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 <title>arranca! - Sprache</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/189/0</link>
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 <title>Sprache als Zuflucht</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/4/sprache-als-zuflucht</link>
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                    &lt;p&gt;&quot;Ni ez naiz hemengoa&quot; (wörtlich: Ich bin nicht von hier) lautet ein 1984 von Sarrionandia noch im Gefängnis geschriebenes Buch. Der 1958 in Durango geborene Baske wurde als 22jähriger wegen ETA-Mitgliedschaft zu 28 Jahren Haft verurteilt. 1985 gelang ihm jedoch, nach einem Benefizkonzert in einem Lautsprecher versteckt, die Flucht aus dem Gefängnis von Martutene. Seitdem lebt Sarrionandia, der im bürgerlichen Literaturbetrieb als einer der anerkanntesten Schriftsteller Euzkadis gilt, irgendwo auf der Welt in der Kladestinität. Erst jetzt wurde sein erstes Buch in Deutsche übersetzt. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Libertäre Assoziation veröffentlichen wir als Vorabdruck einige von uns zusammengestellte Notizen aus &quot;Ni ez naiz hemengoa&quot;, das im August für etwa 20 DM im Buchhandel zu haben sein wird.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Joseba Sarrionandia: Ni ez naiz hemengoa.&amp;nbsp; Verlag Libertäre Assoziation / Übersetzung Ruth Baier&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&quot;Ni ez naiz hemengoa&quot; (wörtlich: Ich bin nicht von hier) lautet ein 1984 von Sarrionandia noch im Gefängnis geschriebenes Buch. Der 1958 in Durango geborene Baske wurde als 22jähriger wegen ETA-Mitgliedschaft zu 28 Jahren Haft verurteilt. 1985 gelang ihm jedoch, nach einem Benefizkonzert in einem Lautsprecher versteckt, die Flucht aus dem Gefängnis von Martutene. Seitdem lebt Sarrionandia, der im bürgerlichen Literaturbetrieb als einer der anerkanntesten Schriftsteller Euzkadis gilt, irgendwo auf der Welt in der Kladestinität. Erst jetzt wurde sein erstes Buch in Deutsche übersetzt. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Libertäre Assoziation veröffentlichen wir als Vorabdruck einige von uns zusammengestellte Notizen aus &quot;Ni ez naiz hemengoa&quot;, das im August für etwa 20 DM im Buchhandel zu haben sein wird.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Den Kalender betrachtend&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich schaue auf den Kalendar: 2. Februar 1984. Sonnenaufgang 7,23. Sonnenun­tergang: 17,33. Erstes Viertel des Mondes in 10 Tagen. ­Ein armseliges Sprichwort und die Namen von drei oder vier Heiligen.&lt;br /&gt;Die Sonnenstrahlen gelangen nur manchmal mit ihren zittrigen und flüchtigen Liebkosungen in die Zelle. Wolkengruppen ziehen vorbei, mit dunklen Bäuchen und weiß überzogenen Schultern. Der Wind treibt sie eifrig, der gleiche kalte und hochmütige Wind, der sich an den Winden des Gefängnisses zu schaffen macht und an einigen im Hauf aufgehängten Kleidungsstücken zerrt. Alles geschieht auf der anderen Seite des Fensterglases. &lt;br /&gt;Das Radio sagt, daß in Madrid 1000 Polizi­sten auf der Suche nach dem Kom­mando sind, das letzten Sonntag einem General der Streitkräfte ein Ende berei­tet hat. Es ist drei Uhr nachmittags, wir sind in den Zellen eingeschlosssen und an anderen Fenstern sehe ich die eine oder andere dunkle Figur. Die Scheiben beschlagen nicht, denn drinnen ist es genauso kalt wie draußen. &lt;br /&gt;Ich habe einen Brief von einem Flücht­ling bekommen, der sich in der Kathe­drale von Bayonne im Hungerstreik befindet, und der, wie er im Brief sagt, nur noch Haut und Knochen ist. &lt;br /&gt;Die Spatzen verstecken sich kälteschau­dernd unter den Dachziegeln, dann schnellen sie wieder aufgescheucht in die Luft und stellen mehrmaliges, kurzes Auffliegen zur Schau, voller dabei die Federn zu verlieren. Im Hof ist nichts, allein der bewegt sich am Boden und Wasser in den Pfützen auf. &lt;br /&gt;Heute beginnt im chinesischen Horoskop das Jahr der Ratte. Die Chinesen sagen, es wird ein Jahr des Konflikts und der Veränderung sein, und da sie in der Mehrheit sind, haben sie sicher Recht.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;2. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Ein Junge ist gestorben&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;letzte Nacht hat die Polizei in einer Wohnung in Barrakaldol (1) einen Jungen erschossen, zwei schwer verletzt und zwei weitere festgenommen, die, wie es in der Presse heißt, unverletzt blieben, doch auch sie mußten ins Krankenhaus eingeliefert werden, nachdem sie die Polizeiwache durchgemacht hatten. &lt;br /&gt;Den Jungen, der gestorben ist, Inaki Ojeda, nannten wir &lt;em&gt;Txapel &lt;/em&gt;(2). Ich lernte ihn in Carabanchel kennen, und danach waren wir lange Zeit gemeinsam in Puerto de Santa Maria, bis er letztes Jahr freigelassen wurde. &lt;br /&gt;Er schrieb Gedichte, und einmal, in Puerto, saß er fast drei Monate in Straf­haft, weil irgendein Beamter bei der täg­lichen Zellenfilzung das reichhaltig Geschriebene des Gefangenen durchfor­stete und Gedichte fand, die gemäß der Einstufung des Beamten gegen Strafvollzug gerichtet waren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;16. Februar&lt;br /&gt;(1) Arbeiterstadtteil von Bilbao&lt;br /&gt;(2) Hut&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Eingeschlossen in den Zellen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Heute haben wir mit einer Protestaktion gegen die Anstaltsleitung begonnen. Seit heute morgen, als wir uns nicht fürs Durchzählen sichtbar in den Zellen gestellt haben, wurden die Türen von den Beamten nicht aufgeschlossen. So werden wir bestraft und bleiben den ganzen Tag in den Zellen eingeschlos­sen. Nur ein kleines Radio und ein paar Bücher, um uns die Zeit zu vertreiben, drei Schritte zur einen Seite und nochmal drei zurück. Auf jeden Fall schafft es eine gewisse Freiheit, keinem Befehl von niemandem gehorchen zu müssen, eine Freiheit die so klein ist, daß sie, um es irgendwie zu sagen, in die Handfläche paßt. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;22. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der graue Falke und Al&amp;nbsp; Mu&#039;tamid&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nachdem er unzählige Male die Hügel und Wege der Umgebung von Valencia durchquert und dort viele Überfälle gemacht hatte, wurde der berühmte Bandit, dem die Leute den Namen &lt;em&gt;Grauer Falke&lt;/em&gt; gegeben hatten, gefangen­genommen und so, wie alle es vorher­gesehen hatten dazu verurteilt, am Kreuz zu sterben. In jenen Zeiten fes­selte man den Verurteilten an einen Stamm und ließ ihn dort, bis der Tod ihn übermannte. Der Graue Falke wurde vor den Toren der Stadt gekreu­zigt und, umgeben von seiner Frau und seinen Kindern, die in Trauer und Schmerz versunken waren, erwartete er seine letzte Stunde; und er wußte nicht, was er seiner Familie hinterlassen sollte. Da kam ein Stoffhändler des Weges. Der Graue Falke bat ihn von seinem Kreuz aus, sich zu nähern. Er erzählte ihm die Geschichte seines Banditenturns und erklärte, daß er für seine Frau und seine Kinder sorgen wolle, bevor er sich der letzten Ruhe überließe. Er erzählte dem Händler, daß er vor nicht allzu lan­ger Zeit einen Schatz geraubt hatte, den er in einen tiefen Brunnen, der sich in der Nähe befand, geworfen hatte, bevor er dem König ins Netz gegangen war, und er flehte ihn an, aus Mitgefühl für seine Familie jenes Geld holen zu gehen und es seiner Witwe zu geben. Der Händler willigte ein, überlegte aber, daß er sein Reittier etwas schwerer bela­den könne, anstatt das Geld der Familie jenes unglückseligen und dummen Ban­diten zu geben. So kam es, daß der Händler sich zu dem Brunnen begab und sich daran machte, den Strick hin­abzuklettem. Da durchschnitt die Frau des Gekreuzigten einer Kriegslist fol­gend das Brunnenseil und nahm das Reittier und die Stoffe des Händlers an sich. Sie verkaufte alles auf dem Markt und erzielte im Austausch dafür eine beträchtliche Summe. Währenddessen holten die Leute, die von den Schreien aus der Tiefe des Brunnens herbei­gelockt worden waren, das durchnäßte Männchen heraus und vernahmen die Erzählung des getäuschten Händlers. Und von einem Mund zum anderen gelangte sie bis zum König von Sevilla. Nachdem der König Al Mu&#039;tamid die Geschichte gehört hatte, befahl er, den Gekreuzigten vorzuführen. Der König fragte den Grauen Falken, wie er noch vor den Toren zur Hölle ein neues Ver­brechen habe anzetteln können. Dieser antwortete, daß es wunderbar sei zu rauben und daß der König, wenn er wüßte, wie wunderbar es sei, seinen Thron verlassen und zum Banditen wer­den würde. Daraufhin setzte Al Mu&#039;Tamid, der Dichterkönig von Sevilla, das Urteil außer Kraft und machte ihn zu seinem Leibwächter. