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 <title>arranca! - Operaismus</title>
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 <title>Die Krise des Marxismus  in Italien, Teil II</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/47/die-krise-des-marxismus-in-italien-teil-ii</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Die Theorieströmung des Operaismus entwickelte sich als Antwort auf die  Krise der italienischen Arbeiterbewegung in den 1950er und -60er Jahren.  Die Mit-Untersuchung &lt;em&gt;con-ricerca&lt;/em&gt; spielte bei ihrer  theoretischen und politisch-praktischen Erneue­rung eine zentrale Rolle,  obwohl sie von Anfang an weit davon entfernt war, eine kohärente  Methode zu sein. Diese konzeptionelle Uneindeutigkeit ist bis heute in  den Debatten über Militante Untersuchungen präsent. Das Konzept und die  operaistische Praxis eingreifender Untersuchungen bilden den Schwerpunkt  dieses zweiten Teils.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_4ljctzw&quot; title=&quot;Die Krise der Repräsentation der  Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer  analysiert worden, zu finden unter arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; href=&quot;#footnote1_4ljctzw&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_4ljctzw&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_4ljctzw&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Die Krise der Repräsentation der  Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer  analysiert worden, zu finden unter &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
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&lt;p&gt;Die Theorieströmung des Operaismus entwickelte sich als Antwort auf die Krise der italienischen Arbeiterbewegung in den 1950er und -60er Jahren. Die Mit-Untersuchung &lt;em&gt;con-ricerca&lt;/em&gt; spielte bei ihrer theoretischen und politisch-praktischen Erneue­rung eine zentrale Rolle, obwohl sie von Anfang an weit davon entfernt war, eine kohärente Methode zu sein. Diese konzeptionelle Uneindeutigkeit ist bis heute in den Debatten über Militante Untersuchungen präsent. Das Konzept und die operaistische Praxis eingreifender Untersuchungen bilden den Schwerpunkt dieses zweiten Teils.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_igd9ghn&quot; title=&quot;Die Krise der Repräsentation der Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer analysiert worden, zu finden unter arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; href=&quot;#footnote1_igd9ghn&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;Im Nachkriegsitalien der 1950er Jahre verfolgten die traditio­nellen Institutionen der Arbeiter*innenbewegung eine zunächst erfolgreiche Strategie des «italienische Wegs zum Sozialismus», die eine «progressive» Demokratie gegen Revanchismus und Monarchie durchsetzen konnte. Sie fokussierte einen wirtschaftlichen Wiederaufbau, der auf quantitatives Wachstum und Industrialisierung setzte. Dadurch entfernten sie sich von den konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter*innenschaft. Die Krise des Marxismus in Italien erschien wesentlich als eine Krise der Repräsentation der Arbeiter*innen durch ihre politischen Institutionen. In dieser Situation fanden junge Aktivist*innen ihren Weg in die Fabriken, um Klassenanalyse und Klassenkampf zu verbinden. Für sie bildete die Untersuchung das «erste Instrument» politischer Arbeit. &lt;br /&gt;Fiat spielte für die Entwicklung und Anwendung der Militanten Untersuchung eine bedeutende Rolle. Marco Revelli beschrieb sie in seinem Buch «Fiat und die Arbeiter(innen)» als «Behemoth aus Metall», dessen Größe und Ausdehnung als zugleich faszinierend und abschreckend erscheint: «Fast 3 Millio­nen Quadratkilometer, zur Hälfte überdacht, Eingangstore, verteilt über einen Umfang von mehr als zehn Kilometern, eine Bevölkerung von 30 bis 60 000 Menschen, je nach Tageszeit, mit einem Straßennetz von 22 und einem Eisenbahnnetz von 40 Kilometern. Acht Lokomotiven, täglich 130 abfahrende und eben soviel ankommende Waggons. Fast 40 Kilometer Fließbänder, 223 Kilometer Hochbänder, 13 Kilometer unterirdische Tunnel, 13 000 Werkzeugmaschinen. Ein Telefonnetz in der Größenordnung einer Stadt wie Ivrea, mit 10 000 Anschlüssen und 667 Kilometer Kabel; eigene Stromproduktionskapazitäten zum Abdecken von 50 Prozent des Energiebedarfs – das entspricht einer Million Glühbirnen oder dem Gesamtstromverbrauch einer Stadt wie Triest. Eine jährlich verfeuerte Brennstoffmenge, mit der man 22 000 Wohnungen heizen könnte. Das ist Mirafiori: die größte Fabrik der Welt».&lt;br /&gt;Im Inneren dieses Behemoths begann Anfang der 1950er Jahre ein intensiver Prozess der Neuorganisation des Unternehmens. Zwar stieg auch die Anzahl der Beschäftigten, jedoch bei weitem nicht im gleichen Maße wie die Produktions- und Umsatzkurven. Bei Fiat vollzog sich durch Rationalisierung und Automation der Übergang in eine neue, «neokapitalistische»&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_fo9osah&quot; title=&quot;Der Begriff des Neokapitalismus wurde von italienischen Autor*innen als Beschreibung der Umwälzung der Produktions- und Regulationweise in den 1950er Jahren verwendet. Im internationalen kritischen Diskurs hat sich allerdings der Begriff des Fordismus durchgesetzt.&quot; href=&quot;#footnote2_fo9osah&quot;&gt;2&lt;/a&gt; Phase der Massenproduktion und -konsumtion. Fiat galt als paradigmatisches Beispiel für die Transformationsprozesse innerhalb der «großen Industrie». Die unternehmerischen Entscheidungen, die bei Fiat getroffen und durchgesetzt wurden, aufgrund der Wirtschaftskraft und seiner Einbindung in den internationalen Markt, als «determinierend für die italienische Politik» bezeichnet. &lt;br /&gt;Und schließlich galt Fiat als Ort der «Massenavantgarden», der bewussten kommunistischen Arbeiter*innenschaft. Die Parteizellen der Pci spielte bei Fiat in den 1940er und 1950er Jahren eine derart große Rolle, dass von einer «Vergewerkschaftung der Partei» gesprochen wurde. Im Juli 1948, nachdem der christdemokratische Block aus den landesweiten Wahlen als Sieger hervorgegangen war, wird die Nachricht von einem Attentat auf den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Palmiro Toglitatti bekannt. Als direkte Reaktion besetzen die Fiat-Arbeiter*innen ihre Betriebe und setzen Führungskräfte fest. Fiat stand in vorderster Linie der Protestbewegung, die ganz Italien zu erfassen begann. In Turin trat daraufhin die Partisan*innen organisation wieder in Erscheinung und stellte sich gegen die Linie der Führung der Arbeiter*innenbewegung. Sie wartete auf die Gelegenheit zum Aufstand, doch diese trat nicht ein. Zwei Tage später schafften es die Gewerkschaft und Partei, die Arbeiter*innen zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. &lt;br /&gt;Anfang der 1950er Jahre kam es dann zu vereinzelten Streiks in Form spontaner Kämpfe, die die Fabrik meist nicht als Ganzes erfassten. Diese spontanen, autonomen Kämpfe standen oft in direkter Konfrontation zu den Institutionen der Arbeiter*innenbewegung und ihrer nationalen Linie des wirtschaftlichen Aufschwungs und des italienischen Weges zum Sozialismus . Die 1955 stattfindenden Wahlen zur &lt;em&gt;commissione interna&lt;/em&gt; (vergleichbar mit Betriebsratswahlen) wurden zu einer historischen Niederlage der kommunistischen Gewerkschaft Fiom, die ihre absolute Mehrheit verlor und auf 36 Prozent einbrach. Ab Mitte der 1950er Jahre schien das Zeitalter der Massenavantgarden endgültig der Vergangenheit anzugehören. Fiat galt als befriedet. Im Frühjahr 1962 schließlich begann der Streik um die Erneuerung der Arbeitsverträge der Metallarbeiter*innen. Bereits im Februar 1962 hatte die Turiner Fiom versucht, einen Streik für Gesamt-Fiat auszurufen. Der Versuch missglückte. In den ersten Streiktagen nahmen die Fiat-Arbeiter*innen an diesen Kämpfen nicht teil. Anfang Juli unterschrieb die katholische Gewerkschaft Uil ein separates Abkommen mit der Fiat-Leitung, woraufhin die Uil-Zentrale an der Piazza Statuto in Turin durch Fiat-Arbeiter*innen besetzt wurde. Es folgten drei Tage schwerer Zusammenstöße mit der Polizei. Am Ende dieser Eskalation stand die Mobilisierung von 60 000 Fiat-Arbeiter*innen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Alquati und die «Neuen Kräfte»&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Eineinhalb Jahre vor den Ereignissen auf der Piazza Statuto, zwischen Ende 1960 und Anfang 1961, hatte Romano Alquati, Mitbegründer der Quaderni Rossi (QR)&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_twj05xe&quot; title=&quot;Die zwischen 1961 und 1967 erschienenen Quaderni Rossi (Roten Hefte) können als erstes Organ des sich konstituierenden Operaismus interpretiert werden.&quot; href=&quot;#footnote3_twj05xe&quot;&gt;3&lt;/a&gt;, etwa zwanzig Tage lang vor allem sozialistische und kommunistische Fiom-Mitglieder der commissione interna interviewt. Er wollte so Arbeitsvorschläge und -hypothesen gewinnen, die dem Fernziel dienen sollten, der klassenkämpferischen Energie und der Konfliktfähigkeit vergangener Tage nachzuspüren und sie wieder herzustellen. &lt;br /&gt;Dieser erste provisorische Untersuchungsansatz steht einem sehr weit gefassten Zielhorizont gegenüber: Der «Umwandlung der objektiven Kräfte in subjektive, politisch bewusste Kräfte in einer Perspektive der Überwindung des bestehenden Systems» (Alquati 1974). Die Schwierigkeiten dem Anspruch der Mit-­Untersuchung in der Praxis gerecht zu werden, sah Alquati durchaus: «Die Mituntersuchung [war] entweder eine erst in der Zukunft realisierbare Forderung oder sie war eine mystifizierte und recht kurze Beziehung zwischen irgendwelchen Forschern und einzelnen Arbeitern!» (Alquati 1985). Alquatis Arbeit hat den Sprung von der punktuellen Arbeiter*innenuntersuchung zur Mit-Untersuchung nie geschafft. &lt;br /&gt;Trotz ihres provisorischen Charakters waren Alquatis Ergebnisse von großer Bedeutung für die sich entwickelnde operaistische Strömung. Er stellte die Hypothese neuer Kräfte bei Fiat auf, die offen für den Klassenkampf seien, sich aber nicht mehr in gleicher Weise wie die frühere Facharbeiterschaft mit ihrer ­Tätigkeit identifizierten. Sie seien nicht mehr in der gleichen Weise in und durch die klassische Arbeiterbewegung sozialisiert und lehnten diese teilweise ab. Sie artikulierten sich auch politisch auf deutlich andere Weise. Später sollte auf dieser Grundlage von der «anderen» Arbeiter*innenbewegung gesprochen werden. ­Alquatis Ziel war es, eine Beziehung zu diesen neuen Avantgarden aufzubauen, blieb dabei aber auf halbem Weg stecken. Annäherungen an neue Modelle blieben noch einer traditionellen Parteiperspektive verhaftet.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Konzept der Klassenzusammensetzung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das zweite wesentliche Ergebnis von Alquatis Untersuchung war das Konzept der Klassenzusammensetzung. Dieser operaistische Begriff war von zentraler Bedeutung für die Erneuerung des Marxismus in Italien und darüber hinaus. Ziel des Konzepts ist die Analyse der historisch-konkreten Ausformung der Arbeiter*innenklasse. Dabei sind zwei Komponenten zu unterscheiden: Erstens wird die arbeitsteilige Aufspaltung, Ausdifferenzierung und Parzellierung der kollektiven lebendigen Arbeit, die durch die kapitalistisch-technologische Entwicklung bestimmt wird auf den Begriff der technologischen Klassenzusammensetzung gebracht; zweitens wird die Realität der Arbeitskämpfe, also der subjektive Faktor der Klasse, ihre Kampfbereitschaft und das erreichte Niveau der Klassenkämpfe, unter dem Begriff der «politischen» Zusammensetzung der Arbeiterklasse gefasst.&lt;br /&gt;Der Begriff der Neuzusammensetzung der Klasse basiert auf der Artikulation dieser beiden Momente: Die Einführung einer neuen Technologie kann es erforderlich machen (oder zumindest als effizient erscheinen lassen) den Produktionsprozess zu restrukturieren (Prozessinnovation). Dieser Neubestimmung des Prozesses entspricht dann eine Neuverteilung der lebendigen Arbeit auf seine Einzelteile. Dies macht andere, veränderte Qualifikationen der Arbeitskraft erforderlich, wodurch bisheriges Wissen im und vom Produktionsprozess entwertet wird.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Hypothese der Integration&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In Anknüpfung und zugleich in einer Gegenbewegung zu ­Alquatis Ansatz ist die Untersuchung zu verstehen, die von den ebenfalls in den QR organisierten Autor*innen Dino De Palma, Vittorio Rieser und Edda Salvadori bei Fiat 1960/61 durchgeführt wurde. Anstoß für ihre Untersuchung war das Aufflammen landesweiter Kämpfe um die Tarifverträge 1959/60 und das gleichzeitige Ausbleiben derselben bei Fiat: Ausgangs- und Einstiegspunkt für die Untersuchung bildete die Tatsache, «dass die Fiat-Arbeiter an der Wiederaufnahme der Kämpfe (insbesondere an den Kämpfen um die Tarifverträge von 1959) nicht beteiligt­ waren. [...] Das wurde von uns nicht als eine ‹betriebsinterne› Angelegenheit betrachtet [...], sondern als ein Phänomen von brennender politischer Bedeutung, dem Allgemeingültigkeit zukam» (De Palma/Rieser/Salvadori 1972). &lt;br /&gt;Während Alquatis provisorische Untersuchung die Hypothese von für den Klassenkampf offenen neuen Kräften aufstellte,­ stellen De Palma/Rieser/Salvadori genau die entgegengesetzte Arbeitshypothese an den Anfang ihrer Untersuchung: Die der gelungenen Integration der Arbeiter bei Fiat. Die Autor*innen wollten der Frage nachgehen, wieso es in einer Fabrik mit einer solchen Tradition der Massenavantgarden möglich war, dass die Arbeiter*innenschaft sich nicht mehr an den Kämpfen beteiligte.