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 <title>arranca! - Selbstorganisation</title>
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 <title>Von Füchsen und Kichererbsen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/48/von-fuechsen-und-kichererbsen</link>
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                    &lt;p&gt;Kennt Ihr das? Kaum steckt man in einer festen Beziehung, leidet der Kontakt zu den etwas entfernteren Freund*innen und Bekannten. So ging uns das mit dem IL -Prozess. Vor lauter Vereinigungsstress haben wir einige unserer alten Weggefährt*innen, die der&lt;em&gt;Interventionistischen Linken&lt;/em&gt;&amp;nbsp;noch nie etwas abgewinnen konnten, in den letzten drei Jahren leider sträflich vernachlässigt. So haben wir nur aus dem Augenwinkel mitbekommen, dass in unserem näheren politischen Umfeld durchaus auch andere Antworten auf die derzeit allgegenwärtige „Organisierungsfrage“ gefunden werden als die unsere. Vor der Organisierungsausgabe der arranca! war das für uns Grund genug, endlich mal wieder nach Hamburg zu fahren und bei unseren alten&amp;nbsp;&lt;em&gt;Euromayday&lt;/em&gt;-Genoss*innen Effi und Frank nachzufragen, was es mit der jüngst gegründeten Gewerberaum-Genossenschaft&amp;nbsp;&lt;em&gt;fux&lt;/em&gt;&amp;nbsp;auf sich hat, die im letzten Winter ein Kasernenareal mitten in Hamburg Altona gekauft hat.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Kennt Ihr das? Kaum steckt man in einer festen Beziehung, leidet der Kontakt zu den etwas entfernteren Freund*innen und Bekannten. So ging uns das mit dem IL -Prozess. Vor lauter Vereinigungsstress haben wir einige unserer alten Weggefährt*innen, die der &lt;em&gt;Interventionistischen Linken&lt;/em&gt; noch nie etwas abgewinnen konnten, in den letzten drei Jahren leider sträflich vernachlässigt. So haben wir nur aus dem Augenwinkel mitbekommen, dass in unserem näheren politischen Umfeld durchaus auch andere Antworten auf die derzeit allgegenwärtige „Organisierungsfrage“ gefunden werden als die unsere. Vor der Organisierungsausgabe der arranca! war das für uns Grund genug, endlich mal wieder nach Hamburg zu fahren und bei unseren alten &lt;em&gt;Euromayday&lt;/em&gt;-Genoss*innen Effi und Frank nachzufragen, was es mit der jüngst gegründeten Gewerberaum-Genossenschaft &lt;em&gt;fux&lt;/em&gt; auf sich hat, die im letzten Winter ein Kasernenareal mitten in Hamburg Altona gekauft hat.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;Bevor wir über fux sprechen, erzählt ein wenig über Euren linken Werdegang.&lt;/em&gt;&amp;nbsp;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi:&lt;/strong&gt; Mit 18 hatte ich meine erste nähere Begegnung mit der bundesweit organisierten griechisch-kommunistischen Jugendpartei in Hamburg. Das Projekt mich als „Kichererbse“ zu akquirieren war ohne Erfolg: Kichererbsen nannten man damals in Griechenland den Nachwuchs, den man versuchte, zu „akquirieren“. Das war eine Subjektivierungsweise, die mir widerstrebte! Stundenlang verweilte ich bei den Treffen, meistens aber nur als stille Beobachterin. Die Art des parteiförmig strukturierten, ideologisierten Austausches, weit entfernt von alltäglichen Erfahrungen, lag mir fern. Erst nach 1989, als die Jugendpartei zerfiel, und niemand mehr eine Parteisoldatin verkörpern musste, wurde ich in den Freundeskreisen registriert, und die Möglichkeit einer Sozialität schien sich zu eröffnen. Danach bin ich über &lt;em&gt;Kanak Attak &lt;/em&gt;in antirassistische Kontexte gekommen. Das waren für mich immer losere Zusammenhänge, wo man anhand eines konkreten Problems und auch subjektiven Erfahrungen versucht hat, Politik zu machen. Das war mir viel näher. Dieses Ansetzen am eigenen Alltag und eigenen Erfahrungen erschien mir sinnvoller als parteiförmige Strukturen. Das zieht sich seitdem als roter Faden durch die politischen Zusammenhänge, in denen ich aktiv war. Immer wieder auch gemeinsam mit Frank: zum Beispiel die &lt;em&gt;Gesellschaft für Legalisierung&lt;/em&gt;, der Hamburger Euromayday, Lux und Konsorten und jetzt die Genossenschaft fux.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank: &lt;/strong&gt;Meine politischen Organisierungsansätze waren bei mir immer an meine Alltagsgeschichten gebunden gewesen. Meine erste Gruppe war die WUSCH, die &lt;em&gt;Wuppertaler Undogmatischen Schülergruppen&lt;/em&gt;. Da ging es um Schüler*innenselbstverwaltung, das war in manchen Schulzentren mit bis zu 2 000 Schülerinnen Nordrhein-Westfalens sehr erfolgreich. Wir hatten bei den Schülerratswahlen und im Schülerparlament teilweise 38 % der Stimmen. Das ist etwas Stilprägendes gewesen, was mich nie wieder losgelassen hat. Ich bin danach ja einen strengen militanten Weg gegangen, mit allen Schikanen: Hausbesetzungen, Organisierung im Knast, Organisierung draußen in autonomen Gruppen, enge Kontakte mit den bewaffneten Gruppen usw. und so fort. Das kulminierte alles mit der Besetzung der Hafenstraße und brach erst nach 88/92 ab, als es mit dem Ende der RAF und der anderen bewaffneten Strukturen mit der großen weiten Welt des Antiimperialismus zu Ende ging. Mit dem Aufstand in Chiapas einige Jahre später habe ich dann begonnen, die alten Organisierungsfragen wieder neu zu denken. Damals fingen wir endgültig an, uns in netzwerkförmigen Strukturen zu organisieren, die aber immer einen festen Infrastruktur- und Ressourcenkern hatten. Ab da kam ein Netzwerk zum anderen: &lt;em&gt;Kein Mensch ist illegal&lt;/em&gt;, die von vornherein als transnationale, transkontinentale, diverse usw. Organisierung von Leuten gedachte Gesellschaft für Legalisierung, dann das Frassanito-Netzwerk und schließlich Euromayday. Ja und nun sind wir auf einmal in einer Genossenschaft und kaufen Land.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Was ist das für ein Projekt?&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi:&lt;/strong&gt; Wir haben die Genossenschaft fux gegründet und das Kasernengelände an der Max-Brauer Allee in Altona gekauft. Dort hat bisher der Verein Frappant gearbeitet, subventioniert von der Kulturbehörde. Da die Förderung aber auslief, musste eine Lösung her. Wir sind dann im Jahr 2013 in Verhandlungen mit der Stadt eingestiegen und haben es tatsächlich geschafft, die Kaserne zu kaufen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Ist das nicht unbezahlbar in Hamburg im Jahre 2015?&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; Wir steigen ein mit der der Kampfmiete von fünf Euro Nettokaltmiete, das ist in Hamburg unschlagbar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi &lt;/strong&gt;: Und das in Altona!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; … einem Ort, der gerade im Moment nur so durch die Decke schießt. Nebenan entsteht mit der Neuen Mitte Altona gerade eine ganze neue Stadt. Wir schaffen ein kleines Gegengewicht im innerstädtischen Immobilienmarkt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;¿Wer genau hat da was gekauft? Und wem gehört jetzt was? Welche Rechtsform hat das alles?&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; Es gab viel Diskussion, ob wir das Mietshäusersyndikat ansprechen, welches kollektives Hauseigentum z.B. in Form von GmbHs und Vereinen organisiert. Das haben wir zurückgewiesen. Wir haben uns ausdrücklich für die Genossenschaft als Rechtsform entschieden, weil das die demokratischste Form des Privateigentums darstellt. Hier gilt der Gedanke „Eine Person, eine Stimme“ – egal, wie viel Geld sie mitbringt. Wir verstehen die Genossenschaft als Versuch, zurück zu den alten Kooperativen zu gehen, zu den urmarxistischen Keimzellen des 19. Jahrhunderts, wenn du so willst. Die Ebene des „SichSelbstOrganisierens“, auch rund um die Fragen des Alltages – was man früher schlagwortartig „den Alltag politisieren“ genannt hat, das soll einen organisatorischen Rahmen bekommen. Einigen unserer Genoss*innen wird das manchmal ziemlich viel. Die Mitgliedschaft in der Genossenschaft, das ist für die fast wie die Mitgliedschaft in einer kommunistischen Partei.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿&lt;/em&gt;Bei euch spielt der Begriff der Selbstverwaltung eine große Rolle. Warum?&lt;/em&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi:&lt;/strong&gt; Es geht um die „Kreierung“ und „Installierung“ dieser Selbstverwaltung. Das ist momentan tatsächlich die größte Herausforderung. Wenn wir jetzt nicht irgendein TopDownModell praktizieren wollen, müssen wir entsprechende Strukturen in diesem Prozess etablieren. Auf der Basis vorhandener Erfahrungshorizonte und praktiken soll eine Selbstverwaltung ermöglicht werden. Wir haben uns entschlossen, das Gebäude wie eine Stadt in verschiedene Quartiers aufzuteilen, in denen sich jeweils fünf bis dreißig Leute teilautonom organisieren. Durch gegenseitige Besuche können sich die füx*innen kennenlernen und sich in QuartiersVersammlungen sowohl über unterschiedliche Quartiersals auch über genossenschaftsspezifi sche Belange austauschen. Die Miete zahlen die Leute an ihre Quartiers, nicht einzeln an die Genossenschaft. Die Frage, „Was passiert, wenn jemand die Miete nicht zahlt, wer mahnt dann?