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;23. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Barathallako Elhurra Zur&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Heute schneit es, doch auf einzigartige Weise, sehr wenige Flocken, und sie fallen nicht von oben nach unten wie Regen, wie Schnee, sondern sie fliegen von einem wirren Wind getrieben herum, bewegen sich, wirbeln von rechts nach links und von unten nach oben, wie Fliegen in tollem Flug. Der Schnee von heute fällt nicht wie Schnee, die Flocken sind weiße, stumme Fliegen, die auf der anderen Seite des Fensterglases kreisen, in der Luft eine Winterpolka tanzen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gestern Nachmittag haben sie Enrique Casa getötet, den Spitzenkandidaten der PSOE von Guipuzcoa, und heute kennt das Radio kein anderes Thema als den Generalstreik, der im Baskenland statt­findet.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;Wir sind noch immer in den Zellen ein­geschlossen. Um die wachhabenden Beamten nicht zu sehen, ist es fast bes­ser, wenn sie die Tür den ganzen Tag nicht öffnen. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;24. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(..) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Argument der Tautologie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Tautologie ist ein Weg, etwas mit­ mittels seiner selbst zu definieren.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&quot;Wenn wir keine Erklärung haben&quot;&lt;/em&gt;, sagt Roland Barthes, &lt;em&gt;&quot;verschanzen wir uns hinter der Tautologie, so ebenso wenn wir Angst empfinden, Verwirrung oder Trauer.&quot; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Wir greifen auf die Tautologie zurück, wenn wir sprachlos sind oder keine Erklärung haben. Als Beweisgrund ist die Tautologie eher ein Zustand als ein Werkzeug. Die Tautologie ist ein Zustand oder eine Zuflucht, ebenso wie die Angst, die Verwirrung oder die Trauer. Darüberhinaus, daß sie eine Argumentationsform ist, ist die Tautolo­gie eine Daseinsform.&lt;br /&gt;Ich rufe mir ein Kindergespräch ins Gedächtnis, und sicher werden alle, die einmal Kinder waren, diese Situation wiedererkennen:&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Das ist so. &lt;br /&gt;- Warum? &lt;br /&gt;- Weil ja. (1)&lt;br /&gt;&amp;nbsp;Wir hatten wenige Erklärungen, die Wirklichkeit war ein nahezu unbekann­tes Gebiet, das Wissen eine unerreich­bare Schachtel voller Antworten. Die Tautologie war unser Weg, die Welt kennenzulernen und in ihr zu leben, die Art und Weise, unser Kleinsein zu akzeptieren.&lt;br /&gt;Dessenungeachtet ist die Tautologie in den meisten Fällen ein Argument der Autorität. Das hochrangigste und genau­este Argument der Autorität. &lt;br /&gt;- Das ist so. &lt;br /&gt;- Warum? &lt;br /&gt;- Weil es eben so ist.&lt;br /&gt;Und es gibt eine andere, noch überzeu­gendere Antwort, vollkommen rund, wo auch immer sie auftaucht: &lt;br /&gt;- Das hat mir gerade noch gefehlt! &lt;br /&gt;Unsere Kindheit ist vorbei, die Welt hat sich uns zivilisiert, und wir wissen nun zehnmal mehr, vielleicht, denken wir an die Grammatik (2), doch unsere Form der Auseinandersetzung mit der Welt hat sich nicht allzusehr verändert. &lt;br /&gt;Wenn unsere Sprache die Wirklichkeit nicht in ihrem ganzen Umfang erfassen kann, greifen wir auf die Tautologie zurück. Wir stellen das, was ist, im Arrangement mit dem, was sein soll, dar, wir erklären das, was zu tun ist, mit dem Geschehenen, wir zwingen den anderen und uns selbst die tautologische Sprache des schon bestehenden auf.&lt;br /&gt;Und es scheint, daß die Tautologie von der postmodernen Denkweise übernommen worden ist: &quot;die Tautologie ist das einzige wirklich Wahre&quot;, schreibt der Philosoph Jean Beaudrillard.&lt;br /&gt;Doch die Tautologie bringt uns zur leeren Sprache, zum hohlen Denken, zum unbewohnten Leben. Die Tautologie ist der Schutzschild des Mangels und des Konservativen. Und man muß sich über die Tautologie hinwegsetzen, genauso wie man die Angst und die Verwirrung und die Traurigkeit überwinden muß, zum Wissen hin, zur Freiheit, zur Hoff­nung auf Freiheit zumindest. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;25. Februar &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;(1) Im Original heißt es wie folgt. &quot;-Zergatik? / -Zebai irristatzen zitzaigun erdarrenimitzioz / -Zergatik? hagatik -ere esaten genuen&quot;. Hier wird auf einen grammatikalischen Fehler angespielt, der durch den Einfluss des Spanischen häufig vorkommt, er erweist sich jedoch als nicht übersetzbar.&lt;br /&gt;(2) Er bezieht sich auf den zuvor erwähnten Hispanismus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Der Kuckuck auf der Brücke von Rom&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Man sagt, am 5. März sänge der Kuckuck das erste Mal auf der Brücke von Rom. Von hier aus hört man den Kuckucksruf nicht. Gelänge er hierher, träge er uns womöglich mit den Hosentaschen so leer wie immer an.&lt;br /&gt;Heute denke ich an dich, an dich, die du gerade liest. Zunächst weiß ich noch nicht einmal wer du bist. Also, für wen schreibe dich?&lt;br /&gt;Ich schreibe nicht für mich selbst, obwohl ich ziemlich viel lese, in meiner Zelle kein einziges Buch ungelesen bleibt. Ich schreibe für niemanden im Besonderen, auch nicht für eine bestimmte Art von Leuten, und viel weniger noch für jeden.&lt;br /&gt;Wie dem auch sei, ich vermute, daß ich für irgendjemanden schreibe, ich habe die vage Hoffnung, daß mein Geschrie­benes dich, wer auch immer du sein magst, unterhält. Ich mache Töne und warte auf irgendein Echo von der ande­ren Seite. Meine Frage, wenn auch schon in der Vergangenheit verhallt, verlangt nach deiner Antwort. &lt;br /&gt;Ich sage &quot;In der Vergangenheit verhall­tes Verlangen&quot;, denn was ich dir in die­sem Tagebuch erzähle, liegt weit zurück. Ich weiß nicht, wann du diese Blätter lesen wirst, aber du hast einen Vorteil , du weißt schon, was morgen passiert ist, übermorgen. Vielleicht sind ein oder zwei Jahre vergangen, und was unterdessen passiert ist, weißt du genau. Du weißt mehr als ich, und meine Beobachtungen mögen dir töl­pelhaft erscheinenen von deiner höheren Zeitebene aus. Vielleicht wird das Meine dereinst statt Frage Erinnerung sein.&lt;br /&gt;Ich höre schon den Kuckuck. Ah, es ist nicht die Brücke von Rom. Es ist der Genosse in der Zelle nebenan, der täu­schend echt das Trillern der Vögel nachmacht.&lt;br /&gt;&lt;em&gt;5. März &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;El Puerto de Santa Maria&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es geschah letzten Sommer. Wir betei­ligten uns an einem Aufstand im Gefängnis von Carabanchel, und nach ziemlich vielen Stunden des Widerstan­des wurden &#039;Wir von der Polizei nieder­gemacht. Zwanzig von uns wurden sofort nach Puerto de Santa Maria ver­legt, in Strafzellen, mit Auflage von einem Monat Sonderhaft. Was ich erzählen möchte, geschah in diesen Iso­lationszellen: &lt;br /&gt;Es war ein drückender Nachmittag, die Mücken beherrschten wie immer alles und jeden, drinnen und draußen, ohne sich um die Gitter zu scheren. Jeder Gefangene in seiner Zelle, alles war ruhig, bis auf das ein oder andere Krei­schen eines Schlüssels oder einer Tür. Plötzlich öffnete sich auf dem Gang der anderen Seite eine Tür, und es waren Schreie zu hören. Ich näherte mich dem Fenster, auf dem Gang gegenüber war eine Diskussion im Gange, drei oder vier Zellen weiter rechts, und ich konnte nicht jedes Wort hören: &lt;br /&gt;- Und Sie werden mich nicht schlagen! &lt;br /&gt;- Und ob ich das werde!