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 <title>arranca! - Scheitern</title>
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 <title>Was kommt, nachdem wir aufgegeben haben?</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/50/was-kommt-nachdem-wir-aufgegeben-haben</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;&lt;strong&gt;In den sozialen Bewegungen erleben wir einen Bruch. Die Hoffnung in Aufklärung und Informationen, in Mobilisierung und Einmischen in demokratische Diskurse, das «Hoch, Hoch die soziale Gerechtigkeit!» - all das wirkt ausgeleiert. Wie eine Blockflöte, die nicht mitbekommen hat, dass es mp3s gibt. Sie klingt schön und gegen sie ist nichts einzuwenden, aber sie weckt bei den wenigsten unserer Generation tatsächlich eine Sehnsucht. Wie konnte es soweit kommen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;In den sozialen Bewegungen erleben wir einen Bruch. Die Hoffnung in Aufklärung und Informationen, in Mobilisierung und Einmischen in demokratische Diskurse, das «Hoch, Hoch die soziale Gerechtigkeit!» - all das wirkt ausgeleiert. Wie eine Blockflöte, die nicht mitbekommen hat, dass es mp3s gibt. Sie klingt schön und gegen sie ist nichts einzuwenden, aber sie weckt bei den wenigsten unserer Generation tatsächlich eine Sehnsucht. Wie konnte es soweit kommen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;Es ist das Gefühl, verloren zu haben. Das Gefühl, bei aller Anstrengung und jedem noch so großen Erfolgserlebnis am Ende doch den Wellengang der Machtspiele nicht beeinflussen zu können, in einer apokalyptischen Zeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In den siebziger Jahren hatte es schon einmal das kollektive Gefühl des Untergangs gegeben. Der &lt;em&gt;Club of Rome&lt;/em&gt; hatte in seinem Bericht «Die Grenzen des Wachstums» ausgerechnet, wie die Natur durch Menschenhand zerstört wird. Und heute stehen wir wieder da, in einem Meer von Hiobsbotschaften. Wir schauen auf einen global wachsenden Neonationalismus, Geheimdienste dieser Welt werden schrankenlos mächtiger, es sind so viele Menschen auf der Flucht wie nie zuvor, das globale Klima macht sich für die Apokalypse warm, und kein Staat der Welt ist bereit weniger Öl ins Fegefeuer der Welterwärmung zu gießen. Wir fragen uns: Was kommt, nachdem wir aufgegeben haben?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bitte entschuldigt dieses ständige Wir, es ist ohnehin nur vermeintlich: Wir, die als vermeintlich linke, vermeintliche Bewegung einen vermeintlichen Kampf verloren haben. Wir, die nicht benennen können, was es heißen könnte zu gewinnen. Wir, die mit einer Gesinnungsethik den moralischen Zeigefinger erheben können, die auch die Analyse leisten können, was an Nation, Kapital und Religion alles scheiße ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die schöne Idee eines «Globalen» passt nicht mehr in diese Welt, und alle haben es schon bemerkt. Beim neoliberalen Versprechen der Globalisierung sollten mehr Menschen mehr Ressourcen verbrauchen können. Doch jetzt sind alle entzaubert, weil es gar nicht so viele Ressourcen gibt. Das Versprechen der Globalisierung war eine Chimäre, die aussortiert, wer Zugang zum Benz bekommt und wer im Mittelmeer ertrinkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Das Ziel ist weg. Jetzt brauchen wir neue Strategien.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir aber nehmen kein Schlauchboot und ertrinken nicht im Mittelmeer. Wir fliegen easyjet. Doch wenn das alles stimmt, was ich bisher geschrieben habe, fliegen wir alle auf den Abgrund zu, und niemand sitzt im Cockpit. Was bleibt uns da übrig? Einerseits bleibt die Hoffnung, dass der Autopilot schon funktionieren wird, immerhin hat es die letzten 50 Jahre auch geklappt. Andererseits ist da die Angst. Das Gefühl, dass wir es nicht besser könnten. Und dann ist da noch das Wissen. Wir wissen, dass wir das Ziel verloren haben. Dass unser Landeflughafen im Meer falscher Hoffnung untergegangen ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir befinden uns also im freien Fall. Und wisst ihr was? Lasst es uns genießen! Freier Fall bedeutet Schwerelosigkeit, völlig neue Möglichkeiten. Das Experiment: Anstatt panisch zu werden, legen wir das untrennbare Paar von Angst und Hoffnung für wenige Sekunden ab und dopen uns in eine künstliche Schizophrenie. Die Schizophrenie des Marketings und der argumentativen Selbstbestimmung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Selbstbestimmung durch gezielte Desinformation&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Also los, Handbremse rausnehmen und voll aufs Gas treten: massenhaftes Marketing! Aber das Produkt, das verkauft wird, ist Selbstbestimmung. Keine Mission, kein gehobener Zeigefinger und ubiquitäre Informationen - wir sagen den Menschen nicht, was sie denken oder kaufen sollen. Nein, wir ballern sie zu mit Desinformationen, die leicht verdaulich und irritierend sind, wir zerstören die Normalität.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als Momentaufnahme des Möglichen. Als massentaugliche Überraschung, als Illusion: Sei es, dass Strom und Wasser der US-Basis in Ramstein abgestellt werden oder sich die Mitarbeiter*innen von Aldi und Lidl mit geklauten Waren den Lohn aufstocken. Es wird bekannt, dass die Deutsche Bank keinen Zugriff mehr auf ihre Server hat und ein Virus alle Waffen- und Essens-bezogenen Finanzmarktspekulationen an der Börse eingefroren hat. Diese Illusion muss mindestens drei Minuten weltweit bestehen bleiben, das reicht um die Aktien zittern und die Phantasie beben zu lassen. Wenn der Boden unter den Füßen der Gewohnheit zerfließt, müssen sich alle positionieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir brauchen Momente, in denen Diskurslogik bricht und hegemoniale Gewissheiten zusammenbrechen. Solche Momente können wir strategisch erschaffen, um dann so richtig fies manipulativ einzugreifen - mit schön linken Werten, die die Menschheit retten. Nationen, Kapital und Religionen weiter in Frage stellen, Reichtum und Zugang zu Macht kompromisslos umverteilen, und und und ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;All das wäre reine Symbolik, ziviler Ungehorsam in einem direktdemokratischen Diskurs. Doch es würde Justiz und Moral ein bisschen aufrütteln, sich zu positionieren. Keine wirkliche Bedrohung, nur ein Hinweis. Und mit einer guten Webdesignerin und hübschen Texten wäre es sogar ein kleines Medienspektakel. Und natürlich ein weiterer Eintrag im Verfassungsschutzbericht (Straftaten im Bereich «Politisch motivierte Kriminalität - links»: 9.605).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn Angst und Hoffnung wieder erwachen und miteinander verschmelzen, erwächst der Mut. Mut, Änderungen zu riskieren. Sich der Ungewissheit auszusetzen, mit kosmopolitischer sozialer Gerechtigkeit als Ziel. Auch wenn man Familie hat. Auch wenn man eine Festanstellung hat, studieren durfte oder einen europäischen Pass hat. Oder eben gerade dann. Schon die Französische Revolution war ein Aufbegehren der Privilegierten. Nur geht es diesmal nicht um eine Nation, sondern um eine ganze Welt.&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div&gt;&lt;/div&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/scheitern">Scheitern</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Thu, 22 Dec 2016 14:57:30 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Scheiternhaufen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/40/scheiternhaufen</link>
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                    &lt;p&gt;Die neoliberalen Predigten von Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft, der Sorge um sich (und niemand anderen) sind immer begleitet (gewesen?) von der Bedrohung, an ihnen zu scheitern und dafür auch noch individuell verantwortlich gemacht zu werden. Als Person mit allen Denkweisen, Emotionen, Handlungsgewohnheiten in ein hegemoniales Projekt wie den Neoliberalismus eingebunden zu sein bedeutet, sich umfassend vermarkt- und verwertbar zu machen. Ein prominenter Ort, Menschen mit einer Mischung aus Zwang und Konsens in ein hegemoniales Projekt einzubinden, sind die so genannten &lt;em&gt;Makeover-Shows&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Die neoliberalen Predigten von Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft, der Sorge um sich (und niemand anderen) sind immer begleitet (gewesen?) von der Bedrohung, an ihnen zu scheitern und dafür auch noch individuell verantwortlich gemacht zu werden. Als Person mit allen Denkweisen, Emotionen, Handlungsgewohnheiten in ein hegemoniales Projekt wie den Neoliberalismus eingebunden zu sein bedeutet, sich umfassend vermarkt- und verwertbar zu machen. So sehr sich die Anforderungen ausweiten, die unterschiedlichsten Aspekte der eigenen Persönlichkeit zu bearbeiten, so hoch ist die existenzielle Bedrohung, aus sozialen Zusammenhängen heraus zu fallen. Ausgehend von der Neuorganisation der Arbeitsformen der »hochtechnologischen Produktionsweise« (Haug) werden auch im Alltag Geschmack, Gewohnheiten, Denkweisen und Gefühle erneuert. Antonio Gramsci spricht deswegen auch von der »Lebensweise«, die entsprechend der Produktionsweise ständig erneuert werden muss. Diese »Lebensweise« hat zwar eigene Dynamiken und eine eigene Zeitlichkeit, die sie von der Produktionsweise unterscheiden, politisch aber sind beide Teil des gleichen Projekts.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So wurden in der Durchsetzung von Fabrikarbeit nicht allein die Arbeitsabläufe in der Fabrik mit moralischen Kampagnen bearbeitet, sondern auch die alltäglichen Gewohnheiten der Arbeitenden wie ihr Alkoholkonsum und ihre sexuellen Gewohnheiten. Denn die relativ hohen Löhne, die ein Mittel der Organisation von Zustimmung zur rigiden Fabrikdisziplin waren, reichten allein nicht aus. Fit am Fließband war schließlich nur, wer sein Geld nicht fürs Saufen oder käuflichen Sex verschleuderte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Herstellung neuer »Lebensweisen« spielen deshalb nach wie vor Kampagnen um die »angemessene Lebensführung« eine zentrale Rolle. Die nahe gelegten sinnvollen oder ›vernünftigen‹ Weisen des Umgangs mit sich und den eigenen Ressourcen, Körpern, Wünschen und Begehren sollen rückgebunden werden an die Bedingungen der Produktion und eingefasst werden in immer wieder neue Konsummuster. Die Umarbeitung von Lebensweisen erfolgt vor allem durch Konsensproduktion: ›Hergestellt‹ werden: Subjekte, die in Aussehen, Gewohnheiten, Gesten, Stil usw. den zeitgenössischen Anforderungen gerecht werden oder wenigstens nahe kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Darin steckt eine Auseinandersetzung mit der Frage, was als ›normal‹ und als zeitgenössisch gilt. Ein prominenter Ort, Menschen mit einer Mischung aus Zwang und Konsens in ein hegemoniales Projekt einzubinden, sind die so genannten &lt;em&gt;Makeover-Shows&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;»I want to be made!«&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Als &lt;em&gt;Makeover-Shows&lt;/em&gt; werden Sendeformate bezeichnet, in deren Zentrum die Veränderung von Menschen und/oder ihrem Umfeld steht. In unterschiedlichen Sendungen geht es dabei um Aussehen, Gewicht, Figur, Fitness, Ernährung, Gesundheit oder um Dinge wie Wohnung, Garten, Job, Hobby, Schulabschluss, Ausbildung oder Kindeserziehung. Für nahezu jeden Aspekt des alltäglichen Lebens gibt es eigene Formate. Entweder werden sie als ganze Sendungen produziert, oder sie sind Elemente in Lifestylemagazinen wie &lt;em&gt;taff!, red!, &lt;/em&gt;oder&lt;em&gt; explosiv&lt;/em&gt;. Diese Shows versuchen, eine zeitgenössische Lebensweise über die Verbindung des Wunsches nach individuellem Glück mit dem Zwang zur Selbstführung und veränderten Konsummustern herzustellen. In &lt;em&gt;The Biggest Loser&lt;/em&gt; wird im Rahmen von Kooperation und Konkurrenz versucht, dass eigene Gewicht und das des Teams so zu reduzieren, dass am Ende die eigene Gruppe Vorteile erspielt und man als einzelne/r Chancen auf die Siegprämie behält. In &lt;em&gt;The Swan, &lt;/em&gt;das sich an weiße Frauen aus der unteren Mittelschicht wendet, gibt es das Komplettprogramm von Facelifting über professionelle Zahnbehandlung, psychologische Beratung und Umstyling zur neuen glamourösen Existenz (McRobbie). In &lt;em&gt;Celebrity Rehab&lt;/em&gt; können sich Stars aus den 1980er und 1990er Jahren vom Drogenwrack zu »erneuertem« Glanz therapieren lassen. &lt;em&gt;Die Kochprofis&lt;/em&gt; sind zuständig für die Umarbeitung von Kochklitschen zu konkurrenzfähigen und qualitativ höherwertigen Imbissen, &lt;em&gt;Popstars&lt;/em&gt; für die Bearbeitung von HobbysängerInnen zu Stars, &lt;em&gt;Wohnen nach Wunsch&lt;/em&gt; für das Ersetzen der Eichenschrankwand durch stylische Katalogmöbel, und die bekannte &lt;em&gt;Super-Nanny&lt;/em&gt; hilft Eltern, mit Techniken von Autorität, Belohnungsverfahren und der Regulation von Bedürfnisbildung den unkontrollierten Wünschen der Kinder zu begegnen und prekäre Zustände erzieherisch in den Griff zu bekommen. Manche der Shows wie &lt;em&gt;The Swan &lt;/em&gt;oder &lt;em&gt;Celebrity Rehab&lt;/em&gt; erscheinen gegenüber Shows wie &lt;em&gt;Wohnen nach Wunsch&lt;/em&gt; als besonders eingreifend. Sie unterscheiden sich nach ihrem »Gegenstand« und den in ihnen vermittelten Denkweisen und Handlungsmöglichkeiten. Je nach Art und Umfang der gewünschten Veränderung reicht die Intervention der ModeratorInnen von Kommentaren und Beratung bis zum Hinzunehmen von ExpertInnen und/oder medizinischem, technischem, pädagogischem und psychologischem Fachpersonal. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie alle auf die Herausbildung einer für alle verbindlichen neuen Lebensweise orientiert sind.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Bist du nicht willig ...&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Ausgangspunkt der Shows ist immer eine Art Bestandsaufnahme, die mit der Delegitimation eines als unerträglich und veraltet beschriebenen Zustands einhergeht. Eine kompetente Stil- und Lebensberatung wird als notwendige Bedingung für die erwartete Verwandlung angeführt. Die Palette der pädagogischen Mittel reicht von ermahnenden Hinweisen bis hin zu offenem Hohn, Auslachen und entsprechenden Gesten. Das Ziel ist es, »Geschmack zu haben« und »Stil zu entwickeln« und zwar so, dass alle es sehen können, was Beliebtheit und Erfolg verspricht. Mit der Aneignung bestimmter Formen von »kulturellem Kapital« (Bourdieu) und sozialen Kompetenzen ist die Erwartung auf eine deutliche Verbesserung von Status und Lebenschancen verbunden. Die Menschen sollen sich nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell, um ihren Standort sorgen, sich einzigartig machen und im Kampf um symbolischen Profit, Anerkennung und Respekt weit vorne mit dabei sein. Dem Druck ökonomischer Konkurrenz wird die Notwendigkeit kultureller Distinktion und der Arbeit an einer angemessenen Lebensweise zur Seite gestellt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die gewünschte Art der Veränderung wird mit den KandidatInnen zusammen und im Anschluss an ihre Interessen und Wünsche formuliert. Nicht selten werden Begehren erst produziert, indem sie als verfügbare Ware ins Blickfeld rücken. Dabei reicht das Spektrum vom konkreten Wunsch die Wohnung neu einzurichten bis zum Bedürfnis, die eigene Person in ihrer Gesamtheit neu auszurichten. Ziel ist es, mit Gewohnheiten zu brechen um »nicht ständig die gleichen Fehler zu machen«, wie zwischen zwei Diäten in alte Essgewohnheiten zurückzufallen, zur Tilgung offener Kredite immer wieder neue Schulden zu machen oder Hartz IV zu beantragen, auch wenn man es aus Angst vor der Behörde immer wieder aufschiebt. Der Weg zum Ziel wird von verschiedenen ExpertInnen oder (als solche auftretenden) ModeratorInnen geplant und festgelegt. Diese ExpertInnen agieren im Sinne eines definierten zeitgenössischen Geschmacks, sind selbst aber als Teil der sozialen Hierarchie in die Auseinandersetzungen um die legitimen Formen von Geschmack und Stil verstrickt. Insofern erfüllen sie eine erzieherische Funktion, bewegen sich im Veränderungsprozess als legitimes Führungspersonal durch die Lebenswelten der KandidatInnen und nehmen diese dabei an die Hand. Sie ermahnen oder beglückwünschen, erinnern an gemachte Fortschritte oder intervenieren, wenn jemand droht, nicht mehr mitmachen zu wollen oder zu können. Der Punkt der ›Führung‹ und Anleitung ist zentral, weil die von den Leuten erwünschten Ziele nicht selten mit enormen Anstrengungen verbunden sind. KandidatInnen überlegen es sich oft anders, sind schlicht am Ende ihrer Kräfte oder wollen abbrechen. Häufig entscheiden sich die KandidatInnen ›falsch‹ - also nicht im Sinne des gewünschten Endergebnisses – wenn sie immer wieder ihren alten gewohnten Präferenzen folgen. An diesem Punkt werden oftmals Begleitpersonen der KandidatInnen eingebunden, die nach der Wandlung die eindeutige Verbesserung feststellen und bestätigen. Dies sorgt auch bei den nicht immer überzeugten KandidatInnen für Zustimmung, Einsicht, Versicherung und Rückhalt sorgen. Die Versprechen auf Zufriedenheit, Glück, Erfolg und Schönheit rechtfertigen dabei alle Anstrengungen und Übergriffe von Seiten der ModeratorInnen. Die öffentliche Verunglimpfung von Menschen ohne anerkannten Geschmack oder Stil durch anerkannte ExpertInnen bringt eine scheinbar belustigende Dimension in die Shows. Mit einer Mischung aus Nötigung, Bestechung und Konsens, die sie wiederum mit Hilfe von Ironie und Autorität regulieren, das heißt mittels symbolischer Gewalt, wird rückwirkend Legitimation