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 <title>arranca! - Sexualität</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/497/0</link>
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 <title>Toxic</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/52/toxic</link>
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                    &lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gegenwärtig bekämpfen Neurechte unter dem Deckmantel des Kinderschutzes die Bemühungen zur Normalisierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Dies wird zu Recht kritisiert, weil es unter anderem darauf abzielt, die gesellschaftliche Gleichstellung Homosexueller und das politische Gewicht der Schwulenbewegung zu delegitimieren. Dabei gibt es aber eine unbewältigte Angriffsfläche: das weitgehende Fehlen einer selbstkritischen Auseinandersetzung der schwulen Bewegung und Community mit der eigenen Haltung zu sexueller Gewalt.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gegenwärtig bekämpfen Neurechte unter dem Deckmantel des  Kinderschutzes die Bemühungen zur Normalisierung sexueller und  geschlechtlicher Vielfalt. Dies wird zu Recht kritisiert, weil es unter  anderem darauf abzielt, die gesellschaftliche Gleichstellung  Homosexueller und das politische Gewicht der Schwulenbewegung zu  delegitimieren. Dabei gibt es aber eine unbewältigte Angriffsfläche: das  weitgehende Fehlen einer selbstkritischen Auseinandersetzung der  schwulen Bewegung und Community mit der eigenen Haltung zu sexueller  Gewalt.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Aufarbeitung des Verhältnisses der Grünen Partei zu sexuellem Kindesmissbrauch hat die Bündnisse zwischen Schwulen- und Pädobewegung in Erinnerung gerufen. Die heutigen offiziellen Vertreter*innen von Lsbti-Lobby-Organisationen distanzieren sich von dieser Geschichte. Eine Auseinandersetzung, die grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Machtmissbrauch und Sexualität stellt, ist jedoch ausgeblieben. Die meisten Akteure von damals waschen ihre Hände entweder in Unschuld, da sie angeblich immer schon auf der «richtigen» Seite der Pädo-Gegner*innen gestanden hätten, oder sie schweigen beharrlich. Abgesehen von der halbherzigen öffentlichen Entschuldigung eines Volker Beck kenne ich sehr wenige schwule Stimmen, die zu verstehen versuchen, was war und wie es dazu kommen konnte. Der Herausgeber des Onlinemagazins &lt;em&gt;Queer.de, &lt;/em&gt;Micha Schmidt, hatte zwar 2015 den Mut, zu seinen damaligen Positionen zu stehen und sie zu revidieren. Außer falsch verstandener Radikalität (die sicher ein Grund war) fand er aber keine Erklärung und kann heute nur unverständlich den Kopf schütteln. Immerhin lautete seine Schlussfolgerung: «Eine schonungslose Aufarbeitung sind wir nicht nur den Opfern, sondern auch der jüngeren queeren Generation schuldig, die wir mit unseren Fehlern aus der Vergangenheit ungewollt in Mitleidenschaft ziehen.» Dazu ist es bisher nicht gekommen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Männer als Opfer sexueller Gewalt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Glücklicherweise wurde ich schwulen- und queerpolitisch erst in den Neunzigerjahren sozialisiert, als das Bündnis mit den Pädos zugunsten des Bündnisses mit den Lesben, die ihre Perspektive auf sexuelle Gewalt einbrachten, aufgegeben worden war. Trotzdem werden sexuelle Gewalt und die Sexualisierung von Machtverhältnissen im Zusammenhang mit patriarchaler bzw. «toxischer» Männlichkeit in der schwulen Community nach wie vor tabuisiert. Zu viel steht auf dem Spiel: die Infragestellung schwuler Ikonen des Begehrens und schwuler Selbst-Ideale.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ganz zu Recht machte die &lt;em&gt;Siegessäule&lt;/em&gt; im Juni 2017 mit dem Titel &lt;em&gt;Tabu brechen: Sexueller Missbrauch an schwulen Männern&lt;/em&gt; auf. Die Analyse des Autors Jan Großer ist aber enttäuschend: Schwule Männer würden nur dann Opfer sexueller Gewalt, wenn sie Drogen nähmen und nicht mehr in der Lage seien, sexuelle Grenzen zu artikulieren. Männer, so die unterschwellige Botschaft, sind eben keine Opfer, es sei denn, sie machen sich dazu, indem sie ihre Souveränität selbstverschuldet einschränken. Bei einer Zeitschrift, die für sich in Anspruch nimmt, verschiedene queerpolitische Ansätze zu verbinden, überrascht es, dass sich keine Redakteur*in fand, die einwandte: «Moment! Sexuelle Gewalt, Männlichkeit, da brachten politische Auseinandersetzungen noch anderes zur Sprache, sei es seitens der Frauen- und Lesbenbewegung oder seitens von Transsexuellen, Queers of Color oder Behinderten. Deren gesellschaftliche Erfahrung mit Sexualität und Macht ist nämlich nicht nur eine von Ringelpiez mit Anfassen, sondern auch von sexueller Stereotypisierung, Ausbeutung, Grenzüberschreitung, Objektivierung und Unterwerfung. Sie haben darauf hingewiesen, dass sexuelle Gewalt nicht nur individuelles Fehlverhalten ist, sondern eingebettet ist in missbräuchliche Gewalt- und Machtverhältnisse, die die sexuelle Verfügbarkeit der einen zugunsten der sexuellen Verfügungsmacht der anderen herstellen. Diese Verfügungsmacht stützt sich auf Vorstellungen und Privilegien von (&lt;em&gt;weißer&lt;/em&gt;, souveräner, patriarchaler) Männlichkeit. Deshalb lassen sich solche Verhältnisse nicht nur durch größere Sensibilität beim Aushandeln sexueller Begegnungen ändern. Es müssen Machtstrukturen geändert werden, die sexuelle Gewalt begünstigen und Täter*innen schützen. Dies ist eine gesellschaftliche Aufgabe.»&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine solche Reflexionsgrundlage fehlt der schwulen Community. Es steht kein Diskurs bereit, mit dem sich Erfahrungen sexueller Gewalt oder auch nur Grenzverletzungen verhandeln ließen. In den Neunzigerjahren gab es zwar vereinzelt Auseinandersetzungen mit dem feministischen Diskurs zu sexueller Gewalt, doch diese hatten keine nachhaltigen Folgen für die breite schwule Community. Das begeisterte Bejahen und Ausleben der eigenen Sexualität ist so sehr emanzipatorisches Fundament schwuler Identität, dass die nicht so schönen Seiten der Sexualität ausgeblendet werden. Tief sitzt die Überzeugung, dass Männer nicht Opfer sein können und dürfen. Viele schwule Männer sind überzeugt, dass sexuelle Gewalt unter Schwulen nicht vorkommt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Schwuler Gleichheitsmythos&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Grund dafür ist die Annahme, schwule Verhältnisse seien durch den Wegfall heterosexueller Machtdynamiken egalitär. Diese Vorstellung hat Christian Klesse als «Gleichheitsmythos» kritisiert. Dem steht die