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 <title>arranca! - Realsozialismus</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/22/0</link>
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 <title>Reportage aus dem sozialistischen Cuba</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/reportage-aus-dem-sozialistischen-cuba</link>
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                    &lt;p&gt;„Esto va muy mal&quot;- das hier ist sehr schlecht-, ist der Satz en vogue auf Cuba. Man hört ihn in der Schlange vor einem Restau­rant, an der Haltestelle für den Linienbus in Habana, in der Nähe eines der Mammuthotels, auf dem Weg durch die Innen­stadt, im Stadtpark, beim Mambo-Tanzen. Die ganze Insel schimpft - vom überzeugten Ver­teidiger der Revolution über die Hausfrau zum Schwarzmarkt­händler. „Trotzdem, wir haben viel zu verlieren&quot;, schieben die meisten nach, wenn es grundsätzlich wird. Cuba ist selt­sam, es flucht, aber es ergibt sich nicht.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;„Esto va muy mal&quot;- das hier ist sehr schlecht-, ist der Satz en vogue auf Cuba. Man hört ihn in der Schlange vor einem Restau­rant, an der Haltestelle für den Linienbus in Habana, in der Nähe eines der Mammuthotels, auf dem Weg durch die Innen­stadt, im Stadtpark, beim Mambo-Tanzen. Die ganze Insel schimpft - vom überzeugten Ver­teidiger der Revolution über die Hausfrau zum Schwarzmarkt­händler. „Trotzdem, wir haben viel zu verlieren&quot;, schieben die meisten nach, wenn es grundsätzlich wird. Cuba ist selt­sam, es flucht, aber es ergibt sich nicht.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;On The Road - Ostcuba&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Z.B. auf einer Provinz­landstraße bei Santa Lucia, einer nach Melisse rie­chenden Kleinstadt im Osten des Landes, umge­ben so weit die Augen reichen, von caña, Zuckerrohr, das sich im Wind biegt, und braun und klebrig überragt von den Schornsteinen der Zuckerraffinerien. Die Küste, 20 km von hier, ist eines der neuen Touri­smusgebiete, seit 1985 oder 86, erzählt man uns. Dort herrschen unüber­sehbar die internationalen Gesetze des Marktes, bis­sig denkt man bei Ansicht der krebsroten Bäuche aus Übersee an Costa del Sur, während hier am Weg in die Großstadt, keine 15 Minuten Autofa­hrt von den Feriensiedlun­gen entfernt, Cuba ist. Immer noch. 40 Grad im Schatten, kein Wasser, keine Früchte- oder Eis­verkäufer wie sonst übe­rall in Lateinamerika. Nur ausgestorbener, flimmern­der Asphalt und eine hügelige Landschaft aus grünem Rohr und Wald. 200 Cubanerinnen sitzen neben der Straße im Staub und warten unter den wenigen Bäumen auf eine Transportgelegenheit.&lt;br /&gt; Holguin, das sind viel­leicht 250.000 Einwohne­rinnen, eine Universität, ein Flughafen, zwei Dollargeschäfte und immerhin die 4.größte Stadt Cubas. Es ist Mon­tag, ein paar müssen arbeiten, zurück zur IJni, Schule oder „irgendetwas organisieren“, z.B. Schuhe, Benzin, ein Stück Seife. Es gibt keine Busse mehr. Nur ab und an zieht ein für Touristen reser­vierter Greyhound vorbei, der– so ist die Anwei­sung– keine Einheimi­schen mitnehmen darf, weil die Touristen das nicht mögen und die neuen Busse zu sehr bela­stet würden. Meistens ist die Straße aufregend leer: ein paar Ladas, die Leuten gehören müssen, die das Benzin selber zu Hause anbauen oder &amp;gt;irgendei­nen Kanal&amp;lt; für Gut­scheine haben; schrottreife sowjetische LKWs, die schwarze Abgaswolken ausstoßen und schon von weitem zu hören sind oder neu zusammengeschweißte Pferdekutschen, die ausse­hen wie eine Mischung aus Schkopau und Mittelwesten iml9.Jahrhundert. Letztere ziehen mit gemächlichem Klackern vorbei und schaffen ange­nehm schläfrige Gefühle. Die Blätter der Guayaba-Bäume rauschen, ein paar Männer tuscheln miteinan­der, und eine Frau mit einer löchrigen Kunstle­dertasche stellt fest, was alle wissen „der Verkehr ist sehr schlecht&quot;. Man kratzt sich am Kinn und versucht zu vergessen. &lt;br /&gt; Dabei zeigt sich der cubanische Staat von sei­ner stärksten Seite: kreati­ves Krisenmanagement. Da es sowieso keine Busse mehr gibt, wartet niemand am Busbahnhof, der nach wie vor in Betrieb ist, sondern alle begeben sich zum Tram­pen direkt an die Land­straße.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Gegensatz zum Kampf alle gegen alle, der unter den meist jugendli­chen Tramperinnen in Westeuropa während der Sommermonate ausbricht, wird auf Cuba auch diese Art der Fortbewegung zur durchorganisierten „Spe­zialmaßnahme&quot;. Ange­stellte der staatlichen Busunternehmen über­nehmen die Aufgabe, die Leute auf die wenigen Fahrzeuge zu verteilen. Alle paar Kilometer steht bei den Ortseingängen ein/e Staatsangestellte/r in gelber Uniform auf der Straße, teilt Nummern aus, hält Fahrzeuge an und kassiert den Fahrtarif: 1 oder 2 Pesos pro Fahrgast bis nach Holguin.&lt;br /&gt; Wie alle cubanischen Krisenlösungen ist auch diese nicht ganz einfach zu ver­stehen. Die Wartenden erhalten Num­mern, die nur bis Zahl 100 gehen; die anderen 50 müssen warten, bis die ersten weg sind, um dann ihre zu zie­hen. Daß das überhaupt funktioniert, ist ein kleines Wunder, schließlich ist nie­mand so blöd und stellt sich in der Mit­tagshitze in einer Reihe auf. Die ver­meintliche „cola&quot; sitzt versprengt im Schatten herum und spielt mit Grashalmen im Mund. Nur ab und zu gellt ein Ruf durch die Frühmit­tagshitze, wenn ein Neuankömmling nach dem Ende der ima­ginären Schlange ruft „¿el ultimo de la cola?&quot;, dann kommt von irgendwoher ein „aqui&quot; und der Neue weiß, an wen er sich zu hal­ten hat.&lt;br /&gt; Den meisten dürfte klar sein, daß sie den Tag hier verbringen werden. Nach zwei Stunden sind gerade einmal acht Menschen mitge­nommen werden: vier von einem LKW, der leere Getränkekästen nach Holguin bringt, und vier weitere, die sich in Jeeps mit hineinzwängen konn­ten. Zwar sind alle öffentlichen Fahr­zeuge dazu angehalten, Passagiere mit­zunehmen, aber nur wenn sie keine Ladung haben, die beschädigt werden könnte. Immer wieder brettern LKWs leer vorbei, weil sie nicht weit genug fahren oder kein Interesse haben, jemanden mitzunehmen— eine Ausrede läßt sich immer finden.&lt;br /&gt; Die Wartenden gehen sich ihrem Schicksal hin. Zu Fuß nach Holguin zu gehen, wäre eine elende Quälerei, Stun­den ohne Wasser durch verbrannte Hügel. Ein paar legen die Strecke auf dem Fahrrad in der Morgendämmerung zurück. Tagsüber aber ist der Platz in der Schlange die einzige, nicht sehr aussichtsreiche Option, überhaupt noch ein­mal wegzukommen.&lt;br /&gt; Und so wartet man. Die Ruhe am Straßenrand wirkt wie die Eselsgeduld von Leuten, denen längst alles egal geworden ist. In Wirklichkeit aber ist es das nicht. Die überall spürbare Unbe­weglichkeit ist keine Lethargie, sie ist Zähigkeit. „Es ist, wie es ist, weil es im Moment nicht anders sein kann&quot;, sagt eine junge Frau.&lt;br /&gt; Das erschöpfendste an der Revolution, denke ich, ist die unerträgliche Langsam­keit des Seins.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Spezialperiodenessen - Habana&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Claudia Roques ist Lehrerin in Ciudad Deportiva , einem Arbeiterbezirk im Süden Habanas. Die 45-jährige Schwarze gehört zu denen, die glauben, daß die cuhanische Krise gerecht verteilt wird. Es gibt „comida de periodo especial&quot; , Spezialperiodenmittagessen: Kochbananen, ziemlich roh, weil der Strom vormittags ausgefallen ist, mit gezuckertem Weißkohl als Nachtisch.&lt;br /&gt; „Klar&quot;, sagt sie „die Lage ist schwierig seit 1990, seitdem wir die &amp;gt;Spezialperiode&amp;lt; haben. Aber niemand leidet Hun­ger.&quot; Sie erzählt, daß es heute Salat gibt auf der Verteilstation. Sie wird mit dem Heft hingehen und sich die Ration geben lassen. Auf die Frage, ob sie lange warten wird, schüttelt sie den Kopf. Vieles sei nur schwierig zu bekommen, aber die Lebensmittel, vor allem das Gemüse, das wäre nicht so knapp, daß sie dafür großartig herum­laufen müßte. Sie wird nach der Schule vorbeigehen, sagt sie, denn sie muß nachmittags wieder arbeiten.