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 <title>arranca! - Musik</title>
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 <title>Black Liberation Sound System </title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/4/black-liberation-sound-system</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Gespräch mit Dub B.  (Selector), Sister Eka (Selector) und Everton (Toaster und Selector) vom Berlin Black Liberation Sound System (eigentlich gehören noch Dr. Bass (Selector), Ollie D. (Selector uncl Rapper) und Daddy O. (Toaster und Selector) dazu) &lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gespräch mit Dub B.&amp;nbsp; (Selector), Sister Eka (Selector) und Everton (Toaster und Selector) vom Berlin Black Liberation Sound System (eigentlich gehören noch Dr. Bass (Selector), Ollie D. (Selector uncl Rapper) und Daddy O. (Toaster und Selector) dazu)&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Was sind Sound Systems und woher kommen sie? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA: &lt;/strong&gt;Der zentrale Teil beim Sound System ist die Anlage, sprich Plattenspieler, Mischpult, Endstufe und die Megaboxen. Meistens wird alles im Freien aufgestellt, die Dancehall (Tanzbereich) abgrenzt, Leute strömen mit oder ohne Eintrittsgeld dazu. Um das Sound System ranken sich DJ&#039;s, Selectors und einige Leute im Hintergrund. Bei großen Sound System gehören teilweise noch kleine Labels (Plattenfirmen) dazu. So sind aus verschiedenen Sound Systems berühmte DJ&#039;s hervorgegangen. Wir haben einen Rapper, und 2 DJ&#039;s, der DJ is bei Sound Systems der, der den Sprechgesang übernimmt. Der herkömliche DJ heißt bei Sound Systems Selector.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Der Ursprungsort der Sound Systems liegt in Jamaica. Einzelne haben sich einfach ihre Anlage zusammengestellt und ihren Sound, ihre Plattensammlung vorgestellt. Die Leute kommen zusammen und entscheiden mit, was gespielt wird, indem sie durch Zurufen, Pfeifen, Buhrufen signalisieren, was sie gut finden und was nicht. Es gibt auch Sound Clashs, da sind dann zwei Soundsystems und das Publikum entscheidet, wer der Bessere ist. Wir wünschen uns auch, daß das Publikum noch mehr in Kommunikation mit uns tritt. Bei überwiegend schwarzem Publikum sind die Parties besser, d.h., die Weißen sollen ihre Konsumhaltung ablegen, sich mehr selber darstellen in Form von Tanzen, Mitsingen, Freude und Jubelschreie, es darf auch Ablehnung sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Und was speziell ist das Berlin Black Liberation Sound System? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Das Black Liberation Sound System besteht aus sechs Personen, weitere helfen uns. Wir haben den Namen bewußt gewählt, weil wir gerade Schwarze in Berlin ansprechen wollen, außerdem wir unsere Musik hauptsächlich von Schwarzen gespielt. Wrr haben vor sechs Jahren angefangen,weil uns das Angebot an Diskos und Parties in der Stadt nicht gereicht hat. Erst haben wir zu Hause gefeiert und alles selber finanziert. Das konnten wir uns irgendwann nicht mehr leisten. Dann haben wir Parties in Studentenkellern gemacht, später größere Veranstaltungen. Wir haben das mit politischen Inhalten verbunden. Z.B. haben wir Solidaritätsparties/ -Veranstaltungen für Antonio Amadeo (1989 in Eberswalde von Nazis ermordet) bzw. für seine Frau und sein Kind gemacht. 1993 zum Prozeß haben wir eine Veranstaltung für Prozeßkosten in Zusammenarbeit mit der Antirassitischen Initiative (ARI) im SO 36 gemacht. Ansonsten machen wir zu den Unabhängigkeitsfeiern von einzelnen afrikanischen Staaten Veranstaltungen. Black Liberation versucht Menschen bereit zu machen für weitere Aktionen und Demonstrationen, und natürlich auch um sich selbst zu verteidigen. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA: &lt;/strong&gt;Wir wollen auch ein Forum bieten für Rapper, Tänzer und Tänzerinnen, Bauchtänzerinnnen, Nachwuchs-DJ&#039;s usw., es haben auch schon Leute Gedichte vorgetragen. Wichtig ist auch, den regelmäßigen Kontakt aufrechtzuerhalten, dadurch, daß es keine festen Strukturen gibt, keine festen Anlaufpunkte, verläuft Kommunikation ganz anders.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Es gibt jetzt wieder eine Menge weißer deutscher Linker, die für sich die Kultur als Möglichkeit entdeckt haben, um der &quot;drögen&quot; Politik etwas hinzuzufügen, das wird von anderen Linken als falsch kritisiert. Sie glauben nicht, das sich Leute über Kultur wirklich politisieren lassen. Ensteht über Eure ständige Präsenz etwas vernetzendes, etwas bleibendes? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Ich denke schon. Aus unseren regelmäßigen Parties sind verschiedene Initiativen und Aktionen hervorgegangen. Infos über Aktionen, aber auch über Jobs, werden weitergegeben. Leute, die sich sonst vielleicht nicht kennengelernt hätten, sind zusammengekommen. Bei Filmvorführungen und Diskussionsveranstaltungen, seien sie auch noch so gut, kommen wenig Leute. Wenn wir Parties feiern kommen viele Leute. Daher haben wir versucht, das zu verbinden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Eka, du bist die einzige Frau im Sound System, warum? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Warum? &lt;em&gt;(alle lachen)&lt;/em&gt; Das kann ich schwer beantworten, das müsste man die ganzen anderen Frauen fragen. Tja, warum bin ich die einzige Frau? Vielleicht bin ich die härteste... &lt;em&gt;(alle lachen)&lt;/em&gt; Nee, dieses Party-Business, DJ&#039;s usw. ist ziemlich von Männern dominiert, da gibt es kaum Frauen das ist in der weißen Gesellschaft genauso. Ich bin darüber, daß ich Leute kannte reingerutscht und es hat mich interessiert. Es hat mir Spaß gebracht und ich habe mich stärker engagiert.&lt;span&gt;&lt;br /&gt;Aber es gibt auch weniger schwarze Frauen als Männer in Deutschland. In den 60ern und 70ern sind mehr Männer emigriert, sie konnten auch studieren. Jetzt kommen sehr viel mehr Frauen als früher, aber sie sind viel vereinzelter als Männer. Es ist immer noch so, daß sich Männer schneller zusammenschließen. Es gibt in unserem Umfeld schon mehr Frauen die mitmachen, uns helfen, aber nicht fest im Sound System sind.&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;Bei mir war das die ersten Male so, daß mich die Frauen immer auf die Bühne gezerrt haben, weil ich mich nicht traute vor vielen Leuten aufzulegen, obwohl ich zu Hause geübt hatte. Letztendlich waren es die anderen Frauen, die mich hochgepusht haben. So: &quot;Jetzt wollen wir aber, daß Eka spielt&quot;. Das hat vielen gefallen, ich habe das regelmäßiger gemacht und wurde immer besser.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Gab es auch einen Nachahmungseffekt?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Bisher leider noch nicht. Es ist auch insgesamt schwer, in Deutschland Leute zu motivieren, mit ihren Talenten herauszukommen. Zu singen, zu musizieren, zu tanzen ist hier nichts alltägliches und ist mit vielen Hemmungen verbunden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.: &lt;/strong&gt;Und dann ist natürlich für Frauen auch der Spielraum kaum da. Aber auch allgemein haben Leute, die Platten sammeln, wenig Möglichkeiten einfach so aufzutreten und ihre Platten zu spielen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Wir leben in einer perfektionistischen Gesellschaft, das hat zur Folge, daß viele meinen, sie müßten wer weiß wie gut sein, um auf der Bühne zu stehen. In England ist es viel verbreiteter, daß auch Leute, die viel weniger können, um zu üben oder Spaß zu haben, viel schneller den Sprung schaffen, und dann eine gewisse Professionalität bekommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Ihr habt auch viel zu Befreiungsbewegungen gemacht. Was und warum?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Die Unterstützung, etwa für die SWAPO und den ANC, war auch finanzieller Art, wir haben Einnahmen gespendet, um Solidarität mit dem Kampf zu zeigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Wir vom Sound haben über die Musik zusammengefunden und haben bestimmte politische Vorstellungen, die wir einerseits über die Sound-Abende transportieren und andererseits indem sich die einzelnen Leute politisch engagieren. Ausschlaggebend ist sicherlich die Verknüpfung. Z.B. die Freude darüber, daß Nelson Mandela freigelassen wurde, daß das ein Grund zum feiern ist und auch um dem Ereignis als politischem Akt hier in Berlin stärker eine Bedeutung zu geben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Nach den Wahlen in Südafrika haben wir mit Vertretern des ANC Veranstaltungen organisiert ... Ende &#039;93 haben wir eine Veranstaltung &quot;Wahlvorbereitung für Südafrika&quot; gemacht. Da waren zwei Leute aus Südafrika da die ein Projekt zur Wahlinformation in ländlichen Regionen vorgestellt haben. Das Projekt haben wir auch finanziell unterstützt. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Habt ihr auch Kritik an Befreiungsbewegungen? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Es ist wichtig, sich Informationen zu beschaffen, zu sammeln und breiter zu streuen, damit sich andere Leute ein Bild machen können. Denn was hier über die Massenmedien kommt, ist wenig und einseitig. Nicht alles, was unter dem Namen Befreiungsbewegung geschieht, ist positiv zu bewerten. So weit es von hier geht, versuchen wir uns die Sachen im Einzelnen anzugucken. Wenn wir es insgesamt positiv beurteilen, wie im Falle der SWAPO oder des ANC, versuchen wir es zu unterstützen. Befreiungsbewegungen sind aber nicht unser &quot;Steckenpferd&quot;. Oft setzen wir uns mit Sachen auseinander und kommen dann zu dem Schluß: &quot;Das finden wir unterstützenswert&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; In Berlin allerdings geht es uns darum, das Bewußtsein zu schaffen, daß Schwarze innerhalb einer weißen Gesellschaft stärker zusammenhalten müssen. Viele Leute sind ganz einfach über eine Party zu erreichen. Dort können wir mit ihnen reden, Pausen machen, Informationen durchgeben. Unsere Parties sind eine Art Treffpunkt für viele schwarze Jugendliche geworden, obwohl es keine reine &quot;Schwarzenveranstaltungen&quot; sind. Alle in Deutschland Lebenden können kommen, wir grenzen niemanden aus. Aber unser Ziel ist: viele Schwarze erreichen, um sie in einer Art Gemeinschaftsgefühl zusammenzubringen. Z.B. als die ersten Überfälle in Deutschland waren, war es sehr wichtig, daß die Leute zu unseren Parties gekommen sind, nicht mit ihren Ängsten und Sorgen alleingelassen wurden. Die haben gemerkt: &quot;Hier habe ich Leute, die mich unterstützen&quot;. Da sind dann viele mit einem starken Gefühl und der Bereitschaft sich zu wehren und einzugreifen wieder auf die Straße gegangen. Dafür steht das Sound System.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Du sagst &quot;Gemeinschaftsgefühl&quot;, was für eine Gemeinschaft ist das? Die Gemeinschaft aus der Erfahrung ausgegrenzt oder  angegriffen zu werden? Allein &quot;schwarz&quot; sein, ist genausowenig eine Gemeinschaft wie &quot;weiß&quot; sein ... &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Es sind hauptsächlich die Themen, die bestimmte Menschen verbinden, das ist der Rassismus, bzw. die Minderheitenfrage. Die vielen Minderheiten aus verschiedenen Ländern können durch den Zusammenhalt eine eigene Stärke ausmachen, sich neu definieren. Nicht über den einzelnen Staat, aus dem sie kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Natürlich sind Schwarze untereinander genauso unterschiedlich wie Weiße, von der Schattierung der Hautfarbe über die Mentalität usw., aber ausschlaggebend als Gemeinschaft ist, daß wir als Schwarze, egal woher, in einer weißen Gesellschaft ständig Angriffen, Vorurteilen und Klischees ausgesetzt sind. Werde ich damit alleine gelassen, kann es einfach passieren, daß ich aufgebe. Aber rein politische Veranstaltungen sind einfach zu verbissen. Viele Schwarze Leute in Deutschland haben so viele Probleme mit Behörden, oder da wo sie arbeiten, und wenn sie hören, &quot;politische Veranstaltung&quot;, empfinden sie es nochmal als etwas Belastendes. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Unser Konzept ist, durch Parties verbunden mit Veranstaltungen Menschen ranzuholen, um ihnen Informationen zu geben, die sie betreffen. So schaffen wir eine Sensibilisierung und geben ihnen die Möglichkeit, sich zu freuen und zu tanzen. Nach den Infos geht&#039;s dann mit einem langsamen Lied weiter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Wir wählen bewußt Musik mit aussagekräftigen Texten. Wir wollen Leuten, die in einer benachteiligten Situation sind, Mut geben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Wer Reggae kennt weiß, daß es da viele bewußtseinsfördernde Texte gibt. Ein Lied ist z.B. &quot;Identify&quot; und das geht so... &lt;em&gt;(&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;Dub B. singt&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt;&lt;em&gt;)&lt;/em&gt; Bob Marley oder Linton Kwesi Johnson etwa haben Songs über Skinheads, Widerstand usw. geschrieben. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Wie reagieren die Leute darauf? (allgemeines Lachen) &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Mit Freude!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Sie kommen immer wieder.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Viele sagen uns, daß sie es gut finden, was wir machen und daß etwas in dieser Form schon lange nötig gewesen wäre. Auch Gruppen sprechen uns an, z.B. Asyl e.V., für die haben wir im SO 36 gespielt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Ihr arbeitet auch mit von &quot;Weißen&quot; dominierten Organisationen zusammen. Wie sind eure Erfahrungen bisher gewesen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA: &lt;/strong&gt;Wir passen schon auf, daß wir nicht überrannt oder bevormundet werden, daß unsere Vorstellungen gewahrt bleiben. Ein Konzept haben wir nicht, das entscheidet sich im Einzelfall. Mit den Gruppen, mit denen wir bisher zusammengearbeitet haben, haben wir keine schlechten Erfahrungen gemacht. Bei der ARI war es sogar so, daß sie später in die Antonio Amadeu-Sache eingestiegen sind und als bei uns die Power nachließ, es stärker übernommen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Es ist wichtig, daß &quot;schwarze Organisationen&quot; ihre Vorstellungen durchsetzen, denn oft schießen &quot;weiße Organisationen&quot; an der schwarzen Realität vorbei, sie haben ihre Vorstellungen und fragen nicht nach. Wir wurden auch schon gefragt &quot;warum thematisiert ihr das Schwarz-Sein so sehr?&quot; Viele Weiße haben angenommen, wir seien deshalb gleich &quot;Anti-Weiß&quot;. Das ist nicht so. In einer weißen Gesellschaft wie in Deutschland ist Für-Etwas-Sein mit einem Angriff gegen etwas verbunden. Ein T-Shirt mit der Aufschrift, &quot;100% Black Family&quot; z.B. steht für etwas. Ein T-Shirt mit &quot;100% weiße Familie &quot; ist gleich auch gegen etwas.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt; ¿Es gibt Linke, die darin die Gefahr der &quot;Selbstrassifizierung&quot; von &quot;Minderheiten&quot; sehen. Ich glaube, dahin ging deine Kritik an diesen Leuten. Die Notwendigkeit, eine Gemeinschaft über die Themen Rassismus usw. zu begründen, ist wirklich gegeben ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Wir versuchen mit allen möglichen Leuten zusammenzuarbeiten, das spiegelt sich auch in der Zusammensetzung unseres Publikums wieder. Es gibt immer wieder Fragen, die wir intern oder im kleineren Kreis stärker beleuchten. Aber allgemein grenzen wir uns nicht ab, eher geht es uns darum Leute mit verschiedenen Hintergründen zusammenzuführen. Seien es arabische, deutsche oder türkische Jugendliche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Es geht uns um die inhaltlichen Aspekte, Kleidung oder Schuhe sind egal. &lt;em&gt;(lacht) &lt;/em&gt;Wir versuchen eine Art Förderkreis zu sein und die Leute auf Parties zusammenzubringen. Ihnen ein Stärkegefühl, vielleicht auch ein Identitätsgefühl zu geben und ihnen darüberhinaus zu zeigen, wo es lang gehen könnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON: &lt;/strong&gt;Das, was viele Weiße als Ausgrenzung empfinden, ist im Grunde nur ihre eigene Angst. Das war immer so, wenn Schwarze anfingen steh zu organisieren, sich nicht mehr bevormunden zu lassen. Denn viele Weiße meinen, sie seien frei von Rassismus. Sie wollen nicht wahrhaben, daß dies eine sehr rassistische Gesellschaft ist, daß das auch in ihrer Erziehung steckt, und daß sie das auch in manchen Situationen stark ausleben. Sie sagen, &quot;Was wollt ihr, ich bin doch Linker!&quot;. Diese Leute können ganz starke Rassisten sein, ohne es zu merken. Deshalb müssen wir viele Sachen erstmal für uns klären. Um nicht einfach eingebettet zu werden in irgendwelche Bewegungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.: &lt;/strong&gt;Wenn man mit Rechten redet, dann weiß man genau mit wem man es zu tun hat. Viele Linke geben vor, nicht rassistisch zu sein, aber in der Sprache oder im Benehmen kommt dann ein ziemlich rassistisches Verhalten zum Vorschein. Das haben wir oft erlebt, wenn wir irgendwo aufgetreten sind und, wie ich sie nennen würde, vermeintliche Linke gesagt haben, &quot;Wir werden genauso verfolgt wie ihr, wir haben lange Haare.&quot; Da konnten wir nur noch lachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Zum Teil mußten wir sogar in ihren eigenen Veranstaltungsorten die Koffer packen, weil wir rassistisch beleidigt und angegriffen wurden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Im Tacheles &lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;(&quot;Alternatives&quot; Projekt zwischen Kultur und Kommerz in Ostberlin)&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt; sagten die Veranstalter und Leute, die dort arbeiten, &quot;Was wollt ihr hier mit eurer Buschmusik?&quot;. Dann kam es auch noch beinahe zu einer Schlägerei, schließlich sagten wir &quot;OK, wir gehen jetzt&quot;. Und das, obwohl das Tacheles bei vielen als linke Hochburg gilt. Deshalb ist es für Schwarze wichtig, eigene Strukturen aufzubauen und mit wirklich ernsthaften Gruppen zusammenzuarbeiten. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Einige Immigrantinnen oder Frauen etwa wollen auf Grund ihrer Erfahrungen gar nicht mehr mit &quot;weißen&quot;, deutschen oder gemischten Gruppen zusammenarbeiten.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Es gibt nicht viele Orte in Berlin, die Schwarzen gehören oder Gruppen und Initiativen, mit denen Du ein breites erreichen könntest. Man kann den Standpunkt haben, seine Energien dafür aufzuheben, sich in der Gruppe weiterzubewegen. Wir jedoch versuchen Leute, an die wir rankommen können, miteinzubeziehen und darüber einen Einfluß auf sie zu haben, damit ein Bewußtseinsprozeß in Gang kommt. Wir haben alle auch privat mit allen mögliche Leuten Kontakte, so sind unsere Leben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Der Einfluß von Weißen in einer weißen Gesellschaft ist so groß, daß man sich ihm gar nicht entziehen kann. Aber wir haben nie die Vorstellung vertreten, nur für Schwarze oder nur in schwarzen Orten zu spielen. Darüberhinaus haben wir oft positive Erfahrungen gemacht und sind daher auch offen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON: &lt;/strong&gt;Man kann &quot;pro-schwarz&quot; sein und das ist nicht gegen irgendetwas gerichtet. Du willst zu deinem Schwarzsein stehen und es ausleben Das verstehen viele in Deutschland nicht. Es wird sehr unhinterfragt gedacht. Mit HipHop oder Reggae etwa wird ein Klischee aufgebaut und einfach auf Schwarze übertragen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA: &lt;/strong&gt;Ein Problem ist auch, daß es hier wegen der unterschiedlichen Herkunft, der unterschiedlichen Gründe, weshalb die Menschen hier sind und dem unterschiedlichen Status keine einheitliche Schwarze Bewegung gibt. Das führt zu starker Vereinzelung, wenig Zusammenhalt und schwachem politischen Engagement.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Es gibt in Berlin auch eine Organisation Schwarzer Deutscher. Arbeitet ihr mit denen zusammen? &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Ja, das ist die Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland (ISD). Teilweise sind wir selbst drin, teilweise arbeiten wir bei Veranstaltungen zusammen. Wir haben auch Parties für sie gemacht und am Black History Month mitgewirkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Gibt es Schwarze, die Euch Euer &quot;gemischtes Engagement&quot; vorwerfen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Ist mir nicht bekannt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Es könnte höchstens sein, daß sie fernbleiben ... &lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;(alle lachen) &lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Das ist eine interessante Frage an alle Schwarzen auf dieser Welt. Warum sind sie nicht verbittert? Ich denke es liegt einfach im Lebensgefühl und in dem, was schwarze Menschen ausleben. Auch in der Musik steckt trotz allem keine Verbitterung, sondern eine Art Freude am Leben. Ich kenne niemanden, der sagen würde: &quot;Warum arbeitet ihr mit Weißen, obwohl die so viel Scheiße machen, und so viele Weiße so Scheiße drauf sind?&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Du sagst &quot;schwarzes Lebensgefühl&quot;, gibt es das?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Ja, ich glaube schon. Z.B. gab es auf einem ISD-Bundestreffen in Bremen eine Party und da waren nur schwarze Menschen, vorwiegend schwarze Deutsche, die noch nie in ihrem Leben mit einem anderen Schwarzen geredet, geschweige denn in einer schwarzen Gesellschaft gelebt haben. Die haben getanzt, hättest Du die ausgetauscht gegen eine Gruppe von Weißen, das hätte ein ganz anderes Bild ergeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Ich weiß nicht, ob es ein schwarzes Lebensgefühl an sich gibt, was es aber gibt, ist aufgrund des Rassismus ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Was ich vielleicht ein &quot;antirassistisches&quot; Lebensgefühl nennen wurde. Das ist sehr geprägt durch rassistische Erfahrungen, vielleicht kann man es schwarzes Lebensgefühl oder schwarze Solidarität nennen, aber es ist fraglich ob es das noch geben würde, wenn es keinen Rassismus mehr gäbe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Das schwarze Lebensgefühl habe ich nicht mit schwarzer Solidarität gleichgesetzt. Ich wollte eine Art Gefühl für das Leben ansprechen. Aber es gibt auch Schwarze, die Schwarze nicht mögen. Ich denke schon, daß durch den geschichtlichen Verlauf, durch das, was Schwarze mitgemacht haben, in der Erziehung etwas weitergegeben wird, das zu einer Art Lebensgefühl beiträgt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Aber es ist Ja schon ein Unterschied, ob das aus der Erfahrung der gleich erlebten Unterdrückung kommt, oder ob etwas vorherbestimmt ist, weil jemand schwarz ist.&lt;/em&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Nicht nur, weil jemand schwarz ist, es kommt darauf an, was diese Person mitbekommen hat. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.: &lt;/strong&gt;Ich würde Eka zustimmen. Das ist sehr stark individuell geprägt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Gibt es so etwas wie &quot;Black Music&quot;?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt;&lt;em&gt; (lachend)&lt;/em&gt; Ja, es gibt afrikanische Musik ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Ja, gut, aber Soul, HipHop, Reggae... ist das &quot;Black Music&quot;? Black Business?&lt;/em&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; &quot;Black Business&quot; wahrscheinlich nicht! &lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;(alle lachen)&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Klar, was die Kohle betrifft, machen die Weißen das Geschäft, aber ich meine Business im Sinne von Angelegenheit?