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 <title>arranca! - Spontis</title>
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 <title>Aufgaben, die gemeinsam bewältigt werden müssen</title>
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                    &lt;p&gt;GenossInnen von FelS diskutierten diesen Sommer über das Gründungspapier&lt;br /&gt;
»Untersuchung – Aktion – Organisation« der Gruppe&lt;br /&gt;
Revolutionärer Kampf (RK). Wir dokumentieren dieses Gespräch&lt;br /&gt;
und geben danach eine kurze Zusammenfassung des Papiers, das&lt;br /&gt;
komplett auf der Website der arranca! nachzulesen ist.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;GenossInnen von FelS diskutierten diesen Sommer über das Gründungspapier &lt;a href=&quot;http://fels.nadir.org/multi_files/fels/gruendung_rk.pdf&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;»Untersuchung – Aktion – Organisation«&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; der Gruppe Revolutionärer Kampf (RK). Wir dokumentieren dieses Gespräch und geben danach eine kurze Zusammenfassung des Papiers, das komplett auf der Website der &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt; nachzulesen ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ FelS hat sich auch anhand einer Kritik an der Theoriefeindlichkeit der Autonomen gegründet. Ihr wurdet wahrscheinlich alle in den 1990er Jahren politisiert und habt das genaue Gegenteil dieser Theoriefeindlichkeit mitbekommen: die theoretizistische Überdrehung im Zuge des antideutschen und wertkritischen Feldzugs gegen den verkürzten Antikapitalismus. Welchen ersten Eindruck hinterlässt bei euch das RK-Papier?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;MH: Ich wurde nicht in den 1990er Jahren politisiert und habe zwischen 1996 und 2004 nur ein halbes Jahr in der BRD gelebt, kann also bei der Einschätzung der »theoretizistischen Überdrehung« nur von dem ausgehen, was GenossInnen mir erzählt haben. Natürlich ist das Papier nicht wertkritisch. Es orientiert sich am »unmittelbaren Produktionsprozess « und will dort, also in der Fabrik, eine möglichst handgreifliche Praxis entwickeln helfen. Aber gerade aus diesem Anspruch spricht doch – zumindest in diesem Fall – die Distanz zur Produktion als erlebter Wirklichkeit. Was für groteske Situationen sich ergaben, als die Studenten in die Produktion gingen, kann man in den Protokollen der RK-Betriebsarbeiter bei Opel nachlesen.1 Für mich lässt sich dieses Papier, bloß weil es eine Praxis zu organisieren versucht, noch nicht in einen eindeutigen Gegensatz zum »Theoretizismus« stellen. Ich würde meinen ersten Eindruck so zusammenfassen: Ein starkes Verlangen nach Unmittelbarkeit, das selbst hochgradig »vermittelt« ist, und zwar auch theoretisch. Z.B. fällt in der Kritik an der Studentenbewegung die Nähe zu den – nicht wenig abstrakten – Analysen Hans Jürgen Krahls auf.2 Aufgaben, die gemeinsam bewältigt werden müssen Ein Gespräch über das &lt;a href=&quot;http://fels.nadir.org/multi_files/fels/gruendung_rk.pdf&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;»Gründungspapier« des Revolutionären Kampfes&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;IS: Was du »hochgradig vermittelt« nennst, würde ich einfach reflektiert nennen. Der Text ist doch recht klassisch aufgebaut: Erst die Skizzierung der objektiven Bedingungen und dann die Frage nach den Aufgaben der Revolutionäre. Dabei besteht ein zentrales Moment darin, die eigene soziale Herkunft radikal auf die Möglichkeiten politischer Praxis zu reflektieren – einmal als sozialistische Studenten und zum anderen als »Produkt« der Revolten von 1968, die, so der RK, von den Akteuren selbst nicht verstanden wurden. Was mich einfach erstaunt hat, war, dass alle Mythen, die ich mir ständig in den 1990er Jahren anhören musste, in diesem Text widerlegt wurden: Die radikale Linke ist nicht einfach unreflektiert in die Betriebe gegangen, sie hat nicht einfach die Septemberstreiks hochleben lassen, sie hat sich nicht einfach mit Befreiungsbewegungen identifiziert, hat sich nicht einfach zur Avantgarde erklärt. Das mag für viele Gruppen gestimmt haben, aber eben nicht für alle. Und da bleibt einfach die Frage, warum sich die Linke immer so gern an schwachen Gegnern abarbeitet und eben nicht an Traditionen, an welchen man ziemlich was zu beißen hat. Was mich beim Lesen beeindruckt hat, war das Niveau, mit dem hier die subjektiven und objektiven Bedingungen der eigenen Politik reflektiert werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;HW: Dem würde ich zunächst schon zustimmen. Die Bereitschaft sich – bei allem heute etwas übertrieben anmutenden Verbalradikalismus – selbstkritisch und problemorientiert an die Analyse der Verhältnisse zu machen und über politische Dogmen einfach mal rüberzubügeln finde ich sehr spannend. Klassenanalyse zunächst als vor allem praktisches Problem zu begreifen und den Schritt von der vermeintlich »reinen« (und dadurch vor allem reaktionären) Kritik hin zu einem »Begreifen« der Verhältnisse zu machen – das finde ich schon interessant. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt so nicht erwartet.