als antagonistisches und das heißt antikapitalistisches Element hervorgeht, muss unbedingt einer völlig gesonderten wissenschaftlichen Analyse unterzogen werden. Ich bin deshalb der Ansicht, dass unter diesem Gesichtspunkt das Ende der Soziologie in der marxistischen Tradition auf eine Involution des marxistischen Denkens hindeutet. […]&lt;br /&gt; Das bedeutet meiner Ansicht nach keineswegs, dass die Soziologie eine bürgerliche Wissenschaft ist, sondern es heißt vielmehr, dass wir die Soziologie anwenden und kritisieren können, ebenso wie Marx es mit der klassischen politischen Ökonomie getan hat, d.h. indem wir sie als eine begrenzte Wissenschaft betrachten (und aus der Art der Umfrage, die wir vorhaben, geht deutlich hervor, dass bereits alle Hypothesen darin enthalten sind, die über den Rahmen der gängigen Soziologie hinausgehen) … Es sei noch einmal betont, dass die gesellschaftliche Dichotomie, mit der wir konfrontiert sind, ein sehr hohes Niveau wissenschaftlicher Analyse erfordert, sowohl in Bezug auf das Kapital, als auch hinsichtlich des Konfliktund potentiell antagonistischen Elements, nämlich der Arbeiterklasse. […]&lt;br /&gt; Die Methode der Umfrage ist für uns unter diesem Gesichtspunkt ein ständiger politischer Bezugspunkt, abgesehen davon, dass sie sich später in dieser oder jener spezifischen Umfrage konkretisieren soll; sie bedeutet nämlich, dass wir uns weigern, die Analyse des Entwicklungsstands der Arbeiterklasse von der Analyse der Entwicklung des Kapitals abzuleiten […] Die Methode der Umfrage müsste es also ermöglichen, jede mystische Konzeption der Arbeiterbewegung zu vermeiden und den Bewusstseinsstand der Arbeiterklasse stets wissenschaftlich zu ermitteln; damit müsste sie auch die Möglichkeit bieten, dieses Bewusstsein auf ein höheres Niveau zu heben. Unter diesem Gesichtspunkt besteht eine Kontinuität zwischen der soziologischen Beobachtung, die mit ernsthaften und rigorosen Kriterien durchgeführt wird, und der politischen Aktion: die soziologische Umfrage stellt eine Art von Vermittlung dar, ohne die man Gefahr läuft, sich eine entweder pessimistische oder optimistische, auf jeden Fall aber vollkommen willkürliche Vorstellung vom Niveau des Klassenbewusstseins zu machen, das die Arbeiterklasse erreicht hat. Es liegt auf der Hand, dass diese Überlegung die politischen Ziele der Umfrage beeinflusst, ja dass sie selbst das Hauptziel der Umfrage bildet. […]&lt;br /&gt; Es ist offensichtlich, dass die sozialistische Anwendung der Soziologie neu überdacht werden muss, und zwar im Lichte der grundlegenden Hypothesen, von denen man ausgeht und die sich in einem Satz zusammenfassen lassen: die Konflikte können in Antagonismen umschlagen und damit aufhören, systemdienlich zu sein (wobei man sich vor Augen halten muss, dass die Konflikte systemerhaltend sind, da dieses System dank der Konflikte voranschreitet).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine wesentliche Bedeutung gewinnt in diesem Zusammenhang unsere Forderung, einen Teil der Umfrage noch während einer besonders ausgeprägten Konfliktsituation durchzuführen und in dieser Situation das Verhältnis zwischen Konflikt und Antagonismus zu analysieren, d.h. zu prüfen, inwieweit sich das Wertsystem ändert, das der Arbeiter in normalen Zeiten äußert, welche Werte im Bewusstsein als Alternative neu geschaffen werden, welche dagegen in diese Momenten aufgegeben werden, und warum es Werte gibt, die der Arbeiter in normalen Zeiten besitzt und in Momenten der Klassenkonflikte aufgibt, oder umgekehrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es müssen also insbesondere alle Phänomene untersucht werden, die die Solidarität der Arbeiterklasse betreffen, sowie das Verhältnis, das zwischen der Solidarität der Arbeiter und der Ablehnung des kapitalistischen Systems besteht: es gilt also zu bestimmen, inwieweit sich die Arbeiter in Konfliktmomenten bewusst sind, dass ihre Solidarität auch in antagonistische Gesellschaftsformen einmünden kann. Letzten Endes geht es darum zu prüfen, inwieweit sich die Arbeiter bewusst sind, angesichts der auf Ungleichheit gegründeten Gesellschaft eine Gesellschaft von Gleichen zu fordern, und inwieweit ihnen bewusst ist, dass dies für eine Gesellschaft eine allgemeine Bedeutung annehmen kann, als Forderung nach Gleichheit angesichts der kapitalistischen Ungleichheit.&lt;br /&gt; Wenn wir die Bedeutung einer Umfrage in Konfliktsituationen betonen, so gehen wir offensichtlich von einer grundlegenden Annahme aus: nämlich dass es einer in sich antagonistischen Gesellschaft niemals gelingt, zumindest einen der Hauptfaktoren, aus denen sie sich zusammensetzt, nämlich die Arbeiterklasse, gleichzuschalten; es muss deshalb untersucht werden, inwieweit die Dynamik konkret erfasst werden kann, durch die die Arbeiterklasse tendenziell vom Konflikt zum Antagonismus übergeht und damit die Dichotomie, von der die kapitalistische Gesellschaft lebt, explosiv macht. Daher muss die Formulierung des Fragebogens, der in diesen Situationen verwendet werden soll, meiner Ansicht nach mit der größten Sorgfalt durchdacht werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[…] Die Ziele der Umfrage lassen sich folgendermaßen umreißen: wir knüpfen sehr große Erwartungen an die Umfrage, dass sie eine korrekte, wirksame und politisch fruchtbare Methode darstellt, um mit einzelnen Arbeitern und Gruppen von Arbeitern in Kontakt zu kommen; das ist ein sehr wichtiges Ziel: zwischen der Umfrage und dieser politischen Aufbauarbeit besteht nicht nur keine Diskrepanz und kein Widerspruch, sondern die Umfrage erscheint vielmehr als ein grundlegender Aspekt dieser politischen Arbeit. Außerdem stellt die theoretische Diskussion unter Genossen, mit den Arbeitern, usw., zu der uns die Umfrage nötigen wird, eine sehr gründliche politische Bildungsarbeit dar, und auch unter diesem Gesichtspunkt ist die Umfrage ein ausgezeichnetes Mittel der politischen Arbeit. Daneben verfolgt sie noch andere politische Ziele: mir scheint nämlich, dass sie von entscheidender Bedeutung ist, um bestimmte – auch beträchtliche – Unklarheiten auszuräumen, die noch in der von den Quaderni Rossi ausgearbeiteten Theorie bestehen. Wie nämlich zahlreiche Genossen festgestellt haben, sind viele Elemente dieser theoretischen Ansätze lediglich als Antithese erarbeitet worden, entspringen also der Kritik der offiziellen Positionen oder zumindest der Kritik der Entwicklung des Denkens der Arbeiterbewegung, ohne dass die positiv begründet werden, d.h. ohne dass sie vom Klassenstandpunkt her empirisch begründet werden. Da es unmöglich ist, eine regelrechte politische Verifizierung vorzunehmen, bei der die Strenge der Untersuchung zwar auch von grundlegender Bedeutung wäre, die uns aber makroskopische Elemente und unwiderlegbares Beweismaterial an die Hand gäbe, ist eine so durchgeführte Untersuchung die in gewisser Hinsicht wichtigste Arbeit, die wir leisten können, da sie auch die Verbindung zwischen Theorie und Praxis gewährleistet, die uns heute aus objektiven Gründen verlorenzugehen scheint.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dies ist ein Ziel, das ständig verfolgt werden müsste und das letzten Endes einen wesentlichen Aspekt unserer Arbeitsmethode darstellt.&lt;br /&gt; Ein weiteres wichtiges Ziel, das wir uns setzen, besteht schließlich darin, unserer Arbeit eine europäische Dimension zu geben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die vergleichende Gegenüberstellung der Situation in den verschiedenen europäischen Ländern, die die Umfrage ermöglicht, müsste nicht nur uns, sondern auch den französischen und deutschen Genossen wichtige Anhaltspunkte liefern, um die Möglichkeit und die eventuellen Grundlagen einer Vereinigung der Kämpfe der Arbeiterklasse auf europäischer Ebene zu bestimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(Quaderni Rossi, Nr. 5, 1965)&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 13:09:01 +0000</pubDate>