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Ich verbinde mit Black Music, obwohl der Begriff etwas abgegessen ist, Musik, die von Schwarzen gemacht wird. Die Einflüsse sind immer unterschiedlich. Musik ist nicht genetisch bedingt. Es gibt Weiße, die schwarze Musik machen und super sind und umgekehrt. Die Grenze ist fliessend. Aber es gibt eine Konzentration auf bestimmte Musik, die viele Schwarze mögen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Es gibt Musik, die aus einer schwarzen Kultur entstanden ist, oder aus den Kämpfen der Schwarzen, aus dem &quot;Struggle&quot;, wie es auf Englisch so schön heißt. So wie der Blues dazu da war, sich die Traurigkeit aus der Seele zu singen. Oder der Soul. Früher in Europa stand man unterm Balkon, um seine Liebeslieaer zu schreien &lt;/span&gt;&lt;span&gt;(alle lachen)&lt;/span&gt;&lt;span&gt;. Soul ist eine andere Art Liebeslieder zu singen, kommt ganz anders rüber. Das würde ich schon als Black Music bezeichnen. Obwohl das auch sehr stark ausgenutzt wird, z.B. bei dem Berliner Radiosender Kiss FM, die andauernd &quot;Yeah, Black Music&quot; sagen, und dann wird das ein Schlagwort, nur plakativ&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿In den USA gibt es die Diskussion, daß viele schwarze HipHoper sagen, HipHop sei eine rein schwarze Angelegenheit, und Weiße müssten sich da raushalten, und sollten keinen HipHop machen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Ich teile das nicht, und die anderen vom Sound auch nicht. Mir kommt es auf die Qualität an. Wenn die Texte und Musik gut sind, gibt es keine Grenze.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Wo die schwarzen Amerikaner aber recht haben, ist, daß es eine Aberkennung ihrer selbst gibt. Beim Rock&#039;n Roll war das ganz deutlich. Da haben die Weißen Elvis als  &quot;King of  Rock&#039;n Roll&quot; hingestellt. Obwohl er einfach Little Richard und andere schwarze Musiker kopiert hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Es gibt aber auch beim Reggae oder Raggamuffin fließende Grenzen, und da denke ich an &quot;Englishman in New York&quot;, da wird derselbe Rythmus genommen und es wird &quot;Jamaican in New York&quot;. Tendenziell übernehmen die Weißen aber mehr von den Schwarzen. Entscheiden ist, daß Schwarze was Neues und Kreatives hervorbringen, aber die Weißen stehen im Hintergrund, halten das Finanzielle in den Händen und ziehen den Profit daraus. Deshalb können die auch einfach sechs weiße Jungen auf die Bühne stellen und einen wahnsinnigen Erfolg damit haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Das ist auch eine gewisse Art von Rassismus. Viele Weiße kaufen die Musik, weil sie von Weißen ist, wenn sie ein Lied von einem Schwarzen hören, denken sie, &quot;Na ja ...&quot;, das hat man doch bei Elvis gesehen. Die Leute, die wirklich Anerkennung verdient hätten, bekommen sie nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Gilt das auch für Snow ?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Gar nicht mal. Bis ich ihn gesehen habe, wußte ich nicht, daß Snow ein Weißer ist. Ich mach da persönlich keine Unterscheidung, wenn die Sachen gut sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Snow ist in der Jamaicanischen Community in Kanada aufgewachsen, ich habe in meiner Community auf Jamaica auch Weiße gehabt. Aber die galten gar nicht als Weiße, sondern wurden als Schwarze betrachtet, sie hatten das gleiche Lebensgefühl, es gab keinen Unterschied. Es ist nicht die Hautfarbe, die so etwas macht, sondern die Situation, in der man sich befindet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Das kenne ich auch aus anderen Orten in der Karibik. Da sind Weiße eben auch &quot;Creoles&quot;, wenn sie in Creole Stadtteilen aufge wachsen sind und reden ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; ... und man sieht keinen Unterschied ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ ... außer den Leuten, die von &quot;außen&quot; kommen, die machen Unterschiede.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON: &lt;/strong&gt;Jaja, z.B. auf Jamaika gibt es blonde und blauäugige Leute usw. und es ist mir als Kind nie aufgefallen, daß  sie &quot;anders&quot; sind. Oder es gibt Schwarze, die klein oder groß sind ... Es waren eben Leute, die da waren. Dieses besondere Thematisieren gab es nicht, entweder jemand war in Ordnung oder eben nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Dub B., du bist auch nicht &quot;schwarz&quot; und bist im Black Liberation Sound System ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Ja, ich bin eben von Anfang an dabei. Das war ein Zusammenschluß von verschiedenen Freunden. Wir kennen uns seit der Schule und sind eng miteinander befreundet. Das war nie ein Thema&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Du hast gerade gesagt, Dub B. sei nicht schwarz, das hat mich überrascht ... &lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;(Dub B. lacht)&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt; Ich Würde Dub B. nicht als &quot;Weißen&quot; bezeichnen, nur weil er weiß ist. Entscheidend ist das Gefühl, das er mir gibt, was er repräsentiert und was er von sich gibt. Ich habe ihn nie als &quot;weiß&quot; betrachtet ... Hahaha! &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Es ist schon so, daß andere Leute Unterschiede sehen, weil ich der einzige &quot;Weiße&quot; beim Sound System bin. Aber da kommen wirklich die inhaltlichen Aspekte zum Tragen, Unterdrückung von Schwarzen, Rassismus, Antisemitismus ... Da gibt es Verknüpfungen und Ähnlichkeiten in der Unterdrückung und den Gedanken. Ich bin z.B. jüdisch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Früher war auch mal einer mit indischer Herkunft dabei... Die Gruppe verbindet Leute mit verschiedenen Hintergründen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Mehr nach dem englischen Muster, &quot;people of colour&quot;, also, daß jemand als &quot;schwarz&#039;&#039; bezeichnet wird, der vom Rassismus betroffen ist. Obwohl das auch schwierig ist, denn wenn man türkische Leute als &quot;Schwarze&quot; bezeichnet, fühlen sie sich nicht angesprochen. Es gibt auch teilweise Ressentiments zwischen Türken und Schwarzen. Daher ist es nicht so einfach.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Dub B., es gibt ja im HipHop z.T. antisemitische Tendenzen ...&lt;/em&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;DUB B:&lt;/strong&gt; ... Hmm, ja, das ist ein richtiger Punkt. Ich denke, das ist aus der Realität, wie das die Leute erleben, zu verstehen. So hast du zum einen jüdische Leute, die Geschäfte haben und versuchen größtmöglichen Profit zu machen, aber auf der anderen Seite hast du auch sehr viele Juden die die schwarze Bewegung unterstützt und die jüdische &lt;/span&gt;&lt;span&gt;Bewegung für Freiheit &lt;/span&gt;&lt;span&gt;stark dominiert haben. Einige Leute haben vielleicht Grund sowas zu singen, viele machen das aber aus einer ziemlichen Einfaltigkeit heraus.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Das würde ich nicht unbedingt sagen. Wenn zum Beispiel ein Schwarzer in den USA sagt &quot;Fuck the Jews&quot;, dann denke ich dabei an die Reibereien zwischen Schwarzen und orthodoxen Juden in Manhatten oder in Brooklyn, und das auch vor dem Hintergrund der der israelischen Politik mit Südafrika, als alle Südafrika boykottierten und Israel ihnen ganze Rüstungsbriken hinstellte Das kommt also nicht einfach so. Und wenn die Schwarzen sagen &quot;Fuck the Italians&quot;, dann deshalb, weil die noch rassistischer gegen Schwarze sind als andere, das sind die Erfahrungen, die die Schwarzen mit ihnen machen. Das wird nicht gesagt, weil sie Juden oder Italiener sind. O.K. das wird dann weitergegeben, aber das hat in manchen Fallen eine Berechtigung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA: &lt;/strong&gt;Ich glaube nicht, daß es eine Berechtigung hat. Du hast ein Recht, unter bestimmten Umständen auf Leute &quot;sauer&quot; zu sein, aber es gibt keine Berechtigung, diese Verallgemeinerung zu treffen Damit kann ich nicht umgehen, und solche Lieder will ich auch nicht hören oder spielen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Ich meine mit Berechtigung, daß man etwas sagt, weil es so gewesen ist, und es ist auch sinnvoll, Sachen laut zu sagen, auch wenn es negativ ist...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Aber es kommt doch darauf an, wie etwas gesagt wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Es werden aber soviele Sachen nicht angesprochen und nicht diskutiert. Gerade diese &quot;negativen&quot; Sachen, wenn sie ausgesprochen werden, könnte das doch dazu führen, daß sich damit auseinandergesetzt wird. Vielleicht gibt es dann Italiener, Juden oder Schwarze, die anfangen darüber nachzudenken. Ich sage nicht, man soll so etwas predigen, aber wenn es das aus der eigenen Lebenserfahrung gibt, dann soll es laut gesagt werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Einen Rundumschlag lehne ich völlig ab. Wenn es eine inhaltliche Komponente hat, z.B. das Verhältnis Israel-Südafrika, dann ist es ein Thema.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Eine differenziertere  Betrachtung kommt der Wahrheit viel näher. Dann verläuft die Auseinandersetzung entlang konkreter Konflikte und es werden nicht so plakative Bilder weiterverbreitet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON:&lt;/strong&gt; Es wäre zu intellektuell, in einem Lied alle Zusammenhänge reinzubringen. Es gibt auch Lieder, in denen schwarzes Verhalten kritisiert wird, wo es heißt &quot;Fuck die Schwarzen, die so und so sind&quot;, da wird auch nicht differenziert und ausgewogen, woran was liegt und was genau angesprochen werden muß&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA: &lt;/strong&gt;Nee, ich finde, es gibt im HipHop einfach sehr viele beschissene Texte, sei es frauenfeindlich, sexistisch usw. und Leute, die nichts zu sagen haben und nur Müll reden. Da kann man dann immer noch eine inhaltliche Diskussion daruber führen, was für Ursachen das hat und es ist noch nicht unbedingt gleichzusetzen mit einem &quot;Faschosong&quot;, aber für mich ist da die Grenze. Auch im Raggamuffin gibt es dumme Texte, so wie Bum-Bye-Bye &lt;/span&gt;&lt;span&gt;(Song von Buju Banton, in dem Schwule abgeknallt werden)&lt;/span&gt;&lt;span&gt;. Die mögen dann unter Umständen ihre Entstehungsgeschichte haben, aber damit habe ich trotzdem nix am Hut. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt; EVERTON:&lt;/strong&gt; Es gibt natürlich immer Leute, die Scheiße singen, um viel Geld zu machen. &quot;Bum Bum Bum schieß&#039; ihnen allen in den Kopf&quot; finde ich Scheiße. Aber wenn z.B. ein Schwarzer singt &quot;Fuck die Juden oder die Italiener&quot;, dann ist das eben nicht unbedingt schlecht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Glaubst Du wirklich, daß dadurch Diskussionen entstehen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON: &lt;/strong&gt;Wir reden ja gerade darüber ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Ja gut, wir reden darüber, aber wir singen sowas ja auch nicht.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;EVERTON: &lt;/strong&gt;Aber andere Leute reden auch darüber. Ich bin Schwarzer und Jude und kann mir sowas trotzdem anhören. Es wird eingeworfen und die Leute müssen sich damit auseinandersetzen. Durch &quot;Bum Bye Bye&quot;, wo Schwule angegriffen werden, fangen vielleicht viele Schwarze an, über ihr Verhalten gegenüber Schwulen, auch schwarzen Schwulen, nachzudenken, obwohl es so primitiv angesprochen wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Das war ja aber nicht die Intention des Songs ... Das ist auch der falsche Weg. Die Auseinandersetzung entsteht ja erst, weil sich die angegriffenen Leute wehren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Ich glaube auch nicht, daß die Songs von den Getto Boys besonders viel Auseinandersetzung über Vergewaltigung mit sich gebracht haben ...&lt;/em&gt;&lt;span&gt;&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;span&gt;SISTER EKA: &lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;(lacht)&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt;... gar keine! &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Leider ging das wohl eher in die andere Richtung ... Mich nerven die groben Rundumschläge im HipHop ... &quot;die Juden sitzen an der Macht&quot;, da fallen haufenweise Leute raus, das läßt die Meinung der Einzelnen, so auch meine, völlig außer acht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Eigentlich ist das für uns aber gar nicht so Thema. Wir verzichten auf &quot;Gun-Lyrics&quot; und inhaltsleere Texte. Wir achten darauf, daß in den Songs die wir spielen &quot;conscious lyrics&quot; &lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;(Bewußtseinsschaffende  Texte)&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt; drin sind, Aussagen die die Leute vorwärts bringen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Wichtig ist doch auch das politische und musikalische Erfahrungen von hier aus reflektiert werden. Ihr spielt ja meistens Raggamuffin, HipHop, Salsa aus anderen Ländern, macht ihr auch eigene Musik mit eigenen Texten?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.: &lt;/strong&gt;Die Texte von unseren DJ&#039;s und unserem Rapper sind auf die deutsche Realität und den Rassismus bezogen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Auch die Leute, die zu uns auf die Bühne kommen, singen von ihrem Alltag. In den Redebeiträgen ist unsere Situation oft Thema. Wir versuchen auch den Bezug zwischen Sachen, die wir spielen und der Situation hier, herzustellen. Im Vergleich zu den anderen Sound Systems in Berlin wollen wir nicht die Sound System-Tradition aus Jamaica kopieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Wie findet ihr denn dieses ganze Kopieren ...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Also, bei Sound Systems ist es so, daß wenn wirklich alles original übernommen wird, viele Leute, die damit nicht aufgewachsen sind, damit wenig anfangen können...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Es wird also zur Folkloreveranstaltung... (alle lachen)&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Ja, so ein bißchen ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Ja, ist vielleicht nicht ganz das passende Wort, aber ... Da werden permanent Schießeffekte &lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span&gt;(Videogame-ähnliche Sounds)&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span&gt; eingespielt und dadurch geht das ganze Lied verloren. Für Leute, die damit aufgewachsen sind, ist das der Wahnsinn und das muß genau so sein. Aber hier wird das den meisten zuviel. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Es ist wichtig, sich auf das Publikum einzulassen und nicht zu sagen: &quot;Hier nehmt das, so machen wir es und so müßt ihr es schlucken&quot;. Daß das keine Einbahnstraße ist, ist uns wichtig. Da kann man nicht einfach starr kopieren, sondern muß etwas neues kreieren, und diese ganzen Einflüsse, Möglichkeiten, Talente, die da sind, miteinfließen lassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;DUB B.:&lt;/strong&gt; Es ist aber auch so, daß viele Jamaicaner, die hier leben, sich von den Sound Systems angesprochen fühlen, die möglichst &quot;original&quot; sind. Es ist OK, daß es die ganze Palette an Sound Systems gibt. Aber es verändert sich auch, viele Sound Systems, die früher nie so den Kontakt zum Publikum gepflegt haben, gehen jetzt dazu über und bringen inhaltliche Aspekte mitein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿Gebt ihr auch selbst auf Veranstaltungen von anderen Sound Systems? (Alle Lachen)&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;ALLE ZUSAMMEN:&lt;/strong&gt; Na klar!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;SISTER EKA:&lt;/strong&gt; Wir wollen uns ja auch mal amüsieren, ohne daß wir Arbeit leisten müssen, ohne daß wir Wochen vorher Plakate kleben, Anlagenteile schleppen, wir wollen ab und zu mal Reggae hören, ohne daß wir mit einem wachsamen Auge darauf schielen, daß alle Leute zufrieden und entspannt sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Vielen Dank für das Gespräch &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Liste der Black Liberation Sound System favoured ten&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;ol&gt;
&lt;li&gt; EVERTON BLENDER &quot;Down ln The Ghetto&quot;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;YAMIE BOLD &quot;Do Good&quot;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;BORN JAMERICANS &quot;Boom Shak-A-Tak&quot;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;ANTHONY MALVO &quot;ldentity&quot;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;DAWN PENN &quot;You Don&#039; t Care&quot;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;J.C. &quot;Put Down The Gun&quot;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;SILVYA TELLA &quot;Special Way&quot;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;NANA TOUFFOUR &quot;Odu Bekume&quot;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;KHALED &quot;Mauvais Sang&quot;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;BYRON LEE &amp;amp; THE DRAGONEERS &quot;Dancehall Soca&quot; &lt;/li&gt;
&lt;/ol&gt;


&lt;!--
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 <category domain="https://arranca.org/tag/black-liberation">Black Liberation</category>
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 <pubDate>Fri, 07 Feb 2014 17:52:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Rote Winter – Harte Zeiten</title>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Interview mit Fermin Muguruza, früher Sänger der baskischen Band &lt;em&gt;Kortatu&lt;/em&gt;, heute &lt;em&gt;Negu Gorriak&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Was ist Negu Gorriak? Eine Band oder eine politische Gruppe?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Wir sehen uns als Band, und als Arbeitsplattform für Musik und Protest. Wir haben ein Fanzine und internationale Kon­takte mit Leuten, die in ihren Fanzines ähnli­che Themen wie wir aufgreifen: z.B revolu­tionären Nationalismus, bewaffneten Kampf, Rassismus usw. und beteiligen uns an Demonstrationen. Wir haben ein eigenes Plattenlabel, das Musik mit Texten auf euskera herausgibt. Um zu zeigen, daß das Euskera und die baskische Kultur lebendig sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Seid Ihr auch in einer politischen Organisation?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Wir sind mit mehreren sozialen Bewe­gungen eng verbunden. Ich bin z.B. Dele­gierter in der Versammlung der &lt;em&gt;Gestoras pro-Amnestia&lt;/em&gt; (Amnestiekomitees), eine Organisation, die gegen die Repression arbeitet. Der Bassist und der Schlagzeuger von uns sind Totalverweigerer und werden demnächst ihren Prozeß haben. Wir sind Mitangeklagte der beiden. Du kannst dich im spanischen Staat selbst anklagen, wenn du meinst, du hättest die Person zu ihrer Rechtsübertretung angestiftet. Das haben wir gemacht.&lt;br /&gt; Außerdem hängen wir mit den Internationalismusgruppen zusammen, sowohl mit &lt;em&gt;Askapena&lt;/em&gt; als auch mit den &lt;em&gt;Komite internazionalistak&lt;/em&gt;. Wir haben an der Kampagne für die Baskischschulen im französischen Teil Euzkadis teilgenommen und wir machen Kon­zerte zur Unterstützung der unabhängigen Jugendzentren.&lt;br /&gt; Einen Mitgliedsausweis irgendeiner politi­schen Organisation besitzen wir allerdings nicht; -was nichts heißt, denn bei &lt;em&gt;Herri Batasuna&lt;/em&gt; oder irgendeiner Gruppe der radi­kalen Linken gibt es keinen Mitgliedsaus­weis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Ihr habt sehr viel Kraft dafür inve­stiert, Baskisch zu singen. Eure Platten als Kortatu waren zuerst noch auf Spanisch, ihr habt dann Texte übersetzen lassen, schreibt sie inzwischen selbst auf Baskisch. Warum? &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Wir kommen aus einer Stadt, aus Irun, wo das &lt;em&gt;Euskera &lt;/em&gt;zum Teil verloren gegangen ist. Unsere Eltern und Großeltern sprachen noch Baskisch, in unserer Generation aber ging es verloren, was einmal mit der Unter­drückung im Franco-Faschismus zu tun hat, und zum anderen mit dem fehlenden Bewußtsein unserer Eltern.&lt;br /&gt; Bekannte haben uns überzeugt, auf Bas­kisch zu singen, um zu zeigen, daß Euskera lebendig ist, eine Sprache, die man singen kann, die zu Rockmusik paßt.&lt;br /&gt; Wir fanden das einleuchtend und haben dann in Sommerschulen der linken Alphabetisierungskomitees &lt;em&gt;Euskera &lt;/em&gt;gelernt. Die dritte Platte war nur noch auf Baskisch. Danach haben wir uns aufgelöst und uns fast ein Jahr lang auf &lt;em&gt;Negu Gorriak&lt;/em&gt; vorbe­reitet. Das sollte eine Band werden, die nur noch auf Baskisch singt und eine Fusion von unterschiedlichen Musikrichtungen ist, neue Einflüsse, wie z.B. den Rap, integriert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Warum habt Ihr dafür den Namen gewechselt?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Kortatu &lt;/em&gt;war schon ein feststehender Begriff. Wir wollten nicht zu einer Band werden, die wie eine Standarte für ein bestimmtes Publikum ist und wir wollten nicht mehr von der Musik leben, sondern uns in anderen Sachen engagieren und dann Musik machen, wenn wir Bock darauf haben. Du hast als Band ja schnell die Ver­pflichtung, mindestens eine Platte pro Jahr, so und so viel Konzerte machen zu müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Am Anfang habt ihr gesagt, ihr wür­det keine Konzerte geben, jetzt tretet ihr ständig auf. War das ein Werbetrick?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Wir geben auch jetzt wenig Konzerte. Zu Beginn war das ein Selbstschutzmechanis­mus. Wir wollten nicht als Neuauflage von &lt;em&gt;Kortatu &lt;/em&gt;dastehen. Außerdem waren wir müde von so vielen Konzerten. In den 4 Jahren haben wir 288 Konzerte gegeben. Das war einfach zu viel.&lt;br /&gt; Im ersten Jahr haben wir nur einmal gespielt: beim Marsch auf den Knast von Herrera de la Mancha. Jedes Jahr zu Weih­nachten fahren ungefähr 10.000 Leute aus dem Baskenland mit dem Bus 700 km zum Knast von Herrera um für die Freiheit der politischen Gefangenen zu demonstrieren. Dieser Anlaß war uns sehr wichtig.&lt;br /&gt; Wir haben dann die zweite Platte gemacht, damit hatte &lt;em&gt;Negu Gorriak&lt;/em&gt; ein eigenes Profil und wir haben eine 2 Monate lange Tour durch Europa, nach Cuba und Mexico gemacht.&lt;br /&gt; Letztes Jahr hatten wir 10-15 Auftritte, dieses Jahr waren es etwas mehr, weil viele sich beklagt haben, wir würden nie in Euzkadi spielen. Im Herbst 1993 war die 2. Europa­tournee und 94 wollen wir in Amerika spielen, vor allem bei den Wahlen in El Sal­vador. Wir haben vor Jahren eine Single für Radio Venceremos in El Salvador gemacht, und die FMLN ist in Kontakt mit uns, weil sie gerne möchte, daß zu den Wahlen auch eine europäische Band spielt.&lt;br /&gt; Aber es sind nicht viele Konzerte und man kann uns nicht zu einem bestimm­ten Preis für einen Auftritt oder eine Tour buchen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Wie waren eure Auftritte in Cuba 1992? Es gibt zwar auch da eine Szene, aber die ist halb illegal und subkulturell. Offiziell ist Rockmusik auf Cuba wenig akzeptiert...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Wir hatten Kontakt zu einer Frau die auch die Tourneen der cubanischen Band &lt;em&gt;Los Van Van&lt;/em&gt; organisiert hat. Über die Freundschaft, die entstanden war, haben wir die Möglichkeit gesehen, auf Cuba zu spielen.&lt;br /&gt; Es war Teil der Kampagne „Laßt uns die Blockade brechen&quot;, und wir dachten, das ist unsere Form, die Blockade zu durchbrechen. Wir haben dann dem cubanischen Kulturministerium geschrie­ben: „Wir sind Negu Gorriak, kommen aus Euzkadi, unterstützen die Unabhän­gigkeit Cubas, sind eine antiimperialisti­sche Rockband &quot; usw. Das Ministerium war sehr interessiert. Rockmusik hörst du in Cuba ja vor allem von &lt;em&gt;Radio Marli&lt;/em&gt;, das von Miami sendet und erzählt, Rock wäre der Ausdruck der USA, sozusagen eine exklusive Angele­genheit des Imperialismus.