für die gewählten Eingriffe und Übergriffe geschaffen. Die ModeratorInnen versuchen, ihre eigenen partikularen Geschmacksurteile, die lediglich Ausdruck einer Position im Kampf um Hegemonie sind, als allgemein auszugeben. Sie stellen so ihren Geschmack als universellen Ziel- und Referenzpunkt dar, zu dem die Teilnehmenden in Beziehung gesetzt werden. Ihre Kenntnisse rechtfertigen dann wiederum ihre Position als auf diesem Gebiet ›Führende‹. Als »organische Intellektuelle« (Gramsci) der neoliberalen Selbstführungsprämissen nehmen die ModeratorInnen und ExpertInnen damit eine zentrale Position ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Formen symbolischer Gewalt, die der Festschreibung sozialer Ungleichheit dienen, stellen den Versuch einer von Prozessen der Prekarisierung betroffenen Mittelklasse dar, sich fortwährend auf dem Feld der Kultur als prädestiniertes Führungspersonal zu etablieren bzw. zu halten. Wenn ganze Gruppen von Leuten als unzeitgemäß, unangemessen oder unbearbeitet definiert werden, können sie unter der Prämisse von neuen Vorgaben und Anforderungen bearbeitet werden. Gleichzeitig positionieren sich diejenigen, die sich problemlos im Rahmen des »guten Geschmacks« bewegen, über den sichtbaren Beweis ihrer stilistischen Kompetenz als »Zeitgenossinnen und -genossen«. Der Versuch, sich in diesen Umbrüchen zurechtzufinden, wird begleitet von der permanenten Bedrohung, daran zu scheitern, also vor den Augen »aller« anderen als veralteter Depp dazustehen, der den Anschluss verpasst hat, stur an »alten Mustern« festhält, keinen Geschmack, kein Sinn für Stil und Glamour hat und so zum Relikt einer längst überholten Lebensweise wird. Mit dem Hinweis, dass es noch viel Zeit, Tränen und Schweiß braucht, um ZeitgenossIn zu sein und nicht den Anschluss verpasst zu haben, haben die ModeratorInnen neben der »gewaltlosen Gewalt« von Lästern, ironischen Kommentaren und abwertenden Blicken zusätzlich den stummen Zwang der aktuellen Verwertungslogik auf ihrer Seite. Wenn die Leute an der (Selbst-)Bearbeitung scheitern, heißt das oft im Klartext: das eigene Restaurant geht pleite, die Beziehung wird nicht länger halten, das Kind wird keinen höheren Bildungsabschluss bekommen, das Bewerbungsgespräch wird daneben gehen und auf der Straße wird man wohl eher zum Gespött als zum Star. Mit dieser Zukunftsaussicht direkt oder indirekt zu drohen, ist das Mittel, um neben der Überzeugungsarbeit auch zu zeigen, dass die KandidatInnen es sich gern anders überlegen können, aber einen hohen Preis dafür zu zahlen haben. Dagegen geraten solidarische Formen des Umgangs mit knappen Ressourcen, kollektive Bedürfnisbefriedigung oder politische Aktivität in der individuellen Perspektive des »Jede/r kann es schaffen« völlig aus dem Blick.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die verstärkte ökonomische Unsicherheit wird im Modus kultureller Hervorhebung lebbar gemacht. Es bleibt offen inwieweit sich die durch die Krise verschärfenden Widersprüche in verstärkten kulturellen Grenzziehungen artikulieren und soziale Widersprüche lebbar machen, ohne sie zu lösen. Die aktuellen Debatten um das Scheitern des neoliberalen Projekts berücksichtigen die Veränderungen im Kulturellen, besonders im Populären und Alltäglichen nur unzureichend. Im Kontext der Krisenprozesse stellt sich damit die Frage nach den kulturellen Bearbeitungsformen sozialer Ungleichheit. Dass der Neoliberalismus seine Hegemonie verloren hat gilt offensichtlich nicht für den Bereich der »Lebensweise«. Diskussionen über den weiteren Verlauf der Krise scheinen weitgehend unabhängig von jenen populären Diskursen zu verlaufen, in denen und durch die der Neoliberalismus zu einem konsensfähigen Projekt werden konnte. Ob er gar mithilfe solcher fortgesetzten »alltäglichen Klassenkämpfe« weiterhin bestimmend sein wird, ist unklar. Für die unterschiedlichen Krisenlösungen ist allerdings relevant, ob sie an Alltagserfahrungen der Menschen anschließen und so Zustimmung für ein neues kapitalistisches Projekt (wie beispielsweise. den »Green New Deal«) organisieren können. Weitergehend bedeutet das, systematisch über »kulturelle Periodisierung« (Demirovic) nachzudenken und die soziale Bindekraft neoliberaler Ideologie in die Beurteilung seines (Nicht-)Verschwindens einzubeziehen. Denn im treibenden Beat der neoliberalen Selbstverwirklichungsparty schwingt immer auch die Frage mit, wie heftig der Kater ausfallen wird.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 08 Jan 2010 21:27:32 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Die Lehren der Perestroika</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/40/die-lehren-der-perestroika</link>
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                    &lt;p&gt;War die Perestroika eine gescheiterte Revolution oder eine erfolgreiche Restauration? Die aktuelle Ausgabe Nr.19 der Zeitschrift &lt;em&gt;Chto Delat?&lt;/em&gt; (&lt;em&gt;Was tun?&lt;/em&gt;) blickt unter dem Titel »Was bedeutet es zu verlieren?« zurück auf den Untergang der Sowjetunion und die Jahre des Umbruchs in Russland. Das folgende Streitgespräch zwischen Artjom Magun – Philosoph aus St.Petersburg und Mit-Herausgeber von &lt;em&gt;Chto Delat?&lt;/em&gt; – und dem Moskauer Soziologen Boris Kagarlitzky haben wir übersetzt und leicht gekürzt.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;War die &lt;a href=&quot;#glossar_perestroika&quot; title=&quot; Umbau, Umgestaltung) bezeichnet den wirtschaftlichen Reformprozess in der Sowjetunion, der ab Mitte der 1980er Jahre die schrittweise Öffnung der sozialistischen Planwirtschaft einleitete. Begleitet wurde die Perestroika von der Abschaffung der Zensur und der Einführung von Presse- und Meinungsfreiheit unter dem Schlagwort Glasnost (Offenheit). Sowohl die wirtschaftlichen als auch der politischen Reformen stießen in der Bevölkerung auf eine große Erwartungshaltung, die bitter enttäuscht wurde. So gelang es der KPdSU unter Präsident Michail Gorbatschow weder, die Produktivität der maroden Fabriken zu steigern, noch, die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern zu gewährleisten. Das Scheitern der Reformen führte schließlich zum Zusammenbruch der Sowjetunion.&quot;&gt;Perestroika&lt;/a&gt; eine gescheiterte Revolution oder eine erfolgreiche Restauration? Die aktuelle Ausgabe Nr.19 der Zeitschrift &lt;em&gt;Chto Delat?&lt;/em&gt; (&lt;em&gt;Was tun?&lt;/em&gt;) blickt unter dem Titel »Was bedeutet es zu verlieren?« zurück auf den Untergang der Sowjetunion und die Jahre des Umbruchs in Russland. Das folgende Streitgespräch zwischen Artjom Magun – Philosoph aus St.Petersburg und Mit-Herausgeber von &lt;em&gt;Chto Delat?&lt;/em&gt; – und dem Moskauer Soziologen Boris Kagarlitzky haben wir übersetzt und leicht gekürzt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Chto Delat?&lt;/em&gt; erscheint in russischer und englischer Sprache und ist im Internet unter &lt;a href=&quot;http://www.chtodelat.org&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;Chto Delat? im Web&quot;&gt;www.chtodelat.org&lt;/a&gt; zu finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Artjom Magun:&lt;/strong&gt; 20 Jahre liegen zwischen uns und den Ereignissen der Perestroika. Historisch gesehen ist das eine ziemlich lange Zeit. Das Spezifische solcher historischen Ereignisse liegt darin, dass sie ihre eigene Bedeutung nicht in sich tragen. Vielmehr bestimmt sich diese Bedeutung »ex post«, das heißt rückwirkend aus dem weiteren Verlauf der Geschichte. Und während die Perestroika langsam in der historischen Vergangenheit verblasst, sind ihre zerstörerischen und katastrophalen Auswirkungen (die während der Perestroika nur von den Rückwärtsgewandten betont wurden) durchaus noch gegenwärtig. Ich denke, wir beide stimmen bei der Beurteilung der aktuellen Lage in Russland grundsätzlich überein. Unsere Differenzen treten erst beim Thema Perestroika zutage: Ich vertrete die Ansicht, dass es sich dabei um eine Revolution handelte, während Sie die Perestroika in Ihrem wegweisenden Buch (Boris Kagarlitzky: &lt;em&gt;Restoration in Russia: Why Capitalism Failed&lt;/em&gt;, 1995) als Restauration charakterisieren. Dabei legen Sie großes Gewicht darauf, den breiteren historischen Kontext zu berücksichtigen – sowohl die innere Geschichte der Oktober-Revolution, die durch die Perestroika beendet wurde, als auch die Geschichte Russlands als »Imperium der Peripherie«, dessen historisches Erbe durch die Sowjetunion in ihrer Spätphase fortgeführt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nichtsdestotrotz wäre auch die rein externe Perspektive auf das Geschehene ungenügend: Ein solches Ereignis ist imstande, die mit ihm verknüpfte Subjektivität auf alle Zeit festzuschreiben. Das Subjekt erfährt im Folgenden eine Reihe von Veränderungen, aber es bleibt das selbe Subjekt. In unserem Fall – dem des post-sowjetischen Russland – handelt es sich dabei um die Bürger_innen der Russischen Föderation, die dem Sowjet-Kommunismus die Treue verweigerten und deren Hoffnungen auf westlichen Wohlstand enttäuscht wurden. Die Perestroika bewirkte zwar eine Subjektivierung, die die Menschen für kurze Zeit politisch aktivierte und mobilisierte. Anschließend blieben sie jedoch sowohl mit der Lust auf Freiheit zurück als auch mit Verachtung für Ideologie, mit einem Hang zu Zynismus und entfremdet von ihren Mitmenschen. Subjektivität ist ein bedeutsamer Faktor in der Politik: Sie ist das ergänzende Gegenstück aller sozioökonomischen Veränderungen. Eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaft kann folgerichtig nur auf einer revolutionären Subjektivität der Massen errichtet werden, auf ihrem Willen, sich selbst zu regieren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Implosion politischer Identifikation&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Meine These, nach der die Perestroika und ihre Nachwirkungen revolutionär waren, habe ich an anderer Stelle im Detail entwickelt. Alle Indikatoren deuten in diese Richtung: In den 1990er Jahren gab es eine (durch die Eliten in Gang gesetzte) beträchtliche demokratische Mobilisierung, in deren Folge die Opposition die Macht ergriff und einen existierenden Staat abbaute und letztlich zerstörte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Noch wesentlicher: Eine sozioökonomische Struktur wurde zerstört und radikal verändert. Die Beziehungen zwischen den Menschen wandelten sich: Sie wurden Konkurrenten_innen und viele Leute traten in gegenseitige Ausbeutungsverhältnisse ein. Der Staat verlor seine Funktion der paternalistischen Umverteilung des Reichtums, wodurch die materielle Ungleichheit anstieg. Wie es in revolutionären Zeiten der Fall ist, nahm das Ausmaß sozialer Mobilität deutlich zu: Manche Leute legten atemberaubende Karrieren hin und machten binnen kurzem ein Vermögen. Es gab nicht die Spur eines ideologischen Konsenses, so dass in den Massenmedien gegensätzliche Ideen und Meinungen aufeinander prallten. Den politischen Kommentar beherrschte ein zynischer, ironischer und extrem obrigkeitskritischer Stil, so dass die Gesellschaft sehr viel »offener« war als in den westlichen »Demokratien«. Aber nicht weniger wichtig – und vielleicht sogar viel wesentlicher – war die Veränderung auf der subjektiven Ebene, die Implosion politischer Identifikation. Zunächst hatte sie durchaus emanzipatorischen Charakter: Sie richtete sich gegen den Dogmatismus und die politische Theologie des Spätsozialismus. In den 1990er Jahren jedoch wich dies der politischen Apathie, einer ablehnenden Haltung gegenüber Politik und führte zur Ansicht, dass jegliche öffentliche Aktivität politischer Betrug sei. Mir scheint, dass diese Situation, hervorgerufen durch die Ernüchterung und Frustration des »revolutionären« Subjekts, ein eigenartiges psycho-ideologisches Nachspiel der Perestroika-Revolution war. Auch wenn es ein destruktiver und kein zukunftsorientierter, utopischer Prozess war, ist die Charakterisierung als Revolution richtig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Perestroika und ihre Nachwirkungen erinnern in vieler Hinsicht an die Französische Revolution. In beiden Fällen versammelte eine neu aufgeklärte Intelligenzija, bewaffnet mit einer Mischung aus Experten-Rationalismus und idealistischem Utopismus (»die Herrschaft des Gesetzes« und »universelle Menschenrechte«), das Volk hinter sich und erreichte eine erstaunliche Einheit unter den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Nach dem Sieg der Revolution jedoch brach diese Einheit sehr schnell zusammen und die Konfrontation innerhalb des Dritten Standes rückte in den Vordergrund. Der Thermidor hatte schon 1794 triumphiert: Er verwarf den revolutionären Idealismus zugunsten der egoistischen Klassendiktatur der Großbourgeoisie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich bin mir jedoch auch Ihrer Position bewusst. Sie sehen die Perestroika als Kulminationspunkt eines historischen Zyklus, der 1917 begann und dessen Ursprünge wiederum bis 1789 zurückreichen. Die Perestroika markiert die Niederlage des linken Projekts und die defätistische Übernahme des alten, liberalen Gesellschaftsmodells und seiner Ideologie. In der Tat fielen jene Ereignisse mit einer Welle des Konservatismus im Westen selbst zusammen (Thatcher, Reagan, Papst Johannes Paul II.). Diese Welle bediente sich der Perestroika, um linke Kräfte und Ideen zu zerstören und um die Hegemonie des liberalen Konservatismus zu errichten. Ich wiederhole jedoch: Diese Makro-Sicht berücksichtigt nicht die innere, subjektive Bedeutsamkeit der Perestroika und der Revolutionen in Ost-Europa. Diese waren eindeutig viel zu emanzipatorisch, um als Restauration bezeichnet werden zu können: Sie waren begleitet durch einen weitverbreiteten utopischen Enthusiasmus, der zugegebenermaßen nur kurz anhielt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und in Russland selbst bewirkten sie das Entstehen der chaotischen, anarchischen Gesellschaft der 1990er Jahre. Zur »Restauration für sich« wurden sie erst unter Putin. Darüber hinaus richtete sich die Restauration auch gegen die Perestroika als Revolution und nicht nur gegen die internationale sozialistische Bewegung. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde die Rhetorik des Regimes offen konservativ und restaurativ. Dies war in den 15 Jahren zuvor anders. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung aus heutiger Perspektive – mehr als zehn Jahre nach der Veröffentlichung von &lt;em&gt;Restoration in Russia&lt;/em&gt;? Wie hängen revolutionäre und restaurative Elemente in der Geschichte der Perestroika und der 1990er Jahre zusammen?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Es gibt nur einen Weg aus der Sackgasse – rückwärts&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Boris Kagarlitzky: &lt;/strong&gt;Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass die objektive Bedeutung eines Prozesses wichtiger ist als die subjektiven Erfahrungen der Teilnehmenden. Ich würde Ihnen durchaus zustimmen, dass die Frage, warum die Massen sich ihrer Rolle in diesen Prozessen nicht bewusst sind und die Folgen ihrer eigenen Handlungen nicht erfassen können, durchaus lohnenswert sein kann. Denn das übliche Gerede von Manipulation erklärt gar nichts: Es ermöglicht höchstens, sich um eine Diskussion des Problems zu drücken. Dabei ist es wichtig festzuhalten, dass die Täuschung der Massen oder die Selbsttäuschung niemals etwas mit Emanzipation zu tun haben. Ganz im Gegenteil: Sie sind das genaue Gegenteil von Emanzipation. Falls das, was wir hier beobachten, den Übergang von dem einen Modell der Kontrolle (äußerlich, auf Zwang basierend) zu einem anderen Modell (innerlich, auf Manipulation basierend) bedeutet, kommen wir vom Regen in die Traufe. Der Anschein äußerer Freiheit wird durch die effektive Unterdrückung innerer Freiheit erreicht. Es wäre falsch zu behaupten, dieses Phänomen hafte der bürgerlichen Demokratie notwendig an. In bestimmten Phasen ihrer Entwicklung ist sie auf die bewusste (obgleich begrenzte) Mitwirkung der Massen angewiesen. Sie basiert auf einem bewussten Klassenkompromiss, in unserem Fall jedoch ist – egal, von welcher Seite aus betrachtet – von bewusster Klassenpolitik nichts zu sehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Weshalb aber wurden die Massen getäuscht? Oder weshalb ließen sie sich täuschen? Am Ende ist es gar nicht so wichtig, welches von beidem der Fall war: Wir diskutieren die Beweggründe der Getäuschten, nicht die moralische Verantwortung derjenigen, die die Täuschung vollführten. Wie ich andernorts geschrieben habe, waren die Ereignisse von 1989-1992 ein unvermeidbarer Prozess. Er war objektiv reaktionär, aber zur gleichen Zeit historisch notwendig, auch aus Sicht des zukünftigen Fortschritts. Es gibt nur einen Weg aus einer Sackgasse – rückwärts. Diese Rückwärtsbewegung ist absolut notwendig, wenn man vorwärts kommen möchte. Trotzdem ist sie zunächst rückwärtsgewandt – regressiv und reaktionär.