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 <title>arranca! - Nicos Poulantzas</title>
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 <title>Kritische Theorien der europäischen Integration</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/45/kritische-theorien-der-europaeischen-integration</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;„Die Entwicklung der EU geht […] nicht mit einer gesteigerten  Aufmerksamkeit, etwa auf Seiten der Sozialen Bewegungen, einher. Auch  die radikale Linke, sonst nie um eine Staatskritik verlegen, bleibt  sprachlos“, erklärt der Aufruf zum linken Entsichern-Kongress: &lt;em&gt;EU analysieren, kritisieren, demontieren&lt;/em&gt; im Jahr 2011. Ähnlich argumentierte im Jahr zuvor bereits der Aufruf  der BUKO, das „Wissen über die EU und das Verhältnis zu ihr bleibe  ‚unklar’“. Beide Aufrufe zeigen exemplarisch eine offensichtliche  Verunsicherung innerhalb der Linken über die politische Einordnung der  Europäischen Union. Um diese „Sprachlosigkeit“ zu überwinden, lohnt sich  ein Blick in die wissenschaftlichen Debatten kritischer Europaforschung  der letzten Jahrzehnte.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;„Die Entwicklung der EU geht […] nicht mit einer gesteigerten Aufmerksamkeit, etwa auf Seiten der Sozialen Bewegungen, einher. Auch die radikale Linke, sonst nie um eine Staatskritik verlegen, bleibt sprachlos“, erklärt der Aufruf zum linken Entsichern-Kongress: &lt;em&gt;EU analysieren, kritisieren, demontieren&lt;/em&gt; im Jahr 2011. Ähnlich argumentierte im Jahr zuvor bereits der Aufruf der BUKO, das „Wissen über die EU und das Verhältnis zu ihr bleibe ‚unklar’“. Beide Aufrufe zeigen exemplarisch eine offensichtliche Verunsicherung innerhalb der Linken über die politische Einordnung der Europäischen Union. Um diese „Sprachlosigkeit“ zu überwinden, lohnt sich ein Blick in die wissenschaftlichen Debatten kritischer Europaforschung der letzten Jahrzehnte.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Marxistische Europaforschung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In den 1950er und 1960er Jahren schien sich die marxistische Linke gewiss zu sein, mit relativ simplen Erklärungen wie etwa Lenins Imperialismustheorie schon alles zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) in der Tasche zu haben – weshalb es offenkundig auch keiner eigenständigen Theorie der Europäischen Integration bedurfte. Die marxistische Diskussion ging davon aus, dass hinter der Gründung der EWG ein „Zwang zur Erweiterung der Märkte und zur Internationalisierung der Kapitalverwertung“ steht, auf den als &lt;em&gt;spill over&lt;/em&gt;, also einer Art Übertragungseffekt, eine „Koordinierung und Zusammenfassung der nationalen Wirtschaftspolitiken bis hin zu einer politischen Einigung folgen“ muss, so der Marburger Politikwissenschaftler Albert Statz 1979. Diese dialektisch-materialistischen Gewissheiten gerieten jedoch durch die „Krise des leeren Stuhls“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_13f6rnu&quot; title=&quot;Mit der „Politik des leeren Stuhls“ verweigerte Frankreich sieben Monate lang die Teilnahme an Gremiensitzungen der EWG und blockierte damit angesichts der notwendigen Einstimmigkeit der Abstimmungen alle Entscheidungen. Ziel Frankreichs war es, im Konflikt um Agrarbeihilfen und den geplanten Beitritt Großbritanniens eine anvisierte Stärkung europäischer Institutionen zu verhindern.&quot; href=&quot;#footnote1_13f6rnu&quot;&gt;1&lt;/a&gt; 1965/66 in Begründungsnöte. Die marxistische Theorie stand vor dem Problem, entweder der nationalistischen Politik Frankreichs „Irrationalität“ zu unterstellen, oder aber den theoretischen Rahmen ändern zu müssen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Einer der ersten, der sich aus kritischer Perspektive dieser Problematik zuwandte, selbst aber eine recht orthodoxe Lesart anbot, war der belgische Trotzkist Ernest Mandel. In einer Replik auf ein Buch des französischen Sozialisten Jean Jacques Servan-Schreiber, der 1968 forderte, dass sich Europa gegenüber der US-Amerikanischen Herausforderung stärker ökonomisch integrieren müsse, argumentierte Mandel, dass die in Westeuropa ab 1957 mit den Römischen Verträgen begonnene politisch-juristische Etablierung eines gemeinsamen europäischen Marktes bereits das Ergebnis der ihm vorangegangenen Konzentration des Kapitals in Westeuropa sei. Mandel zufolge ist der europäische Integrationsprozess bereits der Versuch, den Widerspruch zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und dem Nationalstaat als politischer Organisationsform aufzuheben. Der Integrationsprozess sei der Versuch des Kapitalismus, den Entwicklungsstand der Produktivkräfte und den Konzentrationsprozess des Kapitals mit dem Überleben des Nationalstaats in Einklang zu bringen. &lt;br /&gt;Mandel nimmt hierbei eine theoretische „Ableitung“ der politisch-juristischen Integration des europäischen Marktes (Überbau) als quasi-automatisches Resultat des ökonomischen Prozesses der Kapitalkonzentration (Basis) vor. Dagegen wandte sich aus dem Kontext der westdeutschen marxistischen Debatte um Staat und Weltmarkt Ende der 1970er Jahre Albert Statz. Statz kritisierte, Mandels These erinnere „an das funktionalistische Theorem des ‚spill-over’; und zwar insofern, als [...] keine Verbindung mehr hergestellt wird zwischen den widersprüchlichen Grundlagen des Integrationsprozesses, den daraus folgenden, aber in ihrem Charakter selbst noch zu bestimmenden Interessenswidersprüchen und der &lt;strong&gt;Form&lt;/strong&gt; des Austrags dieser Interessenskonflikte“.&lt;br /&gt;Statz’ Antwort auf diese Problematik liegt darin, den Widerspruch zwischen der Expansionstendenz des Kapitals und seiner notwendigen Einbettung in einen Nationalstaat in den Blick zu nehmen. Dieser hätte die Funktion, die „monopolistischen Verwertungsbedingungen vor der Weltmarktkonkurrenz zu schützen“, aber gleichzeitig eine Expansion auf dem Weltmarkt zu erleichtern. Er schlägt vor, die regionale Integration als „relative Lösungsform des säkularen Widerspruchs zwischen Internationalisierung und Nationalstaat“ zu fassen. &lt;br /&gt;Neben dieser theoretischen Figur der „relativen Lösungsform“ ist die politisch-strategische Argumentation von Statz interessant. Schon früh meinte dieser, dass eine marxistische Analyse des europäischen Integrationsprozesses über die in den 1970ern intensiv diskutierte &lt;em&gt;Staatsableitung&lt;/em&gt;, also die Erklärung der politischen Form aus den Voraussetzungen der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Reproduktion heraus, hinausgehen müsse. Denn, so Statz, „seit der Rezeption Gramscis in der westdeutschen marxistischen Diskussion“ werde zunehmend gesehen, dass eine marxistische &lt;em&gt;Theorie des Politischen&lt;/em&gt; notwendig ist. Statz’ eigener Vorschlag für eine solche Theorie ist, dass sich im Zuge der prozesshaften Durchsetzung der regionalen Integration ein „Gemeinschaftsinteresse“ herausbilde(n müsse), das als Prozess der Zusammenfassung verschiedener nationaler Handlungsstrategien zu begreifen sei. In diese gehe der jeweilige „gesamtgesellschaftliche Zusammenhang ein, der entscheidend durch die Kräfteverhältnisse und Strategien der Klassen und Klassenfraktionen geprägt ist.“&lt;br /&gt;Statz formulierte bereits 1979 in differenzierter Form, dass politische Prozesse in kapitalistischen Gesellschaften keineswegs ein bloßer Reflex ökonomischer Prozesse sind. Ihm zufolge sind politische Prozesse zwar strukturell durch spezifische Formen der Widerspruchsbearbeitung, wie sie aus der kapitalistischen Produktionsweise resultieren, eingerahmt. Das konkrete Handeln widerstreitender Akteure mit ihren unterschiedlichen Interessen und Strategien müsse jedoch in kontingenten Prozessen zu einem „allgemeinen Klasseninteresse“ zusammengefasst werden. &lt;br /&gt;Der Prozess der Europäischen Integration ist somit ebenfalls kein „Reflex“ der zunehmenden Kapitalkonzentration und ökonomischen Verflechtung, wie noch Ernest Mandel argumentierte. Da sie eine partielle Lösung für den Widerspruch zwischen nationalstaatlicher Verfasstheit des Kapitalismus und der Tendenz zur Inter- bzw. Transnationalisierung dieser Produktionsweise darstellt, wurde und wird die regionale Integration Europas zwar durch den Motor der ökonomischen Verflechtung angetrieben. Aber, so Statz, ohne eine genaue Analyse der gegensätzlichen gesellschaftlichen und politischen Interessen und Handlungsstrategien und deren prozesshafter Verbindung in ein gemeinsames Interesse, lasse sich regionale Integration nicht grundlegend verstehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Neogramscianische Internationale Politische Ökonomie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Mitte der 1980er Jahre griff der Torontoer Politikwissenschaftler Robert W. Cox die Problematik auf und entwickelte Antonio Gramscis staats- und hegemonietheoretische Argumentation für die Internationalen Beziehungen und Internationale Politische Ökonomie weiter. Gramscis Argumentation, dass Hegemonie „Konsens gepanzert mit Zwang“ sei, entwickelt Cox dahingehend weiter, dass es auch auf internationaler Ebene hegemoniale Konstellationen gebe, in denen es der jeweiligen Hegemonialmacht gelingen muss, durch Konzessionen die beteiligten Staaten und internationalen Institutionen konsensual einzubinden. Darüber hinaus wendet Cox Gramscis auf den bürgerlichen Nationalstaat bezogenes Hegemonieverständnis auf das System der Internationalen Beziehungen an. Demnach ist Hegemonie auf internationaler Ebene „nicht nur eine Ordnung zwischen Staaten. Sie ist eine Ordnung innerhalb der Weltwirtschaft mit einer dominanten Produktionsweise, die alle Länder durchdringt und sich mit anderen untergeordneten Produktionsweisen verbindet. Sie ist auch ein Komplex internationaler sozialer Beziehungen, der die sozialen Klassen der verschiedenen Länder miteinander verbindet.“ Internationale Organisationen, wie beispielsweise die EU, seien zentrale Mechanismen, durch die Normen einer Hegemonie zum Ausdruck gebracht werden. Angesichts der auch international bzw. global bestehenden Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnisse fänden sich – ähnlich wie dies Gramsci für die nationalstaatliche Ebene als politischen Bezugspunkt ausgemacht hatte – immer auch „gegenhegemoniale“ Kräfte. Diese versuchen, ihre oppositionellen Interessen durch diverse Praxen und Strategien zu verallgemeinern. Der Cox-Schüler Stephen Gill entwickelte diese Argumentation dahingehend weiter, dass sich im Zuge der Krise des fordistischen Kapitalismus eine neue hegemoniale Konstellation herausgebildet habe, die Gill im Anschluss an Foucault als „Disziplinierenden Neoliberalismus“ bezeichnet. Die hegemoniale bzw. politisch-legale Absicherung erfährt dieser disziplinierende Neoliberalismus über ein von Gill als „Neuer Konstitutionalismus“ bezeichnetes internationales Governance-Netzwerk, das vor allem durch internationale Institutionen wie den IWF, die Weltbank, die G20, aber auch über die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion und deren Stabilitätskriterien abgesichert wird. Es geht darum, nationale Wirtschaftpolitiken stärker der Marktdisziplin zu unterwerfen. Auch für Gill ist, ähnlich wie bei Cox, diese Konfiguration nicht widerspruchslos: er sieht hierin weniger eine hegemoniale Situation als eine der Vorherrschaft, die in Umkehr des Gramsci-Diktums „eher durch Zwang gepanzert mit Konsens geprägt ist“. Disziplinierender Neoliberalismus und Neuer Konstitutionalismus sind für Gill durch eine Reihe von Krisenprozessen gekennzeichnet: Während im Neuen Konstitutionalismus eine neoliberale Agenda festgeschrieben wird, werden die Einflussmöglichkeiten von parlamentarischen Gremien und Bevölkerungen beschnitten; der disziplinierende Neoliberalismus führt – etwa durch intensivierte Standortkonkurrenz und die Auswirkungen ökonomischer Krisenprozesse – zu einer stärkeren Disziplinierung von ArbeitnehmerInnen, sinkenden Realeinkommen und einer massiven Verarmung sowie zu einer Krise der sozialen Reproduktion. Darüber hinaus verändern sich, unter anderem durch Gentechnik und Biopatente, die gesellschaftlichen Naturverhältnisse. Folgen sind für Gill Gesundheitsrisiken und sinkende Ernährungssicherheit. Durch diese Krisenprozesse bringen disziplinierender Neoliberalismus und Neuer Konstitutionalismus ihre eigene Gegenbewegung hervor, den „post-modernen Prinzen“. Dieser beschreibt für Gill die Globalisierung lokaler vorwärtsgerichteter und defensiver Kämpfe, die aus den skizzierten Krisenmomenten resultieren. Seine Verkörperung findet der postmoderne Prinz bei Gill in der (globalisierungskritischen) Bewegung von Seattle.&lt;br /&gt;Die wettbewerbsstaatliche Integrationsweise der EU in der kritischen Internationalen Politischen Ökonomie&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weitaus weniger konfliktiv als auf globaler Ebene erweist sich die Durchsetzung von disziplinierendem Neoliberalismus und Neuem Konstitutionalismus auf europäischer Ebene, wie die Arbeiten der Marburger Forschungsgruppe Europäische Integration sowie des Amsterdamer Projekts zur Analyse der Internationalen Politischen Ökonomie zeigen. Seit den 1980er Jahren trieben transnationale Kapitalfraktionen die europäische Integration mit dem Ziel voran, aus nationalen Kompromissarrangements auszusteigen und – unter anderem durch einen größeren Heimatmarkt – ihre globale Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Es entwickelte sich die so genannte wettbewerbsstaatliche Integrationsweise der Europäischen Union. Deutsche Kapitalfraktionen profitierten weit überproportional von der Europäisierung: Ihnen gelang es, durch die Wirtschafts- und Währungsunion und die Lohnzurückhaltung deutscher Gewerkschaften ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen europäischen Staaten massiv auszubauen. Auch die globale Rolle deutscher Kapitalfraktionen wurde dadurch massiv gestärkt. Gewerkschaften standen diesen Entwicklungen weitgehend hilflos gegenüber, da sie in der vor allem durch den Kommissionspräsidenten Jacques Delors in den 1980er Jahren geschürten Hoffnung auf die Entwicklung europäischer Sozialstaatlichkeit, eine Europäisierung grundsätzlich befürworteten. Gestützt wurde diese Position durch den Bedeutungsverlust, dem Gewerkschaften innerhalb der meisten europäischen Nationalstaaten ausgesetzt waren. Die defensive „Ja aber“-Position der Gewerkschaften hat sich – trotz einiger Mobilisierungserfolge etwa bei der Dienstleistungsrichtlinie – bis heute kaum verändert. Die europäischen Bevölkerungen begegneten dem europäischen Integrationsprozess unter neoliberalen Vorzeichen zunächst aufgeschlossen, da er für sie mit Hoffnungen auf Wirtschaftswachstum und Wohlstandssteigerung verknüpft war. Dieser permissive Konsens der 1980er zerbrach in den 1990er Jahren jedoch rasch im Zuge eines wirtschaftlichen Abschwungs, in dem deutlich wurde, dass das europäische Projekt unter neoliberalen Vorzeichen keinesfalls zu Wohlstandsgewinnen für alle führte, sondern unter anderem ArbeitnehmerInnen und Sozialstaaten einer verstärkten Standortkonkurrenz aussetzte. Seit Anfang der 1990er Jahre befindet sich die Europäische Union daher in einer kontinuierlichen Legitimations- bzw. Hegemoniekrise: der so genannten Post-Maastricht-Krise. In der Folge traten in der europäischen Integration disziplinierende Momente in den Vordergrund – sichtbar unter anderem in den Stabilitätskriterien des Euro. In der aktuellen Euro-Krise werden diese disziplinierenden Elemente deutlich verschärft und manche sehen die EU auf dem Weg in einen neuen Autoritarismus. Ein gegenhegemoniales Projekt oder ein europäischer post-moderner Prinz konnte sich demgegenüber nicht herausbilden und ist auch in der aktuellen Situation nicht absehbar. So bleiben die meisten Proteste gegen die Auswirkungen der Euro-Krise weitgehend im nationalen Handlungsrahmen verhaftet.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie diese kurze Skizze der Debatten um den „sozialen Zweck“ der europäischen Integration zeigt, verschob sich in diesem Zeitraum auch die theoretische Herangehensweise an den europäischen Integrationsprozess: Das Amsterdamer Projekt hob hervor, dass sich gemeinsame Interessen von Kapitalfraktionen keinesfalls automatisch, sondern in einem umkämpften Prozess entwickeln. Dabei nahm es vor allem Hegemoniebildungsprozesse zwischen Kapitalfraktionen in den Blick. Die &lt;em&gt;Forschungsgruppe Europäische Integration&lt;/em&gt; rückte hingegen die Einbindung zivilgesellschaftlicher Kräfte in den Mittelpunkt, betonte die Rolle diskursiver Aushandlungsprozesse und zog Verbindungen zwischen europäischer Integration und dem Alltagsbewusstsein der europäischen Bevölkerungen. Die Sozialwissenschaftler Andreas Bieler und Adam David Morton fokussierten demgegenüber stärker auf Widerstand und gewerkschaftliche Perspektiven im europäischen Integrationsprozess.