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Mit-Untersuchung und die Problematik der Soziologie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Differenzen zwischen diesen beiden Untersuchungsansätzen bestehen auch in ihrem Verhältnis zur Soziologie: Während der «soziologischen Flügel» innerhalb der QR, zu dem De Palma,­ Rieser und Salvadori gehörten, die Mit-Untersuchung in die Nähe der Soziologie rückte, zog Romano Alquati eine klare Grenze: Für ihn war die Mit-Untersuchung eine Methode der politischen Aktion an der Basis. Sie sollte gemeinsam mit den kämpfenden Subjekten nach Zielen und entsprechenden Formen des Klassenkampfs suchen und war strikt auf die Autonomie der Arbeiter*innenklasse ausgerichtet und ihr verpflichtet&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_jwn12g7&quot; title=&quot;Eine ähnliche Auffassung vertrat der Arbeitskreis Militante Untersuchung in den 1980er Jahren: www.wildcat-www.de/thekla/08/t08akmu1.htm&quot; href=&quot;#footnote4_jwn12g7&quot;&gt;4&lt;/a&gt;.&lt;br /&gt;Dieser Gegensatz wurde von Raniero Panzieri in seinem Aufsatz «Sozialistischer Gebrauch des Fragebogens» relativiert. In seiner Perspektive war die zentrale Frage nicht die des Verhältnisses der Untersuchung zur Soziologie, sondern die nach der «sozialistischen Anwendung». Während die Soziologie eine Perspektive der Konfliktbewältigung einnehme, gehe es bei einer «sozialistischen Anwendung» der Soziologie darum, einen Standpunkt zu beziehen, der Konflikte dahingehend betrachtete, wie aus ihnen eine Dynamik entwickelt werden kann, die die Konflikte in einen Antagonismus überführt. Panzieri zufolge brauchte es einen Perspektivwechsel hin zu einem «Arbeiterstandpunkt».&lt;br /&gt;Auch Alquati selbst ließ später eine klare Grenzziehung zwischen Mit-Untersuchung und Soziologie hinter sich und führte statt dessen eine graduelle Differenz ein: Auf die wesentlich von ihm selbst durchgeführte Untersuchung bei Fiat 1960/61 bezogen, sprach er davon, dass es sich dabei um eine soziologische Untersuchung gehandelt habe, die er als Provisorium und Hilfsmoment bezeichnet. Er macht aber zugleich die Differenz zum «soziologischen Flügel» der QR deutlich, für den sie genau das Gegenteil war: «die politische Beziehung zum kollektiven Arbeiter und zu seiner anstehenden autonomen Organisierung war ein Mittel, um die soziologische Untersuchung zu realisieren» ­(Alquati 1985). Die Mit-Untersuchung bezeichnet Alquati in diesem Kontext als ein weit entferntes Ziel: In ihr sollte die Arbeiterklasse selbst das Subjekt der Untersuchung sein. In dieser Perspektive erscheint die Mit-Untersuchung als Fluchtpunkt, der nicht unmittelbar zu erreichen ist, weil das Feld, auf dem sie durchgeführt werden soll, noch nicht in entsprechender Weise strukturiert ist. Die soziologische Methode erlaubt hingegen, sich dem Feld zu nähern, es zu erkunden: «Solange man außerhalb stand, hatte die (französische, englische und amerikanische) Industriesoziologie einige Hypothesen anzubieten». &lt;br /&gt;Alquati ging davon aus, dass versucht werden müsse, über die Diskussion der Ausrichtung und des Inhalts der Untersuchung möglichst viele Mit-Untersuchungsgruppen zu konstituieren, also durch einen bewussten Aushandlungsprozess der Inhalte der Untersuchung und durch die Erarbeitung der Themen mit und durch alle Beteiligten, eine größtmögliche Untersuchungsgruppen-Basis zu schaffen. Diesen Prozess verstand er als Organisierungsansatz. Dagegen bestand der soziologische Flügel darauf, dass das Konzept der Untersuchung sich nicht aus der «Summe der Kontakte mit den Arbeitern ergeben» könne. Die Untersuchung müsse «ganz entschieden von &lt;em&gt;uns&lt;/em&gt; gelenkt werden» (De Palma/Rieser/Salvadori 1972).&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Schlussfolgerung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In gewisser Weise haben wir es bei der Militanten Untersuchung mit einer experimentellen Praxis zu tun, die die Unschärfe des Begriffs bedingt. Diese Unschärfe drückt sich unter anderem in den differenten Auffassungen ihres Verhältnisses zur Soziologie aus. Wenn sie anerkannt und in gewisser Weise auch als konstituiv betrachtet wird, kann sie allerdings dazu beitragen zu verstehen, wieso immer noch kontroverse Debatten darüber geführt werden, was denn eigentlich unter dem Begriff zu verstehen sei.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_mb8uhat&quot; title=&quot;Zum Beispiel in der Beilage zur Wildcat Nr. 93, in der FelS vorgeworfen wird, Sinn und Kernelemente einer Militaten Untersuchung nicht zu verstehen.&quot; href=&quot;#footnote5_mb8uhat&quot;&gt;5&lt;/a&gt; Hinzu kommt, dass in der Literatur die Benutzung der Begiffe äußerst uneinheitlich ist. Wieso der Terminus «Arbeiteruntersuchung» gewählt wird und nicht «Mit-Untersuchung» oder vice versa wird in den historischen Texten kaum reflektiert. &lt;br /&gt;Die folgende begriffliche Differenzierung entspricht nicht der historischen Überlieferung, scheint aber insofern sinnvoll, als sie erstens versucht, die Verwendung der unterschiedlichen Termini zu begründen und zweitens eine konzeptionelle Synthese der Auffassung Alquatis und des soziologischen Flügels der QR zu liefern. Die Unterscheidung ist keine sich gegenseitig ausschließende. Sie kann vielmehr auch als eine Stufenabfolge interpretiert werden. &lt;br /&gt;Die Arbeiter*innenuntersuchung: Sie ist eine Untersuchung der Arbeiter*innen durch andere. Das Subjekt-Objekt-Verhältnis (Untersuchende und Untersuchte) bleibt bestehen.&lt;br /&gt;Die Mit-Untersuchung als Versuch zusammen mit einigen (wenigen) Arbeiter*innen, die Arbeiter*innen zu untersuchen. Auch sie bezeichnet ein von außen gesteuertes Vorgehen, das aber den Versuch macht, die verfestigte Subjekt-Objekt-Relation in Frage zu stellen. &lt;br /&gt;Die (Arbeiter*innen-)Selbstuntersuchung als Untersuchung der Arbeiter*innen durch die Arbeiter*innen. Hierin ist das Subjekt-Objekt-Verhältnis tendenziell aufgehoben. &lt;br /&gt;Die Massen(selbst)untersuchung ist die massenhaft­ ausgeweitete Selbstuntersuchung der Arbeiter*innen durch die Arbeiter*innen. Sie ist als ein der Autonomie der Arbeiter*innenklasse verpflichteter Organisierungsansatz zu verstehen.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_igd9ghn&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_igd9ghn&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Die Krise der Repräsentation der Arbeiterbewegung in Italien ist im ersten Teil dieses Artikels genauer analysiert worden, zu finden unter &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;arranca.org/ausgabe/46/die-krise-des-marxismus-in-italien&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_fo9osah&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_fo9osah&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Der Begriff des Neokapitalismus wurde von italienischen Autor*innen als Beschreibung der Umwälzung der Produktions- und Regulationweise in den 1950er Jahren verwendet. Im internationalen kritischen Diskurs hat sich allerdings der Begriff des Fordismus durchgesetzt.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_twj05xe&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_twj05xe&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Die zwischen 1961 und 1967 erschienenen Quaderni Rossi (Roten Hefte) können als erstes Organ des sich konstituierenden Operaismus interpretiert werden.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_jwn12g7&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_jwn12g7&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Eine ähnliche Auffassung vertrat der Arbeitskreis Militante Untersuchung in den 1980er Jahren: &lt;a href=&quot;http://www.wildcat-www.de/thekla/08/t08akmu1.htm&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;www.wildcat-www.de/thekla/08/t08akmu1.htm&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_mb8uhat&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_mb8uhat&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Zum Beispiel in der Beilage zur Wildcat Nr. 93, in der FelS vorgeworfen wird, Sinn und Kernelemente einer Militaten Untersuchung nicht zu verstehen.&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Sun, 10 Nov 2013 16:33:27 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Die Krise des Marxismus in Italien</title>
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                    &lt;p&gt;Konzepte eingreifender Untersuchungen1 stoßen derzeit wieder&lt;br /&gt;
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&lt;p&gt;Konzepte eingreifender Untersuchungen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_lj9spwu&quot; title=&quot;»Eingreifende Untersuchung« wird an dieser Stelle als Oberbegriff verstanden werden, unter den verschiedene Ansätze subsumiert werden können. So z.B. aktivierende Befragungen, militante, Arbeiter- oder auch die sogenannte Mit-Untersuchung. Eingreifende Untersuchungen sind Untersuchungen, die sich bewusst von einer vermeintlich wissenschaftlich neutralen, positivistischen Position distanzieren und versuchen, parteiisch in Konflikte zu intervenieren.&quot; href=&quot;#footnote1_lj9spwu&quot;&gt;1&lt;/a&gt; stoßen derzeit wieder auf ein gesteigertes Interesse. Wieso ist das so? Um die wiederkehrende Aktualität besser zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf ihre historischen Entstehungsbedingungen zu werfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Entwicklung und Anwendung &lt;em&gt;Militanter Untersuchungen&lt;/em&gt; als einer prominenten Form eingreifender Untersuchungen ist unzertrennlich mit der Krise und Erneuerung des italienischen Marxismus der 1950er und 1960er Jahre verbunden. Um diese Erneuerung durch die Theorie- und Bewegungsströmung des &lt;em&gt;Operaismus&lt;/em&gt; besser verstehen zu können, muss zunächst die Krise der Repräsentation der etablierten Institutionen der ArbeiterInnenbewegung analysiert werden. In ihnen brechen die Widersprüche kommunistischer Strategie der Kriegs- und Nachkriegszeit hervor. Die Bearbeitung dieser Widersprüche trägt zur Konstitution der neuen Strömung bei. Vor diesem Hintergrund lassen sich die theoretischen wie auch politisch-praktischen Absetzbewegungen des sich entwickelnden Operaismus besser nachvollziehen. Im zweiten Teil des Artikels in der nächsten &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; wird es genauer um die theoretische Erneuerung und die operaistische Praxis der Militanten Untersuchung am Beispiel der Untersuchung bei FIAT gehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die antifaschistische Volksfront im Zweiten Weltkrieg&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auf dem 7. (und letzten) Weltkongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) 1935 fand eine radikale Abkehr von den Beschlüssen des vorangegangenen Weltkongresses 1928 statt: Die Sozialfaschismusthese, nach der die Sozialdemokratie der Hauptfeind der kommunistischen Weltbewegung war, wurde fallen gelassen und der Weg für ein Bündnis zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten freigemacht. Weiterhin musste die These vom Faschismus als die zum Scheitern verurteilte Krisenstrategie des Kapitals, als dessen letzter aussichtsloser Versuch, die kapitalistische Produktionsweise aufrecht zu erhalten, revidiert werden. Die Weltwirtschaftskrise hatte ihre apokalyptische Phase (1929-33) hinter sich gelassen und war 1935 bereits in eine Phase der langen Depression übergegangen. In den USA führte der als &lt;em&gt;New Deal&lt;/em&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_0tsqqa2&quot; title=&quot;Der New Deal war eine Serie von Wirtschafts und Sozialreformen, die als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise durchgesetzt  wurden. Er stellt einen großen Umbruch in der Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte der Vereinigten Staaten dar.&quot; href=&quot;#footnote2_0tsqqa2&quot;&gt;2&lt;/a&gt; bezeichnete Klassenkompromiss zu einer Entspannung und Stabilisierung der ökonomischen und politischen Verhältnisse. In Deutschland war der Nationalsozialismus zwei Jahre zuvor an die Macht gelangt und in Italien der Faschismus längst in eine Phase der Konsolidierung eingetreten. Sowohl die Zusammenbruchstheorie, der mit ihr verbundene revolutionäre Attentismus&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_hsuguyo&quot; title=&quot;Attentismus (lat.: attendere; dt.: abwarten) ist ein Begriff, der ein untätiges, abwartendes Verhalten bezeichnet. Dabei werden Handlungsentscheidungen aufgeschoben in der Erwartung, dass die Situation sich klärt. Revolutionärer Attentismus bezeichnet meist das Warten auf die Revolution in der sozialdemokratischen Arbeiterschaft vor dem Ersten Weltkrieg.&quot; href=&quot;#footnote3_hsuguyo&quot;&gt;3&lt;/a&gt; der sozialdemokratischen ArbeiterInnenbewegung als auch das leninistische Revolutionsmodell – die katastrophische Krise des Kapitalismus, der bewaffnete Aufstand und die Diktatur des Proletariats unter Führung der Avantgarde- Partei – schienen vor dem Hintergrund dieser&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Entwicklungen keine realistische Perspektive mehr zu besitzen. Die Stabilisierung der weltwirtschaftlichen Lage und die Konstitution und Normalisierung des Faschismus hatten die Möglichkeiten einer revolutionären Umwälzung radikal verändert. Der Faschismus und im Besonderen der Nationalsozialismus wurden als reale, physische Bedrohung und Infragestellung der UdSSR und ihres Machtbereichs interpretiert. Palmiro Togliatti&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_czgegg4&quot; title=&quot;Palmiro Togliatti war faktisch von 1926, nach der Verhaftung Antonio Gramscis, Vorsitzender der PCI. Er bekleidete in den 1930er Jahren eine führende Rolle in der Komintern. Er blieb bis in die 1960er Jahre die bestimmende Figur innerhalb der PCI.