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 <title>arranca! - Prekarität</title>
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 <title>Von Füchsen und Kichererbsen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/48/von-fuechsen-und-kichererbsen</link>
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                    &lt;p&gt;Kennt Ihr das? Kaum steckt man in einer festen Beziehung, leidet der Kontakt zu den etwas entfernteren Freund*innen und Bekannten. So ging uns das mit dem IL -Prozess. Vor lauter Vereinigungsstress haben wir einige unserer alten Weggefährt*innen, die der&lt;em&gt;Interventionistischen Linken&lt;/em&gt;&amp;nbsp;noch nie etwas abgewinnen konnten, in den letzten drei Jahren leider sträflich vernachlässigt. So haben wir nur aus dem Augenwinkel mitbekommen, dass in unserem näheren politischen Umfeld durchaus auch andere Antworten auf die derzeit allgegenwärtige „Organisierungsfrage“ gefunden werden als die unsere. Vor der Organisierungsausgabe der arranca! war das für uns Grund genug, endlich mal wieder nach Hamburg zu fahren und bei unseren alten&amp;nbsp;&lt;em&gt;Euromayday&lt;/em&gt;-Genoss*innen Effi und Frank nachzufragen, was es mit der jüngst gegründeten Gewerberaum-Genossenschaft&amp;nbsp;&lt;em&gt;fux&lt;/em&gt;&amp;nbsp;auf sich hat, die im letzten Winter ein Kasernenareal mitten in Hamburg Altona gekauft hat.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Kennt Ihr das? Kaum steckt man in einer festen Beziehung, leidet der Kontakt zu den etwas entfernteren Freund*innen und Bekannten. So ging uns das mit dem IL -Prozess. Vor lauter Vereinigungsstress haben wir einige unserer alten Weggefährt*innen, die der &lt;em&gt;Interventionistischen Linken&lt;/em&gt; noch nie etwas abgewinnen konnten, in den letzten drei Jahren leider sträflich vernachlässigt. So haben wir nur aus dem Augenwinkel mitbekommen, dass in unserem näheren politischen Umfeld durchaus auch andere Antworten auf die derzeit allgegenwärtige „Organisierungsfrage“ gefunden werden als die unsere. Vor der Organisierungsausgabe der arranca! war das für uns Grund genug, endlich mal wieder nach Hamburg zu fahren und bei unseren alten &lt;em&gt;Euromayday&lt;/em&gt;-Genoss*innen Effi und Frank nachzufragen, was es mit der jüngst gegründeten Gewerberaum-Genossenschaft &lt;em&gt;fux&lt;/em&gt; auf sich hat, die im letzten Winter ein Kasernenareal mitten in Hamburg Altona gekauft hat.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;Bevor wir über fux sprechen, erzählt ein wenig über Euren linken Werdegang.&lt;/em&gt;&amp;nbsp;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi:&lt;/strong&gt; Mit 18 hatte ich meine erste nähere Begegnung mit der bundesweit organisierten griechisch-kommunistischen Jugendpartei in Hamburg. Das Projekt mich als „Kichererbse“ zu akquirieren war ohne Erfolg: Kichererbsen nannten man damals in Griechenland den Nachwuchs, den man versuchte, zu „akquirieren“. Das war eine Subjektivierungsweise, die mir widerstrebte! Stundenlang verweilte ich bei den Treffen, meistens aber nur als stille Beobachterin. Die Art des parteiförmig strukturierten, ideologisierten Austausches, weit entfernt von alltäglichen Erfahrungen, lag mir fern. Erst nach 1989, als die Jugendpartei zerfiel, und niemand mehr eine Parteisoldatin verkörpern musste, wurde ich in den Freundeskreisen registriert, und die Möglichkeit einer Sozialität schien sich zu eröffnen. Danach bin ich über &lt;em&gt;Kanak Attak &lt;/em&gt;in antirassistische Kontexte gekommen. Das waren für mich immer losere Zusammenhänge, wo man anhand eines konkreten Problems und auch subjektiven Erfahrungen versucht hat, Politik zu machen. Das war mir viel näher. Dieses Ansetzen am eigenen Alltag und eigenen Erfahrungen erschien mir sinnvoller als parteiförmige Strukturen. Das zieht sich seitdem als roter Faden durch die politischen Zusammenhänge, in denen ich aktiv war. Immer wieder auch gemeinsam mit Frank: zum Beispiel die &lt;em&gt;Gesellschaft für Legalisierung&lt;/em&gt;, der Hamburger Euromayday, Lux und Konsorten und jetzt die Genossenschaft fux.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank: &lt;/strong&gt;Meine politischen Organisierungsansätze waren bei mir immer an meine Alltagsgeschichten gebunden gewesen. Meine erste Gruppe war die WUSCH, die &lt;em&gt;Wuppertaler Undogmatischen Schülergruppen&lt;/em&gt;. Da ging es um Schüler*innenselbstverwaltung, das war in manchen Schulzentren mit bis zu 2 000 Schülerinnen Nordrhein-Westfalens sehr erfolgreich. Wir hatten bei den Schülerratswahlen und im Schülerparlament teilweise 38 % der Stimmen. Das ist etwas Stilprägendes gewesen, was mich nie wieder losgelassen hat. Ich bin danach ja einen strengen militanten Weg gegangen, mit allen Schikanen: Hausbesetzungen, Organisierung im Knast, Organisierung draußen in autonomen Gruppen, enge Kontakte mit den bewaffneten Gruppen usw. und so fort. Das kulminierte alles mit der Besetzung der Hafenstraße und brach erst nach 88/92 ab, als es mit dem Ende der RAF und der anderen bewaffneten Strukturen mit der großen weiten Welt des Antiimperialismus zu Ende ging. Mit dem Aufstand in Chiapas einige Jahre später habe ich dann begonnen, die alten Organisierungsfragen wieder neu zu denken. Damals fingen wir endgültig an, uns in netzwerkförmigen Strukturen zu organisieren, die aber immer einen festen Infrastruktur- und Ressourcenkern hatten. Ab da kam ein Netzwerk zum anderen: &lt;em&gt;Kein Mensch ist illegal&lt;/em&gt;, die von vornherein als transnationale, transkontinentale, diverse usw. Organisierung von Leuten gedachte Gesellschaft für Legalisierung, dann das Frassanito-Netzwerk und schließlich Euromayday. Ja und nun sind wir auf einmal in einer Genossenschaft und kaufen Land.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Was ist das für ein Projekt?&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi:&lt;/strong&gt; Wir haben die Genossenschaft fux gegründet und das Kasernengelände an der Max-Brauer Allee in Altona gekauft. Dort hat bisher der Verein Frappant gearbeitet, subventioniert von der Kulturbehörde. Da die Förderung aber auslief, musste eine Lösung her. Wir sind dann im Jahr 2013 in Verhandlungen mit der Stadt eingestiegen und haben es tatsächlich geschafft, die Kaserne zu kaufen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Ist das nicht unbezahlbar in Hamburg im Jahre 2015?&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; Wir steigen ein mit der der Kampfmiete von fünf Euro Nettokaltmiete, das ist in Hamburg unschlagbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi &lt;/strong&gt;: Und das in Altona!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; … einem Ort, der gerade im Moment nur so durch die Decke schießt. Nebenan entsteht mit der Neuen Mitte Altona gerade eine ganze neue Stadt. Wir schaffen ein kleines Gegengewicht im innerstädtischen Immobilienmarkt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;¿Wer genau hat da was gekauft? Und wem gehört jetzt was? Welche Rechtsform hat das alles?&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; Es gab viel Diskussion, ob wir das Mietshäusersyndikat ansprechen, welches kollektives Hauseigentum z.B. in Form von GmbHs und Vereinen organisiert. Das haben wir zurückgewiesen. Wir haben uns ausdrücklich für die Genossenschaft als Rechtsform entschieden, weil das die demokratischste Form des Privateigentums darstellt. Hier gilt der Gedanke „Eine Person, eine Stimme“ – egal, wie viel Geld sie mitbringt. Wir verstehen die Genossenschaft als Versuch, zurück zu den alten Kooperativen zu gehen, zu den urmarxistischen Keimzellen des 19. Jahrhunderts, wenn du so willst. Die Ebene des „SichSelbstOrganisierens“, auch rund um die Fragen des Alltages – was man früher schlagwortartig „den Alltag politisieren“ genannt hat, das soll einen organisatorischen Rahmen bekommen. Einigen unserer Genoss*innen wird das manchmal ziemlich viel. Die Mitgliedschaft in der Genossenschaft, das ist für die fast wie die Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Bei euch spielt der Begriff der Selbstverwaltung eine große Rolle. Warum?&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi:&lt;/strong&gt; Es geht um die „Kreierung“ und „Installierung“ dieser Selbstverwaltung. Das ist momentan tatsächlich die größte Herausforderung. Wenn wir jetzt nicht irgendein TopDownModell praktizieren wollen, müssen wir entsprechende Strukturen in diesem Prozess etablieren. Auf der Basis vorhandener Erfahrungshorizonte und praktiken soll eine Selbstverwaltung ermöglicht werden. Wir haben uns entschlossen, das Gebäude wie eine Stadt in verschiedene Quartiers aufzuteilen, in denen sich jeweils fünf bis dreißig Leute teilautonom organisieren. Durch gegenseitige Besuche können sich die füx*innen kennenlernen und sich in QuartiersVersammlungen sowohl über unterschiedliche Quartiersals auch über genossenschaftsspezifi sche Belange austauschen. Die Miete zahlen die Leute an ihre Quartiers, nicht einzeln an die Genossenschaft. Die Frage, „Was passiert, wenn jemand die Miete nicht zahlt, wer mahnt dann?“, war bei unseren Diskussionen ein großer Konfl ikt. Die Antwort lautete schließlich: „Die Quartiers untereinander.“ Dafür bedarf es einer Sozialität, die so etwas einerseits auffängt und andererseits auch ausfindig macht, wo Versäumnisse vorliegen. Allerdings nicht in Form eines zentralen Kontrollapparates, sondern durch persönlich ausgehandelte oder strukturelle Näheverhältnisse. Es wird also eine andere Instanz imaginiert, die nicht vereinheitlichend wirkt und ohne Figuren eines „mirSagenden“ oder „Mahnenden“ auskommt. Beim Euromayday ging es anfangs zunächst ja vor allem um prekäre Arbeitsverhältnisse, und zwar nicht zuletzt auch um die eigenen. Wie erklärt Ihr den Blickwechsel auf das Thema Stadt und schließlich den Schritt zur Gründung von Lux und Konsorten und fux? Welche politischen Ziele verfolgt Ihr mit alledem?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; Im Hamburger Euromayday haben wir bereits seit 2007 von der „Verräumlichung“ der sozialen Frage gesprochen. Schon damals war klar, dass wir eine Position im Kontext von Recht auf Stadt brauchen, wenn wir uns nicht selbst alle an den Stadträndern wiederfinden wollen, weil wir innerstädtische Mieten nicht mehr zahlen können. Ebenso benötigen wir Auswege, die weiter führen als linke Wohnprojekte aus akademischen Subkulturen mit irgendeiner Vermögensanteile-Rechtsform. Als Selbständige hängt unsere Lebensqualität schließlich nicht nur maßgeblich von unseren Wohnraumkosten, sondern mindestens ebenso sehr auch von den Kosten unserer Gewerberäume ab.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi:&lt;/strong&gt; Wir wollen eine Art Gewerkschaft der Selbständigen vor Ort sein. Unsere Herausforderung besteht darin, aus diesen Räumen mehr zu machen als bloßen Gewerberaum. Die Hauptforderung ist klar: Billige Mieten, die unsere Reproduktionskosten niedrig halten. Wir verdienen keine Millionen, wir wollen mit unserer Arbeit mehr als nur unser Überleben sichern. Wir wollen einfach gut leben. Das ist ein Slogan, den wir auch im Hamburger Euromayday kundgetan haben. Im Gewerbehof wird der allerdings sehr konkret lokalisiert. Wir sind auf den ersten Blick vielleicht nur ein Zusammenschluss von Kultur- und Gewerbetreibenden, die für den eigenen Benefit sorgen. Auf den zweiten Blick verkörpern wir aber nachhaltig eine politische „Haltung“, die aus diversen individuellen oder partikularen Interessen wieder Gesellschaftsfähigkeit produzieren will. Diese Sozialität soll sowohl bei anderen Polit-Generationen als auch bei denjenigen anderen fuxGenoss* innen ankommen, die einfach günstige Arbeitsräume brauchen.