&lt;br /&gt; Ihre Mutter, die 73 geworden ist und früher als Büglerin arbeitete, ist nicht weniger gelassen. Sie glaubt, daß „die Revolution diese Schlacht gewinnen wird&quot; - auf Cuba ist immer alles eine „Schlacht&quot;-, „weil wir gar nicht anders können&quot; Dabei betont sie im gleichen Satz, daß es nichts mehr gibt: Seife ist nur noch für Kinder unter 2 Jahren und Alte zu haben, und auch dann nur auf Bezugsschein ein Stück im Monat. Zahn­pasta gibt es, theoretisch, wenn die Rohmaterialien importiert werden konn­ten. Farbe ist nicht mehr zu bekommen, Benzin nur noch von privilegierten Organisationen oder gegen Dollars, die CubanerInnen ohne Ausnahmegenehmi­gung nicht besitzen dürfen. Mehl ist rationiert, pro Person und Tag gibt es ein Winzbrötchen, das etwa ein Drittel so groß ist wie die deutsche Durch­schnittsschrippe, Fleisch ist knapp, weil Futtermittel fehlen und der Großteil der Produktion für den Tourismus verwen­det wird, Milch kriegen nur Kinder und Alte, Fahrräder gibt es zwar, aber kaum Ersatzteile —wer einen Platten hat, hat schlechte Karten-. Selbst beim Tabak gäbe es Versorgungsschwierigkeiten, erzählt sie. Wer mehr als die auf dem Bezugsschein zugeteilte Ration raucht, muß tief in die Tasche langen: für eine Packung Populares sind 8 Pesos zu zahlen, bei ungefähr 200 Pesos monatli­chen) Durchschnittslohn ein stol­zer Preis.&lt;br /&gt; Interessant ist, wie viele Cuba­nerInnen über die Gründe und Zusammenhänge der Wirtschafts­krise Bescheid wissen. Claudia Roques und ihre Mutter sind keine Ausnahme. Das Gespräch über die Import- und Exportzahlen von Zucker und Öl, über Produktionsaus­fälle, das Wirtschaftsembargo und zu erwartende Ernten gehört zu den norma­len Small-Talks der Insel. Die Tageszei­tungen auf der Insel sind zwar nicht viel informativer als der „Rundbrief des Deutschen Apothekerverbandes&#039;&#039;, aber was die ökonomische Lage angeht, macht die Regierung der Bevölkerung nicht viel vor. Auch das erklärt, warum Cuba trotz aller Prophezeiungen nicht zusammengebrochen ist. „Man belügt uns nicht&quot;, sagt die Alte.&lt;br /&gt; Der andere Grund ist, daß die Bevöl­kerung weiß, was sie zu erwarten hat. Clara Roques kaut an den Kochbananen herum, hofft auf bessere Zuckerrohr- preise auf dem Weltmarkt und meint, daß sie „viel zu verlieren hätten.&quot; Was sich wie Selbstironie anhört ist kühler Realismus. „Wenn wir das nicht aushalten, blüht uns wirklich schlimmes&quot;, sagt sie „wir würden nicht leben wie in Miami oder in Europa, sondern wie in Haiti, der Dominikanischen Republik oder Jamaica.&quot; Sie zeigt auf ihr Auge, das sie vor kurzem operieren ließ, und grinst.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Holguin&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Holguin, die heiße Stadt im Osten. Ein­stöckige, aber hohe Häuser zum Teil noch aus der Kolonialzeit, die recht­eckige Architektur der Cuadras, die ausgehend vom Hauptplatz die Stadt in Planquadrate einteilt. Zwischen Hügeln eingekeilte Viertel, trockene Bergzüge nicht besonders hoch, die abends in einen orangen Himmel zerfließen. Dazwischen die obligatorischen Denk­mäler der gefallenen Helden der antispanischen Kriege, zwei erzählen sie im Bus, Fahrräder, die Pidgeon heißen und made in China sind-, Menschen, die auf den Bus oder die Pferdekutsche warten, Kinder in Schuluniformen, Motorradgespanne und Parks, in denen immer Alte auf Bänken sitzen. Enge, in der Altstadt von der Zeit zerfressene Straßen, graue, dunkle Fassaden. Keine Reklame, keine aufwendig erleuchteten Schaufenster, Gelassenheit, aber auch ein Bild der Trostlosigkeit.&lt;br /&gt; Sonst nicht viel. Ein bißchen Nickel, eine große Druckerei, ein paar Fabriken, von denen ich mich nicht mehr erinnere, was sie produzieren. „Die Region gehört zu denen, die die Revolution am meisten vorangebracht hat&quot;, sagt die Nachbarin auf der Parkbank, „früher war hier nichts.&quot; Neuerdings auch Tourismus. Meistens allerdings durchrauschen die Bleichgesichter, kameraumhängt und mit mißtrauischen Blicken, die Stadt nur auf Transit im Bus. Sie kommen vom Flughafen oder werden zum Flughafen gekarrt, in klimatisierten neuen Bussen. „Nun ja, sie bringen Devisen. Das ist wichtig&quot;, die Frau reibt die Finger ihrer Hand „irgendwoher müssen die grünen Scheine ja kommen.&quot; Ob sie die Privile­gien für die reichen Ausländer in Ord­nung findet, ob es mit dem Tourismus nicht wieder sei wie vor 1959? „Haben wir eine andere Wahl?&quot;, fragt sie. Wir schütteln den Kopf und hoffen, daß man uns die Fragen nicht stellt, die immer gestellt werden, nach Dollars, einem Kugelschreiber oder einem Hemd. Wir sind gebrandmarkte bunte Hunde mit der Eintrittskarte in eine andere Welt, den Inturladen, wo es Coca-Cola-Büchsen, Hemden, Seifen und Klopapier - ganz weich- gibt. Wir wollen nicht dazu gehören, aber natürlich tun wir es, und natürlich kommen Kinder vorbei und fragen nach dem Unvermeidbaren: nach Kaugummis einer Dollarmünze, einem Hemd. Im Vorübergehen tuscheln sie einen an, aber ihre Botschaft ist klar: Tourismus in Cuba ist wie in der ganzen Welt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;3.Welt - Una Mierda, Me Entiendes.&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Am Nachmittag holt uns ein Bekannter ab, ein Arzt, 35 Jahre alt, freundlich und augenscheinlich ehrgeizig. Er hält nicht viel von den politischen Zuständen auf der Insel, sagt er, nicht ganz laut, aber offen. Soziale Gerechtigkeit gibt es für ihn nicht. „Während die einen ins Aus­land fahren können und sich schicke Kleidung und Elektro-Geräte besorgen, müssen die anderen zusehen, daß sie ihre Essensrationen auf dem Schwarz­markt aufbessern.&quot; Komischerweise klammert er sich trotzdem an das, was seiner Ansicht nach gut ist auf der Insel: die Sozialversorgung und der Sport. Der Sieg gegen das US-Team im Baseball bei den Olympischen Spielen in Bareclona sei „eine Ohrfeige für das Imperium&quot; gewesen, sagt er, das Sozialsystem „das beste Lateinamerikas&quot;. Seine Augen leuchten.&lt;br /&gt; Sanchez lädt uns in ein Dachcafe in der Altstadt Holguins ein. Der Ort gehört zu den wenigen Ausgehmöglichkeiten für die Bevölkerung in der Stadt. Es gab nie viele Kneipen oder Restaurants in Holguin, und von den wenigen wurden seit 1990 die meisten geschlossen.&lt;br /&gt; Was bleibt, wird einem ziemlich ver­grault: es herrscht realbürokratische Kommandoökonomie: wer herein will, muß zunächst am Türsteher unten an der Straße vorbei. Mit einer dicken Kette hat er die gußeisernen Türen verschlos­sen, und läßt nur jede volle Stunde 10 Menschen hinein. Wenn man nach der Wartezeit die Treppe endlich erklom­men hat, bietet sich ein überraschendes Bild: die meisten Tische sind unbesetzt. Die einfache Erklärung lautet, daß - damit die Bedienung nicht zu viel arbei­ten muß -, immer nur ein paar Kunden hereingelassen werden. Dafür ist die Bedienung umso prompter. Völlig unty­pisch für cubanische Verhältnisse müs­sen wir nicht warten, - nicht einmal bestellen. Es gibt sowieso nur alte Ham­burger und einen Wein,- der wie Bier aussieht und nach Essig schmeckt. Weil vernünftigerweise davon ausgegangen wird, daß alle Kunden nur das konsu­mieren, was es gibt, wird es sofort auf den Tisch gestellt.&lt;br /&gt; Antonio ist unglücklich. Am Neben­tisch, schweren eisernen Gartenmöbeln, besaufen sich Arbeiter. Einem ist der Kopf in den Nacken gefallen, er schnarcht, seine beiden Kollegen gesti­kulieren mit schweren Händen, erzählen sich Geschichten von Habana und Bier, das es nur noch auf dem Schwarzmarkt gibt, für 50 Pesos die Flasche. An einem anderen Tisch, der den Blick über die Straße läßt, schlingt ein junges Pärchen Hamburger in sich hinein. „Studenten haben es schwer&quot;, sagt Sanchez, „sie bekommen in der Uni morgens kein Frühstück.&quot; Sie werden sich noch ein oder zwei weitere Teller bestellen, um die Brotration vom nächsten Tag aufzu­bessern, egal ob die Hamburger alt sind. „Niemand hungert, aber man ist auch nicht richtig satt&quot;, sagt Sanchez, und: „die Wirtschaft dieses Landes ist am Ende&quot;. Verbittert erzählt er vom Schwarzmarkt, daß eine Seife dort einen viertel Monatslohn kostet, und daß die Reisrationen meistens nicht bis zum 31. reichen, daß fast alle handeln würden, daß große Produktionsmengen aus den Fabriken verschwinden, direkt auf die unsichtbaren Märkte, von denen jeder erzählt, die aber nirgends zu sehen sind. Es klingt wie eine vorgeschobene Recht­fertigung.&lt;br /&gt; Am Ende des Abends bittet er uns mit einem Bekannten im Intur-Laden Seife einzukaufen.„Er will 50 Stück holen. Aber er kann ja nicht, wir dürfen die Dollars nicht einmal besitzen.