&lt;br /&gt; Wir wollten zeigen, daß es auch ande­ren Rock gibt. Wir haben vereinbart, daß wir die Flüge zahlen, insgesamt 12.000 DM, was für uns eine ganze Menge war. Wir haben die ganze Tour dafür gespart. Das cubanische Ministerium versprach Essen und Übernachtungen zu stellen. Außerdem sollte am Flughafen ein Bus auf uns warten. Damit fing das Chaos aber auch an, weil er auf der Hälfte des Weges liegenblieb. Das Benzin war alle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;...das cubanische Fernsehen ist das einzige, das unseren Videoclip von &quot;Herrera de la Manche&quot; gezeigt hat...&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Ihr habt dann ein Konzert auf der &lt;em&gt;Isla de la Juventud&lt;/em&gt; gegeben ...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Nein, nein, die ganzen Pläne haben sich geändert. Bei der Ankunft waren wir davon ausgegangen, daß wir in Habana und in Santiago spielen würden, aber als wir ankamen, mein­ten sie zu uns, „Morgen spielt ihr in einem Theater in Habana&quot; und wir „was mor­gen schon?&quot;, und sie „jaja, und übermor­gen auch, und danach fahrt ihr nach Guadala­coba&quot;.&lt;br /&gt; Am ersten Tag war ich völlig kaputt vom Flug, aber wir sollten trotzdem gleich ein Inter­view im Fernse­hen machen. Sie haben uns in &lt;em&gt;Tele Rebelde&lt;/em&gt; gebracht, zwei alte Videoclips gezeigt und damit waren wir schon bekannt. Die Leute haben uns auf der Straße angesprochen „hey, Ihr seid doch die von Negu Gorriak&quot;. Von uns gibt es nur 2 Videoclips, ein normales und eins von dem Knastkonzert in Her­rera. Das war witzig. Das cubanische Fernsehen ist das einzige der Welt, das diesen Clip gezeigt hat.&lt;br /&gt; Auf dem Konzert waren dann unheim­lich viele Leute, die uns über das Fern­sehen oder im Radio gehört hatten. Wir wurden auch in&lt;em&gt; Radio Reloj&lt;/em&gt; vorgestellt. Das ist auch eine scharfe Geschichte: in Cuba, wo sich niemand um die Zeit schert, wo die Leute zwei Stunden zu spät zu Verabredungen kom­men, gibt es dieses Radio (&lt;em&gt;Radio Uhr&lt;/em&gt; auf Deutsch) in dem jede Minute die Zeit angesagt wird.&lt;br /&gt; Aber wie gesagt auf dem Konzert waren sehr unterschiedliche Leute: Mitglieder der Kommunistischen Jugend, Freaks, die durch eine Bekanntschaft mit Touri­sten versuchen, an Dollars ranzukom­men, und ziemlich unzufrieden sind auf Cuba, Leute, die einfach nur Rockmusik kennenlernen wollten. Also ein bunter Haufen. Es war total seltsam, aber gut.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Warum seltsam?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Sie haben angefangen zu tanzen, aber natürlich so wie man auf Cuba tanzt: Mambo oder Salsa oder so. So eine Reaktion habe ich noch nie erlebt. Nach den Liedern haben sie geklatscht und dann gewartet. Bei uns ist man daran gewöhnt, daß die Leute rufen oder pfeif­fen. In Cuba kamen sie auf die Bühne, um uns die Hand zu geben und uns zu sagen „echt Klasse, was Ihr da macht&quot;. Es war wirklich seltsam.&lt;br /&gt; Aber beim zweiten Abend hatten wir uns einigermaßen gewöhnt. Sie haben auch schon etwas andere Sachen gemacht: sie sind aufeinander gesprun­gen, auf die Bühne gekommen, um zu tanzen. Die ganze Halle hat getobt.&lt;br /&gt; Die Rockkultur auf Cuba ist wie du gesagt hast, eher eine Subkultur. Aber es gibt auch bewunderte Bands, z.B. Led Zeppelin, einfach deswegen, weil das kubanische Fernsehen den Film von Led&amp;nbsp; Zeppelin schon x-Mal gezeigt hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;„...auf unserem Label wollen wir auch Volksmusik produzieren...”&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt auch Leute, die Metal hören, entwe­der weil sie Kontakte in die USA haben, oder weil sie Radios von da hören. Und es gibt auch Rastafaris, die Reggae hören, die ganze Musik, die aus Jamaica kommt. Es gibt auf Cuba ein bißchen die Diskussion, die es in Euzkadi früher einmal gab, daß nämlich der Rock die Musik der Yankees sei, und daß man die eigene Musik verteidigen müsse.&lt;br /&gt; Wir haben mit den Leuten von &lt;em&gt;Los Van Van&lt;/em&gt; gespielt. Das ist ein Mythos auf Cuba, die beste Salsa-Band auf der Insel, vielleicht die beste der Welt. Das war nicht schlecht, dialektisch würde ich sagen, die Salseros und wir.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Wie viele Konzerte habt Ihr auf Cuba gegeben...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Drei, zwei in Habana und eins in der Region. Insgesamt waren wir 10 Tage da, und wir haben die ganze Zeit eigent­lich nur diskutiert. Es gab Leute, die uns hinterhergefahren sind, um auch das dritte Konzert zu sehen. Sie haben uns erzählt, wie beschisssen sie von cubanischen Polizisten behandelt werden. Auf den Konzerten haben auch Polizisten aufgepaßt, daß ihnen die Marihuana- Sache nicht zu sehr aus den Händen gerät - Wir haben auch diese Seite Cubas gesehen...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Du hast vorher von eurem Label Izan Ozenki erzählt, was für ein Inter­esse verfolgt Ihr damit?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Für uns ist klar, wenn wir Antiimperialisten sind, können wir unsere Platten nicht bei einer der Multifirmen &#039;rausge­ben. Es gibt auch anderswo eigene Plat­tenproduktionen von Bands, die ihre Infrastruktur neueren Bands zur Verfü­gung stellen, z.B. in San Francisco das Label von &lt;em&gt;Jello Biafra&lt;/em&gt; und in Washington &lt;em&gt;Dischord&lt;/em&gt; oder in England von &lt;em&gt;Chumba­wamba&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Dog Faced Hermans&lt;/em&gt;. Wir glau­ben, daß wir so etwas in Euzkadi auch aufbauen müssen. Finanziell wäre es für uns natürlich günstiger, auf einem großen Label zu sein, aber wir finden es wichtig, daß in Euzkacli eine unabhängige Infrastruktur entsteht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Was für Bands sind auf dem Label, nur Gruppen des Radikalen Bas­kischen Rocks?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Nein, wir wollen, daß das so breit wie möglich wird. Es gibt ja auch andere baskischen Plattenproduzenten, z.B. &lt;em&gt;Elkar&lt;/em&gt;, die vor allem Folklore machen. Wir haben jetzt nur mit Rockbands ange­fangen, Heavy, Trash-Metall, Funk, Punk und Hardcore, aber wir wollen, wenn möglich, auch folkloristische Musik pro­duzieren, wenn sie auf Baskisch ist. Es gibt z.B. eine Gruppe, die &lt;em&gt;Linton Toren&lt;/em&gt; heißt und eine Mischung aus Rock und &lt;em&gt;Triki-Trixa&lt;/em&gt; (trad. Volksmusik) macht. Das gefällt uns ziemlich gut und wir möchten im November eine Platte mit ihnen machen.&lt;br /&gt; In unserer Wirklichkeit ist auf &lt;em&gt;Euskera &lt;/em&gt;zu singen, bereits so etwas wie eine Position. Du wirst niemanden finden, der baskische Texte macht und dann singt: „es lebe die Polizei&#039;&#039;. Aber es gibt natürlich Bands, die keinerlei sozialen Inhalt in ihren Texten haben. Ein Bei­spiel ist &lt;em&gt;Amazai&lt;/em&gt;, eine Gruppe aus dem Industriegürtel von Bilbao. Die singen über ihre persönliche Frustration, über die Nächte, über poetische Sachen. Das finden wir auch gut, das paßt auch auf unser Label.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;In Euren Texten bezieht Ihr Euch manchmal auf Malcolm X und auf die Situation der Afroamerikaner. Es gibt ein Lied, das sich konkret daran anlehnt. Ihr sagt darin, daß Malcolm X die Schwarzen zum Selbstwertgefühl aufge­fordert hat, sie sollen „stolz darauf sein, schwarz zu sein&quot;. Bei euch heißt das &lt;em&gt;Euskalduna naiz eta horre nago- &quot;Ich bin Baske und stolz darauf&quot;. &lt;/em&gt;Ich fand das affig, es ist zwar nicht so gemeint wie der deutsche Nationalstolz, aber genausowenig hat Eure Situation mit der in den USA etwas zu tun. Für AfroamerikanerInnen ist die Diskriminierung jeden Tag real, die BaskInnen sind zwar von Repression betroffen, aber im Alltag werden sie nicht diskriminiert. Was sollte der Vergleich?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Für mich ist das eine Metapher, wie ich sie oft verwende, wenn ich etwas verdeutlichen will. Okay, du meinst jetzt, Schwarze sind schlimmer unter­drückt als die BaskInnen im spanischen Staat. Aber ich glaube, daß es unsinnig ist, Unterdrückung messen zu wollen. Für uns ist entscheidend, daß man uns das Selbstbestimmungsrecht vorenthal­ten will. In den USA gibt es eine Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe, aber es stellt sich auch dort genau dieses Pro­blem. Viele der militanten Schwarzen betrachten sich als NationalistInnen wie wir, und uns verbindet das Ziel einer Welt, in der es keine Privilegien und Ungerechtigkeiten mehr gibt. Deswegen ist der Bezug auf Malcolm X nicht so sehr ein Vergleich, sondern vielmehr eine Annäherung. Er soll aufzeigen, daß unsere Kämpfe etwas Gemeinsames haben.&lt;br /&gt; Und diese Passage, daß man stolz darauf sein soll, &lt;em&gt;Euskaldun &lt;/em&gt;zu sein- &lt;em&gt;euskal­dun&lt;/em&gt;, BaskIn ist ja jeder, der Baskisch spricht-, hat mit unserer Wirklichkeit auch einiges zu tun. Es gibt viele Men­schen, die sich schämen, Baskisch zu reden, weil das jahrzehntelang als eine „minderwertige Sprache&quot; galt. Auch heute gibt es Regierungsmitglieder, die sagen, das &lt;em&gt;Euskera &lt;/em&gt;sei für zu Hause in Ordnung, auf der Straße und bei der Arbeit solle man aber Spanisch reden. Das hat dazu geführt, daß ganze Dörfer und Städte ihre Sprache vergessen haben. Ich finde, sie sollten stolz darauf sein, claß sie sie sprechen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Auf dieser Platte habt Ihr Euch nicht nur in den Texten, sondern auch musikalisch an der schwarzen Bewe­gung orientiert. Es gab ein paar HipHop-Fragmente und Kommentare zu &lt;em&gt;Public Enemy&lt;/em&gt;.&lt;br /&gt;&lt;strong&gt; A: &lt;/strong&gt;Ja, stimmt. Malcolm X und HipHop wurden da gerade etwas bekannter. Die Sprache der Schwarzen hat uns beein­druckt: „ich bin schwarz, ich hin stolz darauf, ich bin bereit zu kämpfen&quot;. Wir waren der Meinung, daß es eine direkte, radikale und eindringliche Sprache ist, die wir auch verwenden müssen. Es ist eine Musik, die aufweckt, sowohl in ihrer Sprache als auch in ihrem Rhyth­mus. Das hat uns gefallen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Auf der neuesten Platte gibt es auch einen Song über Rassismus. Inwie­weit haben Nationalismus und Rassis­mus im Baskenland miteinander zu tun? &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Ich glaube nicht, daß man in Deutschland oder Frankreich vom glei­chen Nationalismus reden kann wie in unterdrückten Ländern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;„...die radikale, eindringliche Sprache des HipHop hat uns beeindruckt...&quot;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt Natio­nen, die andere unterworfen, koloniali­siert haben, und ihr Nationalismus hat eine andere Funktion als z.B. unserer oder der Nordirische. Unser Nationalis­mus ist ein Gegennationalismus, weil man uns nicht das sein läßt, was wir sind. Ich bin aus meiner Geschichte, aus meinen Selbstverständnis, aus meiner Kultur heraus kein Spanier. Wir werden aber dazu gezwungen, welche zu sein. Daraus erwächst unser Nationalismus. Das heißt für mich in keinster Weise, den Respekt für andere Völker zu ver­lieren oder Leute anderer Herkunft aus dem Baskenland herauswerfen zu wol­len. Für mich geht der Respekt für das baskische Volk Hand in Hand mit dem für andere Völker. Es ist für uns auch klar, daß wir den bürgerlichen Nationa­lismus bekämpfen.&lt;br /&gt; Alltagsrassismus oder rassistische Über­fälle übrigens, gibt es im Baskenland viel weniger als im spanischen Staat. Das hat auch damit zu tun, daß viele BaskInnen sich vorstellen können, was es heißt, unterdrückt zu werden. Wir sind eine sehr internationalistische Bewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Welche Rolle spielt Deiner Mei­nung nach die Kultur für die Stärke der Linken im Baskenland?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Der baskische Nationalismus und die baskische Kultur haben ihren Dreh- und Angelpunkt in der Sprache. Das &lt;em&gt;Euskera &lt;/em&gt;war lange verboten, es ist immer noch diskriminiert. Aus diesem Grund ist jede Kulturform, ob Musik, Literatur, Theater oder Film, wenn sie auf Baskisch ist, in gewisser Weise Widerstand. Für uns ist es aber auch die Kultur auf Baskisch, ein Mittel, um der Welt zu zeigen, daß wir da sind. Wenn Bücher aus dem Baski­schen wie Bernardo Atxagas „ &lt;em&gt;Obabakoak&lt;/em&gt;&quot; in mehrere Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt worden, dann ist es ein Beweis unserer Existenz. Das solltet Ihr übrigens lesen, das ist ein Superbuch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Es sticht ins Auge, daß die mei­sten Rockbands im Baskenland links sind, daß die Volksfeste von linken Organisationen bestimmt werden, daß so viele Schriftstellerinnen mit der revo­lutionären Bewegung zu tun haben. Ich würde sagen, daß es im Baskenland eine ziemlich einzigartige linke Kulturhegemonie gibt.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; ich glaube, daß die baskische Linke eine der wenigen Linken in der Welt ist, die die unterschiedlichsten sozialen Sek­toren in sich versammelt. Mir ist in West­europa aufgefallen, daß die Linke oft in kleinste Klüngel zerstritten ist. Im Bas­kenland gelingt es in &lt;em&gt;Herri Batasuna&lt;/em&gt;, das heißt Volkseinheit, dagegen trotz unterschiedlicher Positionen zusammen­zuarbeiten. D.h. es gibt Anarchistinnen, TrotzkistInnen, Marxisten-LeninistInnen, SozialistInnen, Unabhängige und auch KleinbürgerInnen.&lt;br /&gt; &lt;em&gt;Herri Batasuna&lt;/em&gt; ist außerdem auch nicht zum Apparat geworden. Es ist eine offene politische Kraft, mit vergleichs­weise wenig hierarchischen Strukturen. Im Umfeld dieser Einheit gibt es einfach sehr viele, auf den unterschiedlichsten Feldern aktive Leute. Das merkt man auch in der Kunst, in der Musikszene, in der Literatur.&lt;br /&gt; Es stimmt auch, daß es oft Zusammen­stöße zwischen der Regierung und kul­turellen Gruppen gibt. Im Augenblick wird z.B. die Unterstützung für die unab­hängigen Baskischschulen gestrichen, weil sie angeblich überflüssig sind. Ein anderes Beispiel ist die Tanzgruppe von Irunea, der Hauptstadt Nafarroas. Dort ist die baskische Fahne nicht akzeptiert, Nafarroa, die größte der baskischen Regionen, ist abgetrennt vom Rest Euz­kadis. Das Problem war, daß die Folklo­regruppe mit der baskischen Fahne getanzt hat. Das darf sie nicht, sie darf nur die Fahnen der Stadt, Spaniens und Nafarroas tragen. Aus dem Grund wurde der Gruppe jede Unterstützung gestri­chen. Aber es gibt auch die offizielle, vom Staat subventionierte Kultur;- Fol­kloregruppen, die der Staat aushält oder Schriftsteller wie Marionandia. Das ist übrigens eine absurde Geschichte: der Mann war Angeklagter im Burgosprozeß 1968; ETA-Militanter und dann nach Franco in einer linken Organisation. Mit der Zeit hat er sich an die Sozialisten angenähert. Er und sein politischer Flü­gel sind inzwischen in die PSOE einge­treten, in genau die Partei, die die Todesschwadrone im Baskenland neu aufgebaut hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Wie siehst du die baskische Jugendkultur? Früher gab es unglaublich viele autonome Jugendzentren, unab­hängige Zeitschriften, Piratensender usw. Heute ist es ruhiger geworden.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Früher gab es wirklich eine starke Jugendbewegung, die von den verschie­densten Gruppen getragen wurden: von &lt;em&gt;Jarrai &lt;/em&gt;(HB-naher, revolutionärer Jugend­verband), &lt;em&gt;Hautsi&lt;/em&gt; (linkskommunistisch), Autonomen, Unabhängigen.&lt;br /&gt; Diese Zentrumsbewegung hat in den letzten Jahren abgenommen. Viele der Kollektive haben sich nicht mehr richtig erneuert, die Älteren haben sich in der Arbeit verbraucht, es gab die harte Repression gegen viele Zentren, und schließlich so etwas wie den Einzug der europäischen Kultur: „bleib zu Hause, schau Fernsehen&quot;. Das hat auch mit der Wirtschaftskrise zu tun, die Jugendlichen haben kein Geld mehr zum Ausgeben. Am wichtigsten aber war die Repression. Viele gut funktionierende Zentren sind auf Anweisung der Bürgermeister geschlossen worden. Z.B. in Bilbo, wo der neue &lt;em&gt;PNV&lt;/em&gt;-Bürgermeister (PNV- bür­gerliche baskisch-nationalistische Partei) das Zentrum schließen ließ, weil von dort angeblich der ganze Widerstand in der Stadt ausging. Es war wirklich ein wichtiges Zentrum, ein Ort vieler Dis­kussionen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Der stärkste Teil der Jugendbe­wegung sind im Moment die Totalver­weigerer, oder?...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Ja, das hat die Leute aufgewühlt. Es ist die stärkste Bewegung seit Jahren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;„...in Gipuzkoa gibt es die meisten Totalverweigerer im ganzen spani­schen Staat...&quot;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Ist die Jugend im Baskenland genauso rebellisch wie früher? Hat sich die Rebellion nur neue Ausdrucksfor­men gesucht?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Sie hat nicht abgenommen. Aber es hat seit letztem Jahr eine sehr harte Repression gegeben, auch selektiv gegen Jugendliche, von denen man weiß, daß sie aktiv sind. Die Leute wer­den immer früher verhaftet, oft schon mit 16 oder 17.&lt;br /&gt; Die Totalverweigerer-Bewegung hat fast alle Jugendlichen mitgerissen. Die, die nicht selber verweigern, sind oft „Selbst­angeklagte&quot; bei Freunden. In Nafarroa gab es die meisten eingesperrten &lt;em&gt;Insumisos&lt;/em&gt;— nämlich 30 — im ganzen spani­schen Staat. In Gipuzkoa, der kleinen Region um Donosti (San Sebastian) gibt es die meisten Totalverweigerer, Hun­derte, die auf ihren Prozeß warten. Die Sympathiewelle für diese Bewegung ist so groß, daß sogar ein Teil der bürgerli­chen Nationalisten inzwischen gegen die Wehrpflicht ist. Es ist eine breite Bewe­gung, in der es sowohl PazifistInnen als auch BefürworterInnen des bewaffneten Kampfs gibt. Der Fraktionsvorsitzende der kleinen bürgerlich-nationalistischen Partei EA hat gesagt, daß er jeden vor dem Wehrdienst flüchtigen Verweigerer bei sich zu Hause verstecken würde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Früher als &lt;em&gt;Kortatu &lt;/em&gt;und jetzt als &lt;em&gt;Negu Gorriak&lt;/em&gt; habt Ihr Erfahrungen mit der Zensur gemacht...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Als &lt;em&gt;Kortatu &lt;/em&gt;wurden wir mehrmals angeklagt, weil es zeitgleich zu unseren Konzerten zu Demonstrationen und Aus­schreitungen gekommen war. Es gab außerdem eine Live-Platte auf der ETA- Parolen zu hören waren. Die mußten mit einem Piepston überlegt werden. Das war allerdings nicht so schlimm wie jetzt, wo wir bekannter geworden sind und auch außerhalb des Baskenlandes vermehrt auftreten. Wir sind ins Blick­feld der Polizei geraten. Der Oberstleut­nant der Guardia Civil, Rodrigo Galindo, hat uns wegen einem Lied angeklagt, das bereits vor 2 Jahren veröffentlich worden ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; In dem Lied geht es um einen Drogenskandal der Polizei...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A: &lt;/strong&gt;Die Polizei hatte Heroin beschla­gnahmt, das dann verschwand. Rodrigo Galindo war in den Fall verwickelt. Das ist interessant, weil er als einer der Köpfe des „Antiterrorismus&quot; gilt. Harte Drogen brechen die Widerstandskraft der Leute und es gibt viele Beweise, daß die Polizei die Drogen benutzt, um die Jugendlich kalt zu stellen.&lt;br /&gt; Über die Zeitungsmeldung wollte ich ein Lied machen. In diesem Song rufe ich Kaki an und erzähle ihm, was ich in der Zeitung gelesen habe. Ich habe sogar den Fehler der Zeitung wiederholt und anstatt Enrique den falschen Vornamen Francisco verwendet. Die Meldung stand in allen Zeitungen, trotzdem wurde nur gegen uns und gegen die &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/egin-euskadi-ta-askatasuna&quot;&gt;&lt;em&gt;Egin&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; Anzeige erstattet, obwohl der Fall so gut belegt ist, daß selbst innrhalb der Guardia Civil Ermittlungen eingeleitet wurden.&lt;br /&gt; Unser Anwalt vermutet, daß die ganze Anzeige damit zu tun hat, daß wir unan­genehm werden. Es ist im übrigen der erste Prozeß dieser Art gegen eine Musikband.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Laß uns beim Thema Drogen bleiben. Auf vielen Festen in Euzkadi wird mit Ausnahme von Heroin eigent­lich alles genommen. Die Position der revolutionären Linken, vor allem der sozialistischen Koordination &lt;em&gt;KAS&lt;/em&gt; (Bünd­nis von 4 Massenorganisationen mit ETA) gegenüber Drogen ist sehr radikal. ETA verübt Anschläge gegen Drogen­händler, es gibt sogar Aktionen gegen Kneipen, in denen gedealt wird. Ein besonders krasser Fall war 1992 die Bombe gegen eine Kneipe in der Klein­stadt Hernani. Angeblich wurden dort mit Drogen gehandelt, der Besitzer war Aktivist einer linksradikalen Gruppe. ETA und KAS sind dafür sehr scharf kri­tisiert worden.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;A:&lt;/strong&gt; Dieser Anschlag war völlig daneben. Ich habe mich mit vielen anderen Leu­ten von der Aktion distanziert. Wir ken­nen die Kneipe und ich weiß nicht, auf der Grundlage welcher Informationen der Anschlag verübt wurde. Es gab in KAS danach schwere Auseinanderset­zungen über den Fall. Die Sache hat viel Staub aufgewirbelt.&lt;br /&gt; Aber die Diskussion um die Drogen all­gemein ist eine aufregende Debatte. Es ist ein bißchen vergleichbar mit der Aus­einandersetzung um die Totalverweige­rung. Die Leute von KAS meinten am Anfang, daß Militärdienst an sich in Ord­nung sei, nur eben auf der richtigen Seite. Es gab die Parole „Mach die Mili bei den Milis&quot;, also mach den Wehr­dienst bei ETA-militar. Die Diskussionen aber waren so heftig, daß die Organisa­tionen von KAS und Herri Batasuna einsehen mußten, daß das Interesse der Jugendlichen ein anderes war: nämlich nein zum Militärdienst. Die Position wurde daraufhin geändert.&lt;br /&gt; So ähnlich ist auch die Drogendiskus­sion. Viele HB-Aktivistlnnen versuchen, Alkohol von der Diskussion auszuklam­mern. Aber das läuft nicht. Alkohol ist genauso Droge, auch wenn sie gesell­schaftlich akzeptiert ist. Wir als Band haben uns für die volle Legalisierung der Drogen ausgesprochen, weil wir glau­ben, daß nur so die Mafia erledigt wer­den kann.&lt;br /&gt; Die jetzige Illegalisierung von Drogen ist absolut unsinnig. Ich glaube, daß sich in der Linken diese Erkenntnis noch durch­setzen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Danke, Fermin, für dieses Interview.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 06 Jan 2011 13:54:49 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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                    &lt;p&gt;Teil 2 eines Vortrages von Peter Schleunig aus der &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/beethovens-cello-sonate-op69&quot;&gt;&lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; Nr. 2&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;h4&gt;5. Lebenssituation, politische Umwelt&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Was kann das engere und das weitere soziale Umfeld für das Hören der Cello-Sonate beisteuern, die Welt des Alltags und der sozialen Bewegun­gen in Europa, wie sie um 1807 im Gange waren? Prüfen wir das an Hand einiger Äußerungen Beethovens aus die­sem Zeitraum.&lt;br /&gt; Was schreibt ein „heroischer&quot; Mensch zur Zeit der Entstehung der Sonate in seinen Briefen?