&amp;nbsp; - und ich erkannte die Stimme eines Beamten. &lt;br /&gt;Unmittelbar darauf ertönten Schlüssel, ein kangrejo wurde geöffnet. Schläge und Schmerzensschreie des Geschla­genen hallten. Ich begann in dem Moment, gegen den kangrejo meiner Zelle zu schlagen, in dem alle anderen Gefangenen das Gleiche taten, und der ohrenbetäubende Tumult der Türen bei­der Gänge breitete sich aus. &lt;br /&gt;Als wir Ruhe gaben, hörte man immer noch die Diskussion zwischen dem Gefangenem und dem Beamten. &lt;br /&gt;- Und du hast nicht die cojones (1), mich nochmal zu schlagen! - sagt die sehrner­zerfüllte und pathetische Stimme des Gefangenen.&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Siehst du? - sagt der Beamte - Siehst du? Oder was? Willst du, daß ich dich zu Brei mache?&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Hör auf, Macho! -sagt ein anderer Beamter. &lt;br /&gt;Wieder schlugen wir gegen die Türen. Nach einer Weile trat Ruhe ein. Der Gefangene sagte uns durch das Fenster, daß sie ihn geschlagen hatten, daß er sich schlecht fühle und seine Ruhe haben wolle. Und alles kehrte zum täg­lichen Schweigen zurück.&lt;br /&gt;Eine Stunde später brachten sie das Abendbrot, und ich erkannte die Stimme des Schlägerbeamten. Er selbst öffnete die Tür, mit verbundener Hand. Er schaute herein, sie stellten die Ver­pflegung hin, und er verriegelte eilig die Tür. &lt;br /&gt;Stunden später, um elf Uhr abends, machten sie das Licht aus, und es blieb nichts anderes, als sich ins Bett zu legen. Eine Tür öffnete sich auf dem Gang und Bruchteile einer Unterhaltung waren zu hören, doch ich legte mich hin, ohne mich darum zu kümmern. Ich schlief schon, als mich Licht und Türgeräusch auf einmal weckten: &lt;br /&gt;- Haben Sie das von heute Nachmittag mitbekommen? -fragt der Beamte mich.&lt;br /&gt;Langsam kam ich zu mir, wobei ich den Kopf zwischen den Decken heraus­streckte, ohne die Augen völlig offen­halten zu können, überrascht und bene­belt. &lt;br /&gt;- Na klar, um zu sehen, ob das Geprügel aufhört. &lt;br /&gt;- Sie Politischen sind zivilisiertere Leute, aber mit diesen Leuten kommt man nicht klar, die sind dazu in der Lage, den Erstbesten umzubringen, Sie sind viel...&lt;br /&gt;&amp;nbsp;- Ich vermute, daß ihnen nichts anderes übrig bleibt, als das zu tun, was sie tun. Unter den Bettlaken nackt, sah ich den Beamten in der Tür stehen, in einer Nacht, in der alles übrige Schweigen war. &lt;br /&gt;- Und was halten Sie von dem von heute Nachmittag? - fragt er mich &lt;br /&gt;- Nun, daß es nicht in Ordnung ist, eine Person zu Brei zu schlagen, die sich zudem nicht verteidigen kann. &lt;br /&gt;Er stützte den Ellbogen auf dem kan­grejo auf, wobei er die verbundene Hand hochhielt. Bei den Gefangenen wird die Sicherheitstür, die Gittertür, die es zusätzlich zur gewöhnlichen Tür im Innern der Zelle gibt, kangrejo genannt.&lt;br /&gt;- Ich mußte es tun, weil er mich provoziert hat. Haben Sie das nicht gesehen?&lt;br /&gt;- Was soll ich Ihnen ich sagen? - antwortete ich.&lt;br /&gt;- Jetzt wissen Sie ja, wie es gewesen ist - sagt er, wobei er in seine Worte so etwas wie eine Drohung einfließen läßt, oder einen Hinweis, oder einen Rat.&lt;br /&gt;Er verschloß die Tür, löschte das Licht und ging. Durch das Fenster sah man die Nacht sternenübersät, aber es gab Mücken und war heiß. Und als das metallische Geräusch verklungen war, das Hallen der Stiefel auf dem Gang, kehrte alles zur gezwungenen Stille zurück, zum erdrückenden Frieden. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;9. März &lt;br /&gt;(1) cojones (span. Schimpfwort): Hoden&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Journalismus&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Napoleon Bonaparte wurde vom April 1814 an, als als er in Fontainebleau abdankte, auf der Insel Elba gefangen­gehalten, bis er im Frühling 1815 sein Heer wieder vereinte und beschloß, nach Paris zurückzukehren. Die Schlagzeilen der Pariser Tageszei­tung Moniteur Universel im Laufe jenes März sind in der Tat verblüffend, denn sie geben einzigartiges Zeugnis vom Vorrücken des Ex-Kaisers:&lt;br /&gt;9. März:&lt;em&gt; &quot;Das Ungeheuer ist seiner Verbannung entwichen&#039;&#039;. &lt;/em&gt;10. März: &lt;em&gt;&quot;Der korsische Menschenfresser ist in St. Jean gelandet&quot;.&lt;/em&gt; 11. März: ,&lt;em&gt;,Der Tiger ist in der Gegend von Gap aufgetaucht&quot;. Die Heere rücken dorthin vor, um seinen Vormarsch aufzuhalten. Sein verabscheuenswertes Unterfangen wird, wie andere Verbrechen, ein Ende in den Bergen finden&quot;.&lt;/em&gt; 12. März: &lt;em&gt;&quot;Das Ungeheuer hat die Stadt Grenoble erreicht&quot;&lt;/em&gt;. 13. März: &lt;em&gt;&quot;Der Tyrann befindet sich jetzt in der Gegend von Grenoble und Lyon. Sein Erscheinen hat die Welt in Schrecken versetzt.&quot;&lt;/em&gt; 18. März: &lt;em&gt;&quot;Der Usurpator wagt sich bis zu einem siebzig Stunden Fußmarsch von der Hauptstadt entfernten Punkt vor&quot;&lt;/em&gt;. 19. März: &lt;em&gt;&quot;Bonaparte rückt raschen Schrittes vor, sein Einmarsch in Paris ist unmöglich&quot;&lt;/em&gt;. 20. März: &lt;em&gt;&quot;Napo­leon wird morgen an die Mauern von Paris gelangen&quot;&lt;/em&gt;. 21. März: &lt;em&gt;&quot;Kaiser Napoleon ist in Fontainebleau&quot;. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;22. März: &lt;em&gt;&quot;Gestern Nachmittag hat seine Hoheit der Kaiser seinen öffentlichen Einzug in die Tuilerien gefeiert. Nichts kann den allumfassenden Jubel übertreffen&quot;.­&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;20. März &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&amp;nbsp;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Bei abnehmendem Mond&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gestern, um zehn Uhr abends, hat allen Anschein nach ein Kommando CAA (1) versucht, mit einem Boot Typ Zodiac in Pasajes einzulaufen, die spa­nische Polizei erwartete sie in einem Hinterhalt und tötete sie mit mehreren Schüssen, als sie an Land gingen. Pedro Mari Isart und Dionisio Aizpurua de Azpeitia und Jose Marti Izurza und Raf­ael Delas de Pamplona fielen tödlich getroffen, jeder von mehr als zwanzig Kugeln. Sie sind ganz schön tot, hat der Gouverneur von Guipuzkoa im Radio erklärt. &lt;br /&gt;Auf der Tankstelle von San Martln de Biarritz haben sie heute mittag Xabier Perez de Arenaza aus Mondragón getö­tet. Wie es scheint, hat sich jemand an ihn herangemacht, während er sein Auto volltankte, und von nahem auf ihn geschossen. Unmittelbar darauf erklärte sich die Gal (2) verantwortlich. Hier ist der Nachmittag trist. Seit über einem Monat haben wir die Zellen nicht verlassen, und zudem kommen keine guten Nachrichten rein. Manch­mal hat man das Gefühl, daß unsere Toten und unsere Träume sich in den Hohlräumen der Erde ansammeln. &lt;br /&gt;Vom Fenster aus fällt der Blick auf den Hof voller Müll und Pfützen. Manchmal sieht man Kaulquappen, die sich mit kurzen, nervösen Schwanzschlägen bewegen. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;23. März&lt;br /&gt;(1) Bis 1985 existierende autonome Guerilla.&lt;br /&gt;(2) GAL: Grupo Antiterrorista por la Liberación (Antiterroristische Gruppe für die Befreiung); Paramilitärische, von der spanischen PSOE-Regierung geheim finanzierte Organisation, die von 1983 - 1987 in Iparralda agierte und in dieser Zeit 27 Morde an baskischen Flüchtlingen beging und mehrere Dutzend verletzte. Nach dem Rückzug der GAL begann die französische Regierung, vermeintliche ETA-Mitglieder an den spanischen Staat auszuliefern. Der 94 untergetauchte und wegen Korruption gesuchte Chefpolizist Roldán war am Aufbau der GAL aktiv beteiligt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Faßt die Malerei nicht an&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ezkurdi (1), ein Steineichenwald wurde unter dem Einsatz riesiger Bagger und einiger Arbeiter zu einer sonderbaren Marmorarchitektur. Gärten, Teiche, kleine Brücken und weicher Rasen. Als wir Jungen sie zum ersten Mal betraten, hatten wir Angst, etwas zu berühren. Später machten wir uns alles durch Beruhren zu eigen, manchmal steckten wir eine Zigarette zwischen die Bronze­lippen von Fray Juan de Zumarraga, oder wir stahlen dem armen Geflügel im Taubenschlag Federn, denn wenn Nacht wurde, war jenes Gebiet in unserer Hand.&lt;br /&gt;Die siebte Dekade des Jahrhunderts&amp;nbsp; nahm ihren Anfang, und für uns begann die zweite des Lebens.