<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?>
<rss version="2.0" xml:base="https://arranca.org"  xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/">
<channel>
 <title>arranca! - RAF</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/122/0</link>
 <description></description>
 <language>de</language>
<item>
 <title>Eine kurze Antwort auf Lutz Taufer</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/3/eine-kurze-antwort-auf-lutz-taufer</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Daß es keine Linke geben kann, die sich nicht als Teil der Gesellschaft begreift, und daß deshalb so viele Bemühungen der BRD-Linken in den letzten 15 Jahren eigentlich unpolitisch blieben, darüber gibt es nicht viel zu streiten... Ein offener Brief an Lutz Taufer&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dieser Text ist eine Antwort auf den &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/gesellschaft-oder-ghetto&quot;&gt;Artikel von Lutz Taufer&lt;/a&gt; in derselben Ausgabe&lt;/em&gt;&lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Daß es keine Linke geben kann, die sich nicht als Teil der Gesellschaft begreift, und daß deshalb so viele Bemühungen der BRD-Linken in den letzten 15 Jahren eigentlich unpolitisch blieben, darüber gibt es nicht viel zu streiten. Du hast recht, wenn Du das einfache Weltbild vieler radikaler Linker kritisierst, in dem nur noch ein „schwarz und weiß&quot;, „wir und sie&quot; auftaucht. Ein solches Denken vereinfacht, übersieht, daß es Prozesse und Entwicklungen gibt, aber vor allem führt es dazu, daß es sich die Linke in ihrer Nische bequem machen kann. Für welchen Apparat ist es schon gefährlich, wenn sich Radikale mit sich selbst beschäftigen, sich gegenseitig ihre Konsequenz beweisen und dabei ab und zu etwas kaputt geht. Moderne Gesellschaften erzeugen Randgruppen, die man akzeptiert, weil die Stabilität der kapitalistischen Gesellschaften auch in ihrer Pluralität begründet ist. Sollen wir uns doch weiter zu zweitausendst tummeln.... Aus diesem Grund hast du natürlich auch recht, wenn du vom notwendigen Weg in die Gefilde, wo „der Reformismus lauert&quot;, redest. Wir werden nur ernst genommen werden, wenn wir die gesellschaftlich real vorhandenen Probleme ansprechen, wenn wir mit vielen reden, wenn wir uns darauf einlassen, daß unterdrückte Menschen (und das sind auch wir) natürlich in irgendeiner Weise auch „kaputt&quot; sind: vereinzelt, obrigkeitshörig, spießig, rassistisch, frauenfeindlich ... Ein emanzipatorischer Prozeß, eine Revolution kann nicht die Menschen durch neue ersetzen, sie muß die alten verändern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So weit bin ich Deiner Meinung. Was ich nicht verstehe, ist, warum die alte RAF von Meinhof, Baader, Raspe und Ensslin von der Kritik ausgeklammert bleibt, von ihr behauptest Du, sie habe sich der konkreten Arbeit in der Gesellschaft damals in der Jugendarbeit gestellt, du stellst sie den den Verbal-„Revolutionären” von heute entgegen. Nun kenne ich die Geschichte der bewaffneten Gruppe lange nicht so gut wie Du. Aber die Texte der alten RAF, auch ihre politischen Entscheidungen belegen das Gelegenheit von dem, was Du sagt. Wenn Ulrike Meinhof Hanna Krabbe 1974 oder 75 schrieb, man müsse sich damit abfinden, hier in der Minderheit zu bleiben, - und nicht die Tatsache, daß sie das feststellt, sondern mit welcher Vehemenz sie darauf hinweist, daß diese Gesellschaft kein Bezugspunkt sein kann, ist das entscheidende daran-, dann ist genau dort die Wurzel für die Abkehr aus den Verhältnissen in der BRD zu suchen. Die RAF hat sich nicht nur gezwungenermaßen, sondern auch aus freien Stücken dazu entschieden, eine radikale, marginalisierte Gruppe zu bleiben. Ihre Aktionen gingen eigentlich nie Hand in Hand mit der (zugegebenermaßen lahmen) Entwicklung von politischen und sozialen Bewegungen. Die Brücken zum Ausgangspunkt hat sie abgebrochen, gerade um zu zeigen, daß hier auf anderem Weg als bewaffnet nichts mehr zu holen ist. Das ist avantgardistisch, unpolitisch und ähnelt dem Verhalten des Eroberers, der die Schiffe seiner Armada abbrennen läßt, damit die Truppen nicht zurückkönnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Kritik müßte auch an der frühen RAF ansetzen. Es gab alternative Konzepte von bewaffnetem Kampf und Positionen, die der RAF schon Anfang der 70er Jahre das vorhergesagt haben, was später passierte. Das soll nicht heißen, daß diejenigen, die diese Kritik äußerten in ihrer praktischen Arbeit wirklich eine Alternative realisieren wollten, auch nicht, daß die RAF keine Verdienste hat- die Härte der Verhältnisse konnte nicht mehr so einfach unter den Teppich gekehrt werden. Das ist zweifellos bewundernswert. Aber trotzdem bleibt die Frage, ob das Konzept der RAF, so wie es eigentlich fast von Anfang an vertreten wurde, nicht genau dem widersprochen hat, was du heute einforderst. Der Weg in die Gefilde, wo &quot;der Reformismus lauert&quot;, die Rückkehr in die Gesellschaft, die Fähigkeit zur Zurücknahme der Eskalation, das repräsentierten damals von den bewaffneten Gruppen der 2. Juni oder die Revolutionären Zellen sicherlich mehr als Ihr. Die Strategie der Fabrikguerilla, die unmittelbare Einbindung in Bewegungen und der Verzicht auf die Illegalität, solange sie vermeidbar war, hätten eine andere Geschichte in der BRD vielleicht möglich gemacht, einen breiter verankerten revolutionären Kampf. Vielleicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus diesem Grund ist auch Dein Vorwurf gegen die trostlose Linke draußen zu hart. Es gab ja genug Leute, die Kopf und Kragen riskiert haben, weil sie militante Aktionen machen wollten. Es ist ja auch nicht so, daß nur aus Feigheit der legalen Linken die RAF klein blieb. Es gab Hunderte von Linken, die bei Anschlägen 5 oder 10 Jahre Knast riskiert haben, Antifaschistinnen, die zu Nazi-Versammlungen gegangen sind und sich letztlich nicht sicher sein konnten, ob sie lebend wiederkommen würden. Und es gab Unterstützerinnen, die für einen Artikel solange inhaftiert wurden, wie Rechtsradikale für einen Mord.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es stimmt einfach nicht, daß hier niemand bereit gewesen wäre zu kämpfen. Die RAF blieb nicht allein wegen der Linken klein, sondern weil sie sich aus freien Stücken isoliert hatte, weil ihre Erklärungen (ich erinnere mich genau an die 80er Jahre und z.B. den Beckurts-Anschlag) weltfremd und fern anmuteten. Wir haben gespottet über die verhärmten, uns beschränkt vorkommenden Aneinanderreihungen von fremdsprachlich gespickten Haßtiraden gegen das System. Natürlich mag das auch an unserer Trostlosigkeit gelegen haben. Aber wir waren damals fast zu jung, um besonders trostlos zu sein, wir waren rebellisch und wir haben mit der Zeit auch gelernt, etwas aufs Spiel zu setzen. Trotzdem ist für uns die Option RAF immer unvorstellbar geblieben. Freunde sind nach El Salvador in die politische Arbeit und zur Guerilla gegangen, sie haben den Tod einkalkuliert, für die RAF hätten sie sich nie entschieden, sie fanden den bewaffneten Kampf in der BRD, so wie es ihn gab, falsch, fremd, unnachvollziehbar. Vielleicht geht deswegen Deine Kritik auch über das Ziel hinaus- wenn ich sie überhaupt richtig verstehe. Es geht nicht um die &quot;Leute, die es machen können&quot;. Alle können sich entschlossen, mutig wehren, gerade die, von denen man es am wenigsten erwartet hätte. Es gibt Zehntausende, die es können oder können werden. Dafür braucht es jedoch Erfahrungen mit der Realität dieses Landes und Menschen, die in der Lage sind, einen zu begleiten. Unbetretene Wege erobern sich nur Pionierinnen, auf bereits vorhandene Pfade folgt jede/r, die oder der Vertrauen in eine/n andere/n hat und die Notwendigkeit erkannt hat. Das jedoch hat hier nie jemand getan. Weder die politische Linke noch die illegale hat sich groß darum bemüht, Entwicklung von Neuen zu fördern und zu begleiten. Die Linke stand der Gesellschaft fremd oder missionarisch gegenüber. Beides funktioniert nicht. Hier war die objektive Grenze und hier wird sie auch in der Zukunft sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dieser Text ist eine Antwort auf den &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/gesellschaft-oder-ghetto&quot;&gt;Artikel von Lutz Taufer&lt;/a&gt; in derselben Ausgabe&lt;/em&gt;&lt;em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/eine-kurze-antwort-auf-lutz-taufer&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/eine-kurze-antwort-auf-lutz-taufer&quot; dc:title=&quot;Eine kurze Antwort auf Lutz Taufer&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/572&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/572  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/3/eine-kurze-antwort-auf-lutz-taufer#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/bewaffneter-kampf">Bewaffneter Kampf</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/radikalelinke">RadikaleLinke</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/raf">RAF</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Tue, 07 Dec 2010 10:38:23 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">572 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Gesellschaft oder Ghetto</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/3/gesellschaft-oder-ghetto</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Lutz Taufer, ehemaliges Mitglied der RAF, nimmt aus dem Gefängnis Stellung zur Debatte um die Niederlegung des bewaffneten Kampfs.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Es gab immer Widersprüche in der Gefangenengruppe, und es gibt sie, so auch 1992. Die Ursachen sind vielfäl­tig, aber die Kontraste gehen in letzter Konsequenz auf die Frage Gesellschaft oder Ghetto zurück.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt unter uns welche, die Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre die Erfahrung einer antisystemischen und emanzipativen Bewegung gemacht haben, die angetrieben war, Verantwor­tung übernehmen zu wollen für ein gesellschaftliches Ganzes. Aus dieser Zeit ist die RAF entstanden. Und es gibt Gefangene, die aus einer Zeit kommen, in der dieses Erlebnis, diese Erfahrung, dieses Selbstverständnis vom politischen nicht ohne weiteres zu haben war. Ich denke, der Unterschied liegt vor allem dort, wo jene Bewegung versucht hat, Abgrenzungen zu durchbrechen, ist das Ghettobewußtsein darum bemüht, Ab­grenzungen zu errichten. Die von einer gespenstischen Substanzlosigkeit gekenn­zeichnete Debatte des Jahres 1992 „revo­lutionär&quot; vs. „reformistisch&quot; ist nur noch der letzte Beweis dafür. In Wirklichkeit geht es nicht um „revolutionär&quot; oder „reformistisch&quot;, sondern um Ghetto oder Gesellschaft. Ein Bewußtsein gesamtge­sellschaftlicher und gesamtpolitischer Verantwortung kann offenbar durch Dis­kussion und Aufklärung darüber nicht erreicht, es kann nur durch praktische Erfahrungen erlernt, akkumuliert wer­den. Entweder in einer existierenden oder sich entwickelnden Aufbruchsbe­wegung oder, wo es das nicht gibt, in jenen gesellschaftlichen Gegenden, „wo der Reformismus lauert.&quot; Also in jenen Bereichen, in denen Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Jan Carl Raspe und Holger Meins ihre ersten politischen Lernprozesse machten: in den Bereichen Jugendarbeit, Erziehung und Kultur der sechziger und siebziger Jahre. Müßten diese heute unter die Augen unserer „Revolutionäre&quot; treten, sie würden mit Sicherheit als „Reformisten&quot; entlarvt und ein für alle mal ausge­grenzt werden. Sicher, sie hatten damals den Faschismus im Rücken, wo hinter uns heute der Zusammenbruch des Realsozialismus liegt. Das verändert die Aus­gangsbedingungen. Dennoch: der Weg in jene Gegenden, wo der Reformismus lauert, ist zweifellos ein riskanter und schwieriger Weg - aber der Weg ins Ghetto ist sinnlos. Was sich zwischen Anfang 1989 und Ende 1992 in unseren Zusammenhängen an Widersprüchen und Denk- und Handlungsblockaden entwickelt hat, ist bestimmt von dieser unaufgelösten Spannung zwischen den beiden Polen Ghetto und Gesellschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn im Jahr 1992 ein Bundesminister der Öffentlichkeit den Gedanken in den Kopf gesetzt hat, RAF-Gefan­gene müßten freigelassen werden, wenn dieser simple politische Tatbestand eine breite öffentliche Diskussion ausgelöst hat, dann handelt es sich bei diesem Vorgang um ein Ereignis auf politisch- gesellschaftlicher Ebene. Vollkommen gleichgültig, was hinter dieser Kinkel-, KGT-, oder was-weiß-ich-für-eine Initia­tive sonst noch stecken mag. Wenn es uns nicht gelungen ist, diesen einfachen politischen Tatbestand für uns zu ent­wickeln, weiterzuziehen, auszubauen, dann nicht deshalb, weil die RAF eine reformistische Erklärung abgegeben oder irgendein Geheimdienstklüngel sich Counterstrategien ausgedacht hat, sondern weil die Gefangenengruppe und Scene sich am unaufgelösten Widerspruch zwi­schen Ghetto und Gesellschaft seit Jah­ren gegenseitig blockiert und längst in die Handlungsunfähigkeit manövriert hat. Wenn sich die Gefangenengruppe ein Jahr lang nicht gerührt hat, um danach festzustellen, unser Feind will uns vernichten, ist diese Vorhersage von ebensolcher visionären Kraft, wie wenn du sagt: „wenn du barfuß im Schnee gehst, bekommst du kalte Füße.&quot;&lt;br /&gt; Michael Dietiker, Ali Jansen und Bern­hard Rosenkötter haben in ihrem Beitrag (Konkret, November 1992) richtig aufge­zeigt, daß der revolutionäre Kampf der RAF nicht vom Himmel gefallen ist, son­dern daß Inhalte und Ziele, die mit bewaffneter Politik weiterentwickelt werden sollten, bereits von der 68er­Bewegung, ihrerseits eine revolutionäre Bewegung, in die Welt gesetzt worden waren. Aber auch diese ist nicht vom Himmel gefallen! Sie bereitete sich vor in jenen Gegenden, in denen der Refor­mismus lauert.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Selbst ein so sympathisch nüchterner Mann wie Schäuble spricht vom Verlust der Wertbindungen, der Mitte der sech­ziger Jahre entstand&quot;, berichtete die Süd­deutsche Zeitung am 7.12.1992 von einer Schäuble-&quot;Rede über Deutsch­land&quot;. Was ist es, was diesen „nüchter­nen&quot; Politiker dermaßen irritiert, ein Viertel Jahrhundert nach Seiner Zeit als einer der Anführer des Rings Christlich- Demokratischer Studenten in Freiburg? Sicher nicht diese oder jene Aktion der Studentenbewegung, eher schon der zumindest partiell und temporär erfolg­reiche Angriff auf jene Denkmuster und Mentalitäten, die den Kapitalismus im Innersten, bis jetzt jedenfalls einiger­maßen am Laufen hielten: die verloren­gegangenen Anbindungen an die herr­schenden Werte. Unschwer zu begreifen, daß eine solche eindringliche Offensive nicht durch Rückzug ins Ghetto geschieht, sondern durch jene Bewegung, die in der genau entgegen­gesetzten Richtung sich entfaltet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie nun aber jener eigentümliche Gedankensprung, mit dem Schäuble, an die Denunziation von 68 anknüp­fend, in seiner Rede fortfährt: „Und er ap­pelliert an das deutsche Volk, sich nicht nur am Konsum zu orientieren, sondern auch die Freude am Kind zu entwickeln&quot;? Wie?! Hat 68 hemmungslosen Konsum propagiert, haben wir zielstrebig auf jene kinderfeindliche Gesellschaft hinge­arbeitet, wie wir sie heute haben? Warum redet dieser Mann solchen Unsinn? Ich denke, wir müssen dabei zweierlei auseinanderhalten: erstens die Tatsache, daß die Warengesellschaft in ihrer heutigen fundamentalistischen Aus­prägung (in Schäubles Worten: alleinige Orientierung am Konsum) zu einer unaufhaltsamen Verwahrlosung der Gesellschaft, ihrer sozialen Bindekräfte und so ihrer Reproduktion überhaupt führt. Und zweitens, daß selbst einem Schäuble inzwischen dämmert, was ein Marx schon vor 140 Jahren skizziert hat: daß nämlich unter dem Fundamentalis­mus der Ware Verhältnisse zwischen Menschen zu Verhältnissen von Sachen werden. Als führender CDU-Politiker kann er das aber nicht aussprechen, er kann es nicht einmal in seinem Bewußt­sein zulassen, also wird es abgespalten und auf einen Sündenbock projiziert.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das Klima in diesem Land ist in den letzten beiden Jahren umgeschlagen. Eine dramatische Entwicklung, die in ihrem vollen Ausmaß erst 1992 deutlich geworden ist. Was wir heute wissen, war zu Beginn des Jahres noch nicht sichtbar. Reaktionäre bis faschistische Tendenzen, und zwar nicht nur in orga­nisierter Form in der Bandbreite von SPD bis hin zu bewaffneten neonazisti­schen Trupps, haben sich breit gemacht und längst auch das Alltagsbewußtsein erreicht. Werte und Denkmuster der Lin­ken kommen nicht mehr oder nur in dif­fuser, widersprüchlicher Form zum Tra­gen. Breit angelegte Aktionen gegen Rassismus, Antisemitismus und Nazismus haben stattgefunden, als Koalitionen von Linken, sozialdemokratischen und bür­gerlichen Kräften. Ihre traditionelle Rolle als Motor solcher Mobilisierungen hat die Linke eingebüßt. Schlimmer noch: da demonstrieren Millionen gegen Faschismus und militanten Rassismus, ohne zuvor mit der herrschenden Werteskala gebrochen zu haben. Und doch muß auch daran erinnert werden: bei allen grausamen Verirrungen war es in der bisherigen Geschichte die Linke, die garantiert hat, daß um menschliche und soziale Emanzipation gekämpft wird. Ein anderes politisches Kontinuum, das auch nur ähnliches für sich in Anspruch neh­men könnte, fällt mir, in Deutschland jedenfalls, nicht ein. Wenn es nach dem zweiten Weltkrieg in diesem Land eigen­ständige Demokratisierung gegeben hat, so war das nicht der US-Import Dollars&amp;amp;Democracy, es war die 68er-Bewe­gung, die das, was der Faschismus nach dem Judentum innerstaatlich am grau­samsten verfolgt und nahezu ausgemerzt hatte - die Linke, ihre Werte, Kultur und Kontinuität-, wieder lebendig und berechtigt hat werden lassen in Deutsch­land West.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Und wenn heute eine Re-Faschisie­rung läuft, dann breitet sie sich aus in jenem politisch-kulturellen Vakuum, das diese Linke in ihrem Rückzug aus einer gesamtgesellschaftlichen Verant­wortung und Neusetzung von Werten und Einstellungen hinterlassen hat.&lt;br /&gt; Die Welt, nicht zuletzt die westlichen Systeme, befinden sich in einem sich beschleunigenden Prozeß der Implosion, der vermutlich von ähnlicher Dimension sein wird wie der Übergang vom Mittel­alter zur Neuzeit. Und insofern ist der Satz vom Ende der Geschichte wahr. Aber die Verwechslung einer neuen Zeit, in der Mensch und Natur in ihrer Weiterexistenz bedrohenden Apokalypse namens Warengesellschaft zeigt nur, wie sehr die Mächtigen selbst in perspektivi­scher Ratlosigkeit befangen sind. Das macht sie nicht ungefährlicher, im Gegenteil. „Aktionismus statt Politik&quot; bilanziert die Süddeutsche Zeitung die Bonner Politik des Jahres 1992. Aber ihre Versuche, die bedrohlicher und unbe­herrschbarer werdende Situation unter Aufbietung aller Mittel und Brutalitäten, unter Abwurf auch noch des letzten moralischen Ballastes, doch noch einmal zu stemmen, ist der historische Situation gegenüber genauso blind wie der „Blick über Kimme und Korn&quot;. Dieser Situation ein „revolutionäres Projekt&quot; entgegenzu­stellen, das auch nach einjähriger Debatte über das Stadium guter Absich­ten und böser Unterstellungen nicht hin­ausgekommen ist, halte ich nicht für einen Angriff auf diese Verhältnisse, son­dern für eine Rückzug von ihnen.