“, war bei unseren Diskussionen ein großer Konfl ikt. Die Antwort lautete schließlich: „Die Quartiers untereinander.“ Dafür bedarf es einer Sozialität, die so etwas einerseits auffängt und andererseits auch ausfindig macht, wo Versäumnisse vorliegen. Allerdings nicht in Form eines zentralen Kontrollapparates, sondern durch persönlich ausgehandelte oder strukturelle Näheverhältnisse. Es wird also eine andere Instanz imaginiert, die nicht vereinheitlichend wirkt und ohne Figuren eines „mirSagenden“ oder „Mahnenden“ auskommt. Beim Euromayday ging es anfangs zunächst ja vor allem um prekäre Arbeitsverhältnisse, und zwar nicht zuletzt auch um die eigenen. Wie erklärt Ihr den Blickwechsel auf das Thema Stadt und schließlich den Schritt zur Gründung von Lux und Konsorten und fux? Welche politischen Ziele verfolgt Ihr mit alledem?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; Im Hamburger Euromayday haben wir bereits seit 2007 von der „Verräumlichung“ der sozialen Frage gesprochen. Schon damals war klar, dass wir eine Position im Kontext von Recht auf Stadt brauchen, wenn wir uns nicht selbst alle an den Stadträndern wiederfinden wollen, weil wir innerstädtische Mieten nicht mehr zahlen können. Ebenso benötigen wir Auswege, die weiter führen als linke Wohnprojekte aus akademischen Subkulturen mit irgendeiner Vermögensanteile-Rechtsform. Als Selbständige hängt unsere Lebensqualität schließlich nicht nur maßgeblich von unseren Wohnraumkosten, sondern mindestens ebenso sehr auch von den Kosten unserer Gewerberäume ab.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi:&lt;/strong&gt; Wir wollen eine Art Gewerkschaft der Selbständigen vor Ort sein. Unsere Herausforderung besteht darin, aus diesen Räumen mehr zu machen als bloßen Gewerberaum. Die Hauptforderung ist klar: Billige Mieten, die unsere Reproduktionskosten niedrig halten. Wir verdienen keine Millionen, wir wollen mit unserer Arbeit mehr als nur unser Überleben sichern. Wir wollen einfach gut leben. Das ist ein Slogan, den wir auch im Hamburger Euromayday kundgetan haben. Im Gewerbehof wird der allerdings sehr konkret lokalisiert. Wir sind auf den ersten Blick vielleicht nur ein Zusammenschluss von Kultur- und Gewerbetreibenden, die für den eigenen Benefit sorgen. Auf den zweiten Blick verkörpern wir aber nachhaltig eine politische „Haltung“, die aus diversen individuellen oder partikularen Interessen wieder Gesellschaftsfähigkeit produzieren will. Diese Sozialität soll sowohl bei anderen Polit-Generationen als auch bei denjenigen anderen fuxGenoss* innen ankommen, die einfach günstige Arbeitsräume brauchen.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;Provokant könnte man Euch ja vorwerfen, mit der Genossenschaftsgründung nur Euren eigenen Arsch ins Trockene gebracht zu haben.&lt;/em&gt;&amp;nbsp;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; Das ist unser gutes Recht. Deswegen tun wir das. „Entrechtet und geknechtet“ bin ich selbst genug. Wenn ich nicht in der Lage bin, meine eigene Lage zu verbessern, wie kann ich dann für irgendjemand anders etwas tun? Außerdem ist das doch eine riesige Diskursintervention. Wir schaffen, hier und heute, in dieser Stadt, eine Basis. Wir beweisen, dass es möglich ist, Dinge anders zu machen, als es die herrschende Ordnung die ganze Zeit predigt und durchexerziert. Wir beweisen, dass es auch im Jahre 2015 möglich ist, in der Hamburger Innenstadt zusammenzuleben und dabei nur fünf Euro pro Quadratmeter auszugeben. Uns beschäftigt immer noch die Frage, wie sich das modern prekäre und arbeitende Subjekt, das kein Normalarbeitsverhältnis mit integriertem Betriebskindergarten mehr kennt, politisch organisieren kann. Wie du mit einer zerklüfteten Erwerbsbiographie trotz aller Verpfl ichtungen für Angehörige, Freunde, Kinder, diversen Jobs, Hobbies und Leidenschaften, die Zeit finden kannst, dich mit anderen zusammenzuschließen, um gemeinsam kämpfen zu können. Darum geht es. Ich kann die Reproduktionsnicht von der Organisierungsfrage trennen. Reproduktion bedeutet: meine Fähigkeiten erhalten. Was ist die Reproduktion eines militanten Linken? Sich die Fähigkeit zu erhalten, militant zu sein. Dafür brauche ich Leute, brauche ich Ressourcen, brauche ich Infrastrukturen. George Jackson hatte früher gesagt: „Was sind die wichtigsten drei Dinge für einen Revolutionär? – Connections, Connections, Connections.“ Die klassischen linken Organisierungsprojekte in meinem politischen Umfeld helfen mir dabei nur wenig. Deren Organisationsansatz ist in randstädtischen Milieus und der Provinz vielleicht ein guter Schutz gegen Nazis und ein Projekt gegen kapitalistische Hegemonie. Dafür werden in solchen Gruppen aber vielfache Ausschlüsse produziert, die dann wieder mühsam überwunden werden müssen. Ich überlege auch heute: „Warum sollte ich zu einer linken Organisation gehen?“ Das betrifft nicht nur mich persönlich. Mit welchen Ressourcen, Möglichkeiten und Infrastrukturen kann sie mich versorgen? Sagen wir, ich bin jemand, der aus Kamerun kommt. Ich brauche Papiere, einen Transit, einen Job, eine Bankverbindung, ein Bett. Kann mir eine linke Organisation das geben? Nein. Wofür brauche ich sie dann? Weil die gegen Rassismus sind? Das ist gut. Aber wie helfen die mir konkret? Beschützen die mich? Im besten Fall schicken die mir ein Solidaritätspaket in den Abschiebeknast und machen draußen eine Demo. Ich aber würde doch lieber vermeiden, in den Knast zu kommen. Können die mir dabei helfen? Nee.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Effi:&lt;/strong&gt; Lass mich noch eine andere Facette reinbringen: Im Organizing-Projekt in der Hamburger SecurityBranche im Jahre 2005 war es ein Riesenproblem, dass die verschiedenen Niedriglohnfirmen sich gegenseitig auch noch unterbieten. Daher haben wir uns bei der Vorbereitung auf das Projekt auf das Ziel eingeschworen, in Gesprächen mit den Wachleuten wenigstens eine Minimalforderung zu formulieren. Damals waren das sieben Euro Stundenlohn, glaube ich. Ausgehend von dieser unteren Schranke konnten wir dann weitergehende Forderungen entwickeln. Diese Logik kann man auf unsere heutige Hauptforderung nach fünf Euro Miete übersetzen. Als wir die Hamburger Bezirkspolitik mit dieser Forderung konfrontiert haben, sind die sofort sehr nervös geworden. Ein FDP-Politiker ist einmal völlig aus der Fassung geraten, als er die Zahl gehört hat. Als würden wir seine heilige Kuh schlachten, wenn wir diese ganze Ökonomie, diese neoliberalen Standards und Verdrängungsmieten in Frage stellen. Wenn wir unser Fünf-Euro-Ziel erreichen, dann zeigen wir, dass das geht. Wir zeigen, dass man nicht zehn Euro Miete bezahlen muss, damit die Wirtschaft hier in dieser Stadt funktioniert. Dass Gewerberaummieten möglich sind, die prekäre Selbstständige auch dann noch bezahlen können, wenn das Arbeitsamt keine Existenzgründungszuschüsse mehr zahlt. Wenn uns das gelingt, werden das andere auch versuchen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frank:&lt;/strong&gt; In diesen städtischen Kämpfen geht es eben nicht nur um abstrakte Rechte. Das Recht auf Stadt ist nicht einfach nur das Recht auf „freie Luft“ im mittelalterlichen Sinne. Es ist der Zugang zu bestimmten, lebensnotwendigen Gütern, die du einfach haben musst. Du brauchst nicht nur ein Dach über dem Kopf, du musst die S-Bahn benutzen dürfen und bezahlen können und so weiter. Wenn das nicht geklärt ist, brauchen die anderen Fragen gar nicht gestellt werden.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 31 Jul 2015 12:34:08 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Dokumentation</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/1/dokumentation</link>
