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 <title>arranca! - Militanz</title>
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 <title>Gesellschaft oder Ghetto</title>
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                    &lt;p&gt;Lutz Taufer, ehemaliges Mitglied der RAF, nimmt aus dem Gefängnis Stellung zur Debatte um die Niederlegung des bewaffneten Kampfs.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Es gab immer Widersprüche in der Gefangenengruppe, und es gibt sie, so auch 1992. Die Ursachen sind vielfäl­tig, aber die Kontraste gehen in letzter Konsequenz auf die Frage Gesellschaft oder Ghetto zurück.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt unter uns welche, die Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre die Erfahrung einer antisystemischen und emanzipativen Bewegung gemacht haben, die angetrieben war, Verantwor­tung übernehmen zu wollen für ein gesellschaftliches Ganzes. Aus dieser Zeit ist die RAF entstanden. Und es gibt Gefangene, die aus einer Zeit kommen, in der dieses Erlebnis, diese Erfahrung, dieses Selbstverständnis vom politischen nicht ohne weiteres zu haben war. Ich denke, der Unterschied liegt vor allem dort, wo jene Bewegung versucht hat, Abgrenzungen zu durchbrechen, ist das Ghettobewußtsein darum bemüht, Ab­grenzungen zu errichten. Die von einer gespenstischen Substanzlosigkeit gekenn­zeichnete Debatte des Jahres 1992 „revo­lutionär&quot; vs. „reformistisch&quot; ist nur noch der letzte Beweis dafür. In Wirklichkeit geht es nicht um „revolutionär&quot; oder „reformistisch&quot;, sondern um Ghetto oder Gesellschaft. Ein Bewußtsein gesamtge­sellschaftlicher und gesamtpolitischer Verantwortung kann offenbar durch Dis­kussion und Aufklärung darüber nicht erreicht, es kann nur durch praktische Erfahrungen erlernt, akkumuliert wer­den. Entweder in einer existierenden oder sich entwickelnden Aufbruchsbe­wegung oder, wo es das nicht gibt, in jenen gesellschaftlichen Gegenden, „wo der Reformismus lauert.&quot; Also in jenen Bereichen, in denen Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Jan Carl Raspe und Holger Meins ihre ersten politischen Lernprozesse machten: in den Bereichen Jugendarbeit, Erziehung und Kultur der sechziger und siebziger Jahre. Müßten diese heute unter die Augen unserer „Revolutionäre&quot; treten, sie würden mit Sicherheit als „Reformisten&quot; entlarvt und ein für alle mal ausge­grenzt werden. Sicher, sie hatten damals den Faschismus im Rücken, wo hinter uns heute der Zusammenbruch des Realsozialismus liegt. Das verändert die Aus­gangsbedingungen. Dennoch: der Weg in jene Gegenden, wo der Reformismus lauert, ist zweifellos ein riskanter und schwieriger Weg - aber der Weg ins Ghetto ist sinnlos. Was sich zwischen Anfang 1989 und Ende 1992 in unseren Zusammenhängen an Widersprüchen und Denk- und Handlungsblockaden entwickelt hat, ist bestimmt von dieser unaufgelösten Spannung zwischen den beiden Polen Ghetto und Gesellschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn im Jahr 1992 ein Bundesminister der Öffentlichkeit den Gedanken in den Kopf gesetzt hat, RAF-Gefan­gene müßten freigelassen werden, wenn dieser simple politische Tatbestand eine breite öffentliche Diskussion ausgelöst hat, dann handelt es sich bei diesem Vorgang um ein Ereignis auf politisch- gesellschaftlicher Ebene. Vollkommen gleichgültig, was hinter dieser Kinkel-, KGT-, oder was-weiß-ich-für-eine Initia­tive sonst noch stecken mag. Wenn es uns nicht gelungen ist, diesen einfachen politischen Tatbestand für uns zu ent­wickeln, weiterzuziehen, auszubauen, dann nicht deshalb, weil die RAF eine reformistische Erklärung abgegeben oder irgendein Geheimdienstklüngel sich Counterstrategien ausgedacht hat, sondern weil die Gefangenengruppe und Scene sich am unaufgelösten Widerspruch zwi­schen Ghetto und Gesellschaft seit Jah­ren gegenseitig blockiert und längst in die Handlungsunfähigkeit manövriert hat. Wenn sich die Gefangenengruppe ein Jahr lang nicht gerührt hat, um danach festzustellen, unser Feind will uns vernichten, ist diese Vorhersage von ebensolcher visionären Kraft, wie wenn du sagt: „wenn du barfuß im Schnee gehst, bekommst du kalte Füße.&quot;&lt;br /&gt; Michael Dietiker, Ali Jansen und Bern­hard Rosenkötter haben in ihrem Beitrag (Konkret, November 1992) richtig aufge­zeigt, daß der revolutionäre Kampf der RAF nicht vom Himmel gefallen ist, son­dern daß Inhalte und Ziele, die mit bewaffneter Politik weiterentwickelt werden sollten, bereits von der 68er­Bewegung, ihrerseits eine revolutionäre Bewegung, in die Welt gesetzt worden waren. Aber auch diese ist nicht vom Himmel gefallen! Sie bereitete sich vor in jenen Gegenden, in denen der Refor­mismus lauert.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Selbst ein so sympathisch nüchterner Mann wie Schäuble spricht vom Verlust der Wertbindungen, der Mitte der sech­ziger Jahre entstand&quot;, berichtete die Süd­deutsche Zeitung am 7.12.1992 von einer Schäuble-&quot;Rede über Deutsch­land&quot;. Was ist es, was diesen „nüchter­nen&quot; Politiker dermaßen irritiert, ein Viertel Jahrhundert nach Seiner Zeit als einer der Anführer des Rings Christlich- Demokratischer Studenten in Freiburg? Sicher nicht diese oder jene Aktion der Studentenbewegung, eher schon der zumindest partiell und temporär erfolg­reiche Angriff auf jene Denkmuster und Mentalitäten, die den Kapitalismus im Innersten, bis jetzt jedenfalls einiger­maßen am Laufen hielten: die verloren­gegangenen Anbindungen an die herr­schenden Werte. Unschwer zu begreifen, daß eine solche eindringliche Offensive nicht durch Rückzug ins Ghetto geschieht, sondern durch jene Bewegung, die in der genau entgegen­gesetzten Richtung sich entfaltet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie nun aber jener eigentümliche Gedankensprung, mit dem Schäuble, an die Denunziation von 68 anknüp­fend, in seiner Rede fortfährt: „Und er ap­pelliert an das deutsche Volk, sich nicht nur am Konsum zu orientieren, sondern auch die Freude am Kind zu entwickeln&quot;? Wie?! Hat 68 hemmungslosen Konsum propagiert, haben wir zielstrebig auf jene kinderfeindliche Gesellschaft hinge­arbeitet, wie wir sie heute haben? Warum redet dieser Mann solchen Unsinn? Ich denke, wir müssen dabei zweierlei auseinanderhalten: erstens die Tatsache, daß die Warengesellschaft in ihrer heutigen fundamentalistischen Aus­prägung (in Schäubles Worten: alleinige Orientierung am Konsum) zu einer unaufhaltsamen Verwahrlosung der Gesellschaft, ihrer sozialen Bindekräfte und so ihrer Reproduktion überhaupt führt. Und zweitens, daß selbst einem Schäuble inzwischen dämmert, was ein Marx schon vor 140 Jahren skizziert hat: daß nämlich unter dem Fundamentalis­mus der Ware Verhältnisse zwischen Menschen zu Verhältnissen von Sachen werden. Als führender CDU-Politiker kann er das aber nicht aussprechen, er kann es nicht einmal in seinem Bewußt­sein zulassen, also wird es abgespalten und auf einen Sündenbock projiziert.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das Klima in diesem Land ist in den letzten beiden Jahren umgeschlagen. Eine dramatische Entwicklung, die in ihrem vollen Ausmaß erst 1992 deutlich geworden ist. Was wir heute wissen, war zu Beginn des Jahres noch nicht sichtbar. Reaktionäre bis faschistische Tendenzen, und zwar nicht nur in orga­nisierter Form in der Bandbreite von SPD bis hin zu bewaffneten neonazisti­schen Trupps, haben sich breit gemacht und längst auch das Alltagsbewußtsein erreicht. Werte und Denkmuster der Lin­ken kommen nicht mehr oder nur in dif­fuser, widersprüchlicher Form zum Tra­gen. Breit angelegte Aktionen gegen Rassismus, Antisemitismus und Nazismus haben stattgefunden, als Koalitionen von Linken, sozialdemokratischen und bür­gerlichen Kräften. Ihre traditionelle Rolle als Motor solcher Mobilisierungen hat die Linke eingebüßt. Schlimmer noch: da demonstrieren Millionen gegen Faschismus und militanten Rassismus, ohne zuvor mit der herrschenden Werteskala gebrochen zu haben. Und doch muß auch daran erinnert werden: bei allen grausamen Verirrungen war es in der bisherigen Geschichte die Linke, die garantiert hat, daß um menschliche und soziale Emanzipation gekämpft wird. Ein anderes politisches Kontinuum, das auch nur ähnliches für sich in Anspruch neh­men könnte, fällt mir, in Deutschland jedenfalls, nicht ein. Wenn es nach dem zweiten Weltkrieg in diesem Land eigen­ständige Demokratisierung gegeben hat, so war das nicht der US-Import Dollars&amp;amp;Democracy, es war die 68er-Bewe­gung, die das, was der Faschismus nach dem Judentum innerstaatlich am grau­samsten verfolgt und nahezu ausgemerzt hatte - die Linke, ihre Werte, Kultur und Kontinuität-, wieder lebendig und berechtigt hat werden lassen in Deutsch­land West.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Und wenn heute eine Re-Faschisie­rung läuft, dann breitet sie sich aus in jenem politisch-kulturellen Vakuum, das diese Linke in ihrem Rückzug aus einer gesamtgesellschaftlichen Verant­wortung und Neusetzung von Werten und Einstellungen hinterlassen hat.&lt;br /&gt; Die Welt, nicht zuletzt die westlichen Systeme, befinden sich in einem sich beschleunigenden Prozeß der Implosion, der vermutlich von ähnlicher Dimension sein wird wie der Übergang vom Mittel­alter zur Neuzeit. Und insofern ist der Satz vom Ende der Geschichte wahr. Aber die Verwechslung einer neuen Zeit, in der Mensch und Natur in ihrer Weiterexistenz bedrohenden Apokalypse namens Warengesellschaft zeigt nur, wie sehr die Mächtigen selbst in perspektivi­scher Ratlosigkeit befangen sind. Das macht sie nicht ungefährlicher, im Gegenteil. „Aktionismus statt Politik&quot; bilanziert die Süddeutsche Zeitung die Bonner Politik des Jahres 1992. Aber ihre Versuche, die bedrohlicher und unbe­herrschbarer werdende Situation unter Aufbietung aller Mittel und Brutalitäten, unter Abwurf auch noch des letzten moralischen Ballastes, doch noch einmal zu stemmen, ist der historische Situation gegenüber genauso blind wie der „Blick über Kimme und Korn&quot;. Dieser Situation ein „revolutionäres Projekt&quot; entgegenzu­stellen, das auch nach einjähriger Debatte über das Stadium guter Absich­ten und böser Unterstellungen nicht hin­ausgekommen ist, halte ich nicht für einen Angriff auf diese Verhältnisse, son­dern für eine Rückzug von ihnen.&lt;br /&gt; Meine Güte! Wer wollte bezweifeln, daß diese Verhältnisse, wie sie sich destrukti­ver und katastrophenhafter kaum dar­stellen könnten, radikal umgewälzt wer­den müßten! Aber die Erschießung von sogenannten Eliten hat nichts verändert, und umgewälzt schon gar nichts. Weder hat die Erschießung von Zimmermann die Politik der deutschen Rüstungsindu­strie oder auch nur die von MTU in eine andere Richtung bringen können, noch die Erschießung Gerald von Braunmühls die Nahost-Politik der Bundesregierung. Wenn das Wort vom revolutionären Kampf einen materiellen, also nachprüf­baren Gehalt hat - und es ist ein Wort, das nicht nur von Veränderung, sondern von heftigster Veränderung spricht -, dann war die Wirkung der bewaffneten Aktionen im einzelnen wie in ihrer Gesamtheit weniger als reformistisch. Ob eine Politik revolutionär ist oder nicht, bestimmt sich am Ende wirklich nur darüber, ob sie die Verhältnisse in Richtung Revolution gebracht oder zumindest verändert oder Prozesse in diese Richtung initiiert hat.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Die RAF war die ganzen 22 Jahre über immer eine relativ kleine Gruppe&quot;, so die Illegalen in ihrer August-Erklärung. Die Geschichte der RAF ist die Geschichte einer Gruppe, die in 22 Jah­ren niemals größer als 20 oder 30 Leute war. Und dies hängt damit zusammen, daß jene Linken, die seit 22 Jahren vom revolutionären Kampf reden, sorgfältig darauf geachtet haben (von Ausnahmen abgesehen), persönlich sich in sicherer Distanz zum bewaffneten Kampf zu halten. Darin liegt für mich die reale­xistierende Distanzierung von bewaffneter Politik! Und sicher nicht in einer Erklärung, die Karl-Heinz Dellwo vor kurzem für einige RAF- Gefangene abgegeben hat (um das, was in den Verfahren von uns gesagt werden würde, öffentlich zu machen). Ich halte es für eine schon recht eigenartige, um nicht zu sagen spießermäßige Haltung, von andern zu verlangen, die sollen gefäl­ligst ihr Leben aufs Spiel setzen, und selbst achtet man genau darauf, den eigenen Hintern im Warmen zu halten. Von ein oder zwei militanten Demos im Jahr. abgesehen. Wenn überhaupt! Ich kritisiere diese „Revolutionäre&quot; nicht, weil sie nicht in die Illegalität gehen. Aber ich kann mich eines Gefühls der Geringschätzung nicht erwehren, wenn diese „Revolutionäre&quot; noch nicht mal den Mumm zu der sich nun schon seit vielen, vielen Jahren aufdrängenden Feststellung aufbringen: wenn sie selbst nicht die Kraft und die Courage aufbrin­gen, bewaffnet zu kämpfen, wenn ihre GenossInnen und FreundInnen, ihre Freunde und Genossen um sie herum diese Kraft und diese Courage nicht auf­bringen, wenn diese Geschichte sich 22 Jahre lang wiederholt und wiederholt und wiederholt - daß sich dann die sub­jektive Schranke des Einzelnen, in die Illegalität zu gehen, zu einer objektiven Schranke für den bewaffneten Kampf verdichtet hat: daß es eben nicht geht. Und daß die Leute, die es machen kön­nen, in diesem Land schlicht und ein­fach nicht existieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nahezu ein halbes Jahrzehnt ist es her, daß die Gruppe der RAF-Gefangenen öffentlich erklärt hat, zum Gespräch mit gesellschaftlichen Grup­pen bereit zu sein. Voraussetzung wäre natürlich gewesen, daß die Gefangenen sich tatsächlich als Gruppe mit Gruppen aus der Gesellschaft würden auseinan­dersetzen können. Die Vorstellung, wie sie damals, 1988, von sozialdemokrati­scher Seite ins Spiel gebracht worden war, einzelne wenige Gefangene für ein paar Stunden raustreten zu lassen zur Diskussion, raustreten zu lassen aus langjähriger Isolation, glich eher einer Erfolgskontrolle jenes Haftregimes, das heute, wo die Stasi es eingesetzt hatte, als Isolationsfolter strafrechtlich verfolgt wird. Mit Sicherheit war diese Vorstellung von einer „Diskussion&quot; einer Partei würdig, die in den 70er Jahren die Eska­lation tatkräftig und systematisch hoch­gezüchtet hatte, um sich 1992 im Schul­terschluß mit der CSU wiederzufinden. Vier Jahre nach den „Diskussions&quot;-Erklärungen der Gefangenen vom Au­gust 1988 mußten wir in diesem Jahr eine Menge darauf verwenden, um zu verhindern, daß Bernd Rössner dorthin kommt, wohin ihn die Bundesanwalt­schaft und ihr psychatrischer Gutachter haben wollten: in die geschlossen Abtei­lung einer psychiatrischen Anstalt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Noch immer gibt es RAF-Gefangene, die Haftbedingungen ausgesetzt sind, so etwa Brigitte Mohnhaupt in Aichach, die mit dem Herbst 77 sehr viel, mit der in diesem Jahr vom Bundeskanzler annon­cierten Normalisierung aber überhaupt nichts zu tun haben. Während die Gefangenen auf einen politischen Weg setzen, klettert die Bundesanwaltschaft noch immer durchs Dickicht der 70er Jahre, setzt auf Psychiatrie und psychiatrische Diagnose. Die Gefangenen wollen den Weg des Subjekts, der gemeinsamen Diskussion drinnen/draußen und dazu die Zusammenlegung, Staat und Justiz wollen den Weg der Vereinzelung, des Abschwörens, den Weg der Unterwer­fung. Die Staatsschutzkonstrukte, mit denen über 20 Jahre lang versucht wor­den war, Isolation zu rechtfertigen und die Zusammenlegung der Gefangenen aus RAF und Widerstand zu verhindern, haben sich längst in Luft aufgelöst. Von Zellensteuerung, Infosystem, 7000 Kassi­bern redet heute kein Mensch mehr. Trotzdem die Mitteilung der Bundesju­stizministerin vor ein paar Monaten, es werde keinerlei Zusammenlegung gehen. Warum? Dazu die Frankfurter Rundschau am 5.9,1992: „ Vor allem aber fürchten sie einen möglichen &amp;gt; Katalysatoreffekt &amp;lt;- ein solches Meeting aller RAF- Gefangenen &amp;gt; würde dann ja Beschlüsse fassen und Erklärungen abgehen, zu Themen wie bewaffneter Kampf, Ökolo­gie, Altersarmut und Strategien, die man verfolgen will &amp;lt;.&quot;&lt;br /&gt; Laut Duden ist ein Katalysator ein „Stoff, der durch seine Anwesenheit chemische Reaktionen herbeiführt oder in ihrem Verlauf beeinflußt&quot;.&lt;br /&gt; Hauptaufgabe des Jahres 1992 für uns war nicht, diesen Minister oder jenen Geheimdienstklüngel als unmoralisch oder unehrlich zu entlarven, um daraus eine Legitimation für jenes ominöse revolutionäre Projekt zu saugen, das ansonsten keine erkennbaren Eigen­schaften besitzen würde, Hauptaufgabe des Jahres 1992 und vor allem der bei­den Jahre zuvor wäre es gewesen, den mit den Erklärungen aus 88 und 89 begon­nen Weg zu Handlungsmöglichkeiten und Bewegungsspielräumen innerhalb der Gesellschaft auszubauen. Der erste Schritt in diese Richtung konnte wirklich nur sein: Auflösung der Altbestimmun­gen revolutionärer Politik, weil eine Neubestimmung nicht möglich ist, solange die Vorstellung von revolutionä­rer Politik dermaßen penetrant im Bild der 80er Jahre fixiert sind. Ich bin in der letzten Zeit häufiger kritisiert worden. Nicht deshalb, weil ich an jener revolu­tionären Debatte nicht teilgenommen habe, an deren Ende wir nun endlich wissen, daß der Imperialismus seine Gegner vernichten will, sondern wegen meines Pizza- Beitrags (Anm.: Gedan­ken durch die Mauer; in: „Odranoel&quot;; Hrg. Pizza). Und zwar konkret deshalb, weil ich die 80er Jahre ausgespart hatte. Ich habe das getan, weil ich das Wort von der Selbstbestimmung ernst nehme.