&quot; href=&quot;#footnote4_czgegg4&quot;&gt;4&lt;/a&gt; stellte diesen Sachverhalt in seinem Referat auf dem 7. Weltkongress durch die Bezugnahme auf die nach Osten orientierte nationalsozialistische »Bodenpolitik« heraus. Auf Grundlage der Definition des Faschismus nach Georgi Dimitroff&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_94mkdk5&quot; title=&quot;Von 1935 bis 1943 war er Generalsekretär der Komintern, ab 1946 bulgarischer Ministerpräsident.&quot; href=&quot;#footnote5_94mkdk5&quot;&gt;5&lt;/a&gt;, wonach dieser eine »offen terroristische[n] Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals« darstelle, bildete sich die Strategie heraus, ein breites Klassenbündnis gegen das faschistische Regime zu formieren, das zwischen ArbeiterInnen, Bauern und dem Bürgertum bis hin zu nicht-monopolistischen Kapitalfraktionen geschlossen werden sollte: die Bildung der antifaschistischen Volksfront. Dieses Bündnis sollte sich aus den demokratischen und antifaschistischen, aber nicht mehr ausschließlich den (sub-)proletarischrevolutionären Klassen und Klassenfraktionen zusammensetzen und deshalb konnte es auch nicht unmittelbar auf das Moment der sozialistischen Revolution hin ausgerichtet werden. Der Sieg über den Faschismus müsse zuerst mithilfe des Volksfrontbündnisses erlangt werden, um direkt danach vom antifaschistischen Befreiungskrieg in einen revolutionären Bürgerkrieg übergehen zu können, der schließlich im Sieg über die liberal-demokratische Bourgeoisie gipfeln würde. Dieses Szenario wurde von Togliatti auf dem 7. Weltkongress in seinem Referat entwickelt, das sich mit den zu erwartenden imperialistischen Kriegen, dem Erstarken der faschistischen Bewegung und den Aufgaben der Kommunistischen Internationalen beschäftigte. Schließlich wurde diese neue Linie einer klassenübergreifenden Volksfrontpolitik im Kampf gegen den Faschismus auf dem 7. Weltkongress beschlossen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Strategie der verlängerten Volksfront&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Kommunistische Partei Italiens (PCI) setzte nach dem Krieg und der Niederschlagung des Faschismus darauf, den demokratischen Verfassungsstaat gegen die starke monarchistische Strömung durchzusetzen und darin das Konzept einer »progressiven Demokratie« zu verankern. Auf diese Weise hoffte die PCI, das zukünftige Terrain der Auseinandersetzung in ihrem Sinne vorstrukturieren zu können. Togliattis Politik der »strukturellen Reformen« sollte die Rahmenbedingungen für einen Übergang zum Sozialismus schaffen. Zusammen mit dem nationalen Projekt des Wiederaufbaus und der wirtschaftlichen Entwicklung wurde diese Strategie als der »italienische Weg zum Sozialismus« bezeichnet. Die antifaschistische Volksfront bildete dabei den Machtblock, in dem sich die PCI bewegen konnte, dessen Kern wiederum von der Arbeitereinheitsfront, das heißt mit dem Parteienbündnis zwischen Sozialisten und Kommunisten, gebildet wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Strategie des »italienischen Weges« resultierte auch aus der Einsicht in die Notwendigkeit, eine abermalige Rechtsverschiebung der Kräfteverhältnisse langfristig durch die Festschreibung des demokratischen Verfassungsstaats zu verhindern und damit der latenten Gefahr eines erneuten Aufstiegs des Faschismus zu begegnen. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, wenn Togliatti sich später in der verfassunggebenden Versammlung nicht gegen den Privatbesitz an Produktionsmitteln aussprechen wird, sondern gegen denjenigen Besitz, der die Form des Monopols annimmt und damit die freie Entfaltung und Initiative von Teilen der Bevölkerung verhindere. Auf diesem Wege sollte die soziale Basis des Faschismus eliminiert werden. Diese Strategie der verlängerten Volksfront ging zunächst auch auf: Die antifaschistische Volksfrontregierung setzte ein Referendum zur verfassunggebenden Versammlung durch, das knapp zugunsten der Republik und gegen die Monarchie entschieden wurde. Bei der Volksabstimmung im Juni 1946 sprachen sich 54,3% für eine Republik aus. Die Verfassung selbst trat am 1. Januar 1948 in Kraft und enthielt einige von der PCI durchgesetzte Formulierungen, die sich auf die herausgehobene Stellung der ArbeiterInnenschaft bei der Konstitution der Republik bezogen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die bürgerliche Demokratie wurde also nicht nur als Kampffeld akzeptiert und gegen reaktionäre Tendenzen verteidigt, vielmehr wurde sie maßgeblich erst selbst durch die PCI durchgesetzt und zwar in einer Zeit, in der die Monarchie in der Bevölkerung noch fest verankert, Mussolini gerade erst abgesetzt und eine postfaschistische Nachfolgeregierung eingesetzt worden war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Neben diesen Erfolgen lag das Problematische der Entwicklung sicherlich darin, dass der Kampf der PCI um die verfassunggebende Versammlung sich nicht länger in Begriffen des Klassenkampfes, der kapitalistischen Ausbeutung und der Aufhebung des Staates artikulierte und artikulieren konnte, sondern zunehmend von Polemiken gegen die »Rente« und das »Parasitentum« ersetzt wurde. Die Partei entledigte sich damit ihres klassenanalytischen und ökonomiekritischen Vokabulars. Der nationale Wiederaufbau und die wirtschaftlichen Prosperität waren von nun an die Zielsetzungen und die Entwicklung der Produktivkräfte das leitende Paradigma, das wiederum als rein technisches und technologisches Problem charakterisiert wurde. Damit musste die kapitalistische Form der wirtschaftlichen Entwicklung systematisch unberücksichtigt bleiben, was in der Konsequenz bedeutete, eine Trennung von politischem und ökonomischem Kampf bei einer Priorisierung des politischen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Scheitern der Strategie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Obgleich die Volksabstimmung zugunsten der Republik entschieden wurde und eine progressive Verfassung im Januar 1948 in Kraft trat, deutete sich mit dem Bruch der antifaschistischen Einheitsfront bereits im Mai 1947 das Scheitern der Strategie der PCI an. Der antikommunistische Flügel der sozialistischen Partei Italiens (PSI) spaltete sich von der PSI ab und bildete die sozialdemokratische Partei (PSDI). Daraufhin bildete der christdemokratische Ministerpräsident De Gasperi die Regierung um. Zeitgleich mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages im Februar 1947 wurden Kommunisten und Sozialisten aus der Regierung gedrängt. Um dieses Scheitern verstehen zu können, ist es wichtig, auch auf den internationalen Kontext zu sprechen zu kommen und zu berücksichtigen, dass 1947 die Phase des Kalten Krieges eingeleitet wurde&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_s8osq90&quot; title=&quot;Am 12. März 1947 hielt der US-amerikanische Präsident Truman, eine später als »Truman- Doktrin« bezeichnete Rede, die den Beginn der containment-Politik gegenüber der kommunistischen Einflusssphäre markierte. Truman polemisierte gegen die von »aggressiven Bewegungen bedrohten Freiheiten« und gegen die Errichtung »totalitärer Regime«, vor allem in Bezug auf Griechenland und die Türkei. Im Zuge dieser containment-Politik wurden Finanzhilfen und militärische Unterstüzung der Regime als »Investitionen in die Freihet« bezeichnet.&quot; href=&quot;#footnote6_s8osq90&quot;&gt;6&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der entstehende Antikommunismus wurde innerhalb der antifaschistischen Volksfront sofort und enthusiastisch vom katholischen Lager aufgenommen. Die USA unterstützten diesen Kurs und sagten Kredite und Lebensmittelhilfen unter der Bedingung des Ausschlusses der PCI von der Regierung zu. Gian Carlo Pajetta, ein Mitglied der Parteiführung der PCI, bemerkte in einer Vorlesung aus dem Jahr 1971, dass die PCI in der Tat nicht damit gerechnet hatte, dass es zu ihrem Ausschluss aus der Regierung zu diesem Zeitpunkt kommen könnte, gerade auch vor dem Hintergrund ihrer zentralen Rolle bei der Befreiung vom Faschismus und ihrer starken Verankerung in der Bevölkerung. Immerhin hatte die PCI 1946 über 2 Millionen Mitglieder.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber selbst wenn die PCI dieses Szenario antizipiert hätte – was wären die Alternativen gewesen, besonders vor dem Hintergrund der sich vollziehenden Spaltung der Welt in zwei machtpolitische Lager und der damit verbundenen Notwendigkeit auf Seiten der italienischen Kommunisten, sich im gegnerischen Lager bewegen zu müssen? Luigi Longo&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_892frll&quot; title=&quot;Luigi Longo (1900-1980) war zunächst Politkommissar der italienischen Brigade im spanischen Bürgerkrieg, später Generalinspekteur aller internationalen Brigaden und ab 1943 in einer führenden Position der Partisanenverbände in der Widerstands- und Befreiungsbewegung Italiens.&quot; href=&quot;#footnote7_892frll&quot;&gt;7&lt;/a&gt; erinnerte im September 1947, bei der Gründung des Kommunistischen Informationsbüros in Polen, an die bitteren Erfahrungen der griechischen kommunistischen Bewegung: In Griechenland war es zu einer bewaffneten Konfrontation der Widerstandsbewegung mit den westlichen Siegermächten gekommen. Die Mängel der Politik der PCI sah Longo deshalb auch nicht in der grundsätzlichen hegemonietheoretisch geleiteten Ausrichtung der PCI, sondern vielmehr in dem Versäumnis, keine wirksamen Massenmobilisierungen und -aktionen gegen diesen »kalten Staatsstreich« durchgeführt zu haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Krise der Strategie der PCI kulminiert Mitte der 1950er Jahre. Insbesondere das Jahr 1956 kann als historisches Datum im negativen Sinne für die PCI verstanden werden: Die für die Volksfront konstitutive Arbeitereinheitsfront zerbrach. Die PSI erneuerte ihren Aktionspakt mit der PCI nicht und initiiert Gespräche mit den antikommunistischen Sozialdemokraten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zudem wurde vermehrt über das Einsetzen eines italienischen Wirtschaftswunders debattiert, an dem sich innerhalb der PCI zwei Strömungen abarbeiteten: Während das erklärte Ziel der Mehrheitsströmung ein akzeptables, quantitatives Wirtschaftswachstum war, konstituierte und verstärkte sich die innere oppositionelle Strömung der PCI, der es um eine qualitativ andere Weise des Wirtschaftens ging. Dabei wurde besonders die Trennung des ökonomischen vom politischen Kampf kritisiert, die als eine Konsequenz aus der Priorisierung der Konstitution einer progressiven Demokratie, auf deren Grundlage ein Kampf um Hegemonie und »strukturelle« Reformen auszutragen sei, bewertet wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Neben diesen drei Konfliktlinien (1. der wachsenden Spannungen zwischen der PCI und den anderen Parteien der antifaschistischen Volksfront über die Ausrichtung des Landes beim Prozess des Wiederaufbaus; 2. der sich formierenden Opposition innerhalb der PCI bezüglich der Frage nach dem Verhältnis von politischem und ökonomischem Kampf und 3. der Beginn des Kalten Krieges) ist noch eine vierte in diesem Kontext wichtig: Im Februar 1956 fand der 20. Parteitag der KPdSU in Moskau statt, auf dem Nikita Chruschtschow die stalinistische Willkürherrschaft und die unter ihr begangenen Verbrechen verurteilte. Gleichzeitig offenbarten die Aufstände in Polen und Ungarn die Krise der realsozialistischen Ordnung. Vor diesem Hintergrund radikalisierte Togliatti die Selbstkritik der KPdSU wie auch diejenige an den KPs Polens und Ungarns und sprach von selbst verschuldeten und inneren Ursachen der Unruhen. Die nationalen KPs seien unfähig, sich den verändernden Verhältnissen anzupassen und den daraus erwachsenden Reformerfordernissen gerecht zu werden. Für die alten, noch durch die Komintern geschulten Kader der PCI war das revisionistischer Verrat am Sozialismus. Dieser Revisionismusvorwurf, der bereits laut geworden war als der absolute Führungsanspruch und die Interessenkonvergenz der italienischen Kommunisten mit der KPdSU durch die Formulierung des nationalen Weges zum Sozialismus infrage gestellt worden war, verstärkte sich nun.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Volksfrontpolitik, die die PCI in Italien verfolgte, zunächst überaus erfolgreich war: Zunächst steht der Sieg über den Faschismus, danach fällt die Entscheidung für die Republik und die Implementierung einer progressiven Verfassung. Aber spätestens 1948 mit dem Zerbrechen der Volksfront und dem »kalten Staatsstreich« gegen die PSI und PCI beginnt sich das Blatt zu wenden. Innerhalb der PCI nehmen die Flügelkämpfe zu, und außenpolitisch werden die KommunistInnen zunehmend isoliert durch den Beginn des Kalten Krieges. Die Krise des Marxismus in Italien, verstanden als Krise der historischen Institutionen der ArbeiterInnenbewegung, beginnt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Krise der Repräsentation der Gewerkschaften&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch die CGIL&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref8_c02fz8k&quot; title=&quot;Die Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL) ist ein nationaler Gewerkschaftsbund in Italien. Sie wurde im Juni 1944 gegründet durch die Einigung von Sozialisten, Kommunisten und Christdemokraten.