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 <title>arranca! - Rohstoffe</title>
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 <title>Kein Blut für Petro-Dollar?</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/36/kein-blut-fuer-petro-dollar</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Auch Verschwörungstheorien haben manchmal einen realen Kern. Die Initiative Nachrichtenaufklärung nominiert seit zehn Jahren vernachlässigte Nachrichten. Im Jahr 2005 befand sich unter den Top-Ten die Meldung, dass der Iran eine internationale Ölbörse plant. Der Rohstoff, der die Welt bewegt, sollte dort nicht mehr in US-Dollar, sondern in Euro gehandelt werden. Die Begründung für die Wahl dieser Nachricht liegt auf der Hand: Die Denomination einer der wichtigsten Rohstoffe des globalen Kapitalismus in Euro hätte Auswirkungen auf die ganze Weltwirtschaft und auf das Verhältnis zwischen USA und EU – den zwei größten Wirtschafts- und Machtblöcken der Welt.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Auch Verschwörungstheorien haben manchmal einen realen Kern. Die Initiative Nachrichtenaufklärung nominiert seit zehn Jahren vernachlässigte Nachrichten. Im Jahr 2005 befand sich unter den Top-Ten die Meldung, dass der Iran eine internationale Ölbörse plant. Der Rohstoff, der die Welt bewegt, sollte dort nicht mehr in US-Dollar, sondern in Euro gehandelt werden. Die Begründung für die Wahl dieser Nachricht liegt auf der Hand: Die Denomination einer der wichtigsten Rohstoffe des globalen Kapitalismus in Euro hätte Auswirkungen auf die ganze Weltwirtschaft und auf das Verhältnis zwischen USA und EU – den zwei größten Wirtschafts- und Machtblöcken der Welt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mehr noch: Einige stellen sich sogar die Frage, ob ein weiterer Krieg bevorsteht, in dem die USA versuchen wird, die Ölwährung US-Dollar mit militärischer Gewalt zu sichern? Schließlich hatte auch der Irak vor dem US-Angriff den Ölhandel auf Euro umgestellt und allein durch den Kursverfall des US-Dollar gegenüber dem Euro 15% mehr Gewinn eingeheimst. Auch Venezuela hat sich bereits offen für die Idee einer Umstellung gezeigt. Was ist dran an der etwas differenzierteren Variante des Arguments „Krieg für Öl“: Krieg für die Leitwährung US-Dollar?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Weltmacht der USA beruht auf der Stellung des US-Dollar als globale Leitwährung. Das US-Zahlungsmittel wird in allen Staaten akzeptiert, alle wollen es haben. Damit können sich die USA leisten, was sich kein anderes Land der Welt erlauben kann: Die Weltmacht gibt permanent mehr Geld aus als sie einnimmt. Dies belegen das US-Staatsdefizit (2005 über 300 Mrd. US-Dollar) sowie das Minus von fast 800 Mrd. US-Dollar, das die USA jährlich im internationalen Handel erzielen. Diese Defizite finanzieren die USA durch Verschuldung. Das funktioniert, weil die globale Nachfrage nach dem US-Dollar die USA schier unbegrenzt kreditwürdig macht, und eröffnet den USA große Freiheit bei ihrer Ausgabenpolitik – die US-Regierung ist immer zahlungsfähig, auch wenn sie gar nicht so viel Geld hat, wie sie ausgeben will.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Weltgeld US-Dollar&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Grund für die Dominanz des US-Geldes ist nach Meinung von KritikerInnen, dass auf dem Weltölmarkt in US-Dollar abgerechnet wird. Wer Öl kaufen will, muss sich seit den 1970er Jahren – seitdem sich die OPEC dazu entschlossen hat, ausschließlich US-Dollar für Öl zu akzeptieren – die US-Währung besorgen. Das sichert dem US-Geld, so die KritikerInnen, eine permanente Nachfrage – unabhängig von der Konjunktur der US-Wirtschaft, und funktioniert nur, weil der US-Dollar seit Ende des Zweiten Weltkriegs Leitwährung auf dem Weltmarkt ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für den globalen Kapitalismus ist ein international anerkanntes Geld, ein Weltgeld, notwendig. Gleichzeitig ist der ökonomische Raum in Nationalstaaten und Währungsräume aufgeteilt. Daher muss eine nationale Währung die Funktion der internationalen Leitwährung übernehmen. Diese Währung fungiert als internationales Wertmaß, mit dem es überhaupt möglich ist, grenzüberschreitend Waren auszupreisen, zu zahlen, zu kaufen und Kredite zu vergeben. Gleichzeitig ist sie ein international gültiges Wertaufbewahrungsmittel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber nicht jede Währung eignet sich als Leitwährung. Ein Staat bzw. dessen Zentralbank muss den Willen und die Möglichkeit haben, die Stabilität der Leitwährung zu verteidigen – politisch und ökonomisch. Dafür ist wirtschaftliche Potenz in der Weltwirtschaft nur eine notwendige, nicht jedoch eine hinreichende Bedingung. Der betreffende Staat muss zudem politisch und militärisch dominieren können und wollen. Insofern kann man für heute sagen, dass die Macht der USA nicht nur auf dem US-Dollar beruht, sondern auch die Stellung des US-Geldes auf der Macht der USA.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Noch immer wird der internationale Handel vorwiegend in US-Dollar abgewickelt. 