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Vor einiger Zeit bekamen wir den erschrockenen Bericht einer entlassenen Gefangenen. Sie berichtete von Ge­sprächen im kleineren Kreis und/oder auf Veranstaltungen, wo es aus den Leu­ten nur so rausplatzen würde. Vom „Fronttrauma&quot; sei immer wieder die Rede gewesen, einige seien in die Psychiatrie gekommen, die besten seien davongelaufen. Wer tatsächlich glaubt, diesen noch immer unangetastet belas­senen Betonklotz 80er Jahre, ihre Entfremdungen und Entpolitisierungen, die­sen traumatischen Status Quo, über den selbst die radikale Linke tief zerstritten war, der tiefe Verletzungen hinterlassen hat, zur Grundlage irgendeiner weiteren Politik machen zu können, egal ob als Kampf um Zusammenlegung oder Frei­lassung oder als Diskussion mit allen gesellschaftlichen Gruppen oder als zu begründendes „revolutionäres Projekt in der Gesellschaft&quot;, der muß sich fragen lassen, ob er überhaupt politikfähig ist. Und wer meint, um diese Folgen unserer Politik brauche man sich nicht zu kümmern, sollte vom Kampf gegen Patriarchat und Rassismus schweigen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Nachdem der Hungerstreik 1989 von einem Erfolg in Sachen gesellschaftliche Mobilisierung gekennzeichnet war, auch wenn die zentrale Forderung nach Zusammenlegung nicht hatte durchgesetzt werden können, starb dieser wich­tige Impuls wieder ab, nachdem von uns nichts kam. Sicher ist es sehr schwer, insbesondere für Gefangene, die allein sind, in einer solchen Diskussion zwi­schen drinnen und draußen Orientie­rung oder aktiver Teilnehmer zu sein. Um dir einen Überblick über die eigene Geschichte und die politische und gesellschaftliche Entwicklung zu ver­schaffen, brauchst du Muße und Gelas­senheit, unter dem täglichen Druck von Isolationshaft ist dies nur schwer mög­lich. Immerhin hat es im Jahr 1992 Dis­kussionsbeiträge von Gefangenen aus RAF und Widerstand gegeben, von sol­chen, die einzeln sind, von solchen, die in Gruppen sind. Ich denke aber, wenn gerade jene Gefangene, die sich ganz besonders eng mit dem Frontkonzept und so der Politik der 80er Jahre ver­bunden wissen, bis heute dazu schwei­gen, liegt das zumindest nicht allein an den Haftbedingungen. Mit der dok­trinären Gewißheit alles richtig gemacht zu haben und in Zukunft alles richtig zu machen, hat man und frau sich eines abgeschnitten: das Leben und Kämpfen im Bewußtsein von der ständigen Unfer­tigkeit unserer Sache und so die Neu­gierde auf Weiterentwicklung. Karsten, dessen &quot;fünf Blicke eines Insulaners&quot; gerade (November 1992) im Angehörigeninfo erschienen sind, schrieb kürzlich: „Wirklich konstruktiv sind doch nur die Differenzen, Unklarheiten, und die Arbeit daran.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt heute gewisse Mystifikationen. Da ist etwa die Rede vom verlorenen Jahr 1992. Du könntest den Eindruck gewinnen, die Jahre davor seien Jahre voller Kampf und Initiative gewesen, und dieser Bundesjustizminister, oder schlimmer noch, irgendein Geheim­dienstklüngel, haben diesem Brausen jäh Einhalt geboten, aber bitte! Umgekehrt wird ein Schuh draus. Die öffentliche Ankündigung, RAF-Gefangene sollten freigelassen werden, haben Gefangenen­gruppe und Scene aus einem zweijähri­gen Dornröschenschlaf aufgeschreckt, jedenfalls, was unsere Angelegenheiten betrifft. Rolf Heißler wußte seinem revo­lutionären Publikum bereits am 11.1.1992 zu enthüllen, worum es bei der ganzen Sache geht: „Die einen, bei denen sie physische und psychische Ver­nichtung aufgrund der Bedingungen weit genug voran getrieben sehen, lassen sie raus.&quot; Womit wohl vor allem Irm­gard Möller, Günther Sonnenberg, Bernd Rößner und ich gemeint waren, und zweitens sollte es heißen: wer raus­kommt, mit dem stimmt was nicht. Damit traf Rolf sicher nicht den Geschmack des Publikums, hatte er doch die Monate zuvor unsere Versuche, die Freilassungsfrage zu thematisieren mit der naßforschen Gegenfrage beant­wortet, ob wirs denn im Knast nicht mehr aushielten. Wobei diese menschli­che Entfremdung ihre Verlängerung in einer begrifflichen Entfremdung fand. Sturm wurde gelaufen gegen meine Anerkennung des staatlichen Gewaltmo­nopols, als ob mit der Hinnahme jahr­zehntelanger Gefangenschaft als eine Art Naturzustand das staatliche Gewaltmo­nopol nicht nur anerkannt, sondern mit solchen Fragen, ob wirs denn im Knast nicht mehr aushielten, geradezu propa­giert würde!&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Spätestens mit dem Hungerstreik 1989 bestand die Hauptaufgabe darin, die überfällige Bilanz des bewaffneten Kampfs zu verbinden mit der Suche nach einer Gesamtlösung einerseits und einer neuen Perspektive andererseits. Aus der Erkenntnis der Tatsache, daß der bewaffnete Kampf an eine definitive Grenze gestoßen war und diese defini­tive Grenze sich vor allem in einer völli­gen Reduzierung der Bewegungsspiel­räume in der Gesellschaft manifestierte, eine Tatsache, die für jede und jeden auch ohne Zusammenlegung erkennbar sein mußte - mußte folgern, daß für eine Rückgewinnung politischer Handlungs- und Bewegungsspielräume die Altbe­stimmungen revolutionärer Politik auf­gelöst werden müssen, um Herz und Verstand für deren Neubestimmung frei­zubekommen. Diese beiden Ziele, Neubestimmung und Gesamtlösung, waren in der Tat überfällig. Sie waren notwen­dig, und zwar völlig unabhängig von Kinkel-, KGT- oder sonstigen Initiativen. Wenn welche kritisieren, daß die Illega­len und/oder Gefangene auf die Kinkel-Initiative in der erfolgten Weise reagiert haben, ist an dieser Kritik sicher was dran. Selbstverständlich wäre es besser gewesen, wenn wir, vor allem die Gefangenengruppe, in diesem Prozeß den ersten Schritt gemacht hätten, ohne auf eine staatliche Initiative reagieren zu müssen und sicher wäre es klüger gewe­sen, die Durcharbeitung unserer Geschichte wäre von uns, den Gefange­nen, gekommen statt von der RAF.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Nachdem aber die Gruppe in den Jahren 89 bis 91 diesen überfälligen Prozeß nicht in die Hand genommen hatte, und nachdem im Januar 1992 plötzlich eine breite Öffentlichkeit zu uns da war, mußte selbstverständlich diese Gelegen­heit ergriffen werden, um das beste dar­aus zu machen. Verweigerung ist in 99 von 100 Fällen falsch. So auch hier. Mitte Januar hatten die Celler Gefange­nen den Entwurf einer gemeinsamen Erklärung vorgelegt, der nach folgenden Überlegungen konzipiert war:&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;1) Wir, die Gruppe der Gefangenen, müssen schnell reagieren! Die Öffent­lichkeit wird sich nicht ein Jahr lang mit dieser Frage beschäftigen. Jetzt ist das Eisen heiß, jetzt muß es geschmiedet werden. Und zwar unabhängig davon, was hinter dieser Kinkel-Initiative steckte. Was zählte, war zuerst die öffentliche Debatte dazu. In die mußten wir schnellstmöglich eingreifen. Die Grundlage dazu konnte nur eine gemeinsame Erklärung der Gefangenen­gruppe sein.&lt;br /&gt; Das Ghettobewußtsein indes („wir- sie&quot;), in dem die Gesellschaft und somit der Rhythmus politischer Prozesse in der Gesellschaft überhaupt nicht mehr vor­kommt, erschöpft sich in der Gewßheit, „ihnen&quot; jederzeit die richtigen Forderun­gen stellen und „denen, die mit uns kämpfen&quot; jederzeit eine Erklärung übers Angehörigeninfo zuschicken zu können. Man hat Zeit.&lt;br /&gt; 2) wurde im zur Diskussion gestellten Erklärungsentwurf gesagt: notwendig ist a) eine Gesamtlösung und b) ein Bruch mit der Vernichtungspolitik der letzten 22 Jahre.&lt;br /&gt; Angesprochen wurde aber auch auf unserer Seite die Bereitschaft, uns zu bewegen, ohne dabei in irgendwelche Details zu gehen. Das ist es wohl, was wir hier falsch eingeschätzt haben. Grundlage für eine solche Bewegung unsererseits hätte ein erarbeiteter Begriff unserer Geschichte sein müssen und daraus, und aus der Bewertung der heu­tigen Situation abgeleitet, eine zumindest grobe Vorstellung, wie es weitergehen könnte. Kurz: politische Aussagen, mit denen wir uns in Teilen der Gesellschaft hätten bewegen können. Die aber waren nicht vorhanden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sechs Wochen später, als die öffentliche Diskussion längst woanders war, kam schließlich als Ersatz für obige Erklärung der Gefangenengruppe eine Erklärung der Rechtsanwälte, in der mitgeteilt wurde, was seit dem Kursbuch 31 über Isolationshaft aus dein Jahre 1973 tau­sendfach mitgeteilt worden war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Vakuum, das wir aus dem 1989 angestoßenen Prozeß hinterlassen hatten, geschah nun zweierlei:&lt;br /&gt; 1) Die von uns nicht definierte 22­jährige Geschichte der RAF und der Gefangenen wurde von der Gegenseite definitorisch umgegossen in Begriffe wie Reue, Opfer, Gewaltfrage, straffreies Leben, Einzelfallprüfung usw. und im öffentlichen Bewußtsein festgeklopft. Es war von unserer Seite aus kaum jemand da, der sich eingemischt hätte. Die Gegenseite präsentierte der Öffentlich­keit ausgerechnet die verbitterte Witwe eines 1970 in Hamburg von Gerd Müller erschossenen Polizisten. Gerd Müller war einer der ersten Kronzeugen, auf seine Aussage hin wurde Irmgard Möller, damals kurz vor ihrer Entlassung ste­hend, Mitte der 70er zu lebenslang ver­urteilt und Müller kam kurz darauf frei. Es war niemand da, der hier und bei vielen anderen Schweinereien eingegrif­fen hätte.&lt;br /&gt; 2) Eine realitätsferne Debatte über Reformismus und revolutionären Kampf. Der Begriff revolutionärer Kampf, wie er 1992 hin- und hergeschoben wurde, war nicht Ausdruck von Klarheit, er war viel­mehr eine Mystifikation, nach der sich all jene drängten, die der Klärung offe­ner Fragen aus dem Weg gehen wollten. Nehmen wir dieses Hannoveraner Papier. Im Sommer hatten wir einen aus dieser Gruppe bei uns hier, in einer Gesprächsrunde. Von der im späteren Papier zum Ausdruck kommenden Härte war in dieser Diskussion nichts zu spüren. Kritische Anmerkungen zum April-Text, sparsam eher. Offenbar ist es einfacher, uns aus sicherer Entfernung „leckt uns am Arsch&quot; zuzurufen. Was berichtete der Freund aus Hannover über die eigenen Gruppenaktivitäten? Eine müde sich dahinschleppende Geschichte im besetzten Sprengel-Gelände und etwas Anti-Expo-Mobilisierung.&lt;br /&gt; Mit einem Wort: „Stresemannstraße&quot;. Wovon sie sich am Ende ihres Textes so laut distanziert haben. Ich kann ja durchaus nachvollziehen, wenn sie sagen, wir machen diese Geschichten seit 10 Jahren, wir haben die Schnauze voll, wir wollen woanders hin. Dann hätte man drüber diskutieren können. Wenn sie allerdings einen solchen ande­ren, meinetwegen revolutionären Weg, mit demselben stumpfen Sinn begehen, mit dem sie in ihrem Papier Gefangenen gegenübertreten, die zwei Jahrzehnte ihres Lebens für die Sache gegeben haben, werden sie bei dieser neuen revolutionären Praxis genauso scheitern wie bei der alten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Bei all diesem Gerede über revolutionäre Politik ist in diesem Jahr nichts, aber auch gar nichts herausgekommen. Nirgendwo haben die, die da mit diesen breiten Ansprüchen daherkommen, es gebracht, auch nur im Theoretischen die Konturen einer solchen Politik erkenn­bar zu machen, vom Praktischen mal ganz zu schweigen. Hingegen hat diese Diskussion Aussagen produziert, denen ich widerspreche. Ich erinnere mich an einen Satz im Konkret-Text von Dietiker, Jansen und Rosenkötter, wonach unter den bestehenden Verhältnissen es keine Lösungen geben solle. Ja, um alles in der Welt, sollen wir den ausländischen, jüdischen, behinderten Kindern, Frauen und Männern, sollen wir den Schwulen denn zurufen: „Liebe Leue, tut uns leid, unter den bestehenden Verhältnissen kann es keine Lösungen geben, guckt, wo ihr bleibt&quot;!? Tut mir leid, aber diese herzentragenden Wohlstandsbürger sind mir, bei allem Mißtrauen, lieber als große Ansprüche, von denen niemand sagen kann, wie sie umsetzbar sein sol­len.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;1992 war also bestimmt von 2 auseinanderdriftenden Ebenen: auf der einen Ebene wurde das ganze abgehandelt als eine Frage von Reue, Opfer, juristischem Verfahren, auf der anderen Seite wurde entlarvt: a) ein Minister und ein Coun­tergremium als welche, die uns bekämp­fen wollen und b) die Illegalen, die von allen Illegalen in der Geschichte der RAF die meisten Erfahrungen haben, und jene Gefangene, die von allen am läng­sten dabei sind als welche, die nicht kämpfen wollen, als welche, die refor­mistischen, wo nicht sozialdemokrati­schen Vorstellungen frönen, also als sol­che, die das imperialistische System für eine grundsätzliche korrekte Veranstal­tung halten, an der es allenfalls hie und da etwas zu verbessern gilt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es war im Jahr 1992 und davor aber nicht darum gegangen, zu entlarven, was andere tun, es war darum gegan­gen, selbst etwas zu tun. &lt;br /&gt; Die Versäumnisse der Jahre 89 bis 91 als auch die Ignoranz gegenüber den gesell­schaftlichen Prozessen im abgelaufenen Jahr haben die Möglichkeiten erweiterter Handlungsspielräume, egal ob für die Zusammenlegung oder die Freilassung, stark reduziert. Und so natürlich für eine Gesamtlösung. Nachdem die Gefange­nengruppe nicht zu einer gemeinsamen Aussage und gemeinsamem Handeln im Sinn einer Gesamtlösung gekommen ist, blieb nur übrig, sich der Untätigkeit anzuschließen - oder außerhalb dieses Rahmens Schritte zu unternehmen. Dies war der Bereich zwischen der Erklärung von Irmgard Möller im April über die Interviews und den Kampf um die Frei­lassung von Bernd bis hin zur Erklärung von Karl-Heinz, die er für jene Gefange­nen abgegeben hat, die die Absicht hat­ten, Anträge zu stellen; ohne daß diese Anträge im allgemeinen oder die Aussa­gen in Karl-Heinz&#039; Erklärung im beson­deren in der Gruppe umstritten gewesen wären. Außerhalb dieses Rahmens Schritte unternehmen hieß nicht, Teillö­sungen anzustreben, aber die Freilas­sung einer Reihe von Gefangenen hätte die Dinge, als normative Kraft des Fakti­schen, via öffentlichem Bewußtsein in die richtige Bewegungsrichtung stoßen können.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Unsere Seite ist im Recht, die Gegen­ seite im Unrecht.&quot;&lt;br /&gt; Aber das Innehaben einer hervorragen­den moralischen Position ist das eine, die Schaffung eines politischen Kräfte­verhältnisses das andere. Nachdem der bewaffnete Kampf keine Option mehr sein konnte, hätte der weitere Weg mei­netwegen so aussehen können, daß die Erklärungen der RAF kritisiert worden wären, aber sie hätten konstruktiv kriti­siert werden müssen. Das Revolutionäre konnte nicht darin bestehen, in den RAF-Erklärungen Schwachstellen aufzu­spüren, das Revolutionäre wäre gewe­sen, an Lösungen für die objektiven bestehenden Probleme zu arbeiten. Das ist sicher härter, mühsamer und oft ris­kant, denn es geht nicht, ohne eigene Entscheidungen an diesem oder jenem Punkt zu treffen. Die Illegalen hatten mit den beiden Strängen, die sie in ihren Texten entwickelt haben - auch wenn viele Fragen offen geblieben sind - grundsätzlich das richtige Gespür: erstens sagen sie, haben sich die äuße­ren, objektiven und globalen Bedingun­gen verändert, zwotens haben wir Feh­ler gemacht. Die gespenstisch substanzlose Debatte des Jahres 1992 über revolutionären Kampf und Refor­mismus, nicht selten von Angeberei geprägt, eine Debatte, der sich einige Gefangene kritiklos angepaßt haben, hat nur nochmal in wirklich schriller Weise die Notwendigkeit deutlich gemacht, daß Revolutionäre zu sich selbst ein kri­tisches Verhältnis haben müssen. Oder wie erklärt sich, daß wir im Deutschland des Jahres 1992 mutig bekennende Revolutionäre wie nie zuvor in 20 Jahren hatten, sich aber so wenig getan hat wie arg lange nicht mehr? Worauf warten diese Leute? Wenn sie doch von der Gewißheit des revolutionären Kampfs dermaßen durchdrungen sind, wenn sie soviele sind, warum tun sie nicht das nächstliegende und nehmen die Dinge in die Hand? Die Richtungsangabe der RAF, sich selbst und die eigene Geschichte kritisch zu reflektieren, war richtig, sie abzuwürgen ein Eigentor. Und sie kamen, diese Erklärungen. Wo es bei der RAF hieß, das objektive hat sich, das subjektive muß sich verändern, hieß es nun: verändert haben sich 1) die äußeren Bedingungen, die globalen, und 2) die innerstaatlichen. Die Fehler und falschen Bewußtseinsinhalte sollten spä­ter diskutiert werden, „und dann richtig&quot;. Während einige versucht haben, auf der ausreichenden Grundlage der RAF- Erklärungen vor allem in Richtung Ge­sellschaft aufzubauen, hat ein anderer Teil seine Energie investiert, die Er­klärungen der RAF zu demontieren. Die Endmoräne dieser Entwicklung zeigt sich in einer Reihe gutachterlicher Stel­lungnahmen zu den öffentlichen Äuße­rungen der RAF und einiger Gefangener aus dem Bereich der radikalen Linken. Plus die Mitteilung in Interim und ande­ren breitenwirksamen Blättern, daß die Forderung nach Freilassung unterstützt würde. Das wars dann aber auch. Auf den Punkt gebracht im Hannoveraner Papier, das man so zusammenfassen könnte: wir tun nichts, ergo sind wir ganz radikal. Hier kommt das bis heute unangetastet belassene Front-Denken zu seinem klarsten Ausdruck: „das Wichtig­ste ist, daß du die Politik richtig findest&quot;. Und hier ist auf den Kopf gestellt, was bei einer Durcharbeitung unserer Geschichte wiederentdeckt werden könnte für ein revolutionäres Projekt der Zukunft:&lt;br /&gt; &quot;Man ist eine Gruppe von Genossen, die sich entschlossen hat, zu handeln, die Ebene der Lethargie, des Verbalradi­kalismus, der immer gegenstandsloser werdenden Strategiediskussion zu verlas­sen, zu kämpfen. Aber es fehlt noch alles - nicht für alle Mittel; es stellt sich auch jetzt erst heraus, was einer für ein Mensch ist.