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 <title>Arbeiten und Arbeiten und Machen und Tun</title>
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                    &lt;p&gt;Die (Euro)Mayday-Paraden, die seit 2001 stattfinden, stellen einen der wichtigsten europaweiten Versuche dar, die Prekarisierung von Arbeit und Leben im Neoliberalismus zu thematisieren. Ein zentrales Ziel der Paraden ist es, die Kämpfe von Prekarisierten zusammenzubringen und sichtbar zu machen, frei nach dem Motto ‚Vom Wischmop bis zum Laptop’. In Berlin finden sie seit 2006 statt. Im Vorfeld des Mayday 2008 beschlossen wir, die Zusammensetzung der Parade genauer zu betrachten. Wir fragten uns, was diese über die Beschränkungen und Möglichkeiten aussagt – sowohl der Parade selbst als auch für politische Intervention. Wie ‚prekär’ sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Teilnehmenden? Welche (prekären) Subjektivitäten werden auf der Parade repräsentiert, welche nicht? Neben diesen Aspekten interessierte uns, was die Teilnehmenden der Parade überhaupt selbst unter Prekarisierung verstehen, was sie sich unter einem schönen Leben vorstellen und wie sie dieses organisieren (oder nicht). Uns ging es darum herauszufinden, inwiefern und wie die TeilnehmerInnen der Parade in prekäre Arbeitsprozesse eingebunden sind und wie diese zum Ort antikapitalistischer Kämpfe werden können.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Die (Euro)Mayday-Paraden, die seit 2001 stattfinden, stellen einen der wichtigsten europaweiten Versuche dar, die Prekarisierung von Arbeit und Leben im Neoliberalismus zu thematisieren. Ein zentrales Ziel der Paraden ist es, die Kämpfe von Prekarisierten zusammenzubringen und sichtbar zu machen, frei nach dem Motto ‚Vom Wischmop bis zum Laptop’. In Berlin finden sie seit 2006 statt. Im Vorfeld des Mayday 2008 beschlossen wir, die Zusammensetzung der Parade genauer zu betrachten. Wir fragten uns, was diese über die Beschränkungen und Möglichkeiten aussagt – sowohl der Parade selbst als auch für politische Intervention. Wie ‚prekär’ sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Teilnehmenden? Welche (prekären) Subjektivitäten werden auf der Parade repräsentiert, welche nicht? Neben diesen Aspekten interessierte uns, was die Teilnehmenden der Parade überhaupt selbst unter Prekarisierung verstehen, was sie sich unter einem schönen Leben vorstellen und wie sie dieses organisieren (oder nicht). Uns ging es darum herauszufinden, inwiefern und wie die TeilnehmerInnen der Parade in prekäre Arbeitsprozesse eingebunden sind und wie diese zum Ort antikapitalistischer Kämpfe werden können.&lt;br /&gt; So gesehen ging es uns von Anfang an auch darum, Selbstreflexion anzuregen und über die jährliche Mayday-Parade hinaus die Vereinzelung von Prekarisierten zu überwinden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;I. Die drei ???&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die ‚Selbststudie’ während der Mayday-Parade bestand aus drei Elementen. Zum einen wurde in Fragebögen nach den Lebens- und Arbeitsbedingungen, den verlangten Veränderungen und der Form des Aktivismus gefragt. 300 Fragebögen wurden ausgefüllt und ausgewertet. Des Weiteren wurde eine teilnehmende Beobachtung der Parade hinsichtlich Alter, Gender, der Sichtbarkeit von ‚Gegenkulturen’ und der Anwesenheit von Personen mit Kindern durchgeführt.&lt;br /&gt; Als drittes führten wir insgesamt circa 70 Gespräche. Dabei stellten wir folgende Fragen:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;Wovon lebst du und womit verbringst du den größten Teil deiner Zeit?&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Es geht beim Mayday um prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen - was hat das mit deinem Leben zu tun?&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Das Motto des diesjährigen Maydays lautet ‚Organisiert das schöne Leben’. Was ist ein schönes Leben für dich? Was hindert dich daran, ein schönes Leben zu führen?&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Wie kann man das schöne Leben organisieren? Was hindert dich daran?&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;h4&gt;II. Wer sind ‚wir’?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Beim Mayday trifft sich jung und alt, genauer gesagt reicht die Alterspanne von 17 bis 82 Jahren. Doch meistens sind ‚wir’ 31 Jahre alt. Genau dies war das Durchschnittsalter der circa 5000 Menschen, die an der Parade 2008 teilnahmen. Drei Viertel der TeilnehmerInnen zirkulieren um dieses Alter (zwischen 22 und 39 Jahren), ein Zehntel der TeilnehmerInnen hat übrigens Kinder. Das Verhältnis derjenigen, die sich als männlich oder weiblich bezeichneten, war exakt 1:1. Acht Prozent der Teilnehmenden klassifizierten ihr Geschlecht als weder männlich oder weiblich, sondern als ‚anders’. Diese relativ große Zahl kann vermutlich der verstärkten Beschäftigung mit queeren Politiken und einer Kritik an binären Geschlechtervorstellungen innerhalb der (radikalen) Linken zugeschrieben werden. Zu dieser Wahrnehmung passt der hohe Organisationsgrad von 84 Prozent derjenigen, die sich als weder männlich oder weiblich identifizierten. Eine andere Muttersprache als deutsch sprechen 15 Prozent, und 16 Prozent hatten keinen deutschen Pass. Von diesen Personen waren alle bis auf sechs aus den USA oder der EU.&lt;br /&gt; 77 Prozent der Teilnehmenden wohnen in Mietwohnungen und 51 Prozent in Wohngemeinschaften. 14 Prozent leben mit ihrem Partner/ ihrer Partnerin, sieben Prozent in Hausprojekten und drei Prozent haben Wohneigentum. Nicht selten ist die Wahl der Wohnform eine Reaktion auf die Prekarisierung, wie es ein Teilnehmer beschreibt: „In unserer Hausgemeinschaft organisieren wir uns das Wohnen mit anderen zusammen. Mit der Arbeitsteilung bleibt dann wieder mehr Zeit für andere Sachen.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie vermutet gab es einen hohen Anteil an akademischen Qualifikationen unter den Teilnehmenden: 45 Prozent der Teilnehmenden waren zum Zeitpunkt der Umfrage Studierende. Weit mehr als ein Drittel hat einen akademischen Abschluss, drei Prozent sind promoviert. Zu den vermeintlich besseren Zukunftsaussichten von AkademikerInnen bemerkt eine Studentin: „Ich rechne nicht damit, dass es je so sein wird, dass ich ein festes Einkommen haben werde.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Auswertung der Daten bezüglich Erwerbsarbeit(-slosigkeit) gestaltete sich aufgrund der großen Anzahl von Studierenden problematisch. Ihr monatliches Budget setzt sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Finanzquellen (Minijob, Eltern, Bafög) zusammen, deren jeweilige Höhe sich aus der Umfrage nicht ergab. Der Anteil an Erwerbsarbeitslosen lag bei 19 Prozent, wobei nur 13 Prozent ALG I oder ALG II erhielten.&lt;br /&gt; Das Durchschnittseinkommen von Männern betrug 1035 Euro, von Frauen 904 Euro. Allerdings variierte das Einkommen bei Frauen (+/- 804 Euro) wesentlich stärker als bei Männern (+/- 604 Euro).&lt;br /&gt; Immerhin ein knappes Drittel bekommt finanzielle Unterstützung von den Eltern.&lt;br /&gt; Die Mehrheit der Befragten macht Überstunden und sehnt sich nach anderen Formen der Arbeit. Der überwiegende Teil der Befragten – unabhängig von der Art des Jobs – strebt an, nur halbtags beschäftigt zu sein oder mehr Geld für die gleiche Arbeitszeit zu bekommen (26 Prozent).&lt;br /&gt; Durchschnittlich haben die meisten drei Praktika gemacht, von denen 59 Prozent unbezahlt waren. Erwähnenswert ist, dass es keinen positiven Zusammenhang zwischen der Anzahl der geleisteten Praktika und dem derzeitigen Einkommen gibt. Diejenigen, die ein bezahltes Praktikum abgeleistet haben, werden durchschnittlich besser bezahlt als diejenigen, die für ihre Praktika keinen Lohn bekommen haben.