Allgegenwart von Machtungleichheiten in schwuler Literatur, Kunst, Pornografie und Szene gegenüber. Hierarchien des Alters, des unterschiedlichen Grades von Männlichkeit, der sozialen Klasse, der Hautfarbe, des militärischen Ranges, der sexuellen Rolle durchziehen schwule Erfahrungs- und Imaginationswelten. Warum wird sexuelle Machtausübung, Grenzüberschreitung und Gewalt in der Geschichte schwuler Kulturen und Bewegungen einerseits so häufig sexualisiert, aber so selten zum Problem gemacht? Warum sind Stimmen der Opfer solcher Erfahrungen nicht Teil des kollektiven schwulen Gedächtnisses? Welche Männlichkeitsnormen und Machtstrukturen sorgen dafür, dass solche Stimmen kein Gehör finden oder erst gar nicht das Wort ergreifen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Gespräch auf queer.de mit dem Archivar des &lt;em&gt;Schwulen Museums*,&lt;/em&gt; Wolfgang Cortjaens, reduzierte der Produzent schwuler Pornofilme, Felix Kamp, die Sexualisierung von Differenzen, wie der von Hautfarbe oder Alter, auf reizvolle «Kontraste». Das aktuelle Phänomen von &lt;em&gt;Daddy/Twink&lt;/em&gt;-Pornos, also von Konstellationen von Männern um die 50 mit Männern um die 20, habe nichts mit pädosexuellen Fantasien zu tun: «Ist man pädophil, wenn man 50 ist und auf 20-Jährige steht? Ich weiß es gesetzlich betrachtet nicht, aber trotzdem wird man da in der Schwulenszene sehr negativ angesehen, wenn man das zugibt. Derweil in der Heterowelt niemand mit der Wimper zuckt, wenn ein 60-jähriger Kerl ein geiles blondes Mädel von 20 Jahren am Arm hat. Vermutlich wirken da noch die endlosen Pädophilie-Debatten aus der deutschen Aktivistenszene der Achtzigerjahre nach?» Um die Frage zu beantworten: Nein, das ist keine Pädophilie, und der erhebliche Altersunterschied ist erst problematisch, wenn mit ihm ein Machtgefälle einhergeht, das der Mächtigere ausnützt. Eine solche Situation wäre allerdings nicht ungewöhnlich.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Entpolitisierung sexueller Verhältnisse&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich möchte nicht die Sexualisierung der Inszenierung von Machtdifferenzen als solche dämonisieren. Als jemand, der lange in der schwulen und queeren Bdsm-Community aktiv war, erlebe ich sie als eine lustvolle Möglichkeit, Erfahrungen und Fantasien von Macht und Ohnmacht in einem intimen Rahmen kreativ zu bearbeiten und umzuarbeiten. Bdsm-Communitys haben häufig kritisch über sexuelle Machtverhältnisse nachgedacht und Verhaltensweisen und Codes entwickelt, die gewaltfreies sexuelles Handeln ermöglichen sollen. Kritisieren möchte ich die Entpolitisierung sexueller Verhältnisse, Handlungen und Fantasien, die so tut, als würden sich, wenn die grundsätzliche Bereitschaft aller Beteiligten einmal vorausgesetzt werden kann, im Sexuellen alle Machtkonflikte in Lust auflösen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was sexuell fetischisiert wird, soll nicht entzaubert werden, indem es politisch angefochten wird. Die schwulen Ikonen normativer Männlichkeit werden so zu einer sexuellen Geschmacksfrage. Ihre Verbindung zu patriarchaler, militaristischer und faschistischer Männlichkeit, zu sozialer Klasse sowie zu Rassismus und Antisemitismus wird nicht problematisiert. Die Identifikation mit und das Begehren nach Männlichkeit verteilen Empathie und Solidarität ungleich. Die darüber transportierte sexuelle Politik verfolgt eine einseitige, männlich-sexuelle Handlungssouveränität. Sexuelle Gewaltverhältnisse werden so legitimiert und normalisiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Innerhalb des Gefüges hegemonialer Männlichkeit können schwule Männer einerseits die patriarchale Dividende kassieren, sind andererseits aber in Abhängigkeit von übrigen sozialen Merkmalen in ihrer Männlichkeit mal mehr, mal weniger beschädigt. Völlig ausgeschlossen aus dem sexuellen Imaginären sind meistens Machtunterschiede, die auf einer Ungleichheit des Geschlechtsausdrucks beruhen, zum Beispiel durch die gelingende oder mangelnde Erfüllung von Männlichkeitsnormen. Gleichwohl sind sie in schwulen Lebenswelten allgegenwärtig, und sei es in der Abgrenzung: «Tunten zwecklos». Weiblichkeit, Tuntigkeit, Effeminiertheit und Unmännlichkeit werden entsexualisiert, entwertet und unartikulierbar gemacht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Begehrensmuster lustvoll umbesetzen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Besondere des schwulen Umgangs mit sexueller Gewalt besteht in der widersprüchlichen Gleichzeitig von Identifikation mit übergriffiger Männlichkeit einerseits und Stigmatisierungs- und Entmännlichungserfahrungen andererseits. Dieser Widersprüchlichkeit muss man Rechnung tragen. Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit vor sexueller und homophober Gewalt müssen gleichwertig neben solchen nach sexueller Handlungsfähigkeit und verantwortetem Risiko stehen. Begehrensmuster lassen sich schwer ändern. Sie müssen aufgegeben werden, indem andere lustvoller werden. Moralische Urteile heizen das Begehren eher an. Wichtig wäre zunächst ein aufrichtiges Interesse an den sexuellen Gewalterfahrungen schwuler Männer und Jugendlicher, das diese als Stein des Anstoßes begreift, um Community-Strukturen zu ändern. Gerade ist mit Edouard Louis‘ &lt;em&gt;Im Herzen der Gewalt &lt;/em&gt;die literarische Schilderung eines schwulen Erlebnisses sexueller Gewalt erschienen. Mit Kevin Spacey sind auch schwule sexuelle Übergriffe Gegenstand der Diskussion um Machtstrukturen in Hollywood geworden. Anlässe gibt es also genug.&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/sexualitaet">Sexualität</category>
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 <pubDate>Sun, 17 Jun 2018 22:27:55 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Fette Erotik</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/52/fette-erotik</link>