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Dort, in Ezkurdi, unter dem Schutz des ersten Bischofs von Mexico, die Trep­pen hinunter und halb um einen Teich herum, wurde eine Kunstgalerie einge­weiht. Auch diese betraten wir beim ersten Mal mit Zurückhaltung. An der Tür gaben uns ein paar unbekannte Männer ein paar Eintrittskarten, ohne sich weiter um uns zu kümmern, einer war Leopoldo Zugaza und der andere ]ose Julian Bakedano. So betraten wir also mit unseren Eintrittskarten die lange Galerie und beschauten die bun­ten, sich wie ein Ei dem anderen glei­chenden Bilder, die an der linken Wand hingen. &lt;br /&gt;Dann hielten wir vor einem der Bilder ein. &quot;Kann man es anfassen?&quot;, fragte mein Freund. &quot;Bilder faßt man nicht an&quot;, sagte ein anderer. Die Ölfarbe war großzügig aufgetragen, nicht eine Figur, tausend blaue und gelbe Schattierungen setzten sich zu einem geheimnisvollen Raum zusammen. &quot;Hier ist niemand&quot;, sagte ein Dritter, &quot;man kann es anfas­sen&quot;. Wir berührten es, und das Blau war sanft, mit einigen braunen, rauben Zonen, das Gelb weich und glatt unter unseren scheuen Fingern. &lt;br /&gt;Ich erinnere mich jetzt an jenen verbo­tenen Kontakt, weil er mit Sicherheit die erste Sünde gegen die Kunst war; wenn nicht die Sünde auch eine Form der Kunst ist. Aber - wenn es sauber ist, die Bilder anzuschauen, warum ist es schmutzig, sie zu berühren? Diese Frage hat mich lange Zeit beunruhigt, ohne daß ich eine Antwort gefunden hätte. &lt;br /&gt;Doch beim Lesen von Leonardo da Vinci versteht man leicht, warum das&amp;nbsp; Berühren verboten ist. In der Abhand­lung über die Malerei von Leonardo da Vinci findet man die hilosophischen Grundlagen der Tradition, die das Sehen über alle anderen Sinne stellt.&lt;br /&gt;In der kulturellen Tradition des Okzi­dents hat man die Sinne in zwei Grup­pen aufgeteilt, es gibt anscheinend sau­bere Sinne und schmutzige Sinne. Das Sehen und das Hören sind die sauberen Sinne, sie sind die zwei feinen Sinne, die man pflegen muß. Das Berühren, das Riechen und der Geschmack hinge­gen sind schmutzig, und man muß sich vor ihnen hüten. &lt;br /&gt;Die sich annähernden Sinne gelten im Okzident noch als Zeichen der Anima­lität. Die Malerei und die Musik hinge­gen erziehen zur Distanz und zur Betrachtung. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;13. April&lt;br /&gt;(1) Ezkurdi bedeutet Steineichenwald, eine Baumart, die Eicheln produziert, aber es ist auch ein Ortsname, genau genommen der Name eines Parks in Durango.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vladmimir Majakowski&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Am vierzehnten April 1930 bringt Vladi­mir Maiakowski sich in Moskau durch einen Schuß aus dem Revolver um. Er hinterläßt einige beschriebene Blätter, eine Art Testament und einige unvollen­dete Gedichte. Im Testament ist folgen­des zu lesen: &lt;br /&gt;&lt;em&gt;&quot;Niemand ist schuld an meinem Tod. &lt;br /&gt;Und bitte keinen Klatsch. Der Verstor­-&lt;br /&gt;bene verabscheute ihn. Mutter, Schwe­-&lt;br /&gt;stern, Freunde, verzeiht mir: Dies ist &lt;br /&gt;nicht der Weg (ich empfehle ihn nie-&lt;br /&gt;­mandem), aber ich weiß keine andere &lt;br /&gt;Lösung. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Lili, liebe mich.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kamerad Regierung: Meine Familie sind &lt;br /&gt;Lili Brik, meine Mutter, meine Schwe-&lt;br /&gt;­stern und Veronika Vitódovna Polóns-&lt;br /&gt;kaia. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Macht ihnen, bitte, das Leben erträglich. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gebt den Brik die unfertigen Gedichte. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sie werden sie entschlüsseln. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wie man zu sagen pflegt: &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schon ist alles zu Ende &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;das Schiff der Liebe &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;ist am Alltag gekentert. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ich habe mit dem Leben Frieden geschlossen. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sinnlos &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;sind die Erinnerungen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;an &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Leid &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Unglück &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;und gegenseitige Kränkungen &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vladirnir Maiakowski &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Seid glücklich. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;12-4-30 &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Freunde der Gruppe VAPP: denkt nicht, &lt;br /&gt;daß ich schwach bin. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wirklich, da ist nichts zu machen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Grüße&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sagt Yermilov, daß es mir leid tut, das &lt;br /&gt;Amt niedergelegt zu haben, ich hätte bis &lt;br /&gt;zum Schluß kämpfen sollen. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;VM. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Auf dem Tisch liegen 2000 Rubel, um &lt;br /&gt;die Steuern zu zahlen. Ihr müßt auch&lt;br /&gt; noch das Geld von Giz abrechnen.&quot;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Testament ist ein abschließendes Gedicht, es bedarf keiner Kommentare, einige Einzelheiten können jedoch hin­zugefügt werden, um es verständlicher zu machen. Lili Brik war lange Zeit die Geliebte von Vladimir Maiakowski. Der Dichter lernte Lili Brik und ihren Mann 1915 kennen, und es begann ein viel­schichtiges Liebesdreieck. Veronika Vitóldowna Polónskaia war verheiratet, Schauspielerin, und verbrachte mit Vla­dimir Maiakowski das letzte Jahr seines Lebens, wollte ihren Mann jedoch nicht verlassen. VAPP ist der Name der Orga­nisation proletarischer Schriftsteller. Als Das Bad von Vladimir Maiakowski, eine scharfe Kritik an der stalinistischen Bürokratie, uraufgeführt wurde, mach­ten die proletarischen Schriftsteller und vor allem Vladimir Yermilov, der zu die­sem Zeitpunkt Vorsitzender des Vereins war, dem Autor bittere Vorwürfe. Daraufhin hängte Vladimir Maiakowski an dem Ort, an dem das Werk uraufgeführt wurde, ein Antwortschreiben auf: &lt;em&gt;&quot;Es ist unmöglich, in einem einzigen Bad die­sen ganzen Haufen von Bürokraten zu säubern, weder die Badewannen rei­chen aus, noch die Seife, Außerdem ergreifen Kritiker wie Yermilow mit ihrer Feder Partei für die Bürokraten.&quot; &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Der Verein VAPP verbot den Text, und Vladimir Maiakowski erklärte sich damit einverstanden, sein Papier abzuhängen. Giz, letzten Endes, ist der staatliche Ver­lag. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;19. April &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Gerichte &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Einmal, als er über Gerichte sprach, erklärte Michel Foucault, daß es in den Gerichten eine Hierarchie und eine Reihe festgelegter Riten gäbe, die der verschie­denen Stühle, die der Bekleidung, die Stempelpapiere, eine bestimmte Reihen­folge von Vorschriften, sogar eine eigene und hochgestochene Sprache. Die ganze Förmlichkeit der Justizpaläste - so Michel Foucault - sei ungeignet, die Schuld oder Unschuld des Angeklagten zu beurteilen, die ganze Hierarchie und all die Riten sollen nichts anderes beweisen, als die Unschuld des Gerichtes selbst. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;10. Mai &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Die Sprache als Zuflucht &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein Seemann an der Westküste Irlands spricht, als einige Studenten, die aus Dublin gekommen sind, an ihm vorü­bergehen, mit seiner Frau, die die Netze säubert, auf gälisch. &lt;br /&gt;Die Alten aus Barkus sprechen in der taberna auf &quot;-skaa&quot;, wenn die &quot;manexak&quot; (nordbaskische Bezeichnung für Leute aus den baskischen Nachbar­provinzen) hereinkommen, so als ob sie zu verstehen geben wollten, daß sie etwas anderes sind. &lt;br /&gt;Die politischen Gefangenen der unter­drückten Völker erklären vor den Gerichten, daß sie nicht in der Staats­sprache sprechen werden, daß sie nur in ihrer eigenen minorisierten und marginalisierten Sprache sprechen werden. Die Frau aus Arneguy spricht mit dem jungen Bizkainer, der eben angekom­men ist, Euskara, versucht sich auf Eus­kara verständlich zu machen, während sie zum Zoll hinüberschaut, in einer schwierigen Unterhaltung das vereinend, was die zwei Sprachen der bei­den Zöllner trennen, hüllt dabei Traum einer Erde ohne Grenzen und Grenzer in den Schutz des Euskera. &lt;br /&gt;In den afrikanischen Hauptstädten par­lieren die jungen Leute auf französisch, weil sie von verschiedenen Stämmen sind und unterschiedliche Sprachen sprechen. Doch taucht ein Weißer auf, spricht jeder, ob sie sich verstehen oder nicht, in seiner Stammessprache, oder sie schweigen. &lt;br /&gt;Menschen, die eine Sprache sprechen, die fast niemand spricht, tun sich zusammen, und unmittelbare Vertraut­heit und äußerst starke Gefühlsbande einen sie.