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                    &lt;p&gt;Der hier folgende, aus dem &quot;Sozialistischen Jahrbuch 5&quot; entnommene Text von 1972 be-schreibt die politische Arbeit eines sozialistischen Kollektivs in einem Ferienzeltlager von 14- bis 18-Jährigen. Die Verfasserinnen stellen sowohl ihre Erfahrungen während des Sommer-camps, - die Politisierung und das Handeln der Jugendlichen, das Verhältnis zwischen den Betreuerinnen und den Kids - als auch ihr pädagogisches Konzept dar. Sie vermitteln, daß in dem Ferienlager kollektive Lernprozesse gefördert werden können, daß diese von konkreten Erfahrungen/Handlungen ausgehen müssen, daß Betreuerinnen und Jugendliche ein gleich-berechtigtes Verhältnis entwickeln können, und daß gerade der Konflikt - in diesem Falle mit der Trägerin des Zeltlagers, der SPD-Jugend &quot;Die Falken&quot; - diesen Lernprozeß vorantreibt.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der hier folgende, aus dem &quot;Sozialistischen Jahrbuch 5&quot; entnommene Text von 1972 beschreibt die politische Arbeit eines sozialistischen Kollektivs in einem Ferienzeltlager von 14- bis 18-Jährigen. Die Verfasserinnen stellen sowohl ihre Erfahrungen während des Sommercamps, - die Politisierung und das Handeln der Jugendlichen, das Verhältnis zwischen den Betreuerinnen und den Kids - als auch ihr pädagogisches Konzept dar. Sie vermitteln, daß in dem Ferienlager kollektive Lernprozesse gefördert werden können, daß diese von konkreten Erfahrungen/Handlungen ausgehen müssen, daß Betreuerinnen und Jugendliche ein gleichberechtigtes Verhältnis entwickeln können, und daß gerade der Konflikt - in diesem Falle mit der Trägerin des Zeltlagers, der SPD-Jugend &quot;Die Falken&quot; - diesen Lernprozeß vorantreibt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wir finden diesen inzwischen 21 Jahre alten Text ausgesprochen interessant. Einerseits weil er beschreibt, daß revolutionäre Bildung davon ausgehen muß, daß Pädagoginnen Initiativen entwickeln können, ohne Ergebnisse vorwegzunehmen. Das heißt, daß es ihre Aufgabe ist, kollektives Verhalten in Gang zu bringen. Dabei werden die Lernenden vor allem als Handelnde gesehen, was in dem Text gut zum Ausdruck kommt.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Andererseits ist er aber deswegen von Bedeutung, weil auch heute viele linke StudentInnen bei verschiedensten Jugendverbänden (von der Sportjugend, über die Kirchen und Gewerkschaften bis hin zu städtischen Ferienprogrammen) jobben. Für viele ist es eine Möglichkeit in wenigen Wochen zu etwas Geld zu kommen. Kaum noch gesehen wird dabei heute der politische Wert und die Möglichkeiten einer solchen Arbeit mit Jugendlichen. Wir fänden es wichtig, daß über diese Arbeit in Schulen, Jugendclubs, Ferienprogrammen, Antifa-Gruppen usw., (die zum Geld verdienen oder aus individuellen Überlegungen gemacht wird), öfter mal ein öffentliches Wort fallen würde. Nicht wenige sind dort aktiv, ohne daß darüber diskutiert wird. Es wäre für uns und viele andere spannend zu wissen, welche Probleme, Erfahrungen, Möglichkeiten solche politische Arbeit (zum Teil in Institutionen und gegen sie) mit sich bringt. Das oft verkündete Verlassen des &quot;Szeneghettos&quot; bedeutet ja genau, daß in schwierigen Rahmenbedingungen mit ganz anderen Leuten politisch gelernt und gehandelt wird.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Uns ist natürlich klar, daß dieser Bericht vom &quot;Seeheimer Zeltlager&quot; 1972 mit den heutigen Erfahrungen nur sehr allgemein etwas zu tun hat. Heute fehlt das kulturell-rebellische Bewußtsein der Arbeiterjugend (damals das Rockertum), der Politisierungsgrad der Jugendlichen ist insgesamt niedriger, Individualisierung und passives Verhalten sind stärker geworden, und außerdem ist die Notwendigkeit, rassistische Vorurteile abzubauen, heute größer als sozialistisches Bewußtsein zu stärken.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Diese Unterschiede anhand von neueren Erfahrungen darzustellen, könnte ein Thema der nächsten Ausgaben sein - wenn sich unter den Leserinnen eineR findet, die oder der über ihre Arbeit schreibt...&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Zeltlager in Seeheim war ein Falkenlager. Die Falken (der SPD nahestehender Jugendverband) führen jedes Jahr über 100 Zeltlager durch, in denen 30-40.000 Kinder und Jugendliche meist proletarischer Herkunft betreut werden. In der verdinglichten Sprache der Falken werden die Zeltlager „Sommermaßnahmen&quot; genannt. Dieser Sprachgebrauch läßt schon erahnen, unter welchen Zielvorstellungen die Falken ihre Arbeit mit der Arbeiterjugend sehen. Wie dem auch sei, Zeltlager bieten eine günstige Voraussetzung für die Feriengestaltung von Jugendlichen(..)&lt;br /&gt;Wir sind uns dabei bewußt, daß die Zeltlagersituation eine Ausnahmesituation schafft. Der durch die Zelte vorgegebene Wohn- und Lebenszusammenhang, die relative Isoliertheit von der normalen Lebenswelt, die damit verbundene Repressionsfreiheit, die Feriensituation und die Angebote zur Freizeitgestaltung, die sich im Zeltlager anbieten, schaffen insbesondere für die Entwicklung von Kollektivbewußtsein günstige Voraussetzungen. Die hier gemachten Erfahrungen sind demgemäß auch nicht unmittelbar übertragbar auf die normale Alltagssituation. Trotzdem sind wir sicher, daß auch die in der Extremsituation des Zeltlagers gemachten Erfahrungsprozesse sich &amp;gt;auswirken&amp;lt;. Allerdings können wir nur wenig darüber aussagen, wie die Lernprozesse der Jugendlichen in unserem Zeltlager die Kampf- und Organisationsbereitschaft auf lange Sicht verändert haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für die „Sommermaßnahme&quot; hatten sich 35 Jugendliche gemeldet. Die Teilnehmer (..) waren 14-18 Jahre alt und kamen aus Düsseldorf, Essen und Bochum. Die meisten kannten zu Beginn des Lagers niemanden, allenfalls einen anderen Lagerteilnehmer. Eine Ausnahme machte die Gruppe aus einem Düsseldorfer Bezirk, die sich von den Falken bzw. vom Fußballclub her kannte.&lt;br /&gt;Die meisten Jugendlichen steckten in einer Lehre, einige standen unmittelbar davor. (..) Mit Ausnahme von 5 Jugendlichen kamen alle aus proletarischen Verhältnissen.&lt;br /&gt;Bei den Jungen konnte man zu Anfang des Lagers drei Verhaltenstendenzen beobachten: eine erste Gruppe, gruppierte sich in Cliquen. Sie wollten saufen, legten ein terroristisches Verhalten an den Tag, verhielten sich untereinander unsolidarisch, waren aggressiv, suchten förmlich Situationen, um sich gegenseitig anpöbeln zu können, nutzten jede Chance, um Streit handfest auszutragen. Die Cliquen stabilisierten sich insbesondere auf Kosten der Mädchen: sie pöbelten sie an, machten sich über sie lustig, griffen sie auch tätlich an, Eine zweite Gruppe von Jungen machte sich gleich zu Anfang systematisch an die Mädchen ran. Dabei entwickelten sie bisweilen eine ausgeprägte Perfektion in der Provokation bestimmter Situationen, die die Kontaktaufnahme mit Mädchen ermöglichten. Zwei Jugendliche, Freunde, arbeiteten hierbei arbeitsteilig und strategisch zusammen und warfen sich gegenseitig die Bälle zu. Eine dritte Gruppe, zumeist jüngerer Jugendlicher, fixierte sich auf die Älteren oder waren Einzelgänger. Die Mädchen bildeten zumeist Zweiergrüppchen und verhielten sich deutlich defensiv. Vor Lagerbeginn gab es nur eine feste Beziehung (..)&lt;br /&gt;5 der Jugendlichen bezeichneten sich als Rocker oder hatten Rockererfahrungen; vier waren im Fußballclub, zwei im Boxverein. 5 der Jugendlichen waren Falkenmitglieder, ein Lehrling arbeitete in einer autonomen Lehrlingsgruppe. Drei der eben genannten hatten politische Erfahrungen durch die Arbeit in linken Gruppen. Bei zweien von ihnen hatten die Väter in der illegalen KPD gearbeitet.&lt;br /&gt;Insgesamt könnte man über die gesamte Truppe zunächst urteilen: ein „unpolitischer&quot; Haufen. Nach gängigem Falkenjargon war man geneigt zu sagen: „Mit denen kann man nichts machen!&quot; Mit ihnen soll auch nichts gemacht, es sollen keine Maßnahmen an ihnen vorgenommen werden; sie sollen selber was tun.&lt;br /&gt;Die Leitung des Lagers hatte Alvons (der im Verlauf des Konflikts mit der Falkenleitung abgesetzt wurde, Anm.d.S.) (...) Außerdem nahmen noch 4 studentische Genossen teil, die alle in sozialistischen Hochschulorganisationen arbeiten und Lehrer werden wollen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Ein Tag im Zeltlager Seeheim&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die ersten 3 Tage verliefen ziemlich konfus: es kamen individualistische Feri­envorstellungen zum Tragen. Die Jugendlichen wollten zuerst mal das tun, was in der normalen Familien- und Arbeitssituation verboten ist. Die machten voll einen drauf nutzten die „Freiheit&quot; der Lagersituation aus: Sauen, die Nächte durchmachen, Aggressionen ungestraft äußern, Unterdrückung van Schwächeren, antiautoritäres Ausleben, oft bei bewußter Mißachtung kollektiver Bedürfnisse und auch „vernünftiger&quot; Lagerregelungen: Nichterscheinen beim Essen, bewußtes Provozieren hei Lagervollversammlungen, betontes Absondern bei Gruppenaktivitäten.&lt;br /&gt;Die Überwindung dieser Verhaltensweisen und die Entwicklung, kollektiver Formen des Lagerlebens deuteten sich aber bereits in diesen Tagen in 4 Punkten an:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;1. Wir betonten bei allen Möglichkeiten die Vorzüge von kollektivem Handeln und solidarischem Verhalten. immer wieder gaben wir Impulse, die bei den Jugendlichen bewußt Selbstorganisationsprozesse in Gang setzen sollten. So schlugen Wir zum Beispiel vor, daß jede Zeltbesatzung über die Namensgebung ihres Zeltkollektivs diskutieren sollte (es wurden bis auf eine Ausnahme nur politische Namen gewählt: Anne Frank Frieden, Langer Marsch, Vietnam, Spalte, Petra lebt!), daß sich für die Lagerzeitung Artikelkollektive bilden sollten, daß Jungens und Mädchen auch zusammen Fußball spielen können, daß wir alle, um die Ungleichheit an Taschengeld auszugleichen, unser Geld in einen Topf schmeißen und dann gleichmäßig aufteilen sollten. (Dieser Vorschlag wurde nach langer Diskussion abgelehnt). Einige Jugendliche unterstützten vom ersten Tag an solche Bestrebungen.