&quot; Wir leh­nen ab.&lt;br /&gt; Sanchez nickt trotzdem. Er macht mit dem Mann manchmal Geschäfte, erzählt er. Vier Dollar entsprechen auf dem Schwarzmarkt einem Monatslohn, dafür kriegt man zwar auch nicht viel, weil die Preise auf dem Schwarmarkt horrend sind, aber auch Kleinigkeiten sind eine Erleichterung für ihn: „Meine Tochter ißt gerne Kekse, die gibt es nicht mehr für Pesos.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Das menschliche Gesicht - Habana&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;„Hier ist zwar vieles nicht gut organi­siert, aber dafür ist einiges ziemlich gut organisiert.&quot; Emilio Montalbán findet Cuba etwas „großartiges&quot;, wahrschein­lich weil er Ausländer ist. Der Venezola­ner wird in Cuba kostenlos gesundheit­lich versorgt. Es gibt zwar einen offiziellen und teuren &amp;gt;Gesundheitstou­rismus&amp;lt;, mit dem Cuba in der ganzen Welt wirbt, aber Montalban hat eine besondere Einladung bekommen und wird kostenlos versorgt.&lt;br /&gt; Mit ihm sitzt Enrique am Tisch, ein Südamerikaner, der in seinem Land in der Guerilla ein Bein verloren hat und von der Hüfte ab gelähmt ist. Enrique lebt seit inzwischen 6 Jahren auf der Insel, in einem ganz normalen Arbeitervorort, wo er von cubanischen Kranken­pflegerInnen versorgt wird. Beide rech­nen der cubanischen Gesellschaft ihr Verhalten hoch an. „Es ist das beein­druckende an Cuba, daß dieses Land in einer solchen Lage noch teilt&quot;, sagt der Beinamputierte. „Auf der &amp;gt;isla de la juventud&amp;lt; sind Tausende von Studenten aus Afrika, in der Stadt triffst du politisch Verfolgte aus allen Ländern Lateinamerikas, es gab Erholungsheime für mehr als 10.000 Kinder aus der Umgebung Tschernobyls. —Und das obwohl auf Cuba fast alle Menschen löchrige Hem­den und kaputte Schuhe tragen.&quot; Montalbán erzählt vom Überlebens­kampf in Caracas, sein Freund Enrique von den mehreren Dutzend kolumbiani­schen Bettlern, die Ende 1991 erschla­gen wurden, um ihre Organe zu verkau­fen. Sie berichten vom Mißtrauen der Armen in den Elendsvierteln, die sich zu viel Solidarität miteinander nicht leisten können, weil Solidarität in ihren Ländern verdächtig macht. Sie beschreiben, wie sich in Lima, Rio oder Caracas die Leute im Bus um Sitzplätze streiten, wie wenig es zählt, wenn jemand alt ist oder ein Kind. Sie sagen: „Menschenrechtsverlet­zungen bei uns, das sind erschossene Straßenkinder, Unterernährung, die phy­sische Vernichtung der Opposition.&quot; und: „In Cuba gibt es den Menschen als einen Wert. Das ist das besondere.&quot; Montalbán fährt sich mit der Hand über die Stirn, es ist heiß, dabei kommen die drückendsten Monate noch: „Dies ist ein Paradies. Ein Paradies in der Krise.&quot;&lt;br /&gt; Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber in einem hat er Recht: der Erfolg oder Mißerfolg des cubanischen Entwick­lungsweges mißt sich nicht am Konsum, dem Wachstum des Bruttosozialprodukts und der Einkommenshöhe. Auch nicht an der Lebenserwartung und den Ärzten pro tausend Einwohner. Der eigentliche Wert, das ist die Zahnärztin, die zu Hause vorbei kommt, weil —man schon 6 Monate nicht mehr bei der Untersu­chung war—, der lateinamerikanische Behinderte, der in seinem Heimatland neben der Müllkippe vor sich hinvege­tieren würde, die Gelassenheit auf der Insel, die immer auch ein Grundni­veau von Hilfsbereitschaft und gegenseitigem Interesse beinhaltet. Kapitalismus ist in seiner Reinform erbitterter Überle­benskampf, in seiner sozialen Variante immer noch Konkurrenz von allen gegen alle; die Tatsache, daß Cuba diese Konkurrenz fehlt, ist das eigentliche. Wir merken es auf dem Feld bei den Campe­sinos, die uns einen Platz in der Kutsche besorgen, damit wir nicht durch den Schlamm müssen, in der Universitätsbi­bliothek, durch die uns der Direktor, ein schmächtiger bescheidender Typ, einen ganzen Tag führt, im Videoclub, in dem man sich wöchentlich trifft, um moderne Kunstfilme zu sehen, auf der Parkbank, in der Schlange, im Bus.&lt;br /&gt; „Wir haben viel zu verlieren&quot;, sagt ein Mann auf der Straße und er redet von etwas, was es bei uns nicht gibt, was in den Statistiken nicht auftauchen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;Die Misere bleibt dennoch. Ich gehe mit Montalban durch Habana Vieja, das alte Viertel der Hauptstadt. „Es ist nicht wie bei uns, aber es ist auch so schlecht genug&quot;, sagt er.&lt;br /&gt; Die Straßen tragen ein kaputtes Gesicht. Von den Häusern blättert der letzte Rest Farbe, die meisten Wände sind von Pilzen und Schwämmen zer­fressen. Manche Straßen müßten unbe­wohnbar erklärt werden, Häusertrakte sind zusammengebrochen oder ausge­brannt, ein Stockwerk durchgekracht, Dächer fehlen. Die Eingänge sehen zum Fürchten aus, dunkel, eng, dreckig. Vorn Glanz der kolonialen Epoche ist nichts geblieben. Die salzige Meeresluft nagt an den Steinen, -wo nicht der Touristen willen ständig saniert wird-, bis nah an den Zusammenbruch. Aber das Viertel ist bewohnt. Die meisten EinwohnerInnen sind Schwarze, viele große Familien, an der Hafenmauer hängen die Freundescliquen in der Brandung, verbringen gelangweilt ihre Nachmittage, lecken die von hochgeschlagenen Schaumkronen salzig gewordenen Lippen. „Ich glaube, sie sind arbeitslos&quot;, sage ich zum Vene­zolaner, aber er antwortet nicht.&lt;br /&gt; Von oben überblickt man das ganze Dilemma. Das Viertel sieht aus wie eine Ruinenstadt in us-apokalyptischen Spiel­filmen, man sieht die nur noch notdürf­tig an einzelnen Stellen zusammenge­flickten Häuserreste, und staunt immer wieder von neuem, daß zwischen den Metallblechen, dem Geröll und den eingefallenen Mauern in den heilgebliebe­nen Räumen Menschen wohnen. Sie sind ganz einfach zusammengerückt. &lt;br /&gt; Es ist die entsetzlichste Seite der Insel wenn man in Vieja sieht, wie die Familien in die hohen Kolonialräume Zwi­schendecken eingezogen haben, um sich neuen Wohnraum zu erschinden. Durch die hohen Fenster kann man in den oberen Zwischengeschossen ihre Beine sehen. „Die cubanische Regierung wollte diese Stadtteile evakuieren&quot;, erzählt Montalbän. „Aber die meisten wollen nicht gehen, obwohl man ihnen neue Wohnungen angeboten hat. Sie hängen an ihrem Viertel. Hier ist das Leben der Stadt, die Kinos, die Theater und vor allem ihre Vergangenheit&quot;. &lt;br /&gt; Man hofft, daß er Recht hat, daß sie geblieben sind, weil sie bleiben wollten, und nicht weil sie mußten. Man riecht den feucht-faulen Geruch, und eilt nervös weiter, denn Vieja ist das einzigar­tige Viertel, in dem einen Unruhe über­kommt, wie sonst in Lateinamerika, und sonst nicht auf Cuba . Es ist das Straßen­gewirr der Marginalisierten, des Schwarzmarktes, der Unzufriedenen. Auch wenn der Schwarzmarkt genauso wenig zu sehen ist wie anderswo, blüht er. Alle erzählen es, allen wird es erzählt. Vielleicht ist es nur Rassismus. Denn Vieja ist das Viertel, das verdächtig macht, wer hier wohnt, wird nach Papieren gefragt, zwangsläufig, denn hier leben sie, die potentiellen Drogen­händler-Kriminellen-Prostituierten. Alle erzählen es. „Hier ist das bittere Gesicht&quot;, sagt Montalban „hier ist Cuba ganz anders. Aber natürlich längst nicht wie bei uns. Gegen Caracas ist auch Vieja kein Ghetto, nur ein einfaches, baufälliges Viertel.&quot;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die letzten Tage verbringen wir in einer Arbeitersiedlung Habanas. Es sind die Plattenbauten, die sich längst nicht so schlecht bewohnen lassen, zumindest auf Cuba, wie es immer heißt. Nach der Arbeit trifft man sich zum Schnaps trin­ken und Mambo- Tanzen, man besucht sich gegenseitig zum Essen oder besorgt füreinander aus „irgendeinem Kanal&quot;. Pablo, bei dem wir wohnen, ist ein ruhi­ger bescheidender Mensch, der seine Portion Kochbananen nicht anders ißt als der Rest der Bevölkerung. Daß er Chef des Transportsektors im staatlichen Tourismusunternehmen Cubanacan ist, erfahren wir erst kurz vor dem Ende. Er ist einer von den nicht wenigen, die beweisen, daß Bürokraten nicht Bürokraten sind. Nicht immer.&lt;br /&gt; „Es tut sich eine ganze Menge&quot;, sagt Pablo. Du siehst es kaum, aber vieles ist in Bewegung geraten.