&quot; href=&quot;#footnote8_c02fz8k&quot;&gt;8&lt;/a&gt; als Einheitsgewerkschaft war der Ideologie des italienischen Weges zum Sozialismus, der Strategie der Implementierung einer progressiven Demokratie und struktureller Reformen, in der Annahme gefolgt, dadurch in eine partizipatorischere Phase der kapitalistischen Entwicklung einzutreten. Sie fixierte sich, analog zur PCI, auf die »großen Probleme der Nation«, wie zum Beispiel auf die »Rückständigkeit« der ökonomischen Strukturen des italienischen Südens. Dem zweiten großen nationalen Problem, der wachsenden Erwerbslosigkeit, wurde mit einem Arbeitsplatzbeschaffungsprogramm begegnet. Zu diesem Zwecke forderte die CGIL eine Reihe von Strukturreformen, die unter anderem die Verstaatlichung der Elektrizitätsbetriebe und neben der Urbarmachung und Bewässerung von Boden, den Aufbau staatlicher Gesellschaften für Infrastrukturmaßnahmen vorsahen, unter anderem Wohnungsbau, Telefon, Kanalisation. Wolfgang Rieland hebt hervor, dass in diesem »piano del lavoro« (Arbeitsplan) die konkrete Gestalt der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung nicht zur Debatte gestellt wurde. Gleichzeitig stand neben dieser nun auch in der CGIL hegemonial gewordenen verlängerten Volksfrontstrategie eine merkwürdige Indifferenz der beginnenden Repression der Staatsapparate gegen streikende Fabrikund bodenbesetzende LandarbeiterInnen gegenüber. Allein im Jahr 1949 wurden mehrere erschossen, Hunderte verwundet und Tausende verhaftet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Währenddessen spaltete sich, analog zum Ausschluss der PCI und PSI aus der Regierung, der katholische Gewerkschaftsflügel von der CGIL ab und konfrontierte diese mit einer Politik, die das »marxistische Gewerkschaftertum« mittels einer »betriebsnahen Tarifpolitik« von seiner ArbeiterInnenbasis abzuschneiden sucht und dadurch die »organisatorische Hegemonie der CGIL« brechen wollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zunächst jedoch ergaben sich aus diesem Prozess keine Konsequenzen für die Führung der CGIL. Auch nach der Spaltung behielt sie ihren Anspruch der Zentralisierung bei, genauso wie den Anspruch, die Klasse der Werktätigen im Allgemeinen zu vertreten. Hierbei kann davon ausgegangen werden, dass gerade durch den Anspruch und die Praxis der Zentralisierung (zum Beispiel in der Tarifpolitik) wesentliche Probleme der CGIL verstärkt, wenn nicht gar produziert wurden, denn dadurch wurde faktisch die Bildung von Basisorganisationen der Gewerkschaft in den Betrieben verhindert und der Bürokratisierung Vorschub geleistet, wodurch wiederum die CGIL den Kontakt zur ArbeiterInnenschaft und damit den Problemen und Bedingungen an den Arbeitsplätzen verlor. Diese dreifache Ursache für die Krise der CGIL, die sich an den großen Problemen der Nation ausrichtete, gleichzeitig von massiven Repressionen betroffen war und in der Fabrik gegen eine Koalition aus Unternehmensleitung und christlichen Gewerkschaften ankämpfen musste, führte letztlich zu einer Bürokratisierung der gewerkschaftlichen Organisation, zu ihrer Unterordnung unter die Politik der Partei und zu einer Entfernung von den konkreten Problemlagen der ArbeiterInnenbasis in den Betrieben. Dies hatte umso fatalere Auswirkungen als genau in jener Zeit, zu Beginn der 1950er Jahre, eine umfassende Restrukturierung der Produktionsprozesse in den Industrien des Nordens stattfand. Mit der Mechanisierung und Rationalisierung, die in einer ersten Welle während der 1950er Jahre die industriellen Großbetriebe erfasste, verlor die CGIL zunehmend ihre Basis in den Betrieben, die von der qualifizierten Facharbeiterschaft gebildet wurde: »Das neue ›kapitalistische Arrangement‹, dass den Arbeitern ›angetan‹ wurde, war der CGIL völlig entgangen, während sie vergeblich eine abstrakte Einheit der Arbeiterklasse zu verteidigen suchte. Dieses ›Vorbeigehen‹ an der neuen Realität der Arbeitsbedingungen bestimmte auch den Ausgang der Wahlen bei der FIAT [...]« (Alf 1977: 198).&lt;/p&gt;
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&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_lj9spwu&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_lj9spwu&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; »Eingreifende Untersuchung« wird an dieser Stelle als Oberbegriff verstanden werden, unter den verschiedene Ansätze subsumiert werden können. So z.B. aktivierende Befragungen, militante, Arbeiter- oder auch die sogenannte Mit-Untersuchung. Eingreifende Untersuchungen sind Untersuchungen, die sich bewusst von einer vermeintlich wissenschaftlich neutralen, positivistischen Position distanzieren und versuchen, parteiisch in Konflikte zu intervenieren.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_0tsqqa2&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_0tsqqa2&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Der New Deal war eine Serie von Wirtschafts und Sozialreformen, die als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise durchgesetzt  wurden. Er stellt einen großen Umbruch in der Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte der Vereinigten Staaten dar.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_hsuguyo&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_hsuguyo&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Attentismus (lat.: attendere; dt.: abwarten) ist ein Begriff, der ein untätiges, abwartendes Verhalten bezeichnet. Dabei werden Handlungsentscheidungen aufgeschoben in der Erwartung, dass die Situation sich klärt. Revolutionärer Attentismus bezeichnet meist das Warten auf die Revolution in der sozialdemokratischen Arbeiterschaft vor dem Ersten Weltkrieg.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_czgegg4&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_czgegg4&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Palmiro Togliatti war faktisch von 1926, nach der Verhaftung Antonio Gramscis, Vorsitzender der PCI. Er bekleidete in den 1930er Jahren eine führende Rolle in der Komintern. Er blieb bis in die 1960er Jahre die bestimmende Figur innerhalb der PCI.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_94mkdk5&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_94mkdk5&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Von 1935 bis 1943 war er Generalsekretär der Komintern, ab 1946 bulgarischer Ministerpräsident.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_s8osq90&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_s8osq90&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Am 12. März 1947 hielt der US-amerikanische Präsident Truman, eine später als »Truman- Doktrin« bezeichnete Rede, die den Beginn der containment-Politik gegenüber der kommunistischen Einflusssphäre markierte. Truman polemisierte gegen die von »aggressiven Bewegungen bedrohten Freiheiten« und gegen die Errichtung »totalitärer Regime«, vor allem in Bezug auf Griechenland und die Türkei. Im Zuge dieser containment-Politik wurden Finanzhilfen und militärische Unterstüzung der Regime als »Investitionen in die Freihet« bezeichnet.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_892frll&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_892frll&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; Luigi Longo (1900-1980) war zunächst Politkommissar der italienischen Brigade im spanischen Bürgerkrieg, später Generalinspekteur aller internationalen Brigaden und ab 1943 in einer führenden Position der Partisanenverbände in der Widerstands- und Befreiungsbewegung Italiens.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote8_c02fz8k&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref8_c02fz8k&quot;&gt;8.&lt;/a&gt; Die Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL) ist ein nationaler Gewerkschaftsbund in Italien. Sie wurde im Juni 1944 gegründet durch die Einigung von Sozialisten, Kommunisten und Christdemokraten.&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Tue, 11 Dec 2012 21:05:26 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Befreiung der Körper</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/33/befreiung-der-koerper</link>
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                    &lt;p&gt;„Wenn mehrere Körper, von derselben Grösse oder auch von verschiedener Grösse, von anderen Körpern so zusammengedrängt werden, dass sie aneinanderliegen, oder wenn sie, mit demselben Grad oder auch mit verschiedenen Graden von Geschwindigkeit, sich so bewegen, dass sie ihre Bewegungen nach einer bestimmten Regel untereinander verknüpfen, dann wollen wir sagen, dass diese Körper miteinander vereinigt sind und dass sie alle zusammen einen einzigen Körper oder ein Individuum bilden, das sich von den anderen durch die beschriebene Vereinigung der Körper unterscheidet.“ – Baruch Spinoza&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;„Wenn mehrere Körper, von derselben Grösse oder auch von verschiedener Grösse, von anderen Körpern so zusammengedrängt werden, dass sie aneinanderliegen, oder wenn sie, mit demselben Grad oder auch mit verschiedenen Graden von Geschwindigkeit, sich so bewegen, dass sie ihre Bewegungen nach einer bestimmten Regel untereinander verknüpfen, dann wollen wir sagen, dass diese Körper miteinander vereinigt sind und dass sie alle zusammen einen einzigen Körper oder ein Individuum bilden, das sich von den anderen durch die beschriebene Vereinigung der Körper unterscheidet.“ – Baruch Spinoza&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Für einen Körper ist es schlechterdings nicht möglich, allein zu sein.“ – Antonio Negri&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Begriff des Kommunismus verweist auf das Gemeinsame (das Kommune). Es ist von Marx auf zweierlei Weise reflektiert worden: als Grundlage der Ausbeutung ebenso wie des Befreiungsprozesses. Gemeinsam ist den Menschen zunächst die mit dem Kapitalismus entstandene und in ihm ausgebeutete abstrakte Arbeit. Im Klassenkampf wird die abstrakte Arbeit zum politischen Subjekt, zum revolutionären Proletariat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit der Krise des letztgenannten Begriffs wird das Gemeinsame wieder zum Problem. Die Ausbeutung der abstrakten Arbeit besteht heute, im Zeitalter der flexiblen Akkumulation, zwar fort. Doch der Charakter der Ausbeutung hat sich verändert. Für viele Theoretiker hat sich deshalb die Notwendigkeit ergeben, das Subjekt des Befreiungsprozesses neu zu bestimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Besonders umstritten ist heute der von Antonio Negri und Michael Hardt lancierte Begriff der Vielheit (multitudo), der auf Negris langjährige Beschäftigung mit der Philosophie Baruch Spinozas (1632-1677) zurückgeht. Indem er die Gemeinschaft der im globalisierten Kapitalismus arbeitenden Subjekte als multitudo bezeichnet, beruft sich Negri unter anderem auf Spinozas Theorie der Körper. In ihr sind alle praktisch-politischen Konsequenzen angelegt, die sich aus den von Hardt und Negri vorgelegten Analysen ergeben.&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Antonio Negris Neubestimmung des Revolutionären Subjekts&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Negri geht von einem Gegensatz zwischen Menge (multitudo) und Volk (populus) aus. Beide Begriffe finden sich nicht nur bei Spinoza, sondern auch bei Thomas Hobbes (1688-1679). Die Staatsgründung beinhaltet nach Hobbes einen Übergang von der multitudo zum populus. Es handelt sich um einen Prozess der Machtentäußerung, durch den die multitudo ihre Naturrechte an den Souverän abtritt. Durch diese Machtentäußerung entstehen sowohl Volk wie Staat. Anders als Hobbes denkt Spinoza diesen Prozess weder als endgültig noch als unbedingt wünschenswert. Im unvollendeten Schlusskapitel seines Politischen Traktats entwirft Spinoza eine politische Gemeinschaft, die absolute Demokratie, in der es zu keiner Machtentäußerung der multitudo kommt. Indem er diese Überlegungen fortsetzt und auf das Zeitalter des globalisierten Kapitalismus anwendet, lädt Negri dazu ein, die Möglichkeit einer globalen nichtstaatlichen Politik ins Auge zu fassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wichtig ist hierbei vor allem die Ablehnung des Einheitsideals. Das Volk ist seit Hobbes immer wieder als Einheit gedacht worden. Als solche entsteht es aber erst durch die Machtdelegation an den Souverän, d.h. durch die politische Repräsentation. Ein politischer Zustand ohne Machtdelegation wäre ein Zustand ohne einheitliches Volk. Negris Begriff der multitudo stellt den Versuch dar, das zu denken, was an Stelle des Volkes zurückbleiben würde: eine nichtstaatliche und selbstverwaltete Gemeinschaft, die sich nicht auf eine repräsentierbare Einheit reduzieren lässt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hier scheinen sich gedankliche Parallelen zu dem von Giorgio Agamben entwickelten Begriff der unrepräsentierbaren Gemeinschaft zu ergeben. Anders als Negri denkt Agamben seine Gemeinschaft jedoch nicht bloß als unrepräsentierbar, sondern auch als passiv. Ihr Substrat ist jenes „nackte Leben“, das bei Agamben nicht zufällig immer nur in der Opferrolle auftritt. Negris Definition der multitudo liegt dagegen nicht der Lebens-, sondern der Arbeitsbegriff zugrunde. Die multitudo ist die Gesamtheit der im globalisierten Kapitalismus produktiv tätigen Subjekte. Dazu gehören sowohl der klassische Lohnarbeiter wie jene gesellschaftlichen Akteure und Akteurinnen, deren Beitrag zur kapitalistischen Wertschöpfung weder als Arbeit anerkannt noch entlohnt wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Negris Begriff der multitudo beinhaltet eine Neubestimmung des Ausbeutungsbegriffs, die einen radikalen Bruch mit dem orthodoxen Marxismus darstellt. Wenn nicht mehr nur die von Lohnarbeitern verausgabte Arbeitskraft ausgebeutet wird, da die kapitalistische Wertschöpfung zunehmend auf gesamtgesellschaftlichen Produktionsnetzwerken beruht, verliert das Wertgesetz seine Gültigkeit. Räumlich reicht der Produktionsprozess über die Fabriktore hinaus, um sich über das gesamte gesellschaftliche Territorium