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 <title>arranca! - USA</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/43/0</link>
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 <title>Gegenmacht und Doppelherrschaft</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/49/gegenmacht-und-doppelherrschaft</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ab 2007 schlug die Weltwirtschaftskrise auch in San Diego zu.  Der Krise folgten Protestwellen, links in Form von Occupy, rechts in  Form der Tea Party. Im Ergebnis aber wurde die Krise vom  Herrschaftssystem genutzt: Zur Lösung der Krise des Neoliberalismus  wurde ein noch härterer Neoliberalismus propagiert. Nach dem Scheitern  der linken Bewegungen ist deswegen eine nüchterne Neubewertung notwendig  geworden. &lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ab 2007 schlug die Weltwirtschaftskrise auch in San Diego zu. Der Krise folgten Protestwellen, links in Form von Occupy, rechts in Form der Tea Party. Im Ergebnis aber wurde die Krise vom Herrschaftssystem genutzt: Zur Lösung der Krise des Neoliberalismus wurde ein noch härterer Neoliberalismus propagiert. Nach dem Scheitern der linken Bewegungen ist deswegen eine nüchterne Neubewertung notwendig geworden. &lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Einige von uns, die vorher bei Occupy engagiert waren, haben sich zusammengefunden und eine linke Organisation gegründet. Wir begannen als Lesekreis, um unsere politische Vergangenheit zu verstehen, und um zu sehen, was funktioniert hat und was nicht. Nicht nur damit wir vergangene Fehler nicht wiederholen, sondern auch um weniger rigide in unserer Analyse und Form zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unser Ausgangspunkt war die Ablehnung von Kapitalismus, &lt;em&gt;weißer&lt;/em&gt; Vorherrschaft, Patriarchat und Nationalstaat, das Streben nach ökonomischer und politischer Selbstbestimmung, die Förderung von Werten und Praktiken der &lt;em&gt;racial equality&lt;/em&gt; und des Feminismus. Dabei wollten wir auch Alternativen aufzeigen und verstanden uns als ein Teil einer notwendig breit und pluralistisch aufgestellten Linken. Das Ergebnis war die &lt;em&gt;Democratic Autonomy Federation&lt;/em&gt; (DAF, Föderation für demokratische Autonomie) in San Diego.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Grundlegende Fragen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir stellten uns Fragen zum Zweck einer politischen Organisation und zu ihrem Verhältnis zur Gesellschaft. Auf der Suche nach Antworten wandten wir uns anarchistischen Genoss*innen zu, die zumeist in Südamerika, vor allem in Brasilien und Chile, agieren und auch die US-amerikanische &lt;em&gt;Black Rose Anarchist Federation&lt;/em&gt; stark beeinflusst haben. Die Anarchist*innen, mit denen wir sprachen und über die wir gelesen haben, waren insbesondere Teil der Strömung des &lt;em&gt;Especifismo&lt;/em&gt;, die einen starken Rückhalt in Uruguay und später in Chile und Brasilien entwickelt hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir identifizierten zwei verschiedene Felder -- von Organisierung: das politisch/ideologische und das Feld der sozialen Bewegungen. Das Feld der sozialen Bewegungen ist dasjenige, das letztlich zu sozialer Transformation führt. Gesellschaftliche Transformation wird durch die Entwicklung von Massenorganisationen möglich, die nicht nur in Opposition zum Staat stehen, sondern auch in der Lage sind, Funktionen von Wirtschaft und Staat zu ersetzen. Man denke an syndikalistische Gewerkschaften, die an Größe, Macht und Ausgereiftheit gewonnen haben und damit nicht nur in der Lage sind, ein Unternehmen lahm zu legen, sondern auch, es ohne Anleitung durch Kapital und Management zu betreiben. Vergleichbar können sich Gruppen auf Gemeindeebene organisieren, um öffentliche Einrichtungen zu entwickeln – man denke an &lt;em&gt;Passe Livre&lt;/em&gt; in Brasilien, die &lt;em&gt;Bus Riders Union&lt;/em&gt; in Los Angeles oder Mieter*innenvereinigungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Allerdings bedeutet das nicht, dass es keinen Bedarf an politischer oder ideologischer Organisation gibt. Wie Lenin schon feststellte, werden soziale Bewegungen nicht notwendigerweise das Bewusstsein entwickeln, das erforderlich ist, um die gegenwärtige Gesellschaft zu verändern. Daher ist es erforderlich, dass die Linke in der Lage ist, politische und strategische Theorie zu entwickeln, ideologische Propaganda zu produzieren, sich in politischer Bildung zu engagieren, und vor allem, dieses Verständnis in soziale Bewegungen einzubringen, mit den Mitteln, die die &lt;em&gt;Federacion Anarquista do Rio de Janeiro&lt;/em&gt; soziale Einfügung &lt;em&gt;(inserción social)&lt;/em&gt; nennt. Durch Einfügung entwickelt eine politische Organisation ihre politische Praxis in einer sozialen Bewegung, worin sie als aktive Minderheit arbeitet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Soziale Einfügung bedeutet, dass die politische Organisation nicht danach strebt, soziale Bewegungen auf ihre ideologische Linie zu bringen. Das würde diese nur zu Frontorganisationen degradieren und vermutlich zum Verlust ihrer Mitglieder führen. Soziale Bewegungen müssen ohne strikte ideologische Verpflichtung offen für die Massen sein. Wenn wir zum Beispiel aufrufen, Teil einer Studierendengewerkschaft zu werden, fragen wir die Leute nicht, wie sie wählen oder was sie über den Kapitalismus denken, bevor sie sich anschließen können. Vielmehr zielt die politische Organisation darauf ab, ihre Ideen in die sozialen Bewegungen zu tragen, als analytische und strategische Werkzeuge in die Hände der sozialen Bewegungsakteure.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daraus folgt, dass soziale Bewegungen politische Akteure in ihren Reihen brauchen, die in der Lage sind, die Grenzen des Systems zu erfassen und Werkzeuge besitzen, diese zu überwinden. Das ist eine Funktion, die von politischen Organisationen übernommen wird. Diese sollten danach streben, die sozialen Bewegungen in der Art zu beeinflussen oder zu bilden, dass sie sich in horizontaler und demokratischer Weise organisieren sowie Strukturen schaffen, die Fragen von &lt;em&gt;gender&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;race&lt;/em&gt; vorantreiben und gleichzeitig ein gegenhegemoniales Verständnis im Verhältnis zum Kapital entwickeln. Dabei muss die Autonomie der sozialen Bewegung gegenüber Kapital und Staat bestehen bleiben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Macht, Gegenmacht, Doppelherrschaft&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In diesem Zusammenhang ist ein klarer Begriff von Macht notwendig. Hierfür hat die DAF Konzepte von Gegenmacht und Doppelherrschaft verbunden. Gegenmacht im Sinne von David Graeber ist die Entwicklung von autonomen sozialen Institutionen in den Händen von Volkskräften statt in denen des Staates. Institutionen von Gegenmacht bieten eine materielle Basis für die Entwicklung von revolutionären Kräften und revolutionären Subjekten. Gegenmacht ist eine relationale Struktur, da sie ohne den Staat existiert und dennoch in Verbindung zu ihm steht. Institutionen von Gegenmacht sind vorausdeutende Organe transformativer Macht, aus denen sich neue Gesellschaften konstruieren können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Allerdings genügt es nicht, Gegenmacht aufzubauen. Die Geschichte zeigt, dass der Aufbau von zu viel Gegenmacht zu einer gewalttätigen Reaktion führt (Spanien 1936, USA in den 1970ern, Chiapas 1994, die Türkei heute). Aus diesem Grund ist ein Einfluss auf den bestehenden Staat erforderlich. Dafür haben wir uns Lenins Konzept der Doppelherrschaft ausgeliehen. Ausgangspunkt war, dass die bürgerliche Übergangsregierung im revolutionären Russland 1917 auf die Zustimmung der Sowjets (Arbeiterräte) angewiesen war. Die Fähigkeit, in einem Transformationsprozess die staatlichen Institutionen zu kontrollieren oder zumindest zu beeinflussen, verstehen wir als Doppelherrschaft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Theorie von Gegenmacht fokussiert auf den strukturellen Aufbau von horizontalen, demokratischen und sozialen Bewegungsorganisationen die mit der Zeit zu den Hauptinstitutionen werden, die das Leben der breiten Massen organisieren. Sollte das erreicht werden, würde eine Massenbasis entstehen von der ausgehend transformative Kräfte und Ansprüche entwickelt werden könnten. Allerdings erkennen wir, dass der Aufbau so einer Massenbasis uns einer Gefahr von Seiten des Staates aussetzt. An dieser Stelle interveniert die Theorie der Doppelherrschaft und rät der Linken, zur Selbstverteidigung Fähigkeiten zu entwickeln um die primären gesellschaftlichen Institutionen zu beeinflussen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;In der Praxis&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In den USA hat die Summe der Studienkredite die der Kreditkartenschulden übertroffen und liegt nicht mehr weit hinter dem Hauptmotor der Schuldenakkumulation, dem Eigenheim. Die Schulden, die Studierende anhäufen, werden auf dem Kapitalmarkt