&quot; (Ulrike im Berliner Prozeß 1974)&lt;br /&gt; Wie gesagt: moralisch gut dastehen, ist das eine. Die Schaffung eines politischen Kräfteverhältnisses ein anderes. Mit den Kronzeugenprozessen hat Bonn via Bundesanwaltschaft das Signal kontinu­ierlicher Härte in eine Justiz eingespeist, die dafür mit Sicherheit empfänglich ist - konnte sich diese Justiz doch nie mit dem Gedanken anfreunden, mit dieser oder auch jener Vergangenheit zu bre­chen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt jetzt die beiden Wege:&lt;br /&gt; Der eine ist der Blick über Kimme und Korn, die Politik der letzten 22 Jahre, die legitim sein soll. Punkt. Mit dieser Bot­schaft können wir in der Gesellschaft Menschen erreichen. Schätzungsweise Tausend oder Zweitausend. Diese Leute würden tun, was sie im letzten, vorletz­ten und vorvorletzten Jahr getan haben. Im letzten Jahr haben sie eine Demo in Bonn gemacht und eine Reihe von gut­achterlichen Stellungnahmen. An das, was sie in unserem Kontext die beiden Jahre davor getan haben, kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß, daß es viele gibt, die unter dieser Situation leiden und nach Auswegen suchen. Ich spüre das in nicht wenigen Briefen, in denen gedacht und im Nachdenken Entschei­dungen getroffen werden. Es kommen aber auch - seltener - Briefe, die voll heftigster Kritik sind, ohne daß darin die geringste Spur eigener Suche zu ent­decken ist. Wer unter der gegebenen Situation leidet, bei dem kann es gar nicht anders sein, als daß er oder sie sich auf die Socken macht. Und dabei hat sie oder er mit Sicherheit was raus­gekriegt. Und das wird sich niederschla­gen, wo eine/r seine Gedanken auf­schreibt. Wer glaubt, zusammen mit ein paar hundert Leuten, die sich zumeist selbst nicht kennen, die Regierung in Bonn zu einer politischen Entscheidung für eine Gesamtlösung zwingen zu kön­nen, der muß erklären, warum er das glaubt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die andere Option. Sie ist erheblich unübersichtlicher als „wir-sie&quot;. Sie ist in dem Maß in den letzten Jahren unüber­sichtlich geworden, wie die gesellschaft­liche und politische Situation unüber­sichtlich geworden ist. Die Erfolgsaussichten sind, erstmal jeden­falls, nicht überwältigend. Aber die Suche außerhalb des Ghettos ist die ein­zige, die einen Sinn macht. Insbesondere dann, wenn es nicht allein um eine Perspektive für ein paar Gefangene geht, sondern um eine Perspektive, die etwas mit gesamtgesellschaftlicher Dimension zu tun hat. Langfristig also um die Neubestimmung revolutionärer Politik. Diese Neubestimmung können wir nicht als schnell zusammengeschriebenes Pro­gramm auf den Markt werfen. Um zu einer revolutionären Entwicklung zu kommen, müssen wir eine Menge akku­mulieren. Und diese Akkumulation besteht aus vielen kleinen Schritten und Kämpfen und Auseinandersetzungen, aus vielen in der Praxis gemachten Erfahrungen, aus Lernprozessen in der Auseinandersetzung mit anderen gesell­schaftlichen Bereichen. Solange wir uns, gefesselt im armseligen Verhältnis „wir- sie&quot; befinden, verurteilen wir uns selbst zu Bewegungslosigkeit. Es hat vor allem im Frühjahr Anlässe genug gegeben, uns in Bewegung zu setzen, und gerade wenn eine KGT sich neue Strategien hat einfallen lassen, wäre dies doch noch ein zusätzlicher Grund gewesen, diese Interventionsmöglichkeiten in der öffent­lichen Debatte wahrzunehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Sollten wir in einer solchen Arbeit, in einem solchen Kampf eine neue Grund­lage, eine neue „kritische Masse&quot; schaf­fen, die mit den Prozessen in der Gesell­schaft korrespondiert, dann könnten wir wieder über ein revolutionäres Projekt reden. Dann ist Substanz da, über die wir weiter nachdenken müssen. Bis jetzt ist diese Debatte wirklich nur Placebo.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;Auf diesen Artikel gibt es eine &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/eine-kurze-antwort-auf-lutz-taufer&quot;&gt;Antwort von Zettelknecht&lt;/a&gt; in derselben Ausgabe.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 03 Dec 2010 11:55:50 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>...mitten im Nebel</title>
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                    &lt;p&gt;Der folgende Text besteht aus Auszügen&amp;nbsp; eines 77 Seiten langen Aufsatzes von Karl Heinz Dellwo, in dem der Celler RAF-Gefangene die Geschichte der bewaffneten Organisation aufzuarbei­ten versucht. Wir haben diese Passagen ausgesucht, obwohl der Aufsatz bereits vor 3 Jahren geschrieben wurde. An ihm werden inhaltliche Positionen sichtbar, die in der sehr wütenden Aus­einandersetzung der letzten Wochen kaum noch zu erkennen waren. Aus diesem Grund fanden wir den Text hochaktuell und -interessant. Die Kürzung haben wir gemeinsam mit Karl-Heinz Dellwo vorgenommen.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Der folgende Text besteht aus Auszügen&amp;nbsp; eines 77 Seiten langen Aufsatzes von Karl Heinz Dellwo, in dem der Celler RAF-Gefangene die Geschichte der bewaffneten Organisation aufzuarbei­ten versucht. Wir haben diese Passagen ausgesucht, obwohl der Aufsatz bereits vor 3 Jahren geschrieben wurde. An ihm werden inhaltliche Positionen sichtbar, die in der sehr wütenden Aus­einandersetzung der letzten Wochen kaum noch zu erkennen waren. Aus diesem Grund fanden wir den Text hochaktuell und -interessant. Die Kürzung haben wir gemeinsam mit Karl-Heinz Dellwo vorgenommen.&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dellwo nahm mit Lutz Taufer, Hanna&amp;nbsp; Krabbe, Siegfried Hausner, Bernd Rößner und Ulrich Wessel 1975 an der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm teil. Hausner und Wessel wurden bei der Aktion getötet, die anderen sind seitdem- d.h. seit fast 19 Jahren- im Gefängnis (Bernd Rößner ist z.Zt. wegen einer Behandlung auf freiem Fuß).&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Seit mehreren Jahren sind Dellwo,&amp;nbsp; Taufer und der seit 1980 inhaftierte Knut Folkerts gemeinsam im nieder­sächsischen Knast Gelle untergebracht. Sie haben verglichen mit den meisten anderen RAF-Gefangenen relativ viele Kommunikationsmöglichkeiten und können zusammen politisch diskutie­ren. Die drei sind außerdem neben Birgit Hogefeld die einzigen RAF-Gefan­genen, die sich nicht von der neuen Linie der Illegalen distanziert haben.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Unsere Hausbesetzung in der Eckhofstraße war von den meisten von uns von Anfang an als aussichtslos betrachtet worden. Wir waren voller Widersprüche zu unserer eigenen Aktion. Wir wollten keine „Schöner-Wohnen-Idylle&quot; und wußten gleichzeitig, daß wir einen staats- und systemfreien Raum erst dann werden halten können, wenn die Illegalität als Hinterland exi­stiert. Ohne sie mußten wir als Minder­heit auf offenem Terrain an den unglei­chen Machtverhältnissen scheitern. Die Illegalität war damals nicht mehr organi­siert, die RAF im Knast und wir selber haben es uns noch nicht zugetraut. Wir hatten noch mit uns selber zu viel zu tun, für eine strategische Organisierung unserer Aufbruchbedürfnisse waren wir noch nicht reif. So konnten wir andere nur unterstützen, und einige von uns gaben Ende &#039;72, Anfang &#039;73 die Pässe an die ab, die damals nach einer RAF­Gefangenen-Entlassung die Illegalität neu zu organisieren begannen. Die wurden übrigens von einem der DDR-ler (Anm: einer von denjenigen, die später die RAF verließen, in die DDR gingen und nach 1990 als Kronzeugen der Bundesanwalt­schaft arbeiteten) eingesammelt. Wichtig für uns alle waren in dieser Zeit die ersten Erfahrungen des SPK (Sozialisti­sches Patientenkollektiv Heidelberg) mit seiner Bestimmung „Aus der Krankheit eine Waffe machen&quot;. Beschädigt waren wir alle, und wir begannen gegen den Selbsttotschlag des „selbstverschuldet&quot; die gesellschaftliche Bedingtheit dessen zu erkennen. Und daß wir, integriert in ein falsches Leben, unsere Entfremdung immer wieder neu reproduzieren mußten. Der Begriff von der „Institutionalisierung des Faschismus&quot; gab damals unser Wis­sen vom Nachleben des Nazi-Staates und unsere Erfahrung mit den neuen Sozial-Technologien der Sozialdemokratie wieder. So wollten wir den Bruch in allem. So wollten wir in der Hausbeset­zung lieber das gewaltsame Verlieren statt jenes durch Anpassung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Schlacht um Algier&quot; - ein Film. Gegen Ende läßt Massu, Kolonialgeneral der Franzosen, das Haus mit dem Stadtkom­mando der FNLA in die Luft sprengen; sie hatten sich nicht ergeben wollen und sich bis zum letzten verteidigt. Der Film endet mit dem Aufstand der Massen. Die im Kommando, das waren doch wir. Auch eine Minderheit und fast aussichts­los, und doch war es richtig, aufzubre­chen und auch aus dem letzten heraus noch zu widerstehen. Schon das Aufste­hen ist ein Durchbruch.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Keiner von uns ist in die Illegalität ge­trieben worden. Das hatten wir immer bewußt so bestimmt. Der Staat sollte dabei keine Mitentscheidung haben. Aus dem gleichen Grund wollten wir nicht, daß jemand mit Freund oder Freundin in die Illegalität geht. Es sollte niemand wegen jemand anderem diesen Schritt machen und später vielleicht seinen eigenen Grund nicht mehr kennen. Es sollte die Entscheidung aus der eigenen Entwicklung sein. Wir haben unsere Beziehungen deshalb vorher auch abge­schlossen. Das geschah zu dem Zeit­punkt, als der Widerspruch zwischen unserem Wissen über uns und die Gesellschaft/ Staat und wie wir darin lebten und bisher gekämpft hatten, so herangereift war, daß wir im alten nicht mehr zu Hause waren. Dort trotzdem zu verharren, hätte das bisher Erkämpfte bei uns, relativ identisch zu sein mit dem, was wir wollten und taten, wieder zerstört. Ich wußte damals, daß ich jetzt gehen muß und daß das mein Teil dafür ist, eine Grundlage herzustellen, auf der wir uns und andere für den Kampf um eine offene Zukunft wiederfinden kön­nen. Es ist mir nicht leicht gefallen, nicht nur wegen der vielen Unsicherheiten, ob die eigenen Fähigkeiten für das ausrei­chen, was nun vor uns stand; langfristig waren auch die Perspektive der Guerilla und die mit ihr verbundenen gesell­schaftlichen Prozesse mir undeutlich. Vor allem aber deswegen, weil ich in unserem alten Zusammenhang zum ersten Mal das Gefühl hatte, daß das ein Leben ist. Es war bei uns gewesen, auch habe ich die meisten um mich herum geliebt, widersprüchlich, schmerzhaft und elend manchmal auch, aber wir hat­ten eine wesentliche Stufe unserer politi­schen und sozialen Emanzipation durch­gekämpft. In der Legalität war das nicht mehr fortsetzbar. Es gab in ihr nichts, woran ein revolutionärer Prozeß ent­wickelbar gewesen wäre. Dazu war die Zeit nicht reif. Das alles verlassend, war es zu Anfang in der Illegalität ziemlich einsam und leer, auch gab es nicht viel an Struktur, und wir waren sehr wenige. Aber wir hatten unser Ziel und began­nen zu spüren, daß wir Boden unter die Füße kriegten. Von da ab war alles sehr einfach, das Finden im Denken ebenso wie das Erledigen der praktischen Auf­gaben. Wir hatten eine Ahnung von uns in Freiheit bekommen. Für mich war das die Zeit, ab der ich wußte, daß wir die Machtfragen stellen können und werden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Unsere Aktion in Stockholm war das, was wir damals konnten. Ob sie durch­kommt, blieb mir zweifelhaft und letzt­lich war am Abend der Besetzung nie­mand von uns sehr überrascht, als klar war, daß die Aktion auf ihr unmittelba­res Ziel bezogen, scheitern wird. Es war nicht das einzige Ziel. Die konkrete Bestimmung war, daß wir die Gefange­nen rausholen oder eben ein politisches Verhältnis materialisieren zum Staat und zu unserer eigenen Befreiung, die kein &amp;gt;zurück&amp;lt; mehr will. Schlaumeier hin­term linken Zuschauerraum sahen später darin eine starre Haltung und sprachen von Kamikazementalität. Aber zum einen hat es damit zu tun, daß wir noch keine Erfahrung für diese Stufe des Befreiungskampfes hatten; aus der Lega­lität kommend, haben wir ja sozusagen aus dem Stand heraus die damals zen­tralste Machtfrage mit dem Staat gestellt. Deshalb hatten wir uns auf eine Aktion konzentriert. Wir wollten nicht die Feh­ler der Gruppe 73/74 vor uns wiederho­len, uns solange in der Strukturlegung zu verlieren, bis wir durch irgendeinen Fehler möglicherweise vor der Aktion verhaftet werden. Zum anderen war der Angriff, der die Machtfrage stellt, damals als politischer Durchbruch, als Versuch, eine politische Sperre der Linken aufzu­heben, notwendig. Wir hatten es des­halb auch eilig. Das Scheitern der Aktion haben wir daraus immer auch nur als halbe Niederlage begriffen. Wenn etwas grundsätzlich Neues auf die Welt kom­men will, hält und setzt es sich nur durch ein bedingungsloses Verhältnis zu sich durch. Das betrifft jede Befreiungs­bewegung, egal wo sie entstanden ist. Das enthält als Moment natürlich ein starkes Maß an Selbstverdinglichung. Sie ist einer historischen Not geschuldet. Da sie trotzdem selbstgesetzt ist, hat sie gleichwohl ein Moment der Freiheit in sich. Vor allem ist es ein Liebesverhältnis untereinander und zu den Menschen. Überhaupt zum Leben, das erkämpft werden soll. Ein Aufbruch aus dem historischen Nichts an eigener Geschichte wie unserer kann sich an Bedingungen des Gelingens oder an andere binden. In ihm bleibt nur die Entscheidung für das „für&quot;. Das ist ein Wagnis. Man muß es nur wissen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;(...)&lt;br /&gt; Die Bestimmung, die politischen Gefan­genen zu befreien, war für uns zu keinem Zeitpunkt diskutabel. Diese Versu­che sind aus sich heraus legitim. Es war nicht der Privatkrieg der RAF. Die drin­nen waren, hatten für uns alle alles ein­gesetzt. Es dabei zu belassen, ist die Haltung armer Schweine. Die nach uns kamen, haben zweifellos aus unserer Aktion die Notwendigkeit gezogen, der Guerilla eine langfristige Struktur und eine viel breitere Interventionsmöglichkeit zu geben. Die objektive politische Schwäche der Guerilla, primär nur ihren eigenen politischen Willen und die Systementwicklung der Zukunft zur Basis zu haben, konkret aber auf wenig gesellschaftliche Reife für einen revolu­tionären Prozeß zu stoßen, konnten sie nicht lösen. In dem sozialdemokrati­schen Roll-Back auf die 68er-Bewegung war zu viel verschüttet worden. Das „Modell Deutschland&quot;, die Mischung aus Repression und eben auch Nebeninhalte der Protestbewegung integrierende Mo­dernisierung der Gesellschaftsgrundlage, in ihr auch das Bemühen, sich von oben von der Nazi-Vergangenheit abzusetzen, fand auch in der Linken Wirkung. Was sich später als „Grüne&quot; formierte, nahm das ja so an: „Ab jetzt ist alles anders, wir können in diesem Staat mitmachen&quot;. Der revolutionäre Ansatz hätte deswe­gen neu entwickelt werden müssen, aus den Bedingungen hier in der Metropole für die Menschen. Aber die waren eben noch nicht so herangereift, daß eine sie grundsätzlich aufhebende Gegenvorstel­lung deutlich und vermittelbar gewesen wäre. In unserem Prozeß wegen der Stockholm-Aktion waren wir bereits auf diese Schwierigkeit gestoßen. Croissants Einstellungsantrag führte nochmal die Verbrechen aus dem Vietnamkrieg und die gegen die Gefangenen vor. Aber Vietnam war vorbei, und auch die Ver­treter des neuen Blocks an der Macht setzten sich davon ab. Und aus der inne­ren Repression war der Guerillakampf als soziale Gegenstrategie nicht ausrei­chend begründet. Der Bezug auf die Verbrechen des Imperialismus nach außen und die Repression nach innen gab ja auch unsere eigenen Aufbruchsgründe nicht ausreichend wieder. Die lagen ursächlich darin, daß wir das Leben in diesem System aus seiner Zurichtung für die Welt der Ware als völlig sinnlos erspürten oder erkannten, als für uns ungelebter Versuch unseres Lebens. Nur war das damals noch schwer zu fassen, als auf die Grundbe­dingung der Gesellschaft zu bestim­mende positive Setzung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Zu fassen war die subjektive Seite, daß wir das nicht mitmachen und auf unser eigenes Leben bestehen. Das aber hätte eine vorsichtige Umsetzung des bewaff­neten Kampfes bedingt. Eine, die sich nicht von allen bis dahin bewußten oder erlittenen Widersprüchen hier abtrennt. Gelaufen ist es anders. Der bewaffnete Kampf ist zur Eskalation zwischen uns und dem Staat geworden, die sich spiral­förmig entwickelte, innerhalb und außerhalb der Knäste. Der Rest der Ge­sellschaft blieb als von uns zu suchen­des Subjekt außen vor. In Bochum, am Abend der Schleyer-Entführung, nach­dem wir gerade den am brutalsten ver­laufenen Hungerstreik überhaupt abge­brochen hatten - die Bundesanwaltschaft hatte die 3 Monate bestehende Zusam­menlegung in Stammheim wieder zer­schlagen -, fand ich die Durchführung der Aktion als „zu hart&quot; für das, was wir bisher in der Gesellschaft politisch mobi­lisiert hatten. Eine Angst, daß draußen alles überzogen wird. Was auf unserer Seite stand, oft schon nur noch über die eigenen, nach außen behaupteten politi­schen Ansprüche gezwungen, brach daran ein. Die Landshut-Entführung gab dann schlußendlich das Alibi, statt gegen den Staat die Widersprüche gegen uns zum Zentralen zu machen. Das war dann auch ein Bankrott der Linken.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Wenn die Zeit noch nicht so herange­reift ist, daß das Bild einer befreiten Zukunft schon wie eine Landschaftskon­tur hinter leichtem Nebel vor den Menschen auftaucht, wird der subjektive Wille zur alleinigen Kraft, die undurchsichtige Zukunft zu durchdringen. Das ist nicht falsch, das kann für einen Auf­bruch ausreichend sein. Aber es hat zur Bedingung, sich langsam vorzutasten und den Kontakt zum eigenen Auf­bruchsort als sicheren Bezugspunkt nicht zu verlieren. Sonst steht man auf einmal alleine mitten im Nebel, hat die Richtung verloren, aus der män kam und weiß aus der verlorenen Ortskenntnis nicht mehr genau, wohin man nun wei­ter vorstoßen soll.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das ist &#039;77 gelaufen. Ein Vorstürmen, eine Eskalation, die hinter einem abbrach, und plötzlich war alles Terrain verloren außer dem, wo man gerade stand.