&lt;br /&gt; Die Fixierung auf den männlichen weißen Fabrikarbeiter ist natürlich extrem augenfällig, da geht nichts drüber, soweit ich sehe. Trotz dieses blinden Flecks muss man dem Text zu Gute halten, dass bestimmte Probleme wenigstens im Vorbeigehen gestreift werden. Mir gefällt die generelle Skepsis gegenüber abstrakten Parolen sehr gut. Ich darf mal kurz zitieren: »Agitation und Propaganda sollen in der Untersuchung entwickelt und in sie einbezogen werden. Das ist eine Kritik an allen Versuchen, Klasseninteressen abstrakt zu vereinheitlichen. So haben Parolen wie ‚Gleicher Lohn für Männer und Frauen‘ eher moralischen Charakter, wenn sie nicht in Kampfsituationen aufgestellt werden« (11). Das hat etwas Bestechendes – auch wenn ich fürchte, dass die weibliche Belegschaft so verdammt schlecht vertreten wurde – und ist zu mindest ehrlicher als überall ein »das gilt auch für Arbeiterinnen« anzuhängen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ Kommen wir zum Komplex Theorie und Praxis. Der RK scheint hier sozusagen einen vermittelnden Begriff dazwischen zu schieben und unterliegt so nicht der Tendenz, Theorie und Praxis ineinander auflösen zu müssen – den Begriff der Untersuchung. Ziel dieser ist es u.a., die Hindernisse für eine Beteiligung an Aktionen zu erkennen. In diesem Zusammenhang wird auch die Möglichkeit einer langen Durststrecke konstatiert. Ist das nicht das Spannungsfeld, in dem sich die radikale Linke auch heute noch bewegt, um sich meist vorschnell in kurzlebigen Aktionismus oder praxisferne Theorieproduktion aufzulösen? Kann uns da das Papier des RK ein paar hilfreiche Gedanken an die Hand geben?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;MH: Das Interessante an dem Text ist doch, dass der RK zunächst weniger sich selbst unter die Lupe nimmt als eine ihm ganz fremde gesellschaftliche Realität – die des Betriebs. Diese Realität muss er dann erstmal »reflektieren« und anschließend noch »untersuchen.« Sie bleibt Objekt, also fremd. Im Betrieb soll zwar auf möglichst wenig plumpe Weise agitiert werden, aber der Betrieb bleibt eben Gegenstand von Agitation. Was dann tatsächlich passiert ist, war doch, dass diese Betriebserfahrung die Leute kaputt gemacht und sie den anderen RKMitgliedern, die nicht in den Betrieb gegangen sind, fremd werden ließ. Dieser Versuch, zu »untersuchen« und dann zu agitieren, ist gescheitert. Die in die Betriebe gegangen sind, waren von ihrer ursprünglichen Zielsetzung ganz schnell nicht mehr überzeugt, wodurch sie ihren GenossInnen dann verdächtig wurden. Wer drin war im Betrieb, konnte nicht mehr kommunizieren mit denen draußen, wobei die Papiere eben von denen draußen geschrieben wurden. Der Ernst, mit dem das Untersuchungsprojekt angegangen wurde, ist natürlich bestechend. Aber man muss doch auch sehen, dass die Untersuchung – in ihrer praktischen Umsetzung – Theorie und Praxis tatsächlich nicht verbunden hat. Sie hat sie vielmehr in genau der Gegensätzlichkeit aufscheinen lassen, über die man doch hinaus wollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;HW: Eindeutig: Jein. Das Konzept der Untersuchung an sich ist spannend, ich habe mich sofort an die »militanten Untersuchungen« in Italien erinnert gefühlt. Theorie und Praxis durchdacht, aber ergebnisoffen zu verknüpfen, gefällt mir als Grundansatz recht gut. Ich bin nur ein wenig hin und her gerissen was den Untersuchungsort angeht: Los zu marschieren, um in die Fabriken zu gehen, scheint mir schon eine mittlere Kopfgeburt zu sein, die sich aus vulgärmarxistischen Ideen speist. Nichts gegen den Versuch, die Menschen dort anzusprechen, wo sie sich aufhalten, aber ich finde den Ansatz einfach zu lohnarbeitszentriert. Um heute noch etwas mit dem Konzept der Untersuchung anfangen zu können, müssten meiner Ansicht nach alle Bereiche des Lebens und gerade der Reproduktionsbreich mit einbezogen werden. Gerade die vermeintlichen »Nebenschauplätze« – die heute, in Zeiten fragmentierter Lebens- und Erwerbsbiographien, gar nicht mehr so nebensächlich sind – scheinen mir interessantes »Material« zu liefern. Aber dann stellt sich natürlich die Frage, wo man anfangen soll. Bei sich selbst? Bei den GenossInnen, bei den Kassiererinnen bei Lidl oder beim Nachbarn? Die Frage nach dem angemessenen Ort scheint mir wirklich zentral, gerade heute.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;IS: Da hast du Recht. Aber eigentlich müsste es doch darum gehen, heute in ähnlicher Weise vorzugehen. Dass die Arbeiterklasse nicht das auserwählte Subjekt für die Befreiung aller ist – geschenkt. Aber jetzt mal eine steile These: Während der RK in seinem Papier in voluntaristischer Manier eine Proletarisierung der Linken einfordert – darunter versteht er eine wirkliche Verflechtung mit den Kämpfen des Proletariats als gemeinsamen Prozess politischer Erfahrung – sind hierfür die objektiven Bedingungen ganz andere. Aus einigen RKlern wurden Hochschulprofessoren, Außenminister oder Europarlamentarier. Im Anschluss an Karl Heinz Roths These von der Wiederkehr der Proletarität ist doch genau das Untersuchungsprogramm des RK noch mal aufzunehmen. Gerade deshalb, weil die Fabrik nicht mehr zentral ist und der unmittelbare Produktionsprozess, von dem du sprichst, eben nicht unbedingt örtlich zu identifizieren ist. Es müsste doch genau darum gehen, die eigene Geschichte zu reflektieren – zum Beispiel die Erfahrungen der Betriebskämpfe, aber auch unseren Hintergrund als Post-Autonome – um sich dann die Frage zu stellen: Wie sind die Ausgangsbedingungen heute für eine politische Organisierung der Lohnabhängigkeit? Ich glaube, dann kommt man auch schnell zu der Feststellung, dass es kaum der Betrieb sein kann. Im Bereich der Callcenter hat sich ja gezeigt, dass es gerade notwendig ist, sich außerhalb zu organisieren. Voraussetzung von Karl Heinz Roths These ist ja die Angleichung der Lebensverhältnisse nach unten. Die Debatte wird ja auch im Rahmen der Prekarisierungsdiskussion geführt. Dass hierbei die Unterschiede zwischen den AkteurInnen sehr groß und die Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind, ist offensichtlich. Aber müsste es nicht genau darum gehen, hier