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die sowjetische Gesellschaft befand sich in einer historischen Sackgasse, aus der es keinen progressiven Ausweg gab. Ich spreche hier nicht von theoretischen Modellen, die wir – als schöne Utopien – zu jedem Zeitpunkt anfertigen können (wir selbst entwarfen damals voller Enthusiasmus solche Modelle). Vielmehr geht es mir um durchführbare politische Entscheidungen, die von breiter Unterstützung, Ressourcen und objektiven, »externen« Bedingungen getragen werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die einzige derartige Möglichkeit war die Restauration des Kapitalismus. Mehr noch: Diese Restauration musste synchron mit den allgemeinen weltweiten Trends der globalen Entwicklung verlaufen – also Neoliberalismus, Abwicklung der Errungenschaften der Arbeiterbewegung im Westen, Kollaps und Wiedergeburt der nationalen Befreiungsbewegungen in der so genannten Dritten Welt und die völlige moralische Kapitulation der Sozialdemokratie. Die Perestroika war ein organischer und sehr zentraler Bestandteil dieses Prozesses. Sie gab ihm einen neuen Impuls und ermöglichte den Triumph des Kapitals in nie dagewesenem Ausmaß. Zu diesem Triumph des Kapitals kam es außerdem in einer Epoche, in der sich die fortschrittliche Rolle des Bürgertums völlig erschöpft hatte. Im Viktorianischen Zeitalter hatte das Bürgertum einen realen zivilisatorischen Auftrag (ob man das mag oder nicht). Marx hat dies nüchtern betrachtet. Solch eine zivilisatorische Mission gibt es heutzutage nicht.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Das revolutionäre Potenzial der Perestroika?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Sie vertreten, wie auch Alexander Shubin in seinem Buch &lt;em&gt;Betrogene Demokratie&lt;/em&gt;, die Sichtweise, dass die Bewegung der Perestroika ein revolutionäres Potenzial enthielt, welches im Folgenden von den alten und neuen Eliten zerstört wurde. Dabei machten die objektiven historischen Umstände und das soziokulturelle Kräfteverhältnis in Russland ein solches Resultat von vornherein unausweichlich. In den Jahren 1988-89 mögen wir das nicht verstanden haben. Ich habe es 1990 erkannt. Das ändert jedoch nichts an der Lage der Dinge, sondern lediglich unsere Bewertung der eigenen Rolle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zu diesem Zeitpunkt wurde mir auch die Ausweglosigkeit des marxistischen politischen Kampfes unter den gegebenen Umständen klar. Wir konnten uns nicht gegen einen Prozess stellen, der objektiv notwendig war (auch für den zukünftigen Erfolg unserer eigenen Sache). Aber genauso wenig konnten wir ihn unterstützen, da er objektiv reaktionär war: Er hatte kurzfristig katastrophale Folgen für die Mehrheit der Bevölkerung. Uns blieb nur, an zwei Fronten gleichzeitig zu kämpfen sowie die politische und gesellschaftliche Bedeutung des Geschehens in einer Situation zu erklären, in der das 1988/89 gelockerte Ausmaß von Kontrolle wieder massiv zunahm. In den Jahren 1990 bis 1994 standen die Massenmedien unter ungleich stärkerer Kontrolle als es heute der Fall ist. Die Liberalen filterten streng jedes Wort, das über den Äther ging. Wir konnten nicht einmal davon träumen, dass in den seriösen Massenmedien über uns berichtet wurde. In dieser Hinsicht ist das Putin-Regime weitaus liberaler als das Jelzin-Regime.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei Revolutionen kommt es typischerweise dazu, dass die Eliten einen Prozess anstoßen, über den sie dann die Kontrolle verlieren. Neue Kräfte treten auf den Plan und ergreifen, unterstützt von den Massen, die Initiative. Bezeichnenderweise beklagt der eben genannte Shubin genau das Ergreifen der Initiative seitens der Eliten gegenüber den Massen. In anderen Worten: Es geschah etwas, das in einer Revolution nicht passiert oder ihr geradezu entgegengesetzt ist. Stellen Sie sich vor, dass etwas Derartiges im Frankreich oder England des 18.Jahrhunderts geschehen wäre. Anstatt Cromwell oder Robespierre hätten wir einen Dynastie-Wechsel gehabt, gefolgt von dem Versuch, die durch den Absolutismus zerstörte feudale Ordnung wieder herzustellen. Würden wir dies (auch mit der Beteiligung der Massen in der Frühphase) eine Revolution nennen? Natürlich nicht - das fiele niemandem ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Rückwärtsbewegung überdeterminierte die Verwirrung, die für die späten 1980er und frühen 1990er Jahre typisch war – Rechte wurden »links« genannt und umgekehrt. Aber die Bedeutung dessen, was geschah, ist recht simpel. Liberale kämpften dafür, die reaktionäre und rückwärtsgewandte Bewegung (die »Rückkehr in den Mainstream der Geschichte«) abzusichern, während wir darum kämpften, bei der ersten Gelegenheit eine Umkehr zu ermöglichen und wieder vorwärts zu kommen. Dieser Kampf hält bis heute an, nur die Lage hat sich verändert. Das Kräfteverhältnis ist anders.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich sucht sich jeder Mensch seinen Platz in dieser Konfrontation. Die Intelligenzija unterstützte die Liberalen in deren reaktionärer Mission, nahm so eine ideologisch anti-demokratische Position ein und unterschrieb ihr eigenes Todesurteil: Sie verwarf die Tradition der &lt;em&gt;Narodniki&lt;/em&gt; (&lt;strong&gt;»&lt;/strong&gt;Volksfreunde« – sozialrevolutionäre Bewegung im Russland des 19. Jhdt. Anm. d. Ü.) und hörte auf, Intelligenzija zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Artjom Magun&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;:&lt;/strong&gt; In Ihrer »Althusserianischen« Lesart der Perestroika zeigt sich für mich die distanzierte Perspektive des Experten. Sie stellen dem spontanen politischen Kampf von Menschen, die sich in einer unvorhersehbaren Situation mit offenem Ausgang wiederfinden, eine lineare Vorstellung von Geschichte gegenüber (»vorwärtsgewandt«, »rückwärtsgewandt«), und in dieser Vorstellung steckt eine satte Portion von historischem Determinismus. Was mir da fehlt, ist ein Sinn für die Offenheit der Geschichte und für die Aufgabe, freie Institutionen auf jener sozioökonomischen Grundlage zu schaffen, welche in einem Moment gegeben ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Boris Kagarlitzky:&lt;/strong&gt; Ganz im Gegenteil: Ich vertrete, dass Linke die kapitalistische Restauration hätten bekämpfen sollen, und dies im Bewusstsein (oder auch ohne dieses), dass der Kampf von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Als Teilnehmer an diesem Ereignis habe ich genau in dieser Weise gehandelt. 1991 war mir klar geworden, dass der Widerstand gescheitert war – auch wenn es Momente gab, in denen es so aussah, als hätten wir eine Chance. Auf der anderen Seite geht es bei diesem Kampf nicht um den heutigen Sieg, sondern um den morgigen. Das ist normal: Wir müssen häufig einen Kampf aufnehmen, von vornherein wissend, dass wir ihn nicht gewinnen können.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 08 Jan 2010 21:05:38 +0000</pubDate>
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 <title>Schönes Scheitern, hässliches Verlieren</title>
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                    &lt;p&gt;Eine Sache, für die man nicht scheitern kann, ist nichts wert. Das gilt für Weltraumfahrer ebenso wie für Punk-Musiker: Würde man nämlich so einfach von A nach B gelangen und könnte sich dabei, wie sagt man, »treu bleiben« (und wären wenigstens die Blessuren halbwegs vorberechnet, die Begegnung mit dem intergalaktischen Körperfresser oder das Alt- und-Spießig-werden), dann wäre die ganze Bewegung ja gar nicht in der Zeit (sondern im Plan), also risikolos und unheroisch. Bleibend ist allein das Scheitern. Ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass Nazis nicht scheitern können? (Wer bedingungslos an den Triumph der Stärke über das Schwache glaubt, für den ist Scheitern noch mehr als ein Unwert, nämlich ein Unwerden.)&lt;/p&gt;

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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Eine Sache, für die man nicht scheitern kann, ist nichts wert. Das gilt für Weltraumfahrer ebenso wie für Punk-Musiker: Würde man nämlich so einfach von A nach B gelangen und könnte sich dabei, wie sagt man, »treu bleiben« (und wären wenigstens die Blessuren halbwegs vorberechnet, die Begegnung mit dem intergalaktischen Körperfresser oder das Alt- und-Spießig-werden), dann wäre die ganze Bewegung ja gar nicht in der Zeit (sondern im Plan), also risikolos und unheroisch. Bleibend ist allein das Scheitern. Ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass Nazis nicht scheitern können? (Wer bedingungslos an den Triumph der Stärke über das Schwache glaubt, für den ist Scheitern noch mehr als ein Unwert, nämlich ein Unwerden.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine Idee, eine Phantasie, ein Bild oder ein Wert, in denen das Scheitern nicht vorkommt, ist von vorneherein, nun ja, »zum Scheitern verurteilt«. Wenn einer scheitert und redet sich heraus und gibt die Schuld den anderen, dann ist er nicht gescheitert, sondern ein Arschloch. Wenn einer scheitert und merkt es nicht einmal, ist er ein dummes Arschloch. Das Scheitern ist ein Flash des Subjekts; es »fühlt« sich im Scheitern so sehr (mindestens!) wie im Triumph. Nur freie Menschen können scheitern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Scheitern ist nicht einfach: Misslingen. Scheitern kann man nur mit ganzem Herzen, also nicht im Zurückschrecken, Umwegnehmen oder Taktieren. Aber auch nicht im Weitermachen um jeden Preis, im Blindwerden und Blindmachen. Zum Scheitern braucht man genau den richtigen Zeitpunkt. Das ist der Punkt, an dem die Geste der Heldin oder des Helden genau so stark ist wie die Sache, an der man scheitert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer scheitert, hat nichts falsch gemacht. Entweder scheitert er oder sie, weil er oder sie das Richtige tat, oder sie oder er erkennt das Richtige im Scheitern. Zwar kann man die äußere Gestalt des Scheiterns durch Fehlentscheidungen bestimmen, im Kern des Scheiterns aber liegt weder der Fehler noch das Richtige; Scheitern geschieht jenseits von »richtig« und »falsch«.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die innere Wahrheit einer Gesellschaft also ist das Scheitern, die äußere Form das Gewinnen. Je mehr die allgemeine Praxis auf das Gewinnen (um jeden Preis) abzielt, desto wichtiger ist eine Kultur des Scheiterns. Kein Wunder also, dass es das protestantisch-kapitalistische Bürgertum ist, das sich eine »Kultur des Scheiterns« hält, die in ihrer Verfasstheit liegt. Über die Frage, ob Kapitalismus ohne Demokratie funktioniert, vergisst man oft die Frage, ob Kapitalismus ohne Religion funktioniert. Sie gleicht den Widerspruch zwischen dem Scheitern der Elemente und dem Gewinnen des Systems aus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jeder Profit, der gezogen wird, ist ein Weitergeben des Verlustes, entweder an seine Mitmenschen oder aber an die kommenden Generationen (oder gleich an beide). Wenn also Banker »scheitern« (indem sie mal eben ein paar Milliarden vernichten), dann lassen sie die Verlust-Rechnung nur gegenwärtig und topografisch werden. In der Logik des Geldes sind sie nicht gescheitert. Kann man in der Logik des Geldes scheitern? Get rich or die tryin. Gangsta-Logik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die beiden Formen des radikalen Nicht-Scheiterns sind der Terror und die Revolution (so wie die inneren Formen des Nicht-Scheiterns die Religion und die Ideologie sind: Wehe, wenn sich beides verbindet!). Das heißt nicht, dass ein Terrorregime nicht scheitern könnte, und es heißt auch nicht, dass eine Revolution das nicht kann. Es meint ein gewaltsames Überwinden des Scheiterns als Grundprinzip. Es sind die großen Helden der populären Kultur, die sich im Scheitern bewegen: die alten Westerner, die Rock-Musiker, die traurigen Gangster der fiktiven Unterwelt, schäbige Detektive und traurig-schöne Frauen, die am selben Gift sterben möchten wie die boys in the backroom. Wenn der Soziologe Richard Sennett recht mit dem Gedanken hat, dass das Scheitern ein Tabu der modernen Gesellschaft ist (und demnach eine frivole Doppelcodierung in der postmodernen), dann ist Pop-Kultur nichts anderes als die Religion des Scheiterns. Und natürlich können wir auch hier eine Entwicklung der Entwertung und der Entwürdigung erkennen. Im Reality TV hat »Scheitern« keine Würde mehr, da geht es nur um das Opfer der Unterdurchschnittlichkeit zum Gaudium der Durchschnittlichen. Auch diese Kultur hebt das Scheitern nicht auf, sondern treibt es uns aus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf der anderen Seite stehen die, die kein Scheitern kennen, die Pornostars der sexuellen Ökonomie, des Militärs und der Wall Street, und die, welche ihr Leben als Jammertal begreifen und entsprechend opportunistisch wechseln zwischen Begehren und Jammern, die Soap Operas und Comedy-Clowns (und die, die wir »Politiker« nennen). Vielleicht ist es Ihnen schon aufgefallen: Jede Erzählung vom Menschen beginnt mit dem Scheitern oder führt darauf hin. Als würdevolles Verlieren ist Scheitern ans Narrativ gebunden, als Experiment der Selbsterfahrung dagegen an irgendeine Form der Schönheit, als Teil des Lebens schließlich an einen letzten Überschuss: Der Gescheiterte kann nicht einfach zerstört, tot, weg sein. Scheitern ist ein dramaturgisches Geschehen, weder das Ende, noch die furchtbarste aller Katastrophen, das Weitermachen wie vorher. Der plot point Scheitern macht die Erzählung doppelt sichtbar, als Erkenntnis und als Schönheit. Schön kann nur bleiben, was gescheitert ist, das gilt für Liebe, Kunst und Revolution. Andrerseits kann auch nicht wirklich großartig scheitern, wer sich von vornherein vor den Mühen der Ebene fürchtet. Kurzum: Man darf weder scheitern wollen noch darf man das Scheitern akzeptieren, wenn man eine schöne Geschichte des Scheiterns erzählen oder leben will.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich ist das Problem des Scheiterns seine aristokratische Attitüde. Können Kollektive scheitern? Ohne Frage. Aber können sie, wie das Helden-Subjekt, das Scheitern genießen? Das scheiternde Kollektiv zerfällt, der scheiternde Held aber wird erst. Wo anders kann er hinwollen als zum Kollektiv? (Das Ziel des Helden, sagt Rousseau, »ist das Glück der Menschen und diesem erhabenen Werk widmet er die edle Seele, die er vom Himmel empfangen hat«. Scheitern ist, unter anderem, ein mindfuck der »edlen Seelen«.)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Der ärgste Feind des Scheiterns ist die Ironie&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Spaßgesellschaft hat das Konzept des Scheiterns gleichsam auf den Kopf gestellt. Sie verlangt von ihren Mitgliedern, dauernd auf die Nase zu fallen, dies aber nicht weiter tragisch zu nehmen. Die Cleveren vermarkten ihr Auf-die-Nase-Fallen, die Dummen tun es im unerschütterlichen Glauben, dass ein andermal ein anderer anderswo Erfolg haben könnte. Begehren und Jammern sind bei ihnen daher nur eine Sendeminute voneinander entfernt. Der »geborene Loser« hat das Scheitern in erträgliche Segmente zerlegt. Lieber als in einem Raum, den es zu betreten gälte, scheitert er schon an der Türschwelle – zu unserer Freude. Aber wissen wir, worüber wir da lachen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Scheitern kann nur, wer über sich selbst hinausreichen wollte. Niemand scheitert an einem Bausparvertrag, und auch das »Scheitern an einer Gebrauchsanweisung« (wie wir es wohlig uns erzählen) ist in Wahrheit Teil des ironischen Herunterstufens. So scheitert man in einer Beziehung, in seiner Karriere, seinem Plan, wo man in Wahrheit an nichts als an der eigenen Armseligkeit scheitert. Denn es verhält sich natürlich auch genau umgekehrt: Indem wir etwas, und sei es noch so trivial, mit dem Begriff des Scheiterns belegen, werten wir es auf. Wer, mit diesem sardonischen Grinsen, wir kennen das, von seinem »Scheitern an einem Anrufbeantworter« erzählt, gehört zu einer umgedrehten Spaßkultur, die uns aufgepimpte Alltagstrivialität als Kommunikation und Bedeutung verkauft. Wer sein Alltagsleben mit »Scheitern« perforiert, scheitert, wenn überhaupt, an dem verzweifelten Versuch, sich wichtig zu machen. Scham darf es beim Scheitern nicht geben, wohl aber beim »Gerede zum Scheitern«. Denn so wahr es ist, dass Scheitern ein Tabu in der kapitalistischen Organisation des Alltags und der Geschichte ist, so wahr ist es auch, dass wir unentwegt von beinahe nichts anderem als vom Scheitern schwätzen, vom eigenen, und mehr noch vom Scheitern der anderen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist klar, dass so schnell der Held zum Verbrecher wird (wenn nicht ohnehin in jedem Helden ein Verbrecher steckt), das Scheitern zum Versagen wird (zum Beispiel das Scheitern an einem Wert wie der Menschlichkeit: »Wir, die wir die Freundlichkeit wollten, konnten selber nicht freundlich sein«, das mag für den Augenblick so viel erklären wie der Hinweis, dass die Revolution kein Deckchenstricken ist. Aber unabhängig davon, ob ihm das klar war oder nicht: Brecht hat mit diesem Satz das Scheitern beschrieben, ohne dass es keine Veränderung gibt. Unter gewissen Umständen ist Scheitern das aufklärerische Pendant des Opfers. Warnungen vor Mystifikation beiseite.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das zweite, was das Scheitern fürchten muss, das ist die eigene Inflation. Hütet euch vor Menschen, die ins Scheitern verliebt sind! (Und wer nur scheitern kann, kann auch das nicht.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Darum, nehmen wir den Satz von oben noch einmal auf: Was »zum Scheitern verurteilt ist«, kann gar nicht scheitern, sondern ist bloß schiefgegangen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In einer »komplexen« Gesellschaft ist Scheitern prinzipiell verboten, weil jedes Scheitern eine epidemische Ausbreitung erfährt: Anders als ein bloßes Verlieren ist Scheitern ansteckend. Jedes System produziert Gewinner und Verlierer, aber der Scheiternde transzendiert diese Produktionslogik. Er heiligt und verdammt das System zugleich. Man kann den Mythos des Scheiterns deshalb nicht auf eine lineare Weise »politisieren«. Allerdings leben wir nicht nur in der Gegenwärtigkeit des Scheiterns, sondern auch in einer Geschichte des Scheiterns - und das heißt: Scheitern heute ist nicht dasselbe wie Scheitern gestern, ja, Scheitern ist in doppeltem Sinne selbstwidersprüchlich, in seinem Wesen, als »Triumph des Verlierens« und in seiner Geschichte, als beständige Umwertung. In einer Gesellschaft des populistischen Medienkapitalismus ist »Scheitern«  - Scheitern 2.0 - gleichbedeutend mit Verschwinden. Was sichtbar ist, ist nicht gescheitert, denn sonst wäre es nicht mehr sichtbar. So wäre in der Gesellschaft des Medienbildes öffentliches Scheitern nichts anderes als eine besondere Form des Triumphierens. Das Bekenntnis zum Scheitern ist ein Genre unter vielen, die zur Entropie der Bedeutsamkeit von Biographie beiträgt und ungefähr so interessant ist wie Hochzeitsinszenierungen von Boris Becker.