40% des Welthandels mit Gütern und Dienstleistungen sowie der grenzüberschreitenden Forderungen lauten auf US-Dollar. Trotz sinkendem Anteil und einem aufholenden Euro ist die US-Währung mit über 65% immer noch die Reservewährung Nummer Eins. Zudem laufen fast 70% des Devisenhandels in US-Dollar. Nur bei der Denomination von Wert papieren hat der Euro den US-Dollar inzwischen überholt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Keine andere Währung genießt mehr Vertrauen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Funktion des US-Dollar als Leitwährung hat Folgen – nicht nur für die USA. Viele Staaten der Dritten Welt müssen per Export oder Verschuldung US-Dollar einnehmen, da ihre lokale Währung international nicht akzeptiert wird. Auch Staatsanleihen müssen viele Länder vor allem in der US-Währung ausgeben, weil das Geldkapital nicht bereit ist, in unsicheren Währungen Kredit zu gewähren. Damit wird die Staatsschuld vieler Staaten abhängig vom Wechselkurs des US-Dollars. Die USA hingegen können sich nicht nur in der eigenen Währung verschulden, sondern können auch aufgrund der Nachfrage nach US-Dollar weiterhin auf ihre Währung als Leitwährung setzen. Dies ist anderen Weltwährungen wie dem britischem Pfund oder dem japanischem Yen so nicht möglich, und auch dem Euro wird weltweit nicht im selben Maße vertraut wie dem US-Dollar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Weil der US-Dollar bisher unangefochten an der Spitze der Währungshierarchie steht, wird mit ihm international Öl gehandelt und halten ihn alle Zentralbanken vornehmlich als Währungsreserve. Vor dem Hintergrund des US-Handelsdefizits und der hohen Staatsverschuldung wird deutlich, welches geradezu unlösbare Problem auf die USA zukommen würde, müssten sie Öl in fremder Währung importieren. Auch deswegen müssen die USA ein Interesse daran haben, dass der US-Dollar Leitwährung bleibt.&lt;br /&gt; Daher scheint das Öl als global gehandelter Rohstoff so relevant. Sind alle großen und wachsenden Industriestaaten – vor allem China – von Rohöl abhängig, müssen sie US-Dollar halten. Der weltweite Ölhandel wird so zu einer tragende Stütze der US-Dollar-Nachfrage und -Zirkulation – er ist die Ölwährung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie wichtig ist die durch den Ölhandel generierte US-Dollar-Nachfrage für die Stellung des US-Zahlungsmittels? Das ist kaum zu beantworten, da der Weltölmarkt nicht transparent ist. Das meiste Öl wird „over the counter“ gehandelt, also per Telefonat zwischen AnlegerInnen, Unternehmen, Förderern usw. Zudem ist der größte Teil des Ölhandels gar kein echter Ölhandel, sondern Geschäft zwischen FinanzanlegerInnen, die auf Veränderungen des Ölpreises spekulieren. Dies ist das so genannte Papier-Öl. Bei diesen Geschäften wechselt kein einziges Barrel den/die BesitzerIn, sondern die Beteiligten wetten nur per Terminkontrakten auf Preisunterschiede – und blähen so das Ölhandelsvolumen auf, ohne dass Öl physisch ge- oder verkauft wird.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Stabilität durch den oder wegen des US -Dollar?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Aussagen über das tatsächlich gehandelte Öl lassen sich nur annähernd machen. Nach den Zahlen der Welthandelsorganisation WTO wurde 2005 für 1.400 Mrd. US-Dollar Öl gehandelt, das waren ca. 14% des gesamten Welthandels. Das klingt beeindruckend, dabei ist jedoch zu beachten, dass der Ölpreis in jenem Jahr stark gestiegen war und allein dadurch sich das Handelsvolumen aufblähte&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_i85hfit&quot; title=&quot;2005 betrug der Durchschnittspreis pro Barrel (bbl/159 Liter) Öl der Marke Brent 54 US-Doller. Zum Vergleich: 2003 lag er bei 29, 2004 bei 38 und zwischen 1987 und 2007 im Durchschnitt bei 25 US-Doller. Da der Ölpreis 2006 auf 65 US-Doller/bbl gestiegen ist, ist für dieses Jahr ein weiterer Anstieg des Anteils des Ölhandels am Welthandel zu erwarten.&quot; href=&quot;#footnote1_i85hfit&quot;&gt;1&lt;/a&gt;. Durch den Anstieg des Ölpreises in den vergangenen Jahren wuchs der Ölhandel stets wesentlich schneller als der gesamte Welthandel. Sinkt der Ölpreis einmal wieder, so sinkt damit auch der Anteil des Ölmarktes am gesamten Weltmarkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seriös lässt sich somit nichts über den exakten Anteil des Ölhandels am Weltmarkt aussagen und damit auch nicht, inwieweit dieser zu Stützung des US-Dollars beiträgt. Doch ist dies auch gar nicht der entscheidende Punkt. Wie groß auch immer der Ölmarkt sein mag, auf jeden Fall stärkt er die Nachfrage nach der US-Währung. Viel wesentlicher ist jedoch, warum der Ölmarkt überhaupt in US-Dollar abrechnet: Weil er die Leitwährung ist, ein international gültiges Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel, emittiert und garantiert von der ökonomischen und militärischen Weltmacht Nummer Eins. Das Öl soll also nicht in US-Dollar denominiert werden, damit die US-Währung weiterhin stabil bleibt, sondern umgekehrt: Weil der US-Dollar Leitwährung ist und es möglich ist, mit ihm alles überall zu kaufen, werden vornehmlich US-Dollar gehalten und dienen als internationales Zahlungsmittel, unter anderem auf dem Ölmarkt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Übernahmekandidat nicht in Sicht&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das liegt vor allem daran, dass es keine ernstzunehmende Konkurrenz für den US-Dollar gibt, auch (noch) nicht den Euro. Der 1999/2002 eingeführte Euro hat zwar die Relevanz der D-Mark überholt, erreicht aber dennoch nicht die des US-Dollars. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Dafür spricht nicht nur das geringe Wirtschaftswachstum und der gegenüber den USA geringere politische, ökonomische und soziale Zusammenhalt der Europäischen Union (EU). Dass die EU alles andere als ein schlagkräftiger militärischer Akteur ist, hat sie zuletzt im Irakkrieg gezeigt&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_hxcigqq&quot; title=&quot;Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass der Rüstungsetat der USA etwa zwei Drittel der weltweiten militärischen Ausgaben ausmacht.&quot; href=&quot;#footnote2_hxcigqq&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. War es ihr doch erst gar nicht möglich, als militärische Einheit aufzutreten.&lt;br /&gt; Auch ist die Europäische Zentralbank noch nicht der „Lender of last Resort“ – der letzte Kreditgeber. Noch immer liegt die Kompetenz der Kreditvergabe bei den einzelnen Zentralbanken. Des Weiteren sind die Bedingungen für den grenzüberschreitende Bankverkehr innerhalb der EU zwar vorangekommen, aber in keiner Weise so, dass die institutionellen Voraussetzungen für internationales Geldkapital attraktiv wären. Die Deutsche Bank verliert jedoch die Hoffnung auf den Euro nicht: „Der Aufbau einer internationalen Rolle im Währungswettbewerb vollzieht sich langsam.“ Dies zeige die „Ablösung des Pfund Sterling als Reservewährung Nummer eins durch den Dollar“. Für diese „Ablösung“ allerdings waren ein bis zwei Weltkriege nötig.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_i85hfit&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_i85hfit&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; 2005 betrug der Durchschnittspreis pro Barrel (bbl/159 Liter) Öl der Marke Brent 54 US-Doller. Zum Vergleich: 2003 lag er bei 29, 2004 bei 38 und zwischen 1987 und 2007 im Durchschnitt bei 25 US-Doller. Da der Ölpreis 2006 auf 65 US-Doller/bbl gestiegen ist, ist für dieses Jahr ein weiterer Anstieg des Anteils des Ölhandels am Welthandel zu erwarten.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_hxcigqq&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_hxcigqq&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass der Rüstungsetat der USA etwa zwei Drittel der weltweiten militärischen Ausgaben ausmacht.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Fri, 05 Feb 2010 17:30:48 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Dreht Putin dem Westen das Licht ab?</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/36/dreht-putin-dem-westen-das-licht-ab</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Europäische EnergiepolitikerInnen haben seit einiger Zeit ein neues Thema – die Abhängigkeit von russischen Gas- und Öllieferungen, die durch die Energiestreitigkeiten zwischen Russland und den Transitländern Weißrussland und Ukraine, die zuletzt im Januar 2007 zu kurzfristigen Blockaden der Pipelineverbindungen nach Westeuropa führten, verdeutlicht wird. Droht eine neue Gefahr aus dem Osten? Wie viel ist dran an diesen Bedrohungsszenarien? Welche Prioritäten setzt die russische Energiepolitik? Verläuft der Interessensgegensatz wirklich so, wie er dargestellt wird?&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Europäische EnergiepolitikerInnen haben seit einiger Zeit ein neues Thema – die Abhängigkeit von russischen Gas- und Öllieferungen, die durch die Energiestreitigkeiten zwischen Russland und den Transitländern Weißrussland und Ukraine, die zuletzt im Januar 2007 zu kurzfristigen Blockaden der Pipelineverbindungen nach Westeuropa führten, verdeutlicht wird. Droht eine neue Gefahr aus dem Osten? Wie viel ist dran an diesen Bedrohungsszenarien? Welche Prioritäten setzt die russische Energiepolitik? Verläuft der Interessensgegensatz wirklich so, wie er dargestellt wird?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Schon zu Zeiten der Sowjetunion (SU) war der Export von Öl und Gas wichtigste Devisenquelle. Nach dem Zusammenbruch der SU ging die Produktion um über 40% zurück. Bis heute wurde das ursprüngliche Niveau nicht mehr erreicht, obwohl die Produktion wegen der hohen Weltmarktpreise in den letzten Jahren wieder sehr stark ausgeweitet wurde. Der Export von Energierohstoffen und zunehmend auch Elektrizität gilt als zuverlässige Einnahme- und Einflussquelle. Allerdings wird Russland in Zukunft selbst erheblich mehr Energie verbrauchen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Um sowohl die eigene Versorgung als auch die Exporteinnahmen verwirklichen zu können, muss die russische Energiewirtschaft die Infrastruktur, Förderanlagen und Pipelines modernisieren und vor allem neue Förderstätten erschließen. Die notwendigen Investitionen betragen nach Schätzungen jährlich über zehn Milliarden US-Dollar allein für den Ölsektor, bis zu 200 Mrd. US-Dollar zwischen 2001-2020 im Gassektor.