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Zwischen der Bestimmung „dem Volke dienen&quot; und der politischen Realität der Landshut-Aktion, es einfach als Mittel zum Zweck zu benutzen, war keine politische Vermittlung mehr möglich. Hier hat sich die Politik der Guerilla den vorher falschen Vorwürfen wie denen der „befreit-die-Guerilla-Guerilla&quot; angepaßt und daraus das schmale eigene Terrain verwüstet, auf dem sie vorher noch stehen konnte und was unter uns mal gefaßt war als das „moralische Ticket&quot;, welches die RAF besitzt. Die Gesellschaft war darin als Adressat für uns von uns verworfen. Das war nicht die Ab­sicht dieser 77er-Offensive und dieser ein­zelnen Aktion, aber es war die verselbst­ändigte Folge einer immer neu hochgeschraubten Eskalation, deren Dy­namik der Gruppe aus der Hand geglitten ist. Sie hatte ihren eigenen Prozeß nicht ernst genommen und sich der Scheinstärke oberflächlicher Erfolge, den mög­lich gewordenen Angriffen, hingegeben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Nimmt man die Stockholmer Aktion als gegeben - eine grundsätzliche Kritik träfe die Aktion als ganzes, also darauf, sich sozusagen auf „offenes Gelände&quot; begeben zu haben -, so war aus einer immanenten Betrachtung die Erschießung des Militärattachés am Nach­mittag ein politischer Fehler, da sie der Regierung die Ablehnung der Austauschforderung erleichterte. Die Sachlage in Kürze dargestellt war: Wir hatten den 3.Stock der Botschaft unter Kontrolle, die schwedische Polizei den Rest des Gebäudes. Zwei Versuche von ihr, in den 3.Stock zu gelangen, mußten wir bewaffnet abwehren. Auf Dauer konn­ten wir uns solche Schießereien nicht erlauben, da uns irgendwann die Munition ausgegangen wäre. Vor allem aber konnten wir nicht hinnehmen, daß sie uns so nah umstellt und darin die für sie günstigsten Optionen in der Hand hat. Wir haben dann 4 Ultimaten gestellt, daß sie die Botschaft räumt. Die schwe­dische Polizei zog sich nicht nur nicht zurück, sie legte geradezu ein dumm­dreistes Verhalten an den Tag. Nach dem dritten Ultimatum wurde der Attaché geholt, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Seine Aufforderungen an die schwedische Polizei als auch an den unten verbliebenen nächst-ranghöchsten Botschaftsvertreter, die Botschaft zu ver­lassen, beantwortete sie ausschließlich mit Fragen über Stärke und Bewaffnung unseres Kommandos. Eine fünfte Verlän­gerung des Ultimatums wäre lächerlich gewesen. Die Situation, so wie sie war, aber einfach zu belassen und die Räu­mung nach den Ultimaten nicht durch­zusetzen, hätte erübrigt, die Forderung nach dem Gefangenenaustausch zu stel­len. Sie wäre genausowenig ernst ge­nommen worden. Das war von uns ein Planungsfehler. Wir hatten aus der Ana­lyse des schwedischen Polizeiverhaltens anhand anderer in Schweden abgelaufe­ner Aktionen die Annahme zur Grund­lage, daß sie sich auch bei uns zurück­zieht. Als sie das nicht tat, waren wir in einem Reaktionszwang, der uns so oder so schaden mußte. Mit großer Anstren­gung, nicht ungefährlich für das ganze, hätten wir diese Situation vielleicht an­ders noch erklären können. Stattdessen haben wir eskaliert.&lt;br /&gt; In der Offensive &#039;77 ist in einem viel größeren Maßstabe etwas ähnliches gelaufen. Zuerst kam das Attentat auf Buback. Das war als Antwort auf die Vernichtungsstrategie in den Gefängnis­sen und auf die Schauprozesse vermittelt. Dem konnte sich auch die Regierung nicht entziehen. Die Zusammenlegung in Stammheim kam danach. Dann der mit seinem Tod endende Entführungsver­such von Ponto. Damit hatte die Elite hier schon das verloren, was ihr als Konsequenz in der Konfrontation um die Befreiung erst drohen sollte. Die Ille­galen verloren darin eine Operationsmöglichkeit. Zwischendrin der versuchte Raketenwerferanschlag auf die Bundes­anwaltschaft als Reaktion auf ihre Eska­lation nach Ponto gegen die Gefange­nen. Dann die Schleyerentführung. Strategie bedeutet die Summe verschie­dener Wege und Ausweichmöglichkei­ten zum Ziel. Die Regierung hat danach darauf gesetzt, daß die RAF aufgrund des mit allem ohnehin schon verbunde­nen Kräfteaufwandes über keine weitere Operationsmöglichkeit aktuell verfügt. Hinzu kam, daß das politische Bin­deglied zwischen der RAF und der Ge­sellschaft, hergestellt durch die Gefange­nenkämpfe, die Härte der Kämpfe dieser Konfrontation nicht trug und die Verbin­dung sprengte. Der armselige Distanzie­rungszug linker Intellektueller und „mar­xistischer Professoren&quot; &#039;77, um in Bonn bei der Macht devote Erklärungen abzu­liefern. Die Regierung war insoweit nur mit der Guerilla konfrontiert und zog die Konfrontation in der Hoffnung in die Länge, daß dem Fahndungsapparat die gewonnene Zeit zur Gegenschlagsmöglichkeit dient oder die Guerilla in dem Versuch, das Kräfteverhältnis für sich zu wenden, einen Fehler begeht.&lt;br /&gt; Viel schwieriger als das Organisieren von Operationen in der Illegalität ist die Entscheidung, eine Konfrontation zu­rückzuholen. Man hat soviel reingesteckt in die Arbeit, man weiß, alles neu zu bestimmen und zu organisieren wird länger brauchen; und dann war noch die Situation der Gefangenen da. Später wußte man es dann. Es wäre damals richtig gewesen, die Offensive in ihrem festgefressenen Stadium zu unterbrechen und sie grundsätzlich neu zu bestimmen auf einer politischen Basis, die die Guerilla mit Teilen der Gesellschaft neu ver­bindet. Stattdessen wurde auf die eh schon hocheskalierte Offensive eine neue Eskalation gesetzt, die alles kippte. Die von der RAF zu verantwortende Landshut-Entführung durch ein palästi­nensisches Kommando. Ein Teil derjeni­gen, die die Offensive ausmachten, war nun auf offenem Terrain. Für die Regie­rung war damit gar nicht mehr das „ob&quot;, sondern nur noch das „wie&quot; sie dran­kommt, die Entscheidungsfrage. Politisch war diese Aktion eine Katastrophe. In den Urlaubern macht sich die Guerilla das Volk zum Angriffsziel und gab der Regierung eine breite Zustimmung, sie mit allen Mitteln zu bekämpfen. Diese wußte das auch auszunutzen. Das Ergebnis dieser Offensive: ein Sieg des militärischen Staatsapparates und ein verlorenes Kommando in Mogadischu, in Stammheim die Toten, die Machtfrage an den Gefangenen gescheitert und die Guerilla selber moralisch und politisch isoliert. Hätte es noch einen Fahndungseinbruch in die illegale Struktur hier gegeben, wäre es für uns sozusagen der „GAU&quot; gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;(...)&lt;br /&gt; Das Fehlen einer entschlossen verfolgten Entscheidung, sich nach der Entstehung der Guerilla als antiimperialistische die Bedingungen der Metropole zur erwei­terten Grundlage zu machen, war dann Teil der Ursache unserer Isolierung wie ebenso Teil der Ursache, daß der von uns in Gang gesetzte Prozeß unseren Händen entglitt. Wir haben uns nicht um die linken Bewegungen gekümmert und uns damit auch von einer Kritik von außen abgeschnitten. Sie hätte helfen können, den Kampf als einen für alle gemeinsamen zu halten. Der strategische Rahmen der 68er-Bewegung waren die Befreiungskämpfe im Trikont. An den sozialen Sinn, den man dort sah oder hinprojiziert hatte, waren die eigenen Aufbruchsbedürfnisse gegen die innere Realität hier gebunden. Dort wurde der Kampf gegen den Imperialismus auf dem höchsten Niveau ausgetragen. Nachdem der Kriegsimperialismus in Vietnam grundsätzlich geschlagen war, zerfiel dieser „strategische Rahmen&quot;. Zum Staat sich umwandelnd, waren die Befreiungsbewegungen mit dem Aufbau auf zerstörtem Terrain konfrontiert. Für sie war das Nötigste an Lebensbedingun­gen für die Masse schon ein Fortschritt. Für ihre eigene Befreiung erkannte die Linke darin nicht mehr viel und verlor so auch die Verbindung. Selber hatte sie dann nur noch eine hochentwickelte Erkenntnis über das, was Imperialismus nach außen ist und ein sehr subjektives radikales Aufbruchsbedürfnis. Was sie nicht hatte, war die Vorstellung, wie sie hier den gesellschaftlichen Umwälzungsprozeß in Gang setzen kann. Daran höhlte sich sowohl das, was sie über die Realität hier einmal erkannt, als auch ihre subjektive Radikalität aus. Der Auf­bruch gegen das System zerfiel. Er wurde allenfalls, wie von den K-Grup­pen, als tote politische Fassade vor sich hergetragen. Das einzige, was eine gesamtgesellschaftliche Realität faßte, war die Frauenbewegung. Aber das war ein anderer Hauptwiderspruch, der letzt­lich bis zum Kapital auch nicht vordrang und bei der Gleichheit vor der Ware ste­henblieb. Die RAF war in dieser Situa­tion eine gute Konsequenz: Damit Befreiung in den Metropolen selber irgendwann einmal wahr werden konnte, mußte sich der Aufbruch hier ein strategisches Konzept schaffen. Es hat den Zerfall der Linken nicht aufge­halten, aber überstanden, inhaltlich etwas gerettet und ihre Neu-Entstehung antizipiert. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre gab es dann die neuen Ansätze aus der Linken. Die Bewegungen wie zu Brokdorf oder Whyl. Was sich gegen das ganze System nicht um­zusetzen wußte, suchte sich hier nun im Kampf gegen einen Teilbereich zu finden. Das war auch ein Hinwenden zu den Bedingungen der Metropole und zu dem, wo man selber politisch war. Uns war das nicht ausreichend. Es hätte ver­bunden werden müssen: die strategische Konzeption und die, die sich in der All­täglichkeit der Gesellschaft suchte. Aber wir waren dazu nicht in der Lage. Wir waren noch von der Erfahrung des Nie­dergangs der Linken bestimmt. Es ist aber auch nicht nur unser Fehler: Von Teilen, die in diesen Bewegungen kämpften, ging auch der Versuch aus, das zum neuen Revolutionsmodell zu erklären: Wenn die Menschen einmal an einer Sache mobilisiert sind, springt die Ablehnung auf das ganze System um. Das geht nicht auf. Das kennt auch kei­nen eigenen Ort und hat nur die Ableh­nung zur Grundlage. Wenn die WAA gestrichen ist, wählen die Menschen „im Lande&quot; wieder CSU. Gegen den Rest wissen sie nichts. Hinzu kam die syste­matische Entwaffnung der Linken durch die Grünen. Falsch ist es aber trotzdem, aus dieser „Überladung&quot; das ganze zu verwerfen. Weder kommen wir alleine weiter, noch diese Bewegungen. Ab &#039;78 war erst einmal die Grundlage ge­sprengt, mit dem, was es hier an Bewe­gungen gab, eine Gemeinsamkeit zu fin­den. Von der RAF blieb der „strategische Rahmen&quot; zurück, ihre innere Authenti­zität war gebrochen. Es ist von ihr dann ja auch alles abgeschrieben worden. Erst im Frontpapier Mai &#039;82 bezog sie sich auf das, was sie als 80er Bewegung neu am Entstehen sah. Real war mit der alten Linken auch nicht mehr viel zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...)&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gab zwei Möglichkeiten, auf die 77er Niederlage zu reagieren: entweder noch einmal den Versuch zu unternehmen, eine solche Machtfrage definitiv für uns zu entscheiden, darin die real eingetre­tene Stagnation zu durchbrechen und so die alte Phase abzuschließen; denn an einem Neuanfang ging nichts vorbei, oder sich vom alten in der Niederlage abzutrennen und aus den inneren Ver­hältnissen der Metropole neu zu begin­nen, praktisch von vorne. Die Guerilla wäre von da aus nicht mehr die gleiche gewesen, nicht mehr der weite Sprung nach vorne, dessen Basis nachgezogen wird, sondern Arbeit an einer sicheren Grundlage, die die zentralen Vorstöße auf die Macht, gerade auch aus der in­ternationalistischen Bestimmung des Kampfes, trägt. Die reale Politik der RAF in den Jahren danach lag dazwischen.&lt;br /&gt; Die Praxis blieb strategisch, die innere Verankerung war auch als Ziel benannt. Aber mehr in dem Sinne, daß sie von alleine kommt. Von uns kam dazu nur die subjektive Seite der Politik: Kollekti­vität und Selbstbestimmung. Aber was ist ihr für die Gesellschaft politisch relevan­ter Inhalt? Die „strategische Orientierung&quot; der Praxis - die Anschläge auf Haig, Ramstein und Kroesen in den ersten Jah­ren - blieb das einzige. In der gesell­schaftlichen Allgemeinheit blieb die Gue­rilla damit abstrakt, irgendwo im äußeren Rahmen des Systems sich bewegend, fremd, die Guerilla sich damit auch sel­ber. Sie hat sich nicht von dort ange­nommen, wo sie war und hatte deshalb auch Schwierigkeiten, andere als das anzunehmen, was sie sind. Im Knast und außerhalb. Die erste Reaktion auf die Kritik an der Pimental-Erschießung, eine völlig verdinglichte Aktion, war eine Definition der Kritiker als begriffslos und der Selbstbezug auf eine abstrakte Moral. Die Guerilla steckte immer noch in der Schwierigkeit, gegen eine gewiß wider­sprüchliche, destotrotz in ihren politi­schen und moralischen Haltungen nicht einfach abzutuende, linke Verbindlich­keit zu entwickeln. Daß sie von dort nicht zurückkommt, ist ein anderes Pro­blem. Aber einer muß den Anfang machen. Gute Dialektik bedeutet, das Richtige im Falschen zu suchen, und natürlich ist eine Kritik an der Guerilla nicht erst dann legitim, wenn sie von Leuten kommt, die sie grundsätzlich für richtig und auch als Perspektive für sich selber sehen. Aber das Verhältnis der Guerilla nach außen war hier immer noch das alte: Aus der Erfahrung, daß sich hinter der Einzelkritik oft nur der Versuch verbarg, die ganze revolutio­näre Konzeption abzuräumen, ist auf Kri­tik erstmal abblockend reagiert worden, zumal man selber in diesem Kampf immer auch alles eingesetzt hat und immer wieder neu eine sehr hohe An­strengung mobilisieren mußte. Das ist in den Kritiken oft auch oberflächlich über­gangen worden. Die Abstumpfung und Gleichgültigkeit der Linken gegenüber den Illegalen und den Gefangenen war mitunter frappierend. Aus einem relativ kleinen Aufbruch haben wir allein 21 Tote aus unseren Reihen in der BRD. Vier weitere von hier sind bei Aktionen im Zusammenhang mit den Palästinen­sern erschossen worden oder ums Leben gekommen. Ein paar hundert Jahre Knast sind hier aus dem Bereich Guerilla und Widerstand bereits abgesessen worden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...)&lt;br /&gt; Eine andere Linke haben wir nicht. Hier ist auch das Problem der Anti-Imps an­zusiedeln. Ihr Apologetentum ist nicht zuletzt auch Folge eines falschen Verhältnisses von uns zu ihnen. Ein sich Einlassen auf uns konnte ihnen aus ihrer Politisierung heraus nicht einfach sein. An der Politik der RAF maßen sie sich, ohne sich in ihr subjektiv aufgehoben zu fin­den. Aus den Widersprüchen zu 77 rea­gierten sie mit Tabuisierung oder Apolo­gie, also falsch für ihre eigene Emanzipation und in einer entfremdeten Solidarität. In einer Politik, die sie nicht waren und in der ihre eigene Befreiung immer wieder auf die Schnauze fiel, eine Kette aufgesetzter Ansprüche und unter­drückter Widersprüche, wurde ihnen alles zur Ideologie, wie immer, wenn der Glaube zerfällt, tritt die Religion an seine Stelle, sie produzierten Ideologie. In dem Widerspruch zwischen der Gue­rilla, die ihre eigene Emanzipation oft individuell handhabte und von deren Wiedererkennbarkeit sie deshalb abge­trennt waren, und nicht-revolutionären Linken, gegen die sie sich aus ihrem unsicheren politischen Selbstbewußtsein nur abgrenzen konnte, zerfiel das Bedürfnis nach einer grundsätzlichen politischen Strategie und jenem, in ihr zugleich „echt&quot; zu sein, wahr vor sich selber, in zwei voneinander abgetrennte Teile. Sie haben in sich die innere Spal­tung von privat und gesellschaftlich, Bedürfnis und Politik hingenommen und die eigene Veränderung hinten ange­stellt. Das hätte schon längst zum Pro­blem gemacht werden müssen, da dar­aus nicht politisch Produktives entstehen kann. Aber wir haben uns ja selber oft auf die Auseinandersetzung mit den Systemstrategien reduziert. Als sei die Emanzipation aus einem falschen Leben als erfahrener Prozeß und inhaltlich gefunden bereits gegeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Frontpapier im Mai 82 erklärte die neu aufgebrochenen Bewegungen in der Gesellschaft, die mit den Zusammen­stößen während der Rekrutengelöbnisse 1980 ihren ersten wichtigen Ausdruck fanden, zum gegen den Staat umge­schlagenen politischen Prozeß aus der Dialektik der 77er Konfrontation. Das ist nur eine theoretisch ableitbare Bestim­mung. In diesen Bewegungen war die 77er Niederlage nicht aufgehoben, son­dern abgetrennt als für die eigene Politi­sierung nicht handhabbar. Ebensowenig, wie wir zu Beginn unserer eigenen Politisierung eine sie fortsetzende Verbindung zur 68er-Bewegung suchten - sie war bereits zu weit weg und wir konnten deren Politisierungsprozesse nicht „nach­lernen&quot;, wollten aber auch nicht in fal­schen Ansprüchen versinken - und uns auf uns besannen, konnte die 80er Bewegung mit der im Herbst 77 eskalierten Auf­bruchsgeschichte der Guerilla sich verknüpfen. Das lag an der fehlenden Wie­dererkennbarkeit bei uns. Sie begannen einfach neu mit einer Politik, in der sie die eigenen Aufbruchsbedürfnisse gegen die Lebensverhältnisse hier mit der eigenen Politisierung wieder in relativem Einklang standen. Das war sehr ähnlich zu unserer eigenen Aufbruchsgeschichte, verändert war das gesellschaftliche Umfeld, in dem sie nicht mehr wie wir isoliert waren. Diese Bewegungen waren nicht die Folge einer sich vermittelnden Befreiung aus der Guerilla-Politik, sie entwickelten sich par­allel zu ihr. Sie verhielten sich zwar solida­risch zu uns, wie es im Hungerstreik 81 sehr deutlich wurde, sprangen aber nicht über, behielten vielmehr ihre eigene Politi­sierung als den Ort, von dem sie sich nur bewegen wollten. Und sie konnten auch nicht „überspringen&quot;: wir waren selber in den Bedingungen der Metropole, also auch bei ihnen, noch nicht angekommen. Das nach außen sich vermittelnde Verhält­nis zu ihnen - die Unterscheidung ist wich­tig, weil im direkten Kontakt vieles immer anders war; aber das spricht nur davon, wie oft grundsätzliches bei uns irgendwie „privat&quot; geblieben ist, von der Politik abge­spalten - war so bestimmt, daß sie sich zur Politik der Guerilla hin verändern müssen. Das „Zusammen Kämpfen&quot; bestimmte in der Realität einen schematischen Zusam­menhang verschiedener Konfrontationse­benen, der unter der Hand zum Hierarchi­schen wurde: so verstanden sich die Anti-Imps z.B. als eine Zwischenebene mit der Aufgabe, die Politik der Guerilla weiter nach „unten&quot;, in die Gesellschaft zu ver­mitteln. Eine absurde Situation. Sie wurden darin zur Destruktion. Die Politik der Gue­rilla als ihnen fremdes Gut wurde darin zur Ware, deren „Anbringen&quot; bei anderen zum Konkurrenzkampf wurde. Das führte schließlich dazu, daß die Anti-Imps ihre beanspruchte Kompetenz über besonders radikale Positionen zu behaupten versuch­ten. Ein Wettkampf der Phrasen. Er lebt nur von der Unterscheidung zu anderen. Nicht unähnlich jener Zeit der K-Gruppen, als sie sich untereinander noch als „Arbei­terverräter&quot; beschimpften und die Kompe­tenz für die allergenaueste ML-Auslegung jeweils bei sich beanspruchten. Mit Befreiung hat das nichts zu tun. Es war aber auch dumm von uns: Von unserer eigenen „Alltäglichkeit&quot; haben wir nichts vermittelt. Von uns waren nur die Aktionen sichtbar, also ein politisches Konzentrat. Das Ergeb­nis ist eine Mystifizierung der Guerilla, also ein fernes Gegenbild, dem Einzelnen aus dem Wissen seiner vielen eigenen Unzulänglichkeiten scheinbar unerreich­bar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Aus Hans Magnus Enzensbergers „Der Untergang der Titanic.