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich könnte man sagen: Man kann an allem scheitern. An der Welt oder an einer Tasse Tee. Aber generell sollten wir das Scheitern für ein größeres Ganzes reservieren. Was wiederum nicht heißt, dass man das kleine Scheitern nicht als perfektes Abbild des wirklichen Scheiterns betrachten kann, alle Hochkomik funktioniert so: Die Frage ist, ob wir das Scheitern an einer Bananenschale als ein Scheitern am Schicksal, ein Scheitern an der Bosheit der Gesellschaft (ihrer Unordnung oder ihrer Gemeinheit oder ihrer Nachlässigkeit), das Scheitern an der Natur oder das an uns selbst – verträumter Idiot! – ansehen. (Genau hier lässt sich die Spaltung des Scheiterns erkennen: Subjekt und Objekt nämlich vertauschen die Rollen: Man scheitert schließlich nicht an der Bananenschale, sondern an dem Versuch, einen Sinn in ihrer Tücke zu erkennen, so wie Laurel &amp;amp; Hardy nicht an der Tücke des Objektes scheitern, sondern an der Frage, ob die Dinge, die ihnen das Leben versauen, belebt sind oder nicht, ob das Missgeschick eine Erfahrung oder eine Metapher ist. Das Missgeschick wird zum Scheitern erst durch einen Akt des (unglücklichen) Bewusstseins.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Niemand &lt;em&gt;will&lt;/em&gt; scheitern; aber destruktiver gewiss als das Scheitern ist die Angst vor dem Scheitern. Die Angst vor dem Scheitern ist ein Herrschaftsinstrument. Man schafft auf diese Weise »die Jugend« ab, den leeren Raum der Möglichkeiten in den Städten, die Ideen, die Lust: Eine Gesellschaft, die von der Angst vor dem Scheitern beherrscht wird, trocknet aus; eine Gesellschaft, in der das Scheitern zum Gesellschaftsspiel, komplett mit Regeln und Coaching im TV, geworden ist, ersäuft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn Tapferkeit eine hinkende Tugend ist, dann ist Scheitern eine hinkende Pose. Der Künstler, das gehört zu ihm seit den Zeiten von da Vinci, klagt unentwegt sein Scheitern an, da er kein Werk schaffen kann, dass mit der göttlichen Schöpfung, mit der Natur konkurrieren kann. Die moderne Kunst scheitert nicht mehr an diesem Vergleich, sie ist der Ausdruck des Scheiterns an sich. Der Künstler nach Beuys scheitert nicht mehr am Versuch, die Welt zu heilen, sondern an dem, sich selbst zu heilen, der Künstler nach Andy Warhol scheitert nicht an der Wirklichkeit, sondern am Bild. Das metaphysische Scheitern des modernen Künstlers aber liegt generell darin, dass er außerhalb sein müsste, um wahrhaftig zu sein, und daher nur wahrhaftig seine Unfähigkeit, außerhalb zu sein, bearbeiten kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Schon früh, so will es die Gesellschaft des Neoliberalismus, werden die Verlierer aussortiert, die Loser, Verlierer, Versager. Aber in Wahrheit geht es um eine Jagd auf die Verweigerer. Denn es gilt sehr genau zu unterscheiden zwischen jenen, die im System scheitern und den anderen, die am System scheitern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eigentlich ist es ganz einfach: Scheitern ist die Art des Verlierens, bei der der Verlierer seine Würde nicht verliert. Wenn man das ein paar Mal dialektisch umdreht kommt man darauf, dass Scheitern eine ästhetisch ansprechende Form des Widerstands sein kann. Eine Form der praktischen Kritik an einem System ist das Scheitern allemal. Wer im System scheitert, zeigt sein Unvernünftigkeit auf, wer am System scheitert, zeigt seine Unmoral auf: Robin Hood, Jesse James, Blackbeard und all die anderen Sozialbanditen werden als Gescheiterte am System zu Outlaws, bevor sie, teils aus moralischen Gründen, teils weil sie den Schritt nach außerhalb nie radikal genug tun konnten, an ihrem Outlaw-tum scheitern. Denn anders als ein bloßes Versagen oder Verzagen ist das wahre (das alte) Scheitern (Scheitern 1.6)  kein Verschwinden. Einem System merkt man an, wie seine Elemente an ihm und in ihm gescheitert sind. Der Handel, die Kunst, das Wissen, all diese Systeme, die immer »wachsen« müssen damit sie sich überhaupt erhalten, funktionieren so: die Erfolgreichen darin sind nichts anderes als Ausdruck zorniger und depressiver Energie der Scheiternden. Die Scheiternden sind das Blut und das Fleisch, die Erfolgreichen nur das Make Up.)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Angriff auf das Scheitern&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Nun könnte man behaupten, dass »die Krise« unter vielem anderen auch ein großer erleichternder Rülpser der Weltkultur ist. In der Krise ist Scheitern erlaubt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das große, nicht nur semantische Problem ist eben dieses: Wenn Scheitern erlaubt ist, nicht erzeugt aber doch beflügelt von der Krise unserer Jahre, ist es dann überhaupt noch ein Scheitern? Ein Scheitern light in unserer Soap Opera- und Coaching-Kultur ist die zweite der großen Gefahren für den Mythos (nach der Ironie).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was uns die Manager und Banker und Politiker gerade vormachen: Man kann so gründlich vergeigen, versieben, versenken und verarschen wie man will - in gewissen Positionen. Sie lehren uns also nicht etwa das schönere und bessere Scheitern, sondern im Gegenteil, sie entwerten es. Sie machen eine Farce aus dem Scheitern. Wir würden ja gar nicht verlangen, dass sie sich ins Schwert stürzen oder in den leeren Geldspeicher, wenn sie nur aufhören wollten, zu grinsen, zu schnarren und ihre Worthülsen zu verbreiten! In der Krise sehen wir das Schauspiel eines Scheiterns, das keines mehr ist. Genau anders herum als im klassischen Modell vom erfolgreichen System, das aus dem Scheitern seiner Elemente besteht, haben wir es hier mit einem System zu tun, das an seinen Elementen scheitert. (Damit ist nicht »der Kapitalismus« gemeint, der ist zugleich noch einfacher und wesentlich komplizierter, sondern das System der Schnittstellen zwischen Politik, Ökonomie und Kultur.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das System ist gescheitert! Rufen die Besserwisser. Woran aber kann das System gescheitert sein? Und kann ein System überhaupt scheitern (schließlich ist es doch, in der Dramaturgie des Scheiterns, weder Subjekt noch Objekt, auch wenn alle seine Elemente so wie alle seine Regeln Symptome und Metaphern sind). Es will ja nichts außer sich selbst und immer mehr von sich selbst. Es hat ja keine Würde, die es verlieren könne und es will auch keine gewinnen. Scheitern im und am Kapitalismus kann und muss man, weil der Kapitalismus nicht scheitern kann, möglicherweise gibt es ihn gar nicht, jedenfalls nicht in der Art, wie man sich so allgemein ein »System« vorstellt. Und Scheitern ist immer eine Begegnung von Subjekten und Systemen. Scheitern also können in Wahrheit auch in der Krise wiederum nur Menschen aneinander, die einen scheitern mit ihrer Idee an der Praxis, die anderen mit ihrer Praxis an der Gewohnheit. So dass die Gewinner ebenso unglücklich sind wie die Verlierer, nur eben spiegelverkehrt: Mit dem grotesken Auseinanderklaffen von Idee und Wirklichkeit gibt es also das Scheitern dritten Grades, das strukturelle Scheitern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Hüten wir uns daher auch vor Leuten, die anbieten, das Scheitern kontrolliert zu beherrschen. »Das Scheitern positiv zu bewerten, nachhaltig für den Erfolg zu nutzen, es erfolgsorientiert beherrschbar zu machen – das soll die Kunst des gelingenden Scheiterns vermitteln«. So verspricht es eine Agentur namens &lt;em&gt;gescheit.es Scheitern&lt;/em&gt;. Und ihr Protagonist, Herr Stöhr, (»Hans-Jürgen Stöhr, 57, ist studierter Philosoph und will Menschen aller Berufsgruppen helfen, der Karriere neuen Schwung zu geben«) rät: »Beim guten Scheitern nimmt man zum rechten Zeitpunkt wahr, dass man sich von einem Projekt verabschieden muss. Man akzeptiert, dass etwas nicht so hingehauen hat, wie man es ursprünglich gedacht hat, und lernt langsam, sich von der Idee zu verabschieden und loszulassen […]. Wenn das gelingt, ist es viel einfacher, sich neu zu orientieren und etwas anderes zu starten.« Der Neoliberalismus macht also nicht mal mehr vor dem Scheitern halt. Wenn er in die Krise gerät, na schön, dann verkaufen wir eben das Scheitern. Und gescheiterte Manager werden Scheitern-Manager!&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 08 Jan 2010 20:46:22 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Das Andere, das jetzt auch mitspielen darf</title>
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                    &lt;p&gt;Verpönt, versteckt, dethematisiert. Lange Zeit führte das Scheitern ein Schattendasein neben seinem strahlenden Bruder Erfolg. Geweint über das eigene Scheitern wurde im stillen Kämmerlein hinter dem Rücken anderer über deren Misserfolg getuschelt. Höchstens verschrobene Gestalten wie Kafka rückten das Scheitern in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Verpönt, versteckt, dethematisiert. Lange Zeit führte das Scheitern ein Schattendasein neben seinem strahlenden Bruder Erfolg. Geweint über das eigene Scheitern wurde im stillen Kämmerlein hinter dem Rücken anderer über deren Misserfolg getuschelt. Höchstens verschrobene Gestalten wie Kafka rückten das Scheitern in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Scheitern ist in. Scheitern ist sogar hip genug fürs Fernsehen, das weiß sogar der 12-jährige Jan: »Die machen das doch extra so bei &lt;em&gt;DSDS&lt;/em&gt; mit dem Scheitern. Sonst wär’s ja auch nicht so lustig.« Auf Jans Liste des Scheiterns befinden sich, neben &lt;em&gt;Deutschland sucht den Superstar&lt;/em&gt;, noch weitere Sendungen: &lt;em&gt;Wer wird Millionär?&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Dschungelcamp&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Germany’s Next Topmodel&lt;/em&gt;. »Wenn der Bohlen immer nur gut oder schlecht sagen würde, dann würde das niemand gucken. Der muss die Leute schon fertig machen«, ergänzt Lisa. Getuschel hinter dem Rücken sieht anders aus. Offener Spott über das Scheitern anderer trifft es da schon eher. Massenscheitern für die Quote. Wer am Ende gewinnt spielt keine große Rolle. Die vielen, die im Verlauf der Sendung rausfliegen, also scheitern, sind die wahren Hauptfiguren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Ich gestehe, Vater, ich bin gescheitert&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Scheitern ist nicht nur in, scheitern lässt sich seit Neuestem sogar lernen. Zum Beispiel von Michael Heng, ehemaliger Skirennläufer und Gründer der &lt;em&gt;Integralen Unternehmensberatung 1492 für Wachstum und Erneuerung&lt;/em&gt;. Hengs Anliegen ist es, Menschen dabei zu helfen, aus dem Scheitern zu lernen. Der richtige, Heng’sche Weg beginnt dort, wo das Sprechen über den Misserfolg mit »Ich ...« beginnt. Was Heng damit sagen will? Niemand anderes als du selbst, du ganz allein, bist verantwortlich für dein Scheitern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die fast 30 Prozent mehr, die der männliche Kollege verdient, sind also nicht durch s&lt;em&gt;ein&lt;/em&gt; Geschlecht erklärbar, sondern anhand &lt;em&gt;ihrer&lt;/em&gt; miserablen Gehaltsverhandlungsleistung. Der kleine deutsch-türkische Junge sieht seinen deutschen Klassenkameraden nicht deshalb ohne ihn aufs Gymnasium gehen, weil der Lehrer letzteren aufgrund seiner Hautfarbe für kompetenter, vertrauenswürdiger und rational denkender halten würde. Der wahre Grund liegt natürlich in der mangelnden Arbeitsmoral des Kleinen, nicht in gesellschaftlichen Strukturen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum Glück gibt es Menschen wie Heng, die die verzweifelte Frau und den kleinen Jungen – gegen etwas Bares versteht sich – an die Hand nehmen und ins Reich der Schönen bzw. Reichen führen. Alles was dafür verlangt wird, ist ein simples »Ich« zu Beginn des Satzes: »Ich gestehe, Vater, ich habe gesündigt.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sollen hinunter tauchen in die Abgründe unseres Selbst und darin die Ursache unseres persönlichen Scheiterns erkennen. Nicht mehr der Priester begleitet uns auf dieser Reise, sondern der Psychoanalytiker oder die Unternehmensberaterin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir rechtfertigen uns für unser Handeln, hoffen auf Absolution und auf Wegweisung. Und nebenbei, fast unbemerkt, verfestigt sich die Du-kannst-alles-schaffen-Mentalität, lebt das alte Bild der Tellerwäscherin als Millionärin in spe wieder auf. Uncle Sams strenger Finger auf dich gerichtet: Can you?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das ehemals Dethematisierte, das Verschwiegene ist heute Teil des Beredeten. Das Scheitern hat jedoch keinen eigenen Kreis an Wörtern um sich geschart. Vielmehr sind es die alten Metaphern des Erfolgs, die die Zügel in der Hand behalten. Sie sind das unterschwellige Rauschen, denn der einzige Sinn der Therapierung des Scheiterns ist die Rückkehr auf die Schnellstraße des Erfolgs.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Selbst in Zeiten der Krise bleibt das Scheitern ein individuelles. Manager haben versagt, es gibt unfähige oder böswillige Banker; einzelne, die sich am Schneeballsystem bereichern oder die verfehlte Zinspolitik Alan Greenspans. Ihnen gegenüber stehen die Masse der rechtschaffenen SparerInnen und FirmenchefInnen, die um ihr Geld betrogen worden sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Fehler liegt nicht im System, sondern Einzelne haben die ganze Misere zu verantworten. Gier ist das Leitmotiv, vor nicht allzu langer Zeit war es die Nutznießermentalität oder das Sozialschmarotzertum. Der Mensch ist böse, »Vater« vergibt uns.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Gescheitert im Sprechen über das Scheitern – was bleibt?&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Was tun also angesichts eines Diskurses über das Scheitern, der den Einzelnen die Verantwortung zuschiebt?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zunächst einmal anerkennen, dass es nicht grundsätzlich verwerflich ist, das Scheitern (sofern als solches anerkannt) produktiv zu nutzen. Aus dem Scheitern lässt sich tatsächlich lernen. Die Frage ist nur: Wie und Was? Die Auseinandersetzung mit dem Scheitern soll schließlich nicht, wie Heng es gerne hätte, zu einer Hantel werden, die dann die Muskeln des zukünftigen marktkonformen Erfolgs stählt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf welche Weise sich aus dem Scheitern lernen lässt, hängt von der Blickrichtung ab. Eine Auseinandersetzung mit dem Misserfolg, die nicht individualisierend wirken will, sollte strukturelle Ebenen bewusst integrieren. Scheitern kennt Geschlechter, Hautfarben, Ethnien, Klassen, Alterstufen, Sexualitäten und vieles mehr. Unterschiedliche Sprechpositionen und Verortungen im gesellschaftlichen Raum strukturieren unsere Erwartungen, beeinflussen die Träume, die wir träumen, den Mut, den wir haben, die Wagnisse, die wir eingehen, unsere Möglichkeiten. Vergeschlechtlichung ist eine dieser Ortzuweisungen. Sie eröffnet und verschließt uns Handlungsmöglichkeiten, bestimmt, ob wir unsere Ängste, unser Scheitern teilen können oder als einsameR KämpferIn mit dem Misserfolg alleine umgehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die individualisierende Art, in der das Scheitern derzeit verhandelt wird, ist ein gewaltsames Gleichmachen. Eine Herrschaftsstrategie, die überdeckt, wer privilegiert, benachteiligt, nicht gehört oder ausgeschlossen wird. Universalisierend. Das »Ich«, welches von uns, den Angerufenen, gefordert wird, dieses »Ich«, das sind nicht wir als Person. Wir rechtfertigen uns vor einer Norm, die uns auf unterschiedliche Art und Weise ignoriert und verleugnet. Eine weiße Norm, eine männliche. Die Norm einer Leistungsgesellschaft mit makellosen, funktionierenden Körpern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotz aller Kritik, Ablehnung, Verweigerung empfinden wir häufig noch Stolz oder Genugtuung, wenn wir von selbiger Gesellschaft Bestätigung erhalten. Nur wenn alternative Anerkennungsstrukturen stark genug sind, können wir Kraft schöpfen, um Anderes auszuprobieren. Darin scheitern. Unsere Unterschiede nicht wegwischen, sondern gemeinsam beleuchten, nicht durchleuchten. Zuhören, versuchen zu verstehen. Wieder aufstehen und von Neuem beginnen. Was folglich aus dem Scheitern zu lernen ist, hat tausend Gesichter, Geschichten und Stimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für den 12-jährigen Jan ist nach einer halbstündigen Diskussion wichtig, dass Scheitern nicht gleich verlieren ist: »Wenn wir im Handball Dritter werden wollen, weil zwei andere viel besser sind und ins Endspiel kommen und dann verlieren, dann haben wir verloren. Wir sind aber nicht gescheitert, weil wir ja Zweiter sind.« Mit einem Vorhaben zu scheitern bedeutet nicht, den ganzen Kampf zu verlieren. Vielmehr sollten gescheiterte widerständige Projekte und Lebensentwürfe als reichhaltiger Fundus der Reflexion dienen, um immer wieder den Mut zu haben, Neues zu wagen.&lt;/p&gt;