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Russlands Energiestrategie&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Russlands Energiepolitik orientiert sich an der Energiestrategie der Russischen Föderation bis zum Jahr 2020. Viel darin bleibt Rhetorik. Unklar ist z.B., wie die angestrebte Energieeffizienz auf der Verbrauchsseite erreicht werden soll. Klar ist nur, dass die VerbraucherInnen erheblich höhere Preise zahlen sollen. Und auch die Angebotsseite soll sich eher konventionell entwickeln: Die Steigerung der Energieproduktion soll durch Atomkraft und fossile Rohstoffe bewältigt werden. Erneuerbare Energien werden mit Ausnahme der Wasserkraft vernachlässigt. (siehe Grafik)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Prognose des Energiemixes in Russland im Jahr 2020 Auch in Zukunft hat der Export von fossilen Energierohstoffen eine strategische Bedeutung. Hauptnachfrager bleibt die EU, aber auch die Exporte in asiatische Länder wie China, Japan, Korea usw. sollen um 30% (Erdöl) bzw. 15% (Gas) wachsen. Dabei ist die Diversifizierung der Lieferwege ein wichtiges Element der russischen Strategie, um je nach ökonomischer Rentabilität und politischer Lage Exportkapazitäten verschieben zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mehrere Pipelineprojekte sind schon vollendet (z.B. &lt;em&gt;Blue Stream&lt;/em&gt; für Gas durch das Schwarze Meer in die Türkei), andere in Planung und in Bau, um die Liefermöglichkeiten nach West und Ost zu verbessern, u.a. die &lt;em&gt;Nordeuropäische Gaspipeline&lt;/em&gt; und das &lt;em&gt;Baltic Pipeline System&lt;/em&gt; zum russischen Erdölverladeterminal Primorsk nach Westen sowie die Angarsk-Nakhodka-Erdöl-Pipeline nach Osten, deren geplante Route um den Baikalsee 2006 zu heftigen Protesten von Umweltorganisationen und lokaler Bevölkerung führte.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Gasprom als strategischer Akteur&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die staatliche Kontrolle über die Energieressourcen ist einer der wenigen globalen Machtfaktoren Russlands. Deshalb hat der russische Staat unter Präsident Wladimir Putin die in den 1990er Jahren vollzogene Privatisierung der Erdölunternehmen z.T. zurückgenommen. So wird das Transportgeschäft über die staatliche Pipelinegesellschaft Transneft kontrolliert. Hauptakteur bei der Kontrolle des Energiegeschäftes ist jedoch der Gasprom-Konzern, der im Gegensatz zu den Ölunternehmen stets staatskontrolliert und de facto Monopolist geblieben war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gasprom bestreitet 86% der russischen Gasförderung, trägt ca. 7% zum russischen BIP und ca. 8-10% der föderalen Steuereinnahmen bei. Mittlerweile dehnt Gasprom seine Tätigkeit auch in den Ölsektor aus – der Konzern erwarb das Ölunternehmen Sibneft sowie Teile des Yukos-Imperiums und wird in das Sakhalinprojekt einsteigen. Obwohl die Gasprom- ManagerInnen sicherlich ihre korporativen Eigeninteressen haben, arbeiten sie letztlich unter dem Kommando des Kreml, wie z.B. in den Energiepreiskrisen mit den Nachbarn deutlich wurde. Die Energiepreise dienten dort als Druckmittel gegenüber den Nachbarstaaten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Langfristig geht es allerdings weniger um die unmittelbaren Nachbarländer als um die Kontrolle über den Gas- und Öltransport und die Sicherung der Transportwege zu den wirklich zahlungskräftigen KundInnen in Westeuropa und anderswo. Über Gasprom will sich die russische Regierung letztlich ihren Anteil an den Profiten aus dem Energiegeschäft vom Bohrloch bis zur Steckdose sichern.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Antirussische Stereotype&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Mit dem zunehmenden Einfluss des staatlich kontrollierten Energiesektors in Russland bekommen antirussische Stereotype im Westen wieder Konjunktur. Doch besteht wirklich eine Bedrohung für die europäische Energiesicherheit? Werden die Lichter in Europa ausgehen, wenn Putin auf ein Knöpfchen drückt?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die enge Verbindung zwischen den Energieunternehmen und dem Staat ist keine russische Spezialität. Energiefragen sind globale strategische Fragen und kein einflussreicher Staat überlässt seine Energiepolitik dem freien Markt. Die enge Verbindung zwischen Staat und Energiesektor und der formale und informelle Protektionismus in Russlands Energiepolitik missfallen den internationalen Business-Kreisen vor allem deshalb, weil sie auf einen schnelleren eigenen Zugang zu den russischen Ressourcen gehofft hatten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Unstimmigkeiten werden an den verschiedenen Vertragswerken zur Regulierung der Energiepartnerschaft deutlich, die schon seit Jahren verhandelt werden. Während die EuropäerInnen liberalisierten, also für alle Akteure formal gleiche Bedingungen für Investitionen in Westeuropa und Russland