gehandelt und helfen dabei, Imperialismus und Rassismus voranzutreiben, wie zum Beispiel an den Investitionen der &lt;em&gt;University of California&lt;/em&gt; in privatisierte Gefängnisse und in den militärisch-industriellen Komplex zu erkennen ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Angesichts der deindustrialisierten und neoliberalen Realität in den USA beschlossen wir, dass die Demokratisierung der Universität ein lohnendes Ziel sei. Wäre die Universität einmal unter demokratischer Kontrolle, könnte sie potentiell transformativen Zielen dienen, indem sie Wissen produziert, von dem soziale Bewegungen profitieren würden, und indem sie mehr Menschen politisiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vor diesem Hintergrund trat ich einer Graduierten-Studierendengewerkschaft an der UCSD (University of California in San Diego) bei, der &lt;em&gt;UAW 2865&lt;/em&gt; (United Auto Workers). Auf Grund des konservativen Klimas in San Diego war es schwierig, linke Positionen in der Ortsgruppe auf dem Campus in San Diego zu etablieren. Erst 2012 gelang es, eine Öffnung zu erreichen und der konservativen Fraktion die Kontrolle zu entziehen. Zentral war der Aufbau einer Ortsgruppe der &lt;em&gt;AWDU&lt;/em&gt; (Academic Workers for a Democratic Union) in San Diego, einer linken Organisation innerhalb der Gewerkschaft, die nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte 2008 gegründet worden war. Eine wichtige Rolle im folgenden Kampf spielte auch die Ortsgruppe der &lt;em&gt;IWW&lt;/em&gt; (Industrial Workers of the World) an der UCSD.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gemeinsam mit den örtlichen Mitgliedern der AWDU, des IWW und anderen linken Studierenden waren wir in der Lage, Entscheidungspositionen in der Gewerkschaft zu übernehmen. Zusammen konnten wir Streiks organisieren, die nicht nur halfen, Gehaltsverbesserungen zu erreichen, sondern auch Genderthemen in den Vordergrund rückten. Indem sie &lt;em&gt;all-gender&lt;/em&gt;-Toiletten als ein Arbeitsrecht verankerten, erweiterte die Gewerkschaft das Feld der Themen, in der sie ein Mitspracherecht hat. Dies war Teil eines positionalen Kampfes, der die Grundlage für eine weitere Demokratisierung der Universität gelegt hat, denn die Universität hatte jahrelang ihre Politik, nur über »Brot&amp;amp;Butter« -Themen zu verhandeln, erbittert verteidigt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotzdem gab es auch Fehlschläge. Nach der Übernahme der Betriebsgruppe folgten wir meist unseren persönlichen Plänen, mich eingeschlossen. Wir fielen zurück in unsere vorherige Praxis, vor allem ins Sektierertum, statt ein gemeinsames Verständnis über die Funktion der Gewerkschaft innerhalb einer Bewegung für eine demokratische Universität zu entwickeln, ohne die anderen Studierendenorganisationen zu demokratisieren und selbständiger zu machen, und ohne Klarheit darüber zu erlangen, was unsere Rolle als Vertrauensleute innerhalb der Gewerkschaft hätte sein können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als im Herbst 2014 eine Erhöhung der Studiengebühren angekündigt wurde, versuchten die DAF-Mitglieder unter uns, Koalitionen unter den vielen Studierendengruppen zu entwickeln. Da wir uns durch die Situation unter Druck gesetzt fühlten, versuchten wir, außerhalb der Gewerkschaft selbständige Koalitionen zu entwickeln, auf der Grundlage von Solid-arität und gegenseitiger Unterstützung, um die Stärke sozialer Bewegungen voranzutreiben. Den Aktiven fehlte allerdings eine Theorie, wie das funktionieren könnte, und so zerfielen die Bündnisse schnell, da niemand den Wunsch oder die Zeit hatte, eine derartige Theorie zu entwickeln. Rückblickend haben wir hier (versehentlich) eine der größten Studierendenorganisationen auf dem Campus ignoriert – die Gewerkschaft – und von einem bunten Haufen überarbeiteter Studienanfänger*innen erwartet, Theorie und Praxis zu entwickeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus Angst, autoritär zu wirken, haben wir nur Einladungen zu Treffen geschickt, ohne eine klare Struktur von Zielen oder potentiellen Formen vorzuschlagen. So haben wir nach unserem eigenen Verständnis nicht die Funktion einer politischen Organisation erfüllt. Die Ergebnisse waren vage Solidaritätserklärungen untereinander, wobei aber wenig in die Praxis umgesetzt wurde. Die Entwicklung pluralistischer Strukturen, die eine gemeinsame Bestimmung von Zielen bei gleichzeitiger Wahrung von Autonomie und Einheit sowie zusammen geführte Kämpfe um gemeinsame Forderungen ermöglichen, ist eine Aufgabe, die eine soziale Bewegung in einer Krise kaum bewältigen kann – egal wie klein die Krise sein mag.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Ergebnis bleibt eine der drängendsten Fragen der autonomen Linken: Wie können wir Blöcke aus vielfältigen Organisationen und Bewegungen bilden, die in der Lage sind, den Status Quo herauszufordern? Einheit, Solidarität und gegenseitige Unterstützung sind, neben der Notwendigkeit Autonomie zu bewahren, dabei die Hauptanliegen. Jedenfalls können diese Blöcke, wenn sie richtig entwickelt werden, theoretisch die Basis einer neuen politischen Form sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;strong&gt;Zum Weiterlesen:&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Juanita Martinez und Andrej Mayer (Hg.): Theorie und Praxis des Especifismo – Eine Textsammlung, Edizioni La Contrabbandiera, 2011&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Noam Chomsky: The Death of American Universities, Jacobin Magazine 2014, jacobinmag.com/2014/03/the-death-of-american-universities&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Michael Hardt: Spaces for the Left (Interview), ROAR Magazine #0, S. 166, Foundation for Autonomous Media, 2015&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 08 May 2016 07:11:25 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>„it’s nine o’clock on my rolex“</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/it-s-nine-o-clock-on-my-rolex</link>
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                    &lt;p&gt;TV und Radio in den USA sind erbärmlich, weiß hier jede/r. Die Amis werden mit Werbung und Musik zugedu­delt, Nachrichten und Infor­mationen sind hoffnungslos schlecht.&lt;br /&gt; Wie kommt es, daß auch ausführliche Reportagen und mehrstündige bis mehrtägige Anhörungen von Untersu­chungsausschüssen im Äther zu finden sind?&lt;br /&gt; Deutsche Linke wissen mei­stens nicht, daß es in den USA trotz allem kommerziel­len Mist viele Sender gibt, über die man sich besser, als in der BRD, informieren kann und die teilweise sehr eng mit der Basis zusammenarbei­ten oder auch von dieser gemacht werden.&lt;br /&gt; Weil deutsche linke Radio­projekte häufig (nicht nur) am Geld scheitern, lohnt es, sich die Finanzierung der non-commercial (nicht-kom­ merziellen Radios) in den USA mal anzuschauen.&lt;br /&gt; &lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;TV und Radio in den USA sind erbärmlich, weiß hier jede/r. Die Amis werden mit Werbung und Musik zugedu­delt, Nachrichten und Infor­mationen sind hoffnungslos schlecht.&lt;br /&gt; Wie kommt es, daß auch ausführliche Reportagen und mehrstündige bis mehrtägige Anhörungen von Untersu­chungsausschüssen im Äther zu finden sind?&lt;br /&gt; Deutsche Linke wissen mei­stens nicht, daß es in den USA trotz allem kommerziel­len Mist viele Sender gibt, über die man sich besser, als in der BRD, informieren kann und die teilweise sehr eng mit der Basis zusammenarbei­ten oder auch von dieser gemacht werden.&lt;br /&gt; Weil deutsche linke Radio­projekte häufig (nicht nur) am Geld scheitern, lohnt es, sich die Finanzierung der non-commercial (nicht-kom­ merziellen Radios) in den USA mal anzuschauen.&lt;br /&gt; Die kommerziellen Sender finanzieren sich ausschließ­lich über Werbung —in Form von Werbespots oder in die Ansagen integrierter Wer­bung: „It&#039;s nine o&#039;clock on my Rolex&quot;. Das System ist ein­fach: die Sender sorgen für ZuhöreInnen, diese Konsu­mentInnen werden dann an die Werbewirtschaft verkauft. Letzteres ist Sinn und Ziel des Sendebetriebes, die Pro­grammgestaltung funktioniert erstrangig unter diesem Gesichtspunkt und ist ent­sprechend.&lt;br /&gt; Zwei Drittel der Amis hören nur diese Sender und ihr Grad an Informiertheit ist tatsächlich furchterregend.