zu erstrecken; zeitlich vollzieht er sich auch außerhalb der entlohnten Arbeitsstunden, wodurch Arbeitszeit und Lebenszeit tendenziell zusammenfallen. Die Nichtmessbarkeit der Produktivität – im Sinne einer Sprengung der herkömmlichen Unterscheidung zwischen Arbeit und Leben – ist ein wichtiges Symptom des ontologischen oder seinsmäßigen Wandels, den Negris Theorie beschreibt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Inwiefern benötigt man zum Verständnis dieses Wandels die eingangs erwähnte Kategorie der Körperlichkeit? Negris Ausführungen über den Zusammenhang zwischen Körperlichkeit und multitudo bleiben zunächst relativ abstrakt. Er spricht von der „monströsen“ Körperlichkeit der multitudo und meint damit ihren nicht-repräsentierbaren Charakter: die Unmöglichkeit, ihre Vielheit auf eine Einheit zu reduzieren. Dabei ist daran zu erinnern, dass das Hobbessche Volk auf dem Titelblatt des Leviathan (1651) als ein riesiger Körper dargestellt wird, der sich aus kleineren Körpern zusammensetzt: der Staatskörper als Summe der Körper von Einzelbürgern. In diesem Bild zeigt sich das serielle Denken, das dem Volksbegriff zugrunde liegt. Das Volk ist eine Summe serienhafter Individuen. Sie sind zählbar; ihre Arbeitskraft ist messbar. Phänomene wie die Stimmzählung bei Wahlen und die keynesianische Wirtschaftsplanung sind darin angelegt. Negri spricht bezeichnenderweise nie von der multitudo als einer Summe von Individuen. Er spricht vielmehr von einem Ensemble von Singularitäten. Dieser Ausdruck sperrt sich gegen die Vorstellung einer möglichen Serie und behauptet damit implizit den anachronistischen Charakter sowohl der repräsentativen Demokratie wie auch der national- und planstaatlichen Verfügung über die Produktionsmechanismen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die multitudo bildet keinen Staatskörper. Negri vergleicht sie vielmehr mit dem von Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) entwickelten Begriff des Fleisches. Das Fleisch ist ein Stoff, der aufgrund seiner Wirkungsgesetze eine Vielzahl von jederzeit wieder auflösbaren Gestalten annehmen kann. Es ist Leben ohne Form, so wie die multitudo das ist, was zurückbleibt, wenn man den Staat abzieht: eine Produktivität, deren vergesellschafteter Charakter die Abstreifung kapitalistischer Herrschaftsstrukturen denkbar macht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Körperlichkeit der multitudo drückt sich nicht in serienhafter Aneinanderreihung, sondern in fortgesetzter Vermischung und Verwandlung aus. Gerade in dieser scheinbar abstrakten Vorstellung finden sich die Ansätze des Organisationsmodells, dessen vermeintliche Abwesenheit Negris Kritiker so gern beklagen. Um dies besser zu verstehen, lohnt es sich, kurz auf Spinozas Theorie der Körper einzugehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Der Körper bei Spinoza&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In der Ethik bestimmt Spinoza den Geist als die Idee des Körpers (Teil 2, Lehrsatz 13). Der Mensch als denkendes Wesen ist zunächst ein körperliches, die Veränderungen seines Körpers empfindendes Wesen. Jedes geistige Vermögen ist in der Empfindungs- und Handlungsfähigkeit des entsprechenden Körpers begründet. Das bedeutet unter anderem, dass kein Körper als isoliert vorzustellen ist, sondern vielmehr als in komplexe und wandelbare Körperzusammenhänge eingebunden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Negri sieht in dieser Überlegung die Grundlage einer materialistischen Theorie des kollektiven Handelns. Ausschlaggebend ist hierbei Spinozas Unterscheidung zwischen einfachen und zusammengesetzten Körpern. Erstere unterscheiden sich auf dreifache Weise voneinander: durch ihre Bewegung oder Ruhe und durch den Grad oder die Geschwindigkeit ihrer eventuellen Bewegung. Spinoza betont ausdrücklich, dass dies die einzigen Kriterien zur Unterscheidung einfacher Körper sind: „Körper unterscheiden sich voneinander aufgrund von Bewegung und Ruhe und aufgrund des Grades ihrer Geschwindigkeit und nicht im Hinblick auf Substanz“ (Ethik, Teil 2, Lehrsatz 13, Hilfssatz 1). Unter Substanz versteht Spinoza „das, was in sich selbst ist und durch sich selbst begriffen wird“ (Ethik, Teil 1, Definition 3). In der Weigerung, den Körperbegriff aus dem Substanzbegriff abzuleiten, ist die Aufforderung enthalten, den Körperbegriff stets im Plural zu denken, d.h. den Körper niemals als bloßen Einzelkörper oder unter Verleugnung seiner Interaktion mit anderen Körpern zu definieren. Ein Körper ist einfach das, was er tut und was mit ihm geschieht. Kein Körper existiert außerhalb seines Zusammenspiels mit anderen Körpern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Einfache Körper wirken beständig aufeinander ein. Dies ist deshalb möglich, weil ihnen die Fähigkeit zu Bewegung und Ruhe, sowie zu verschiedenen Graden der Bewegung, gemeinsam ist. Ein ruhender Körper kann von einem anderen in Bewegung gebracht, ein sich bewegender in Ruhe versetzt werden. Jedes Körperverhalten verweist auf Körperzusammenhänge, d.h. auf Bewegungs- und Geschwindigkeitsverhältnisse. Dass es überhaupt Bewegung gibt, setzt eine Vielheit sich gegenseitig beeinflussender Körper voraus – eine multitudo.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zusammengesetzte Körper bilden sich, wenn sich einfache Körper gemeinsam bewegen. Ein zusammengesetzter Körper ist ein relativ konstanter Bewegungszusammenhang. Zwei oder mehr zusammengesetzte Körper können einen größeren zusammengesetzten Körper bilden. Solche größeren Körper können sich auf die gleiche Weise noch weiter vergrößern. So gelangt man vom physikalischen zum biologischen Körperbegriff, aber auch zum Begriff der politischen Gemeinschaft als einer Gemeinschaft menschlicher Körper, und schließlich zum Begriff der Welt als der Gesamtheit aller Körper.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Übersetzt man dieses Modell in politische Begriffe, ergibt sich das Organisationsmodell der multitudo. Vom Gemeinsamen ausgehend, überwindet es die statische und isolierende Betrachtungsweise der Hobbesschen Anthropologie. Nicht um den Erhalt eines aus vorgefertigten Individuen zusammengesetzten Staatskörpers geht es, sondern um wandelbare Kooperationsverhältnisse und einen offenen Prozess produktiver Begegnungen, in dem die Möglichkeit einer unbeschränkten Expansion angelegt ist. Dem produktiven Zusammenspiel der Körper sind keine ontologischen oder seinsmäßigen Grenzen gesetzt. Befreiung der Körper bedeutet letztendlich nichts anderes als das, was Marx als Entfesselung der Produktivkräfte bezeichnete: Befreiung von gewaltsam verordneten Maßverhältnissen, durch die die schöpferische Bewegung der multitudo in Zaum gehalten werden soll. Negris politische Positionen sind in diesem ontologischen Entwurf begründet, ob es sich nun um seine Aussagen zum Strukturwandel des Nationalstaats, zur Migrationspolitik, oder zur tendenziellen Hinfälligkeit der Unterscheidung zwischen Arbeitszeit und Lebenszeit handelt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Politische Konsequenzen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Aus den zahlreichen politischen Konsequenzen, die sich aus dem Begriff der multitudo ergeben, sollen hier drei hervorgehoben werden. Die erste betrifft die Sprengung des theoretischen Rahmens der traditionellen politischen Philosophie, die zweite die Hinfälligkeit des Wertgesetzes, die dritte die Organisationsfrage.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erstens fordert der Begriff der multitudo dazu auf, die Begriffe der politischen Repräsentation und der Souveränität zurückzuweisen, um eine nichtstaatliche Politik zu denken. Er lädt damit auch dazu ein, die Fixierung auf parteipolitische Fragen aufzugeben. Revolutionäre Bewegungen entsprechen der hier umrissenen Ontologie dann am vollkommensten, wenn sie sozusagen unterhalb der staatlichen Ebene agieren. Negris Theorie beinhaltet somit ein Plädoyer für das Modell der autonomen Basisbewegung, die sich weigert, ihre Entscheidungsmacht an staatliche oder parteipolitische Repräsentanten zu delegieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zweitens beinhalten die in Verbindung mit dem Zusammenbruch des Wertgesetzes und dem zunehmend vergesellschafteten Charakter der Produktion angestellten Überlegungen eine Aufforderung, von lohnpolitischen Fragen Abstand zu nehmen. Negris Begriff der multitudo schließt an die Überlegung an, dass es im Zeitalter der vergesellschafteten Produktion und der Massenarbeitslosigkeit nicht mehr einfach um gerechte Entlohnung oder eine Verringerung der Arbeitszeit gehen kann. Angesichts der Kapitalisierung eines immer häufiger außerhalb der entlohnten Arbeitszeit geschaffenen Wertes gilt es Negri zufolge vielmehr, die jüngsten Forderungen nach einem sozialen Grundeinkommen aufzugreifen und in Hinblick auf ihre praktische Durchsetzbarkeit weiterzudenken. Die Forderung nach einem sozialen Grundeinkommen ist insofern auf der Höhe der Zeit, als sie sich gänzlich vom Wertgesetz befreit hat und somit die Sprengung der ökonomischen Maßverhältnisse zur Kenntnis nimmt, von der Negri und Hardt in ihrer Analyse des Postfordismus ausgehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Drittens schließlich lässt sich aus der im Begriff der multitudo enthaltenen Zurückweisung des Substanzbegriffs eine Polemik gegen jene überzogen statischen Vorstellungen der politischen Subjektivität ableiten, die die Hochzeit des Industrieproletariats der heutigen Linken vererbt hat. Solche Vorstellungen drohen – auch entgegen der Absicht ihrer Urheber – staatstragend zu sein oder zu werden. (Überspitzt ausgedrückt: was statisch ist, ist tendenziell auch staatstragend. Etymologisch geht das Wort Staat auf stare, stehen, zurück.) Im Zeitalter vollständig globalisierter Produktions- und Konsumtionsstrukturen, dem Zeitalter einer weitgehenden Abkopplung der Produktion von der Beschäftigung und des Lohns von der Produktivität, kann es Negri zufolge nicht darum gehen, dem Massen- oder gar dem Facharbeiter nachzutrauern. Vielmehr gilt es, die Veränderungen der Arbeit und der an sie gekoppelten Ausbeutungsmechanismen detailliert nachzuzeichnen, um das Programm einer neuen Allianz revolutionärer Kräfte zu entwerfen. In der institutionellen Politik gängige Unterscheidungen, wie z.B. die zwischen Staatsbürgern und Einwanderern oder zwischen Arbeitslosen und Arbeitnehmern, dürfen also nicht unkritisch hingenommen werden. Es kann nicht mehr darum gehen, „Wir sind das Volk!“ zu skandieren oder in „der Klasse“ bzw. „der Partei“ den Keim eines zukünftigen und vermeintlich besseren Staates zu erkennen. Eine dem Begriff der multitudo entsprechende Bewegung müsste vielmehr von sich sagen können: „Wir sind die Vielen, die sich Staat und Volk entziehen, um vermittels des uns Gemeinsamen eine Gesellschaft jenseits von Herrschaft und Ausbeutung zu errichten.“ In einem solchen Selbstverständnis wäre eine einfache aber grundlegende Überzeugung enthalten: dass nämlich nur der Versuch, das Gemeinsame der bei allen arbeitssoziologischen Veränderungen fortbestehenden Ausbeutung wieder zu entdecken, die bei Marx noch gegebene Beziehung zwischen Ausbeutung und Befreiung wiederherstellen kann.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:43 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Max Henninger</dc:creator>
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 <title>Das Versprechen des Politischen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/23/das-versprechen-des-politischen</link>
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                    &lt;p&gt;20. Juli. Genua. Zweiter Tag der Demonstrationen. Gegen Mittag machen sich vom Leichtathletikstadion Carlini über 15.000 AktivistInnen aus Süd- und Westeuropa zum Training mit den Tute Bianche auf. Ein kurzer Rundlauf biopolitischer AktivistInnen, der eine Stunde später von einem CS-Gas-Bombardement der Polizei gestoppt werden wird. Zehn, zwanzig Meter steht alles in weißem Nebel. Biopolitischer Gegenangriff. Dahinter Panzerwagen. Wer keine Gasmaske auf hat, stürmt zurück. Zurück? Da ist nichts. Keine Seitenstraße. Keine Grünfläche. Kein Platz. Links meterhoher Bahndamm. Rechts Hauswand an Hauswand. Dazwischen die zähe Größe von Tausenden DemonstrantInnen. Tute Bianche im Training kurz vor der Massenpanik.