&quot;&lt;br /&gt; Was sich tut, ist ziemlich widersprüchlich. Einerseits ist die Rückkehr kapitali­stischer Ökonomie unverkennbar. In den gewinnträchtigen Branchen nimmt der Anzahl von Joint-Ventures mit Westunternehmen explosionsartig zu. Die Kapitalanteile der Ausländer in den gemischten Unternehmen können die 50% problemlos überschreiten, Ferien- und Hoteldörfer werden von ausländi­schem Kapital aufgebaut und bestimmen ganze Küstengegenden. Die innere Kluft auf der Insel wird damit immer tiefer: während ein Teil der Wirtschaft boomt, bricht ein anderer zusammen. Für ein paar Kleider oder einen Discobesuch gibt es wieder bezahlbaren Sex, buckelt man wieder vor den I3leichgesichtern, bettelt man um Dollars oder einem Kau­gummi, sagt zu den schmierigsten Touristen „mai frend&quot;.&lt;br /&gt; Die Regierung weiß das, aber Ricardo Alarcón, der neue Präsident der Asamblea Nacional del Poder Popular, eine Art Parlamentspräsident, meint lapidar: „Wir haben keine andere Wahl als das trojanische Pferd hereinzulassen.“ - Das gleichzeitig schwierige und einfache der Situation ist, daß es sowieso keine Alternativen gibt. Man kann nur hoffen, daß die Zeit für einen spielt, daß sich der Kapitalismus rapide selbst überholt, zumindest in Osteuropa oder den lateinamerikani­schen Nachbarstaaten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Aber es gibt auch andere, freundli­chere Seiten der Veränderung, z.B. wächst vorsichtig die Konfliktbereit­schaft. Der tiefe Fall von Carlos Aldana, dem ideologischen Kopf der KP und Nr.3 in der cubanischen Hierarchie im Herbst 1992, war ein Zeichen dafür, daß man bereit ist, auch hohe Tiere für Korruption zu bestrafen. Aldana, der von einem ausländischen Geschäftsmann Kreditkarten genommen hatte und im Gegenzug Steuerhinterziehungen begünstigte, verschwand völlig von der Bühne. Auch wenn es keine soziale Gleichheit gibt, Cuba ist nicht das Land der Bon­zen.&lt;br /&gt; Daneben gibt es eine kleine demokra­tische Öffnung. Die Wahlen zur Versammlung des Poder Popular wurden im Februar 1993 zum ersten Mal geheim durchgeführt. Sie sind nie als Parlamen­tarismus nach westlichem Muster gedacht gewesen, aber sie haben die Legitimität der Regierung unter Beweis gestellt. „Sie waren unglaublich wichtig&quot;, meint Pablo, „sie haben als Stimmungs­barometer gedient und Partei und Staat voneinander getrennt.&quot; Über 90% der wahlberechtigten Bevölkerung hat für die Kandidatinnen gestimmt, obwohl westliche Medien weit höhere Ableh­nung prophezeit hatten. „Wir wollen keine Gringo-Demokratie&quot;, sagt Pablo, „aber wir wollen mehr Debatten.&quot;&lt;br /&gt; Er erzählt, daß am Kiosk um die Ecke einer in der Schlange nach zwei Zeitungen verlangt hat, „die nicht das gleiche sagen.“&lt;br /&gt; Alle hätten gelacht, sogar der Mann im Kiosk. „Wir haben Angst, daß die USA Meinungsverschiedenheiten ausnützen werden, deswegen ist diese Öffnung langsam. Aber es gibt sie.“&lt;br /&gt; Daß trotzdem vor allem die Kommandomentalität zu sehen ist, denke ich. Bleiern wartet die Insel auf neue Parolen, auf eine autorisierte Selbstkritik, auf einen Vorschlag, die Dinge anders zu organisieren. Solange das nicht kommt wartet man ab. Darauf, ob man nicht etwa dort das Gemüse anbauen könnte, wo man es braucht, darauf, daß man in der Fabrik etwas anderes herstellen könnte, anstatt gar nichts mehr zu pro­duzieren, darauf daß jemand anderes den Vorgesetzten als korrupt denunziert.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&amp;nbsp;Taxifahrer. —„Bullen und Taxifahrer sind überall Lacras, —Dreckspack-, auch auf Cuba&quot;, sagt eine auf Cuba arbeitende lateinamerikanische Freundin zu mir. Dieser ist anders. Er horcht nicht aus, giert nicht nach Dollars. Der Mann spricht seltsam wie ein Galizier, Argenti­nier, Uruguayer. Nein, er ist aus Habana, meint er. „Ein Glücksfall, alles andere wäre keine Stadt.&quot;&lt;br /&gt; Geschickt weicht er den Schlaglöchern aus, „natürlich haben wir es nicht leicht&quot;, grinst er, „aber wenigstens haben wir es alle nicht leicht.&quot; Ob er denn glaubt, daß es gerecht zuginge. „Du kannst Fidel alles vorwerfen, aber nicht, daß er sich bereichert hat. Das ist ein anständiger Mann, der immer für diese Sache gelebt hat.&quot; Und der Rest der Par­tei? „Klar, gibt es da Schweine, aber wenn sie einen kriegen, dann brechen sie ihn. So wie Ochoa und Aldana- die haben sie erledigt. Das hier ist nicht die Sowjetunion.&quot;&lt;br /&gt; Am Straßenrand fliegen die großen Pla­katwände vorbei— „alles für alle&quot; und „Fiel con Fidel&quot;. „Sie haben viel falsch gemacht-, sagt er „aber du kannst wirk­lich nicht sagen, daß sie es für sich gemacht haben.- Er dreht sich nach hin­ten: „Für diese Umstände hat die Revolu­tion großes geleistet. Wir haben viel zu verlieren.&quot;&lt;br /&gt; Ich atme die Abendluft, im Westen der Stadt steht die Sonne, ich sehe die Hütten den Außenbezirken, die Wohnblocks die neuen Gebäude für Charter gegenüber der eigentlichen Flughafenanlage. Ein Freund hat sich frei genommen, um uns bis hierher zu begleiten, von Terrasse wirft er uns Zigaretten hinterher, Populares. Eine Milizionärin steht herum, unterhält sich gelassen. Auf dem Asphalt liegt Nässe, es wird wieder regnen, denke ich. „Das Wetter war verrückt dieses Jahr.&quot; sagt die schwarze Beamtin. „Si, muy loco&quot;, antwortet einer. Wir winken dem Freund.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das da ist Cuba, alles andere wäre eine Katastrophe, denke ich. Trotz alledem.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 28 Nov 2010 14:08:59 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Die Lehren der Perestroika</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/40/die-lehren-der-perestroika</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;War die Perestroika eine gescheiterte Revolution oder eine erfolgreiche Restauration? Die aktuelle Ausgabe Nr.19 der Zeitschrift &lt;em&gt;Chto Delat?&lt;/em&gt; (&lt;em&gt;Was tun?&lt;/em&gt;) blickt unter dem Titel »Was bedeutet es zu verlieren?« zurück auf den Untergang der Sowjetunion und die Jahre des Umbruchs in Russland. Das folgende Streitgespräch zwischen Artjom Magun – Philosoph aus St.Petersburg und Mit-Herausgeber von &lt;em&gt;Chto Delat?&lt;/em&gt; – und dem Moskauer Soziologen Boris Kagarlitzky haben wir übersetzt und leicht gekürzt.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;War die &lt;a href=&quot;#glossar_perestroika&quot; title=&quot; Umbau, Umgestaltung) bezeichnet den wirtschaftlichen Reformprozess in der Sowjetunion, der ab Mitte der 1980er Jahre die schrittweise Öffnung der sozialistischen Planwirtschaft einleitete. Begleitet wurde die Perestroika von der Abschaffung der Zensur und der Einführung von Presse- und Meinungsfreiheit unter dem Schlagwort Glasnost (Offenheit). Sowohl die wirtschaftlichen als auch der politischen Reformen stießen in der Bevölkerung auf eine große Erwartungshaltung, die bitter enttäuscht wurde. So gelang es der KPdSU unter Präsident Michail Gorbatschow weder, die Produktivität der maroden Fabriken zu steigern, noch, die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern zu gewährleisten. Das Scheitern der Reformen führte schließlich zum Zusammenbruch der Sowjetunion.&quot;&gt;Perestroika&lt;/a&gt; eine gescheiterte Revolution oder eine erfolgreiche Restauration? Die aktuelle Ausgabe Nr.19 der Zeitschrift &lt;em&gt;Chto Delat?&lt;/em&gt; (&lt;em&gt;Was tun?&lt;/em&gt;) blickt unter dem Titel »Was bedeutet es zu verlieren?« zurück auf den Untergang der Sowjetunion und die Jahre des Umbruchs in Russland. Das folgende Streitgespräch zwischen Artjom Magun – Philosoph aus St.Petersburg und Mit-Herausgeber von &lt;em&gt;Chto Delat?&lt;/em&gt; – und dem Moskauer Soziologen Boris Kagarlitzky haben wir übersetzt und leicht gekürzt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Chto Delat?