&lt;br /&gt; Geldprobleme am Ende des Monats erlebt ein Drittel der Befragten als regelmäßiges Déjà-vu-Erlebnis und immerhin ein weiteres Drittel ‚manchmal’.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;III. „Innerhalb des unschönen Lebens schrittweise Freiräume erkämpfen“&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Umfrage ergab, dass die große Mehrheit der Teilnehmenden politisch aktiv - und gleichzeitig nicht mehr an der Uni ist. Dies ist vor dem Hintergrund dessen, dass Studieren und Aktivismus zumeist als zwei Seiten derselben Medaille wahrgenommen wird, überraschend.&lt;br /&gt; Siebzig Prozent sind in einer Gruppe, Organisation oder Initiative organisiert - mehr Männer (77 Prozent) als Frauen (64 Prozent). Eine kleine Gruppe von sieben Prozent war zum ersten Mal auf einer Demonstration. 73 Prozent hatten Erfahrungen mit illegalen Demonstrationen, 65 Prozent mit Blockaden und 59 Prozent mit ‚direkten Aktionen’. Die spezifische Mitgliedschaft in einer Gruppe sagte nichts über die Erfahrungen mit verschiedenen Aktionsformen aus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dem Begehren nach etwas Besserem wird auf zweierlei Weise nachgegangen. Neben den klassischen Möglichkeiten des Aktivismus findet die Organisierung des schönen Lebens auch in alltäglichen Handlungen statt: sich „private Inseln suchen, wo es geht, in denen man sich in ein Hausprojekt begibt und da die Kindererziehung mitorganisiert oder dadurch, dass man sich das Geld teilt.“ Das Schaffen von solidarischen Freiräumen zieht sich durch viele Interviews.&lt;br /&gt; Über die Hälfte der Interviewten sieht sich durch die alltäglichen Zwänge an der Organisierung eines schönen Lebens gehindert: Es gibt „eine Menge Leute, die sind einfach viel zu erschöpft, sich politisch zu betätigen“, fasst es ein Interviewter zusammen. Ein weiteres Manko sei, dass „die Linke uns einbegriffen es noch nicht auf die Reihe bekommen hat, Organisierungsformen zu entwickeln, die viele und auch nicht nur uns tendenziell mittelständische, mehrheitsdeutsche Menschen ansprechen.“&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;IV. „Schönes Leben ... oh Gott, das ist eine ganz schön komplizierte Frage“ - Schlussfolgerungen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Befragung der Demo-TeilnehmerInnen hat gezeigt, dass die Bandbreite dessen, was als Prekarität oder Prekarisierung begriffen wird, sehr groß ist und deshalb auch die Selbsteinschätzungen ob der eigenen Betroffenheit sehr unterschiedlich sind. Angefangen von einem jungen Mann, der von 400 Euro lebt und dies als so ausreichend empfindet, dass er sich nicht als prekär sieht, bis hin zu einem Lehrer, der die fehlende Möglichkeit, nichtsanktioniert und ohne Einbußen (zeitweilig) aus dem Job auszusteigen als Prekaritätskriterium benennt, erstrecken sich die Selbsteinschätzungen und Prekaritätsbestimmungen.&lt;br /&gt; Die überwiegende Mehrheit der Befragten hat die eigene Lebens- und Arbeitssituation als eindeutig oder bedingt prekär bezeichnet. In fast allen Gesprächen wurde deutlich, dass die Befragten nicht ausschließlich für andere demonstrierten, sondern dass sie sich selber als Betroffene der Verhältnisse sahen oder sehen.&lt;br /&gt; Insbesondere die immer wieder zu findende Einstufung „bedingt prekär“ und die Begründung für die durch „bedingt“ angedeutete Einschränkung sagen viel über die Prekaritätskriterien der Leute aus: In dieser Gruppe finden sich vor allem diejenigen, die zum Beispiel in sehr entgrenzten (also wenig Privatleben lassenden) Jobs arbeiten oder eine komfortable Befristung haben (zum Beispiel eine Vollzeitstelle auf drei Jahre), aber materiell ganz gut abgesichert sind. Es ist in den entsprechenden Interviews eine große Vorsicht zu spüren, sich selbst als prekär einzustufen, auch wenn Unzufriedenheit über die Arbeitsbedingungen bekundet wird. In diesem Zusammenhang war auch das ein oder andere Mal die Sprache vom „Luxusprekariat“, um die eigene Situation von der imaginierten Lidl-Verkäuferin abzugrenzen. Dennoch bleiben die finanzielle Lage und ökonomische Zwänge die wichtigsten Kriterien, um sich selber das Label „prekär“ zu verpassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Arbeit wird in den Interviews als der bestimmende Faktor im eigenen Alltag erlebt – sei es aufgrund der Fülle an Zeit, die mit Erwerbsarbeit oder Erwerbsarbeitssuche verbracht wird, oder aufgrund der Bedeutung für die existenzielle Sicherung. Finanziell über die Runden zu kommen ist auch für Leute mit Erwerbsarbeit problematisch. „Die Organisation des eigenen Alltags und dafür zu sorgen, dass man nicht abrutscht [nimmt] immer mehr Zeit und Raum ein.“&lt;br /&gt; So überrascht es auch kaum, dass Prekarität von den Befragten fast ausschließlich in Bezug auf Lohnarbeit definiert wird, wobei die folgenden Aussagen, wie bereits angedeutet, als Kriterien für Prekarität eine deutlich geringere Rolle spielten als die konkrete materielle Situation und die beruflichen Planungsperspektiven: „kein Arbeitsvertrag“, „keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung“, „Entgrenzung von/zu viel Arbeit!“, „Notwendigkeit, neben dem Studium zu jobben“, „zu viel Arbeit für zu wenig Geld“, „Erwerbszwang bzw. keine nicht-sanktionierte Möglichkeit des Ausstiegs“.Bemerkenswert ist, dass sich abgesehen vom Kriterium des Hartz-IV-Bezugs alle Nennungen auf die Verfasstheit der ausgeübten Lohnarbeit beziehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie nicht anders zu erwarten stehen die Beschreibungen der Lebenssituationen im Widerspruch zu dem, was sich die Leute eigentlich unter einem ‚schönen Leben’ vorstellen. So werden auf diese Fragen bereits die grundsätzliche Lebenssicherung betreffende Dinge, wie genügend Essen, Kleidung, Teilhabe an Kultur und Freizeit und „ein Einkommen, von dem man leben kann“ genannt. Bei circa zwei Dritteln der Interviewten ist die Frage nach einem schönen Leben direkt oder indirekt verbunden mit der Umverteilung von Arbeit, Verbesserung der Arbeitsverhältnisse oder dem Wunsch nach einer Gesellschaft, in der der Zwang zur Lohnarbeit aufgehoben ist. Nicht auf Kosten anderer zu leben, eine Gesellschaft ohne Ausschlüsse und die Möglichkeit zur Selbstbestimmung unabhängig von Geschlecht und Herkunft waren weitere häufige Wünsche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In den Interviews wird aber auch darauf hingewiesen, dass wir uns beim Aufbau einer anderen Gesellschaft oftmals selber im Weg stehen: „Ich kenne das auch, gerade auch Anerkennung über die Arbeit zu bekommen und es ist schwer, da herauszukommen. Weil mein Umfeld dann doch kein Verständnis hätte, wenn ich sagen würde, ich hab heute Mittag keine Zeit, ich will ins Schwimmbad. Ich habe schon überlegt, ob ich eine fiktive Arbeitsgruppe gründe und die dann fiktiv in meinen Kalender eintrage, um dann genau ins Schwimmbad gehen zu können.“ Per Selbsttäuschung ins Schwimmbad dürfte nur eine von vielen Alltagsstrategien sein, die zu Tage treten, wenn wir unsere eigenen Arbeits- und Lebensverhältnisse zum Gegenstand der Untersuchung machen. Letztlich dürften die Antworten auf die Frage, wann, wo und wie wir uns selbst im Wege stehen, die interessantesten Ergebnisse für die Frage erbringen, wie Organisierung in Zeiten des prekären Lebens aussehen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wir bedanken uns herzlich bei allen, die bei der Umfrage am 1. Mai mitgewirkt haben!&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 12:57:08 +0000</pubDate>
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 <title>Moderner Klassenkampf mit Fragebogen</title>
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                    &lt;p&gt;Ein Interview mit AktivistInnen des Berliner Mayday und der Berliner Gruppe&lt;br /&gt;
Für eine linke Strömung (FelS) über die Untersuchungen auf der Mayday-&lt;br /&gt;
