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 <title>arranca! - Stadtpolitik</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/44/0</link>
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 <title>Stadtvision gegen Privatisierung</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/50/stadtvision-gegen-privatisierung</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Über den Kampf um das Berlin-Kreuzberger „Dragonerareal“ als Versuch, der neoliberalen Inwertsetzung zu entgehen, ohne sich in eine radikale Nische linker Freiräume zurückzuziehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein ehemaliges Kasernengelände mitten in Berlin, seit knapp einem Jahrhundert als Gewerbegebiet an eine Vielzahl kleiner Handwerksbetriebe vermietet, wird im Jahr 2009 von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) übernommen. Seitdem arbeitet die BImA daran, das Gelände zum höchstmöglichen Preis zu verkaufen – egal an wen. Leerstehende Flächen und Gebäude werden seitdem nicht mehr vermietet. An der Bausubstanz wird nur das Nötigste getan.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Über den Kampf um das Berlin-Kreuzberger „Dragonerareal“ als Versuch, der neoliberalen Inwertsetzung zu entgehen, ohne sich in eine radikale Nische linker Freiräume zurückzuziehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Ein ehemaliges Kasernengelände mitten in Berlin, seit knapp einem Jahrhundert als Gewerbegebiet an eine Vielzahl kleiner Handwerksbetriebe vermietet, wird im Jahr 2009 von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) übernommen. Seitdem arbeitet die BImA daran, das Gelände zum höchstmöglichen Preis zu verkaufen – egal an wen. Leerstehende Flächen und Gebäude werden seitdem nicht mehr vermietet. An der Bausubstanz wird nur das Nötigste getan.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zuerst wollte sich die Hamburger &lt;em&gt;ABR German Real Estate&lt;/em&gt; AG dieses „Filetstück“ sichern und bot 21 Millionen Euro, um kurz darauf vom Gebot zurückzutreten. Zwei Jahre später, im Jahr 2014, legte eine eigens für den Aufkauf, die Luxusbebauung und den profitmaximierenden Verkauf des Geländes gegründete Kapitalgesellschaft noch einmal die Hälfte drauf. Die &lt;em&gt;Dragonerhöfe GmbH&lt;/em&gt;, mehrheitlich im Besitz eines global agierenden Immobilieninvestors namens &lt;em&gt;EPG Global Property Investment&lt;/em&gt;, bot 36 Millionen Euro. Der Berliner Investor Arne Piepgras, der dafür bekannt ist, Kunst und alternative Subkultur für die Vermarktung von Luxus-Immobilienprojekten zu instrumentalisieren, hatte den Deal als Strohmann vor Ort eingefädelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Kreuzberger Bergmannkiez, in dessen Nähe das Gelände liegt, gehört inzwischen zu den begehrtesten und teuersten Gegenden Berlins. Der Investor hat diese Marktentwicklung aufmerksam verfolgt und rechnet sich hohe Gewinne aus. Bezahlbarer Wohn- und Arbeitsraum für einkommensarme Menschen, von Verdrängung massenhaft bedroht oder betroffen, ist so nicht machbar. Auch die lästigen Autoschrauber*innen, der lärmende Club und die meisten anderen noch bestehenden Betriebe würden weichen müssen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im März 2015 winkte der Bundestag den Verkauf mit den Stimmen der großen Koalition anstandslos durch. Auf Betreiben des Landes Berlin sperrte sich aber der Bundesrat und nahm in der Finanzausschuss-Sitzung im September 2015 sein Vetorecht wahr. Angesichts explodierender Mieten und des eklatanten Mangels an bezahlbarem Wohnraum sowie auf politischen Druck zahlreicher Initiativen hatte der Berliner Senat inzwischen das Gelände für seine Wohnungsbau-Agenda entdeckt. Er wollte das Areal zur Hälfte des gebotenen Preises selbst kaufen. Um zusätzlichen Druck aufzubauen, erklärte er das Areal und die umliegenden Straßenzüge im Eilverfahren zum Sanierungsgebiet. Doch bis heute weigert sich das Bundesfinanzministerium, dem die Behörde BImA unterstellt ist, den Verkauf rückabzuwickeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Neoliberales Lehrstück im Kiez&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was klingt wie eine Story aus einem neoliberalen Investor*innenroman, ist die jüngste Geschichte des so genannten Dragonerareals in Berlin, ein versteckt liegendes Gelände zwischen dem gentrifizierten Kreuzberger Bergmannkiez und den Luxusbauten am neuen Gleisdreieckpark. Wer verstehen will, wie neoliberale Stadtentwicklung funktioniert, hat hier ein Lehrbeispiel vor sich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Eigentümerin und Verwalterin des Dragonerareals, die BImA, wurde im Jahr 2004, auf dem Höhepunkt der rot-grünen Reformen gegründet. Ihr gesetzlich festgelegter Zweck besteht darin, öffentliche Liegenschaften so teuer wie möglich zu vermieten oder zu verkaufen. Die BImA kann und darf gar nicht anders als betriebswirtschaftlich „effizient“ und gewinnmaximierend handeln, zumal die an den Bundeshaushalt abzuführenden Gewinne auf Jahre festgeschrieben sind. Hier wurde eine politische Entscheidung – die Privatisierung öffentlichen Eigentums – in ein bürokratisches Verfahren überführt und als Sachzwang abgesichert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So überrascht es kaum, dass die Behörde 96 Prozent ihrer Wohnungen und Liegenschaften an Private verkauft. Formell ist die BImA dem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble unterstellt, der die „schwarze Null“ zum Dogma erklärt hat. Für 36 Millionen Euro setzt er sich nicht nur über die Interessen der Stadt Berlin, sondern auch über parlamentarische Regeln hinweg. Mit der im Jahr 2009 beschlossenen und seit 2011 schrittweise greifenden „Schuldenbremse“ wirkt hier eine weitere, als institutioneller Zwang getarnte politische Entscheidung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Land Berlin, das heute als politische Gegenspielerin Schäubles auftritt, war wiederum im Jahr 2001 selbst Vorreiterin einer solchen verwertungsgetriebenen Liegenschaftspolitik. Jahrelang wurden Grundstücke und landeseigene Wohnungen verscherbelt, die Verwaltung auf Effizienz getrimmt und öffentliche Leistungen gekürzt, um Schulden abzubauen und die Folgen des Berliner Bankenskandals zu schultern. Gleichzeitig hat der Senat die „Aufwertung“ von Innenstadtvierteln mit stadtpolitischem Fortschritt gleichgesetzt und das Versagen des Berliner Wohnungsmarktes verschlafen. Noch im Wahlkampf 2011 hat der SPD-Bürgermeister Wowereit steigende Mieten als „positives Zeichen“ für die Stadt propagiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während