&lt;!--
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 <pubDate>Fri, 08 Jan 2010 20:05:40 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Julia&#039;s Calculations</title>
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                    &lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;Love Counts.&lt;/strong&gt;&lt;span&gt; Im Anfang war die Zahl, und die Zahl war bei Gott, und die Zahl war Gott, sie war im Anfang bei Gott. In der Liebe hab ich mich stets verrechnet, so dass aus Etwas Nichts geworden ist. Über die Jahre war ich mit einer mittleren Anzahl von Leuten zusammen. Wie Schwermetalle haben sich die Rückstände dieser Liebesgeschichten in meinem Körper angesammelt; Erinnerungen an Dinge, Sätze, Kleidungsstücke, die in Wohnungen deponiert und in Kartons oder Tragetaschen wieder abgeholt wurden. Kann mich an die Badezimmer erinnern, ein umfunktioniertes Zigarettenregal, einen Aufkleber auf einem Spiegel &lt;em&gt;(reclaim your face)&lt;/em&gt;, eine insektenhaft gesprungene Kachel und an gute Momente ganz für mich auf der Wannenkante, während in meinem Mund die Zahnbürste selbsttätig rotierte und jemand im Bett schon auf mich wartete. &lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;strong&gt;1 Love Counts.&lt;/strong&gt;&lt;span&gt; Im Anfang war die Zahl, und die Zahl war bei Gott, und die Zahl war Gott, sie war im Anfang bei Gott. In der Liebe hab ich mich stets verrechnet, so dass aus Etwas Nichts geworden ist. Über die Jahre war ich mit einer mittleren Anzahl von Leuten zusammen. Wie Schwermetalle haben sich die Rückstände dieser Liebesgeschichten in meinem Körper angesammelt; Erinnerungen an Dinge, Sätze, Kleidungsstücke, die in Wohnungen deponiert und in Kartons oder Tragetaschen wieder abgeholt wurden. Kann mich an die Badezimmer erinnern, ein umfunktioniertes Zigarettenregal, einen Aufkleber auf einem Spiegel &lt;em&gt;(reclaim your face)&lt;/em&gt;, eine insektenhaft gesprungene Kachel und an gute Momente ganz für mich auf der Wannenkante, während in meinem Mund die Zahnbürste selbsttätig rotierte und jemand im Bett schon auf mich wartete. &lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aller Anfang ist gut, sonst würde man nicht anfangen. Der Kunststoff- und Metallanteil in mir wächst ständig, nach jeder gescheiterten Hoffnung musste ich Dinge an meinem Körper reparieren oder austauschen (look at me, son: a kind of Frankenstein’s daughter). Liebten wir einander nicht genug, oder nicht aus den richtigen Gründen? Spielen die Gründe in der Liebe vielleicht die entscheidende Rolle? Keine Ahnung. Wenn ich ein hübscheres Gesicht hätte, hätte ich mehr Auswahl. Du mochtest, wie ich aussehe, besonders mein Hals und mein Arsch hatten es dir angetan. Ich hatte nichts dagegen. Ich war verrückt nach dir, nie war ich nach jemandem so verrückt wie nach dir, Eric. Wir stehen oben auf einem Hoteldach und rauchen und es ist der absolute Beginn von allem, die große Stadt tief unter uns, der Himmel unendlich, die Sonne gerade erst geschaffen, der helle Wahnsinn. Du: Glaube, das ist es. Ich: Kann nicht sein. Du: Nimm noch mal meinen Schwanz in den Mund. Ich hatte absolut nichts dagegen und lernte viel Neues, zum Beispiel dass es immer noch tiefer geht und man nur von Milchkaffee, Sex und Zigaretten leben kann. Dein Glaube zog mich mit und ich konnte weder richtig essen noch arbeiten, bis ich mich halbwegs wieder gefangen hatte, das Herz moderater schlug und du zu mir zogst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gefühl: wie angekommen, close, easy, waren glücklich, alles leicht, alles lösbar. Bis sich ein Problem ergab, das sich als zentral herausstellen sollte. Fast schien es, als sei unsere Beziehung nur um der Entdeckung dieses einen Problems willen eingerichtet worden. Wir kreisten darum wie zwei Monde um einen Planeten, die Anziehungskraft des Problems hielt uns zusammen. Wir drehten und wendeten es, bis wir nicht mehr weiter wussten. Freunde wurden zu Rate gezogen, hinein in die Umlaufbahn des Problems, nach und nach ein ganzes Team von Freunden, das die Chancen und Risiken mit mir durchrechnete. Mit den Ergebnissen nahm ich die Verhandlungen neu auf, es wurde Abend, und Nacht, wir redeten, zu viele Drinks, redeten und schliefen schließlich ein, eng ineinander verzahnt in jener seltsamen Weisheit völliger körperlicher Erschöpfung und diese Momente kurz vorm Einschlafen waren die besten. Am Morgen in der Küche ging es von vorne los. Wir kamen einfach nicht dahinter. Da war eine seltsame Schieflage an uns, irgendein Mangel, und zugleich war dieser Mangel nun das, was uns so fieberhaft zusammenhielt. Ich glaube, als Paar waren wir vor allem eines: typisch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In langen Testserien von Beziehungen, die, dem Stoffkreislauf unterworfen, zunehmend von ihren technischen Problemen lebten, war die Knappheit von irgendwas unser Antrieb und jedes Paar ein Hybrid, ein Duo perfekter, nervöser Motoren, denen nie der Saft ausging, doch unsern Kosenamen so langsam die Luft. Es war hoffnungslos. Es änderte sich nichts, bis es zu Ende war. So viele soziale Experimente über all die Jahre. Bis in deinen Gefühlen eine Generation die nächste ablöst, hast du noch eine Liebschaft in den Sand gesetzt. Zurzeit bin ich etwas antriebslos in dieser Sache, mein Körper scheint die Rückstände weiterer Geschichten nicht speichern zu wollen. In der Liebe hab ich mich stets verrechnet. Zum Glück gibt die Forschung nie auf, nur für jetzt, für diesen Moment, hab ich’s aufgegeben. Zum Glück gibt es noch andere Sachen als die Liebe. Und zum Glück hab ich Zugang zu exzellenten Computern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;2 The Institute.&lt;/strong&gt; Im Anfang war die Zahl, und die Zahl war bei Gott, und die Zahl war Gott. Gott ist die absolute Mathematik, wie hätte er sonst das Nichts und das Wiedernichts so zusammenrechnen können, dass es etwas ergab, den ersten Tag und alle folgenden?, da muss einer schon ein geschickter Rechner sein, ein absolut geschickter Rechner. Der Theorieanteil in mir wächst ständig. Auf dem Weg zum Institut hab ich mir ein perfektes Sandwich gekauft: schöne Schichten von Salaten, mondgelbem Käse, rubinroten Tomaten, hellen und dunklen Saucen, zubereitet von unsichtbarer Hand. Neuerdings kaufe ich es jeden Morgen. Ich esse es nicht sofort; denn dieses Sandwich ist der Dreh- und Angelpunkt meines Vormittags, sein Sinn und seine Schwerkraft. Ich habe schon viele Sandwiches wie dieses gegessen. Nein, keines war wie du.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;16: the number of my lovers (you included, Eric). 96: the number of my eyes. Die Zahl deiner Augen muss mit der Zahl der Dinge schritthalten. Der Dinge sind viele. Mit schmalem Koffer schlängele ich mich an Autos vorbei, biege und beuge mich um Mülltonnen, Werbetafeln, konjugiere mich um die Dinge herum (so wie gestern noch um die Männer). Eher ändere ich mich, als dass ich sie ändere. Ich hänge an den Dingen. Ich reinige sie, zähle sie, ordne sie, &lt;em&gt;der Begriff der Wirtschaftsordnung umfasst theoretische Vorstellungen über die grundlegende Regulierung und Steuerung des Austauschprozesses,&lt;/em&gt; ich vermesse, verehre, fürchte sie. Siebenmal kontrolliere ich die Dingschalter, bevor ich aus meiner Wohnung gehe. Und dann noch mal zurückgehe, um sie auf frischer Tat zu ertappen (hinterrücks betrügen dich die Dinge). &lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich führe ein indirektes Leben. Deine neue Flamme wirkt nett, offen. Ich weiß nicht, ob sie mir die Wahrheit gesagt hat, aber anscheinend geht es dir gut. Auf diese Information hin hatte ich eine Monatsaffäre. Aus Gründen des sozialen Ausgleichs. Und aus Aberglaube. Viele Wissenschaftler sind abergläubisch. Weil die Wahrheit so heikel ist; sie kann dir schon aus Prinzip keine Treue versprechen, that’s fallibilism, baby. Die Wahrheit ist ein Lover, der nach einer heißen Nacht nicht mal aus Höflichkeit noch zum Frühstück bleiben würde. Diese Welt ist seltsam. Ich denke, die Welt kam so: Am ersten Tag schuf Gott die Menschen. Am zweiten schnitt er den meisten von ihnen den Kopf ab, und das waren die Dinge. Wenn du den Dingen alle Unterschiede abschneidest, hast du das Geld. Wenn du eine Walnuss in zwei Teile schneidest, hast du zwei Hälften einer Walnuss, aber kein Paar. Paare sind heikel, Maschinen zur Vernichtung von Information, lernen sie einander bis zur Unkenntlichkeit gut kennen. Schau dir nur mal an, wie du gehst, sagtest du, du bist komplett unromantisch. Wieso?, wie gehe ich denn? Ich wusste nicht, was du von mir wolltest. Ich wollte vor allem nicht allein einschlafen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich war schon immer eher eifersüchtig, aber nie so wie bei dir. Diffuser Mann, in einem Atemzug konntest du von der Ewigkeit reden und von Hormonen. Ich kam einfach nicht dahinter, du warst gleichzeitig ein Romantiker und ein User. In Gesprächen zerfielst du mir wie ein Ball aus Sand unter dem Leib eines Käfers. Du erzähltest einen ganz schönen Haufen Mist. Und ich schwankte zwischen der Lust, doch noch einen Treuedreh für uns zu finden, völligem Überdruss und dem Gefühl, alle meine Berechnungen liefen unter falschem Vorzeichen ab. Wir wetteiferten um die Hegemonie in der Wohnung. Du räumtest Dinge an den falschen Platz, ich stellte sie zurück an den richtigen und verdächtigte dich, in allen Dingen so untreu zu sein. Ab und zu hab ich dein Handy kontrolliert. Nichts. Aber ich möchte nicht in einem Moment verlassen werden, wo ich nicht damit rechne (vorbereitet sein), und hab dich ein, zwei Mal betrogen (was in der Hinterhand haben). All das ist vernünftig. Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unsicherheit, Romantik ist der Versuch, sich seines Verstandes wieder zu entledigen. Ich denke, im Vergleich zur Aufklärung war die Romantik ganz klar eine Subprime-Epoche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;3 The Need of Competition.&lt;/strong&gt; Ob die Liebe aktuell gescheitert ist? Keine Ahnung, bin Wissenschaftler, nicht Journalist; Tagespolitik interessiert mich nicht. Du hingegen brauchtest die News; nur im Bett sollten die Hormone für immer überirdisch bleiben. Die Schere quietscht, ich schneide die Zeit aus, schrieb Ende der Zwanziger Franz Pfemfert in der Zeitschrift &lt;em&gt;Aktion&lt;/em&gt;. Ein Mann, ein Blatt. Eine Frau, 96 Blätter, bin ich die überhistorische Forschung. Ich mag das Quietschen der Schere. Oder mag ich bloß die Metapher? Einst entwickelte ich Maschinen, jetzt sind es Metaphern. Ist nicht schon der Gebrauch von Metaphern heillos romantisch? Maschinen sind Menschen ohne Metaphern. Und ohne Angst, ohne Eifersucht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der achte Tag. Das Institut ist in dieser Woche fast verwaist. Sehr gut. Das perfekte Sandwich lächelt mich an, mein Kragen strahlt wie der Fortschritt, doch aus den Kopfhörern kommen die späten Fünfziger; mein bester Freund, der Kapuzentyp, hat sie mir gegeben (Algis mag die Songs auch). Jene mit Gesinnung warf dem Kapuzentyp einmal vor, er flüchte sich musikalisch in die Vergangenheit. Doch er entgegnete, es gäbe eine Rückwärtsromantik, die nicht die Sehnsucht nach der Vergangenheit sei, sondern die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die noch an die Zukunft glaubte, und damit sei es letztlich eine Sehnsucht nach der Zukunft. Der Kapuzentyp kann manchmal spitzfindiger sein als unser gemeinsamer Freund, der Spitzfindige. Und wenn der Kapuzentyp sie verteidigt, ist vielleicht etwas dran, an der Romantik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Schere quietscht elektronisch, ich schneide ein Bild aus, &lt;em&gt;Affe mit Schneeball &lt;/em&gt;von Mitsuaki Iwago. Der Affe trägt den großen Schneeball in beiden Armen durch die weiße Fläche auf uns zu. Ich mag dieses Foto, warum ist es so traurig? Weil der Affe ein so trauriges Gesicht macht? Weil eine seiner Zehen abseits von den anderen in die Kälte herausgestreckt ist wie der Fühler einer Schnecke? Weil er seine fremde Last trägt wie einen Schatz? Weil auch ich an Dingen trage, die ich nicht verstehe, und Mitleid habe mit dem Lastträger in mir? Die Schere quietscht. Die Traurigkeit ist eine Wissenschaft für sich. Ich bin maßgeblich an ihrer Weiterentwicklung beteiligt. Ziel?, Nobelpreis für Traurigkeit? Come on, girl, lass dich nicht so hängen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Sandwich liegt auf seinem Teller auf der Fensterbank, frisch und unberührt wie die Jungfrau Maria. Es hat sich nicht verändert seit dem Vormittag, die Farben leuchtend, keinerlei Anzeichen des Verfalls. Offenbar hat das Biest vor, mich zu übertreffen, aber ich werde ihm und dem Kollegen einen Strich durch die Rechnung machen. Zwischen den Feiertagen ist der zu seiner Familie gefahren und ich kann mir einen Wissensvorsprung verschaffen. Wir brauchen den Wettbewerb. Der Wettbewerb ist ein Verfahren zur Entdeckung von Tatsachen, die ohne sein Bestehen entweder unbekannt blieben oder doch zumindest nicht genutzt werden würden, sagt von Hayek. Um sie zu nutzen, muss man den Tatsachen auf die Sprünge helfen. Die soziale Ungleichheit fördert die Konkurrenz und damit den Fortschritt, sagt der Institutsleiter, der ein begeisterter Verfechter der sozialen Ungleichheit ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es war jedes Mal ein Schock, wenn ich vom Job in die Wohnung zurückkam. Nach und nach holtest du alle deine Sachen ab. Wolltest du mich quälen, mir deine Überlegenheit Stück für Stück vor Augen führen? Wie auch immer, mit jedem neuen Leerraum wuchs das Volumen meines Scheiterns. Am Anfang war die Traurigkeit ein Berg. Der Berg lag da, im letzten Licht des Tages, sah fern, wählte Nummern, aß das Gelieferte, schwieg, schlief. Das ging einige Zeit so. Dann war die Traurigkeit ein Messer. Das Messer rasierte dem Berg den Wald von den Beinen, stellte die übrig gebliebenen Möbel um und setzte sich mit Walkman frisch an den Schreibtisch, um ein paar Dinge zu verdichten. &lt;em&gt;Occam’s razor, Occam’s compressor.&lt;/em&gt; Das MP3-Format sei der Tod der Musik, sagtest du mal (das hattest du gelesen), irgendwann würde mir auffallen, dass ich von den Kompressionen aus dem Hause Fraunhofer Kopfschmerzen bekäme. Ich, retour: Und das sagt einer, der alle Metaphysik romantisch in 16 Zentimetern Schwanz komprimiert, na, schon Kopfschmerzen da unten? (so cool ich im Job bin, so uncool war ich bei dir). Pech in der Liebe, Glück im Handel, meint der Institutsleiter, der uns zeigt, wie wir den romantischen Herdentrieb der Börsenanalysten für unsere Zwecke ausnutzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mein Fachbereich: Sprachökonomie. Arbeitsgebiet: die Ordnungspolitik der Sprache und ihre globale Implementierung. Die ideale Sprache des Positivismus zog eine Mauer hoch zwischen Physik und Metaphysik und war staatlich quasi durchgeregelt (redet Tatsachen, Leute!, &lt;em&gt;no nonsense,&lt;/em&gt; keine Ausflüchte, wir kontrollieren das). Die ideale Sprache hat sich nicht durchgesetzt, zu viel Plan, zu wenig Moment, zu wenig subjektiver Faktor und keine Chance gegen den Rest der Welt. Die normale Sprache ist das alltägliche Ringen um Ausdruck. Ich schreibe das Institut in Marktlücken hinein. Ist literarischer Wettbewerb ein Verfahren zur Entdeckung von Sätzen, die ohne ihn unbekannt bleiben würden?, oder ist die pure Entdeckerfreude einfach nur langsamer?, sollte man vielleicht alle Sätze zufällig beim Spazierengehen entdecken?, was würde man finden? Wer kann das wissen. Gäbe es auch nur einen der Sätze hier ohne den Wettbewerb? Schulterzucken. Kann grad nicht weiterdenken. Du fehlst mir so. Das Sandwich blickt mich von seinem Teller aus an, fresh, cool.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;4 Apartment Blues.&lt;/strong&gt; 1849 gab Thomas Carlyle der Ökonomie den Namen &lt;em&gt;Dismal Science&lt;/em&gt;, traurige Wissenschaft. Ich male mir aus, um wie viel besser deine neue Flamme ist (besser am Tisch &amp;amp; besser im Bett). Still so jealous, meint Algis Budrys (der hier im Institut die Reinigungsmaschine durch die Flure fährt), so eifersüchtig, als hätte man euch einander nicht aus den Rippen geschnitten. Was meint er damit? Er startet zu einer neuen Runde. Hier im Institut habe er den Blues bekommen, sagt er, but it’s not that bad, Julia. Niemand außer mir und dem Pförtner hört ihn singen. Ich liebe es, ihm zuzuhören, dem Mann, der auf seiner Maschine sitzend wohl irgendwie die Zeit überbrückt bis die Zukunft ihn eingeholt hat:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;I’m a bumblebee in the anthill of stock exchange&lt;br /&gt;Lot of storytelling with bull and bear at the gate&lt;br /&gt;I’ve got ants in my pants, but no more futures to trade&lt;br /&gt;I’m a bumblebee in the anthill of stock exchange&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;And a moth in the wardrobe of separated hopes&lt;br /&gt;Lot of coat-hangers, who’ve never seen&lt;br /&gt;That truth, love and friendship are somewhere between&lt;br /&gt;I’m a moth in the wardrobe of separated hopes&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Menschen sind schon seltsam. Früher schrieb Algis Science-Fiction, weil er sich nach der Gegenwart sehnte, und jetzt macht er Oldschool-Blues, weil er sich nach der Zukunft sehnt. Ist es eigentlich wichtig, warum man etwas tut, warum man Forschung betreibt?, wichtig, die richtigen Dinge auch aus den richtigen Gründen zu tun, oder machen die falschen Gründe keinerlei Unterschied für das Ergebnis? Sindbad der Seefahrer reiste, weil er das Erzählen liebte. Wollte ich dich haben, weil ich dich liebte? Oder weil ich sie experimentell nachweisen wollte, die Möglichkeit der Liebe? Auf dem Weg rüber zur Kaffeeküche begegne ich in der Spiegelwand einer Gestalt: Sindbad der Lastträger. Der Kopf ist ihm schwer. Oder ist es das Herz, das ihm schwer ist? Das Rad ist noch nicht erfunden. Oder ist es die Straße, die noch nicht erfunden ist? Oder irgendwas dazwischen? Seltsamer Mangel an allem heute, diese Zeit ist irgendwie an einem toten Punkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nur Romantik kann die Menschen bewegen, vorwärts oder rückwärts, schrieb Pfemfert in der &lt;em&gt;Aktion&lt;/em&gt;. Und Nâzim Hikmet, der seinem Roman aus irgendeinem Grund den Titel &lt;em&gt;Die Romantiker&lt;/em&gt; gab, hat seinen Mitgefangenen Lesen und Schreiben beigebracht. Nicht, damit sie seinen Roman lesen oder damit er ein edler Mensch sein konnte. Einfach so. Weil es gut war. Eins der schönsten Dinge, die ich je im Fernsehen sah, war eine alte Frau in einer östlichen Stadt, die zum Ende ihres Lebens noch Lesen lernte. Gemeinsam mit anderen Frauen in den Bänken sitzend, war ihr Blick weit geöffnet, als wäre sie bei der Erschaffung der Welt dabei, und so war es auch, denn diese Frau wollte nicht etwas, sondern alles, die ganze Sprache, die ganze Welt, und ich fühlte eine große Zuneigung für diese Frau und wünschte, ich hätte dabei sein können, bei ihrem Lesen, das so anders war als meines. Ich benutze das Lesen, sie brauchte es.