Parade und während der Berlinale&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Ein Interview mit AktivistInnen des Berliner Mayday und der Berliner Gruppe &lt;em&gt;Für eine linke Strömung (FelS)&lt;/em&gt; über die Untersuchungen auf der Mayday-Parade und während der Berlinale&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Ihr habt alle Erfahrungen mit Untersuchungen gemacht und zwar einerseits im Rahmen der Kampagne „Mir reicht‘s … nicht!“ (MRK) und andererseits während der Berliner Mayday Parade. Wie seid ihr darauf gekommen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Das kam dadurch zustande, dass der Hamburger Mayday die MRK gemacht hat und darin als eine Station auch die Berlinale gesehen hat. Wir haben dann festgestellt, dass wir relativ wenig über die Situation dort wissen und überlegten, wie wir an Informationen über die Arbeitssituation vor Ort rankommen. Daraus ergaben sich erste Interviews mit Kinobeschäftigten: Wir waren auf der Suche nach Konflikten und wollten wissen, wie das Beschäftigungsverhältnis für diese Leute aussieht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Die MRK sah ursprünglich drei Etappen vor. Bei der ersten Etappe auf der Documenta ging es darum, kollektiven und individuellen Konflikten nachzuspüren, um ein Verständnis für die alltäglichen Lebensrealitäten von prekarisierten KünstlerInnen oder KunstvermittlerInnen zu entwickeln. Diese gelten Neoliberalen ja oft als ‚role model’. Dieses erste Stadium wurde vom Hamburger Mayday-Bündnis alleine in Angriff genommen, sie sind während der Documenta rumgelaufen und haben Interviews geführt und gleichzeitig zu einem kollektiven Reviewing-Prozess eingeladen. Dort wurde versucht, sowohl Konflikt- als auch Verbindungslinien nachzugehen und die gesammelten Aussagen zu diskutieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die zweite Etappe war ursprünglich für den Verdi-Bundeskongress geplant, wo die HamburgerInnen mit Gewerkschaftsmitgliedern und GewerkschaftssekretärInnen Interviews führen wollten, um die ambivalente Rolle von Gewerkschaften im Prozess der Prekarisierung zu thematisieren. Diese Etappe fand schließlich aus verschiedenen Gründen nicht statt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Berlinale schließlich war als Endpunkt der Kampagne gedacht, vor allem weil sie ein öffentlicher, sich als ‚gesellschaftskritisch’ sehender Ort ist, an dem sich deutliche Ambivalenzen zeigen: zahlreiche Prekarisierte inmitten des Glamours, wobei Glamour und Prekarisierung gerade auf der Berlinale immer aufeinander verweisen. Die Berlinale polarisiert, dort werden – bei genauem Hinsehen - soziale Realitäten und Verschiebungen von Arbeits- und Lebensverhältnissen sichtbar, die exemplarisch für den Prozess der Prekarisierung stehen. Es ging zunächst darum, überhaupt erst einmal zu erfassen, was das konkret für die Menschen bedeutet und welche individuellen aber vor allem verbindenden Perspektiven sie darüber hinaus haben. Uns als FelS war es zudem ein Anliegen, Momente von möglicher Selbstorganisierung und Widerstand freizulegen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Julika: &lt;/em&gt;Bevor wir selbst aktiv geworden sind, haben wir die Umfrage der HamburgerInnen beobachtet und fanden es spannend, wie durch eine solche Befragung die Lebenssituationen und auch die Selbsteinschätzungen und -wahrnehmungen der befragten Personen rausgekitzelt wurden. Das hat uns inspiriert. Zudem gab es in Wien auch eine Befragung, die explizit „militante Umfrage zu prekären Lebenssituationen“ genannt wurde. Diese beiden Versuche haben uns animiert, eine Selbststudie beim Berliner Mayday zu machen. Wir wollten wissen: Wer sind wir eigentlich, der Berliner Mayday? Ein weiterer Motivationsfaktor war unser Eindruck, prekäre Lebenssituationen würden sehr häufig nur als individuelles Problem wahrgenommen. Viele von uns erfahren die Folgen der Prekarisierung in ihrem eigenen Lebensalltag und suchen sich Wege, damit umzugehen. Entweder individuell oder in Kleingruppen – sei es das Hausprojekt, die Familie, der Freundeskreis. Wir wussten aber auch, dass die eigenen Lebensumstände unter vielen AktivistInnen und auch in Politgruppen selten thematisiert werden, was auch das politische Arbeiten und das Miteinander im Politikbetrieb beeinflusst. Wir wollten also zweierlei erreichen: Erstens unsere ‚Vereinzelungs-These’ überprüfen und zweitens gucken, ob sich darüber hinaus durch die Befragung Auswege finden lassen, ob Ideen und Strategien existieren, über die wir zuvor noch nicht nachgedacht hatten. Wir wollten eine Diskussion unter den TeilnehmerInnen des Berliner Mayday in Gang setzen: Wer ist warum da und was für Potenziale oder Grenzen bringt die ganz alltägliche prekäre Lebenssituation mit sich – auch in Hinblick auf politische Arbeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Das könnte man auch umformulieren: Demonstriert man beim Mayday, weil es einem um ein moralisch-politisches Anliegen geht oder geht es vielleicht auch um die eigene Involviertheit?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Wie sah das Untersuchen als Tätigkeit konkret aus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Bei der Berlinale-Befragung war ja die ‚Zielgruppe’ – um es mal so zu bezeichnen – sehr diffus, das waren Reinigungskräfte in den einzelnen Kinos, KartenabreißerInnen, VorführerInnen, Security, Selbstständige, PraktikantInnen – also ein ganz weites Feld. Wir hatten zunächst vor allem das Problem, dass wir kaum direkte Kontakte zu jemand hatten. Und die zwei Wochen Berlinale sind ein relativ kurzer Untersuchungszeitraum, in dem die Beschäftigten noch dazu total viel zu tun haben. Wir haben also schon Monate zuvor begonnen, mit einem ausgearbeiteten Gesprächsleitfaden in Kinos zu gehen. Ursprünglich war die Idee, dort ad hoc kurze Interviews zu führen und die Leute dann noch mal zu einem längeren Interview einzuladen. Dort hätte es auch stärker um die Perspektive jenseits von individualisiertem Umgang mit der Erfahrung von Prekarisierung gehen sollen. Die langen Interviews kamen allerdings nie zustande: Wir haben zwar zu einem Termin eingeladen, aber da kam dann niemand. Ansonsten haben wir Ad-hoc-Interviews bei einer Aktion vor dem Berlinale-Vorbereitungsbüro am Potsdamer Platz geführt, wo wir in erster Linie mit den PraktikantInnen geredet haben. Es wurden Kontakte geknüpft, so dass wird danach im privaten Rahmen noch ein paar längere Interviews mit anderen Beschäftigten führen konnten.&lt;br /&gt; Zunächst basierte alles auf dem eben erwähnten Gesprächsleitfaden, gerade bei längeren Interviews mussten wir jedoch oft stark davon abweichen, so dass es eher explorative qualitative Interviews wurden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Allerdings schwammen wir sehr lange bei der Frage, wer jetzt für uns als BefragteR ‚relevant’ ist bzw. ‚wen’ wir eigentlich gerade untersuchen. Oder anders: Wen können wir überhaupt untersuchen? Wir hatten immer diese zwei Pole – einerseits die ‚Niedriglohnprekarisierten’ und dann die ‚Kreativprekarisierten’ und wollten die Frage nach dem Gemeinsamen stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis: &lt;/em&gt;Schade ist auch, dass wir es trotz guter Vorsätze nicht mehr geschafft haben, Interviews noch während der Berlinale zu führen. Uns ist einfach die Zeit ausgegangen, wir hatten den Aufwand unterschätzt und irgendwie war dann Stress mit der Vorbereitung der Gala, auf der wir Ergebnisse präsentieren wollten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Julika:&lt;/em&gt; Bei der Mayday-Untersuchung hatten wir ja im Gegensatz zur Berlinale einen relativ langen Vorbereitungszeitraum, in dem wir uns erst mal überlegen mussten, was wir überhaupt genau wissen wollten und wo wir mit unserer Umfrage hinwollten. Es gab durchaus unterschiedliche Motivationen und Perspektiven und wir haben dann versucht, ausgehend von unseren Interessen Fragecluster zu bilden und uns mit Brainstormings an das Thema anzunähern. Die konkrete Umsetzung fand auf dem Berliner Mayday statt, dadurch war die Zielgruppe sehr klar. Die Umfrage bestand schließlich aus einer Art Baukastensystem. Wir hatten einerseits Leute, die eine Teilnehmende Beobachtung durchgeführt und einen subjektiven Eindruck davon geliefert haben, wie das Geschlechterverhältnis war, wie viele Leute mit Kindern da waren, ob und wie viele Plakate hochgehalten wurden oder ob es Sprechchöre gab. Die eigentliche Umfrage hatte einen quantitativen und einen qualitativen Teil. Die quantitative Umfrage bestand in einem Fragebogen, der vor allem die Lebenssituation der Menschen abgefragt hat, also das Alter, den Beruf, ob sie Studis sind und Kinder haben, wie sie wohnen. Auch zur Frage der politischen Organisierung haben wir Fragen gestellt. Bei der qualitativen Umfrage liefen Leute mit Aufnahmegeräten rum. Wir hatten uns vorher Fragen überlegt, die einerseits den Bereich der Lebenssituation abdecken und dann das individuelle Verständnis von Prekarisierung abfragen, auch wie man sich selbst dazu ins Verhältnis setzt. Weil das Motto des Mayday ‚Organisiert das schöne Leben!