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;20. Juli. Genua. Zweiter Tag der Demonstrationen. Gegen Mittag machen sich vom Leichtathletikstadion Carlini über 15.000 AktivistInnen aus Süd- und Westeuropa zum Training mit den Tute Bianche auf. Ein kurzer Rundlauf biopolitischer AktivistInnen, der eine Stunde später von einem CS-Gas-Bombardement der Polizei gestoppt werden wird. Zehn, zwanzig Meter steht alles in weißem Nebel. Biopolitischer Gegenangriff. Dahinter Panzerwagen. Wer keine Gasmaske auf hat, stürmt zurück. Zurück? Da ist nichts. Keine Seitenstraße. Keine Grünfläche. Kein Platz. Links meterhoher Bahndamm. Rechts Hauswand an Hauswand. Dazwischen die zähe Größe von Tausenden DemonstrantInnen. Tute Bianche im Training kurz vor der Massenpanik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit Mitte der 90er Jahre üben die Tute Bianche in ihrer theoretischen Praxis die Ingebrauchnahme operaistischer Begriffe: Multitude, reale Subsumtion der Gesellschaften unter das Kapital, In-Wert-Setzung des gesamten Lebens, der Kommunikation, des Wissens, der Affekte usw. Die Tute Bianche könnten sich zum Beispiel gesagt haben: Wenn es stimmt, dass die Produktion den Ort der Fabrik verlässt; wenn es stimmt, dass die Arbeitskämpfe und sozialen Auseinandersetzungen der 60er und 70er mit dazu geführt haben, dass die Fabrik in die Gesellschaft diffundiert, dass die gesamte Gesellschaft zur Fabrik wird; wenn es stimmt, dass die feministische Sichtweise, nicht-bezahlte Arbeit zur gesellschaftlichen Produktivität zu zählen, auf erweitertem Level historisch wahr geworden ist; wenn es stimmt, dass das Kapitalverhältnis sich immer produktiver durch die Körper frisst; das Wissen über die Arbeitsabläufe, die Fähigkeit zu Kooperation und Selbstorganisation, die Gefühle und Subkulturen in Wert setzt und die Subjekte drängt, Unternehmer ihrer eigenen marginalisierten und fragmentierten Existenz zu werden, dann ist es an der Zeit, mitten in dieser Subsumtion eine biopolitische AktivistIn zu erfinden, die auf der Höhe der Zeit ist. Auf der Höhe der Zeit heißt für die Tute Bianche, dass die politischen Praktiken die gesamte vernetzte Sozialität, die der Spätkapitalismus hervorbringt, verwertet und kontrolliert, durchlaufen müssen. Das ist die Multitude. Unglaublich kitschig. Aber charmant. So etwas wie kämpferische Heterogenität. Eigentlich könnte man sagen: das wieder entdeckte Patchwork der Minderheiten, das um sein Modernisierungs- und Innovationspotential für die Verhältnisse weiß. Das Kämpferische wird produktiv und positiv. Das ist die Schule des Kapitalismus selbst, hinter dessen Lehrplan die Tute Bianche nicht zurückgehen wollen: Die permanente zur Selbstunternehmung mobilisierte Subjektivität (Mach was! Verwirkliche, äußere, beweise dich! Rette dich selbst!) soll weniger zur Negation, zum Bruch, zur Arbeitsverweigerung, zum Nehmt die Gewehre! oder zur Sekunde zwischen Wurf und Aufprall, sondern in erster Linie zum Aktivismus dissidenter Selbstorganisation fortschreiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die praktische Praxis rauscht stärker als die theoretische Praxis. Noch direkter als in der Theorie führt sie zur Begegnung mit dem, was nicht gedacht und nicht berücksichtigt wurde. Am 20. Juli scheiterte das Tute bianche-Konzept der spielerischen Militanz und der begrenzten Provokation an der Strategie der Polizei. Ihr war es gelungen, die Straßenmilitanz, mit der sie zu rechnen hatte, direkt in die Aufstandsbekämpfung miteinzubauen. Das Klirren der Scheiben wurde in Kauf genommen, um sie als Vorlage zu nutzen, auf jeden organisierten Ausdruck von Demonstration draufzuhauen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ecstasy für die Multitude&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;An der Straßenschlacht, die sich nach dem Polizeiangriff auf die Tute Bianche-Demo entwickelte, waren zu einem Drittel kunststoffgepolsterte DemonstrantInnen beteiligt. Das Umschalten von der so genannten disobbedienza civile zum konventionellen Riot ging schnell, spontan und reibungslos. Diese Übergänge von einer Praxis in die andere, die Grauzonen, das Rauschen und die Diffusion ihrer Vorgehensweisen repräsentieren die Sprecher der Tute Bianche nicht. Ihre relativ starke Position kollidiert mit ihrer Vorstellung der Multitude, was auf der Titelseite der Wochenzeitung &quot;L&#039;Espresso&quot; gut zum Ausdruck kam – vorne Luca Casarini, Sprecher der Tute Bianche, im Hintergrund die Multitude im Demolook der Saison mit Skimütze und weißem Overall.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Tute Bianche artikulieren genauso wie Pink Silver, das Netzwerk der People&#039;s Global Action oder die AktivistInnen migrantischer Selbstorganisation ein Versprechen. Das Versprechen des Politischen. Das leise Wiederauftauchen der Optionen. Das Politische der Situation liegt im Asubjektiven. Es sind in erster Linie nicht die einzelnen Subjekte, die schlauer werden. Denn selbst wenn, würde das nicht ausreichen. Es ist eher das Zusammentreffen. Dieses Gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen. Jenseits der Anstrengung, politisch weiter machen zu wollen, sind die Dinge in Bewegung geraten, weg vom Solidaritäts-Internationalismus, weg von einem Antirassismus, der als erneuerte Identitätspolitik für eine autonome Linke funktioniert, weg von den Vorstellungen der Unterstützung und des Fürsprechens, weg von der pathetischen Authentizität des Streetfighters&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leider sind in der BRD nicht People&#039;s Global Action, Pink Silver, Indymedia, The Voice, das Grenzcamp usw. zu Echokammern für dieses erneuerte Gefühl des Politischen geworden, sondern Attac.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gegenüber der Sedierung&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_yw7wpur&quot; title=&quot;Sedierung: Ruhigstellung&quot; href=&quot;#footnote1_yw7wpur&quot;&gt;1&lt;/a&gt; des Politischen bei Attac sind die Tute Bianche Ecstasy. Das Interessante ist ihre avancierte Vorstellung vom Kapitalismus als gesellschaftlichem Verhältnis. Sie holen den Antikapitalismus weg vom Ökonomismus. Nach einer starken Phase der Integration erneuern sie unter dem Label der Multitude das Konzept der mikropolitischen Praktiken. Und mit der These von der Produktivmachung und In-Wert-Setzung aller subjektiven Artikulationen fusionieren sie feministische und operaistische Ökonomietheorie. In ihrer Selbstsicht scheinen die Tute Bianche aber die gegenläufigen, nicht intendierten und ambivalenten Effekte ihrer politischen Arbeit nicht zu sehen. Der Widerspruch zwischen Multitude und der starken Position ihrer Sprecher ist ein Beispiel. Ein anderes ist die Restrukturierung der Centri sociale in Rom, Mailand und im Nordosten Italiens, die mit ihrer Analyse des Postfordismus zu tun hat: Nachdem sich der disziplinierte und homogene Ort der Fabrik in netzförmige, entgarantierte, fragmentierte und atypische Arbeitszusammenhänge aufgelöst hat, wird immer intensiver auf den lebendigen Reichtum der Subjekte, ihr Wissen, ihre Kommunikation, ihre Selbstorganisation, ihre Gefühle zugegriffen. Der kommunistische Horizont dieser Analyse liegt in der Möglichkeit der selbstbestimmten gesellschaftlichen Kooperation der Multitude, die in den Alltagsstrukturen des Kapitalismus entsteht. Diese Analyse ist sehr optimistisch. Sie dethematisiert die Unentschiedenheit des Kräfteverhältnisses. Sie fragt zu wenig, was es bedeutet, wenn die Multitude in den Teamgeist von Start ups und jungem Unternehmertum regrediert; was es bedeutet, wenn die Netzwerke der SelbstunternehmerInnen in radikalisierte Ideologien investieren: Ultraindividualismus und Abbau aller sozialen Ausgaben, Regionalismus und Rassismus; und was es bedeutet, wenn in den meisten atypischen Dienstleistungsjobs nicht der lebendige Reichtum der immateriellen ArbeiterInnen verwertet wird, sondern ihre Bereitschaft zu flexiblen Services wie Putzen, Aufpassen, Kehren, bezahlter Hausarbeit, Telefonieren für Konzerne usw. Zusammen mit einer Existenzgeldkampagne haben eine Reihe von Centri sociale Ende der 90er Jahre damit begonnen, eine Beratung für immaterielle ArbeiterInnen aufzubauen. Leider überlassen die Tute Bianche die kritische Diskussion, inwieweit diese Praxis auf kommunaler Ebene der Stärkung des sogenannten Dritten Sektors und der zivilgesellschaftlichen Eigeninitiative entgegenkommen könnte, ihren KritikerInnen. Eine Arbeitsteilung, die ein weiteres Mal das Verhältnis der Multitude unterbricht und die moralische Old School von Denunziation und kritikloser Selbstabschließung in der Linken etabliert.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Kulturalisierung des Politischen nach dem 11.9.&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der terroristische Angriff auf das World Trade Center am 11.9. hat auf einen Schlag gezeigt, was negative politische Potentialität ist. Die Tage nach Genua waren von einer asubjektiven Potentialität neuer internationaler Praktiken bestimmt, die auch dann noch strahlte, als sie sich in Berlin nicht in alltägliche Politik umsetzen ließ, als die Veranstaltungen und Demonstrationen von den alten Sprechweisen und Artikulationsformen bestimmt wurden, und das Gefühl der Langsamkeit zurückkehrte. Die Zeit nach dem 11.9. zeigt dagegen, was negativer Internationalismus ist, das Auftauchen einer äußerst riskanten und politischen Situation auf internationaler Ebene, von deren Bestimmung man vollkommen abgeschlossen zu sein scheint. Die reaktionäre Struktur des Terroranschlags drückt sich in seiner extrem imaginären und katastrophischen Kraft aus: Das Zentrum, das es nicht gibt, ist getroffen worden. Der SciFi ist eingetreten. Wir befinden uns im Rücken des Bildschirms und der kollektiven Sicherheitsängste kapitalisierter Gesellschaften. Seine gleichzeitig materielle, vernichtende Gewalt, mit der eine Art technologisch präzises Totenfest inszeniert wurde, führt dazu, dass sich das politische Feld auf vielen Ebenen verändert. Der Terroranschlag ist ein Katalysator nach rechts. Er macht schon länger existierende hegemoniale Strategien auf einen Schlag in einer neuen Dimension politisch funktional – vor allem die Etablierung eines flexiblen Polizei- und Kontrollregimes nach innen und außen und eine rechte Kulturalisierung des Politischen. Das heißt die Gefahr eines gesellschaftlichen Konsenses, der besagt, dass es nur das Bestehende oder den Terror gebe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das, was jetzt passiert, erschöpft sich nicht in einer militärischen Operation, mit der das religiös-paranoische System der Taliban und das terroristische Netzwerk al Qaida wie per Lichtschalter ausgeschaltet werden. Augenscheinlich geht es um eine Tendenz, das gesellschaftliche Feld weiter in Richtung einer globalisierten Normalisierungspolitik zu entwickeln, in der das Bestehende nicht mehr durch politische Praktiken oder Aktionen in Frage gestellt wird, sondern durch das Abnorme, Gefährliche, Kriminelle und Menschenrechtsverletzende, also durch Drogen, Terror, ethnischen Hass, organisierte Kriminalität, religiösen Fundamentalismus usw. – Phänomene, die nicht aus ihrer politischen Entwicklungsgeschichte und in ihrem politischen Ausdruck, sondern wie Naturkatastrophen begriffen werden, die über das hereinbrechen, was ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit dem 11.9. hat ein Prozess der Negativ-, der Minus-Politisierung begonnen, in der die gesellschaftliche Entwicklung sich hermetisch verschließt. Das wirft ein irres Schlaglicht auf den Optimismus der operaistischen Theorie des Postfordismus. Seine glückliche Analyse der möglichen Zukunft immaterieller ArbeiterInnen springt zu leichtfertig über die postfordistischen Subjekte hinweg, die Schill, FPÖ, Fini und Lega Nord wählen. Und sie fragt noch weniger nach der Transformationsdynamik, mit der der Fordismus in den ehemals kolonisierten Staaten in die Krise kam, ohne sich überhaupt etabliert zu haben. Die Projekte der nachholenden Industrialisierung, der Import-Substitution, der nationalstaatlichen Entwicklungsdiktaturen zum Fordismus sind genauso gescheitert wie die sozialistischen Staatsprojekte im Trikont. Der Übergang zum Postfordismus hat sich viel katastrophischer als in den kapitalistischen Zentren realisiert, auch wenn mit der Peripherisierung der Metropolen und der Entstehung von global cities eine Tendenz der Ineinanderschaltung von erster und dritter Welt sichtbar wird. In den riesigen informellen Armutsökonomien des Südens, der Schattenwirtschaft und der Heimarbeit, im massenhaften Selbstunternehmertum auf der Straße wird (wie im Norden) nur selten eine proto-kommunistische Multitude sichtbar, die sich die Arbeitsmittel und das Wissen der Kooperation produktiv angeeignet hat; dafür aber die materielle Basis für die Verbindung, die neoliberales Selbstunternehmertum der Armen mit rassistischen, politisch-religiösen und ethnischen Ideologien eingeht.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_yw7wpur&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_yw7wpur&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Sedierung: Ruhigstellung&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Stephan Geene</dc:creator>
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 <title>Sozialistischer Gebrauch des Arbeiterfragebogens</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/sozialistischer-gebrauch-des-arbeiterfragebogens</link>