der Senat sich durch den massiven Verkauf öffentlicher Wohnungen und Grundstücke und durch die rapide sinkende Zahl an Sozialwohnungen selbst politisch handlungsunfähig gemacht hat, beißt er dank der beschriebenen institutionellen Absicherungen bei den Bundesliegenschaften auf Granit. Der Staat muss beim Staat als Bittsteller auftreten, um öffentliche Interessen wahrzunehmen – und scheitert an den selbst geschaffenen Zwängen. Am Dragonerareal wird unmittelbar nachvollziehbar, wie Austeritätspolitik demokratischen und sozialen Zielen entgegensteht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seit Jahren bildet sich, auch infolge der Weltwirtschaftskrise von 2008, eine Spekulationsblase auf dem Berliner Immobilienmarkt. Ein Überschuss an Kapital sucht sichere Anlagen, und findet sie in Immobilienprojekten, die durch Aufkauf, Luxussanierung oder -neubau sowie hochpreisigen Verkauf schnelle und sichere Gewinne versprechen. Während sich ein öffentlicher sozialer Wohnungsbau an Baukosten und Höchstmieten orientieren muss, kann ein international agierender, auf profitable Immobiliengeschäfte spezialisierter Investor ganz andere Grundstückspreise zahlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die hohen Preise wiederum können vor allem deswegen realisiert werden, weil mit der „lebendigen, authentischen und bunten“ Urbanität der gewachsenen Innenstadtviertel und der „Kreativität“ ihrer Bewohner*innen geworben werden kann. Im Falle des Dragonerareals sollten ein „Kulturcampus“ mit Ateliers, Galerien und ein pompöses George-Grosz-Museum die auf Kunst und Kreativität fixierten Entscheider*innen locken. Als die Dragonerhöfe GmbH dann von der BImA den Zuschlag erhalten hatte, war davon plötzlich keine Rede mehr. Und als der Senat dann drohte, den Verkauf zu blockieren, hängte der Investor wieder seine Fahne in den Wind und versprach selbst eine sozialverträgliche Entwicklung des Geländes. Wie das bei einem Grundstückspreis von 36 Millionen Euro verwirklicht werden soll, bleibt sein Geheimnis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Der Kampf für eine Stadt von Unten&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine der Initiativen, die seit mehr als zwei Jahren anhand des sogenannten Dragonerareals Stadtpolitik diskutier- und verhandelbar macht, ist Stadt von Unten. Sie trat mit dem Ziel an, in einem Modellprojekt „Selbstverwaltet und Kommunal“ Möglichkeiten einer alternativen Stadtentwicklung sichtbar zu machen. Dieses Modell soll weder linke „Freiräume“ als radikale Nischen oder als Inseln glückseliger Sozialkapitaleigner produzieren noch undemokratische und unter aktuellen Bedingungen auch unbezahlbare kommunale Wohnsiedlungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stadt von Unten verstand sich von Anfang an als Teil einer stadtpolitischen Bewegung, die schon zahlreiche Erfahrungen mit dem Aufreiben von Protesten im neoliberalen Mehr-Ebenen-Spiel machen musste, die immer wieder als urban-authentische Kulisse oder als Teil einer „kreativen Stadt“ eingehegt werden sollte und zugleich als radikale Freiraum-Fetischist*innen marginalisiert und der eine prinzipielle Verweigerungs- und NIMBY (Not In My Backyard)-Haltung vorgeworfen wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf diese Situation reagierte Stadt von Unten mit ihrem Modellvorschlag und den 100%-Forderungen als Eckpunkte einer Modellentwicklung: 100 % bezahlbar in Wohnen und Gewerbe; 100 % Bestandssicherung; 100 % Mieten – keine Eigentumsumwandlung; 100% langfristig abgesichert; 100% öffentlich und 100% Teilhabe an einer Planung von unten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Um diese Forderungen durchzusetzen, verfolgt Stadt von Unten bewusst verschiedene Ansätze: Mittels öffentlichkeitswirksamen Aktionen, Nachbarschaftsversammlungen, Demonstrationen und Pressearbeit interveniert Stadt von Unten in die öffentliche Diskussion und übt direkt politischen Druck auf die Entscheider*innen aus. Mit verschiedenen Formen der Aneignung des Geländes, von regelmäßigen Treffen und Spaziergängen auf dem Gelände über das Anlegen eines Nachbarschaftsgartens bis hin zu „Markierungen“ und temporären Besetzungen wird das Areal als öffentlicher Raum reklamiert und ins Bewusstsein insbesondere der Nachbar*innen gerufen. Und schließlich hat, mit einer Ausstellung von Vorbildern einer alternativen Stadtentwicklung und von studentischen Entwürfen für eine Bebauung des Areals, die kollektive Erarbeitung planerischer, organisatorischer und architektonischer Eckpunkte für eine nicht an Verwertungsinteressen orientierte Zukunft des Geländes von unten begonnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Prozess soll Perspektiven für eine ganz andere Art der Stadtentwicklung aufzeigen – Perspektiven, die sich nicht nur auf das konkrete Dragonerareal beziehen, sondern darüber hinaus wirken. So kann es gelingen, aus einer zu großen Teilen reaktiven Politik der stadtpolitischen Bewegungen, in eine aktive, gestaltende überzugehen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Breite Organisierung, heterogene Ansätze&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stadt von Unten ist Teil einer vielfältigen und wachsenden Organisierung, die das Dragonerareal als öffentlichen Raum und für eine Stadtentwicklung nach den Bedürfnissen der Bewohner*innen reklamiert. Dazu gehören die Stadtteilinitiativen Wem gehört Kreuzberg und Kreuzberger Horn, die im Anschluss an eine Stadtteilversammlung gegründete Nachbarschaftsinitiative Dragopolis, der Verein Upstall als Zusammenschluss von Planer*innen und Architekt*innen, die Initiative für einen Gedenk- und Geschichtsort auf dem Areal, und vor allem die noch vorhandenen Mieter*innen auf dem Gelände – größtenteils kleine Handwerks- und Kulturbetriebe, die untereinander und mit den genannten Initiativen in regelmäßigem Austausch stehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Vielfalt der Organisierung und der politischen Ansätze hat wesentlich zu den Erfolgen beigetragen, die Stadt von Unten gemeinsam mit den anderen Initiativen und durch die Zusammenarbeit mit weiteren stadtpolitischen Gruppen und Kämpfen erreicht hat. Die Strategie der Dragonerhöfe GmbH, Künstler*innen als Feigenblatt für die eigenen Profitinteressen zu instrumentalisieren, konnte so durchkreuzt werden: Ein Offener Brief an den Berufsverband der bildenden Künstler*innen (bbk) und an das Künstler*innen-Netzwerk Haben und Brauchen hat diese Position klar ausgedrückt. Das Streetart-Netzwerk Reclaim your City setzte einen künstlerischen Kontrapunkt und nutze das Gelände im