anzusetzen und die Aufgabe der Revolutionäre vor dem heutigen Hintergrund zu untersuchen? Schließlich sind wir – um im Jargon des RK zu bleiben – als sozialistische Intellektuelle einem allgemeinen Angriff der Verunsicherung ausgesetzt. Der »Ort« der Agitation ist nicht mehr ein uns äußerliches Objekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;MH: Dass Untersuchungsarbeit heute wieder besonders aktuell ist – prinzipiell ist sie es ja immer, einfach als Voraussetzung tragfähiger Strategie – glaube ich auch. Besonders aktuell deshalb, weil sich – u.a. durch die Prozesse, die als »Umbau des Sozialstaats« und als »Prekarisierung « bestimmt worden sind – in der Klassenstruktur unserer Gesellschaft und in den Arbeitsverhältnissen zur Zeit einiges tut. Ob ich das als »Wiederkehr der Proletarität« bestimmt haben will, da bin ich mir nicht so sicher. Wobei der Begriff des »Prekariats« natürlich noch weiter daneben greift. Die Unzulänglichkeit der Begriffe zeigt eben, dass wir uns nicht genau genug klar gemacht haben, was hier geschieht. Von daher: Ja zur Untersuchung. Aber bitte nicht in Form der klassischen »militanten Untersuchung.« Die ist so, wie wir sie aus der Vergangenheit kennen – nämlich fabrikzentriert und interventionistisch – einfach nicht mehr angebracht. Wir sollten zunächst bei uns selbst ansetzen. (Du hast Recht, wenn du sagst, der RK tue das, aber er scheint es eben nur möglichst schnell hinter sich bringen zu wollen.) Vor allem glaube ich, wir sollten viel stärker auf die Auflösung der Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit achten – eine Auflösung, die als Kapitalstrategie von Unternehmern und ihren politischen Vertretern forciert wird – um uns dann sehr genau zu überlegen, wie wir den Bereich der Nichtarbeit positiv und auf gesamtgesellschaftlich relevante Weise füllen können. Mir scheint, die Hausbesetzerbewegung hat das während der 1980er Jahre ein Stück weit geleistet. Ich meine, wir sollten uns diese und andere Kämpfe näher ansehen, um besser zu verstehen, was davon heute noch brauchbar ist – und auch, was damals fehlte, oder jedenfalls, wie solche Kämpfe heute, unter den veränderten Umständen, erweitert werden müssten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Papier &lt;a href=&quot;http://fels.nadir.org/multi_files/fels/gruendung_rk.pdf&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;&lt;em&gt;Untersuchung – Aktion – Organisation&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; erschien 1970 und kann als Gründungspapier der Gruppe »Revolutionärer Kampf« (RK) gelten. Die Gruppe war eines unter vielen Sammelbecken nach den Revolten von 1968. Ihr bekanntestes Mitglied ist sicherlich der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer. Der RK verstand sich nicht als Partei, sondern war einer »interventionistischen« Politik verpflichtet, die sich in Häuser- und Betriebskämpfe ebenso einmischte wie in die Solidaritätsarbeit zu Lateinamerika oder in die Stadtteilarbeit. Neben den Gruppen Arbeitersache (München) und Proletarische Front (Hamburg) war der RK in der Redaktion der Zeitschrift Autonomie aktiv. Er verstand sich als Teil der Sponti-Szene in Frankfurt/M.&lt;br /&gt; Das Papier beginnt mit einer Selbstverortung des RK in der antiautoritären Studentenbewegung. Das Papier hat den Zweck, »allgemeine Grundsätze« (3) der Arbeit zu fixieren.3 Nach1968 gab es dem RK zufolge zunächst zwei Erfahrungen: Es wurde begriffen, dass friedliche Parolen gegen die Gewaltsamkeit des kapitalistischen Systems ebenso wenig ausrichten wie die »Identifikation mit den Befreiungsbewegungen « (3). Die Fixierung auf parlamentarische Entscheidungsmechanismen stellte sich ebenso als Illusion heraus wie der aufklärerische Charakter der Wissenschaften. Mit der Erfolglosigkeit des antiautoritären Versuchs, »weitergehende gesellschaftliche Klasseninteressen zusammenzufassen« (4), setzte sich dann die Randgruppentheorie durch. »Erst während sich klärte, dass weder die Summe von Einzelkämpfen in den verschiedenen Überbauberufen eine Revolution ist, noch die Willenserklärung, sich auf die in den Überbauberufen noch nicht offen vorhandenen Klassenkämpfen auszurichten, schon revolutionäre Politik, rückte der Versuch ins Zentrum der Diskussion, über die alten Stadtteil- und Betriebsbasisgruppen hinaus, sich in organisierter Form an den Erfordernissen des proletarischen Kampfes zu orientieren« (5).&lt;br /&gt; Für die sozialistische Intelligenz müsse die Organisation Gegenstand der Arbeit werden und nicht Voraussetzung – eine Feststellung, die sich vor allem gegen die diversen K-Gruppen der Zeit richtete, z.B. gegen die KPD/ML, von der es heißt, sie habe die »kleinbürgerlichen Vorurteile des Proletariats zu ihren eigenen« gemacht und sich »blind den Massen angepasst« (5). Aufgabe theoretischer Arbeit sei es aber, die praktischen Erfahrungen der Klassenkämpfe vor dem Hintergrund objektiver Voraussetzungen der »Kapitalbewegung« zu bestimmen. Konkret bedeutete dies für den RK, die politische Situation nach der Krise von 1966/67 zu analysieren.