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;Provokant könnte man Euch ja vorwerfen, mit der Genossenschaftsgründung nur Euren eigenen Arsch ins Trockene gebracht zu haben.&lt;/em&gt;&amp;nbsp;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; Das ist unser gutes Recht. Deswegen tun wir das. „Entrechtet und geknechtet“ bin ich selbst genug. Wenn ich nicht in der Lage bin, meine eigene Lage zu verbessern, wie kann ich dann für irgendjemand anders etwas tun? Außerdem ist das doch eine riesige Diskursintervention. Wir schaffen, hier und heute, in dieser Stadt, eine Basis. Wir beweisen, dass es möglich ist, Dinge anders zu machen, als es die herrschende Ordnung die ganze Zeit predigt und durchexerziert. Wir beweisen, dass es auch im Jahre 2015 möglich ist, in der Hamburger Innenstadt zusammenzuleben und dabei nur fünf Euro pro Quadratmeter auszugeben. Uns beschäftigt immer noch die Frage, wie sich das modern prekäre und arbeitende Subjekt, das kein Normalarbeitsverhältnis mit integriertem Betriebskindergarten mehr kennt, politisch organisieren kann. Wie du mit einer zerklüfteten Erwerbsbiographie trotz aller Verpfl ichtungen für Angehörige, Freunde, Kinder, diversen Jobs, Hobbies und Leidenschaften, die Zeit finden kannst, dich mit anderen zusammenzuschließen, um gemeinsam kämpfen zu können. Darum geht es. Ich kann die Reproduktionsnicht von der Organisierungsfrage trennen. Reproduktion bedeutet: meine Fähigkeiten erhalten. Was ist die Reproduktion eines militanten Linken? Sich die Fähigkeit zu erhalten, militant zu sein. Dafür brauche ich Leute, brauche ich Ressourcen, brauche ich Infrastrukturen. George Jackson hatte früher gesagt: „Was sind die wichtigsten drei Dinge für einen Revolutionär? – Connections, Connections, Connections.“ Die klassischen linken Organisierungsprojekte in meinem politischen Umfeld helfen mir dabei nur wenig. Deren Organisationsansatz ist in randstädtischen Milieus und der Provinz vielleicht ein guter Schutz gegen Nazis und ein Projekt gegen kapitalistische Hegemonie. Dafür werden in solchen Gruppen aber vielfache Ausschlüsse produziert, die dann wieder mühsam überwunden werden müssen. Ich überlege auch heute: „Warum sollte ich zu einer linken Organisation gehen?“ Das betrifft nicht nur mich persönlich. Mit welchen Ressourcen, Möglichkeiten und Infrastrukturen kann sie mich versorgen? Sagen wir, ich bin jemand, der aus Kamerun kommt. Ich brauche Papiere, einen Transit, einen Job, eine Bankverbindung, ein Bett. Kann mir eine linke Organisation das geben? Nein. Wofür brauche ich sie dann? Weil die gegen Rassismus sind? Das ist gut. Aber wie helfen die mir konkret? Beschützen die mich? Im besten Fall schicken die mir ein Solidaritätspaket in den Abschiebeknast und machen draußen eine Demo. Ich aber würde doch lieber vermeiden, in den Knast zu kommen. Können die mir dabei helfen? Nee.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi:&lt;/strong&gt; Lass mich noch eine andere Facette reinbringen: Im Organizing-Projekt in der Hamburger SecurityBranche im Jahre 2005 war es ein Riesenproblem, dass die verschiedenen Niedriglohnfirmen sich gegenseitig auch noch unterbieten. Daher haben wir uns bei der Vorbereitung auf das Projekt auf das Ziel eingeschworen, in Gesprächen mit den Wachleuten wenigstens eine Minimalforderung zu formulieren. Damals waren das sieben Euro Stundenlohn, glaube ich. Ausgehend von dieser unteren Schranke konnten wir dann weitergehende Forderungen entwickeln. Diese Logik kann man auf unsere heutige Hauptforderung nach fünf Euro Miete übersetzen. Als wir die Hamburger Bezirkspolitik mit dieser Forderung konfrontiert haben, sind die sofort sehr nervös geworden. Ein FDP-Politiker ist einmal völlig aus der Fassung geraten, als er die Zahl gehört hat. Als würden wir seine heilige Kuh schlachten, wenn wir diese ganze Ökonomie, diese neoliberalen Standards und Verdrängungsmieten in Frage stellen. Wenn wir unser Fünf-Euro-Ziel erreichen, dann zeigen wir, dass das geht. Wir zeigen, dass man nicht zehn Euro Miete bezahlen muss, damit die Wirtschaft hier in dieser Stadt funktioniert. Dass Gewerberaummieten möglich sind, die prekäre Selbstständige auch dann noch bezahlen können, wenn das Arbeitsamt keine Existenzgründungszuschüsse mehr zahlt. Wenn uns das gelingt, werden das andere auch versuchen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; In diesen städtischen Kämpfen geht es eben nicht nur um abstrakte Rechte. Das Recht auf Stadt ist nicht einfach nur das Recht auf „freie Luft“ im mittelalterlichen Sinne. Es ist der Zugang zu bestimmten, lebensnotwendigen Gütern, die du einfach haben musst. Du brauchst nicht nur ein Dach über dem Kopf, du musst die S-Bahn benutzen dürfen und bezahlen können und so weiter. Wenn das nicht geklärt ist, brauchen die anderen Fragen gar nicht gestellt werden.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 31 Jul 2015 12:34:08 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Krise in Bewegung</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/45/krise-in-bewegung</link>
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                    &lt;p&gt;Im Oktober 2011 war es soweit: Der Startschuss für Krisenproteste von  unten fiel, Deutschland beteiligte sich am weltweiten Aktionstag der &lt;em&gt;Occupy&lt;/em&gt;-Bewegung,  Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und jeden Alters protestierten  gegen die Macht der Banken. In Berlin demonstrierten gut 10 000, in  Frankfurt mobilisierte Attac einige Tausend, auch in Städten wie München  gingen Bürger_innen auf die Straße.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bis dahin war es lange Zeit  still gewesen in Deutschland. Die Linke hatte es nicht geschafft, die  Menschen gegen die neoliberale Politik in der Finanzkrise zu  mobilisieren. Proteste im Herbst 2010 gegen das Sparpaket der  Bundesregierung waren ein Flop. Eine Bankenblockade in Frankfurt am Main  wurde wegen zu geringer Beteiligung abgesagt. Schlechtes Wetter,  Terrorwarnungen, die Wahl eines Wochentages und mangelhafte Vorbereitung  führten dazu, dass zu der Bundestagsbelagerung des Berliner  Krisenbündnisses im November 2010 in Berlin nicht die erhofften Massen  kamen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Im Oktober 2011 war es soweit: Der Startschuss für Krisenproteste von unten fiel, Deutschland beteiligte sich am weltweiten Aktionstag der &lt;em&gt;Occupy&lt;/em&gt;-Bewegung, Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und jeden Alters protestierten gegen die Macht der Banken. In Berlin demonstrierten gut 10 000, in Frankfurt mobilisierte Attac einige Tausend, auch in Städten wie München gingen Bürger_innen auf die Straße.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bis dahin war es lange Zeit still gewesen in Deutschland. Die Linke hatte es nicht geschafft, die Menschen gegen die neoliberale Politik in der Finanzkrise zu mobilisieren. Proteste im Herbst 2010 gegen das Sparpaket der Bundesregierung waren ein Flop. Eine Bankenblockade in Frankfurt am Main wurde wegen zu geringer Beteiligung abgesagt. Schlechtes Wetter, Terrorwarnungen, die Wahl eines Wochentages und mangelhafte Vorbereitung führten dazu, dass zu der Bundestagsbelagerung des Berliner Krisenbündnisses im November 2010 in Berlin nicht die erhofften Massen kamen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Viele linke Aktivist_innen glaubten daraufhin, das Krisenthema sei zu abstrakt. Stattdessen setzten sie auf lokale Politikfelder wie Gentrifizierung und Rekommunalisierung. Die Weltfinanzkrise und ihre Auswirkungen auf Deutschland wurden buchstäblich links liegen gelassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das fiel umso leichter, als Merkels Politik vornehmlich als sozioökonomischer Imperialismus gewertet wurde, der vor allem Auswirkungen auf die südeuropäischen Staaten hat. Denn in Deutschland blieb bis dato der soziale Frieden dank Konjunkturmaßnahmen wie Kurzarbeitergeld und Abwrackprämie sowie einem in Europa einmaligen Sonderaufschwung gewahrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dagegen leidet zum Beispiel die griechische Bevölkerung zur Zeit unter dem von IWF, EZB und EU-Kommission aufgezwungenen Sparpaket, das vor allem eine massive Kürzung der Staatsausgaben im sozialen Bereich zur Folge hat. Die EU-Rettungsschirme und Maßnahmen des Rettungsfonds ESFS stellen eine gigantische Umverteilung zu Gunsten der Banken dar, weil mit diesem Geld vornehmlich die Zinsen der Staatsschulden beglichen werden. Gegen eine Regulierung des Finanzmarktes und Euro-Bonds (Staatsanleihen auf Europa), die die Spekulationen gegen klamme Euro-Länder eindämmen könnten, wehrt sich die Bundeskanzlerin. Stattdessen setzt sie auf eine Schuldenbremse für alle Euro-Länder, wie sie auf dem EU-Gipfel im Dezember 2011 ausgehandelt wurde. Doch dies wird zu noch mehr Kürzungen im sozialen Bereich führen. Dadurch wird die Wirtschaft in den betroffenen Ländern vermutlich bald vollends abgewürgt, weil keiner mehr Geld hat, das ausgegeben werden könnte. Griechenland leidet jetzt schon an einer schweren Rezession.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der europaweite Abschwung wird sicher auch Deutschland treffen. Laut Statistischem Bundesamt gingen 2010 noch 71 Prozent der deutschen Exporte in die anderen EU-Länder. Damit hat die BRD wie kein anderes Land vom Euro profitiert – die gemeinsame Währung führte dazu, dass die Wirtschaft keine Aufwertung mehr befürchten musste und ihre Waren billig an die Nachbarländer verkaufen konnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die deutschen Arbeitnehmer_innen hatten davon allerdings nichts. Nach den jüngsten Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO ist im letzten Jahrzehnt in der BRD der Reallohn um 4,8 Prozent gefallen – bis auf Japan ist er in allen anderen 23 untersuchten Ländern gestiegen. Als Grund für den Abwärtstrend in Deutschland nennt die ILO die Ausweitung der sogenannten atypischen Beschäftigung – Zeitarbeit, Leiharbeit und 400-Euro-Jobs. Hier liegt der Lohn um ein Drittel niedriger als in Normalarbeitsverhältnissen. Auch das deutsche Jobwunder entpuppt sich als ein Märchen der Regierung. Schließlich sind bei der Zahl der Arbeitslosen diejenigen herausgerechnet, die mehr als 15 Stunden in der Woche arbeiten oder in einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Arbeitslose in Deutschland wird sich in nächster Zeit die Lage sicherlich nicht verbessern, denn auch mit dem deutschen Sonderaufschwung der letzten drei Jahre ist es vermutlich erst einmal vorbei. Seit Juli 2011 war der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts meist negativ – er spiegelt die Zukunftserwartungen der deutschen Unternehmen wider. Es wird davon ausgegangen, dass das Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent im Jahr 2011 auf 0,8 Prozent in 2012 sinken wird. Das bedeutet: weniger Einstellungen, mehr Entlassungen. Und selbst wenn die Wirtschaft wieder prosperieren würde, wäre das sicherlich mit weiterem Sozialabbau und Lohndrückerei verbunden, um Deutschlands Stellung als Exportmacht aufrecht zu erhalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die öffentliche Diskussion um die Rettung des Euro und die instabile Wirtschaft hat zu einer großen Verunsicherung in der Bevölkerung geführt. Viele Menschen haben Angst um ihr Erspartes oder vor dem sozialen Abstieg. Rund ein Drittel der Bevölkerung erwartet nach einer Umfrage des MDR, dass die Eurozone in den nächsten fünf Jahren auseinanderbrechen wird. Weit verbreitet ist das Gefühl, dass es nicht mehr so weitergeht wie bisher. Wird in Umfragen die Frage nach der Schuld für die gegenwärtige Währungskrise gestellt, reichen die Antworten von „faulen Griechen“ bis zu „gierigen Bankern“. Das Emnid-Institut fand im Dezember 2011 für die Bild-Zeitung heraus, dass rund die Hälfte der Befragten inzwischen glaubt, dass es Deutschland ohne die Europäische Union besser ginge. Doch die Occupy-Bewegung und die breite Sympathie in der Bevölkerung für ihre Forderung nach mehr Demokratie haben gezeigt, dass es auch in Deutschland immer mehr Menschen gibt, die – statt auf sozialchauvinistische und autoritäre Antworten zu hören – über ihr Leben selbst bestimmen wollen. Deswegen dürfen Antikapitalismus und Sozialismus kein Lippenbekenntnis mehr sein. Denn ob mit oder ohne radikale Linke gilt auch in Deutschland: Die Krise ist in Bewegung.&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Tue, 28 Feb 2012 12:37:51 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Back to the lab(our)!</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/42/back-to-the-labour</link>