Winter 2014 für ihre jährliche, unangemeldete Ausstellung. Und in einer gemeinsamen Demonstration mit der Stadtteilinitiative Hände Weg vom Wedding konnten Praktiken der kulturellen Gentrifizierung am Beispiel des Stadtbads Wedding vorgeführt werden. Durch diese und viele andere Zusammenarbeiten konnte eine breite Koalition gegen die neoliberale Inwertsetzung des Dragonerareals hergestellt werden, die auch öffentlich wahrgenommen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Vielfalt, das Nebeneinander von Radikalität und Anschlussfähigkeit hat dazu beigetragen, dass Stadt von Unten politisch schwer zu greifen ist und bisher nicht in die bekannten Ecken der „Verweigerer“, der Freiraum-„Chaotinnen“ der „lebhaften Kreuzberger Stadtteilkultur“ oder auch der „konstruktiven“ (aber harmlosen) Zivilgesellschaft gestellt werden konnte. Die konstante Mobilisierung und Intervention der vergangenen zwei Jahre hat Sand in das Verkaufsgetriebe gestreut und die Privatisierung des Areals – zumindest vorläufig – gestoppt. Ohne die Initiativen und ihre Aktionen wäre das Dragonerareal kaum zum stadtweiten Gesprächsthema geworden. Der politische Druck von unten hat den Berliner Senat zu einer konfrontativen Haltung gegenüber dem Bund gezwungen, deren jüngster Ausdruck die Ausrufung des Areals als Sanierungsgebiets ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am 5. Juli 2016 hat der Senat schließlich das Dragonerareal und die umliegenden Straßenzüge zum Sanierungsgebiet erklärt. In den kommenden zehn Jahren will das Land Berlin 38 Millionen Euro in die Sanierung und in den Bau von sozialer Infrastruktur investieren. 400 bis 500 Wohnungen sollen auf dem Areal entstehen, „mindestens“ die Hälfte davon „bezahlbar“. Dafür sollen weitere knapp 15 Millionen Euro Wohnungsbauförderung zur Verfügung stehen. Das Instrument des Sanierungsgebiets schreibt außerdem bestimmte Beteiligungsrechte, eine Wertabschöpfung von den Eigentümer*innen gemessen an den Wertsteigerungen der Grundstücke sowie ein Vorkaufsrecht des Landes Berlin fest.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stadt von Unten hat durch kritische Präsenz, öffentliche Statements und die Organisierung breit getragener Forderungen aktiv in die vom August 2015 bis zum Mai 2016 laufende vorbereitende Untersuchung zum Sanierungsgebiet eingegriffen. Dieser politische Druck war entscheidend, den Senat zumindest von seiner ursprünglichen Position einer Bebauung mit maximal einem Drittel Sozialwohnungen abzubringen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Vom Protest zur Stadtvision?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Erfolge sind jedoch allenfalls kleine Schritte. Zu einer ganz anderen, jenseits der Grundsätze neoliberaler Inwertsetzungslogik verlaufenden Stadtentwicklung auf dem Dragonerareal ist es ein weiter Weg. Der Kaufvertrag zwischen BImA und Dragonerhöfe GmbH ist nach wie vor gültig. Das Bundesfinanzministerium setzt offenbar den geplanten Verkauf von rund 4.500 BImA-Wohnungen an das Land Berlin als Druckmittel ein, um den Verkauf des Geländes doch noch durchzusetzen. Umgekehrt hat sich das Land Berlin nicht gerade als geschickter Verhandlungspartner ausgezeichnet. Die Privatisierung ist trotz Sanierungsgebiet also nicht vom Tisch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nicht nur deshalb ist ein Sanierungsgebiet auf dem Gelände nur ein Teilerfolg. „Bezahlbare“ Wohnungen bedeuten nach aktueller Senatspolitik Anfangsmieten von 6,50 Euro/qm nettokalt, das heißt über dem Berliner Durchschnitt. Nach 20 Jahren würden auch diese Wohnungen aus der Sozialbindung fallen. Ob die Gewerbemieter*innen nach aktuellen Planungen bleiben, die aufgebauten Existenzen also erhalten werden können, steht in den Sternen. Und eine zentrale Forderung nach einem Stadtteilzentrum auf dem Areal – einem „Kiezraum“ –, die Nachbar*innen und Initiativen im Beteiligungsprozess während der vorbereitenden Untersuchung mehrfach gestellt haben, wird mit Verweis auf die Zuständigkeit der BImA weiterhin verwehrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die 100 %-Forderungen von Stadt von Unten – im April von einer großen Nachbarschaftsversammlung im Club Gretchen auf dem Areal übernommen – sind also noch lange nicht verwirklicht. Ihre Durchsetzung ist aber weiterhin möglich. Es gilt nun, den Druck zu erhöhen. Viele der Vorhaben, mit denen wir angetreten sind, sind nach wie vor uneingelöst. Doch wenn es gelingt, die Modellentwicklung basierend auf den Grundsätzen selbstverwaltet und kommunal, bezahlbar und dauerhaft abgesichert voranzubringen und in einen umfassenden Planungsprozess von unten zu überführen, und wenn es gelingt, den politischen Druck durch eine weitere Stärkung der vielfältigen Organisierung, durch eine weitere Aneignung des Geländes und durch eine Durchsetzung eines Stadtteilzentrums zu erhöhen, stehen die Chancen gut. Dabei ist die größte Herausforderung, sich nicht nur vom Abwehrkampf aufhalten zu lassen, sondern eigene Stadtvisionen zu produzieren – und durchzusetzen. Dafür müssen neue Wege gefunden werden, wie eine gemeinsame Organisierung mit von Verdrängung Betroffenen, an Wohn- oder Gewerbeprojekten interessierten und der Nachbarschaft erreicht werden kann, ohne sich von etablierten Beteiligungspraktiken einhegen zu lassen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Stadt von Unten&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/dragonerareal">Dragonerareal</category>
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 <category domain="https://arranca.org/tag/stadtpolitik">Stadtpolitik</category>
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 <pubDate>Thu, 22 Dec 2016 15:03:37 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Anders erzählen</title>