&lt;br /&gt; Meine Güte! Wer wollte bezweifeln, daß diese Verhältnisse, wie sie sich destrukti­ver und katastrophenhafter kaum dar­stellen könnten, radikal umgewälzt wer­den müßten! Aber die Erschießung von sogenannten Eliten hat nichts verändert, und umgewälzt schon gar nichts. Weder hat die Erschießung von Zimmermann die Politik der deutschen Rüstungsindu­strie oder auch nur die von MTU in eine andere Richtung bringen können, noch die Erschießung Gerald von Braunmühls die Nahost-Politik der Bundesregierung. Wenn das Wort vom revolutionären Kampf einen materiellen, also nachprüf­baren Gehalt hat - und es ist ein Wort, das nicht nur von Veränderung, sondern von heftigster Veränderung spricht -, dann war die Wirkung der bewaffneten Aktionen im einzelnen wie in ihrer Gesamtheit weniger als reformistisch. Ob eine Politik revolutionär ist oder nicht, bestimmt sich am Ende wirklich nur darüber, ob sie die Verhältnisse in Richtung Revolution gebracht oder zumindest verändert oder Prozesse in diese Richtung initiiert hat.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Die RAF war die ganzen 22 Jahre über immer eine relativ kleine Gruppe&quot;, so die Illegalen in ihrer August-Erklärung. Die Geschichte der RAF ist die Geschichte einer Gruppe, die in 22 Jah­ren niemals größer als 20 oder 30 Leute war. Und dies hängt damit zusammen, daß jene Linken, die seit 22 Jahren vom revolutionären Kampf reden, sorgfältig darauf geachtet haben (von Ausnahmen abgesehen), persönlich sich in sicherer Distanz zum bewaffneten Kampf zu halten. Darin liegt für mich die reale­xistierende Distanzierung von bewaffneter Politik! Und sicher nicht in einer Erklärung, die Karl-Heinz Dellwo vor kurzem für einige RAF- Gefangene abgegeben hat (um das, was in den Verfahren von uns gesagt werden würde, öffentlich zu machen). Ich halte es für eine schon recht eigenartige, um nicht zu sagen spießermäßige Haltung, von andern zu verlangen, die sollen gefäl­ligst ihr Leben aufs Spiel setzen, und selbst achtet man genau darauf, den eigenen Hintern im Warmen zu halten. Von ein oder zwei militanten Demos im Jahr. abgesehen. Wenn überhaupt! Ich kritisiere diese „Revolutionäre&quot; nicht, weil sie nicht in die Illegalität gehen. Aber ich kann mich eines Gefühls der Geringschätzung nicht erwehren, wenn diese „Revolutionäre&quot; noch nicht mal den Mumm zu der sich nun schon seit vielen, vielen Jahren aufdrängenden Feststellung aufbringen: wenn sie selbst nicht die Kraft und die Courage aufbrin­gen, bewaffnet zu kämpfen, wenn ihre GenossInnen und FreundInnen, ihre Freunde und Genossen um sie herum diese Kraft und diese Courage nicht auf­bringen, wenn diese Geschichte sich 22 Jahre lang wiederholt und wiederholt und wiederholt - daß sich dann die sub­jektive Schranke des Einzelnen, in die Illegalität zu gehen, zu einer objektiven Schranke für den bewaffneten Kampf verdichtet hat: daß es eben nicht geht. Und daß die Leute, die es machen kön­nen, in diesem Land schlicht und ein­fach nicht existieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nahezu ein halbes Jahrzehnt ist es her, daß die Gruppe der RAF-Gefangenen öffentlich erklärt hat, zum Gespräch mit gesellschaftlichen Grup­pen bereit zu sein. Voraussetzung wäre natürlich gewesen, daß die Gefangenen sich tatsächlich als Gruppe mit Gruppen aus der Gesellschaft würden auseinan­dersetzen können. Die Vorstellung, wie sie damals, 1988, von sozialdemokrati­scher Seite ins Spiel gebracht worden war, einzelne wenige Gefangene für ein paar Stunden raustreten zu lassen zur Diskussion, raustreten zu lassen aus langjähriger Isolation, glich eher einer Erfolgskontrolle jenes Haftregimes, das heute, wo die Stasi es eingesetzt hatte, als Isolationsfolter strafrechtlich verfolgt wird. Mit Sicherheit war diese Vorstellung von einer „Diskussion&quot; einer Partei würdig, die in den 70er Jahren die Eska­lation tatkräftig und systematisch hoch­gezüchtet hatte, um sich 1992 im Schul­terschluß mit der CSU wiederzufinden. Vier Jahre nach den „Diskussions&quot;-Erklärungen der Gefangenen vom Au­gust 1988 mußten wir in diesem Jahr eine Menge darauf verwenden, um zu verhindern, daß Bernd Rössner dorthin kommt, wohin ihn die Bundesanwalt­schaft und ihr psychatrischer Gutachter haben wollten: in die geschlossen Abtei­lung einer psychiatrischen Anstalt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Noch immer gibt es RAF-Gefangene, die Haftbedingungen ausgesetzt sind, so etwa Brigitte Mohnhaupt in Aichach, die mit dem Herbst 77 sehr viel, mit der in diesem Jahr vom Bundeskanzler annon­cierten Normalisierung aber überhaupt nichts zu tun haben. Während die Gefangenen auf einen politischen Weg setzen, klettert die Bundesanwaltschaft noch immer durchs Dickicht der 70er Jahre, setzt auf Psychiatrie und psychiatrische Diagnose. Die Gefangenen wollen den Weg des Subjekts, der gemeinsamen Diskussion drinnen/draußen und dazu die Zusammenlegung, Staat und Justiz wollen den Weg der Vereinzelung, des Abschwörens, den Weg der Unterwer­fung. Die Staatsschutzkonstrukte, mit denen über 20 Jahre lang versucht wor­den war, Isolation zu rechtfertigen und die Zusammenlegung der Gefangenen aus RAF und Widerstand zu verhindern, haben sich längst in Luft aufgelöst. Von Zellensteuerung, Infosystem, 7000 Kassi­bern redet heute kein Mensch mehr. Trotzdem die Mitteilung der Bundesju­stizministerin vor ein paar Monaten, es werde keinerlei Zusammenlegung gehen. Warum? Dazu die Frankfurter Rundschau am 5.9,1992: „ Vor allem aber fürchten sie einen möglichen &amp;gt; Katalysatoreffekt &amp;lt;- ein solches Meeting aller RAF- Gefangenen &amp;gt; würde dann ja Beschlüsse fassen und Erklärungen abgehen, zu Themen wie bewaffneter Kampf, Ökolo­gie, Altersarmut und Strategien, die man verfolgen will &amp;lt;.&quot;&lt;br /&gt; Laut Duden ist ein Katalysator ein „Stoff, der durch seine Anwesenheit chemische Reaktionen herbeiführt oder in ihrem Verlauf beeinflußt&quot;.&lt;br /&gt; Hauptaufgabe des Jahres 1992 für uns war nicht, diesen Minister oder jenen Geheimdienstklüngel als unmoralisch oder unehrlich zu entlarven, um daraus eine Legitimation für jenes ominöse revolutionäre Projekt zu saugen, das ansonsten keine erkennbaren Eigen­schaften besitzen würde, Hauptaufgabe des Jahres 1992 und vor allem der bei­den Jahre zuvor wäre es gewesen, den mit den Erklärungen aus 88 und 89 begon­nen Weg zu Handlungsmöglichkeiten und Bewegungsspielräumen innerhalb der Gesellschaft auszubauen. Der erste Schritt in diese Richtung konnte wirklich nur sein: Auflösung der Altbestimmun­gen revolutionärer Politik, weil eine Neubestimmung nicht möglich ist, solange die Vorstellung von revolutionä­rer Politik dermaßen penetrant im Bild der 80er Jahre fixiert sind. Ich bin in der letzten Zeit häufiger kritisiert worden. Nicht deshalb, weil ich an jener revolu­tionären Debatte nicht teilgenommen habe, an deren Ende wir nun endlich wissen, daß der Imperialismus seine Gegner vernichten will, sondern wegen meines Pizza- Beitrags (Anm.: Gedan­ken durch die Mauer; in: „Odranoel&quot;; Hrg. Pizza). Und zwar konkret deshalb, weil ich die 80er Jahre ausgespart hatte. Ich habe das getan, weil ich das Wort von der Selbstbestimmung ernst nehme.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Vor einiger Zeit bekamen wir den erschrockenen Bericht einer entlassenen Gefangenen. Sie berichtete von Ge­sprächen im kleineren Kreis und/oder auf Veranstaltungen, wo es aus den Leu­ten nur so rausplatzen würde. Vom „Fronttrauma&quot; sei immer wieder die Rede gewesen, einige seien in die Psychiatrie gekommen, die besten seien davongelaufen. Wer tatsächlich glaubt, diesen noch immer unangetastet belas­senen Betonklotz 80er Jahre, ihre Entfremdungen und Entpolitisierungen, die­sen traumatischen Status Quo, über den selbst die radikale Linke tief zerstritten war, der tiefe Verletzungen hinterlassen hat, zur Grundlage irgendeiner weiteren Politik machen zu können, egal ob als Kampf um Zusammenlegung oder Frei­lassung oder als Diskussion mit allen gesellschaftlichen Gruppen oder als zu begründendes „revolutionäres Projekt in der Gesellschaft&quot;, der muß sich fragen lassen, ob er überhaupt politikfähig ist. Und wer meint, um diese Folgen unserer Politik brauche man sich nicht zu kümmern, sollte vom Kampf gegen Patriarchat und Rassismus schweigen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Nachdem der Hungerstreik 1989 von einem Erfolg in Sachen gesellschaftliche Mobilisierung gekennzeichnet war, auch wenn die zentrale Forderung nach Zusammenlegung nicht hatte durchgesetzt werden können, starb dieser wich­tige Impuls wieder ab, nachdem von uns nichts kam. Sicher ist es sehr schwer, insbesondere für Gefangene, die allein sind, in einer solchen Diskussion zwi­schen drinnen und draußen Orientie­rung oder aktiver Teilnehmer zu sein. Um dir einen Überblick über die eigene Geschichte und die politische und gesellschaftliche Entwicklung zu ver­schaffen, brauchst du Muße und Gelas­senheit, unter dem täglichen Druck von Isolationshaft ist dies nur schwer mög­lich. Immerhin hat es im Jahr 1992 Dis­kussionsbeiträge von Gefangenen aus RAF und Widerstand gegeben, von sol­chen, die einzeln sind, von solchen, die in Gruppen sind. Ich denke aber, wenn gerade jene Gefangene, die sich ganz besonders eng mit dem Frontkonzept und so der Politik der 80er Jahre ver­bunden wissen, bis heute dazu schwei­gen, liegt das zumindest nicht allein an den Haftbedingungen. Mit der dok­trinären Gewißheit alles richtig gemacht zu haben und in Zukunft alles richtig zu machen, hat man und frau sich eines abgeschnitten: das Leben und Kämpfen im Bewußtsein von der ständigen Unfer­tigkeit unserer Sache und so die Neu­gierde auf Weiterentwicklung. Karsten, dessen &quot;fünf Blicke eines Insulaners&quot; gerade (November 1992) im Angehörigeninfo erschienen sind, schrieb kürzlich: „Wirklich konstruktiv sind doch nur die Differenzen, Unklarheiten, und die Arbeit daran.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt heute gewisse Mystifikationen. Da ist etwa die Rede vom verlorenen Jahr 1992. Du könntest den Eindruck gewinnen, die Jahre davor seien Jahre voller Kampf und Initiative gewesen, und dieser Bundesjustizminister, oder schlimmer noch, irgendein Geheim­dienstklüngel, haben diesem Brausen jäh Einhalt geboten, aber bitte! Umgekehrt wird ein Schuh draus. Die öffentliche Ankündigung, RAF-Gefangene sollten freigelassen werden, haben Gefangenen­gruppe und Scene aus einem zweijähri­gen Dornröschenschlaf aufgeschreckt, jedenfalls, was unsere Angelegenheiten betrifft. Rolf Heißler wußte seinem revo­lutionären Publikum bereits am 11.1.1992 zu enthüllen, worum es bei der ganzen Sache geht: „Die einen, bei denen sie physische und psychische Ver­nichtung aufgrund der Bedingungen weit genug voran getrieben sehen, lassen sie raus.&quot; Womit wohl vor allem Irm­gard Möller, Günther Sonnenberg, Bernd Rößner und ich gemeint waren, und zweitens sollte es heißen: wer raus­kommt, mit dem stimmt was nicht. Damit traf Rolf sicher nicht den Geschmack des Publikums, hatte er doch die Monate zuvor unsere Versuche, die Freilassungsfrage zu thematisieren mit der naßforschen Gegenfrage beant­wortet, ob wirs denn im Knast nicht mehr aushielten. Wobei diese menschli­che Entfremdung ihre Verlängerung in einer begrifflichen Entfremdung fand. Sturm wurde gelaufen gegen meine Anerkennung des staatlichen Gewaltmo­nopols, als ob mit der Hinnahme jahr­zehntelanger Gefangenschaft als eine Art Naturzustand das staatliche Gewaltmo­nopol nicht nur anerkannt, sondern mit solchen Fragen, ob wirs denn im Knast nicht mehr aushielten, geradezu propa­giert würde!&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Spätestens mit dem Hungerstreik 1989 bestand die Hauptaufgabe darin, die überfällige Bilanz des bewaffneten Kampfs zu verbinden mit der Suche nach einer Gesamtlösung einerseits und einer neuen Perspektive andererseits. Aus der Erkenntnis der Tatsache, daß der bewaffnete Kampf an eine definitive Grenze gestoßen war und diese defini­tive Grenze sich vor allem in einer völli­gen Reduzierung der Bewegungsspiel­räume in der Gesellschaft manifestierte, eine Tatsache, die für jede und jeden auch ohne Zusammenlegung erkennbar sein mußte - mußte folgern, daß für eine Rückgewinnung politischer Handlungs- und Bewegungsspielräume die Altbe­stimmungen revolutionärer Politik auf­gelöst werden müssen, um Herz und Verstand für deren Neubestimmung frei­zubekommen. Diese beiden Ziele, Neubestimmung und Gesamtlösung, waren in der Tat überfällig. Sie waren notwen­dig, und zwar völlig unabhängig von Kinkel-, KGT- oder sonstigen Initiativen. Wenn welche kritisieren, daß die Illega­len und/oder Gefangene auf die Kinkel-Initiative in der erfolgten Weise reagiert haben, ist an dieser Kritik sicher was dran. Selbstverständlich wäre es besser gewesen, wenn wir, vor allem die Gefangenengruppe, in diesem Prozeß den ersten Schritt gemacht hätten, ohne auf eine staatliche Initiative reagieren zu müssen und sicher wäre es klüger gewe­sen, die Durcharbeitung unserer Geschichte wäre von uns, den Gefange­nen, gekommen statt von der RAF.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Nachdem aber die Gruppe in den Jahren 89 bis 91 diesen überfälligen Prozeß nicht in die Hand genommen hatte, und nachdem im Januar 1992 plötzlich eine breite Öffentlichkeit zu uns da war, mußte selbstverständlich diese Gelegen­heit ergriffen werden, um das beste dar­aus zu machen. Verweigerung ist in 99 von 100 Fällen falsch. So auch hier. Mitte Januar hatten die Celler Gefange­nen den Entwurf einer gemeinsamen Erklärung vorgelegt, der nach folgenden Überlegungen konzipiert war:&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;1) Wir, die Gruppe der Gefangenen, müssen schnell reagieren! Die Öffent­lichkeit wird sich nicht ein Jahr lang mit dieser Frage beschäftigen. Jetzt ist das Eisen heiß, jetzt muß es geschmiedet werden. Und zwar unabhängig davon, was hinter dieser Kinkel-Initiative steckte. Was zählte, war zuerst die öffentliche Debatte dazu. In die mußten wir schnellstmöglich eingreifen. Die Grundlage dazu konnte nur eine gemeinsame Erklärung der Gefangenen­gruppe sein.&lt;br /&gt; Das Ghettobewußtsein indes („wir- sie&quot;), in dem die Gesellschaft und somit der Rhythmus politischer Prozesse in der Gesellschaft überhaupt nicht mehr vor­kommt, erschöpft sich in der Gewßheit, „ihnen&quot; jederzeit die richtigen Forderun­gen stellen und „denen, die mit uns kämpfen&quot; jederzeit eine Erklärung übers Angehörigeninfo zuschicken zu können. Man hat Zeit.&lt;br /&gt; 2) wurde im zur Diskussion gestellten Erklärungsentwurf gesagt: notwendig ist a) eine Gesamtlösung und b) ein Bruch mit der Vernichtungspolitik der letzten 22 Jahre.&lt;br /&gt; Angesprochen wurde aber auch auf unserer Seite die Bereitschaft, uns zu bewegen, ohne dabei in irgendwelche Details zu gehen. Das ist es wohl, was wir hier falsch eingeschätzt haben. Grundlage für eine solche Bewegung unsererseits hätte ein erarbeiteter Begriff unserer Geschichte sein müssen und daraus, und aus der Bewertung der heu­tigen Situation abgeleitet, eine zumindest grobe Vorstellung, wie es weitergehen könnte. Kurz: politische Aussagen, mit denen wir uns in Teilen der Gesellschaft hätten bewegen können. Die aber waren nicht vorhanden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sechs Wochen später, als die öffentliche Diskussion längst woanders war, kam schließlich als Ersatz für obige Erklärung der Gefangenengruppe eine Erklärung der Rechtsanwälte, in der mitgeteilt wurde, was seit dem Kursbuch 31 über Isolationshaft aus dein Jahre 1973 tau­sendfach mitgeteilt worden war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Vakuum, das wir aus dem 1989 angestoßenen Prozeß hinterlassen hatten, geschah nun zweierlei:&lt;br /&gt; 1) Die von uns nicht definierte 22­jährige Geschichte der RAF und der Gefangenen wurde von der Gegenseite definitorisch umgegossen in Begriffe wie Reue, Opfer, Gewaltfrage, straffreies Leben, Einzelfallprüfung usw. und im öffentlichen Bewußtsein festgeklopft. Es war von unserer Seite aus kaum jemand da, der sich eingemischt hätte. Die Gegenseite präsentierte der Öffentlich­keit ausgerechnet die verbitterte Witwe eines 1970 in Hamburg von Gerd Müller erschossenen Polizisten. Gerd Müller war einer der ersten Kronzeugen, auf seine Aussage hin wurde Irmgard Möller, damals kurz vor ihrer Entlassung ste­hend, Mitte der 70er zu lebenslang ver­urteilt und Müller kam kurz darauf frei. Es war niemand da, der hier und bei vielen anderen Schweinereien eingegrif­fen hätte.&lt;br /&gt; 2) Eine realitätsferne Debatte über Reformismus und revolutionären Kampf. Der Begriff revolutionärer Kampf, wie er 1992 hin- und hergeschoben wurde, war nicht Ausdruck von Klarheit, er war viel­mehr eine Mystifikation, nach der sich all jene drängten, die der Klärung offe­ner Fragen aus dem Weg gehen wollten. Nehmen wir dieses Hannoveraner Papier. Im Sommer hatten wir einen aus dieser Gruppe bei uns hier, in einer Gesprächsrunde. Von der im späteren Papier zum Ausdruck kommenden Härte war in dieser Diskussion nichts zu spüren. Kritische Anmerkungen zum April-Text, sparsam eher. Offenbar ist es einfacher, uns aus sicherer Entfernung „leckt uns am Arsch&quot; zuzurufen. Was berichtete der Freund aus Hannover über die eigenen Gruppenaktivitäten? Eine müde sich dahinschleppende Geschichte im besetzten Sprengel-Gelände und etwas Anti-Expo-Mobilisierung.&lt;br /&gt; Mit einem Wort: „Stresemannstraße&quot;. Wovon sie sich am Ende ihres Textes so laut distanziert haben. Ich kann ja durchaus nachvollziehen, wenn sie sagen, wir machen diese Geschichten seit 10 Jahren, wir haben die Schnauze voll, wir wollen woanders hin. Dann hätte man drüber diskutieren können. Wenn sie allerdings einen solchen ande­ren, meinetwegen revolutionären Weg, mit demselben stumpfen Sinn begehen, mit dem sie in ihrem Papier Gefangenen gegenübertreten, die zwei Jahrzehnte ihres Lebens für die Sache gegeben haben, werden sie bei dieser neuen revolutionären Praxis genauso scheitern wie bei der alten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Bei all diesem Gerede über revolutionäre Politik ist in diesem Jahr nichts, aber auch gar nichts herausgekommen. Nirgendwo haben die, die da mit diesen breiten Ansprüchen daherkommen, es gebracht, auch nur im Theoretischen die Konturen einer solchen Politik erkenn­bar zu machen, vom Praktischen mal ganz zu schweigen. Hingegen hat diese Diskussion Aussagen produziert, denen ich widerspreche. Ich erinnere mich an einen Satz im Konkret-Text von Dietiker, Jansen und Rosenkötter, wonach unter den bestehenden Verhältnissen es keine Lösungen geben solle. Ja, um alles in der Welt, sollen wir den ausländischen, jüdischen, behinderten Kindern, Frauen und Männern, sollen wir den Schwulen denn zurufen: „Liebe Leue, tut uns leid, unter den bestehenden Verhältnissen kann es keine Lösungen geben, guckt, wo ihr bleibt&quot;!? Tut mir leid, aber diese herzentragenden Wohlstandsbürger sind mir, bei allem Mißtrauen, lieber als große Ansprüche, von denen niemand sagen kann, wie sie umsetzbar sein sol­len.