&lt;/em&gt; erscheint in russischer und englischer Sprache und ist im Internet unter &lt;a href=&quot;http://www.chtodelat.org&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;Chto Delat? im Web&quot;&gt;www.chtodelat.org&lt;/a&gt; zu finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Artjom Magun:&lt;/strong&gt; 20 Jahre liegen zwischen uns und den Ereignissen der Perestroika. Historisch gesehen ist das eine ziemlich lange Zeit. Das Spezifische solcher historischen Ereignisse liegt darin, dass sie ihre eigene Bedeutung nicht in sich tragen. Vielmehr bestimmt sich diese Bedeutung »ex post«, das heißt rückwirkend aus dem weiteren Verlauf der Geschichte. Und während die Perestroika langsam in der historischen Vergangenheit verblasst, sind ihre zerstörerischen und katastrophalen Auswirkungen (die während der Perestroika nur von den Rückwärtsgewandten betont wurden) durchaus noch gegenwärtig. Ich denke, wir beide stimmen bei der Beurteilung der aktuellen Lage in Russland grundsätzlich überein. Unsere Differenzen treten erst beim Thema Perestroika zutage: Ich vertrete die Ansicht, dass es sich dabei um eine Revolution handelte, während Sie die Perestroika in Ihrem wegweisenden Buch (Boris Kagarlitzky: &lt;em&gt;Restoration in Russia: Why Capitalism Failed&lt;/em&gt;, 1995) als Restauration charakterisieren. Dabei legen Sie großes Gewicht darauf, den breiteren historischen Kontext zu berücksichtigen – sowohl die innere Geschichte der Oktober-Revolution, die durch die Perestroika beendet wurde, als auch die Geschichte Russlands als »Imperium der Peripherie«, dessen historisches Erbe durch die Sowjetunion in ihrer Spätphase fortgeführt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nichtsdestotrotz wäre auch die rein externe Perspektive auf das Geschehene ungenügend: Ein solches Ereignis ist imstande, die mit ihm verknüpfte Subjektivität auf alle Zeit festzuschreiben. Das Subjekt erfährt im Folgenden eine Reihe von Veränderungen, aber es bleibt das selbe Subjekt. In unserem Fall – dem des post-sowjetischen Russland – handelt es sich dabei um die Bürger_innen der Russischen Föderation, die dem Sowjet-Kommunismus die Treue verweigerten und deren Hoffnungen auf westlichen Wohlstand enttäuscht wurden. Die Perestroika bewirkte zwar eine Subjektivierung, die die Menschen für kurze Zeit politisch aktivierte und mobilisierte. Anschließend blieben sie jedoch sowohl mit der Lust auf Freiheit zurück als auch mit Verachtung für Ideologie, mit einem Hang zu Zynismus und entfremdet von ihren Mitmenschen. Subjektivität ist ein bedeutsamer Faktor in der Politik: Sie ist das ergänzende Gegenstück aller sozioökonomischen Veränderungen. Eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaft kann folgerichtig nur auf einer revolutionären Subjektivität der Massen errichtet werden, auf ihrem Willen, sich selbst zu regieren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Implosion politischer Identifikation&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Meine These, nach der die Perestroika und ihre Nachwirkungen revolutionär waren, habe ich an anderer Stelle im Detail entwickelt. Alle Indikatoren deuten in diese Richtung: In den 1990er Jahren gab es eine (durch die Eliten in Gang gesetzte) beträchtliche demokratische Mobilisierung, in deren Folge die Opposition die Macht ergriff und einen existierenden Staat abbaute und letztlich zerstörte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Noch wesentlicher: Eine sozioökonomische Struktur wurde zerstört und radikal verändert. Die Beziehungen zwischen den Menschen wandelten sich: Sie wurden Konkurrenten_innen und viele Leute traten in gegenseitige Ausbeutungsverhältnisse ein. Der Staat verlor seine Funktion der paternalistischen Umverteilung des Reichtums, wodurch die materielle Ungleichheit anstieg. Wie es in revolutionären Zeiten der Fall ist, nahm das Ausmaß sozialer Mobilität deutlich zu: Manche Leute legten atemberaubende Karrieren hin und machten binnen kurzem ein Vermögen. Es gab nicht die Spur eines ideologischen Konsenses, so dass in den Massenmedien gegensätzliche Ideen und Meinungen aufeinander prallten. Den politischen Kommentar beherrschte ein zynischer, ironischer und extrem obrigkeitskritischer Stil, so dass die Gesellschaft sehr viel »offener« war als in den westlichen »Demokratien«. Aber nicht weniger wichtig – und vielleicht sogar viel wesentlicher – war die Veränderung auf der subjektiven Ebene, die Implosion politischer Identifikation. Zunächst hatte sie durchaus emanzipatorischen Charakter: Sie richtete sich gegen den Dogmatismus und die politische Theologie des Spätsozialismus. In den 1990er Jahren jedoch wich dies der politischen Apathie, einer ablehnenden Haltung gegenüber Politik und führte zur Ansicht, dass jegliche öffentliche Aktivität politischer Betrug sei. Mir scheint, dass diese Situation, hervorgerufen durch die Ernüchterung und Frustration des »revolutionären« Subjekts, ein eigenartiges psycho-ideologisches Nachspiel der Perestroika-Revolution war. Auch wenn es ein destruktiver und kein zukunftsorientierter, utopischer Prozess war, ist die Charakterisierung als Revolution richtig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Perestroika und ihre Nachwirkungen erinnern in vieler Hinsicht an die Französische Revolution. In beiden Fällen versammelte eine neu aufgeklärte Intelligenzija, bewaffnet mit einer Mischung aus Experten-Rationalismus und idealistischem Utopismus (»die Herrschaft des Gesetzes« und »universelle Menschenrechte«), das Volk hinter sich und erreichte eine erstaunliche Einheit unter den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Nach dem Sieg der Revolution jedoch brach diese Einheit sehr schnell zusammen und die Konfrontation innerhalb des Dritten Standes rückte in den Vordergrund. Der Thermidor hatte schon 1794 triumphiert: Er verwarf den revolutionären Idealismus zugunsten der egoistischen Klassendiktatur der Großbourgeoisie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich bin mir jedoch auch Ihrer Position bewusst. Sie sehen die Perestroika als Kulminationspunkt eines historischen Zyklus, der 1917 begann und dessen Ursprünge wiederum bis 1789 zurückreichen. Die Perestroika markiert die Niederlage des linken Projekts und die defätistische Übernahme des alten, liberalen Gesellschaftsmodells und seiner Ideologie. In der Tat fielen jene Ereignisse mit einer Welle des Konservatismus im Westen selbst zusammen (Thatcher, Reagan, Papst Johannes Paul II.). Diese Welle bediente sich der Perestroika, um linke Kräfte und Ideen zu zerstören und um die Hegemonie des liberalen Konservatismus zu errichten. Ich wiederhole jedoch: Diese Makro-Sicht berücksichtigt nicht die innere, subjektive Bedeutsamkeit der Perestroika und der Revolutionen in Ost-Europa. Diese waren eindeutig viel zu emanzipatorisch, um als Restauration bezeichnet werden zu können: Sie waren begleitet durch einen weitverbreiteten utopischen Enthusiasmus, der zugegebenermaßen nur kurz anhielt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und in Russland selbst bewirkten sie das Entstehen der chaotischen, anarchischen Gesellschaft der 1990er Jahre. Zur »Restauration für sich« wurden sie erst unter Putin. Darüber hinaus richtete sich die Restauration auch gegen die Perestroika als Revolution und nicht nur gegen die internationale sozialistische Bewegung. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde die Rhetorik des Regimes offen konservativ und restaurativ. Dies war in den 15 Jahren zuvor anders. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung aus heutiger Perspektive – mehr als zehn Jahre nach der Veröffentlichung von &lt;em&gt;Restoration in Russia&lt;/em&gt;? Wie hängen revolutionäre und restaurative Elemente in der Geschichte der Perestroika und der 1990er Jahre zusammen?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Es gibt nur einen Weg aus der Sackgasse – rückwärts&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Boris Kagarlitzky: &lt;/strong&gt;Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass die objektive Bedeutung eines Prozesses wichtiger ist als die subjektiven Erfahrungen der Teilnehmenden. Ich würde Ihnen durchaus zustimmen, dass die Frage, warum die Massen sich ihrer Rolle in diesen Prozessen nicht bewusst sind und die Folgen ihrer eigenen Handlungen nicht erfassen können, durchaus lohnenswert sein kann. Denn das übliche Gerede von Manipulation erklärt gar nichts: Es ermöglicht höchstens, sich um eine Diskussion des Problems zu drücken. Dabei ist es wichtig festzuhalten, dass die Täuschung der Massen oder die Selbsttäuschung niemals etwas mit Emanzipation zu tun haben. Ganz im Gegenteil: Sie sind das genaue Gegenteil von Emanzipation. Falls das, was wir hier beobachten, den Übergang von dem einen Modell der Kontrolle (äußerlich, auf Zwang basierend) zu einem anderen Modell (innerlich, auf Manipulation basierend) bedeutet, kommen wir vom Regen in die Traufe. Der Anschein äußerer Freiheit wird durch die effektive Unterdrückung innerer Freiheit erreicht. Es wäre falsch zu behaupten, dieses Phänomen hafte der bürgerlichen Demokratie notwendig an. In bestimmten Phasen ihrer Entwicklung ist sie auf die bewusste (obgleich begrenzte) Mitwirkung der Massen angewiesen. Sie basiert auf einem bewussten Klassenkompromiss, in unserem Fall jedoch ist – egal, von welcher Seite aus betrachtet – von bewusster Klassenpolitik nichts zu sehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Weshalb aber wurden die Massen getäuscht? Oder weshalb ließen sie sich täuschen? Am Ende ist es gar nicht so wichtig, welches von beidem der Fall war: Wir diskutieren die Beweggründe der Getäuschten, nicht die moralische Verantwortung derjenigen, die die Täuschung vollführten. Wie ich andernorts geschrieben habe, waren die Ereignisse von 1989-1992 ein unvermeidbarer Prozess. Er war objektiv reaktionär, aber zur gleichen Zeit historisch notwendig, auch aus Sicht des zukünftigen Fortschritts. Es gibt nur einen Weg aus einer Sackgasse – rückwärts. Diese Rückwärtsbewegung ist absolut notwendig, wenn man vorwärts kommen möchte. Trotzdem ist sie zunächst rückwärtsgewandt – regressiv und reaktionär.