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;raubt, was man euch geraubt hat,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nehmt endlich, was euch gehört, rief er,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;frierend, die Jacke war ihm zu klein,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sein haar züngelte unter den kränen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;er rief ich bin einer von euch,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;worauf wartet ihr noch? jetzt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ist es zeit, reißt die barrieren ein,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;schmeißt das geschmeiß ins wasser&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mitsamt seinen koffern, hunden, lakeien&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;die frauen auch und sogar die kinder,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mit gewalt, mit messern mit bloßenhänden! &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und er zeigte ihnen das messer&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und er zeigte ihnen die bloße hand&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;aber die leute vom zwischendeck,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;auswanderer waren es, standen da&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;in der dunkelheit, nahmen ruhig&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ihre mützen ab und hörten ihm zu.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;wann wollt ihr endlich rache nehmen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wenn ihr euch jetzt nicht rührt?&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;oder könnt ihr kein blut sehn,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;außer dem eurer kinder, und eurem eigenen? &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und er zerkratzte sich das gesicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und zerschnitt sich die hände&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;und er zeigte ihnen sein blut.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;aber die leute vom zwischendeck&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;hörten ihm zu und schwiegen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nicht, weil er kein litauisch sprach&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(er sprach kein litauisch)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nicht weil sie betrunken gewesen wären&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(ihre altertümlichen Flaschen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eingewickelt in grobe tücher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;waren schon lange leergetrunken&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nicht weil sie kein hunger hatten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(hunger hatten sie auch):&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;das alles war es nicht. es war&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; nicht so leicht zu erklären.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie verstanden wohl, was er sagte,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- aber sie verstanden ihn nicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;seine worte waren nicht ihre worte&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie waren von anderen ängsten zerfressen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;als er, und von anderen hoffnungen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie standen geduldig da&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mit ihren felleisen, ihren rosenkränzen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ihren rachitischen kindern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;an den barrieren, sie machten platz,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie hörten ihm zu, respektvoll,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und warteten, bis sie ertrunken waren.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;


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 <pubDate>Thu, 02 Dec 2010 11:33:08 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Lamento der Trauer</title>
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    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Ein aspekt, der in unserer diskussion kaum erwähnung findet, wenn über militanz, bewaffneten kampf oder gewalt geredet wird, ist kein aspekt:&lt;br /&gt; angst. vor dem tod, vor schmerz, vor einsamkeit.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;lob der verzweiflung &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; es ist ein verzweifeltes tun&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; die verzweiflung herunterzumachen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; denn die verzweiflung macht unser leben &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; zu dem was es ist&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; sie denkt das aus&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; vor dem wir ausflüchte suchen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; sie sieht dem ins gesicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; vor dem wir die augen verschließen&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;keiner der weniger oberflächlich wäre als sie &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; keiner der bessere argumente hätte als sie &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; keiner der in erwägung all dessen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; was sie und wir wissen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; mehr recht darauf hätte als sie&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; zu sein wie sie ist&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;früh am morgen fühlt sie sich fast noch glücklich &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; erst langsam erkennt sie sich selbst&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; nach den ersten worten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; die sie mit irgendwem wechselt beginnt sie zu wissen: &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; sie ist nicht froh&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; sie ist noch immer sie selbst&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;die verzweiflung ist nicht frei von launen und schwächen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; ob ihr witz eine stärke oder eine schwäche ist&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; weiß sie selbst nicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; sie kann zornig sein&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; sie kann bissig und ungerecht sein&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; sie kann zu besorgt sein um ihre eigene würde&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;aber ohne den mut zur verzweiflung wäre vielleicht &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; noch weniger würde zu finden&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; noch weniger ehrlichkeit&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;noch weniger stolz der ohnmacht gegen die macht &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; es ist ungerecht die verzweiflung zu verdammen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; ohne verzweiflung müßten wir alle verzweifeln.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;erich fried&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;ein aspekt, der in unserer diskussion kaum erwähnung findet, wenn über militanz, bewaffneten kampf oder gewalt geredet wird, ist kein aspekt:&lt;br /&gt; angst. vor dem tod, vor schmerz, vor einsamkeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;wir haben gelernt, d.h. in diesem fall besser, die disziplinierungen angenommen, zu rationalisieren, alles vermeintlicherweise oder zu vermeiden wollende vernünftig zu erklären, ja das klingt dann... (meine heftigste kritik an der herangehensweise von ziehvater marx ist, daß er so wenig über Lust und leid geschrieben hat...).&lt;br /&gt; warum heute mehr riskieren?&lt;br /&gt; heute wird die vertiefung in eine sache oft mit verbalisiertem hin­aushadern verwechselt. in der zeit der nachgeborenen, ich ahne, daß es als alibi, entschuldigung oder ausstieg dient, sei so vieles unklar zwischen uns.&lt;br /&gt; selbst parolen auf demos wirken meist unterdrückt (selten zart) oder hysterisch (selten kraftvoll)&lt;br /&gt; auf den ersten blick klingt das widersprüchlich,&lt;br /&gt; doch: wir sind nicht alle, wer die anderen sind müssen wir noch herausfinden, oder besser: wir, die nach veränderung sich sehnen, sind mehr als die sogenannten politisch aktiven, aber: wie erreichen wir etwas gemeinsam?&lt;br /&gt; treuhand, sozialer abbau, faschismus… der widerstand oft so unbeholfen, so ängstlich&lt;br /&gt; die alten verknorrten erfahrungen taugen nicht mal mehr als wärmendes feuerholz in der nacht. (und von anderen hügeln erblickten sie es und lächelten – vielleicht kitschig, aber von der letzten großen nolympia-demo waren alle bekannte zuerst von den schwarzvermummten fackelträgern auf einem dach bewegt)&lt;br /&gt; nein es geht nicht um neue mythen, mit zersetzender rationalität gegensätze von argumenten, auch ersetzen die aus der erkenntnis der defensive ausgetüftelten und mühevoll erarbeiteten agit-propaktion nicht das gefühl der gemeinsamen gefahr, die gemeinsam gelöst wird, der gemeinsame ausbruch aus den strukturen wird höchstens symbolisch und verkopf sichtbar.&lt;br /&gt; wann den gewalttätigen ausbruch spüren… für sekunden vielleicht nur, aber auch nach außen.&lt;br /&gt; ziel einer demo war es schon einmal die menschen auch mit geplanter gewalt in die illegalität zu führen, die entscheidung zu versinnlichen, direkter zu machen, aufzuzwingen.&lt;br /&gt; das ist gescheitert, zurecht… weil objekthaft und arrogant, die verschiedenen formen und schmerzgrenzen, möglichkeiten und hindernisse nicht beachtend – bei jedem und jeder so unterschiedlich geformt – oder vielleicht schon, aber hierarchisierend. aber auch in diese richtung tut uns ein neues denken not.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;vor sicht.&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;da war das hochstilisieren der guerilleros angenehm. wir brauchen heldinnen, am besten soweit weg, daß sie an unserer stelle kämpfen, ein prost im zurücklehnen, denn eigentlich…&lt;br /&gt; die strategie des feindes: das herausheben der bewaffneten, das kreieren eines mythos, einer aura des eiskalten, legitimiert nicht nur repression und überwachung.&lt;br /&gt; gefährlich wird es für uns, wenn wir diese propaganda glauben, egal von welcher seite: rein militärisch hatten wir in den letzten jahren keine chance, das herausheben dieser art zu kämpfen löste, distanzierte und schuf auch falsche gräben zwischen den sozialen kämpfen, zudem von innen, weil die bewaffneten die sonderrolle auch manchmal eitel, weil sich zu selbst zu wichtig nehmend,&lt;br /&gt; weil verzweifelt,&lt;br /&gt; annahmen, die viele auch von uns ihnen dankbar entgegenstreckten.&lt;br /&gt; auch das nicht-trennen von politischer gewalt und militanz im autonomen politikverständnis verhinderte eine entwicklung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;wenn wir heute nicht über unsere eigenen ängste sprechen hat das viele gründe: das vertrauen, das zwar den politischen diskurs des anderen, aber nicht sein schmerzverzerrtes gesicht, (wir lachen zuweilen gemeinsam), kennt, fehlt.&lt;br /&gt; so entzieht sich die basis dem diskurs.&lt;br /&gt; selbstzensur und tabu sind schon zu verbal gedacht&lt;br /&gt; tiefer.&lt;br /&gt; wir waren mit dem persönlichen als politischem schon einmal weiter, aber:&lt;br /&gt; diese kategorisierung wird kaum angetastet. das soziale, gemeinsame denken und handeln wird dadurch selten gestärkt. nach spätestens drei argumenten mußt du doch einsehen… das kratzt nicht mal die oberfläche.&lt;br /&gt; die linke schreibt, diskutiert, seminiert: allein die versinnlichung, eine nicht nur auf einer rationalen analyse beruhenden anziehungskraft (damit meinen manche fälschlicherweise utopie und verbauen damit den gemeinsam zu suchenden weg…) fehlt, etwas, was die vielgescholtenen (damit möchte ich beispielhaft zwei extremen respekt zollen, aber auch distanz betonen: der flüchtenden selbstkasteiung der aufrechten&amp;amp;kargen antiimperialistischen und der kurzsüchtigen, -sichtigen vorwegbefreiung der narzißtischen spontis)&lt;br /&gt; uns zum teil voraus hatten:&lt;br /&gt; ein lebensgefühl.&lt;br /&gt; doch schon darüber schreiben zeigt die ahnungslosigkeit eines gangbaren weges.&lt;br /&gt; gewisse ahnungen entziehen sich unserem politischen selbstverständnis weniger denn unserem diskurs.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;wenn wir nicht über unsere ängste, unsere zweifel sprechen, werden wir unmenschlich und verlieren unsere stärkste waffe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;zumal; angst ist nicht unbegründet: welche strukturen hielten jetzt den genossen im knast noch aus? wer sieht uns dort als teil nicht im abseits, verloren, isoliert? die angst, jahre allein hinter gittern, wann?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;angst ist keine grundlage emanzipativer politik&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;vor der psychatrisierung: den knast in den kopf setzen&lt;br /&gt; noch können wir es uns aussuchen, die schritte sind zum großen teil bewußt, das risiko kalkulierbar.&lt;br /&gt; darin genau liegt aber die chance und die gefahr.&lt;br /&gt; gerne würde ich mehr über unsere ängste sprechen, wie ihr es vielleicht erwartet habt. allein, ich will und kann es nicht: &lt;br /&gt; hier ist nicht der ort für einen erst schritt. danke wenn du weißt warum.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;das lamentieren über unsere eigene befindlichkeit blockiert seit jahren in der linken vieles, da es nicht als solches verstanden wird. von dieser sicht ist der text umgekehrt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;understand?&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;schmerz gebäre tat!&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;einmal hatte dieter, der fahrer des senderwagens, auf einer arbeitsreise, tief besoffen zu proff gesagt, also mal ehrlich seh ich das so, wenn ich nur einen einzigen tag genau das tu, von morgens bis nachts, was ich am alller­liebsten für richtig halte, dann würd ich am zweiten tag oder abends schon vorher abgehen auf lebenslänglich. sie hatten noch lange geredet, warum wir nichts tun, das liebste. und es war alles angst gewesen, die lust auf ein langes leben.&lt;br /&gt; proff hatte sich aber die seltsame wendung im reden des alten, dies angeblich falsche deutsch als die wirklich erst treffende sprache, gemerkt, am allerliebsten für richtig hal­ten. dieser mann muß verstanden haben, daß unser richti­ges ding mit der liebe zu tun hat.&lt;br /&gt; aber das ding mit der liebe. in alles leben verliebt, kannst du leicht versacken, so versoffen mag dich auch pack. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;dann&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wenn dein glück&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;kein glück mehr ist&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;dann kann deine lust&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;noch lust sein&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und deine sehnsucht ist noch &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;deine wirkliche sehnsucht&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;auch deine liebe&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;kann noch liebe sein&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;beinahe noch glückliche liebe&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und dein verstehen kann wachsen&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;aber dann will auch &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;deine traurigkeit&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;traurig sein&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und deine gedanken &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;werden mehr und mehr &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;deine gedanken&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;du bist dann wieder du &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und fast zu sehr bei dir&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;deine würde ist deine würde &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nur dein glück&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ist kein glück mehr&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;e.f.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;