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Das andere Drittel jedoch hört nur oder auch non-com­mercial radio und ist nicht auf die geldorientierte und unkri­tische Information angewiesen. Das Spektrum dieser Radios ist ziemlich breit, es gibt zwei generelle Ansätze. Ein paar hundert Radiosta­tionen mit Bildungsanspruch (educational radios) haben sich 1970 zu National Public Radio (NPR) zusammenge­schlossen. In jeder mittel­großen Stadt gibt es minde­stens einen NPR-Sender, das Umland wird meist von ihnen mitversorgt. Über die Zentrale in Washington D.C. werden Nachrichten für die eineinhalbstün­digen Nachrichtenmagazine Morning Edition und All Things Considered eingespeist und von den einzelnen Sen­dern durch lokale Informatio­nen ergänzt. Diese Nachrich­ten sind interessant (und machen das Auto zum Wohn­zimmer: spannende Beiträge bringen eine/n dazu, vor dem Haus im Auto sitzenzublei­ben, bis sie fertig sind), behandeln die Hauptthemen wirklich ausführlich —hinter­her hat man eine ziemlich gute Ahnung davon, worum es geht— haben gemischte Themen (im Nachrichtenma­gazin kann eine ausführliche Buchbesprechung enthalten sein) und einen für die USA sehr großen internationalen Teil. Das auffälligste ist viel­leicht, daß sie sich sehr viel Zeit lassen, ein Riesenkontrast zur üblichen Radiohektik. Politisch gelten diese Nach­richten in den USA als liberal, was nach wie vor (völlig zu Unrecht) weit verbreitet als kommunistisch gilt, aber auch mit der deutschen Auffassung von liberal nicht zu verglei­chen ist. Linkssein fängt in den USA angesichts einer sehr breiten Akzeptanz des Gesellschaftssystems schon viel früher an, eine sympathi­sierende Haltung beispiels­weise zu Ländern wie Nicara­gua nach der Revolution, die von den meisten nicht-kommerziellen Radios getragen wurde, eine wohlwol­lende Sendung über sozialistische Ideen und Theorien können daher radikaler oder besser, systementgegengesetzter ein­geschätzt werden als in der BRD. Die politische Ausrichtung einzelner Sen­dungen kann durchaus linksradikal, wie es hier allgemein aufgefaßt wird, sein.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Außer den großen Nachrichtenmagazi­nen gibt es je nach Sender gut recher­chierte Reportagen im Stile des in den USA verbreiteten Aufklärungsjournalis­mus, lange Interviews, Sendungen von und für ethnische Minderheiten (dabei senden einzelne Programme zum Bei­spiel in Navajo, Spanisch, Eskimo etc.) wie black perspectives on the news, Musikmagazine verschiedenster Art mit Musikrichtungen für ein kleineres Publikum, viel Jazz und leider auch bei vielen Sendern vor allem Klassik (nichts gegen Klas­sik), was an der Auffas­sung &amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; des Ostküstenintellektuellenestablishments von Kultur als Gegensatz zur Dekadenz der Mainstream-Kultur liegt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Finanziert wird NPR zum Teil von der staatlichen Federal Communications Commission FCC (was sie natürlich finanziell auch abhängig vom Wohlwollen des Staates macht, Reagan hat beispielsweise die Gelder drastisch gekürzt), zum größeren Teil privat. Grundlage dafür ist das us-amerikanische Gesellschaftssystem, das auf dem Prinzip eines Nachtwächterstaates basiert, der eine weitgehende Verant­wortung für soziale und kulturelle Belange ablehnt. Konsequenz ist private Do-it-yourself-Initiative, die sich viel­schichtig in NPR niederschlägt. So ist NPR listener-sponsored, zuhörergetra­gen, d.h. es hat Mitglieder, die regel­mäßig Beiträge entrichten. Hierzu kommt eine häufige pledge-week. bei denen die Sender solange auf den Ner­ven ihrer Hörerinnen rumtrampeln, bis genug Anruferinnen sich telefonisch zu Spenden verpflichtet haben, die notfalls später durch öffentliche Denunziationen eingetrieben werden („and John Smith from Oakland still basn&#039;t sent the check he promised us&quot;), Auktionen etc.. Die Hörerinnen unterstützen das Radio mit dem Bewußtsein, Gutes nur hören zu können, wenn sie die Sache mehr oder weniger in die eigene Hand nehmen; bei NPR kommt dazu, daß es in intellek­tuellen Kreisen oft moralische Verpflich­tung ist, Kultursender zu unterstützen —so es Klassiksender, die von eigenen Mitglieder nicht unbedingt selbst gehört werden.&lt;br /&gt; Weitere Sponsoren sind philantrope Stiftungen, die die vom Staat freigelas­sene Lücke im sozialen und kulturellen Bereich ausfüllen und beträchtliche Gel­der verwalten. Schließlich gibt es das anwachsende Mäzenatentum von Wirt­schaftsunternehmen, die vor allem ihr Image aufpolieren wollen (schließlich sind die Spenden absetzbar), aber in den USA zum Teil eine Art Verpflichtung spüren, die Härten des Kapitalismus zu lindern, wenn es sie nicht zuviel kostet und Recht und Ordnung nicht gefährdet. Sie finanzieren Sendungen über das cor­porate-underwriting, das sie sich nicht durch Werbespots, sondern Ansagen wie „this program was madepossihle with the help of the Coca-Cola-Company&quot; hono­rieren lassen. Es gibt keinen direkten Einfluß auf die Programmgestaltung, die Firmen zahlen in einen Pool von NPR ein, der dann Gelder an einzelne NPR­Stationen verteilt, damit einzelne Statio­nen nicht boykottiert werden können. Und es wird oft unterschätzt, zu wieviel solche Firmen bereit sind, wenn es dem Ziel, nämlich der Imageaufbesserung dient. So kann es dann vorkommen, daß Coca-Cola Sendungen einer Station unterstützt, die gerade über die Prakti­ken dieser Firma herzog. Weil NPR inzwischen fest mit diesen Geldern rech­net, ist es zu einigem an Selbstzensur bereit, um die vorhandenen Sendestruk­turen nicht zu gefährden.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Neben ihren Vorteilen wie einem großes KorrespondentInnennetz mit ent­sprechenden Informationsmöglichkeiten, finanziellem Potential für aufwendige unabhängige Recherchen und wenig Selbstausbeutung hat die Förderung von NPR bei ver­schiedenen Sen­dern auch zu einer abgehobenen Ent­wicklung in Rich­tung Bürokratisie­rung und Etablierung, knall­hartem Finanzma­nagement, festen Bürogebäuden etc. geführt. Entspre­chend hat sich ein überwiegend aus weißen Intellektu­ellen bestehenden Publikum heraus­gebildet. Die Schwerpunkte des Programms wur­den darauf ausgerichtet. Viele Sender scheuen jedes Risiko, weniger in Bezug auf politische Inhalte als auf neue Zuhörerinnengrup­pen, und ihr Kulturverständnis ist zudem banal. NPR stellt also an sich kein revo­lutionäres Potential dar und trägt nicht zum Aufbau einer radikalen Gegenkultur bei, bietet aber gesicherte Finanzierung, Unabhängigkeit von Medienkonzernen und Nischen für radikale Positionen. Außer NPR gibt es noch eine ganze Menge (zwischen 500 und 1000) soge­nannter community radios, die sich fast ausschließlich über ihre ZuhörerInnen und Stiftungen finanzieren, um Unab­hängigkeit zu gewährleisten —sie stehen finanziell denn auch schlechter dar. Der öffentliche Zugang wird gewährleistet und genutzt, es gibt viele Gruppen und Einzelpersonen, die spontan oder regelmäßig eigene Sendungen produzieren. Die jeweilige lokale community hat ein Mitentscheidungs- und Kontrollrecht, oft bilden auch die ZuhörerInnen eine Eigentumsgesellschaft. Das Budget der Sender ist sehr unterschiedlich (zwi­schen 25.000 und 2,5 Millionen Dollar, die meisten operieren mit ein paar hun­derttausend Dollar). Einige Sender expe­rimentieren inzwischen mit lokalem Sponsoring, meist entscheiden die Zuhö­rerInnen per Abstimmung über solche Experimente und zukünftige Finanzie­rungsformen. Die community radios leh­nen die Bürokratisierung von NPR ab und stehen teilweise in einem lockeren Zusammenhang, der dem Austausch von Sendeanlagen und Sendungen dient. Sie sind mehr oder weniger professionell gemacht (es wird zum Teil versucht, die Trennung zwischen AmateurInnen und Professionellen aufzuheben) und bieten politisch eine bunte Mischung aus dem linken Spektrum: anarchistisch, sozialre­volutionär, „grün&quot;, einfach nur radikal und chaotisch oder auch relativ unpoli­tisch. Meistens werden sie von und für eine community gemacht, viele wenden sich zum Beispiel an die jeweilige black oder latino community einer Stadt oder richten sich an ethnisch übergreifende gesellschaftliche Gruppen (KPOO - Radio for the Poor), gesendet wird in vielen Sprachen.&lt;br /&gt; Für indianische Stämme in Reservaten und Eskimogruppen sind community radios das einzige Medium, das sich direkt an sie wendet, da diese Ethnien im Gegensatz zu den Afroamerikanerin­nen und Latinos nicht als großes Kon­sumpotential gelten und daher für die Werbewirtschaft uninteressant sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Daneben werden vereinzelt auch Durch­schnittsamerikanerinnen in dünnbesiedelten Gegenden ohne kom­merzielle Sender von commu­nity radios versorgt, die zwar basisorientiert aber politisch nicht unbedingt progressiv sind.&lt;br /&gt; Vor allem in den Städten sind die community radios für ihre communities identitätsstiftend, wenn zum Beispiel ein schwarzer Sender in einer black community schwarze Musik sendet, die kommerzi­elle Stationen nicht übertragen und Interviews und Diskussio­nen mit Leuten aus der community über aktuelle Probleme bringt.