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                    &lt;p&gt;Bereits seit dem Spätsommer 2009 macht die Frage die Runde, ob es am 1.  Mai 2010 in Berlin wieder eine große Euro­mayday-Parade durch Kreuzberg  und die angrenzenden Kieze geben wird. Auch bei FelS haben wir über  diese Frage viel diskutiert, sind dabei aber zu dem Schluss gekommen,  dass wir das Projekt Mayday zwar keineswegs aufgeben werden, uns an der  Vorbereitung einer weiteren Parade am 1. Mai in der bisherigen Form  dieses Jahr aber nicht beteiligen wollen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Bereits seit dem Spätsommer 2009 macht die Frage die Runde, ob es am 1. Mai 2010 in Berlin wieder eine große Euro­mayday-Parade durch Kreuzberg und die angrenzenden Kieze geben wird. Auch bei FelS haben wir über diese Frage viel diskutiert, sind dabei aber zu dem Schluss gekommen, dass wir das Projekt Mayday zwar keineswegs aufgeben werden, uns an der Vorbereitung einer weiteren Parade am 1. Mai in der bisherigen Form dieses Jahr aber nicht beteiligen wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die vier Berliner Mayday-Paraden waren in unseren Augen ein großer Erfolg. Ihre&amp;nbsp; Organisation war aber nur mit sehr großem Aufwand zu bewerkstelligen. Daran haben sich leider nur punktuell auch andere Akteur_Innen sozialer Auseinandersetzungen außerhalb der linken Szene beteiligt. Und nach nur vier Jahren droht der Mayday schon zum Ritual zu erstarren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jahr für Jahr muss ein enormer Aufwand gestemmt werden, damit die Parade neben den drei bis vier anderen linken Großevents am selben Tag überhaupt wahrgenommen wird. Der damit verbundene Verzicht auf viele andere wichtige politische Projekte ist einer der Gründe, warum wir dieses Jahr nicht mit einer Parade antreten wollen.&amp;nbsp; Für viele aus unseren Reihen steckt viel Herzblut in diesen Paraden, denn es war damals keineswegs einfach, die skeptischeren unter unseren Genoss_innen und Bündnispartner_innen vom Sinn und Zweck dieses Experimentes zu überzeugen. Bis wir im Mai 2006 endlich dem Beispiel aus Mailand, Hamburg und vielen anderen europäischen Städten folgen konnten, waren viele Stunden Diskussion auf zahllosen Gruppen- und Bündnistreffen vergangen. Und die Vorbereitung hat uns trotz aller Mühe immer viel Freude bereitet, von unserem Riesenspaß auf den Paraden selbst einmal ganz zu schweigen. Mit unserer Entscheidung gegen eine neue Parade im Jahr 2010 wollen wir all das nicht konterkarieren. Wenn wir uns im Berliner Mayday-Bündnis nun gegen eine neue Parade aussprechen, dann vor allem, weil unsere Nachbereitung der letzten beiden ergeben hat, dass wir unsere Anstrengungen unter dem Label Euromayday grundsätzlich politisch hinterfragen müssen. Zum einen müssen wir uns rückbesinnen auf die Ziele, die wir beim Entschluss zu unserer ersten Parade im Jahre 2006 vor Augen hatten, zum anderen ist aber auch eine Neubewertung einiger unserer Anliegen vor dem Hintergrund der politischen Lage des Jahres 2010 notwendig. Denn in den letzten fünf Jahren hat sich nun einmal in unserer politischen Umwelt viel verändert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So war eines der Ziele, die wir mit den Mayday-Paraden erreichen wollten, der Bruch mit dem autistischen Ausdruck, den die meisten linksradikalen Demonstrationen hierzulande in den 1990er Jahren angenommen hatten. Der Mayday sollte auch für Menschen offen sein, die mit den üblichen kulturellen Codes und Ausdrucksformen linksradikaler Demos nicht viel anfangen können. Dieses Ziel haben wir mit den Paraden erreicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und auch abseits des Maydays hat sich an der Demonstrationskultur der Hauptstadt in den letzten Jahren einiges verändert. Es wäre sicher vermessen, die spürbar verbesserte Außenwirkung vieler linker Straßenevents in Berlin hin zu offenen Demos und Paraden, an denen sich auch Menschen gerne beteiligen, die sich selbst nicht direkt zur linken Szene zählen, nur dem Euromayday-Konzept zuzuschreiben. Einen wertvollen Beitrag hat der Mayday-Ansatz hierzu aber geleistet. Heute bemühen sich aber ganz unterschiedliche politische Spektren bei der Planung ihrer Kundgebungen um Offenheit und ansprechendes Auftreten. So sind beispielsweise die Sprechblasen-Pappschilder der Euromayday-Bewegung als Manifest der Selbstermächtigung im politischen Alltag mittlerweile bundesweit präsent. Es ergibt daher in Berlin im Jahre 2010 nicht mehr viel Sinn, weiterhin mit unserer Kritik am Black-Block-Konzept hausieren zu gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Außerdem kommt einigen von uns bei den Mayday-Paraden bisher die Artikulation eines kollektiven Antagonismus gegen die herrschenden Verhältnisse zu kurz, vor allem in Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Wir werden daher in den nächsten Monaten untersuchen müssen, ob und wie sich unser Bekenntnis zu inhaltlich offenen Aktionsformen mit dem Wunsch nach einem antagonistischeren Auftreten vereinbaren lässt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein weiterer und uns viel wichtigerer Aspekt des Euromayday-Ansatzes ist die Thematisierung und Skandalisierung prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse. Als die Compañer@s aus Hamburg mit ihrer Parade im Jahre 2005 zum ersten Mal in Deutschland in so großem Rahmen öffentlichkeitswirksam von prekärer Beschäftigung sprachen, von der unsicheren Arbeit mit Laptop und Wischmob, mit und ohne Krankenversicherung, mit und ohne Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitserlaubnis, da wusste hierzulande noch kaum eine Zeitung etwas mit diesen Begriffen anzufangen. Kaum zwei Jahre später war das Thema in aller Munde. Und zwar nicht nur in den Feuilletons von Spiegel, Stern, SZ und Co., sondern auch in den Führungsgremien der großen Gewerkschaften im DGB.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zwar hat sich seitdem leider rein gar nichts zum Guten gewendet, was die zunehmend skandalösen Existenz­bedingungen von immer mehr Menschen in der postfordistischen Arbeitswelt und den rassistischen Normalzustand dieses Landes betrifft. Aber das Phänomen wird als solches erkannt und diskutiert, sowohl in der radikalen Linken als auch in Teilen der DGB-Gewerkschaften. Daher muss nun auch die Kritik der Mayday-Bewegung am Fokus der Gewerkschaften auf ihre Stammklientel, den fest angestellten weißen Facharbeiter der Industriearbeitswelt, einmal in Ruhe überprüft und gegebenenfalls neu formuliert werden. Das heißt nun aber nicht, dass wir plötzlich kritiklos zur Teilnahme an der DGB-Latschdemo aufrufen werden. Die neuen Bemühungen der Gewerkschaften um die prekär Beschäftigten dieses Landes bleiben derzeit nach wie vor eher die Ausnahme gewerkschaftlicher Praxis. Und wir sind weiterhin fest davon überzeugt, dass wir als linksradikale Gruppe in der Diskussion einiges mehr zum Thema Arbeit beitragen können als der Deutsche Gewerkschaftsbund. Schon allein deshalb, weil wir nicht in der Verlegenheit sind, ständig das Konstrukt der ‚guten Arbeit‘ als köstlichstes Gut der Demokratie anpreisen zu müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stattdessen werden wir diesen Sommer mit einer kleinen Diskursintervention Präsenz auf der Straße zeigen. Das heißt allerdings nicht, dass wir uns ein für alle Mal von der Parade verabschieden. Denn die immer wieder einmal geäußerte Kritik, die Maydayparade sei „zu unpolitisch“, weil „nur getanzt“, nicht aber auch protestiert und etwas gefordert werde, teilen wir nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Keine der Berliner Mayday-Paraden war frei von Forderungen und Protest. In dieser Kritik äußert sich nur einmal mehr die fehlende Sensibilität mancher Linker, die nötig ist, um soziale Auseinandersetzungen und ihre Akteur_innen als solche zu erkennen, wenn sie sich nicht in den gewohnten aus-drücklich ‚politischen‘ Ausdrucksformen äußern, wenn sie sich also nicht mit Hilfe von Transparenten, Parolen, Sitzblockaden oder Steinwürfen artikulieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Gegenteil: Das Berliner Mayday-Bündnis ist als Bündnis jenseits der Paraden gescheitert, gerade weil es uns allen nicht gelungen ist, neben den ausdrücklich ‚politischen‘ Gruppen aus der Berliner Linken auch dauerhaft Menschen zu integrieren, die ihre alltäglichen sozialen Kämpfe fernab der linken Szene der Hauptstadt ausfechten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Zusammenhang mussten wir 2008 und 2009&amp;nbsp; leider konstatieren, dass zahlreiche neue Selbstorganisations-, Protest- und Widerstandsansätze prekär Beschäftigter der Hauptstadt sich mit dem Label Mayday nicht anfreunden wollen. Ob Emmely-Soliarbeit, Scheißstreik oder Dichtmachen.org: Wenn wir uns an diesen Auseinandersetzungen beteiligen wollten, mussten wir dies stets neben und zusätzlich zu unseren Mayday-Bündnisterminen tun. Synergie- und Vernetzungs-Effekte haben sich hier stets nur schleppend eingestellt, von ‚Organisierung‘ ganz zu schweigen. Und auch die bislang sehr erfolgreiche Arbeitsagentur-Kampagne Keiner muss allein zum Amt konnten wir nie zufriedenstellend mit unseren eigenen Mayday-Bemühungen zusammenführen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die Mayday-Paraden in Europa und der Welt erhoffen wir auch dieses Jahr wieder viel Erfolg. Das meiste von dem, was wir in diesem Text beschreiben, bezieht sich nur und ausdrücklich auf Berlin, den Ort, an dem wir politisch wirken. In anderen Städten gelten andere Voraussetzungen, die nach wie vor einen Ausgangspunkt und Nährboden für die Paraden bieten. Zuletzt hat der