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 <pubDate>Wed, 01 Dec 2010 12:48:24 +0000</pubDate>
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 <title>Suppe im Salz</title>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Es gibt nur wenige Diskussionen, die der Linken so von außen aufgezwungen wurde wie die Gewaltdiskussion der vergangenen 15 Jahre. Im Anschluß an den Herbst 1977, vor allem mit dem Beginn der Friedensbewegung wurde die Frage zum Gewissensbekenntnis.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Jenseits des Tellerrandes:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;„Wir kennen diese Frage nicht&quot;&lt;/em&gt;, meint ein griechischer Genosse zur Gewaltfrage.&lt;em&gt; „Mein Großvater war kommunistischer Partisan, die Generation meiner älteren Geschwister stand im Widerstand gegen die Diktatur, bei den Anti-NATO-Demonstrationen in den 80er Jahren waren es Hunderttausende, die verlangt haben, die US-Botschaft niederzubrennen. Ich habe nie verstanden, wie sich die BRD-Linke diese Diskussion hat aufzwingen lassen.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die fanatischen Eiferer: &lt;/strong&gt;Es war einer der erheiterndsten Momente meines Lebens, als auf einer Demonstration gegen den Golfkrieg ein bekennender Pazifist einem Freund blutige Lippen schlug. Der Freund zertrümmerte mit Steinen die Fensterscheiben einer Bank, als ihn von hinten ein Friedensbewegter anfiel und wutschäumend auf ihn einprügelte.&lt;em&gt; „Du gewalttätiges Schwein&quot;&lt;/em&gt;, schrie er den Freund an, und seine Begleiterin, taubenbesteckt, brüllte uns an: &lt;em&gt;„Ihr Chaoten&quot;&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die andere Seite:&lt;/strong&gt; Bewaffnung ist zur bundesdeutschen Wirklichkeit geworden. In vielen Fällen geht es um Selbstverteidigung, die Medien jammern, die Polizei rüstet auf, - und Teile der Linken feiern den Zerfall des staatlichen Gewaltmonopols. Das entbehrt nicht eines bitteren Nachgeschmacks. Auch wenn man weiß, für wen und gegen wen das staatliche Gewaltmonopol in Gang gesetzt wird, auch wenn man erkennt, daß Bewaffnung legitim, unvermeidbar ist, gibt es nichts zu jubeln über die neuen Verhältnisse. Schmetterlingsmesser in der Grundschule...&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die unglaublich unsägliche Gewaltfrage&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt nur wenige Diskussionen, die der Linken so von außen aufgezwungen wurde wie die Gewaltdiskussion der vergangenen 15 Jahre. Im Anschluß an den Herbst 1977, vor allem mit dem Beginn der Friedensbewegung wurde die Frage zum Gewissensbekenntnis.&lt;br /&gt; So wie die SPD mit den Berufsverboten das Treuebekenntnis zum bürgerlichen Staat zur Bedingung für den Eintritt in den öffentlichen Dienst gemacht hatte, so wurde Ende der 70er die Distanzierung von der Gewalt von links zur Grundvoraussetzung für „Diskussions- und Arbeitsfähigkeit&quot; in Bündnissen. Die Fraktionierung der Grünen in Systemunterstützer (Realos) und -oppositionelle (Fundis) wurde mit dem Thema vorangetrieben, die wichtigsten sozialen Bewegungen gespalten und die bewaffnete Linke in der BRD isoliert.&lt;br /&gt; Wer Militanz als Mittel vor den AKW- Baustellen oder NATO-Camps nicht ausschließen mochte, wurde genauso ausgegrenzt wie diejenigen, die in den Gefangenen des 2. Juni und der RAF nicht nur Kriminelle sahen.&lt;br /&gt; Anders aber als bei den Berufsverboten machten sich die Betroffenen selbst zu Bütteln der von oben vorgegebenen Katharsis des Widerstands. Es war letztendlich nicht der Staatsapparat, sondern die Vollmers und heutigen Befürworter einer Intervention in Bosnien, die die Distanzierung von der Gewalt durchsetzten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Natürlich war die Debatte um „Friedfertigkeit gegen Gewaltbereitschaft&quot;, in der die „Friedfertigen&quot; als moralisch dastanden, eigentlich immer ein durchsichtiges Manöver gewesen. Die offizielle Seite hatte mit Gewalt an sich keine Probleme. Ihr ging es um die Wahrung des staatlichen Monopols darauf, - was sie auch beherzt vorführte, wenn es einmal ein wenig enger wurde. Wer erinnert sich nicht an die CS-Gasgranaten - ein in den Genfer Konventionen geächtetes Kriegsgas -, die aus Hubschraubern vor Wackersdorf auf die Menschenmenge geschleudert wurden? Oder an die prügelnden Polizeieinheiten vor Brokdorf, die Ausrüstung von immer neuen Sondereinheiten oder die in der SPD/FDP Regierung im Herbst 1977 geführte Diskussion, „stündlich einen Gefangenen der RAF zu erschießen&quot; (aus den Regierungsprotokollen)?&lt;br /&gt; Aber auch von Seiten der &lt;em&gt;Bewegungsfriedlichen &lt;/em&gt;war das Verlangen nach Militanzverzicht ein höhnischer Einwand. In Anbetracht bestehender Gewaltverhältnisse, in denen Alkoholismus, Obdachlosigkeit, Arbeitsplatzverlust, Vergewaltigung und rassistische Überfälle Bestandteil des gesellschaftlichen Normalzustands sind, klangen und klingen sie nach Komplizenschaft. Wer gegen gewalttätige Zustände nicht mit allen Kräften Position bezieht, bezieht Position. Er stellt sich, gewollt oder ungewollt, auf die Seite der Normalität, auf die Seite herrschender Gewalt.&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Friedfertigkeit &lt;/em&gt;gab es deswegen nie. Schon der Begriff beinhaltet, daß einvernehmliche Lösungen immer möglich sind. Das aber ist ab einem bestimmten Punkt nicht nur eine Illusion, es ist ein Verbrechen. Wer die Entlassung von Hunderttausenden als wirtschaftlich unvermeidbar bezeichnet oder die Obdachlosigkeit normal findet, hat Stellung bezogen: klar und unmißverständlich auf der Seite derjenigen, die von den Verhältnissen profitieren. Es müssen keine Fäuste fliegen oder Schüsse fallen, damit Gewalt herrscht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der soziale und politische Widerstand in der BRD hat das lange Jahrzehnte nicht verstanden. In Italien hagelt es Backpfeifen für Streikbrecher, in Frankreich legen Bauerndemonstrationen Hauptverkehrsstraßen mit Strohbarrikaden lahm, und im spanischen Staat bauen Stahlarbeiter im Arbeitskampf mit großem Elan Geschütze, um die Polizei vom Betriebsgelände fernzuhalten. Man weiß, daß die Alternativen nicht „friedlicher&quot; wären als das, was man tut.&lt;br /&gt; Bei uns - aber nicht nur bei uns - zieht man dagegen das Bitten dem Fordern vor. Das Fehlen einer Widerstandskultur - keine einzige Revolution schafften die Deutschen außer der nationalsozialistischen - war kein Zufall, sondern hatte seinen historischen Rahmen: Von preußischer Autoritätshörigkeit und den Bismarckschen Sozialgesetzen, die die Arbeiterklasse zum „Sozialpartner&quot; verpflichteten, über die Ausmerzung der kämpferischen Linken unter den Nazis, bis hin zur halb-totalitären Adenauer- Demokratie spannt sich der Bogen, der es den Getretenen in Deutschland immer so schwer gemacht hat, den Kopf oder die Hand nach oben zu erheben. Deutsche Bürgerinnen identifizieren sich mit ihrem Staat, sie erkennen ihn als neutralen Schiedsrichter an, als ob er zwischen den Interessenseiten stünde. Die Philosophie des aus den USA kommenden Fordismus wie auch der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft&quot; beherrscht die Köpfe. „Arbeiterinnen und Unternehmerinnen sitzen in einem Boot&quot;. Der Staat tut so, als ob er der institutionalisierte Konsens zwischen beiden wäre.&lt;br /&gt; Und wirklich - in Deutschland, aber nicht nur hier, schien diese Losung lange aufzugehen; als sie nicht mehr aufging, wurde auf Kosten der Nachbarn dafür gesorgt, daß sie weiter aufgehen kann. Das ist das Tragische an der Konfrontationsfeindlichkeit nach innen: Die Sehnsucht nach Harmonie unter den Klassen grenzt andere aus. Lebensverhältnisse in Deutschland „sozialpartnerschaftlich&quot; lösen, bedeutet, die Außengrenzen dicht zu machen, mit Infrarot, Bundesgrenzschutz und Hetzjagden. Die „Friedfertigkeit&quot; nach innen beinhaltet die latente Aggression nach außen. Nie war sich Deutschland so einig, Arbeiterinnen und Unternehmerinnen so Freund wie damals in den „goldenen 12 Jahren&quot;.&lt;br /&gt; Nun zerbricht das Boot wieder, schon seit einem Jahrzehnt, die Gleichung Lohnerhöhung=Wachstum geht nicht mehr auf; was gut ist für die Unternehmerinnen, ist Arbeitslosigkeit für die anderen. Die allermeisten haben es trotzdem noch nicht begriffen. Die Kali-Kumpel aus Bischofferode klagen über die Treuhand. Mißmutig quengelt man über die schlechte &quot;Vereinigungspolitik&quot; der Regierenden, als ob man den Begriff „Klassengesellschaft&quot; für eine Erfindung des MfS hielte. Aber eine echte Perle der alten und neuen Staatsbürgerlichkeit auch unter den Linken bot sich auf einer Antifa-Demo im Berliner Stadtteil Marzahn. Demo-eigene Ordner verjagten Demonstrantinnen vom Mittelstreifen der Straße mit dem Argument, daß „die Polizei nur die Fahrbahn, nicht aber den Grünstreifen genehmigt hätte.&quot; Die Auseinandersetzung kulminierte in dem schönen Satz „Wollt Ihr ordentlich marschieren oder Radaukommunismus?&quot; - Wie süß klang mir das dahingenäselte Wort in den Ohren. Radaukommunismus - das muß etwas sehr lebendiges sein, z.B. das Abenteuer eines Mittelstreifens oder die Übertretung einer Verordnung. Ich ahnte süße Träume zwischen Plattenbauten und Wurstbuden, geordnet marschierend.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;&quot;Im Auftrag des Herrn Landrat bestätige ich ihre Anmeldung für den  sogenannten Ostermarsch. Soweit die Demonstration durch das Gebiet des  Landkreises Obernburg führt, darf nur auf Feldwegen und Landstraßen  3.Ordnung demonstriert werden. Die rechte Straßenseite ist streng  einzuhalten, und es darf nur in Zweierreihen gegangen werden. Eine  Kundgebung auf dem Marktplatz von Obernburg wird nicht genehmigt, weil  dadurch am Samstagnachmittag Ruhestörungen und Belästigungen zu erwarten  sind. Für ihre Kundgebung steht ihnen das Sportgelände direkt am Main  zur Verfügung. Da nicht auszuschließen ist, daß bei der Demonstration  kommunistische Parolen mitgeführt werden, sind sie verpflichtet, alle  Parolen und Flugblattexte, bevor sie öffentlich zugänglich gemacht  werden, meiner Behörde zur Einsicht vorzulegen. Die beantragte Benutzung  von Lautsprechern kann nicht genehmigt werden. Sofern sie auf ihrer  Demonstrationsstrecke die Bundesstraße 469 überqueren müssen, hat sich  die Demonstration vorher aufzulösen, und alle Transparente sind  einzurollen.&quot; Ostermarsch 1961-zitiert nach Lutz Taufer&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Militanter Pazifismus...&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Natürlich gab es in der BRD-Linken auch andere Gegner der politischen Gegengewalt als die quengelnden, moralisierenden Untertanenoppositionellen. Da waren zum Beispiel jene militanten Pazifistinnen, die mit respektabler Ausdauer Anfang der 80er Jahre NATO-Stützpunkte blockierten und in Rüstungsfabriken Sabotage betrieben. Für sie war klar, daß Widerstand die vom Staat zur Legalität gemachten Grenzen nicht zu beachten braucht, weil dieser Staat selber Träger von Gewalt ist. Sie verhielten sich eindeutig, kämpferisch, setzten sich mit denen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Wehr und riskierten einiges dabei.&lt;br /&gt; Grundlage ihres &lt;em&gt;gewaltfreien &lt;/em&gt;Verhaltens war die Erkenntnis, daß man von den „Mitteln geformt wird, die man gebraucht&quot;, daß auch der revolutionäre Krieg Menschen zu Soldaten macht. Sie dagegen forderten, die angestrebte Gesellschaft radikal vorwegzunehmen, indem sie eben nicht handelten, wie es der Gegner tut. Das ist richtig und auch wieder nicht. Im Falschen gibt es nichts einwandfreies, in der unterdrückten Gesellschaft keinen ganz „neuen Menschen&quot;, in der Gewalt keine völlige Friedfertigkeit.&lt;br /&gt; Das soll nicht heißen, daß ihre Kampfformen wie Sitzblockaden kein Mittel sein könnten, auch nicht, daß sie in der Anti-NATO-Bewegung nichts bewirkt hätten. Ihr &lt;em&gt;kämpferisch-pazifistisches&lt;/em&gt; Dagegenhalten taugt einfach nur für bestimmte Situationen. In Rostock hätten weder Menschenketten noch Blockaden etwas erreicht. Es hätte die Rassisten, die ihre verlorengegangene Identität dadurch gewinnen, daß sie nach unten, gegen die Schwächeren durchtreten, nur in ihrem Bild bestätigt. Die anderen sind Schwächlinge, sie aber sind stark. Wer Nazis das zeigt, gibt ihnen Rückenwind. In der neuen Situation, in der wir uns befinden, wählen wir die Mittel unseres Widerstandes nur noch bedingt, andere wählen sie für uns.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Kämpferischer, ziviler Ungehorsam kann deswegen nicht die einzige Kampfform bleiben. Spätestens nach dem 2.Massaker an einer Demonstration zerbricht der &lt;em&gt;gewaltfreie&lt;/em&gt; Widerstand an seiner Hilflosigkeit. Zum Kämpfen gehört immer auch Aussicht auf Erfolg, der Ausbruch aus der Opferrolle. Wer immer nur geschlagen wird, steht nicht mehr auf. Es sei denn, es gelingen kleine moralische Siege: eine Sabotageaktion, die eine ganze Fabrik lahmlegt, der Tod eines Folterers, der 3. Stromausfall in einer Woche, obwohl die Straßen voller Militärs sind. Man braucht nur nach dem Chile der Militärdiktatur schauen oder nach Kurdistan heute. Hätte die chilenische Menschenrechtsbewegung so lange gekämpft, wenn es die Nadelstiche gegen die Pinochet-Schergen nicht gegeben hätte? Oder würden die Oppositionellen in Diyarbakir ihre Hilflosigkeit gegenüber den türkischen Truppen ertragen, wenn sie nicht wüßten, daß in den Bergen rundherum die Folterknechte nichts zu lachen haben? Überhaupt ziviler Ungehorsam: Kolumbianische Linke gehen immer mindestens zu sechst, wenn sie nachts Sprüche an die Wände schreiben: 2 malen, die anderen kontrollieren bewaffnet die nächsten Straßenzüge. Wer erwischt wird, wird erschossen.&lt;br /&gt; Die Herrschenden benützen in der Verteidigung ihrer Privilegien alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, militärische sind ein Teil davon. Niemand kann die Gesellschaft grundlegend verändern, ohne sich dagegen zu organisieren. Und genau deswegen ist ziviler Ungehorsam allein einfach zu wenig.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;...oder by any means necessary?&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das vielleicht einzig Positive an der gewalttätiger werdenden BRD-Wirklichkeit ist, daß dem moralisierenden Diskurs des „Gewalt oder Friedfertigkeit&quot; der Boden entzogen worden ist. Mit den 5000 Überfällen und Anschlägen der faschistischen Terrorgruppen seit 1990 wird es immer schwerer, sich individuell darauf zurückzuziehen, daß man für sich persönlich Gewalt ablehnt. Die Wirklichkeit verlangt der Linken heute viel klarere Entscheidungen ab, als dies vor ein oder zwei Jahrzehnten der Fall war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotzdem ist es ist keine Antwort, wenn - nachdem die „Friedfertigkeit&quot; als Lüge enttarnt ist - Gewalt zum wichtigsten der politischen Mittel hochstilisiert wird, wie das unter den Befürworterinnen des bewaffneten Kampfs vielfach der Fall war oder ist und sich heute in der Antifa-Bewegung teilweise wiederholt. Militanz, das heißt die kämpferische Bereitschaft, etwas zu riskieren und mit allen Mitteln Widerstand zu leisten, läßt sich mit Gewalt nicht gleichsetzen; auch mit Entschlossenheit nicht. In vielen lateinamerikanischen Ländern oder in der türkischen Republik ist es härter, politisch zu arbeiten, als in die Berge zu gehen. Während das Leben in der Guerilla berechenbar ist, tobt in den Städten der schmutzige Krieg gegen die legale Linke. Die Bereitschaft, das Leben zu ändern, notfalls auch zu sterben - also militant zu sein -, macht sich nicht an den Waffen fest. Genausowenig sind sie Garantie für einen schnelleren Erfolg.&lt;br /&gt; „&lt;em&gt;By any means necessary&lt;/em&gt;“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_3ycycs5&quot; title=&quot;„By any means necessary&amp;quot; (mit allen notwendigen Mitteln) meinte Malcolm X eigentlich nicht zur politischen Gewalt im allgemeinen, sondern im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen den Ku-Klux-Klan. Zur pauschalen Bejahung des bewaffneten Kampfes/der politischen Gewalt wurde der Ausspruch erst danach.&quot; href=&quot;#footnote1_3ycycs5&quot;&gt;1&lt;/a&gt; ist deswegen ein pauschales Schnellurteil. Gewalt ist natürlich nicht in jedem Fall notwendig. Auch wenn völlig auf der Hand liegt, daß die Gegenseite immer bereit ist, ihre Ordnung und Herrschaft notfalls auch militärisch zu verteidigen, sagt das nichts über den Sinn eigener Gewalt aus. Gerade dann, wenn von Gegnern die militärische Konfrontation gesucht wird, ist es sinnvoll, ihr aus dem Weg zu gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es läßt sich zum Beispiel die Frage stellen, ob nicht Malcolm X&#039; Satz &lt;em&gt;„By any means necessary&quot;&lt;/em&gt; für die Black Panther Party zum Verhängnis wurde. Die schwarze Organisation zeigte ihre Bereitschaft bewaffnet zu kämpfen bei jeder Gelegenheit. Auf Postkarten der BPP sagten schwarze Kinder zu ihren Daddies „schenk mir eine Knarre zu Weihnachten&quot;. Und das zu einem Zeitpunkt, wo in den ganzen USA gerade einmal ein paar hundert Leute in der BPP organisiert waren. Die Organisation stand auf wackligen Beinen, auf die Repression, die danach kam, war sie nicht vorbereitet. Hätte sie die militärische Seite ihres Kampfes nicht so betont, wäre es ihr wahrscheinlich leichter gefallen, sich in den Ghettos zu verankern. Andersherum hätte den staatlichen Stellen ein gutes Stück Legitimation gefehlt, gegen die BPP loszuschlagen.