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                    &lt;p&gt;&lt;strong&gt;Das Monster spricht: Wer hat Angst vor der fetten Frau? Zu den bestehenden Schönheitsidealen zählt ein schlanker Körper. Und wer nicht schön ist, soll keinen Sex haben. Ich habe Sex. Und mein Körper setzt Bedingungen.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Das Monster spricht: Wer hat Angst vor der fetten Frau? Zu den bestehenden Schönheitsidealen zählt ein schlanker Körper. Und wer nicht schön ist, soll keinen Sex haben. Ich habe Sex. Und mein Körper setzt Bedingungen.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich bin fett. Aber nicht fett und hässlich. Ich bin fett, aber ich spüre etwas, wenn ich berührt werde, ich bin empfindsam und zart. Ich bin fett und ich habe &lt;em&gt;trotzdem&lt;/em&gt; Sex. Auch wenn sich die meisten Menschen das nicht gerne vorstellen, mich lieber entsexualisieren. Sich mit mir in der Öffentlichkeit zu zeigen ist ebenso schwer, wie im Bett meinen Bauch anzufassen und es geil zu finden. Mein Bauch und meine Größe setzen mich ins Verhältnis zu anderen Frauen – denen, die ich begehre und die mich begehren und denen, deren Begehren ein heterosexuelles ist. Ich bin nicht ihre fette, schüchterne Freundin, die sich wünscht, auch mal einen Typen abzubekommen. Ich bin auch nicht ihre Feindin oder Neiderin. Mein Fett gibt meiner feministischen Praxis eine Wendung: Oft bin ich das Monster, das andere Frauen nicht werden wollen und ich mag es, dieses Monster zu sein, denn als Monster kann ich ihnen ihre Angst nehmen, fett zu &lt;em&gt;werden&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Körper wie meiner kommt als Objekt der Begierde in keinem klassischen Hollywoodfilm vor. Das heißt, als Nicht-Fetisch gibt es kein (Vor-)Bild für mich. Er kommt vor in Fetischpornos, in queeren Indiepornos oder anderswo, &lt;em&gt;abseits&lt;/em&gt;. Mich zu lieben ist pervers, man macht sich die Hände schmutzig an mir. Wenn mein Körper ein anderer wäre, «gesund», petite, handhabbarer, hätte ich dann besseren Sex?&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Feministische Praxis und das Begehren im und am fetten Frauenkörper.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich habe aufgehört, vegan zu essen, weil mir ständig unterstellt wurde, ich mache eine Diät. Ich habe aufgehört, mit Männern zu schlafen, weil ich im Rahmen heterosexuellen Begehrens keinen Platz für meinen Körper finden konnte. Ich kleide mich feminin, um keinen doppelten Widerwillen auf mich zu ziehen. Mein Körper setzt Bedingungen und ich folge ihnen, mal widerwillig, mal lustvoll. Doch wer folgt mir in die Lust? Die Lust, meinen Bauch zu kneten wie Brüste, die Lust, mit dem Körper umzugehen, der da ist, und nicht dem, der da sein &lt;em&gt;soll&lt;/em&gt;? Der Widerwillen gegen fette Körper, gegen die unterstellte Krankheit, Hässlichkeit und Faulheit, ist omnipräsent. Meine Hypervisibilität lässt keine vielfältigen oder gar positiven Mutmaßungen über mein Fettsein zu. Mein Körper wird als pathologisch markiert. Der fette Körper als Resultat falscher Erziehung, mangelnder Zuneigung, traumatischer Erfahrung mit (sexueller) Gewalt oder sexueller Frustration. Es gibt einen Unterschied zwischen der öffentlichen Wahrnehmung von Subjekten und deren Lebenspraxis. Mein Körper ist noch immer der öffentliche Text, der öffentliche Ort, wenn ich ihn mit ins Bett nehme. Aber ich weiß, dass mein Körper nicht nur Resultat von Erziehung, Frustration oder Gewalt ist. Er ist auch geworden, was er ist, durch meine feministische Praxis, durch die Verweigerung, sich vereindeutigen zu lassen. Durch die Entscheidung, mit den Widersprüchen umzugehen und Sex, Körper und Liebesbeziehungen als politische Praxen zu denken, die veränderbar durch &lt;em&gt;uns&lt;/em&gt; sind. Körper werden anders spürbar durch die Art, wie wir uns auf sie beziehen und zulassen, dass andere sich auf uns beziehen. An guten Tagen heißt das: Mein Körper ist überhaupt nicht eindeutig. Weder meine langen Haare noch meine muskulösen Schultern noch mein dicker Bauch. Ihr könnt sie sehen, aber was würde passieren, wenn ihr sie auch fühlen würdet? Nur einen kleinen Schritt über die innere Grenze von der Transformation der Urteile entfernt, die die Gesellschaft untergejubelt hat. Dorthin, wo die Öffentlichkeit, die Allmacht der Urteile nichts mehr zu suchen hat, in die Versenkung, die Sex als Sehnsuchtsort vielleicht noch übrig gelassen hat, die namenlose Sinnlichkeit der Erotik eines lebendigen Körpers. Der weich, hart, laut und nachgiebig ist gegenüber seiner Neuentdeckung. Der verwoben ist mit allem, was ihm je zugefügt und was über ihn gesagt worden ist und doch, wundersamerweise, offen für Zärtlichkeit, für Perversion und radikale Sinnlichkeit – an guten Tagen.&lt;/p&gt;


&lt;!--
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 <pubDate>Sun, 17 Jun 2018 22:20:17 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Viele sein</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/52/viele-sein</link>
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                    &lt;p&gt;&lt;strong&gt;Wir haben Lena, Birgit und Philipp getroffen, um mit ihnen über ihre Erfahrungen mit nicht-&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;monogamen Beziehungen zu sprechen.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Wir haben Lena, Birgit und Philipp getroffen, um mit ihnen über ihre Erfahrungen mit nicht-&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;monogamen Beziehungen zu sprechen.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Birgit (49): «&lt;/strong&gt;Ich lebe seit 2012 poly* wasauchimmerdasmeint. Es gibt verschiedene Aspekte, die ich mit verschiedenen Menschen teile: Wie will ich wohnen, wie arbeiten, Alltägliches teilen, sich wechselseitig inspirieren, sich aufeinander verlassen können, Politisches teilen, Sexualität leben? Sexualität ist nicht &lt;em&gt;der&lt;/em&gt; Maßstab für Bedeutung. Es gibt Verschiedenheiten in Bedeutung und Nähe zu verschiedenen Zeiten – und das darf sich ändern. Insofern lebe ich nicht per se hierarchiefrei noch per se gleichberechtigt, ich nenne es konzeptionsfrei.»&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Lena (33):&lt;/strong&gt; «Ich habe mit 24 Jahren beschlossen, nur noch emotional und sexuell offene Beziehungen zu führen und es dann auch so gehalten. Ich habe bereits zweimal mit einem Beziehungspartner zusammen gewohnt und bin letztes Jahr mit meiner siebenjährigen Beziehung &lt;em&gt;ohne Trennung&lt;/em&gt; wieder auseinander gezogen. Aktuell bin ich mit den meisten mir am nächsten stehenden Menschen nicht erotisch oder romantisch verbandelt. Mir ist zunehmend unklar, ob ich eine Unterscheidung in Freundschaften und Beziehungen überhaupt noch sinnvoll finde. Ich würde mich am ehesten dem Beziehungsanarchie-Lager zuordnen.»&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Philipp (38):&lt;/strong&gt; «Ich lebe seit circa vier Jahren, nach einer fast zehnjährigen monogamen Beziehung, nicht-monogame Beziehungen. Dabei handelt es sich bisher meist um Primär- und Sekundärbeziehungen, also um hierarchische Modelle.&amp;nbsp;Hierarchiefreie Beziehungen finde ich interessant, allerdings decken sie sich weder mit meinem Erleben noch halte ich sie für mich momentan für praktikabel. Insgesamt handelt es sich eher um eine Suchbewegung danach, ob offene Konstellationen ein dauerhaft tragfähiges Modell für mich sein könnten. Vieles spricht mittlerweile dafür.»