&lt;br /&gt; 2. Gerade an der Benennungsfrage von Zelten kam es zu einem scharfen Konflikt mit dem Vertreter des Falkenverbands (ein Zelt hatte sich nach der von der Polizei erschossenen, mutmaßlichen RAF-Militanten Petra Schelm „Petra lebt&quot; genannt, Anm. d.S.). In diesem Konflikt wurden die Jugendlichen gezwungen, Stellung zu beziehen. Die Schärfe der Auseinandersetzung, die an ihr einsetzenden Mechanismen politischer Unterdrückung seitens des Falkenverbands und seiner Vertreter einerseits (nach nur 10 Tagen wurde das Zeltlager aufgelöst und der Verantwortliche, Alvons, entlassen, Anm. d.S.) und unsere Solidarität, mit der wir in dieser Frage zu den Jugendlichen hielten, andererseits haben bestimmt viel dazu beigetragen, die Atmosphäre im Lager zu politisieren.&lt;br /&gt;3. Am dritten Tag erschien die erste Lagerzeitung. Bereits hier gelang es, zahlreiche Jugendliche an der Herstellung von Artikeln zu beteiligen.&lt;br /&gt;An der Entstehung der Lagerzeitungen kann man gut zeigen, welche Rolle Intellektuelle in der Zusammenarbeit mit Arbeiterjugendlichen spielen können, wie sie ihre Fähigkeiten und politischen Erfahrungen einbringen können, ohne sich von den Jugendlichen zu isolieren, ohne an derer Interessenlage vorbeizugehen, ohne eine elitäre Beziehung zu ihnen zu entwickeln. Es ist klar, daß die Jugendlichen von sich aus, so wie sie sich in unserem Lager vorfanden, nicht auf den Gedanken kamen, eine Lagerzeitung zu formulieren. Es fehlen ihnen dazu einfach die technischen Qualifikationen. Schreibmaschineschreiben, Umgang mit Matrizen und Abzugsmaschinen, die Organisierung von Material usw. sind, „Künste“ von denen sie zunächst keine Ahnung haben. Dazu kommt noch, daß die Jugendlichen auf Grund der terroristischen Sozialisation, die sie in der Schule über sich ergehen lassen müssen, gerade gegen das, was sie ausschließlich dort betreiben, nämlich intellektualistisches Zeug, eine gründliche Aversion entwickeln. Bei der Erstellung von Zeitungsartikeln muß man sich aber hinsetzen können, muß man Sätze aneinanderreihen, muß man sich längere Zeit konzentrieren. (..)&lt;br /&gt;Die Zeitung wurde dann ein Ereignis, an dem sich unsere Vorstellungen von Kollektiverziehung- zu unserer eigenen Überraschung- sehr gut realisierten. Zumeist auf Vollversammlungen riefen wir die Jugendlichen auf eine Zeitung zu machen. (...)Immer wieder betonten wir den Wert, den eine Zeitung für das kollektive Lagerleben haben müßte. Derart abstrakte Appelle allein nutzten aber nichts. Um Artikelkollektive konstituieren zu können, mußten wir die Jugendlichen (...) persönlich ansprechen: wir forderten ganze Zelte auf die gerade eine dufte Aktion gemacht hatten, darüber zu schreiben, oder einzelne junge Genossen, die nichts zu tun hatten, oder informelle Gruppen, die gerade über ein bestimmtes Problem diskutierten, genau über dieses Thema etwas zu machen.(...) Die endgültigen Formulierungen wurden dann von kleinen Gruppen erledigt. Fast immer war daran ein Student beteiligt. Es war nun aber ganz und gar nicht so, daß dieser Student den Artikel schrieb. Vielmehr versuchten wir möglichst alle Formulierungen aus den Jugendlichen herauszuholen. Wir gaben Tips, bisweilen auch Anregungen für Formulierungen und übernahmen das Aufschreiben. Große Spannung herrschte zumeist beim Finden einer zündenden Überschrift. Wichtig dabei ist, daß ein Artikel ziemlich schnell abgeschlossen wird. Bei aller Begeisterung, die die Jugendlichen an der Arbeit in &lt;strong&gt;Rot Front&lt;/strong&gt; (der Name der Zeitung, Anm.d.S.) entwickelten: allzulange hat man in den Ferien nicht Lust, Kopfarbeit zu leisten. So war die Zeitung dann auch an einem Vormittag fertig. Das Abziehen übernahmen die Jugendlichen selbst. Natürlich war die Abzugsmaschine defekt und somit die Qualität der Zeitung recht vorsintflutlich. Dafür wußte aber jeder im Lager: das ist die Zeitung des Seeheimer Zeltlagers, unsere Zeitung.(...)&lt;br /&gt; 4. Einige Jugendliche zeigten erste Sättigungserscheinungen an einigen ihrer Individualaktionen. Sie wollten nicht dauernd isoliert im Freibad rumhängen, sie hatten genug von der Diskothek, sie wollten nicht mehr den ganzen Tag im Zelt rumgammeln. Daß sie dies äußerten, lag wohl nicht zuletzt daran, daß wir immer versucht haben, die Jugendlichen zu ermuntern, alternative kollektive Lebenszusammenhänge zu erproben. Dabei kam uns die Ausnahmesituation des Zeltlagerlebens genauso entgegen wie die Tatsache, daß den Jugendlichen bereits jetzt das Geld ausging.(...)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Was man alles machen kann!!!&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;(es folgen 16 gemeinsam beschlossene Aktivitäten; ein Volksfest mit Seeheimer Jugendlichen, eine Fahrradrallye, ein Stadtspiel usw. Anm.d.S.) (..)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;Wir betonen nochmals, daß wir in dem Stadtspiel Seeheim erobern wollen. Das heißt, wir wollen die Funktionsträger und Institutionen der Stadt kennenlernen und wir wollen uns dabei nicht verstecken, sondern offen als sozialistische Jugend auftreten. Wir wollen aus Seeheim eine neue Stadt machen: Falkenheim. Denn es gibt hier mehr Falken als Seen! Also werden wir die Stadt abklappern und erobern. Mit der Parole wird auch assoziiert, daß man hier nicht richtig baden kann, wir quasi um die Seen betrogen sind. Damit kommen wir zum Problem Baden.&lt;br /&gt;Alvons erörtert, daß er gehört habe, daß einige es langsam satt haben, immer allein zum Baden zu gehen, daß sie lieber zusammen was machen wollten. Außerdem seien 1,20DM Eintritt zu teuer. Sofort kommt der Vorschlag, daß wir ja einmal alle zusammen schwimmen gehen könnten. Vorschlag, dort Flugblätter zu verteilen, um für unsere Fete am Samstag zu werben. Im Schwimmbad sollen Flugblätter verteilt werden - und mit den Jugendlichen diskutiert werden. Vorschlag, das Megaphon mitzunehmen. „Und dann können wir alle auch umsonst reingehen!&quot; Begeisterte Zustimmung. Manfred, Lutz und Rudi übernehmen den Nachdruck von den Flugblättern. Am Abend Geländespiel: das Vietnam-Zelt soll die Vorbereitungen treffen. Renate sind 100 DM weggekommen, ihr ganzes Taschengeld. Appell an die Solidarität der anderen. Es wird beschlossen, beim Mittagessen zu sammeln: jeder soll, je nach Vermögen, 1,- bis 1,50 DM geben. Da viele ein ganzes Jahr für die Ferienreise gespart haben, sahen alle ein, daß der Renate geholfen werden muß.&lt;br /&gt;Die Mädchen bleiben sitzen und machen Weiberrat. Wir quatschen über unsere Erfahrungen mit den Typen und bleiben über eine Stunde zusammen. Die Jungens werden weggescheucht.&lt;br /&gt;Während die Mädchen zusammensitzen, sind die Jungens teilweise ziemlich verunsichert. „Was machen die denn da?&quot;, fragen einige. Nach einiger Zeit fangen die Jungs an, die üblichen Pöbeleien (du Tier, du dickes Viech ...) den Mädchen zuzurufen, mit Megaphon, damit sie es auch ja richtig verstehen können. Typ aus dem Pärchenzelt kann‘s nicht fassen, daß seine Freundin sich nicht um ihn kümmert, sondern er ihr nun Zigaretten und was zu Saufen besorgen muß. „Ich geh jetzt. Du kannst nachkommen! Wir treffen uns im Cafe!&quot;, ruft er später sichtlich nervös durchs Megaphon.&lt;br /&gt;Mächtige Stimmung beim Mittagessen: alle singen mit Ton-Steine-Scherben: „Macht kaputt, was euch kaputt macht&quot; und „weil der Mensch ein Mensch ist.&quot; Die Teller springen beim wilden Beat- Geklopfe hoch.(...) Gleichzeitig wird das Geld für Renate eingesammelt. Alle geben was! Es kommt fast der gleiche Betrag zustande wie vorher.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&quot;Schon am ersten Tag hat die ihr Geld verloren. Ihr ganzes Taschengeld für das Lager - 100 DM - waren weg. Wir haben das Problem so gelöst, wie es sich für Sozialisten gehört: solidarisch haben wir beim Mittagessen eine Sammelaktion durchgeführt, bei der jeder so viel gegeben hat, wie er erübrigen konnte. 67,50DM haben wir zusammengekriegt. Solidarität ist eine Waffe! ! ! ! &quot; &lt;/strong&gt;aus der Lagerzeitung&lt;strong&gt; Rot Front II&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;&quot;Die Eroberung des Schwimmbads!!&quot;&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Am Mittwoch beschlossen wir auf unserer Vollversammlung im Schwimmbad Flugblätter zu verteilen und für unser Fest am Samstag zu werben. Mit vielen roten Fahnen bewaffnet und kräftigen Gesängen und Parolen zogen wir ins Schwimmbad ein. Die meisten von uns gingen einfach so rein ohne zu zahlen. Wir suchten uns einen Platz, wo wir unsere Fahnen aufstellten. Dann sprangen wir sofort mit Gebrüll und Rot Front ins Wasser. Der Bademeister guckte blöd und meinte, daß Alvons eine Bademütze überziehen müsse. Wir lachten ihn aus. Wir stellten uns neben den Bademeister in einer Reihe auf und sprangen alle zusammen vom Beckenrand direkt neben dem Bademeister aus Protest ins Wasser. Dort bildeten wir Kampftrupps und Schwimmbrigaden. Der Bademeister drohte uns, die Bullen zu holen. Daraufhin riefen wir alle zusammen: Haut den Bullen auf den Sack zack! zack! Der Bademeister wollte uns nur einschüchtern. Aber da hatte er sich getäuscht. Sozialistische Jugendliche lassen sich nicht von einer Bademeisterfigur einschüchtern und den Spaß verderben. Wir waren so lustig, daß auch andere Badegäste einfach bei uns mitmachten. Anschließend verteilten wir unsere Flugblätter und machten uns auf den Heimweg. Wir riefen folgende Parolen: Haut den Unternehmern in die Fressen, daß es kracht - Arbeitermacht, Arbeitermacht! Nixon-Mörder USA-SA-SS und Ho-Ho-Ho Chi-Min (...)