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                    &lt;p&gt;Dieser Text ist die schriftliche Übertragung des auf Band aufgenommenen Diskussionsbeitrags von Raniero Panzieri auf einem in Turin im September 1964 veranstalteten Seminar mit dem Thema ArbeiterInnenbefragung.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Dieser Text ist die schriftliche Übertragung des auf Band aufgenommenen Diskussionsbeitrags von Raniero Panzieri auf einem in Turin im September 1964 veranstalteten Seminar mit dem Thema ArbeiterInnenbefragung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[…] Ich weise noch einmal auf den soziologischen Charakter des Marxschen Denkens hin; Marx lehnt es in der Tat ab, die Arbeiterklassen von der Kapitalbewegung her zu bestimmen, d.h. er hält es für unmöglich, von der Kapitalbewegung ausgehend automatisch die Arbeiterklasse analysieren zu können: die Arbeiterklasse, gleichgültig ob sie als Konfliktelement und folglich als kapitalistisches Element oder ob sie als antagonistisches und das heißt antikapitalistisches Element hervorgeht, muss unbedingt einer völlig gesonderten wissenschaftlichen Analyse unterzogen werden. Ich bin deshalb der Ansicht, dass unter diesem Gesichtspunkt das Ende der Soziologie in der marxistischen Tradition auf eine Involution des marxistischen Denkens hindeutet. […]&lt;br /&gt; Das bedeutet meiner Ansicht nach keineswegs, dass die Soziologie eine bürgerliche Wissenschaft ist, sondern es heißt vielmehr, dass wir die Soziologie anwenden und kritisieren können, ebenso wie Marx es mit der klassischen politischen Ökonomie getan hat, d.h. indem wir sie als eine begrenzte Wissenschaft betrachten (und aus der Art der Umfrage, die wir vorhaben, geht deutlich hervor, dass bereits alle Hypothesen darin enthalten sind, die über den Rahmen der gängigen Soziologie hinausgehen) … Es sei noch einmal betont, dass die gesellschaftliche Dichotomie, mit der wir konfrontiert sind, ein sehr hohes Niveau wissenschaftlicher Analyse erfordert, sowohl in Bezug auf das Kapital, als auch hinsichtlich des Konfliktund potentiell antagonistischen Elements, nämlich der Arbeiterklasse. […]&lt;br /&gt; Die Methode der Umfrage ist für uns unter diesem Gesichtspunkt ein ständiger politischer Bezugspunkt, abgesehen davon, dass sie sich später in dieser oder jener spezifischen Umfrage konkretisieren soll; sie bedeutet nämlich, dass wir uns weigern, die Analyse des Entwicklungsstands der Arbeiterklasse von der Analyse der Entwicklung des Kapitals abzuleiten […] Die Methode der Umfrage müsste es also ermöglichen, jede mystische Konzeption der Arbeiterbewegung zu vermeiden und den Bewusstseinsstand der Arbeiterklasse stets wissenschaftlich zu ermitteln; damit müsste sie auch die Möglichkeit bieten, dieses Bewusstsein auf ein höheres Niveau zu heben. Unter diesem Gesichtspunkt besteht eine Kontinuität zwischen der soziologischen Beobachtung, die mit ernsthaften und rigorosen Kriterien durchgeführt wird, und der politischen Aktion: die soziologische Umfrage stellt eine Art von Vermittlung dar, ohne die man Gefahr läuft, sich eine entweder pessimistische oder optimistische, auf jeden Fall aber vollkommen willkürliche Vorstellung vom Niveau des Klassenbewusstseins zu machen, das die Arbeiterklasse erreicht hat. Es liegt auf der Hand, dass diese Überlegung die politischen Ziele der Umfrage beeinflusst, ja dass sie selbst das Hauptziel der Umfrage bildet. […]&lt;br /&gt; Es ist offensichtlich, dass die sozialistische Anwendung der Soziologie neu überdacht werden muss, und zwar im Lichte der grundlegenden Hypothesen, von denen man ausgeht und die sich in einem Satz zusammenfassen lassen: die Konflikte können in Antagonismen umschlagen und damit aufhören, systemdienlich zu sein (wobei man sich vor Augen halten muss, dass die Konflikte systemerhaltend sind, da dieses System dank der Konflikte voranschreitet).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine wesentliche Bedeutung gewinnt in diesem Zusammenhang unsere Forderung, einen Teil der Umfrage noch während einer besonders ausgeprägten Konfliktsituation durchzuführen und in dieser Situation das Verhältnis zwischen Konflikt und Antagonismus zu analysieren, d.h. zu prüfen, inwieweit sich das Wertsystem ändert, das der Arbeiter in normalen Zeiten äußert, welche Werte im Bewusstsein als Alternative neu geschaffen werden, welche dagegen in diese Momenten aufgegeben werden, und warum es Werte gibt, die der Arbeiter in normalen Zeiten besitzt und in Momenten der Klassenkonflikte aufgibt, oder umgekehrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es müssen also insbesondere alle Phänomene untersucht werden, die die Solidarität der Arbeiterklasse betreffen, sowie das Verhältnis, das zwischen der Solidarität der Arbeiter und der Ablehnung des kapitalistischen Systems besteht: es gilt also zu bestimmen, inwieweit sich die Arbeiter in Konfliktmomenten bewusst sind, dass ihre Solidarität auch in antagonistische Gesellschaftsformen einmünden kann. Letzten Endes geht es darum zu prüfen, inwieweit sich die Arbeiter bewusst sind, angesichts der auf Ungleichheit gegründeten Gesellschaft eine Gesellschaft von Gleichen zu fordern, und inwieweit ihnen bewusst ist, dass dies für eine Gesellschaft eine allgemeine Bedeutung annehmen kann, als Forderung nach Gleichheit angesichts der kapitalistischen Ungleichheit.&lt;br /&gt; Wenn wir die Bedeutung einer Umfrage in Konfliktsituationen betonen, so gehen wir offensichtlich von einer grundlegenden Annahme aus: nämlich dass es einer in sich antagonistischen Gesellschaft niemals gelingt, zumindest einen der Hauptfaktoren, aus denen sie sich zusammensetzt, nämlich die Arbeiterklasse, gleichzuschalten; es muss deshalb untersucht werden, inwieweit die Dynamik konkret erfasst werden kann, durch die die Arbeiterklasse tendenziell vom Konflikt zum Antagonismus übergeht und damit die Dichotomie, von der die kapitalistische Gesellschaft lebt, explosiv macht. Daher muss die Formulierung des Fragebogens, der in diesen Situationen verwendet werden soll, meiner Ansicht nach mit der größten Sorgfalt durchdacht werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[…] Die Ziele der Umfrage lassen sich folgendermaßen umreißen: wir knüpfen sehr große Erwartungen an die Umfrage, dass sie eine korrekte, wirksame und politisch fruchtbare Methode darstellt, um mit einzelnen Arbeitern und Gruppen von Arbeitern in Kontakt zu kommen; das ist ein sehr wichtiges Ziel: zwischen der Umfrage und dieser politischen Aufbauarbeit besteht nicht nur keine Diskrepanz und kein Widerspruch, sondern die Umfrage erscheint vielmehr als ein grundlegender Aspekt dieser politischen Arbeit. Außerdem stellt die theoretische Diskussion unter Genossen, mit den Arbeitern, usw., zu der uns die Umfrage nötigen wird, eine sehr gründliche politische Bildungsarbeit dar, und auch unter diesem Gesichtspunkt ist die Umfrage ein ausgezeichnetes Mittel der politischen Arbeit. Daneben verfolgt sie noch andere politische Ziele: mir scheint nämlich, dass sie von entscheidender Bedeutung ist, um bestimmte – auch beträchtliche – Unklarheiten auszuräumen, die noch in der von den Quaderni Rossi ausgearbeiteten Theorie bestehen. Wie nämlich zahlreiche Genossen festgestellt haben, sind viele Elemente dieser theoretischen Ansätze lediglich als Antithese erarbeitet worden, entspringen also der Kritik der offiziellen Positionen oder zumindest der Kritik der Entwicklung des Denkens der Arbeiterbewegung, ohne dass die positiv begründet werden, d.h. ohne dass sie vom Klassenstandpunkt her empirisch begründet werden. Da es unmöglich ist, eine regelrechte politische Verifizierung vorzunehmen, bei der die Strenge der Untersuchung zwar auch von grundlegender Bedeutung wäre, die uns aber makroskopische Elemente und unwiderlegbares Beweismaterial an die Hand gäbe, ist eine so durchgeführte Untersuchung die in gewisser Hinsicht wichtigste Arbeit, die wir leisten können, da sie auch die Verbindung zwischen Theorie und Praxis gewährleistet, die uns heute aus objektiven Gründen verlorenzugehen scheint.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dies ist ein Ziel, das ständig verfolgt werden müsste und das letzten Endes einen wesentlichen Aspekt unserer Arbeitsmethode darstellt.&lt;br /&gt; Ein weiteres wichtiges Ziel, das wir uns setzen, besteht schließlich darin, unserer Arbeit eine europäische Dimension zu geben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die vergleichende Gegenüberstellung der Situation in den verschiedenen europäischen Ländern, die die Umfrage ermöglicht, müsste nicht nur uns, sondern auch den französischen und deutschen Genossen wichtige Anhaltspunkte liefern, um die Möglichkeit und die eventuellen Grundlagen einer Vereinigung der Kämpfe der Arbeiterklasse auf europäischer Ebene zu bestimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(Quaderni Rossi, Nr. 5, 1965)&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 13:09:01 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Die Entdeckung des Eigensinns</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/die-entdeckung-des-eigensinns</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;In den langen 1950er Jahren wurde in vielen westeuropäischen Ländern eine alte Marx‘sche Vorhersage zur Realität: Der Anteil der Lohnarbeiter_innen an den Arbeitenden stieg auf einen historischen Höhepunkt, die große Mehrheit lebte vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Doch der Proletarisierung folgte keine Politisierung im Sinne der traditionellen Parteien und Gewerkschaften, die aus der Zweiten und Dritten Internationale hervorgegangen waren. Überall schien die Arbeiterklasse sich mehr für die neuen Konsummöglichkeiten und das individuelle Fortkommen zu interessieren als für die Revolution. Immer deutlicher wurde, wie die Hoffnung auf die Fabrik als ‚Organisatorin der Massen’ sich nicht erfüllen würde. Die Rebellion, die am Ende des Jahrzehnts auch die Fabriken und Büros ergriff, war vielmehr ein Aufstand gegen die Arbeit einschließlich ihrer stark entfremdeten und hierarchischen Organisationen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;In den langen 1950er Jahren wurde in vielen westeuropäischen Ländern eine alte Marx‘sche Vorhersage zur Realität: Der Anteil der Lohnarbeiter_innen an den Arbeitenden stieg auf einen historischen Höhepunkt, die große Mehrheit lebte vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft. Doch der Proletarisierung folgte keine Politisierung im Sinne der traditionellen Parteien und Gewerkschaften, die aus der Zweiten und Dritten Internationale hervorgegangen waren. Überall schien die Arbeiterklasse sich mehr für die neuen Konsummöglichkeiten und das individuelle Fortkommen zu interessieren als für die Revolution. Immer deutlicher wurde, wie die Hoffnung auf die Fabrik als ‚Organisatorin der Massen’ sich nicht erfüllen würde. Die Rebellion, die am Ende des Jahrzehnts auch die Fabriken und Büros ergriff, war vielmehr ein Aufstand gegen die Arbeit einschließlich ihrer stark entfremdeten und hierarchischen Organisationen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das Jahrzehnt des Scheiterns&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Für die politische Linke Westeuropas war die unmittelbare Nachkriegszeit eine Zeit der großen Hoffnungen und ebenso großen Enttäuschungen. In einer Reihe von Staaten beteiligten sich die kommunistischen Parteien, die sich im Befreiungskampf gegen die deutsche Wehrmacht einen guten Ruf erobert hatten, an den Regierungen. Es gab kein Land, in dem der ‚Aufbau der Produktion’ von den KP‘en nicht gegen die vorhandenen Rätebewegungen, Streiks und Aufstände ausgespielt worden wäre. In den westlichen Besatzungszonen und der jungen Bundesrepublik hatte die KPD vor ihrem Verbot das ihre dazu beigetragen, die lokalen Arbeitskämpfe in den symbolischen Generalstreik von 1948 und die spätere Etablierung einer ‚sozialen Marktwirtschaft’ zu überführen. Im Osten kam es kurze Zeit später zu Massenprotesten gegen die Enteignung der Arbeiter_innenklasse durch das Management des Sozialismus: 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn. Mitte der 1950er Jahre, noch bevor der ‚real existierende Sozialismus’ dazu ansetzte, den „Westen einzuholen und zu überholen“, waren die Versuche, einen Sozialismus jenseits des Fabrikregimes zu denken, mehr als einmal gescheitert. Das jugoslawische Modell blieb eine relativ isolierte Alternative, seine restringierte Selbstverwaltung ertrank schließlich in der Konkurrenz der Betriebe und jugoslawischen Regionen um Devisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gleichzeitig begann die Suche nach den Resten dieser Alternative auf einem lokalen Niveau. Der Blick zurück auf den Blauen Montag&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_lz6sumy&quot; title=&quot;Der Blaue Montag war die allwöchentliche Verweigerung der Handwerksgesellen des 19. Jahrhunderts, an Montagen zu arbeiten. Allgemein steht er für den lokalen, ‚unpolitischen’ Kampf um die Arbeitszeit.&quot; href=&quot;#footnote1_lz6sumy&quot;&gt;1&lt;/a&gt;, die Interviews mit Arbeitenden in der gigantischen und scheinbar immer weiter wachsenden fordistischen Automobilindustrie, schließlich auch eine gewerkschaftliche Bildungsarbeit, die von ‚exemplarischem Lernen’ sprach, all dies beförderte die Entdeckung des Eigensinns, die Einsicht in den Umstand, dass sich inmitten der vollkommenen Herrschaft fordistischer Rationalität ein neues historisches Subjekt zu konstituieren schien. Wichtige Elemente dieser neuen Subjektivität waren die Ironie als befreiende Erkenntnis, die Negation als Flucht aus der Fabrik und die Produktivität als Suche nach Alternativen jenseits der Lohnarbeit. Es war ein Kampf, der sich in Europa über drei Jahrzehnte hinzog, ein Kampf der Maulwürfe, mit unzähligen lokalen Eruptionen, deren Höhepunkte die Arbeitskämpfe in Westeuropa der späten 1960er und frühen 1970er Jahre waren. Auf allen drei Ebenen stellte das konkrete Arbeiter_innenverhalten einen Bruch mit der Normalität dar, auf die die sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien Westeuropas sich hatten festlegen lassen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Ironie, Verweigerung und Produktivität&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ihre Kader schilderten die Fabrik als Moloch, der alle denkbaren Formen des Widerstands und der Organisierung beseitige. Als Beweis zitierten sie den Verlust des Einflusses der traditionellen Gewerkschaften in den großen Fabriken, der sich bei FIAT in Turin Mitte der 1950er Jahre genauso ereignete wie in den neuen Autofabriken in der Bundesrepublik und sogar auf den Werften und in den Metallbetrieben Skandinaviens. Eine wesentliche Entdeckung der ‚militanten’ Untersuchungen der frühen 1960er Jahren war, dass die Arbeitenden sich ihre Freiräume trotzdem durch ‚untraditionelle’ Methoden eroberten, die die offizielle Arbeiterbewegung für ‚unterentwickelt‘ und längst für erledigt hielt. Nanni Balestrini hat diesen Formen ein Denkmal gesetzt, als er Anfang der 1970er Jahre die Arbeit am ‚500er Band’ bei FIAT beschrieb:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Vor allem von den Jungen gingen viele sofort wieder, nachdem sie gesehen hatten, was für eine Scheißarbeit das war. Wer so blöd ist, kann ja hier bleiben, und dann gingen sie wieder. Dann gab es welche, die ständig krankfeierten. Na ja, und weil infolgedessen weniger Arbeiter da waren, als am Band gebraucht wurden, musste jeder von uns viel mehr Handgriffe ausführen. Sie mussten einen Haufen Personal bezahlen, das ihnen nichts nutzte, weil es praktisch nicht da war. Deshalb wurde ich auch ziemlich sauer und verletzte mich am Finger. Ich quetschte mir den Fingernagel, ohne mir groß weh zu tun. Aber ich rieb mir etwas schwarzes Schmieröl, etwas schwarzes Fett über den Finger, damit es schwarz aussah, wie geronnenes Blut.