&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Was hat bei euch dazu geführt, offene Beziehungsformen zu leben? &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Für mich war es anfangs der Wunsch, mich sexuell auszuprobieren. Später habe ich von Polyamorie im Internet gelesen und dachte, das klingt für mich passender. Es war motivierend für mich, nicht mehr aufpassen zu müssen, mich nicht zu verlieben oder zu viel zu fühlen. Diese Grenzziehung fand ich immer schwierig, und das hat dann schrittweise zu mehr Offenheit geführt.&amp;nbsp;Außerdem wollte ich nicht das Gefühl haben, für ein Bedürfnis meines Partners, beispielsweise nach einer bestimmten Form von Sex oder Emotionalität, alleine verantwortlich zu sein. Ich wollte Nein sagen können, ohne damit jemand anderem seine Erfüllung wegzunehmen, aber auch ohne mich trennen zu müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Birgit:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Ich wollte Sexualität und Beziehung nicht mehr in ein und demselben Paket haben. Ich hatte eine kennengelernt, die Lust auf Sex hatte, aber in einer Partner*innenschaft lebte. Ich kann mich auch leichter einlassen, wenn die Überschrift nicht lautet: Teile demnächst alles Wesentliche miteinander.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Philipp: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Bei mir hat sich die Frage nach offenen Beziehungen gemeinsam mit meiner damaligen Partnerin am Ende einer zehnjährigen monogamen Beziehung gestellt. Zwar haben wir uns getrennt, bevor eine Praxis draus wurde, aber trotzdem war das eine Art Dammbruch: Vieles was ich mir, nicht zuletzt aufgrund der mich umgebenden Normen, nicht eingestehen konnte, wurde auf einmal sagbar und damit möglich. Auch wenn es mir zunächst primär um Sexualität ging, hat es sich aber dann in Richtung paralleler, wenn auch hierarchischer, intimer Beziehungen entwickelt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Ist euch der Anfang leicht gefallen? Oder wo lagen die Schwierigkeiten und wie seid ihr ihnen begegnet?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Für mich stand anfangs erst einmal ein sehr großes Gefühl von Stimmigkeit. Das lag sicher auch daran, dass ich nicht eine monogame Beziehung geöffnet habe, sondern nur noch emotional und sexuell offene Beziehungen mit Menschen begonnen habe, die von diesem Konzept ebenfalls überzeugt waren. Für mich kamen die wirklichen Schwierigkeiten erst, als die Beziehungen tiefer wurden und sich mit der Zeit auch Erwartungshaltungen gebildet hatten. Am Anfang in einer Beziehung steht für mich noch nicht so viel auf dem Spiel, da kann ich mit vielen Themen lockerer umgehen. Wenn mir dann jemand sehr ans Herz gewachsen ist – und umgekehrt – dann wird es für mich schwieriger.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Philipp:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Bei mir war es auch so, dass ich die Beziehungen von Anfang an offen geführt habe. Monogame Beziehungen zu öffnen, klappt ja, wenn ich mich umschaue, meist nicht so gut, zumal der Wunsch nach Öffnung selten von beiden Partner*innen gleichermaßen kommt. Trotzdem habe ich ein paar klassische Anfänger*innenfehler gemacht, vor allem wenn es darum ging, vermeintlich allen Bedürfnissen gerecht zu werden. So wollte ich meiner Partnerin zuliebe die Kernbeziehung temporär schließen, was die anderen Beziehungen zum Spielball einer Dynamik gemacht hat, auf die sie keinen Einfluss hatten. Damals war ich im Sprechen weniger geübt, sonst wäre das vielleicht nicht passiert. Ich habe so gelernt, dass der Weg eigentlich über mehr Sprechen und Aushandlung hätte gehen müssen. Das würde ich heute sicher nicht mehr so machen. Überhaupt: Die Bedeutung des &lt;em&gt;miteinander Sprechens,&lt;/em&gt; und sich immer wieder herauszufordern, Scham und normative Sozialisation zu überwinden, scheint mit die wichtigste Erkenntnis zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Birgit:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Ich fand den Anfang auch leicht – aus ganz anderen Gründen: ich war Single und kam in eine offene Poly-Geschichte dazu. Ich habe einfach erst mal akzeptiert, wie die Ihrs gemacht haben und welchen Platz ich darin hatte. Ich fühlte mich weder besonders verantwortlich, noch hatte ich den Anspruch, darin viel zu verändern.&amp;nbsp;Ich war zweimal «die Dritte», was ich nicht unkomfortabel fand. Als dann jemand dazu kam, mir gegenüber sozusagen die*der Dritte war, kam ich aber erst mal ganz schön ins Schleudern, wusste weder, was ich will, noch was ich ethisch ok finde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe aber superfrüh – durch meine erste «Partnerin» – eine Community gefunden. Dadurch fühle ich mich sehr getragen und wenig allein. Es gibt dort so ein Gefühl von: «Ich habe mit diesem ganzen Haufen oder jedenfalls mit vielen darin &lt;em&gt;eine Beziehung&lt;/em&gt;». &lt;em&gt;Echt&lt;/em&gt; reden und &lt;em&gt;echt&lt;/em&gt; zuhören und verstehen wollen, sind unfassbar kostbare Dinge. Gilt natürlich auch in Wirklichkeit für alle Beziehungen, aber ich habe immer wieder den Eindruck, Poly-Leben-Wollen bringt Herausforderungen auf den Punkt, macht sie genauer.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Philipp: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Mit der Community sprichst du einen wichtigen Punkt an! Die Möglichkeit, darüber offen mit anderen Menschen, die das auch leben, zu reden, fand ich immer hilfreich. Über Mono-Beziehungen kann man mit fast allen Leuten sprechen, Poly hat sich da für mich immer viel mehr nach im Dunkeln tappen angefühlt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Lena:&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt; Noch ein «Anfänger*innenfehler», auch wenn der bei mir erst nach ein paar Jahren Poly passiert ist: «im Dreieck kommunizieren». Das hatten wir ein paar Jahre lang vorher gelegentlich gemacht, und ich hatte auch schon Personenkonstellationen, mit denen das gut funktioniert hat. Also wo X dem Y auch mal erzählt, was mit Z ist und dann im Kreis herum. Ich bin damit inzwischen viel vorsichtiger geworden, weil mir das einmal massiv um die Ohren geflogen ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Birgit: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Jo, kann ich mir vorstellen. Was ich auch ganz schön finde, ist, die andere Person, die die mir nahestehende Person toll findet, auch kennenzulernen, mich auch mal mit der alleine zu treffen. Ich finde es schön, weil es die andere Person so menschlich macht und Projektionen minimiert, insbesondere wenn man merkt, dass sich alle Beteiligten wohlwollend gegenüber stehen. Beide finden dieselbe Person toll, das ist schon mal eine Gemeinsamkeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Hat sich die Art und Weise der Beziehungen, insbesondere im Hinblick auf eure Einstellung zu Hierarchien und Transparenz, im Laufe der Zeit verändert?