&lt;br /&gt; Die Rechte versucht immer wieder, community radios zu sabotieren, so gab es schon Anschläge auf Sendeanlagen durch den Ku-Klux-Klan. Erfolgreich und nervig sind auch Anzeigen bei der Federal Communications Commission. Da direkte politische Zensur in den USA schwer durchzusetzen ist, werden Beschwerden über obszöne Ausdrücke oder Inhalte eingereicht (schon das Wort fuck kann Skandale auslösen). Die FCC spricht dann Verwarnungen aus, die zu Problemen bei der Lizenzverlängerung, für die sie zuständig ist, führen können. Prozesse dagegen anzustrengen ist kost­spielig, größere Sender mit finanziellem Spielraum führen gelegentlich Präze­denzklagen durch alle Instanzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am bekanntesten und größten unter den community radios ist Radio Pacifica (KPFA); in den 40er Jahren in Berkeley gegründet, mittlerweile in fünf Städten vertreten und immer noch basisorientiert. In den 60ern war KPFA das Sprachrohr für die Anti-Vietnam und die Bürgerrechtsbewegung. Auch heute noch gilt Pacifica als Thementrendsetter, es liefert über einen network service Beiträge an andere community radios und stellt ein riesiges Tonarchiv zur Verfügung. Die Pacifica-Stationen (mit je einem Budget von ca. 1 Million Dollar) beschäftigen bezahlte Angestellte und ein mehrfaches an Freiwilligen, die sich vor allem aus dem Publikum rekru­tieren. Zum Teil gestalten diese nur gelegentlich Sendungen, viele arbeiten jedoch regelmäßig mit und bekommen von den Festangestellten und erfahrene­ren Freiwilligen eine Art Radioausbil­dung und machen dann öfter Sendun­gen — live dürfen sie allerdings erst nach einer Weile senden. Nach vier Monaten regelmäßiger Mitarbeit werden sie zum staff, dem festen Personal, gerechnet und haben Zugang zu und Stimmrecht bei den Mitarbeiterinnenversammlungen und können Leistungen der Gewerk­schaft beanspruchen— sie sind also mehr als billige Arbeitskräfte und garantieren ein Programm von unten.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Angesichts der über tausend nichtkommerziellen Sender in den USA kann man dort also durchaus das Radio ein­schalten und neben dem üblichen Gedu­del ein Interview mit einem Black Panther-Mitglied über die politischen Gefangenen in den USA, eine Sendung in Navajo über den Kampf der indiani­schen Stämme für ihre Landrechte, Tips für illegale lateinamerikanische Immi­grantinnen, Aufrufe zum Boykott bestimmter Produkte von mit faschisti­schen Gruppen kooperierenden Unter­nehmen, Überlegungen zur Gründung einer sozialistischen Gewerkschaft, Underground-Musik oder Anleitungen zur Verbesserung der Hanfernte hören.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Tue, 23 Nov 2010 13:51:51 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Kein Blut für Petro-Dollar?</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/36/kein-blut-fuer-petro-dollar</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Auch Verschwörungstheorien haben manchmal einen realen Kern. Die Initiative Nachrichtenaufklärung nominiert seit zehn Jahren vernachlässigte Nachrichten. Im Jahr 2005 befand sich unter den Top-Ten die Meldung, dass der Iran eine internationale Ölbörse plant. Der Rohstoff, der die Welt bewegt, sollte dort nicht mehr in US-Dollar, sondern in Euro gehandelt werden. Die Begründung für die Wahl dieser Nachricht liegt auf der Hand: Die Denomination einer der wichtigsten Rohstoffe des globalen Kapitalismus in Euro hätte Auswirkungen auf die ganze Weltwirtschaft und auf das Verhältnis zwischen USA und EU – den zwei größten Wirtschafts- und Machtblöcken der Welt.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Auch Verschwörungstheorien haben manchmal einen realen Kern. Die Initiative Nachrichtenaufklärung nominiert seit zehn Jahren vernachlässigte Nachrichten. Im Jahr 2005 befand sich unter den Top-Ten die Meldung, dass der Iran eine internationale Ölbörse plant. Der Rohstoff, der die Welt bewegt, sollte dort nicht mehr in US-Dollar, sondern in Euro gehandelt werden. Die Begründung für die Wahl dieser Nachricht liegt auf der Hand: Die Denomination einer der wichtigsten Rohstoffe des globalen Kapitalismus in Euro hätte Auswirkungen auf die ganze Weltwirtschaft und auf das Verhältnis zwischen USA und EU – den zwei größten Wirtschafts- und Machtblöcken der Welt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mehr noch: Einige stellen sich sogar die Frage, ob ein weiterer Krieg bevorsteht, in dem die USA versuchen wird, die Ölwährung US-Dollar mit militärischer Gewalt zu sichern? Schließlich hatte auch der Irak vor dem US-Angriff den Ölhandel auf Euro umgestellt und allein durch den Kursverfall des US-Dollar gegenüber dem Euro 15% mehr Gewinn eingeheimst. Auch Venezuela hat sich bereits offen für die Idee einer Umstellung gezeigt. Was ist dran an der etwas differenzierteren Variante des Arguments „Krieg für Öl“: Krieg für die Leitwährung US-Dollar?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Weltmacht der USA beruht auf der Stellung des US-Dollar als globale Leitwährung. Das US-Zahlungsmittel wird in allen Staaten akzeptiert, alle wollen es haben. Damit können sich die USA leisten, was sich kein anderes Land der Welt erlauben kann: Die Weltmacht gibt permanent mehr Geld aus als sie einnimmt. Dies belegen das US-Staatsdefizit (2005 über 300 Mrd. US-Dollar) sowie das Minus von fast 800 Mrd. US-Dollar, das die USA jährlich im internationalen Handel erzielen. Diese Defizite finanzieren die USA durch Verschuldung. Das funktioniert, weil die globale Nachfrage nach dem US-Dollar die USA schier unbegrenzt kreditwürdig macht, und eröffnet den USA große Freiheit bei ihrer Ausgabenpolitik – die US-Regierung ist immer zahlungsfähig, auch wenn sie gar nicht so viel Geld hat, wie sie ausgeben will.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Weltgeld US-Dollar&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Grund für die Dominanz des US-Geldes ist nach Meinung von KritikerInnen, dass auf dem Weltölmarkt in US-Dollar abgerechnet wird. Wer Öl kaufen will, muss sich seit den 1970er Jahren – seitdem sich die OPEC dazu entschlossen hat, ausschließlich US-Dollar für Öl zu akzeptieren – die US-Währung besorgen. Das sichert dem US-Geld, so die KritikerInnen, eine permanente Nachfrage – unabhängig von der Konjunktur der US-Wirtschaft, und funktioniert nur, weil der US-Dollar seit Ende des Zweiten Weltkriegs Leitwährung auf dem Weltmarkt ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für den globalen Kapitalismus ist ein international anerkanntes Geld, ein Weltgeld, notwendig. Gleichzeitig ist der ökonomische Raum in Nationalstaaten und Währungsräume aufgeteilt. Daher muss eine nationale Währung die Funktion der internationalen Leitwährung übernehmen. Diese Währung fungiert als internationales Wertmaß, mit dem es überhaupt möglich ist, grenzüberschreitend Waren auszupreisen, zu zahlen, zu kaufen und Kredite zu vergeben. Gleichzeitig ist sie ein international gültiges Wertaufbewahrungsmittel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber nicht jede Währung eignet sich als Leitwährung. Ein Staat bzw. dessen Zentralbank muss den Willen und die Möglichkeit haben, die Stabilität der Leitwährung zu verteidigen – politisch und ökonomisch. Dafür ist wirtschaftliche Potenz in der Weltwirtschaft nur eine notwendige, nicht jedoch eine hinreichende Bedingung. Der betreffende Staat muss zudem politisch und militärisch dominieren können und wollen. Insofern kann man für heute sagen, dass die Macht der USA nicht nur auf dem US-Dollar beruht, sondern auch die Stellung des US-Geldes auf der Macht der USA.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Noch immer wird der internationale Handel vorwiegend in US-Dollar abgewickelt. 40% des Welthandels mit Gütern und Dienstleistungen sowie der grenzüberschreitenden Forderungen lauten auf US-Dollar. Trotz sinkendem Anteil und einem aufholenden Euro ist die US-Währung mit über 65% immer noch die Reservewährung Nummer Eins. Zudem laufen fast 70% des Devisenhandels in US-Dollar. Nur bei der Denomination von Wert papieren hat der Euro den US-Dollar inzwischen überholt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Keine andere Währung genießt mehr Vertrauen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Funktion des US-Dollar als Leitwährung hat Folgen – nicht nur für die USA. Viele Staaten der Dritten Welt müssen per Export oder Verschuldung US-Dollar einnehmen, da ihre lokale Währung international nicht akzeptiert wird. Auch Staatsanleihen müssen viele Länder vor allem in der US-Währung ausgeben, weil das Geldkapital nicht bereit ist, in unsicheren Währungen Kredit zu gewähren. Damit wird die Staatsschuld vieler Staaten abhängig vom Wechselkurs des US-Dollars. Die USA hingegen können sich nicht nur in der eigenen Währung verschulden, sondern können auch aufgrund der Nachfrage nach US-Dollar weiterhin auf ihre Währung als Leitwährung setzen. Dies ist anderen Weltwährungen wie dem britischem Pfund oder dem japanischem Yen so nicht möglich, und auch dem Euro wird weltweit nicht im selben Maße vertraut wie dem US-Dollar.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Weil der US-Dollar bisher unangefochten an der Spitze der Währungshierarchie steht, wird mit ihm international Öl gehandelt und halten ihn alle Zentralbanken vornehmlich als Währungsreserve. Vor dem Hintergrund des US-Handelsdefizits und der hohen Staatsverschuldung wird deutlich, welches geradezu unlösbare Problem auf die USA zukommen würde, müssten sie Öl in fremder Währung importieren. Auch deswegen müssen die USA ein Interesse daran haben, dass der US-Dollar Leitwährung bleibt.