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                    &lt;p&gt;Da ihnen die Verbindungen zwischen Kunst und politischer Aktion fehlten, gründeten Campa, Leo, Mario und Oriana zusammen mit weiteren Personen das Kollektiv Enmedio (Barcelona). Enmedio möchte das Transformationspotential von Bildern und Erzählungen erkunden. Neben vielen anderen Aktionen hat das Kollektiv die Statue von Christopher Columbus in Barcelona gehackt und eine Bildkampagne für die Demonstrationen der PAH (Plattform der durch Hypotheken Betroffenen) erstellt.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Da ihnen die Verbindungen zwischen Kunst und politischer Aktion fehlten, gründeten Campa, Leo, Mario und Oriana zusammen mit weiteren Personen das Kollektiv &lt;em&gt;Enmedio&lt;/em&gt; (Barcelona). Enmedio möchte das Transformationspotential von Bildern und Erzählungen erkunden. Neben vielen anderen Aktionen hat das Kollektiv die Statue von Christopher Columbus in Barcelona gehackt und eine Bildkampagne für die Demonstrationen der &lt;em&gt;PAH&lt;/em&gt; (Plattform der durch Hypotheken Betroffenen) erstellt.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Amador Fdez-Savater: &lt;em&gt;Ein physischer Ort in Barcelona, ein Künstler*innen­kollektiv, ein Aktionsbündnis…? Was genau ist Enmedio?&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Leo:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Der Name sagt viel («En medio» heißt «inmitten» auf Spanisch). Enmedio ist durch einen Bruch entstanden. Wir haben alle Berufe, in denen wir Bilder herstellen - Designer*innen, Filmemacher*innen, Künstler*innen, etc. Wir sind aus unseren üblichen Arbeitsbereichen ausgestiegen, weil wir in den für uns vorgesehenen Arbeitsplätzen keinen Sinn gefunden haben: Kunstakademien, Werbeagenturen, Produktionsfirmen …. Also sind wir gegangen und haben uns entschieden, einen neuen Ort für uns zu gründen, an dem wir machen können, was wir wollen. Ein etwas unbequemer, schwieriger Ort im Niemandsland.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Campa:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Kunstzentren sind nicht politisch (sie politisieren höchstens!) und politische Projekte sind nicht besonders interessiert an Ästhetik. Wir wollten einen dritten Ort schaffen, &lt;em&gt;inmitten&lt;/em&gt; von Kunst und Politik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Mario:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Die Arbeit mit Bildern birgt eine Macht, die wir weiter erkunden wollen, weil es unsere Tätigkeit ist; es ist das, worin wir gut sind, es ist unser Weg mit der Welt zu interagieren. Aber wir müssen unsere Arbeit an andere Orte bringen und sie mit anderen Dingen vermischen. Enmedio bezieht sich auf diesen unbekannten Ort, von dem aus wir arbeiten wollen, der etwas zu tun hat mit Fotografie und Video, aber nicht allein nur das ist, auch wenn er es ist – verstehst du?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Oriana: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Wir haben dieses Feld für zehn oder zwölf Jahre ergründet. Einige von uns waren vorher in Kollektiven wie etwa &lt;em&gt;Las Agencias, Yomango, V de Vivienda &lt;/em&gt;etc. Einige waren aktiv in Hausbesetzer*innen-, Anti-Globalisierungs- oder Lateinamerika-Bewegungen wie dem Zapatismus. Andere wiederum haben keinerlei politischen Hintergrund oder haben mit den jetzigen Bewegungen begonnen, wie &lt;em&gt;15-M,&lt;/em&gt; etc. Dieser Mix aus verschiedenen kreativen und politischen Hintergründen erlaubt es uns, unsere Rollen abzulegen, wenn wir miteinander arbeiten und führt zu unvorhersehbaren Effekten. Das macht vielleicht die Stärke unserer Arbeit aus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Was ist der Sinn von politischer Intervention im Bereich des Symbolischen in Zeiten wie diesen, inmitten einer Krise, die Menschen ganz real in ihrer materiellen Existenz betrifft (Wohnen, Löhne, und so weiter)?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Campa: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Der Kapitalismus bringt uns diese Armut, die Zwangsräumungen und dieses Leiden, und er greift dabei auf Bilder und Narrative zurück. Er ist ein großer Geschichtenerzähler, der eine starke Faszination auslöst. Viele Menschen haben Hypotheken aufgenommen, weil sie die Erzählung geglaubt haben, die uns die Banken und die Werbung täglich durch Narrative und Bilder erzählten. Werbung kreiert Bilder von einer ersehnten Welt, und dieses Bild erzeugt dann wirtschaftliche Paradigmen und soziale Verhältnisse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Leo:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Es ist nicht so, als hätten wir Fiktion auf der einen Seite und die Realität auf der anderen: Fiktion ist der Kern der Realität. Alles, von einer Demonstration (eine Theateraktion auf der Straße) bis zur Formulierung einer politischen Rede, ist Fiktion. Was zählt sind die Effekte, die eine Fiktion auslösen - ob wir uns die Fiktion wieder aneignen können oder nicht, ob wir sie glauben oder nicht, ob sie uns ermächtigt oder uns ohnmächtig macht. Die Basis für sozialen Wandel ist kulturell: Die Geschichten, die unserem Leben und der Welt, in der wir leben, einen Sinn geben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Mario:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Deshalb arbeiten wir auf zwei Arten und Weisen. Auf der einen Seite durchbrechen wir die dominanten Narrative – die offizielle Deutung der Welt – durch Guerilla-Taktiken der Kommunikation: Poster, Slogans oder Botschaften. Auf der anderen Seite tragen wir zur autonomen Produktion von Bildern bei. Nicht indem wir existierende Narrative dekonstruieren, sondern indem wir alternative schaffen. Das ist die wichtigste und schwierigste Aufgabe: Sich selbst präsentieren, unsere eigene Geschichte erzählen, unsere eigene Deutung dessen, was passiert. Eine Erzählung, in der wir leben können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;¿Lasst uns das genauer besprechen, indem wir uns eure Aktionen anschauen. Wenn ihr wollt, können wir mit der Party im Arbeitsamt, der INEM-Party, anfangen, die ihr 2009 organisiert habt.&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Oriana: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Das Interessanteste an dieser Aktion war wohl der Zeitpunkt: Die Krise bricht aus, aber nichts passiert auf den Straßen. Die Menschen haben Angst und sind gelähmt. Also haben wir uns entschlossen, einen Ort zu finden, der diese Angst kondensiert und repräsentiert. Wir haben uns für das Arbeitsamt entschieden. Und was gibt es Besseres, als die Angst mit einer Party zu bekämpfen!