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Seit dem Ende meiner ersten Beziehung, die mehr Probieren als klarer Wunsch nach Polyamorie war, waren meine Beziehungsideale, oder Wünsche, eigentlich recht konstant. Die habe ich direkt am Anfang kommuniziert und mich im Zweifel auch nicht auf eine Beziehung eingelassen, wenn die Vorstellungen zu weit auseinandergingen. Aber natürlich gab es immer wieder auch Experimente, die davon abgewichen sind. Manchmal ist es nicht besonders hilfreich, Ideale einfach durchzuexerzieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Birgit: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Schwierige Frage. Klar hat sich was verändert, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich allgemein weiterentwickle, oder ob sich «nur» diese oder jene Beziehung verändert. Ich bin auf jeden Fall eine Vertreterin großer Transparenz. Wir – in meinem Haufen – sprechen zuweilen darüber, ab wann es wichtig ist, einer nahen Person zu erzählen, wenn es eine neue wichtige Person gibt. Ich würde von dem tollen Film, der neuen Politgruppe, dem Musikmachen mit Xy erzählen, aber wenn ich jemand interessant finde, nicht? Umgekehrt: wenn ich es tue, heißt das, wirklich was zu teilen, umeinander zu wissen. Diese Offenheit macht mir am wenigsten Angst, da nichts &lt;em&gt;plötzlich&lt;/em&gt; passiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Das geht mir genauso. Wenn die Begeisterung da ist, will ich auch lieber so richtig begeisterte Erzählungen von den neuen Flammen meiner Liebsten hören als zurückhaltende, vorsichtige Bemerkungen. Ich habe oft das Gefühl, dass meine emotionale Reaktion stark davon abhängt, in welchem Tonfall, mit welcher Färbung eine Botschaft rübergebracht wird: Wenn mit Zurückhaltung und ängstlich erzählt wird, werde ich misstrauisch, ob da nicht vielleicht noch viel mehr ist, was nicht ausgesprochen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Philipp: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Für mich funktioniert es auch nur mit Transparenz, und momentan geht es bei mir eher darum, da ein Maximum auszuloten. Nicht zuletzt berührt das auch die eigenen Ängste und Probleme, und für mich scheint Transparenz der beste Weg zu sein, mit diesen umzugehen. Gleichzeitig ist das eine zentrale Erfahrung, die ich in offenen Beziehungen gemacht habe: So oft auf mich selbst verwiesen zu sein, derart viel über mich und meine Ängste zu lernen, und mich so auch längerfristig zu entwickeln – mehr bei mir selbst zu sein. Das ist nicht mein Grund für offene Beziehungen, aber einer der großartigsten «Nebeneffekte».&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Transparenz hat aber auch die Gegenspielerin Privatsphäre. Ich hatte zum Beispiel mal eine Partnerin, die nicht wollte, dass ich irgendwas über unsere Sexualität an andere Beziehungspartner*innen weitererzähle. Das finde ich schon auch wichtig zu respektieren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Eine der ersten Fragen, die mensch als Teil Offener Beziehungen hört, ist die nach der Zeit. Wie schafft ihr es, allen Partner*innen gerecht zu werden? Welche Rolle spielen dabei Lohnarbeit und Self-Care?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; (lacht) Ich hatte ganz am Anfang meiner Polykarriere gehofft, dass ich jetzt «nie wieder zu jemandem ‹Nein› sagen muss, wenn ich ein inneres ‹Ja› empfinde». Das war eine zünftige Illusion. Nur die Gründe haben sich geändert: Die Grenzen kommen nicht mehr von außen, sondern daher, dass ich mein Leben anschaue und mir denke: Wow, ich habe gerade echt zu tun mit Arbeit und den bestehenden Freundschaften und Beziehungen, da ist gerade gar kein Platz, mich auf noch einen zusätzlichen Menschen einzulassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Birgit: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Aus nicht so gelungenen Zeiten kenne ich ein zähes Ringen um Zeit. Ich arbeite tatsächlich auch sehr viel – das ist auch eine Art Liebesbeziehung, denn ich arbeite leidenschaftlich gern. Das hat auch damit zu tun, dass ich die erste Person in &lt;em&gt;meinem&lt;/em&gt; Leben bin. Mir ist wichtig, mich im Setzen meiner Prioritäten und Wünsche frei fühlen zu können. Die mir nahestehende Person lebt 800 km weit weg, und ist nur ab und zu hier. Genau dann bin ich aber womöglich nicht am selben Ort oder will auch andere Menschen treffen. Dass das so «sein darf», ist für mich große Freiheit und macht Lust, sich zu begegnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Philipp: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Ich habe das Glück, relativ flexibel mit meiner Zeit zu sein. Ich bin selbständig und merke zumindest an dieser Stelle, was das für ein Segen ist, denn meine Partnerin arbeitet 100 Prozent im Schichtdienst. Wäre ich nicht so zeitlich flexibel, wüsste ich nicht, wie diese Beziehung klappen sollte. Und da stimme ich dir zu, Birgit: Für sie sind Job, politisches Engagement und Sport dann auch eine Art weiterer Beziehungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Was mir auch entgegen kommt, ist, dass mir tendenziell die Qualität der Begegnung miteinander wichtiger ist als die Häufigkeit oder Dauer. Das macht es für mich recht passend, mehrere, zeitlich nicht so intensive, emotional aber sehr wohl sehr erfüllende Beziehungen zu führen. Das funktioniert vermutlich schlechter für Menschen, bei denen das Gefühl von Intensität eher daher kommt, dass der*die Partner*in «immer» da ist. Ich merke aber schon auch, dass ich während Studium und Selbständigkeit mehr Kapazitäten für Beziehungen hatte. Jetzt arbeite ich 30 Stunden pro Woche fest und wüsste nicht, wie ich neben meiner Partnerschaft und meinen wichtigen freundschaftlichen und familiären Beziehungen und loseren, aber geschätzten Kontakten noch eine weitere Beziehung oder intensive Affäre haben sollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Philipp: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Du sprachst gerade von Qualität. Bei den unterschiedlichen Zeitkontingenten in meiner Kernbeziehung merke ich, wie wichtig es ist, sich immer wieder aktiv Zeit und Räume zu schaffen, in denen man sich gemeinsam entwickeln kann. Die Gefahr – egal ob bei Mono oder Poly – in solch einer Situation in Alltäglichkeit zu rutschen, ist immens.