&lt;br /&gt; Mit der Zerschlagung der kommunistischen Bewegung nach dem NS gab es dem RK zufolge Revolutionäre im wahrsten Sinne des Wortes nur »theoretisch« (7). Dies habe sich schließlich in der Studentenbewegung ausgedrückt, die mit ihrer »Entlarvungstaktik« (7) der bürgerlichen Ideologie bald an Grenzen gestoßen sei. Dieses Dilemma führte dem RK zufolge zu Projektionen, z.B. bei den Septemberstreiks 1969: »Noch im Gefängnis ihrer sich erst allmählich relativierenden Theoreme mussten die Reste der Studentenbewegung, die ihre eigene Spontaneität politisch nicht fortzuentwickeln vermocht hatten, die ‚neue‘ Spontaneität der Arbeiter als Klassenbewusstsein überinterpretieren, dem offensichtlich nur noch die revolutionäre Avantgarde in Form einer kommunistischen Partei fehlte« (8). Zudem kritisiert der RK die zu Grunde liegende Vorstellung von Avantgarde. Diese sei keine Selbstzuschreibung, sondern gehe »aus den Kämpfen selbst hervor« (8) und sei Ausdruck von Klassenbewusstsein, das nicht einfach aus den Produktionsverhältnissen abgeleitet werden könne. Festzustellen sei zudem, dass die Arbeit selbst zu einer Charaktermaske des Kapitalverhältnisses geworden sei, sich also darin eingerichtet habe. »Die Untersuchung der Bedingungen, unter denen diese Subjektivität heute nicht mehr naturwüchsig entsteht, umfasst im Rahmen der Klassenanalyse theoretische Anstrengungen, die eine deutliche Absage an mythologisierende Theorien über die Spontaneität des Proletariats enthalten« (9).&lt;br /&gt; Dies sei vor allem deshalb notwendig, weil Krisenerfahrungen an sich noch keine emanzipatorische Wirkung hätten: »Das dumpfe Gefühl des Betrogenwerdens hat sich nicht in Erkennen des Verhältnisses als nicht schlichtem, sondern gesellschaftlichem, geschweige denn in den Willen zur Veränderung übersetzt« (11). Damit gehe eine Proletarisierung der Intellektuellen einher, worunter der RK einen »gemeinsamen Prozess politischer Erfahrung von Proletariern und Intellektuellen« (9) verstand. Dieser Prozess verlange nach einer Klassenanalyse, bei der das Engagement der Intellektuellen selbst Bestandteil der Reflexion von proletarischer Organisation und Klassenbewusstsein werde.&lt;br /&gt; Aus dieser Reflexion entwickelt der RK den Begriff der Untersuchung: Die Tätigkeit, »die sowohl die objektive Bewegung des Kapitals und dessen Verwertungsschwierigkeiten erfassen, um ihre Auswirkungen auf Betriebsebene überhaupt erkennen zu können, sowie die sich auf dieser ersten Stufe artikulierenden Interessen und Widerstände der Arbeiter bestimmen muss, fassen wir unter dem Begriff der Untersuchung « (12). Weiter heißt es: »Für uns ist es notwendig, einerseits systematisch die Bedingungen und inneren Beziehungen bürgerlicher Ideologien und proletarischen Klassenbewusstseins zu untersuchen, andererseits historisch mit den kapitalistischen Verwertungsschwierigkeiten die Umstände und Bedingungen anzugeben, unter denen sich Kämpfe und Klassenbewusstsein entwickeln können« (14).&lt;br /&gt; Diesen theoretischen Vorstoß konkretisiert der RK für die Betriebsarbeit. Die Klassenverhältnisse in ausgewählten Betrieben sollen so untersucht werden, dass es möglich wird, eine praktische Richtung für Kämpfe zu bestimmen. Die Untersuchung beinhaltet zudem Agitation und Propaganda, wobei diese nicht zur abstrakten Vereinheitlichung von Klasseninteressen dienen, sondern vielmehr in den Kampfsituationen selbst entwickelt werden sollen. Alles andere habe bloß moralischen Charakter. »Daraus ergibt sich die klare Zielrichtung von Agitation auf Aktionen, in denen Ideologie durchbrochen und gemeinsame Interessen wirklich zusammengefasst werden können, also nicht nur propagiert werden« (15).&lt;br /&gt; Bevor erste proletarische Kerne in Aktionen entstanden seien, könne jedoch keine Aussage über die Organisationsform gemacht werden. Es gehe vor allem um die Bildung von Betriebsgruppen und die Auswertung von Aktionserfahrungen im Rahmen von Schulungen. »Bei diesem Prozess, der nur in der praktischen Einheit von Studieren, Kämpfen und Organisieren, die für uns programmatisch gilt, wirklich stattfinden kann, ist es Voraussetzung der ersten praktischen Schritte ebenso wie Bedingung der politischen Objektivierung für die weitere Verallgemeinerung in Form der Klassenanalyse, die Kategorien der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie aufzunehmen« (17). Dem RK ist bewusst, dass die von Marx entwickelten Kategorien im Kapital nicht in der sinnlichen Wirklichkeit wieder zu finden sind. Dennoch gelte es, eine allgemeine Realanalyse auf der Ebene der Konzern- bzw. Branchenebene durchzuführen. Diese müsse zugleich zu einer Klassenanalyse in Beziehung gesetzt werden, um die Entwicklung einer politischen Strategie zu ermöglichen. »Die Aufgaben, die hier anstehen, sind nur zu lösen im Fortschritt der proletarischen Bewegung und können nur begrenzt antizipiert werden. Vor allem sind es Aufgaben, die von der revolutionären Linken gemeinsam bewältigt werden müssen, und insofern sind es wesentliche Organisationselemente für die Herausbildung einer proletarischen Avantgarde, deren Strategiebildung längst beginnen muss, ehe die Organisation sich einheitlich darstellt.« In diesem Sinn verstand der RK auch seine »Beziehung zu anderen revolutionären Gruppen« (21).&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Wed, 03 Feb 2010 13:29:20 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>&quot;Wer eine Sache nicht untersucht hat, hat kein Recht mitzureden&quot; (Mao)</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/wer-eine-sache-nicht-untersucht-hat-hat-kein-recht-mitzureden-mao</link>