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die sowjetische Gesellschaft befand sich in einer historischen Sackgasse, aus der es keinen progressiven Ausweg gab. Ich spreche hier nicht von theoretischen Modellen, die wir – als schöne Utopien – zu jedem Zeitpunkt anfertigen können (wir selbst entwarfen damals voller Enthusiasmus solche Modelle). Vielmehr geht es mir um durchführbare politische Entscheidungen, die von breiter Unterstützung, Ressourcen und objektiven, »externen« Bedingungen getragen werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die einzige derartige Möglichkeit war die Restauration des Kapitalismus. Mehr noch: Diese Restauration musste synchron mit den allgemeinen weltweiten Trends der globalen Entwicklung verlaufen – also Neoliberalismus, Abwicklung der Errungenschaften der Arbeiterbewegung im Westen, Kollaps und Wiedergeburt der nationalen Befreiungsbewegungen in der so genannten Dritten Welt und die völlige moralische Kapitulation der Sozialdemokratie. Die Perestroika war ein organischer und sehr zentraler Bestandteil dieses Prozesses. Sie gab ihm einen neuen Impuls und ermöglichte den Triumph des Kapitals in nie dagewesenem Ausmaß. Zu diesem Triumph des Kapitals kam es außerdem in einer Epoche, in der sich die fortschrittliche Rolle des Bürgertums völlig erschöpft hatte. Im Viktorianischen Zeitalter hatte das Bürgertum einen realen zivilisatorischen Auftrag (ob man das mag oder nicht). Marx hat dies nüchtern betrachtet. Solch eine zivilisatorische Mission gibt es heutzutage nicht.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das revolutionäre Potenzial der Perestroika?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Sie vertreten, wie auch Alexander Shubin in seinem Buch &lt;em&gt;Betrogene Demokratie&lt;/em&gt;, die Sichtweise, dass die Bewegung der Perestroika ein revolutionäres Potenzial enthielt, welches im Folgenden von den alten und neuen Eliten zerstört wurde. Dabei machten die objektiven historischen Umstände und das soziokulturelle Kräfteverhältnis in Russland ein solches Resultat von vornherein unausweichlich. In den Jahren 1988-89 mögen wir das nicht verstanden haben. Ich habe es 1990 erkannt. Das ändert jedoch nichts an der Lage der Dinge, sondern lediglich unsere Bewertung der eigenen Rolle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zu diesem Zeitpunkt wurde mir auch die Ausweglosigkeit des marxistischen politischen Kampfes unter den gegebenen Umständen klar. Wir konnten uns nicht gegen einen Prozess stellen, der objektiv notwendig war (auch für den zukünftigen Erfolg unserer eigenen Sache). Aber genauso wenig konnten wir ihn unterstützen, da er objektiv reaktionär war: Er hatte kurzfristig katastrophale Folgen für die Mehrheit der Bevölkerung. Uns blieb nur, an zwei Fronten gleichzeitig zu kämpfen sowie die politische und gesellschaftliche Bedeutung des Geschehens in einer Situation zu erklären, in der das 1988/89 gelockerte Ausmaß von Kontrolle wieder massiv zunahm. In den Jahren 1990 bis 1994 standen die Massenmedien unter ungleich stärkerer Kontrolle als es heute der Fall ist. Die Liberalen filterten streng jedes Wort, das über den Äther ging. Wir konnten nicht einmal davon träumen, dass in den seriösen Massenmedien über uns berichtet wurde. In dieser Hinsicht ist das Putin-Regime weitaus liberaler als das Jelzin-Regime.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei Revolutionen kommt es typischerweise dazu, dass die Eliten einen Prozess anstoßen, über den sie dann die Kontrolle verlieren. Neue Kräfte treten auf den Plan und ergreifen, unterstützt von den Massen, die Initiative. Bezeichnenderweise beklagt der eben genannte Shubin genau das Ergreifen der Initiative seitens der Eliten gegenüber den Massen. In anderen Worten: Es geschah etwas, das in einer Revolution nicht passiert oder ihr geradezu entgegengesetzt ist. Stellen Sie sich vor, dass etwas Derartiges im Frankreich oder England des 18.Jahrhunderts geschehen wäre. Anstatt Cromwell oder Robespierre hätten wir einen Dynastie-Wechsel gehabt, gefolgt von dem Versuch, die durch den Absolutismus zerstörte feudale Ordnung wieder herzustellen. Würden wir dies (auch mit der Beteiligung der Massen in der Frühphase) eine Revolution nennen? Natürlich nicht - das fiele niemandem ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Rückwärtsbewegung überdeterminierte die Verwirrung, die für die späten 1980er und frühen 1990er Jahre typisch war – Rechte wurden »links« genannt und umgekehrt. Aber die Bedeutung dessen, was geschah, ist recht simpel. Liberale kämpften dafür, die reaktionäre und rückwärtsgewandte Bewegung (die »Rückkehr in den Mainstream der Geschichte«) abzusichern, während wir darum kämpften, bei der ersten Gelegenheit eine Umkehr zu ermöglichen und wieder vorwärts zu kommen. Dieser Kampf hält bis heute an, nur die Lage hat sich verändert. Das Kräfteverhältnis ist anders.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich sucht sich jeder Mensch seinen Platz in dieser Konfrontation. Die Intelligenzija unterstützte die Liberalen in deren reaktionärer Mission, nahm so eine ideologisch anti-demokratische Position ein und unterschrieb ihr eigenes Todesurteil: Sie verwarf die Tradition der &lt;em&gt;Narodniki&lt;/em&gt; (&lt;strong&gt;»&lt;/strong&gt;Volksfreunde« – sozialrevolutionäre Bewegung im Russland des 19. Jhdt. Anm. d. Ü.) und hörte auf, Intelligenzija zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Artjom Magun&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;:&lt;/strong&gt; In Ihrer »Althusserianischen« Lesart der Perestroika zeigt sich für mich die distanzierte Perspektive des Experten. Sie stellen dem spontanen politischen Kampf von Menschen, die sich in einer unvorhersehbaren Situation mit offenem Ausgang wiederfinden, eine lineare Vorstellung von Geschichte gegenüber (»vorwärtsgewandt«, »rückwärtsgewandt«), und in dieser Vorstellung steckt eine satte Portion von historischem Determinismus. Was mir da fehlt, ist ein Sinn für die Offenheit der Geschichte und für die Aufgabe, freie Institutionen auf jener sozioökonomischen Grundlage zu schaffen, welche in einem Moment gegeben ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Boris Kagarlitzky:&lt;/strong&gt; Ganz im Gegenteil: Ich vertrete, dass Linke die kapitalistische Restauration hätten bekämpfen sollen, und dies im Bewusstsein (oder auch ohne dieses), dass der Kampf von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Als Teilnehmer an diesem Ereignis habe ich genau in dieser Weise gehandelt. 1991 war mir klar geworden, dass der Widerstand gescheitert war – auch wenn es Momente gab, in denen es so aussah, als hätten wir eine Chance. Auf der anderen Seite geht es bei diesem Kampf nicht um den heutigen Sieg, sondern um den morgigen. Das ist normal: Wir müssen häufig einen Kampf aufnehmen, von vornherein wissend, dass wir ihn nicht gewinnen können.&lt;/p&gt;


&lt;!--
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 <pubDate>Fri, 08 Jan 2010 21:05:38 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Willkommen im Club der linken Versager</title>