&lt;br /&gt; Das ist natürlich kein Argument dagegen, daß die Entscheidung, sich zu bewaffnen, gerechtfertigt war. Und es stimmt auch, daß die Anziehungskraft der Panthers auch deswegen groß war, weil sie nach Jahrhunderten der Sklaverei die erste landesweite Organisation war, die sich zum bewaffneten Kampf bekannte. Trotzdem eskalierte die Situation für die Black Panthers wahrscheinlich zu früh. Der heraufbeschworenen Konfrontation war sie nicht gewachsen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das ist kein echtes Urteil über die BPP. Es ist nur ein Beispiel dafür, daß sich das Problem der politischen Gewalt für die Linke ganz anders stellt. Sie muß - wenn sie die Verhältnisse wirklich grundlegend verändern will - immer militant kämpfen, d.h auch mit Mitteln, die ihr der Staat versagt. Aber sie muß mit der politischen Gewalt als Kampfmittel sehr bewußt umgehen, sie darf sich den Moment ihrer Verwendung nicht aufzwingen lassen, und vor allem muß sie das Reaktionäre in ihr ständig erkennen.&lt;br /&gt; Das Geschick liegt letztendlich darin, sich auf Situationen vorzubereiten, ohne sie dadurch herbeizubeschwören, Eskalationen abzusehen, ohne sie im falschen Moment zu verschärfen. Ich werde darauf noch zurückkommen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Der fehlende Begriff gesellschaftlicher Macht&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;„Das Weltbild der Revolutionäre, ob im Trikont oder in den Metropolen, war in den vergangenen Dekaden geprägt von jenem klassischen Verständnis des Politikmachens, in dem die Hauptagenten des politischen Manövers und der politischen Macht Großorganisationen wie Staaten, Parteien, Gewerkschaften, schließlich nationale Befreiungsbewegungen sind, Vorstellungen, die auch die ersten Jahre des Aufbruchs hier geprägt haben und sich noch immer großer Sympathie erfreuen. Es ist ein Verständnis, das seine Wurzeln im 18. und 19. Jahrhundert hat, wo jene zentralen Instanzen der Gesellschaftsorganisationen von oben, der Staat der Moderne und seine Apparate, Parteien, schließlich Gewerkschaften, aus der Taufe gehoben wurden. Der Staat, die Gesellschaft von oben organisierend, ist der Angelpunkt des Politischen, die Revolutionäre kämpfen entweder um die Erringung oder die Abwehr der Staatsmacht. Sie haben dieses Weltbild, das in besonderen Fällen den Charakter eines Duells annimmt, in dem die Gesellschaft überhaupt nicht mehr vorkommt, gegen alle Anfechtungen der Wirklichkeit sorgfältig verteidigt...&quot;&lt;/em&gt; (Lutz Taufer, „Wird Zeit, daß wir rauskommen&quot; in: Odranoel)&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;„(...) wir werden um die Erkenntnis nicht herumkommen, daß ein altes System - schon gar nicht so ein ausdifferenziertes - mit bloßen Machtmitteln nicht beseitigt werden kann, solange nicht ein neuer ökonomischer und sozialer Sinn herangewachsen ist, der das alte, zu eng gewordene Machtgebäude sprengt.&quot;&lt;/em&gt; (Taufer, „Wird Zeit, daß wir rauskommen&quot; in: Odranoel)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die Linke - damit meine ich die emanzipatorischen Bewegungen insgesamt -, stellt sich die Wahl der Gewalt als politisches Mittel als pragmatische Frage. Man muß Gewalt nicht prinzipiell bejahen, um sie dennoch anzuwenden. Wer erkannt hat, daß Klassenkampf nicht gemacht werden muß, weil er bereits vorgefunden wird, wer Rassismus, sexistische Gewaltverhältnisse, Elend gesehen und die Ursachen in den gesellschaftlichen Verhältnissen erkannt hat, redet nicht mehr von Gewaltfreiheit. Das ist die moralische Grundlage des Konzepts bewaffneter Kampf.&lt;br /&gt; Die entscheidende Frage lautet dann allerdings, ab wann bewaffnete Politik sinnvoll ist und in welcher Weise. Die sich bewaffnenden Linken der vergangenen Jahrzehnte sind hier fast alle „gescheitert&quot;. Zugegebenermaßen gab es zu manchen Niederlagen keine Alternative. Es gab Augenblicke, wo man gegen einen übermächtigen Gegner kämpfen mußte, selbst wenn man nicht die kleinste Aussicht auf Erfolg hatte.&lt;br /&gt; Aber es gab Niederlagen, die glimpflicher hätten sein können oder vermeidbar waren. Einer der Gründe dieses „Versagens&quot; liegt darin, daß es bei den Anhängerinnen des bewaffneten Kampfs (und nicht nur bei ihnen, sondern auch bei den Befürworterinnen eines „friedlichen Übergangs zum Sozialismus&quot;) ein mangelndes Verständnis davon gab, wie gesellschaftliche Macht funktioniert.&lt;br /&gt; Renato Curcio, einer der Gründer der italienischen Roten Brigaden meinte in einem Interview im Frühsommer &lt;em&gt;„wir sind authentische Bewegungen gewesen, sehr naiv, wir haben uns gewehrt, weil es großen sozialen Druck gab. Wir sind dann mit einer Organisierung der Macht zusammengestoßen, die uns unbekannt war. Sie war viel wehrhafter und vielschichtiger, als es uns unsere Analysen zu verstehen erlaubt hätten.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; Der Punkt aber ist entscheidend. Ebenso wie sich ein Teil der Linken im „Marsch durch die Institutionen&quot; abarbeitete und letztendlich aufgesaugt wurde, weil sie das System zu wenig begriff, sind andere Linke der letzten Jahrzehnte an ihrem militaristischen Machtverständnis gescheitert. Sie begriffen den Konflikt nur noch - wie Lutz Taufer schreibt - als „Duell, in dem die Gesellschaft überhaupt nicht mehr vorkommt&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die frühen Texte der RAF sind dafür wahrlich ein Beispiel. Ulrike Meinhof schrieb 1976 an Hanna Krabbe:&lt;em&gt; „das ist scheiße, was du da redest. dein gedankengang ist imaginär. als wäre der feind die ideologie, die er ausspuckt, das gewäsch, die plattitüden, die dir da aus dem kasten in der wand (...) entgegenkommen.&quot; Oder Meinhof und Baader im gleichen Jahr: „worum es geht, ist, in den metropolen die zweite demarkationslinie, die determiniert ist, durch die dialektik der rückwirkungen der befreiungskriege an der peripherie des systems in den metropolen, also den versuch der strategischen rekonstruktion des us-kapitals durch zurücknahme seiner linien in den zentren - ideologisch, politisch, militärisch, ökonomisch ja auch - zur FRONT zu entwickeln, zur politisch-militärischen auseinandersetzung- der prozesse, der den klassenkampf in den metropolen als teil des befreiungskrieges in der 3.welt definiert, indem er hier antizipiert, was proletarische politik heute ist: befreiungskrieg.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn es natürlich stimmt, daß die Konflikte Anfang der 70er Jahre vor allem ihre militärische Seite zeigten, auch wenn man berücksichtigt, daß damals in weiten Teilen der Welt Guerillakrieg herrschte - Vietnam war nur dessen heftigster Ausdruck -, selbst wenn man der Ansicht ist, daß der bewaffnete Kampf einen notwendigen Bestandteil auf dem Weg zur Veränderung darstellt, so bleiben die Aussagen Meinhofs und Baaders trotzdem falsch.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die Stabilität einer Gesellschaftsordnung fußt längst nicht nur auf ihrer Fähigkeit, militärisch-polizeilich ihre Gegner zu unterdrücken. Unter den drei Stützen der Macht - Modernisierungsfähigkeit, politisch-kulturelle Hegemonie und Herrschaft- erlangt die militärische Seite der Herrschaft erst dann Bedeutung, wenn sich ein Konflikt zuspitzt, wenn die normalen Mechanismen der Herrschaftsreproduktion nicht mehr funktionieren.&lt;br /&gt; Die Ostblockstaaten haben das gezeigt: Obwohl sie vor Waffen starrten, waren sie nicht in der Lage, die Opposition niederzuhalten. Es war unsicher geworden, ob Polizisten und Soldaten Befehle überhaupt noch ausführen würden. Die herrschende Klasse besaß zwar die Kontrolle über den Staatsapparat, aber keine Glaubwürdigkeit mehr. Die Hegemonie, also die Fähigkeit politische und kulturelle Werte durchzusetzen, war ihr entglitten.&lt;br /&gt; Noch wichtiger als das war die Unfähigkeit des Systems, sich zu erneuern. Die bleierne Trägheit der realsozialistischen Apparate verhinderte noch die banalsten Reformen. Erneuerung, Anpassung an veränderte weltgesellschaftliche Bedingungen fanden schleppend oder gar nicht statt. Am Ende war der wirtschaftliche und politische Zerfall so weit, daß große Teile der herrschenden Klasse im Realsozialismus sich vom bisherigen Modell abwandten. Die alte Gesellschaftsordnung brach zusammen, ohne daß ein einziger Schuß fiel. Nicht ihre militärische Schwäche, sondern die Unfähigkeit, sich zu erneuern und eine politisch-kulturelle Hegemonie aufzubauen, führte zum Zusammenbruch der realsozialistischen Regime.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es ist eine Erkenntnis, die wir immer noch viel zu wenig verstehen. Verhängnisvoll ist das deswegen, weil die Reduzierung von Macht auf das Militärische auch zu einer politischen Beschränkung der bewaffneten Organisationen geführt hat. Sie fingen an, sich in der militärischen Konfrontation zu verlieren, durch die subjektiv erlebte Verschärfung der Widersprüche verschwammen andere gesellschaftliche Entwicklungen, bis nur noch die beiden Armeen sichtbar waren. Die Bevölkerungsmehrheit wurde zu passiven Beobachtern, zu Statisten.&lt;br /&gt; Das spricht nicht gegen den bewaffneten Kampf allgemein. Es spricht gegen ein bestimmtes Konzept bewaffneter Kämpfe.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Ein Rückblick auf die bewaffneten Kämpfe&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Seltsamerweise taucht beim Stichwort Guerilla immer wieder die Assoziation &lt;em&gt;nationale Befreiungsbewegungen seit Mitte der 60er Jahre&lt;/em&gt; auf. Lange aber vor den antiimperialistischen Kämpfen jener Jahre, sogar lange vor Cuba, ist die Guerilla Widerstandsform von Bevölkerungen gewesen. &lt;br /&gt; Zum ersten Mal als feststehende Bezeichnung taucht der Begriff während der französichen Besetzung Spaniens 1808 auf. &lt;em&gt;Guerilla &lt;/em&gt;- die Verkleinerungsform von &lt;em&gt;guerra &lt;/em&gt;(Krieg) - stand für den von einer irregulären Armee geführten Kleinkrieg gegen das stehende Heer Napoleons. Die Guerilla war die nahelie­gende Organisationsform einer mittellosen Bevölkerung gegen einen mächtigeren Feind. Sie zermürbte den Gegner in Kleinstgefechten, griff ihn an, wenn er es nicht erwartete, zerstreute sich vor den Angriffen des feindlichen Heers in der Bevölkerung.&lt;br /&gt; Im Rußland des 19.Jahrhundert bekam der Kleinkrieg eine neue Komponente. Die Volkstümler (Narodniki) übten in kleinen Geheimgruppen Terror (wie sie selbst sagten) gegen das Zarenregime aus in der Hoffnung, damit das System zu destabilisieren und schließlich zu enthaupten.&lt;br /&gt; Diese Erwartung erfüllte sich nicht. 1881 gelang es den &lt;em&gt;Narodniki &lt;/em&gt;zwar, den Zar Alexander Il. bei einem Attentat zu ermorden. Aber anstelle des Zusammenbruchs des Regimes folgte seine Konsolidierung. Alexander III. ersetzte den alten Zaren lückenlos, er galt sogar als noch weitaus tyrannischer als sein Vorgänger. Aufgrund dieser Erfahrungen grenzten sich die russischen Sozialdemokraten vom Terrorismus in den kommenden Jahrzehnten radikal ab. Lenin, dessen älterer Bruder bei den &lt;em&gt;Narodniki &lt;/em&gt;gekämpft hatte und gestorben war, betonte wie andere Sozialdemokraten auch, daß nur eine organisierte Klasse das Zarenregime ernsthaft gefährden könne, nicht aber der von wenigen getragene Terror gegen die Herrschenden. Die Position war durchaus inkonsequent, denn trotz dieser Kritik führten auch die Bolschewisten den bewaffneten Kampf. Ihre „technischen Einheiten&quot; waren die aktivsten bewaffneten Gruppen Rußlands in den ersten Jahren des 20.Jahrhundert. Sie verübten Anschläge auf Regierungstruppen und zaristische Beamte, überfielen Banken und Waffendepots, womit einerseits die politische Arbeit finanziert und zweitens Stoßtruppen für die Revolution ausgebildet werden sollten. Auch wenn sie von der offiziellen kommunistischen Geschichtsschreibung verachtet wurden, spielten sie über Jahre hinweg eine wichtige Rolle bei der Destabilisierung des zaristischen Regimes.&lt;br /&gt; Auf Terror gegen die herrschende Klasse als ein Mittel der Destabilisierung und als eine Art Katalysator für die Massenbewegung setzten auch Teile der Anarcho-Syndikalisten in Spanien in den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts. Buenaventura Durrutti, der historische Kopf der spanischen Revolution, war lange Jahre einer der meistgesuchtesten „Terroristen&quot; in Spanien und Lateinamerika. Stärker als bei den russischen Narodniki machte sich in Spanien bemerkbar, daß Anschläge, auch wenn sie nur von wenigen verübt wurden, durchaus mobilisierend für eine Massenbewegung sein können. Das Gefühl, daß die Herrschenden nicht unverwundbar sind und für ihre Greueltaten bestraft werden können, führte dazu, daß sich Durrutti und andere in Volkshelden verwandelten, und gleichzeitig die Massenbewegung erstarkte.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der Dirigent Yehudi Menuhin auf die Frage &quot;Was sagen Sie einem  Skinhead?&quot;: &quot;Das sind arme Kinder, die nie Liebe und Zärtlichkeit  kennengelernt haben. Ein Kind soll träumen, aber seine Träume sollten  nicht vom Fernsehen kommen oder aus Medien, in denen nur Brutalität  vorkommt. So werden seine Träume auch brutal oder angsterfüllt. Das ist  schade, denn es gibt fabelhafte Bücher heute, die für die Kinder  geschrieben sind, wirklich schöne Bücher. Kinder können heute mehr  lernen als je zuvor. Kinder, die täglich sieben Stunden lang vor dem  Fernse­her sitzen und ihre Gedanken und ihre Phan­tasie mit diesen  Schrecklichkeiten anfüllen, entwickeln sich nicht gut. Das sollte nie,  nie erlaubt werden. Aber dafür müssen die Eltern sich opfern und selber  nicht fernsehen. Und natürlich auch nicht rauchen ...&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der erste, der den revolutionären Prozeß dann theoretisch und praktisch als Krieg begriff, war in den gleichen Jahren auf der andere Seite der Erdkugel Mao TseTung. Entgegen der Anweisungen der Moskauer Zentrale der Komintern unter Stalin baute der junge chinesische Kommunist konsequent ein Volksheer auf, das sich in Rückzugsgebieten festsetzte und zum ersten Mal in der Geschichte der marxistischen Linken vorrangig auf die Bauernschaft stützte. Im Kreml hielt man Mao deshalb für einen Spinner, der die chinesischen Kommunisten womöglich in den Untergang führen werde. Erstaunlicherweise jedoch war das Konzept des langanhaltenden revolutionären Krieges, der von 1924 bis &#039;49 dauerte, in China schließlich erfolgreich.&lt;br /&gt; Das bahnbrechende an diesem Konzept war, daß der bewaffnete Aufstand nicht mehr als begleitende Komponente im gesellschaftlichen Prozeß gesehen wurde, sondern zur tragenden Achse der Revolution wurde. Der &lt;em&gt;revolutionäre Krieg&lt;/em&gt; sei, so Mao, die höchste Stufe zur Auflösung des sozialen Konflikts, ein all­mählicher Wachstumsprozeß, in dem sich Widersprüche zuspitzen und Kräfte gesammelt werden.&lt;br /&gt; Was nach Mystifizierung von Gewalt und Waffen klingt, hat eine sehr einleuchtende Begründung: Eskalierende gesellschaftliche Konflikte führen dazu, daß die Staatsmacht ihren Krieg in Form bedingungsloser Repression entwickelt. Der revolutionäre Krieg, der wie Mao meint „ein Krieg gegen den Krieg sei&quot;, nimmt deswegen die unvermeidbare Entwicklung vorweg. Anstatt darauf zu warten, daß die Gegenseite ihren Krieg eröffnet, also z.B eine Streikbewegung zerschlägt, muß sich die Linke nicht nur frühzeitig für die Auseinandersetzungen rüsten, sie rfiuß die Konfrontation sogar beginnen, bevor sie ihr aufgezwungen wird...&lt;br /&gt; Hier zu entgegnen, daß nur defensive Gewalt legitim sei, geht an der Frage vorbei. Die Erfahrung, auf der Mao und danach zahlreiche andere revolutionäre Bewegungen aufbauten, ist ja die eines täglich erlebten „Klassenkampfs von oben&quot;, dessen Leiden bereits so groß sind, daß sie durch den Ausbruch eines offenen Krieges nicht mehr großartig verschlimmert werden würden. Zwar ist der Krieg brutal, aber er bietet immerhin noch die Hoffnung auf Veränderung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Mit einem ähnlichen Selbstverständnis entstanden in der ganzen Dritten Welt&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_7mxz0rt&quot; title=&quot;Dritte Welt ist als Begriff umstritten, weil er eine hierarchische Wertung vornimmt. Ursprünglich aber lehnte sich das in den 50er Jahren zum ersten Mal verwendeten französische Wort „Tiers Monde&amp;quot; an den 3. Stand der Nicht-Adeligen, den „Tiers Etat&amp;quot; im französischen Absolutismus an, der 1789 die Revolution in Frankreich trug. Der Begriff Dritte Welt ist deshalb auch programmatisch zu verstehen: Er beschreibt eine Art internationale Klasse der unterdrückten Schichten und Nationen. Dieses Verständnis war kennzeichnend für den Antiimperialismus der 50er, 60er und 70er Jahre. Die Revolution begann demnach in der 3.Welt und sollte sich von dort aus in den reichen Norden ausbrei­ten. Das meinten auch Baader und Meinhof, als sie von der „2.Demarkationslinie in den Metropolen&amp;quot; schrieben.