&lt;br /&gt; Am 26. April schreibt er nach Paris, also ins Zentrum der napoleonischen Macht, einer Macht, welche im Oktober des Vorjahres die Preußen bei Jena und Auerstadt geschlagen und damit endgül­tig die Vorherrschaft in ganz Mitteleu­ropa übernommen hatte. Österreich war bereits seit der Schlacht von Austerlitz 1804 unterjocht, Wien damals von den Franzosen besetzt. Beethoven schreibt nun an Camillo Pleyel, Sohn des Haydn- Schülers Ignaz Pleyel und mit seinem Vater Musikverleger in Paris:&lt;br /&gt; „Mein lieber Camillus; so hieß, wenn ich nicht irre, der Römer, der die bösen Gal­lier von Rom wegjagte. Um diesen Preis möchte ich auch so heißen, wenn ich sie allenthalben vertreiben könnte, wo sie nicht hingehören.&quot;&lt;br /&gt; Spätestens seit der ersten Einnahme Wiens 1804 ist Beethoven wie auch alle anderen alten Revolutionsfreunde anti­französisch und deutsch-patriotisch, wenn auch mit republikanischen Zielen. Bonaparte hilft, wie man jetzt bemerkt hat, nicht den deutschen Republikanern, auch wenn er ihre Herrscher besiegt. Man ist als Linker auf verlorenem Posten.&lt;br /&gt; Am 13. Juni 1807 schreibt er an Ignaz von Gleichenstein, seinen badischen Freund, dem er ursprünglich das 4. Kla­vierkonzert widmen wollte, die Wid­mung dann aber auf unsere Cello-Sonate ummünzte. Gleichenstein ist Cellist und in diesen Jahren Beethovens Intimus, dem er alles anvertraut, den er um Schreibfedern bittet und mit dem er im Folgejahr auch berät, ob er den Antrag annehmen soll, Hofkapellmeister bei Bonapartes Bruder Jérôme in Kassel zu werden. Vielleicht war es Gleichenstein, der ihm den Rat gab, diesen Antrag als Hebel für die fürstliche Wiener Pension zu nutzen. Jetzt schreibt Beethoven:&lt;br /&gt; &lt;em&gt;„Lieber Gleichenstein! Die vorgestrige Nacht hatte ich einen Traum, in dem mir vorkam, als seist Du in einem Stalle, worin Du von ein paar prächtigen Pfer­den ganz bezaubert und hingerissen warst, so daß Du alles rund um Dich her vergaßest.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; Dein Hutkauf ist schlecht ausgefallen, er hat schon gestern morgen in aller Früh einen Riß gehabt, wie ich hier bin; da er zu viel Geld kostet, um gar so schrecklich angeschmiert zu werden, so mußt Du trachten, daß sie ihn zurücknehmen und Dir einen anderen geben; Du kannst das diesen schlechten Kaufleuten derweil ankündigen, ich schicke ihn Dir wieder zurück - das ist gar zu arg. - Mir geht es heute und gestern sehr schlecht, ich habe erschreckliches Kopf­weh, - der Himmel helfe mir nur hiervon. - Ich habe ja genug mit einem Übel. - Wenn Du kannst, schicke mir Baardts Übersetzung des Tacitus. - Auf ein andermal mehr; ich bin so übel, daß ich nur wenig schreiben kann. - Leb wohl und - denke an meinen Traum und mich. - Dein treuer Beethoven.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; Der Brief enthält viel Interessantes. &lt;br /&gt; Einmal verhält sich Beethoven keines­wegs „heroisch&quot;, sondern er jammert. Doch er scheint, was das Gehörleiden betrifft, über den Berg zu sein und bereits zu „schwimmen&quot;, da er es neben so etwas vergleichsweise Minderes wie ein Kopfweh stellt.&lt;br /&gt; Auffallend ist auch die Selbstverständ­lichkeit, mit der er - wie in anderen Beziehungen auch - die Freunde als Die­ner einspannt. Dies tut er entweder, weil er solches als selbstverständlichen Tribut an seine Größe betrachtet, oder weil er es als Ausgleichshandlung für seine krankheitsbedingte Behinderung erwar­tet, wahrscheinlich aus beiden Gründen zugleich.&lt;br /&gt; Weiterhin ist zu bemerken, daß er sich an Hand der &lt;em&gt;Germania &lt;/em&gt;von Tacitus offenbar ein klassisches Fundament für seine neuartige patriotische Identitätssu­che legen will. 1808 erschienen übrigens Fichtes &lt;em&gt;Reden an die deutsche Nation&lt;/em&gt;, eines der zentralen Zeugnisse antifranzö­sischer Propaganda. Beethovens wie auch anderer Bezugspunkt sind nun nicht mehr die damals sogenannten Gallo-Franken, sondern die Germanen. Vielleicht hängt das Interesse für Tacitus auch mit einem seiner Opernpläne über antike Stoffe in diesen Jahren zusam­men.&lt;br /&gt; Schließlich ist die Erwähnung und Skiz­zierung eines Traums hervorzuheben. Es dürfte nicht verwundern, wenn. auch nicht allgemeines Gefallen erregen, daß auf Grund einer tiefenpsychologischen Analyse dieses Traums und seiner Sym­bole - Begeisterung über Pferde in einem Stall - und der direkt anschließen­den Erwähnung eines Hutes mit einem Riß sexuelle Bedeutungen hinter dieser Mitteilung vermutet worden sind bis hin zu einer symbolischen Erwähnung eines homoerotischen Verhältnisses der bei­den Freunde. „Denke an meinen Traum und mich&quot;, heißt es am Schluß.&lt;br /&gt; Da wir uns in aufgeklärten Zeiten befin­den, erwarte ich im Publikum kein Erstarren über eine solche Exegese, möchte sie aper andererseits - da viel­leicht die Zeiten nicht aufgeklärt genug sind - nicht weiter unterstützen oder dementieren.&lt;br /&gt; Beethoven war Pianist, Gleichenstein Cellist. Ihre Vereinigung mag für unse­ren Zusammenhang innerhalb der Cello-Sonate op. 69 genügen, welche im April 1809 erschien.&lt;br /&gt; Für einen anderen Zusammenhang, der die Freundschaft betrifft, ist die Wid­mung aus dem Jahre 1809 eröffnend (vgl. Briefe 28. 3. und 26. 5. 1809). Zusätzlich zu der gedruckten Widmung (&lt;em&gt;„composée et dédidée à Monsieur le Baron de Gleichenstein&quot;&lt;/em&gt;) hat Beethoven auf das Widmungsexemplar für seinen Freund mit der Hand geschrieben: &lt;em&gt;„Inter lacrimas et luctum&quot;&lt;/em&gt;, zu deutsch: Unter Tränen und Trauer.&lt;br /&gt; Dieses Motto hat mehrere Bedeutungs- und Hinweiselemente. Rein chronolo­gisch könnte es sich beziehen auf den frühen Tod mit 19 Jahren der von ihm verehrten und mit seinem Freund Step­han von Breuning verheirateten Julie von Vering im März 1809. Allerdings erwähnt Beethoven dies Ereignis in sei­nen Briefen mit keinem Wort. Dagegen sind sie voll von „Anspielungen auf die damalige Kriegslage&quot;, welche nach Mei­nung der nickten Beethoven-Forscher Auslöser des lateinischen Mottos ist (Kinsky-Halm).&lt;br /&gt; Denn im gleichen Monat April mar­schierten die Franzosen erneut in Öster­reich ein, um im Mai zum zweitenmale Wien einzunehmen. Bei der Beschie­ßung der Stach soll Beethoven, dem Bericht seines Schülers Ferdinand Ries zufolge, in den Keller geflohen und Kis­sen über seinem Kopf getürmt haben, ein menschliches und vernünftiges Ver­halten, allerdings kein „heroisches“(Leitzmann 1, 86). Beethoven erwähnt den Kampf um Wien in seinen Briefen von 1809 nur knapp, aber deutlich:&lt;br /&gt; &lt;em&gt;„Schreibe mir nur so bald als möglich, ob Du glaubst, daß ich bei den jetzigen kriegerischen Umständen reisen soll. und ob Du noch fest gesonnen bist mitzurei­sen... Nun kannst Du mir helfen eine Frau zu suchen; wenn Du dort in Frei­burg eine schöne findest…, so knüpf im voraus an.“&lt;/em&gt; (An Gleichenstein, 18. 3.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Der Himmel gebe nur, daß ich nicht irgend durch ein schreckliches Ereignis wieder auf eine andere Art gestört werde. Doch wer kann sich mit dem gleichzeiti­gen Schicksal so vieler Millionen (un)besorgt finden?...&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; Die Unsicherheit der Post läßt mich Ihnen fürs erste nichts schicken.&quot;&lt;/em&gt; (26. 7. an Härtel)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;..Ich habe einigemale angefangen, wöchentlich eine kleine Singmusik bei mir zu geben - allein der unselige Krieg stellte alles ein.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; Ich wünsche Ihnen alles Gute und Schöne, so sehr es unser wüstes Zeitalter zuläßt…&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; Welch zerstörendes, wüstes Leben um mich her, nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend in aller Art... &lt;/em&gt;(26.7. an Härtel)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Ich erwarte nichts Stetes mehr in diesem Zeitalter; nur in dem blinden Zufall hat man Gewißheit.“ &lt;/em&gt;(2. 11. an Härtel)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&quot;Was sagen Sie zu diesem toten Frieden?...&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; Der fatal durchlebte Sommer. und ein gewisser trauriger Nachhall des gesunke­nen noch einzigen deutschen Landes, zwar nicht ohne Schuld, verfolgt mich immer.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Bemerkenswert an den Briefen ist u. a., daß Beethoven bis in den April hinein verkündet, er wolle Kassler Hofkapell­meister werden, also Bediensteter von Bonaparte, des Erzfeindes von Öster­reich und des Siegers von Wien. Dies ist die Drohung. die die patriotischen drei Wiener Adligen schließlich dazu brachte, den Vertrag über die Lebensrente abzu­schließen. Man kann sich aber kaum denken, diese Handlungsweise, welche wieder an die frühere Frankophilie und die Widmungspläne mit der Eroica an Bonaparte erinnert, habe in den höheren Wiener Kreisen viel Sympathie für Beethoven geweckt. Das beständige Jammern Beethovens über die Pro­bleme, sich und seine Werke in Wien beliebt zu machen, und das dauerhafte Schimpfen über die Kälte der Wiener ihm gegenüber, dürften neben dem Stil auch andere selbstverschuldete Gründe haben, nämlich das Taktieren und Lavie­ren gegenüber Frankreich, die Tendenz zum Überlaufen zum Feinde bis hin zum Plan eines Umzuges nach Paris, wie er ihn von Mitte 1803 bis Ende 1804 ver­folgte. Das alles wird man ihm verargt und als Nestbeschmutzung angelastet haben.&lt;br /&gt; Wenn der Krieg nun der Hauptgrund für die handschriftliche Bernerkung im Widmungsexemplar sein sollte, so hätte auch genügt zu schreiben: Unter Tränen und Trauer. Warum aber die Einkleidung in das erhöhende Latein, in die Sprache antiken Spruchdichtung? Warum der Aufschwung aus den Niedrigkeiten Gegenwart in die Hochsphäre antiker Größe?&lt;br /&gt; Hierfür kann Beethoven viele Vorbilder gehabt haben. Eines aber, das ihm mit Sicherheit bekannt war und seiner Situa­tion als Deutscher in Not besonders nahe kam, stammt von Friedrich II. von Preußen. Wenn dieser im Alter allzu stark von seiner Gicht geplagt wurde, malte er kleine Bildchen, um sich abzulenken, und versah sie mit der Beischrift: &lt;em&gt;In tormentis&lt;/em&gt;, zu deutsch: Unter Qualen.&lt;br /&gt; Auch dies ein lateinischer Hinweis auf die eigene Notsituation auf kleineren, selbstgemachten Kunstwerken.&lt;br /&gt; Es ist offenbar eine historische Anspie­lung Beethovens, ein wenig larmoyant, ein wenig patriotisch, ein wenig selbsterhöhend durch den Vergleichspartner, ein wenig understatement, was die Kleinheit des Objektes betrifft. Ein wenig selbsterhöhend? Weit gefehlt. Denn die Nähe zu Friedrich II. war für Beethoven ganz real, nicht nur weil er sich, was seine Bedeutung betraf, ohnehin unter die ersten Häupter Europas einreihte.&lt;br /&gt; Die Nähe zu Preußen und seinen Köni­gen ist auch noch auf andere Weise in der Cello-Sonate präsent: Denn Beetho­vens Beschäftigung mit der Komposition für Cello begann in Preußen während eines Besuches 1796, als er hoffte eine Anstellung oder wenigstens Aufträge hei König Friedrich Wilhelm II. zu erhalten. Und dieser war als Schüler seines Hofmusikers Duport selbst Cellist. Das einzige, aber bedeutsame Ereignis sind die Sonaten op.5, welche Beethoven dem Monarchen widmete.&lt;br /&gt; Die Verbindung wird aber noch enger. Denn im „heroischen&quot; Jahrzehnt, ab 1810 dann auch manifest in Lexika und Zeit­schriften, wurde behauptet, Beethoven sei der uneheliche Sohn dieses Friedrich Wilhelm II., ja eventuell sogar Friedrich II. Beethoven hat sich trotz Drängens seiner Freunde niemals öffentlich dagegen gewendet, selbst als ihm vorgehalten wurde, er entehre damit das Andenken seiner seligen Mutter ). Er schrieb später dazu (Solomon, 20): &lt;br /&gt; &lt;em&gt;„Ich habe mir aber zum Grundsatz gemacht, nie wieder etwas über mich selbst zu schreiben, noch irgend etwas zu beantworten, was über mich geschrie­ben worden.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; Ein großartig klingender Grundsatz, für seinen zweiten Teil allerdings von Beethoven keineswegs stets befolgt!&lt;br /&gt; Inwiefern die politischen Ereignisse der Jahre, als die Cello-Sonate entstand, auf deren Struktur Einfluß genommen haben könnten und damit für uns vielleicht hör­bar geblieben sind als Echo der Erregun­gen Beethovens, ist eine Frage, die im folgenden und letzten Abschnitt meiner Ausführungen behandelt werden soll.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;6. Stil&lt;/h4&gt;
&lt;div&gt;
&lt;p&gt;Dieser Abschnitt steht wie kaum einer der vorangegangenen unter der anfangs gestellten Frage, was in der Situation eines Vortrages für interessierte Laien sinnvoll ist und was nicht. &lt;strong&gt;Eine &lt;/strong&gt;Antwort läßt sich bereits geben: Sinnvoll ist nicht, bestimmte Aspekte der Motiv- und Sonatentechnik zu besprechen, deren Verständnis spezialisierte Kennt­nisse voraussetzen und vor allem Notenbeispiele. Derartiges läßt sich zwar erwähnen, aber nicht ausführen, gehört allerdings auch bei Fachleuten zu jenen Disziplinen, die lustvoll und erkenntnisreich sein können, aber auch in jenen Kreisen vom unbefangenen Hören ablenken können. Wir können hier aber zu einem Aspekt übergehen, der mit dem genannten in Verbindung steht. Die Cello-Sonate op. 69 bildet zusammen mit anderen Kammermusikwerken, Kla­viersonaten und dem 5. Klavierkonzert, die alle im gleichen Zeitraum entstanden sind, eine kompositorische Gruppe, eine Einheit, welche sich an der Übereinstim­mung vieler Motive und sonstiger musi­kalischer Elemente zeigt. Vor allen zu den beiden Klaviertrios op. 70, den Kla­viersonaten op. 81a, 78 und 79, dem Streichquartett op. 74 - dem sogenann­ten Harfenquartett - und dem genannten Konzert bestehen enge formale und melodische Verbindungen. Dies ist bei Beethoven kein Sonderfall: Auch bei gleichzeitigen Werken aus anderen Zeiträumen gibt es Anzeichen von Gesamtideen inhaltlicher und damit musikalischer Art, die Beethoven im Laufe von einigen Jahren in Gestalt meh­rerer Stücke unterschiedlicher Gattungen abhandelt, offenbar als verschiedene Auslegung der Reichtümer, die seine Skizzenbücher ihm boten und die in einem Werk allein nicht auszunutzen waren. Der Gesamtgedanke, zeigte so reichhaltige Facetten, daß mehrere Klanggestalten notwendig waren, um ihn zu erschöpfen. Dies Verfahren schließt auch ein, daß jedes Werk einer solchen Gruppe eine bestimmte beson­dere Gefühlsfacette des Gesamtkomple­xes ausbildet, so daß es unmöglich ist sich einzubilden, man könne am Bei­spiel eines dieser Einzelwerke ein Bild des ganzen Beethoven sich vorstellen. Das entspricht den anfangs gemachten Gedanken über die Unmöglichkeit, aus den Berichten über Beethoven ein hördienliches Gesamtbild und Hilfsmittel für die Musik zu gewinnen. Wenn z. B. das 5. Klavierkonzert, das zu unserer Werk­gruppe gehört, teilweise tatsächlich etwas martialisch klingt und dem „hero­ischen&quot; Teil Beethovens recht gut ent­spricht, so ist dies eben nur die eine Seite, während stille und lyrische Stücke wie das „Harfenquartett&quot; op. 74 oder ein eher phantastisches, wechselreiches Stück wie die Cello-Sonate die anderen repräsentieren, ebenfalls nicht tauglich für eine Verallgemeinerung über das Einzelstück hinaus.&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ein Aspekt der Cello-Sonate, der zunächst rein äußerlich wirkt, könnte auf eine Bedeutungsebene der Werkgruppe führen: Die Sonate hat keinen langsamen Satz. Denn das &lt;em&gt;Adagio can­tabile&lt;/em&gt;, welches sich dem zweiten schnellen Scherzo-Satz anschließt, dauert nur 17 Takte und entpuppt sich dann als langsame Einleitung des dritten und letz­ten Satzes, eines &lt;em&gt;Allegro molto&lt;/em&gt;. Das gibt Anlaß zu mehreren Gedanken.&lt;br /&gt; Beethoven hat damit eine interessante Umkehrung in der Gattungstradition vor­genommen. Ursprünglich war ja der sin­fonische Zyklus dreisätzig: schnell - langsam - schnell. Die Aufnahme eines dritten Satzes, eines Menuett oder Scherzo, ging dann in Sinfonie und Streichquartett schon bei Haydn und Mozart vor sich, noch nicht jedoch in der Sonate und der sonstigen Kammer­musik.&lt;br /&gt; Die ersten Beethovenschen Klaviersona­ten, Klaviertrios und Streichtrios Ende des 18. Jahrhunderts enthalten bereits Menuette bzw. Scherzi und sind viersät­zig, die Sonaten für Klavier und ein Melodieinstrument, z. B. die Violinsona­ten op. 12, jedoch nicht. Sie bleiben dreisätzig ohne Scherzo. Diese Gattung wird also als letzte zum großen, viersät­zigen Zyklus. Erst seit der Violinensonate op. 24, der sog. Frühlingssonate, von 1800 erfolgt die Erweiterung. Dies bleibt jedoch kein Dauermuster. Spätere Violinsonaten sind auch wieder dreisätzig (mal ohne Scherzo, mal ohne langsa­men Satz; op. 30, Nr. 1 und 3; Nr. 2 viersätzig). Wenn allerdings - auch in größeren Gattungen wie Konzerten - von der Viersätzigkeit abgewichen wird, so fehlen meistens die Scherzi zugunsten eines langsamen Mittelsatzes, also so, wie es ursprünglich war, z. B. im 4. und 5. Klavierkonzert oder im Violinkonzert, die zeitlich dicht vor der Cello-Sonate stehen.&lt;br /&gt; Wenn Beethoven also in der Cello- Sonate den langsamen Satz zugunsten des Scherzo fortläßt oder zur Einleitung stutzt, so tut er im Hinblick auf die Gesamtentwicklung etwas Außerge­wöhnliches. Wie sieht es bei den paralle­len Kammermusikwerken und Sonaten der Werkgruppe aus? Die drei Klaviersonaten op. 78, 79 und 81a enthalten kei­nen abgeschlossenen großen langsamen Satz, op. 78 nichts dergleichen, op. 79 ein kurzes Andante, op. 81a zwei langsame Teile, die in schnelle überge­hen. Es ist jene Sonate „Les Adieux&quot;, die Beethoven begann, als sein Freund und Schüler Erzherzog Rudolph mit der ganzen kaiserlichen Familie im Mai 1809 vor den heranrückenden Franzosen aus Wien nach Ungarn (Ofen) floh. Das Streichquartett op. 74 sowie das erste Klaviertrio aus op. 70 enthalten abge­schlossene langsame Sätze, das zweite allerdings lediglich ein Allegretto. Je kleiner die Besetzung also, desto gerin­ger wird der Anteil an ausgeführten langsamen Sätzen. Zumindest ist eine Unsicherheit bzw. Abstinenz in dieser Gattungssphäre gegenüber dem langsa­men Tempo zu verzeichnen, Und das ist nicht etwa eine allgemeine Tendenz oder ein Trend in Beethovens Schaffen, da in späteren Werken das ausgedehnte Adagio oder Largo wieder zum Grundbestand aller Zyklen gehört. Es stellt sich die Frage, ob von dieser Tatsache eine begründete Verbindung zur Situation um Beethoven 1807 bis 1809 erlaubt ist, d. h. ob die äußere Unruhe sich im Mangel ausgebreiteter Ruhe in den Werken erkennen lassen darf. Eine solche Hypo­these könnte dann an Wahrscheinlich­keit gewinnen, wenn sich z. B. zeigen ließe, daß Zeiten größerer äußerer Ruhe und Friedfertigkeit auch eine Häufung großer Adagio-Sätze zugelassen haben bzw. von ihnen begleitet sind. Anzei­chen dafür gibt es. Jedoch kann ein sol­cher Zusammenhang hier nur als frei geäußerter Gedanke angedeutet werden und nicht mehr.&lt;br /&gt; Der aufgewiesene Umstand, die fehlen­den Adagio-Sätze betreffend, macht wei­terhin darauf aufmerksam, daß die klei­neren, eher privaten Besetzungen auch eher das Abweichen vom Normalen, vom Formkanon des Zyklus zulassen als die großen, repräsentativen und dem großen Konzertsaal zugedachten Gattungen wie Sinfonie und Konzert. (Kam­mermusik wurde ja nicht öffentlich im Konzert gespielt. Öffentliche Streichquar­tett-Abende waren eine Neuerung, aber auch nur in großen Städten wie Leipzig oder Wien.) Das bedeutet auch: Nicht so sehr diese großen Gattungen, sondern eher die kleineren der Kammermusik, vor allem die Sonate, sind Keimzelle formaler Ungewöhnlichkeiten und Abwei­chungen, scheinen Grund ihrer auf­führungsbedingten Zurückgezogenheit eher Sonderwege ermöglicht zu haben. Dies gilt auch für einen weiteren Aspekt, nämlich den instrumententechnischen. Das Stück ist für das Cello ein ausge­sprochen schweres Stück. Wie Beetho­ven ohnehin seit den Sonaten op. 5 für den preußischen König einer der Pio­niere der neueren, die Instrumente gleichberechtigt behandelnden Litera­tur für Cello und Klavier ist, so hat er in op. 69 das Cello als Soloinstrument mit neuartigen und schwierigen Aufgaben, bedacht, welche das Instrument endgültig als vollwertige Stimme der hohen Kunstmusik z.B. neben die Violine stellen. Daß solche Emanzipationsprozesse einzelner Instrumente Iange Zeit brauchen, Sprünge vollführen und auch nach offensichtlichen Erfolgen nicht immer ganz abgeschlossen sind, kann man an der Geschichte des Stiefkindes der Geigenfamilie, der Bratsche, auch heute noch ablesen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die Sonate enthält im Sinne technischer Schwierigkeiten nichts Neues. Selbst die in hohem Tempo zu spielenden Akkordzerlegungen, in der Mitte des ersten Satzes sind ganz ähnlich schon in op. 5 Nr. 2 vorhanden. Man kennt solche Streicherakkordig auch bereits aus Bachs Solomusik, jedoch hat sie bei Beethoven nicht mehr wie dort die Aufgabe, Mehrstimmigkeiten zu suggerieren bzw. solche aufgespalten darzustellen, sondern sie ist nun eher als Übernahme einer pianistischen Begleitfigur auf das Cello zu verstehen und dient so der stilistischen Integration beider Instrumente. aber das ist noch nicht alles. Denn das Cello ersetzt an dieser Stelle nicht etwa die linke Hand des Klaviers, sondern das Klavier hat in der rechten Hand ebenfalls schnelle Figuren, während der Klavierbaß in melodischer Linie absteigt. Rechte Hand und Cello erzeugen gemeinsam eine neuartige Klangfarbe, eine oszillie­rende Mischung schneller Bewegungen. Der orchestrale Ursprung dieses Gedan­kens ist deutlich. Wie im Gewitter-Satz der zeitlich benachbarten Pastoral-Sinfo­nie sind es stehende, aber in sich be­wegte Klänge mehrerer Instrumente, die über dem Baßabstieg liegen. Eine orche­strale Idee ist hier auf zwei Soloinstru­mente übertragen. Hauptabsicht ist die Erzeugung eines Akkordgefüges in neuartiger Mischfarbe.&lt;br /&gt;Nicht also die spieltechnischen Einzel­heiten sind neuartig, sondern deren Ein­satz und Funktion. Das ist es, was das Spiel der Sonate so schwer macht. Man muß Beethovens klangliche Absichten erraten, die mit der Kombination der technischen Mittel beabsichtigt ist. Das gilt auch für andere Details. Beispielsweise: Was soll man sich im ersten Satz und bei Beginn und gegen Ende des Schlußsatzes vorstellen, wenn das Cello eine seiner vielen innerhalb der Geigenfamilie einzigartigen Möglichkeiten vor­führt und aus der hohen und mittleren Melodieregion in die Tiefe stürzt, um dort lange Töne zu spielen, wahrend das Klavier in die. Hochlage wandert. Spielt da das Cello noch im Sinne des alten Generalbaß den Baß für den Gesamtsatz, oder spielt es eben in dieser Tief­lage lange Melodietöne? Oder etwa bei­des zugleich? Das würde die Sache für die Spielenden auch nicht einfacher machen. Schließlich sind die Zeiten längst vorbei, da das Klavier an solchen Stellen hauptsächlich Begleitfunktion hatte oder andersherum Klaviersonaten geschrieben wurde &lt;em&gt;„avec accompagnement d‘un violoncelle&quot;.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Ähnlich ist es im Trio des Scherzos: Das Cello spielt 32 Takte lang eine fast immer gleiche Tonwechselfigur auf unterschiedlichen Tonstufen und wan­dert dabei eineinhalb Oktaven in die Tiefe. Solche Folgen haben alle, die Cello spielen, als Etuden oder techni­sche Übungen von jungauf geübt haben sie inzwischen „drauf“. Was aber sollen sie hier damit anfangen, wie hier diese Allerweltstechnik anwenden? Beethoven gibt wenig Hinweise. Das Klavier setzt einige Einwürfe, dann Melodiesatz dazu. Spielt das Cello Begleitung oder die heimliche Hauptstimme, sozusagen die innere Hauptstimme, sozusagen die innere Leitlinie der Passage? Man muß sich entscheiden, denn sonst kann man keine charakteristischen Gedanken für die technische Umsetzung entwickeln, und die Cellostimme bleibt an dieser Stelle leblos.