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                    &lt;p&gt;»Die Stunde der Niederlage bringt der Sowjetunion noch einen letzten Applaus. Es wird im Moment ihres Scheiterns, in ihrem Verzicht auf Rache und unnützes Blutvergießen jene friedliche und menschenfreundliche Utopie noch einmal erneuert, die den Kern der marxistischen Ideologie ausmacht und die durch die Bolschewiki zu Zeiten ihrer Macht so oft desavouiert worden ist.« (Rainer Bohn 1991)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gemessen an dem Anspruch, Ausbeutung und Unterdrückung zu beenden und allen Menschen ein Leben ohne Hunger und Personalausweis zu ermöglichen, sind sie alle gescheitert – die Linken. Zuerst diejenigen, die sich von diesem Anspruch – meistens eher heimlich – verabschiedeten bzw. ihn verrieten. Sozialdemokratinnen also, gleich welcher Farbe, rot, grün oder ähnlich, und unabhängig davon, ob sie sich als Partei, Gewerkschaft oder Pfeifenclub organisierten.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;»Die Stunde der Niederlage bringt der Sowjetunion noch einen letzten Applaus. Es wird im Moment ihres Scheiterns, in ihrem Verzicht auf Rache und unnützes Blutvergießen jene friedliche und menschenfreundliche Utopie noch einmal erneuert, die den Kern der marxistischen Ideologie ausmacht und die durch die Bolschewiki zu Zeiten ihrer Macht so oft desavouiert worden ist.« (Rainer Bohn 1991)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gemessen an dem Anspruch, Ausbeutung und Unterdrückung zu beenden und allen Menschen ein Leben ohne Hunger und Personalausweis zu ermöglichen, sind sie alle gescheitert – die Linken. Zuerst diejenigen, die sich von diesem Anspruch – meistens eher heimlich – verabschiedeten bzw. ihn verrieten. Sozialdemokratinnen also, gleich welcher Farbe, rot, grün oder ähnlich, und unabhängig davon, ob sie sich als Partei, Gewerkschaft oder Pfeifenclub organisierten. Dann all jene, die sich hiervon überhaupt verraten fühlen durften, weil sie dem Anspruch, die Welt einmal in Gänze nach links zu drehen, treu geblieben waren. Rätekommunistinnen oder Anarchafeministen, Republikanerinnen oder Kommunarden, die mutig auf die Barrikaden stiegen – und dort auch verblieben. Wenn sie nicht noch dahinter erledigt wurden von schließlich jenen, die gerade in ihrem Erfolg scheiterten, nämlich eher die Macht übernahmen, als die Welt zu verändern. Jene also, die sich – zunächst aber alle anderen – zu Tode siegten, Leninistinnen, (Post-)Stalinisten, Staatssozialistinnen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gescheitert sind sie alle, aber keiner will’s gewesen sein. Die Sozialdemokratinnen nicht, weil sie ja gar nicht gewinnen wollten, also auch eigentlich nicht verlieren konnten. Die Anarchistinnen nicht, weil an ihrer Niederlage nicht sie, sondern ausschließlich ihre Feinde die (moralische) Schuld trugen. Und die Kommunistinnen nicht, weil sich ihre Taten in der Gegenwart noch gar nicht, sondern erst aus der Perspektive der kommunistischen Zukunft beurteilen ließen. Eine noch völlig unbekannte kommunistische Zukunft, versteht sich, von der aber so viel bekannt war, dass sie noch das versauteste Mittel anerkennt, wenn es nur zum saubersten Zweck führt, welcher eben diese Zukunft selbst ist. (Dass die Sowjet- wie auch die DDR-Führung jede Statistik in eine optimistische umlog, bis sie selbst nicht mehr richtig rechnen konnte, lag vor allem am Misstrauen, dass sie ihren Untertanen entgegenbrachte. Im geschlossenen Kreis ließen sich Irrtümer leicht zugeben, denn diese fielen nicht weiter ins Gewicht vor der Geschichte großem Weltgericht). &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Von hier aus lässt sich das gewaltige Seufzen 1989/91 verstehen, mit dem nicht nur ein Imperium abdankte, sondern auch dessen und – gemäß seines universalistischen Anspruchs – unser aller Zukunft. Für die Kommunistinnen, die immer auf die Gesetze des Fortschritts vertraut hatten, gab es plötzlich kein Vorwärts mehr und keine Flucht nach vorn. Wo vorher eine Kette von Begebenheiten erschien, da war im Blick zurück nur noch eine einzige Katastrophe zu sehen (Walter Benjamin), ein Schuldenberg, der unablässig Rechnung auf Rechnung häufte, welche nach 73 Jahren alle auf einmal fällig wurden. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dabei brachte die Staatsverschuldung die DDR aus ökonomischer Perspektive bereits Ende der 1980er an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Ungefähr 1987 hatten Mitarbeiterinnen des Instituts für Wirtschaftswissenschaft der Akademie der Wissenschaften ausgerechnet, dass die Mittel für die sozialistischen Subventionen fast aller Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs – Brot und Brötchen, Milch, Nudeln und Schuhe, Mieten, Energie und Fahrpreise – in zwei Jahren nicht mehr ausreichen würden. Damit war vorherzusehen, dass der von Reagan 1981 proklamierten Strategie, die Sowjetunion im Wettrüsten zu besiegen, ein baldiger Erfolg beschieden sein würde. Da die Oststaaten die Investitionen in Hochtechnologie kaum verkraften konnten und auch der Bau jedes konventionellen Panzers den doppelten Aufwand erforderte – die Arbeitsproduktivität der UdSSR lag etwa 50 Prozent unter derjenigen der USA –, war die ökonomische Niederlage des real existierenden Sozialismus absehbar. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Niederlage, nicht jedoch das Scheitern. Denn gescheitert war der Sozialismus, der sich bekanntlich nicht in erster Linie über die Entfaltung der Produktivkräfte, sondern über die Umwälzung der Produktionsverhältnisse definiert, bereits viel früher: mit der Entmachtung der Räte, der Bürokratisierung der Ökonomie, der Aufgabe der Arbeiterkontrolle, der Unterdrückung der Gewerkschaften. Das Ziel der klassenlosen Gesellschaft war mit dem Verbot der Arbeiteropposition und der Niederschlagung des Kronstädter Aufstands, die beide wenig mehr getan hatten, als an diese sozialistischen Versprechen der Oktoberrevolution zu erinnern, schon 1921 gestorben. 1989/91 markierte so nur das letzte Offenkundigwerden dieses Todes, der bereits ein halbes Jahrhundert zuvor eingetreten und lediglich propagandahaft überschminkt worden war. &lt;br /&gt;Als Scheitern konnte dieses Ableben eines Zombiesozialismus nur erscheinen, weil die sozialistischen Staaten die Devise ausgegeben hatten, die kapitalistische Konkurrenz zu »überholen ohne einzuholen«, wie es Walter Ulbricht bereits 1957 formulierte. Dabei war klar, dass die sozialistischen Staaten keine Parallelökonomie jenseits des kapitalistisch organisierten Weltmarktes würden errichten können. Nur gemessen an dieser auf quantitative Produktivkraftentwicklung reduzierten, von den Konsumwünschen der Bevölkerung getriebenen Plan-Vorgabe, scheiterten die staatssozialistischen Regierungen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Für die linken Oppositionen, die sich in mehr oder minder radikaler Distanz zu diesen Regierungen befanden, stellten sich die Ereignisse logischerweise anders da. Die Künstler-Bohème der DDR, die während der 1970er und 1980er Jahre um antiautoritäre Freiräume gekämpft und die erstarrten Konventionen künstlerisch subvertiert hatte, versickerte Ende der 1980er Jahre langsam im Westen oder ließ sich von den konzilianteren Kulturfunktionären vereinnahmen. Sie begrüßte nicht nur die Reformbemühungen in der DDR, sondern akzeptierte auch den Eintritt in den bundesrepublikanischen D-Mark-Markt, in dem sie sich teilweise recht schnell zu verwerten wusste. Die Bürgerrechtlerinnen, die sich vornehmlich im Rahmen des Protestes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns konstituiert hatten und sich neben dem Kampf um Menschenrechte auch mit ökologischen Fragen beschäftigten, waren zusammen mit der Punkbewegung der stärksten staatlichen Repression ausgesetzt. Angesichts von Perestroika in der Sowjetunion und Massenflucht von DDR-Bürgerinnen über die ungarischen Grenzen in den Westen initiierten sie die Montagsdemonstrationen. In ihrer Mehrheit strebten sie eine Demokratisierung der DDR unter Beibehaltung der sozialen Errungenschaften an. Nach 1989 wurden die Bürgerrechtlerinnen grün, gingen zur CDU oder ließen sich als IM enttarnen. Fortan pflegten sie größtenteils einen aggressiven Antikommunismus. Die linke Opposition innerhalb der SED und die Intellektuellen suchten nach einer Reform des Sozialismus in der DDR, nicht zuletzt weil sie um die wirtschaftliche Prekarität des Systems wussten. Aber die Prognose der ökonomischen Krise war nicht gleichbedeutend mit der Prognose ihrer politischen »Lösung«. Die reaktualisierte Hoffnung auf einen Sozialismus mit menschlicherem Antlitz wurde im Übergang von »Wir sind das Volk« zum deutschnationalistischen »Wir sind ein Volk« hinweg gefegt. Die historisch gebildeten SED-Linken hatten sich nicht vorstellen können, dass die UdSSR sich so geräuschlos aus der DDR verabschieden und kurz darauf implodieren würde. Gelähmt mussten sie feststellen, »dass die politische Alternative zu 200 Jahren Menschheitsgeschichte so verschwand, wie es ihre Gegner höhnisch prognostiziert hatten: nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln« (Jan-Philip Reemtsma 1991). &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mindestens ebenso überrascht waren die Linken im Westen. Für die autonome Linke formuliert Klaus Holz rückblickend: »Alle waren paralysiert und hingen vor der Glotze. Wer etwas anderes sagt, lügt.