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Wie geht ihr mit möglichen Ungleichgewichten um? Wie mit potenziell unterschiedlichen Bedürfnissen?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Birgit: &lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;Da ich nicht die Regel habe, dass Ungleichgewichte nicht sein sollen, habe ich da kein prinzipielles Problem mit. Ehrlichkeit und Gucken, was man miteinander teilt, was sich wirklich gut anfühlt – das finde ich wichtig. Emotional unterschiedliche Bezogenheiten aufeinander finde ich auch okay. Man könnte auch umgekehrt fragen: Wer ist eigentlich je auf die Idee gekommen, dass da Gleichheit «normal» wäre?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Ich war lange in der Situation, dass mein Partner noch eine zweite feste Beziehung hatte, die zeitlich und emotional ähnlich intensiv war. Ich hatte in der Zeit aber meinen Fokus woanders, weil ich mich beruflich umorientiert habe und gut beschäftigt war. Ich hatte andere Bedürfnisse zu der Zeit – wäre ja doof, wenn er deswegen seinen nicht hätte nachgehen können. Schwierig ist es für mich nicht, wenn etwas «unausgewogen» ist, sondern wenn ich nicht haben kann, was ich mir wünsche.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Philipp: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Die Frage kommt mir vor allem wegen der unterschiedlichen Zeitressourcen in meiner Beziehung bekannt vor. Da merke ich den krassen Stellenwert von Arbeit in dieser Gesellschaft – die ist immer erst mal gesetzt, Verhandlungsmasse ist die Freizeit. Klar, die ist auch einfacher verhandelbar, und ab da bleibt es eine Frage der Prioritätensetzung. Wenn die dann freiwillig auf anderes fokussiert, ist das okay. &lt;em&gt;Wollen&lt;/em&gt; aber nicht &lt;em&gt;können&lt;/em&gt; fühlt sich allerdings nicht so gut an.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Da liegt das Thema Eifersucht nah. Wie ist das bei euch? In welchen Momenten spürt ihr sie, und wie geht ihr damit um?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Birgit:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Eifersucht kommt dann auf, wenn ich Angst kriege, etwas nicht zu wissen oder Angst um mein Geliebtwerden, meine Position habe. Was hilft ist reden. Dabei geht es nie darum, dass die andere Person etwas unterlassen soll, sondern darum, dass sie mich rückversichern kann. Ich kenne verschiedene Absprachen sich gegenseitig Bescheid zu sagen, wenn eine andere Person getroffen wird. Später dann weniger Absprachen – das darf sich entwickeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Ich hätte erst mal eine Anti-Strategie. Die Poly-Online-Foren und die Ratgeber sind so dermaßen voll mit Idealen und inspirierenden Geschichten, wie es gut klappen kann. Ich bin leider furchtbar anfällig dafür, eine von den «Guten», «Fortgeschrittenen» und «Reflektierten» sein zu wollen. Von diesen hohen Idealen habe ich mich manchmal verleiten lassen, meine eigene Eifersucht nicht wahrzunehmen, weil ich drüber stehen wollte. War keine gute Idee. Deswegen lautet die wichtigste Strategie vielleicht umgekehrt: Eifersucht erst mal annehmen. Nett zu mir selbst sein. Mir die Eifersucht erlauben. Und dann reden, genau wie Birgit sagt, ohne das Ziel, die Trigger der Eifersucht gleich wegregeln zu wollen. Eifersucht kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass wirklich etwas schief hängt. Deswegen finde ich es nicht gut, sie grundsätzlich als ein unerwünschtes Gefühl, das beruhigt gehört, wegzufegen. Aber eben auch nicht unhinterfragt ernstnehmen. Eben immer im Einzelfall anschauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Philipp: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Reden – da bin ich dabei! Ich glaube auch nicht, dass Eifersucht irgendwann einfach weg ist. Es geht mehr darum, einen Umgang damit zu finden. Ich ärgere mich meist über mich selbst, wenn sie dazu führt, dass ich ungerecht werde. Zum Glück merke ich das meist rechtzeitig und dann ist reden angesagt. Was ich gefährlich finde ist, seine Eifersucht zu rationalisieren, sie also nicht in ihrer Blödheit anzunehmen, sondern vielmehr nach – am besten politisch potenten – Gründen zu suchen, weshalb die eigene Verletztheit gerechtfertigt ist. Im konkreten habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass es sehr helfen kann, die Trigger, die ja meist in den eigenen irrationalen Ängsten liegen, zu ergründen und sich kleine Workarounds zu bauen. Es lief bei mir zum Beispiel mal auf die Vereinbarung hinaus, dass meine Partnerin mir eine Woche täglich eine Sms vorm Schlafengehen geschrieben hat. Das ist natürlich eine überhaupt nichts aussagende Pärchen-Routine, aber mir hat es in dem Moment geholfen, und für sie war es keine sonderliche Einschränkung. Beim nächsten Mal wars dann auch schon einfacher.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Meint ihr, das alles hat auch etwas mit Privilegien zu tun? Offene Beziehungen finden sich ja beispielsweise vermehrt in urbanen Mittelklassemilieus. Aber auch in Bezug auf beispielsweise Gender scheint diese Frage interessant zu sein.&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Ich habe ’nen Haufen Privilegien, insofern bin ich halt eine von denen, bei denen da tendenziell weniger Konflikt ist. Und mit Privilegien meine ich einerseits so Sachen wie guter Job und deswegen Geld, Bildung, Staatsangehörigkeit, die mir einfach allgemein das Leben leichter machen und den Rücken freihalten. Aber eben auch die Tatsache, dass ich in einem stabilen und liebevollen Elternhaus großgeworden bin und deswegen erst mal viel Grundvertrauen in Beziehungen mitbringe. Oder dass ich sowieso zu einer hyperexpliziten Kommunikationsweise neige. Das spielt mir für unkonventionelle Beziehungsformen einfach in die Karten.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Birgit: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Dass die Art, wie ich Beziehung lebe, mit meinem sonstigen Dasein in der Welt zu tun hat – einschließlich der Privilegien, Möglichkeiten, Geld, Zeit – finde ich durchaus naheliegend. Die Fragen rund um Grenzen, «Ja» und «Nein» sagen, zu sich stehen, Gewalt, Verantwortung, Handlungsfähigkeit und so weiter, beschäftigen mich politisch, persönlich und beruflich sowieso die ganze Zeit. Das ist ein Privileg, aber auch etwas erkämpftes. Zugleich bin ich als Lesbe beziehungsweise queere Femme nicht mit Cis-Männern zusammen. Diese spezifische Form von Auseinandersetzung habe ich in nahen sexuellen Beziehungen also nicht. Das klingt jetzt megaflapsig und ist irgendwie auch schräg. Innerhalb der queeren Community, in der ich mich ja nun mal auch bewege, ist es auch kompliziert, Gefühlslagen und Verhaltensweisen so schlicht zuzuordnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Es kommt vielleicht auf die Art des «Poly» an. Diese spezielle Variante, die so sehr auf Selbstverwirklichung, Individualität und Autonomie abstellt, ist sicher nicht aus jeder gesellschaftlichen Position gleichermaßen zugänglich. Eigentlich müsste man die Frage nach den Privilegien denjenigen stellen, die selbst weniger davon haben. Aber Poly kann ja auch ein erweitertes Unterstützungsnetzwerk sein, was eher dabei hilft, Widrigkeiten gemeinsam zu trotzen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Meint ihr eigentlich, dass mit der zunehmenden Popularität und Akzeptanz Offener Beziehungen auch eine gewisse Poly-Normativität entsteht?