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Feministische Europaforschung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Feministische Arbeiten weisen darauf hin, dass in vielen Bereichen zum Teil bis heute intransparente, männerbündische Strukturen den Prozess der europäischen Integration dominieren. Netzwerke wie der &lt;em&gt;European Round Table of Industrialists&lt;/em&gt; funktionieren weitgehend unter Ausschluss von Frauen – seit der Gründung 1983 war hier erst eine Frau Mitglied. Auch der Anteil von Frauen in der Europäischen Kommission lag noch zu Anfang der 1990er Jahre deutlich unter 10 Prozent. Im Zuge der geschlechterpolitischen Modernisierung der Europäischen Union seit den 90er Jahren entwickelte sich in der feministischen Debatte jedoch eine weitaus ambivalentere Position zur europäischen Integration als dies in den Debatten der kritischen Internationalen Politischen Ökonomie der Fall war: Manche Forscherinnen stellen den größeren Gestaltungsspielraum des „samtenen Dreiecks“ aus feministischen Bürokratinnen und Juristinnen, Wissenschaftlerinnen und Frauenbewegungen auf europäischer Ebene gegenüber nationalen Kräfteverhältnissen heraus, der unter anderem europäische Programme des Gender Mainstreaming hervorbrachte. Andere sehen hierin jedoch nur eine geringfügige Verbesserung für einige bessergestellte Frauen, während sich die Bedingungen der sozialen Reproduktion für die Mehrzahl durch die in der &lt;em&gt;wettbewerbsstaatlichen Integrationsweise&lt;/em&gt; beschleunigte Krise nationaler Sozialstaaten massiv verschlechtere. Programme wie Gender Mainstreaming dienten daher vor allem der Legitimationsbeschaffung europäischer Institutionen im Zuge der Post-Maastricht-Krise seit Anfang der 1990er Jahren und damit der Modernisierung des neoliberalen Europaprojekts.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Forschungsprojekt Staatsprojekt Europa&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Vor diesem knapp skizzierten Hintergrund sowie vor dem Hintergrund der Debatten innerhalb der kritischen Migrations- und Grenzregimeforschung versuchen wir selbst seit einiger Zeit im Rahmen des Forschungsprojekts mit dem Kurztitel &lt;em&gt;Staatsprojekt Europa&lt;/em&gt; &lt;a href=&quot;http://www.staatsprojekt-europa.eu&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;(www.staatsprojekt-europa.eu)&lt;/a&gt;, Europa als ein auf verschiedenen Ebenen wirkendes Ensemble von Apparaten zu fassen. Dabei beforschen wir den europäischen Integrationsprozess als materielle Verdichtung europäischer Kräfteverhältnisse empirisch im Feld der Migrationskontrollpolitik. Wir schlagen vor, Europa als Terrain zu begreifen, in dem unterschiedliche Akteurskonstellationen auf unterschiedlichen politischen Ebenen um Hegemonie ringen und versuchen ihre Partikularinteressen (europäisch) zu verallgemeinern. Hierbei nehmen wir nicht nur Elitennetzwerke in den Blick, sondern auch Bewegungen ‚von unten‘, die gerade im Bereich der Migrationskontrollpolitik, etwa im aktuellen Rechtsstreit um das sogenannte Dublin II-Abkommen, bisweilen eine relativ erfolgreiche Kampagnenpolitik betreiben konnten. Unsere These ist, dass innerhalb des europäischen Apparateensembles im Feld der Migrationspolitik derzeit fünf Hegemonieprojekte miteinander ringen, deren Kräfteverhältnis zueinander begründet, ob und wie es zu einer Europäisierung von Migrationskontrollpolitiken gekommen ist und kommt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ausblick und politische Perspektiven&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Obwohl es den kritischen Theorien der europäischen Integration unserer Ansicht nach gelungen ist, eine recht brauchbare Kritik der Funktionsweise des europäischen Staatsapparateensembles und seiner Veränderungen zu entwickeln, bleiben die formulierten politischen Perspektiven recht moderat. In der Regel werden gegenüber dem neoliberalen Europaprojekt im weiteren Sinne keynesianisch inspirierte Politiken vorgeschlagen. Die Aufgabe einer Linken, die ihre ‚Sprachlosigkeit’ gegenüber der EU überwinden möchte, wäre es, die Erkenntnisse der kritischen Theorien der europäischen Integration wahr- und ernst zu nehmen und auf dieser Basis Antworten auf die Frage „Was tun? Und wer zum Teufel tut es?“ (David Harvey) zu geben, die über ein keynesianisches Reformprogramm hinausgehen. Die Verschärfung von disziplinierendem Neoliberalismus und Neuem Konstitutionalismus im Zuge der derzeitigen Euro-Krise zeigt, dass ein solches Unterfangen ebenso notwendig wie dringend ist.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_13f6rnu&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_13f6rnu&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Mit der „Politik des leeren Stuhls“ verweigerte Frankreich sieben Monate lang die Teilnahme an Gremiensitzungen der EWG und blockierte damit angesichts der notwendigen Einstimmigkeit der Abstimmungen alle Entscheidungen. Ziel Frankreichs war es, im Konflikt um Agrarbeihilfen und den geplanten Beitritt Großbritanniens eine anvisierte Stärkung europäischer Institutionen zu verhindern.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Tue, 28 Feb 2012 12:46:24 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Staatstheorien </title>
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                    &lt;p&gt;Bürgerliche Geschichtsschreibung hat es an sich, Begriffe, die aus der modernen Verfasstheit der Gesellschaftsformation entspringen, in die Vergangenheit zu projizieren und somit gesellschaftliche Verhältnisse zu naturalisieren. In linken Auseinandersetzungen wurde dies bisher fast ausschließlich in Bezug auf Nation und Volk ausführlicher diskutiert. Für viele weitere Begriffe des politischen Alltags wurde diese Auseinandersetzung bisher kaum geführt. So für den Begriff der „Arbeit“ und des „Staates“.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;em&gt;„…und der Staat ist  kein Traum, sondern bleibt wie mein Kissen, ein mich gestaltender, die Fäden,  die rissen und Welt verwaltender Zustand, der sich durch mich und mich bewegt  …“&lt;/em&gt; Blumfeld &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Bürgerliche  Geschichtsschreibung hat es an sich, Begriffe, die aus der modernen Verfasstheit  der Gesellschaftsformation entspringen, in die Vergangenheit zu projizieren und  somit gesellschaftliche Verhältnisse zu naturalisieren. In linken  Auseinandersetzungen wurde dies bisher fast ausschließlich in Bezug auf Nation  und Volk ausführlicher diskutiert. Für viele weitere Begriffe des politischen  Alltags wurde diese Auseinandersetzung bisher kaum geführt. So für den Begriff  der „Arbeit“ und des „Staates“.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;„In dem ersten Stein, den  der Wilde auf die Bestie wirft, die er verfolgt, in dem ersten Stock, den er  ergreift, um die Frucht niederzuziehn, die er nicht mit den Händen fassen kann,  sehn wir die Aneignung eines Artikels zum Zweck der Erwerbung eines andren und  entdecken so - den Ursprung des Kapitals.“ Diese Bemerkung des englischen Ökonom  Robert Torrens nimmt Marx zum Anlass, um, wie so oft, die moderne bürgerliche  Theorie zu verhöhnen: „Aus jenem ersten Stock ist wahrscheinlich auch zu erklären,  warum stock im Englischen synonym mit Kapital ist.“ (MEW Bd.23: 199, Fn 9) Für  das bürgerliche Bewusstsein hat der Mensch immer schon in Formen des  Kapitalverhältnisses gewirtschaftet, gearbeitet und auch der Staat ist  eigentlich immer schon da – eine dem Menschen natürliche Existenzweise. Nicht  ohne Grund wurde Platons Politeia, geschrieben 387 Jahre v.u.Z., mit Titel  „Der Staat“ übersetzt. Betrachtet man das, was als „Staat“ bezeichnet  wird, etwas genauer, so stellt man fest, dass es „für uns“ vielleicht ein  Staat ist. Genaugenommen hat es aber mit all dem, was wir heute als bürgerlichen  Staat kennen, nichts zu tun. Bei Marx findet sich im dritten Band des Kapitals  die kluge und anregende Bemerkung, dass die Form der Ausbeutung, das Verhältnis  der Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produzenten, die  politische Form der Souveränitäts- und Abhängigkeitsverhältnisse, kurz die  spezifische „Staats“form bestimmt (vgl. MEW Bd.25: 799f.). &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Im Unterschied zu den  mittelalterlichen Leibeigenen, die in einem persönlichen Abhängigkeitsverhältnis  zu „ihrem“ Grundherrn standen, der dieses Verhältnis notfalls mittels  eigener Gewalt durchsetzte, treten die modernen LohnarbeiterInnen den  KapitalistInnen als formell freie und gleiche EigentümerInnen gegenüber. Die  vereinzelten Einzelnen sind auf der einen Seite ökonomisch als PrivateigentümerInnen  über das Geld und auf der anderen Seite politisch als StaatsbürgerIn mittels  des Rechts Teil der Gesellschaft. Ökonomie und Politik stellen zwei relativ  voneinander getrennte Sphären dar, ohne steuerndes oder herrschendes Subjekt.  Dennoch sind beide „Sphären“ strukturell aufeinander verwiesen. Kein  Kapitalismus ohne bürgerlichen Staat und kein bürgerlicher Staat ohne  Kapitalverhältnis. Aber weder das eine noch das andere sind vom Himmel  gefallen, noch ein Ausgeburt einer intellektueller Leistung. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;Frühbürgerliche  Theorie: Machiavelli &lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Bürgerliche Staatstheorien  reflektieren einen gewissen Durchsetzungsgrad des Kapitalverhältnisses und die  damit verbundenen Verhältnisse, die die Gesellschaft als solches strukturieren. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Der Kapitalismus fand u.a.  seinen historischen Anfang in den italienische Stadtrepubliken, die mit ihrer  Dominanz in der Region die feudalen Strukturen zersetzten. Wahrgenommen wurde  dieser Prozeß als Zerfall und Krise der gesellschaftlichen Ordnung. Zu dieser  Zeit formulierte Niccolo Machiavelli (1467-1527) ein „Handbuch“ für  politische Herrschaft: „il principe“. Machiavelli ist deshalb so  interessant, weil bei ihm davon gesprochen werden kann, dass Gesellschaft und  Politik als voneinander relativ getrennten Sphären konzipiert sind. Die Politik  tritt in Form der absoluten Macht des Staates, die sich nicht nur aus sich  selbst begründet, sondern sich selbst zum Zweck hat, als Souveränität auf.  Religiöse und mittelalterliche Weltvorstellungen werden aufgesprengt, keine  Heilserwartungen strukturieren die Gesellschaftsordnung und es bedarf keines  legitimatorischen Bezugs auf Gott mehr. Vielmehr versucht Machiavelli die  politische Macht von Moral zu befreien. Die Welt wird als machtstrukturierte  Immanenz verstanden. Da Machiavellis’ Schriften anwendungsorientierte  Herrschaftspraxis vermitteln will, geht er davon aus, dass die Prinzipien immer  den konkreten Umständen adäquat sein müssen. Fuchs und Löwe als  emblematische Tiergestalten verbildlichen die Herrschaftspraxis von Gewalt und  Zustimmung. Religion spielt hierbei für Machiavelli als Herrschaftsinstrument für  die Legitimation des Souveräns eine zentrale Rolle. Eine theoretische Figur,  die der Marxist Gramsci später wieder aufnehmen wird. Auch wenn der Fürst das  besitzende Bürgertum gegen fremde Mächte und den Papst organisieren soll, gibt  es noch kein imaginiertes, mit Naturrechten ausgestattetes Volk als Souverän. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;Vertragstheorien:  Hobbes, Locke und seine Freunde &lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Den folgenden bürgerlichen  Staatstheorien lag die Konstruktion von Gesellschaftsverträgen zugrunde, die  wiederum auf erklärungsbedürftige Voraussetzungen verweisen: Das gleichwertige  Individuum und das Individuum überhaupt. Es ist durchaus nicht selbstverständlich,  dass sich die Menschen als Subjekte verstehen und obendrein als  gleichberechtigte. Nicht nur in der Erkenntnistheorie und der Theologie, sondern  auch in der Kunst wurde das Individuum entdeckt. Künstler begannen erstmals  ihre Gemälde mit ihrem Namen zu signieren, die Möglichkeit der Erkenntnis  wurde in das Bewusstsein isolierter Subjekte verlegt und aus traditionellen  Normensystemen herausgelöst. Damit geht die theoretische Trennung von Körper  und Geist einher, die erst wieder mit Merleau-Ponty und Foucault den Versuch der  Aufhebung erfährt. Mit zunehmender Säkularisierung und Herausbildung des  Kapitalismus – Handelskapital in Holland und Landwirtschaft in England –  entstand ein neues Subjekt: Der (männliche) Besitzindividualist. Herausgelöst  aus traditionellen Formen der Vergesellschaftung setzte eine „negative  Vergesellschaftung“ ein, als Bezug auf eine allgemeine Gewalt (Geld und  politisch transformierte Form: Staat). Gesellschaft kommt, wie Ralf Dahrendorf  es einmal formulierte, erst hinterher als ärgerliches Faktum ins Spiel. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Der erste, der eine Form  des Gesellschaftsvertrags formulierte, war Thomas Hobbes (1588-1679). Vor dem  Hintergrund des englischen Bürgerkriegs und der Säkularisierung der Herrschaft  stellten sich für ihn zwei Probleme: Erstens die Bedingung der Möglichkeit von  Frieden, mit welchem, so Hobbes, erst Künste und Wirtschaften möglich seien.  Zweitens die Notwendigkeit einer legitimen weltlichen Herrschaft, nachdem in  England das aufstrebende Bürgertum zusammen mit dem Königtum den Adel, aber  auch die Kirche entmachtet hatte. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die Grundfigur aller  Gesellschaftstheorien ist ein imaginierter Naturzustand und ein Vertrag der  vereinzelten Einzelnen untereinander (Gesellschaftsvertrag) oder mit der  allgemeinen Gewalt (Herrschaftsvertrag). Bei Hobbes ist der Naturzustand  konstruiert über die Gleichheit der Individuen im Selbsterhaltungstrieb als  Konkurrenten. Ganz offensichtlich ist bei Hobbes der Bezug auf das besitzende Bürgertum.  In diesem Zustand der Konkurrenz ist jeder Mensch dem andern ein Wolf. Ein  Verweis darauf, dass Hobbes noch in feudalen Verhältnissen steckt, ist, dass  nicht nur die ökonomische Konkurrenz, sondern auch die Ruhmsucht als  Konfliktursache gewertet wird. Erst die Todesfurcht und das Bedürfnis nach  einem angenehmeren Leben bringt die Menschen dazu, aus ihrem „Naturzustand“  herauszutreten und mit Verstand zu reflektieren. Durch Naturalisierung dieses  Zustandes ist eine Kritik der Verhältnisse ausgeschlossen. Hobbes schließt  daraus vielmehr die Notwendigkeit einer allgemeinen Gewalt: „Verträge ohne  Schwert sind bloße Worte“, so Hobbes. Der Staat ist aber nicht  Vertragspartner, vielmehr geben die Menschen alle ihre Rechte an ihn ab, der  sich erst dadurch konstituiert. Vor dem Staat gibt es weder Recht, Eigentum,  noch „gut“ und „böse“. Das einzige Recht ist das über das eigene Leben  und damit – und hier ist Hobbes beinahe wieder fortschrittlich – auch das  Recht zur Feigheit im Krieg: Desertion. Der Staat ist als geschaffener  „sterblicher Gott“ immer Mittel, nicht Selbstzweck und seine „Künstlichkeit“,  seine vom Menschen geschaffene Natur offensichtlich. Ist es dem Staat nicht möglich,  das Leben der BürgerInnen zu garantieren, haben diese das Recht auf Widerstand.  Mit der Unterscheidung von öffentlicher (Staat) und privater (Eigentum) Sphäre,  die sich bis heute hält, ist Hobbes im eigentlichen Sinn der erste Theoretiker  der bürgerlichen Gesellschaft. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Auch John Locke (1632-1704)  rekurriert auf einen Naturzustand. Allerdings vor einem anderen  gesellschaftlichen Hintergrund. Das Bürgertum saß bereits fester im Sattel,  kapitalistische Warenproduktion, vertiefte gesellschaftliche Arbeitsteilung und  Lohnarbeit waren durchgesetzt&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_hluw431&quot; title=&quot;Für viele Theoretiker dieser Zeit ist anzumerken, dass sie neben dem hier referierten auch ausführlich zu anderen Themen arbeiteten, besonders der politischen Ökonomie. So: Locke, Montesquieu, etc. Rousseau schrieb sogar den Artikel \&amp;quot;Politische Ökonomie\&amp;quot; in Diderots berühmter Enzyklopädie. &quot; href=&quot;#footnote1_hluw431&quot;&gt;1&lt;/a&gt;. Das Kapitalverhältnis und der „stumme  Zwang der Verhältnisse“ (Marx) hatten persönliche Abhängigkeitsverhältnisse  weitgehend abgelöst. Locke erkennt, dass die Ware Lohnarbeit zirkuliert. Deren  Eigentümer sind aber nur Objekt der Handlung von Staat und Bourgeoisie. Prekär  war immer noch die Form der weltlichen Herrschaft, weshalb für Locke Katholiken  und Atheisten keine Toleranz verdienten. Diese stellten die politische  Herrschaft in Frage. Der Naturzustand bei Locke ist in zwei Phasen unterteilt.  In beiden haben die Menschen natürliche Rechte. Zum einen an sich als Person,  zum anderen am Resultat ihrer Arbeit: Die Arbeit entreißt das Bearbeitete der  Natur und überführt es in individuelles Privateigentum, wobei für Locke klar  ist, dass das Resultat fremder Arbeit immer dem Bourgeois gehört. Der Mensch  wird naturalisiert als immer schon arbeitender Privatbesitzer. Ebenso die  soziale Ungleichheit. Die zweite Phase des Naturzustands ist durch das Geld als  stillschweigende Übereinkunft geprägt, welche in der ersten noch nicht  existiert. Erst mit ihm kann das Resultat der Arbeit die Zeit überdauern und  ist somit die Bedingung der Möglichkeit unbegrenzter Akkumulation, die ohne  Wertspeicher nicht möglich war. Im Geld sieht aber Locke auch ein Zerstörungspotential,  ein Motiv, dass sich seit den Griechen hält. Das Privateigentum selbst ist  zwieschlächtig. Zum einen ist es Grundlage von Freiheit und Gleichheit, auf der  anderen Seite Ausgangspunkt der Konkurrenz, vermittelt über das Geld. Die  gnadenlosen Konkurrenz lässt das Eigentum wiederum prekär werden. Hier kommt  der Staat ins Spiel. Anders als bei Hobbes haben bei Locke die Menschen bereits  vor dem Gesellschaftsvertrag Rechte, die sie dem Staat in beschränktem Maße übertragen:  Der Staat soll im wesentlichen das Eigentum garantieren. Öffentliche Gewalt  soll sich nur auf gemeinsames Wohl der Besitzindividualisten erstrecken und  keine weiteren Aufgaben übernehmen. Hier wird besonders deutlich, dass die bürgerlichen  Verhältnisse bereits gefestigter sind. Neben der Konkurrenz existiert bereits  der Staat als Bedrohung willkürlicher und „übermäßiger“ Eingriffe in  Eigentumsrechte. Deshalb ist Locke ein radikaler Kritiker der Monarchie, wenn  auch kein Demokrat. Die Bourgeoisie soll die Staatsform selbst wählen können,  ebenso wie sie das „Recht auf Revolution“ hat, wenn der Staat seinen (beschränkten)  Aufgaben nicht nachkommt. Erstmals wird eine Gewaltenteilung gedacht. Neben der  Legislative, die die primäre Gewalt darstellt, soll es eine Judikative, aber  keine Exekutive geben. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Mit Jean-Jacques Rousseau  (1712-1778) erreicht die Diskussion ein neues Reflexionsniveau und auch erstmals  eine radikaldemokratische Wendung, die auch immer wieder in der Linken  aufgenommen wurde. Aber auch er kommt nicht ohne imaginierten Naturzustand aus.  Im Gegensatz zu Hobbes geht er von einer völlig friedlichen und einträchtigen  Menschennatur aus. Trotzdem kommt Rousseau zu seinem berühmt gewordenen Befund:  „Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Ketten“. Mit dieser  Ausgangsfeststellung verschiebt sich eine bis dato durchgehaltene  Theoriegrammatik: Privateigentum ist aller Übel Anfang und gleichzeitig vom  Menschen selbst in die Welt gesetzt. Damit wird Eigentum historisiert, in der  gesellschaftlichen Ordnung verortet und der scheinbaren Natürlichkeit entzogen.  Ebenso gesellschaftliche Ungleichheit. Ein verstärkter Legitimationsdruck der  gesellschaftlichen Stellungen wird freigesetzt. Weder Eigentum noch Ungleichheit  sind bei Rousseau einfach gegeben. Damit geht es ihm auch nicht mehr um einen  Gesellschaftsvertrag schlechthin, sondern um einen gerechten. Es stellt sich für  ihn die Frage, wie der Mensch unter der Bedingung von Knechtschaft als  „frei“ vorgestellt werden kann. Deshalb ist Rousseau auch einer der ersten,  der das Spannungsfeld problematisiert, das für jede weitere Diskussion um  Demokratie prägend sein wird: Der Widerspruch zwischen einem abstrakten  Allgemeinwohl und den Einzelinteressen der Individuen und die damit verbundene  Frage, wie Beherrschte und Herrschende zusammenfallen können. Aber um es noch  einmal festzuhalten: Hier geht es nicht um den Menschen schlechthin.  Partizipation und Demokratie sind noch kein Selbstzweck. Rousseau ist ein aufklärerischer  Denker in einer historischen Situation, in der die Bourgeoisie an  Selbstbewusstsein gewinnt und die ersten „organischen Intellektuellen“ (Gramsci)  herausbildet&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_525499j&quot; title=&quot;Von einer bourgeoisen Klasse kann hier aber ebenso wenig die Rede sein wie von einer bürgerlichen Öffentlichkeit. Beide sind Resultat der vollzogenen Revolution, nicht Voraussetzung (vgl. Gerstenberger 1990). &quot; href=&quot;#footnote2_525499j&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Rousseau ist Sprachrohr des Kleinbürgertums und seine Kritik  gilt dem Luxus und politischen Struktur des „Ancien Regime“.  „Habenichtse“ werden als politische Subjekte nicht ernst genommen. Da  Gemeinwille und individueller Wille zusammenfallen müssen – was er unter  Selbstgesetzgebung versteht – darf es keine Parteien geben, keinen  Kollektivwillen und keine Repräsentanzverhältnisse. All diese Formen würden  die Souveränität zersetzen. Ein Anspruch, der nur in einer Kleinstgemeinschaft  zu verwirklichen sei. Diese schwebt Rousseau auch immer vor: Eine politische  Gemeinschaft von Kleinstproduzenten und Eigentumsbesitzern&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_ggjm0hm&quot; title=&quot;Eine Vorstellung, an die utopische Sozialisten wie zum Beispiel Proudhon, immer anknüpften. &quot; href=&quot;#footnote3_ggjm0hm&quot;&gt;3&lt;/a&gt;, weshalb er den  Staat immer auch als politisches Subjekt, als souveräne Einheit versteht. Die  Einheit von Einzelinteressen und Allgemeinwohl denkt Rousseau, indem er einen  immer schon tugendhaften Menschen voraussetzt&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_rc699ke&quot; title=&quot;Diese rein normative Grundlage findet heute im Kommunitarismus seine Fortsetzung. &quot; href=&quot;#footnote4_rc699ke&quot;&gt;4&lt;/a&gt;. Obwohl bei Rousseau die  Allgemeinheit nicht über alles greift, gibt es kein Kriterium, wo diese zu  enden hat. Denn wer bestimmt, was Allgemeinwohl ist und welche Konsequenzen für  die zu ziehen sind, die nicht „identisch“ sind? Für Atheisten wusste  Rousseau bereits eine Antwort: die Todesstrafe. Mit Rousseau verändert sich  auch der Revolutionsbegriff: Während bei Locke noch Rechte durch eine  Revolution erhalten werden sollen, ist hier die Konnotation eindeutig darauf  gelegt, etwas Neues zu schaffen. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Im Anschluss an Rousseaus  normativer Grundlage verselbstständigte sich unter Robbespiere in der französischen  Revolution die Exekutive der Wohlfahrtsausschüsse. Die Vorstellung der  Jacobiner einer guten Ordnung und Robbespieres Tugenddiskurs setzte den  bekannten Terror gegen alles Nicht-Identische frei. Nicht ganz zu unrecht hieß  die Guillotine die „Sichel der Gleichheit“. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Ein Grund, warum selbst  begeisterte Anhänger der französischen Revolution wie Hegel das Verhältnis  von Besonderem und Allgemeinem neu denken mussten. Dreh- und Angelpunkt ist bei  G. W. F. Hegel (1770-1831) der Begriff der Freiheit. Das bedeutet, dass das  Besondere im Allgemeinen nicht verloren, sondern sich wiederfinden wird. Frühbürgerliches  Denken unterschied nicht explizit zwischen Staat und Gesellschaft, auch wenn  einige Anzeichen herauszulesen waren (z.B. bei Machiavelli). Vertragstheorien  stellen vor Hegels theoretischer Matrix eine „Willensillusion“ dar. Bei  Hegel wird – nicht zuletzt aufgrund seiner Kenntnis der Theorie der  politischen Ökonomie – der Staat klar als vermittelndes Prinzip der bürgerlichen  Gesellschaft eingeführt, als Sphäre der gegenseitigen Anerkennung der  konkurrierenden Individuen. Gleichzeitig wird diese abstrakte Form  gesellschaftlicher Allgemeinheit als Herrschaft des Weltgeistes verklärt. An  diesem Punkt wird Marx mit seiner Kritik ansetzen. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;Vernunftstaat und  Klassenstaat – Staat als Subjekt oder Instrument: sozialistische  Staatstheorien &lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Der Hegelianismus als  staatstragende Philosophie war intellektueller Zeitgeist Preußens. Aber allein  dass Friedrich Wilhelm IV. von Preußen den Hegel-Gegner Schelling nach Berlin  auf den Philosophie-Lehrstuhl rief, um die vermeintlichen Schäden, die Hegels  Philosophie verursacht hatte, wieder gut zu machen, zeigt, dass diese nicht im  preußischen Staat aufgeht. Gleichzeitig war sie Grundlage des sogenannten  Linkshegelianismus und auch Ausgangspunkt Marx&#039; intellektueller Entwicklung.  Karl Marx (1818-1883) sah in der offiziellen Auslegung Hegels, der bis zu seinem  Tod auf die französische Revolution mit Sekt anstieß, nur eine Apologie des  Bestehenden. Die Wirklichkeit wurde mit der Vernunft versöhnt. Dem hielten die  Junghegelianer entgegen, dass die Existenz sowohl des Staates als auch der  gesellschaftlichen Verhältnisse sich nicht mit der Vernunft decke. Vielmehr sei  die Verwirklichung der Philosophie, also der Vernunft, die politische Aufgabe.  Hier liegt die Grundlage des frühen Marxschen Denkens. Der Modus war die  Kritik: Religionskritik, Kritik der Politik und des Staates. „Es ist die  Kritik, die die einzelne Existenz am Wesen, die besondere Wirklichkeit an der  Idee misst.“ (MEW Bd.40: 327) Die Theoriematrix von Marx war der Widerspruch  zwischen Wesen und Existenz, Idee und Wirklichkeit. Die Kritik sollte dazu  dienen, den Wesensbegriffen einen realen Inhalt zu geben. In seinen frühen  Jahren teilte er die an Hegel anknüpfende Vorstellung eines über den Klassen  stehenden, nur dem Allgemeininteresse verpflichteten Vernunftstaats, in dem sich  das Wesen des Menschen, die Freiheit, verwirklichen soll. Ganz euphorisch  spricht er von der Demokratie als „das aufgelöste Rätsel aller  Verfassungen“ (MEW Bd.1: 231). Die Entdeckung der Objektivität der  gesellschaftlichen Verhältnisse brachten Marx dazu, sich mit Ökonomie zu beschäftigen  (Debatte um die Landesstände über das Holzdiebstahlgesetz). Damit setzte  Marx’ erste große theoretische Krise ein. Die Ideen mussten an der  Wirklichkeit scheitern. Als Feuerbacherianer, als welcher Marx sich nach dieser  Krise verstand, sollte der Staat jetzt nicht einfach die Verwirklichung der  menschlichen Freiheit herbeiführen, sondern die Verwirklichung des menschlichen  Wesens. Marx’ Anthropologie (vor den Thesen über Feuerbach) ging davon aus,  dass über die Reform des Bewusstseins das wirklich Vernünftige hervorgebracht  werden könnte. Später formuliert Marx es allgemeiner: Es müsse darum gehen,  den Menschen von der Entfremdung zu befreien. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Für eine heutige  Staatskritik ist außer dem Gestus der radikalen Kritik der bestehenden Verhältnisse  nicht weiter daran anschließbar - am ehesten noch in tagespolitischen  Auseinandersetzungen, wobei auch hier nicht unmittelbar. Auch darf nicht der  Fehler gemacht werden, für konkrete Situationen gefällte Urteile, die Marx  meist selbst revidierte, zu allgemein gültigen theoretischen Sätzen zu  erheben. So reduzieren Marx und Engels im Manifest der kommunistischen Partei  die „moderne Staatsgewalt“ auf einen „Ausschuss, der die  gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“ (MEW Bd.4:  464), wobei sich darüber streiten ließe, in wie weit der Begriff des  „Ausschlusses“ wörtlich zu verstehen ist oder vielmehr eine metaphorische  Anspielung auf die Wohlfahrtsausschüsse in Frankreich ist. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;In der Auseinandersetzung  um den Staatsstreich vom Dezember 1851 in Frankreich zeigt sich eine  Differenzierung des Bildes. Hier geht Marx in der Analyse der konkreten Verhältnisse  von einem Gleichgewicht sozialer Kräfte aus. Die Bourgeoisie verzichte, um ihre  soziale Macht zu erhalten, auf die politische Macht. Dadurch verselbständige  sich die Exekutive unter Louis Bonaparte als Diktator. Eine Analyse, die die KPO  als Folie für die Analyse des Faschismus heranzog. Bei der Analyse der Pariser  Kommune (März bis Mai 1871) hebt er den historischen Verdienst hervor, die  politische Form der Klassenherrschaft zerschlagen zu haben. Hier taucht auch der  Begriff der „Diktatur des Proletariats“ auf, der in der Geschichte des  Marxismus als formelhafte Phrase tiefere theoretische Reflexion ersetzt. Marx  macht in seiner Auseinandersetzung die Unmittelbarkeit der Räte stark, die  „endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der  Arbeit sich vollziehen konnte“ (MEW Bd.17: 342). Dies macht deutlich, dass  Marx eine einfache Übernahme des Staatsapparats ausschloss. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Im Kapital finden sich nur  sporadisch Äußerungen zum Staat, so im achten Kapitel zur englischen  Fabrikgesetzgebung zur gesetzlichen Verkürzung des Arbeitstages („erste  bewusste und planmäßige Rückwirkung der Gesellschaft auf die naturwüchsige  Gestalt ihres Produktionsprozesses“ (MEW Bd.23: 504)) oder im 24. Kapitel zur  Rolle staatlicher Zwangsgewalt bei der ursprünglichen Akkumulation. Im dritten  Band äußert sich Marx zu Staatspapieren und darüber, aus welchem  gesellschaftlichen Verhältnis die spezifisch politische Gestalt entspringt  (vgl. MEW Bd.25: 799f.). In den &quot;Grundrissen&quot; finden sich längere  Passagen zur Rolle des Staates bei der Entwicklung der Infrastruktur eines  Landes (vgl. MEW Bd.42: 437ff.). Zu einer zusammenhängenden Analyse des bürgerlichen  Staates kam es nicht mehr. Daran führen auch keine eklektizistischen  Zitatensammlungen vorbei, die der Linken immer wieder Selbstvergewisserung  stiften mussten. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Friedrich Engels  (1820-1895), Marx’ langjähriger Freund, verfasste gegen seinen eigenen Willen  den Anti-Dühring, der später zu einer Art „marxistischen Bibel“ wurde. In  dieser Schrift und in „Zum Ursprung der Familie“, die er nach Marx Tod  schrieb, äußert er sich expliziter zum Staat als Marx. Hier sind auch die verkürzten  Vorstellung von Staat und Sozialismus im allgemeinen „der“  ArbeiterInnenbewegung und später von Lenin angelegt. Nach Engels hat der Staat  die Funktion, die Klassengegensätze im Zaum zu halten. Er sei Instrument der mächtigsten,  ökonomisch herrschenden Klasse, die mittelst ihm auch politisch herrschende  Klasse wird und so neue Mittel erwirbt zur Niederhaltung und Ausbeutung der  unterdrückten Klasse. „So war der antike Staat vor allem Staat der  Sklavenbesitzer zur Niederhaltung der Sklaven, wie der Feudalstaat Organ des  Adels zur Niederhaltung der leibeignen und hörigen Bauern und der moderne Repräsentativstaat  Werkzeug der Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital“ (MEW Bd.21: 166f.)  ist. Damit geht die Spezifik des bürgerlichen Staates als „subjektlose  Gewalt“ (Gerstenberger) verloren. Gleichzeitig müsse der Staat die  allgemeinen äußeren Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise  aufrechterhalten, gegen alle Klassen als „ideeller Gesamtkapitalist“. Der  Staat wird mit weiterer Vergesellschaftung von Produktivkräften und  Staatseigentum zum realen Gesamtkapitalist: Ein Stichwort, das Lenin wieder  aufnimmt. Bei Engels ist der Hauptwiderspruch der von gesellschaftlicher  Produktion und privater Aneignung auf der Grundlage der juristischen  Eigentumsverhältnisse, was sich in der marxistischen Tradition ab der Zweiten  Internationalen durchhalten wird. „Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt  und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum.“ (MEW Bd.20:  261) Mit dem Ende der Klassen gibt es auch keinen Staat mehr. „Das Eingreifen  einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete  nach dem andern überflüssig und schläft dann von selbst ein. An die Stelle  der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen“. (MEW Bd.20:  262) Ausgeblendet wird die Frage nach der Organisationsform und damit das  Problem, dass aus der Verwaltung selbst Herrschaft entspringen kann. Dies zeigte  später Max Weber. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;Sozialdemokratischer  Vernunftstaat, das Rad der Geschichte und Klassenkampf &lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Auf Ferdinand Lassalle  (1825-1864), den Begründer der Deutschen Sozialdemokratie, geht die  Staatszentriertheit und der Umverteilungsdiskurs zurück, den schon Marx in der  Kritik des Gothaer Programms kritisierte. Im sich noch nicht vollständig  durchgesetzten Kapitalismus wird Kritik an demselben, so auch bei Lassalle, aus  vorkapitalistischen Vorstellung gespeist: Angegriffen werden persönliche  Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse, ständische Schranken und unrechtmäßige  Bereicherung&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_5sfc62y&quot; title=&quot;Ähnlich ging es auch vielen anarchistischen KritikerInnen wie Bakunin, Kropotkin, Proudhon u.a., trotz ihres Gespürs für sich verselbstständigende autoritäre Organisationsformen. &quot; href=&quot;#footnote5_5sfc62y&quot;&gt;5&lt;/a&gt;. Dem Staat schreibt Lassalle eine sittliche Natur, die  „sittliche Idee des Arbeiterstandes“ zu, dessen Funktion es sei, zur  Freiheit zu erziehen. Staatsmacht wird so zum Metasubjekt des gesellschaftlichen  Prozesses. Das parlamentarische Wahlrecht bezeichnet er als soziales und als  Grundprinzip des demokratischen Kampfes. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Für Eduard Bernstein  (1850-1932) war eine Abkehr von der Verelendungs- und Zusammenbruchstheorie von  August Bebel (1840-1913) und Karl Kautsky (1854-1938) notwendig. Es dürfe nicht  darum gehen, auf den großen „Kladderadatsch“ (Bebel) zu warten oder in  einen „revolutionärer Attentismus“ (Groh), wie Kautsky mit seinem ökonomistischen  Determinismus, zu verharren. Vielmehr müsse eine evolutionäre Gesellschaftsumwälzung  stattfinden. Diese sei gerade aufgrund der Stärke der ArbeiterInnenklasse möglich.  Im Mittelpunkt steht die immer weitergehende Demokratisierung und Teilhabe an  der Gesellschaft. Dies sei über eine plurale demokratische Gegenmacht qua  Stimmzettel und Selbstverwaltung zu erreichen. Die von Marx vorgelegte  Demokratiekritik, die Freiheit und Gleichheit gerade als Formprinzip des  Kapitalismus dechiffriert, wird für Bernstein Medium und Mittel der  Emanzipation. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Rosa Luxemburg (1870-1919)  dagegen formulierte eine Theorie des Klassenkampfs. Nicht durch Wahlen, sondern  durch die „Ausweitung und Radikalisierung der Massenkämpfe soll die  etatistische Integration der Arbeiterbewegung noch einmal aufgebrochen werden  und ein systemtranszendierender, kollektiver Lernprozess initiiert werden.“ (Heidt  1998: 405) Gerade durch die Fokussierung auf die politische Form (Staat) sei  eine organisatorische und kämpferische Trennung in Partei und Gewerkschaft  erfolgt. Das Parlament sei auch durch die Verallgemeinerung von politischen  Beteilungsrechten kein Medium der Gesellschaftsveränderung, vielmehr Tribüne für  klassenbewusste Aufklärung der Massen. Im Mittelpunkt müsse – im Gegensatz  zu Lenins Vorstellungen – die proletarische Autonomie der Bewegung und die  Notwendigkeit der Überwindung von Staatlichkeit in der neuen Gesellschaft  stehen. Luxemburg betont hierbei immer den postpolitischen Charakter der  sozialen Emanzipation. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;Imperialismus,  Staatsmonopolistischer Kapitalismus und Revisionismus &lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Obwohl auch W. I. Lenin  (1870-1924) in der bürgerlichen Demokratie nichts anderes als einen  Betrugscharakter zu erkennen glaubt, kommt er aufgrund seiner Analyse des  konkreten Kapitalismus zu anderen Einschätzungen in bezug auf den Staat: nämlich  Imperialismus. Die These ist, dass Marx nur den Kapitalismus der  Manufakturperiode und den Konkurrenzkapitalismus analysiert hätte und erst  Lenin den „gegenwärtigen“ Monopolkapitalismus als das höchste und letzte  Stadium des Kapitalismus. Über die Herausbildung von Monopolen verwandele sich  die freie Konkurrenz in eine monopolistische Konkurrenz. Diese These war  innerhalb der Sozialdemokratie weitverbreitet und auch Lenin bezog sich in  seinen Ausführungen wesentlich auf Rudolf Hilferdings’ (1877-1941) These des  Monopolkapitals - wobei dieser von einem geradezu automatischen Hinübergleiten  zum Sozialismus ausging. Lenin dagegen teilte zwar die Aussagen zu den  strukturellen neuen Qualitäten und damit neuen Voraussetzungen für einen Übergang  zum Sozialismus, hielt aber an einem gewaltsamen und revolutionären Umsturz  fest. In dieser Phase des monopolistischen Kapitalismus ist die Warenproduktion,  „obwohl sie nach wie vor ‚herrscht’ und als Grundlage der gesamten  Wirtschaft gilt, in Wirklichkeit bereits untergraben“. (LAW Bd.2: 666) An die  Stelle des Wertgesetzes treten unmittelbare Herrschaftsverhältnisse und die  damit verbundene Gewalt (ebd: 667) als Vermittlung der Reproduktion. Damit  verschmelze politische und ökonomische Macht in einer spezifischen Weise, die  ein neues Verhältnis von Politik und Ökonomie bedeute und eine Steuerungs- und  Planungsmöglichkeit freisetze, die es zu erobern gilt. Nicht ohne Grund sah  Lenin in der Deutschen Post der damaligen Zeit ein Vorbild für die  sozialistische Wirtschaft. Dieser Neutralitätsgedanke der technischen  Organisation der Produktion spiegelt sich in der Vorstellung zum Staat wider. Im  Anschluss an Engels Ausführungen ist für Lenin in &quot;Staat und  Revolution&quot; (1916) der Staat Werkzeug und Organ der Klassenherrschaft,  unabhängig von seiner politischen Form. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Der ambivalente Charakter  der Leninschen Theorie resultiert daraus, dass die Texte sich meist auf konkrete  und strategische Handelungskontexte bezogen, die im Marxismus-Leninismus dagegen  zu allgemeingültigen Formeln wurden. In aller erster Linie war Lenin  Revolutionstheoretiker. Erst mit der Notwendigkeit aus der Praxis heraus machte  sich Lenin Gedanken zum Verhältnis von Staat und Revolution. Während er vor  der Oktoberrevolution durchaus von der Zerschlagung des Staates sprach, was er  selbstkritisch als anarchistische Entgleisung bezeichnete, rückte mit den  praktischen Erfordernissen der instrumentelle Charakter in den Vordergrund:  „Die Sozialisten treten für die Ausnutzung des modernen Staates und seiner  Institutionen im Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse ein sowie für die  Notwendigkeit, den Staat als die eigentümliche Form des Übergangs vom  Kapitalismus zum Sozialismus auszunutzen. Eine solche Übergangsform, ebenfalls  ein Staat, ist die Diktatur des Proletariats.“ (LW  Bd.23: 165f.) &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die Debatten in der  Weimarer Republik waren – nicht zuletzt auf Grund des Drucks, den die  Oktoberrevolution ausübte – geprägt von Kontroverse um die parlamentarische  Demokratie und deren Integrationsleistung. Diese Debatten wurden nicht nur  innerhalb der radikalen Linken geführt, sondern auch in sozialdemokratischen  und linksliberalen Kreisen, die besonders nach der Zerschlagung der  ArbeiterInnenklasse im Nationalsozialismus zu Anfang der Bundesrepublik eine  wesentliche Rolle spielte, da eine radikale Kritik des Parlamentarismus nicht  mehr sozial verankert werden konnte. Stattdessen wurde die Hoffnung auf eine  politische und soziale Transformation der Gesellschaft auf der Grundlage des  Grundgesetzes gesetzt. So bei Wolfgang Abendroth (1906-1985), der einige Überlegungen  von Hermann Heller (1891-1933) aufnahm. Der demokratische Verfassungsstaats wird  hier verstanden als Wirkungseinheit der Konfliktaustragung und -veränderung,  als Einheit durch Repräsentanz der Interessensgegensätze. Das Verständnis  eines „sozialistischen Rechtsstaates“ sollte eine gerechte Ordnung der  Wirtschaft und die Einschränkung des Privateigentums garantieren. Kapitalismus  und Demokratie seien nicht vereinbar. Auch hier fand eine Reduzierung des  Privatcharakters der kapitalistischen Produktionsweise auf die juristischen  Eigentumsverhältnisse statt. „Die von der modernen Gesellschaft  hervorgebrachten demokratischen Verkehrsformen werden in Widerspruch gesetzt zu  der ihnen vorausgehenden, der konstituierenden ökonomischen Basisstruktur. In  der Verkennung des inneren Zusammenhangs von politischer Freiheit und ökonomischer  Zwangsgesetzlichkeit entsteht die illusionäre Hoffnung, durch die Ausweitung  der demokratischen Diskursformen und Kontrollmöglichkeiten den Selbstlauf des  marktwirtschaftlichen Prozesses durchbrechen zu können.“ (Heidt 1998: 414) &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die Theorie des  Staatsmonopolistischen Kapitalismus (StaMoKap) schloss nach dem Zweiten  Weltkrieg an Lenin an. Allerdings wurde der Begriff erst auf einem Treffen der  KPs 1960 in der UdSSR offiziell eingeführt und nach und nach Allgemeingut des  Marxismus-Leninismus jeglicher Couleur. Auch in der Bundesrepublik war es ein  breites Spektrum, das sich affirmativ, wenn auch unterschiedlich auf diesen  Ansatz bezog. Von der DKP und ihren SympathisantInnen, über die Jungsozialisten  bei der SPD bis hin zur akademischen Linken wie Jörg Huffschmid, Stichwortgeber  in der Re-Regulierungsdebatte und Mitbegründer von ATTAC Deutschland (vgl.  Huffschmid 1995). Selbst der Antonio Negri der siebziger Jahre kann in gewisser  Weise hier hinzugezählt werden, wobei als Schlussfolgerung nicht die Eroberung  des Staates, sondern mit dem Angriff auf das Herz des Staates zugleich das  Gravitationsfeld der ganzen Gesellschaftsverhältnisse getroffen werden sollte.  Nach dem Niedergang der westlichen KPs und dem Kollaps des realexistierenden  Sozialismus sind weitere intensive Auseinandersetzungen ausgeblieben. Wenn auch  heute immer noch implizit Vorstellungen des StaMoKap bei politischen Gruppen  vorherrschen, ohne dass diese sie bewusst reflektieren. Nicht nur die  unterschiedlichste Auslegung, sondern auch dass die Theorie immer wieder  modifiziert wurde und werden musste, macht es schwierig, von einem kohärenten  Paradigma zu sprechen. Um an Lenins’ Konzeption der „Fäulnis“ und des  Niedergangs festhalten zu können, wurde von einer immer noch anhaltenden  allgemeinen Krise ausgegangen. Kurz: Mit der zunehmenden Monopolisierung kann  der Kapitalismus nur noch über politische Herrschaft aufrecht bzw. funktionsfähig  gehalten werden. Damit tritt der Staat als „ökonomische Potenz“ auf. Es  geht aber nicht einfach nur um die subjektive Steuerungsfähigkeit des Staates,  sondern um eine qualitativ neue Form der kapitalistischen Regulierung und  letztendlich um ein qualitativ neues Verhältnis von Ökonomie und Politik.  Diese schreiben wieder die strukturellen Ausgangsbedingungen für politische  Strategien vor: Zum einen entstehen neue Bündnisformen, die sich allein in  Opposition zu monopolistischen Kapitalien formieren (antimonopolistische Bündnisse),  zum anderen ist in das neue Verhältnis von Ökonomie und Politik der Übergang  zum Sozialismus bereits eingeschrieben, da der staatsmonopolitische Kapitalismus  ungewollt und objektiv bereits die materielle Vorbereitung des Sozialismus  leistet. Damit ist die Eroberung durch die Arbeiterklasse und seine  Instrumentalisierung für deren langfristige sozialistische Ziele prinzipiell möglich.  Mit der diskursiven Dominanz des Marxismus-Leninismus wurden aus einigen  strategisch-taktischen Aussagen verschiedener Autoren ein kanonisiertes  Dogmengebäude. Unklar bleibt das Spezifische des kapitalistischen  Klassenstaates gegenüber anderen „Staaten“ und damit die Begründung des  Staates als einer Instanz neben und außerhalb der Gesellschaft. Des weiteren  wird der bürgerlichen Wissenschaft die Trennung von Politik und Ökonomie, weil  einfach vorausgesetzt reproduziert, die Vorstellungen vom Staat als Instrument  und einer voluntaristischen Vorstellung staatlicher Macht Vorschub leistet,  vorgeworfen. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;Die  Staatsableitungsdebatte &lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Die sogenannte  Staatsableitungsdebatte begann Anfang der siebziger Jahre und ist Ausdruck  sowohl des Beginns der ökonomischen Krise, als auch der sich transformierenden  sozialen Bewegung nach dem Ende der Studentenrevolten. Nach dem Ende des ersten  Weltkriegs setzte nicht nur in der BRD ein vermeintlich grenzenloses  Wirtschaftswunder ein und die bürgerlichen Wirtschaftstheorie hatte „im  keynesianischen Staat ihr Ei des Kolumbus entdeckt“ (Kostede 1976: 151). Nach  dem scheinbaren Ende der Klassengesellschaft war die Verblüffung über die  repressiven Qualitäten des bundesdeutschen Rechtsstaats und die Grenzen der  staatlichen Steuerungsfähigkeit im Zuge der Verschärfung der Krise groß. Die  Verschärfung der sozialen Kämpfe und das Ende der StudentInnenbewegung  verschoben das politische Terrain. Die parlamentarische Demokratie war in der  Lage disziplinierend in die sozialen Widersprüche einzugreifen. Selbst den  Demokratietheorien, die einen sukzessiven Übergang von der parlamentarischen  Demokratie vorsahen (zum Beispiel Abendroth) waren mit der Notstandgesetzgebung  und dem Ausbau der repressiven Herrschaftsinstrumente objektive Grenzen gesetzt&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_ysoskim&quot; title=&quot;Einen Überblick über links-sozialistische Demokratietheorien bis Ende der achtziger Jahre bietet Demirović 1999&quot; href=&quot;#footnote6_ysoskim&quot;&gt;6&lt;/a&gt;. „Wo die staatlich garantierten Grenzen gesellschaftlicher Konkurrenzen  und Kämpfe nicht mehr zu erweitern waren, wo die Grenzen überschritten wurden  und – auf dem Hintergrund erster gravierender ökonomischer Krisen –  militante Klassenkämpfe antizipierbar wurden und ihrer Entfaltung vorzubeugen  war, war die Staatsgewalt zum Einschreiten gezwungen. Der Tanz der Staatsgewalt  regt bekanntlich die Geister an. Jedenfalls war es – entgegen allem Anschein  – nicht gelehriges wissenschaftliches Interesse, das erneut die Frage nach  jenem dubiosen Charakter des bürgerlichen Staates stellen ließ.“ Kostede  1976: 153f.) &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Vor diesem  gesellschaftlichen Hintergrund und der Abwesenheit einer Marxschen  Staatstheorie, an der kritisch hätte angeschlossen werden können, wurden viele  Fragestellungen mit einem politischen Erkenntnisinteresse formuliert, die aber  bald in sehr abstrakten akademischen Debatten versanden sollten. Die Trennung  von Politik und Ökonomie (= Staat und Gesellschaft), die die Form einer  offiziellen, subjektlosen staatlichen Herrschaft annimmt, sollte nicht einfach  hingenommen, sondern selbst als erklärungswürdig erkannt werden. Eine Frage,  die sich schon der sowjetische Rechtstheoretiker Paschukanis stellte. Auch die  immer wiederkehrende Hoffnung innerhalb emanzipatorischer Bewegungen in den  Staat als regulierende neutrale Instanz und Garant des Allgemeinwohls sollte als  objektive Bewusstseinsform des Kapitalismus begründet werden. Nicht zuletzt die  Frage, wie das Verhältnis von Rechtsstaat/Sozialstaat und Klassenstaat zu  fassen sei. Auch wenn kein „offizielles“ Ende der Debatte zu verzeichnen ist  und die sehr intensiven Auseinandersetzungen sich kaum auf einen Nenner bringen  lassen, sind doch einige Ergebnisse der Debatte festzuhalten. Diese lassen sich  allerdings auf einer sehr allgemeinen und abstrakten Ebene verorten. Damit sind  sie aber nicht unwichtig, vielmehr beanspruchen sie aufgrund der Abstraktheit  Allgemeingültigkeit für jeden Staat in einer kapitalistischen Gesellschaft: In  einer Gesellschaft, in der die kapitalistische Produktionsweise herrscht,  verhalten sich die Menschen als Warenbesitzer und damit als Privateigentümer  zueinander. Frei von persönlichen Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnissen  wird ihr Eigentum von einer dritten Instanz garantiert - dem Staat. Das betrifft  sowohl die Reproduktion der Ware Arbeitskraft als auch die private Verfügungsgewalt  über Produktionsmittel. In diesem Sinne sind die WarenbesitzerInnen als  vereinzelte Einzelne vor der »subjektlosen Gewalt« frei und gleich.  Klassenstaat ist dieser also nicht, weil er Instrument einer herrschenden Klasse  ist, sondern gerade weil sich unter der Form der Neutralität die Ungleichheit  rechtmäßig reproduziert. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Analog zu der  Vergesellschaftung der privaten Warenbesitzer über den Markt in Bezug auf das  Geld nehmen die isolierten StaatsbürgerInnen erst in Bezug auf den Staat eine  Form von Gesellschaftlichkeit an. In diese ist das „Allgemeininteresse“  „Freiheit und Gleichheit“ eingeschrieben - als ideologische Form. Herrschaft  hat sich somit verdoppelt: sie ist einerseits ökonomische und andererseits  politische. In diesen Formen reproduziert sich das Kapitalverhältnis und mit  ihm Herrschaft und Ausbeutung. Damit ist die Funktionsbestimmung des Staates,  die kapitalistische Akkumulation aufrecht zu erhalten, zugleich notwenige  Grundlage seiner eigenen Existenzgrundlage: ausreichende Steuereinnahmen,  begrenzte Sozialausgaben und ein „stabiles“ Geld. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Erst in dieser Form  entsteht so etwas wie ein allgemeines Interesse des Kapitals, steht es doch als  Klasse jenseits des Aushandlungsprozesses der „bürgerlichen Öffentlichkeit“  und dem Diskurs ums „Allgemeinwohl“ in Konkurrenz zueinander. Dieses wird  nicht nur gegen, sondern auch mit der Zustimmung der ausgebeuteten Klasse  durchgesetzt, weshalb Johannes Agnoli davon spricht, dass eine wesentliche  Funktion des Staates die Herstellung des Konsenses der Subalternen zu ihrer  Ausbeutung ist (Agnoli 1975). &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Mit dieser Formbestimmung  wurde gezeigt, dass jeder Staat in einer kapitalistischen Gesellschaft immer  „Staat des Kapitals“ (Agnoli) ist. Damit ist er aber kein Instrument einer  herrschenden Klasse, sondern ein strukturelles Adäquanzverhältnis ist gemeint.  Jeder naiven Variante des Reformismus wurde somit eine Absage erteilt.  Staatliche Politik muss sich innerhalb eines in die gesellschaftliche Struktur  eingeschriebenen „Handlungskorridors“ vollziehen. Damit kann über die Form  Staat überhaupt keine grundlegende Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse  vollzogen werden. Über den Spielraum staatlicher Politik ist damit jedoch noch  nichts ausgesagt. Deshalb versuchen Staatstheoretiker wie Joachim Hirsch die  grundlegenden Überlegungen mit Ansätzen von Gramsci und Poulantzas  fortzuschreiben. Gleichzeitig entstanden aber auch Vorstellungen, zum Beispiel  bei der Marxistische Gruppe (MG) und dem heutigen Organ „Gegenstandpunkt“,  dass diese Formbestimmung des Politischen bereits die Durchsetzung, also  konkrete Handlungen der Agenten, beschreibe. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;Die Krise des Marxismus  und seine Renaissance &lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;1977 rief der französische  Marxist Althusser ganz erfreut die „Krise des Marxismus“ aus. Erfreut  deshalb, weil er in der Krise die Möglichkeit sah, dass die theoretischen  Grundlagen neu reflektiert werden würden. Für die marxistische Staatstheorie  war der nicht sich vollziehende Absterbungsprozess des Staates in den  realsozialistischen Ländern ein Dorn im Auge, war doch noch immer der Staat ein  zentrales Moment für die revolutionäre Strategiediskussion innerhalb der  westlichen KPs. Inzwischen war es innerhalb linker Theoriebildung zu einer  kritischen Wiederaneignung der Theorie des Leninisten Antonio Gramsci  (1891-1937) gekommen. Neben der Kritik des Ökonomismus ging es Gramsci maßgeblich  um die Frage, warum es im Gegensatz zu Russland nicht zu einem revolutionären  Umsturz der Verhältnisse im westlichen Europa kam. Dies machte er an den  „modernen“ Strukturen der Gesellschaft fest, die kein zentrales Machtzentrum  wie das zaristische Russland haben. Diesen Umstand versucht er mit der  analytischen Kategorie des „erweiterten“ bzw. „integralen“ Staates zu  fassen. Den Staat begreift er somit als Einheit einer societá civile  („Zivilgesellschaft“) und societá politica („politischen  Gesellschaft“). Die Zivilgesellschaft, die nicht mit der neutralen Bedeutung,  wie sie heute oft verwandt wird, verwechselt werden darf, wird als „Ensemble  der gemeinhin ‚privat’ genannten Organismen“ (GH Bd.7: 1502) verstanden,  als eine Sphäre, in der um Hegemonie gerungen wird. In der politischen  Gesellschaft wird die direkte Herrschaft im klassischen Sinn durchgesetzt und  „die Disziplin derjenigen Gruppen gewährleistet, die weder aktiv noch passiv  ‚zustimmen’“ (ebd.). Der Staat ist somit „der gesamte Komplex  praktischer und theoretischer Aktivitäten [...], womit die führende Klasse  ihre Herrschaft nicht nur rechtfertigt und aufrechterhält, sondern es ihr auch  gelingt, den aktiven Konsens der Regierten zu erlangen“ (ebd.: 1726). Diese  aktive Zustimmung der Subalternen zu ihrer eigenen gesellschaftlichen Stellung  vollzieht sich durch die Hegemonie als „das Umkämpfte und das Medium des  Kampfes“ (W.F.Haug). Diese konkrete Modalität staatlicher Macht durchzieht  alle gesellschaftlichen Organisationen, institutionalisierte Formen und  kulturelle sowie ethische Praktiken. Bevor es also um die Eroberung der  Staatsmacht in westlichen Gesellschaften gehen könne, so folgert der Leninist  Gramsci, müsse es um den Kampf um und die Sicherung der Hegemonie in der  Zivilgesellschaft gehen. Der „Bewegungskrieg“ müsse von einem  „Stellungskrieg“ abgelöst werden. Aber auch Gramsci, Kind seiner Zeit,  bleibt in leninistischen Vorstellungen verhaftet. Der Staat im engen Sinne wird  weiterhin als eine neutrale Instanz begriffen, die, ist sie einmal über einen  langatmigen Stellungskrieg erobert, einen „sittlichen Staat“ einer  „regulierten Gesellschaft“ (GH Bd.4: 783) darstellt. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Im Anschluss an Gramsci  spricht Lous Althusser (1918-1990) ca. vierzig Jahre später von ideologischen  und repressiven Staatsapparaten und hebt damit die „Materialität“ der  Ideologie bzw. Hegemonie in Apparaten hervor. Während der letztere fast  ausschließlich auf Gewalt beruhe, funktionieren die ersteren vornehmlich über  die herrschende Ideologie – Hegemonie. Der Staat sei die Bedingung der Möglichkeit,  dass Teile der ideologischen Staatsapparate qua bürgerlich recht privat  organisiert seien. Althusser stellt also die Trennung von „öffentlich“ und  „privat“ als solcher in Frage und stellt selbst deren umkämpften Charakter  heraus. In Bezug auf den Staat hebt Althusser die Differenz von Staatsapparat  und Staatsmacht hervor. Dies ist vor dem Hintergrund der Enttäuschung über den  realexistierenden Sozialismus zu sehen, in welchem der Staat, entgegen allem  Vorhersagen, keine Anstände machte, abzusterben. Während also ersterer selbst  unter dem Umstand, dass die Bourgeoisie die politische Herrschaft verloren habe,  fortbestehen könne wie in der Sowjetunion, sei die Staatmacht, „Ziel des  politischen Klassenkampfes“ (Althusser 1973: 125), wechselnden politischen Kräften  „zugänglich“. Deshalb sei in revolutionärer Perspektive der Apparat zu  „zerschlagen“. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Im Anschluss an Louis  Althusser und den strukturalen Marxismus sind zwei theoretische Wege  eingeschlagen worden. Diese sind mit zwei Theoretikern verbunden: Zum einen mit  dem Marxisten Nicos Poulantzas, der erstmals versuchte, eine konsistente  marxistische Staatstheorie zu formulieren, zum anderen mit Michel Foucault  (1926-1984), der sich der Mikrophysik der Macht und Ökonomie der Macht  zuwandte. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Nicos Poulantzas  (1936-1979) thematisiert den Staat als gesellschaftliches Verhältnis und holt  ihn somit als „Instanz“ wieder zurück in die Gesellschaft. Ausgehend von  einer Kritik an Althusser und Foucault kommt er zu seiner berühmten Bestimmung  des Staates als „als ein sich selbstbegründendes Ganzes [...], wie auch [dem]  ‚Kapital’, als ein Verhältnis, genauer als die materielle Verdichtung eines  Kräfteverhältnisses zwischen Klassen und Klassenfraktionen, das sich im Staat  immer in spezifischer Form ausdrückt.“ (Poulantzas 1978: 119). Die  Unterscheidung von repressiven und ideologischen Staatsapparaten nimmt Althusser  zurück, da diese rein deskriptiven Charakter haben. Poulantzas führt zwei Gründe  an, warum das Kategorienpaar repressiv und ideologisch nicht greift: Zum einen lösen  sich ökonomische Funktionen in diesen Apparaten auf und werden unsichtbar und  damit auch die dahinterstehenden Klassen. Zum zweiten wird es kategorial unmöglich  gemacht, dass Apparate sich verschieben und jeweils andere Funktionen übernehmen.  Damit grenzt er sich von zwei, hier bereits aufgeführten, Auffassungen ab: Zum  einen von der Vorstellung des Staates als neutralem Instrument einer Klasse. Zum  anderen von der Sicht auf den Staat als „vernünftigem Subjekt“. Der ersten  hält er die strukturelle Selektionsstrukturen entgegen, die in die Materialität  des Staates eingeschrieben seien. Die Staatsform bevorzugt systematisch  gesellschaftliche Gruppen gegenüber anderen. Diese Strukturen seien in der  gesellschaftlichen Arbeitsteilung der kapitalistischen Produktionsweise  eingelassen. Gegenüber dem instrumentalistischen Kurzschluss unterscheidet er  ähnlich wie Althusser Staatsapparate und Staatsmacht: die Staatsapparate können  nicht auf die Staatsmacht reduziert werden, die im Kapitalismus die Bourgeoisie  innehat. „Eine Veränderung der Staatsmacht allein transformiert die  Materialität des Staatsapparates nicht.“ (ebd.: 121) Diesen Vorstellung kann  Poulantzas also nur entgehen, weil er den Staat als eine soziale Beziehung  begreift, der deshalb keine Macht hat und sie deshalb auch nicht ausüben kann.  Vielmehr ist er durchzogen von gesellschaftlichen (bei ihm meist Klassen-)Kämpfen,  die sich in ihn in einer transformierten Weise einschreiben. Dieser Gedanke ist  auch Ansatzpunkt feministischer Staatstheorien, die diesen nicht als einen „Männerbund“,  sondern ebenfalls als eine gesellschaftliches Verhältnis auffassen – eine  geschlechtsspezifische komplexe materielle Relation (Demirović/Pühl 1997).  Somit ist der Staat trotz seiner „relativen“ Autonomie von den  gesellschaftlichen Klassen als soziale Beziehung in die gesellschaftliche Verhältnisse  „zurückgeholt“. Deshalb gibt es auch keine Materialität des Staates  jenseits von Klassenverhältnissen und deren asymmetrischen gesellschaftlichen  Kräftekonstellation. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Michel Foucault (1926-1984)  dagegen, dem Poulantzas vorwirft, dass er den Machtbegriff auf eine universelle,  nicht weiter fundierte Technik reduziere, versucht, ausgehend von spezifischen  Praktiken und diffusen Formen von Machtbeziehungen den Staat zu ergründen.  Nicht im Staat oder gar im „Wesen“ des Staates sei die Macht konzentriert,  sondern diese sei in allen sozialen Beziehungen allgegenwärtig. Der Staat wird  hier thematisiert als eine autonome Form der politischen Rationalität, die sich  in politischen und Staatsprojekten manifestiert: zum Beispiel im Polizeistaat  oder Sozialstaat. Die Regierungs- oder Staatskunst kann somit konkret als  diskursive Praktik thematisiert und analysiert werden. Damit wird der Staat  nicht als ein den Subjekten äußerliches, sondern als sie gerade  konstituierendes Moment gefasst. „Insgesamt ging es Foucault in seiner  Geschichte der Gouvernementalität um den Nachweis einer Ko-Formierung von  modernen souveränen Staaten und modernem autonomen Subjekt.“ (Lemke 2000: 33)  Die Regierung ist somit die „Gesamtheit der Institutionen und Praktiken,  mittels deren man die Menschen lenkt, von der Verwaltung bis zur Erziehung […]  Gesamtheit von Prozeduren, Techniken, Methoden, welche die Lenkung der Menschen  untereinander gewährleistet“ (Foucault n. Lemke et.al.(2000): 7). Damit wird  der Begriff der Regierung Bindeglied von strategischen Machtbeziehungen und  Herrschaftszuständen (vgl. Pühl/Schultz u.a. in diesem Heft). &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;Wie hältst Du es mit  dem Staat? &lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Nachdem seit fast 20 Jahren  kaum intensive Debatten um den Staat aus einer politisch-strategischen Absicht  geführt wurden, werden mit der zunehmenden Formulierung von Forderungen und  Strategiebestimmungen innerhalb der Linken Differenzen offensichtlich, die sich  meist an der Debatte um „Reform“ oder „Revolution“ entzünden. Die den  Positionen zu Grunde liegenden Differenzen lassen sich jedoch mit der Frage  „Wie hältst Du es mit dem Staat?“ offen legen. Während einige den Staat  als Garanten eines „Allgemeinwohls“ begreifen, an dessen Adresse die an die  Vernunft appellierenden Forderungen gerichtet werden sollten, meinen die  anderen, sich jenseits staatlicher Praktiken zu befinden und erkennen in  konkreten staatlichen Aktivitäten ein immer bereits bestehendes Interesse des  Kapitals. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;Politische Beziehungen sind  mehr als die Summe der ökonomischen Beziehungen und der Staat ist somit im  umfassenden Sinn ein Gebilde, das komplexe soziale Verhältnisse ausdrückt. Das  schließt Klassenverhältnisse, auf die Poulantzas seine Analyse beschränkt,  ebenso ein wie Geschlechterverhältnisse. Damit der Staat aber nicht als ein  form- und lebloses Gebilde konzeptualisiert wird, besteht Poulantzas darauf,  dass der Staat auf die Klassen eine formierende und organisierende Wirkung hat.  Der Staat besitzt eine eigene Materialität, in welche sich die Kräfteverhältnisse  der Klassen einschreiben müssen. Die Form »Staat« ist aber bei Poulantzas  trotz aller Betonung einer »asymmetrischen Form« nichts anderes als ein Kräfteverhältnis.  Die Form „Staat“, so wie sie die Staatsableitung versucht hat zu  konzeptualisieren, ist theoretische Voraussetzung der konkreteren Bestimmung im  Sinne Poulantzas. Wird diese Formbestimmung des Politischen nicht vorgenommen, läuft  man Gefahr, diese allein in Kräfteverhältnisse aufzulösen.Für eine  politische Strategie müsste klar geworden sein, dass Emanzipation nicht über  den Staatapparat erreicht werden kann, da „Menschen nicht mittels Herrschaft  und Zwang befreit werden können“ (Hirsch) und dass gleichzeitig der Staat  nicht einfach Herrschaftsinstrument einer herrschenden Klasse ist. Damit hat  aber eine strategische Auslotung von politischen Handlungsmöglichkeiten erst  begonnen. &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_hluw431&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_hluw431&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Für viele Theoretiker dieser Zeit ist anzumerken, dass sie neben dem hier referierten auch ausführlich zu anderen Themen arbeiteten, besonders der politischen Ökonomie. So: Locke, Montesquieu, etc. Rousseau schrieb sogar den Artikel \&quot;Politische Ökonomie\&quot; in Diderots berühmter Enzyklopädie. &lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_525499j&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_525499j&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Von einer bourgeoisen Klasse kann hier aber ebenso wenig die Rede sein wie von einer bürgerlichen Öffentlichkeit. Beide sind Resultat der vollzogenen Revolution, nicht Voraussetzung (vgl. Gerstenberger 1990). &lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_ggjm0hm&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_ggjm0hm&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Eine Vorstellung, an die utopische Sozialisten wie zum Beispiel Proudhon, immer anknüpften. &lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_rc699ke&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_rc699ke&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Diese rein normative Grundlage findet heute im Kommunitarismus seine Fortsetzung. &lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_5sfc62y&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_5sfc62y&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Ähnlich ging es auch vielen anarchistischen KritikerInnen wie Bakunin, Kropotkin, Proudhon u.a., trotz ihres Gespürs für sich verselbstständigende autoritäre Organisationsformen. &lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_ysoskim&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_ysoskim&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Einen Überblick über links-sozialistische Demokratietheorien bis Ende der achtziger Jahre bietet Demirović 1999&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:40 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ingo Stützle</dc:creator>
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 <title>Tote Hunde wecken?</title>
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                    &lt;p&gt;Heute wird innerhalb der Linken erneut breit über die Funktion des Staates diskutiert. Globalisierung und Krieg sind dabei konkrete Anlässe. Doch zunächst wollen wir über die Staatsableitungsdebatte sprechen, an der Joachim Hirsch beteiligt war. Er ist einer der wenigen, die auch heute noch hervorheben, dass für eine Linke die theoretische Bestimmung der politischen Form, also im engeren Sinne des Staates, notwendig ist.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Joachim Hirsch ist Professor für Politikwissenschaft an der Uni Frankfurt/M. Von ihm erschien jüngst bei VSA: »Herrschaft, Hegemonie und politische Alternativen«, Hamburg 2002, EUR 15.50.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Heute wird innerhalb der Linken erneut breit über die Funktion des Staates diskutiert. Globalisierung und Krieg sind dabei konkrete Anlässe. Doch zunächst wollen wir über die Staatsableitungsdebatte sprechen, an der Joachim Hirsch beteiligt war. Er ist einer der wenigen, die auch heute noch hervorheben, dass für eine Linke die theoretische Bestimmung der politischen Form, also im engeren Sinne des Staates, notwendig ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: Herr Hirsch, Sie waren maßgeblich an der so genannten Staatsableitungsdebatte beteiligt, deren Startschuss 1970 mit dem Artikel »Die Sozialstaatsillusion und der Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital« von Wolfgang Müller und Christel Neusüß in der Zeitschrift »Sozialistische Politik« fiel. Gab es neben dem akademischen auch einen politischen Auslöser?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: Zunächst einmal war die akademische und politische Linke zu der Zeit – im Zeichen der Protestbewegung – nicht so sehr getrennt wie heute. Allgemein war die Linke gesellschaftlich weniger isoliert. Die Staatsableitungsdebatte hatte einen explizit politischen Bezugspunkt. Sie richtete sich – wie schon im Titel des Aufsatzes zum Ausdruck kommt – gegen Illusionen über die Spielräume und Möglichkeiten staatlicher Reformpolitik. Der Hintergrund war die Regierungsübernahme durch die sozial-liberale Koalition 1969 und die damit verbundene Vorstellung, man könne nun eine ernsthafte Politik gesellschaftlicher Veränderung betreiben. Es war die Zeit des »Marschs durch die Institutionen«. Heute, nach der Neuauflage einer sozialdemokratisch geführten Regierung 1998, erleben wir drastisch, wohin er führt. Die Kritik war also durchaus treffend. Mit der »Staatsableitung« sollte die politische Ablehnung des Reformismus theoretisch fundiert und unterstrichen werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: Wo und wie war der Reformismus verortet?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: Natürlich spielte die sozial-liberale Koalition dabei eine zentrale Rolle. Aber auch innerhalb der Protestbewegung gab es starke reformistische Strömungen, von den Jusos bis zur DKP. Sowohl in der Politik als auch in den Sozialwissenschaften herrschte ein Steuerungsoptimismus. Man glaubte, dass mittels staatlicher Reformpolitik eine emanzipatorische Veränderung der Gesellschaft herbeigeführt werden könne. Den Staat sah man als Instrument der Gesellschaftspolitik und die Vorstellung war verbreitet, man könne mit Hilfe des Staates den Kapitalismus endgültig bändigen oder – wie es in den jüngsten entsprechenden Debatten hieß – »zivilisieren«. Die staatliche Repression richtete sich zunächst einmal gegen Teile der radikaleren Linken. Gegenüber der Arbeiterklasse wurden dagegen bis zur Krise Mitte der siebziger Jahre durchaus spürbare materielle Konzessionen gemacht. Auch an den Schulen und Hochschulen war die Berufsverbotspolitik durchaus mit einer Reformstrategie verbunden: quantitativer Ausbau, Öffnung, mehr Mitbestimmung usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: Der Steuerungsoptimismus hat ja seine Wurzeln im Staatsfetischismus der Sozialdemokratie und des Leninismus. Eigentlich ist der Staatsableitung nur die eigene unaufgearbeitete Vergangenheit auf die Füße gefallen...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: Zur unaufgearbeiteten Vergangenheit muss noch gesagt werden, dass kritisch-materialistische Theorie seit dem Nationalsozialismus bis zum Ende der Adenauer-Republik systematisch unterdrückt worden war. Das änderte sich erst mit der Studentenbewegung. Das heißt, dass sich eine Generation lange verschüttete Theorien und Diskussionen ganz neu aneignen musste. Und in der Tat schien sich der Steuerungsoptimismus bis zum Beginn der siebziger Jahre zu bestätigen, z.B. bei der Überwindung der Krise von 1966, die zum Sturz der Erhard-Regierung geführt hatte. Mit der großen Weltwirtschaftskrise Mitte der siebziger Jahre war damit allerdings Schluss. Diese markiert – bezeichnet durch den Sturz von Bundeskanzler Brandt – auch das Ende des sozialdemokratischen Reformismus. Jetzt wurde wieder deutlich, dass im Kapitalismus Krisen unvermeidlich sind und der Staat gegen die Dynamik des Kapitals nicht viel ausrichten kann. Insofern wurde die Reformismuskritik praktisch bestätigt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: Der russische Rechtsgelehrte Eugen Paschukanis hat bereits 1930 eine programmatische Frage gestellt: »Warum bleibt die Klassenherrschaft nicht das, was sie ist, d.h. die faktische Unterwerfung eines Teiles der Bevölkerung unter die andere? Warum nimmt sie die Form einer offiziellen staatlichen Herrschaft an, oder – was dasselbe ist – warum wird der Apparat des staatlichen Zwanges nicht als privater Apparat der herrschenden Klasse geschaffen, warum spaltet er sich von der letzteren ab und nimmt die Form eines unpersönlichen, von der Gesellschaft losgelösten Apparates der öffentlichen Macht an?