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;1992 war also bestimmt von 2 auseinanderdriftenden Ebenen: auf der einen Ebene wurde das ganze abgehandelt als eine Frage von Reue, Opfer, juristischem Verfahren, auf der anderen Seite wurde entlarvt: a) ein Minister und ein Coun­tergremium als welche, die uns bekämp­fen wollen und b) die Illegalen, die von allen Illegalen in der Geschichte der RAF die meisten Erfahrungen haben, und jene Gefangene, die von allen am läng­sten dabei sind als welche, die nicht kämpfen wollen, als welche, die refor­mistischen, wo nicht sozialdemokrati­schen Vorstellungen frönen, also als sol­che, die das imperialistische System für eine grundsätzliche korrekte Veranstal­tung halten, an der es allenfalls hie und da etwas zu verbessern gilt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es war im Jahr 1992 und davor aber nicht darum gegangen, zu entlarven, was andere tun, es war darum gegan­gen, selbst etwas zu tun. &lt;br /&gt; Die Versäumnisse der Jahre 89 bis 91 als auch die Ignoranz gegenüber den gesell­schaftlichen Prozessen im abgelaufenen Jahr haben die Möglichkeiten erweiterter Handlungsspielräume, egal ob für die Zusammenlegung oder die Freilassung, stark reduziert. Und so natürlich für eine Gesamtlösung. Nachdem die Gefange­nengruppe nicht zu einer gemeinsamen Aussage und gemeinsamem Handeln im Sinn einer Gesamtlösung gekommen ist, blieb nur übrig, sich der Untätigkeit anzuschließen - oder außerhalb dieses Rahmens Schritte zu unternehmen. Dies war der Bereich zwischen der Erklärung von Irmgard Möller im April über die Interviews und den Kampf um die Frei­lassung von Bernd bis hin zur Erklärung von Karl-Heinz, die er für jene Gefange­nen abgegeben hat, die die Absicht hat­ten, Anträge zu stellen; ohne daß diese Anträge im allgemeinen oder die Aussa­gen in Karl-Heinz&#039; Erklärung im beson­deren in der Gruppe umstritten gewesen wären. Außerhalb dieses Rahmens Schritte unternehmen hieß nicht, Teillö­sungen anzustreben, aber die Freilas­sung einer Reihe von Gefangenen hätte die Dinge, als normative Kraft des Fakti­schen, via öffentlichem Bewußtsein in die richtige Bewegungsrichtung stoßen können.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Unsere Seite ist im Recht, die Gegen­ seite im Unrecht.&quot;&lt;br /&gt; Aber das Innehaben einer hervorragen­den moralischen Position ist das eine, die Schaffung eines politischen Kräfte­verhältnisses das andere. Nachdem der bewaffnete Kampf keine Option mehr sein konnte, hätte der weitere Weg mei­netwegen so aussehen können, daß die Erklärungen der RAF kritisiert worden wären, aber sie hätten konstruktiv kriti­siert werden müssen. Das Revolutionäre konnte nicht darin bestehen, in den RAF-Erklärungen Schwachstellen aufzu­spüren, das Revolutionäre wäre gewe­sen, an Lösungen für die objektiven bestehenden Probleme zu arbeiten. Das ist sicher härter, mühsamer und oft ris­kant, denn es geht nicht, ohne eigene Entscheidungen an diesem oder jenem Punkt zu treffen. Die Illegalen hatten mit den beiden Strängen, die sie in ihren Texten entwickelt haben - auch wenn viele Fragen offen geblieben sind - grundsätzlich das richtige Gespür: erstens sagen sie, haben sich die äuße­ren, objektiven und globalen Bedingun­gen verändert, zwotens haben wir Feh­ler gemacht. Die gespenstisch substanzlose Debatte des Jahres 1992 über revolutionären Kampf und Refor­mismus, nicht selten von Angeberei geprägt, eine Debatte, der sich einige Gefangene kritiklos angepaßt haben, hat nur nochmal in wirklich schriller Weise die Notwendigkeit deutlich gemacht, daß Revolutionäre zu sich selbst ein kri­tisches Verhältnis haben müssen. Oder wie erklärt sich, daß wir im Deutschland des Jahres 1992 mutig bekennende Revolutionäre wie nie zuvor in 20 Jahren hatten, sich aber so wenig getan hat wie arg lange nicht mehr? Worauf warten diese Leute? Wenn sie doch von der Gewißheit des revolutionären Kampfs dermaßen durchdrungen sind, wenn sie soviele sind, warum tun sie nicht das nächstliegende und nehmen die Dinge in die Hand? Die Richtungsangabe der RAF, sich selbst und die eigene Geschichte kritisch zu reflektieren, war richtig, sie abzuwürgen ein Eigentor. Und sie kamen, diese Erklärungen. Wo es bei der RAF hieß, das objektive hat sich, das subjektive muß sich verändern, hieß es nun: verändert haben sich 1) die äußeren Bedingungen, die globalen, und 2) die innerstaatlichen. Die Fehler und falschen Bewußtseinsinhalte sollten spä­ter diskutiert werden, „und dann richtig&quot;. Während einige versucht haben, auf der ausreichenden Grundlage der RAF- Erklärungen vor allem in Richtung Ge­sellschaft aufzubauen, hat ein anderer Teil seine Energie investiert, die Er­klärungen der RAF zu demontieren. Die Endmoräne dieser Entwicklung zeigt sich in einer Reihe gutachterlicher Stel­lungnahmen zu den öffentlichen Äuße­rungen der RAF und einiger Gefangener aus dem Bereich der radikalen Linken. Plus die Mitteilung in Interim und ande­ren breitenwirksamen Blättern, daß die Forderung nach Freilassung unterstützt würde. Das wars dann aber auch. Auf den Punkt gebracht im Hannoveraner Papier, das man so zusammenfassen könnte: wir tun nichts, ergo sind wir ganz radikal. Hier kommt das bis heute unangetastet belassene Front-Denken zu seinem klarsten Ausdruck: „das Wichtig­ste ist, daß du die Politik richtig findest&quot;. Und hier ist auf den Kopf gestellt, was bei einer Durcharbeitung unserer Geschichte wiederentdeckt werden könnte für ein revolutionäres Projekt der Zukunft:&lt;br /&gt; &quot;Man ist eine Gruppe von Genossen, die sich entschlossen hat, zu handeln, die Ebene der Lethargie, des Verbalradi­kalismus, der immer gegenstandsloser werdenden Strategiediskussion zu verlas­sen, zu kämpfen. Aber es fehlt noch alles - nicht für alle Mittel; es stellt sich auch jetzt erst heraus, was einer für ein Mensch ist.&quot; (Ulrike im Berliner Prozeß 1974)&lt;br /&gt; Wie gesagt: moralisch gut dastehen, ist das eine. Die Schaffung eines politischen Kräfteverhältnisses ein anderes. Mit den Kronzeugenprozessen hat Bonn via Bundesanwaltschaft das Signal kontinu­ierlicher Härte in eine Justiz eingespeist, die dafür mit Sicherheit empfänglich ist - konnte sich diese Justiz doch nie mit dem Gedanken anfreunden, mit dieser oder auch jener Vergangenheit zu bre­chen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gibt jetzt die beiden Wege:&lt;br /&gt; Der eine ist der Blick über Kimme und Korn, die Politik der letzten 22 Jahre, die legitim sein soll. Punkt. Mit dieser Bot­schaft können wir in der Gesellschaft Menschen erreichen. Schätzungsweise Tausend oder Zweitausend. Diese Leute würden tun, was sie im letzten, vorletz­ten und vorvorletzten Jahr getan haben. Im letzten Jahr haben sie eine Demo in Bonn gemacht und eine Reihe von gut­achterlichen Stellungnahmen. An das, was sie in unserem Kontext die beiden Jahre davor getan haben, kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß, daß es viele gibt, die unter dieser Situation leiden und nach Auswegen suchen. Ich spüre das in nicht wenigen Briefen, in denen gedacht und im Nachdenken Entschei­dungen getroffen werden. Es kommen aber auch - seltener - Briefe, die voll heftigster Kritik sind, ohne daß darin die geringste Spur eigener Suche zu ent­decken ist. Wer unter der gegebenen Situation leidet, bei dem kann es gar nicht anders sein, als daß er oder sie sich auf die Socken macht. Und dabei hat sie oder er mit Sicherheit was raus­gekriegt. Und das wird sich niederschla­gen, wo eine/r seine Gedanken auf­schreibt. Wer glaubt, zusammen mit ein paar hundert Leuten, die sich zumeist selbst nicht kennen, die Regierung in Bonn zu einer politischen Entscheidung für eine Gesamtlösung zwingen zu kön­nen, der muß erklären, warum er das glaubt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Die andere Option. Sie ist erheblich unübersichtlicher als „wir-sie&quot;. Sie ist in dem Maß in den letzten Jahren unüber­sichtlich geworden, wie die gesellschaft­liche und politische Situation unüber­sichtlich geworden ist. Die Erfolgsaussichten sind, erstmal jeden­falls, nicht überwältigend. Aber die Suche außerhalb des Ghettos ist die ein­zige, die einen Sinn macht. Insbesondere dann, wenn es nicht allein um eine Perspektive für ein paar Gefangene geht, sondern um eine Perspektive, die etwas mit gesamtgesellschaftlicher Dimension zu tun hat. Langfristig also um die Neubestimmung revolutionärer Politik. Diese Neubestimmung können wir nicht als schnell zusammengeschriebenes Pro­gramm auf den Markt werfen. Um zu einer revolutionären Entwicklung zu kommen, müssen wir eine Menge akku­mulieren. Und diese Akkumulation besteht aus vielen kleinen Schritten und Kämpfen und Auseinandersetzungen, aus vielen in der Praxis gemachten Erfahrungen, aus Lernprozessen in der Auseinandersetzung mit anderen gesell­schaftlichen Bereichen. Solange wir uns, gefesselt im armseligen Verhältnis „wir- sie&quot; befinden, verurteilen wir uns selbst zu Bewegungslosigkeit. Es hat vor allem im Frühjahr Anlässe genug gegeben, uns in Bewegung zu setzen, und gerade wenn eine KGT sich neue Strategien hat einfallen lassen, wäre dies doch noch ein zusätzlicher Grund gewesen, diese Interventionsmöglichkeiten in der öffent­lichen Debatte wahrzunehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Sollten wir in einer solchen Arbeit, in einem solchen Kampf eine neue Grund­lage, eine neue „kritische Masse&quot; schaf­fen, die mit den Prozessen in der Gesell­schaft korrespondiert, dann könnten wir wieder über ein revolutionäres Projekt reden. Dann ist Substanz da, über die wir weiter nachdenken müssen. Bis jetzt ist diese Debatte wirklich nur Placebo.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;em&gt;Auf diesen Artikel gibt es eine &lt;a href=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/eine-kurze-antwort-auf-lutz-taufer&quot;&gt;Antwort von Zettelknecht&lt;/a&gt; in derselben Ausgabe.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/gesellschaft-oder-ghetto&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/gesellschaft-oder-ghetto&quot; dc:title=&quot;Gesellschaft oder Ghetto&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/571&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/571  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/3/gesellschaft-oder-ghetto#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/bewaffneter-kampf">Bewaffneter Kampf</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/militanz">Militanz</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/raf">RAF</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Fri, 03 Dec 2010 11:55:50 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">571 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>...mitten im Nebel</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/3/mitten-im-nebel</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Der folgende Text besteht aus Auszügen&amp;nbsp; eines 77 Seiten langen Aufsatzes von Karl Heinz Dellwo, in dem der Celler RAF-Gefangene die Geschichte der bewaffneten Organisation aufzuarbei­ten versucht. Wir haben diese Passagen ausgesucht, obwohl der Aufsatz bereits vor 3 Jahren geschrieben wurde. An ihm werden inhaltliche Positionen sichtbar, die in der sehr wütenden Aus­einandersetzung der letzten Wochen kaum noch zu erkennen waren. Aus diesem Grund fanden wir den Text hochaktuell und -interessant. Die Kürzung haben wir gemeinsam mit Karl-Heinz Dellwo vorgenommen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Der folgende Text besteht aus Auszügen&amp;nbsp; eines 77 Seiten langen Aufsatzes von Karl Heinz Dellwo, in dem der Celler RAF-Gefangene die Geschichte der bewaffneten Organisation aufzuarbei­ten versucht. Wir haben diese Passagen ausgesucht, obwohl der Aufsatz bereits vor 3 Jahren geschrieben wurde. An ihm werden inhaltliche Positionen sichtbar, die in der sehr wütenden Aus­einandersetzung der letzten Wochen kaum noch zu erkennen waren. Aus diesem Grund fanden wir den Text hochaktuell und -interessant. Die Kürzung haben wir gemeinsam mit Karl-Heinz Dellwo vorgenommen.&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dellwo nahm mit Lutz Taufer, Hanna&amp;nbsp; Krabbe, Siegfried Hausner, Bernd Rößner und Ulrich Wessel 1975 an der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm teil. Hausner und Wessel wurden bei der Aktion getötet, die anderen sind seitdem- d.h. seit fast 19 Jahren- im Gefängnis (Bernd Rößner ist z.Zt. wegen einer Behandlung auf freiem Fuß).&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Seit mehreren Jahren sind Dellwo,&amp;nbsp; Taufer und der seit 1980 inhaftierte Knut Folkerts gemeinsam im nieder­sächsischen Knast Gelle untergebracht. Sie haben verglichen mit den meisten anderen RAF-Gefangenen relativ viele Kommunikationsmöglichkeiten und können zusammen politisch diskutie­ren. Die drei sind außerdem neben Birgit Hogefeld die einzigen RAF-Gefan­genen, die sich nicht von der neuen Linie der Illegalen distanziert haben.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Unsere Hausbesetzung in der Eckhofstraße war von den meisten von uns von Anfang an als aussichtslos betrachtet worden. Wir waren voller Widersprüche zu unserer eigenen Aktion. Wir wollten keine „Schöner-Wohnen-Idylle&quot; und wußten gleichzeitig, daß wir einen staats- und systemfreien Raum erst dann werden halten können, wenn die Illegalität als Hinterland exi­stiert. Ohne sie mußten wir als Minder­heit auf offenem Terrain an den unglei­chen Machtverhältnissen scheitern. Die Illegalität war damals nicht mehr organi­siert, die RAF im Knast und wir selber haben es uns noch nicht zugetraut. Wir hatten noch mit uns selber zu viel zu tun, für eine strategische Organisierung unserer Aufbruchbedürfnisse waren wir noch nicht reif. So konnten wir andere nur unterstützen, und einige von uns gaben Ende &#039;72, Anfang &#039;73 die Pässe an die ab, die damals nach einer RAF­Gefangenen-Entlassung die Illegalität neu zu organisieren begannen. Die wurden übrigens von einem der DDR-ler (Anm: einer von denjenigen, die später die RAF verließen, in die DDR gingen und nach 1990 als Kronzeugen der Bundesanwalt­schaft arbeiteten) eingesammelt. Wichtig für uns alle waren in dieser Zeit die ersten Erfahrungen des SPK (Sozialisti­sches Patientenkollektiv Heidelberg) mit seiner Bestimmung „Aus der Krankheit eine Waffe machen&quot;. Beschädigt waren wir alle, und wir begannen gegen den Selbsttotschlag des „selbstverschuldet&quot; die gesellschaftliche Bedingtheit dessen zu erkennen. Und daß wir, integriert in ein falsches Leben, unsere Entfremdung immer wieder neu reproduzieren mußten. Der Begriff von der „Institutionalisierung des Faschismus&quot; gab damals unser Wis­sen vom Nachleben des Nazi-Staates und unsere Erfahrung mit den neuen Sozial-Technologien der Sozialdemokratie wieder. So wollten wir den Bruch in allem. So wollten wir in der Hausbeset­zung lieber das gewaltsame Verlieren statt jenes durch Anpassung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Schlacht um Algier&quot; - ein Film. Gegen Ende läßt Massu, Kolonialgeneral der Franzosen, das Haus mit dem Stadtkom­mando der FNLA in die Luft sprengen; sie hatten sich nicht ergeben wollen und sich bis zum letzten verteidigt. Der Film endet mit dem Aufstand der Massen. Die im Kommando, das waren doch wir. Auch eine Minderheit und fast aussichts­los, und doch war es richtig, aufzubre­chen und auch aus dem letzten heraus noch zu widerstehen. Schon das Aufste­hen ist ein Durchbruch.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Keiner von uns ist in die Illegalität ge­trieben worden. Das hatten wir immer bewußt so bestimmt. Der Staat sollte dabei keine Mitentscheidung haben. Aus dem gleichen Grund wollten wir nicht, daß jemand mit Freund oder Freundin in die Illegalität geht. Es sollte niemand wegen jemand anderem diesen Schritt machen und später vielleicht seinen eigenen Grund nicht mehr kennen. Es sollte die Entscheidung aus der eigenen Entwicklung sein. Wir haben unsere Beziehungen deshalb vorher auch abge­schlossen. Das geschah zu dem Zeit­punkt, als der Widerspruch zwischen unserem Wissen über uns und die Gesellschaft/ Staat und wie wir darin lebten und bisher gekämpft hatten, so herangereift war, daß wir im alten nicht mehr zu Hause waren. Dort trotzdem zu verharren, hätte das bisher Erkämpfte bei uns, relativ identisch zu sein mit dem, was wir wollten und taten, wieder zerstört. Ich wußte damals, daß ich jetzt gehen muß und daß das mein Teil dafür ist, eine Grundlage herzustellen, auf der wir uns und andere für den Kampf um eine offene Zukunft wiederfinden kön­nen. Es ist mir nicht leicht gefallen, nicht nur wegen der vielen Unsicherheiten, ob die eigenen Fähigkeiten für das ausrei­chen, was nun vor uns stand; langfristig waren auch die Perspektive der Guerilla und die mit ihr verbundenen gesell­schaftlichen Prozesse mir undeutlich. Vor allem aber deswegen, weil ich in unserem alten Zusammenhang zum ersten Mal das Gefühl hatte, daß das ein Leben ist. Es war bei uns gewesen, auch habe ich die meisten um mich herum geliebt, widersprüchlich, schmerzhaft und elend manchmal auch, aber wir hat­ten eine wesentliche Stufe unserer politi­schen und sozialen Emanzipation durch­gekämpft. In der Legalität war das nicht mehr fortsetzbar. Es gab in ihr nichts, woran ein revolutionärer Prozeß ent­wickelbar gewesen wäre. Dazu war die Zeit nicht reif. Das alles verlassend, war es zu Anfang in der Illegalität ziemlich einsam und leer, auch gab es nicht viel an Struktur, und wir waren sehr wenige. Aber wir hatten unser Ziel und began­nen zu spüren, daß wir Boden unter die Füße kriegten. Von da ab war alles sehr einfach, das Finden im Denken ebenso wie das Erledigen der praktischen Auf­gaben. Wir hatten eine Ahnung von uns in Freiheit bekommen. Für mich war das die Zeit, ab der ich wußte, daß wir die Machtfragen stellen können und werden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Unsere Aktion in Stockholm war das, was wir damals konnten. Ob sie durch­kommt, blieb mir zweifelhaft und letzt­lich war am Abend der Besetzung nie­mand von uns sehr überrascht, als klar war, daß die Aktion auf ihr unmittelba­res Ziel bezogen, scheitern wird. Es war nicht das einzige Ziel. Die konkrete Bestimmung war, daß wir die Gefange­nen rausholen oder eben ein politisches Verhältnis materialisieren zum Staat und zu unserer eigenen Befreiung, die kein &amp;gt;zurück&amp;lt; mehr will. Schlaumeier hin­term linken Zuschauerraum sahen später darin eine starre Haltung und sprachen von Kamikazementalität. Aber zum einen hat es damit zu tun, daß wir noch keine Erfahrung für diese Stufe des Befreiungskampfes hatten; aus der Lega­lität kommend, haben wir ja sozusagen aus dem Stand heraus die damals zen­tralste Machtfrage mit dem Staat gestellt. Deshalb hatten wir uns auf eine Aktion konzentriert. Wir wollten nicht die Feh­ler der Gruppe 73/74 vor uns wiederho­len, uns solange in der Strukturlegung zu verlieren, bis wir durch irgendeinen Fehler möglicherweise vor der Aktion verhaftet werden. Zum anderen war der Angriff, der die Machtfrage stellt, damals als politischer Durchbruch, als Versuch, eine politische Sperre der Linken aufzu­heben, notwendig. Wir hatten es des­halb auch eilig. Das Scheitern der Aktion haben wir daraus immer auch nur als halbe Niederlage begriffen. Wenn etwas grundsätzlich Neues auf die Welt kom­men will, hält und setzt es sich nur durch ein bedingungsloses Verhältnis zu sich durch. Das betrifft jede Befreiungs­bewegung, egal wo sie entstanden ist. Das enthält als Moment natürlich ein starkes Maß an Selbstverdinglichung. Sie ist einer historischen Not geschuldet. Da sie trotzdem selbstgesetzt ist, hat sie gleichwohl ein Moment der Freiheit in sich. Vor allem ist es ein Liebesverhältnis untereinander und zu den Menschen. Überhaupt zum Leben, das erkämpft werden soll. Ein Aufbruch aus dem historischen Nichts an eigener Geschichte wie unserer kann sich an Bedingungen des Gelingens oder an andere binden. In ihm bleibt nur die Entscheidung für das „für&quot;. Das ist ein Wagnis. Man muß es nur wissen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;(...)