vorschlagen, weisen die russischen Akteure die Öffnung ihrer Märkte bisher zurück, wohl wissend, dass sie auf einem liberalisierten globalen Energiemarkt ohne staatliche Schranken angesichts geringerer Ressourcen und schlechterer Netzwerke den Kürzeren ziehen würden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Westliche Energiekonzerne in Russland&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Investitionen im Rohstoffsektor machen bisher nur ca. 20% der ausländischen Direktinvestitionen in Russland aus. Die transnationalen Energiekonzerne suchen weiter nach Wegen, sich den stabilen Zugang zu den russischen Energievorräten zu sichern. Doch auch ausländische Konzerne bekommen den verstärkten Kontrolldrang der Regierung zu spüren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So bekamen im Winter 2006/2007 die Förderprojekte &lt;em&gt;Sakhalin 1&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;2&lt;/em&gt; plötzlich Probleme mit der Umweltaufsicht. Tatsächlich werden Umweltauflagen von den beteiligten Konzerne, u.a. Shell, Mitsui und Mitsubishi sowie ExxonMobil, massiv missachtet – mit katastrophalen ökologischen Folgen. Interessanterweise wurden diese Vorwürfe aber nicht von unabhängigen ÖkologInnen, sondern von der staatlichen Umweltaufsicht erhoben. Der Einfluss ausländischer Player soll offensichtlich zurückgedrängt werden. Damit versucht die russische Regierung auch, die für sie ungünstigen Production- Sharing-Verträge aus den 1990er Jahren zu revidieren. Diese und andere Erfahrungen machen die InvestorInnen vorsichtig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Vordenker russisch-europäischer Energiestrategien versuchen, die bestehenden Blockaden zu überwinden. Sie arbeiten an der Vernetzung der herrschenden Business-Eliten in transnationalen Kooperationen und Unternehmenskonglomeraten. Zu den VerfechterInnen dieser Politik gehört Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Solche Kooperationen könnten für europäische Konzerne die Erschließung eines gigantischen Hinterlands zur Ressourcensicherung ermöglichen. Außerdem will man dadurch die Investitionsrisiken, sprich Renationalisierung oder Benachteiligung durch die russische Politik, eindämmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber auch für die russischen Eliten bietet dieses Modell Vorteile – es könnte das dringend benötigte Kapital und Knowhow für die Modernisierung der Infrastruktur und den Ausbau der Förderkapazitäten liefern, ohne die Kontrolle über den Energiesektor ganz zu verlieren. Gleichzeitig kann im Gegenzug zur Öffnung der russischen Quellen der Zugang zu den europäischen Transport- und Endverbrauchermärkten erhandelt werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gemeinsam kann die gesamte Kette von der Förderung in den russischen Öl- und Gasfeldern, über den Transport vorbei an den widerspenstigen Transitländern, über die Verarbeitung und Stromproduktion bis zum lukrativen Endverkauf an die VerbraucherInnen in Westeuropa kontrolliert werden, und soziale und ökologische Forderungen der Bevölkerung aller beteiligten Länder können effektiv ausgehebelt werden. Auch strategisches Kalkül spielt eine Rolle – der Aufbau von Energieallianzen gegen die aufstrebenden asiatischen Länder wie China, aber auch gegen die USA könnte durchaus im Interesse der staatlichen Akteure sowohl in Westeuropa als auch in Russland sein.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Bestehende Differenzen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ob diese weitreichenden transnationalen Projekte Wirklichkeit werden, ist noch unklar. Bei den Diskussionen um die europäisch-russische Energiepartnerschaft im letzten Jahr gab es Verwerfungen. Jede Seite will sich ein möglichst großes Stück vom Kuchen aneignen. Während Russland z.B. versucht, die strategischen Pipelines zu kontrollieren und andere Projekte, u.a. in Zentralasien und im Kaukasus, zu blockieren, wollen die Importländer ihre Bezugsquellen diversifizieren. Deshalb fördern sie milliardenschweren Pipelineprojekte zur Erschließung der kaspischen und anderer Öl- und Gasquellen. Das bekannteste Projekt ist die Baku-Ceyhan-Pipeline. Das hat Ländern wie Aserbaidschan und Kasachstan ermöglicht, das russische Transportmonopol zu brechen – um den Preis der Öffnung des eigenen Rohstoffmarktes für die transnationalen Konzerne.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was auch immer das Ergebnis sein wird: Verlierer ist vor allem die Bevölkerung in den Export- wie Importländern. Ihnen bleibt die Kontrolle über den Ressourcenreichtum und die Profite verwehrt. Außerdem müssen sie mit den ökologischen Folgen des wahnwitzigen Energieregimes fertig werden. Deshalb muss den transnationalen Allianzen der Energiekonzerne transnationale Allianzen von unten entgegengesetzt werden.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 05 Feb 2010 17:24:21 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Das Papier nicht wert</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/38/das-papier-nicht-wert</link>