Mayday-Neuzugang in Bremen im Jahre 2009 in unseren Augen eindrucksvoll bewiesen, dass diese Aktionsform keineswegs nur als Ausdrucksform der beiden größten deutschen Städte taugt. Die Interaktion, die sich seit dem 1. Mai 2009 zwischen dem dortigen Mayday-Bündnis und Akteur_innen verschiedener sozialer Auseinandersetzungen – von der Vor-Ort-Solidarität mit der Kassiererin Emmely bis hin zum Widerstand gegen die Umstrukturierung bei Schlecker – etabliert hat, verdeutlicht, wie viel Potential in diesem Ansatz steckt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nun wollen wir einen in der Paradenvorbereitung häufig zu kurz gekommenen roten Faden des ursprünglichen Konzepts wieder aufgreifen. Der Mayday-Ansatz soll die alltäglichen sozialen Kämpfe sichtbar machen und vernetzen, die in der Hauptstadt so oft isoliert und ohne eine konkrete kollektivierte Widerstandsperspektive ausgefochten werden. Nicht zuletzt wegen unserer Erfahrungen im Mayday-Bündnis sind wir der Auffassung, dass der Ort einer derartigen Organisierung außerhalb der klassischen Strukturen linksradikaler Politik zu suchen ist. Um eine konkretere Vorstellung über gesellschaftliche Bruchlinien und Ansatzpunkte eines alltäglichen sozialen Widerstands – zum Beispiel auf dem Arbeitsamt – zu gewinnen, werden wir in Form einer militanten Untersuchung in Interaktion mit den Akteur_innen in und um das Jobcenter Berlin-Neukölln treten, um dort einen wichtigen Aspekt prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse genauer unter die Lupe nehmen zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als Teil der &lt;em&gt;Interventionistischen Linken&lt;/em&gt; ist FelS einer experimentellen Praxis verpflichtet. Zu jedem Experiment gehört neben einer gründlichen theoretischen Vorarbeit immer auch eine gewisse Zeit im Labor. Diese Zeit werden wir uns im Jahr 2010 nehmen, um unsere politischen Prämissen zu überdenken und neue Wege der Intervention zu erproben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Denn der kategorische Imperativ des „Fragend schreiten wir voran“ verträgt sich nicht mit einer Praxis, die zum Ritual zu werden droht.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Mon, 05 Jul 2010 09:33:28 +0000</pubDate>
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 <title>Subject: Heterogene Lebenswelten</title>
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                    &lt;p&gt;Links sein heißt jung sein – zumindest in der undogmatischen sozialen  Linken in Deutschland. Politikformen und -routinen sind nicht mit  Lebensverläufen kompatibel, die Berufstätigkeit und Kinder einschließen –  um nur zwei Dinge zu nennen, die die Lebenszeiten und -inhalte vieler  AktivistInnen der Generation 30+ prägen. FelS ist 1991 mit dem Anspruch  angetreten, später nicht zur Jugendsünde zu werden. Man sollte in dieser  Gruppe alt werden können.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Links sein heißt jung sein – zumindest in der undogmatischen sozialen Linken in Deutschland. Politikformen und -routinen sind nicht mit Lebensverläufen kompatibel, die Berufstätigkeit und Kinder einschließen – um nur zwei Dinge zu nennen, die die Lebenszeiten und -inhalte vieler AktivistInnen der Generation 30+ prägen. FelS ist 1991 mit dem Anspruch angetreten, später nicht zur Jugendsünde zu werden. Man sollte in dieser Gruppe alt werden können. Das will etwas heißen. Rente bezieht zwar niemand, aber viele sind in und mit FelS immerhin erwachsen geworden. Einige haben nun Kinder, viele sind inzwischen berufstätig. Einige merken, dass sie jetzt doppelt so alt sind wie manche ihrer GenossInnen. Außerdem: FelS sucht Antworten auf das, was man soziale Frage nennt. Dass sich diese gesellschaftlich und ganz persönlich in neuer Schärfe stellen, ist im eigenen Lebensalltag wie in der „politischen Debatte“ spürbar. Gründe genug, genauer – und auch öffentlicher – zu besprechen, wie das Private mit dem Politischen verknüpft sein kann und könnte. An Stelle eines Leitartikels gibt es zur Einstimmung auf das Schwerpunktthema dieses Mal eine E-Mail-Debatte, die versucht, eine zeiträumliche Brücke von der Großeltern- zur Kindergeneration zu schlagen (1933, Niederlage der Arbeiterbewegung – 2015, neue Klassenfrage!). Sie gibt heterogenen persönlichen Situationen, Erfahrungen und Ansichten Raum, zugleich ist sie nur ein kleiner Ausschnitt der FelS-Diskussion. Die E-Mail-Adressen sind alle, alle(!) Fiktion, der Rest ist ein Teil, aber nur ein Teil der ganzen Wahrheit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: [red] Linke Generationenprojekte&lt;br /&gt; Von: she &amp;lt;she@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: Arranca alle &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 13 Okt 2005 13:03:37&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt; &lt;/strong&gt;Es gibt in (West-)Deutschland kein linkes Gedächtnis und keine (nicht-fragmentierte) linke politische Kultur. Das ist anders als z.B. in Italien, wo die kommunistische Tradition fortgeschrieben wurde und es ein soziales Milieu der Linken gibt. Die Gründe sind bekannt: Die Vernichtung der deutschen Arbeiterbewegung und der KPD, die Korruption ihres sozialen Milieus im NS, dann der Antikommunismus im Westen haben die Kommunikation zwischen den Generationen gekappt. Die 68er haben das nicht durch ein Anknüpfen an linke Traditionen aufgehoben. Sie haben sich im Bruch mit der kommunistischen Überlieferung und gegen die NS-Vergangenheit der Elterngeneration konstituiert. Irgendjemand hat mal von „nachholender Resistance” gesprochen. Die Frage ist: Was hat sich nach &#039;68 entwickelt? Die politischen AktivistInnen der heutigen Generation 30+ (die jetzt selbst Kinder bekommen) sind Kinder der 68er. Es wäre interessant festzustellen, wie weit sich generationenübergreifende linke Kommunikationsstrukturen entwickelt haben oder ob Abgrenzungsstrategien überwiegen. Recht offensichtlich ist die heutige undogmatische soziale Linke ein abgegrenztes Generationenprojekt, in dem für „ältere Linke” wenig Platz ist. Was sind die Gründe? In den Gewerkschaften, der Linkspartei et al. ist das bekanntlich anders. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir es schaffen können, dass Leute durch verschiedene Lebensabschnitte dabei bleiben. Welche Ausschlussmechanismen stehen dem Anspruch einer generationenübergreifenden linksradikalen Politik entgegen? Wie kann eine soziale Vermittlung und politische Überlieferung aussehen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: [red] Heterogene Lebenswelten&lt;br /&gt; From: &amp;lt;nor@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; To: “Redaktion” &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Date: Thu, 13 Oct 2005&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Links sein war für mich in erster Linie ein ganz persönlicher Protest gegen die bürgerliche Enge meines Elternhauses und eine Absage an den vorgezeichneten Lebensweg. Ich war im Grunde schon Akademikerin bevor ich überhaupt in die Grundschule kam. Ich kenne viele, für die es genauso ist. So viel zu der Kommunikation zwischen den Generationen. Andererseits: Ich finde es sehr interessant mit GenossInnen zu reden, die andere Erfahrungen haben, weil ihre Eltern 68er waren und immer noch Linke sind. Für mich wäre es unvorstellbar, mit meinen Eltern auf eine Demo zu gehen. Jetzt gibt es schon mindestens eine Generation politischer AktivistInnen, die von linken Eltern erzogen wurden. Bei FelS gibt es mehrere Eltern und Leute, deren Eltern im Alter ihrer GenossInnen sind. Zumindest zwischen Anfang 20 und Ende 40 ist die Altersstruktur relativ ausgeglichen. Interessant ist, dass wir jetzt in eine Phase kommen, in der Leute mit Kindern keine Ausnahmeerscheinung mehr sind, plötzlich sind 4-5 Leute Mütter oder Väter geworden. Ich bin gespannt, wie wir damit umgehen werden. Die Gruppe hält eine relative Heterogenität ganz gut aus, sowohl altersmäßig als auch in Bezug auf kulturelle Codes und Lebensumstände. Leute, die seit Jahren arbeitslos sind, Azubis, Studis, selbst Beamte sind dabei – wenn das mal nicht was Bemerkenswertes ist. Und trotz aller Unterschiede gibt es Gemeinsamkeiten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: RE: [red] Heterogene Lebenswelten&lt;br /&gt; Von: she &amp;lt;she@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: Arranca alle &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 13 Okt 2005 17:34:04&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Was stimmt ist, dass FelS in vielerlei Hinsicht undogmatischer und kulturell offener als andere Gruppen derselben Größe ist. Aber ob es einem gefällt oder nicht: Es gibt eine unausgesprochene Norm, die sich in einer bestimmten „Speech” ausdrückt – einem bestimmten Bildungsgrad, einer Art, sich zu kleiden und aufzutreten. Damit sind implizite Ansprüche an das zeitliche Budget und an intellektuelle Ressourcen verbunden. Wer anders spricht, keine Texte schreiben und diese in der erwarteten Weise debattieren kann oder will – krass gesagt: kein sozialwissenschaftliches Grundstudium absolviert hat –, fällt aus dem Rahmen. Und wenn man es zeitlich nicht (mehr) hinbekommt, entsteht schnell eine frustrierende, mit schlechtem Gewissen verknüpfte Hetzerei… Mit Kindern oder in Vollzeit-Lohnarbeit ist das schwierig. Für Studis hingegen passt es eher, die können sich mit Spaß und Elan reinstürzen, es sogar als Lebensmittelpunkt sehen. Bis morgens um vier am Soli-Tresen zu stehen ist für Leute, die um sieben aufgestanden sind und am nächsten Tag wieder um sieben aufstehen müssen, nur eine weitere Form der Pflichterfüllung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: [red] Kulturelle Codes&lt;br /&gt; Von: “jos@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; An: “red@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; Datum: 13.10.2005 17.46 Uhr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich find’s immer noch super, bis nachts um vier Soli-Tresenschichten zu machen, obwohl ich zu den Älteren gehöre. Im Geheimen habe ich aber manchmal das Gefühl, mich – auch vor mir selbst – dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich immer noch aktiv linksradikale Politik mache und in einer Politgruppe rumhänge. Als ob ich mich weigern würde, erwachsen zu werden. Was ich zunehmend anstrengend und albern finde, ist die Jugendlichkeit, die zur kulturellen Repräsentation politischer Radikalität gehört.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: RE: [red] Kulturelle Codes&lt;br /&gt; Von: she &amp;lt;she@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: Arranca alle &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 13 Okt 2005 17:51:23&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Das stimmt schon. Was man aber auch, wenn man zu den Älteren gehört, zugeben muss, ist der Überdruss, der sich einstellt, wenn man merkt, es rücken gerade Leute nach, die die gleichen Diskussion führen wollen, die man schon viermal geführt hat. Sicher zu stellen, dass politische und Lebenserfahrungen zwischen den „Generationen” vermittelt und vorhandene Wissenshierarchien produktiv gemacht werden, ist ja nicht nur Aufgabe der Jüngeren, die die Norm der kulturellen Codes setzen, sondern auch der Älteren. Die werden doch manchmal etwas herablassend und altklug („das haben wir vor zehn Jahren schon diskutiert”). Dabei gibt es keine Alternative dazu, Erfahrungen in annehmbarer Form mitzuteilen und zur Diskussion zu stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: [red] Wie geht linksradikale Politik über 30?