&lt;br /&gt; Die Bestimmung, die politischen Gefan­genen zu befreien, war für uns zu keinem Zeitpunkt diskutabel. Diese Versu­che sind aus sich heraus legitim. Es war nicht der Privatkrieg der RAF. Die drin­nen waren, hatten für uns alle alles ein­gesetzt. Es dabei zu belassen, ist die Haltung armer Schweine. Die nach uns kamen, haben zweifellos aus unserer Aktion die Notwendigkeit gezogen, der Guerilla eine langfristige Struktur und eine viel breitere Interventionsmöglichkeit zu geben. Die objektive politische Schwäche der Guerilla, primär nur ihren eigenen politischen Willen und die Systementwicklung der Zukunft zur Basis zu haben, konkret aber auf wenig gesellschaftliche Reife für einen revolu­tionären Prozeß zu stoßen, konnten sie nicht lösen. In dem sozialdemokrati­schen Roll-Back auf die 68er-Bewegung war zu viel verschüttet worden. Das „Modell Deutschland&quot;, die Mischung aus Repression und eben auch Nebeninhalte der Protestbewegung integrierende Mo­dernisierung der Gesellschaftsgrundlage, in ihr auch das Bemühen, sich von oben von der Nazi-Vergangenheit abzusetzen, fand auch in der Linken Wirkung. Was sich später als „Grüne&quot; formierte, nahm das ja so an: „Ab jetzt ist alles anders, wir können in diesem Staat mitmachen&quot;. Der revolutionäre Ansatz hätte deswe­gen neu entwickelt werden müssen, aus den Bedingungen hier in der Metropole für die Menschen. Aber die waren eben noch nicht so herangereift, daß eine sie grundsätzlich aufhebende Gegenvorstel­lung deutlich und vermittelbar gewesen wäre. In unserem Prozeß wegen der Stockholm-Aktion waren wir bereits auf diese Schwierigkeit gestoßen. Croissants Einstellungsantrag führte nochmal die Verbrechen aus dem Vietnamkrieg und die gegen die Gefangenen vor. Aber Vietnam war vorbei, und auch die Ver­treter des neuen Blocks an der Macht setzten sich davon ab. Und aus der inne­ren Repression war der Guerillakampf als soziale Gegenstrategie nicht ausrei­chend begründet. Der Bezug auf die Verbrechen des Imperialismus nach außen und die Repression nach innen gab ja auch unsere eigenen Aufbruchsgründe nicht ausreichend wieder. Die lagen ursächlich darin, daß wir das Leben in diesem System aus seiner Zurichtung für die Welt der Ware als völlig sinnlos erspürten oder erkannten, als für uns ungelebter Versuch unseres Lebens. Nur war das damals noch schwer zu fassen, als auf die Grundbe­dingung der Gesellschaft zu bestim­mende positive Setzung.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Zu fassen war die subjektive Seite, daß wir das nicht mitmachen und auf unser eigenes Leben bestehen. Das aber hätte eine vorsichtige Umsetzung des bewaff­neten Kampfes bedingt. Eine, die sich nicht von allen bis dahin bewußten oder erlittenen Widersprüchen hier abtrennt. Gelaufen ist es anders. Der bewaffnete Kampf ist zur Eskalation zwischen uns und dem Staat geworden, die sich spiral­förmig entwickelte, innerhalb und außerhalb der Knäste. Der Rest der Ge­sellschaft blieb als von uns zu suchen­des Subjekt außen vor. In Bochum, am Abend der Schleyer-Entführung, nach­dem wir gerade den am brutalsten ver­laufenen Hungerstreik überhaupt abge­brochen hatten - die Bundesanwaltschaft hatte die 3 Monate bestehende Zusam­menlegung in Stammheim wieder zer­schlagen -, fand ich die Durchführung der Aktion als „zu hart&quot; für das, was wir bisher in der Gesellschaft politisch mobi­lisiert hatten. Eine Angst, daß draußen alles überzogen wird. Was auf unserer Seite stand, oft schon nur noch über die eigenen, nach außen behaupteten politi­schen Ansprüche gezwungen, brach daran ein. Die Landshut-Entführung gab dann schlußendlich das Alibi, statt gegen den Staat die Widersprüche gegen uns zum Zentralen zu machen. Das war dann auch ein Bankrott der Linken.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Wenn die Zeit noch nicht so herange­reift ist, daß das Bild einer befreiten Zukunft schon wie eine Landschaftskon­tur hinter leichtem Nebel vor den Menschen auftaucht, wird der subjektive Wille zur alleinigen Kraft, die undurchsichtige Zukunft zu durchdringen. Das ist nicht falsch, das kann für einen Auf­bruch ausreichend sein. Aber es hat zur Bedingung, sich langsam vorzutasten und den Kontakt zum eigenen Auf­bruchsort als sicheren Bezugspunkt nicht zu verlieren. Sonst steht man auf einmal alleine mitten im Nebel, hat die Richtung verloren, aus der män kam und weiß aus der verlorenen Ortskenntnis nicht mehr genau, wohin man nun wei­ter vorstoßen soll.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das ist &#039;77 gelaufen. Ein Vorstürmen, eine Eskalation, die hinter einem abbrach, und plötzlich war alles Terrain verloren außer dem, wo man gerade stand.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Zwischen der Bestimmung „dem Volke dienen&quot; und der politischen Realität der Landshut-Aktion, es einfach als Mittel zum Zweck zu benutzen, war keine politische Vermittlung mehr möglich. Hier hat sich die Politik der Guerilla den vorher falschen Vorwürfen wie denen der „befreit-die-Guerilla-Guerilla&quot; angepaßt und daraus das schmale eigene Terrain verwüstet, auf dem sie vorher noch stehen konnte und was unter uns mal gefaßt war als das „moralische Ticket&quot;, welches die RAF besitzt. Die Gesellschaft war darin als Adressat für uns von uns verworfen. Das war nicht die Ab­sicht dieser 77er-Offensive und dieser ein­zelnen Aktion, aber es war die verselbst­ändigte Folge einer immer neu hochgeschraubten Eskalation, deren Dy­namik der Gruppe aus der Hand geglitten ist. Sie hatte ihren eigenen Prozeß nicht ernst genommen und sich der Scheinstärke oberflächlicher Erfolge, den mög­lich gewordenen Angriffen, hingegeben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Nimmt man die Stockholmer Aktion als gegeben - eine grundsätzliche Kritik träfe die Aktion als ganzes, also darauf, sich sozusagen auf „offenes Gelände&quot; begeben zu haben -, so war aus einer immanenten Betrachtung die Erschießung des Militärattachés am Nach­mittag ein politischer Fehler, da sie der Regierung die Ablehnung der Austauschforderung erleichterte. Die Sachlage in Kürze dargestellt war: Wir hatten den 3.Stock der Botschaft unter Kontrolle, die schwedische Polizei den Rest des Gebäudes. Zwei Versuche von ihr, in den 3.Stock zu gelangen, mußten wir bewaffnet abwehren. Auf Dauer konn­ten wir uns solche Schießereien nicht erlauben, da uns irgendwann die Munition ausgegangen wäre. Vor allem aber konnten wir nicht hinnehmen, daß sie uns so nah umstellt und darin die für sie günstigsten Optionen in der Hand hat. Wir haben dann 4 Ultimaten gestellt, daß sie die Botschaft räumt. Die schwe­dische Polizei zog sich nicht nur nicht zurück, sie legte geradezu ein dumm­dreistes Verhalten an den Tag. Nach dem dritten Ultimatum wurde der Attaché geholt, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Seine Aufforderungen an die schwedische Polizei als auch an den unten verbliebenen nächst-ranghöchsten Botschaftsvertreter, die Botschaft zu ver­lassen, beantwortete sie ausschließlich mit Fragen über Stärke und Bewaffnung unseres Kommandos. Eine fünfte Verlän­gerung des Ultimatums wäre lächerlich gewesen. Die Situation, so wie sie war, aber einfach zu belassen und die Räu­mung nach den Ultimaten nicht durch­zusetzen, hätte erübrigt, die Forderung nach dem Gefangenenaustausch zu stel­len. Sie wäre genausowenig ernst ge­nommen worden. Das war von uns ein Planungsfehler. Wir hatten aus der Ana­lyse des schwedischen Polizeiverhaltens anhand anderer in Schweden abgelaufe­ner Aktionen die Annahme zur Grund­lage, daß sie sich auch bei uns zurück­zieht. Als sie das nicht tat, waren wir in einem Reaktionszwang, der uns so oder so schaden mußte. Mit großer Anstren­gung, nicht ungefährlich für das ganze, hätten wir diese Situation vielleicht an­ders noch erklären können. Stattdessen haben wir eskaliert.&lt;br /&gt; In der Offensive &#039;77 ist in einem viel größeren Maßstabe etwas ähnliches gelaufen. Zuerst kam das Attentat auf Buback. Das war als Antwort auf die Vernichtungsstrategie in den Gefängnis­sen und auf die Schauprozesse vermittelt. Dem konnte sich auch die Regierung nicht entziehen. Die Zusammenlegung in Stammheim kam danach. Dann der mit seinem Tod endende Entführungsver­such von Ponto. Damit hatte die Elite hier schon das verloren, was ihr als Konsequenz in der Konfrontation um die Befreiung erst drohen sollte. Die Ille­galen verloren darin eine Operationsmöglichkeit. Zwischendrin der versuchte Raketenwerferanschlag auf die Bundes­anwaltschaft als Reaktion auf ihre Eska­lation nach Ponto gegen die Gefange­nen. Dann die Schleyerentführung. Strategie bedeutet die Summe verschie­dener Wege und Ausweichmöglichkei­ten zum Ziel. Die Regierung hat danach darauf gesetzt, daß die RAF aufgrund des mit allem ohnehin schon verbunde­nen Kräfteaufwandes über keine weitere Operationsmöglichkeit aktuell verfügt. Hinzu kam, daß das politische Bin­deglied zwischen der RAF und der Ge­sellschaft, hergestellt durch die Gefange­nenkämpfe, die Härte der Kämpfe dieser Konfrontation nicht trug und die Verbin­dung sprengte. Der armselige Distanzie­rungszug linker Intellektueller und „mar­xistischer Professoren&quot; &#039;77, um in Bonn bei der Macht devote Erklärungen abzu­liefern. Die Regierung war insoweit nur mit der Guerilla konfrontiert und zog die Konfrontation in der Hoffnung in die Länge, daß dem Fahndungsapparat die gewonnene Zeit zur Gegenschlagsmöglichkeit dient oder die Guerilla in dem Versuch, das Kräfteverhältnis für sich zu wenden, einen Fehler begeht.&lt;br /&gt; Viel schwieriger als das Organisieren von Operationen in der Illegalität ist die Entscheidung, eine Konfrontation zu­rückzuholen. Man hat soviel reingesteckt in die Arbeit, man weiß, alles neu zu bestimmen und zu organisieren wird länger brauchen; und dann war noch die Situation der Gefangenen da. Später wußte man es dann. Es wäre damals richtig gewesen, die Offensive in ihrem festgefressenen Stadium zu unterbrechen und sie grundsätzlich neu zu bestimmen auf einer politischen Basis, die die Guerilla mit Teilen der Gesellschaft neu ver­bindet. Stattdessen wurde auf die eh schon hocheskalierte Offensive eine neue Eskalation gesetzt, die alles kippte. Die von der RAF zu verantwortende Landshut-Entführung durch ein palästi­nensisches Kommando. Ein Teil derjeni­gen, die die Offensive ausmachten, war nun auf offenem Terrain. Für die Regie­rung war damit gar nicht mehr das „ob&quot;, sondern nur noch das „wie&quot; sie dran­kommt, die Entscheidungsfrage. Politisch war diese Aktion eine Katastrophe. In den Urlaubern macht sich die Guerilla das Volk zum Angriffsziel und gab der Regierung eine breite Zustimmung, sie mit allen Mitteln zu bekämpfen. Diese wußte das auch auszunutzen. Das Ergebnis dieser Offensive: ein Sieg des militärischen Staatsapparates und ein verlorenes Kommando in Mogadischu, in Stammheim die Toten, die Machtfrage an den Gefangenen gescheitert und die Guerilla selber moralisch und politisch isoliert. Hätte es noch einen Fahndungseinbruch in die illegale Struktur hier gegeben, wäre es für uns sozusagen der „GAU&quot; gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;(...)&lt;br /&gt; Das Fehlen einer entschlossen verfolgten Entscheidung, sich nach der Entstehung der Guerilla als antiimperialistische die Bedingungen der Metropole zur erwei­terten Grundlage zu machen, war dann Teil der Ursache unserer Isolierung wie ebenso Teil der Ursache, daß der von uns in Gang gesetzte Prozeß unseren Händen entglitt. Wir haben uns nicht um die linken Bewegungen gekümmert und uns damit auch von einer Kritik von außen abgeschnitten. Sie hätte helfen können, den Kampf als einen für alle gemeinsamen zu halten. Der strategische Rahmen der 68er-Bewegung waren die Befreiungskämpfe im Trikont. An den sozialen Sinn, den man dort sah oder hinprojiziert hatte, waren die eigenen Aufbruchsbedürfnisse gegen die innere Realität hier gebunden. Dort wurde der Kampf gegen den Imperialismus auf dem höchsten Niveau ausgetragen. Nachdem der Kriegsimperialismus in Vietnam grundsätzlich geschlagen war, zerfiel dieser „strategische Rahmen&quot;. Zum Staat sich umwandelnd, waren die Befreiungsbewegungen mit dem Aufbau auf zerstörtem Terrain konfrontiert. Für sie war das Nötigste an Lebensbedingun­gen für die Masse schon ein Fortschritt. Für ihre eigene Befreiung erkannte die Linke darin nicht mehr viel und verlor so auch die Verbindung. Selber hatte sie dann nur noch eine hochentwickelte Erkenntnis über das, was Imperialismus nach außen ist und ein sehr subjektives radikales Aufbruchsbedürfnis. Was sie nicht hatte, war die Vorstellung, wie sie hier den gesellschaftlichen Umwälzungsprozeß in Gang setzen kann. Daran höhlte sich sowohl das, was sie über die Realität hier einmal erkannt, als auch ihre subjektive Radikalität aus. Der Auf­bruch gegen das System zerfiel. Er wurde allenfalls, wie von den K-Grup­pen, als tote politische Fassade vor sich hergetragen. Das einzige, was eine gesamtgesellschaftliche Realität faßte, war die Frauenbewegung. Aber das war ein anderer Hauptwiderspruch, der letzt­lich bis zum Kapital auch nicht vordrang und bei der Gleichheit vor der Ware ste­henblieb. Die RAF war in dieser Situa­tion eine gute Konsequenz: Damit Befreiung in den Metropolen selber irgendwann einmal wahr werden konnte, mußte sich der Aufbruch hier ein strategisches Konzept schaffen. Es hat den Zerfall der Linken nicht aufge­halten, aber überstanden, inhaltlich etwas gerettet und ihre Neu-Entstehung antizipiert. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre gab es dann die neuen Ansätze aus der Linken. Die Bewegungen wie zu Brokdorf oder Whyl. Was sich gegen das ganze System nicht um­zusetzen wußte, suchte sich hier nun im Kampf gegen einen Teilbereich zu finden. Das war auch ein Hinwenden zu den Bedingungen der Metropole und zu dem, wo man selber politisch war. Uns war das nicht ausreichend. Es hätte ver­bunden werden müssen: die strategische Konzeption und die, die sich in der All­täglichkeit der Gesellschaft suchte. Aber wir waren dazu nicht in der Lage. Wir waren noch von der Erfahrung des Nie­dergangs der Linken bestimmt. Es ist aber auch nicht nur unser Fehler: Von Teilen, die in diesen Bewegungen kämpften, ging auch der Versuch aus, das zum neuen Revolutionsmodell zu erklären: Wenn die Menschen einmal an einer Sache mobilisiert sind, springt die Ablehnung auf das ganze System um. Das geht nicht auf. Das kennt auch kei­nen eigenen Ort und hat nur die Ableh­nung zur Grundlage. Wenn die WAA gestrichen ist, wählen die Menschen „im Lande&quot; wieder CSU. Gegen den Rest wissen sie nichts. Hinzu kam die syste­matische Entwaffnung der Linken durch die Grünen. Falsch ist es aber trotzdem, aus dieser „Überladung&quot; das ganze zu verwerfen. Weder kommen wir alleine weiter, noch diese Bewegungen. Ab &#039;78 war erst einmal die Grundlage ge­sprengt, mit dem, was es hier an Bewe­gungen gab, eine Gemeinsamkeit zu fin­den. Von der RAF blieb der „strategische Rahmen&quot; zurück, ihre innere Authenti­zität war gebrochen. Es ist von ihr dann ja auch alles abgeschrieben worden. Erst im Frontpapier Mai &#039;82 bezog sie sich auf das, was sie als 80er Bewegung neu am Entstehen sah. Real war mit der alten Linken auch nicht mehr viel zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...)&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es gab zwei Möglichkeiten, auf die 77er Niederlage zu reagieren: entweder noch einmal den Versuch zu unternehmen, eine solche Machtfrage definitiv für uns zu entscheiden, darin die real eingetre­tene Stagnation zu durchbrechen und so die alte Phase abzuschließen; denn an einem Neuanfang ging nichts vorbei, oder sich vom alten in der Niederlage abzutrennen und aus den inneren Ver­hältnissen der Metropole neu zu begin­nen, praktisch von vorne. Die Guerilla wäre von da aus nicht mehr die gleiche gewesen, nicht mehr der weite Sprung nach vorne, dessen Basis nachgezogen wird, sondern Arbeit an einer sicheren Grundlage, die die zentralen Vorstöße auf die Macht, gerade auch aus der in­ternationalistischen Bestimmung des Kampfes, trägt. Die reale Politik der RAF in den Jahren danach lag dazwischen.&lt;br /&gt; Die Praxis blieb strategisch, die innere Verankerung war auch als Ziel benannt. Aber mehr in dem Sinne, daß sie von alleine kommt. Von uns kam dazu nur die subjektive Seite der Politik: Kollekti­vität und Selbstbestimmung. Aber was ist ihr für die Gesellschaft politisch relevan­ter Inhalt? Die „strategische Orientierung&quot; der Praxis - die Anschläge auf Haig, Ramstein und Kroesen in den ersten Jah­ren - blieb das einzige. In der gesell­schaftlichen Allgemeinheit blieb die Gue­rilla damit abstrakt, irgendwo im äußeren Rahmen des Systems sich bewegend, fremd, die Guerilla sich damit auch sel­ber. Sie hat sich nicht von dort ange­nommen, wo sie war und hatte deshalb auch Schwierigkeiten, andere als das anzunehmen, was sie sind. Im Knast und außerhalb. Die erste Reaktion auf die Kritik an der Pimental-Erschießung, eine völlig verdinglichte Aktion, war eine Definition der Kritiker als begriffslos und der Selbstbezug auf eine abstrakte Moral. Die Guerilla steckte immer noch in der Schwierigkeit, gegen eine gewiß wider­sprüchliche, destotrotz in ihren politi­schen und moralischen Haltungen nicht einfach abzutuende, linke Verbindlich­keit zu entwickeln. Daß sie von dort nicht zurückkommt, ist ein anderes Pro­blem. Aber einer muß den Anfang machen. Gute Dialektik bedeutet, das Richtige im Falschen zu suchen, und natürlich ist eine Kritik an der Guerilla nicht erst dann legitim, wenn sie von Leuten kommt, die sie grundsätzlich für richtig und auch als Perspektive für sich selber sehen. Aber das Verhältnis der Guerilla nach außen war hier immer noch das alte: Aus der Erfahrung, daß sich hinter der Einzelkritik oft nur der Versuch verbarg, die ganze revolutio­näre Konzeption abzuräumen, ist auf Kri­tik erstmal abblockend reagiert worden, zumal man selber in diesem Kampf immer auch alles eingesetzt hat und immer wieder neu eine sehr hohe An­strengung mobilisieren mußte. Das ist in den Kritiken oft auch oberflächlich über­gangen worden. Die Abstumpfung und Gleichgültigkeit der Linken gegenüber den Illegalen und den Gefangenen war mitunter frappierend. Aus einem relativ kleinen Aufbruch haben wir allein 21 Tote aus unseren Reihen in der BRD. Vier weitere von hier sind bei Aktionen im Zusammenhang mit den Palästinen­sern erschossen worden oder ums Leben gekommen. Ein paar hundert Jahre Knast sind hier aus dem Bereich Guerilla und Widerstand bereits abgesessen worden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...)