&lt;br /&gt; Daher scheint das Öl als global gehandelter Rohstoff so relevant. Sind alle großen und wachsenden Industriestaaten – vor allem China – von Rohöl abhängig, müssen sie US-Dollar halten. Der weltweite Ölhandel wird so zu einer tragende Stütze der US-Dollar-Nachfrage und -Zirkulation – er ist die Ölwährung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wie wichtig ist die durch den Ölhandel generierte US-Dollar-Nachfrage für die Stellung des US-Zahlungsmittels? Das ist kaum zu beantworten, da der Weltölmarkt nicht transparent ist. Das meiste Öl wird „over the counter“ gehandelt, also per Telefonat zwischen AnlegerInnen, Unternehmen, Förderern usw. Zudem ist der größte Teil des Ölhandels gar kein echter Ölhandel, sondern Geschäft zwischen FinanzanlegerInnen, die auf Veränderungen des Ölpreises spekulieren. Dies ist das so genannte Papier-Öl. Bei diesen Geschäften wechselt kein einziges Barrel den/die BesitzerIn, sondern die Beteiligten wetten nur per Terminkontrakten auf Preisunterschiede – und blähen so das Ölhandelsvolumen auf, ohne dass Öl physisch ge- oder verkauft wird.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Stabilität durch den oder wegen des US -Dollar?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Aussagen über das tatsächlich gehandelte Öl lassen sich nur annähernd machen. Nach den Zahlen der Welthandelsorganisation WTO wurde 2005 für 1.400 Mrd. US-Dollar Öl gehandelt, das waren ca. 14% des gesamten Welthandels. Das klingt beeindruckend, dabei ist jedoch zu beachten, dass der Ölpreis in jenem Jahr stark gestiegen war und allein dadurch sich das Handelsvolumen aufblähte&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_i85hfit&quot; title=&quot;2005 betrug der Durchschnittspreis pro Barrel (bbl/159 Liter) Öl der Marke Brent 54 US-Doller. Zum Vergleich: 2003 lag er bei 29, 2004 bei 38 und zwischen 1987 und 2007 im Durchschnitt bei 25 US-Doller. Da der Ölpreis 2006 auf 65 US-Doller/bbl gestiegen ist, ist für dieses Jahr ein weiterer Anstieg des Anteils des Ölhandels am Welthandel zu erwarten.&quot; href=&quot;#footnote1_i85hfit&quot;&gt;1&lt;/a&gt;. Durch den Anstieg des Ölpreises in den vergangenen Jahren wuchs der Ölhandel stets wesentlich schneller als der gesamte Welthandel. Sinkt der Ölpreis einmal wieder, so sinkt damit auch der Anteil des Ölmarktes am gesamten Weltmarkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seriös lässt sich somit nichts über den exakten Anteil des Ölhandels am Weltmarkt aussagen und damit auch nicht, inwieweit dieser zu Stützung des US-Dollars beiträgt. Doch ist dies auch gar nicht der entscheidende Punkt. Wie groß auch immer der Ölmarkt sein mag, auf jeden Fall stärkt er die Nachfrage nach der US-Währung. Viel wesentlicher ist jedoch, warum der Ölmarkt überhaupt in US-Dollar abrechnet: Weil er die Leitwährung ist, ein international gültiges Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel, emittiert und garantiert von der ökonomischen und militärischen Weltmacht Nummer Eins. Das Öl soll also nicht in US-Dollar denominiert werden, damit die US-Währung weiterhin stabil bleibt, sondern umgekehrt: Weil der US-Dollar Leitwährung ist und es möglich ist, mit ihm alles überall zu kaufen, werden vornehmlich US-Dollar gehalten und dienen als internationales Zahlungsmittel, unter anderem auf dem Ölmarkt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Übernahmekandidat nicht in Sicht&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das liegt vor allem daran, dass es keine ernstzunehmende Konkurrenz für den US-Dollar gibt, auch (noch) nicht den Euro. Der 1999/2002 eingeführte Euro hat zwar die Relevanz der D-Mark überholt, erreicht aber dennoch nicht die des US-Dollars. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Dafür spricht nicht nur das geringe Wirtschaftswachstum und der gegenüber den USA geringere politische, ökonomische und soziale Zusammenhalt der Europäischen Union (EU). Dass die EU alles andere als ein schlagkräftiger militärischer Akteur ist, hat sie zuletzt im Irakkrieg gezeigt&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_hxcigqq&quot; title=&quot;Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass der Rüstungsetat der USA etwa zwei Drittel der weltweiten militärischen Ausgaben ausmacht.&quot; href=&quot;#footnote2_hxcigqq&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. War es ihr doch erst gar nicht möglich, als militärische Einheit aufzutreten.&lt;br /&gt; Auch ist die Europäische Zentralbank noch nicht der „Lender of last Resort“ – der letzte Kreditgeber. Noch immer liegt die Kompetenz der Kreditvergabe bei den einzelnen Zentralbanken. Des Weiteren sind die Bedingungen für den grenzüberschreitende Bankverkehr innerhalb der EU zwar vorangekommen, aber in keiner Weise so, dass die institutionellen Voraussetzungen für internationales Geldkapital attraktiv wären. Die Deutsche Bank verliert jedoch die Hoffnung auf den Euro nicht: „Der Aufbau einer internationalen Rolle im Währungswettbewerb vollzieht sich langsam.“ Dies zeige die „Ablösung des Pfund Sterling als Reservewährung Nummer eins durch den Dollar“. Für diese „Ablösung“ allerdings waren ein bis zwei Weltkriege nötig.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_i85hfit&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_i85hfit&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; 2005 betrug der Durchschnittspreis pro Barrel (bbl/159 Liter) Öl der Marke Brent 54 US-Doller. Zum Vergleich: 2003 lag er bei 29, 2004 bei 38 und zwischen 1987 und 2007 im Durchschnitt bei 25 US-Doller. Da der Ölpreis 2006 auf 65 US-Doller/bbl gestiegen ist, ist für dieses Jahr ein weiterer Anstieg des Anteils des Ölhandels am Welthandel zu erwarten.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_hxcigqq&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_hxcigqq&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass der Rüstungsetat der USA etwa zwei Drittel der weltweiten militärischen Ausgaben ausmacht.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Fri, 05 Feb 2010 17:30:48 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Dauerhafter Krieg</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/25/dauerhafter-krieg</link>
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                    &lt;p&gt;Der Kriegszustand in Permanenz setzt sich durch. Was heißt das für den Widerstand? Die Grenze zwischen Krieg und Frieden ist aufgehoben. Das gilt nicht nur bei der Etablierung von Protektoratsregimes durch Krieg führende Mächte, die Krieg als Frieden, Friedenserhaltung oder Durchsetzung des Friedens vermarkten. Das Verfließen von Grenzen zwischen Krieg und Frieden gilt auch für die Lebensrealität in Deutschland.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
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&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Der Kriegszustand in Permanenz setzt sich durch. Was heißt das für den Widerstand? Die Grenze zwischen Krieg und Frieden ist aufgehoben. Das gilt nicht nur bei der Etablierung von Protektoratsregimes durch Krieg führende Mächte, die Krieg als Frieden, Friedenserhaltung oder Durchsetzung des Friedens vermarkten. Das Verfließen von Grenzen zwischen Krieg und Frieden gilt auch für die Lebensrealität in Deutschland. »Die Bundeswehr ist eine Armee im Einsatz« heißt es auf www.bundeswehr.de. Dann folgt eine Auflistung der aktuellen Interventionen: Afghanistan, Usbekistan, Georgien, Horn von Afrika, Kosovo, Bosnien, Mazedonien - bei den unterschiedlichen Missionen sind knapp zehntausend Soldaten »im Einsatz«. Einige davon, wie das Kommando Spezialkräfte (KSK), kämpfen an der Front. Doch die Gesellschaft in der Bundesrepublik imaginiert sich im Frieden. In einem Frieden allerdings, den sie bedroht wähnt durch »terroristische« Angriffe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Während wir diesen Text schreiben, droht die Führung der USA mit einer Wiederaufnahme militärischer Angriffe auf den Irak. Mit Hilfe einer Inszenierung imperialer Macht wird von herrschenden Eliten der »gerechte Krieg« legitimiert. Vielleicht ist die rhetorische Vorbereitung des Angriffs bereits in einen Truppenaufmarsch oder eine Bombardierung gemündet, während dieser Text gedruckt wird. Vielleicht dauert es noch einige Zeit. In jedem Fall wissen wir, dass wir konfrontiert sind mit einem anhaltenden Kriegszustand. Dieser Kriegszustand in Permanenz weist über einen Angriff auf den Irak hinaus und begann bereits vor dem 11. September. Er stellt sich dar als neues Paradigma kapitalistischer Vergesellschaftung nach 1989. Die Linke in Deutschland reagierte auf den Kriegszustand häufig mit der eigenen Selbstmarginalisierung: Ein Teil von ihnen übernimmt die rassistischen Beschreibungsmuster vom Kampf der »Zivilisation« gegen die »Barbarei« und reproduziert diese. Mit der unreflektierten Übernahme herrschender Kampfbegriffe konnten einige »Linke«&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_m8wiojh&quot; title=&quot;Personen oder Organisationen, in den meisten Fällen aber Kleingruppen, die sich auf Grund ihrer Befürwortung der herrschenden Kriegspolitik und ihrer unreflektierten Solidarität mit kapitalistischen Staaten als nicht emanzipatorisch zeigen.