&lt;br /&gt; Fazit: Das Violoncello ist voll emanzi­piert neben Instrumenten wie Geige, wird instrumentenspezifisch behandelt, kann also nicht wie in älterer, aber auch noch zeitgenössischer Praxis um 1800 durch ein anderes Instrument ersetzt werden, z.B. eine Oktave höher, und es kann nun in einen gleichberechtigten Dialog eintreten mit dem Klavier inner­halb der Sonate nach einem Prozeß, der in größeren Besetzungen wie dem Streichquartett bereits abgeschlossen war. Noch ein Zusatz, der auf den Beginn des Vortrages zurückweist: Die teilweise großen Schwierigkeiten, die das Cellospiel hier zu bewältigen hat, sind nicht etwa, wie ein verbreitetes Beethovenbild es gerne möchte, in einer titanenhaften Rücksichtslosigkeit ge­genüber den Musizierenden niederge­schrieben worden. Vielleicht hat Beetho­ven im Alter, als er gar nichts mehr hörte, solche Züge entwickelt. Ausgerechnet in der „heroischen&quot; Periode, der diese Sonate angehört, verhielt er sich aber niemals so. Vielmehr hat er Neue­rungen und Experimente für bestimmte Instrumente stets mit den Wiener Virtuo­sen besprochen und ausprobiert und hatte für fast alle Instrumente die ersten Kräfte der Stadt als Gespräch­spartner. Für das Cello war das Anton Kraft, der im Orchester des Beethoven-Mäzens Fürst Lobkowitz saß und auch in den Streichquartetten, die Beethovens Werke uraufführten. Der enge Kontakt mit ihm ist eine der Grundlagen für die streicherhaften Neuerungen der Sonate. Dieser Zug Beethovens zur Gemeinsam­keit und zum fachlichen Austausch erin­nert daran, daß er im Unterschied zu vielen anderen Komponisten der Zeit nicht als Autodidakt aufwuchs wie etwa Bach oder als einsamer Instrumentalsolist wie Clementi und sich auf dieser Basis ausbildete, sonders daß er in Bonn lange Jahre Orchestermuiker war als Cembalist, Organist und Bratschist und darüberhinaus eine gründliche Ausbil­dung als Komponist bei den Bonner und Wiener Koryphäen in dieser Disziplin machte mit Hausaufgaben, Kritik, guten Beispielen und Vorspiel. Vielleicht ist er einer der wenigen großen Komponisten 18. und 19. Jahrhunderts, die sozu­sagen von der Pike auf gründlich lern­ten, sich also auch von daher schon einfügten und Rücksichten nahmen, die Probleme anderer Musiker kannten und respektierten. Nicht der „heroische“ Sonderling mit dem Kopf durch die Wand, sondern prüfen, ausprobieren, abwägen, diskutieren, eventuell sogar ratlos sein, zweifeln.&lt;br /&gt; Dies führt mich auf eine Abschlußbemerkung, die zugleich den Anstoß gibt für eine letzte Höraufgabe an sie bei der gleich zu vernehmenden Sonate für Cello und Klavier op. 69. &lt;br /&gt; Wir sind daran gewöhnt, daß ältere Musikstücke in sich gerundet sind, einen Gefühlsausgleich schaffen und ein harmonisches, ja insgesamt positives Ganzes abzugeben.&lt;br /&gt; Sicherlich gibt es Ausnahmen: So kann man wohl kaum behaupten, daß die &lt;em&gt;Incoronazione di Poppea&lt;/em&gt; von Monteverdi in diese Richtung paßt, denn sie ist wahrlich ein frühes Beispiel des Verismo mit all den darin ungeschminkt erzählten Schrecken. Aber insgesamt ist die Tendenz zum Harmonischen unverkennbar. Auch Mozart vertrat noch die Meinung, Musikwerke sollten nicht von Verzweiflung und Unausgeglichenheit bestimmt sein, sondern in sich ausgewogen. Bezeichnend ist sein Umgang mit Goethes Originaltext in dem berühmten Lied &lt;em&gt;Das Veilchen&lt;/em&gt; KV 476. Goethe läßt den Text enden: &lt;em&gt;Und sterb ich denn, so sterb ich doch durch sie zu ihren Füßen doch.&lt;/em&gt; Mozart setzt von sich aus hinzu, in dem er auf Elemente des Liedbeginns zurückgreift: Das arme Veilchen! Es war ein herziges Veilchen. Zugleich eine Distanzierung und eine Harmonisierung! Beethoven bricht mit dieser Übereinkunft. Manche Werke lassen die Hörenden ratlos und düster, ja betroffen oder traurig zurück. Ob dies so ist, weil Beethoven in seinen Kompositionen sozusagen dazu stand, daß auch er im Leben häufig ratlos und traurig war und blieb, kann man im Sinne der anfangs geäußerten Bedenken zur Übertragbarkeit von Lebenssituationen aufs Komponieren kaum annehmen. Es scheint ihm mehr um ein Prinzip gegangen zu sein, nämlich um die öffentliche Darstellung von Realitäten, also auch von Häßlichem, wenig Tröstlichem, überhaupt von den Widersprüchen und Unlösbarkeiten, die bestehen. In der älteren Kunst wurden diese ja meist verschwiegen oder aufgewogen. In unserer Sonate sehe ich einen solchen Punkt des Zweifels im Abbruch des langsamen Satzes. Man kennt ja diese typischen Adagio-Anfänge und hat sich nun einige Takte darauf einstellen können, daß ein längerer Satzzusammenhang dieser Art fortbestehen wird. Dann endet der Satz jedoch schnell und geht ins Rondo über. Das war im Grunde keine langsame Einleitung zum Rondo, sondern es war vom Stil her tatsächlich der Beginn eines eigenständigen Adagio-Satzes, aber eben nur ein Beginn. Eine auf das Rondo hinweisende Einleitung hätte Beethoven anders komponiert. Die Waldstein-Sonate ist ein Beispiel der Alternative: Beethoven läßt den bereits komponierten langsamen Satz weg und ersetzt ihn durch eine echte langsame Einleitung zum schnellen Schlußsatz. In der Cellosonate verfährt er anders: Er glättet den Widerspruch nicht durch Ersetztn, sondern führt den Versuch vor und dann den Abbruch. Das ist kein Betrug am Hören sondern die Darstellung einer Unentschiedenheit. Etwas, das sonst einer Zwischenfassung von Komposition entspricht, dann aber mit der Entwicklung zur Schlußfassung ausgeschieden wird, ist zu hören. Ich meine, Beethoven habe hier etwas veröffentlicht, was man zuvor in der Kunst kaum je zum Thema machte: Zweifel. Vielleicht ist die &lt;em&gt;Kunst der Fuge&lt;/em&gt; ein früher Ansatz dazu, aber sicherlich bei der Veröffentlichung nach Bachs tot gegen dessen Willen. Beethoven hat dergleichen auch später noch veröffentlicht: Er hat sich nie entschieden, ob das Streicherquartett op.130 nun mit der großen Fuge op.133 oder mit dem Ersatz-Rondo enden solle, hat damit seine eigene Unentschiedenheit auf die Nachwelt übertragen, die s sich aber leicht gemacht hat und nun – wohl aus Gründen der Konzertökonomie – meistens oder fast immer das Rondo wählt, um die Große Fuge separat zu spielen. Hier in op.69 ist der Zweifel einkomponiert. Soll man ausruhen? Man macht einen Ansatz und – nein, es geht doch nicht, schnell ab ins Schlußrondo! Das ist ein gewaltiger Sprung in der Geschichte des Komponierens, und zwar in dem Sinne, daß allbekannte, wenn auch unangenehme Prozesse im Leben und in den äußeren Verhältnissen ohne Schminke abgebildet werden. Goya kann man als Vergleichsgestalt nennen. Beethovens Sprengkraft liegt offenbar u.a. darin, daß er dieses Prinzip des Realismus durchsetzte, und in dieser Hinsicht hatte Wagner wohl ganz Recht, sich als Erben Beethovens zu betrachten. Beethoven ist in diesem Zusammenhang nicht der absolute Pionier, sondern er setzte auf musikalischem Gebiet durch, was die führenden Köpfe der bürgerlichen Bewegung als wichtigem Inhalt des neuen Fortschritts formulierten und forderten, und zwar im Interesse der Meinungsfreiheit, das ist auch: der öffentlichen geäußerten freien Meinung. Einer von Beethovens Lieblingsautoren seit der Bonner Zeit, vielleicht der wichtigste deutsche Philosoph des frühen Bürgertums, Immanuel Kant, schreibt in der &lt;em&gt;Kritik der reinen Vernunft&lt;/em&gt; von 1781 (Erstausgaben A 752, B780):&lt;br /&gt; &lt;em&gt;„Zu dieser Freiheit gehört denn auch die, seine Gedanken, seine Zweifel, die man sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur Beurteilung auszustellen, ohne darüber für einen unruhigen und gefährlichen Bürger verschrien zu werden. Dies liegt schon in dem ursprünglichem Rechte der menschlichen Vernunft, welche keinen anderen Richter erkennt, als selbst wiederum die allgemeine Menschenvernunft, worin ein jeder seine Stimme hat; und, da von dieser alle Besserung, deren unser Zustand fähig ist, herkommen muß, so ist ein solches Recht heilig, und darf nicht geschmälert werden.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Zum einen zeigt unsere heutige Realität wohl, daß wir noch keinesfalls die Forderungen Kants und Beethovens eingelöst haben, daß also, falls die bürgerliche Gesellschaft überhaupt die Möglichkeit zu einer grundsätzlichen Verbesserung in sich trägt, wir in diesem Punkt keinesfalls so sehr viel weiter sind als von 200 Jahren.&lt;br /&gt; Zum anderen kann ich sie mit diesem Zitat in das Konzert entlassen und ihnen die Aufgabe nicht ersparen, sich zu fragen, ob die Forderungen aus dem frühen Bürgertum, wie sie etwa in der Sonate als Zweifel formuliert sind, inzwischen nicht derart zu Beispielen der Harmonier und des einfach „Schönen“ abgeflacht und abgestumpft sind, daß wir tatsächlich wesentliche Inhalte und Aussagen, die in dieser Musik stecken, überhaupt nicht mehr empfinden, nicht mehr verstehen und als solche wahrnehmen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 17 Dec 2010 12:55:32 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Beethovens Cello-Sonate op.69</title>
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                    &lt;p&gt;Eigentlich sollte ein Vor­trag über ein Musikstück nach dessen Erklingen gehalten werden, nicht aber vorher, damit sich die innere Produktion der Hörenden ohne andere Einflüsse als die Musik entwickeln kann, nicht durch Analytisches, Bio­graphisches oder Anekdo­tisches vorgeformt, ver­borgen oder gehemmt wird. So jedenfalls könnte man denken.&lt;br /&gt; Das jedoch ist der Gedanke, der der Musik eine Sonderstellung unter den Künsten zuweist, eine Sonderstellung, die abweicht von den Verhält­nissen in anderen Kün­sten.&lt;br /&gt; Selbstverständlich wüßte man gern schon vor der Betrachtung einer Kathe­drale, was die beiden Engel über dem Altar oder ein pflanzliches Bildsym­bol an der Wand bedeu­ten oder ob sich die Maße von Langhaus und Quer­schiff im Verhältnis des Goldenen Schnittes zuein­ander verhalten.&lt;br /&gt; Und selbstverständlich wüßte man gern schon vor dem Anhören von Lessings Nathan dem Wei­sen, was ein bestimmtes, heute nicht mehr gebräuchliches Wort darin bedeutet und wie es mit dem Antisemitismus in Preußen und in Hamburg zur damaligen Zeit stand. Aber bei Musik?&lt;/p&gt;

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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Eigentlich sollte ein Vor­trag über ein Musikstück nach dessen Erklingen gehalten werden, nicht aber vorher, damit sich die innere Produktion der Hörenden ohne andere Einflüsse als die Musik entwickeln kann, nicht durch Analytisches, Bio­graphisches oder Anekdo­tisches vorgeformt, ver­borgen oder gehemmt wird. So jedenfalls könnte man denken.&lt;br /&gt; Das jedoch ist der Gedanke, der der Musik eine Sonderstellung unter den Künsten zuweist, eine Sonderstellung, die abweicht von den Verhält­nissen in anderen Kün­sten.&lt;br /&gt; Selbstverständlich wüßte man gern schon vor der Betrachtung einer Kathe­drale, was die beiden Engel über dem Altar oder ein pflanzliches Bildsym­bol an der Wand bedeu­ten oder ob sich die Maße von Langhaus und Quer­schiff im Verhältnis des Goldenen Schnittes zuein­ander verhalten.&lt;br /&gt; Und selbstverständlich wüßte man gern schon vor dem Anhören von Lessings Nathan dem Wei­sen, was ein bestimmtes, heute nicht mehr gebräuchliches Wort darin bedeutet und wie es mit dem Antisemitismus in Preußen und in Hamburg zur damaligen Zeit stand. Aber bei Musik?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nichts dergleichen not­wendig? Versteht man heute alles, was damals zu Beethovens Zeit kom­poniert wurde? Muß man sich das nicht auch teil­weise vorher klarmachen oder klarmachen lassen? Vor allem bei der wortlo­sen, der heute sogenann­ten absoluten Musik?&lt;br /&gt; Daß solche aus sich her­aus verständlich sei, über Raum und Zeit hinweg, daß sie einer Erklärung oder zumindest erläutern­der Hinweise erraten könne, ist eine reine Behauptung, eine Be­hauptung, die noch gar nicht alt ist, nämlich 200 Jahre alt. Es ist eine Behauptung der Roman­tik, und der glauben viele heute noch.&lt;br /&gt; Im frühen 18.Jahrhundert wäre niemand auf solch einen Gedanken gekom­men. Die Musik galt als eine Kunst neben den anderen und hatte dem­entsprechend etwas Be­stimmtes zu sagen. Und das schloß die Möglich­keit ein, daß man etwas mißverstand oder gar nicht verstand. Daß wir - um noch weiter zurückzu­gehen - die Musik des Mittelalters heute oft nicht sehr schön finden, liegt einzig und allein daran, daß wir sie nicht verste­hen, kaum etwas von ihr wissen, zu weit fort von ihr sind. Der logische Schluß liegt nahe, daß sol­ches Mißverstehen auch für Beethovens Musik zu gelten hat oder zumindest bei ihr möglich ist, auch wenn sie uns zeitlich etwas näher ist als das Mittelalter und sie den meisten von uns gut gefällt. Falls nicht, müßten wir folgern: alles, was uns gefällt, verstehen wir auch. Ein heikler Schluß! Denn er bedeutet auch, alles, was wir nicht mögen, verstehen wir nur nicht.&lt;br /&gt; Dennoch: Musik hat gegenüber den anderen Künsten tatsächlich ihre Tücken, denn Erklärungen zu ihr sind wirklich eine heikle Sache. Im Unter­schied zur Bildkunst und zur Literatur hat die Musik den Haken, daß sie sich uns zu leicht aufzwingt bzw. wir sie uns zu leicht aufzwingen lassen, sodaß uns die Distanzierungsmöglichkeit zwischen Wissen und Fühlen erschwert ist. Infor­mation über bildende Kunst und Litera­tur lassen sich leichter im Inneren abtrennen vorn direkten Eindruck der Kunstwerke selbst, lassen sich leichter als Voraussetzung für deren Aufnahme behandeln, sozusagen vor der Tür des Gefühls halten. Ich sage leichter, nicht etwa: leicht! Bei der Musik ist das schwerer möglich, da sie als Gefühlskunst par excellence immer wieder, jedenfalls für uns moderne Hörende, die Informationen und die eigene Gefühlsproduktion in einem Strudel im Unbewußten vermengt und eine Trennung schwer macht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;(...)Man sagt leicht, diese Lilie in der Kathedrale bedeutet also die Unschuld und wie prächtig ist sie gezeichnet auch ohne Unschuld. Oder: ich weiß zwar, daß „in allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch&quot; im Grunde ein unmögli­ches Deutsch ist, auch schon zu Goethes Zeit. Aber wie ist dadurch das Unfaßbare der Situation, das Irrationale der Ergriffenheit hervorgebracht, und wie unmerklich und wirkungsvoll drückt der Rezitator in seiner Art zu deklamieren aus - was er übrigens nie tut.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Aber sind wir ebenso geübt in dem Gedanken: die Dissonanzen am Beginn von Bachs Johannes-Passion zeigen das Leiden Christi. Aber sie sind auch ohne­dies schneidend und schmerzlich genug. Schön wäre es auch, wenn die Flötisten richtig eingestimmt hätten.&lt;br /&gt; An diejenigen, welche sich nach dem Hören dazu entschließen, in vergleich­baren Fällen zuvor lieber gar nichts hören zu wollen, die also mit dem Pro­blem zu kämpfen haben, daß die einmal aufgenommenen Informationen beim Hören nicht mehr abzuschütteln sind und dann stören, sei gesagt: Musik kann gar nicht ohne Wissen und Information funktionieren. Schon die Tatsache allein, daß sie wissen, daß dieses Stück von Beethoven ist, genügt. Was dieser Name bedeutet, was uns an Richtigem und Falschem über diese Person bekannt geworden ist, was all dies in uns vor dem Hören auslöst und wie es das Hören beeinflußt, vorprägt, verschärft, verbiegt und verschleiert, das alles sind Voraussetzungen, die wir nicht abschüt­teln können, vielleicht auch nicht wol­len. Und sie allein sind schon so über­mächtig, daß von einem vorurteilsfreien, sozusagen reinen Hören nicht die Rede sein kann. Aber soll man andererseits auf diesem dumpfen Wust von Beetho­ven-Informationen sitzen bleiben und sich dadurch die schöne Cello-Sonate verderben lassen? Ist da nicht noch ein wenig Aufklärung und alternative Infor­mation notwendig? Will man sich beim Hören wirklich von überkommenen Lügen und Märchen über Beethoven lei­ten lassen? Es muß also nicht weniger, sondern mehr gesagt werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;1. Beethoven&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Eindruck, den das Stück macht, ist für viele bestimmt von dem, was man über Beethovens Charakter, sein Wesen gehört und gelesen hat: Tragik, Größe, Dramatik, Verzicht, Kunstpriesterschaft, Heldentum, Unglück und Kampf. Beethoven hat an diesen Stereotypen teilweise mitgestaltet. Hier einige Äuße¬rungen:&lt;br /&gt; Mißgünstige Kritiker „werden gewiß niemand durch ihr Geschwätz unsterb¬lich machen, sowie sie auch niemand die Unsterblichkeit nehmen werden, dem sie von Apoll bestimmt ist.&quot; (15.1.1801)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Fahre nur fort, übe nicht allein die Kunst, sondern dringe auch in das Innere: sie verdient es, denn nur die Kunst und die Wissenschaft erhöhen den Menschen bis zur Gottheit.&#039; (17.7.1812 an Emilie in H.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„So sei es denn, für dich armer Beetho¬ven gibt es kein Glück von außen, Du mußt Dir alles selbst erschaffen, nur in der idealen Welt findest du Freunde.&quot; (April 1810 an Gleichenstein)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daß Beethoven „dem Schicksal in den Rachen greifen&quot; wollte (16.11.1801), wird gern zitiert, seltener aber die Paral¬lelformulierung (29.6.1801): „Ich will, wenn&#039;s anders möglich ist, meinem Schicksale trotzen.&quot; (beides an Franz Wegeler in Bonn) Dies aber mit dem einleitenden Hinweis: „Plutarch hat mich zu der Resignation gebracht.&quot; Resignation bedeutet aber doch: das Leben nicht betreiben, sondern betrachten, also nicht dem Schicksal in den Rachen grei¬fen, sondern ihm trotzen in dem Sinne, sich nicht in den Sog des Unglücks hin¬einziehen zu lassen, sondern es ertragen zu lassen, es - wie es der heutige Quasi-Therapeut sagen würde - anzunehmen.&lt;br /&gt; Je länger man sich mit der Exegese der Beethovenschen Äußerungen beschäftigt, um daraus ein einheitliches, klares Charakterbild zu schließen, umso mehr entzieht sich die Bemühung einem Resultat, umso weniger ergibt sich dar¬aus eine Basis, auf der sich die Musik einordnen oder verstehen ließe. Beetho¬ven hatte viele unterschiedliche Züge, oftmals gleichzeitig präsent. Und so ist es auch mit seiner Musik. Welcher der vielen Charakterzüge gerade in einer bestimmten Musik auftaucht, läßt sich kaum zuordnen oder festlegen. Darüber- hinaus: die gesamte Bemühung ist frag-würdig. Denn sie geht von der Voraussetzung aus, daß das, was wir als Wesen, als Charakter eines Komponisten aus seinem Leben erzählt bekommen, sich in seiner Musik abspiegelt. Aber das ist ganz unsicher. Komponieren ist oft ein langwieriger Prozeß, der bei Beethoven manchmal bei einem Werk Jahre dauerte. Es ist möglich, daß sich dabei jenes Alltagsbild der Psyche, wie es sich in Briefen oder von Freunden mitgeteilten Äußerungen darbietet, gar nicht wiederfindet, sondern stattdessen ein Zug hervortritt, welcher in den überlieferten Äußerungen gar nicht vorkommt, sondern nur in Noten, daß es also einen eigenständigen Kompositionscharakter eines Komponisten gibt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beethoven schreibt am 22. April 1801 an seinen Freund, den Verleger Franz Anton Hoffmeister: &quot;Dabei ist es vielleicht das einzig Geniemüßige, was an mir ist, daß meine Sachen sich nicht immer in der besten Ordnung befinden und doch niemand im Stande ist als ich selbst, da zu helfen.&quot;&lt;br /&gt; Selbstverständlich ist das eine ironische Äußerung oder eine als Understatement formulierte falsche Bescheidenheit. Aber wie bei vielen solchen Äußerungen ist der Kern ernst gemeint.&lt;br /&gt; Ist diese Unordnung, in der nur das Genie den roten Faden kennt, also die Ordnung in der Unordnung, auch in den Werken vorhanden in Gestalt einer äußeren Wirrnis mit geheimer Einheit - das wurde Beethoven ja oft vorgeworfen - oder hatte Beethoven im Komponieren die Möglichkeit, eine Gegenwelt zu sei­nem Alltagsleben zu erfinden, nämlich eine Oase reiner Ordnung und Über­sicht? Eine Entscheidung allgemeiner Art ist unmöglich, sie muß je nach Werk und dessen Wirkung in den einzelnen Hörenden erfolgen. Das heißt auch: sie wäre im Hinblick auf Ratschläge, Anwei­sungen und Hilfen ohne jeden Wert.&lt;br /&gt; &amp;nbsp;Es ist also denkbar, daß sich Komponi­sten in ihren Werken auf eine ganz eigentümliche, von ihren sonstigen Äußerungen relativ isolierte Art mittei­len, daß also ein Rückschluß von diesen auf die Musik ein Irrweg ist. So scheint mir z.B. ein Schluß von den manisch- depressiven Zügen, die Robert Schu­mann offensichtlich hatte, auf den Cha­rakter seiner Werke in eine falsche Richtung zu gehen. Vielleicht war dies seine einzige Möglichkeit, sich ohne Ein­schlag seiner Krankheit zu zeigen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;2. Absolute Musik&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die wortlose Instrumentalmusik ist seit ihrer Bezeichnung als absolute Musik im frühen 19.Jahrhundert mit der Behaup­tung verbunden worden, sie sei die höchste Form der Musik, sie sei - wie es die deutsche Romantik von den Sinfo­nien und überhaupt der sinfonischen Musik behauptete - gelöst von allem Irdischen, habe im Unterschied zur Vokal- oder Tanzmusik den Vorteil, daß sie von allem Funktionalen gelöst sei, und dabei den Auftrag in sich, ohne gedankliche Bindungen an Irdisches gehört zu werden, eben „rein&quot; sei. Dies wird uns auch heute noch beigebracht, ob in populären Musikbüchern oder in der altmodischen Variante von Musikun­terricht. Daß an die Stelle irdischer Asso­ziationen und Bilder die sogenannte Form- oder Strukturanalyse tritt, z.B. die Analyse einer Sonate nach der soge­nannten Sonatenhauptsatzform, wird sel­ten als Widerspruch zur Behauptung des Absoluten gesehen. Dabei ist doch die Feststellung, daß das Motiv a in Takt 87 in die Untermotive Alpha und Beta auf- gespalten wird, ungemein irdisch, ja platt, erinnert auf befriedigende Weise an die unterschiedliche, im Grunde aber immer gleichen Anweisungen zum Auf­bau der IKEA-Schränke. Die Postulie­rung des Primates der absoluten Musik und der Strukturanalyse erhob sich zum gleichen Zeitpunkt, als man sich bemühte — und man mußte sich bemühen — Beethoven in den Himmel der ewigen Meister zu drängen. Das geschah nach seinem Tod etwa ab 1835 in Deutschland und Frankreich. Him­melserscheinungen dulden keine irdi­schen Gedanken, Beethoven selbst war da ganz anderer Meinung. Zur Fuge, die ja das Musterbeispiel des Absoluten sein soll, äußerte er sich gegenüber Freun­den, dem Geiger Karl Holz, in den zwanziger Jahren:&lt;br /&gt; „Eine Fuge zu machen, ist keine Kunst, ich habe deren zu Dutzenden in meiner Studienzeit gemacht. Aber die Phantasie will auch ihr Recht behaupten und heut zu Tage muß in die altbürgerliche Form ein anderes, ein wirklich poetisches Ele­ment kommen.&quot;&lt;br /&gt; Und als der sog. Adlatus Anton Schind­ler ihn um die gleiche Zeit mit dem Ansinnen anging, seine früheren Klavier­sonaten mit Titeln auszustatten, um evtl. darin verborgene Programme zu ver­deutlichen, wandte sich Beethoven nicht etwa gegen das Vorhandensein von pro­grammatischen Inhalten, sondern meinte dies sei unnötig, weil &quot;die Zeit, in wel­cher er die meisten Sonaten geschrie­ben, poetischer gewesen sei als die gegenwärtige, daher Angaben der Idee nicht nötig waren.&quot;&lt;br /&gt; Was bedeutet in beiden Aussagen &quot;poetisch&quot;?&lt;br /&gt; In Sulzers &amp;gt;Allgemeiner Theorie der schönen Künste&amp;lt; (1793) heißt es:&lt;br /&gt; „Poetisch nennt man jene Sache, deren Art, oder Charakter sich zum Gedicht schikt. Eine poetische Phantasie, ein poe­tischer Einfall, ein poetischer Ausdruck.&quot;&lt;br /&gt; Beethoven wendet dieses ältere Ver­ständnis von poetisch an, nicht jenes der romantischen Universal-Poesie im Sinne Friedrich Schlegels, wie Beethoven auch sonst im Gebrauch ästhetischer Begriffe eher konservativ war bzw. sich an die Begrifflichkeit aus seiner Jugendzeit hielt. Der Fragezusammenhang begrün­det dieses Wortverständnis von „poe­tisch&quot; ohnedies. Beethoven will sagen:&lt;br /&gt; Das in Worte übersetzbare Element steckt in meiner Musik ohnehin. Nur ist er klug genug bzw. freundlich genug, solche Worte nicht anzugehen, denn sonst würde ja die Eigenproduktivität der Hörenden eingeschränkt und der Dialog zwischen Spielen und Hören zer­stört. Damit ist klar, daß unser Hören Umsetzungen in wörtliche und bildliche Phantasien nicht nur zulassen darf, son­dern daß solche sogar in den Absichten des Komponisten enthalten sind, von ihm gefördert werden.