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                    &lt;p&gt;„Als nachwachsender Rohstoff feiert Holz ein eindrucksvolles Comeback. So tendierten in den vergangenen Jahren die Preise für Bauholz und Papier-Zellulose stetig nach oben. Dies lag vor allem am erhöhten Bedarf an Holz, bedingt durch das hohe Wirtschaftswachstum der asiatischen und osteuropäischen Länder und den damit verbundenen Anstieg des Lebensstandards. Mit dem Bedarf kann das Angebot gegenwärtig kaum mithalten“, so das Fachblatt &lt;em&gt;Indexing Inside&lt;/em&gt; im April 2007.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Harry Assenmacher, den Geschäftsführer der ForestFinance GmbH ist der Boom in der Wald- und Forstwirtschaft sogar ein Megatrend: „An dieser Schnittstelle finden Ökologie und Ökonomie zum Nutzen von uns allen Frieden“. Agro-Business as usual, zeitgemäß im grünen Mäntelchen.&lt;/p&gt;

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&lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;„Als nachwachsender Rohstoff feiert Holz ein eindrucksvolles Comeback. So tendierten in den vergangenen Jahren die Preise für Bauholz und Papier-Zellulose stetig nach oben. Dies lag vor allem am erhöhten Bedarf an Holz, bedingt durch das hohe Wirtschaftswachstum der asiatischen und osteuropäischen Länder und den damit verbundenen Anstieg des Lebensstandards. Mit dem Bedarf kann das Angebot gegenwärtig kaum mithalten“, so das Fachblatt &lt;em&gt;Indexing Inside&lt;/em&gt; im April 2007.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Harry Assenmacher, den Geschäftsführer der ForestFinance GmbH ist der Boom in der Wald- und Forstwirtschaft sogar ein Megatrend: „An dieser Schnittstelle finden Ökologie und Ökonomie zum Nutzen von uns allen Frieden“. Agro-Business as usual, zeitgemäß im grünen Mäntelchen. Der nachwachsende Rohstoff Holz verbraucht CO2 anstatt es zu produzieren. So weit, so richtig. Aber Wald ist nicht gleich Wald und so treiben auch die boomenden Forstwirtschafts-Monokulturen den Klimawandel an. Denn die ungebremst wachsende Konsumkultur braucht Papier: Für die Herstellung einer Tonne Papier aus Zellstoff werden rund 2,2 Tonnen Holz benötigt und so landet bereits heute jeder fünfte weltweit gefällte Baum in einem Zellstoffwerk, mit steigender Tendenz. Der Verbrauch von Papier, das größtenteils aus pflanzlichen Fasern besteht (neben Schreibpapier sind Verpackungen wie Pappe und Karton, Hygienepapiere wie Toilettenpapier und Spezialpapiere wie Tapeten die wichtigsten Einsatzgebiete), hat sich allein in Deutschland seit 1950 versiebenfacht. Hierzulande wird so viel Papier wie im gesamten afrikanischen und lateinamerikanischen Kontinent zusammen konsumiert. Und nur soviel zur Anfang der 1980er Jahre propagierten Idee vom „Papierlosen Büro“: Der typische Papierverschwender ist nach einer Studie des Drucker-Herstellers Lexmark von 2006 männlich und zwischen 18 und 34 Jahre alt (und hält selbst 51 Prozent aller Ausdrucke für überflüssig). Allein dieser Prototyp verursacht weltweit 1,4 Milliarden Euro Kosten, verbraucht zehn Milliarden Kilowattstunden Energie und sorgt für 655.000 Tonnen CO2.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Auch das Papier kommt zunehmend aus dem Süden&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Waren bis vor wenigen Jahren die Verbraucherstaaten auch die Produktionsstaaten von Zellstoffmasse zur Papierherstellung, so wird heute mehr und mehr in den Ländern des Südens erzeugt. Aktuell im Blickfeld der Forstwirtschaft ist dabei Lateinamerika. Für 2010 wird davon ausgegangen, dass 25 Prozent des weltweit nachgefragten Rohstoffes aus dem Subkontinent kommen werden (2005 waren es erst neun Prozent). Verschärfte Umweltgesetze und die Einbeziehung der energieintensiven Industrien in den CO2-Emissionshandel in der EU ab 2012 einerseits und günstige klimatische Bedingungen in Lateinamerika, die dafür sorgen, dass zum Beispiel am Rio de la Plata Eukalyptus-Bäume in nur acht Jahren auf 20 Meter Höhe wachsen und „geerntet“ werden können (in Finnland hat die weit verbreitete Kiefer eine Umtriebszeit, so wird der Zeitraum von der Pflanzung bis zum Holzeinschlag bezeichnet, von circa 80 Jahren) andererseits sind für die Zellstoffunternehmen ein Anreiz, in den dünn besiedelten Regionen Südamerikas ganze Landstriche aufzukaufen. Weiter locken nahezu unerschöpfliche Wasserreservoirs und die ökonomischen Rahmenbedingungen für die Konzerne sind in vielen Ländern Lateinamerikas (unter anderem in den von „Linken“ regierten Ländern Brasilien, Chile und Uruguay) äußerst investorenfreundlich. So werden Freihandelszonen eingerichtet, Subventionen für die Fortwirtschaftsmonokulturen gezahlt und Weltbank und Co gewähren milliardenschwere Darlehen. Die Folge dieses Booms: Ganze Ökosysteme werden für die Herstellung von Zellulose-Frischfasern zerstört und Tausende von Menschen verlieren ihre Landrechte und damit ihre Lebensgrundlage.