&quot; href=&quot;#footnote1_m8wiojh&quot;&gt;1&lt;/a&gt; militärische Angriffe gutheißen wie beispielsweise während des Kosovo-Krieges 1999 und des Afghanistan-Kriegs 2001. Aber bitte nicht gleich die deutsche Bundeswehr. Ein anderer schon sympathischerer Teil des Spektrums befindet sich auf der Suche nach Verbündeten im Kampf gegen den US-Imperialismus und landet bei der Legitimation seiner verzerrten Spiegelbilder, heißen sie nun Europäische Union oder Hamas. Bei Diskussionen darum, wie ein Kampf gegen den Kriegszustand aussehen könnte, entstanden bei FelS einige Überlegungen, Thesen und Analysen, die im folgenden Text vorgestellt werden. Hilfreich dafür waren auch die Diskussionen im bundesweiten Bündnis &lt;em&gt;KriegistFrieden&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;1991-1999-2001&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Der Ausgangspunkt für eine Opposition gegen den dauerhaften Krieg muss eine analytische Erklärung seiner Formen und seiner Funktionen im kapitalistischen Weltordnungssystem sein. Dabei gehen wir davon aus, dass die kapitalistische Vergesellschaftung selbst vielfältige Formen der Gewalt hervorbringt, die sich kriegsförmig artikulieren.Seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Hegemonialsystems Ende der 80er Jahre bildet sich ein neues internationales Kräfteverhältnis heraus. Die Blockkonfrontation wird durch ein neues dynamisches System der Konkurrenz zwischen den drei wirtschaftlich etwa gleich starken Hegemonialmächten USA, Japan und Europäische Union sowie untergeordneter Mächte wie Russland, China und Indien abgelöst. Obwohl die kapitalistische Vergesellschaftung sich zunehmend globalisiert, bleibt die Konkurrenz der Nationalstaaten weiter bestehen und kann zu Kriegen führen. Für die Herausbildung neuer internationaler Kräfteverhältnisse spielen die drei von den westlichen Mächten geführten Kriege gegen Irak 1991, Jugoslawien 1999 und der aktuelle »Krieg gegen den Terrorismus« eine zentrale Rolle. Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer militärisch geführter Konflikte, an denen die westlichen Staaten mittelbar und unmittelbar beteiligt sind, wie beispielsweise der Krieg gegen die sozialen Bewegungen und die Guerillas in Kolumbien. In den Kriegen der 90er Jahre hat sich die USA als militärisch unangefochtene Supermacht konstituiert, die zunehmend unilateral vorgeht. Laut der vorliegenden Haushaltspläne werden die USA in den nächsten Jahren mehr Geld in ihre Streitkräfte investieren als die zwanzig nächstfolgenden Staaten zusammen. Um ihre eigenen Interessen geltend zu machen, sind die konkurrierenden Mächte auf wirtschaftliche, diplomatische und politische Hebel sowie den Aufbau von eigenen schlagkräftigen Streitkräften angewiesen. Dabei konstituiert der mit der Aufrüstung verbundene »militärische Keynesianismus«&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_qo9z95j&quot; title=&quot;Durch vermehrte Ausgaben des Staatshaushaltes soll laut Keynes Vollbeschäftigung erreicht und die Wirtschaft angekurbelt werden.&quot; href=&quot;#footnote2_qo9z95j&quot;&gt;2&lt;/a&gt; auch ein bestimmtes kapitalistisches Akkumulationsmodell, das den Interessen der militärisch-industriellen Komplexe, also bestimmten Kapitalfraktionen, folgt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Interessenskonstellationen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Bei der Analyse der seit 1991 geführten Kriege erkennen wir, dass es keine monokausalen Begründungszusammenhänge gibt. Kriege werden aus spezifischen Interessen- und Kräftekonstellationen heraus geführt. Entscheidende Momente können dabei »harte Faktoren« wie der direkte Zugriff auf Rohstoffe, Transportwege und Märkte sein. Ein weiteres Moment kann die Besetzung oder Kontrolle geostrategisch wichtiger Territorien darstellen, um den Zugriff auf Rohstoffe, Transportwege und Märkte zu ermöglichen. Im angekündigten Krieg gegen den Irak, aber auch bei der Form, wie der Krieg in Afghanistan geführt wird, scheint dies von vordergründiger Bedeutung zu sein. In anderen Momenten scheint es um die Kontrolle lokaler Konflikte zu gehen, die ungewollte politische, soziale und wirtschaftliche Destabilisierung zur Folge haben können. So lässt sich das Eingreifen in Bosnien-Herzegowina 1994/95 oder Mazedonien 2001 in dieser Weise begründen. Beim Krieg 1999 gegen Jugoslawien dagegen artikulierten sich nicht zuletzt Interessen, die mit den lokalen Verhältnissen am Kriegsschauplatz nur wenig zu tun hatten. So ging es der NATO und den USA im Frühjahr 1999 weltpolitisch unter anderem darum, die neue NATO-Doktrin der &lt;em&gt;Out of Area&lt;/em&gt;-Einsätze vorzuexerzieren. Während des Krieges gegen Jugoslawien wurden erstmals nach 1945 völkerrechtswidrige Angriffskriege legitimiert. Die deutsche Bundesregierung wiederum nutzte diesen Krieg hauptsächlich innenpolitisch, um Auslandseinsätze der Bundeswehr gesellschaftlich durchzusetzen. Homogenisierung nach innen und die Stabilisierung bestehender Herrschaftsverhältnisse sind auch eine zentraler Bestandteil des »Krieges gegen den Terrorismus«. Durch die Konstruktion eines feindlichen und bedrohlichen Außen werden identitätsstiftende Diskurse von der angeblichen Überlegenheit des Westens produziert und die sicherheitsstaatliche Aufrüstung legitimiert. Dies stellt ein Paradoxon dar. Denn die Strukturen des heute als Feind imaginierten »islamischen Fundamentalismus« wurden gerade durch den Westen maßgeblich stark gemacht, als es um die Bekämpfung der Sowjetunion in Afghanistan ging.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Neuer Kriegsbegriff und permanenter Kriegszustand&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Neben den imperialen Kriegen 1991, 1999, 2001 zeichnen sich weltweit neue Muster von lokalen Kriegen ab. Dabei kommt es zu einem vermehrten Auftreten nicht-staatlicher Akteure, also Söldnertruppen, regelrechter Privatarmeen, militärischer Netzwerke oder Paramilitärs, die nicht direkt an Staatlichkeit gebunden sind. Teilweise sind das Entstehen und die Reproduktion dieser Akteure direkt an Interessen des Westens geknüpft, so etwa bei den Paramilitärs in Kolumbien, die im Rahmen der Aufstandsbekämpfung aufgerüstet und eingesetzt werden. Sie sollen ein irreguläres Gegengewicht zur linken Guerilla bilden, um die reguläre Armee und ein internationales Eingreifen als die »Konfliktlöser« präsentieren zu können, während der status quo der Herrschaftsverhältnisse festgeschrieben und der Aufstand neutralisiert wird. In anderen Fällen sind die nicht-staatlichen militärischen Akteure Ausdruck der Kriegsökonomien in den &lt;em&gt;failed states&lt;/em&gt; an den Peripherien des Weltkapitalismus. Weitgehend entideologisiert, bilden sie in den kapitalistischen Weltmarkt eingebundene, militärische Unternehmen zur Abschöpfung und Kontrolle von Ressourcen, wie dies in Teilen des subsaharischen Afrika der Fall ist. In Afghanistan, Kosovo oder in den zentralasiatischen Republiken tauchen die Warlords als lokale Hilfstruppen der imperialen Mächte, gewissermaßen also durchaus treffend als »Nordallianz« bezeichnet, auf. Die Warlords, Privatarmeen und Paramilitärs machen eine »asymmetrische« Kriegsführung möglich, in der der Westen seine Kontrolle über die alles dominierende Luftaufklärung und Fähigkeit zur Bombardierung herstellt und das Gemetzel am Boden an die gefügig gemachten lokalen Akteure delegiert. An Kampfhandlungen am Boden beteiligen sich lediglich hoch spezialisierte &lt;em&gt;Special Forces&lt;/em&gt;. Sicher sind die Muster der Neuen Kriege nicht erst 1989 entstanden, sondern greifen auf Konzepte des &lt;em&gt;low intensity warfare&lt;/em&gt; zurück, die nach dem schmählichen Rückzug der US-Truppen aus Vietnam entwickelt wurden und beispielsweise im Einsatz der Contras in Zentralamerika zum Ausdruck kamen. Heute spielen sie eine immer größere Rolle und zeigen damit die Tendenzen der Zukunft. Krieg als eine zeitlich und territorial begrenzte Konfrontation regulärer nationalstaatlicher Armeen wird zugunsten eines permanenten Kriegszustandes, in dem unterschiedlichste militärische Akteure handeln, aufgehoben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Protektoratsregime&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ein Merkmal der Neuen Kriege ist die Errichtung von Protektoratsregimes nach dem Ende der eigentlichen Kampfhandlungen. In Bosnien und Kosovo bilden die internationalen SFOR- und KFOR-Truppen den Kern einer neuen Staatlichkeit, die unter der Hoheit eines UN-Repräsentanten installiert wird. Dabei entsteht ein neo-koloniales Regime, in dem letztlich die politische Verfügungsgewalt den nicht-gewählten UN-Protektoren zufällt. Die lokalen politischen Eliten werden soweit an der Macht beteiligt, wie sie sich den Maßgaben der Kolonialverwaltung unterstellen und diese reproduzieren. Kolonial sind die Regimes nicht deshalb, weil es um den direkten Zugriff auf Rohstoffe ginge. Abgesehen von den im Schlepptau der Militärs angereisten NGO-Leuten handelt es sich auch nicht um Siedlungskolonien, obwohl Pristina und Sarajevo durchaus diesen Eindruck vermitteln können. Kolonial sind die Protektorate vor allem, weil sie eine neo-koloniale Ideologie verbreiten. Das gilt sowohl für die Kolonisierten, die sich entweder in