&lt;br /&gt; Dies ist selbstverständlich die Gegen­position zur Lehre von der absoluten Musik, jedoch ist sie glücklicherweise von Beethoven autorisiert. Sie hat den Vorteil, aus autoritär-verunsicherten Hörenden, welche unter dem Gesetz des Absoluten ihre Assoziationen und Gefühlsbilder zu unterdrücken suchen oder sie überhaupt nicht mehr lebendig werden lassen, Mitproduzierende wer­den zu lassen und ein Kunstwerk zu dem zu machen, was es sein soll, näm­lich ein Objekt, welches das hörende Subjekt sich zum Werkzeug des Vergnü­gens, der Unterhaltung oder auch der Belehrung nimmt, nicht umgekehrt: Die Hörenden als Objekte, die stets vergeb­lich suchen, sich dem Subjekt Kunstwerk anzunähern und ihm durch Unter­werfung zu dienen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;3. Klassik&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das Epitheton (schmückendes Bei­wort) klassisch läßt uns schon vor dem Hören innerlich strammstehen. Und dazu ist es auch da. Jedoch ist die als „klassische Trias&quot; institutionalisierte Drei­einigkeit von Haydn, Mozart und Beethoven zu des Letzteren Lebzeiten noch keineswegs Allgemeingut gewe­sen, und vielfach war Beethoven im Urteil des Publikums und der Kunstrich­ter noch weit davon entfernt, mit den beiden Erstgenannten in einem Atem erwähnt zu werden. Zwar gab es schon 1810 Vergleiche Beethovens mit Miche­langelo, wie er auf den Grundmauern Haydns und Mozarts eine Pantheonkuppel erbaut habe, also dem Abschluß des klassizistischen Bauwerkes wie im Falle der römischen Peterskirche. Jedoch stammt dieser Vergleich von Johan Frie­drich Reichardt, jenem antikebegeisterten und alles Große, wenn es nur vergangen war, verherrlichendem Musiker, der schon vor Beethovens Ära die Musik Palestrinas und das sogenannte Volks­lied als Muster des Wahren und Guten gegen die angebliche Modesucht der Gegenwart auf den Schild hob.&lt;br /&gt; Im Allgemeinen aber galt Beethovens Musik zu seinen Lebzeiten als Seiten­stück oder musikalisches Beispiels des Romantischen, als Kontrapost zur Klas­sik Abgemessenheit, ob nun positiv oder negativ so bewertet. Ob ihrer Bizarrerie, Fantastik und Unausgeglichenheit galt sie vielen als vergleichbar der Prosa von Jean Paul, und die Bezeichnung „unser musikalischer Jean Paul&quot; setzte wenige in Erstaunen. Noch Robert Schumann, der sich neben Liszt und Clara Pieck sehr um die Popularisierung Beethovens bemühte, sah in dessen Musik eher das Fantastische als das Klassisch-Gemes­sene und nannte Beethoven weiterhin in einem mit Jean Paul, übrigens mit Bach. Im Zuge der Demontage Jean Pauls als bestimmenden Volksschriftsteller des frühen 19.Jahrhundert und seiner Erset­zung durch den noch keinesfalls allge­mein begeistert gepriesenen Goethe wurde Beethoven nobilitiert (geadelt) und neben den Weimarer Heroen gestellt. Dieser Prozeß ist von hohem kunstpolitischen Interesse:&lt;br /&gt; Im Verlaufe der Gleichrichtung, Nationalisierung und Militarisierung der deut­schen Öffentlichkeit seit dem Vormärz war es unausweichlich, daß die grenzü­berschreitenden Irrationalismen der Romantik niedergehalten, verschwiegen oder zumindest zensiert werden mußten. Wackenroder oder Caspar David Frie­drich wurden kaum genannt, offensicht­lich angenommene Künstler wie Eichen­dorff oder Beethoven wurden zwar propagiert, im gleichen Prozeß aber ent­schärft, entweder aufs Idyllische oder aufs Heroische zurechtgestutzt, um im Pantheon (griech. Tempel für alle Göt­ter) deutscher Vorbilder unangreifbar, aber auch unangreifend, also ungefähr­lich zu wirken und zu walten. Damit wurden die unangepaßten Züge Beetho­vens beschnitten und sozusagen aus dem Gehör gezogen.&lt;br /&gt; Vielleicht ist es nützlich, zur Frage nach dem Klassischen auf die Meinung dessen zurückzugreifen, welcher bereits zu Zeiten Beethovens als Klassiker empfunden wurde und sich auch schon so fühlte, nämlich Goethe. Ihm lag die Ein­ordnung Beethovens in eines der Muster ganz fern, und er, der angeblich so wenig Sinn für Musik hatte, äußerte eini­ges zu Beethovens Musik, das von frap­panter Treffsicherheit ist und zur Cha­rakterisierung der spezifischen Inhalte der Musik mehr beiträgt als die Systema­tisierung nach Begriffen der Stilgeschichte.&lt;br /&gt; Zwar bedauerte Goethe nach einer Begegnung mit Beethoven, daß dieser „leider eine ganz ungebändigte Persön­lichkeit&quot; sei, was sicherlich keine günstige Voraussetzung für das Klassische sein kann. Aber er macht dann später zwei Aussagen, die von einem blitzarti­gen Erkennen des Spezifischen und Rätselhaften an Beethovens Musik zeugen. Einmal sagte er laut dem Zeugnis seines musikalischen Intimus, Karl Frie­drich Zelter,&lt;br /&gt; „es komme ihm beim Anhören Beetho­venscher Musik vor, als oh dieses Men­schen Vater ein Weib, seine Mutter ein Mann gewesen sein müsse.&quot;&lt;br /&gt; Sieht man einmal von der Bedeutung dieser Äußerung für das tatsächlich rol­lentauschende Durcheinander in der Bonner Familie ab - wovon Goethe wahrscheinlich nicht das Geringste wußte -, so spricht sich in ihr ein wirk­lich genial erfundenes Bild für das Umstürzlerische, Bestürzende und Gefühlsverwirrende in Beethovens Musik aus. Dies gilt auch für Goethes Äußerung über Klaviersonaten von Beethoven. Es gehe darin um „die alles zersprengende, ins Unendliche sich ver­lierende Sehnsucht und Unruhe in der Musik“.&lt;br /&gt; Also wiederum das Gegenteil von klas­sischer Geschlossenheit und Abgeklärtheit, viel eher der Inbegriff des Romanti­schen, dem Goethe beim Anhören den Ausruf zollte: „Zum rasend werden, schön und toll zugleich.&quot;&lt;br /&gt; Dabei hatte er zum Spiel der Musik - auch dies im Sinne der romantischen Aufhebung der Kunstgrenzen - den Anblick von Bildern arrangiert. Und zwar welcher Bilder? Der Tageszeiten - Blätter von Philipp Otto Runge, also von Paradestücken romantischer Sehnsucht und Universalität.&lt;br /&gt; Auch das Zeugnis des Kronzeugen Goethe weist darauf hin, daß wir mit den Begriffen Klassik und Klassiker im Hinblick auf Beethoven nicht nur nichts anfangen können, sondern dabei auch einer historischen Lüge aufsitzen, einer volkserzieherischen Umbiegung, die uns den Blick auf die eigentümlichen Schön­heiten und Besonderheiten der Musik verstellen soll, nämlich auf die Verrückt­heiten und Absonderlichkeiten, die als das Hervorstechende und von Mozart wie Haydn Abstechende allen Zeitgenos­sen auffielen. Beethoven galt ja vielen Zeitgenossen wie Jean Paul als „Humo­rist&quot;. Das bedeutete damals nicht, daß er im heutigen Sinne witzig war, sondern daß er die Stile und Genres durcheinan­der warf, nicht gerade klassisch. Folgen wir den Zeitgenossen, haben wir auch bei der Cello-Sonate auf dieses Element des Vermischens von Hoch und Niedrig, Traurig und Lustig zu achten und es als Genußmittel zu begrüßen.&lt;br /&gt; Falsche Zurechtrückungen, Beschnei­dungen und Vereinfachungen dienen stets dazu, fürs Volk einfache Leitbilder und Vorbilder zu schaffen- den Papa Haydn, den Götterliebling Mozart und den Titanen Beethoven, allesamt garan­tiert klassisch. Zwischentöne, Wider­sprüche, Mehrdimensionalität sind bei vielen Volkserziehern als Muster nicht gefragt, da ja sonst das Volk sich solche Muster tatsächlich zum Vorbild nehmen, seine eigene Differenziertheit wahrneh­men und noch verstärken könnte.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;4. Heroische Phase&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Wir lesen in einer berühmten neueren Biographie Beethovens, derjenigen von Maynard Solomon (1977), Beethovens Leben sei zu unterteilen in „die frühen Jahre&quot;, „die heroische Periode&quot; und &quot;die letzte Phase&quot;, wobei die hier zur Rede stehende Mittelperiode als das „hero­ische Jahrzehnt&quot; auftritt. Gemeint sind die Jahre von 1802 an.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Mit dem Ende der Heiligenstädter Krise am Jahresausgang 1802 begann eine lange Periode relativen Gleichge­wichts und einer aufs äußerste gesteiger­ten Schaffenskraft, die volle acht Jahre bemerkenswert stabil blieb und 1813 anhielt, wenn auch in abgeschwächter Form. In diesen Jahren erreichte Beetho­vens Produktivität ein ehrfurchtgebietendes Niveau: Er schrieb eine Oper, ein Oratorium, eine Messe, sechs Symphonien, vier Konzerte, fünf Streichquar­tette, drei Trios, zwei Violinsonaten, eine Cellosonate und sechs Klaviersonaten, dazu mehrere Bühnenmusiken, zahlrei­che Lieder, vier Variationszyklen für Kla­vier und mehrere Ouvertüren. Jahr für Jahr wurden zahlreiche Meisterwerke vollendet, jedes von höchst individuellem Charakter. Erst gegen Ende dieser Peri­ode ließ die Qualität von Beethovens Pro­duktion etwas nach, bis sie 1812 mit der Komposition der Siebenten und Achten Symphonie und der Violinsonate op.96 einen imposanten Aufschwung nahm.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die Cello-Sonate op 69 ist - gleichzeitig mit der 5. Sinfonie op.67, dem Inbegriff des „Heroischen&quot; - mitten in dieser „heroischen Periode&quot; entstanden 1807 bis Anfang 1808 - und veröffentlicht - 1809 -, müßte also vorn Charakter und von der Aussage her etwas haben, das man als heroisch ansprechen könnte. &lt;br /&gt; Warum ist dieser Zeitraum seit langem als heroisch bezeichnet worden? Heroisch heißt heldisch oder heldenhaft. Hel­den sind nur Helden, wenn sie kämpfen, mögen sie siegen wie Cäsar oder Bonaparte oder mögen sie scheitern und untergehen wie ebenfalls Cäsar und Bonaparte. Diese Auffassung galt auch bereits zu Beethovens Zeit.&lt;br /&gt; Inwiefern also war dieser Zeitraum ab 1802 für Beethoven heldenhaft? Was war das Kämpferische, das Beethoven in die­sem Jahrzehnt an sich hatte und das von ihm ausging? Hier einige Indizien und Vermutungen, zunächst zu Beethovens Siegen:&lt;br /&gt; -Es gelingt ihm während dieses Zeit­raumes, sich mit seiner Ertaubung einzurichten und abzufinden.&lt;br /&gt; -Es gelingt ihm, einen persönlichen, unverwechselbaren Stil zu entwickeln, der seine Musik von der aller anderen abhebt.&lt;br /&gt; -Es gelingt ihm, ein von seiner Musik überzeugtes Publikum zu bilden, wel­ches die Abnahme und die Verbreitung seiner Musik und damit seines Ruhmes zeitlebens sichert.&lt;br /&gt; -Es gelingt ihm, in seiner wechselhaf­ten Zuneigung zur Französischen Revo­lution und zu Bonaparte, vor allem im Prozeß der Entstehung Verbreitung der Eroica, auf einen Standpunkt zu kom­men, der ihn zugleich als umstürzlerisch und fortschrittlich, dennoch aber als deutsch und patriotisch erscheinen läßt, d.h. für Publikumsgruppen unterschiedli­cher politischer Richtungen akzeptabel. &lt;br /&gt; -Es gelingt ihm, in der vielfältigen Auseinandersetzung mit Musikverlegern eine stabile Voraussetzung für seinen Erlös zu legen.&lt;br /&gt; -Es gelingt ihm, den Wiener Adel so abhängig von seinem Wert zu machen, daß er unter der Drohung des Wegzuges nach Kassel 1809 eine lebenslange Rente von drei Wiener Adligen zugesprochen bekommt unter der Voraussetzung, daß er bleibt.&lt;br /&gt; Aber Beethoven geht auch unter:&lt;br /&gt; -Es gelingt ihm nicht, persönlich dauer­haft glücklich zu werden, u.a in der Liebe eine befriedigende Lösung zu erreichen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Von all diesen „Heldentaten&quot; können im Grunde nur jene die Stilentwicklung und die Ertaubung betreffenden im tra­ditionellen Sinne als heroisch gelten, also Größe und Selbstüberwindung aus­strahlend. Alles, was das Geschäftliche und das Renommee angeht, mag zwar beeindrucken und als Leistung ansprechend erscheinen, ist aber dem Anspruch des Heroischen gegenüber zu niedrig. Auch der Liebesverzicht ist da zweiter Ordnung, wenn er auch seltsamerweise für viele, später auch für Beethoven selbst als notwendige Voraussetzung für große Kunstproduktion begriffen wurde. „Was wäre dann für das Gute und Schöne geblieben?&quot; soll er im Alter gesagt haben, als er auf den Eheverzicht angesprochen wurde. Dies ist —vornehm gesagt— eine Rationalisie­rung, realistisch gesagt ein Selbstbetrug, unvornehm gesagt eine Lüge, selbster­höhend und falsche Vorbilder produzie­rend. Beethoven hat sehr lange unter dem erzwungenen Eheverzicht gelitten, vor allem als es um die Gräfin Josephine von Deym ging, einmal 1804 und dann 1812, denn sie ist wohl end­gültig als die „unsterbliche Geliebte&quot; identifiziert, an die Beethoven die berühmten Liebesbriefe von 1812 schrieb und die genau neun Monate nach deren Niederschrift eine uneheli­che Tochter gebar und sie Minona nannte= sanfte Melodie.&lt;br /&gt; Die Jahre 1807 und 1808, als die Sonate komponiert wurde, erscheinen in den Gezeiten von Beethovens Liebeser­lebnissen eher als Wellental mit auffal­lend wenig Bewegung.&lt;br /&gt; Falls also die Entwicklung einer unver­wechselbaren Musiksprache und der neue Umgang mit der Ertaubung tatsächlich die beiden „heroischen&quot; Ele­mente sein sollten, und wenn wir die Besprechung der Stilelemente zunächst einmal aufschieben, so bliebe der Umgang mit der Ertaubung hier zu dis­kutieren. Und der ist nun wirklich wenig geeignet, Beethoven als Kämpfer und Titanen zu kennzeichnen im Sinne jener Vorbilder, die später für die deutsche Seele als Zugpferde für Nationalismus und Militarismus aufgebaut wurden, als Leitsterne für das Ergeben in das unab­wendbare Schicksal, soweit es sich als Aufopferung und Heldentod für eine höhere Idee darstellen sollte.&lt;br /&gt; Denn Beethoven ging mit seiner Ertau­bung auf eine Art um, die sich zwar bewundern, sich aber nicht für Todesmut und aggressives Verhalten funktionalisieren läßt.&lt;br /&gt; Lesen wir ein wenig in der Literatur über Beethoven, so sind die Passagen über die Geschichte der Ertaubung oft verräterisch, was die Bedeutung und den Inhalt des „Heroischen bei den Autoren betrifft. So heißt es Mosco Car­ner (1970) und Solomon (1979):&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Taubheit war Beethoven eine ihn tief berührende Tragödie, daher auch das Heiligenstädter Testament. Doch für die Musikgeschichte des 19Jahrhunderts war sie ein Glück im Unglück. Denn ohne diese tragische Erfahrung wäre fraglich, ob die großen heroischen Werke zwischen 1803 und 1810 in der Form entstanden wären, wie wir sie kennen, es wäre auch fraglich, ob Beethovens gei­stige Entwicklung ohne die dramatische Erschütterung des Oktober 1802 die Richtung eingeschlagen hätte, die wir kennen.&quot;&lt;br /&gt; ,,..daß in einem gewissen Sinn sein Gehörleiden seiner Kreativität sogar zugute kam, denn wir wissen, daß der Gehörverlust sein Können als Kompo­nist...möglicherweise noch gesteigert hat (und).. auf eine dunkle Weise zur Erfül­lung seines schöpferischen Strebens not­wendig (war), weil er sich einer Welt, in der es immer stiller um ihn wurde, ganz und gar auf das Komponieren konzen­trieren konnte.&quot;&lt;br /&gt; Es macht den Eindruck, als wenn hier als heroisch gemeint sei, eine innere Umstellung Beethovens im Sinne einer produktiven Notlösung, wobei die Gestik der Werke dieser Zeit als der abgelassene Dampf eines Überdruckventils zu verstehen wäre, eine Tugend in der Not, von der wir profitieren. Prinzip: Trotz Gefährdung der Produktionsanla­gen wird die Produktion gerettet, indem sie umgestellt und dabei sogar noch gesteigert wird. Die Ideologie des Frühkapitalismus dringt dabei durch die Rit­zen, vielleicht weniger bei Beethoven als vielmehr bei den Autoren. Wesentlicher und erhellender für den Prozeß der Ertaubung und deren Bewältigung sind folgende Fakten und Überlegungen.&lt;br /&gt; 1796, womöglich bei den allerersten Anzeichen der Ohrenkrankheit, trug Beethoven in sein Tagebuch ein:&lt;br /&gt; „Muth. Auch bei allen Schwächen des Körpers soll doch mein Geist herschen... Dieses Jahr muß den völligen Mann ent­scheiden. Nichts muß übrigbleiben.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Nichts darf von den Spuren der Kör­perschwächen übrigbleiben! Das aller­dings ist eine vernichtende bzw. zur Selbstvernichtung aufrufende Selbstrefle­xion, so recht nach dem Geschmack der Heroen, körperfeindlich, selbstverleug­nend, überheblich und machtbesessen, sicherlich angetrieben durch die Heldenmythen der Französischen Revolution und unter dem Eindruck des von Sieg zu Sieg stürmenden Bonaparte. Nur: Mit diesem Prinzip ließ sich vielleicht die österreichische Armee schlagen, nicht aber eine Ertaubung. Damit ließ sich nicht mehr weiter existieren. Entweder es blieb tatsächlich „nichts übrig&quot;, dann aber auch vom Menschen Beethoven, oder aber das Prinzip des Umgangs mit den „Schwächen des Körpers&quot; mußte geändert werden. Dieser Umschlag der Selbstsicht und der Selbstbehandlung erfolgte in einer Art Selbsttherapie im Sommer 1802 in Heiligenstadt. Die „Resi­gnation&quot;, die er von Plutarch gelernt hatte, bahnte ihm den Weg zu einer neuen Möglichkeit, nämlich einer, die nicht kämpferisch war. Plutarch selbst:&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Es wollen auch die Menschen, wenn sie einmal in die Gedanken an ihr Unglück versunken sind, sich nicht wie­der daraus freimachen, um zur Besin­nung zu kommen.. Es trägt aber jeder Mensch die Quellen der Ruhe und Unruhe seines Herzens in sich selbst, und die Urnen des Glücks und Unglücks ste­hen nicht auf der Schwelle des Zeus, son­dern in der Seele des Menschen selber... Gleich geschickten Tonkünstlern sollte man daher das Schlimmere durch das Bessere verschwinden machen und das Böse so in das Gute hüllen, daß daraus eine harmonische Melodie unseres Lebens entsteht... Das Schicksal kann uns Krankheiten schicken und Armut, kann uns verunglimpfen bei Volk und Fürst; aberftige und kleinmütig, niederträchtig und neidisch kann es den Anständigen und Tapferen, den Hochherzigen und Edlen, den freien Mann nimmermehr machen. Niemals kann es uns die edle Gesinnung rauhen, deren beständige Gegenwart im Leben uns dienlicher als der Steuermann auf der See. Denn der Steuermann kann Sturm und Wogen nicht beruhigen noch trotz aller Anstren­gung den Hufen erreichen, auch wenn die Not noch so groß ist... Stürmt das Unheil unwiderstehlich auf uns ein, so ist der Hafen nicht fern, und man kann sich vom Körper durch Schwimmen ret­ten wie von einem lecken Schiff&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das war Beethovens sogenanntes Hel­dentum! Daß man sich vom Körper ret­tet mit Hilfe des Körpers nämlich durch Schwimmen, ist ein großartig erfunde­nes, dialektisches Bild Plutarchs. Er redet nicht der Körperfeindlichkeit das Wort, sondern einem alternativen Umgang mit dem Körper, einem anderen Gebrauch seiner Funktionen. Eine solche Ände­rung seiner eigenen Körpersicht hat Beethoven offenbar in Heiligenstadt vor­genommen, und das ist angesichts der Ertaubung ausgerechnet eines Musikers tatsächlich ein Kunststück. Um im Bilde Plutarchs zu bleiben: er fing an zu schwimmen anstatt zu gehen oder mit dem Boot zu kämpfen, und zwar mit allem, was zum schwimmen gehört: Ver­lust des Bodens, Vertrauen auf andere Gliedmaßen und Organe als nur die Beine, sehnsuchtsvoller Blick auf das Ufer, angenehmes Gefühl des den Kör­per umfließenden Wassers, sobald das Schwimmen sicher erlernt ist.&lt;br /&gt; Beethoven hörte nun nicht mehr so viel vom Äußern, aber im Zuge der Funktionsänderung hörte er mehr in sich hinein, lauschte auf die inneren Töne. Auffallend ist, daß er etwa mit dem Zeit­punkt der ersten Ertaubungssignale Ende des 18Jahrhunderts begann, Skiz­zenbücher anzulegen, hierin ein Pionier und auch weiterhin eine Ausnahme­erscheinung. Er hielt jeden musikali­schen Gedankenfetzen fest, der sich in ihm bildete und feststellen ließ, und bewahrte die Bücher lebenslang zur weiteren Verwendung auf, selbst wenn skizzierte Werke fertig komponiert waren. Er betrachtete sich offenbar selbst als eine Art Bergwerk, dessen unterirdische Schätze er, sobald sie - noch roh und ungeschliffen - aufblink­ten, sofort festhielt, um sie zusammenzu­setzen und zu veredeln, evtl. auch später noch die nicht benutzten Steine wieder­zuverwenden. Er begann eine Art psy­chischer Selbstausbeutung und nahm an sich selbst vor, was die frühbürgerlichen Unternehmer, angeleitet durch die auf­geklärte Naturphilosophie, mit der äuße­ren Natur und ihren Bodenschätzen vor­nahmen, Geschenk der Natur und Beute zugleich. Beethoven betrieb einen inne­ren Kolonialismus und wurde dabei - entsprechend den Anweisungen Plu­tarchs zur Umwandlung des Individu­ums auch hei widrigsten Umständen - ein Idealtyp des bürgerlichen Unterneh­mers als wandlungsfähiges Einzelwesen. Hierin liegt ein Verhaltensmuster, wel­ches sich zweifelsohne in der Musik aus­spricht und den frühbürgerlichen Hören­den aus ihrem eigenen Leben und seinen Erschütterungen wohlbekannt sein mußte. Sie fühlten, daß hier in der Musik und von einem symptomatisch gezeichneten Produzenten jenes vorge­lebt wurde, das ihre eigene Existenzgrundbedingung war. In dieser Hinsicht, d.h. als Prototyp bürgerlicher Einzelexi­stenz im Schicksalskampf mit den Unwägbarkeiten des Lebens und deren Überwindung, ist Beethoven tatsächlich „heroisch&quot;.&lt;br /&gt; In seiner Methode der körperlichen und seelischen Selbsttherapie allerdings stellt er etwas vor, das unabhängig von Beruf und Klasse erstaunlich und für manchen von uns vorbildlich sein kann, keineswegs jedoch im „heroischen&quot; Sinne: Das Fertigwerden mit unabwend­baren Krankheiten, ohne das Lebensziel aus dem Blick zu verlieren, aber unter Veränderung von dessen Richtung.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;In der nächsten Arranca! werden noch die Abschnitte „Lebenssituation und politische Umwelt &quot; sowie über „Stil&quot; fol­gen.&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/beethoven">Beethoven</category>
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 <pubDate>Sat, 27 Nov 2010 15:45:49 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>„Es ist die Systematik, es ist das System”</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/es-ist-die-systematik-es-ist-das-system</link>
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                    &lt;p&gt;Auszug aus einem Gespräch mit Anarchist Academy&lt;/p&gt;
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        &lt;/div&gt;