&lt;br /&gt;„Manche Leute freuten sich. Manche Oma griff sich an den Kopf. Doch die sozialistische Jugend läßt sich nicht das Maul verbieten.&quot; aus der Rot Front III&lt;br /&gt;(Zur Ergänzung sei noch bemerkt: es wurden nicht nur linke, sondern auch Fußballsprüche wie: Mußt du mal scheißen und hast kein Papier, dann nimm doch den Wimpel von Schalke 04 gebrüllt. Das ergänzte sich wunderbar.)&lt;br /&gt;(...)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die Frauengruppe: Haut den Jungens in den Sack - Zack Zack&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Weiberrat ist im Zeltlager zu einer notwendigen Gruppe geworden. Die Studentengenossinnen haben zur Entstehung der Gruppe ihren Teil beigetragen. Bei der Vorbereitung des Lagers sind wir davon ausgegangen, daß die Unterdrückungssituation proletarischer Mädchen ungleich stärker ist, als unsere eigene, daß es den Arbeitermädchen noch beschissener geht, als uns und daß sie noch weniger dagegen tun können. Es war uns klar, daß jeden Tag Konflikte zwischen Jungen und Mädchen und auch unter den Mädchen aufbrechen werden. An diesen wollten wir anknüpfen. Es gab theoretisch 3 Möglichkeiten, um die Probleme der Unterdrückung aufzugreifen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;1. Wir lesen mit den Mädchen zusammen einen Text zu Problemen der Frauenunterdrückung und versuchen darüber die spezifische Situation der Frauenunterdrückung in den Griff zu bekommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;2. Wir versuchen die objektiven Seiten der Frauenunterdrückung klarzulegen (z.B. durch die Besichtigung einer Frauenfabrik die extreme Ausbeutungssituation der Frau zu zeigen), um die individuelle Situation als allgemeine zu erfahren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;3. Wir gehen von konkreten Lagerkonflikten aus und versuchen uns auf diesem Weg zu verständigen und Möglichkeiten zu finden, wie wir es schaffen können, daß die Typen uns nicht spalten und kaputt machen. Schon während der Vorbereitung war uns klar, daß wir den konkreten und den vom individuellen „Schicksal&quot; geprägten Weg zu gehen haben und nicht den abstrakten, der schon eine Kenntnis von den verallgemeinernden, gesellschaftlichen Bedingungen voraussetzt. Auch unser Bewußtwerden der eigenen Situation ist primär über die tagtäglichen Auseinandersetzungen mit den Typen gelaufen.(...) Es hat sich herausgestellt, daß unsere Einschätzung richtig war: an jedem handfesten Konflikt, von denen es gleich zu Beginn des Lagers sehr viele gab, haben wir uns mit den betroffenen Mädchen solidarisiert und mit ihnen gequatscht. Renate und Brigitte sind gleich in der ersten Nacht von 5-6 besoffenen Jungs bestürmt worden und hatten keine Möglichkeit sowohl ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, als auch Sich gegen die Meute zu wehren, da sie der Situation ganz allein gegenüberstanden. Hier waren genügend Ansatzpunkte gegeben, sich an Diskussionen der Mädchen zu beteiligen. Einige Mädchen legten typisches Konkurrenzverhältnis an den Tag. Das Verhalten von Renate ist von ihnen kritisiert worden („Die ist ja auch besoffen“ „Das geschieht ihr ganz recht!“) und nicht die repressiven Verhaltensweisen der Jungs.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Darüber und über andere Gemeinheiten der Jungs (Reden wie „Du dickes Viech! Blöde Ziege! ...“) sind Diskussionen entstanden, die wirklich versucht haben, einerseits Wut und Haß loszuwerden und andererseits andere Bedürfnisse zu erkennen und Lösungsmöglichkeiten dieses Widerspruchs zu suchen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Petra lebt&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Zeltlager Seeheim wurde kaputtgemacht. Nach 10 Tagen intensiven Lagerlebens wurde das Seeheimer Lager von der Falkenfunktionärsspitze aufgelöst, Alvons, der pädagogische Betreuer fristlos gekündigt und aus dem Verband ausgeschlossen. In der Presseerklärung des Falken-Pressedienstes liest sich das so:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;„Der Bundesvorsitzende (Dieter Lasse) und der Bezirksvorsitzende des Bezirks Niederrhein (Bruno Neurath) sahen sich zu der Auflösung des Lagers veranlaßt, da durch den verantwortlichen Leiter der Maßnahme Dieter Diemer (Alvons) politische und pädagogische Maßnahmen getroffen wurden, die im Widerspruch zu den Beschlüssen und zum Programm der Sozialistischen Jugend Deutschlands stehen. Es wurden u.a. in den Lagerzeitungen die Taten der Baader-Meinhof-Gruppe beschönigt und in diesem Zusammenhang gesagt, daß diese Leute erkannt haben, daß eine Veränderung der Gesellschaft nur mit Mitteln der Gewalt erfolgreich sein kann. Aussagen ähnlicher Tendenz wurden von den verantwortlichen Beteiligten auch in Spruchbändern auf dem Lagergelände angebracht.&lt;br /&gt;Diemer wurde noch gestern aus dem Verband ausgeschlossen und fristlos aus seiner hauptamtlichen Tätigkeit bei der Organisation entlassen.&quot;&lt;br /&gt;(Es folgt eine ausführliche Chronologie der Ereignisse, die wir aus Platzgründen rauskürzen mußten, Anm.d.S.)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Zur Konzeption des Lagers in Seeheim&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wir hatten das Lager in Seeheim unter die Parole &lt;strong&gt;Zusammen leben, zusammen lernen, zusammen kämpfen&lt;/strong&gt; gestellt.(...) Das Prinzip des kollektiven Leben-Lernen-Kämpfens betont und fordert, Prozesse der Selbstorganisation des Lebensprozesses in Gang zu setzen. In der konkreten Zeltlagersituation gingen wir dabei davon aus, daß das was die Arbeiterjugendlichen an Verhaltensdispositionen, Erlebnismuster und Reaktionsbereitschaft mitbringen, schon immer geprägt ist von ihrer klassenmäßigen Bestimmtheit als Arbeiter. (..)&lt;br /&gt;Prinzipien wie kollektives Handeln, das Finden einer Identität als Arbeiterjugendliche, Solidarität, Erkennen und Austragen von Konflikten mit der Außenwelt sind dabei wichtige Merkmale, die konstituierend für den Prozeß der Bewußtseinsentwicklung werden. Man könnte sagen, die sozialistischen Pädagogen müssen nicht so sehr etwas in die Arbeiterjugendlichen hineintragen, vielmehr müssen sie das in der Arbeiterjugend bereits angelegte herausholen, bewußter machen, vorwärtstreiben. Es gilt Bedingungen zu schaffen, in denen die Jugendlichen beginnen, ihre Bedürfnisse zu entfalten, um sich darin als handelnde Subjekte der Arbeiterklasse wiederzufinden. Die Bedürfnisse werden dabei nicht bewußt, indem man sie über die Köpfe eintrichtert, sondern im aktiven Handeln. Klassenbewußtsein wandert nicht über den Kopf in die Bedürfnisse, sondern über die Bedürfnisse ins Hirn. Ein wichtiges Moment dabei ist allerdings, daß die Jugendlichen ticken, daß die Formen individueller Glückserwartungen allein nichts bringen, daß die Individualisierungen aufgehoben werden. Dies ist allerdings für die Arbeiterjugendlichen gar nicht so sehr schwierig; sie entwickeln schon immer das Bedürfnis, zusammen etwas zu machen, haben einen starken Drang, zusammen zu sein, zusammen zu handeln, zusammen etwas zu erleben.&lt;br /&gt;Das Prinzip des kollektiven Leben-Lernen-Kämpfens bedeutet für die sozialistischen Pädagogen, daß sie lernen müssen, sich selbst in die Gemeinschaft einzuordnen. Ihr Verhältnis zur Arbeiterjugend darf nicht ein pädagogisierendes sein, es muß radikal solidarisch sein. Auch die Erzieher müssen erzogen werden. Sie müssen es wagen, sich von den Jugendlichen erziehen zu lassen. Nur dann kann es gelingen, daß sie das, was sie an Wissensvorsprung und politischen Erfahrungen mitbringen, auch vermitteln können. Alles andere wäre bürgerliche Pädagogik. Das heißt nun aber ganz und gar nicht, daß die Intellektuellen duckmäuserisch und ergeben den Jugendlichen gegenübertreten sollten. Im Gegenteil - sie brauchen ihre eigene politische Identität nicht unter den Scheffel zu stellen. Es gab bei uns keinen „Lagerleiter&quot;. Alle Ideen und Vorschläge der Jugendlichen wurden aufgenommen, auch wenn sie noch so „albern&quot; waren. Eine Kuh zu entführen und zu schlachten ist z.B. so eine Idee. Es war immer klar, daß dies kaum in die Tat umzusetzen gewesen Wäre. Sie zeugt aber von der draufgängerischen Grundeinstellung vieler Jugendlichen die, wäre ein Rindvieh in Lagernähe aufgetaucht, sich durchaus in Handeln umgesetzt hätte. Wir freuen uns darüber. „Gute Pädagogen&#039;&#039;. z.B. der Falkenfunktionär Neurath, sahen allein schon bei dem Gedanken die Konterrevolution am Werk, denn, so dozierte er, Kleinhintern gehörten auch zur ausgebeuteten Klasse, daran sei stets zu denken, deshalb müsse man ihnen ihre Kühe lassen. (Ede: „Der tickt nicht richtig!