&lt;br /&gt;Zwei Gefangene verständigen sich von Beamten umlauert auf Euskara. Auch von Fenster zu Fenster verständigt man sich, obwohl jeder Laut auf Euskara verboten ist, in der Gewißheit, sich der Kontrolle der Beamten zu entziehen und mit der eigenen Sprache Gitter und Entfernungen zu überwinden. &lt;br /&gt;Es gibt unzählige Situationen. Die Spra­che kann darüberhinaus, daß man Beziehungen durch sie knüpft, eine Zuflucht sein. Ein Moment der Freiheit in einer durch die Umstände aufge­zwungenen feindseligen Welt, ein ver­trauter Ort, um sich vor aufdringlicher Neugier zu schützen, ein klandestiner Aufstand gegen das Unterdrückungssystem; darüberhinaus, daß sie ein Komunikationsmittel ist, bietet sie vielfältige Verwendungsmöglichkeiten für Verteidigung und Widerstand. &lt;br /&gt;Der Gebrauch der Sprache ist einer der letzten Rückhalte, die uns unterdrückten Völkern bleiben, eine kaum zu entreißende Stütze.&lt;br /&gt;Es ist sehr schwer, eine Sprache aus­zulöschen, es ist schwer, die Lippen zu verschließen und noch schwieriger ist es, dem, der sich wehrt, eine Sprache aufzuzwingen. Es ist den Fremden, den Beamten, dem herrschenden Staat unmöglich, den Mündern die Sprache des Geheimen, der Vertrautheit, der Rebellion zu entreißen, und unmöglich ist es, bringen sie auch die Münder zum Schweigen, sie den Herzen zu ent­reißen. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;7. Mai &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(...)&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Das Kalb und das Kalbfleisch&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;In Sprachzusammenhängen spiegeln sich Machtverhältnisse wider. &lt;br /&gt;In dem Buch&lt;em&gt; Linguistique et Colonialisme&lt;/em&gt; von Louis-Jean Calvet beispielsweise, einer kleinen Abhandlung über die die Entstehungsgeschichte von Sprachen, finden sich interessante Hinweise auf die soziale und idiokratische Unterdrückung des Englischen des XIV. Jahrhunderts, der Epoche der Entstehung der englischen Sprache.&lt;br /&gt;Zu jener Zeit sprach man an den Höfen und auf den Schlössern der normanni­schen Adligen sowie unter Anwälten, Rittern, und reichen Händlern franzö­sisch. Das Angelsächsische hingegen war die Sprache des einfachen Volkes, der Bauern und Leibeigenen, die keine andere Sprache kannten. &lt;br /&gt;Unterdessen entwickelte sich ein Sprachgebrauch, in dem Worte beider Sprachen verwendet wurden, um den Eigentümern von Vieh oder Land die Verständigung mit Bauern und Vieh­züchtern zu ermöglichen. Aus dieser Sprechweise entwickelte sich das moderne Englisch. &lt;br /&gt;In dem Roman Ivanhoe von Walter Scott ist im Laufe einer Unterhaltung zwischen Wanda und Girth ein bemer­kenswerter Abschnitt zu diesem Thema zu finden. Sich über häufig verwendete Worte unterhaltend, fällt ihnen auf, daß sie das Schwein, während es am Leben ist und ein Stalltier, bei seinem sächsischen Namen nennen, und ihm wenn es.einmal gestorben ist, wenn es in Schüsseln auf dem Tisch im Speisesaal des Schlosses steht, wenn es Schweinefleisch ist, den französischen Namen geben. &lt;br /&gt;Noch im modernen Englisch sind die Überbleibsel der ehemaligen Unter­drückung offensichtlich. &lt;br /&gt;Während es auf der Wiese weidet oder lebendig im Stall steht, wird das Kalb &lt;em&gt;calf&lt;/em&gt; genannt, auf französisch &lt;em&gt;veau&lt;/em&gt;, im Engli­schen auch &lt;em&gt;veel&lt;/em&gt;. Der Ochse heißt &lt;em&gt;ox&lt;/em&gt;, wie ihn die sächsischen Ochsentreiber nannten, doch aufgrund des franzöischen Einflusses &lt;em&gt;boeuf&lt;/em&gt; heißt das Ochsenfleisch &lt;em&gt;beef.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Ebenso ist es beim Hammel, er heißt &lt;em&gt;sheep&lt;/em&gt;, während er mit seinen Hörnern und all seinem Fell herumspaziert, doch&amp;nbsp; durch den französischen Einfluß &lt;em&gt;mutton&lt;/em&gt; wird das Hammelfleisch im Englischen &lt;em&gt;mutton&lt;/em&gt; genannt. &lt;br /&gt;Wie das alte Sprichwort&lt;em&gt; izana dela badakigul&lt;/em&gt; (1) sagt, zeigt sich in Worten das Geschehen von einst, erinnern die Spra­chen an andere Welten.&lt;em&gt;&lt;br /&gt;4. Juni&lt;br /&gt;1 Der name ist das Sein&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(...) &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&quot;Regen&quot; sagen, und es regnet&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wir werden&lt;br /&gt;schweigend Worte wechseln. &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;Balbina Ederra &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;- Jene Abenddämmerungen waren Stunden des Spiels und des Mysteriums. Erinnerst du dich?&lt;br /&gt;- Ja, bei den letzten Sonnenstrahlen glätteten wir das Gras hin, um zu schlafen, und begannen zu quaken und im ganzen Tal ihre Klänge. &lt;br /&gt;- Als wir uns verkleideten und mit ren Kinderstimmen kreischend Höfe und Wiesen zogen. &lt;br /&gt;- Aber du kamst nicht jedes Mal mit, während wir anderen loszogen, setztest du dich zu dem Blinden. Was erzählte der Blinde dir? Er stellte mir Fragen, nach jedem Ding, wo es sich befand, ob sich etwas verän­dert hatte, wie die Dinge sich beweg­ten, und ich erklärte es ihm...&lt;br /&gt;- Du bliebst immer bei ihm, bis es Nacht wurde, und hast an seiner Seite gesessen. &lt;br /&gt;- Auch ich stellte ihm Fragen, über die Zeit, als er die Welt durchkreuzt hatte, man sagte, daß ihn sein Augenlicht erloschen sei, er zu gesehen hatte. Du fragtest ihn nach der Sonne, und er sagte zu dir, daß die Sonne sich in den Hochöfen von Bilbao versteckt hielte. Er sagte, daß die Kaul­quappen ins Meer gingen, nachdem sie in den Pfützen gewachsen waren, und sich dort in Tiere verwandelten, die größer waren als Kühe, Tiere, die Wale genannt wurden.&lt;br /&gt;- Einmal, ich erinnere mich, kamst du und sagtest, daß es Steine regnen würde. &lt;br /&gt;- Er sagte zu mir, daß beim Weltunter­gang haufenweise Steine in der Gegend von Barranktt fallen und alles zermal­men und dem Erdboden gleichmachen würden. &lt;br /&gt;- Aber es ist niemals auch nur ein einzi­ger Stein bei Barranku gefallen. &lt;br /&gt;- Ja, im nachhinein begreift man, daß das Ende der Welt nicht plötzliche Zer­störung ist, sondern ein langsames Ertrinken, das sich bei jeder Abenddäm­merung vollzieht.&lt;br /&gt;- Das, woran ich mich am deutlichsten erinnere, sind die Fledermäuse und wie wir die Boinas auf sie warfen. Man sagt, daß sie sehr, sehr alte Tiere seien. &lt;br /&gt;- Sie tauchten immer in der Abenddäm­merung auf, mit unruhigem Flug. Der Blinde sagte, daß Fledermäuse den Rosenkranz auf lateinisch beten können und daß wir ihnen keinen Schmerz zufügen sollten. &lt;br /&gt;- Manchmal denke ich, daß wir damals glücklich waren. &lt;br /&gt;- Das Glück, weißt du, was Glück ist? Es ist, wenn man &quot;Regen&quot;&#039; sagt, und es reg­net.&lt;br /&gt;- Jetzt sind wir wie ein vergessenes Lied.&lt;br /&gt;- Hör mal, schläfst du in der Nacht? Hörst du nicht den Lärm der Züge? &lt;br /&gt;- Ja, Lärm von Zügen, ja, viele fahren Nacht vorbei, aber keiner hält an. &lt;br /&gt;- Hier gibt es weder Bahnhof noch Gleise. Die Züge fahren unter der Erde entlag. &lt;br /&gt;&lt;em&gt;10. Juni &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 02 Mar 2014 11:45:50 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Performing the Gap</title>