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Du fehlst mir. Die Bedeutung von allem besteht in der Art seines Gebrauchs. Der eine Gebrauch unterscheidet sich vom anderen wie der Sinn von der Funktion, das Bedürfnis vom Bedarf, das Erzählen und Zuhören vom Güteraustausch zum gegenseitigen Vorteil. Der Gebrauch der Romantik führt in die Rhetorik, die Romantik des Gebrauchs führt vielleicht hinaus aus der Traurigkeit. Zu riskant? Möchte ich noch mal jemanden so sehr brauchen wie dich, Eric, mir noch mal die Hoffnung machen, dass es dieses Mal nicht zu wenig sein wird? Ist Liebe überhaupt möglich? Weiß nicht, rechne noch, Affe mit Taschenrechner.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Algis Budrys kommt auf seiner Maschine bei mir am Schreibtisch vorbei. Es ist gut, dass er kommt, denn ich komme nicht weiter, habe eine Frage auf dem Herzen: Hör zu, Algis, ich denke, ich wollte beweisen, dass ich gut genug für ihn bin, aber ich war es nur fast, der Anfang war Wahnsinn, aber am Ende war es eben nur fast Liebe, ist es nicht so? Algis sieht zum Teller mit dem Sandwich rüber: Hast vorhin nicht zugehört, hm, bist weiterhin ein Apartment?, oder ein Sandwich wie dieses? Er lacht. Lacht meine Eifersucht aus: Ja, wenn du ein besseres Sandwich gewesen wärst… Ich: Ich hätte cooler sein können. Du lebst, sagt er (jetzt ärgerlich), und glaub mir, schneller als du denkst ist das vorbei und dann kannst du … cool sein; wieso vertraust eigentlich gerade du der Grammatik?, Substantive, Adjektive, diese verdammten Immobilien eures Redens über euch selbst, hör zu, wenn du weiterhin so redest, wirst du scheitern, und zwar in jeder Beziehung. Verdammt, Algis, dann sag mir doch, wie soll ich denn reden? Er: Hier kannst du nicht auf andere Gedanken kommen – komm her, Julia, come on, aufsteigen. Was?, jetzt?, aber ich arbeite. Wieso nicht jetzt? – Okay, wieso nicht genau hier einen Cut und was anderes machen. Diese Reinigungsmaschine hier ist gar kein übler Anfang, denke ich, für ein Scifi-Roadmovie vielleicht (der Kapuzentyp wäre begeistert). &lt;span&gt;Also gut, die Story heißt &lt;span&gt;&lt;em&gt;Something in the ground &lt;/em&gt;&lt;span&gt;und beginnt folgendermaßen: &lt;span&gt;&lt;em&gt;I took a seat and Algis started the engine with an incredible sound. &lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;We’re bugs in dismal grammar’s house of love&lt;br /&gt;We’ve been jealous women and jealous men&lt;br /&gt;Building solitary somethings as high as we can&lt;br /&gt;But now we’re bugs in dismal grammar’s house of – love&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 05 Jan 2010 03:09:14 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>16 Thesen zum Scheitern der Linken am Tod</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/40/16-thesen-zum-scheitern-der-linken-am-tod</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;1. Solange die Linke die Menschen mit dem Tod alleine lässt, kann sie niemals hegemonial werden. Dabei kommt es nicht darauf an, Antworten parat zu haben, sondern überhaupt etwas dazu zu sagen zu haben und zu erkennen, dass es um ein essentiell wichtiges Thema geht.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;1. Solange die Linke die Menschen mit dem Tod alleine lässt, kann sie niemals hegemonial werden. Dabei kommt es nicht darauf an, Antworten parat zu haben, sondern überhaupt etwas dazu zu sagen zu haben und zu erkennen, dass es um ein essentiell wichtiges Thema geht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;2. »Heißt nicht vom Tod sprechen zu fragen – wie leben wir eigentlich?«&lt;em&gt; (&lt;/em&gt;Zeitschrift Alternative, Nr. 136, Linke und Tod)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Bedingungen des Sterbens sind politische und soziale. Der Tod ist nicht gerecht, nur weil er alle trifft. Tod und Sterben sind untrennbar mit den Lebensbedingungen verknüpft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;3. »Ohne die Vorstellung eines fessellosen, vom Tod befreiten Lebens kann der Gedanke der Utopie nicht gedacht werden« (Theodor W. Adorno, Möglichkeiten der Utopie heute&lt;em&gt;).&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Denken über die Abschaffung des Todes ist Voraussetzung für eine sich befreiende Gesellschaft. Die Überwindung des Todes als metaphysische und medizinisch-technische Aufgabe&lt;em&gt; &lt;/em&gt;verändert das Konzept Leben. »Der Mensch würde den Tod primär als technische Grenze seiner Freiheit erfahren und deren Überwindung würde als anerkanntes Ziel individueller wie gesellschaftlicher Anstrengungen gelten« (Herbert Marcuse, Die Ideologie des Todes). Zugleich stellt sich der Tod als die »härteste Gegenutopie« (Ernst Bloch) dar. Nochmals Marcuse: »Einvernehmen mit dem Tod ist Einvernehmen mit dem Herrn über den Tod: der Polis, dem Staat, der Natur oder dem Gott.« Der Versuch, sich vorzustellen, wie die Überwindung des Todes wohl aussehen mag, scheitert. Die Aufhebung des Todes ist wie alles andere Fern-Zukünftige nur als Negation denkbar, also beim Betrachten der gegenwärtigen Todesbezüge als ein »so nicht!«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;4. Der Tod ist die größte Angst des Menschen. Das Projekt der Aufklärung ist, von den Menschen die Angst zu nehmen (Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung). Der Faschismus meint die Angst abzuschaffen, in dem er das Leiden umbringt, anstatt es zu lindern. Eine freie Gesellschaft dagegen hebt das Leiden und die Angst und damit den Tod auf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;5.&lt;em&gt; &lt;/em&gt;Den Tod im philosophischen Sinn zu überwinden, ist nur als Prozess des ständigen Versuchens und Scheiterns denkbar, denn die vielen mit dem freiwilligen und unfreiwilligen Tod und Sterben von Menschen verbundenen Widersprüche werden nicht mit einem Streich verschwinden. Auch eine freie Gesellschaft, die nie &lt;em&gt;ist&lt;/em&gt; sondern immer nur &lt;em&gt;wird&lt;/em&gt;, kann ungelebte Leben hervorbringen, und auch dort mag das endgültige Verschwinden geliebter Menschen schmerzhaft sein. Denn sie wäre keine freie Gesellschaft, würde sie ersetzbare, unindividuelle Menschen hervorbringen. Und sie wäre keine, gäbe es in ihr Melancholieverbote.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;6. Im Hier und Jetzt kann mensch am Tod nur scheitern. Ihn technisch zu überwinden, ist wahrscheinlich unmöglich. Doch selbst ein Erfolg in diesem Punkt wäre ein Scheitern, denn erst durch den Tod werden sich die Menschen ihrer Individualität bewusst (Jean-Paul Sartre). Daran, dass jemand einmal weg sein wird und unersetzbar ist, erkennen wir seine Einzigartigkeit. Nur weil das Leben endlich ist, sind Liebe und Leidenschaft möglich. Denn der Tod ist das Ende der &lt;em&gt;Lebenszeit. &lt;/em&gt;Dies&lt;em&gt; &lt;/em&gt;ist nur so lange ein Problem, wie wir keine Zeit haben, das zu tun was wir wirklich tun wollen, weil wir tun müssen, was Herrschaftssysteme von uns verlangen. Verfügen wir frei über unsere Zeit, brauchen wir auch keine Ewigkeit mehr.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;7. Der Tod muss befreit werden – und genau das ist gegenwärtig unmöglich. Das Kapitalverhältnis steht einem freien Nachdenken über und einem freien Umgang mit dem Tod im Weg. Ein fundamental anderes Verhältnis zum Tod wäre eines, in dem der Tod nichts Schreckliches mehr wäre, weil er nicht das Ende zu vieler ungelebter Möglichkeiten wäre. Angesichts dessen könnte das Sterben, wenn nicht bedeutungslos, so doch angenommen werden als Zugeständnis an die Natur, an das Somatische. Der Tod wäre dann als ein Teil des Lebens ins Leben zurückgeholt. Wäre das Leben befreit, (erst dann) könnte auch der Tod befreit sein. Das bedeutet, dass jede emanzipatorische Auseinandersetzung mit Sterben und Tod sich auf eine utopische Gesellschaft beziehen muss. Jeder Versuch im Jetzt ist nur als Schritt auf diesem utopischen Weg denkbar. Auf dass dereinst »der Tod uns lebendig findet und das Leben uns nicht tot.« (Zeitschrift Alternative)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;8. Den Tod überwinden oder befreien – vielleicht läuft das letztlich auf das Gleiche hinaus …?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;9. Die heutigen Diskussionen um »lebenswertes« Leben teilen ihre Grundlage mit dem nationalsozialistischen Denken: das identifizierende, bürgerliche Bewusstsein, das Menschen auf ihre Verwertbarkeit hin unterteilt und alles (vermeintlich) Andersartige als Bedrohung wahrnimmt. Die Unterscheidung von »wertem« und »unwertem« Leben ist auch in den heutigen Todesdiskussionen, etwa um Sterbehilfe, Patient_innenverfügung, Organspende aber auch Pränataldiagnostik etc. präsent. Der faschistische Horizont dieser Diskussionen ist den meisten nicht gegenwärtig, muss aber stets mit bedacht und thematisiert werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;10. Die moderne Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Todesverdrängung. Der Tod ist das letzte große Tabu. Er wird hinausgezögert, in Krankenhäuser und Hospize verbannt, von ihm wird nicht gesprochen. Leichen gelten als unheimlich, Kinder werden von jeder Konfrontation ferngehalten, Trauerzeiten, Trauerkleidung, Trauerrituale gibt es kaum mehr. Unsere Städte sehen aus, als würde niemand darin sterben. (Philipp Ariés)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;11. »Statt Kränzen bitten wir, den/die Tote_n während seines/ihres Lebens besser behandelt zu haben.« (Postkartenspruch)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Um Sterbehilfe und Patient_innenverfügung kreist eine große gesellschaftliche Debatte, in die wir uns einmischen müssen. Dabei muss eine linke Position die Widersprüchlichkeit des Todesthemas in der kapitalistischen Gesellschaft reflektieren. Das bedeutet, weder von einem »freien Willen« im Wunsch zu sterben auszugehen, noch die Todesvergessenheit im Leben um jeden »Preis« zu verfechten. Wie freiwillig ist der Tod in einer Welt, in der »der Normalzustand schon die Hölle ist« (Thomas Ebermann bzw. Herbert Marcuse)? Was ist ein »würdiger Tod«, was wäre das Recht eines Sterbenden auf seinen Tod gegen das Recht eines (Tod)kranken auf sein Leben? Wer soll das entscheiden? Einerseits sind sich fast alle einig, dass das Dahinvegetieren im Halbkoma, angeschlossen an Schläuche und Geräte, kein schöner Zustand ist. Andererseits ist klar, dass »die Medizin« in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht nach Rentabilitäts-Kriterien darüber entscheiden darf, wann die lebenserhaltenden Instrumente abgeschaltet werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;12. »Worauf es jetzt ankäme, wäre Trauerarbeit zu leisten.« (Bini Adamczak, Warum mir das Ausbleiben der Revolution auf den Magen schlägt)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Linke hat kein ausgeprägtes, bewusst entwickeltes, reflektiertes Verhältnis zu »ihren« Toten. Weder kennen wir eine eigene Trauerkultur, noch setzen wir uns mit dem Scheitern der linken Versuche in der Geschichte und den vielen Toten, die dieses Scheitern gekostet hat, auseinander. Es ist aber wichtig, im Kopf zu behalten, dass die Geschichte der Befreiung von Herrschaft unsere Geschichte ist. Wir sind dabei manchmal Opfer und Täter zugleich, die Ihresgleichen an die Wand stellen oder selbst dort stehen. Eine Trauer um unsere Toten und unsere gescheiterten Versuche, die kein Märtyrerkult ist, gehört zu einem reflektierten Kampf um den nächsten Versuch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;13. »Wenn ein Genosse (...) neben mir stirbt, stirbt er unter den Bedingungen, die auch mich bedrohen.« (Zeitschrift Alternative)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Selbsttötung ist der maximal scheiternde größte Widerspruch gegen eine menschenverachtende Welt. Sie ist als freie Entscheidung Zeichen unserer Unfreiheit, wie sie das Elend der bürgerlichen Subjekte und das Leiden daran offenlegt. Selbsttötung ist Scheitern an diesem Leben. Wir müssen Suizid vorbeugen, so wie wir ihn in seinem Vollzug respektieren müssen, denn: »Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann.« (Juli Zeh, Corpus Delicti)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;14. Seit einigen Jahren gibt es auch in Deutschland wieder ältere Genoss_innen, für die das Lebensende näher rückt. Die Linke ist nicht mehr vorwiegend Jugendbewegung. Aber wir haben keine soziale Praxis im Umgang mit Tod, Sterben und Trauer. Dabei geht es nicht nur um &lt;em&gt;Alte&lt;/em&gt;. Auch jüngere Genoss_innen haben Krebs oder andere schwere Krankheiten und sind mit dem Tod bedroht. Anders als die schwule Community, die in der AIDS-Epidemie einen eigenen Umgang mit Tod und Sterben entwickelte (und auch musste, da sie als von Familien und Gesellschaft Ausgestoßene nur sich selbst hatte), verfügen wir nicht über einen ähnlich kollektiven und offenen Umgang mit dem Sterben unserer Alten und Kranken sowie mit der Trauer der Hinterbliebenen. Wir leben, als würde niemand sterben. Es ist nötig, eine Auseinandersetzung darüber zu führen, wie wir das Sterben unserer Genoss_innen begleiten, wie wir uns verabschieden, um sie trauern und uns an sie erinnern. Die, die ihr Leben dem Kampf für eine bessere Welt gewidmet haben, sollten auch als solche sterben und erinnert werden und nicht schlimmstenfalls in den Schoß einer verachteten Gesellschaft und ihrer Institutionen heimgeholt werden. Eine Anarchistin, die sich von ihrer Familie emanzipiert und die Religion verlassen hat, hat im von den Verwandten ausgesuchten Sarg auf dem Dorffriedhof des Heimatkaffs nichts verloren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;15. Die Kritik am herrschenden Sterbe- und Todesdiskurs und der Versuch eines anderen Umgangs mit dem Tod als Teil einer emanzipatorischen Praxis gehören zusammen. Ein insgesamt zutiefst widersprüchlicher Versuch, der immer an die Bedingungen der herrschenden Gesellschaft gebunden bleibt – bis zur Revolution – und stets Gefahr läuft, Teil des herrschenden Diskurses zu werden. Ein linksradikales Todesritual müsste noch im Ritual ein Aufstand gegen die Gesellschaft sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;16. Der Tod ist vom Scheitern nicht zu trennen. Scheitern tut eine Linke allerdings auch an sich selbst, wenn sie sich der essentiellen Thematik des Todes nicht stellt, und zwar auf allen Ebenen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gruppe SOMOST (Sonne, Mond und Sterne, Köln-Kalk)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;P.S.: Dieser Text ist ein Arbeitsauftrag an die Leser_innen: die Auseinandersetzung, Theorie, Analyse, Kritik und Praxis rund um den Tod zu beginnen, zu vertiefen. Wir freuen uns über Kontakt unter &lt;a href=&quot;http://somost.blogsport.de&quot; title=&quot;SOMOST&quot;&gt;somost.blogsport.de&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 05 Jan 2010 02:53:24 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Die Kreation der glücklichen Versager</title>