&lt;br /&gt; Eine andere Linke haben wir nicht. Hier ist auch das Problem der Anti-Imps an­zusiedeln. Ihr Apologetentum ist nicht zuletzt auch Folge eines falschen Verhältnisses von uns zu ihnen. Ein sich Einlassen auf uns konnte ihnen aus ihrer Politisierung heraus nicht einfach sein. An der Politik der RAF maßen sie sich, ohne sich in ihr subjektiv aufgehoben zu fin­den. Aus den Widersprüchen zu 77 rea­gierten sie mit Tabuisierung oder Apolo­gie, also falsch für ihre eigene Emanzipation und in einer entfremdeten Solidarität. In einer Politik, die sie nicht waren und in der ihre eigene Befreiung immer wieder auf die Schnauze fiel, eine Kette aufgesetzter Ansprüche und unter­drückter Widersprüche, wurde ihnen alles zur Ideologie, wie immer, wenn der Glaube zerfällt, tritt die Religion an seine Stelle, sie produzierten Ideologie. In dem Widerspruch zwischen der Gue­rilla, die ihre eigene Emanzipation oft individuell handhabte und von deren Wiedererkennbarkeit sie deshalb abge­trennt waren, und nicht-revolutionären Linken, gegen die sie sich aus ihrem unsicheren politischen Selbstbewußtsein nur abgrenzen konnte, zerfiel das Bedürfnis nach einer grundsätzlichen politischen Strategie und jenem, in ihr zugleich „echt&quot; zu sein, wahr vor sich selber, in zwei voneinander abgetrennte Teile. Sie haben in sich die innere Spal­tung von privat und gesellschaftlich, Bedürfnis und Politik hingenommen und die eigene Veränderung hinten ange­stellt. Das hätte schon längst zum Pro­blem gemacht werden müssen, da dar­aus nicht politisch Produktives entstehen kann. Aber wir haben uns ja selber oft auf die Auseinandersetzung mit den Systemstrategien reduziert. Als sei die Emanzipation aus einem falschen Leben als erfahrener Prozeß und inhaltlich gefunden bereits gegeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Frontpapier im Mai 82 erklärte die neu aufgebrochenen Bewegungen in der Gesellschaft, die mit den Zusammen­stößen während der Rekrutengelöbnisse 1980 ihren ersten wichtigen Ausdruck fanden, zum gegen den Staat umge­schlagenen politischen Prozeß aus der Dialektik der 77er Konfrontation. Das ist nur eine theoretisch ableitbare Bestim­mung. In diesen Bewegungen war die 77er Niederlage nicht aufgehoben, son­dern abgetrennt als für die eigene Politi­sierung nicht handhabbar. Ebensowenig, wie wir zu Beginn unserer eigenen Politisierung eine sie fortsetzende Verbindung zur 68er-Bewegung suchten - sie war bereits zu weit weg und wir konnten deren Politisierungsprozesse nicht „nach­lernen&quot;, wollten aber auch nicht in fal­schen Ansprüchen versinken - und uns auf uns besannen, konnte die 80er Bewegung mit der im Herbst 77 eskalierten Auf­bruchsgeschichte der Guerilla sich verknüpfen. Das lag an der fehlenden Wie­dererkennbarkeit bei uns. Sie begannen einfach neu mit einer Politik, in der sie die eigenen Aufbruchsbedürfnisse gegen die Lebensverhältnisse hier mit der eigenen Politisierung wieder in relativem Einklang standen. Das war sehr ähnlich zu unserer eigenen Aufbruchsgeschichte, verändert war das gesellschaftliche Umfeld, in dem sie nicht mehr wie wir isoliert waren. Diese Bewegungen waren nicht die Folge einer sich vermittelnden Befreiung aus der Guerilla-Politik, sie entwickelten sich par­allel zu ihr. Sie verhielten sich zwar solida­risch zu uns, wie es im Hungerstreik 81 sehr deutlich wurde, sprangen aber nicht über, behielten vielmehr ihre eigene Politi­sierung als den Ort, von dem sie sich nur bewegen wollten. Und sie konnten auch nicht „überspringen&quot;: wir waren selber in den Bedingungen der Metropole, also auch bei ihnen, noch nicht angekommen. Das nach außen sich vermittelnde Verhält­nis zu ihnen - die Unterscheidung ist wich­tig, weil im direkten Kontakt vieles immer anders war; aber das spricht nur davon, wie oft grundsätzliches bei uns irgendwie „privat&quot; geblieben ist, von der Politik abge­spalten - war so bestimmt, daß sie sich zur Politik der Guerilla hin verändern müssen. Das „Zusammen Kämpfen&quot; bestimmte in der Realität einen schematischen Zusam­menhang verschiedener Konfrontationse­benen, der unter der Hand zum Hierarchi­schen wurde: so verstanden sich die Anti-Imps z.B. als eine Zwischenebene mit der Aufgabe, die Politik der Guerilla weiter nach „unten&quot;, in die Gesellschaft zu ver­mitteln. Eine absurde Situation. Sie wurden darin zur Destruktion. Die Politik der Gue­rilla als ihnen fremdes Gut wurde darin zur Ware, deren „Anbringen&quot; bei anderen zum Konkurrenzkampf wurde. Das führte schließlich dazu, daß die Anti-Imps ihre beanspruchte Kompetenz über besonders radikale Positionen zu behaupten versuch­ten. Ein Wettkampf der Phrasen. Er lebt nur von der Unterscheidung zu anderen. Nicht unähnlich jener Zeit der K-Gruppen, als sie sich untereinander noch als „Arbei­terverräter&quot; beschimpften und die Kompe­tenz für die allergenaueste ML-Auslegung jeweils bei sich beanspruchten. Mit Befreiung hat das nichts zu tun. Es war aber auch dumm von uns: Von unserer eigenen „Alltäglichkeit&quot; haben wir nichts vermittelt. Von uns waren nur die Aktionen sichtbar, also ein politisches Konzentrat. Das Ergeb­nis ist eine Mystifizierung der Guerilla, also ein fernes Gegenbild, dem Einzelnen aus dem Wissen seiner vielen eigenen Unzulänglichkeiten scheinbar unerreich­bar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Aus Hans Magnus Enzensbergers „Der Untergang der Titanic.&quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;raubt, was man euch geraubt hat,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nehmt endlich, was euch gehört, rief er,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;frierend, die Jacke war ihm zu klein,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sein haar züngelte unter den kränen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;er rief ich bin einer von euch,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;worauf wartet ihr noch? jetzt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ist es zeit, reißt die barrieren ein,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;schmeißt das geschmeiß ins wasser&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mitsamt seinen koffern, hunden, lakeien&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;die frauen auch und sogar die kinder,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mit gewalt, mit messern mit bloßenhänden! &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und er zeigte ihnen das messer&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und er zeigte ihnen die bloße hand&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;aber die leute vom zwischendeck,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;auswanderer waren es, standen da&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;in der dunkelheit, nahmen ruhig&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ihre mützen ab und hörten ihm zu.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;wann wollt ihr endlich rache nehmen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;wenn ihr euch jetzt nicht rührt?&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;oder könnt ihr kein blut sehn,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;außer dem eurer kinder, und eurem eigenen? &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und er zerkratzte sich das gesicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und zerschnitt sich die hände&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;und er zeigte ihnen sein blut.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;aber die leute vom zwischendeck&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;hörten ihm zu und schwiegen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nicht, weil er kein litauisch sprach&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(er sprach kein litauisch)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nicht weil sie betrunken gewesen wären&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(ihre altertümlichen Flaschen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;eingewickelt in grobe tücher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;waren schon lange leergetrunken&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;nicht weil sie kein hunger hatten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(hunger hatten sie auch):&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;das alles war es nicht. es war&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; nicht so leicht zu erklären.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie verstanden wohl, was er sagte,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- aber sie verstanden ihn nicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;seine worte waren nicht ihre worte&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie waren von anderen ängsten zerfressen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;als er, und von anderen hoffnungen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie standen geduldig da&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;mit ihren felleisen, ihren rosenkränzen,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ihren rachitischen kindern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;an den barrieren, sie machten platz,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sie hörten ihm zu, respektvoll,&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und warteten, bis sie ertrunken waren.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/mitten-im-nebel&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/3/mitten-im-nebel&quot; dc:title=&quot;...mitten im Nebel&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/570&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/570  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/3/mitten-im-nebel#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/bewaffneter-kampf">Bewaffneter Kampf</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/geschichte">Geschichte</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/militanz">Militanz</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/raf">RAF</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Thu, 02 Dec 2010 11:33:08 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">570 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Im Rückblick tauchen Indizien auf</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/im-rueckblick-tauchen-indizien-auf</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Auf den folgenden Seiten haben wir versucht, Hintergründe zum Fall Bad Kleinen zusammenzutragen. Wesentlich erschien uns vor allem herauszuarbeiten, warum sich ein V-Mann über ein Jahrzehnt in linksradikalen Strukturen halten konnte, ohne daß dies auf-fiel. Diese Fragen haben wir nicht gestellt, um uns voyeuristisch zu entsetzen oder Anklagen gegen vermeintliche „Verantwortliche&quot; zu erheben. Es ging uns vielmehr darum, zu begreifen, wie Klaus Steinmetz seine Spitzeltätigkeit ausübte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit dem §129a kann heute so gut wie jede politische Aktivität illegalisiert werden. Jede noch so friedliche Antifa-Gruppe, die in Auseinandersetzungen mit FaschistInnen verwickelt wird, muß sich mit Repression auseinandersetzen. Bei der Betrachtung der Details läßt sich fragen, ob sich das gleiche im eigenen Umfeld wiederholen könnte. Dabei nützt es nichts Hysterie, zu verbreiten und sich vom Mißtrauen packen zu lassen. Birgit Hogefeld hat recht, wenn sie in ihrem Brief schreibt, daß eine größere Offenheit für neue Menschen immer Gefahren in sich birgt, aber daß diese Offenheit unverzichtbar für jede linke Politik ist. Um in diesem Sinne eine nach vorne weisende Diskussion über die V-Mann Affaire zu ermöglichen, haben wir im Rhein-Main-Gebiet mit P. (langjährige Bekanntschaft von Klaus) geredet. Dies vor allem, weil nach fast 2 Monaten immer noch keine Einzelheiten bekannt sind, außer denen, die in den Massenmedien —zum Teil verfälscht— veröffentlicht wurden. Außer-dem dokumentieren wir noch einmal den 2.Brief von Birgit Hogefeld, in dem sie Klaus Steinmetz als Spitzel entlarvte. Verzichtet haben wir darauf, das Wiesbadener Flugblatt abzudrucken, wo der Briefwechsel zwischen Klaus und FreundInnen nach Bad Kleinen wiedergegeben wurde. Wir glauben, daß der Inhalt inzwischen weitgehend bekannt sein dürfte.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Auf den folgenden Seiten haben wir versucht, Hintergründe zum Fall Bad Kleinen zusammenzutragen. Wesentlich erschien uns vor allem herauszuarbeiten, warum sich ein V-Mann über ein Jahrzehnt in linksradikalen Strukturen halten konnte, ohne daß dies auf-fiel. Diese Fragen haben wir nicht gestellt, um uns voyeuristisch zu entsetzen oder Anklagen gegen vermeintliche „Verantwortliche&quot; zu erheben. Es ging uns vielmehr darum, zu begreifen, wie Klaus Steinmetz seine Spitzeltätigkeit ausübte.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Mit dem §129a kann heute so gut wie jede politische Aktivität illegalisiert werden. Jede noch so friedliche Antifa-Gruppe, die in Auseinandersetzungen mit FaschistInnen verwickelt wird, muß sich mit Repression auseinandersetzen. Bei der Betrachtung der Details läßt sich fragen, ob sich das gleiche im eigenen Umfeld wiederholen könnte. Dabei nützt es nichts Hysterie, zu verbreiten und sich vom Mißtrauen packen zu lassen. Birgit Hogefeld hat recht, wenn sie in ihrem Brief schreibt, daß eine größere Offenheit für neue Menschen immer Gefahren in sich birgt, aber daß diese Offenheit unverzichtbar für jede linke Politik ist. Um in diesem Sinne eine nach vorne weisende Diskussion über die V-Mann Affaire zu ermöglichen, haben wir im Rhein-Main-Gebiet mit P. (langjährige Bekanntschaft von Klaus) geredet. Dies vor allem, weil nach fast 2 Monaten immer noch keine Einzelheiten bekannt sind, außer denen, die in den Massenmedien —zum Teil verfälscht— veröffentlicht wurden. Außer-dem dokumentieren wir noch einmal den 2.Brief von Birgit Hogefeld, in dem sie Klaus Steinmetz als Spitzel entlarvte. Verzichtet haben wir darauf, das Wiesbadener Flugblatt abzudrucken, wo der Briefwechsel zwischen Klaus und FreundInnen nach Bad Kleinen wiedergegeben wurde. Wir glauben, daß der Inhalt inzwischen weitgehend bekannt sein dürfte.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;P. kannte Klaus Steinmetz länger. Wir führten mit P. dieses Interview in der Absicht, den Spitzelfall transparenter zu machen.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Redaktion Arranca&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; „Nachher ist man immer schlauer&quot;: Wenn man jetzt im Nachhinein feststellt, wie man Klaus Steinmetz hätte enttarnen können, dann ist das eine ziemlich bequeme Per­spektive. Ich glaube, daß man eigentlich über jeden Menschen einiges sagen könnte, das ihn verdächtig macht. Im Rückblick tau­chen Indizien auf, die vor­her keine waren. Glaubst du, daß es im Fall Klaus Steinmetz wirklich Indi­zien gab, über die man schon damals hätte stut­zen können?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Ich denke, daß es da tatsächlich ein paar Charakteristika gab. Der Klaus Steinmetz war ein Typ, der Konflikten immer aus dem Weg gegangen ist. Man hätte da genaue zwi­schenmenschliche und inhaltliche Auseinander­setzungen führen müssen, man hätte ihm den Frei­raum nicht lassen dürfen, mit seiner Lüge zu leben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Ein gängiges Phäno­men, daß Konflikten aus dem Weg gegangen wird und Auseinandersetzun­gen überhaupt nicht mehr geführt werden.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Das schlimme daran war, daß es nicht irgend­welche zusammengewür­felten Strukturen waren, die ihm diesen Spielraum gegeben haben. Das waren Leute. die sehr lange etwas machen. Dadurch, daß es dort verpaßt wurde, ihn zu Aus­einandersetzungen zu zwingen, konnte so jemand wie Klaus beste­hen. Er war gewisser­maßen für die Bullen der Idealfall von Spitzel. Durch seine auswei­chende Art, konnte er auch seiner Lüge auswei­chen. Mit dem inneren Konflikt, V-Mann zu sein, hat er sich so wenig auseinandergesetzt wie mit sei­nen anderen Konflikten. Das war ja keine Verstellung, es war ja tatsächlich seine eigene Art, mit der er in der Szene lebte. Nur wer in der Lage ist, so auszuweichen und zu verdrängen wie Klaus Steinmetz, konnte diese Auf­gabe übernehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Was gab es da noch an Indizien, hat nicht Klaus Steinmetz selbst einmal erzählt, er sei vorn Verfas­sungsschutz angesprochen worden...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Der Fall war ein bißchen anders. Klaus Steinmetz hat bei einem Treffen 1985 zum Thema Ansprechversuche vorn Verfassungsschutz geäußert, daß er sich zum Schein anwerben lassen würde. Diese Information gelangte aber nicht an die Leute, mit denen er später zusammenarbeitete. Das waren andere Zusammen­hänge, mit denen es damals keinen Kontakt gab und die heute auch gar nicht mehr bestehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Waren das damit Deiner Ansicht nach Strukturpro- Herne? Die Szene ist unkontinuierlich organisiert, eine Informationsweitergabe ist meistens zufällig...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Ja, wahrscheinlich. Aber die andere Seite ist, daß diese Sachen zum Teil 10 Jahre zurücklagen. Es gab einen Fall 1983, noch aus seiner Zeit in Kaiserslautern, als vier Leute wegen dem §129a zu zwei Jahren Haft verurteilt wurden. Klaus Steinmetz war der einzige, der darauf bestand, ohne Anwalt zur Verhörung zu gehen. Wie Leute berichten, die ihn dort begleiteten, blieb er über Stunden heim Staatsanwalt. Es war also klar, daß er Aussa­gen gemacht hatte, aber was, ließ sich nicht herauskriegen. Zumindest dieser Fall hätte von Kaiserslautern in die Strukturen nach Wiesbaden getragen werden müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Wann wurde das bekannt? &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Erst jetzt, im Zusammen­hang mit den Recherchen, die nur im Nachhinein angestellt wurden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Andererseits kann es die berechtigte Befürchtung geben, daß man zu viel Mißtrauen schürt, wenn man solche Informationen in andere Städte getragen wer­den. Das kommt einem Ruf­mord gleich...