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                    &lt;p&gt;Um die Illusion zweier sauber geschiedener Geschlechter aufrecht zu erhalten, kennt unsere Sprache nur die zwei Artikel „sie“ und „er“ sowie die zwei darauf bezogenen Wortendungen, zumeist das weibliche „...in“ und das männliche „...er“. Alles, was außerhalb dieser Ordnung liegt, wird fortwährend verleugnet, denn der Vorstellungshorizont unserer Sprache ist auf eine binäre Struktur eingegrenzt. Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _.&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;Um die Illusion zweier sauber geschiedener Geschlechter aufrecht zu erhalten, kennt unsere Sprache nur die zwei Artikel „sie“ und „er“ sowie die zwei darauf bezogenen Wortendungen, zumeist das weibliche „...in“ und das männliche „...er“. Alles, was außerhalb dieser Ordnung liegt, wird fortwährend verleugnet, denn der Vorstellungshorizont unserer Sprache ist auf eine binäre Struktur eingegrenzt. Dagegen möchte ich einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit setzen, einen Ort, den es zu erforschen gilt und um den wir kämpfen sollten, er sieht so aus: _.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Damit ist der Platz markiert, den unsere Sprache nicht zulässt, ein Raum spielerischer und erotisch-lüsterner Geschlechtlichkeit, den es in unserer Geschlechterordnung nicht geben darf&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_rtyc9x2&quot; title=&quot;Vgl. z.B. den Film Das verordnete Geschlecht von Oliver Tolmein. Eine weitere Auswahl zu diesem Thema und regelmäßiges Screening bietet A.G. Gender-Killer.&quot; href=&quot;#footnote1_rtyc9x2&quot;&gt;1&lt;/a&gt;. Genderbending&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_k0nct7n&quot; title=&quot;To bend (engl.): beugen, verbiegen.&quot; href=&quot;#footnote2_k0nct7n&quot;&gt;2&lt;/a&gt; wird nicht allein in unserer alltäglichen Praxis immer wieder zensiert und gewaltsam unterdrückt, darüber hinaus bildet auch seine sprachliche Repräsentation eine Unmöglichkeit. Alle, die sich nicht unter die beiden Pole hegemonialer Geschlechtlichkeit subsumieren lassen wollen und können, werden entweder aus diesem Repräsentationssystem ausgeschlossen oder von ihm vereinnahmt - ein eigener Ort bleibt uns verwehrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist der _ in Leser_In, Freund_In, Liebhaber_In, der genau diesen Raum bilden soll. Zwischen die Grenzen einer rigiden Geschlechterordnung gesetzt, ist er die Verräumlichung des Unsichtbaren, die permanente Möglichkeit des Unmöglichen. Mit dieser Sichtbarmachung wird die Achse des zweigeschlechtlichen Imaginären auf jenen Punkt hin dezentriert, der ihr das sichere Gefühl der Normalität versagt: auf den Ort abweichender, perverser Geschlechtlichkeit. Transgender-People und Gender-Outlaws stellen jene „Abweichungen“ von Geschlecht dar, durch die sich unsere Geschlechterordnung ihrer Normalität versichert. Diese Konstruktion verliert ein gutes Stück ihrer Schlüssigkeit in jenem Moment, in dem wir diesen Ort in die Sprache eintreten lassen: _. Die Grenze mit ihrer unsichtbaren Bevölkerung wird zum Ort, indem die beengenden Schranken der Zweigeschlechtlichkeit - du Leser auf der einen, und du Leserin auf der anderen – auseinander geschoben werden, um dem verleugneten Anderen Platz zu machen: du Leser_In nimmst diesen Platz ein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die gesetzte Marke eröffnet so einen erotischen Raum, in dem sich Gendermigrant_Innen aller Couleur tummeln können. Dabei handelt es sich natürlich nicht nur darum, allein einen Raum für Intersexuelle, also Leute mit zwei Geschlechtsmerkmalen, zu öffnen. Damit wäre der Raum wieder auf eine Ableitung reduziert, die Ableitung der Geschlechtsidentität aus einem scheinbar determinierenden Körper. Auch handelt es sich nicht ausschließlich um einen Raum für diejenigen von uns, die sich von „innen“ heraus „anders“ fühlen; damit wäre die Geschlechtsidentität wieder auf einen Raum dubioser Innerlichkeit reduziert, den der postmoderne Feminismus zur Genüge dekonstruiert hat. Beides würde den politischen Charakter von queer nicht einholen, denn mit der gesetzten Marke _ ist auch ein politischer Raum widerständiger Praktiken eröffnet, der keine Voraussetzungen macht. Queer kann nicht echt sein, es gibt nichts, was die Authentizität von queer legitimiert. Queer heißt einzig und allein „performing the gap“, den _ zu leben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Damit soll nicht der queere Körper per se zum Politikum gemacht werden&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_72r5aoq&quot; title=&quot;Für eine entsprechende Kritik siehe Von hier nach queer: Feminismus, Identität, Nation, in: Kossek, Brigitte, Gegen-Rassismen, Hamburg/Berlin 1999.&quot; href=&quot;#footnote3_72r5aoq&quot;&gt;3&lt;/a&gt;. Die Aneignung queerer Lebensweisen muss weiterhin mit einer linksradikalen Position verknüpft bleiben, wenn sie eine radikale Gesellschaftskritik sein möchte. Doch zunächst muss klar sein, was es überhaupt bedeutet, sich ein queere Position zu eigen zu machen. Ich kehre daher zur Frage zurück: Was kann es heißen, sich diesen _ anzueignen?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Trans ...?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Überblick im Park neuer Subjektivitäten kann einem schnell verloren gehen, denn Attribute wie transsexuell, transidentitär oder transgender werden gerne und oft als wechselseitig austauschbare Begriffe benutzt. Mir geht es nicht darum, dieses Spiel still zu stellen oder durch Definitionen einzugrenzen. Ich möchte lediglich die hegemoniale Konstruktion transsexueller Positionen etwas näher betrachten. Transsexuelle haben in Frage gestellt, dass unser Körper auf ewig einem Geschlecht angehören muss. Körper sind für sie nicht länger jene festen und immergleichen Materialitäten, mit denen wir geboren werden, sondern form- und dehnbare Einheiten, die durch Crossdressing, Hormone und Operationen angeeignet werden können. Statt jedoch die daraus entstehenden Geschlechtlichkeiten zuzulassen, zwingen medizinische und juristische Standards zu binärer Eindeutigkeit&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_7xg658u&quot; title=&quot;Vgl. auch den Artikel von Ulle Jäger und Christian Sälzer: entweder oder und der rest, in: diskus 3/99.&quot; href=&quot;#footnote4_7xg658u&quot;&gt;4&lt;/a&gt;, gegen den Willen vieler Transsexueller, die gerne darauf verzichten würden, ihren Körper dem je gewünschten Geschlecht anzupassen. Als transsexuell gelten nach herrschender Definition aber nur diejenigen, die eine vollkommene Umwandlung von female to male (ftm) oder male to female (mtf) vornehmen. Der Signifikant dieser Vollkommenheit kann in einer heteronormativen Gesellschaft natürlich nur das Genital sein. Vagina und Penis werden einmal mehr als jene Merkmale aufgeladen, die Frau- oder Mann-Sein ausmachen. Warum eine mtf-Transsexuelle, die schon längst als Frau durchgeht, erst nach dem operativen Eingriff eine amtlich „echte“ Frau ist, bleibt dabei hinter einem Berg bürokratischer Maßnahmen und Regelungen verborgen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das widerständige Potenzial dieser Aneignungsform ist daher sehr begrenzt. Sie führt zwar einen Bruch in die Logik natürlicher Körper ein, indem sie die lebenslange Zugehörigkeit zu einem Geschlecht hinterfragt, vermag deren Strukturierung aber nicht zu überwinden. Der Raum, den wir oben versucht haben einzuführen, existiert für Transsexuelle nur als ein Transitraum. Es ist für sie nicht möglich, sich zwischen den Grenzen hegemonialer Geschlechtlichkeit niederzulassen. Stattdessen geht es gezwungenermaßen darum, diese Grenzen möglichst sauber und unauffällig zu überwinden. Die konstruierte Transsexuelle ist eine TransITsexuelle. Sie durchquert oder kreuzt den _ zwischen den Polen hegemonialer Geschlechtlichkeit, ohne die Möglichkeit zu haben, diesen Raum dauerhaft zu besetzen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Cyborg-Szenarien und queere Lüste&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;In einer queeren Perspektive geht es aber genau darum, in diesen Raum zu floaten und dort zu verweilen, sich die dort liegenden Geschlechtsmöglichkeiten zu Eigen zu machen und sich darin zu räkeln und auszutoben. Aneignung bedeutet hier: Einen Raum der Lust, des Unbekannten und des experimentellen Spiels zu durchstreifen; sich einer Veränderung hinzugeben, deren Ende unbestimmt ist. Queer oder transig zu sein heißt, nicht mehr in die traditionellen Konzepte von Körper, Geschlecht und Begehren zu passen; es heißt, traditionelle Bilder zu entgrenzen. Eine Vorstellung, die Donna Haraway mit der berühmten Metapher der Cyborg belegt hat. Die Cyborg ist das Geschöpf einer Post-Gender-Welt, Hybrid aus Mensch und Maschine, welche die Grenzen zwischen natürlich/künstlich, innen/außen, normal/pervers oder männlich/weiblich zusammenbrechen lässt. Als Grenzgängerin verwischt die Cyborg diese scheinbaren Gegensätze, denn sie befindet sich in einem Zustand, der jenseits dieser Gegensätze liegt. Sie ist damit die Paradefigur des oben eröffneten _, denn anstatt „nur“ eine Störung der gegebenen Ordnung zu sein, kündigt die Cyborg das Heraufziehen von neuen Körpersubjektivitäten an. An den Anfang setzt Haraway dann auch die Frage: „Warum sollte unser Körper an unserer Haut enden?