Demut und mit Dankbarkeit vor den neuen Herren verbeugen oder sie als Besatzungsmacht wahrnehmen. Und es gilt auch für die Kolonisatoren, die mit dem Gestus von Zivilisationsbringern agieren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Imperium und »Schurken«&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Unser Widerstand gegen die imperiale Hegemonialpolitik des Westens bedeutet nicht die Unterstützung der Regimes, die vom Imperium als »Schurken« konstruiert werden. Wir versuchen Widerstand gegen Krieg quer zum »Imperium« und seinen »Schurken« zu entwickeln. Auch wenn wir Milosevic, Saddam &amp;amp; Company nicht verteidigen, müssen wir zugleich genau darauf achten, der Feindkonstruktion der Medien nicht auf den Leim zu gehen und uns nicht zum linksradikalen Handlanger für Menschenrechtsrhetorik zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Wir sind nicht die Friedensbewegung: Krieg und Europa&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Unübersichtlichkeit der Konfliktlagen und die Übermächtigkeit der imperialen Machtzentren erschwert den Widerstand gegen den permanenten Krieg. Das augenscheinliche Fehlen emanzipatorischer Akteure in den Kriegssituationen macht viele Linke ratlos. Tatsächlich ist aber keine emanzipatorische Politik mehr denkbar, die sich nicht auch gegen die Auswirkungen des permanenten Krieges richtet. Doch gerade dies macht Widerstand an Punkten möglich, die für uns angreifbar sind. Es gilt also Verknüpfungen herzustellen und gegenüber dem Teil der »Friedensbewegung« Position zu beziehen, der »Europa« als Gegenmacht zu »Amerika« stark machen möchte. Es gilt deutlich zu machen, dass »Europa« kein fortschrittliches Gegenmodell zu »Amerika« darstellt. Europa ist zwar wirtschaftlich etwa gleich stark wie die USA, militärisch aber viel schwächer. Deshalb verfolgt Europa seine Interesse eher mit Mitteln der Diplomatie und des wirtschaftlichen Drucks. Was von europäischen Politikern als Beweis für die angebliche »Zivilität« der EU gedeutet wird, ist tatsächlich das Versäumnis der europäischen Politik, die es bisher nicht vermocht hat, eine schlagkräftige militärische Kraft aufzubauen. Doch auch daran wird gearbeitet.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Krieg und Kapitalismus&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Was von den »Zivilisierten« als »Barbarei« beschrieben wird, ist Ausdruck kapitalistischer Verhältnisse. Die weltweite Zunahme ethnisch-kultureller Konflikte ist nicht mit einem Clash of Civilizations zu erklären. Ethnisch-kulturelle Differenzen sind vielmehr gesellschaftliche Konstruktionen. Dass es seit 1989 zu einer Zunahme ethnisch-kultureller Konflikte kommt, hängt einerseits mit der Zurückdrängung emanzipatorischer Vorstellungen und linker politischer Kräfte zusammen. Andererseits sind die ethnisch-kulturellen Konflikte auch Ausdruck einer zunehmenden sozialen Fragmentierung durch das neoliberale Kapitalismusmodell. Dieses vertieft die sozialen und regionalen Unterschiede und Widersprüche, die dann ethnisiert oder kulturalisiert ausgetragen werden. Der Ausgangspunkt dessen, was als »barbarisch« beschrieben wird, liegt also im Zentrum der »Zivilisation«. Hier geht es darum darzustellen, wie sich die kriegsförmige Politik des Westens in den Kontext der Durchsetzung einer »neoliberalen Globalisierung« einschreibt. Zwar lässt sich nicht jeder Krieg aus rein wirtschaftlichen Interessen begründen. Dennoch dienen die Interventionen US-amerikanischer und europäischer Truppen immer auch dem Ausbau ihrer Hegemonialstellung, deren wirtschaftliches Modell die »neoliberalen Globalisierung« bildet.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Krieg, Nation und Gesellschaft&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Da wir nun einmal in Deutschland sind, kommt es beim Widerstand gegen Militarisierung darauf an, die deutsche Rolle zu betonen. Das gilt insbesondere für den Einsatz der Bundeswehr in Gebieten, in denen die deutsche Wehrmacht als Besatzungsmacht einen Vernichtungskrieg geführt hatte. Der Kosovo-Krieg konnte von Rot-Grün nur mit der Argumentation geführt werden, es ginge darum, ein »neues Auschwitz« zu verhindern. Also muss die Argumentation gegen den Krieg genau an diesem Punkt ansetzen. Den Versuch, den Holocaust zu relativieren, müssen wir aufs Schärfste denunzieren. Das »Wiedergutlügen« Deutschlands ist eine der widerwärtigsten - aber zentralen - Erscheinungen, beim Versuch die deutsche Außenpolitik militärisch flankieren zu können und die Bundeswehr interventionstauglich zu machen. Gleichzeitig gilt es deutlich zu machen, dass unser Widerstand gegen deutschen Nationalismus und das walser-habermas-braun-grüne Normalisierungsgebrabbel nicht bedeutet, die ganze Welt aus deutscher Perspektive zu erklären und in die bekannten »der Feind meines Feindes ist mein Freund«- Reflexe zu verfallen. Dazu ist die Welt zu komplex. Kriege haben auch immer einen innenpolitischen Nutzen. So werden gezielt Gefahrensituationen heraufbeschworen und eine dauerhafte Kriegssituation herbei geredet, um innenpolitisch repressive Gesetze und Maßnahmen durchzusetzen. Gesellschaftlich wird eine Stimmung erzeugt, die vor allem rechtspopulistischen, rassistischen und autoritären Kräften zugute kommt.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_m8wiojh&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_m8wiojh&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Personen oder Organisationen, in den meisten Fällen aber Kleingruppen, die sich auf Grund ihrer Befürwortung der herrschenden Kriegspolitik und ihrer unreflektierten Solidarität mit kapitalistischen Staaten als nicht emanzipatorisch zeigen.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_qo9z95j&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_qo9z95j&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Durch vermehrte Ausgaben des Staatshaushaltes soll laut Keynes Vollbeschäftigung erreicht und die Wirtschaft angekurbelt werden.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:35:09 +0000</pubDate>
 <dc:creator>FelS Intersol AG</dc:creator>
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 <title>Der Alltag ist Krieg gegen Frauen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/23/der-alltag-ist-krieg-gegen-frauen</link>
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                    &lt;p&gt;Die &quot;Revolutionäre Vereinigung der Frauen in Afghanistan&quot; (RAWA) ist eine parteiunabhängige feministische Organisation, die 1977 von intellektuellen Frauen in Kabul gegründet wurde und für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit kämpft.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Die &lt;a href=&quot;http://www.rawa.org&quot; target=&quot;_blank&quot; title=&quot;zur RAWA-Webseite&quot;&gt;&quot;Revolutionäre Vereinigung der Frauen in Afghanistan&quot; (RAWA)&lt;/a&gt; ist eine parteiunabhängige feministische Organisation, die 1977 von intellektuellen Frauen in Kabul gegründet wurde und für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit kämpft. Nach dem Einmarsch der SU gingen Teile nach Pakistan und organisierten sich in der Grenzstadt Quettar und in Peschawar. In den vergangenen 24 Jahren haben sie ein Krankenhaus für Flüchtlinge aufgebaut, mobile medizinische Teams gegründet und führen Bildungsmaßnahmen in Afghanistan und im Exil durch. Sie unterstützen traumatisierte Frauen, bauen geheime Zellen in Kabul auf und organisierte Mädchenschulen im Untergrund. Mehrere Aktivistinnen, wie z.B. Meena, eine der Gründerinnen von RAWA, wurden bei Attentaten ermordet. Die 20-jährige Marina Kamal lebt im Exil in Pakistan. Frauen in Afghanistan dürfen nicht arbeiten, außer im medizinischen Bereich, und Mädchen, die älter als acht Jahre sind, dürfen keine öffentlichen Schulen mehr besuchen. Seit September 1997 wird Frauen und Mädchen der Zugang zu den staatlichen Kliniken verwehrt. Es gibt eine kläglich ausgestattete Frauenklinik in Kabul. Frauen ist es nicht erlaubt, ohne ihren Vater, Bruder oder Ehemann – ohne männlichen Verwandten – das Haus zu verlassen. Frauen, die keine Burka – einen den ganzen Körper verhüllenden Schleier mit nur einem kleinen Sichtgitter – tragen, deren Knöchel z.B. zu sehen sind, drohen Misshandlungen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie viele Mitglieder hat RAWA?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind etwa 2.000 Personen aus praktisch allen ethnischen Gruppen Afghanistans. Etwa 80 Prozent unserer Mitglieder entwickeln klandestine Aktivitäten innerhalb des Landes. Die anderen arbeiten in Pakistan, hauptsächlich zur Unterstützung der Flüchtlinge. RAWA ist eine Frauenorganisation, obwohl wir natürlich auch männliche Mitarbeiter haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie sieht ein Tag für eine Aktivistin von RAWA in Pakistan oder Afghanistan aus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das hängt sehr von der Gegend ab, in der wir arbeiten. Als ich im Büro für Öffentlichkeitsarbeit tätig war, haben wir oft nachts gearbeitet. Wir hatten wenig Ressourcen und die Arbeit war sehr hart. Jetzt bin ich in der Bildungsarbeit tätig. Ich besuche die Alphabetisierungskurse und die Lehrerinnen, ich kümmere mich um die Teilnehmerinnen und die Presse. Innerhalb Afghanistans ist unsere Arbeit sehr unterschiedlich und gefährlich. Es gibt Leute, die eine kleine geheime Schule in ihrem Haus betreiben. Andere, wie zum Beispiel Medizinerinnen, leisten medizinische Hilfe. Es gibt auch Leute, die unsere Publikationen innerhalb Afghanistans verteilen. Das sind Publikationen, welche die Leute kaufen, obwohl sie dabei ihr Leben riskieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ihr legt großes Gewicht auf Bildung?