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Resultat der Aktion war, dass der Ich-Erzähler von Wir wollen alles zwölf Tage auf Kosten der FIAT freigestellt wird. Die Erzählung lebt tatsächlich von der Pointe, dass der Kampf, der in der modernsten italienischen Fabrik begonnen hatte, nicht allein ein Kampf um die Zeit war, sondern auch ein diskreter Kampf, der mit allen Mitteln der Fälschung und Erschleichung geführt wurde. Er war eine Komödie, die die Angriffe auf die körperliche Integrität, die ein zentrales Moment des Fabriksystems war, imitierte, mit Schmieröl statt mit echtem Blut. Besser noch schien es, gar nicht erst hinzugehen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Wir standen auf dem Bahnsteig. Es war ein herrlicher Tag. Da hat einer gefragt: ‚Gehen wir heute zur Arbeit oder gehen wir nicht?’ Wir haben dann eine Münze geworfen, wenn Zahl, gehen wir zur Arbeit, wenn Kopf, bleiben wir zu hause. Es kam dann Zahl und wir haben gesagt: ‚Wir gehen trotzdem nicht hin’.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Szene, die sich Mitte der 1950er Jahre auf dem Weg zur Arbeit bei VW in Wolfsburg abgespielt haben soll, zeigt, dass der Protest gegen die Fließbandarbeit wesentlich außerhalb der Arbeit stattfand, in der ‚Freizeit’, jenseits der Fabrik. Die Arbeitgeber beklagten die ‚Unkameradschaftlichkeit’, die Regierung das ‚Bummelantentum’, die Gewerkschaften sahen die ‚Disziplinlosigkeiten’ der jungen Arbeitenden als ihr größtes Organisierungsproblem. Die Protagonisten der historischen Militanten Untersuchung sahen hingegen das Potenzial solcher Handlungen, die die Ineffektivität der neuen Arbeitsformen und die Bürokratie, in der sie verwaltet wurden, bloßstellten. In der FIAT-Untersuchung von 1960/61, eine der Arbeiten, die als Modell für eine Militante Untersuchung gelten, hieß es:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Die Organisation der Produktion bei FIAT (ist) weit weniger ‚rational’ als man annehmen könnte und - als Folge davon - sind die FIAT-Arbeiter weit weniger integriert als es nach außen hin erscheint. [...] Das mythische Bild einer rational organisierten Fabrik zerfällt.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beim Wiederlesen fällt auf, dass die FIAT-Untersuchung nicht in erster Linie die Frage nach der Ironie oder der Verweigerung, sondern die Frage nach der Produktivität bewegt. Die Autoren der Studie schlossen unter anderem an betriebswirtschaftliche Überlegungen an, die Mayo und andere zur frühen Krise des Taylorismus in den USA der 1930er Jahre angestellt hatten und in denen Wege gesucht wurden, wie der ‚mangelnden Motivation‘ und dem ‚tendenziell‘ destruktiven Charakter der Arbeitskräfte entgegengewirkt werden könne. Hinzu kam ein nach eigener Auskunft ‚naiver Marxismus‘. Und schließlich wurde die FIAT-Untersuchung in enger Kooperation mit der CGIL - dem kommunistischen Gewerkschaftsverband – durchgeführt. Die Organisierungsfrage, die hier zuerst gestellt wurde, ging davon aus, dass die Krise der modernen Fabrik zugleich eine Krise der traditionellen Gewerkschaften hervorbringe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Bundesrepublik entwickelten sich im Grunde ganz ähnliche Ansätze, im SDS, in der Bildungsarbeit der damals relativ linken IG Chemie und der IG Metall. Günther Wallraff, der eines dieser Projekte schriftstellerisch begleitete, schrieb Mitte der 1960er Jahre:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Man hat mir von einem Arbeiter erzählt, der sich auf seine Art gegen das Band zu wehren wusste. Er soll am vorderen Bandabschnitt eingesetzt worden sein. Um eine einzige Zigarette zu rauchen, beging er Sabotage am Band. Statt einen Presslufthammer an die immer gleiche vorgesehene Stelle der Karosserie zu halten, bohrte er kurz in das Band hinein, und alles stand augenblicklich still: Tausende Mark Ausfall für das Werk, für ihn drei bis fünf Minuten Pause.“&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die frühe Militante Untersuchung betonte die Ineffektivität, ja die Unmöglichkeit einer totalen Kontrolle über die Arbeitskraft. Fragen nach der Möglichkeit der Selbstorganisation und der Selbstermächtigung schlossen sich an. Wenn man so will, dann war der Keim für die Reform des Fabrikregimes in diesen Texten bereits angelegt. Gleichzeitig trugen sie aber auch dazu bei, die Kritik an diesem Regime sichtbar und gesellschaftsfähig zu machen. Die Militante Untersuchung war sowohl Frühwarnsystem als auch Parteinahme für den Protest. Als es 1962 in Turin zu einem ersten Riot junger, migrantischer Massenarbeiter kam, entschied sich zumindest ein Teil der Forscher für die Parteinahme - und gegen die weitere Zusammenarbeit mit der CGIL.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die ‚Militante Untersuchung’ und die ‚autonome Arbeit’&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Verdienst des historischen Operaismus&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_u1aqwnx&quot; title=&quot;Operaismus: dissidente Strömung im italienischen Marxismus, die sich aus Projekten wie der militanten Untersuchung entwickelte.&quot; href=&quot;#footnote2_u1aqwnx&quot;&gt;2&lt;/a&gt; ist nicht, die ‚Autonomie in der Arbeit’ entdeckt zu haben. Lange vor der FIAT-Untersuchung war sie bereits von der Industriesoziologie beschrieben worden und bis heute wird sie von ihr ‚operationalisiert’. Die Pointe war nicht die ‚Militante Untersuchung’ als solche, sondern ihre Verknüpfung mit einer Theorie der Revolution, die die Subjektivität der sozialen Kämpfe, ihren Eigensinn, die Notwendigkeit der Ermächtigung und Selbstverwaltung hervorhob. Aus Sicht von Operaisten wie Panzieri, Tronti und Negri schafft die Revolte der Arbeitenden das Kapital, nicht nur im ökonomischen Sinne, wie im tendenziellen Fall der Profitrate ausgedrückt, sondern auch in der konkreten Verweigerung gegen die Zumutungen der Arbeit. Aber welchen Ort hat dieser Protest? Martin Dieckmann antwortete vor einigen Jahren mit der Feststellung, dass „die Arbeiter_innen außerhalb des Kapitals zwar als Klasse, aber als Einzelne, während sie als gesellschaftliche Klasse nur im Inneren des Kapitals, als angewandte Arbeitskraft, fungieren.“ Arbeitskämpfe sind in diesem Sinne, wenn man so will, eine ‚Rebellion der angewandten Arbeitskraft’, die strukturell und räumlich getrennt von der Arbeiter_innenklasse existiert, die im Raum des öffentlichen politischen Handelns präsent ist. Die Restrukturierung der Fabrik, die bis heute anhält, schließt die Poren des Widerstandes, die innerhalb dieser Position nicht nur denkbar waren, sondern auch praktisch wurden. Dabei spielten die Gewerkschaften eine entscheidende Rolle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die offenen organisierten Streiks der späten 1960er Jahre, ob in Paris, Turin, Kiruna, Dortmund oder London, waren zugleich Kämpfe, die zwischen der Position der Verweigerung und der Position der Produktivität ausgetragen wurden. Autonomie und Selbstorganisation waren Stichworte, die sowohl im Sinne der Reform des Fabrikregimes als auch im Sinne der Revolte dagegen zum Sprechen gebracht wurden. Dabei ist es kein Zufall, dass eines der wenigen großen Beispiele des Arbeitskampfes in Frankreich im Mai 1968, in dem die Frage der Selbstverwaltung die Forderung nach besseren Löhnen und Arbeitsbedingungen auskonkurrierte, ein Kampf der hoch Qualifizierten war, die die ‚gute Arbeit’ forderten. Im Anschluss an solche Kämpfe wurden die Gewerkschaften zum Träger eines historischen Kompromisses, der Autonomie und Selbstorganisation zu funktionalen, hochwertigen Bestandteilen der kapitalistischen Produktion machen wollte, ein Arrangement, das in erstaunlicher Geschwindigkeit die alten Rationalisierungsabteilungen und REFA-Debatten ablöste, die vor allem in Nordeuropa im Konsens mit den Unternehmern auf dem Höhepunkt der ‚Goldenen Zeiten’ eingerichtet worden waren. Dass die Gewerkschaften in Westeuropa um 1975 eine Stärke erreichten, die historisch nur mit der in der revolutionären Situation nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg verglichen werden kann, war untrennbar mit der Adaption der Forderungen aus den Arbeitskämpfen verbunden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein wichtiges Moment war die Instrumentalisierung und Operationalisierung der Subjektivität, die in den westeuropäischen Ländern vermittels von Programmen wie der ‚Humanisierung der Arbeit’, den ‚neuen Unternehmenskulturen’ der 1980er Jahre, der Umstellung der Automobilproduktion von der Linearität der Bandarbeit auf selbst steuernde Gruppen, schließlich in Formen wie der ‚indirekten Steuerung’ betrieben wurde. Dass die Kritik der politischen Ökonomie mit dem Operaismus ein Subjekt bekam, dass das historische Verhältnis zwischen einer unproduktiv gewordenen Arbeiterbewegung und der politischen Organisierung auf den Kopf gestellt wurde, schreibt sich in diese Geschichte ein: Die Antwort war, die Lohnarbeit selbst zu entgrenzen, auch die informellen und kommunikativen Anteile des Arbeitsprozesses sichtbar und verwertbar zu machen. Die Renaissance des Operaismus, die in der radikalen Linken seit einigen Jahren vorhält, ist vor allem vor diesem Hintergrund bedeutend.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Militanten Untersuchungen der Zukunft&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Heute ist es kaum noch denkbar, den Zyklus von Ironie, Verweigerung und Produktivmachung zu erneuern, ohne den Konflikt zu betonen, der ihm innewohnt. Vor dieses Problem ist die radikale Linke gestellt insofern sie, wie Dieckmann schrieb, seit einiger Zeit „eine Entdeckungsreise in den neuen Kontinent“ der Lohnarbeit unternimmt. Die Produktivmachung von Kommunikation und Körpern, die Entgrenzung der Arbeitszeit, die Prekarisierung der sozialen Absicherung, all dies stellt ganz unmittelbar die Frage nach Handlungs- und Widerstandsmöglichkeiten. Was wäre an einer ‚Autonomie in der Arbeit’ unter den aktuellen Bedingungen erstrebenswert? Wie werden unter diesen Bedingungen soziale Rechte und Grenzen der Ausbeutung definiert? Heute kann ‚Militante Untersuchung’ sich nicht mehr auf die Entdeckung des lokalen Eigensinns beschränken, darauf warten, dass der rebellische Maulwurf irgendwann die gesellschaftliche Oberfläche erreicht. Viel stärker als im historischen Operaismus müssen heute die bereits in aller Offenheit stattfindenden Konflikte in ihrem Zusammenhang begriffen werden. Dabei können die Ansatzpunkte, die die feministische Kritik am Operaismus der frühen 1970er Jahre fokussiert hat, wieder ins Gespräch gebracht werden: die Kritik an der Produktion und Reproduktion öffentlicher Güter, der Kampf um urbane Räume, die bedeutende Rolle migrantischer Kämpfe. Es gilt, die Scharniere sichtbar zu machen, die zwischen den ‚diskreten’ und den öffentlichen Räumen existieren, in denen sich die Selbstorganisation der Lohnarbeit heute abspielt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei einer militanten Untersuchung wird die Arbeitsteilung zwischen Untersuchenden und Untersuchten nicht nur umgedreht, sondern in der Tendenz aufgehoben. Selbstverständlich hat auch die distanzierte Beobachtung der ‚umkämpften Arbeit’ eine große Bedeutung. Arbeiten über die Kämpfe im Dienstleistungssektor, Untersuchungen über Streiks bei Gate Gourmet oder Opel, über urbane soziale Kämpfe, Freiräume, öffentliche Güter, die Geschichte der Selbstverwaltung und der Alternativbewegung, die Kämpfe der Migration, die Neuzusammensetzung der Klasse in China, Indien oder Südafrika sind vielleicht bedeutender als wir selbst meist denken. Mein Eindruck ist, dass derartige Untersuchungen - ob sie nun innerhalb, am Rande oder außerhalb des Wissenschaftsbetriebes angesiedelt sind - in den vergangenen Jahren an Umfang und Qualität gewonnen haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine offene Frage bleibt jedoch, wie diese zersplitterte Sammlung von Texten und Themen zu einer umfassenden, kollektiven Arbeit werden können, die mehr beschreiben als nur Episoden des Klassenkampfes. Eine Debatte über den roten Faden all dieser Untersuchungen, eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhältnis zum so genannten Gegenstand, eine Erörterung der systemfeindlichen Potentiale der Kämpfe, der eigenen Ressourcen und der möglichen Alternativen wären ein Fortschritt. Die vorliegende Ausgabe der arranca! kann vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_lz6sumy&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_lz6sumy&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Der Blaue Montag war die allwöchentliche Verweigerung der Handwerksgesellen des 19. Jahrhunderts, an Montagen zu arbeiten. Allgemein steht er für den lokalen, ‚unpolitischen’ Kampf um die Arbeitszeit.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_u1aqwnx&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_u1aqwnx&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Operaismus: dissidente Strömung im italienischen Marxismus, die sich aus Projekten wie der militanten Untersuchung entwickelte.&lt;/li&gt;
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 <pubDate>Tue, 19 Jan 2010 14:24:09 +0000</pubDate>
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