‘ ist, fragten wir, was für die Leute überhaupt ‚schönes Leben’ bedeutet und wie sie es organisieren. Schließlich haben wir noch Postkarten verteilt. Dort standen Fragen drauf wie „Was machst du am 2. Mai?“ Wir wollten damit die Leute auffordern, im Freundeskreis, auf der Demonstration oder zu Hause am Küchentisch zu diskutieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Was waren denn zentrale Probleme und Hindernisse bei euren Untersuchungen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Julika:&lt;/em&gt; Ein Problem war erst mal die Frage, worauf wir uns konzentrieren. Was wollen wir überhaupt wissen und wo wollen wir damit politisch hin? Das ist ein großer Themenkomplex, an den wir uns zwar diskursiv so weit wie möglich angenähert haben, aber ich glaube, dass wir es nicht geschafft haben, eine ‚Superkomplettmasterplanlösung’ zu entwickeln. Das zweite Problem war die große Datenmenge – es hat doch einen ganzen Stab an Leuten mit viel Zeit gebraucht, um den Interviewbogen auszuwerten und dann diese Informationen auch in politische Projekte oder einen diskursiven Prozess umzusetzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Das Problem bei der Berlinale war von vornherein die knappe Zeit, dadurch waren wir irgendwann ziemlich in Bedrängnis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Die Berlinale hatte eine doppelte Funktion: Zum einen war es immer noch ein Befragungs- und Verständigungsprojekt, aber auf der anderen Seite war es auch Abschluss einer Kampagne, also sollte am Schluss auch irgendwas öffentlich Präsentables rauskommen. Diesem Zwang Genüge zu leisten bedeutete, einerseits zu befragen und gleichzeitig daraus irgendwelche Ergebnisse zu ziehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Bei der Berlinale waren zum Schluss alle im Stress, sowohl Befragte als auch Befragende. Interessant war jedoch, dass einige Befragte bei der Berlinale ihre Arbeitssituation gar nicht als problematisch gesehen haben. Sie haben schon die Widersprüche benannt, aber oftmals war es so, dass zum Beispiel PraktikantInnen oder Leute, die dort als LichttechnikerInnen arbeiteten, das als Sprungbrett gesehen haben. Für die ist das ein Prestigeding, dass sie da arbeiten können und sie machen das irgendwie auch gerne. Eine Regisseurin hat erzählt, dass ihre Mutter für drei Monate nach Berlin gezogen ist, um auf ihr Kind aufzupassen, damit sie Vollzeit für die Berlinale arbeiten kann und das fand sie gut so. Mit diesen Aussagen muss man umgehen, denn es ist deutlich geworden, dass einige Leute Prekarisierung eben nicht einfach nur scheiße finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Das fasst eine der Ambivalenzen von Prekarisierung gut zusammen. Wir hatten auch noch andere Schwierigkeiten. Im Vorfeld haben wir uns zum Beispiel stark den Kopf zerbrochen, mit welcher Position wir auftreten wollen. Denn wir waren Befragende und als solche distanziert, gleichzeitig haben wir versucht, Anknüpfungspunkte zu finden und auf ähnliche Konfliktmuster in unseren Lebensrealitäten zu verweisen. Dennoch waren wir eben nicht ‚vom Fach’. An sich hat die Befragung dann trotzdem ganz gut geklappt, aber ich glaube, dass mitunter das Interesse von Leuten größer gewesen wäre, wenn wir nicht so als Leute ‚von außen’ erschienen wären.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Es gab eben ein zweifaches Interesse: Das eine war das Aufspüren von Konflikten, bzw. überhaupt der Versuch, der individualisierten Bewältigung von Prekarisierung nachzugehen und zu schauen, ob es kollektive Bewältigungs- oder Widerstandsformen gibt. Und zweitens eben auch ein Interesse daran, mögliche Organisierungsprozesse zu initiieren. Gerade bei diesem Punkt stellt sich die Frage, ob wir überhaupt Angebote formulieren können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Julika:&lt;/em&gt; Wir hatten sehr große Bedenken, dass Leute aus Angst, Informationen über sich preiszugeben, nicht mitmachen. Entsprechend waren wir positiv überrascht, dass das ganz selten passiert ist. Ganz im Gegenteil war das Interesse recht groß. Wenn man da stand und einen Fragebogen ausgefüllt hat, kamen häufig gleich mehrere Leute und haben gefragt, was wir machen. Das Bedürfnis, etwas über sich und sein Leben zu erzählen, ist schon da – das ist in Hinblick auf die methodische Herangehensweise an eine militante Untersuchung durchaus eine wichtige Feststellung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Auf der Abschlussveranstaltung wurde in erster Linie die Form der szenischen Lesung gewählt, in der sehr viele Zitate aus den Berlinaleund Documenta-Interviews zusammengefasst wurden. Dabei wurden Widersprüchlichkeiten, Ambivalenzen und auch Absurditäten des prekarisierten Lebens sehr deutlich. Diese Form war ursprünglich angedacht worden, um überhaupt einen Aufhänger für eine gemeinsame Diskussion herzustellen, auch darüber, wie man rauskommen kann aus diesem Hamsterrad der individualisierten Bewältigung. Diesen Kommunikationsprozess haben wir allerdings im Rahmen der Gala nicht so erfolgreich herstellen können, vor allem weil die Veranstaltung viel zu gut besucht war, um überhaupt noch so etwas wie eine Diskussion zu ermöglichen. Eine einzige Veranstaltung ist dafür sicherlich zu kurz, wir hätten beispielsweise Workshops machen müssen. Dem Anspruch, einen Organisierungsprozess zu initiieren, konnten wir so jedenfalls nicht gerecht werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Was habt ihr daraus gelernt, was zieht ihr politisch für Schlüsse aus euren Projekten? Wird es in Zukunft weitere Untersuchungen geben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Arnd:&lt;/em&gt; Es steckt sicher eine ganze Menge Potenzial in dieser Form der politischen Intervention und wenn man es sehr akribisch macht, ist dort durchaus politischer Mehrwert zu holen. Man muss sich allerdings im Vorfeld viele Gedanken darüber machen, wie man das organisiert und welchen Bereich man sich aussucht. Militante Untersuchung ist immer zunächst eine Methode und man sollte sie auch in diesem Sinne einsetzen. Ich glaube, in Zukunft würde ich das auf einen sehr langen Zeitraum ansetzen, um Veränderungen und Prozesse besser beobachten und begleiten zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Julika:&lt;/em&gt; Meines Erachtens hat eine militante Untersuchung großes Potenzial, es gibt aber auch Risiken, zu denen vor allem die Fehleinschätzung von Ressourcen und Aufwand gehört. Ich glaube trotzdem, dass da spannende Möglichkeiten drinstecken: Es ist eine Möglichkeit, Leute einzubinden und selbst zu Wort kommen zu lassen, die nicht in den klassischen Politstrukturen drinstecken. Ich hab den Eindruck, dass das eine Möglichkeit für Selbstverständigung und Reflektion bietet – auch für die Befragenden selber. Es ist auch für uns interessant gewesen, was Leute aus einem völlig anderen Umfeld unter Prekarisierung verstehen und was die für sie wichtigen Themen sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dennis:&lt;/em&gt; Letztlich geht es uns in gewisser Weise darum herauszufinden, wie so etwas wie ‚moderner Klassenkampf’ in der Zukunft aussehen kann.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 12:42:52 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Und Action!</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/und-action</link>