&lt;br /&gt; Die wichtigsten Akteure bei dieser Standortverlagerung vom Norden in den Süden sind die europäischen Zellstoffgiganten. So hat die spanische ENCE hat die Genehmigung für eine Fabrik in Uruguay am Rio de la Plata mit einer Produktion von einer Million Tonnen jährlich erhalten und besitzt dort bereits 100.000 Hektar Land. Stora Enso (Schweden - Finnland), das zweitgrößte Forstunternehmen der Welt, plant aktuell ebenfalls eine Fabrik in Uruguay mit einer Jahresproduktion von einer halben Million Tonnen. Die Skandinavier haben dafür 43.000 Hektar Land in Brasilien sowie weitere 25.000 Hektar in Uruguay erworben, um Eukalyptus anzupflanzen. Weitere sieben Anträge liegen den Umweltbehörden allein in Uruguay vor. Und der finnische Konzern Botnia hat Ende 2007, trotz heftiger Widerstände aus Argentinien, im uruguayischen Fray Bentos die größte Zellstofffabrik der Welt eröffnet. In Brasilien ist das norwegisch-brasilianische Unternehmen Aracruz Celulose der mächtigste Zellstoffkonzern, mit einer Jahresproduktion von über 2,5 Millionen Tonnen der größte Produzent von gebleichtem Eukalyptuszellstoff weltweit. Fast 95 Prozent der Produktion von Aracruz sind für den Export bestimmt, circa zehn Prozent davon gehen nach Deutschland, unter anderem für die Produktion von Taschentüchern. Um die Werke mit Holz zu versorgen, hat Aracruz seine Eukalyptusmonokulturen in den brasilianischen Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Bahia und Espirito Santo auf über 250.000 Hektar ausgedehnt. Dabei werden Hand in Hand mit Großgrundbesitzern und willfährigen Behörden vor Ort die lokale indigene Bevölkerung wie zum Beispiel die Tupinikim und die Guaraní in Espirito Santo gewaltsam von ihrem Land vertrieben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Der Zellulose-Boom und das Klima&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ein Drittel der Erdoberfläche ist heute noch von Wäldern bedeckt. Diese Waldfläche bietet für etwa 50 bis 90 Prozent der weltweit existierenden Tier- und Pflanzenarten die Existenzgrundlage. Wälder produzieren Sauerstoff und speichern Kohlenstoff, bergen riesige Süßwasserreserven, sie verhindern Bodenerosion, Erdrutsche und Überschwemmungen. Aber der Naturwald muss immer mehr dem Wirtschaftswald weichen, Kohlenstoffspeicher den Kohlenstoffsenken. Vor allem in Südostasien, Äquatorialafrika und eben Südamerika fallen immer mehr Naturwälder und einheimische Baumarten den Kettensägen und Harvestern genannten Holzernte-Maschinen zum Opfer. Entwaldung bedeutet, dass in kurzer Zeit riesige Kohlenstoffmengen freigesetzt werden, während Wiederaufforstungsmaßnahmen große Zeiträume beanspruchen, um dieselbe Kohlenstoffmenge wieder in Biomasse zu binden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Monokulturen als Kohlenstoffsenken&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wegen des weltweiten „Papierhungers“ (der weltweite Verbrauch lag 2006 bei 360 Millionen Tonnen jährlich, für 2020 werden 560 Millionen Tonnen geschätzt) kaufen Großinvestoren Wald und Forstplantagen auf. Eine Investition in „reale Werte“ und eine sichere Geldanlage: Die steigende Nachfrage trifft auf ein Angebot, das sich nicht beliebig ausweiten lässt. Und das internationale Klimaregime fördert diese Entwicklung.&lt;/p&gt;

&lt;strong&gt;Eukalyptus&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt; Die Pflanze, bei der man schnell an Hustenbonbons denkt, ist ein Baum, der bis zu 40m hoch werden kann. Der ursprünglich aus Australien stammende Eukalyptus wird wegen seiner Schnellwüchsigkeit und seiner guten Holzqualität angebaut. Das führt zu Problemen, da der Boden bis in die Tiefe austrocknet, heimischen Tieren keinen Lebensraum bietet, andere Baumarten verdrängt und mit seinen hochbrennbaren Ölen Waldbrände fördert. Außerdem hat er die Eigenschaft, von Zeit zu Zeit ohne Vorwarnung große Äste abzuwerfen, was in Australien schon öfter zu tödlichen Unfällen geführt hat. Insofern der Tipp für TravellerInnen: niemals unterhalb eines Eukalyptusbaumes kampieren. Der Eukalyptus ist ein „ökologischer Terrorist“, so ein indischer Umweltjournalist schon 1971. Einer Analyse, der viele in Lateinamerika zustimmen können.&lt;br /&gt; 

&lt;p&gt;Auf den ersten Blick macht das Sinn: Bäume nehmen während ihres Wachstums mehr Kohlendioxid auf als sie abgeben. Aber nicht jede Wald taugt als Staubsauger im Treibhaus gleich viel. Die größte Speicherkapazität an Kohlenstoff haben alte Bäume, während „junge Bäume“ mehr Kohlenstoff emittieren als aufnehmen. Ein wirklicher CO2-Effekt wird nur erreicht, wenn der Wald so bewirtschaftet wird, dass jährlich möglichst viel nutzbares Holz zuwächst und das Holz aus diesem Zuwachs als Baustoff und erst in zweiter Linie als Energiequelle verwendet wird. Werden die rein auf Profitmaximierung ausgerichteten Monokulturen aber auf Flächen von zuvor abgeholzten Tropenwäldern gepflanzt, verpufft der Effekt gänzlich. Und so trägt neben dem Boom der Agrotreibstoffe und der Expansion der vom Fleischkonsum getriebenen Agrarunternehmen auch der wachsende Papierverbrauch zur Abwertung und Zerstörung von Tropenwäldern bei. Und die Zellstoff- und Papierindustrie macht sich den CDM, den im Kyoto-Protokoll verankerten Clean Development Mechanismus, zu Nutzen und verdient doppelt: Monokulturen werden als so genannte Kohlenstoffsenken auf die Emissionsbilanz angerechnet, die Konzerne, die auch