&lt;br /&gt; Von: id &amp;lt;id@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: “red-ml” &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 13.10.2005, 17:51&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Für mich hat sich die Frage gestellt, wo für mich ein Platz in der radikalen Linken ist, an dem ich mich mit Anfang 40 noch wohl fühle und meine Vorstellungen als anregend empfunden werden. Dass ich mich für FelS entschieden habe, hatte auch damit zu tun, wie „linksradikale Politik über 30” gehen kann. Ein Punkt: Ich finde es zunehmend wichtig, an einer Organisierung teilzunehmen, die Strukturen schafft. Die Veränderungen im persönlichen Alltag, die Jobberei, die unterschiedlichen Kraftanstrengungen im Beziehungsfeld WG/Familie haben mich schon so manche Zeiten des Rückzugs und der „niedrigen Flamme” durchleben lassen. Deshalb brauche ich einen politischen Kontext, in dem die unterschiedlichen und schwankenden Kräfte der Einzelnen berücksichtigt und respektiert, in dem die Anstrengungen in allen Lebensbereichen wahrgenommen und verstanden werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: AW: [red] Wie geht linksradikale Politik über 30?&lt;br /&gt; Von: “mat@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; An: “red@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; Datum: 13.10.2005 20.21 Uhr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Seit über sechs Jahren gibt es bei FelS Kinderbetreuung bei Vollversammlungen. Bei Bedarf werden sogar Babysitter organisiert, die während des Plenums Kinder zuhause betreuen. Das ist schon beachtlich. Es ist ja keineswegs selbstverständlich: Ich habe schon des Öfteren mitgekriegt, dass das in anderen Gruppen gar nicht bedacht und organisiert wird. Aber als Nutznießerin dieses außergewöhnlichen Arrangements fühle ich mich auf der anderen Seite verpflichtet, in Zeiten, in denen die Belastung durch Arbeit, Kinder etc. wirklich drastisch ist, keine “Auszeit” zu nehmen, wie das andere vielleicht tun würden. Ich fühle mich mit meinen Kindern auch in diesem aufgeschlossenen Umfeld exotisch. Vor allem das zweite Kind hat einen peinlichen Beigeschmack, weil es jetzt nicht mehr als „Ausrutscher” angesehen wird. Es handelt sich ja eindeutig um eine vorsätzliche Familiengründung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: [red] Kinder &amp;amp; Lohnarbeit&lt;br /&gt; Von: “jos@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; An: “red@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; Datum: 13.10.2005 20.21 Uhr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Leider ist die Kinderbetreuung das einzige, was man bei FelS als Strategie bezeichnen könnte, wie Leute langfristig und durch verschiedene Lebensphasen dabei bleiben können. Es ist nicht gelungen, die Spannung zwischen den Leuten, die wenig Zeit für Politik zur Verfügung haben, und denen, die mit größerem Zeitpotenzial dabei sind, zu lösen. Ohne schlechtes Gewissen kann man im Rahmen seiner eingeschränkten Möglichkeiten kaum Politik machen. Wenn man eine Vollzeitstelle oder/und Kinder hat, geht die politische Arbeit auf Kosten der Zeit, die man für sich und für Freunde und Freundinnen hätte. Deswegen funktioniert das eigentlich nur, wenn bei der politischen Arbeit gleichzeitig ein großer Teil der sozialen Beziehungen abgedeckt wird, also die politische Gruppe auch ein sozialer Zusammenhang ist. Diese Struktur engt die Teilnahmemöglichkeiten von Leuten ein, die nicht mit 20, sondern mit 40 zu FelS kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: [red] Hedonistisches Studentenleben?&lt;br /&gt; Von: li &amp;lt;li@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: red &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: Thu, 13 Oct 2005 20:42:23 +0200&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich teile, ehrlich gesagt, nicht den Eindruck, dass die vielen angehenden AkademikerInnen sorglos über ihre Zeit verfügen. Das hat sich doch stark relativiert, leider. Die meisten machen sich schon im ersten Semester Gedanken über einen sauberen Lebenslauf mit Gewinn bringenden Praktika und Auslandaufenthalten, auch Linke. Es geht dabei nicht nur um (drohende) Studiengebühren und darum, dass nur eine soziale Elite nicht nebenher jobben muss. Es macht sich allgemein eine Mentalität breit, die von Effizienz und Selbstbehauptung statt von Experimenten und Erfahrungshunger geprägt ist. Die praxis- bzw. wirtschaftsnahe Umgestaltung der Studiengänge und die begleitende Leistungspropaganda fördern den sozialen Stress. Im Hinterkopf haben alle Zukunftsangst. Die Zeit des Studiums ist kürzer und anstrengender. „Der Langzeitstudent” ist in der Standortpresse zu einem ähnlichen Schreckensbild geworden wie „der Gewerkschaftsfunktionär”. Vor zehn Jahren gab es ja noch relativ viele, die sich durch Studium, BAföG und Sozialhilfe eine Existenzgrundlage schufen, die es erlaubte, sich politischer Aktivität zu widmen. Das macht heute kaum noch jemand.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: RE: [red] Kinder &amp;amp; Lohnarbeit&lt;br /&gt; Von: “mat@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; An: “red@mail.arranca.org”&lt;br /&gt; Datum: 13.10.2005 20.48 Uhr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Das Problem liegt nicht nur in der mangelnden Zeit. Es ist auch so, dass Du in einer anderen Welt lebst, wenn Du Kinder hast. Du hast Probleme, die es in der Realität der anderen gar nicht gibt. Bei den Fragen, mit denen man sich als Eltern so herumschlägt (die oft ganz politische Fragen sind), bekommt man von den Leuten, mit denen man politisch zusammenarbeitet, kaum Unterstützung. Ein Beispiel: Pränataldiagnostik. In der politischen Diskussion taucht das höchstens am Rande und abstrakt als „politische Meinung” auf, die aber dann folgenlos geäußert wird. Wenn man entscheiden muss, wie man sich verhalten soll, wenn man zur statistischen Risikoschwangeren erklärt wird, helfen Dir Bekundungen nicht weiter. Oder das Thema Schule. Viele (Berlin-)Kreuzberger Eltern aus der linken alternativen Ecke schicken ihre Kinder auf Privatschulen oder in trendige Schulen mit innovativen pädagogischen Konzepten und niedrigem Anteil türkischer Kinder. Ist es richtig, wenn ich nach meiner politischen Überzeugung handle und mein Kind in der Kreuzberger Schule anmelde, oder setze ich meine Auffassung auf Kosten des Kindes durch? Es ist ja fraglos richtig, sich sozialer Auslese praktisch zu widersetzen, aber es soll niemand glauben, man würde sich deshalb für etwas „Gutes” entscheiden. Ich nehme ja zumindest in Kauf, dass mein Kind Außenseiterin wird oder beispielsweise auf der sprachlichen Ebene unterfordert ist. Über solche Themen könnte ich eine Diskussion gut gebrauchen. Das läuft aber eher privat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: [red] Multiple Identitäten&lt;br /&gt; Von: she &amp;lt;she@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: Arranca alle &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 14 Okt 2005 12:22:20&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Obwohl wir viel zu Prekarisierung und den Phänomenen der multiplen Identitäten gemacht haben, die man annehmen muss, um die prekäre Lebens- und Arbeitssituation einer Durchschnittsakademikerin auf erträglichem Niveau hinzukriegen, hat das bisher wenig Eingang in die politische Praxis gefunden. Man arbeitet in einem Bereich, der nichts mit Politik zu tun hat, wo man allein steht und kämpft. Dann geht man einmal in der Woche abends zum Diskutieren über gesellschaftliche Probleme und einmal im Vierteljahr zu einer Aktion. Wichtig ist, dass man seinen Pflichten und Verantwortungen für die Gruppe nachkommt, aber wie man das eigentlich hin bekommt, darüber wird nicht gesprochen. Dabei würde es schon helfen, darüber zu reden, dass die eigenen Identitätskämpfe auch anderen zu schaffen machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: [red] Zwei Welten&lt;br /&gt; From: &amp;lt;nor@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; To: “Redaktion” &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Date: Thu, 14 Oct 2005&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Ich empfinde es als ein Leben in zwei Welten. Wenn Leute einen Job bekamen, den sie als gesellschaftlich „sinnvoll” und persönlich ausfüllend erlebten und sich nach einer Weile nicht mehr so zurechtfanden in der radikalen Linken, fand ich das schlapp. Und jetzt arbeite ich selbst an der Uni und versuche, wie viele andere auch, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Nicht weil ich denke, das sei das Tollste überhaupt, sondern weil es mir wie eine recht gute Lösung erscheint. Naja, lange Rede, kurzer Sinn, die akademische Arbeit macht wirklich schizophren. Meine Fähigkeiten in bürgerlichen Umgangsformen kommen mir prima zugute und ich muss da auch nicht mein Gewissen verraten. Es ist sogar drin, sich politische Herausforderungen zu suchen. Aber das findet alles in diesem ausgewogen-adulten Rahmen statt. Dann zwei Stunden später auf einer Spontiaktion zu stehen und Gefahr zu laufen, dass jemand mich sieht und ich dann erklären muss, warum ich mit Hippies pink fahre: ich gebe zu, das fällt mir schwer.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Subject: [red] Lebensentwürfe&lt;br /&gt; Von: she &amp;lt;she@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: Arranca alle &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 14 Okt 2005 18:45:33&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Es ist ja evident, dass irgendwann im Alter um 30 massenhaft Lebensentwürfe gemacht und Lebensmittelpunkte verschoben werden. Arbeit und Einkommensquellen, Beziehungsmodelle und Wohnformen werden langfristiger überlegt und geplant. Außerdem werden Gedanken an Altersfürsorge, Gesundheit, die Zukunft wichtig. Die Fragestellungen, die bei FelS bearbeitet werden, sind in der Regel nicht die, die für diese Diskussionsprozesse relevant sind – oder sie werden auf einer abstrakteren Ebene verhandelt, die nicht für die konkret-persönlichen Entscheidungen übersetzt wird. Es gibt da eine Privatisierung gesellschaftlicher Fragen. Die Strukturen und Netzwerke der Linken scheinen irgendwie nicht so tragfähig zu sein, dass alternative Lebensentwürfe tatsächlich realisierbar erscheinen. Das ist, glaube ich, der Moment, in dem sich dann viele nach und nach verabschieden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: AW: [red] Lebensentwürfe&lt;br /&gt; Von: id &amp;lt;id@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: “red-ml” &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: 14.10.2005, 19:12&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Die Dringlichkeit, mit der viele Leute über ihr Lebensmodell nachdenken, ist m.E. eine direkte Folge neoliberaler Deregulierung. Es ist ja jedem klar, dass es keine Sicherheit gibt, wenn Du alt oder/und krank, d.h. unproduktiv wirst. Das wird als bedrohlich empfunden, und das ist es auch. Für die anti-etatistische Linke ist das ein Feld, in dem sie intervenieren kann und muss. Sie muss Diskussionsstränge, Orientierungspunkte und konkrete Perspektiven schaffen, um in dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung relevant zu bleiben (oder erst zu werden); man könnte dabei auch argumentieren, dass das Zeitalter der einst als „Nischen” verhöhnten Alternativprojekte (Wohnprojekte, Kollektivbetriebe, etc.) mit der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und der Privatisierung der Fürsorge erst anbrechen könnte. Es gibt ja durchaus vielfältige und langjährige Erfahrungen mit alternativen Netzwerken und Strukturen, die nutzbar sind und weiter zu entwickeln wären.