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Campa: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Enmedio funktioniert über Selbst-Repräsentation. Anders gesagt: Es war keine Party für die Arbeitslosen. Auch wir sind arbeitslos, wir leben prekär, etc. Wir erteilen den Menschen keine Lektionen; wir beginnen bei uns selbst und laden jede*n dazu ein, mitzumachen. In dem Video siehst du, wie die Menschen lächeln, mitmachen, klatschen und uns sagen «Ihr habt meinen Tag besser gemacht». Wir gehen auf die Menschen zu, indem wir unsere eigenen Sorgen, Probleme und Unzufriedenheit als Grundlage nehmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Leo: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Das Video hat eine große Anzahl an Klicks erhalten, als wir es online gestellt haben. Ich glaube, wir haben ein gemeinsames Gefühl berührt: Wenn du mit etwas anfängst, was dich selbst betrifft, kannst du mit anderen kommunizieren. Die intimsten Dinge sind auch die gewöhnlichsten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Mario:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Wir versuchen, unsere Aktionen so zu gestalten, dass sie inspirierend und einladend wirken. Wir konzipieren und gestalten sie wie Samen, die zerstreut werden und woanders keimen können. Nach der 15-M-Mobilisierung, also nach dem Auftakt der &lt;em&gt;Indignado&lt;/em&gt;-Proteste am 15. Mai 2011, gab es eine Party in einem Arbeitsamt auf den Kanarischen Inseln und andere ähnliche Aktionen. Wir legen einen Rahmen fest (ästhetisch, politisch, theoretisch), und dann setzen wir auf Partizipation und Aneignung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Was war Discongreso?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Mario: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Als Enmedio haben wir uns der 25-S-Mobilisierung angeschlossen, also der Mobilisierung am 25. September 2012 zur Umzingelung des Parlaments: &lt;em&gt;Occupy Congress&lt;/em&gt;. Dieser Aufruf stimmte mit dem überein, was wir intern diskutierten. Wir fanden, dass die 15-M-Bewegungen in eine wiederkehrende Trägheit verfallen waren und dass 25-S eine Möglichkeit sein könnte, diese zu durchbrechen. Das Problem war, dass der Aktionsaufruf sehr geschlossen, exklusiv und stark kodifiziert war. Unsere Aufgabe bestand darin, die Kommunikation offener und inkludierender zu gestalten. Wir haben Poster und eine grafische Kampagne erstellt. Und wir haben einen Vorschlag gemacht, den Ort auf eine andere Art und Weise zu besetzen, ein alternatives Narrativ zu generieren, den Aktionsaufruf zu vereinnahmen und ihn attraktiver und offener zu gestalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Oriana: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Das Design unserer Kampagne war ganz simpel. Wir haben Occupy Congress durch &lt;em&gt;Kongress umzingeln&lt;/em&gt; ersetzt, weil wir die Mobilisierung nicht als einen Versuch der Machtübernahme gesehen haben, sondern der Entmachtung. Wir haben noch etwas hinzugefügt: «Am 25-S werden wir den Kongress umzingeln, bis sie zurücktreten. Punkt.» Das Poster bestand aus vielen farbigen Punkten, die die Diversität der Gesellschaft repräsentierten und um einen zentralen Punkt herum angeordnet waren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Campa: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Diese Punkte wurden Fotos. Wir haben einen Fotoaufruf organisiert. Wir haben alle Menschen dazu eingeladen, sich mit einem Schild fotografieren zu lassen, auf dem geschrieben steht, warum sie an der Aktion 25-S teilnehmen. Wir haben diesen Aufruf in den Straßen verbreitet und über soziale Netzwerke, um die Leute zu ermuntern, ihr Foto mit ihrem Grund zu machen. Die Idee dahinter war, Diversität zu schaffen und ein Event, das ursprünglich exklusiv war, zu öffnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Leo: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Und diese Punkte sind schlussendlich fliegende Frisbees geworden, auf denen die Menschen ihre Forderungen aufschrieben. Wir haben die Punkte auf den Kongress über die Polizeiabsperrung, die am 25. September vor Ort war, fliegen lassen. Es gab keinen Weg, in den Kongress hineinzukommen und gehört zu werden, also haben wir es über die Luft gemacht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Hat eure Arbeit zwischen Bildern und Sozialem, Kunst und Politik einen bestimmten Bezug oder ist sie durch etwas beeinflusst?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Oriana:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Zapatismus, weil ich ihn selbst gelebt habe und wegen dem, wofür er steht: Nach der Frivolität und der Verdrossenheit der 1990er Jahre war es ein neuer Weg, Politik zu machen und zu kommunizieren. Die Bedeutung von Wörtern und Symbolen in den härtesten Lebensverhältnissen. Sich auf die realen Lebenswelten der Menschen zu beziehen, mit denen du arbeitest und die du erreichen möchtest. Das Zentrale der Prozesse selbst und nicht nur der Ergebnisse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Mario: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Popmusik. Ich sehe meine Arbeit vor allem aus der Perspektive des Pop, der populären Kultur. Der Wunsch mit der ganzen Gesellschaft zu kommunizieren, Menschen durch Emotionen und Wünsche zu erreichen, erfreuliche Darstellungen zu generieren, in denen du dich selbst widerspiegeln kannst, die dich dazu bringen zu partizipieren, die dich bewegen - physisch und geistig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Leo:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; Die &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Yippies&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;, eine gegenkulturelle Gruppe im Amerika der 1960er Jahre, die die Hippiebewegung politisch radikalisieren wollte. Yippies sahen sozialen Wandel als einen Kampf um Bilder. In ihren Aktivitäten konzentrierten sie sich vor allem darauf, Mythen, Gerüchte und Fiktionen zu kreieren, die die dominanten Narrative durchbrechen und neue autonome Bilder einfließen lassen sollten. In einem sehr anderen Kontext denke ich wie sie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Campa:&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt; In meinem Fall, da Zapatismus schon genannt wurde, würde ich sagen Punk. Nicht so sehr auf musikalischer oder ästhetischer Ebene, sondern aufgrund der Einstellung: die Unverschämtheit, die Unmittelbarkeit, die Nicht-Konformität, die Do-it-yourself-Mentalität, die Intensität eines Drei-Minuten-Songs. Ich denke, dass sich das sehr gut mit dem verbindet, was wir bei Enmedio machen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;arranca!: &lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Wie hat sich Eure Arbeitsweise als Enmedio über die Jahre verändert?