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                    &lt;p&gt;&lt;em&gt;Valtin wütet auf seinem Gabelstapler wie ein Stier. Er haut immer rein in die Arbeit. Steht keine Sekunde still. [...] Wenn er drei Ladungen zugleich erledigen soll, heißt, wenn drei Maschinen mit Material bedient werden müssen, spürt man so richtig, wie er reinhaut; der helle Schweiß steht ihm dann auf der Stirn – und der sagt: mich kriegen sie nicht klein, mich nicht; ich bleib beim Ope&lt;/em&gt;l.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;em&gt;Valtin wütet auf seinem Gabelstapler wie ein Stier. Er haut immer rein in die Arbeit. Steht keine Sekunde still. [...] Wenn er drei Ladungen zugleich erledigen soll, heißt, wenn drei Maschinen mit Material bedient werden müssen, spürt man so richtig, wie er reinhaut; der helle Schweiß steht ihm dann auf der Stirn – und der sagt: mich kriegen sie nicht klein, mich nicht; ich bleib beim Opel. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Jahre 1926 macht der junge Mao Tse-Tung mit unkonventionellen Ansichten von sich reden: Die Bauern des 400-Millionen-Einwohner- Landes, die gerade in mehreren Provinzen mit gewalttätigen Aufständen gegen die halbfeudalen Verhältnisse rebellierten, seien als Verbündete der Kommunisten im Kampf gegen die Bourgeoisie anzusehen. In der KP China begegnet man solchen Äußerungen mit großer Skepsis. Also setzt sich Mao aufs Land ab – zur Untersuchung der Lage. Er befasst sich mit den bäuerlichen Revolten in der Provinz Hunan und erklärt kurz darauf: „Es dauert nur noch eine sehr kurze Zeit, und in allen Provinzen Mittel-, Südund Nordchinas werden sich Hunderte Millionen von Bauern erheben. [...] Sie werden alle revolutionären Parteien, alle revolutionären Genossen überprüfen, um sie entweder zu akzeptieren oder abzulehnen. Soll man sich an ihre Spitze stellen, um sie zu führen? Soll man hinter ihnen hertrotten, um sie wild gestikulierend zu kritisieren? Oder soll man ihnen in den Weg treten, um gegen sie zu kämpfen? Es steht jedem Chinesen frei, einen dieser drei Wege zu wählen, aber der Lauf der Ereignisse wird dich zwingen, rasch deine Wahl zu treffen.“ (Mao Tse-Tung: Untersuchungsbericht)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Untersuchung klingt nach Arztbesuch und Mao klingt nach Schreckensherrschaft oder Mao-Bibel. Das war 1970 anders. In den Jahren nach 1968 war der Bedarf an Orientierung groß. Der Realsozialismus hatte sich durch die Niederschlagung des Prager Frühlings gerade aufs Neue diskreditiert; weder die KP Frankreich noch die Italiens standen 1968 auf der Seite der rebellierenden Jugend ihrer Länder. Es war die Zeit der friedlichen Koexistenz von Kapitalismus und Kommunismus. Nicht so in Fernost. In China hatten seit Beginn der Kulturrevolution ‚die Massen’das Wort. Sie waren angehalten, alle Autoritäten – auch die Partei – in Zweifel zu ziehen und die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal umzukrempeln. Das war zumindest das, was von der Kulturrevolution im Westen ankam. Und es kam bei den antiautoritären Aktivisten der zerfallenden Studentenbewegung hervorragend an. Die Kulturrevolution im Reich der Mitte schien das Gegengift gegen den Bürokratismus des Sowjetsystems, dessen Industrialisierungspolitik den Menschen auf eine bloße ökonomische Kennziffer reduzierte. In den Jahren unmittelbar nach 1968 war Mao links der DKP nahezu konsensfähig. Das galt auch für die Gruppen der jungen spontaneistischen Strömung&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_xr7g01u&quot; title=&quot;Als ‚Spontis’ wurden jene Gruppen bezeichnet, die im spontanen Handeln ‚der Massen’ den Anknüpfungspunkt für ihre politische Praxis sahen – im Gegensatz zu denen, die auf Führung durch die (einzige, wahre, revolutionäre) Partei setzten.&quot; href=&quot;#footnote1_xr7g01u&quot;&gt;1&lt;/a&gt;. Von einer dieser Gruppen soll hier die Rede sein: vom Revolutionären Kampf (RK) aus Frankfurt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Um 19:30, nach der Pause fing es stark an zu regnen. Wir konnten nicht mehr mit den Hauben durch den Regen fahren: Rostgefahr; sie mussten beim Verlassen der Halle mit Planen abgedeckt werden. Dafür wurden durch unseren Meister „zwei Männer“ ans Tor gestellt, die die Aufgabe hatten, unsere Dollies und die anderer Fahrer, die in den Regen müssen, mit den Planen abzudecken. Die Planen sind schwer; trocken einen viertel Zentner, nass einen dreiviertel Zentner. Die Männer, frischeste Gastarbeiter, hatten kein Interesse schnell zu arbeiten. An was andres hatte der Meister nicht gedacht: dass im K 98 die Planen auch von den Dollies abgezogen werden mussten. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der RK sah im Begriff der Untersuchung den Schlüssel zum Verständnis des chinesischen Erfolgsmodells. Die maosche Klassenanalyse, die gründliche Untersuchung und dann die Beteiligung an den Kämpfen im Land, habe es der chinesischen KP ermöglicht, ihre politische Strategie an die gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen und so die zum Erfolg führenden Schritte zu tun.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das sollte sich übertragen lassen. In der Bundesrepublik hatte es gerade eine Welle spontaner Streiks gegeben, in denen vor allem Metallarbeiter ganz unbürokratisch erhebliche Lohnerhöhungen durchgesetzt hatten: die Septemberstreiks von 1969. Diese ‚Arbeiterspontaneität‘ war ungewöhnlich und neu im Heimatland der Sozialpartnerschaft. Waren die Streiks Vorboten für einen Aufschwung der Klassenkämpfe in Westdeutschland? Um diese Frage zu beantworten, gelte es, so der RK, die Zusammensetzung der Klasse in der Bundesrepublik zu analysieren und herauszufinden, wie sich unter den gegebenen Bedingungen Klassenbewusstsein entwickle, wer die kämpferischen Subjekte im Betrieb seien und wie man sie organisieren könne. Dafür müsse man sich selbst in die Fabriken begeben, dort arbeiten und an den Kämpfen der Proletarier teilnehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Nach dem Prinzip von Lamia, nie den Meister fragen, habe ich zu zwei von den Arbeitern im Zelt, die gerade eine Atempause machten, gesagt, sie mögen mir helfen, durch Handbewegungen habe ich meinen Wunsch erläutert. Sie haben frech grinsend geantwortet: ‚Nix Verstehn!’ [...] Ich habe angefangen zu kochen. Es wäre nur die Möglichkeit geblieben, zum Meister zu gehen. Ich habe das unterlassen. Einfach sitzen bleiben auf meinem Schlepper, das ging nicht. Es wird von einem Fahrer erwartet, dass er sich zu helfen weiß. Ich habe die Planen selbst abgezogen, zusammengelegt, auf den Schlepper gepackt. Ich war schweißnass. Zitternd am ganzen Körper bin ich zurück in die trockene, heiße Halle gekommen. Geracis kam nicht durch. Am Hallenausgang, wo die Planen draufgelegt werden, war inzwischen natürlich eine Verstopfung. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich hätte man sich eine solche Untersuchung auch ohne den Hinweis auf Mao ausdenken können. Die maoistischen Bezüge waren als Seitenhieb in Richtung der zahlreichen entstehenden ‚marxistisch- leninistischen‘ Parteien und Bünde gedacht. Den „ML-Genossen“ warfen die RKler „einen pseudo-maoistischen Populismus“ vor. Da sie die „Verdinglichungen im Bewusstsein der Arbeiter“ nicht wahrnähmen, könnten sie die Gründe für die reformistische Einbindung des Proletariats in den westlichen Gesellschaften nicht begreifen. Die MLer sähen hier nur ein Organisationsproblem, das durch den Aufbau einer revolutionären Partei zu lösen sei.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Untersuchung sollten dagegen die Widersprüche im Arbeitsprozess aufgespürt werden, an denen sich irgendwann die Kämpfe im Betrieb entzünden würden. Die Arbeitskämpfe wurden zum objektiven, vom Arbeiterbewusstsein unabhängigen, ‚autonomen’ Motor der Geschichte erklärt, da und insofern sich ihre Logik gegen die Logik der kapitalistischen Produktion richtete&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_51m7n39&quot; title=&quot;Diese Argumentation, wie auch die Idee einer Untersuchung überhaupt, hatten sich die bundesdeutschen Spontis von den italienischen Operaisten abgeschaut. Die Vertreter des Operaismus, einer theoretische Strömung des italienischen Marxismus, hatten Anfang der 60er Jahre damit begonnen, die Beziehung zwischen der Zusammensetzung der Arbeiterschaft in der Fabrik und ihren Kampfformen zu untersuchen. Zu diesem Zweck führten sie umfangreiche Befragungen unter den Arbeitern der großen Fabriken Norditaliens durch.&quot; href=&quot;#footnote2_51m7n39&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Die ‚autonomen Bedürfnisse’ der Arbeiter (nach mehr Geld, weniger Arbeit, mehr Freizeit) wiesen also in ihrer Tendenz schon über die Grenzen der bestehenden Gesellschaft hinaus. Man musste sie nur anheizen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dann, mitten in einer Verstopfung am Hallenausgang, ging Geracis, als seine Dollies endlich abgedeckt waren, das Benzin aus. Gewöhnlich wird der Schlepper von der Frühschicht aufgefüllt; das Benzin reicht dann je nachdem 16 bis 20 Stunden. Aber Geracis hätte auf jeden Fall mal nachsehen müssen. Als die Fahrer andrer Abteilungen mitkriegten, warum es nicht weiter geht, waren plötzlich nicht mehr der Regen, nicht mehr die Arbeit – die sowieso nicht – sondern nur noch Geracis schuld. ‚Du Arschloch, dann geh halt runter von der Maschine!’ Und so ging es. Natürlich half keiner. Wieso auch, dadurch konnten sie ja auf ihren Hubwagen und Schleppern sitzen bleiben, gleichzeitig eine Pause machen und Dampf ablassen. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Natürlich brauchte es dennoch Organisation, langfristig. Aber diese könne man den Arbeitern nicht von außen bringen. In den betrieblichen Kämpfen, so die Hoffnung, würden sich diejenigen Arbeiter zu erkennen geben, mit denen man sich gemeinsam an den Aufbau „revolutionärer Kerne“ machen könne. Waren diese entstanden und wiesen sie eine gewisse Stabilität auf, wollten die „sozialistischen Intellektuellen“ des RK den Betrieb wieder verlassen. Man verstand sich gewissermaßen als Starthilfekabel für die revolutionäre Selbstorganisation der Arbeiter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zwei Annahmen boten Orientierung in der unbekannten Welt der Großindustrie. Erstens: Die zunehmende Automatisierung lasse den alten Facharbeiter langsam verschwinden. An seine Stelle trete der unqualifizierte Massenarbeiter, ein dem Produkt total entfremdetes Anhängsel der Maschine, dessen Hass auf die Arbeit durch die stumpfsinnige und monotone Tätigkeit am Band geschürt werde. Zweitens: Die Arbeiterklasse in den westlichen Industrienationen sei längst multinational zusammengesetzt – und durch den Arbeitsprozess gespalten. Die besonders schweren und monotonen Tätigkeiten seien einer betrieblichen Unterschicht vorbehalten: den Gastarbeitern, aber auch vielen Frauen und jungen Arbeitern. Demgegenüber seien die Vor- und Facharbeiterpositionen vor allem mit männlichen deutschen Arbeitern besetzt. Dieses Arrangement führe zu unterschiedlichen Interessenlagen im Betrieb und sei als Widerspruch innerhalb des Produktionsprozesses zentrale Bedingung (und Schranke) für die Entwicklung von Klassenbewusstsein. Vom unqualifizierten Massenarbeiter versprach man sich am ehesten rebellische Taten im Betrieb.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Um zehn Uhr hatte ich mich wieder so weit, dass ich es auslaufen ließ. [...] Habe mich in aller Ruhe in meinem leer angekuppelten Schlepper im K 98 ausgestreckt und eine Zigarette geraucht. Zur Ruhe musste ich natürlich erst langsam kommen. Dann fuhr ich ganz, ganz langsam zurück, beschaute mir noch mal die 49er Straße, die inzwischen von vollen Dollies völlig verstopft war; man wäre gar nicht mehr durchgekommen. Ich habe abgehängt und bin mit dem Schlepper allein gemütlich, aber fertig einmal um die Halle rumgekurvt, habe mir das Chaos noch mal vom andern Ende der Straße her angeschaut, bin dann um 22.25 pünktlich an unserem Maschinenplatz eingetroffen. Dort habe ich meinen Schlepper langsam und exakt aufgestellt für die Nacht. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frankfurter Gruppe beschloss, die Untersuchung im Opelwerk Rüsselsheim zu beginnen. Im Oktober 1970 nahm das erste Dutzend Aktivisten die Arbeit „beim Opel“ auf: zwei Frauen und an die zehn Männer. Diese „Innenkader“ sollten ein Jahr bei Opel bleiben. Sie mussten in RKWohngemeinschaften wohnen, als soziales Gegengewicht gegen die isolierende Struktur der Fabrikarbeit, und wurden außerdem von mehreren „Außenkadern“ betreut. Diese trafen sich mit den Innenkadern (zunächst täglich), protokollierten deren Berichte aus dem Werk und gaben ihnen neue Untersuchungsfragen mit auf den Weg. Außerdem wählten sie Schulungstexte aus, die den politischen Blick der Innenkader auf die betrieblichen Abläufe schärfen sollten. Diese Maßnahme war auch als Gegenmittel gegen die befürchtete ‚Verbetrieblichung’ im Denken der Innenkader vorgesehen. Einmal in der Woche traf sich die ganze Gruppe, um die Entwicklung der Arbeit und die nächsten Schritte zu diskutieren. Danach wurde gefeiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Kontakt mit der Welt der industriellen Produzenten war ein Abenteuer, dessen Glanz sich schnell abnutzte. Frühes Aufstehen und Wechselschicht förderten einen nüchternen Blick auf die Lage und politischen Möglichkeiten der Arbeiterklasse. Die Gleichgültigkeit der Arbeiter gegenüber der Ausbeutung wurde bald als Überlebensstrategie analysiert, um bei Opel durchzuhalten, die Auswirkungen des Arbeitsprozesses auf Gemütslage und geistige Verfassung der revolutionären Hoffnungsträger in gründlichen Protokollen festgehalten. Der Alltag im Werk hatte so gar nichts gemein mit den aufregenden Erlebnissen, die wenige Jahre zuvor die Politisierung der Betriebskader begleitet hatten. Solche Probleme hatte man zwar bei der Planung des Unternehmens einkalkuliert, aber offensichtlich unterschätzt. Der Widerspruch zwischen einem Leben nach dem Rhythmus des Fließbands und dem Leben nach dem Rhythmus der Sponti-Szene ließ die Innenkader schnell die eigenen Belastungsgrenzen erkennen. Hinzu kamen Hänseleien, mit denen die Alteingesessenen bei Opel manchen der offensichtlich milieufremden Neulinge bedachten. So hatte man sich das nicht vorgestellt. Die Moral der Gruppe sank.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Zuhause habe ich geduscht und bin gleich ins Bett gefallen; habe im Bett noch französischen Camembert gegessen und zwei Gläser Wein getrunken und zwei Zigaretten geraucht. Dann bin ich eingeschlafen. Morgens um acht bin ich mit bösen Träumen über die Arbeit aufgewacht. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bald war klar, dass das bloße protokollarische Festhalten der deprimierenden Lage der Klasse nicht ausreichte. Etwas Abwechslung musste her, allein schon, um die Stimmung der Innenkader zu heben. Die Gruppe begann die Flugblattagitation vor dem Werk. Sie sollte den Arbeitern die Möglichkeit verändernden Handelns aufzeigen und deutlich machen: Es gibt eine Kraft, die Aktionen unterstützen würde. Die Flugblätter thematisierten die durch die Untersuchung bekannten Konflikte in einzelnen Abteilungen („Die Klimaanlage in Abteilung Soundso ist defekt!“) und forderten Verbesserungen. Das sorgte, so berichten Beteiligte, für einigen Wirbel im Werk. Das hermetische System Fabrik wurde auf einmal porös. Informationen von drinnen drangen nach draußen und umgekehrt – und die Arbeiter diskutierten. Das war aber erstmal auch alles.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es sollte sich in der Tarifrunde 1971 ändern. Die unter den italienischen Opel- Arbeitern aktive Lotta Continua (eine der größeren Gruppen der operaistischen Linken Italiens) hatte im Frühjahr die Forderung nach einer Mark mehr für alle aufgebracht. Die Forderung wurde im Werk schnell populär. Der RK sah die Zeit zum Handeln gekommen und sprang auf den Zug auf. Auf einer Betriebsversammlung sollte die Forderung propagiert und zum Warnstreik aufgerufen werden. Kurz nach Beginn der Versammlung verschafften sich 2000 italienische Arbeiter unter Rufen nach einer Mark mehr für alle Zugang zur Versammlung (die Betriebsversammlungen bei Opel fanden, wie in den meisten Unternehmen, nach Sprachen getrennt statt). Es kam es zum Handgemenge mit dem Betriebsrat, der einen Auftritt der Italiener unbedingt unterbinden wollte. Eine Aktivistin des RK ergriff das Wort und rief zum Streik auf, doch die anschließende Diskussion endete im Tumult. Weder dem RK noch Lotta Continua gelang es, die Stimmung in einen Streik umzumünzen und die Mehrheit der deutschen Beschäftigten mitzuziehen. Am nächsten Tag wurden die beteiligten RKler entlassen, die erste Welle der Betriebsintervention war damit beendet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach diesem Knall setzte der RK seine Arbeit beim Opel fort; ihre Grenzen traten aber immer deutlicher zutage. Zwar gelang es noch immer, Zustimmung zu den Parolen des RK zu erzeugen, nur eröffneten die abstrakt ‚richtigen‘ Forderungen den Arbeitern keine Handlungsperspektive. In einer Rückschau schreibt die Gruppe einige Jahre später: „Warum sollten die Arbeiter aufgrund einiger Flugblätter plötzlich anfangen, ihre Angst, den Betriebsrat und die Gewerkschaften zu vergessen, ‚sich selbst zu organisieren’, sich ‚nicht mehr uneins zu sein’ und den ‚Kampf gegen die kapitalistische Produktionsweise’ zu eröffnen?