&quot;) Wir verhielten uns den Aktivitäten und Ideen der Jugendlichen gegenüber nicht abwieglerisch und besserwisserisch. Das führte auf der einen Seite dazu, daß uns die Jugendlichen als dufte Kumpel akzeptierten, auf der anderen Seite aber durchaus Respekt vor uns hatten. Sie akzeptierten uns, weil wir in Aktivitäten, die das Selbstbewußtsein der Jugendlichen stark prägen (Fußballspielen, Kraftsport, Radikalität) immer mitmachten und - an manchen Ecken- sogar etwas besser waren; vor allem aber auch, weil wir viele Vorschläge machten, die voll einschlugen, auf die die Jugendlichen von sich aus nicht gekommen wären. Wir selber haben dies erst im Umgang mit den Jugendlichen gelernt. Wir haben es wohl deshalb gelernt, weil wir uns mit einigen Verhaltensweisen der Jugendlichen, vor allem denen, die kämpferische Ansätze zeigten, identifizierten. Das sind wohl die Merkmale, die Klassifikationen wie „Chaotenlager&quot; oder „Räuberhauptmänner&quot; einbrachten.&lt;br /&gt;Unsere Erfahrungen lassen sich durch folgende Punkte zusammenfassen: es muß geschafft werden, daß alles, was im Lager geschieht, von den Jugendlichen begriffen wird als Moment ihres Lebensprozesses. Auch wenn sie sich an bestimmten Aktivitäten nicht selbst beteiligen, müssen sie doch den Sinn und den Bezug als Bestandteil ihres kollektiven Ferienlebens begreifen und einordnen.&lt;br /&gt;Alles was im Lager geschieht, hat Prozeß kollektiver und öffentlicher Planung zu sein,&lt;br /&gt;- es muß geschafft werden, daß im Prozeß der Selbstorganisation die Jugendlichen lernen, ihre Fähigkeiten zu entfalten, Phantasie zu entwickeln, Selbst- und Massenkritik zu üben,&lt;br /&gt;- alle Versuche, dem Lager vorn ersten bis zum letzten Tage eine verbindliche Organisationsstruktur (z.B. Zeltdelegierte) zu geben, hauten nicht hin. Tragendes Organisationsprinzip war die Vollversammlung. Das Interesse an der Vollversammlung stieg in dem Maße, wie sich die kollektiven Lageraktivitäten entfalteten und es notwendiger wurde, das Lager gegen Angriffe von außen seitens der Falkenfunktionäre, Lagerverwaltung u.a. (…) zu verteidigen.&lt;br /&gt;Bei akuten Anlässen wurden Aktivitäten spontan organisiert. Dabei erwies es sich oft als wichtig, daß ein studentischer Genosse die Initiative ergriff. Oft mußten wir dazu intensiv mit einzelnen Jugendlichen oder Gruppen diskutieren und an ihre Solidarität appellieren: Gemacht haben sie aber nur etwas, wenn ihnen etwas unmittelbar einleuchtete. Bisweilen ergriffen wir auch selbst die Initiative und mußten bestimmte Dinge (z.B. die erste Lagerwandtafel) selber machen.&lt;br /&gt;- die Jugendlichen müssen die Erfahrung machen, daß alle ihre Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Ansprüche ernst genommen werden und geäußert werden können.&lt;br /&gt;- es ist eine große Gefahr, ein Lager gestalten zu wollen unter dem Vorsatz, die Jugendlichen zu „organisieren&quot; mit einer „festen, arbeitenden“ Gruppe aus dem Lager heimzukehren. Das Lager kann nicht Mittel sein, um z.B. eine Lehrlingsgruppe aufzubauen. Warum? Erstens führt dies dazu, daß das Zeltlagerkollektiv gespalten wird: diejenigen Jugendlichen, die politisch arbeiten wollen, diskutieren andauernd über ihre Erfahrungen und Perspektiven. Sie isolieren sich dabei von denen, die halt Ferien machen wollen, was für sie nichts mit „Politik&quot; zu tun hat. Sie verkneifen sich ihre Ferienbedürfnisse und laufen nur noch verkniffen rum. Bei einer solchen „Strategie&quot; wird - zweitens- völlig vergessen, daß auch an den sogenannten unpolitischen Verhaltensweisen Lernprozesse gemacht werden. Das Erkennen von Bedürfnissen und die kollektive Organisierung von Bedürfnisbefriedigung, die Politisierung des gesamten Lebensprozesses machen das Zeltlager zu einer politischen Anstalt. Insbesondere darf nicht vergessen werden, was Urlaub für Arbeiterjugendliche bedeutet: es ist die Reproduktion ihrer Arbeitskraft, Freizeit, wo sie nicht unter kapitalistischen Zwängen arbeiten. Und da wollen die „Pädagogen“ mit Kopfarbeitsprogrammen kommen! Ziel der Freizeitgestaltung muß es sein: die Bedingungen schaffen helfen, daß die Jugendlichen eine Alternative, eine sozialistische Alternative von Lebensgestaltung erfahren, erleben, bewußt erleben. Das allerdings schließt eine praktische Kritik bürgerlicher Freizeitvorstellungen und damit immer schon einen Angriff auf die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse mit ein.&lt;br /&gt;- der Prozeß der Selbstorganisation, das Erlernen kollektiven Verhaltens, die Findung einer proletarischen Identität - auch wenn sie sich im Rahmen der Urlaubs - und Freizeitgestaltung vollzieht - stellt sich nicht naturwüchsig her (etwa nach den Vorstellungen antiautoritärer Selbstregulation der Gruppe), sondern nur an Projekten und Aktionen, die aktiv in gesellschaftliche Prozesse eingreifen und von den Jugendlichen auch auf das Leben außerhalb bzw. nach dem Lager bezogen werden können.&lt;br /&gt;- gelingt es, eine bewußte Freizeitgestaltung zu realisieren, so wird sich bei den Jugendlichen notgedrungen die Frage stellen, wie sie ihre Erfahrungen auch nach dem Lager organisiert weitermachen können. Die Frage des Organisierens wird zum Bedürfnis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus: Sozialistisches Jahrbuch 5, Wagenbach 1973; zuerst abgedruckt in „Erziehung und Klassenkampf“ 8/1972.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 29 Sep 2010 10:19:36 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>&quot;Unsere Radikalität ist keine theoretische Radikalität...&quot;</title>
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                    &lt;p&gt;Um die Jahreswende 1996/97 haben sich in Frankreich Zehntausende gegen die Verschärfung der rassistische Ausländergesetze (das Gesetz Debré) gewehrt. Ausgegangen war die Bewegung von zwei Kirchenbesetzungen in Paris, wohin sich 300 papierlose und von Abschiebung bedrohte Afrikaner geflüchtet hatten.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Um die Jahreswende 1996/97 haben sich in Frankreich Zehntausende gegen die Verschärfung der rassistische Ausländergesetze (das Gesetz Debré) gewehrt. Ausgegangen war die Bewegung von zwei Kirchenbesetzungen in Paris, wohin sich 300 papierlose und von Abschiebung bedrohte Afrikaner geflüchtet hatten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Von den &quot;Sans Papiers&quot; läßt sich einiges lernen, nicht nur hinsichtlich antirassistischer Politik . Beeindruckend ist auch, wie sie konkrete Forderungen mit Radikalität verbinden: Mit ihrer Forderung nach Legalisierung ihres Aufenthaltsstatus gehen sie über die bürgerlichen Grundrechte nicht hinaus. Und doch macht ihre Organisationsform einer aus Basiskollektiven bestehenden Bewegung ohne offizielle SprecherInnen jede reformistische Vermittlung dieser Forderungen nahezu unmöglich. Die &quot;Sans-Papiers&quot; sind eine soziale Bewegung von unten, die ohne jeden radikalen Gestus auftritt und trotzdem die Verhältnisse viel grundsätzlicher in Frage stellt als viele, die ständig das Wort &quot;Revolution&quot; im Mund führen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Salah Teiar ist als ein Vertreter der &quot;Sans Papiers&quot; im Sommer 1997 in Deutschland unterwegs gewesen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Wie schätzt du die Bedeutung der Migration in der französischen Gesellschaft ein?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Also zunächst mal: Immigration spielt in Frankreich schon seit dem 18.Jahrhundert eine wesentliche Rolle beim Aufbau der französischen Ökonomie. Nach offiziellen Statistiken stammen 20% der französischen Bevölkerung von Einwanderern ab.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zweitens spielt Migration eine große Rolle, weil sie viel mit der Politik hier zu tun hat. Die Einwanderung in Europa ist eine Folge des Neokolonialismus oder neuerdings Neoliberalismus, das heißt der sozialen Zerstörung, die in den Ländern der Dritten Welt angerichtet wird. Der Neoliberalismus hat die Ökonomien der 3.Welt-Staaten praktisch enthauptet, die Produktion ist in vielen Ländern völlig zum Stillstand gekommen. Davon profitieren wenige Metropolen, während die Peripherie ausgeblutet wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Europa versucht sich jetzt die dadurch in Bewegung geratenen Menschen durch Gesetze vom Leib zu halten, aber das wird unmöglich sein. Man kann Menschen, die um ihr Überleben kämpfen, nicht aufhalten. So gesehen befinden wir uns erst in der Vorgeschichte der Migration. Es wird in der Zukunft noch viel größere Migrationsbewegungen geben.&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;strong&gt;Die Einwanderungsgesetze in Frankreich waren nicht immer so repressiv wie heute?