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                    &lt;p&gt;Aktionsforschung, auch Tat- oder Handlungsforschung genannt, heißt ein sozialwissenschaftlicher Ansatz, der üblicherweise folgende Merkmale aufweist: Erstens nehmen ‚Laien’, also Nicht- WissenschaftlerInnen an der Forschung teil. Die Teilnahme soll die Perspektive der professionell Forschenden erweitern und gegebenenfalls korrigieren. Zweitens ist das Ziel der Forschung, mittels einer intervenierenden Aktion ein bestimmtes gesellschaftliches Problem zu lösen oder zu bearbeiten, von dem die Laien und eventuell auch die professionell Forschenden selber betroffen sind. Drittens sollen mit Hilfe der Aktion neue Erkenntnisse über die Wirksamkeit der Intervention selber und über Charakteristika der gesellschaftlichen Strukturen, die durch die (versuchte) Veränderung deutlich werden, gewonnen werden.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Aktionsforschung, auch Tat- oder Handlungsforschung genannt, heißt ein sozialwissenschaftlicher Ansatz, der üblicherweise folgende Merkmale aufweist: Erstens nehmen ‚Laien’, also Nicht- WissenschaftlerInnen an der Forschung teil. Die Teilnahme soll die Perspektive der professionell Forschenden erweitern und gegebenenfalls korrigieren. Zweitens ist das Ziel der Forschung, mittels einer intervenierenden Aktion ein bestimmtes gesellschaftliches Problem zu lösen oder zu bearbeiten, von dem die Laien und eventuell auch die professionell Forschenden selber betroffen sind. Drittens sollen mit Hilfe der Aktion neue Erkenntnisse über die Wirksamkeit der Intervention selber und über Charakteristika der gesellschaftlichen Strukturen, die durch die (versuchte) Veränderung deutlich werden, gewonnen werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Anfänge in der Emigration&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Begriff und das Konzept der Aktionsforschung (action research) wurden ursprünglich in den 1940er Jahren durch den Sozialpsychologen Kurt Lewin entwickelt. Als Deutscher jüdischer Herkunft, Wissenschaftler und Sympathisant des Linkssozialismus emigrierte Lewin 1933 in die USA. Er analysierte den verbreiteten Rassismus gegen Schwarze und Juden und entwickelte eine Theorie gesellschaftlicher Minderheiten. Seine ersten Interventionen waren antirassistische Trainings in den Gemeinden. Außerdem versuchte er, Strukturen in Industriebetrieben zu demokratisieren. Das Einverständnis der Unternehmensleitungen holte er sich mit dem Versprechen, dadurch die Produktivität der Arbeitenden zu steigern. Man erkennt hier die politische Zwiespältigkeit und eine technokratische Seite der ursprünglichen Aktionsforschung. Lewin sieht in ihr „eine vergleichende Erforschung der Bedingungen und Wirkungen verschiedener Formen des sozialen Handelns und eine zu sozialem Handeln führende Forschung.“ Er postuliert: „Eine Forschung, die nichts anderes als Bücher hervorbringt, genügt nicht.“ Ausgangspunkt sei ein Problem und eine Idee der Lösung, die „im Lichte der zu Verfügung stehenden Mittel“ geprüft werden müsse. Die folgenden Schritte bestünden „aus einem Kreis von Planung, Handlung und Tatsachenfindung über das Ergebnis der Handlung.“ Dies sei nicht nur Sache von Hochschulen. Allerdings komme eine „Bedrohung der Sozialwissenschaften … von ‚Gruppen, die an der Macht sind‘. Sie fürchteten, „sie könnten nicht tun, was sie tun wollten, wenn sie und andere wirklich die Tatsachen kennen würden.“ Es komme darauf an, mit Aktionsforschung „etwas wirklich Demokratisches zu schaffen.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das partizipatorische Element des Ansatzes war das Ergebnis einer Intervention von Betroffenen. Ein antirassistisches Training sollte ausgewertet werden, indem Forschende bei einem separaten Treffen die Interaktionen in der großen Gruppe analysieren. Die Laien forderten, an diesen Treffen teilzunehmen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Wie erziehen Linke ihre Kinder?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Durch den Tod Lewins 1947 blieb die Aktionsforschung konzeptionell zunächst in den Anfängen stecken. Erst die 1968er entdeckten den Ansatz neu und verbanden damit Forschung, soziales Engagement und emanzipatorischen Anspruch. Eine marxistische Richtung, die in dieser Tradition steht, ist die Kritische Psychologie, die eine Gruppe um den Berliner FU-Professor Klaus Holzkamp entwickelte. Anfangs noch mit der historischen Fundierung psychologischer Grundbegriffe beschäftigt, wandte man sich gegen Ende der 1970er Jahre verstärkt der aktuell-empirischen Forschung zu. Das erste Projekt hieß Subjektentwicklung in der frühen Kindheit (SUFKI). Gegenstand war die Frage, wie Kinder in Interaktion mit den Eltern zunehmend Mitverfügung über ihre soziale Umwelt erlangen; die Aufmerksamkeit galt den Konflikten in diesem Prozess. Die Eltern führten Tagebücher über ihr Zusammenleben mit den Kindern, insbesondere über Alltagsprobleme wie Konflikte ums Zubettgehen oder ‚Geschwisterrivalität’. Die Interventionen erfolgten jeweils in vier Schritten. Zunächst wurden in der Gruppe Hypothesen über den zugrunde liegenden Konflikt und Lösungsmöglichkeiten gebildet. Falls es Einwände gegen die sich herauskristallisierende Deutung gab, wurden sie einer Analyse unterzogen. Entweder konnten die Widerstände ausgeräumt oder die Deutung musste modifiziert werden. Dann wurde der Lösungsvorschlag ausprobiert. Die Ergebnisse wurden an die Gruppe zurückgemeldet. Verschwand das Problem, konnte dies als pragmatische Bestätigung der Hypothese gewertet werden. Blieb es bestehen, war die Deutung vorerst gescheitert und der Prozess konnte von vorn beginnen. Die theoretische Pointe bestand darin, dass die Vorgänge unter dem Gesichtspunkt individueller Handlungsfähigkeit betrachtet werden; Handlungsfähigkeit beruht auf der Teilhabe an der gemeinsamen Verfügung über die Lebensumstände. Im Licht dieses Konzepts tauchen Fragen nach Macht, Herrschaft und Emanzipation auf. Gleichzeitig verzichtet das SUFKI-Projekt mit seiner pragmatischen Lösungsorientierung weitgehend auf Normen, wie Eltern und Kinder zu sein oder sich zu verhalten haben; derartige Normen werden vielmehr kritisch auf ihre Herkunft befragt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Weitere Projekte erforschten das Verhältnis von Flüchtlingen und Angestellten in Flüchtlingswohnheimen sowie die Rolle von PraktikantInnen in der psychologischen Berufspraxis. Diese Forschungen beleuchten auch die strukturellen Zusammenhänge, das heißt den Einfluss der repressiven staatlichen Flüchtlingspolitik bzw. die fragwürdige Funktion, die der Psychologie in Praxisbereichen wie zum Beispiel in Gefängnissen oder unseriösen Formen der Psychotherapie üblicherweise zugewiesen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nicht alle kritisch-psychologischen Untersuchungen sind partizipativ. Auch werden die Grenzen der Mitforschung diskutiert. Viele Menschen, für deren Lebenssituation sich Forschende interessieren, sind vielleicht bereit, ein Interview zu geben, wollen sich aber nicht an einem längerfristigen Forschungsprozess beteiligen. Auch der heute übliche und zum Teil langwierige Weg, zeitlich begrenzte Projektmittel zu beantragen, macht es nicht leichter, Betroffene einzubeziehen und sich auf einen möglicherweise auch scheiternden gemeinsamen Prozess einzulassen. Kritische Sozialwissenschaft muss auch gesellschaftliche Strukturen erforschen, wenn sie keine Mitforschenden gewinnen kann und der Untersuchungsgegenstand kurzfristig nicht veränderbar ist (zu aktuellen Forschungen siehe &lt;a href=&quot;http://www.kritische-psychologie.de&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.kritische-psychologie.de&lt;/a&gt;).