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                    &lt;p&gt;Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, dem Abbau von sicheren Arbeitsplätzen, der Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen und dauerhafter Arbeitslosigkeit wird das Misslingen individueller Lebenspläne zu einem Massenphänomen. Am unteren Ende wird die Gruppe der »Entbehrlichen« immer größer, die dauerhaft aus dem Erwerbssystem ausgeschlossen und damit auch kulturell, institutionell und sozial ausgegrenzt sind. Zeitgleich entsteht eine neue Querkategorie sozialer Ungleichheit: die »Überflüssigen« der gut Qualifizierten, die zwar nur zeitweise von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aber mit dem neuen negativen Risikobewusstsein leben müssen, dass es auch diejenigen treffen kann, deren Position bisher garantiert zu sein schien. Angesichts dieser gesellschaftlichen Wandlungsprozesse gibt es ein großes öffentliches Interesse an neuen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern im Umgang mit individuellem und kollektivem »Scheitern«.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse, dem Abbau von sicheren Arbeitsplätzen, der Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen und dauerhafter Arbeitslosigkeit wird das Misslingen individueller Lebenspläne zu einem Massenphänomen. Am unteren Ende wird die Gruppe der »Entbehrlichen« immer größer, die dauerhaft aus dem Erwerbssystem ausgeschlossen und damit auch kulturell, institutionell und sozial ausgegrenzt sind. Zeitgleich entsteht eine neue Querkategorie sozialer Ungleichheit: die »Überflüssigen« der gut Qualifizierten, die zwar nur zeitweise von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aber mit dem neuen negativen Risikobewusstsein leben müssen, dass es auch diejenigen treffen kann, deren Position bisher garantiert zu sein schien. Angesichts dieser gesellschaftlichen Wandlungsprozesse gibt es ein großes öffentliches Interesse an neuen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern im Umgang mit individuellem und kollektivem »Scheitern«.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit Ende der 1990er Jahre bilden sich Gruppen, wie etwa die &lt;em&gt;glücklichen Arbeitslosen&lt;/em&gt; um Guillaume Paoili, die mit dieser provokativen Bezeichnung das negative Stigma von Arbeitslosigkeit positiv wenden wollen. Es gibt Selbsthilfegruppen für Gescheiterte, eine Fülle von Internetplattformen, die dafür werben, dass man »schöner« oder »besser« scheitern kann (wie etwa die &lt;em&gt;Agentur für gescheites Scheitern).&lt;/em&gt; In Berlin startete zum Jahrtausendbeginn die Veranstaltungsreihe &lt;em&gt;Die Show des Scheiterns&lt;/em&gt; und der &lt;em&gt;Der Club der polnischen Versager&lt;/em&gt; öffnete seine Tore.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So unterschiedlich die Projekte sind, gemeinsam ist ihnen, dass sie bisherige Kriterien eines »gelungenen Lebens«, die sich immer weniger realisieren lassen, in Frage stellen und nach alternativen Lebensentwürfen suchen. Betrachtet man den &lt;em&gt;Club der polnischen Versager&lt;/em&gt; als Teil dieses Diskurses, lässt sich daran anschließend fragen: Wovon ist die Rede, wenn von »Scheitern« gesprochen wird? Wann gilt eine Person bzw. ein Leben als »gescheitert«? Welche alternativen Sinngebungen von »Scheitern« werden entworfen?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Der Club der polnischen Versager&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die vier Gründungsmitglieder des &lt;em&gt;Clubs der Polnischen Versager&lt;/em&gt; – Wojciech Stamm, Leszek Oswiecimski, Piotr Mordel und Adam Gusowski – kamen Ende der 1980er Jahre als Flüchtlinge nach Westberlin. Vor allem die Schwierigkeiten bei der Integration in den Arbeitsmarkt waren für sie der Anlass, den &lt;em&gt;Bund der Polnischen Versager&lt;/em&gt; zu gründen. Die Migranten sahen sich mit einer Abwertung ihrer bisherigen Qualifikationen und schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert. Sie machten Erfahrungen von Ausgrenzung und des potenziell Überflüssigseins.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ähnlich wie die &lt;em&gt;Glücklichen Arbeitslosen&lt;/em&gt; reagierten sie mit einer Selbststigmatisierung auf die Ausgrenzungserfahrungen. Mit der 1995 kreierten Bezeichnung &lt;em&gt;Bund der Polnischen Versager. Polenmarkt e.V.&lt;/em&gt; nimmt die Gruppe eine negative Fremdzuschreibung auf und setzt sie als Selbstbeschreibung ein. Damit eröffnet sich auch die Möglichkeit, deren Bedeutung zu verschieben: Indem die Fremdbilder als Selbstbilder eingesetzt werden, werden sie ironisch gewendet. Verstärkt wird dieses Spiel mit den Stereotypen noch durch das Anhängsel im Namen: &lt;em&gt;Polenmarkt e.V&lt;/em&gt;. Im West-Berlin der 1980er Jahre entstand auf dem Potsdamer Platz und in der Kantstrasse der legendäre »Polenmarkt«, der von den Anwohnern mit Argwohn betrachtet wurde. Negative Stereotypisierungen über die »polnische Wirtschaft« waren und sind in der Bevölkerung weit verbreitet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit der deutsch-polnischen Literaturzeitschrift &lt;em&gt;Kolano&lt;/em&gt;, deutschsprachigen Theaterproduktionen und Satireradiosendungen beim Sender &lt;em&gt;Multikulti&lt;/em&gt; machte und macht die Gruppe das polnische Kunst- und Kulturleben für eine größere Öffentlichkeit sichtbar. Eine ungeahnte Popularität erreichten die &lt;em&gt;Polnischen Versager&lt;/em&gt; mit der Eröffnung der Clubräume im Spätsommer 2001. Seitdem präsentieren die &lt;em&gt;Polnischen Versager&lt;/em&gt; wöchentlich polnische Filme, veranstalten Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen (vgl. http://www.polnischeversager.de).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Jahr 2002 erschien der Roman &lt;em&gt;Klub der Polnischen Wurstmenschen&lt;/em&gt;, geschrieben von Leszek Herman Oswiecimski&lt;em&gt;,&lt;/em&gt; der später auch verfilmt und als Theaterstück inszeniert wurde. Der Roman ist eine Mischung aus Märchen, Schelmenroman und Roadmovie: Anfang der 1990er Jahre sind die Deutschen ganz verrückt nach polnischer Wurst. Polen erlebt sein Wirtschaftswunder, doch dann wird die Einfuhr der polnischen Wurst von den Deutschen in den EU-Binnenmarkt verboten. Freigesetzte Wissenschaftler erfinden deshalb Lebewesen aus polnischer Wurstware, die über die Grenze geschmuggelt werden sollen, um anschließend auf deutschen Fleischertheken zerlegt zu werden. Der erste Versuch scheitert! Immerhin können der dicke, der große und der dünne Wurstmensch fliehen. Die Drei geraten zwischen die Fronten des polnischen und des deutschen Geheimdienstes. Auf vielen Umwegen finden sich die Wurstmenschen in Berlin zusammen und gründen einen Klub.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Roman geht es also um die künstlerische Auseinandersetzung mit der Migration, gleichzeitig wird jedoch auch um das Verhältnis von Deutschen und Polen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft reflektiert. Darüber hinaus erfolgt eine philosophische und historische Auseinandersetzung mit dem Thema Versagen. Der Autor Leszek Oswiecimski entwirft eine Genealogie von Versagertypen und differenziert einen spezifischen polnischen Typus. Er macht sich in diesem Kontext auf die Suche nach einer positiven Bedeutung von Scheitern. Ihm geht es nicht nur um eine &lt;em&gt;Neu&lt;/em&gt;deutung von Scheitern. Sein Ziel ist es, »dass die ganze Lächerlichkeit unseres krampfhaften Festhaltens an der verlogenen Größe und am vermeintlichen Erfolg uns vor Augen tritt« (S. 110).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und so ist es auch die Aufgabe der drei Wursthelden, auf ihrem Weg der Identitätsfindung »mehr Selbstunsicherheit [zu] gewinnen« (S. 133). Zentral dafür ist die Literatur, denn auf Grund eines »genetischen Defekts« haben alle drei Wurstmenschen einen »Drang zur Literatur« (S. 85) und beginnen selbst Lyrik, Essays, Traktate zu schreiben. Bedeutsam ist aber auch die Auseinandersetzung mit der Philosophie der Existenzialisten. Insofern wird im Roman auch, wie Uwe Rada dies formuliert, eine Art »literarische Gebrauchsphilosophie« entworfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Ende des Romans sind sowohl die deutschen als auch die polnischen Geheimdienstler besiegt, und es findet sich eine Gruppe zusammen, die gemeinsam miteinander glücklich sein will, indem sie »massenhaft Zwiespalt und Zweifel [...] und noch mehr Selbstunsicherheit gewinnen [will]« (S. 156). Als Voraussetzung für dieses Glück gilt jedoch die Absage an eine berufliche Karriere und das Streben nach beruflichem Erfolg. Die Wurstmenschen selbst gehen in dieser Gruppe aus Polen und Deutschen nicht gänzlich auf, sondern gründen eine neue »ethnische« Zugehörigkeit, weil sie mittlerweile »so viel Gefallen an ihrem wurstmenschlichen Anderssein fanden«. Deshalb gründen sie einen Klub in einer großen Stadt. Auf der letzten Seite des Romans folgt das &lt;em&gt;Manifest der Wurstmenschen&lt;/em&gt; das mit dem 1995 erschienenen Manifest der &lt;em&gt;Polnischen Versager&lt;/em&gt; identisch ist. Darin konstituieren sie sich als eine kleine, exklusive Gruppe, die sich vom »Rest«, den »Menschen des Erfolgs«, abgrenzt. Sie stellen den Anspruch, sich nicht an deren »Terror der Vollkommenheit« orientieren zu wollen und trotz ihrer permanenten Missgeschicke als kreative Menschen sozial anerkannt zu werden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Fazit&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Obwohl sich die Kritik gegen die Erfolgskultur als Ganzes richtet, ist für die &lt;em&gt;Polnischen Versager&lt;/em&gt; der Erfolg vor allem an den Erwerbsbereich geknüpft. Mit der Negativbewertung ist folgerichtig auch der Abschied von einem Lebensentwurf verbunden, der auf eben dieses berufliche Vorwärtskommen und die berufliche Anerkennung ausgerichtet ist. Kritisiert wird die Entfremdung, die das Individuum bei der Erwerbsarbeit erfährt. Erst jenseits von Erwerbsarbeit öffnen sich dem Individuum »neue Welten von Wissen und Fakten, von denen [...] [es] bisher nichts gehört hatte« (S. 106). Dem kühlen und kaltblütigen Spezialisten der westeuropäischen Erfolgskultur wird ein Wesen gegenübergestellt, das gefühlvoll und intellektuell ist, sich künstlerisch betätigt und das sich Zweifel erlaubt an seinen tiefen Überzeugungen und Weltanschauungen. Dieser »neue Mensch«, so der Autor in einem Interview, hat auch das Potenzial, die Welt zu verbessern, indem er zweifelt und grübelt&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Entwurf eines »neuen Menschen« wird implizit das auf Erwerbsarbeit fokussierte hegemoniale Männlichkeitsmodell kritisiert und eine Alternative entworfen. Obwohl dies nicht explizit gesagt wird, verhandelt der Roman die Lebensentwürfe von männlichen Wesen, dass die Wurstmenschen männlichen Geschlechts sind, daran lässt der Autor keinen Zweifel. Oswiecimskis alternativer Entwurf setzt das Versagen im bzw. die Absage an ein Berufsleben voraus. Dem männlichen »Berufsmenschentum« stellt er einen Lebensentwurf gegenüber, in dessen Mittelpunkt intellektuelles und künstlerisches Schaffen um seiner selbst willen steht. Das Unterlaufen des Erfolgsprinzips, Versagen und Selbstzweifel werden zum konstitutiven Moment eines alternativen Lebensmodells aufgewertet, das in komplexen Bezügen zu sowohl modernen als auch postmodernen philosophischen und künstlerischen Konzepten steht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gerade diese Kritik an einem auf Erwerbsarbeit zentrierten Lebenslauf halte ich für einen dringend notwendigen Beitrag im öffentlichen Diskurs. Denn trotz des Rückgangs an Arbeitsplätzen gewinnt in den Lebensentwürfen von Männern (und nun auch Frauen) Erwerbsarbeit an neuer Strahlkraft und auch die Politik hält an dem unrealistischen Ziel einer Vollerwerbsgesellschaft fest. Das massenweise Scheitern von Biographien ist durch diese Ausrichtung fast vorprogrammiert. Umso dringender sind alternative Diskurse notwendig wie ihn die &lt;em&gt;Polnischen Versager&lt;/em&gt; und andere »Gescheiterte« öffentlich formulieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;&lt;em&gt; Bei dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Fassung meiner Analyse des aktuellen Diskurses der »Gescheiterten«, nachzulesen in: &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Scholz, Sylka: Die »Show des Scheiterns« und der »Club der Polnischen Versager«. Der (neue) Diskurs der Gescheiterten. In: Zahlmann, Stefan/Scholz, Sylka (Hg.): Scheitern und Biographie. Die andere Seite moderner Lebensgeschichten, Gießen 2005.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 05 Jan 2010 02:33:59 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Ausgebrannt und abgewrackt?</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/40/ausgebrannt-und-abgewrackt</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Laut Deutscher Angestellten Krankenkasse (DAK) haben mittlerweile zehn Prozent aller krankheitsbedingten Arbeitsausfälle seelische Ursachen. Die Zahlen derjenigen, die an der einen oder anderen Variante drastischer Erschöpfung leiden, steigen stetig – obwohl der Krankenstand insgesamt eher sinkt. Dabei wird kaum noch bestritten, dass »chronischer Stress in der modernen Arbeitswelt« der wichtigste Risikofaktor für Burnout, Depression oder psychosomatische Beschwerden ist. Krankenkassen reagieren auf diesen Befund wie üblich: Mit Tipps und Programmen zur individuellen Stressprävention. Die Arbeitskraft soll am Arbeitsplatz und an den Arbeitsanforderungen nicht scheitern. Scheitern? Wieso eigentlich scheitern?&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Laut Deutscher Angestellten Krankenkasse (DAK) haben mittlerweile zehn Prozent aller krankheitsbedingten Arbeitsausfälle seelische Ursachen. Die Zahlen derjenigen, die an der einen oder anderen Variante drastischer Erschöpfung leiden, steigen stetig – obwohl der Krankenstand insgesamt eher sinkt. Dabei wird kaum noch bestritten, dass »chronischer Stress in der modernen Arbeitswelt« der wichtigste Risikofaktor für Burnout, Depression oder psychosomatische Beschwerden ist. Krankenkassen reagieren auf diesen Befund wie üblich: Mit Tipps und Programmen zur individuellen Stressprävention. Die Arbeitskraft soll am Arbeitsplatz und an den Arbeitsanforderungen nicht scheitern. Scheitern? Wieso eigentlich scheitern?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass dem Ausbrennen, dem Erlöschen des eigenen Antriebs zur Arbeit, eine Erfahrung des persönlichen Scheiterns zugrunde liegt, scheint unmittelbar plausibel. Wer nicht weitermachen kann, befindet sich in einer existenziellen Krise. Ihm oder ihr muss geholfen werden, er oder sie muss sich – schon im eigenen Interesse an Zufriedenheit und Selbstwertschätzung – mit allen nur denkbaren Mitteln wieder fit machen für Arbeit, Gesellschaft, Privatleben. Wem das auf längere Sicht nicht gelingt, der oder die hat ein Problem. Nicht nur ein ökonomisches. So weit, so einfach die übliche Sicht der Dinge.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Scheitern kann so manches: Ehen, Regierungen, Unternehmungen. Kurz: Projekte. Die Annahme, auch Personen könnten scheitern, basiert selbst auf der Annahme, auch Personen seien Projekte. Ihr Leben sollte, mit anderen Worten, als je eigenes »gelingen«. In einer kapitalistischen Arbeitsgesellschaft, zumal unter (post-)neoliberalen Vorzeichen, bemisst sich das Gelingen allerdings nicht im luftleeren Raum. Einkommen, Anerkennung und Karriere bilden den Maßstab. Gemessen an der Menschheitsgeschichte ist die Verknüpfung von Glück und Markterfolg relativ jung. In unserem Selbstverständnis ist sie jedoch längst tief verankert. Auch kritischen Geistern ist es deshalb nur unter einigen Anstrengungen möglich, sie, und sei es nur momentweise, gedanklich auszusetzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und was gelingen kann, kann eben auch misslingen. Weil es sich dabei nicht um ein bloßes Unglück handelt, ist Scheitern an Bedingungen geknüpft. Zum einen muss es ungewollt sein, muss also erlitten werden. Zum anderen verweist Scheitern als Verb immer auf ein Objekt: Man scheitert nicht einfach so, sondern &lt;em&gt;an&lt;/em&gt; etwas. Wo vom eigenen oder fremden Scheitern die Rede ist, ist immer dies im Spiel: eine schmerzhafte Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, die auf sozial geteilte Vorstellungen vom gelingenden Leben zurückverweist.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Schlechte Bedingungen für gute Leute&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Zurück zur Erschöpfung. Die ist im Zusammenhang mit der Frage nach dem individuellen Scheitern deshalb so interessant, weil sie dafür einerseits so fraglos beispielhaft scheint und andererseits inzwischen massenhaft auftritt, also kaum Ergebnis individueller »falscher« Lebensentscheidungen sein kann. Fachlich siedelt sie deshalb exakt auf der Grenze zwischen Psychologie und Soziologie. Befragen wir zunächst die Psychologie. Die sucht – und findet – die Ursachen für Gefühlsstörungen aller Art normalerweise im vereinzelten Subjekt dieser Gefühle. An der Erschöpfung gerät dieser Zugriff ins Wanken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass sich die Frage nach den Ursachen der Massenerschöpfung aus rein individualpsychologischer Sicht so ganz leicht nicht beantworten lässt, ist nämlich auch für PsychiaterInnen offenkundig. Burnout sei, so erklärt etwa Volker Faust von der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit, »die Folge von schlechten Bedingungen, unter denen viele gute Leute tätig sind.« Zu diesen Bedingungen zählen: Zeitdruck, übles Betriebsklima, Nacht- und Schichtarbeit, zuviel Verantwortung, fehlende Kommunikation, unüberschaubare Arbeitsabläufe, Angst vor Arbeitsplatzverlust und vieles mehr. Wer also ist hier krank? Die Beschäftigten – oder »der Betrieb«?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch obwohl Professor Faust so eindringlich auf die Arbeitsbedingungen hinweist, ist für ihn auch klar: Dabei handelt es sich erstmal nur um »äußere« Belastungen. Zu »inneren« werden sie erst, wenn ihnen die Menschen keine »Grenzen setzen«, wenn sie sich die von außen eintreffenden Anforderungen ungefiltert einverleiben. Aus ursprünglich guten Eigenschaften werden so am Ende schlechte: »Einsatz, Initiative und Engagement« machen – geschuldet der mangelnden Grenzziehung seitens der Subjekte – über kurz oder lang »erschöpft, verbittert, ausgebrannt«. Weil wir aber ja genau das sein sollen – und häufig auch sein wollen – einsatzfreudig, initiativ und engagiert, ist kaum noch jemand vor Erschöpfung gefeit: »Ein wenig Burnout«, so Faust, »ist wohl in uns allen.