&quot; href=&quot;#footnote2_7mxz0rt&quot;&gt;2&lt;/a&gt; in den Folgejahren antiimperialistische Befreiungsbewegungen, die als Guerillas agierten. Die lateinamerikanische Form des revolutionären Krieges war der von Che Guevara und Regis Debray geschaffene Fokismus. Demnach müsse die revolutionäre Bewegung einen bewaffneten &lt;em&gt;foco&lt;/em&gt;, d.h. einen Herd oder eine Brandstelle schaffen, von dem aus sich der Konflikt ausbreite. Tatsächlich hatte in Cuba ja die Errichtung einer einzigen bewaffneten Front mit weniger als 20 Leuten gereicht, um innerhalb von 3 Jahren (1956-59) die Regierung Batista zu stürzen. Davon ausgehend behauptete der &lt;em&gt;Fokismus&lt;/em&gt;, daß kleine Gruppen, die den bewaffneten Kampf aufnehmen würden, eine gewaltige Katalysatorwirkung erlangen würden. Einerseits würden sich immer mehr Menschen der Landbevölkerung diesen Guerilla-Einheiten anschließen, und zum zweiten hätten die Schläge der Guerilla gegen das System eine motivierende Wirkung auf die Opposition in den Städten. Letztendlich führe die Verschärfung der Widersprüche zum Volksaufstand, zur &lt;em&gt;„Insurrección&quot;&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt; Auch in Ländern ohne strategische Rückzugsgebiete auf dem Land, wie z.B in Uruguay, kamen Elemente des fokistischen Konzepts zur Anwendung. Die Tupamaros, die für zahlreiche westeuropäische Guerillas Vorbild waren, entwickelten in Uruguay eine Stadtguerilla. Auch sie sollte als Brandherd den Politisierungsprozeß beschleunigen und die Konfrontation verschärfen, d.h eine Entscheidung herbeizwingen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der &lt;em&gt;Fokismus &lt;/em&gt;breitete sich von 1960-75 rasend schnell aus, und das, obwohl er fast überall entweder in raschen Niederlagen oder in Stagnation mündete. Die lateinamerikanischen Guerillaherde, die Anfang der 60er Jahre entstanden waren, verglimmten überall mit Ausnahme Kolumbiens, Guatemalas und Nicaraguas, wo die Guerilla 1979 siegte.&lt;br /&gt; Es stellte sich heraus, daß der &lt;em&gt;Foquismo &lt;/em&gt;in noch schärferer Weise als der revolutionäre Krieg Entwicklungen vorwegnahm. Die Armen in Lateinamerika verstanden die Gerechtigkeit eines bewaffneten Kampfs gegen die Hungerregimes, aber diese allein moralische Zustimmung reichte als Motivation für eine aktive Beteiligung nicht aus.&lt;br /&gt; Der Grund dafür lag nicht nur in der geschickter werdenden Aufstandsbekämpfung, die sich verstärkt über massenpsychologische Entwicklungen Gedanken machte. Wesentlich war auch, daß die &lt;em&gt;fokistischen &lt;/em&gt;Guerillas zum offenen, militärischen Angriff übergingen, wo die gesellschaftlichen Konflikte noch kaum entwickelt waren. Maos revolutionärer Krieg hatte zwar bewiesen, daß Bewußtsein im Krieg wachsen könne, aber er zeigte dies vor allem in der Situation der offenen japanischen Besatzung, die von jedem Durchschnittschinesen abgelehnt und als Terror erlebt wurde. Nicht nur, daß die foquistischen Guerillas diesen eindeutigen Gegner nicht besaßen, sie begannen ihren Krieg auch in viel überstürzterer Form: Mit oft nur 20-25 Personen wurde die militärische Konfrontation eröffnet. Zwar gingen dem Aufbau eines „Focos&quot; soziologische und historische Feldstudien voraus - wo nämlich aufgrund der sozialen Lage und der historischen Traditionen eine bewaffnete Gruppe besonders gute Aussichten habe, - aber dies bedeutete meistens nicht, daß es wirklich ausgebildete Konflikte gab. Der Fokismus war in vielen Ländern den realen Prozessen um zu viele Schritte voraus, er wurde für die Bevölkerung unnachvollziehbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unabhängig vom richtigen Anteil dieser Kritik wird oft übersehen, daß die fokistischen Guerillas trotzdem Massenbewußtsein schufen: Durch die Fähigkeit, die Herrschenden zu bestrafen, selber offensiv zu sein, und durch ihre große, moralisch eindrucksvolle Entschlossenheit mobilisierten wenige Guerilleros erhebliche Teile ihrer Bevölkerung. In Uruguay die Tupamaros, in Kolumbien die ELN, in Italien die Roten Brigaden oder im Baskenland die ETA; sie waren keineswegs Bremser gesellschaftlicher Prozesse. Ganz im Gegenteil beschleunigten sie zeitweise Massenbewegungen, die nicht offen auftreten konnten oder an ihre Grenzen geraten waren. Das pauschal verwendete Argument, Guerillas würden Massenbewegungen blockieren, stimmt in dieser Farm einfach nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das entscheidende Problem (das zu lösen fast keiner Guerilla fokistischen Ursprungs gelang) war, daß das entstehende Massenbewußtsein, die vage Sympathie, nicht organisiert wurde. In ihren konspirativen, engen Strukturen war kein Platz für die vielen, die von den bewaffneten Organisationen angesprochen wurden.&lt;br /&gt; Selbst wenn die Guerillas zu den Massenorganisationen Beziehungen aufrecht erhielten, indem Militante der illegalen Organisationen dort verdeckt arbeiteten (wie dies eigentlich überall der Fall war), gelang die Einheit nicht. Die Eigendynamik der militärischen Konfrontation, in der sich die meisten Guerillaorganisationen befanden, verschärfte den Konflikt, ohne daß dies von den AktivistInnen außerhalb der Guerillas begriffen wurde. Die bewaffneten Organisationen waren immer wieder außerstande, die Eskalation, die sie benutzten, auch wieder außer Kraft zu setzen. Die Spirale „Aktion - Repression - mehr Bewußtsein - neue Aktion&quot; führte zu einer Eigenlogik wachsender Härte. Der Krieg galt ja als entwickeltste Form des Konflikts. Diese Verschärfung, die natürlich nicht nur von den Guerillas ausging, sondern auch durch härtere Repression bedingt war, trieb unkontrolliert weiter. Die Roten Brigaden, die mit Anschlägen auf Fahrzeuge von Firmenbonzen begonnen hatten, meinten 1979, dazu gezwungen zu sein, den entführten Christdemokraten Moro zu erschießen. Sie waren im Krieg, und das Hinhalten durch die Regierenden mußte bestraft werden. Gleichermaßen sah die RAF keine Alternative zur Ermordung von Schleyer, schließlich handelte die BRD Tag für Tag faschistoider, nahm die Brutalität gegen die Gefangenen zu. Wieviel sinnvoller aber wäre es gewesen, die Staatsmacht als Aggressor bloßzustellen. Aldo Moro und Schleyer waren sicherlich für vieles verantwortlich, aber aus welchem Grund sollten sie sterben? Die Bevölkerungsmehrheit begriff diese Morde nicht, dem Staat dienten sie zur Legitimation neuer Unterdrückung, und geschwächt wurde der Apparat in keiner Weise. Bei den Roten Brigaden gab es diese Diskussion, dennoch setzte sich der Beschluß durch, Moro zu töten. Die Logik des Krieges war entwickelter als das Verständnis politischer Prozesse. Auch das ist kein allein westeuropäisches Phänomen. Die Eskalation des Krieges gab es ähnlich auch in Lateinamerika. Der sehr subjektiv erlebte Krieg, von dem nur ein paar Dutzend oder hundert Guerilleros und die Landbevölkerung einer Region betroffen war, verstellte den Blick für andere Realitäten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die wahrgenommene Verschärfung wurde auf das ganze Land produziert. Dazu kam die Durchsetzung eines militaristischen Bewußtseins. Unter dem enormen Außendruck entwickelte sich die Repression nach innen: In der ELN Kolumbiens waren Erschießungen Mitte der 70er Jahre bei Meinungsverschiedenheiten keine Seltenheit. Das Verhältnis zu Massenorganisationen gestaltete sich ebenfalls wie im Krieg: militärisch, hierarchisch und instrumentell. Die gewollte, antizipierte Eskalation der Verhältnisse überrollte die bewaffneten Organisation selbst.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Dennoch sollte man sich hüten, in traditionell kommunistischer Manie von individuellem Terrorismus zu reden und sich von den bewaffneten Organisationen zu entsolidarisieren.&lt;br /&gt; Anders als die unentschlossen hin und her lavierenden kommunistischen Parteien unter der Fuchtel Moskaus haben die Guerillas moralische Integrität ausgestrahlt. Und man sollte das nicht vergessen, sie waren auch erfolgreich: In den antikolonialen Befreiungskriegen, zuletzt 1979 in Nicaragua, stürzten sie die Regime. Im Baskenland oder in Nordirland sind bewaffnete Organisationen Orientierungspunkt für breite Teile der Linken, in El Salvador oder Kolumbien haben sie Landesteile sozial neu organisiert. Wieviele andere linke Bewegungen, Parteien und Organisationen können von sich behaupten, mehr geschafft zu haben?&lt;br /&gt; Ein Mitglied der kolumbianischen UCELN hat folgendes Resumee gezogen:&lt;br /&gt; &lt;em&gt;„Heute wird der Fokismus stark kritisiert, alle stellen fest, daß das ein avantgardistisches Konzept ist, und es ist ja wirklich ein Problem, daß die Guerilla in Kolumbien sich seit 25 Jahren in den Bergen herumschlägt, ohne daß der revolutionäre Prozeß wirklich bedeutend vorangekommen wäre. Trotzdein sind unsere Guerilla-Fronten weiterhin nach dem Modell des Focus konzipiert und wir glauben nicht, daß das falsch ist.&quot; Und an anderer Stelle: „Die fokistische Guerilla hatte viel vom Mythos der guten Jungs an sich, die aus den Bergen kommen und irgendwann mal die Veränderung bringen. In der Praxis kannte die Guerilla dann eigentlich nur zwei Schritte der Politik: einmal Protest abzuwarten und anzuführen und dann den beteiligten Menschen eine revolutionäre Lösung schmackhaft zu machen.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; Kurzum: Ihr ist nicht gelungen, verschiedene Kampfformen miteinander zu kombinieren, und eine eigenständige, kreative Organisierung der Bevölkerungsmehrheit voranzubringen. Daran ist sie gescheitert.&lt;br /&gt;Aber ist das den sozialen Bewegungen, den kommunistischen Parteien oder undogmatischen Gruppen irgendwo gelungen? Welche Alternative einer anderen Gesellschaft und welche Garantie dafür bieten diese an? Warum sollte legalen Parteien wie der mit so großem Interesse verfolgten brasilianischen Arbeiterpartei PT etwas anderes wider­fahren als den meisten anderen konsequenten Reformbemühungen:&lt;br /&gt; Sie werden zermürbt, integriert oder zerschlagen? Und letztendlich: Welche Alternative haben wir, als uns einem menschenfeindlichen System auf allen Feldern, und d.h. klar auch dem militärischen, zu stellen? - Die Zeiten werden härter, die Winter roter, das Schlucken tiefer, jeden Tag bleibt uns weniger die Wahl der Mittel. Längst wählen sie andere für uns.&lt;br /&gt; - Was von jetzt ab kommt, werden wir alle tragen müssen, nicht mehr nur 15 straighte KämpferInnen. Die Zeit, um längst Begriffenes einfach so zu vergessen, haben wir nicht....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Georg Büchner (1813-1837) BRIEF AN DIE FAMILIE&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Straßburg, den 5. 4. 1833&lt;/em&gt;. Heute erhielt ich Euren Brief mit den Erzählungen aus Frankfurt. Meine Mei­nung ist: Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwar­ten haben. Alles, was sie bewilligten, wurde ihnen durch Notwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen wie eine erbet­telte Gnade und ein elendes Kinderspiel­zeug, um dem ewigen Maulaffen Volk seine zu eng geschnürte Wickelschnur vergessen zu machen. Es ist eine blecherne Flinte und ein hölzerner Säbel, womit nur ein Deutscher die Abgeschmacktheit begehen konnte, Soldatchens zu spielen. Unsere Land­stände sind eine Satire auf die gesunde Vernunft, wir können noch ein Säkulum (Jahrhundert) damit herumziehen, und wenn wir die Resultate dann zusam­mennehmen, so hat das Volk die schö­nen Reden seiner Vertreter noch immer teurer bezahlt als der römische Kaiser, der seinem Hofpoeten für zwei gebro­chene Verse 20.000 Gulden geben ließ. Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzu­stand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch stecken mit ange­schmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde. Was nennt Ihr den gesetzlichen Zustand? Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbe­deutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Und dies Gesetz, unter­stützt durch eine rohe Militärgewalt und durch die dumme Pfiffigkeit seiner Agen­ten, dies Gesetz ist eine ewige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Mund und Hand dagegen kämpfen, wo ich kann. Wenn ich an dem, was geschehen, keinen Teil genommen und an dem, was vielleicht geschieht, keinen Teil nehmen werde, so geschieht es weder aus Mißbilligung noch aus Furcht, son­der nur, weil ich im gegenwärtigen Zeit­punkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung betrachte und nicht die Verblendung derer teile, welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sehen. Diese tolle Meinung führte die Frankfurter Vorfälle herbei, und der Irr­tum büßte sich schwer. Irren ist übrigens keine Sünde und die deutsche Indiffe­renz ist wirklich von der Art, daß sie alle Berechnung zu Schanden macht. Ich bedaure die Unglücklichen von Herzen. Sollte keiner von meinen Freunden in die Sache verwickelt sein?(..)&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_3ycycs5&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_3ycycs5&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; „By any means necessary&quot; (mit allen notwendigen Mitteln) meinte Malcolm X eigentlich nicht zur politischen Gewalt im allgemeinen, sondern im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen den Ku-Klux-Klan. Zur pauschalen Bejahung des bewaffneten Kampfes/der politischen Gewalt wurde der Ausspruch erst danach.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_7mxz0rt&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_7mxz0rt&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Dritte Welt ist als Begriff umstritten, weil er eine hierarchische Wertung vornimmt. Ursprünglich aber lehnte sich das in den 50er Jahren zum ersten Mal verwendeten französische Wort „Tiers Monde&quot; an den 3. Stand der Nicht-Adeligen, den „Tiers Etat&quot; im französischen Absolutismus an, der 1789 die Revolution in Frankreich trug. Der Begriff Dritte Welt ist deshalb auch programmatisch zu verstehen: Er beschreibt eine Art internationale Klasse der unterdrückten Schichten und Nationen. Dieses Verständnis war kennzeichnend für den Antiimperialismus der 50er, 60er und 70er Jahre. Die Revolution begann demnach in der 3.Welt und sollte sich von dort aus in den reichen Norden ausbrei­ten. Das meinten auch Baader und Meinhof, als sie von der „2.Demarkationslinie in den Metropolen&quot; schrieben.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Wed, 01 Dec 2010 09:40:07 +0000</pubDate>
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                    &lt;p&gt;Auffallen werden an diesem Schwerpunkt wieder einmal die Lücken: kein Artikel zu den militanten Organisationen in der BRD jenseits der RAF, nichts zu den Revolutionären Zellen oder dem 2.Juni beispielsweise, auch nichts zu den autonomen Aktionsgruppen. Genausowenig wird in dieser Ausgabe etwas über die Gewalt in den gesellschaftlichen Verhältnissen allgemein geschrieben.&lt;/p&gt;
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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Auffallen werden an diesem Schwer­punkt wieder einmal die Lücken: kein Artikel zu den militanten Organisa­tionen in der BRD jenseits der RAF, nichts zu den Revolutionären Zellen oder dem 2.Juni beispielsweise, auch nichts zu den autonomen Aktionsgrup­pen. Genausowenig wird in dieser Aus­gabe etwas über die Gewalt in den gesellschaftlichen Verhältnissen allge­mein geschrieben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daß sich das so ergab, hat vor allem damit zu tun, daß zu vielen Fragen in der Militanz-Diskussion der letzten Jahre viel Richtiges gesagt worden ist, z.B. über Vermittelbarkeit von Aktionen, über Moral und die Wahl der Mittel, über zu viel Symbolik und zu wenig konkrete Erfolge. Es gibt Konzepte und Meinungen, die wir sehr ernst nehmen, die aber trotzdem in dieser Nummer nicht berücksichtigt wurden, einfach weil sie anderswo bereits breit debattiert wurden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Themen, die auftauchen, spiegeln daher das wieder, was unserer Meinung nach bisher zu kurz kam. Das ist einmal die subjektive Seite von militantem Widerstand, zweitens ein geschichtlicher Rückblick über verschiedene Konzepte von bewaffnetem Kampf und drittens die &lt;em&gt;inhaltlichen &lt;/em&gt;Grundlagen des Streites unter den RAF-Gefangenen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Letzteres haben wir durch 3 Beiträge von Gefangenen versucht klar zu stellen. Gerade weil 2 dieser Artikel etwas älter und daher noch nicht von der Schärfe des aktuellen Streites geprägt sind, zei­gen sie inhaltlich auf, was die politi­schen Vorstellungen der Celler Gefangenen von denen der meisten anderen Inhaftierten unterscheidet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daß nur die Celler und Norbert Hof­meier (ein Gefangener aus dem Wider­stand) in der Zeitung zu Wort kommen, war von uns nicht gewollt. Wir haben in persönlichen Briefen alle politischen Gefangenen in der BRD gefragt, ob sie etwas für die neue Nummer schreiben möchten. Geklappt hat es dann nur bei den dreien. Das ist schade, weil wir natürlich wollen, daß die Auseinander­setzung zwischen Linken inhaltlich und nachvollziehbar geführt wird und nicht auf der Ebene von Anschuldigungen. Wir wollen keine Fraktionierungen, son­dern die Debatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine Einschätzung der Entwicklung auf dem Stand der jetzigen Diskussion fällt schwer: Brigitte Mohnhaupt und andere Gefangene sprechen von der abge­wickelten und beendeten Gemeinsam­keit. Die Illegalen rufen unter anderem zur Besinnung auf, um falsche Gräben zu vermeiden. Widersprüche, die wohl schon seit Jahren bestanden haben, fal­len jetzt allen auf die Füße.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus diesem Grund hätte es uns gefreut, wenn Brigitte Mohnhaupt oder andere noch einmal ihren politischen Stand­punkt klar gemacht hätten. Wenn es diesmal nichts geworden ist, dann viel­leicht für die nächste Ausgabe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im übrigen gehört das lange Interview mit Ñato Huidobro von den Tupamaros im Reportagen-/Interviewteil inhaltlich auch zum Schwerpunkt. Es geht in lan­gen Teilen um die Geschichte und Kon­zepte der bewaffneten Kämpfe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;die redaktion&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 16 Feb 2010 14:31:16 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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