&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Nichts über uns ohne uns&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Als ein Beispiel für die Aneignung der Aktionsforschung durch Marginalisierte können die Disability Studies (DS) gelten. Basis der DS waren zunächst Schriften von behindertenpolitischen AktivistInnen. DS sind interdisziplinär und untersuchen Behinderung vor allem als gesellschaftliches und politisches Problem. Aktionsforschung überträgt Prinzip und Forderung der Behindertenbewegung „Nichts über uns ohne uns!“ („Nothing about us without us!“) auf die Sozialwissenschaft. Neben der üblichen Beteiligung von Betroffenen als Mitforschende (co-research) sind auch die Professionellen in der Regel selbst behindert. Ein aktuelles Projekt in Österreich führte eine Gruppe um Petra Flieger und Volker Schönwiese durch. Gegenstand war das bis dahin unerforschte Portrait eines behinderten Mannes, der Ende des 16. Jahrhunderts lebte. Es handelt sich um eine der ersten Darstellungen eines offensichtlich behinderten Adligen oder Bürgers in der europäischen Malerei. Mitglieder der ‚Referenzgruppe’ waren Angehörige der Behindertenbewegung, Frauen und Männer mit verschiedenen Bildungsabschlüssen, darunter Fachleute und KünstlerInnen. Sie recherchierten historische Fakten, erarbeiteten Interpretationen, analysierten den Umgang des heutigen Kunstbetriebs mit dem Gemälde und dokumentierten die eigene Rezeption. Die abschließende Intervention bestand in einer Ausstellung und der Durchsetzung eines Aufzugs für das betreffende Museum, der auch Gehbehinderten das Bild zugänglich macht. In ihrem Resümee gibt Flieger einige Empfehlungen für Projekte: Möglichst frühe Einbeziehung der Referenzgruppe, Kriterien für deren Zusammensetzung, eine institutionelle Verankerung, das Finden einer gemeinsamen Sprache und die Zahlung einer Aufwandsentschädigung. An anderer Stelle zählt sie potenzielle Probleme auf: So kann es Interessenkonflikte zwischen Professionellen und Laien geben: Die einen haben eine anerkannte Fachpublikation und evtentuell eine Anschlussfinanzierung als Ziel, die anderen setzen unter Umständen eher auf unmittelbare Verbesserungen für ihr Leben; es bestehen wenige Möglichkeiten der Anonymisierung; wegen ungleicher materieller Voraussetzungen kann es zu Machtverhältnissen zwischen den Beteiligten kommen usw.. Andere kritisieren gesellschaftstheoretische Defizite. Es besteht die Gefahr, dass die Aktionsforschung ‚reformistisch’ wird, indem sie gesellschaftliche Probleme nur insofern wahrnimmt, als sie diese mit ihren Mitteln – das heißt Recherchen und kurzfristige Interventionen – lösen kann. Außerhalb der Linken wurde sie auch technokratisch rezipiert, beispielsweise im Management oder der ‚Entwicklungshilfe’. Die Methode kann nur in Verbindung mit kritischen Theorien ihr emanzipatorisches Potenzial entfalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Methode bietet die Möglichkeit, Wissenschaft radikal zu demokratisieren und Gruppen zugänglich zu machen, die bisher davon ausgeschlossen waren. Im besten Fall ist Wissenschaft nicht Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern Kehrseite von egalitärer Teilhabe: Objektivierung und Transparenz der Untersuchung helfen sicherzustellen, dass ihre Ergebnisse nicht nach Herrschaftsinteressen interpretierbar sind und dass die festgestellten Tatsachen mehr Gewicht und Überzeugungskraft haben als hergebrachte Autoritäten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die ‚Militante Untersuchung’ ist die jüngere proletarische Schwester der Aktionsforschung. Sie wurde in den 1960er Jahren zunächst in den italienischen FIAT-Werken durch Basis-AktivistInnen entwickelt und zu Beginn der 1980er auch bei Ford in der BRD angewandt. Sie verwandte Methoden aus dem Arsenal der Aktionsforschung wie die ‚Mituntersuchung’ und die ‚aktivierende Befragung’. Ihr besonderes Merkmal dürfte sein, dass zwar auch WissenschaftlerInnen an ihr beteiligt waren, im Mittelpunkt aber betriebliche und gewerkschaftliche Fragen standen, zum Beispiel Arbeitsbedingungen, Gesundheitsbelastungen und Organisationsformen. Der Begriff der Militanz verspricht zudem auch eine konfrontative Konfliktorientierung, indem auch herrschende Gruppen in den Blick genommen werden. Gelungen ist dies beispielsweise einer Gruppe um den Politikwissenschaftler Peter Grottian. Die Initiative Bankenskandal recherchierte und veröffentlichte Namen von Fondsanlegern, denen die Berliner Bankgesellschaft in sittenwidriger Weise langfristige Gewinne garantiert. Unter den Anlegern findet sich Parteienprominenz von CDU und SPD sowie Banker, Unternehmer und Journalisten. Die Veröffentlichung beförderte die kritische Debatte um den Bankenskandal, der den Berliner Haushalt auf Jahrzehnte milliardenschwer belastet.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 12:25:09 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Colectivo Situaciones</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/colectivo-situaciones</link>
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                    &lt;p&gt;In Argentinien vervielfältigten sich während der 1990er Jahre die Kämpfe für Gerechtigkeit und Würde. Diese Kämpfe, die nach dem Aufstand von 2001/2002 sichtbarer wurden, bestärkten den Widerstand gegenüber der neoliberalen Verkürzung aller Lebensaspekte auf ökonomische Zwecke und gegenüber der offensichtlichen Leere der parlamentarischen Demokratie. Zu den vielen in diese Kämpfe involvierten Bewegungen und Gruppen gehören Erwerbslose, FabrikbesetzerInnen, Menschenrechtsgruppen, öffentliche Stadtteilversammlungen sowie alternative Gesundheits-, Bildungs-, und Kunstprojekte. Viele dieser Initiativen lehnten traditionelle linke Praktiken ab, da diese lokales widerständiges Wissen abwerteten und es einem strategischen Kalkül unterordneten. Sie unterstrichen, dass Intellektuelle sich nicht mehr anmaßen können, das innerhalb der Bewegungen fehlende Bewusstsein zu sein. So erzwangen sie eine Anerkennung der situativ-kreativen Kräfte der sozialen Auseinandersetzung und Kämpfe.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;In Argentinien vervielfältigten sich während der 1990er Jahre die Kämpfe für Gerechtigkeit und Würde. Diese Kämpfe, die nach dem Aufstand von 2001/2002 sichtbarer wurden, bestärkten den Widerstand gegenüber der neoliberalen Verkürzung aller Lebensaspekte auf ökonomische Zwecke und gegenüber der offensichtlichen Leere der parlamentarischen Demokratie. Zu den vielen in diese Kämpfe involvierten Bewegungen und Gruppen gehören Erwerbslose, FabrikbesetzerInnen, Menschenrechtsgruppen, öffentliche Stadtteilversammlungen sowie alternative Gesundheits-, Bildungs-, und Kunstprojekte. Viele dieser Initiativen lehnten traditionelle linke Praktiken ab, da diese lokales widerständiges Wissen abwerteten und es einem strategischen Kalkül unterordneten. Sie unterstrichen, dass Intellektuelle sich nicht mehr anmaßen können, das innerhalb der Bewegungen fehlende Bewusstsein zu sein. So erzwangen sie eine Anerkennung der situativ-kreativen Kräfte der sozialen Auseinandersetzung und Kämpfe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Argentinien benutzen Fußballspieler die Redensart &lt;em&gt;poner el cuerpo&lt;/em&gt; (den Körper einsetzen), um einen intensiven Einsatz im Spiel zu bezeichnen. Die Wendung bezieht sich auf diejenigen, die sich nicht auf präzise Pässe oder geschicktes Dribbling verlassen, sondern ihren Mut und kämpferischen Geist dazu nutzen, gefährliche Gegner aufzuhalten oder durch die Verteidigungslinien zu brechen. &lt;em&gt;Colectivo Situaciones&lt;/em&gt;, ein Kollektiv aus Buenos Aires, benutzt diese Redensart, um auf die Phänomenologie militanter Untersuchungen zu verweisen: eine Form des Denkens und des politischen Handelns, von und für das konkrete Leben, das den Körper dort einsetzt, wo Handlungsmacht (potencia) darum kämpft, Gegenmacht zu werden. Die Schule, durch die &lt;em&gt;Colectivo Situaciones&lt;/em&gt; gegangen ist, war ein vielschichtiger und intensiver Prozess. Er basierte auf einer andauernden, kollektiven Reflexion des Erbes radikaler Kämpfe in Argentinien und Lateinamerika. Die wichtigste Quelle der Inspiration waren dabei die Ausdrucksformen der neuen eigenständigen und handlungsmächtigen Basis.