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&lt;h4&gt;Auszug aus einem Gespräch mit Anarchist Academy&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;... L.J.: Unser Anliegen war es, Hip Hop mit radikalen, deutschen Texten zu machen. Radikal im Sinne von an die Wurzel gehend, nicht das plumpe Phrasen­dreschen. Wir werden teil­weise die Slime des Rap genannt, das mag ich nicht so gerne, denn Slime haben, finde ich, teilweise sehr plumpe Parolen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Babak: Obwohl sich mit den Texten ergeben hat, daß wir sehr viel mit Har­dcore-Bands zusam­men spielen, sind dann aber auch Hip Hops im Publikum. Das geht ganz gut zusam­men.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;L.J.: Es ist eigent lich schon er­freulich, wenn verschie­dene Leute ein Publikum sein können. Inzwischen haben wir uns aus dem Kopf geschlagen, daß es möglich ist, z.B. die Hip Hop-Szene zu politisieren, so einfach ist das alles nicht, da muß man erstmal respektiert werden, und das ist für uns &#039;ne schwierige Sache.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Dr. P.: Was meinst Du mit politisieren? Daß die Leute die Texte gut finden? Sich damit auseinandersetzen?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;L.J.: Wenn wir genau den Schritt erzielen können, vom „gut finden&quot; zum auseinan­dersetzen, dann glaube ich, kann auch ein Prozeß der Politisierung eintreten. Das setzt aber auch voraus, daß man uns ernst nimmt, und in der Hip Hop-Szene meinen viele wir seien „einfach radikal&quot; - ganz nett aber ... In der Hip Hop-Szene ist ja `ne Tendenz zum Linksradikalis­mus vorhanden, aber eben nur &#039;ne Tendenz, so haben z.B. Advanced Chemistry einen antirassistischen Song gemacht - nicht antifaschi­stisch! Für uns ist es wichtig, daß wir in unserer politi­schen Ausdrucksweise und Kritik bleiben. Wenn jemand sagt, „Eure Texte erinnern mich an Ton, Steine, Scherben&quot;, dann sind wir darüber glücklich.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;dna: Welchen Anspruch habt ihr an eure Musik?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;L.J.: Na, oft treten wir sowieso schon vor Gleich­gesinnten auf, böse Stimmen sagen, wir ließen uns abfeiern ... Wir denken, daß es trotzdem wichtig ist. Wir bringen damit eigene Kultur hervor und das schafft ja ein Stück Identität.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Babak: Es geht uns darum, Konsequenzen klar zu machen. Wenn du z.B. sagst, du bist bereit, ein AsyIbewerberheim zu schützen, dann mußt du auch bereit, sein Gewalt anzuwenden, sonst kannst du gleich heim­gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;L.J.: Wir sagen ja nicht: „Geht auf die Straße und knallt alle Faschos ab...&quot; Wir wollen auf keinen Fall Aktionismus för­dern, denn Aktionismus ist, glaube ich, das weitverbreitetste negative Syndrom in der autonomen/links­radikalen Szene verbunden mit Alkoholismus und Dro­genkonsum.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;dna: Warum heißt ihr Anar­chist Academy?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;L.J.: ... Na das hört sich irre gut an (alle lachen) - Also, „Anarchist&quot; steht mehr oder weniger für das Aufrühreri­sche und „Academy&quot; für&#039;s Denken ...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Babak: Das alte System zer­stören und etwas Neues wieder aufbauen ...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Lady M.: Wie sieht denn eure politische Praxis aus?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;L.J.: Wir arbeiten in und mit Antifa-Gruppen; teilweise in linken Zeitungen ... es geht uns besonders darum aus­ländische Jugendliche zu politisieren ...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Babak: Das Problem ist, daß wir nicht genügend organisiert sind. Es gibt zwar unter ausländischen Jugendlichen schon das Ding, „mal loszuge­hen und Skins zu klatschen&quot;, das kenne ich ja von mir von früher auch, das reicht aber nicht ...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;L.J.: Es fehlt das Bewußt­sein. Der erste Schritt ist das Bewußtsein, dann kommt die Orga­nisierung, und schließlich - beides kombiniert - die politi­sche Aktion.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;dna: Ihr singt ja teilweise auch auf türkisch und per­sisch, wie kommt das, und über worüber singst du auf persisch, Babak?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Babak: Ich will einmal den Deutschen zeigen, daß es auch andere Sprachen gibt, die sich so und so anhören. Außerdem, um andere Ira­ner direkt in unserer Mutter­sprache anzusprechen. Ich singe kurz über mich und warum ich hier hin, und dann, was meiner Meinung nach unsere Ziele als Aus­länder sein sollten: Uns zu organisieren und gegen den Faschismus zu kämpfen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 14 Nov 2010 10:35:26 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Rapper reden lieber über Leben!</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/rapper-reden-lieber-ueber-leben</link>
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                    &lt;p&gt;In den ‚Schwarzenghettos‘ der USA entstanden, hat Hip Hop innerhalb weni­ger Jahre einen unglaubli­chen Siegeszug angetreten und eine musikalische Entwicklung mitgemacht, die zu einer großen Viel­falt geführt hat.&lt;/p&gt;

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&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;In den ‚Schwarzenghettos‘ der USA entstanden, hat Hip Hop innerhalb weni­ger Jahre einen unglaubli­chen Siegeszug angetreten und eine musikalische Entwicklung mitgemacht, die zu einer großen Viel­falt geführt hat - ob nun die Heavy-Rocker von Anthrax zusammen mit Public Enemy einen Song aufnehmen, der mit einer gehörgangstrapazieren­den Soundwand aufwar­tet, oder Guru von Gang­starr mit den Jazzlegenden Roy Ayers und Donald Byrd eine Platte produ­ziert, Miles Davis dem Hip Hop eine Scheibe wid­met... Dennoch war unter ‚Linksradikalen‘ in der brd Hip Hop lange als „Disco-Scheiß” verpönt, bis die revolutionskompa­tiblen Parolen in einigen Texten von Public Enemy Hip Hop Szene-fähig machten; auf einmal war Rap „die Musik aus den Schwarzenghettos, Sound­tracks zum Kampf ...”. So wird auf jeder ‚Szene-Disco‘ seit etwa zwei Jah­ren zu jedem Rap-Song die Faust gereckt, auch wenn es aus den Boxen “Fuck-you-motherfucker- pimp-pussy-bitch-lick- dick” tönt. Medienereig­nisse wie etwa Ice-T, dessen Platten überwie­gend von weißen Mittel­klasse-Kids gekauft wer­den, präsentierten zum richtigen Zeitpunkt die gewünschte Sex &amp;amp; Crime­Mischung und avancierten mit ihren Gewaltphanta­sien und frauenverachten­den Inhalten zu Mega­stars ...&lt;br /&gt; Hip Hop ist nicht per se revolutionär, bietet jedoch die Möglichkeit, sich kul­turelle Ausdrucksformen anzueignen und mit gerin­gen Mitteln selbst zu pro­duzieren. Die langen Sprechtexte bieten die Chance, progressive und revolutionäre Inhalte zu verbreiten, und die Musik bringt Menschen zum tan­zen - gemeinsam. Den meisten Rappern aus den USA liegt es fern, über etwas anderes zu rappen als Knarren, Frauen, schwarzen Nationalismus oder Islam. Die Strömung des bewußten, nennen wir es ‚aufklärerischen‘ Hip Hop mit politischen und pädagogischen Ansprüchen ist klein aber bedeutsam. In vielen Län­dern hat sich mittlerweile eine eigene Hip Hop-Szene entwickelt: Eng­land, Frankreich, Schweiz, Italien, brd ...&lt;br /&gt; In der letzten arranca! hat ein Interview mit vier italienischen Hip Hoppern einen Einblick in die itali­enische Szene gegeben ... Doch was ist in Deutsch­land los? Entsteht unab­hängig, unbemerkt und unbeachtet von der schla­fenden, altbackenen und kulturlosen „politischen Linken” eine „kulturelle Linke”? Die Hip Hop-Szene in Deutschland wächst in einem rasenden Tempo, und hat sie auch nicht ihren Ursprung in linksradikalen Zusammen­hängen wie in Italien, so ist ihre Ausrichtung ganz klar antirassistisch und antifaschistisch. Die Band­breite geht von sozialde­mokratisch-naivem wirwollenjaallezusammenleben-Geseier über sozialkri­tische bis zu linksradika­len Texten, manchmal gekonnt, manchmal unbe­holfen. Hier soll eine Aus­wahl der in den letzten Monaten erschienenen Hip Hop-Produk­tionen aus der brd vorgestellt werden, dabei geht es nicht um die Kommerz­Idioten-Rapper von den Fantastischen Vier oder irgendwelchem aus kultureller Ignoranz entstandenem Blödel-Rap von der Ersten Allgemeine Verunsicherung bis Frank Zander. Es geht um die Dj&#039;s, Rapper und Musiker, die sich im weite­sten Sinne dem Hip Hop verbunden fühlen, die meinen was zu sagen zu haben, gegen Sellout antreten und Groove haben ... the world is yours! Im Spätsommer 1992 erscheint der deutsche Polit-Hip-Hop „80.000.000 Hooligans” von der ehemaligen Polit-Fun-Punk­Combo Die Goldenen Zitronen, gemein­sam aufgenommen mit IQ und Easy Business - die „Szene” spitzt die Ohren, etwa zeitgleich wird „The Vinyl Call” von dem nun in Hamburg ansässigen New Yorker IQ Gray veröffentlicht. Daß der ex-”Poor righteous teacher”-Rapper nicht auf Deutsch rappt ist erstmal logisch, doch seine Songs legen dennoch einen Schwerpunkt auf die politische Situation in der brd und musikalisch hält die Scheibe dem internationalen Vergleich stand. Der Anfang ist gemacht (auch wenn es nicht wirklich „der Anfang” war, so kam doch deut­scher Hip Hop erstmals aus den Underground-Kreisen raus ...). Dann erscheint ,,Fremd im eignen Land” von Advanced Chemistry (über Erfahrungen v,on Afro­Deutschen und Ausländern in der brd) und landet für deutsche Hip Hop-Dimensionen einen kleinen Hit.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die neue Maxi „der letzte Waltzer” der auf Kölsch rappenden RUDE POETS arbeitet sich gerade die Indie-Charts hoch, zu hören sind 3 Songs und zwei instru­mental-Versionen (die sind übrigens oft dabei, damit jeder/jede auch selbst rappen kann). Die RUDE POETS bewegen sich zwischen schnellem Raggamuffin und Rap und sind eindeutig von der bri­tischen Hip Hop-Szene beeinflußt (obwohl sich UK-Hip Hop nicht so gut verkauft hierzulande, sind britische Ein­flüße in der Szene sehr stark). Ihre Texte sollen „sozial engagiert” sein - was immer das sein mag, ich hoffe die des Kölsch mächtigen wissen es ihnen zu danken. Mit „Amazoon Chainsaw Massacre” sind die RUDE POETS auch auf „JOINING FORCES VOLUME 1” zu finden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das Projekt (sie wollen kein Sampler sein) stellt fünf Gruppen mit schnellen Beats und Rhymes vor. Leider sind kaum deutsche Texte zu hören, denn die mei­sten MC&#039;s der brd-Hip-Hop-Szene rappen auf Englisch - nicht daß ich die deut­sche Sprache besonders musikalisch fände, doch Hip Hop ist ein Medium, und so sollte jeder, der etwas zu sagen hat, es am besten in seiner Sprache tun. Von den weiteren auf dem Sampler ver­tretenen Gruppen ist noch erwähnenswert, weil wunderschön, der Raggamuffingutelaunecalipso „Mr Brown” von FEWD und No Remorze aus Bremerhaven (kurdisch-deutsch-us-amerikanisch-nordirisch) mit schnellem aggressivem Hard­Core Polit-Hip Hop. Mit „Complaint to those who sold out Hip Hop” wenden sie sich gegen die Kommerzialisierung des Hip Hop. Über No Remorze kom­men wir zu einem anderen Sampler:&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;“KILL THE NATION WITH A GROOVE” – auf dem No REMORZE mit „Killa Squad”, zu hören sind: hart und gut. Sonst sind noch HIGH mit einem stilistisch gut gerappten, aber sonst eher langweiligem Song, ABSOLUTE BEGINNERS mit einem deutschsprachigen anti-Bullen-Song (textlich klingen sie wie autonome Oberschüler ...), READYKILL harter Britcore) und AJ BIG TALKS and the DJ vertreten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;2 BIAS aus dem Karoviertel rappen auf Deutsch gegen die Drogen in ihrem Viertel und kritisieren die Hausbesetzerszene, aus der sie anscheinend selbst kommen, 2LO tönt großspurig „How to kill a sucka” - die Musik ist gut, die Sam­ples auch, nur die Stimme ist etwas schwach und öde. Der absolute High­light auf dem Sampler ist ganz klar CORA E — Kieler Female-Rapp — und eine der Knüller der deutschen Hip Hop-Szene! Ihr „Swift” handelt von einem Freund, der zum Bund muß ... (Holidays in Somalia).&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Weiterhin sind zu hören Advanced Chemistry mit „Fremd im eigenen Land“, IQ mit einem Remix von „Sensimilla“ und EASY BUSINESS mit einem Remix von „Save the Kids”. KILL THE NATION WITH A GROOVE gehört auf jeden Fall zu denabsolut empfehlenswerten deutschen Hip Hop-Scheiben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Solches will ich von einem anderen Sampler, „THAT&#039;S REAL UNDERGROUND”, nicht unbedingt behaupten. Herausra­gend sind nur die zwei Songs von NO REMORZE (sie scheinen auf jedem Samp­ler vertreten zu sein) - doch dafür wer­den die Ohren von den „COOLEN SÄUEN”, einem kläglichen Fantastische Vier-Ver­schnitt aus Köln, arg strapaziert. Eine kleine Textprobe:&lt;br /&gt; „Vorsicht, der Ausbruch der DCS - Die Coolen Säue - also mach keinen Stress. Die vier Typen aus Köln - die DCS-Posse‑ versuch&#039; nicht dich mit uns zu messen sonst liegst du in der Gosse, denn wir sind was wir sind, nein wir werden nicht schwindeln. Piss&#039; du dich jetzt an, hau ab und kauf dir Windeln. Zu viert reimen wir als Coole Säue vereint: über uns und alles was uns reimenswert erscheint.”&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Na denn Gute Nacht! State of Depart­mentz stellt 3 Songs vor, „Auf der Jagd nach dritter Oktober” ist ganz gut, sonst manchmal schlechte, machmal gute Pas­sagen. Außerdem zu hören: Such a Surge, ein relativ schlechter Heavy Metall-Rap-Crossover (doch das Vorab­tape der nächsten Maxi „Gegen den Strom” ist besser) und 2 LO - auch auf Kill the nation with a groove vertreten, und die Kritik bleibt die gleiche, obwohl es sich um andere Songs handelt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Vorwurf von allen Seiten an das Labe:l „ THAT&#039;S REAL UNDERGROUND“ ist nur auf CD erschienen und das, obwohl die Vinyl-Scheibe eine wichtige Grundlage der Rap-Musik ist und die Musikindustrie versucht, sie zu töten (dann wird es Platten nur noch teuer und für DJ&#039;s geben -alle müssen sich CD-Player kaufen – der CD-Preis soll auf 40-50 DM angehoben werden; kein Scratchen mehr, kein Üben zu Hause für jede/n ...).&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die gesamte Hip Hop Szene startet „SAVE THE VINYL“-Kampagnen und den vermeintlichen Underground-Sampler gibt es nur auf CD?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;MIC FORCE aus Wiesbaden (Roots: Türkei, Portugal und Sri Lanka) haben mit „Fuck You Skin“ ihre erste Maxi vorgelegt. Außer dem Titel-Track ist auch noch der türkisch-englische Rap „Buda Benden“ zu hören. Beide Songs arbeiten mit harten Beats und Samples, „Buda Benden“ hat durch Samples aus einem Ibrahim Tatlises Song einen orientalischen Klang.&lt;br /&gt; Das Cover ziert ein Foto auf dem ein Skinhead mit Hilfe eines Baseballschlä­gers und einer Knarre in einen ange­brachten Zustand versetzt wird - auf einer Wand im Hintergrund ist „Nazis raus” zu lesen. „Selbstverteidigung ist keine Gewalt sondern Intelligenz”, so MIC FORCE, die zusammen mit deutschen antifaschistischen Gruppen gegen Faschismus kämpfen wollen. Offen bleibt allerdings dann, warum sie gleich zweimal einen „ blueeyed devil”-Spruch in ihren Text übernehmen (Hey ich habe blaue Augen, bin auch Nicht-Deut­scher, kämpfe gegen Faschismus und für eine befreite Gesellschaft!); alles in allem trotzdem eine der besten in der brd pro­duzierten Rap-Scheiben (vor allem „Buda Benden”) !&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Aus Nürnberg kommen KING SIZE TER­ROR; KST sind hauptsächlich der Türke INCREDIBLE AL und der Halbperuaner CHILL FRESH. Sie hatten bereits Mitte &#039;91 eine LP (THE WORD IS SUBVERSION) vorgelegt, ihr Stil ist Hardcore, doch keine US- Kopie, sondern Auseinandersetzung mit deutschen Themen. Während auf der LP gute Songs mit guten Texten (z.B. „Re­unifuckation”), aber auch eher blödsin­niger Pseudo-Kram zu hören war, ist ihr neues Programm nicht mehr so sucker­fuck-off-blabla-durchsetzt. Auf der Maxi „Defol Dazlak” sind eben dieser türki­sche Anti-Nazi-Rap und ein englisch­sprachiger Hardcore-Song zu hören, die mir immer besser gefallen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ANARCHIST ACADEMY, aus Lüdenscheid und Iserlohn, legen mit „Am Rande des Abgrunds” 20 Stücke, linksradikalen Hip-Hop mit Groove, vor. Auch wenn die Beats besser sein könnten, sind ihre Texte sicherlich No. 1 in der deutsch­sprachigen Hip-Hop-Szene.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;(Education + Entertainment = Edutainment).&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Dies führte zu einem Auftrittsverbot in allen „städtischen und öffentlichen Ein­richtungen der Stadt Lüdenscheid”. Die Platte ist trotz einiger schwacher Titel empfehlenswert. `Nuff respect für Nihat Irken und I3abak Soltani für den tür­kisch-persischen Rap „Wir sind Brüder”. Zur Gewaltfrage? „ Wir lassen uns von denen keinen Vorwurf machen, die den Artikel 16 verändern wollen und sich weigern, Armut als Ausdruck politischer Repression anzuerkennen, an deren Zustandekommen die heutigen Wohl­standsstaaten eine Hauptschuld tragen.“&lt;br /&gt; Von Teilen der Hip Hop-Szene werden sie gedissed (nicht akzeptiert, mit abfälli­gen Bemerkungen versehen), da sie auf Jams nicht zu hören waren und mit Har­dcore-Bands zusammenarbeiten... mei­ner Meinung nach blödes Puristen-Gefa­sel.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;CPS und JAMBALAYA TRIBE aus Berlin-Kreuzberg teilen sich eine Maxi; auf der einen Seite sind gleich drei Versionen des CPS-Song „2 Gather” und auf der anderen zwei Versionen von JAMBALAYA TRIBE „Provocation”. Die Mitglieder bei­der Crews überschneiden sich teilweise und alle zusammen und noch viele mehr sind P-PACK ...&lt;br /&gt; ,.Das P-Pack ist eine Crew von MC&#039;s, Musikern, Drs, Technikern, Programmie­rern, Plattenhändlern eine Crew von 28 Leuten aus verschiedenen Altersgruppen, mit verschiedenem Background, ver­schiedener Nationalität, aber mit ähnli­chen Ideen und Gefühlen. Alles, was wir wollen ist, ein bißchen mehr Kontrolle darüber zu haben, was mit unserer Musik passiert. ...daß nicht nur Leute an dieser Musik Geld verdienen, die eh schon genug haben. ...daß ihr euch diese Platte anhört. Dies ist keine Lösung... aber ein Anfang!” Es stehen auch noch viel mehr gute Sachen im der Platte bei­gelegten Infoblatt ... „Provocation” finde ich trotzdem eher langweilig, aber der CPS-Song ist gut! Vor allem live sind die Kreuzberger Lokalstars empfehlenswert; wesentlich härter als auf Platte und mit Horden von Musikern auf der Bühne (zumindest für &#039;nen Rap-Act...). Schade, daß auch sie auf Englisch rappen, wo sie doch sooo viel zu sagen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;WEEP NOT CHILD haben mit „Hoyers­werda to Rostock” eine EP mit 6 Stücken vorgelegt, die bis auf den Title­track in die jazzige Richtung geht. Sehr schön sind die beiden Songs „introduc­tion to Jazz” und „You know how to get down”. Die Texte handeln meist vorn Leben in Deutschland, Rassismus und Faschismus sind allerdings eher Durch- schnittssozialkritischuswrassismusechtnichtguthey. Für Leute, die jazzigen Hip Hop Crossover mögen, ist die Scheibe musikalisch zu empfehlen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das deutsche Hip Hop-Pionier-Label Bi.yrz VINYL veröffentlichte mit „Blitz Mob” einen musikalisch durchweg guten Sampler, auf dem neben KAos und SBG auch drei Crews aus der brd - LSD, C.U.S. und ÄI-TIEM, alle aus Kölle zu hören sind.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;LSD, die bereits eine mit Lorbeeren überschüttete LP veröffentlichten, sind auf ein Duo geschrumpft (der Rest nennt sich auch LSD und macht weiter ...) und bringen mit „Ohne Warnung” ein gutes Hardcore-orientiertes Stück mit teilweise blödem Text: „wie Willy Brandt versetz&#039; ich Dich in den Ruhestand”. Nice, groovy &amp;amp; funky „Das Gesetz des Dschungels” von C.U.S.; „Konsumieren und sonst nix” vom Äi-Tiem rapt heavy­funkig durch die Landschaft der Werbe­parolen ... wobei es erstaunlich ist, daß das ÄI-TIEM solche Texte hinkriegt, bis­her waren sie als Pubertär-Rapper durch ihre schwachsinnigen Texte aufgefallen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die ABSOLUTE BEGINNER aus Hamburg haben eine EP, „Gotting”, vorgelegt (4 Stücke + Instrumental-Version) die sich hören lassen kann! Textlich und musika­lisch sind sie gereift, und haben ihre Unbeholfenheit, die auf „KILL THE NATION WITH A GROOVE” zu hören war, überwunden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Mit „Dies ist nicht Amerika” wenden sie sich gegen das Kopieren des Gang­ster-Gehabe und jeden Mode-Trends aus den USA, auch die restlichen Songs sind textlich und musikalisch (bis auf ein paar Schnitzer) gut. Die Hamburger zei­gen sich auch sonst engagiert (in den Wohlfahrtsausschüssen ... schönen Gruß!) - auf jeden Fall empfehlenswert. Sie sind wie WEEP NOT CHILD und „KILL THE NATION WITH A GROOVE” auf BUBACK RECORDS, einem Hamburger Label an dem die Goldenen Zitronen beteiligt sind, erschienen (Gruß an Ale, viel Erfolg), was ich unbedingt erwähnen will, da ihr ein Ohr für ihre Neuveröf­fentlichungen haben solltet ...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;So z.B. für MARIUS No.1 und CORA E „Könnt ihr mich hören”, CORA E rapt jetzt auf Deutsch, was sie mir gleich noch viel sympathischer macht. Drei verschiedene Songs (+3 instr. bzw. a capella-Versionen) sind auf der Maxi und bestätigen meinen Eindruck von „Swift”: CORA E ist die kommende Stimme im deutschen Rap!&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Kurz vor Redaktionsschluß trudelte noch „HIP-HOP HURRA”, Rap gegen Rechts/ein Prinz(!!!)-Sampler ein.&lt;br /&gt; 25 Gruppen mit 26 Songs sind zu hören, außer ein paar Altbekannten auch viele neue Crews. DCS haben sich musikalisch deutlich verbessert, FRESH FAMILEE sind mit einem älteren, recht holprigen Track vertreten. Mit RHEINREIME und DAS DUALE SYSTEM sind zwei Gruppen zu hören, in denen (Ex-??)RUDE POETS-Mitglieder ihre Finger (respektive Stimmen) drin haben; RHEINREIME sind auch die freudige Überraschung auf dem Sampler (kölsch-türkisch-italienischer Rap), zusammen mit TCA (Microphone Mafia) + einem schönen langsamen Stück von ERIC XL SINGLETON. Zwar ist der Sampler insgesamt weniger span­nend als erwartet; (einige Stücke sind auch kein Hip Hop, sondern Hardcore mit Sprechgesang), aber dennoch ein ganz netter Überblick.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Tja, alles war das nicht, Sorry an ISLAMIC FORCE, N-FACTOR, VIBE TRIBE, und all&#039; die anderen, deren Platten ich nicht bekommen habe, und die hier nicht auftauchen.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 14 Nov 2010 10:28:36 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>...danach</title>
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                    &lt;p&gt;if ever I would stop thinking about music and politics • I would teil you that sometimes it’s easier to desire • and pursue the attention and admiration of hundred strangers • than it is to accept the love and loyality • of those closest to me&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;if ever I would stop thinking about music and politics • I would teil you that sometimes it’s easier to desire • and pursue the attention and admi­ration of hundred strangers • than it is to accept the love and loyality • of those closest to me • and 1 would tell you that sometimes • I prefer to lock at myself • through someone elses eyes • eyes that aren&#039;t clouded with the tears of knowing • what an asshole I can be, as yours are • if I would stop thinking about music and politics • I might be able to listen in silence to your concerns • rather than hearing everything as an accusation • or an indictment against me • I would tell you that sometimes • I use sex to avoid communication • it&#039;s the best escape when we&#039;re down an our luck • but I can express more emotions than laughter, anger • and let&#039;s fuck • if ever I would stop thinking about music and politics • I would tell you that the personal revolution • is far more difficult and is the first step in any &amp;nbsp;revolution • I would tell you that music is the expression of emotion • and that politics is merely the decoy of perception&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;sollte ich jemals auf hören, über politik und musik nachzudenken • würde ich dir sagen, daß es manchmal einfacher ist • sehnsüchtig der aufmerksamkeit und bewunderung von hundert fremden nachzujagen • als liebe und loyaltität anzunehmen von denen • die mir am nächsten sind • und ich würde dir sagen, daß ich mich manchmal • lieber mit den augen eines anderen sehe • augen wie deine, die nicht bewölkt sind • von den tränen des wissens • was für ein arschloch ich sein kann • sollte ich jemals aufhören, über politik und musik nachzudenken • dann könnte ich in ruhe deine bedenken anhören • anstatt alles als anklage • gegen mich zu verstehen • ich würde dir sagen, daß ich manchmal • sex dazu benutze, gesprächen aus dem weg zu gehen • das ist die beste flucht, wenn wir eine pechsträhne haben • aber ich kann andere gefühle ausdrücken als lachen, ärger • und laß uns ficken • sollte ich jemals aufhören, über musik und politik nachzudenken • würde ich dir sagen, daß die innere revolution • viel schwerer und der erste schritt jeder revolution ist • würde dir sagen, daß musik ausdruck von gefühlen ist • und politik nur ein köder der erkenntnis&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 06 Mar 2010 12:08:27 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>„wir imitieren nicht den radikalen Amikram!“</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/1/wir-imitieren-nicht-den-radikalen-amikram</link>
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                    Ein Interview mit Nefa Beat - Isola Posse Allstars (Bologna), Lele und Fumo - Lion Horse Posse (Mailand), Nando Popu - Salento Posse (Lette). Geführt Ende März in Berlin.