&lt;/strong&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ich glaube, daß etwa 1974 eine Verschlechterung der Aufenthaltsbedingungen begann. Das fiel mit der ersten Erdölkrise zusammen. Die OPEC-Länder hatten die Konfrontation mit dem Westen gesucht und einseitig die Ölpreise erhöht. Daraufhin gingen die westlichen Länder und insbesondere Frankreich dazu über, die EinwandererInnen als Verhandlungsmasse gegen die OPEC-Staaten zu benutzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Gesetz, das das Aufenthaltsrecht von ImmigrantInnen regelt, war vorher von 1945 bis 1974 immer nur leicht modifiziert worden. Von da ab jedoch gab es in sehr kurzen Abständen Veränderungen. Es sind seitdem keine 2 Jahre mehr ohne neue Ausländergesetze vergangen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der wichtigste Einschnitt stammt aus der Zeit des Innenministers Pasqua in den 80ern. Unter ihm wurde die gesamte Gesetzgebung umgekrempelt, angefangen von Aufenthaltsbestimmungen bishin zu den Regelungen, die die Staatsbürgerschaft festlegen. Der Aufbau des vereinten Europas hat dabei auch eine wesentliche Rolle gespielt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Wo siehst du dann den Anfang der Papierlosen-Bewegung in Frankreich? Und wie waren die Reaktionen auf Eure ersten Proteste?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Sans-Papiers waren nicht die ersten unter den ImmigrantInnen, die den institutionalisierten Rassismus bekämpft haben. Aber wir waren die ersten, die umfassende Forderungen aufgestellt und das Problem politisch benannt haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist kein Zufall, daß wir uns als &quot;Papierlose&quot; und nicht als &quot;Illegale&quot; oder so was bezeichnen. Wir akzeptieren nicht, daß wir aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Das heißt, wir akzeptieren die herrschende Terminologie nicht. Um ein System zu bekämpfen, muß man auch die Definitionen ablehnen, die dieses System hervorbringt. Man muß eine eigene Sprache der Bewegung schaffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Politisierung des Konflikts hat vielen Organisationen nicht gefallen. Es ist ja üblich, daß Aufenthaltsgenehmigungen als humanitäre Einzelfallprobleme betrachtet und behandelt werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als 1996 die 300 Afrikaner die Kirche St. Bernard in Paris besetzten, waren deswegen auch sofort eine Reihe Feuerwehrleute zur Stelle. Zahlreiche Vereinigungen tauchten auf und versprachen den 300 Afrikanern sich für die Prüfung ihrer Fälle einzusetzen. Aber Achtung: Außer diesen 300 sollten keine weiteren Fälle dazukommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Hilfsverbände hatten allerdings nicht daran gedacht, daß alle dieser 300 Afrikaner bereits 3 oder 4 behördliche Vorgänge eingereicht und nirgends eine positive Antwort erhalten hatten. Für die meisten gab eigentlich nur noch die Alternative, verrückt zu werden oder zu radikalen Mitteln zu greifen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die rechte Regierung hat dann auch noch eine Menge wirklich schwachsinniger Fehler begangen. Der erste war, die Vermittler nicht anzuerkennen. Der zweite uns zu zeigen, daß wir nichts besseres zu erwarten haben, wenn wir uns ruhig verhalten. Sobald die Kirche geräumt war, wurden 40 von uns abgeschoben. Das war noch mal ein Beweis, daß diejenigen, die das große Geld besitzen, uns im Untergrund haben wollen, als unsichtbare Gestalten und daß wir keine andere Wahl haben als dagegen zu kämpfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Du sagst selbst, daß die Besetzung der St.Bernard-Kirche in Paris das Problem von Einzelfällen auf ein politische Ebene bringen sollte. Was wolltet Ihr thematisieren?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Den Sklavenstatus, den wir in der französischen oder europäischen Gesellschaft innehaben. Manche Papierlose wurden angezeigt, weil sie ihre Kinder in der Schule angemeldet haben oder gesundheitliche Probleme hatten. Das heißt, wir besitzen alle Pflichten, aber keine Rechte. Wir sind wie moderne Sklaven. Wir sind die Arbeiter, die beim Bau der großen Gebäude schuften: bei der neuen Staatsbibliothek, dem Verteidigungsministerium, den Autobahnen usw. Überall dort wurden die Aufträge an Subunternehmen weitergereicht, die versuchten, das absoulte Minimum zu zahlen und sich deshalb Papierlose anheuerten. Und obwohl wir deshalb längst Bestandteil der französischen Gesellschaft sind, dürfen wir an ihr nicht teilhaben. Das war unsere Hauptargumentation.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tatsächlich ist es uns damit gelungen, mit den Gewerkschaften in Berührung zu kommen und der Zivilgesellschaft zu erklären, was ein Papierloser überhaupt ist. Aus der juristische Kategorie des &quot;Illegalen&quot; sind Menschen aus Fleisch und Blut geworden. Wir sind viele der Eigenschaften losgeworden, die man uns anhängen wollte. Wir haben gezeigt, daß wir weder Kriminelle noch geistige Spätentwickler noch sonst irgendetwas Absonderliches sind. Die meisten von uns kommen auf dem frankophonen Sprachraum, das heißt der einzige Unterschied zwischen uns und den anderen ist, daß wir dunklere, schwarze oder gelbe Haut haben. Und das als einen Unterschied zu bezeichnen, ist das Kriterium eines Faschisten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Außerdem haben wir gezeigt, daß es der Staat ist, der uns marginalisieren will. Der uns in dieser Rolle behalten möchte und der das damit rechtfertigte, daß es die Front National und den Rassismus gibt. Uns wurde gesagt: &quot;Haltet den Mund, sonst schlachtet die Front National das Thema wieder aus.&quot; Das heißt ein Staat, der sich selbst als republikanisch bezeichnet, akzeptiert eine faschistische Partei und daß diese ihr die Bedingungen diktiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Seit Mitte des Jahres gibt es eine Mittel-Links-Regierung unter Jospin. Werden sich damit die Bedingungen für die Sans-Papiers verbessern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wir haben keine großen Illusionen. Obwohl die Linke uns eigentlich dankbar sein müßte, denn die Niederlage der Rechten bei den letzten Wahlen hat viel mit der Papierlosen-Bewegung zu tun gehabt. Wir durften zwar nicht wählen, aber wir haben die Gesellschaft mit unserem Widerstand darüber sensibiliert, was die Rechtsregierung wirklich vertritt. Als das Debré-Gesetz präsentiert wurde, das alle französischen Staatsbürger zu Denunzianten machen sollte, haben Hunderte von Intellektuellen vom zivilen Ungehorsam aufgerufen; Zehntausende waren auf der Straße. Das war eine sehr wichtige Bewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was jetzt die Linke bringen wird, bleibt abzuwarten, aber in den Programmen der &quot;Parteien der Mehrheit&quot; (PSF, PCF, Bürgerbewegung, Radikale und Grüne, Anm.d.R.) steht vieles, war für uns einen Fortschritt darstellen würde. Das Problem ist nur, daß zwischen diesen Programmen und ihrer Verwirklichung eine große Kluft liegt. Es gab bisher auch keine ernsthaften Gespräche mit der Regierung (Juli 1997). Unmittelbar nach dem Wahlsieg kam zwar ein Konvoy von Papierlosen aus Angouleme nach Paris, der dann auch von einem Berater Jospins empfangen wurde, aber das war eine reine Höflichkeitsmaßnahme, kein politisches Treffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das heißt, die Bewegung muß jetzt weitermachen, um die neue Regierung zur Durchsetzung unserer Forderungen zu zwingen. Das wird nicht einfach. Ein Beispiel: Die Regierung Jospin hat zwar versprochen die Gesetzesverschärfungen Pasqua, Debré etc. zurückzunehmen, aber sie ist nicht bereit, ein Abschiebungsmoratorium zu verhängen. Das heißt, die Leute, die auf der Grundlage der bisherigen Gesetze festgenommen werden, können auch weiterhin abgeschoben worden. Ein zweites Beispiel: die Regierung Jospin hat Einzelfallprüfungen angeboten, die wir aber grundsätzlich ablehnen. Wir wollen die Legalisierung von allen, nicht nur Begünstigungen für ein paar Tausend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist also möglich, daß wir die Jospin-Regierung ebenso bekämpfen müssen wie zuvor die Regierung Juppé.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;In Deutschland ist es sehr selten, daß sich MigrantInnen organisieren, um die Situation hier zum Thema zu machen. Die meisten Migrantenorganisationen arbeiten zu Kurdistan, Türkei, Palästina, also zu den jeweiligen &quot;Heimat&quot;-Staaten, auch wenn diese Länder schon lange nicht mehr ihre Heimat sind. Wie ist es in Frankreich möglich gewesen, daß bei den Kirchenbesetzungen vergangenes Jahr eine breite MigrantInnen-Bewegung entstand?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die afrikanischen Leute, die die erste Kirchenbesetzung gemacht haben vorher schon zusammmen in Unterkünften in der Banlieue von Paris zusammengelebt. Sie kamen ungefähr aus der gleichen Region in Afrika und sprachen die gleiche Sprache. Man kann also sagen, daß es eine gemeinsame afrikanische Identität gab, die die Bewegung ermöglichte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Leute haben in ihrer eigenen Gemeinschaft außerhalb der französischen Gesellschaft gelebt und miterleben müssen, wie ständig Bekannte abgeschoben wurden. Sie haben darüber geredet und dadurch auch ihre eigene Situation thematisiert. Nachdem ihre Fälle ohne jedes Ergebnis bei 3 oder 4 verschiedenen Behörden herumgelegen hatten, überlegten sie sich andere Sachen. Und so kam die Idee der Kirchenbesetzung zustande.