« Dies trifft selbst auf jene Teile der Linken zu, die ihre politische Glaubwürdigkeit gerne aus der Behauptung speisen, die zukünftigen Weltläufe vorhersagen zu können. Die Konkret-Ausgabe vom Oktober 1991 lässt eine Reihe prominenter Stimmen ihren Schock in Worte kleiden. Die Reaktionen auf das Scheitern des Putsches staatstreuer Kommunistinnen im August desselben Jahres, die versuchten, den Staatssozialismus und die Sowjetunion vor Gorbatschow zu retten, dadurch Jelzin an die Macht spülten und das Ende der Sowjetunion besiegelten, unterscheiden sich nicht zuletzt darin, wie nah die Autorinnen dem sowjetischen System standen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Als Scheitern, im eigentlichen Sinn, wurde dieses Ende nur von jenen Teilen der westdeutschen Linken erfahren, die aus Gründen ideologisch-finanzieller Nähe »und der (wie sich zeigte: fehlgeschlagenen) Strategie an der UdSSR festgehalten« hatten (Georg Fülberth). Für jene vor allem aus dem Umfeld der DKP stammenden Marxistinnen-Leninisten, die »ihr Schicksal über drei Generationen mit dem roten Oktober verbanden, ist der Abgang des Realsozialismus, letztlich unter dem Druck breiter Massenbewegungen, ein traumatisches Ereignis« (Heinz Jung). &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Gegensatz dazu konzipierte der Großteil der marxistischen Linken, der keinerlei Affinität zum poststalinistischen Sozialismus hatte, den Untergang der Sowjetunion als eine Niederlage. Eine Niederlage, von der nichtsdestotrotz »wir alle betroffen sind« (Winfried Wolf). Auch wer dem zusammengekrachten Regime »keine Träne nachweinte«, kam, wie Jan-Philip Reemtsma, nicht umhin den welthistorischen Charakter dieses Ereignisses anzuerkennen: »1789 war das Datum, das symbolisch steht für den Kampf um politische, 1917 für den um soziale Gleichheit. Der weltweit widerspruchslose Widerruf dieses Symboldatum markiert das Ende der Linken.« Noch trauriger formulierte Wolfgang Pohrt diese Erkenntnis: »Die endgültige Niederlage der Oktoberrevolution hieß, dass die Menschheit sich keine Hoffnungen mehr auf einen Zustand machen durfte, der sich grundlegend vom aus den Geschichtsbüchern schon bekannten unterscheiden würde.« &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Für die autonome Linke, die wie etwa die Freiburger Ex-Anti-Nato Gruppe Sowjetunion und DDR jeden sozialistischen Anspruch absprach und sie mit dem Begriff des Staatskapitalismus zu fassen suchte, stand weniger der Begriff der Niederlage im Zentrum der Perspektive, sondern jener des Sieges – von Kapitalismus und Imperialismus. Nur vermittelt verband sich dieser Siegeszug mit einer Niederlage: dem Verlust vieler erkämpfter Freiräume, dem Abbau des Sozialstaats, auf dessen Stütze nicht nur viele Linke, sondern auch eine Vielzahl ihrer Projekte basiert hatte, der Einschränkung der Freiheitsrechte (Unverletzlichkeit der Wohnung - Art. 13 GG) und nicht zuletzt der de facto Abschaffung des Grundrechts auf Asyl (Art. 16 a GG), welche sich offiziell als Reaktion auf den Volks(gemeinschafts)willen legitimierte, der in den rassistischen Pogromen von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda (Ost), Solingen und Mölln (West) kundgetan wurde. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In der Revision der Nachkriegsordnung tauchte so mit Panik verbreitender Gewalt eine alte Frage wieder auf, die »Deutschenfrage« (Detlev zum Winkel). An ihr spaltete sich der den Neuen Sozialen Bewegungen nahe stehende Kommunistische Bund (KB) zum letzten Mal: in eine Fraktion, die in der Ostlinken und deren Partei eine Chance für Bündnispolitik erblickte und eine Fraktion, die sich im Zusammenschluss mit autonomen Gruppen als Radikale Linke unter der Parole »Nie wieder Deutschland« sammelte. Auch wenn der Begriff des »Vierten Reichs« aus der Diskussion bald wieder verschwand, bewahrheiteten sich die Anfang der 1990er diesbezüglich formulierten Prognosen mit erschreckender Präzision: Das deutsche Kapital machte große Teile Osteuropas zur verlängerten Werkbank, der deutsche Staat führte wieder Krieg und die deutsche Gesellschaft begrub »ihre NS-Vergangenheit unter den Trümmern des DDR-Staates« (Wolfgang Schneider 1991). &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;1989/1991 siegte der Antikommunismus über seine vielzähligen, unterschiedlichen und zerstrittenen Feinde. Der Kommunismus jedoch scheiterte nicht - sondern höchstens der letzte, schon gänzlich kraftlose Versuch seiner Rettung. In dieser Perspektive reiht sich das Datum ein in die nach dem Tod Stalins wiederaufgenommene Kette von Reformversuchen, die sich vom Aufstand in Ungarn 1956 bis zum Prager Frühling 1968 spinnt. Wie 1956 mit Chruschtschows Geheimrede kam auch diesmal die Hoffnung von oben, von Gorbatschows Glasnost und Perestroika, zaghaften Versuchen des Aufbrechens von Verkrustungen und der Entbürokratisierung, beginnend im Jahr 1987. Nur vier Jahre später, im August 1991, verbot Jelzin die KPdSU und beschleunigte das absehbare Ende der Sowjetunion. Das winzige Fenster für einen anderen Ausweg aus dem »sehr alten und auf Dauer ermüdenden Spiel, dessen Varianten Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg heißen« (Wolfgang Pohrt) hatte sich geschlossen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Enzo Traverso hat in seinen »Gebrauchsanleitungen für die Vergangenheit« darauf aufmerksam gemacht, dass sich mit dem »Ende der Geschichte« auch die Erinnerungs- und Geschichtspolitik transformiert. In der DDR waren die Verfolgten des Nationalsozialismus in eine abgewertete Gruppe der Opfer des Faschismus und eine favorisierte Gruppe der Widerstandskämpfer gegen den Faschismus geteilt, von welchen letztere im antifaschistischen Staat nachträglich zu Siegern geworden waren. Mit dem Ende dieses antifaschistischen Staates verwandelten sie sich allerdings nicht in Besiegte. Denn an die Stelle der im Diskurs - nicht nur dem der Linken - populären Figuren von Siegern und Besiegten, war bereits das Paar von Täter und Opfer getreten. &lt;br /&gt;Es ist dieselbe historische Bewegung, in welcher auch der Begriff des Scheiterns seinen Auftritt hat. Ebenso wie der Begriff des Opfers jenen der Besiegten verdrängt, geht der psychologische Diskurs des Scheiterns mit dem Verschwinden des politischen Begriffs der Niederlage einher. Mit einigem Recht darf somit danach gefragt werden, ob sich die Frage des Scheiterns nicht vor allem innerhalb der depolitisierenden Strategie des Neoliberalismus artikuliert, die mittels der Technik der Subjektivierung die Gesellschaft und ihre Kämpfe zum Verschwinden bringt. Zur gleichen Zeit eröffnet aber auch das neoliberale Dispositiv eine ihm eigene Perspektive auf Geschichte, die es im Moment seines Sturzes aufzuheben gilt. Denn die Niederlage wird denen, die sie erleidenden, von außen beigebracht, von einem überlegenen Gegner. Wer aus ihr lernen will, lernt, beim nächsten Mal mit einer verbesserten Taktik, einer gründlicheren Analyse, vor allem einer größeren Masse vorzugehen. Das Scheitern aber geht tiefer. Es ist – unter ideologischer Ausblendung aller Bedingungen – immer ein Scheitern an uns selbst. Was sich daraus lernen lässt ist Folgendes: Warum auch unter anderen (auch unter besten) Bedingungen, die gleiche Politik nicht zum gewünschten Erfolg geführt hätte. Oder materialistisch gewendet: Wie sich den gleichen, bescheidenen Umständen eine andere Politik hätte abtrotzen lassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;


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