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Ich denke, überall, wo sich Gruppen und Communities bilden, bilden sich auch Normen heraus. Ich finde das nicht per se schlimm. Ich glaube auch, der Versuch, es um jeden Preis zu vermeiden, führt eher zur Selbsttäuschung als zu Sinnvollem. Mir ist es lieber, sich dessen einfach bewusst zu sein und in diesen Communities auch die Fähigkeit zu kultivieren, Normen zu hinterfragen und neu zu verhandeln.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Philipp: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Ich denke schon, ganz wie Lena, dass sich auch dort Normen herausbilden. Sexpositivität kann ja beispielsweise auch einen unguten Druck entfalten, sexuell aktiv, erfolgreich, und erfüllt zu sein. Und trotzdem ziehe ich das der verklemmten Sexualmoral meiner Kindheit auf jeden Fall vor. Ich glaube solche Ambivalenzen stecken da immer drin. An dieser Stelle finde ich es wichtig zu sagen, dass Monogamie ja auch nichts verkehrtes ist. Egal ob Mono oder Poly geht es ja in erster Linie um eine bewusste Entscheidung.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Und wie politisch ist eigentlich Poly?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Birgit:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Nicht per se. Es hat ein politisches Potential, aber es kann auch strunzdoof gelebt werden, schmerzhaft und rücksichtslos. Das Potential liegt darin zu lernen, über uns hinaus zu wachsen, genauer zu werden und gleichzeitig großzügiger, mehr bei uns und dem*der anderen zu sein.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Lena: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Dem «nicht per se, aber es hat Potential» stimme ich zu. Meine Beziehungen dürfen gern durch ihr So-Sein politisch wirksam sein. Aber mir ist wichtig, dass die Beziehungen im Vordergrund stehen und nicht eine politische Agenda.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 17 Jun 2018 22:18:48 +0000</pubDate>
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                    &lt;p&gt;&lt;strong&gt;Lieben und Leben im Kapitalismus. Eine Zwischenbilanz.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;em&gt;This is not a love song. &lt;/em&gt;Singen &lt;em&gt;Public Image Limited&lt;/em&gt; 1984. Und selbstverständlich können wir das &lt;em&gt;not&lt;/em&gt; getrost wegstreichen, denn jeder Popsong singt, ob gewollt oder nicht, von der Liebe. Lange bevor Pil nicht über die Liebe sangen, trafen sich &lt;em&gt;Platon&lt;/em&gt; und seine Lustgefährten zu einem Gastmahl, um im nächtlichen Rausch über Liebe und Begehren zu philosophieren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Philosophie, die so beschworene Liebe zur Weisheit, hat einiges über das Wesen des Eros verlauten lassen. Allzu oft wurden die Körper, die vom Begehren gezähmt und im Begehren unzähmbar werden, aus der Rede, aus den Gedanken gedrängt. Allzu oft wurde Begehren zur schöngeistigen Kraft verklärt, zum körperlosen Willen zum Wissen. Das zeugt vom Bestreben, Begehren berechenbar zu machen, es in die Rationalität des Logos einzukalkulieren. Dieses philosophische Rechenspiel ist jedoch selten aufgegangen. Ergo fangen wir bei Null an. Mitten im spätkapitalistischen Furor.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Über die Liebe zu reden, heißt über das richtige Leben im falschen zu reden. Und über die Intimität des Kapitals, der wir uns hingeben, über das Kapital der Intimität, mit dem wir spekulieren. Ob wir wollen oder nicht, wir lesen alles im romantischen Rechenraster des Spätkapitalismus. Und obwohl wir mit der Liebe anders abrechnen als es Platon und seine Lustknaben taten, werden auch wir die Liebe fehlkalkulieren. Daher werde ich nicht über die Liebe reden, sondern vom Begehren erzählen. &lt;br /&gt;Begehren kann ebenso verzehrend sein wie die Liebe. Es kann ebenso umfassend sein wie die Liebe. Liebe kann Liebe zu allem und zu jeder sein. Besonders zu ihr. Aber von ihr rede ich nicht. Liebe kann Liebe zu allen und zu jedem sein. Wie Begehren. Doch wie wir Begehren als Bindung zwischen Subjekt und Objekt denken, verhaften wir die Liebe zwischen zwei Menschen. Zwischen zwei Individuen. Wir mögen unsere Liebe Vielliebe nennen, wir können sie als polyamor beziffern und multiplizieren, in der Bilanz landen wir immer bei der Einen, von der ich nicht rede. Wir können die Liebe auf Katzen, auf Kinder, auf die Welt oder blasphemisch auf den toten Gott ausweiten, in unserer Gegenwart werden wir sie nicht dem Individuellen entreißen, denn unsere Individualität bilanziert mit der Liebe, addiert uns mit Alleinstellungsmerkmalen, macht uns in der amourösen Hochrechnung zu Persönlichkeiten. Sie. Die Eine. Sie. Die Andere. Sie und ich. Ich und sie. Aber von ihr rede ich nicht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wenn wir zu Platon und seinen Liebhabern zurückkehren, können wir die nicht-individuelle Liebe erahnen, in der Philo-Sophie, im Philosophieren, im Lieben der Weisheit, als Erkenntnisstreben, als Wille zum Wissen, der die subjektiven Grenzen übersteigt. Eros, der aus dem Blick des Liebenden herausströmt und den Geliebten überschwemmt wie Platon an anderer Stelle schreibt. Aber lassen wir Platon mit seinen Gespielen beim Gastmahl in Ruhe. Kehren wir zu der fehlkalkulierten Liebe im Kapitalismus zurück, um nicht von ihr zu reden, sondern vom Begehren. «This is not a love song. Happy to have and not to have not. Big business is very wise. I‘m crossing over into e-enterprize. I‘m adaptable, I‘m adaptable. I‘m adaptable and I like my new role. I‘m getting better and better. And I have a new goal. I‘m changing my ways where money applies. This is not a love song. This is not love song.» Singen Pil 1984. Und diesem Klang will ich weiter nachspüren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Begehren setzt uns als Personen zusammen, es zwingt und drängt dazu, uns mit uns selbst und mit Anderen auseinanderzusetzen. Begehren ist die erste verführerische und bedrohliche Bezugnahme, zu mir, zu Dir, zu Euch, zu uns. Doch Begehren zersetzt uns, jede für sich und uns alle zusammen. Begehren setzt uns fest. Begehren bricht uns auf. Begehren zerrt uns aus uns heraus. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Liebe mag Herzen brechen, sie mag Eheverträge und Treueschwüre brechen, doch sie bricht nicht mit uns als Personen, als romantische Subjekte, so sehr man sich auch als eingeschworener Single bezeichnen oder in der amourösen Symbiose aufgehen will. Begehren bricht uns auf. Wir sind weniger Subjekte unseres Begehrens als dass wir in der Liebe Subjekte werden. Auch mit gebrochenem Herzen bleiben wir die Protagonisten unserer Liebesgeschichte. Und schon vor dem Herzbruch wissen wir, dass diese Geschichten selten ein Happy End nehmen. Wir leben neben dem Hollywood-Universum auch in einer Ratgeber- und Selbstsorge-Kultur. Deshalb wissen wir, dass Liebe emotionale Arbeit ist, und wir sind bereit, diese Arbeit zu leisten. Ob für die Partnerschaft oder aus Selbstliebe, weil wir es uns wert sind, weil es die Andere es mir wert ist. Doch egal wie wir uns abarbeiten, vielleicht auch daran abarbeiten, anders zu leben, anders zu lieben, wir verlassen das Narrativ nicht. Liebe schreibt uns fest. Liebe kalkuliert mit uns. Liebe, jede noch so glückliche, umso mehr jede noch so unglückliche Liebesgeschichte, erzählt von uns, von unser ach so Individuellen Persönlichkeit, sie zeigt sich als ganz besondere, völlig einzigartige Liebe und sie erzählt über die Andere. Aber von ihr rede ich nicht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Begehren hingegen, Begehren ist nicht in Worte zu fassen. Um es in Worte zu fassen: Begehren zerreißt uns, zersetzt mich, zerfetzt das Du und ich. Und hier arbeitet der begehrenswerte Zauber. Dabei wird uns Begehren in Analogschablonen angeboten, hetero, homo. Dazwischen queer. Oder es wird in Präferenzen multipliziert, polysexuell, pansexuell, asexuell, demisexuell, allosexuell, sapiosexuell. Joy Division – eine Division der Lüste. Es wird uns in Algorithmen des matchmaking dargeboten. Passförmig wird Begehren selten. Es ist nie sublimiert, es ist immer sexuell. Trotzdem kann es die Rechenraster von Sexualität und Individualität durchkreuzen. Begehren zergliedert unsere Körper – wie sich ihre Hand bewegt, wie sie die Augenbraue hochzieht. Und es zersetzt unsere Körper zusammen, wenn Begehren Lust wird, wenn Lust die Hautgrenzen überschwemmt und sich der eigene Körper wie der andere anfühlt. Wenn zwei Körper ein Körper, viele Körper werden. Begehren wird uns erschüttern, wenn wir es nicht auf das romantische Fundament stellen können, auf dem unsere Liebesvorstellungen gebaut sind. Dennoch kann Begehren Zuhause bedeuten. Ebenso wie Flucht. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Begehren kann gewaltvoll werden. Es kann zur Gier werden, zum Willen, die Andere zu besitzen, zur Verfügungsgewalt. Und würde ich von der Liebe reden, würde ich hinzufügen: ebenso besitzergreifend ist die Liebe. Im Begehren als Gier, als Begierde, kann sich ein Begehrenssubjekt dem begehrten Objekt gegenüber behaupten. Doch selbst als possessive Begierde gehört Begehren nur sich selbst. Nicht das Begehren gehört dem Subjekt, die Begierde besitzt das Subjekt. Und das Subjekt schuldet sich dem Begehren.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Begierde kann zu dem Verlangen werden, die Andere zu verschlingen, sie zu verzehren, in sie hineinzukriechen, mich in ihr vor mir selbst zu flüchten. Dieses Verzehrungsverlangen ist Anthropophagie – also Kannibalismus. Doch das anthropophagische Begehren steht nicht still, stellt uns nicht still. Denn im begehrlichen Verzehrungsakt werden zwei Körper zu einem Körper, werden viele Körper. Körper lösen sich auf und überschreiten die Grenzen zwischen begehrendem Subjekt und begehrtem Objekt. Diese köstlich kannibalische Überschreitung ist Aufbegehren. Im Aufbegehren werden die Grenzen, die uns die Liebe steckt, gesprengt. Und Aufbegehren kann alles sein, das Begehren nach Revolution, das Begehren nach einem richtigen Leben, das dem falschen entflieht. Aufbegehren kann politischer Protest sein. Es kann Verlangen danach sein, eine andere Person zu werden, ein anderer Körper, ein anderes Selbst zu werden als diejenigen, die einem eingeschrieben wurden. Aufbegehren kann der kleine Moment der Erregung sein, wenn ich sehe, wie sich ihre Hand bewegt, wie sie die Augenbraue hochzieht, und zerbreche. Wenn unser Spiegelbild zersplittert und wir ein Begehren spüren, das nicht in unser Selbstbild, in unser Lebensprojekt passt, das unseren Gefühlshaushalt aus der Balance bringt. Ein Begehren, das Hingabe einfordert. Ein Begehren, das mich aus mir herauszerrt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dies ist kein Liebeslied, doch würde ich von der Liebe reden, würde ich vorschlagen, sie neu zu kalkulieren. In der Ökonomie von Aufbegehren und Begierden. In ihrer Macht, ihrer Gewalt, ihrer Lust und ihrem Versprechen. Im Verlangen, die Andere zu verzehren, in der Sehnsucht danach, uns zu verlieben, im Drang danach, sie besitzen zu wollen, um mich zu verlieren, im Wunsch, mich von ihr konsumieren zu lassen, um mich in ihr zu verschwenden. Aber wozu von der Liebe reden, wenn ich vom Begehren erzählen kann? &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In der Bilanz: Es lohnt nicht Liebe zu reden. Über die Liebe zu reden, ist nicht begehrenswert. «This is not a love song.» Singen Pil 1984. In der Abrechnung mit der Liebe zerrechnen wir uns in Auf- und Abwertungen unseres ach so einzigartigen Charakters, unserer ach so individuellen Persönlichkeit. Und wir bewerten die Andere proportional zu unserer emotionalen Investition. In endlosem Nullsummenspiel zweifeln wir an uns, um unser Selbst wiederzufinden, wie wir an anderen zweifeln, um sie zu verlieren. Wir spekulieren in der Ökonomie des matchmaking. Verbuchen die Andere als weiteres Alleinstellungsmerkmal, als weiteren unique selling point auf unserem Selbstsorge-Konto. Begehren hingegen. Begehren, in seinen anarchischen Assoziationen, in seinen Anti-Algorithmen, widerstrebt stur jeder Berechenbarkeit. Überschreitet jedes Maß, verspielt vehement jedes romantische Kalkül, verweigert die Gesamtabrechnung unserer emotionalen Ökonomien. Was am Ende zählt: Meine Sehnsucht nach Dir ist Zuhause. Mein Verlangen nach Dir ist Flucht. Liebe hingegen. Liebe addiert uns als Indivuden. Liebe trennt uns als Individuen. Begehren bricht uns auf. &lt;em&gt;Love will tear us apart.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 17 Jun 2018 22:03:39 +0000</pubDate>
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