« Wurde diese Frage grundlegend geklärt?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: Ja, diese Frage wurde geklärt. Die Antwort war, kurz gesagt, dass der Staat weder ein eigenes Subjekt noch ein neutrales Instrument ist, das von einer Machtgruppe oder Klasse beliebig einsetzbar ist – wie das etwa die kritischeren Pluralismustheorien oder auch die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus behauptet haben –, sondern ein struktureller Bestandteil des kapitalistischen Produktionsverhältnisses selbst, seine besondere politische Form. Die kapitalistischen Klassen- und Ausbeutungsbeziehungen sind so gestaltet, dass die ökonomisch herrschende Klasse nicht unmittelbar politisch herrschen kann, sondern ihre Herrschaft sich erst mittels einer von den Klassen relativ getrennten Instanz, des Staates, realisieren kann. Gleichzeitig bleibt der Staat der Struktur- und Funktionslogik der kapitalistischen Gesellschaft unterworfen. Er ist keine Instanz, die außerhalb des Kapitals steht. Der bürgerliche Staat ist also Klassenstaat, ohne das unmittelbare Instrument einer Klasse zu sein. Und eben diese »Besonderung« oder »relative Autonomie« des Staates ist die Basis der Staatsillusion.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: War die so genannte Theorie des »Staatsmonopolistischen Kapitalismus«, also die Stamokap-Theorie, da nicht konkreter, z.B. in der Forderung nach so genannten »antimonopolistischen Bündnissen«?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: Die Stamokap-Theorie, die davon ausging, dass der Staat das unmittelbare Instrument der Monopole sei, konnte in der Tat konkreter erscheinen und vor allem rechtfertigte sie eben eine staatsreformistische und somit unmittelbar praktikabel erscheinende Strategie. Sie befasste sich überhaupt nicht mit der komplexen Struktur der bürgerlichen Gesellschaft und verlangte weniger theoretische Anstrengungen. Sie bezeichnete sich zwar als »marxistisch«, aber mit den Kernbestandteilen der Marx&#039;schen Theorie wurde überhaupt nicht gearbeitet. Diese Einfachheit und scheinbare aktuelle Brauchbarkeit hat ihre Anziehungskraft ausgemacht, bekanntlich bis in weite Teile der Sozialdemokratie hinein. Die Vorstellung war, durch ein breites Bündnis, das von der Arbeiterklasse über die Mittelklassen bis zum nicht-monopolistischen Kapital reicht, ein Kräfteverhältnis schaffen zu können, das zur Grundlage einer umfassenden Reformpolitik werden sollte. Man sieht, dass – theoretisch – die Nähe zu sozialdemokratischen und »volksparteilichen« Reformvorstellungen recht groß war. Wie gesagt, die Stamokap-Theorie ist eher eine linke Pluralismus-Theorie und hat insofern, wenn man so will, einen »bürgerlichen« Charakter. Dagegen bezieht sich die materialistische Staatstheorie, so wie sie in der Staatsableitungsdebatte praktiziert wurde, auf die Kernaussagen der Marx&#039;schen Kritik der politischen Ökonomie und versucht diese – als Kritik der Politik – weiter zu entwickeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: Warum endete die Staatsableitungsdebatte Ende der siebziger Jahre so abrupt?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: Einer der Gründe liegt sicher darin, dass die Staatsableitungsdebatte auf einem hoch abstrakten Niveau geführt wurde und bisweilen die Züge theoretischer Glasperlenspiele annahm. Vor allem wurde ihr Stellenwert oft verkannt. Die Staatsableitung ist ja keine fertige Staatstheorie, sondern eben die Bestimmung der politischen Form der bürgerlichen Gesellschaft, die in einen umfassenderen theoretischen und historischen Kontext gestellt werden muss. Wenn dies nicht gemacht wird, läuft man wirklich in eine theoretische Sackgasse. Deshalb kam es in der Folge zu einer verstärkten Beschäftigung mit anderen Theorieansätzen, z.B. von Gramsci oder Poulantzas und später der Regulationstheorie und es wurde versucht, diese mit den Ergebnissen der materialistischen Staatskritik zu verbinden. Insofern ist das abrupte Ende in gewisser Weise auch der Ausdruck einer theoretisch sinnvollen Entwicklung. Wichtig für das Ende der Debatte war jedoch nicht nur diese innertheore tische Problematik, sondern auf dem politischen Feld das Auftreten der so genannten neuen sozialen Bewegungen, deren theoretische Orientierungen, soweit überhaupt vorhanden, eher diffus waren. Schließlich brachte die Gründung und der Erfolg der Grünen eine neue Konjunktur der reformistischen Staatsillusion und diese stellte die materialistische Staatskritik praktisch ins Abseits.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: In Ihren staatstheoretischen Arbeiten verweisen Sie zumeist neben der Staatsableitungsdebatte auf Antonio Gramsci und Nicos Poulantzas. Was ist aus Ihrer Sicht so wichtig an diesen beiden Autoren? Warum erlebt Poulantzas ein Revival, die Staatsableitungsdebatte aber nicht?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: »Neben« ist nicht ganz zutreffend. Die Ansätze von Gramsci und Poulantzas können mit den Ergebnissen der Staatsableitung in einiger Hinsicht präzisiert und weiterentwickelt werden. Kurz gesagt, geht es bei Gramsci vor allem um die Analyse hegemonialer Prozesse und das komplexe Verhältnis von Staat und »ziviler« Gesellschaft. Bei Poulantzas steht die Bestimmung des bürgerlichen Staates als widersprüchliche Form der Institutionalisierung von Klassenbeziehungen im Vordergrund. Beides spielte in der Staatsableitungsdebatte überhaupt keine Rolle. Poulantzas erlebt heute vielleicht deshalb ein Revival, weil sein Ansatz am ehesten geeignet ist, die Reformismusdebatte genauer zu führen, ohne Reformillusionen zu verfallen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: Wenn Anfang der siebziger Jahre politischer Aufhänger war, gegen den Reformismus gerichtet zu sein, was wäre heute ein politischer Ausgangspunkt? Eine erneuerte Debatte um Reform oder Revolution?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: Mit der alten Unterscheidung von Reform und Revolution kommt man heute nicht mehr sehr weit. Für eine aktuelle Staatstheorie ist die Staatsableitungsdebatte gewissermaßen ein toter Hund. Sie war richtig und notwendig, aber man muss nun eben über sie hinausgehen. Dies betrifft auch die abstrakte Kritik am Reformismus. Man muss realisieren, dass der Staat zwar Produkt und Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft und kein politischer Hebel außerhalb ihrer ist, aber zugleich auch ein bedeutsames Kampffeld. D.h. er kann zwar kein Instrument emanzipativer Gesellschaftsveränderung sein, aber zugleich beeinflussen staatliche Kämpfe gesellschaftliche Kräfteverhältnisse und die Bedingungen politischen Handelns. Es geht also, wie John Holloway es einmal formuliert hat, um eine Strategie »im und gegen den Staat«. Nähme man das ernst, so würde auch die ganze Debatte um »Attac« nicht mehr so abstrakt geführt, wie es momentan manchmal der Fall ist. Als Analyse der politischen Form der bürgerlichen Gesellschaft bleibt die Staatsableitungsdebatte gültig und unverzichtbar. Notwendig ist aber darüber hinaus ein theoretisches Konzept, das es ermöglicht, historische Strukturveränderungen des Kapitalismus und des Staates, konkrete Klassenstrukturen, hegemoniale Prozesse und Krisen zu verstehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: Sie benutzen zur Beschreibung internationaler politischer Regulation den Begriff der »Re-Feudalisierung« und verweisen dabei auf eine Prekarisierung der politischen Form. Ist dieser Begriff nicht irreführend bzw. wird mit dem Verlust an Demokratie auf internationaler Ebene nicht einer idealistischen Demokratievorstellung auf nationaler Ebene das Wort geredet?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: Ich gebe zu, dass der Begriff nicht ganz treffend ist, weil er das Wiederauferstehen mittelalterlicher Verhältnisse suggeriert. Das wird dem zu beschreibenden Tatbestand nicht ganz gerecht. Die Feststellung, dass die liberale Demokratie infolge der Internationalisierung des Staates immer stärker leer läuft, ist erst mal eine Zustandsbeschreibung und keine Idealisierung. Ich sage ja auch immer genau: die bürgerlich-liberale Demokratie. Zerfällt diese aber, dann verändert sich auch der politische und soziale Reproduktionsmodus der Gesellschaft und das muss man sehr ernst nehmen. Dahinter steht ein zentrales theoretisches und politisches Problem: Es geht nämlich darum, ob sich im Prozess der sogenannten Globalisierung eine derartige Veränderung der staatlichen Strukturen durchsetzt – Stichworte sind Internationalisierung und Privatisierung –, dass die spezifische kapitalistische Formbestimmung als eine von der Ökonomie und den gesellschaftlichen Klassen relativ getrennte Instanz in Frage gestellt wird. Das würde die Grundlagen des kapitalistischen Produktionsverhältnisses und die Reproduktionsfähigkeit dieses Systems ernsthaft tangieren. Dies ist keine These, sondern eine Frage. Um sie zu beantworten, braucht man die Theorie, über die wir gesprochen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: Reproduktionsprobleme in dem Sinne, dass der nationale Staat verschwindet bzw. abstirbt? Oder im Sinne von Antonio Negris und Michael Hardts These vom »Empire«?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: Nein, nicht im Sinne der Empire-These. Dieses Buch halte ich für theoretisch ziemlich schwach und damit auch für politisch problematisch. Von ihrem Ansatz her können sie diese Frage nicht einmal stellen, geschweige denn beantworten. Es ist kein Zufall, dass sich diese Autoren über die Zukunft des Staates in höchst ungenauer und widersprüchlicher Form äußern. Sie verstehen ihn halt nicht. Und damit steht auch der Begriff des »Empires« auf einigermaßen wackligen Füßen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A!: Könnten Sie das genauer ausführen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;J.H.: Diese Kritik auszuführen ist hier nur schwer möglich. Ich müsste dann all das tun, was Negri und Hardt unterlassen haben. Deshalb nur ein paar kurze Bemerkungen: Es käme darauf an, das Kapital nicht als ein Subjekt, sondern als ein soziales Verhältnis zu begreifen. Tut man das, dann ist die abstrakte Entgegensetzung von »Multitude« – was immer das sei – und »Empire« nicht mehr möglich. Statt von einem nebulösen »Empire« zu reden, sollte man sich besser genau mit der aktuellen Transformation von Staat und Staatensystem im Kontext der globalen Reorganisation der Klassen- und Ausbeutungsbeziehungen beschäftigen. Und man sollte überhaupt nicht so nachlässig über den Staat reden. Er ist nach wie vor der Kristallisationspunkt und das institutionelle Zentrum der bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Beschäftigt man sich nicht mit ihm, dann vernachlässigt man diese theoretisch. Deshalb kommt es auch zu der manchmal verblüffenden Nähe von Negri und Hardt zu neoliberalen Theoretikern. Und das hat politisch fatale Folgen, weil vielfältige Illusionen produziert werden. Nicht zuletzt diese, der Kapitalismus sei eigentlich schon überwunden, was ich für eine offensichtlich kontrafaktische Fehleinschätzung halte. Einen politischen Ansatzpunkt für die staatstheoretische Arbeit sehe ich heute am ehesten in der sich verbreiternden globalisierungskritischen Bewegung, die um eine Klärung der »Staatsfrage« überhaupt nicht herumkommt. Davon wird ihre weitere Entwicklung ganz wesentlich abhängen. Die Debatte findet ja auch wieder statt. Und damit werden vielleicht auch einige für tot gehaltene theoretische Hunde wieder lebendig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Interview führten HW und CHB&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:39 +0000</pubDate>
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 <title>Sand im antikapitalistischen Alltagsverstand</title>
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                    &lt;p&gt;Kapitalismuskritik ist wieder in. Seit die Auswirkungen der neueren Kapitalismusentwicklung, gerne Globalisierung genannt, offensichtlich geworden sind, fordern auch FunktionsträgerInnen des Kapitals und Teile der politischen Klassen einen gebändigten und regulierten Kapitalismus. Meistens haben sie es auf die Finanzmärkte abgesehen, die im Gegensatz zu einem &quot;normalen&quot; Kapitalismus scheinbar kein Interesse am &quot;Allgemeinwohl&quot; haben. Neu diskutiert werden Kapitalismus und dessen Kritik mit dem offensiven Auftreten der &quot;Antiglobalisierungsbewegung&quot;. Vor allem mit Attac.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;Kapitalismuskritik ist wieder in. Seit die Auswirkungen der neueren Kapitalismusentwicklung, gerne Globalisierung genannt, offensichtlich geworden sind, fordern auch FunktionsträgerInnen des Kapitals und Teile der politischen Klassen einen gebändigten und regulierten Kapitalismus. Meistens haben sie es auf die Finanzmärkte abgesehen, die im Gegensatz zu einem &quot;normalen&quot; Kapitalismus scheinbar kein Interesse am &quot;Allgemeinwohl&quot; haben. Neu diskutiert werden Kapitalismus und dessen Kritik mit dem offensiven Auftreten der &quot;Antiglobalisierungsbewegung&quot;. Vor allem mit Attac.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Attac gründete sich in Frankreich offiziell Anfang 1998, fand mit dem &quot;Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte&quot; sein deutsches Pendant und stand für &quot;Action pour une taxe Tobin d&#039;aide aux citoyens&quot; (Aktion für eine Tobin-Steuer als Hilfe für die BürgerInnen), meint aber &quot;sowohl in Frankreich als auch hier längst über den Fokus auf die Devisentransaktionssteuer (&quot;Tobin-Steuer&quot;) hinausgewachsen&quot; zu sein, weshalb wohl der Name des Stichwortgebers einer allgemeineren Formulierung weichen musste: &quot;Association pour une Taxation des Transactions financières pour l&#039;Aide aux Citoyens&quot; (Vereinigung für eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Wohle der BürgerInnen). Für eine Auseinandersetzung ist es wichtig zu wissen, dass Attac Deutschland zunächst aus einem Zusammenschluss verschiedener NGOs entstanden ist und erst im Zuge der Bewegungskonjunktur der Globalisierungskritiker stark angewachsen ist. Attac ist zum Auffangbecken für politisch Tatendurstige geworden, die anscheinend anderswo - z.B. in der radikalen Linken - keine entsprechenden Anknüpfungspunkte gefunden haben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kapitalismus und Krise&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Eine der hervorstechendsten Entwicklungen seit den 1970er Jahren ist die Herausbildung eines globalen Finanzmarktes und die damit einhergehenden quantitativen Veränderungen im Zuge von De-Regulierung und Liberalisierung von Kapitalbewegungen. Auf diese hat es die Gruppe Attac abgesehen. Auch wenn die geforderte Tobin-Tax nicht die einzige Forderung ist, ist die &quot;fünfte Gewalt&quot;, wie die Finanzmärkte genannt werden, Dreh- und Angelpunkt der Theorie und Praxis. In den Finanzmärkten bzw. in deren Repräsentanten wird die Macht gesehen, die Politik im Allgemeinen und nationalstaatliche Politik im Besonderen in die Mangel nimmt und die zunehmend alle Lebensbereiche durchdringt. Sie machen auch die scheinbare neue Qualität des Kapitalismus aus, welchen es zu zähmen gelte. Zum anderen wird in den Finanzmärkten das Moment des Kapitalismus gesehen, welches im Alltagsverstand der Menschen präsent ist. Darauf bauen ihre Kampagnen. JedeR, so die These, fühlt sich von den allgegenwärtigen Finanzmärkten betroffen und lasse sich über diese mobilisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Peter Wahl, der eher dem linken Spektrum bei Attac zuzuordnen ist, lehnt in einer Auseinandersetzung mit dem BUKO (Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen) die Notwendigkeit eines &quot;elaborierten Krisen- und Kapitalismusbegriff&quot; für Attac ab. &quot;Vage Gefühle&quot;, &quot;spontane Kritik&quot; und &quot;emotionale Empörung&quot; seien ausreichend. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, denn selbst wenn man dem zustimmen würde, liegen implizit bestimmte Vorstellung von Krise und Kapitalismus zugrunde. Das wird offensichtlich, wenn der Ökonom Jörg Huffschmid, Gründungsmitglied bei Attac Deutschland, als theoretischer Stichwortgeber fungiert. So schreibt er in einem von Attac vertriebenen Faltblatt, dass das &quot;wesentliche Problem moderner kapitalistischer Systeme&quot; in der &quot;ständigen Produktion eines Kapitalüberschusses&quot; liege, &quot;der wegen unzureichender Binnennachfrage nicht mehr rentabel investiert werden kann.