&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Leo und Anja: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Seit dem wir vor vielen Jahren die Reise als Enmedio begonnen haben, hat sich unsere Arbeitsweise nicht verändert, wir definieren sie als kollektive Produktion. Das heißt, jede und jeder trägt das in unser Projekt, was im Rahmen ihrer und seiner Möglichkeiten machbar ist, und was er und sie am besten kann - das vermischt sich dann mit dem, was die anderen beitragen. So machen wir es mit allem, von den Interventionen im öffentlichen Raum bis hin zu den Texten. Man könnte sagen, dass Enmedio ein Kollektiv ist, in dem das Einzigartige oder das Spezifische der Mitglieder in Kontakt mit den anderen tritt und sich vermischt bis etwas Gemeinsames entsteht, ohne dass die Einzigartigkeit der einzelnen verloren geht. &lt;em&gt;In Gemeinschaft gebrachte Einzigartigkeit &lt;/em&gt;könnte eine passende Umschreibung für unseren Ansatz sein. Diese Arbeitsweise wird natürlich parallel vom technologischen Fortschritt in den Kommunikationsmedien, beispielsweise Social Media, begleitet und hier verändern sich dann auch die Möglichkeiten der Werkzeuge, der Kommunikationsformen und Interventionsformate.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Welche Schlussfolgerungen habt ihr aus euren Erfahrungen gezogen?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Leo und Anja: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Unsere Erfahrungen zeigen uns, dass ein Bild nicht einfach nur ein Bild ist, das für sich steht. Die Bedeutung eines Bildes verweist auf sein «Vorher» und «Nachher». In anderen Worten, es bezieht sich auf die Fragen «Wie wurde es realisiert?» und «Wofür?». In diesen beiden Bereichen, also dem Vorraum eines Bildes und dem Raum in dem danach etwas passiert, gilt es, kreative Energie einzusetzen. Eine Energie, die unserer Meinung nach sowohl die Hervorbringenden als auch die Empfänger*innen gleichermaßen einbezieht. Unsere Arbeit hat uns gelehrt, dass je näher diese beiden Gruppen zueinander in Kontakt treten, umso wahrscheinlicher ein Projekt Begegnungen eröffnet, die sozialgesellschaftlich effektiv und zugleich auch am schönsten sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Was habt Ihr selbst dadurch gelernt?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Leo und Anja: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Wir wissen jetzt, dass Kategorien wie «politische Kunst», «aktivistische Kunst» oder Kategorien in ähnlichem Stil nur dazu dienen, unsere Praktiken der institutionellen Logik der Kunstwelt anzupassen, also schlussendlich dem Markt. Wir haben gelernt, dieses Feld zu verlassen, davor zu flüchten, dass Namen und Bezeichnungen die Erfahrungen, die wir machen, begrenzen. Wir haben gelernt, uns wertzuschätzen und unsere Arbeit von einem Ort aus zu beurteilen, der von uns selbst gebildet wurde, von unseren Bedürfnissen und Wünschen aus, fernab von Bewertungs-Maßstäben der Universitäten, Institutionen oder dem Betriebssystem Kunst. Wir haben gelernt, die Bereiche in denen wir leben zu bewohnen und Wege dorthin zu konstruieren, wo vorher keine waren, wir durchschreiten das Dazwischen von allem, überall und nirgends zugleich. Enmedio.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;¿Woran arbeitet ihr gerade? Und was kommt als nächstes?&lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Leo und Anja: &lt;/strong&gt;&lt;/em&gt;Diesen September eröffnen wir unseren neuen Raum in Gràcia, einem Stadtteil von Barcelona. Es wird ein Ort, an dem wir Aktivitäten wie Workshops, Kurse und Präsentationen planen. Ein Ort, an dem wir, mit der Kunst als Möglichkeit sozial zu intervenieren, experimentieren. Eines der aktuellen Projekte, dem wir momentan den Titel &lt;em&gt;Fence-World&lt;/em&gt; geben, handelt von kreativen Interventionen an Grenzen und Mauern auf der ganzen Welt. Im Aufbau befindet sich das &lt;em&gt;Enmedio-Lab&lt;/em&gt;, ein internationales Kunstlaboratorium zu Aktivismus und kritischem Denken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Interview von Amador Fdez-Savater für Diario.es vom 07. Juni 2013, übersetzt von der &lt;em&gt;arranca!&lt;/em&gt;-Redaktion. Die letzten vier Fragen gestellt von der arranca!-Redaktion 2016, beantwortet von Leo und Anja.&lt;strong&gt;&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Zum weiterlesen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;enmedio.info&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 22 Dec 2016 14:29:03 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Michigan Mindmap</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/40/michigan-mindmap</link>
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                    &lt;p&gt;An kaum einer Stadt in der westlichen Welt lassen sich die Auswirkungen des Kapitalismus so gut ablesen wie an Detroit. In den 1950er Jahren erlebte die Stadt ihren wirtschaftlichen Höhepunkt und hatte eine EinwohnerInnenzahl von 1,8 Millionen. Im Jahr 2000 ist sie unter die Millionengrenze gesunken. Ein subjektiver Lagebericht – vor der Weltwirtschaftskrise.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;An kaum einer Stadt in der westlichen Welt lassen sich die Auswirkungen des Kapitalismus so gut ablesen wie an Detroit. In den 1950er Jahren erlebte die Stadt ihren wirtschaftlichen Höhepunkt und hatte eine EinwohnerInnenzahl von 1,8 Millionen. Im Jahr 2000 ist sie unter die Millionengrenze gesunken. Ein subjektiver Lagebericht – vor der Weltwirtschaftskrise.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Vier Uhr nachts in einem Diner in Royal Oak, Detroit. Graue Plastiksitze, Cola mit Eis. »Sag mal was«, sage ich und mache die Kamera an. »Was denn?« fragt Peter. »Egal, irgendwas.« &lt;span&gt;»When you are smart and cool, you will probably be depressed and won&#039;t have a lot of friends in this city.« &lt;/span&gt;»Danke«, sage ich.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was ist das eigentlich hier, fragte ich mich später, auf dem Weg zum Flughafen. Was ist das für eine Stadt, die offenkundig so viele unglückliche Menschen produziert, dass ich eine ganze Sammlung von Videos mit nach Hause nehme, in denen die Menschen ihr Unglück ausdrücken. Und Warnungen. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;»Don&#039;t come to Detroit.« hat mein Sporttrainer mir als Abschiedsgruß mitgegeben: »Don&#039;t come to Detroit, whoever might see this.« Ich für meinen Teil haue ab. Aber die Frage, was das da bloß war, dieses diffuse Unglück, das offenbar nicht nur mich betroffen hat, sondern das sich dort quer durch soziale Schichten, race-Zuordnung und alle anderen Kategorien zieht, diese Frage geht mir nicht aus dem Kopf. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ein Rückblick.