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Betreff: [red] Klassenfrage!&lt;br /&gt; Von: li &amp;lt;li@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; An: red &amp;lt;red@mail.arranca.org&amp;gt;&lt;br /&gt; Datum: Thu, 13 Oct 2005 20:04:44 +0200&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Die Privatisierung der „care-economy” führt zur Verschärfung materieller Klassenunterschiede, auch innerhalb der radikalen Linken. In einem sozialen Umfeld, in dem alle mehr oder weniger billig wohnen und niemand auffällig viel Geld verdient, scheint die Klassenherkunft in Habitus und Lebensweise kaum eine Rolle zu spielen. Wenn es um soziale Absicherung geht, wird die Frage, ob familiäre Ressourcen, halbwegs wohlhabende Eltern, im Ernstfall aktiviert werden können, plötzlich entscheidend. Es ist doch eine erheblich andere Perspektive als jene, in der es darum geht, voraussichtlich die Pflege mittelloser Eltern (mit)finanzieren zu müssen. Familie ist – ob man es will oder nicht – für Szenarien, in denen man im Jahr 2015 oder so allein ohne Job mit zwei Kindern dasteht, ein relevanter Faktor.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:43 +0000</pubDate>
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 <title>Wenn die Arbeit so ins Leben sickert</title>
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                    &lt;p&gt;Das Projekt &lt;em&gt;Kamera läuft! Ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; untersucht den Wandel kultureller, kreativer, in der Regel un- oder unterbezahlter Berufe, die zu Modellen selbst bestimmter Arbeit stilisiert worden sind und werden. Das Projekt startete mit einer Befragung von KulturproduzentInnen nach der Methode der Arbeiterselbstuntersuchungen, wie sie postmarxistische, bewegungspolitische Strömungen in den siebziger Jahren entwickelten.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Das Projekt &lt;em&gt;Kamera läuft! Ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; untersucht den Wandel kultureller, kreativer, in der Regel un- oder unterbezahlter Berufe, die zu Modellen selbst bestimmter Arbeit stilisiert worden sind und werden. Das Projekt startete mit einer Befragung von KulturproduzentInnen nach der Methode der Arbeiterselbstuntersuchungen, wie sie postmarxistische, bewegungspolitische Strömungen in den siebziger Jahren entwickelten. Diese Recherchepraxis, die davon ausgeht, dass das zur Veränderung der Produktionsweisen notwendige Wissen in den Arbeits- und Lebensbedingungen selbst begründet liegt und sich in den Wünschen der dort Beschäftigten artikuliert, war für uns zentral. Denn es ging uns nicht so sehr darum, den diffusen Betrieb, in dem KulturproduzentInnen beschäftigt sind, soziologisch zu umreißen. Vielmehr wollten wir nach Möglichkeiten von Widerstand suchen, die etwas anderes als die Refordisierung der Denk- und Lebensweisen wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir befragten zunächst Personen aus unserem näheren und weiteren Umfeld in Berlin, darunter auch uns selbst, nach Alltag, Wünschen und Perspektiven. Darüber hinaus interviewten wir Personen, die nicht nur kulturelle Produkte, sondern auch Diskurse und gesellschaftspolitische Handlungsfelder erarbeiten. Damit wollten wir das Verhältnis zwischen der Prekarität der jeweiligen Lebensverhältnisse und der Widerspenstigkeit von Kultur- und Wissensproduktion in den Blick bekommen, um von dort nach kollektivierbaren Linien zu suchen, die aus der individuellen Erfahrung hinausführen. Unsere Fragen waren:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie sieht dein Arbeitsleben aus? Was gefällt dir daran und was sollte sich ändern? Wann und warum wird dir alles zuviel, und was machst du dann? Was stellst du dir unter einem ‚guten Leben’ vor? Sollten KulturproduzentInnen sich auf Grund ihrer gesellschaftlichen Vorzeigerolle mit anderen sozialen Bewegungen zusammentun, um an neuen Formen der Organisierung zu arbeiten? Die Fragen sind angelehnt an die von &lt;em&gt;Fronte della Gioventù Lavoratrice&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Potere Operaio&lt;/em&gt; Anfang 1967 in Mirafiori durchgeführte Umfrageaktion ‚Fiat ist unsere Universität’.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;kpd – ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; sind: Brigitta Kuster, Isabell Lorey, Katja Reichard, Marion von Osten. Die hier folgenden Zitate sind Teile des Drehbuchs für&lt;em&gt; Kamera läuft!&lt;/em&gt;. Zugrunde liegen Interviews, die die Gruppe im Februar 2004 während eines viertägigen fiktiven Castings aufnahm. Die Redaktion der &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; hat die Interviewsequenzen verfremdet und neu montiert. Die vorläufige Videofassung von &lt;em&gt;Kamera läuft! Ein kleines postfordistisches Drama&lt;/em&gt; ist über &lt;a href=&quot;mailto:arranca@nadir.org&quot; title=&quot;Mail an arranca!&quot;&gt;arranca@nadir.org&lt;/a&gt; erhältlich.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;FORDISMUS&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich habe jahrelang mein Geld an der Kinokasse verdient. Als ich damit aufgehört hab, war das befreiend, wegen der Monotonie … Es war aber auch schade, denn es war noch so ein schön fordistischer Job, wo man so hin geht, den Kopp an den Nagel hängt, zehn Stunden durchschubbert und wieder nach Hause geht. Eine berechenbare, allseits gut abgesprochene Arbeit, mit Anfangszeiten, mit Betriebsrat, mit allen sozialstaatlichen Vorteilen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Letztens habe ich bei so nem stressigen Stiftungsprojekt mitgearbeitet. Ich war richtig angestellt, und habe begonnen, ganz fordistische Eigenschaften anzunehmen. So im Sinne: Ich überidentifiziere mich hier jetzt echt nicht und bring mich um, sondern lasse einfach innerlich den Griffel fallen …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;NEOLIBERALE SUBJEKTIVIERUNG&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich arbeite eigentlich immer in Gruppen oder Kollektiven, die sich Projekte ausdenken und dann versuchen, sie zu realisieren. Arbeit sickert dann so in dein Leben … Mein ganzes Leben steht unter dieser Arbeitsmöglichkeit. Ich muss die Grenze, wann die Arbeit aufhört, selber setzen, weil du tendenziell überall immer noch mehr reinstecken kannst. Diese Selbstunternehmerisierung funktioniert nicht unbedingt über einen starken Außendruck, sondern über die Konfrontation mit einem starken Innendruck. Arbeit ist für mich auch irre bedrohlich. Freie Zeit empfinde ich auch nicht als freie Zeit, sondern denke permanent: Oh scheiße, dann musst du noch das machen, und dann musst du noch das machen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Meine Tage sind von permanenten Operationen der Mikrokrisenbewältigung, der Selbstorganisation und der Selbstmotivation durch Selbstverführung, Selbstüberlistung, einem permanenten Tricksen am Ich strukturiert. Immer wieder nehme ich mir vor, mit Hilfe eines zuverlässig-verbindlichen Fahrplans so durch den, von einem wohldurchdachten und von „Personal“ und Angehörigen geführten Haushalt abgesicherten Tag getragen zu werden, wie es die regelmäßigkeitsbesesessenen „großen“ Schriftststeller und Künstler in ihren Autobiografien entwerfen. 7 Uhr Schreibtisch, 9 Uhr Frühstück, 10 Uhr Schreibtisch, 12 Uhr den Hund ausführen, 13 Uhr Mittag, 14 Uhr Korrespondenz, 16 Uhr Schreibtisch, Korrektur des am Vormittag Geschriebenen, 19 Uhr Abendessen, 20 Uhr Hund ausführen. 23 Uhr Bettruhe.&amp;nbsp; Stattdessen: lauter Irregularitäten und Unberechenbarkeiten …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Und in der Öffentlichkeit beginnst du, vor anderen zu simulieren, du seist an einer ganz tollen Arbeit dran. Da geht es nämlich darum, deinen Marktwert zu performen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Wenn man sieht, wie man die Zeit beschleunigt, wie die Zeit rast... Mein Arbeitsplan ist viel schneller, als mein Zeitvermögen. Ich will da nicht immer hinter herhecheln, alles so zuschaufeln, immer so weiter rasen … aber stehenbleiben ist auch gefährlich …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Dieser permanente Aufruf, das eigene Sein – vermittelt über Arbeit oder Ereignisse, die sein müssen – zu erfahren, reicht vom Sex über die Drogen, über das Ausgehen bis zur Arbeit. Man ist in viele, viele Richtungen mobilisiert, präsent zu sein und aktiv da zu sein …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Mir tut jetzt seit Monaten mein Arm weh! Das ist ja der Computerarm, der streikt. Eine körperliche Verweigerung: Ich-will-nicht-mehr! … Und dann staut sich wahnsinnig viel Arbeit auf … Und da zeigt sich, was das alles hier für ein biopolitisches Modell ist, schön, jung und gesund zu sein … und zu bleiben …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;STRESS - ANGST&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Was wir hier erleben, ist doch nichts singuläres, sondern Prekarität betrifft viele in anderen Berufen auch, diese Angst um die eigene Existenz auf einer finanziellen Ebene. Selbst wenn man es nicht reduzieren kann auf das Finanzielle, aber der Auslöser ist, ob du Geld hast oder nicht …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Diese Angst, dass du raus fällst, dass dich niemand mehr ansprechen wird, dass du im Grunde nicht mehr Teil bist von dieser produktiven Bewegung, diese Angst, die ja so projiziert wird in diesem neoliberalen Wir-müssen-uns-selber-Erfinden …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Das kenne ich aus dieser langen Phase in meinem Leben, wo ich weder konkrete Aufträge noch Geld hatte. Mein damaliger Freund hat mich dann finanziell unterstützt, und ich saß immer nur zu Hause und hatte Angstkrämpfe. Ich hatte so richtige Herzprobleme und habe dann auch die ganze Zeit nur noch so verkrampft dagesessen …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Es gibt einfach nur mich und den Markt, und ich muss sagen, das produziert Stress. Und jetzt auch mit diesen ganzen veränderten sozialstaatlichen Absicherungen, die nicht mehr vorhanden sind, da stellen sich diese Fragen auch neu. Darum finde ich auch, arbeitslos Sein, das ist total schlimm …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Ja und Geld umverteilen! Dieses Scheiss-Geld! Ich muss andauernd an den unmöglichsten Stellen Dampf produzieren, damit sich dahinter der Finanzzylinder ein bisschen bewegt. Wenn ich länger nichts in Aussicht habe, bekomme ich Angstzustände. Und dann siehst du, dass du mit kulturellem Kapital keine Miete zahlen kannst. Aber das ist dein Privatproblem im Rausch der Projekte … und das Häuschen von der Oma wird ja dann auch nicht vergesellschaftet …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;ARBEIT -&amp;nbsp; LEBEN&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Für mich gehört aber zu einem guten Leben noch viel mehr Faulheit … Komischerweise ist das wahrscheinlich nicht Freizeit in dem Sinne von dem, was die allgemeine Vorstellung einer sinnvollen Freizeit ist … Wenn ich hier Zuhause sitze und über irgendein Thema schreibe, das mir gefällt, das mich interessiert, und ich hör dazu ein paar bestimmte Musiksachen, oder ich schau mir ein paar Texte an, dann ist das zwar objektiv gesehen Arbeit, aber es fühlt sich null unangenehm an, es gibt keinen Stress, es gibt kein „Ich-muss-irgendwas-aus-Gründen-der-Verwertung-Tun“. Das ist von Freizeit fast nicht zu unterscheiden. Es ist angenehmes Arbeiten in den eigenen vier Wänden. … Vielleicht ist es so: Wenn ich was Unangenehmes tun muss, und ich es dann nicht tue, dann wird’s Freizeit …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Ich sehe den Begriff des ‚guten Lebens’ dann eben doch eher im Kontext meiner Arbeit. Das ganze Produzieren und Tätigsein macht mich schon glücklich. Ich wüsste gar nicht, was ich denn sonst machen sollte. – In Urlaub fahren? …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Seitdem ich ein Kind habe, habe ich meinen Lebensunterhalt nicht mehr über diese Projekte finanziert, sondern Unterstützung bekommen … Ich bin jetzt allein erziehende Mutter. Es war richtig Arbeit, damit umgehen zu können, und es war Arbeit zu versuchen, damit auch glücklich zu sein. … Es gibt eine Morgenprobe, das ist eher eine Mittagsprobe, und noch ne Abendprobe. Und auf den Abendproben bin ich eigentlich nicht, weil ich dann Zuhause sein muss. … Es ist ein enormer Leistungsdruck, das hinzukriegen als Mutter und Künstlerin …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Zuhause ist es bedrohlich, dieses Abgeschottete erinnert mich immer daran, ich sollte mir jetzt mal Zeit nehmen und mich länger an was dran hocken. Ich bin ja permanent in diesem Kommunikationsrausch. Alles ist durchflutet von Anfragen, da ist permanent Alarm – aber auch Ideen … Und dann stresst es mich, wenn ich alleine zuhause hocke, dann tut die Stille weh …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Wir haben fast nur mit unserer eigenen Generation zu tun. Das finde ich schon sehr schwierig. Und darin stellt sich auch wieder ne wichtige feministische Frage: Wie ist es möglich, so was wie Reproduktion in irgendeiner Art und Weise positiv zu denken, ohne dieses Rückzugsding, ohne diese Familienbarriere, ohne diese klassische Fortpflanzungs-Repräsentation …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;ARBEITSBEDINGUNGEN&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich hab mir das ja mal angeschafft, für so Bastelsachen: Layout und Musikmachen. Und jetzt ist daraus das verlängerte Telefon und der schriftliche Anrufbeantworter geworden. Ich bekomme hundert beschissene Emails am Tag. Und das ist wirklich der Punkt, an dem ich Lust habe, dieses Scheiss-Schlepptop auf die Strasses zu werfen und zu sagen: Fick dich selbst! …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Für mein Arbeitsleben gibt es keine passende Beschreibung. Weil es befristete Anstellungsverhältnisse sind, an unterschiedlichen Orten gleichzeitig. Ich bin üblicherweise 3 Tage da, 3 Tage hier, 2 Tage dort. Alles ist sehr stark davon abhängig, wie ich in welche institutionellen Verhältnisse einbezogen bin. Diese unterschiedlichen Institutionen wollen interessanterweise alle meine Sozialität, sie wollen sehr stark meine Zusammenhänge und Kontakte, aber die wollen mich nicht als Produzent und interessieren sich auch nicht für die Reise- oder Lebensprobleme, die mit dieser Art von Arbeiten entstehen … Die Sozialität, die ich vorher entwickelt habe zum Beispiel mit meinen feministischen Freundinnen, durch das In-der-Kneipe-Rumstehen- und-Auseinandersetzungen-Haben, also diese informellen Formen von Wissensproduktionen, Austausch, Distribution, die wird plötzlich so abgefragt …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Interessant bei dem Job war, dass ich in einem Raum mit Leuten zusammen gearbeitet habe, die alle ihre private Sphäre mitgebracht haben. … Vielleicht war das berlinspezifisch, dass alle diesen Job als so eine Art Freizeit empfunden haben. Wir waren Musiker, Fotografen, Künstler. Deswegen gab es eine zeitlang auch keinen Betriebsrat, weil alle dachten, sie arbeiten gar nicht in einer Firma …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Durch die Billigairlines habe ich angefangen zu fliegen, anstatt mit der Bahn zu fahren, trotz ökologischem Wahnsinn … Manche Texte schreibe ich oft zwischen Tür und Angel. … Ich muss insgesamt viel nebenher organisieren, da geht bestimmt pro Woche ein halber Tag drauf … Wenn ich das zusammenzähle, die Eigenwerbung, das Kontakte Halten, Gespräche Führen, Geldeintreiben … Was da für Zeit drauf geht, wenn man sich selbst als Büro begreift. Das ist Wahnsinn. … Und da ist ja auch noch die Organisation, sich Freizeit herbeizuschaffen. Meine Freundschaften sind ja verstreut in der Welt …&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;SOZIALE RÄUME - KÄMPFE&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;… Ich habe immer schon Räume selbstorganisiert. Ich finde es wichtig, eigene Räume zu haben, auch materiell, sich räumlich zu äußern. Es ist auch ein Ort einer kollektiven Selbstbehauptung, man kann sich sozusagen adressieren …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Die Arbeitsweise und Methode, sich mit anderen zu solidarisieren, zusammen was zu entwickeln, war immer auch ein politisches Projekt, das sich an Welt, an Weltaneignung richtet, ein soziales Umfeld produziert, Vergesellschaftung, und das ist Materie, über die man als Kulturschaffende nachdenkt …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Das ist doch politisch, ein nicht so arbeits-wahnsinniges und nicht so heteromäßiges Leben gegen diese Mobilisierung zur Arbeit hin zu bekommen! Man müsste mehr auf die Sachen schauen, die verbinden, statt zu denken, man erlebt das alles hier, den ganzen Wahnsinn alleine …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Ich glaube, man muss tatsächlich ne Organisierung erfinden, die gewerkschaftliche Organisationsform komplett transformieren, oder vielleicht ne neue erfinden … Und dann muss man in Kämpfe eintreten, wie auch immer die sind, keine komplett Gesellschaft verändernden Kämpfe, es geht dabei nicht um eine Revolution, das muss man sich klar machen, es kann nur um neue, aber strukturell klassische Arbeitskämpfe gehen, und die sind im besten Falle reformerisch, aber nicht revolutionär …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Wenn immer mehr solche Arbeits- und Lebensverhältnisse strukturell ne Ähnlichkeit haben, muss es doch auch einen kollektiveren, solidarischeren Umgang geben. Und das ist eine gesellschaftliche Frage …&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;… Dass es Aktionsformen gibt, die einem gefallen, Arbeitslosenbüros besetzt wurden, Techniker im Theater gestreikt haben und all das. Dass man gemeinsam was rocken kann und Veränderungen anstoßen, das muss man viel eher betonen, dass sich das auf Gemeinsamkeit und Stärke hinbewegen kann …&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:40 +0000</pubDate>
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 <title>Orientierungssinn</title>
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                    &lt;p&gt;2007 gaben Stevphen Shukaitis und David Graeber ein Buch über Militante Untersuchungen heraus, in dem einige eng an soziale Bewegungen geknüpfte Untersuchungsmethoden vorgestellt werden: Constituent Imagination. Beschrieben sind auch die Precarias a la Deriva, die wir bereits in der arranca! 31 interviewt haben. Ihre und eine weitere Methode aus dem Kapitel Drifting through the Knowledge Machine dokumentieren wir hier gekürzt.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;2007 gaben Stevphen Shukaitis und David Graeber ein Buch über Militante Untersuchungen heraus, in dem einige eng an soziale Bewegungen geknüpfte Untersuchungsmethoden vorgestellt werden: &lt;em&gt;Constituent Imagination&lt;/em&gt;. Beschrieben sind auch die Precarias a la Deriva, die wir bereits &lt;a href=&quot;http://arranca.org/ausgabe/31/provokation-der-vorstallungskraft&quot; title=&quot;zum Interview in der #31&quot;&gt;in der &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; 31 interviewt&lt;/a&gt; haben. Ihre und eine weitere Methode aus dem Kapitel &lt;em&gt;Drifting through the Knowledge Machine &lt;/em&gt;dokumentieren wir hier gekürzt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Precarias a la Deriva: Untersuchungsmethoden für Alltags-Interventionen in einer post-fordistischen Ökonomie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Precarias a la Deriva (umherdriftende prekäre Frauen) wurde aus einem intensiven politischen Moment heraus geboren, an einem Platz, an dem die Probleme der Prekarität am heißesten diskutiert wurden: Eskalera Karakola, ein von Frauen besetztes Soziales Zentrum im Madrider Viertel Lavapiés. Nach einer Analyse ihrer eigenen Situation und der Teilnahme an den verschiedenen Mobilisierungen und Debatten um Arbeitsverhältnisse kamen viele der Frauen von Karakola zu dem Ergebnis, dass die existierenden Formen der Analyse und der Organisierung nicht besonders gut zu ihrer eigenen Situation passten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anlässlich des gegen die EU gerichteten Generalstreiks in Spanien im Juni 2002 teilten mehrere Frauen der Eskalera Karakola das Unbehagen über den allgemeinen Aufruf der großen Gewerkschaften, alle Produktionsketten für 24 Stunden lahmzulegen. Sie wollten zwar Teil eines allgemeinen und expliziten Unmuts gegen die Arbeitsverhältnisse sein, aber die traditionelle Taktik des Streiks geht von einem Idealtyp von Arbeiter aus, der weit weg war von ihren jeweiligen individuellen Situationen. Streiken unter Bedingungen stundenweiser Verträge, häuslicher Arbeit, Zeitarbeit oder Selbständigkeit würde nicht die erwarteten Folgen haben. Niemand würde es überhaupt wahrnehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ihre Diskussion führte zu dem Vorschlag einer piquete-encuesta oder „Streikposten-Befragung“: Während des landesweiten Streiks schwärmten verschiedene Kleingruppen von Frauen, bewaffnet mit Kameras, Aufnahmegeräten, Notebooks und Kugelschreibern, in Madrid aus. Sie wollten Gespräche in den marginalen Zentren der Ökonomie führen, wo der Streik wenig Sinn machte: den unsichtbaren, nicht-regulierten, temporären, undokumentierten, haushaltsbasierten Sektoren des Marktes. Das Hauptthema der Untersuchung drehte sich um die Frage: „Cual es tu huelga?