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Besetzer wurden zunächst in der Kirche aufgenommen, aber schon am 4.Tag erklärte der katholische Kardinal, daß wenn die Besetzung auf 300 Personen angestiegen sei, daß es sich dann um eine Aktion der extremen Linken handeln müsse, und beantragte bei der Polizei die Räumung der Kirche. Danach wurde das Thema erst richtig groß.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Als was würdest du die Sans Papiers bezeichnen: Eine eher politische Bewegung, die die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt verändern will, oder eine soziale Bewegung, die konkrete Minimalforderungen aufstellt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Sans Papiers sind eine Bewegung, die für ganz konkrete Ziele sehr radikal eintritt. Wir haben festgestellt, daß wir die Gesetzgebung des französischen Staates angreifen müssen, um hier überleben zu können. Wenn man so will, ist unsere Radikalität keine theoretische Radikalität, die sich gegen das System richtet, keine, die etwas mit der Linken oder der Arbeiterklasse zu tun hat; es ist eine ganz praktische, unmittelbare Radikalität. Unser Widerstand richtet sich gegen die Rassendefinition der französischen Gesetzgebung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit den Positionen der extremen Linken in Frankreich haben wir nichts zu tun, auch wenn unsere Beziehungen zu diesen Gruppen von Anfang an gut waren. Wir sind immer am Gespräch mit ihnen interessiert gewesen, genauso wie wir auch mit der politischen Mitte geredet haben. Aber die Sans Papiers haben an sich einen ganz anderen Charakter. Wir sind kein Verband, keine Organisation, wir sind eine völlig autonome Bewegung, die sich von niemandem Entscheidungen diktieren läßt und die sich auf einige wenige Forderungen beschränkt: erstens Regularisierung des Aufenthalts aller MigrantInnen; zweitens Stopp der Abschiebungen und Rückkehr der bereits Abgeschobenen; drittens Freilassung der wegen unvollständiger Papiere Festgenommenen und viertens natürlich die Streichung aller rassistischen Gesetze.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Siehst du eine Gefahr, daß sich die Sans Papiers ähnlich wie z.B. SOS Racisme institutionalisieren und ihren Bewegungscharakter verlieren könnten?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Struktur der Sans Papiers macht eine solche Entwicklung fast unmöglich. Wir bestehen nur aus selbständigen Kollektiven, die die obengenannten Forderungen tragen und vertreten. Darüberhinaus besitzen wir keine Infrastruktur, wir haben keine offiziellen Sprecher. Vielleicht würde so eine Entwicklung eintreten, wenn wir die Legalisierung des Aufenthalts für alle erreicht hätten. Dann würde sich möglicherweise eine neue Funktionsweise und Struktur der Sans Papiers ergeben, aber bisher sind wir nichts anderes als ein Netzwerk von Basiskollektiven.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Wo kommen die Leute in der Bewegung her?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die meisten aus französischsprachigen Ländern in Afrika und Asien, aber es gibt auch eine Menge Leute aus der chinesischen, türkischen, kurdischen, armenischen oder osteuropäischen Community. Darüber wie viele es sind, haben wir keine Zahlen. Es ist interessant: Manchmal finden Treffen auf drei Sprachen statt, alles dauert dadurch natürlich viel länger, aber trotzdem gibt es eine gemeinsame Diskussion.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;In Frankreich gilt die Gesetzgebung als sehr hart, aber in der Praxis gibt es weniger Razzien als z.B. in Deutschland. Woran liegt das?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es liegt mit Sicherheit nicht daran, daß die Verwaltung bei uns lascher wäre. Die französischen Behörden sind noch schärfer als die Gesetzgeber. Es liegt eher daran, daß massive Abschiebungen zu sehr an die Massendeportationen von Juden erinnern würden und deswegen innenpolitisch nicht durchzusetzen sind. Deswegen nehmen sie lieber beständig in kleiner Zahl Leute fest und schieben sie dann ab als große Razzien zu organisieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die faschistische FN ist in Frankreich zwar stärker als vergleichbare Parteien in Deutschland, aber der Rassismus hier scheint trotzdem militanter zu sein als bei Euch. Erstens: Stimmt der Eindruck überhaupt? Und zweitens: Gibt es eine antirassistische Gegenwehr von MigrantInnen in Frankreich, wenn Nazigruppen Leute überfallen?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt in Frankreich längst nicht nur die Front National, sondern sehr viele gewalttätige faschistische Gruppen. Ständig kommt es rassistischen Angriffen, die in den Zeitungen nur Randnotizen bleiben. Ich glaube deswegen nicht, daß es in Deutschland und Frankreich zwei verschiedene Klassen von Gewalt gibt, daß die extreme Rechte bei Euch gewalttätiger ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Problem ist, wenn Staaten anfangen, solche rassistischen Angriffen zu akzeptieren. Der Staat ist per Definition für alle da, die in einer Gesellschaft leben. Ich kann damit leben, daß der staatlicher Schutz auch für Rassisten gilt, aber ich kann nicht akzeptieren, daß der Ausländer dieses Recht nicht besitzt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum zweiten Teil deiner Frage: Es gibt in ganz Frankreich antifaschistische Komitees und wenn es drauf ankommt, haben die Leute auch keine Angst, es den Faschisten zu geben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Unterstützer von Flüchtlingen in Deutschland weisen immer wieder darauf hin, wie schwer es ist, mit Papierlosen politisch zu arbeiten. Die Alltagsprobleme – keine Wohnung, Angst vor der Polizei, unsichere Arbeitsverhältnissen – wachsen den Leuten einfach über den Kopf.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich kann das nicht mehr hören. Man darf die Geduld nicht verlieren. Wenn man etwas sät, dauert es auch ein paar Monate, bis du etwas ernten kannst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mich stört es richtig, wenn jemand sagt: Die Papierlosen sind so oder so, die haben Angst, sie trauen sich nicht. Ich lebe seit Jahren in dieser Situation. Ich bin immer noch Opfer von ständigen Kontrollen und zwar nur wegen meinem Aussehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit eineinhalb Jahren kümmere ich mich kaum um meine Familie, sondern kämpfe auf der Straße. Aber wenn es niemanden gibt, der sich für die Sache engagiert, dann wird sich an der Situation auch nie etwas ändern. Wir haben also gar keine andere Wahl, und deswegen find ich es Quatsch, so zu argumentieren. Man muß die Leute anschieben, man muß ihnen die Wichtigkeit dieses Kampfs erklären. Daß sie am Anfang Angst haben, ist normal und legitim. Aber sie müssen das überwinden und sie müssen langen Atem haben. Unsere Angelegenheit klären wir nicht in ein paar Wochen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Es hat Übertritte von kommunistischen Gemeinderäten und Bürgermeistern zur FN gegeben. Sind das Einzelfälle gewesen, die man der PCF nicht vorwerfen kann, oder hat das auch mit einem nationalistischen und rassistischen Diskurs der Kommunisten zu tun gehabt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es gibt zumindest unter vielen Linken eine völlige Verharmlosung des Rassismus. Alles wird entschuldigt: Man redet von der Arbeitslosigkeit und den katastrophalen Verhältnissen in der Banlieue, die die FN stark machen. Das heißt, alles wird auf die sozialen Probleme geschoben und die Rassisten tauchen gar nicht mehr auf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein weiteres Beispiel: Ein kommunistischer Bürgermeister hat in der Peripherie von Paris ein Wohnheim, das hauptsächlich von ausländischen Arbeitern bewohnt wurde, abreißen lassen, weil es, so seine Argumentation, nicht den Normen entspreche. Das gleiche Grundstück ist inzwischen fünf Mal gekauft und wieder verkauft worden, d.h. es gab eine gigantische Bodenspekulation um dieses Objekt. Der selbe Bürgermeister hat dann eine Delegation der Sans-Papiers zu einer offiziellen Zeremonie für die Illegalen in der Gemeinde eingeladen. Vielleicht ist er kein Rassist, aber in der Frage des Wohnblocks hat er sich wie einer verhalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Also man kann sagen, daß es in der französischen Gesellschaft insgesamt keine klare Abgrenzung gegen den Rassismus gibt. Es gibt in allen Parteien Leute, die beim Thema Einwanderung mehr oder weniger zur extremen Rechten gehören, ohne insgesamt rechtsextremistische Positionen zu vertreten. Die FN hat der französischen Gesellschaft ganz einfach ihre Ideologie des &quot;Frankreich zuerst&quot; inzwischen aufgezwungen. Und das geht auch den Sozialisten oder den Kommunisten nicht vorbei.&lt;/p&gt;


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