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Ich finde es trotzdem ver­wunderlich, wenn darüber kein Wort verloren wurde. Zudem gab es 1983 noch einen anderen Fall in Kaiserslautern. In einer Asta-Gruppe an der Univer­sität erklärte Klaus Stein­metz, daß er eine Verfassungsschutz- Wohnung kenne, und daß man diese ausspionieren solle. Er schlug vor, die Leute zu fotografieren, die dort ein und aus gingen. Die Gruppe lehnte das ab und Klaus versuchte es im Alleingang. Dabei wurde er erwischt, aber der VS ver­langte nach Klaus Aussage nichts weiteres, als ihm den Film abzunehmen. Damit sei der Fall für ihn erledigt gewe­sen. Zumindest ist es ein Hin­weis, daß er direkt mit dem VS zu tun hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Trotzdem ist es überhaupt nicht möglich, zu sagen, zu welchem Zeitpunkt Klaus Steinmetz ein Spitzel wurde. &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Nein, für uns nicht. Aber wir denken, daß es auch eine allmähliche Verwicklung gegeben haben kann. Daß er zunächst wirklich glaubte, er könne den VS an der Leine führen, und mit der Zeit immer stärker vom VS unter Druck gesetzt wurde. Der Zeitpunkt jedoch ist reine Spekulation. Wir können Leute von damals fragen, aber was denen einfällt, sind dann auch immer nur Geschichten, die —wie Ihr schon gesagt habt— im Nachhinein auffälli­ger wirken, als im Augen­blick, in dem sie geschehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Frage: Warum könnte er zum V- Mann geworden sein?&lt;br /&gt; Antwort: Zum Teil war er ja wirklich ein Zocker, wie es aufreißerisch im Spiegel hieß. Allen war klar, daß er den Nerven­kitzel gesucht hat. Vielleicht hat er sich aus Abenteuerlust darauf eingelassen, und wurde dann vorn VS immer enger rangenommen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Geld war anscheinend kein Motiv. 1987 wurde Steinmetz hei einem Bruch verhaftet und kam ins Gefängnis. Er mußte davon abhängig gewe­sen sein, sich auf anderem Wege Geld zu besorgen.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Er hatte die ganze Zeit Geld gehabt, aber nie über­mäßig viel, er jobbte die ganze Zeit. Ah und zu machte er „Schnäppchen&quot;, um die er beneidet wurde. Es gab in dieser Hinsicht nichts Auffälliges. Geld kann es nicht gewesen sein. Wahrscheinlich war der Bruch ein Mittel, um ihn stär­ker ranzunehmen. Klaus Steinmetz wurde erwischt und kam ziemlich schnell wieder heraus.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;In den ersten beiden Instanzen wurde er zu 18 bzw. 15 Monaten ohne Bewährung verurteilt, in der dritten schließlich kam er auf Bewährung raus...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Ja genau. Das ist ein Anzeichen dafür, daß es einen Deal gab. Das Gericht ließ ihn laufen und Klaus Steinmetz kollaborierte im Gegenzug dafür enger mit dem Verfassungsschutz.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Aber es muß doch noch ein härteres Druckmittel gegeben haben. Wer verrät wegen eineinhalb Jahren Gefängnis seine FreundInnen? &lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Zumal es keine eineinhalb Jahr geworden wären. Im Normalfall wäre er nach einem Jahr draußen gewesen. Ich kann mir auch nicht den­ken, daß es das gewesen ist. Ich glaube auch nicht, daß seine einzige Motivation für alle seine politischen Aktivitä­ten die V-Mann-Tätigkeit war. Es ist unklar, was er aus Spit­zelinteresse gemacht hat und was weil es ihn wirklich inter­essierte.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Du hast gesagt, daß es relativ kennzeichnend für ihn war, von einer Sache zur nächsten zu springen.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;In festen politischen Gruppen hat er eigentlich nur Sta­tistenrollen gespielt. Er war da kein aktiver Teil, der Initiative übernommen hätte oder inhaltlich etwas voran­gebracht hätte. Ansonsten hat er politisch sehr unkontinu­ierlich gearbeitet.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Und woher kam dann das Vertrauen, das ihm entgegen­gebracht wurde? Nur weil er lange dabei war?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Ja, und aus zwi­schenmenschlichen Entwick­lungen. Viele Leute haben ihn gemocht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; In Wiesbaden wurde rela­tiv lange bei der Behauptung gezögert, Klaus Steinmetz sei ein Spitzel. Die Version tauchte in den Medien bereits ein oder zwei Tage nach Bad Kleinen auf, in Wiesbaden gab es dagegen noch am 15.7., also 2 Wochen später, einen Brief von FreundInnen, die ihren Zweifel in beide Richtungen ausdrückten. Das fand ich nicht schlecht, daß so lange versucht wurde, Türen offenzuhalten, nicht gleich zu sagen, „egal ob du vorher oder nachher kollabo­riert hast, du bist ein Verrä­ter&quot;. Ab wann war es dann eigentlich auch in Wiesbaden klar, daß Steinmetz V-Mann ist?&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Das war der Moment, wo Birgit Hogefeld aus dem Knast durchblicken ließ, daß Klaus Steinmetz gefesselt auf dem Boden gelegen hatte. Seine eigene Version war in mehreren Briefen, daß sie ihn nicht erwischt hatten und daß er im Chaos verschwinden konnte. Das klang schon ziemlich wenig glaubwürdig, aber als sich seine Version endgültig als Lüge entpuppte, war die Sache klar.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Nach der Veröffentlichung aus Wiesbaden gab es nach Bad Kleinen ein Treffen einer Person mit Klaus Steinmetz. Der Eindruck dort war, daß er völlig fertig ist. Klaus Stein­metz hatte keine doppelte Identität, keine zweite Lebensgeschichte wie einge­schleuste V-Leute der Polizei. Er war ein Mensch aus der Szene, der seine Freundschaf­ten, seine Beziehungen, alle seine sozialen Kontakte dort hatte. D.h. er steht jetzt völlig allein da...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;So weit man ihm glauben darf, was er selbst in Telefon­gesprächen, in Briefen oder eben auf dem Treffen gesagt hat, scheint es keine Show zu sein. Bei uns gibt es unter­schiedliche Einschätzungen darüber, aber ich glaube, daß er die Realität noch nicht fas­sen kann, daß er selbst nicht begreift, was er gemacht hat. Diese Sachen waren ihm vor­her wahrscheinlich nicht klar. Erst jetzt merkt er die Dimen­sionen der Geschichte, erst jetzt stellt er fest, daß er von seinem Lebenszusammen­hang abgeschnitten ist.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Klaus Steinmetz ist völlig in den Händen des Verfassungs­schutzes. Klar ist, daß die Bundesanwaltschaft versu­chen wird, ihn in dieser Situa­tion als Kronzeugen zu stra­pazieren...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Was in der Presse schon angedeutet wird, ist die Frage, über wen der V-Mann an die RAF herangeführt wurde Es ist davon auszuge­hen, daß Konstruktionen, in denen von einer &quot;legalen RAF&quot; ausgegangen wird, —also von Leuten, die laut Bundesanwaltschaft zur RAF gehören, aber eben legal leben—, jetzt mit Aussagen von Klaus Steinmetz belegt werden sollen. Die Repres­sion wird sich also vor allem gegen diejenigen richten, von denen Klaus Steinmetz bzw. die Bundesanwaltschaft behauptet, sie seien sein Kon­takt zur RAF gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage: &lt;/strong&gt;Wie ist eigentlich die Stim­mung seit Bad Kleinen? Für viele war Klaus Steinmetz immerhin ein langjähriger Freund. Du hast auch erzählt, daß ihm manche Leute wirklich nah waren.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Das sind schon persönli­che Katastrophen, die sich jetzt ereignen. Es gibt bei vie­len das Gefühl, mißbraucht worden zu sein, daß ihnen ein Stück ihres Lebens geklaut worden ist. Vor allen für diejenigen, die eine Bezie­hung mit ihm hatten, ist es natürlich ein Hammer.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; In der ersten Aufarbeitung aus Wiesbaden heißt es, es sei ein Fehler gewesen, Klaus Steinmetz auch nach Bad Kleinen in einem Brief noch einmal die Hand auszu­strecken. (Ich fand das eigentlich sehr verantwor­tungsvoll).&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Es war sicherlich richtig, den Medien nicht alles zu glauben und zu versuchen, einen kühlen Kopf zu bewah­ren. Aber spätestens seitdem bekannt wurde, daß er in der Unterführung gefesselt am Boden gelegen hatte, mußte alles klar sein. In Wiesbaden dagegen haben viele die Vor­stellung, Klaus Steinmetz sei ein Spitzel, nicht wahr haben wollen. Sie haben immer wie­der nach Argumenten gesucht, um das widerlegen zu können. Das hatte sicher­lich mit dem zu tun, was wir gerade gesagt haben, daß er nämlich zahlreiche Freund­schaften hatte. Aber jetzt, ist klar, daß es viele zu lange nicht wahrhaben wollten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Warum gab es sonst keine Stellungnahmen aus Wiesba­den? Über mehrere Wochen war außer diesem Brief nichts zu hören...&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort:&lt;/strong&gt; Es gab keine gesicherten Informationen, sondern Ver­unsicherung und natürlich die Absicht, vorsichtig mit Vor­würfen umzugehen. In dieser Situation, voller Zweifel und Spekulationen, kamen immer wieder Anrufe oder Briefe von Steinmetz, die zusätzlich verwirrten. Es ist auffällig, daß sich Steinmetz immer wieder, wenn die Stimmung in Wiesbaden besonders stark von Zweifeln bestimmt war, meldete. Es scheint der Ver­fassungsschutz hatte die Dis­kussionen mitverfolgt. Seine Briefe und Anrufe wurden genau so plaziert, um die Verwirrung zu vergrößern.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Frage:&lt;/strong&gt; Gab es bei der Öffentlich­keitsarbeit nicht noch andere, gröbere Fehler? Es wurde z.B. versäumt, nach der endgülti­gen Enttarnung von Steinmetz seine Aktivitäten offenzule­gen. Immerhin beging der vom Verfassungsschutz gedeckte V-Mann selbst Straftaten und forderte auch immer wieder Bekannte zu solchen auf. Der Einbruch 1987 ist ja nicht das einzige, was Klaus Steinmetz gemacht hat bzw. machen wollte. Diese Tatsache, daß im SPD- regierten Rheinland-Pfalz V- Leute als agents provocateurs eingesetzt werden, hätte man stärker thematisieren müssen. Immerhin ist das nach wie vor illegal. Kurzum —die Öffentlichkeitsarbeit hätte offensiver sein können.&lt;br /&gt; &lt;strong&gt;Antwort: &lt;/strong&gt;Es hätte die Möglichkeit gegeben, die schmutzige Arbeit des Verfassungsschutzes stärker zum Thema zu machen. Ich sehe das auch so. Z.B. gab es Mitte der 80er eine Durchsuchung wegen der Zerstörung des „Institut francais&quot;, im Zusammenhang mit dem Hungerstreik der Action Directe in Frankreich. Bei der Durchsuchung wurde zwischen Helmen usw. auch ein Bußgeldschein gegen Klaus Steinmetz gefunden. Trotzdem wurde nicht weiter ermittelt. D.h. der Verfas­sungsschutz deckte und ani­mierte die Straftaten von Steinmetz.&lt;br /&gt; Es gab sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie jetzt in der Öffentlichkeit vor­zugehen sei. Für mich ist das auch nicht verständlich, warum nicht stärker in die Offensive gegangen wurde.&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/im-rueckblick-tauchen-indizien-auf&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/im-rueckblick-tauchen-indizien-auf&quot; dc:title=&quot;Im Rückblick tauchen Indizien auf&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/567&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/567  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/2/im-rueckblick-tauchen-indizien-auf#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/bewaffneter-kampf">Bewaffneter Kampf</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/klaus-steinmetz">Klaus Steinmetz</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/raf">RAF</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/repression">Repression</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Tue, 30 Nov 2010 10:40:39 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">567 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Zur Enttarnung von Klaus Steinmetz</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/zur-enttarnung-von-klaus-steinmetz</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Auf den folgenden Seiten haben wir versucht, Hintergründe zum Fall Bad Kleinen zusammenzutragen. Wesent­lich erschien uns vor allem herauszuar­beiten, warum sich ein V-Mann über ein Jahrzehnt in linksradikalen Struktu­ren halten konnte, ohne daß dies auf­fiel. Diese Fragen haben wir nicht gestellt, um uns voyeuristisch zu entset­zen oder Anklagen gegen vermeintli­che „Verantwortliche&quot; zu erheben. Es ging uns vielmehr darum, zu begrei­fen, wie Klaus Steinmetz seine Spitzeltätigkeit ausübte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit dem §129a kann heute so gut wie jede politische Aktivität illegalisiert werden. Jede noch so friedliche Antifa-Gruppe, die in Auseinanderset­zungen mit FaschistInnen verwickelt wird, muß sich mit Repression ausein­andersetzen. Bei der Betrachtung der Details läßt sich fragen, ob sich das gleiche im eigenen Umfeld wiederho­len könnte. Dabei nützt es nichts Hysterie, zu verbreiten und sich vom Mißtrauen packen zu lassen. Birgit Hogefeld hat recht, wenn sie in ihrem Brief schreibt, daß eine größere Offen­heit für neue Menschen immer Gefah­ren in sich birgt, aber daß diese Offenheit unverzichtbar für jede linke Politik ist. Um in diesem Sinne eine nach vorne weisende Diskussion über die V-Mann Affaire zu ermöglichen, haben wir im Rhein-Main-Gebiet mit P. (langjährige Bekanntschaft von Klaus) geredet. Dies vor allem, weil nach fast 2 Monaten immer noch keine Einzel­heiten bekannt sind, außer denen, die in den Massenmedien —zum Teil ver­fälscht— veröffentlicht wurden. Außer­dem dokumentieren wir noch einmal den 2.Brief von Birgit Hogefeld, in dem sie Klaus Steinmetz als Spitzel entlarvte. Verzichtet haben wir darauf, das Wiesbadener Flugblatt abzu­drucken, wo der Briefwechsel zwi­schen Klaus und Freundinnen nach Bad Kleinen wiedergegeben wurde. Wir glauben, daß der Inhalt inzwi­schen weitgehend bekannt sein dürfte.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Auf den folgenden Seiten haben wir versucht, Hintergründe zum Fall Bad Kleinen zusammenzutragen. Wesent­lich erschien uns vor allem herauszuar­beiten, warum sich ein V-Mann über ein Jahrzehnt in linksradikalen Struktu­ren halten konnte, ohne daß dies auf­fiel. Diese Fragen haben wir nicht gestellt, um uns voyeuristisch zu entset­zen oder Anklagen gegen vermeintli­che „Verantwortliche&quot; zu erheben. Es ging uns vielmehr darum, zu begrei­fen, wie Klaus Steinmetz seine Spitzeltätigkeit ausübte.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Mit dem §129a kann heute so gut wie jede politische Aktivität illegalisiert werden. Jede noch so friedliche Antifa-Gruppe, die in Auseinanderset­zungen mit FaschistInnen verwickelt wird, muß sich mit Repression ausein­andersetzen. Bei der Betrachtung der Details läßt sich fragen, ob sich das gleiche im eigenen Umfeld wiederho­len könnte. Dabei nützt es nichts Hysterie, zu verbreiten und sich vom Mißtrauen packen zu lassen. Birgit Hogefeld hat recht, wenn sie in ihrem Brief schreibt, daß eine größere Offen­heit für neue Menschen immer Gefah­ren in sich birgt, aber daß diese Offenheit unverzichtbar für jede linke Politik ist. Um in diesem Sinne eine nach vorne weisende Diskussion über die V-Mann Affaire zu ermöglichen, haben wir im Rhein-Main-Gebiet mit P. (langjährige Bekanntschaft von Klaus) geredet. Dies vor allem, weil nach fast 2 Monaten immer noch keine Einzel­heiten bekannt sind, außer denen, die in den Massenmedien —zum Teil ver­fälscht— veröffentlicht wurden. Außer­dem dokumentieren wir noch einmal den 2.Brief von Birgit Hogefeld, in dem sie Klaus Steinmetz als Spitzel entlarvte. Verzichtet haben wir darauf, das Wiesbadener Flugblatt abzu­drucken, wo der Briefwechsel zwi­schen Klaus und Freundinnen nach Bad Kleinen wiedergegeben wurde. Wir glauben, daß der Inhalt inzwi­schen weitgehend bekannt sein dürfte.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Redaktion Arranca&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Klaus Steinmetz ist ein Polizeispitzel, er hat die Geheimdienste auf  unsere Spur gebracht und damit den Einsatz dieser Killertruppe in Bad  Kleinen möglich gemacht. Ohne seine Spitzeldienste würde Wolfgang heute  noch leben und wir wären beide in Freiheit.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Mit der Entscheidung der RAF, der Gefangenen und  Teilen der revolutionären Widerstandsbewegung Ende der 80er Jahre für  eine politische Öffnung zu allen fortschrittlichen Tei­len der  Gesellschaft hin war eine Gefahr verbun­den, die uns allen bewußt war.  Ich kann mich an viele Gespräche in unter­schiedlichsten Zusammen­hängen  erinnern, wo wir darüber geredet haben, daß der angepeilte Neuaufbau  einer breiten Bewegung für die Umwäl­zung der menschenfeind­lichen  Lebensbedingun­gen hier und weltweit, der Gegenseite ganz neue  Möglichkeiten für den Einsatz von V-Leuten oder sonstigen Spitzeln  bietet und natürlich, du kannst nicht einerseits sagen, daß du offen auf  die verschie­densten Menschen und Gruppen zugehen willst, um  rauszufinden, was zusammen möglich ist für den Aufbau einer &quot;Gegenmacht  von unten&quot;, und gleichzeitig jedem Men­schen, den du neu ken­nenlernst,  zuallererst mit Mißtrauen begegnen. Trotzdem war in diesen Gesprächen  das Ergebnis immer dasselbe, nämlich daß es bei menschlicher Nähe,  Intensität und Genauigkeit in Beziehun­gen unter denen, die sich für  diesen Kampf zusam­menfinden, möglich sein muß, sich gegenseitig so gut  kennenzulernen und andere in ihrer ganzen Komplexität, also auch in  ihrer Widersprüchlichkeit zu verstehen, daß man der oder dem anderen mit  absoluter Sicherheit ver­trauen kann.&lt;br /&gt; Und trotz der wirklich  bitteren Erfahrung mit Klaus Steinmetz, die zu Wolfgangs Ermordung und  meiner Verhaftung geführt hat, bin ich auch in den letzten Wochen davon  nicht abgekom­men: Vertrauen zwischen Menschen ist möglich. Es kann  überall da wachsen, wo Menschen das für ihr gemeinsames Leben wollen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Was ist bei der Verbin­dung zu uns in der Illegalität  mit Klaus Steinmetz falsch gelaufen, wo liegen die Ungenauigkeiten und  Fehler, die zu der schlim­men Fehleinschätzung über ihn geführt haben?  Die Voraussetzung, nach der der Kontakt mit Klaus Steinmetz zustande  kam, war, daß GenossInnen (denen ich mich auch heute verbunden fühle)  für ihn &quot;die Hand ins Feuer legen&quot; wollten, sie fühlten sich also  sicher, ihm vertrauen zu können. An diese GenossInnen habe ich jetzt  natürlich viele Fragen, die meisten davon werden sie sich sicher selbst  stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ich hatte mich am Don­nerstag (24.6.) nachmit­tags mit  Klaus Steinmetz in Bad Kleinen getroffen, danach sind wir zusam­men nach  Wismar gefah­ren, um uns um eine Übernachtungsmöglichkeit zu kümmern.  In den Medien kam: ich hätte in den Tagen davor öfter mit Klaus  Steinmetz telefoniert und ihn auch zu Hause angerufen, um mit ihm über  Weiterstadt zu reden - das ist alles erfundener Unsinn. Wir hatten uns  im April mit Klaus Steinmetz getroffen und damals das Treffen in Bad  Kleinen ver­einbart. Am Donnerstag war die Stimmung fast von Anfang an  ziemlich gespannt. Klaus Steinmetz war offensichtlich zum ersten Mal in  der Ex- DDR und er hatte an allem was auszusetzen. Er hat alles an  West-Maßstäben gemessen und selbst die Schließfächer vorn Bahnhof waren  ihm zu klapprig. Den Menschen, mit denen wir zu tun hatten, ist er zum  Teil mit Überheblichkeit begegnet. Ich habe ihn gefragt. warum er das so  macht, alles mit diesem Blick anzuschauen und warum ihn überhaupt  nichts interessiert, was hier los ist und wie die Leute sind. Er sagte  natürlich dann, daß ihn das alles inter­essiert. Ich habe angefangen,  ihm zu erzählen. daß ich z.B. 1990/91 mit jemand einfach ziellos in der  Ex-DDR rumge­rannt bin, weil das in der Zeit dort normal war, und eine  gute Möglichkeit, mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch zu  kommen. Ich fand das damals sehr span­nend und interessant, denn die  meisten Menschen waren anderen gegenüber noch auf­geschlossen, haben  über sich und ihre Situation geredet und wollten was über das Leben im  Westen wissen. Heute trifft man diese Offen­heit nur noch sehr selten  an, eigentlich vor allem noch bei ziemlich alten Leuten. Das Gespräch  mit Klaus Steinmetz ging daran aber nicht weiter, ich habe es  abgebrochen, weil ich gemerkt habe, daß es ihm völlig gleichgültig ist,  was ich erzähle und denke.