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;27. Juli&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Noch habe ich wenig zu tun. Der Plan ist, Deutschunterricht zu geben und einen PhD zu machen. Erstmal eine gute Idee, aber seitdem ich in Detroit angekommen bin, erscheint mir der Plan schon nicht mehr so gut. Die Uni hat noch nicht angefangen, ich nutze die Zeit, um die Umgebung zu erkunden. Ohne Auto quasi unmöglich. Also bleibe ich zwangsläufig in Royal Oak und seinen Wohnsiedlungen, in diesem amerikanischen Bilderbuch-Vorort. Papphäuser mit Flaggen im front yard, Hundegebell aus dem backyard und Parks, die ihren Namen nicht verdienen. Die Verfilmung von &lt;em&gt;The Virgin Suicides&lt;/em&gt; und all die anderen amerikanischen Suburb-Filme kommen mir in den Kopf. Ich suche nach Räumen, in denen sich Menschen treffen, aber der einzige Treffpunkt, den ich finden kann, sind Supermärkte, und die Gespräche dort stellen mich nicht zufrieden. Meine Frage nach öffentlichen Verkehrsmitteln, die mich downtown bringen könnten, ruft hämisches Grinsen hervor. Erst später wird mir klar, wieso. 1956 wurden Schnellstraßen von 66000 Kilometern Länge aus der Erde gestampft. Für Detroit bedeutete das ein Zerschneiden urbaner Nachbarschaftsstrukturen, was häufig als Grund für den Verfall der Stadt angeführt wird. Es geht das etwas verschwörungstheoretische Gerücht um, GM habe ein Jahr zuvor bereits die Straßenbahn demontieren lassen. Wie auch immer: seitdem fährt man Auto.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Schließlich finde ich doch noch jemanden, der mir – wenn auch nicht ohne Warnung vor der Hautfarbe der anderen Passagiere – sagen kann, wo die Busse abfahren. Ich nehme mir vor auszusteigen, sobald es nett aussieht. Der Bus fährt an Woodward Avenue entlang, einer sechsspurigen Straße, die sich einmal quer durch Detroit zieht, gesäumt von riesigen Werbetafeln, die auf Stahlträgern in den Himmel ragen, Tankstellen und Seven Elevens, zerfallenen Häusern mit eingeschlagenen Fenstern in Downtown-Umgebung und einigen Restaurants und Karaoke-Bars in den Vororten. Schließlich fahre ich bis zur Endstation und steige aus. Auf der anderen Straßenseite steige ich wieder ein und fahre zurück nach Royal Oak. Finden das andere Menschen eigentlich hier auch so hässlich? Und: Wieso bin ich eigentlich erleichtert, dass ich nicht erschossen wurde – von all den gefährlichen Leuten in den Bussen? Ich schäme mich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;5. August&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich bin jetzt Autobesitzerin. Am ersten Morgen nach dem Kauf habe ich erschreckt auf die Straße geguckt und gesehen, dass ich damit noch ein Stück mehr Royal Oak geworden bin. Auto vor Haus neben backyard. Ich muss mich von nun an offensichtlich ein bisschen selber verachten. Immerhin hilft mir das Auto, die Stadt kennen zu lernen. Mein persönliches Mindmap trennt Detroit in vier Teile: Es gibt die weißen Vororte, es gibt den Campus, es gibt das aufpolierte Prestige- und Fassaden-Downtown und dann gibt es nur wenige Querstraßen vom Prestige-Downtown entfernt das wirkliche Downtown, das, wo Menschen wohnen, zum allergrößten Teil Schwarze. Die soziale Schere schneidet ziemlich exakt an der Race-Grenze entlang. Eine Kommilitonin von mir erzählt, dass es mittlerweile wieder einige wenige Kaufhäuser downtown gibt. Ich finde die Vorstellung absurd, dass es hier irgendwo keine Supermärkte oder Kaufhäuser geben könnte. Aber offensichtlich ist das der Fall: 1983 schloss J. L. Hudsons seinen Downtown Store und Detroit wurde zur größten Stadt der USA ohne Kaufhaus. Verrückt. Aber gegen die vollklimatisierten, mit dem Auto schnell erreichbaren und mit ausreichend Parkplätzen versehenen Shopping Malls der Vororte kamen die Kaufhäuser Downtowns nicht an. In Downtown wohnten zu der Zeit bereits zu über 80 Prozent Schwarze, nach den Race Riots 1967 sind die Weißen in die Vororte gezogen. Man sagt, Detroit sei noch immer die »most segregated city in the United States.« Aus den Autofensterscheiben heraus schaue ich mir Woodward Avenue an und fühle mich wie im Theater. Als hätte da jemand Kulissen aufgebaut, um mit einem Vorschlaghammer die Auswirkungen aufzuzeigen, die Kapitalismus und Rassismus auf eine Stadt haben können. Mit subtilen Botschaften gibt sich Detroit nicht zufrieden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;3. September&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Freund von mir ist zu Besuch. An einem Samstagabend fahren wir nach Downtown, in das Prestige-Downtown, das mit dem Renaissance Center, bestehend aus vier Bürotürmen, gebaut 1977 mit dem Ziel, die schrumpfende Stadt und insbesondere das Zentrum wiederzubeleben, das seit der Ölkrise und den race riots wirtschaftlich schwer angeschlagen ist. Die Anzahl der Arbeitsplätze sank seit den 1970ern stetig: von 750000 auf die Hälfte im Jahr 2000. Auch hier wieder: Als würde uns die Stadt mit aller Kraft auf etwas aufmerksam machen wollen, zieht vor unseren Augen eine Einschienenbahn auf hohen Stehlen einsam ihre Runden – der so genannte &lt;em&gt;people mover&lt;/em&gt;, ein ebenfalls gescheitertes Projekt, die Stadt wiederzubeleben. Verewigt übrigens in der Simpsons-Folge &lt;em&gt;Marge vs. the Monorail&lt;/em&gt;. Der &lt;em&gt;people mover&lt;/em&gt; bewegt sich weiter im Kreis, wir begeben uns auf die Suche nach einer Kneipe. Aber wir finden keine, die Straßen sind leer. Keiner da, um uns zu erschießen. Die Menschen fahren tagsüber dorthin, um zu arbeiten, und fahren abends wieder weg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch das ist Teil dessen, was mir Unbehagen bereitet: Alle Orte haben hier ihre ganz spezifische Funktion. Das Renaissance Center downtown ist zum Arbeiten da, eine Straße zum Befahren, nicht zum Entlanggehen. Innenstädte gibt es nicht, keine Orte, wo man ein paar Plakate, Ankündigungen, kulturelle Lebenszeichen im weitesten Sinne entdecken könnte. Oder überhaupt Dinge entdecken könnte, einfach so, weil der Blick zufällig dort hinschweift. Die Wege zum Supermarkt, in die Kneipe, ins Museum sind tot. Es gibt nur den Startpunkt und den Zielpunkt. Dazwischen nichts. Und die Wege sind lang. Ein Leben auf Schienen, hermetisch abgeschlossen durch Autoscheiben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;24. September&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich besuche eine Kommilitonin von mir, die auf dem Campus wohnt. Eher ungewöhnlich für Detroit, denn die Uni ist ein so genanntes &lt;em&gt;Commuter College&lt;/em&gt;. Die meisten Studierenden wohnen nicht auf dem Campus, sondern kommen auf langen Anfahrtswegen mit dem Auto, was dafür sorgt, dass der Campus ähnlich tot ist wie Downtown. Es gibt genau ein Café in Reichweite: Starbucks. Die wenigen, die hier leben, haben meistens kein Auto und verlassen den Campus nicht. Campus und Downtown grenzen unmittelbar aneinander, aber die unsichtbare Linie wird nicht durchbrochen (»mein Mann hat mir verboten, die Straße zu überqueren«, hat eine meiner Kolleginnen zu mir gesagt, »und er hat ja Recht.