“&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_zl3g7qi&quot; title=&quot;Donna Haraway, Manifest für Cyborgs, Frankfurt/M. 1995, S. 68. Ähnliche Fragen und Figuren werden auch immer wieder in der feministischen Science Fiction-Literatur entworfen. Für einen hervorragenden Überblick siehe www.feministische-sf.de.&quot; href=&quot;#footnote5_zl3g7qi&quot;&gt;5&lt;/a&gt; Ich will mich auf die Spur dieser Frage begeben und drei verschiedene Cyborg-Szenarien rund um Körper, Geschlecht und Sexualität betrachten:&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;‹Alles was wahr ist...›&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Warum sollten nur die Praxen, die wie das Einnehmen von Hormonen oder kosmetisch-operative Eingriffe „unter die Haut“ gehen, unseren Geschlechtskörper verändern? Eine solche Position würde gänzlich den gesellschaftlich-phantasmatischen Anteil an unserem Körper verkennen. Denken wir beispielsweise an die Gummischwänze und Gummibrüste, wie sie von Crossdresser_Innen gerne getragen werden. Warum sollten sie nicht Teil des Körpers sein? Weil sie sich nicht echt anfühlen? Aber was soll denn bitte „echt anfühlen“ heißen? Fühlen sich die abgebundenen Brüste einer butch etwa echter an als meine Gummititten? Ich fühle sie sehr wohl, ich spüre sie als Teil meines Körpers, es erregt mich, wenn meine Freund_In daran herumfummelt. Und dass sie nicht Teil meines Körpers sein sollten, auf diese Idee würde ich nicht kommen. Ich kann vielleicht keinen Brustkrebs bekommen, noch kann ich mein Baby stillen, aber sollen das etwas die Merkmale sein, die darüber entscheiden, ob meine Brüste ein Teil meines Körpers sind oder nicht?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Den Begriff des Geschlechtskörpers gänzlich davon abzukoppeln, wie er auf der einen Seite von den Einzelnen gefühlt und auf der anderen Seite von anderen rezipiert wird, heißt die Vorstellung davon, was ein Körper ist und sein kann, auf eine seltsame Weise zu versperren. Und indem wir diese gesellschaftlich-phantasmatische Dimension unseres Körpers anerkennen, eröffnen sich uns neben den altbekannten Möglichkeiten eine Reihe neuer Körpersubjektivitäten, die auszuprobieren wir eingeladen sind. Die Trennung von sex und gender hält diesem Spiel nur insofern stand, als sie die „unhintergehbare Faktizität“ unseres sex hinter sich lässt und anerkennt, dass unser Biogeschlecht immer auch ein soziales ist. Eines, dem wir uns auf verschiedenste Weise bemächtigen können und das wir de- und rekonfigurieren können, um neue Kombinationen zwischen den verschiedenen „Geschlechtsmerkmalen“ herzustellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Diskurs „primärer“, „sekundärer“ und „phantasmatischer“ Körpermerkmale ist jedoch selbst wieder zu hinterfragen. Die Aneignung verqueerer Geschlechtspositionen besteht längst nicht ausschließlich darin, körperliche Kohärenzvorstellungen zwischen Vagina, Brüsten und Penis neu zu ordnen - auch wenn darin lustvolle und verführerische Möglichkeiten liegen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;‹...ist das was war...›&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Unser Geschlecht ist noch auf eine ganz andere Weise in unseren Körper verstrickt. Insofern unser Körper auch immer ein wissender Körper ist, Speicher einer Unzahl von gesellschaftlich normierten Handlungs- und Verhaltensweisen, kann die Aneignung des _ auch etwas ganz anderes bedeuten als die Aneignung von „primären“ oder „sekundären“ Geschlechtsmerkmalen. Einen Körper zu haben heißt aus dieser Perspektive, ein Set an Inszenierungspraktiken zu beherrschen, das jederzeit abrufbar und einsetzbar ist. Praktiken, die wir nicht bewusst ausführen oder ausüben, sondern die vielmehr in unseren Körper auf scheinbar „natürliche“ Weise eingelagert sind. Wir kennen es zur Genüge: Jungs sitzen gern breitbeinig und spielen gern mit Autos, wohingegen Mädels mehr auf &#039;Backe backe Kuchen&#039; und die keusch verkreuzten Beinchen stehen...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was unseren Körper zu einem geschlechtlich bestimmbaren macht, ist eine spezifische Art des Seins, sein Habitus. Dieser besteht aus einem Bündel von Alltagspraxen, das vom wohl geschulten Augenaufschlag bis zum gekonnten Hüftschwung, vom lässigen Gang bis zum selbstsicheren Ton in der Stimme reicht. Ein Knäuel aus kosmetischen, gestischen und sprachlichen Verhaltensweisen verdichtet sich hier zu dem, was unserem Körper sein Geschlecht erteilt. Was aber, wenn diese Codes neu zugeordnet werden, wenn boyz beginnen sich aufzutakeln und ihren body sexy durch die Straßen schwingen, oder wenn grrrls breit und rotzig daherstampfen? Dann verändert sich nicht nur einfach eine Repräsentation oder Inszenierung, sondern ein Verhältnis zum eigenen Körper, ein Gefühl, was es heißt, dieser Körper zu sein und er sein zu wollen. Was nun, wenn diese Neucodierung subtiler und vielachsiger verläuft? Wenn sie sich nicht einfach an den gängigen Geschlechtergrenzen orientiert, um deren Stereotype auszutauschen? Welche Körper werden wir dann sein? Der Punkt ist, dass unsere Verhaltensweisen nicht auf unseren Körper aufgesetzt sind, sondern ihn erst zu einem Körper machen, der sich auf eine bestimmte Weise anfühlt und der auf eine bestimmte Weise wahrgenommen wird, kurz: der ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beispielhaft möchte ich hier die maskuline Lesbe, die butch, anführen. In ihrer Geschlechterinszenierung eignet sie sich verschiedene Codes von Maskulinität an&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_6dafdoi&quot; title=&quot;Auch diskutiert bei Antke Engel, Wider die Eindeutigkeit, Frankfurt/M. 2002.&quot; href=&quot;#footnote6_6dafdoi&quot;&gt;6&lt;/a&gt;, die es ihr jenen souveränen Status anzunehmen erlauben, der sonst dem männlichen Subjekt vorbehalten bleibt. Dieser Prozess der Selbstermächtigung ist das Einsetzen eines neuen Geschlechtskörpers. Die durch Umarbeitung hinterlassenen, überstehenden Ränder und Überlappungen machen aus der butch nicht einfach einen Mann - der sie auch gar nicht sein will. Vielmehr machen sie ihre Aneignungsbewegungen zu jener erotischen Gestalt, die sich im _ zwischen den Geschlechter eingerichtet hat.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;‹...nicht mehr wahr ist.›&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Queer sex is great!