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Hauptdarsteller im eigenen Leben&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Colectivo Situaciones&lt;/em&gt; schlägt die Figur des ‚militanten Forschers‘ vor, um zu definieren, wie eine kritisch-solidarische Anknüpfung an historische Revolutionen und Kämpfe heute gedacht werden kann: als Engagement für die Überzeugung, dass die Geschichte von Menschen gemacht wird. Der militante Forscher macht sich dieses Konzept zu Eigen und stellt gleichzeitig klar, dass Geschichte nicht unmittelbar durch eine abstrakte ‚Menschheit‘ in all ihren Ausprägungen (die Massen, die Arbeiter, die Multitude) gemacht wird. Das Konzept nimmt vielmehr an, dass jedeR in der Situation, in der er oder sie lebt, verantwortlich ist. Unsere Zukunft, unsere Subjektivität und unsere Existenz werden durch konkrete Lebenslagen definiert, durch (Mit-)Leidenschaft und Wünsche für uns und andere.&lt;br /&gt; Wenn Handlungsmacht das ist, was zwischen unserem Wunsch, etwas zu tun, und der eigentlichen Handlung liegt, kann Widerstand heute nicht mehr als das Formulieren der richtigen Theorie, des richtigen Aktionsplans, begriffen werden. Das Problem ist weder ein Mangel an aufrichtiger Überzeugung, dass die Welt verändert werden muss, noch geht es darum, die richtige Antwort auf die Frage „Was kann getan werden?“ zu haben. Militante Forscher versuchen, mit praktischen Taten zu antworten. Nicht durch das Einnehmen einer anti-intellektuellen Position, wie sie im Aktivismus manchmal in Form von Praxis statt Theorie vorhanden ist, sondern in Form einer Militanz, die Praxis und Theorie eng miteinander verbindet.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Politische Grenzen von akademischer Forschung und traditioneller Militanz&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Ausdruck ‚Militante Untersuchung‘ und die entsprechende Praxis kamen in einer Situation auf, als diejenigen, denen die Gesellschaft die Rolle als Denker und Kreative zuschreibt, nicht mehr an der Emanzipation interessiert waren, während diejenigen, die immer noch praktische Politik im Sinne einer Emanzipation vom Kapitalismus machten, nicht mehr zu denken schienen. Erstere saßen in ihrer Existenz als hochprofessionelle, instrumentalisierte und bürokratisierte Gelehrte fest - Produkte und Produzenten von Institutionen, die sich zusehends von denjenigen abwandten, die sich in praktischen Kämpfen engagierten. Letztere predigten immer noch die gleichen Revolutionsmodelle und merkten dabei nicht, dass sie sich immer weiter von den stattfindenden Kämpfen isolierten.&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Colectivo Situaciones&lt;/em&gt; zufolge trennen die institutionellen Mechanismen akademischer Forschung ForscherInnen vom Sinn ihrer Tätigkeit. Akademische Forschung bestätigt sich darüber, dass sie eine Situation von außen untersucht. Sie bedarf der Konstruktion eines von der untersuchten &lt;em&gt;Situation und Handlung&lt;/em&gt; unabhängigen Standpunktes. Akademische ForscherInnen bauen um sich herum eine Maschine, die Wissen über Aktionen und AkteurInnen produziert. Dieser Mechanismus verarbeitet die Fragen, die das Studienobjekt aufwirft, indem er die in der Forschungssituation vorhandenen Ressourcen anwendet, um „dem Objekt Werte, Interessen, Zugehörigkeiten, Ursachen, Intentionen und unbewusste Motive beizumessen“ (&lt;em&gt;Colectivo Situaciones&lt;/em&gt;). Es besteht für die ForscherInnen keine Notwendigkeit, sich selbst zu untersuchen.&lt;br /&gt; Umgekehrt begreifen sich traditionelle AktivistInnen manchmal als Menschen mit höheren moralischen Werten. Das macht ihre Herangehensweise jedoch keineswegs weniger objektivierend als die der akademischen Forschung. Ihre Position ist immer schon von bestimmten Strategien strukturiert, die das Wissen von dem Ort ausschließen, von dem aus sie die ‚Subjekte‘ beurteilen. Weil die Beziehungen zu Gruppen, mit denen sie zusammenarbeiten, immer ‚taktisch‘ sind, gibt es niemals die Erfahrung einer Beziehung, in der beide Seiten sich öffnen, um nach und nach ihre Ähnlichkeiten zu entdecken.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Erforschung der Handlungsmacht&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Eine Militante Untersuchung ist laut &lt;em&gt;Colectivo Situaciones&lt;/em&gt; eine Forschung ohne Objekt. Es ist eine Praxis, die mehr darauf fokussiert, Fragen zu stellen als Antworten zu produzieren. Die Forschung konzentriert sich auf Elemente der neuen Gesellschaftlichkeit, die innerhalb der Bewegungen entsteht. Sie betrachtet die Phänomenologie der Mikromächte und molekularen Beziehungen, die sowohl die Forscher als auch die Bewegungen, in denen sie arbeiten, produzieren. Militante Forschung hat keine strategischen Zwecke oder Ziele, kein erwartetes Ergebnis jenseits des ‚hier und jetzt‘. Sie ist keine Forschung, die durch engagierte Individuen ausgeführt wird, sondern eine Haltung, in der Engagement und Forschung ununterscheidbar werden.&lt;br /&gt; Das Verschwimmen der Grenzen spricht für den immanenten und qualitativen Charakter der Beziehung. Für den militanten Forscher ist Immanenz nicht damit vergleichbar, ‚Insider‘ der Gruppe zu werden, mit der er oder sie Forschung betreibt. Immanenz entfernt den militanten Forscher von der ‚Insider/Outsider‘-Frage, da sie die Mechanismen in Frage stellt, die Subjektivität, in Bezug auf schon kodierte Repräsentationen von innen und außen, produzieren. Immanenz braucht die ständige Konstruktion der Beziehung. Die Operation, die durch die Militanten Untersuchungen begonnen wurde, braucht eine ständige Bemühung aller Seiten, neue Werte und Bedeutungen zu produzieren, weil ihre Praxis mit den Werten und Bedeutungen, welche die subjektive Basis des Kapitalismus konstituieren, konkurriert. Diese Operation schließt die Schaffung eines bestimmten zeit-räumlichen Kontinuums ein, dessen Bedeutungshorizont autonom von Zeit und Raum des Staates und des Marktes ist. Von diesem zeit-räumlichen Kontinuum, das Militante ForscherInnen produzieren und bewohnen, lassen sich Verbindungslinien zu anderen Kämpfen und Untersuchungen ziehen, die ebenfalls auf eine neue Gesellschaftlichkeit und alternative Bilder des ‚guten Lebens‘ abzielen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kampf um den kreativen Geist&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Aufgabe der Militanten Untersuchung ist es, Bewegungen in der Re-Interpretation ihrer Errungenschaften zu begleiten. Das ist keine mentale Übung, sondern eine Form, der täglichen Existenz anders zu begegnen, fähig zu sein, rigide interpretative Formeln herunterzubrechen und neue Sensibilitäten zu erwecken. In Kontinuität dessen, was über Jahre der intensiven Kommunikation und Assoziation mit der Basis an Handlungsmacht und Wissen erworben wurde, konzentriert sich &lt;em&gt;Colectivo Situaciones&lt;/em&gt; heute darauf, mit seinen militanten Untersuchungen einen Zugang zum Wissen um jene Kämpfe aufzubauen, die geeignet sind, den kreativen Geist wieder herzustellen, der durch die Kämpfe in den Monaten vor und nach dem Aufstand im Dezember 2001 entfacht wurde.&lt;/p&gt;


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