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Bei dem vorherigen Treffen mit ihm hatten wir vor allem  zum Ende hin das Gefühl, daß er jeder inhaltlichen Dis­kussion  ausweicht, und daß er froh ist, wenn die äußeren Bedingungen ein  politisches Gespräch nicht zulassen. Ich hatte ihn am Freitag auf  die­sen Eindruck von uns ange­sprochen und auf eine gemeinsame  Diskussion über die Fehler der KPD in den 20er Jahren, bei der wir sehr  unterschiedliche Positionen hatten - an beides konnte er sich angeblich  nicht mehr erinnern. Ich war ziemlich ratlos. Überhaupt kam am Freitag  jedes Gespräch nur auf meine Initiative hin zustande, von ihm gingen  keine eigenen Überlegungen aus und er hat mir öfter gesagt, daß andere  GenossInnen inhaltliche Diskussionen verhindern, die er für drin­gend  notwendig hält.&lt;br /&gt; Mit mir hat er eine solche Diskussion jedenfalls nicht angefangen und auch keinen Gedanken von mir aufgegriffen.&lt;br /&gt; Nach eineinhalb Tagen hatte ich ein stark distanziertes Gefühl zu Klaus Steinmetz und das hatte noch einen anderen Grund.&lt;br /&gt; Am Donnerstag liefen ja in vielen europäischen Ländern die  Besetzungsaktionen der kurdischen Genossen. um den eskalierten Krieg  gegen ihr Volk zu stoppen. Die Reaktionen von Klaus Stein­metz auf diese  Initiative waren ziemlich exakt die Reaktionen rechter Zeitungen und  des Kommentators des Bayerischen Rundfunks in dem Stil &amp;gt;Sinnlose  Kami­kaze&amp;lt;, sie verspielen ihre Sympathie, jetzt werden sie natürlich  verboten und ausge­wiesen - ich war ziemlich wütend, weil seine ganze  Haltung total distanziert und unsolidarisch war. Außerdem hat&#039;s mir noch  mal gezeigt, daß er überhaupt keinen Begriff der politischen  Situa­tion, in der wir uns alle heute bewegen und Initiativen bestimmen  müssen, hat. Er hat überhaupt nicht verstan­den, daß die kurdischen  GenossInnen wenige Alterna­tiven zu diesen Besetzungen gehabt haben, um  hier breite Öffentlichkeit und politischen Druck gegen diesen  Völker­mord herzustellen. Ich fand es konsequent und richtig, daß sie  sich dabei gegen eine militärische Eskalation und für diese Besetzungen  ent­schieden haben, sie haben alle dafür viel gegeben, ihre Freiheit.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Am Freitag abend hatte ich mir überlegt, daß ich so mit  Klaus Steinmetz nicht weiter­machen kann, immer wieder fange ich  Gespräche mit ihm an und habe dabei Gefühl, es interessiert und betrifft  ihn überhaupt nicht. Die Folge davon war, daß wir den ganz Samstag über  sehr wenig mit­einander geredet haben.&lt;br /&gt; Ich habe jetzt natürlich die  Frage an GenossInnen, vor allem in Wiesbaden, die ihn lange kannten, ob  sie ganz andere Erfahrungen mit Klaus Steinmetz gemacht haben als die,  die ich hier kurz geschil­dert habe. Sicher, das Treffen mit uns in Bad  Kleinen war auch für ihn nicht die Normalität. Er hat ja die ganze Zeit  über gewußt, daß er Wolfgang und mich den Mördern ausliefert, also, wie  war das für Euch mit ihm? Worauf basiert Euer Vertrauen, wenn Ihr ihn  noch am 9.7.1993 in einem Infola­den-Flugblatt vor angeblicher  Denunziation schützen wollt? &lt;br /&gt; Ist eigentlich seine ganze  Rahmengeschichte wahr? Der Bauernhof der Eltern in der Pfalz? Der  Selbstmord des Vaters? Seit wann hat er seine Spitzeldienste geleistet -  hat das schon während seiner Zeit in Kaiserslautern ange­fangen? War er  durch die dro­hende Haftstrafe bei dem Ein­bruch weiter erpreßbar  geworden, sein Spitzellohn die Umwandlung des Urteils in Bewährung? Oder  hat er tatsächlich nur das Geld gewollt?&lt;br /&gt; Ich finde, es liegt ganz  ent­scheidend bei Euch die Feh­ler, die zu Klaus Steinmetz gelaufen  sind, so aufzuarbei­ten und öffentlich zu machen, daß es mit den übrigen  Geheimdienstspitzeln. die in linken Zusammenhängen Fuß fassen konnten -  ich gehe davon aus, daß es sie gibt - nicht zu weiteren schmerzhaf­ten  Erfahrungen kommen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Als nach diesem Sonntag in Bad Kleinen der erste  Ver­dacht aufkam. daß Klaus Steinmetz uns verraten hat, ist mir rein  gefühlsmäßig nichts zu ihm eingefallen, was für mich Verrat  ausgeschlossen hätte - das geht mir zu ande­ren Menschen, die ich kenne  und zu allen, die ich besser kenne, anders. Gegen den Verdacht, daß  Klaus Stein­metz uns verraten hat, hat für mich in erster Linie  gespro­chen, daß mir aus der Sicht polizeitaktischer Überlegung keine  Begründung für einen Zugriff zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort  eingefal­len ist - aber da habe ich sie zum Glück überschätzt. Es muß so  gewesen sein, daß hei BKA (Bundeskriminal­amt), BAW  (Bundesanwalt­schaft) usw. am Donnerstag große Enttäuschung darüber  geherrscht hat, daß ich allein zu dem Treffen gekommen war, das war  nicht unbedingt üblich. Ich vermute, daß Klaus Steinmetz sie am  Don­nerstag oder Freitag darüber informiert hat, daß Wolfgang am Sonntag  kommen wird; falls meine Verhaftung zu einem früheren Zeitpunkt  (Freitag/ Samstag) geplant war, dann ist sie aus diesem Grund verschoben  worden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der Ablauf am Sonntag vor Wolfgangs Erschießung und  meiner Verhaftung war fol­gender: wir waren zu dritt in dieser  Bahnhofskneipe und wir haben diese Kneipe gegen 15.15 Uhr alle drei  zusammen verlassen und sind nebeneinander Richtung Unterführung und die  Treppe runter gegangen. Ich hin dabei ganz links gewesen, wer in der  Mitte war und wer rechts, weiß ich nicht mehr. Als wir unten in der  Unter­führung angekommen waren und nach rechts Richtung Ausgang gebogen  sind, hat mich ziemlich sofort dieser Bulle angesprungen - das habe ich  ja schon gesagt. Klaus Steinmetz ist fast zeit­gleich (also Sekunden  später) einige Meter weiter „festge­nommen“ worden. Er lag in derselben  Haltung wie ich flach auf dem Boden, hinter ihm stand ein Typ mit einer  Pistole im Anschlag, die auf Klaus Steinmetz gerichtet war. Ich habe ihn  die ganze Zeit, bis mir diese schwarze Kapuze über den Kopf gezo­gen  worden ist, dort in ca. 15 Meter Entfernung von mir gesehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Daß der Verfassungsschutz ihn jetzt diese  Lügenkonstruk­tion hat schreiben lassen, um ihn wieder in seine alte  Spit­zelposition zu hieven, fand ich schon dreist.&lt;br /&gt; Aber entsetzt hat  mich die Reaktion der Leute vom Wies­badener Komitee auf diesen Brief.  Es muß so sein, daß Ihr das nicht merkt, aber Ihr seid mitten dabei,  dieselben Feh­ler, die dazu geführt haben, daß dieser Spitzel uns  auslie­fern konnte, zu wiederholen. Wie könnt Ihr heute nach allem, was  passiert ist, die Frage, ob Ihr in Klaus Stein­metz den Freund und  Genos­sen, oder ob Ihr in ihm den Spitzel und Handlager der Mörder seht,  davon abhängig machen, ob er „konkret erklären (kann), wie er dort  weggekommen ist&quot;? (so jedenfalls habe ich das in der Zeitung gelesen).  Und wenn er das „erklären“ könnte und wenn ich das Gegenteil nicht  gesehen hätte, was wäre dann?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Es war vorauszusehen, und es kommt sehr massiv in den  Medien &quot;erstmals V-Mann in der Kommandoebene der RAF&quot;,&quot;V-Mann an der  Spren­gung in Weiterstadt beteiligt&quot; und ähnliches - daß das nicht  stimmt, weiß ich genau. Mit der Behauptung Klaus Stein­metz sei an der  Sprengung dieses Knastes beteiligt gewe­sen, soll zum x-ten Mal die  Kriminalisierung von GenossInnen, die in legalen Zusam­menhingen leben,  vorbereitet werden. Es gibt seit Jahren immer wieder Erklärungen gegen  diese Kriminalisie­rungslügen, in denen die RAF schreibt, wie sie  organisiert ist. Aber klar, die BAW pro­biert es immer wieder.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ich selber habe lange in der Illegalität gelebt und kann  sagen, daß einer wie der Klaus Steinmetz, den ich getroffen haben,  niemals in die Lebenszusammenhänge dort eingeschleust werden kann. Mir  liegt nichts daran, die Beziehungen, die ich in dieser Zeit gelebt und  ken­nengelernt habe, zu idealisie­ren - manche Beziehungen sind sehr  nahe und intensiv, zu anderen GenossInnen gibt es diese besondere Nähe  und Wärme nicht - es ist so unterschiedlich, wie das die mei­sten aus  ihren eigenen Lebenszusammenhängen ken­nen werden. Aber es gibt doch  immer wieder Momente, wo du alles über jede und jeden weißt, ich meine  damit die Grundeinstellung zum Leben, die Träume, Ängste, Hoffnungen.&lt;br /&gt; Darüber hinaus entsteht unter diesen speziellen Lebensbedingungen  zwischen allen eine besondere Verbun­denheit, die daraus kommt, daß jede  und jeder die Ent­scheidung getroffen hat, die anderen unter allen  Umstän­den zu schützen, selbst wenn das mit dem eigenen Leben bezahlt  werden muß. In Bezug darauf besteht gren­zenloses gegenseitiges  Ver­trauen; du legst, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu  zögern, dein Leben in die Hände deiner GenossInnen und du bist Dir  jederzeit sicher, daß es dort gut aufgehoben ist. Das zu wissen und zu  fühlen, war mir immer sehr wertvoll.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Jetzt kurz zu meiner eigenen Biographie:&lt;br /&gt; zu dem, was  mich vor vielen Jahren erschüttert und betrof­fen gemacht hat und  meinen Lebensweg mit beeinflußt hat, gehören auf jeden Fall der Bericht  eines vietnamesischen Gefangenen über die Folter in dem Gefangenenlager  Poulo Condor- und die letzten Noti­zen des sterbenden Siegfried Hausner  (Siegfried war schwerstverletzt nach Stamm­heim gebracht worden, er  wollte mit einem Rechtsan­walt sprechen und sie müssen ihn immer wieder  gezwungen haben, Namen und Adressen von Anwälten aufzuschrei­ben. Er hat  es mehrmals gemacht, und seine Schrift wird immer zittriger -  ver­schwimmt - Siegfried muß kurz darauf gestorben sein.) Es war für  mich beruhigend zu erfahren, daß Wolfgang nach dem Kopfschuß nicht noch  mal bei Bewußtsein gewesen ist, so konnten sie ihn nicht mehr quälen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Irmgard Möller ist jetzt im 22.Jahr ihrer Haft, Ali  Jansen wird trotz schweren Asthmas nicht freigelassen, die neue  Prozeß-Welle soll gegen viele GenossInnen lebenslange Gefangenschaft  zementieren, ich bin selber in Totalisola­tion.&lt;br /&gt; In der  Unmenschlichkeit und Brutalität dieses Staates gegen die politischen  Gefan­genen habe ich immer eine besondere Schärfe der allge­meinen  Entwürdigung und Verachtung gesehen, die sich hier gegen die Menschen  richtet, und ich konnte daran den Charakter dieses Systems, seinen  unbedingten Vernich­tungswillen gegen alle, die ihm feindlich  gegenüberste­hen, früh erfassen und begreifen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Der Tod von Holger Meins - ich war damals 17 Jahre alt -  war ein tiefgreifender Einschnitt in meinem Leben und hat meine  Richtung mitbestimmt - genauso wie heute der Tod von Wolfgang und die  Umstände seiner Tötung im weiteren Leben einiger junger Menschen eine  Rolle spielen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„WIR FÜHREN IN VIELEN SPRA­CHEN DEN GLEICHEN HARTEN,  ERBARMUNGSLOSEN UND OPFER­REICHEN KAMPF UND DIESER KAMPF IST NOCH NICHT  ZU ENDE. DIE VERNICHTUNG DES NAZISMUS UND SEINER WURZELN IST UNSERE  LOSUNG. DER AUF­BAU EINER NEUEN WELT DES FRIEDENS UND FREIHEIT IST UNSER  ZIEL.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das ist der Anfang des Schwurs der KZ-Häftlinge von  Buchenwald - in dieser Tradi­tion habe ich mich, meine  Lebensentscheidung und unseren Kampf immer gese­hen.&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/zur-enttarnung-von-klaus-steinmetz&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/2/zur-enttarnung-von-klaus-steinmetz&quot; dc:title=&quot;Zur Enttarnung von Klaus Steinmetz&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/566&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/566  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/2/zur-enttarnung-von-klaus-steinmetz#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/bad-kleinen">Bad Kleinen</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/bewaffneter-kampf">Bewaffneter Kampf</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/raf">RAF</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Tue, 30 Nov 2010 09:56:31 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">566 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Vorwort</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/1/vorwort</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;...Algebra, Kapital, Chemie manche dacht, daß lern ich nie doch ein &#039;manche, die das dachte später Revolution noch machte&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Der Schwerpunkt dieser Ausgabe heißt Selbstschulung/Lernprozesse/Bildung, ein etwas unüblich klingendes Thema, zumindest in der heutigen Linken. Warum wir ausgerechnet diesen Bereich gewählt haben, erklärt sich aus dem in unserem letzten Vorwort formulierten Ziel, verloren gegangene Ansätze wiederzuentdecken. Wobei wir schon länger der Meinung sind, daß das Bewußtsein über Lernprozesse einer der Punkte ist, den wir als Linke am nötigsten hätten; in der realsozialistischen Geschichte war Bildung vor allem Agitation, Weitergabe von Ideologie, ohne eigene Entwicklung. Aus unserer Praxis dagegen kennen wir das Phänomen, daß überhaupt nichts mehr weitergegeben wird, aus Angst zu bevormunden. Jede Generation soll sich politische Erfahrungen wieder neu aneignen, jede und jeder ist auf sich selbst angewiesen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beides kann keine Lösung sein. Eine revolutionäre Veränderung braucht Menschen, die selbständig handeln und denken können, aber sie braucht auch keinen modernen Individualismus. Im Gegenteil, nur im gemeinsamen Bewußtsein der Umwälzung wird sich auch wirklich etwas verändern lassen. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen. Klar stellen müssen wir noch, daß wir beim Thema „Bildung&quot; selbst blutige Laien sind. Die wenigen Erfahrungen, die wir im letzten Jahr mit Lernprozessen an Hand unserer Seminare und Veranstaltungen gemacht haben, sind nicht besonders vorhergeplant gewesen. Das meiste haben wir ausprobiert und dabei immer wieder festgestellt, daß wir bestimmte Ziele zwar Klasse allgemein ausdrücken, aber sie dann so gut wie gar nicht praktisch umsetzen können. Diejenigen, die in dem Bereich mehr Erfahrungen haben, sollen sich nicht ärgern, zu viele Allgemeinplätze bei uns zu finden, sondern uns lieber ihre Erfahrungen schreiben. Der Schwerpunkt muß ja keineswegs das letzte Wort in Arranca zum Thema sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Neben dem Schwerpunkt haben wir es diesmal geschafft, den Reportagen/Interviewteil etwas länger zu machen als das letzte Mal. Zwei Interviews, eines mit dem italienischen Schriftsteller Nanni Balestrini und ein zweites mit einem türkischen Linken, der vor wenigen Wochen nach 12 Jahren zum ersten Mal wieder in der Türkei war, werdet Ihr finden. Außerdem ein Bericht einer antirassistisch aktiven Frau, die seit längerer Zeit eine peruanische Mula, eine in der BRD wegen Drogenimports verurteilte Frau, besucht. Der Bericht beschreibt die Repression des deutschen Staates gegen die „Kleinen&quot; im Drogenhandel, die materiellen Verhältnisse, die Menschen in Lateinamerika dazu zwingen, als Mulas zu arbeiten und die verschärfte Haftsituation als Ausländerin und Frau im Knast. Vervollständigt wird der Teil durch eine kurze Belfast-Reportage, die Bilder einer Reise wiedergeben will.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Kulturteil gibt es diesmal ebenfalls 4 Themen: die Fortsetzung der Notizen zum Kulturbegriff, ein Interview mit italienischen Hip-Hoppern, die im März 1993 in Berlin waren, eine Buchbesprechung zu Ludwig Lugmeiers „Wo der Hund begraben ist&quot;, und ein Artikel zum Thema Alkohol/Drogen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir hoffen, daß Ihr die Zeitung wieder einigermaßen bunt findet. Daß wir in dieser Ausgabe so viele Interviews haben, nämlich fünf Stück, ist nicht geplant gewesen. Wir finden Dialogformen zwar nicht schlecht, aber daß es so viele geworden sind, hat dann doch mehr mit einem Zufall zu tun: mehrere Themen fanden wir schließlich als Gespräch anschaulicher geschildert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Interview, das ein Freund mit uns über die „Bildungsarbeit&quot; bei Fels, d.h. mit einigen aus der Redaktion geführt hat (special thanks, you&#039;re pc, pi), ist das klassische Beispiel dafür. Wir haben das nicht gemacht, weil wir uns selbst so wichtig finden, sondern weil sich niemand zugetraut hat, das Thema als Text niederzuschreiben, wir es aber trotzdem nötig fanden, neben theoretischen Allgemeinforderungen auch etwas zu unserer Praxis von Seminaren und unseren Erfahrungen damit zu sagen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Warum wir keinen Artikel zum Anschlag der RAF in Weiterstadt geschrieben haben, hat nichts damit zu tun, daß wir diesem keine Bedeutung beimessen. Die Veränderungen der RAF sind unserer Meinung nach eines der wichtigsten Anzeichen für eine Neuzusammensetzung der Linken. Die Ausstrahlung, die von einem Projekt so großen moralischen Gewichts (wie es die RAF darstellt) auf die ganze Linke ausgeht, schätzen wir sehr hoch ein, und hoffen, daß das auch die GenossInnen selbst so sehen. Ihre moralische Integrität, ihr langer Atem und die Tatsache, daß sie seit über 20 Jahren immer wieder den Staat anzugreifen vermochten, verleiht ihnen eine besondere Rolle in einer linken Neuorientierung. Das sagen wir nicht, um den Mythos wieder aufzuwärmen. Eine besondere Rolle zu besitzen, bedeutet schließlich nicht „über den Dingen zu stehen&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eher empfinden wir die Art des Anschlags und den Grundtenor der Erklärung als einen Schritt hin zu einem organischen, gleichberechtigteren Verhältnis von bewaffneter und politischer Linke. Die entscheidenden drei Punkte sind für uns folgende: Erstens die spürbare Bemühung, bisherige Ansätze grundsätzlich zu überdenken und dabei mit sich selbst hart ins Gericht zu gehen; zweitens die Tatsache, daß sich sowohl die Erklärung als auch die Aktion an mehr richtet, als nur an die politische Linke. Vor allem für die „sozialen&quot; Knackis, die bei der Forderung „die politischen Gefangenen müssen raus&quot; immer unter den Tisch fallen, sind diesmal direkt angesprochen worden. Und drittens schließlich - und das ist das wichtigste - hat der Anschlag gezeigt, daß bewaffnete Politik mehr als symbolisch sein kann. Sie kann tatsächlich etwas durchsetzen, nämlich daß dieser HIGH-TECH Knast nicht bezogen werden kann!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Abschließend noch einige Worte zu unserem Zeitungsprojekt: natürlich wollen wir weiterhin die Mitarbeit von anderen Leuten. Unsere Adresse steht vornedrin. Eine Tour durch ein paar Städte in Westdeutschland, die wir diese Tage machen, hat außerdem zum Ziel, das Projekt breiter vorzustellen und eventuell Leute für eine Mitarbeit zu gewinnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und auch unsere zweite Initiative, der Aufruf zur Zusammenarbeit verschiedenster linker Gruppen und Zusammenhänge in Richtung einer Organisation, steht weiterhin. Vielleicht sind wir in dieser Frage etwas anachronistisch, zumindest müssen wir zugeben, daß die Telefone nicht heiß laufen bei uns, aber: Hartnäckigkeit ist die Tugend dieser Tage.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Insofern sind wir weiterhin ansprechbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;die redaktion&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;ARRANCA, &lt;em&gt;(span.):&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;losmachen oder starten, anfangen, d.h eigentlich im Imperativ: &lt;strong&gt;&lt;em&gt;„leg endlich los&quot;. &lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;Wir legen los, weil wir es notwendig finden, für die Organisationsdiskussion jen­seits der Vorschläge zum „Auf­bau einer kommunistischen Partei&quot; eine eigene Zeitung zu schaffen.&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/1/vorwort&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/1/vorwort&quot; dc:title=&quot;Vorwort&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/228&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/228  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/editorial">Editorial</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/lernen">Lernen</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/raf">RAF</category>