&quot; Damit wird die Anarchie des Marktes, eine ständige Disproportion von Produktion und Konsumtion für alles Übel im Kapitalismus verantwortlicht gemacht (Unterkonsumtionstheorie). Dem liegt die Fehlannahme zugrunde, dass nur Konsumgüter nachgefragt werden könnten. Nachfragen nach Produktionsmittel werden nur als &quot;Input&quot; für die Produktion von Konsumgütern wahrgenommen. Aber die Nachfrage nach Produktionsmitteln, die wiederum Produktionsmittel produzieren, ist für die kapitalistische Produktionsweise konstitutiv, da sie auf dem ständigen Zwang zu Produktivkraftentwicklung beruht und damit dem Einsatz neuer Produktionstechniken und -technologien. Produktive Investitionen unterliegen wiederum dem kapitalistischen Verwertungszwang. Investiert wird, wenn es eine Aussicht auf Verwertung gibt. Damit ist man bereits mitten in der Frage nach der Dynamik des kapitalistischen Akkumulationsprozesses und dem Verhältnis von Produktivkapital und Geldkapital. Produktion im Kapitalismus ist immer Spekulation auf eine möglichst gute Profitrate. Auch bei der Investition in produktives Kapital bleibt unklar, ob es sich nach den Erwartungen verwertet. Das wusste selbst der keiner kommunistischen Umtriebe verdächtige Keynes: &quot;We simply do not know&quot;. Weiter schreibt Huffschmid in einer Beilage zur tageszeitung, dass sich die Tobin-Tax darauf richte, &quot;die verkehrten Verhältnisse wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen: nicht die Finanzanleger sollen die Ziele der Wirtschaft und der Wirtschaftspolitik bestimmen, sondern demokratische Wirtschaftspolitik, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert&quot;. Dann würden die Finanzmärkte auch &quot;eine sinnvolle und wichtige Rolle spielen können&quot;. Diese sei die Finanzierung von Produktion, die natürlich dem &quot;Allgemeinwohl&quot; zugute kommt. Heutige Finanzinstrumente seien zu &quot;reinen Wetten geworden&quot;. Offensichtlich sind die verkehrten gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich in der scheinbaren Natürlichkeit dieser Verhältnisse ausdrückt, bei Attac nicht mehr umzuwerfen, sondern &quot;vernünftig&quot; und &quot;demokratisch&quot; einzurichten. Das bedeutet, jegliche Form der Ausbeutung und Herrschaft in der kapitalistischen Produktion auszublenden und als gottgegeben hinzunehmen. Daran schließt das implizite Verständnis an, dass Kapitalismus irgendetwas mit &quot;Allgemeinwohl&quot; zu tun habe und bürgerliche Demokratie als solche gar nicht so schlecht sei. Dem schließt sich auch die Vorstellung an, über die Verwendung des Ertrags aus der Tobin-Tax könne demokratisch entschieden werde. Verteilung von und Zugang zu gesellschaftlichem Reichtum findet nur&amp;nbsp; im Nachhinein über den lieben Staat statt, und die zu Grunde liegenden Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse werden somit hingenommen. Weiter wird &quot;eine völlig neue Qualität internationaler Wirtschaft&quot; suggeriert. Ein entfesselter Markt und die &quot;Diktatur der Finanzmärkte&quot; stehen einem imaginierten gebändigten Kapitalismus gegenüber. Nicht nur, dass auf jegliche radikale Kritik an Kapitalismus und ihm spezifischen Politikformen (Staat) verzichtet wird. Warum es einen neuen Kapitalismus geben soll, bleibt im Dunkeln. Die suggerierte neue Qualität des Kapitalismus wird immer wieder mit den enormen Summen belegt, die sich täglich über den Erdball bewegen. Anstatt von einer quantitativen Beschreibung auf qualitative Veränderungen zu schließen, gilt es vielmehr, die beobachteten quantitativen Entwicklungen mit qualitativen Unterschieden zwischen verschiedenen Märkten zu begründen. Charakteristisch für Finanzmärkte ist nicht eine grundlegend andere Funktionsweise von Kapitalismus, sondern zum einen die Eigenschaften der getauschten Waren: Zeit, Erwartung, Risiko, etc. Zum anderen dominiert auf dem Finanzsektor nicht nur die nicht-zeitgleiche Zahlung, sondern es werden sogar Zeit-Kontrakte gehandelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Des Weiteren werden die für den Kapitalismus immer schon strukturellen Determinanten für die Verteilung des Geldkapitals auf die verschiedenen Anlagesphären bei dieser Analyse ausgeblendet. Eine wesentliche Determinante für produktive Investitionen ist die Erwartung höherer Einsparung von variablem Kapital (Arbeitskräften) als Kosten für investiertes konstantes Kapital (Maschinen). Hier verschieben sich die Entscheidungsoptionen, wenn massiv Löhne gedrückt werden, oder durch Klassenkämpfe Löhne steigen. Was bei Attac in den Vordergrund rückt, war ebenso schon immer strukturelle Determinante im kapitalistischen Reproduktionsprozess: das Finanzsystem. Die zu erwartende Profitrate misst sich mit einem gegebenen Zinsfuß. Sie stehen sozusagen in Konkurrenz zueinander. Natürlich ist der Kapitalismus nicht einfach immer derselbe. Das Neue ist u.a., dass die Finanzmärkte im sich globalisierenden Kapitalverhältnis am ehesten einen globalen Markt darstellen. Dies bedeutet, dass Geldkapitalströme und die Durchschnittsprofitrate keinen nationalstaatlichen Rahmen mehr haben. Für die Verwertung von vorgeschossenem Geldkapital werden jetzt globale Standards gesetzt. Mit dieser Entwicklung und den enormen Massen an Kapital sind die Auswirkungen von Krisen und ist die Anfälligkeit zwar gestiegen, was aber nicht bedeutet, dass ein &quot;normaler&quot; Kapitalismus, den Attac ständig suggeriert, eine krisenfreie Veranstaltung ist. Es ist gerade sein wesentliches Kennzeichen, dass sich Akkumulation krisenhaft entwickelt und sich über Krisen immer wieder Dynamik gewaltsam herstellt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Strategische Affirmation&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Nicht nur, dass Politik und Ökonomie analog zu Finanzsystem und produktivem Kapital einander äußerlich erscheinen, geht bei Attac jedes kritische Verständnis von bürgerlich-parlamentarischer Demokratie abhanden. Politik müsse den globalisierten Märkten &quot;nachwachsen&quot; oder diese müssten wieder auf den Boden der FDGO (Freiheitlich-Demokratische-Grundordnung) geholt werden. Mit ihrem ganzen öffentlichen Auftreten wirken sie, auch wenn sie es immer wieder zurückweisen, nur als die Interessenvertretung der Tobin-Tax. In öffentlichen Auseinandersetzungen weisen sie die Kritik immer zurück, die sich allein an dieser Steuer aufhält. Es sei klar, dass diese nicht so viel bringen würde und dass es sich eher um ein taktisches Verhältnis handele. Hier trifft der vom BUKO erhobene Vorwurf, Attac verkaufe die Leute, die sie gewinnen wolle, für dumm. Bei Attac geht es ständig um alternative politische Entscheidungen, darum, den &quot;Verlierer parlamentarische Demokratie&quot; (Wahl) wieder zu bestärken. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sowohl der ehemalige französische Innenminister und stolzes Attac-Mitglied Chevènement öffentlich als Star auftreten kann, als auch der ehemalige deutsche Finanzminister Lafontaine auf dem bundesdeutschen Attac-Kongress in Berlin. Die Grundlage für eine Zusammenarbeit mit Funktionären, die u.a. auch für Abschiebungen mit Todesfolge und keynesianischer Wirtschaftspolitik stehen, bleibt ungeklärt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Auseinandersetzungen um die Strategie bei Attac wird gerne auf Anschlussfähigkeit und Alltagsverstand verwiesen. In Anlehnung an Gramsci muss der Alltagsverstand einer Kritik unterzogen werden, da er selbst Teil der Verhältnisse ist und somit nicht automatisch oder generell Grundlage für eine andere Politik. Dem aber verweigern sich Attac. Da ihre Kapitalismuskritik innerhalb der Kategorien den Verhältnissen verhaftet bleibt, verwehren sie sich selbst die Möglichkeit dessen, was sie selbst einfordern: eine andere Welt. Mit Kampagnen wie &quot;Stopp Steuerflucht&quot; leisten sie einer Vorstellung von einem gerechten Kapitalismus und einer personifizierender Kritik Vorschub. Ebenso wird mit der Kampagne &quot;Weg mit der Riester-Rente!&quot; an einem Alltagsverstand angeschlossen, der den gerechten Lohn langer harter und produktiver Arbeit von bösen raffgierigen Spekulanten in Gefahr sieht. Auch wenn es unabdingbar ist, an der alltäglichen Lebenserfahrung anzusetzen, gilt es doch die Grammatik des Alltagsverstandes ernst zu nehmen, um nicht Bewusstseinsformen zu reproduzieren, die mit einer emanzipatorischen Politik nicht zu vereinbaren sind. Weiter kann behauptet werden, dass Attac mit ihrer Strategie dem Begriff des &quot;senso comune&quot; alle Ehre machen. Mit dem italienischen Original ist noch eher das Konsensuale zu erkennen. Hegemonietheoretisch tragen sie dazu bei, einen herrschaftlichen Konsenses zu organisieren. Die Bestrebungen von internationalen Organisationen und Regierungen, neue Formen der Regulierung oder Organisation zu etablieren, findet in Attac ein williges Pendant. So wird aus Sand im Getriebe schnell Schmieröl in der Verwertung.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kritik der kritischen Kritik&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Natürlich kann man an Attac und ihren Positionen das pflegen, was Freud den &quot;kleinen Narzissmus der Differenz&quot; genannt hat. Die &quot;Antideutschen Kommunisten&quot; aus Berlin wähnen hinter dem &quot;frisch-fröhlichem Geplapper&quot; etwas, was Attac verbergen wolle. Es hätte den &quot;Zweck&quot;, die eigene Ohnmacht zu verdecken. Dagegen fordern sie ein, sich in die &quot;schärfste Opposition nicht nur zu den Herrschenden, sondern auch zu den stumpfsinnig vorsichhinwurstelnden Massen&quot; zu begeben. Dazu hätten die GlobalisierungsgegnerInnen keinen Mut. Diesen wird allgemein Antisemitismus vorgeworfen und es wird die Argumentation von Silvio Berlusconi aufgenommen, der behauptet, die GlobalisierungsgegnerInnen hätten eine Interessensidentität mit den Tätern der Anschläge vom 11. September: Darin fänden sie nämlich das Spiegelbild ihres Kampfes, so die wackeren Kommunisten. Wenn die vorgetragene Kritik wenigstens geistreich wäre, könnte man sie noch von den &quot;intellektualistischen Elementen&quot; reinigen, wie Gramsci es formuliert. Dem ist aber leider nicht so. Udo Wolter hat dagegen in einer Sondernummer des iz3w die nicht unbegründete Befürchtung, dass sich &quot;linke Irrtümer&quot; mit dem Erstarken des Antikapitalismus wiederholen. Personifizierende Kritik, eine strukturell offene Flanke zum Antisemitismus, vereinfachende dichotome Gegensätze und Antiamerikanismus. Ob hier allerdings die alleinige Arbeit am Begriff hilft, wie es Wolter einfordert, ist fraglich. Natürlich gilt es, &quot;falsche Kategorien&quot; der Gegenbewegung zu kapitalistischer Herrschaft zu thematisieren. Ebenso kommt man nicht um eine Kritik der &quot;objektiven Gedankenformen&quot; (Marx) herum. Aber diese Kritik fällt erst dann auf keine tauben Ohren mehr, wenn es eine &quot;simple Kapitalismuskritik&quot; (G. Hanloser, jungle world 28/01) gibt, also einen antikapitalistischen Alltagsverstand und eine gesellschaftliche Kraft, die radikale Kritik wieder auf die gesellschaftliche Agenda bringt. Und ob diese sich über begriffliche Schärfe herstellen lässt, ist mehr als fraglich.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Was tun?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Kritik an Attac soll v.a. als Aufforderung an uns alle verstanden werden, uns wieder eine radikale Kapitalismus- und Staatskritik anzueignen, sie hegemoniefähig zu machen - durchaus auch in Diskussionen mit Attac. Die Linke muss ihre Defensive und ihr teilweises Versagen auf dem ökonomiekritischen Feld in den letzten 20 Jahre aufarbeiten. In der Theorie wie in der Praxis! Dabei ist aber das wichtig, was Poulantzas den Kampf auf Distanz zum Staat bezeichnet hat. Da er den Begriff des Staates in einem sehr weiten Sinn gebraucht, geht es darum, gegen alle Formen der Politik Widerstand zu leisten, die Herrschaft und Ausbeutung in einem komplexen Ensemble von Institutionen, Organisationen und Kräften reproduzieren. Das bedeutet zum einen, jeder Professionalisierung und Institutionalisierung kritisch zu begegnen. Institutionalisierung ist auf der einen Seite notwendig, nicht nur um Geschichte einer sozialer Bewegungen zu materialisieren, sondern auch, um Kontinuität einer Praxis bewahren zu können. Auf der anderen Seite gibt es keine Institutionen außerhalb der die Gesellschaft konstituierenden Herrschaft- und Machtverhältnisse. Des Weiteren muss es darum gehen, Widerstand und vor allem politische Organisierung wieder in allen Bereiche des Alltags zu verankern und voranzutreiben. In der Alltagspraxis finden die Auseinandersetzungen um den Alltagsverstand statt, hier werden kollektive Wahrnehmungen und Interpretationen von gesellschaftlicher Wirklichkeit geprägt. Diese ist weder einfach gegeben, noch kann sie einfach über aufklärerische Flugblätter verbreitet werden.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ingo Stützle</dc:creator>
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 <title>We may not like it, but we have to be part of it</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/41/we-may-not-like-it-but-we-have-to-be-part-of-it</link>
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                    &lt;p&gt;Man möchte meinen, dass das Ergebnis der Bundestagswahl wie Balsam auf die Seelen der Mitglieder des hiesigen Blocks an der Macht  wirkt. Weit gefehlt, folgt man einem aktuellen Kommentar der FAZ: «Wer es nicht mit Radikalsozialisten zu tun bekommen will, die Mehrheiten für Enteignungen organisieren, hat keinen Grund, sich über den Niedergang der Volkspartei SPD zu freuen». Das Beschwören des Gespenstes ‹Radikalsozialismus› hat sicherlich die Funktion, SPD-PolitikerInnen mit Sympathien für Rot-Rot-Grün das Wasser abzugraben. Aber es ist auch ein Ausdruck der Sorge darüber, dass sich die Anbindung von Lohnabhängigen an den politischen Mainstream lockert. Bei den Arbeitslosen hat die Linkspartei in ganz Deutschland am stärksten abgeschnitten.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Man möchte meinen, dass das Ergebnis der Bundestagswahl wie Balsam auf die Seelen der Mitglieder des hiesigen Blocks an der Macht &lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_79w7hqq&quot; title=&quot;Nach Poulantzas gibt es in kapitalistischen Gesellschaftsformationen nicht einfach eine einheitliche herrschende Klasse, sondern zahlreiche Kapitalfraktionen mit unterschiedlichen Interessen. Sofern die Staatsapparate reibungslos funktionieren, sorgen sie dafür, dass sich diese Fraktionen unter der Führung einer einzigen zusammenschließen. Dies geschieht beispielsweise durch die Ausarbeitung wirtschaftspolitischer Strategien. Ist der Zusammenschluss erfolgreich, kommt es zur Bildung eines ‹Blocks an der Macht›. Dank der dynamisch-krisenhaften Entwicklung der Kapitalakkumulation und der Tatsache, dass diese stets mit Klassenkämpfen einhergeht, müssen sich solche Machtblöcke immer wieder erneuern.&quot; href=&quot;#footnote1_79w7hqq&quot;&gt;1&lt;/a&gt; wirkt. Weit gefehlt, folgt man einem aktuellen Kommentar der FAZ: «Wer es nicht mit Radikalsozialisten zu tun bekommen will, die Mehrheiten für Enteignungen organisieren, hat keinen Grund, sich über den Niedergang der Volkspartei SPD zu freuen». Das Beschwören des Gespenstes ‹Radikalsozialismus› hat sicherlich die Funktion, SPD-PolitikerInnen mit Sympathien für Rot-Rot-Grün das Wasser abzugraben. Aber es ist auch ein Ausdruck der Sorge darüber, dass sich die Anbindung von Lohnabhängigen an den politischen Mainstream lockert. Bei den Arbeitslosen hat die Linkspartei in ganz Deutschland am stärksten abgeschnitten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daraus lässt sich nicht einfach auf eine Radikalisierung schließen. Schließlich ist die Linkspartei im Bezug auf Programmatik und Spitzenpersonal der traditionellen Sozialdemokratie sehr ähnlich. Und so sprechen manche davon, dass sich schlicht eine neue SPD gebildet hat, die der alten die Stimmen abjagt. Das legt nahe, dass die Erfolge der Linkspartei an der politisch-strategischen Ausgangslage für die bewegungsorientierte antikapitalistische Linke nichts geändert haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Solche Einschätzungen ignorieren, dass dank der Besonderheiten der Geschichte der Linkspartei neue Mobilisierungsspielräume entstehen. Für die Linkspartei sind, im Gegensatz zur SPD, Antikommunismus und die rituelle Abgrenzung nach ‹linksaußen› gerade nicht identitätsbildend. Ihr Erstarken bedeutet somit auch eine gesellschaftliche Debattenöffnung und schafft neue Möglichkeiten für Bewegungslinke, an die Empörung über Sozialabbau und die Abwälzung der Kosten der Finanzkrise auf die Lohnabhängigen anzudocken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bislang jedoch gelingt es Bewegungslinken kaum, sich in den Debatten über die Krise Gehör zu verschaffen und breit zu mobilisieren. Dahinter verbergen sich theoretische, strategische und programmatische Schwächen. Insofern ist es tatsächlich geboten, Debatten um Strategie und Ziele zu vertiefen und auszuweiten. Allerdings setzt das ein gewisses Maß an Klarheit über die Grundvoraussetzungen antikapitalistischer Politik voraus. Folglich möchte ich einige dieser Grundvoraussetzungen zum Thema machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kritik an Reform und Revolution&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nicos Poulantzas, einer der bekanntesten marxistischen Staatstheoretiker der Nachkriegszeit, ist ein wichtiger Ratgeber in Strategiefragen. Sein Werk widmet sich ausführlich den besagten Grundvoraussetzungen. Er setzt sich dabei bereits Ende der 1970er Jahren kritisch von bis heute weit verbreiteten strategischen Annahmen ab.