        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Ein Interview mit:&lt;br /&gt;Nefa Beat - Isola Posse Allstars (Bologna)&lt;br /&gt;Lele und Fumo - Lion Horse Posse (Mailand)&lt;br /&gt;Nando Popu - Salento Posse (Lette)&lt;br /&gt;Geführt Ende März in Berlin&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;dna: &lt;/strong&gt;Warum macht ihr Hip-Hop?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B:&lt;/strong&gt; Letztes Jahr wurde in Italien Musikern, die italienische Popmusik machen vorgeworfen, sie würden sich eine Kultur aneignen, die nicht ihre ist, sondern die der schwarzen Ghettos in den USA. Der Vorwurf kam vor allem auf einem Treffen einiger Independent- Labels, an dem wir nicht teilgenommen haben, auf. Ich glaube, um zu rechtferti­gen, daß ihre eigenen Musiker weiterhin englischsprachigen Brei produzieren um die Leute in den Discos zum hüpfen zu bringen. Wir haben uns in Italien, und ich denke in Deutschland ist es genauso, nicht eine Kultur sondern ein Mittel angeeignet. Hip-Hop wird als Gedan­ken- und Kommunikationsbewegung von unten nach oben benutzt. Sein Vor­teil ist, daß es ein sehr direktes und schnelles Kommunikationsmittel ist. Leute, die sich bereits durch das System „sozial besiegt” sahen und kaum Mög­lichkeiten hatten, sich frei auszudrücken -da sie entweder der Mainstreamkultur oder der Mainstreamgegenkultur folgen mußten- fanden sich auf einmal mit einem Mikro in der Hand direkt vor einem Haufen Leute und konnten sagen, was sie wollten. Am Anfang war das ziemlich bunt gemischt. Einige hatten den Menschen etwas wichtiges zu sagen, andere sprachen einfach von positiven und negativen Gefühlen im Alltag, und wie­der andere erzählten nur Scheiße. Mit der Zeit ist da glücklicherweise gefiltert worden und jetzt gibt es in Italien Kon­takte zwischen verschiedenen Gruppen aus verschiedenen Städten. Das umfasst Bands, aber auch andere Gruppen, teil­weise aus Centri Sociali (Jugendzentren, oft besetzte Häuser).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hip-Hop und Raggamuffin bringen diese Menschen zusammen, das betrifft auch mich, daß sie sich auf halbem Wege zwischen der mehr oder weniger organisierten und mehr oder weniger kranken Linken sowie dem Alltag in der Stadt, d.h. Repression, Paranoia, Lange­weile, Schweigen usw. bewegen. Es handelt sich um Leute die einen anderen Weg nach draußen suchen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Wir haben nicht den radikalen Amikram imitiert. Wir haben einfach das gesungen, was wir jeden Tag erleben, und das hatte Ähnlichkeit mit den Pro­blemen der Leute in den Ghettos von Los Angeles. Die Probleme des Proletariats – um das ganze mal etwas großspurig auszudrücken – sind international.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Wir machen Hip-Hop weil es voll cheap ist, mit äußerst wenigen Mit­teln zu realisieren eben. Wir haben unsere beiden Platten zu Hause aufge­nommen, diese Möglichkeit bietet keine andere Art von Musik. Noch leichter ist es einfach &#039;ne Baseline auf Platte zu nehmen und drauf zu singen, so haben wir im Leoncavallo (Seit über 15 Jahren besetztes Zentrum in Mailand) angefan­gen. Lele legte immer mehr Bands die &#039;ne bestimmte message hatten, wie etwa Public Enemy, auf und spielte sie auf Dancehall-Nächten, bei Volxsdiscos wie wir sie nennen, wo Du zwischen 0 und 2,50 DM bezahlst und die ganze Nacht tanzen kannst (Discos sind in Italien sehr teuer, ca. 20-40 DM). Dabei haben wir festgestellt, daß es wirklich super­leicht ist zu kommunizieren, in den Anfangszeiten hat im Leoncavallo jeder das Mikro in die Hand genommen, mitt­lerweile ist das leider zurückgegangen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Warum hat sich das verändert?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Fumo: Na es ist wie bei allen anderen Musikarten geworden; da ist einerseits die Band und andererseits das Publi­kum. Wir versuchen es, besonders im Leo, immer noch und echt schon fast mit Arschtritten, den Leuten das Mikro in die Hand zu drücken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Vorteil der Volxdisco ist auch, daß sie viele Leute zusammenbringt, sie ist ein Moment der Begegnung in der Lin­ken. Viele Leute hatten die Schnauze voll vom Hard-Core, ultraschnellen Sounds, tierischem Chaos und Noise bei dem Tanzen oder Kommunizieren ein­fach unmöglich wurde. Mit diesen Volxsdisco-Abenden kamen und kom­men viele Leute, die wenig oder über­haupt nichts mit Centri Sociali zu tun hatten, und wenn die Dance-Hall vorbei war, blieben sie, und zwar nicht nur um ein Bierchen zu trinken, sondern auch um den Ort mit zu verteidigen und sich über andere Besetzungen zu informie­ren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando Popu:&lt;/strong&gt; Ich kannte, bevor ich mit Hip-Hop etwas zu tun hatte, gar nicht die Realität der Centri Sociali, da es sie bei mir unten (Synonym für den Süden Italiens) nicht gibt. Für uns im Süden bedeutet der Raggamuffin&#039; mehr, der hat Tradition... die Sonne..., das fühlst Du im Blut, also diese Musik hat uns ermöglicht soviele Menschen zusam­menzubringen, die sonst oft außen vor standen und sich für viele Probleme nicht interessierten und nie angingen obwohl sie täglich mit ihnen konfrontiert waren. Dank der Texte hat es da eine große Sensibilisierung gegeben. Du weißt wie italienische Lieder sonst sind - „amore... paparapa... trara..&quot; Hip-Hop ist vielleicht die erste musikalische Bewegung, die sich in Italien ausbreitet und nicht mehr von irgendwelchem sen­timentalen Kram oder Liebesdramen singt. Oder wenn es in der italienischen Musik etwas sozialkritisch wurde, dann blieb es immer sehr vage. Hip-Hop wächst auch Dank der ganzen politisch- kulturellen Meetings, die es gibt, oder der gemeinsamen Konzerte, z.B. unsere Band hier ist keine homogene Band, wir kommen aus Mailand, Bologna und Lecce.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Habt ihr mit einem derartigen „Erfolg&quot; gerechnet, als ihr angefangen habt Hip-Hop zu machen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alle lachen: „Welchen Erfolg?&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Du meinst wohl den Platz, den uns die Medien auf einmal geben...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Nein, es ist doch schon so, daß Eure Platten gehört werden und die „Szene&quot; recht groß ist...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Ich habe das schon erwartet, viel­leicht nicht gerade von LHP, auch wegen der begrenzten Mittel, aber italie­nischer Hip-Hop und Raggamuffin mußte früher oder später Erfolg haben.... Leider haben wir vorher nicht alle daran gedacht, sonst hätten wir das lockerer angehen können, weniger chaotisch und ohne die ganze Eifersucht und den Neid, der jetzt zu Tage kommt. Einige machen sich zur Stimme der „Auto­nomia&quot;, andere zu der des Hip-Hop der ganzen Welt und da gibt&#039;s häu­fig Probleme...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa Beat&lt;/strong&gt;: Zum Teil sind die Texte sogar abgeschrie­ben...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Das ist alles bloß Rauch... es gab dieses pushen der Medien, Kommerzschienen und du hast Bands gefun­den, die Konzerte gegeben haben, obwohl sie nur zwei Stücke hatten. Die italienische Hip-Hop-Szene ist aber ins­gesamt eher klein geblieben...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele und Nefa B&lt;/strong&gt;: He He! Wart&#039; mal....&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B&lt;/strong&gt;: Sagen wir mal, daß die Szene die so Anfang der 90er rausgekommen ist, positive und negative Früchte getra­gen hat. Was mir gefällt, ist, daß es 15jährige Kids gibt, die sich die Texte durchlesen und für sich akzeptieren und nicht weil sie einfach gegen etwas sind. Ich glaube das wird noch Früchte tra­gen, Bands wie wir alle hier oder Sud Sound System, Onda Rossa usw. sind Leute, die versuchen eine Mauer einzu­drücken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Ich bin mir sicher, daß Hip­Hop einen größeren Durchbruch erle­ben wird. Bedenken müssen wir, welche Qualität wir ihm geben sollen. Wir ste­hen auf einmal Major-Labels gegenüber, und wir müssen das angehen, denn viele interessieren sich für Major-Labels und die jungen Hip-Hop-Kids schiessen wie die Pilze aus dem Boden. Wir müssen einerseits unser Image „pflegen&quot; gegenü­ber all&#039; dem Mist der noch rauskommen wird und es wird noch einiges kommen, das kommt auch in Ländern wie Deutschland rüber, wo es einen -sagen wir- Underground-HipHop aus Centri Sociali nicht gibt, hier in Deutschland wird das ja als US-Phänomen gesehen; Baseballmütze etc.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Ihr spielt sehr viel in verschiede­nen Orten, auf was für ein Publikum trefft ihr dabei und wie gestaltet sich die Kommunikation mit dem Publikum?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Ich hab&#039; schon in fast ganz Italien gespielt, aber am schönsten ist es immer noch in Lecce, wo ich her­komme, das ist ein ganz anderes Gefühl, denn das Publikum ist viel heterogener, du findest 70-80jährige, Jugendliche und Familien mit Kleinkindern, die nicht mal richtig laufen können. Es ist echt was breites und nicht so wie an anderen Orten, wo du nur Leute hast, die schon was mit Hip-Hop zu tun haben, Jugend­liche bis höchstens 25.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Du singst ja auch in deinem Dia­lekt...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Ich singe ausschließlich in meinem Dialekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Über was singst du denn?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Über das Leben eines „gewöhnlichen&quot; Jugendlichen, der in Lecce lebt und mit der Mafia konfrontiert ist, sich mit den Leuten auseinandersetzen muß, denen es gut geht, für die alles OK ist, solange sie fressen und saufen können. Über Jugendliche, die eigentlich genauso sind wie du, dir aber Stöcke zwischen die Speichen schieben weil sie ihre individuellen Scheißinteres­sen haben. Das Leben da unten besteht aus zur Schule gehen und heiraten, und dann bist du ein „anständiger&quot; Mensch, bürgerlich eben. Das Hauptproblem meines Landes (das meint den Süden) ist dieses „anständig sein&quot; und die fatalisti­sche Lebenseinstellung der meisten, sie machen einfach nichts. Bei uns geht es dem Hip-Hop darum, die Leute .aufzu­fordern, nicht alles als gegeben hinzu­nehmen und was eigenes beizusteuern, selbst eigene Aktionen und Initiativen vorzuschlagen. In. meiner Gegend z.B. gab es bis vor 5 Jahren noch keine Pro­bleme mit der Mafia und innerhalb von 5 Jahren hat sich alles ins Gegenteil ver­kehrt, du siehst Leute mit Wummen rumlaufen und sie zeigen sie dir auch, das Spielchen im Auto und an der Ampel dann Line und Kavaliersstart, echt Wild-West-mäßig. Niemand macht etwas dagegen, im Gegenteil immer mehr Leute hauen ab, früher sind auch Leute emigriert, aber es ist extremer geworden, früher sind die Leute gegan­gen, weil es keine Arbeit gab, einige haben versucht zu bleiben und sich durchzuschlagen, aber selbst die gehen jetzt, weil sie sich das ganze Chaos und&#039; die Gewalt nicht mehr reinziehen wol­len. Wir von der Salento Posse themati­sieren das, denn wenn alle weggehen, und es sind ja immer die besten, die gehen, die die arbeiten, studieren oder was aufbauen wollen, dann bleiben am Schluß nur noch die Vollidioten, die sich gegenseitig abknallen. Das ist natürlich schwer, ich kann nicht einem Typen der jetzt in Mailand lebt erzählen er soll wie­der hierher kommen, wo es keine Arbeit und nix gibt... der spuckt mir doch ins Auge.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Wie reagieren denn die Leute auf deine Texte?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Die Leute reagieren sehr positiv, negativ reagieren nur wie immer als eine genauere Überlegung, die Politiker, wir haben Druck und sogar Drohun­gen seitens einiger Politi­ker bekommen, denn unsere primären Angriffsziele sind die lokalen Politiker, da hat es einige Probleme gegeben, wir sind aber auf ihre Feste, haben ihnen die Sachen ins Gesicht gesagt, sind wieder gegangen und im Endeffekt haben wir sie immer gearscht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Und die Familien, älteren Leute, wie reagieren die?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Du siehst, daß die Leute echt glücklich sind, weil du auf Dialekt singst, das ist etwas sehr wichtiges. Im Süden hat der Staat große Anstrengun­gen unternommen, um die Menschen zu homogenisieren. Da Dialekt bei uns sehr lebendig war und diese Tradition auch gespürt wurde, wurde das Bild aufge­baut, daß wer Dialekt redet, dumm ist, und wer einigen Traditionen noch nach­geht, die zu einer alten Mentalität gehören, auch ein Idiot ist. Die meisten Menschen haben sich angepasst. Wir versuchen deutlich zu machen, daß Tra­ditionen zu deinem Leben gehören, das hat uns mal den Vorwurf eingehandelt wir seien Faschisten, weil die auch für Traditionen sind. Das ist echt Schwach­sinn, Traditionen und Kultur sind Sachen, die du mit ins Leben bekommst und du kannst sie nicht einfach verleug­nen, und wenn, wirst du es später bereuen. Kultur ist etwas, das du in dir trägst und du mußt lernen, sie schätzen und nutzen zu können. Das versuchen wir.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele Jugendliche sprechen heute ihren Dialekt nicht mehr. Wir finden das falsch, denn er erklärt am besten ihr Umfeld, ihre Kultur. Es geht uns nicht darum zu sagen „redet Dialekt wohin ihr geht&quot; das wäre idiotisch. Aber Dialekt ist wie ein Krug und enthält viele Sachen, die du nicht ins italienische übersetzen kannst, nicht sprachlich sondern kon­zeptuell, die gehören zu einer Gegend zu dem Land. Ich weiß, daß ich einige Werte besitze, die ich jemand anderem kaum erklären kann, da er/sie in eine andere Mentalität hineingeboren wurde. Es ist sicherlich nicht angebracht, daraus unüberwindbare Unterschiede zu kon­struieren, aber jeder hat halt seine „Last&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Verschieden aber Gemeinsam!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B&lt;/strong&gt;.: Der Faschismus, Rassismus und die ganzen Vorurteile erwachsen ja aus der Angst vor der Verschiedenheit, vor Veränderungen und der Angst vor dem Kontakt mit etwas, daß dem, was du im Kopf hast, nicht entspricht. Einige Leute erkennen die Unterschiede an und können zusammenleben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Das nur als Ergänzung, weil einige Leute uns als Leghisten bezeich­net hatten (Anhänger der Leghen,. rechtspopulistische bis faschistoide regionalistische Gruppen die sich zur Wahl stellen). Auf einem Kongreß kam mal einer auf mich zu und sagte „Du singst auf Dialekt, du förderst den Separatismus”. Da konnte ich nur noch „Halt!&quot; sagen, da mußt du ja alles von vorne dis­kutieren. Daß wir auf Dialekt singen, hat nichts mit Separatis­mus zu tun, sondern damit, die eigene Kultur kennen zu wollen und sie anderen Menschen nahe zu bringen. Bis jetzt wurde sie nämlich immer mit dem Hammer traktiert, und es ist nur richtig, daß sie ihre adäquate Stellung bekommt. Basta!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Oft, wenn wir im Ausland&#039; spiel­ten, kamen Leute auf die Bühne und haben beispielsweise auf spanisch gerapt, und einmal in Barracaldo hat &#039;ne Frau sogar auf Euskera gerapt, das war die Hölle, echt super, alle haben getanzt und die Texte verstanden, vor allem haben sie verstanden welches Instru­ment Hip-Hop darstellt. Wir werden sehen, wie im Ausland radikaler, militan­ter italienischer Hip-Hop, nenne es wie du willst, aufgenommen werden wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Was bedeutet für euch Kultur, was ist Politik und wie geht das zusammen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Politik ist für mich der Alltag. Da ich in einem besetzten Haus lebe, ist das die ständige Auseinandersetzung mit den Realitäten um mich rum, der Ver­such, so viele Leute wie möglich auf meine Seite zu ziehen. -Auch wenn ich nicht weiß, ob ich die Wahrheit gefres­sen habe. Das mache ich vor allem indem ich aufzeige, daß meine Lebens­art möglich, und vor allem menschlich ist. Das Fehlen von Solidarität und Inter­esse in Bezug auf die Menschen, die um uns herum sind, kann ich nicht akzeptie­ren. So wie ich lebe, ist die einzige Lebensweise, die es mir erlaubt, noch menschliche Beziehungen aufrechtzuer­halten. Außer in einem besetzten Haus zu leben und Politik in einem Centro Sociale zu machen, gibt&#039;s da die Musik! Ich gestehe ich bin „erleuchtet&quot; worden durch ein Interview mit KRS One, BDP (Boogie Down Production), in dem es um Pädagogik gin, und das ist für mich immer ein Schlüsselwort geblieben. Ich singe nicht, um Scheiße zu erzählen, ich respektiere Unterhaltungsmusik, die nur zum tanzen ist, es geht mir am Arsch vorbei, ob jemand 6 Stunden lang singt, wie geil seine Kappe ist, is&#039;OK, ist sein Job, aber ich muß was sagen, ich brauche es, sonst steig&#039; ich auf keine Bühne. Hier in Deutschland habe ich echt Probleme, aber ich versuche vor den Stücken zu erklären, wer ich bin und was ich sagen werde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber für mich gibt es einen ganz kla­ren Unterschied zwischen Unterhaltung und einer Person, die etwas mitzuteilen versucht, zu lehren, ich schäme mich nicht, das so auszudrücken, ich akzep­tiere auch das Lernen von anderen und bringe meinen Teil an Erfahrungen ein, mit dem ich jemand anderes, etwas bei­bringen kann. Ich bin auch sehr glück­lich über unsere neuste Scheibe, die um das Thema Knast geht, eine Sache, der sich echt niemand annimmt. Die Platte wird sogar von Sony vertrieben werden und vielleicht, ich sage vielleicht, wird es gelingen, daß die Kids, die Hip-Hop hören, anfangen, sich eine andere Vor­stellung von Knast zu machen als die, die ihnen täglich von Zeitungen, Fernse­hen und sonstigen Medien präsentiert wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Die Scheibe wird zwar von Sony vertrieben, aber wir müssen ergänzen unter was für Bedingungen, denn ich glaube es ist die erste-Scheibe, die von Major-Labels vertrieben wird und einen festgelegten Preis hat. Den Verkaufspreis haben wir festgelegt, und die Scheibe ist in Eigenproduktion entstanden. Ich glaube mittlerweile, zumindest in Italien, nicht mehr an Indie-Vertriebe und den ganzen Kram, denn die, die es gibt, müßen entweder höllische Anstrengun­gen unternehmen, um zu promoten und konzentrieren sich daher meist nur auf eine Band, oder sie reden von Eigenver­trieb und verkaufen dann 1.000 Stück an Virgin und du findest dann deine Scheibe mit dem Aufdruck „zahle nicht mehr als...&quot; in irgendeinem Laden wie­der und sie kostet viel mehr. Du hast keine Kontrolle mehr über den Preis deines Produktes, wenn du was produ­zierst, mußt du damit auf den kapitalisti­schen Markt und das mußt du dann in einer bestimmten Art und Weise versu­chen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Unser Interesse ist dabei immer gewesen den „Verbraucher&quot; zu bevorzu­gen. Die Platte ist Ware und den Markt für Tonträger haben die Major-Labels geschaffen, du kannst da nicht den Durchbruch von unten schaffen, die Indie-Vertriebe sind Sklaven der Major- Vertriebe, sie sind ihnen unterworfen und können ihre Regeln nicht durchset­zen. Das ist ein Bereich, in dem die - sagen wir mal -„Linke&quot; erst viel zu kurz drin ist. Das Kapital hingegen hat jahr­zehntelange Erfahrungen. Ich glaube, daß die einzige Lösung darin liegt, es so aufzuziehen wie wir das gemacht haben: einen Vertrag abzuschliessen, mit dem Du einerseits die Käufer bevorzugen kannst, damit sie für ein verdammtes Stück Vinyl nicht übermäßig viel ausgeben müssen, und andererseits ein multinatio­naler Konzern nichts dran ver­dient.(Das glaubst du ja wohl selber nicht! Anm.d.Setzer) -Wir verdienen dann auch nichts dran, aber das ist kein Problem.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Du unterschreibst ja auch nichts bei ihnen, es läuft so, daß du sagst, ihr kriegt das zu dem Preis und müßt es zu dem und dem Preis verkaufen. Wenn Sony das als Major-Label macht, wird das auch respektiert, während die Indie-Vertriebe keine Kontrolle über ihre Sachen haben. Das Problem mit den Major-Labels ist die Produktion von Musik. Wenn du &#039;ne Platte mit Sony auf­nimmst weißt du nicht was dabei raus­kommst...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa Beat&lt;/strong&gt;: Das Thema stellt im Moment die wichtigste Diskussion in der italienischen Hip-Hop-Szene dar, des­halb&#039; sind wir hier gelandet, obwohl du &#039;ne ganz andere Frage gestellt hast.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B&lt;/strong&gt;: Ich will noch ergänzen, was ich bekämpfe. Meine Vision von Kultur und Politik ist Kultur und Politik der Straße. Heute wird unter Kultur vor allem der verbitterte Intelektuelle verstanden, der mit einem total schwierigen Vokabular redet und zu verstehen gibt, daß er mehr Bücher gelesen hat als jemand anders. Wenn sie sich von dieser menschlichen Krankheit leiten lassen, die ersten sein zu wollen, immer im Mit­telpunkt zu stehen, dann ist ihr Konzept von Grund auf falsch. Was ist Politik heutzutage? Mich interessiert eigentlich nicht, was dir jemand wie ich dazu erzählt, denn das weiß ich schon. Mich interessiert was z.B. der Typ in der Kneipe dazu meint, und der meint, daß das &#039;ne Reihe Politiker sind, die das Geld verpulvern, sich im Wahl­kampf prostituieren, um deine Stimme zu bekommen und dann Tschüß! Und genau hier mußt du kämpfen. Das Kon­zept von Kultur und Politik darf nicht in Büchern gelesenes und nicht angewand­tes ranziges Wissen sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Entschuldige, es stimmt zwar was du sagst, aber es kommt auch darauf an, was du unter ranzig verstehst. Denn Politik ist auch Gedächtnis, Erinnerung. Erinnerung bedeutet eine eigene Geschichte zu haben und diese erkennt der Staat, der auf jeden Fall eine Macht darstellt, nicht an, er tendiert dazu sie auszulöschen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B&lt;/strong&gt;: Stimmt. Und ich denke nicht, daß Politik Neuigkeiten bedeutet, Politik bedeutet historisches Gedächtnis und Korrektur nicht funktionierender Kon­zepte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: All&#039; das worüber wir reden erinnert mich an eine Sache: Wenn ich was schreibe habe ich ziemlich klar im Kopf auch provozierend zu sein. Ich finde in der Kultur, und ich bin überzeugt, daß ich Kultur mache, schon angefangen von der Sprache die ranzig ist, muß man manchmal auch Mechanismen in Gang setzen, die hart, stark und radikal sind, um die Leute zum Nachdenken zu zwingen. In Italien ist das ein Problem, ich hab&#039; s0000 viele Posse gesehen, und einen Namen will ich nennen, die Radical Sunshine Posse, die mir echt die Kotze hochkommen lassen. Die steigen auf die Bühne uns singen dann „Vergewaltigung ist zu verurteilen&quot;. Ja, OK, kein Zweifel, völlig einverstan­den, aber zum Nachden­ken regt das nicht an, oder „Abtreibung muß legalisiert werden&quot; OK, das weiß ich auch seit Jahren...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B&lt;/strong&gt;.: ... oder „Pfarrer zum Teufel jagen...&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Das ist doch keine Kultur, völlig öde...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nando&lt;/strong&gt;: Das ist echt zu leicht und stumpf irgendwelche Demosprüche aneinander zu reihen...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nefa B.:&lt;/strong&gt; Das ist Gegenkultur die genausoviel wert ist wie die Kultur, die sie vorgibt zu bekämpfen...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fumo&lt;/strong&gt;: Ich ziehe es vor, mir was von Nefa anzuhören, was ich unter Umstän­den nicht teile, worüber ich aber nach­denke, mir meine Überlegungen dazu mache, mit Nefa oder jemand anderem darüber rede... Die Provokation ist aus dieser Sicht sehr wichtig. Im Hip-Hop gibt es auch Wettbewerb, OK, aber bitte nicht wer ist die Nummer 1, wer ist der schnellste, sondern wer schießt die Kugel, die die Hirne bewegt. Vielleicht haben wir auch oft übertrieben, haben über ein gewisses Maß hinausgeschos­sen, wer weiß, vielleicht war es die Punk-Einstellung von der Provokation um jeden Preis, aber ich weiß noch, daß bei unseren ersten Konzerten, später haben uns die Leute dann geschluckt und verdaut, kamen die Leute und haben von uns Stellungnamen gefordert zu Songs wie „Polenpapst&quot; oder &quot;Ent­führungen&quot; (in dem Song werden auf satirische Weise Entführungen von den Kindern der im Mailänder Hinterland lebenden Großindustriellen gutgeheißen) und das hat mir bestens gepaßt. Ich kann mich daran erinnern, daß ich nie über den Text von „Entführungen&quot; nach­gedacht hatte bis ich einmal eine Woche in Cosenza (Süditalien) festhing, weil uns auf einer Tour das Auto explodiert war, und die Genossen aus Cosenza haben mich zur Seite gezogen und gesagt „Sag mal Fumo weißt du eigentlich was die Mafia ist? Weißt du, wie es ist mit der Mafia leben zu müssen?&quot; Ich wohne in Mailand, da ist Mafia fast was romantisches, die Mafiosi respektieren uns, weil wir in besetzten Häusern wohnen und „Outlaws&quot; sind wie sie. Im Süden aber ist das was anderes, das habe ich auch erst mit der Zeit gelernt. Jetzt singe ich den Text nicht mehr. Der Song hat vielleicht einigen Leuten genützt, die mir zugehört haben, weil es eine Provokation war, aber vor allem hat er mir genützt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;dna&lt;/strong&gt;: Ihr habt vorhin schon angedeutet, daß euch Sexismus vorgeworfen wurde, wie kam das, was steckt dahinter?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lele&lt;/strong&gt;: Da gab es einige Mißverständnisse, die wir noch klären müssen. Wir benutzen sicherlich eine vulgäre Spra­che, denn wir singen so wie wir auf der Straße reden. Ich glaube, daß in Italien die Umgangssprache viel härter ist als in Deutschland. Es sollte jedoch klar unter­schieden werden zwischen Sexismus und vulgärer Sprache. Manchmal wird alles in einen Topf geworfen und alles ist sexistisch. Eigentlich fehlt die tatsäch­liche Auseinandersetzung darum und es wird in der Linken oft mechanisch die „Sexismus-Schablone&quot; angewandt.&lt;/p&gt;


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