die energieintensiven Papierfabriken im Norden betreiben, erhalten für ihre Pflanzungen im Süden CO2-Emissionszertifikate, die an Klimabörsen wie der European Climate Exchange zu Geld gemacht werden können. Auch die neu entwickelten, so genannten Bio-Treibstoffe der zweiten Generation (etwa auf Zellulose-Basis) heizen die Nachfrage weiter an. Im April 2008 wurde von Angela Merkel im sächsischen Freiberg die weltweit erste Großanlage in Betrieb genommen, bei der mit dem BtL-Verfahren (Biomasse zu Liquid) Sprit aus Bäumen und Holzabfällen erzeugt werden soll. Wenn diese Verfahren erst einmal marktreif sind, dann werden noch mehr Zellstoff-Monokulturen angepflanzt werden, gerade auf fruchtbaren Böden wie im argentinisch-uruguayischen Rio de la Plata-Einzugsgebiet eine Katastrophe. Auf den Flächen, die zu den ertragreichsten weltweit gehören, könnten Nahrungsmittel für viele hunderttausende Menschen angebaut werden. Für die CO2-Bilanz bringen die Zellstofftreibstoffe nichts Neues: Es ist immer noch sinnvoller, Biomasse direkt ohne aufwändige Umwandlungstechniken direkt zu Strom- und Wärmeproduktion zu nutzen. So werden wesentlich mehr Energie und Treibhausgase eingespart.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Globalisierungskritik trifft Klimaschutz&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wie bei der Kritik an der Abholzung von Regenwäldern für den Anbau von Agro-Treibstoffen oder genmodifiziertem Soja reichen auch bei der Abwertung von Naturwäldern oder der Umwandlung von nährstoffreichen Anbauflächen in Zellulose-Monokulturen Ein-Punkt-Bewegungen nicht aus. Haben Teilbereichspolitiken in den 1970ern und 1980ern noch funktioniert (etwa beim Widerstand gegen die Atomkraft), so geht es heute um globale und lokale Bündniss von AkteurInnen. Der Klimawandel ist die „Summe aller Fehler“, so die indische Aktivistin Sunita Narain. Ökologie und Kapitalismuskritik, Globale Soziale Rechte und Konsumverhalten, Klimagerechtigkeit und eine gerechte Weltwirtschaft gehören unmittelbar zusammen. Dass solche Strategien Erfolg haben können, wird an der Entwicklung der Debatte um die Agro-Treibstoffe offensichtlich. Innerhalb kurzer Zeit wurde zumindest offen gelegt, dass die pflanzlichen Treibstoffe erstens überhaupt nicht „bio“ sind und zweitens neue Abhängigkeiten schaffen, zu ökologischen Katastrophen und zum Rückgang der Produktion von Nahrungsmitteln führen. Den Zusammenhang zwischen Papierverbrauch und Raubbau und Vertreibung, zwischen Machtkonzentrationen und Marktkartellen multinationaler Unternehmen und Klimawandel bewusst zu machen, versuchen in Deutschland Organisationen wie Robin Wood, Urgewald unter anderem in dem sie internationale Kampagnen durchführen. Und sie haben damit Erfolg: Ende 2007 wurde auch auf internationalen Druck hin den Tupinikim und Guaraní im brasilianischen Bundesstaat Espírito Santo 18.000 Hektar Land offiziell zugesprochen. Land, das schon ab den 1970er Jahren vom Zellstoffkonzern Aracruz zerstört und in eine Wüste von Eukalyptusbäumen umgewandelt worden war. Und die Kampagnen richten sich auch an die VerbraucherInnen, denn auch individuelle Strategien sind Bausteine. Bei der Produktion von Recyclingpapier wird nur halb so viel Energie und ein Drittel Frischwasser verbraucht wie bei der Herstellung von neuem Papier. Insofern: Warum nicht wieder mal Papier sparen und Recyclingpapier benützen.&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;



Eine kurze Richtigstellung: Im Text  „Das Papier nicht wert - Monokulturen und Klima“ von Stefan Thimmel in Arranca!-Ausgabe 38 ist im ersten Absatz Harry Assenmacher, Geschäftsführer der ForestFinance GmbH, zitiert.  „Für Harry Assenmacher, den Geschäftsführer der ForestFinance GmbH ist der Boom in der Wald- und Forstwirtschaft sogar ein Megatrend: &amp;gt;An dieser Schnittstelle finden Ökologie und Ökonomie zum Nutzen von uns allen Frieden.&amp;lt; Agro-Business as usual, zeitgemäß im grünen Mäntelchen.“ (Stefan Thimmel). Das Zitat ist einem Interview mit Harry Assenmacher aus dem Handelsblatt vom 09. Mai 2008 entnommen.  So weit so richtig. Nicht richtig ist allerdings der Kontext, in dem ForestFinance durch das Zitat gestellt wird. Die Firma verwaltet aktuell in Costa Rica etwas über 1.200 Hektar Mischforste und das völlig ohne den Anbau von Eukalyptus („Wir teilen ihre Kritik z.B. an Eukalyptus“, so Harry Assenmacher im Gespräch mit dem Autor nach Erscheinen des Artikels). Von diesen 1.200 Hektar sind wiederum 400 Hektar reine Naturschutzfläche ohne Holzproduktionszwecke. Über den Ansatz der Firma, über den man sich auch der Website www.forestfinance.de informieren kann, kann man sicher diskutieren. Aber es ist auch sicher, dass ein kleines nachhaltig-ökologisch operierendes Forstunternehmen wie ForestFinance nichts mit transnationalen Monokultur-Großkonzernen wie Stora Enso oder Botnia zu tun hat. Dass dieser Eindruck entstanden ist, war nicht beabsichtigt. Stefan Thimmel





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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:48 +0000</pubDate>
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