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Poulantzas kritisiert linksreformistische Vorstellungen, die den Staat als Träger gesellschaftlicher Veränderung sehen. Diesen Vorstellungen zufolge stellt der Staat eine der demokratischen Willensbildung unterworfene, von Kapitalinteressen unabhängige Instanz dar, die gegen jene das ‹Gemeinwohl› durchsetzt. Nach Poulantzas hingegen zeichnet sich der kapitalistische Staat durch «Schwerfälligkeit» aus: Die Funktionsweise der Staatsapparate bremst Reformvorhaben ab und beschränkt ihre Reichweite, so dass Kapitalinteressen gewahrt bleiben können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man denke in diesem Zusammenhang nur an die langwierigen Verhandlungen in Bundestag und Bundesrat, die der Erlassung der meisten Gesetze voraus gehen. Sie geben der politischen Opposition weitgehende Einspruchsmöglichkeiten und sorgen dafür, dass die betroffenen Kapitalfraktionen Zeit gewinnen, um Einfluss auf das Verfahren zu nehmen. Entsprechend kommt es immer wieder zur Verzögerung und Verwässerung von Reformprojekten – selbst wenn diese dem Willen der WählerInnen entsprechen und die gegebene gesellschaftliche Ordnung keineswegs gefährden. Ein solches Schicksal erlitt beispielsweise der ‹Atomausstieg› unter Rot-Grün. Aus ihm wurde schließlich der ‹Atomkonsens›, der die Laufzeiten von Atomkraftwerken auf mehrere Jahrzehnte hinaus sicherte und heute der neuen Regierung die Chance gibt, den ‹Atomwiedereinstieg› in Angriff zu nehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Poulantzas’ Kritik am Reformismus bedeutet nicht, dass er herkömmliche Revolutionsmodelle der leninistischen bzw. rätekommunistischen Tradition bevorzugen würde. Diesen zufolge handelt es sich beim kapitalistischen Staat um ein Instrument, das die KapitalistInnenklasse zur Absicherung ihrer Herrschaft nutzt. Entsprechend fordern sie den Aufbau einer alternativen Herrschaftsstruktur auf Grundlage von ArbeiterInnen- und SoldatInnenräten. So kommt es zu einer Situation der ‹Doppelherrschaft›, die schließlich in die offene Konfrontation zwischen beiden Lagern mündet. Ist die Revolution erfolgreich, wird der bestehende Staat zerschlagen und durch das Rätesystem ersetzt. Im Zuge dessen wird das Privateigentum an Produktionsmitteln beseitigt und eine sozialistische Ordnung aufgebaut.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Poulantzas wendet gegen die Sichtweise des Staats als Instrument ein, dass auch VertreterInnen der ArbeiterInnenklasse und der Volksmassen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_t8k6wcw&quot; title=&quot;Poulantzas’ Begriff der ‹Volksmassen› bezeichnet all jene Bevölkerungsgruppen, die sich nicht in einer Herrschaftsposition befinden. Er ist also eine Restkategorie und betont zugleich, dass eine Transformationsbewegung weder ausschließlich die Arbeiterklasse betrifft, noch ausschließlich von ihr ausgehen kann. Die Arbeiterklasse bildet in hoch entwickelten kapitalistischen Staaten schließlich keine Bevölkerungsmehrheit. Zudem lassen sich Kämpfe gegen Herrschaftsverhältnisse nicht auf Klassenkämpfe reduzieren. Entsprechend spricht Poulantzas übrigens auch von «Volkskämpfen».&quot; href=&quot;#footnote2_t8k6wcw&quot;&gt;2&lt;/a&gt; Stellungen im Staat beziehen. So gibt es in den meisten westlichen Demokratien im Parlament vertretene Parteien, die aus der Arbeiterbewegung hervor gegangen sind – in Deutschland die SPD und die Linkspartei. Zudem ist gerade im öffentlichen Dienst der gewerkschaftliche Organisierungsgrad für gewöhnlich hoch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun betont Poulantzas, dass die VertreterInnen der Arbeiter-Innenklasse nur als Beherrschte Zugang zum Staat bekommen. Sie haben keinen Zugang zu dessen «hartem Kern», der – je nach Fall – die Spitzen von Regierung und Armee, von wichtigen Ministerien und Geheimdiensten, von Polizei und Justiz umfassen kann. Dieser Kern wird von einem parallelen, den Block an der Macht stützenden Machtnetzwerk abgeschirmt. Solche parallelen Machtnetzwerke ergeben sich zum Beispiel aus der Zugehörigkeit von Staatsbediensteten und PolitikerInnen zu staatstragenden Parteien und Verbänden, aus gemeinsamen Werdegängen in Militär, Universität, Politik und Verwaltung und aus familiären oder freundschaftlichen Verbindungen. Sie werden durch formale Kriterien zusätzlich gestärkt, die die Aufnahme in den Staatsdienst an das Absolvieren bestimmter Ausbildungen oder Studiengänge koppeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zudem sind die VertreterInnen der ArbeiterInnenklasse institutionellen Zwängen ausgesetzt, die eine offensive Politik im Namen der Lohnabhängigen erschweren. Schließlich bedeutet ihre Aufnahme in den Staat, dass sie von der ArbeiterInnenklasse abgetrennt und an das Staatspersonal angebunden werden. So machen sie sich immer wieder Ideologien des Allgemeinwohls zu eigen, die auf die Absicherung von Kapitalinteressen hinaus laufen – die Rentenpolitik des ehemaligen Fliesenlegers, IG-Metall-Funktionärs und SPD-Arbeitsministers Walter Riester dürfte dafür ein gutes Beispiel sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Umgekehrt bedeutet die Gegenwart von VertreterInnen der ArbeiterInnenklasse und der Volksmassen im Staat aber auch, dass Staatsmaßnahmen nicht notwendig immer im Interesse des Blocks an der Macht sind. Der Staat stellt also auch ein Kampffeld dar – selbst wenn die Funktionsweise seiner Apparate darauf ausgerichtet ist, das Bestehende zu erhalten. Poulantzas sieht ihn entsprechend als «materielle Verdichtung eines Kräfteverhältnisses».&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Entsprechend kritisiert Poulantzas Umwälzungsstrategien, die auf Doppelherrschaft und der Zerschlagung des bestehenden Staats beruhen. Dafür bezieht er sich auf den sowjetischen Versuch. Dieser scheiterte seiner Auffassung nach nicht auf Grund eines Zuwenig, sondern eines Zuviel an Rätedemokratie. In Anknüpfung an Rosa Luxemburg argumentiert Poulantzas, dass die Beseitigung parlamentarischer Institutionen die Erlahmung des politischen Lebens zur Folge hatte. Die Einführung des Rätesystems begünstigte also die Vormachtstellung einer Minderheit von ‹ExpertInnen›, auf deren Grundlage wiederum eine neue Form staatlich-bürokratischer Herrschaft entstand.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Poulantzas weist hier auf eine grundsätzliche Schwierigkeit hin, die mit der Einführung von Rätedemokratie entsteht. Deren freiheitlicher Anspruch ist nur dann eingelöst, wenn weite Teile der Bevölkerung sowohl bereit als auch in der Lage sind, an der Willensbildung durch Räte teilzuhaben. Zudem muss gewährleistet sein, dass die Räte auf unterschiedlichen Entscheidungsebenen und in unterschiedlichen Gesellschaftssphären so aufeinander abgestimmt sind, dass Minderheiten nicht systematisch übergangen oder begünstigt werden. Kurzum steht eine funktionierende Rätedemokratie am Ende eines umfassenden gesellschaftlichen Lernprozesses; ihre Existenz lässt sich nicht verordnen. Dieser Lernprozess wird durch die Abschaffung parlamentarischer Institutionen gefährdet, weil somit ein gewichtiges Korrektiv zur möglicherweise unzureichenden Beteiligung von bestimmten Bevölkerungsgruppen an der Willensbildung wegfällt. Das Parlamentsprinzip gewährleistet immerhin, dass weite Teile der Bevölkerung im Moment der Wahl mit gleicher Stimme sprechen können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Poulantzas folgert, dass Staat und parlamentarische Institutionen Kampffelder für die Linke bleiben müssen. Umgehungsstrategien führen nicht zum Erfolg: Geht man den Weg der Doppelmacht, führt das hinterrücks zur Herrschaft einer Minderheit und zur Wiedereinführung bürokratisch-staatlicher Mechanismen. Baut man im Sinne einer autonomen Strategie Institutionen der Selbstverwaltung auf, ohne die Machtfrage zu stellen, bleibt man dem Staat schlicht unterworfen und ergänzt ihn möglicherweise gar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die radikale Transformation des Staats&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Poulantzas stellt also fest, dass eine erfolgreiche Strategie der Linken eine Perspektive der aktiven Veränderung staatlicher Institutionen beinhalten muss. Als Alternative zu Reform und Revolution bringt er entsprechend die «radikale Transformation des Staates» ins Spiel. Sein Motto könnte lauten: &lt;em&gt;We may not like it but we have to be part of it&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gegen Reformbestrebungen hält Poulantzas daran fest, dass es zu einem Bruch kommen muss. Schließlich besteht ein ‹harter Kern› des Staates, der der Arbeiterklasse und den Volksmassen unzugänglich bleibt. Gegen herkömmliche Revolutionsvorstellungen wendet Poulantzas ein, dass ein solcher Bruch nur möglich ist, wenn man Stellungen im Staat besetzt. Der Bruch ist also das Resultat eines langwierigen institutionellen Umbauprozesses, der Möglichkeiten der Mitbestimmung durch repräsentative Demokratie vertieft und damit die Widersprüche innerhalb des Staats verschärft. Es ist offensichtlich, dass sich dieser Prozess nicht einfach als Konfrontation zwischen revolutionären Kräften und Staat beschreiben lässt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Poulantzas’ Forderung nach radikaler Transformation ist jedoch kein Aufruf zu einem ‹Marsch durch die Institutionen›. Denn die Funktionsweise des kapitalistischen Staats lässt es nicht zu, dass EntscheidungsträgerInnen einfach anfangen, Staatsapparate umzubauen. Poulantzas macht sich stattdessen dafür stark, die Klassenkämpfe auf der Ebene der Produktion und die Kämpfe der sozialen Bewegungen insgesamt auf Auseinandersetzungen im Parlament sowie auf Konflikte zwischen und innerhalb der Staatsapparate zu beziehen. Er erhofft sich damit, dass es einerseits zur Transformation des Staats, der parlamentarischen Demokratie und der Parteien und andererseits zur Ausweitung der Selbstverwaltung durch Räte kommt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beide Seiten dienen dabei der jeweils anderen als Korrektiv. Poulantzas baut darauf, dass es den sozialen Bewegungen gelingt, Druck auf PolitikerInnen und Staatsbedienstete aufzubauen. Auf diesem Wege sollen die Funktionsweise von Staatsapparaten und Parteien verändert und institutionelle Zwänge zurückgedrängt werden. Gleichzeitig betont Poulantzas aber auch die Wichtigkeit der parlamentarischen Demokratie als Korrektiv für die Bewegungen. Durch die Existenz von Parteien werden diese gezwungen, sich auf allgemein-politische Ziele zu beziehen, anstatt sich lediglich der Vertretung spezifischer Interessen zu verschreiben. Zudem behindert das Parlamentsprinzip die Herausbildung einer von den Bewegungen ausgehenden Minderheitenherrschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Poulantzas bestreitet nicht, dass diese Vorgehensweise Risiken birgt. Die Vertiefung repräsentativer Demokratie macht es für den Block an der Macht tendenziell leichter, Gegenangriffe zu starten. Die gegenseitige Korrektur von im Staat verankerten Kräften und Bewegungen funktioniert nur, wenn sich beide Seiten im Gleichgewicht befinden und auf einen Bruch mit kapitalistischer Produktion und kapitalistischem Staat hinarbeiten. Andernfalls kommt es schnell dazu, dass Veränderungsimpulse aus dem Machtblock heraus aufgegriffen und erfolgreich an Herrschaftsinteressen angepasst werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Existenz solcher Risiken spricht jedoch nicht grundsätzlich gegen Poulantzas’ Argumentation. Denn strategische Überlegungen beruhen stets auf Abwägungen. So mag es sein, dass man den Schutz vor Gegenangriffen und Anpassungsprozessen durch die Ausschaltung repräsentativer Demokratie erhöhen kann. Aber damit kauft man sich die Gefahr einer Diktatur ein. Das wiegt angesichts der Erfahrungen mit dem autoritären Sozialismus osteuropäischen Zuschnitts schwerer als die Gefahr von Gegenangriffen und Anpassungsprozessen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Strategische Schlussfolgerungen und offene Fragen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Poulantzas formulierte seine Strategievorschläge Ende der 1970er Jahre. Heute fällt es schwer, ähnlich offensiv über antikapitalistische Politik nachzudenken. Dennoch ergeben sich aus dem Gesagten drei Grundvoraussetzungen für politischen Erfolg, die auch in der Gegenwart von Bedeutung sind:&lt;/p&gt;
&lt;ol&gt;
&lt;li&gt; Ein Bruch mit durch den Staat vermittelter Herrschaft ist nur möglich, wenn es sowohl innerhalb als auch außerhalb der Staatsapparate Kräfte der Transformation gibt.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Diese Kräfte müssen sich aufeinander abstimmen und an einer Gesamtstrategie mitwirken.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Dafür bedarf es Vorstellungen davon, wie der Staat und die parlamentarische Demokratie von beiden Seiten aus in Richtung gesamtgesellschaftlicher Selbstverwaltung verändert werden können.&lt;/li&gt;
&lt;/ol&gt;
&lt;p&gt;Nun fehlt es derzeit an einer linken Strategiedebatte um den Staat – und dieses Defizit ist vor allem auf Seiten von VertreterInnen der Bewegungen sichtbar. Kommentare zur Finanzkrise aus dieser Richtung erwähnen den Staat selten bis nie. Das ist nicht nur fahrlässig, sondern auch unnötig. Denn Bewegungslinke hätten einiges in eine solche Debatte einzubringen. Schließlich besitzen sie ein Gespür für Fragestellungen, die Parteilinke zumeist nicht ausreichend berücksichtigen: Wie sind die Bestrebungen zur Bildung rot-rot-grüner Koalitionen angesichts der katastrophalen Erfahrungen mit den Mitte-Links-Regierungen der jüngeren Vergangenheit einzuschätzen? Wie erzwingt man Konzessionen von Staatsseite? Wie kommt man innerhalb einer nationalstaatlich verfassten Gesellschaft angesichts der globalen ökonomischen und ökologischen Krise über den Nationalstaat hinaus?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sicherlich lässt sich eine Staatsdebatte nicht einfach verordnen. Ihre Abwesenheit spiegelt immer auch institutionelle Hindernisse, die einem Dialog zwischen Partei- und Bewegungslinker sowie einer Diskussion innerhalb letzterer entgegenstehen: Bestehende Kampffelder haben sich auf unterschiedliche Weise entwickelt, so dass Kampferfahrungen teils erheblich voneinander abweichen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Darüber sollte man jedoch nicht vergessen, dass sich zumindest Ansatzpunkte für die Freilegung von Kommunikationskanälen finden. Es gibt innerhalb der Linkspartei und auch innerhalb der sozialen Bewegungen nach wie vor Kräfte der gesellschaftlichen Umwälzung. Und vereinzelt bezieht man sich auch aufeinander. Ein Beispiel wäre der offene Brief von Bewegungslinken an die &lt;em&gt;Linke.PDS&lt;/em&gt; im Bundestagswahlkampf 2005, andere die gemeinsamen Mobilisierungen für Heiligendamm im Jahr 2007 sowie für die Krisenproteste im März 2009.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zudem existieren Elemente einer Diskussion über Demokratie und Selbstverwaltung. Im Jahr 2007 besetzte die Belegschaft einer Fahrradfabrik in Nordhausen ihren Betrieb und führte die Produktion in Eigenregie weiter, was auf einiges Interesse unter Bewegungslinken traf. Umgekehrt gab es aus den Reihen der Linkspartei angesichts der Finanzkrise die Forderung, Staatshilfen für Unternehmen an Belegschaftsbeteiligungen zu knüpfen und die ‹Wirtschaft› zu demokratisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es wäre also durchaus möglich, Foren zu eröffnen, in denen über den Staat und Möglichkeiten seiner Veränderung diskutiert werden kann. Damit würde man einerseits diejenigen in der Linkspartei stärken, die dem sozialdemokratischen Kurs der Parteirechten skeptisch gegenüber stehen. Anderseits würde eine solche Debatte dazu beitragen, die Spezialisierungen verschiedener sozialer Bewegungen auf bestimmte Kampffelder aufzubrechen. Die Schaffung von Diskussionsforen genügt sicherlich nicht, um einen Prozess radikaler Transformation in Gang zu setzen. Aber sie würde immerhin ermöglichen, dass er wieder auf die Tagesordnung linker Debatten gesetzt wird.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_79w7hqq&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_79w7hqq&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Nach Poulantzas gibt es in kapitalistischen Gesellschaftsformationen nicht einfach eine einheitliche herrschende Klasse, sondern zahlreiche Kapitalfraktionen mit unterschiedlichen Interessen. Sofern die Staatsapparate reibungslos funktionieren, sorgen sie dafür, dass sich diese Fraktionen unter der Führung einer einzigen zusammenschließen. Dies geschieht beispielsweise durch die Ausarbeitung wirtschaftspolitischer Strategien. Ist der Zusammenschluss erfolgreich, kommt es zur Bildung eines ‹Blocks an der Macht›. Dank der dynamisch-krisenhaften Entwicklung der Kapitalakkumulation und der Tatsache, dass diese stets mit Klassenkämpfen einhergeht, müssen sich solche Machtblöcke immer wieder erneuern.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_t8k6wcw&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_t8k6wcw&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Poulantzas’ Begriff der ‹Volksmassen› bezeichnet all jene Bevölkerungsgruppen, die sich nicht in einer Herrschaftsposition befinden. Er ist also eine Restkategorie und betont zugleich, dass eine Transformationsbewegung weder ausschließlich die Arbeiterklasse betrifft, noch ausschließlich von ihr ausgehen kann. Die Arbeiterklasse bildet in hoch entwickelten kapitalistischen Staaten schließlich keine Bevölkerungsmehrheit. Zudem lassen sich Kämpfe gegen Herrschaftsverhältnisse nicht auf Klassenkämpfe reduzieren. Entsprechend spricht Poulantzas übrigens auch von «Volkskämpfen».&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Fri, 15 Jan 2010 00:57:18 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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