«&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Erschöpftes Selbst im Teufelskreis&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das sieht man auch aus gesellschaftstheoretischer Perspektive nicht wesentlich anders. Die bekannteste Diagnose in diesem Zusammenhang stammt von Alain Ehrenberg, der mit seiner Untersuchung zum »erschöpften Selbst« zeigen will, dass depressive Verstimmungen, Erschöpfung und Verzweiflung keine Unregelmäßigkeiten, sondern so etwas wie der unvermeidliche Schatten des karriere- und selbstverwirklichungssüchtigen Selbst der kapitalistischen Moderne um die Jahrtausendwende sind. Arbeitsbedingungen und Managementstrukturen spielen für Ehrenberg allerdings keine besonders große Rolle. Ihn interessiert eher ein allgemeines Modell des Subjekts, das humanwissenschaftliche Theorien, politische Programme und alltägliche Selbstverständnisse von Menschen miteinander verbindet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Modell gilt hypothetisch – und irrealer Weise –, dass prinzipiell alles möglich ist. Und dass es ausschließlich in der Verantwortung der Einzelnen liegt, aus der Fülle der Möglichkeiten das je eigene »gelingende« Leben zu stricken. Ehrenberg hält diese Behauptung nicht für richtig, sondern für mächtig. Sie wirkt wie eine innere Stimme, die den Unzufriedenen allerorten hämisch einflüstert, dass es anders hätte kommen können, wenn sie nur die richtige Wahl getroffen hätten. Unter der Last der Verantwortung brechen die solcherart malträtierten Selbste oft zusammen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anders als bei Faust bildet die Überidentifikation mit Leistung, Erfolg, Karriere bei Ehrenberg keinen zweifelhaften Schutzwall gegen betriebliche und gesellschaftliche Anforderungen, sondern entspricht ihnen exakt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kurz: Das erschöpfte Subjekt scheitert an unrealisierbaren gesellschaftlichen Anforderungen, die ihm suggerieren, er oder sie könne die Grenzen der je eigenen Subjektivität unendlich in Richtung Glück, Erfolg, Leistung erweitern. Die unvermeidliche Konfrontation mit den eigenen Grenzen (der Leistungs- und/oder Glücksfähigkeit) produziert Leid, das den Druck, sich erfolgreich selbst zu formen, noch erhöht: ein Teufelskreis. Der zermürbende Konflikt zwischen (äußerer) Norm und (innerer) Verzweiflung kann nur noch dadurch gelöst werden, dass Subjekte lernen, zwischen Außen und Innen wieder klarere Grenzen zu ziehen, sich ihr je ganz Eigenes zurückzuerobern und vor betrieblichen wie normativen, kurz: gesellschaftlichen Zugriffen zu sichern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was aber wäre das – das »Eigene« im Menschen? Faust empfiehlt nachdrücklich die Pflege von Hobbys, als eine Art verwertungsfreien Schutzraum im eigenen Leben. Ehrenberg empfiehlt gar nichts, denn er ist kein Therapeut. Geheimnisvoll aber beruft er am sich Ende seines Buches auf das »Irreduzible« im Menschen, das niemals vollständig zugerichtet werden kann.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Erfolg macht nicht immer glücklich&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In zahllosen Netzforen erzählen Burnoutbetroffene ihre Geschichte. Neben vielen anderen findet sich dort auch der Bericht eines Musikers, nennen wir ihn Dixie. Unter der Überschrift »Ich tue, was ich hasse, mit Erfolg« legt er los: »Schon mit 16 ›brannte‹ ich für meine Sache: Die Band.« Unbezahlte Praktika in einer der weltgrößten Plattenfirma folgten; kein Problem, denn »es ging ja um die Sache«. Allerdings merkt Dixie schnell, dass er lieber gute Musik machen als schlechte verkaufen will. Doch der Konkurrenzdruck ist enorm, Hunderte von Demobändern verschwinden antwortlos bei unzähligen Labels. Als Produktmanager hingegen macht Dixie eine steile Karriere und verdient viel Geld. Inzwischen habe er seit dreizehn Jahren keinen Urlaub mehr gemacht. Soziale Beziehungen hat er nicht, und wo er sie doch noch hat, möchte er sie »eher los sein«. Alle Burnout-Symptome treffen auf ihn zu. »Alles in allem fühle ich mich wie in einer Sackgasse und weiß nicht, wie ich weitermachen soll.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dixies Sehnsucht nach Musik ist geblieben. Seine Fähigkeit, Musik zu machen, ist jedoch verschüttet. Sein Fazit: »Ich mag meinen Job nicht, weil mein Wertesystem von unserem ›Produkt‹ überhaupt nicht angesprochen wird. Ich verabscheue diese flache Art von Entertainment, die wir erschaffen.« Zwar sei alles »sehr ›hip‹ und innovativ.« Aber eben nicht wirklich gut: »Es geht um ›die Sache‹ – leider nicht um eine, die ich auch gut finden würde.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dixie hat immerhin den Vorteil, dass er genau weiß, was ihm fehlt: die Möglichkeit, von seiner Musik zu leben. Phasen ohne Job und Perspektive auf gesicherte Existenz sitzen ihm wie eine ständige Drohung im Nacken. So sieht er keinen anderen Ausweg für sich, als den ungeliebten Kaufmannsjob weiterzumachen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In dieser Geschichte tauchen einige Merkmale auf, die in vielen solcher Geschichten auftauchen: Prekäre Arbeitsbedingungen oder die Angst davor, finanzielle Not oder die Angst davor, unbefriedigende soziale Beziehungen, auf der anderen Seite eine eigentlich hohe intrinsische Motivation für die »Sache« und ein starker Wunsch, das eigene (Arbeits-)Leben nach den eigenen Maßstäben zu gestalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Klar ist gleichzeitig auch: Dixie möchte sich nicht vorrangig »selbst« verwirklichen, sondern er möchte Spaß an der Arbeit haben und ein Produkt herstellen, dass er seinem »Wertesystem« entspricht. Genauer: Seine Selbstverwirklichung ist von dem gesellschaftlichen Sinn, den er dieser Tätigkeit zuschreibt, nicht zu trennen. An einer starken Grenzziehung gegenüber dem gesellschaftlichen Außen ist ihm also nicht nur nicht gelegen, es würde ihn wahrscheinlich noch kränker machen, legte er sich jetzt ein schönes Hobby zu oder suchte im Verborgenen nach seinem »Irreduziblen«. Er ist aber auch Realist, der weiß, dass er ohne Geld in einer Markt- und Konkurrenzgesellschaft nicht leben kann. Krank macht ihn, dass er seine Produktivität nicht ins gesellschaftliche »Reich der Zwecke« (Kant) einbringen kann, sondern unter fremdbestimmten Bedingungen und zu schwankendem Kurs verkaufen muss. Krank macht ihn, mit anderen Worten, nicht er selbst, sondern der alltägliche kapitalistische Terror.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Krise des sozialen Sinns&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wer oder was scheitert hier? Zuallererst das kapitalistische Versprechen, Selbsterhaltung und Selbstverwirklichung zusammenbringen; aus der eigenen Person, strengt man sich nur genug an, ein glückliches Investitionsprojekt machen zu können. Alle drei Experten zusammengenommen, Faust, Ehrenberg und Dixie, ließe sich auch sagen, dass die Erschöpfung in der Tat Indiz eines stillschweigend umkämpften Grenzziehungsprozesses ist. Jedoch nicht zwischen einem imaginären »Inneren« und einem entfremdeten »Außen« des Subjekts, sondern zwischen den Produzenten gesellschaftlichen Reichtums und den Formen seiner kapitalistischen Aneignung und Verwertung. Je stärker dabei die Befriedigung von Grundbedürfnissen (nach Existenz, Sicherheit, Planbarkeit) durch »Sinnbedürfnisse« (die nicht nur das jeweils produzierte Produkt, sondern beispielsweise auch Vorstellungen über den Umgang mit Kolleginnen, Kunden, anderen Menschen einschließen können) gefährdet werden (und umgekehrt), umso höher das Erschöpfungsrisiko. Allgemeiner gesagt, stellen kapitalistische Arbeitsbedingungen im Verein mit spätbürgerlichen Glücksversprechen etwas in Aussicht, das sie strukturell nicht einlösen können: die Möglichkeit der Verwirklichung seiner selbst als kreatives und selbstbestimmtes Subjekt, &lt;em&gt;ohne&lt;/em&gt; dass ich dafür meine (soziale, ökonomische) Existenz aufs Spiel setze.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nicht alles, was scheitert, muss betrauert werden. Und so ist auch die Erschöpfung nicht nur ein Drama. Gerade in ihrer Massenhaftigkeit öffnet sie den Blick auf ein untergründiges Begehren – nach einer Existenzweise, die das eigene Überleben nicht an den eigenen Verkauf koppelt und in der das Eigene und das Gesellschaftliche, das Innen und das Außen keine so starken Gegensätze bilden, dass ich bei Strafe meines seelischen Gleichgewichts Gartenzäune um das eigene prekäre Selbst ziehen muss. Könnte die Erschöpfung sprechen, sagte sie vielleicht, ich habe eine Ahnung davon, dass das Leben doch mehr ist als ein am Markt zu realisierendes Projekt. Mehr und zugleich weniger. Unberechenbarer und rätselhafter. Spektakulärer und basaler. Überraschender und gewöhnlicher. Sie würde uns erklären, dass es nicht immer angenehm, aber eben doch möglich ist, dieser Idee von Leben treu zu bleiben – auch in Momenten der Verzweiflung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 05 Jan 2010 02:23:05 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Ever tried, ever failed?</title>
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                    &lt;p&gt;Die Logik des Hamsterrades – Hartnäckigkeit, Ignoranz, Zähigkeit – Gender, Politik und Alltag – Kommunist-Sein heute – Pinker Punkt&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die Logik des Hamsterrades&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Gescheitert bin ich bisher an der Antwort auf die Frage nach der Vermittlung von Gruppendiskussionen über die Generationenwechsel in der Gruppe hinweg. Es gibt bei FelS periodisch wiederkehrende Fragestellungen, Positionierungen sind gefragt, die immer wieder von neuem diskutiert werden müssen. Klar, die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Akteure sind nicht statisch, grundsätzliche Fragen haben jedoch länger Bestand und müssten nicht immer wieder neu diskutiert werden, nur weil vier Leute weggehen und sechs Leute dazu kommen … Andere Organisationen haben ein Programm, darin werden Positionen festgehalten, die für alle nachvollziehbar sind. FelS tut sich damit schwer. Wir wollen unsere autonome Identität nicht aufgeben, sind lieber undogmatisch, antiautoritär, spontaneistisch ... Wir wollen uns nichts von den »Alten« erzählen lassen und die »Alten« haben keine Lust zu erzählen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Allerdings: Wir arbeiten am Aufbau einer Organisation, mit der wir uns in gesellschaftliche Diskurse und Konflikte einmischen, um sie mit unserer Strömung politisch zu beeinflussen. Und weil es viel Kraft und Zeit kostet, Grundsatzdiskussionen zu führen, ist es gut, Diskussionsergebnisse zu Papier zu bringen, um der Logik des Hamsterrades zu entkommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Darum schreiben wir auch an einem Selbstverständnis - und das schon seit Gründung der Gruppe! Vielleicht wird es bald fertig, aber ich neige dazu, es als gescheitert zu erklären.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Hartnäckigkeit, Ignoranz, Zähigkeit&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ich war bei einem schlecht besuchten FelS-Wochenende im Frühsommer 2006 und hatte das Gefühl zu denen zu gehören, die nichts Besseres zu tun haben als mit der Gruppe wegzufahren. Es gab eine Zukunftswerkstatt, in deren Verlauf gute Ideen entwickelt wurden und sich die Stimmung besserte. Wir visionierten uns Dinge herbei wie einen FelS-Buchladen mit Veranstaltungsort, wir sprachen über neue Gruppenstrukturen, über die sehr unterschiedlichen AG-Identitäten und den drohenden Verlust der Gesamtidentität. Das Gefühl entstand, zu neuen Ufern unterwegs zu sein, es blieb aber zunächst nichts Greifbares zurück. Der Bericht über das Wochenende bei der Vollversammlung danach war irgendwie öde und weil so gar nichts passierte, hatte man den Eindruck, es hätte dieses Wochenende nie gegeben. Das fand ich krass.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Schließlich kam doch noch eine Debatte in Gang, die auch strukturelle Änderungen bei FelS bewirkte. All die Visionen, die wir entwickelt hatten, um das Politikmachen ganzheitlicher und konkreter gestalten zu können, haben wir nie in einem strukturierten Rahmen weiter verfolgt. Das schaffte Ernüchterung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum Thema Scheitern muss ich noch die Heiligendamm-Mobilisierung anführen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In einer 2005 entstandenen G8-Gruppe hatten wir begonnen, über die Gipfelproteste zu diskutieren und uns dabei auf Migration als Schwerpunktthema festgelegt. Frustrierend war, dass die Zusammensetzung dieser Gruppe 2006/2007 komplett wechselte; auch wollten die neuen Leute nicht mehr zu diesem Thema arbeiten, sondern eine breitere Strömung ansprechen und sich auf &lt;em&gt;Block G8&lt;/em&gt; konzentrieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vielleicht ist eine zweijährige Mobilisierung zu lang angelegt: Die Leute gingen ins Ausland, bekamen Kinder, beendeten ihr Studium, wechselten die Gruppe, machten zwischendurch lieber Party usw. Die Gründe waren individuell verständlich, aber das zeigte die Grenzen einer langfristigen Arbeit auf. Und es ist frustrierend für die Leute, die mehr Zeit in politische Arbeit stecken. Auch andere blicken auf G8 und FelS eher frustriert zurück, obwohl die letzten Monate der Mobilisierung 2007 mit der Gruppe total super waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich rechne mich allerdings zu jenen, die Schlechtes verdrängen und in der Erinnerung eher an das positiv Erlebte anknüpfen. Vielleicht eine Eigenschaft, die einem die notwendige Hartnäckigkeit, Ignoranz und Zähigkeit geben, um Gruppenprozesse wie bei FelS längere Zeit, nicht nur für einen kurzen Zeitabschnitt, durchzustehen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Gender, Politik und Alltag&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Aus meiner Sicht ist FelS daran gescheitert, den Anteil an Frauen (übrigens auch an Migrant_innen und nicht heterosexuell Lebenden) über das in Polit-Gruppen übliche Maß zu heben. Wir haben alles Mögliche probiert: Frauen-AG, Gender als Querschnittsthema, Redebeeinflussung, Quotierung – alles hat nicht viel gebracht oder wurde nicht richtig umgesetzt. Nicht einmal die Frage, ob dem Problem mit solchen Maßnahmen überhaupt beizukommen ist, wurde beantwortet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich tröste mich damit, dass FelS es wenigstens ansatzweise geschafft hat, unterschiedliche Alltagssituationen und Voraussetzungen (Alter, Kinder, Job, Studium, viel/wenig Zeit) miteinander zu vereinbaren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Kommunist-Sein heute&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Scheitern politischer Projekte und das Nicht-Durchsetzen-Können politischer Ansprüche haben bei mir bislang nicht dazu geführt, die Arbeit bei FelS zu beenden. Natürlich bin ich illusionsloser geworden, was mein Engagement angeht, muss aber aus zwei Gründen weitermachen:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;Die Arbeit und den Ansatz von FelS halte ich - Scheitern eingeschlossen! - nach wie vor für richtig und wichtig.&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Meine Ansprüche an gutes Leben, stilvolles Wohnen, Kultur und feines Essen kann ich vor mir selbst nur rechtfertigen, wenn ich an den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Gegenwart teilhabe.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;p&gt;Heute Kommunist zu sein, heißt ohnehin, sich mit dem Scheitern der großen Utopie irgendwie arrangiert zu haben - und trotzdem weiter zu kämpfen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Pinker Punkt&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Gescheitert ist zum Beispiel die Kampagne Pinker Punkt. Wir wollten damit die Aneignung des Nahverkehrs durch öffentliches Umsonstfahren konkret propagieren. Die Chancen dafür schienen gut, weil das Semesterticket an der Freien Universität Berlin (FU) nicht zustande gekommen war. Unsere Überlegung war, dass der kleine Rahmen des Konzepts eine Vermittlung von Aneignungsprozessen erleichtert und sich Student_innen leichter begeistern lassen würden als die Gesamtbevölkerung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Leute sollten sich an pinken auf den Bahnsteig gesprühten Punkten treffen und in Gruppen demonstrativ ohne Fahrschein fahren. Wir haben relativ viel Arbeit in eine stylische Darstellung gesteckt, von der Webseite über Flyer und Buttons bis hin zu T-Shirts, damit sind wir an der FU auch auf ein gewisses Interesse gestoßen. Es gab aber nur wenige, die dann auch tatsächlich gewagt haben, pink zu fahren. Und wir als Gruppe konnten natürlich nicht jedesmal, wenn jemand zur Uni fahren wollte, präsent sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Rückblickend würde ich sagen, dass wir da einen zu großen Schritt vorausgesetzt haben: Die spontane Selbstorganisierung von Pinkfahrgruppen an den pinken Punkten mit der Aussicht auf eine mögliche Konfrontation mit Kontrolleuren – das war auch für die linken Studis oft ein zu großer Schritt. Verglichen mit den Erfahrungen von Block G8 wäre es vielleicht besser gewesen, Selbstbewusstsein und Organisierung stärker zu fördern, beispielsweise durch Aktionstrainings, und weniger auf das Design des Auftritts zu achten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Misserfolg beim Pinken Punkt hat Leute, die viel Arbeit hinein gesteckt hatten, demotiviert. Einige sind zeitweise oder endgültig aus der Gruppe ausgestiegen. Wieder aufgebaut hat sich die AG Soziale Kämpfe dann am nächsten Projekt, der Organisierung der Mayday-Parade.&lt;/p&gt;


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