“ (Was ist dein Streik?) Die Untersuchung der precarias stoppte den produktiven und reproduktiven Fluss für einige Zeit und, wichtiger, eröffnete einer unsichtbaren und fragmentierten Bevölkerung temporär die Möglichkeit, miteinander zu reden und sich zuzuhören. Der von diesem Tag an stattfindende Austausch war inspirierend: Die precarias haben einen Raum für unvermittelte Begegnungen zwischen ansonsten unverbundenen Frauen geschaffen, die, obgleich unter ähnlich prekären Bedingungen lebend, radikal unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Innerhalb dieses Sprudelns entstand das Forschungsprojekt &lt;em&gt;In der Drift durch die Kreisläufe weiblicher Prekarität&lt;/em&gt;. Objekt der Untersuchungen und Interventionen waren die Arbeitsverhältnisse von Frauen in verschiedenen Bereichen des prekären Arbeitsmarktes und in einer urbanen Umgebung, die eine postfordistische Ökonomie hervorbringt. Durch eine intensive Beschäftigung mit ihren eigenen Erfahrungen führte das Projekt zu einer Verfeinerung und einer situierteren Version des Begriffes Prekarität. Ihre Forschungen verschmolzen in einem Begriff von &lt;em&gt;precariedad feminina&lt;/em&gt; (weibliche Prekarität) als einer partikularen Form flexibler Arbeit: gendered but not sexed. Dieser Begriff von Prekarität stellt sich gegen eine übermäßig produktionszentrierte Analyse und bietet stattdessen ein Verständnis von wandelnden Arbeitsbeziehungen im Kontinuum von Produktion-Reproduktion. Einer der analytischen Beiträge des Projektes besteht darin, die üblicherweise in der politischen Ökonomie aufrecht erhaltene Trennung von ‚Arbeit’ und ‚Leben’ aufzubrechen. Der Zustand der weiblichen Prekarität kann nicht auf negative Arbeitsverhältnisse reduziert werden, wie durch die Bezeichnung des Prekariats als Cousin des Proletariats nahegelegt wird. Er ist eine Selbstbezeichnung, die die vielfältigen Merkmale des Lebens als precarias (die weibliche Variante von precario) anerkennt und darauf verweist, wie Subjekte unter Verhältnissen gleichzeitiger Unterdrückung und Ermächtigung produziert werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Wir sind precarias. Das heißt einige gute Sachen (wie die Akkumulierung von Wissen, Können und Fähigkeiten durch unsere Arbeit und existentielle Erfahrungen, welche permanent konstruiert werden), eine Menge schlechter Sachen (wie Verwundbarkeit, Unsicherheit, Armut, soziale Instabilität) und größtenteils ambivalenter Kram (Mobilität, Flexibilität).“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kollektive Formen des Kämpfens zu finden war eine der zentralen Aufgaben. Insbesondere ging es um die Ausdrucksmöglichkeiten von Frauen, welche die gemeinsame Erfahrung der &lt;em&gt;precariedad&lt;/em&gt; teilten, aber in äußerst unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen arbeiteten – von der Universitätsprofessorin über die Sexworkerin bis hin zur Heimarbeiterin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf Grundlage der Begeisterung über die Ergebnisse der Streikposten-Befragung entstand der Plan, die Diversität der Erfahrungen der precariedad auf systematischere Art und Weise wieder miteinander zu verknüpfen. Dafür bedurfte es Forschungsmethoden, welche den Umständen angemessen und relevant hinsichtlich des Provozierens von Konflikt waren. Auf der Suche nach einer Prozedur, die ihre offenen, unabgeschlossenen und kontingenten Alltagsleben erfassen konnte, ließen sie sich von der situationistischen Technik des „Driftens“ inspirieren. Situationistische ForscherInnen wandern durch die Stadt, offen für Begegnungen, Konversationen, Interaktionen und Mikro-Ereignisse, die sie entlang ihrer urbanen Reise leiten. Das Ergebnis ist eine Psychogeografie auf Grundlage zufälliger Zusammentreffen. Diese Variante wurde jedoch eher als angemessen für ein männliches, bürgerliches Individuum ohne Verpflichtungen gesehen und war für eine precaria unzureichend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Methode der precarias folgt daher einem intentionalen Modell der Drift in Räumen, die normalerweise als unzusammenhängend wahrgenommen und nun verknüpft werden. Dies erlaubt es, untergründige Realitäten – ansonsten außerhalb des Radars des gängigen Diskurses – sichtbar zu machen. Diese Variante des Driftens zeigte sich als ideale Technik und als aufmerksam für das räumlich-temporäre Kontinuum, welches sie als Frauen in den neuen Arbeitsverhältnissen erlebten. Das Hin- und Hergehen zwischen verschiedenen Quellen und ihren jeweiligen gelebten Erfahrungen erlaubt eine situierte Untersuchung der gemeinsamen materiellen Bedingungen und der durchlebten radikalen Unterschiede. Diese feministischen Driften fungieren als Kreisläufe der Artikulierung fragmentierter Räume und experimenteller Reisen, die das Politische als kollektive Interventionen in das Alltagsleben wieder vorstellbar machen. Sie stellen teilnehmende Kartografi en ihrer eigenen kollektiven Reisen her, in denen Feldforschung die temporäre Entdeckungsreise ist, die dem raum-zeitlichen Kontinuum singulärer Erfahrungen folgt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Bureau d’études/Université Tangente: Kartografien hacken, um Macht abzubilden und sich Aufstände vorzustellen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In Strasbourg gegründet, startete diese aktivistische Kartenerstellungsgruppe im Jahr 1998. Ihre Wurzeln hat sie in der radikalen Kunstwelt Frankreichs dieser Zeit. Bureau d‘études/Université Tangente (BE/UT) fing an, mit Protoversionen von Karten und Flussdiagrammen ökonomischer Netzwerke als einer Form von öffentlicher/politischer Kunst zu experimentieren. Nach verschiedenen Projekten wuchs die Frustration über die politische Ökonomie der Kunstwelt. Die Organisierung der Arbeitslosen und die Hausbesetzungsbewegung dieser Zeit führten die Anstrengungen des BE/UT zu einer stärker politisch engagierten Kunst und zur Arbeit über Themen der ‚New Economy’, beispielsweise die Wissensarbeit. Aus Reflexionen über die sich wandelnde Natur der Ökonomie, die wachsende Prominenz globaler Widerstandsbewegungen und die Rufe nach einer neuen Art internationaler Solidarität ergab sich für diese Gruppe letzten Endes ein Schauplatz jenseits des Galerie- und Museumskreislaufs: Sie brachten das Kollektiv zur dauerhaften Beschäftigung mit Kartografie als einer Art und Weise, an Themen im Zusammenhang mit den neuen Bewegungen zu arbeiten und diese zu kommunizieren. Antagonistische Karten ebenso wie begleitende Texte wurden in großer Anzahl für die radikale Analyse und Bildung produziert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese kartografischen Repräsentationen sind oft eine unwahrscheinliche und verwirrende Darstellung von Institutionen, Akteuren, Persönlichkeiten, Organisationen und Bewegungen: eine Art von Netzwerkkarte, die die Verbindungen von ‚Machtstrukturen’ (Europäische Union, globale Finanzwirtschaft, einzelne Unternehmen) und Flüsse von Gegenmacht verfolgt. Auf einer Karte namens „Europäische Normen der Weltproduktion“ sieht man beispielsweise Symbole für so etwas wie die Europäische Kommission, welche mit verschiedenen Banken, politischen Institutionen und Persönlichkeiten verbunden sind. Flüsse vernetzter Verknüpfungen zeigen die Verbindungen zwischen dieser Institution und biotechnologischen Regulierungen, Verteidigungsindustrien, Telekommunikation, Migrationspolitiken etc.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anstelle einer defätistischen „Macht ist überall, wir können nichts mehr tun“-Antwort rufen diese Karten etwas anderes hervor. In vielen von ihnen gibt es eine Vielzahl von Zielen und Orten, an denen Macht ausgeübt wird. Diese Aneignung von Kartografie stellt neue Wege des Denkens bereit, neue Formen des Antagonismus, ebenso wie das Verständnis, dass Institutionen oder „Stellen“ der Macht nicht auf einfache Art gebunden oder in sich geschlossen sind. Jede machtvolle Institution besteht aus ihren Verbindungen und Flüssen mit anderen Formen der Macht. Das Bureau d’études erklärt die Wichtigkeit dieser Bewegungsforschung:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;„Autonomes Wissen kann sich durch die Analyse des Funktionierens komplexer Maschinen konstituieren […] Die Dekonstruktion komplexer Maschinen und ihre „dekolonisierte“ Rekonstruktion kann anhand vielfältiger Objekte ausgeführt werden […] In der gleichen Art und Weise wie man ein Programm dekonstruiert, kann man das interne Funktionieren einer Regierung oder Administration, einer Firma, oder einer industriellen oder finanzökonomischen Gruppe dekonstruieren. Eine solche Dekonstruktion geht einher mit der präzisen Identifi zierung der Operationsprinzipien einer gegebenen Administration oder der Verbindungen und Netzwerke zwischen Administrationen, Lobbys, Unternehmen, etc. Auf dieser Grundlage lassen sich Formen des Handelns und der Intervention definieren.“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während Macht abgebildet wird kann man auch den Pfaden der Aktivität einer Bewegung folgen – mit dem Ziel, autonome Formen der Organisierung zu stärken, verschiedene aktivistische Bemühungen gemeinsam zu begreifen oder nach neuen Orten des Widerstandes zu suchen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf der Grundlage dessen, was wir aus den Erfahrungen des Bureau d’études und anderer Kartografi erungsgruppen gelernt haben, haben wir versucht, die Vorteile von katografi scher Produktion innerhalb von sozialen Bewegungen hinsichtlich der Stärkung und Vertiefung sozialer Auseinandersetzungen herauszustellen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Karten sind nicht-textlich und nicht-grammatikalisch.&lt;/em&gt; Anders als Texte und Traktate, wo der/die LeserIn dazu gezwungen ist, der Bahn der AutorIn in einer sehr linearen Weise zu folgen, haben Karten also weder einen starren Anfang noch ein starres Ende. Karten zeigen einige Sachen eindeutig, während sie andere verheimlichen, und sie sind dabei nicht an die gleichen Regeln von Grammatik und Syntax gebunden. Verschiedene KartenbetrachterInnen können unterschiedliche Verbindungen und Ordnungen der Dinge sehen und können sich jederzeit auf jeden Punkt der Karte konzentrieren, ohne Seiten umblättern zu müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Karten sind einfacher in partizipativer und kollektiver Weise herzustellen.&lt;/em&gt; Während es recht schwierig sein kann, an einem Text einer Gruppe nennenswerter Größe mitzuschreiben – da Sätze mit vielen Leuten schwierig zu konstruieren sind – können hingegen Kartenobjekte und –symbole sehr viel einfacher zusammengefügt werden. Verschiedene Leute können verschiedenen Gegenstände vorschlagen, die relevant für die Karte sein könnten, zum Beispiel ein bestimmtes Unternehmen, eine Anzahl von Arbeitsbeziehungen, einen Teil der Nachbarschaft usw.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Karten sind ausgezeichnete Werkzeuge für Weiterbildungen und Workshops.&lt;/em&gt; Sie sind außerdem praktische Mittel zur Kommunikation zwischen Kämpfen im Allgemeinen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Karten müssen niemals als fertig betrachtet werden.&lt;/em&gt; Leute können auf ihnen herummalen und neue Karten zeichnen. Textfelder können ergänzt werden. Verschiedene Karten können in Ergänzung miteinander gelesen werden, um zu einer tieferen Analyse zu gelangen und weitere Werkzeuge zu finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Ziel ist insbesondere zu verstehen, mit welchen Formen von Macht wir konfrontiert sind und welche Formen der Gegenmacht wir kreieren können. Die Karten werden Teil aktivistischen ‚Wachstums’, wenn man so will. Sie können einen Weg darstellen, alltägliche Erfahrungen und Reisen mit den Konfigurationen ökonomischer und politischer Macht auf größerem Maßstab zu verbinden.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 19 Jan 2010 16:43:25 +0000</pubDate>
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