“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und noch etwas stellte sich heraus: Die jugendlichen Arbeiter und Lehrlinge, bei denen der RK am meisten Zuspruch fand, wollten sich gar nicht als Opel-Arbeiter organisieren. Sehr viel mehr konnten sie sich begeistern für den aufregenden Lebensstil der Spontis, für ihre Wohngemeinschaften, Feste und wechselnden Partnerschaften. Durch den Kontakt mit den Frankfurter Aktivisten wurde aus dem Traum plötzliche eine greifbare Möglichkeit. Wo sich die Gelegenheit bot, schlugen die jugendlichen Arbeiter gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie entfl ohen der Enge des elterlichen Zuhause und der Monotonie der Fabrik. Sie zogen nach Frankfurt in eine der vielen Szene-Wohnungen und begannen zu jobben oder schalteten sich in die aufkommenden Hausbesetzungen ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während die RKler im Betrieb kaum einen Schritt vorankamen und die ersehnten Fabrikrevolten ausblieben, entwickelten sich in Frankfurt militante Häuserkämpfe, bei denen auch mancher RK-Außenkader kräftig mitmischte. Die Betriebsarbeit wurde mehr und mehr zur lästigen Pflichtübung, während draußen die revolutionäre Kür lockte. Die Konsequenz war bald gezogen. Offenbar zog das rebellische Subjekt im Spätkapitalismus es vor, seine Kämpfe nicht innerhalb, sondern außerhalb der Fabrik auszufechten. Welchen Sinn hatte es dann noch, bei Opel auf ein Fünkchen zu warten, auf das man pusten konnte? 973 erklärte der RK, die Jugendzentrumsbewegung, Hausbesetzungen und Schülerstreiks seien die modernen Klassenbewegungen des jugendlichen Proletariats. Sie spiegelten das Bedürfnis wider, gegen den Stumpfsinn in Arbeit, Ausbildung und Freizeit aufzubegehren und das eigene Leben selbst zu organisieren. In diesen Bewegungen fanden die RKler das rebellische Subjekt und die Akte praktischer Verweigerung, die sie bei Opel so schmerzlich vermisst hatten. Auch wenn die Betriebsarbeit fortgesetzt wurde – die Häuserkämpfe in Frankfurt und Rüsselsheim liefen ihr nach und nach den Rang ab.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Die ständige Überflutung mit Dingen und Abläufen im Betrieb, die einen gleichsam erschlagen und die den ganzen eingefahrenen Begriffsapparat (Verdinglichung, Ideologie, Bewusstsein etc.) sprengen, hat natürlich Auswirkungen auf die Diskussion und das Verhalten Reimuts im Zellkern. In den Protokollen und Zellkerndiskussionen – besonders in denen, die sich direkt an die Arbeit im Betrieb anschließen – kommt immer wieder eine spezifi sche Form der ‚Rache’ durch, indem Reimut seine Außenkader nur in drastischer Weise konfrontiert mit den Erscheinungsformen des Kapitalverhältnisses und deren Wirkungsweise auf die Kollegen und auf Reimut selbst. Rache hieße da etwa, die Protokolle stets mit einem Beigeschmack von Resignation zu verfassen, aber immer mit einer Art ‚Nabitte- schön‘-Effekt: „ich schreib ja nur so, wie es wirklich ist“ und „ich bin ja schließlich auch in den Betrieb gegangen“ (will sagen: ich setze doch nicht die Tradition der antiautoritären Revolte fort), „und wir, die wir meinen, aus der Studentenbewegung die politisch richtigen Konsequenzen gezogen zu haben [...] und meinen, es müsse nun immer so weiter laufen mit dem Aufbau von Betriebszellen, Klassenkämpfe, Revolution und so fort, wir werden schon sehen...“ &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit Untersuchung hat all das mehr zu tun, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Während viele der maoistischen Gruppen auch in der Fabrik zunächst munter für Partei und Klassenkampf draufl os agitierten, lenkte der Ansatz des RK den Blick seiner Aktivisten auf die „autonomen Bedürfnisse“ der Arbeiter, aber zugleich auf die Momente der betrieblichen Wirklichkeit, die der Entwicklung einer kämpferischen Subjektivität entgegenstanden. Individuelle Handlungen, mit denen die Arbeiter das kapitalistische Kommando in der Fabrik unterliefen – Diebstahl, Parodien des Meisters, langsames Arbeiten, Krankfeiern ... – deutete der RK als Verweigerungs- und Widersetzungsstrategien. Sie sollten der Ausgangspunkt für die Zuspitzung der Widersprüche im Betrieb werden. Nur: Die meisten dieser Strategien wiesen aus der Fabrik hinaus. Es war für den RK also nur folgerichtig, nicht am einmal beschlossenen Konzept blind festzuhalten, sondern den Kämpfen gegen die Disziplin der Arbeitsgesellschaft wieder nach draußen zu folgen. Gar nicht so anders hatte es Mao beinahe 50 Jahre zuvor mit den Kämpfen der chinesischen Bauern gehalten.&lt;br /&gt;Der Große Steuermann wäre – möglicherweise, man weiß es ja nicht – stolz gewesen.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_xr7g01u&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_xr7g01u&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Als ‚Spontis’&lt;strong&gt; &lt;/strong&gt;wurden jene Gruppen bezeichnet, die im spontanen Handeln ‚der Massen’ den Anknüpfungspunkt für ihre politische Praxis sahen – im Gegensatz zu denen, die auf Führung durch die (einzige, wahre, revolutionäre) Partei setzten.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_51m7n39&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_51m7n39&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Diese Argumentation, wie auch die Idee einer Untersuchung überhaupt, hatten sich die bundesdeutschen Spontis von den italienischen Operaisten abgeschaut. Die Vertreter des Operaismus, einer theoretische Strömung des italienischen Marxismus, hatten Anfang der 60er Jahre damit begonnen, die Beziehung zwischen der Zusammensetzung der Arbeiterschaft in der Fabrik und ihren Kampfformen zu untersuchen. Zu diesem Zweck führten sie umfangreiche Befragungen unter den Arbeitern der großen Fabriken Norditaliens durch.&lt;/li&gt;
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