“ ist an Kreuzberger Häuserwänden zu lesen – und es stimmt, queere Sexualität ist sexy. Dass sich hier neue und aufregende Konfigurationen verbergen, das hat auch die Pornobranche für sich entdeckt. So dürfen nun auch Trans-People - oder besser gesagt „big dicked shemales“ - für die Kamera blasen, ficken und abspritzen. Was damit in Frage gestellt wird, ist die Vorstellung einer ausschließlich heterosexuellen Lust, denn die traditionellen Begriffe greifen hier längst nicht mehr. An was ergötzt sich denn der/die Zuschauer_In, wenn Frau oder Mann mit Trans_mann oder Trans_frau fickt und bläst? Schwul ist das nicht, lesbisch auch nicht und hetero schon gar nicht, aber was dann? Diese Art der Irritationen ist jedoch auch schon alles, was uns der Queer-Porno an „subversivem Potential“ zu bieten hat. Denn unangetastet wird hier das Primat genitaler Lust mitsamt seines patriarchal-sexistischen Gehalts übernommen. Übergangen wird so, dass Voyeurismus, Fetischismus und S/M auch auf andere Art und Weise als in einer aggressiv-männlichen Sexualität in unsere Sexspiele eingehen können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Queere Sexualität lässt den genital-patriarchalen Sex zugunsten eines &#039;perversen Begehrens&#039; hinter sich, das haben verschiedene Queertheoretiker_Innen zu zeigen versucht. Perverses Begehren, das gemeinhin ab dem Moment als pervers gilt, wo es von seiner reproduktiven Funktion abgekoppelt ist, ist für sie Teil einer postgenitalen Erotik, die sich am Fetisch orientiert. Damit ist eine Erotik gemeint, die sich nicht mehr über die Härte des männlichen Sex definiert, sondern die eine neue Sprache des Körpers entdeckt. Die Phantasie spielt bei dieser Neubesetzung eine entscheidende Rolle. Die Zonen der Lust und des Begehrens werden über sie an Fetischobjekte vermittelt, die nicht mehr an jene Zonen traditioneller Heteroerotik gebunden sind. Die so zugelassenen vielfältigen repräsentationalen Besetzungen erlauben eine Re-/Erotisierung von Bereichen, die unter dem Primat heterosexueller Lust unzugänglich waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Teresa de Lauretis, eine der bekanntesten Queertheoretikerinnen, sieht das perverse Begehren in der lesbischen Beziehung zwischen butch und femme am Werk. Zentrales Element des gegenseitigen Begehrens bilden hier nicht einfach die traditionell erotisierten Gebiete des Körpers, sondern einzelne, phantasmatisch durchsetzte Elemente der Erscheinung oder Selbstdarstellung sowie die Präsentation physischer, intellektueller oder emotionaler Eigenschaften. Gerade weil sich die Erotik auf solche Zeichen verschiebt, die an eine begehrliche Phantasie gebunden sind, spielt die Maskerade in den butch/femme-Beziehungen eine so wichtige Rolle. Gegenseitiges Begehren ist hier vor allem ein gegenseitig geteiltes Phantasieszenarium. Entscheidend ist dabei die eröffnete Abkehr von einer genital fixierten Körperlichkeit zugunsten einer Hingabe an Codes und Zeichen, welche die Gesamtheit des Körpers neu zu besetzen vermögen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Aneignung revisited&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die angeführten Szenarien zeigen, welche neuen Konfigurationen von Körper und Geschlecht uns offen stehen. Die Aneignung eines Raumes „in between“, des _, verändert, was als Erfahrung von Geschlecht und Körper möglich ist und war. Die Aneignungsbewegungen, die wir betrachtet haben, erlauben uns nun den Begriff „geschlechtliche Aneignung“ etwas genauer zu fassen. Zunächst einmal zeigt sich, dass Aneignung immer eine praktische Tätigkeit im Verhältnis zur Welt bedeutet, eine Tätigkeit, die mehr ist als einfaches Besitzergreifen&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_xkwtbdo&quot; title=&quot;Vgl. auch den Aufsatz von Rahel Jaeggi, Aneignung braucht Fremdheit, in: Texte zur Kunst, Heft 46&quot; href=&quot;#footnote7_xkwtbdo&quot;&gt;7&lt;/a&gt;. Sich etwas zu Eigen machen ist mehr als nur etwas äußerlich zu &#039;haben&#039;. Aneignung ist vielmehr mit Durchdringung und Hingabe verbunden. Anders als beim &#039;Kaufen&#039; oder &#039;in Besitz nehmen&#039; ist das &#039;zu eigen machen&#039; ein offener Prozess, dessen Ende nicht klar zu bestimmen ist. Hier handelt es sich nicht um das einfache Ablaufen eines vorkalkulierbaren Prozesses oder das souverän-überschauende Handeln eines männlichen Subjektes. Vielmehr geht es darum, sich auf etwas einzulassen, oder besser: sich von etwas verführen zu lassen, von dem wir nicht im Vorhinein wissen, was es ist. Geschlechtliche Aneignung ist eine Praxis. Eine Praxis, welche durch Offenheit gekennzeichnet ist. Damit ist sie eine Praxis für neugierige, nicht-souveräne und antipatriarchale Subjekte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf diese Weise ist auch ein grundlegender Unterschied zu einem marxistischen Aneignungsbegriff benannt: Es gilt nicht, etwas Verlorenes, ursprünglich Eigenes wieder anzugeignen. Hier wird nicht aus der Perspektive der Entfremdung gesprochen, sondern aus der Perspektive lustvoller und ungewisser Neugierde. Aneignung bedeutet hier keine Rückkehr, kein Zurück zu einem Zustand, der jetzt schon zu benennen wäre. Vielmehr ist dieser Prozess durch seine Ungewissheit gekennzeichnet, wie sie eine undogmatisch-emanzipatorisch Linke besitzen sollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine Politik der Aneignung zeichnet sich durch ihren positiven und ermöglichenden Charakter aus. Grenzen, Schranken und Barrieren werden nicht dadurch sichtbar gemacht, dass sie zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von aufklärerischen Aktionen gemacht werden. Attackiert werden sie vielmehr dadurch, dass sie überschritten werden und dass eine Bandbreite an verlockenden Möglichkeiten aufgezeigt wird, die wir uns nehmen können und sollten. Diese Politik ist nicht mehr durch jene defensive Haltung gekennzeichnet, wie sie viele von uns kennen, sondern durch eine offensive Politik der Überschreitung und der Leidenschaft. Das hat auch die Betrachtung verschiedener geschlechtlicher Aneignungsformen gezeigt, ohne Zweifel eine Praxis, die auf Hindernisse trifft und die mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden ist, da, wo sie auf Widerstände, die scharfen Kanten und stumpfen Grenzen des Systems trifft, die jedoch einen grundlegend positiven und lustvollen Charakter hat. Im Gegensatz zum frustrierenden „Aufklärungsalltag“ liegt hier ein Potential linker Praxis, das mit Spaß, Lust und Erotik verbunden ist.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_rtyc9x2&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_rtyc9x2&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Vgl. z.B. den Film &lt;em&gt;Das verordnete Geschlecht&lt;/em&gt; von Oliver Tolmein. Eine weitere Auswahl zu diesem Thema und regelmäßiges Screening bietet &lt;a href=&quot;http://www.gender-killer.de&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur A.G. Gender-Killer&quot;&gt;A.G. Gender-Killer&lt;/a&gt;.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_k0nct7n&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_k0nct7n&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; To bend (engl.): beugen, verbiegen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_72r5aoq&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_72r5aoq&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Für eine entsprechende Kritik siehe &lt;em&gt;Von hier nach queer: Feminismus, Identität, Nation&lt;/em&gt;, in: Kossek, Brigitte, &lt;em&gt;Gegen-Rassismen&lt;/em&gt;, Hamburg/Berlin 1999.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_7xg658u&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_7xg658u&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Vgl. auch den Artikel von Ulle Jäger und Christian Sälzer: &lt;em&gt;entweder oder und der rest&lt;/em&gt;, in: &lt;a href=&quot;http://www.copyriot.com/diskus/&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur diskus-Webseite&quot;&gt;diskus&lt;/a&gt; 3/99.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_zl3g7qi&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_zl3g7qi&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; Donna Haraway, &lt;em&gt;Manifest für Cyborgs&lt;/em&gt;, Frankfurt/M. 1995, S. 68. Ähnliche Fragen und Figuren werden auch immer wieder in der feministischen Science Fiction-Literatur entworfen. Für einen hervorragenden Überblick siehe &lt;a href=&quot;http://www.feministische-sf.de&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur Seite www.feministische-sf.de&quot;&gt;www.feministische-sf.de&lt;/a&gt;.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_6dafdoi&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_6dafdoi&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; Auch diskutiert bei Antke Engel, &lt;em&gt;Wider die Eindeutigkeit&lt;/em&gt;, Frankfurt/M. 2002.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_xkwtbdo&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_xkwtbdo&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; Vgl. auch den Aufsatz von Rahel Jaeggi, &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.textezurkunst.de/46/aneignung-braucht-fremdheit/&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;Rahel Jaeggis Aufsatz online&quot;&gt;Aneignung braucht Fremdheit&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;, in: &lt;em&gt;Texte zur Kunst&lt;/em&gt;, Heft 46&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:20 +0000</pubDate>
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