« - was soll man da noch sagen?). Die Campus-Housing-BewohnerInnen sitzen auf Plateaus zwischen den 20 Etagen der Hochhauswohnhäuser auf Fitnessrädern. Meine Kommilitonin sagt, dass sie nur ungern auf dem Rad strampelt, sondern lieber die Wand des fensterlosen und klitzekleinen Wohnzimmers anstarrt. Immerhin grinst sie dabei. Bierflaschen stapeln sich neben dem Fernseher, was nicht schlimm wäre, wenn sie es nicht besorgt kommentieren würde. Ich verspreche, sie einmal mit dem Auto abzuholen und mit ihr in ein Kino in einem der Vororte zu gehen. Ihre Augen leuchten. Zu mehr Freizeitaktivitäten bleibt keine Zeit. Im Kopf hämmern die zu erledigenden Credit-Points, ein Wort übrigens, das ich gerne abschaffen würde. Wir trinken gemeinsam einen Kaffee bei Starbucks, dann setze ich mich ins Auto und fahre zurück. Das mit der Hässlichkeit scheint mir hier ein dringendes Problem zu sein, denke ich. Aber: Was ist das, das diese Stadt in meinen Augen so hässlich macht? Ich glaube nicht, dass es die rauchenden Gullis sind, nicht die eingeworfenen Fensterscheiben von zerfallenen Häusern, nicht die vielen Autos und Autobahnen, auf denen mein Navigationssystem immer wieder durchdreht, weil ich wieder eine falsche Abfahrt genommen habe, manchmal in so kurzen Abständen, dass die Stimme nicht dazu kommt, das Wort zu Ende zu sprechen: re-re-recalculating. All das könnte man fast als morbiden Charme bezeichnen, und dann hätte es irgendwie noch Stil. Aber da ist etwas, was mich strikt davon abhält, das als stilvoll zu bezeichnen. Nur was?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich stelle Detroit vor die Wahl. Entweder die Stadt fängt an, mit ein paar schönen Orten rauszurücken und dieses Gefühl der Isolation und Vereinzelung aufzuweichen, oder ich bin schneller wieder weg, als Detroit gucken kann. Ich frage mich, ob ich nicht ein bisschen selber schuld bin und mache eine kleine unwissenschaftliche Feldforschungsstudie. Die ergibt, dass die meisten Leute hier Detroit an erste Stelle setzen würden, wenn sie gefragt würden, warum sie unglücklich sind. An zweiter Stelle würde erst so etwas wie »selbst schuld« kommen. Peter sagt, dass er an Detroit – er nennt immer nur Downtown Detroit Detroit – dass er also an Detroit mag, dass es kein Ort ist für Leute, die sich gerne vormachen, dass das Leben in Ordnung ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Den Mythos &lt;em&gt;American Dream&lt;/em&gt; scheint es in dieser Stadt zerschlagen zu haben. Wobei Detroit als Identifikationsfläche lebt, irgendwie beflügelt Detroit doch die Phantasie – in welcher Form auch immer: »Die Musik ist genauso wie Detroit – ein kompletter Fehler«, sagt Derrick May, Mitbegründer des &lt;em&gt;Detroit Techno&lt;/em&gt; über eben diese Musik: »Es ist, als wenn man George Clinton und Kraftwerk in einen Fahrstuhl mit einem Sequenzer einsperrt, um sie gesellig zu halten.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Immerhin. Trotzdem erwächst daraus nicht wirklich revolutionäres Potential. Oder doch?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;29. Oktober&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe Sorge, dass ich antiamerikanisch werde, wenn ich länger hier bleibe. Ein Freund von mir hat zu Recht darauf verwiesen, dass das mit dem Nation-Culture Shock konstruierte Scheiße ist, und dass mir Hinterzarten auch auf die Nerven gehen würde. Stimmt. Aber ich will ja nicht in Hinterzarten leben. Nur eben auch nicht in Detroit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;8. November&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seitdem ich beschlossen habe, mich nach dem Semester zu verpissen, sehne ich noch mehr eine Revolution herbei, auch damit die Leute nicht mehr die ganze Zeit arbeiten oder studieren müssen, sondern mit mir DVD gucken können. Ich würde übrigens auch für so etwas wie Schönheit revoltieren. Ich glaube, dass eine Vorstellung davon, was Schönheit sein kann, bei einer Revolution helfen könnte. Wobei Schönheit in dem Fall vielleicht so etwas wie das Aufscheinen einer Ahnung von einem lebenswerten Leben ist. Was wir also brauchen: Zeit, soziale Vernetzung und Schönheit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vielleicht hätte die Stadt dann Charme. Und, da ich gerade so viel gedankliche Energie in eine Detroiter Revolution stecke: Liegt mir die Stadt am Ende doch am Herzen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;13. Dezember&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf dem Weg zum Flughafen frage ich mich, ob ich nicht ungerecht war. Schließlich gibt es ein Wandgemälde von Diego Rivera im Detroit Institute of Arts. Und eine schwullesbische Kneipe in Ferndale. Vielleicht ist ungerecht nicht das richtige Wort. Ich meine eher: Habe ich etwas übersehen? Garantiert, denke ich. Und ärgere mich, dass ich nicht mehr gesucht habe. Wonach auch immer. &lt;span&gt;In einem Artikel über Detroit als &lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;em&gt;shrinking city&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt; fragt Kyong Park: »Do shrinking cities give a greater dominance to capitalism worldwide, or are they the places where post-capitalist economic models would form?« &lt;/span&gt;Ich frage Peter, was er dazu meint. Er denkt lange nach, bevor er antwortet: Ich als Ghetto Artist zum Beispiel kann mir in Downtown ein riesiges Loft zu einem Spottpreis leisten. Und kulturell, sagt er, ist Detroit natürlich ein Desaster, aber eben auch interessant gerade deshalb, weil es keine Kultur gibt. Es gibt nicht diese Konkurrenzkämpfe wie in anderen Städten, was dazu führt, dass du als KünstlerIn wachsen kannst, wie du wachsen willst, ohne mit aller Kraft um Aufmerksamkeit kämpfen zu müssen. Detroit also als eine Art Reset? Oder als Widerspiegelung von Rissen im System? Als Ort neuer Formen von Freiheit? Peter schüttelt den Kopf: Vielleicht. Aber – ganz ehrlich – wenn die Sonne nicht durchkommt, dann bewegt sich hier alles jenseits des Depressiven.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir fahren am Museum of Comtemporary Art vorbei. »Everything is gonna be alright« steht da in Leuchtschrift über dem Eingang. Ich frage mich, wie das gemeint ist, während ich ins Flugzeug steige und darüber nachdenke, wo und wie ich leben will. Nicht so leicht, die Frage. Gar nicht leicht.&lt;/p&gt;


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