 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:40 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">228 at https://arranca.org</guid>
</item>
<item>
 <title>Little Earthquakes:</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/41/little-earthquakes</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
    &lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;
            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Im Februar 2009 erschien als Gemeinschaftsproduktion der Verlage &lt;em&gt;PM Press&lt;/em&gt; (Oakland, USA) und &lt;em&gt;Kersplebedeb&lt;/em&gt; (Montreal, Kanada) der erste Band einer zweibändigen «Documentary History» der RAF mit dem Titel &lt;em&gt;Projectiles for the People&lt;/em&gt;. Die Bände beinhalten Übersetzungen von Original-RAF-Texten sowie ausführliche Einleitungen zum historischen und politischen Kontext. Das Projekt stellt den bisher bei weitem ambitioniertesten Versuch dar, die Geschichte der RAF auf Englisch zu dokumentieren. Gabriel Kuhn sprach mit den beiden kanadischen Herausgebern, André Moncourt und J. Smith, über ihre Beweggründe, über die historische Bedeutung des bewaffneten Kampfes in der Metropole und über die Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Stadtguerillagruppen Nordamerikas und Deutschlands. Moncourt und Smith sind seit knapp dreißig Jahren in der radikalen Linken aktiv, vor allem in der Unterstützung anti-kolonialen Widerstands und in Gefangenenhilfsgruppen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Im Februar 2009 erschien als Gemeinschaftsproduktion der Verlage &lt;em&gt;PM Press&lt;/em&gt; (Oakland, USA) und &lt;em&gt;Kersplebedeb&lt;/em&gt; (Montreal, Kanada) der erste Band einer zweibändigen «Documentary History» der RAF mit dem Titel &lt;em&gt;Projectiles for the People&lt;/em&gt;. Die Bände beinhalten Übersetzungen von Original-RAF-Texten sowie ausführliche Einleitungen zum historischen und politischen Kontext. Das Projekt stellt den bisher bei weitem ambitioniertesten Versuch dar, die Geschichte der RAF auf Englisch zu dokumentieren. Gabriel Kuhn sprach mit den beiden kanadischen Herausgebern, André Moncourt und J. Smith, über ihre Beweggründe, über die historische Bedeutung des bewaffneten Kampfes in der Metropole und über die Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Stadtguerillagruppen Nordamerikas und Deutschlands. Moncourt und Smith sind seit knapp dreißig Jahren in der radikalen Linken aktiv, vor allem in der Unterstützung anti-kolonialen Widerstands und in Gefangenenhilfsgruppen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;2007 wurden zahlreiche Events veranstaltet, um des Deutschen Herbstes zu gedenken. Ist es reiner Zufall, dass euer Buch kurz darauf erscheint?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André: &lt;/em&gt;Wir begannen schon 2004, das Projekt zu planen. Ich hätte nie gedacht, dass es so viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Den einzigen Einfluss, den die Ereignisse von 2007 auf das Projekt genommen haben, war, dass wir die zahlreich erschienenen Artikel und – vor allem – Interviews mit früheren RAF-Mitgliedern heranziehen konnten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Ihr habt eine Menge Arbeit in dieses Projekt gesteckt. Was hat euch dazu motiviert?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André: &lt;/em&gt;Es gab da mehrere Faktoren. Wichtig für mich persönlich war, dass ich in den 1980er Jahren für längere Zeit in Deutschland gelebt und in antiimperialistischen und autonomen Kreisen zahlreiche persönliche Kontakte aufgebaut habe. Außerdem hat sich die nordamerikanische Linke immer sehr für linksradikale Politik in Deutschland interessiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Kannst du die Gründe dafür nennen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André:&lt;/em&gt; Der Hintergrund der weißen radikalen Linken in Nordamerika war dem der deutschen AktivistInnen sehr ähnlich. Radikale weiße Linke in Nordamerika kamen ebenfalls zum größten Teil aus der Jugend- und StudentInnenrevolte. Deshalb fühlten sie sich den Aktionen und der Rhetorik der westdeutschen Stadtguerilla näher als etwa dem proletarischen Kampf der Roten Brigaden. Auch nationale Befreiungsbewegungen wie jene der IRA oder ETA stießen außerhalb Québecs – wo es in den 1960er Jahren einen militanten Flügel der Unabhängigkeitsbewegung gab, die Front de liberation du Québec – nur auf wenig Interesse.&lt;br /&gt; Es war im Übrigen nicht die RAF, die in radikalen Kreisen am meisten Aufmerksamkeit erregte. Es gab mehr Sympathien für die Revolutionären Zellen und die Rote Zora: die dezentrale Struktur, die Form der Anschläge und die Verankerung in breiten sozialen Bewegungen waren für viele nordamerikanische AktivistInnen besonders attraktiv.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Lassen sich zwischen dem bewaffneten Kampf in Nordamerika und in Deutschland konkrete Parallelen ausmachen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André: &lt;/em&gt;Wenn wir von den weiß dominierten Gruppen in Nordamerika sprechen, sicherlich. In beiden Fällen waren tödliche Attacken des Staates ein wesentlicher Radikalisierungsfaktor: in Deutschland die Ermordung Benno Ohnesorgs, in Nordamerika die der Protestierenden an den Universitäten Kent State und Jackson State im Jahre 1970. In beiden Fällen war der Krieg in Vietnam ein zentraler Bezugspunkt. Und in beiden Fällen waren die antiimperialistischen Fokussierungen der 1980er Jahre ähnliche: der Nahe Osten, Zentral- und Südamerika, Südafrika.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;J. Smith:&lt;/em&gt; Wichtig anzumerken ist freilich, dass die revolutionäre Bewegung in Nordamerika immer sehr geprägt war vom Kampf unterschiedlicher Nationen1 im eigenen Land: indigene Gesellschaften, AfroamerikanerInnen und andere bilden in den USA und Kanada Kolonien bzw. unterdrückte Nationen im Inneren. Solche gab es in Westdeutschland nicht. Auch wenn sich die RAF an antiimperialistischen Kämpfen orientierte, war ihr konkreter Kontakt zu Kämpfen in der Dritten Welt auf die Erfahrungen reduziert, die sie in den 1970er Jahren in palästinensischen Camps machte. In Nordamerika verlangen Angehörige unterdrückter Nationen eine konkrete Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen derjenigen, die unmittelbar unter dem imperialistischen System zu leiden haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt auch einen Unterschied, was den Hintergrund der weißen AktivistInnen betrifft. Wenn wir etwa die Aktivitäten des Weather Underground mit denen der RAF vergleichen, dann erscheinen – je nach politischer Einschätzung – die RAF-Mitglieder als fanatische Mörder oder die Angehörigen des Weather Underground als verweichlichte Hippies. Entscheidend dabei scheint, dass die RAF-Mitglieder aus einer postfaschistischen Gesellschaft kamen, in der Lehrer, Bullen, Richter und oft genug die eigenen Eltern in den Holocaust involviert waren. Das lässt im politischen Kampf andere Maßnahmen notwendig erscheinen. Es ist interessant, dass die RAF in ihrer Entschlossenheit und in ihren Mitteln mehr mit einer Gruppe wie der Black Liberation Army gemeinsam hat als mit dem Weather Underground, obwohl sie mit diesem ihre Verankerung in der Unterdrückergesellschaft teilt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Kannst du die Aktivitäten und Taktiken des Weather Underground kurz umreißen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;J.:&lt;/em&gt; Innerhalb der Students for a Democratic Society, dem nordamerikanischen SDS, übernahm 1969 eine Gruppe das Kommando, die sich Weatherman nannte nach der Textzeile von Bob Dylan: «You don’t need a weatherman to know which way the wind blows.» Als sich einige aus der Gruppe entschlossen, in den Untergrund zu gehen, wurde aus Weatherman die Weather Underground Organization.&lt;br /&gt; Bald nach dieser Entscheidung kam es zu einem traumatischen Ereignis, als sich einige der Weather-AktivistInnen beim Bombenbasteln selbst in die Luft sprengten. Dies stellte für viele die ‹militaristische› Ausrichtung der Gruppe in Frage und die Überlebenden konzentrierten sich nunmehr ausschließlich auf Sachbeschädigung. Dieser Schritt wird von Linksliberalen seit jeher als weise gefeiert, beispielsweise auch von Jeremy Varon in seinem Buch Bringing the War Home. Der Schritt bedeutete jedoch auch, sich politischer Verantwortung zu entziehen. Weather war angetreten, um militante Gruppen zu unterstützen, die den unterdrückten Nationen entstammten, beispielsweise die Black Panther Party. Indigene und schwarze AktivistInnen wurden jedoch weiterhin abgeknallt, als diese selbsternannte Avantgarde der weißen Jugend meinte, sich auf rein symbolische Aktionen beschränken zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Versuch junger weißer KommunistInnen, die Gesellschaft radikal zu verändern, war ohne Zweifel lobenswert. Aber die Mythologie der 1960er Jahre verleiht Weather zuviel Bedeutung. Von den Tausenden bewaffneter Aktionen, die damals durchgeführt wurden, ging nur eine kleine Zahl auf das Konto von Weather. Der Großteil der Weather-AktivistInnen tauchte irgendwann wieder auf, bat um Amnestie und machte legale Politik. Unterdessen sitzen immer noch Dutzende radikaler GenossInnen aus jener Zeit im Gefängnis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Warum habt ihr euch dazu entschieden, zur RAF zu arbeiten, obwohl andere westdeutsche Guerillagruppen offenbar stärkeres Interesse in der radikalen Linken Nordamerikas weckten?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André:&lt;/em&gt; Wir arbeiten auch an Bänden zur Bewegung 2. Juni und zu den Revolutionären Zellen bzw. zur Roten Zora. Wir haben uns aber entschlossen, in unserer Aufarbeitung chronologisch vorzugehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was die RAF betrifft, so ist vieles an ihr einzigartig und sie kann tatsächlich als archetypische Guerillabewegung der Ersten Welt während des Kalten Krieges gelten. Aus ihrer Geschichte gibt es viel zu lernen; zumal es keine vergleichbare Gruppe gibt, die eine ähnlich umfangreiche Textsammlung hinterlassen hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Was hältst du für das Wichtigste, das es aus der Geschichte der RAF zu lernen gibt?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André: &lt;/em&gt;Wie praktisch immer gibt es Positives und Negatives. Der RAF gelang es, in ihren ersten zwei Jahren eine Infrastruktur und eine Ideologie aufzubauen, die es ihr ermöglichten, weiter zu bestehen, auch nachdem ihre GründerInnen in Haft oder tot waren. Die RAF schaffte es, sich mindestens viermal in ihrer 30-jährigen Geschichte quasi von Null auf neu zu bilden. Die Gefangenen haben uns gezeigt, wie Gerichtsverfahren und Hungerstreiks als Überlebensmechanismen und Kommunikationsmittel verwendet werden können. Außerdem bewies die RAF, dass eine kleine Gruppe organisierter und entschlossener Individuen dem Staat und seinen RepräsentantInnen einige ausgesprochen starke Schläge versetzen kann.&lt;br /&gt; Problematisch war sicherlich die Entscheidung, komplett in den Untergrund zu gehen. Dies isolierte die Gruppe von alltäglichen gesellschaftlichen Entwicklungen und auch von weiten Teilen der militanten Linken. Die Entscheidung der RAF, von den Verhaftungen 1972 bis zum Deutschen Herbst 1977 rhetorisch eine ziemlich klassisch antiimperialistische Linie zu verfolgen, während sie sich praktisch ganz auf die Befreiung der Gefangenen konzentrierte, ist verständlich – war aber aus heutiger Sicht falsch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Bisher war Tom Vagues Televisionaries: The Red Army Faction Story das einzige englische Buch, das sich ausschließlich mit der Geschichte der RAF beschäftigt hat. Was ist eure Einschätzung dieses Werks?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;J.:&lt;/em&gt; Televisionaries ist sehr lesbar und manchmal lustig, basiert aber fast ausschließlich auf Stefan Aust, dessen Buch Der Baader- Meinhof-Komplex 1987 ins Englische übersetzt wurde. Allerdings muss ich gestehen, dass es schwierig ist, ganz um Austs Buch herumzukommen. Auch wir haben es als Quelle benutzt – aber nicht als die einzige und mit der gebotenen Vorsicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Hofft ihr, dass eure Bände zu einer Diskussion um zeitgenössische Perspektiven des bewaffneten Kampfes in der Metropole anregen können?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André:&lt;/em&gt; Wenn es zu einer solchen Debatte kommt, verdient die Geschichte der RAF zweifelsohne Berücksichtigung. Was die Aussichten des bewaffneten Kampfes betrifft, so müssen dabei für mich zwei Bedingungen erfüllt sein: es muss eine Massenbewegung geben, innerhalb derer sich die bewaffneten Aktionen vollziehen; und es muss ein klares Ziel geben, das mit den Aktionen verbunden ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;J.: &lt;/em&gt;Zu bewaffnetem Widerstand wird es kommen, ob wir das nun gutheißen oder nicht. Wie viel die Leute dabei über die RAF wissen, wird nicht ausschlaggebend sein. Aber ich denke, dass wir gewisse Fehler vermeiden können, wenn wir die Geschichte der RAF und ähnlicher Gruppen analysieren.&lt;br /&gt; In Nordamerika gibt es die bedauerliche Tendenz, die Fehler, die in der Geschichte des bewaffneten Widerstands begangen wurden, nicht zu benennen. Aber für jede Niederlage den Staat und das Counter Intelligence Program des FBI (COINTELPRO) anzuklagen, tut weder den RevolutionärInnen von morgen etwas Gutes, noch wird es den GenossInnen gerecht, die im Kampf ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Einer der Vorteile, eine bewaffnete Gruppe zu studieren, die zwar in der Ersten Welt aber außerhalb Nordamerikas operierte, liegt darin, die Dynamiken dieses Kampfs weniger voreingenommen betrachten zu können: ohne den Stolz und die zwanghafte Rechtfertigung, die oft im Wege stehen, wenn es um die eigene Geschichte geht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Warum bist du so sicher, dass es zu bewaffnetem Widerstand kommen wird? Gilt das auch für die USA und Kanada?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;J.:&lt;/em&gt; Der Kapitalismus produziert weiterhin enorme soziale Widersprüche. Diese werden sich ohne das Ende des Kapitalismus nicht auflösen lassen. Irgendwann – hoffentlich früher als später – werden revolutionäre Bewegungen entstehen. Manche Menschen werden sich dabei verborgenen, illegalen und auch gewalttätigen Taktiken zuwenden. Das hat nichts mit Teleologie zu tun, sondern mit gesellschaftlichen Wirklichkeiten. Der Kapitalismus wird nicht verschwinden, wenn er nicht aktiv zerstört wird.&lt;br /&gt; Dies gilt generell und ist nicht beschränkt auf einzelne Länder. Aber um auf die Situation in Nordamerika Antwort zu geben: In den USA und Kanada kommt es in der Linken seit Jahren nur zu sporadischen und vereinzelten symbolischen Angriffen auf Staatseinrichtungen und Konzerneigentum. Keine dieser Angriffe geschehen im Namen von Organisationen, sondern werden von Individuen oder Kleingruppen durchgeführt, die im besten Fall über einen vagen gemeinsamen Aufhänger verbunden sind – die Aktionen, die in den 1990er Jahren unter dem Banner der Earth Liberation Front durchgeführt wurden, sind dafür wohl das beste Beispiel. Aber ohne starke Strukturen reichen solche Aktionen nur bis zu einem gewissen Punkt.&lt;br /&gt; Die Ausnahme bilden vor allem hier in Kanada indigene Nationen. Dort ist die Tradition bewaffneten Widerstands weiterhin am Leben und zeigt sich alle paar Jahre in Konfrontationen mit dem Staat. Aber es geht hier eher um Selbstverteidigung, den Schutz bestimmter Gebiete usw. Der Widerstand dient hauptsächlich dazu, die Gewalt des Staates einzudämmen. Stadtguerilla ist etwas anderes.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;


&lt;!--
&lt;rdf:RDF xmlns:rdf=&quot;http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#&quot; xmlns:dc=&quot;http://purl.org/dc/elements/1.1/&quot; xmlns:trackback=&quot;http://madskills.com/public/xml/rss/module/trackback/&quot;&gt;
&lt;rdf:Description rdf:about=&quot;https://arranca.org/ausgabe/41/little-earthquakes&quot; dc:identifier=&quot;https://arranca.org/ausgabe/41/little-earthquakes&quot; dc:title=&quot;Little Earthquakes:&quot; trackback:ping=&quot;https://arranca.org/trackback/83&quot; /&gt;
&lt;/rdf:RDF&gt;
--&gt;
&lt;div class=&quot;trackback-url&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box&quot;&gt;&lt;div class=&quot;box-inner&quot;&gt;

      &lt;h2 class=&quot;title&quot;&gt;Trackback URL für diesen Artikel&lt;/h2&gt;
  
  &lt;div class=&quot;content&quot;&gt;
    https://arranca.org/trackback/83  &lt;/div&gt;

&lt;/div&gt;&lt;/div&gt; &lt;!-- /box-inner, /box --&gt;
&lt;/div&gt;</description>
 <comments>https://arranca.org/ausgabe/41/little-earthquakes#comments</comments>
 <category domain="https://arranca.org/tag/bewaffneter-kampf">Bewaffneter Kampf</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/raf">RAF</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/usa">USA</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/ausserhalb-des-schwerpunkts">Ausserhalb des Schwerpunkts</category>
 <pubDate>Fri, 22 Jan 2010 16:54:59 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">83 at https://arranca.org</guid>
</item>
</channel>
</rss>