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Männer haben mehr Macht in allen Aspekten des öffentlichen Lebens, weil sie besseren Zugang zu Bildung haben. Unsere Alphabetisierungskurse und die Kurse zur politischen Bewusstseinsbildung haben das Ziel, den Frauen Macht zu verschaffen und sie in die Lage zu versetzen, ihre Rechte einzufordern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was bedeutet für Euch Feminismus?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir kennen den westlichen Feminismus, aber die Grundlage unserer Ideen beziehen wir aus unseren elementaren Erfahrungen und der Repression, unter der wir leiden. Frauen werden seit drei Jahrzehnten auf allen Ebenen unterdrückt. Die Forderung nach Gleichheit und Grundrechten entsteht da ganz von alleine. Es gibt wichtige Unterschiede zu einem europäisch geprägten Feminismus. Während Frauen im Westen für das Recht auf Scheidung oder gleichen Lohn für gleiche Arbeit kämpfen, kämpfen wir für das Recht, das Haus zu verlassen. Während Frauen im Westen sich für Parlamentssitze einsetzen, kämpfen wir für grundlegende Dinge, wie dass wir uns alleine in der Öffentlichkeit bewegen können. Oder dafür, dass es nicht lebensgefährlich ist, wenn man aus Versehen einen Arm unter unserer Burka sehen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie leben die Aktivistinnen von RAWA den Islam?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind fast alle Muslime, aber Muslime, die den Islam als eine persönliche Option leben. Er bildet einen Teil unseres Lebens, aber er darf nicht die Politik bestimmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie passt eine feministische Bewegung wie Eure in den Islam?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Islam ist eine sehr weite Religion und – selbstverständlich – weit entfernt von der Interpretation der Taliban. Der Islam bietet Frauen das Recht auf Bildung, auf die Straße zu gehen, zu arbeiten und ihre Rechte zu fordern. Es gibt natürlich viele Interpretationen des Islam. Für uns heißt Feminismus in Afghanistan, dieselben Rechte zu besitzen wie die Männer, vor allem das Recht zu leben. Auf jeden Fall ist der Islam ein sehr umstrittenes Thema. Im Laufe der Geschichte hat sich gezeigt, dass die Religionen, der Islam mit eingeschlossen, die besten Waffen in den Händen der Regierenden und Diktatoren waren, die Bevölkerung zu kontrollieren und vor allem die Frauen. Afghanistan ist ein klares Beispiel für die Nutzung der Religion für politische und persönliche Interessen. Alle Fundamentalisten, sowohl die Taliban als auch die Jehadis, haben den Islam entsprechend ihrer eigenen Interpretation benutzt, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Warum sieht man so viele Frauen, die hier in Pakistan die Burka tragen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Burka ist Teil unserer Kultur. Es gab immer Frauen, die sie angezogen haben. In konservativen Familien ist das noch immer üblich. Was ganz neu in unserer Kultur ist, ist, dass Frauen gezwungen werden, die Burka zu tragen. Einige Frauen, wie beispielsweise Meena, die Gründerin von RAWA, benutzten sie, um nicht erkannt zu werden. Wir selbst tragen die Burka manchmal, wenn wir nach Afghanistan reisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was fühlt man unter einer Burka?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Du siehst kaum etwas durch das Stoffgitter in Augenhöhe. Man kann kaum atmen. Während der Mittagshitze vervielfacht sich jede Anstrengung. Der Gedanke, dass dich jemand töten kann, wenn du die Burka öffnest, verstärkt das Gefühl der Drangsalierung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was ist die Politik der Regierung gegenüber RAWA?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Strategie der Taliban und auch der reaktionären Presse in Pakistan ist es, uns zu diskreditieren. Sie bezeichnen uns als &quot;untreue Frauen&quot;, als &quot;Prostituierte&quot;, als &quot;anti-islamisch&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ist das Leben von RAWA-Aktivistinnen auch in Pakistan in Gefahr?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Selbstverständlich. Es ist nicht so gefährlich wie in Afghanistan, aber einige Aktivistinnen sind verhaftet worden, und wir werden beobachtet. Wir werden auch bedroht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Welche Verbindungen zum Ausland habt Ihr?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In dieser harten Zeit ist es eine Notwendigkeit für uns, Mitarbeit und Hilfe von allen Organisationen und Bewegungen, die die Freiheit lieben, zu suchen, egal wo sie sind. Weil unsere politischen Ziele und unsere Situation denen der Palästinenserinnen, Zapatistinnen und Kurdinnen ähneln, ist es klar, dass wir uns diesen progressiven Bewegungen nahe fühlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie sieht sich RAWA politisch?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir sind eine unabhängige soziale und politische Organisation. Wir sind feministisch und anti-fundamentalistisch. Wir kämpfen für die Freiheit, die Demokratie und die Rechte der Frauen. Innerhalb der politischen Landkarte können wir uns nicht verorten, weil es uns in erster Linie um die genannten Ziele geht. Von der Rechten werden wir als links bezeichnet. Einige Linken sagen, dass wir Rechte sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wie schätzt Du die aktuellen Ereignisse ein?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist eine neue Katastrophe für unser Land. Der Angriff auf Afghanistan wird den Schmerz der Amerikaner über die terroristische Attacke nicht lindern. Die USA sollten zwischen der afghanischen Bevölkerung, die eine furchtbare Zeit durchleidet, und den Fundamentalisten unterscheiden. Wir habe die Attentate des 11. September energisch verurteilt, aber wir erinnern daran, dass Bin Laden ein Mitarbeiter der CIA war und die USA die Fundamentalisten finanzierten. Die USA sollten nicht Afghanistan angreifen und Tausende ZivilistInnen ermorden, um sich am Verbrechen von Bin Laden und den Taliban zu rächen. Die Nordallianz ist die andere Seite derselben Medaille. Das sind die gleichen Mörder und Fundamentalisten wie die Taliban.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In ihrer Grausamkeit und ihrer Einstellung zu Frauen sind die Gruppen der Nordallianz kein bisschen besser als die Taliban. Auch bei ihnen wurden Frauen verschleiert, sie durften nicht zur Schule, sie wurden gesteinigt. Es wurden Massaker an ethnischen Minderheiten verübt und Frauen vergewaltigt. Für die afghanische Bevölkerung bietet die Nordallianz keine Perspektive. Wir wollen eine politische Lösung.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:18:35 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Little Earthquakes:</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/41/little-earthquakes</link>
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                    &lt;p&gt;Im Februar 2009 erschien als Gemeinschaftsproduktion der Verlage &lt;em&gt;PM Press&lt;/em&gt; (Oakland, USA) und &lt;em&gt;Kersplebedeb&lt;/em&gt; (Montreal, Kanada) der erste Band einer zweibändigen «Documentary History» der RAF mit dem Titel &lt;em&gt;Projectiles for the People&lt;/em&gt;. Die Bände beinhalten Übersetzungen von Original-RAF-Texten sowie ausführliche Einleitungen zum historischen und politischen Kontext. Das Projekt stellt den bisher bei weitem ambitioniertesten Versuch dar, die Geschichte der RAF auf Englisch zu dokumentieren. Gabriel Kuhn sprach mit den beiden kanadischen Herausgebern, André Moncourt und J. Smith, über ihre Beweggründe, über die historische Bedeutung des bewaffneten Kampfes in der Metropole und über die Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Stadtguerillagruppen Nordamerikas und Deutschlands. Moncourt und Smith sind seit knapp dreißig Jahren in der radikalen Linken aktiv, vor allem in der Unterstützung anti-kolonialen Widerstands und in Gefangenenhilfsgruppen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
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&lt;p&gt;Im Februar 2009 erschien als Gemeinschaftsproduktion der Verlage &lt;em&gt;PM Press&lt;/em&gt; (Oakland, USA) und &lt;em&gt;Kersplebedeb&lt;/em&gt; (Montreal, Kanada) der erste Band einer zweibändigen «Documentary History» der RAF mit dem Titel &lt;em&gt;Projectiles for the People&lt;/em&gt;. Die Bände beinhalten Übersetzungen von Original-RAF-Texten sowie ausführliche Einleitungen zum historischen und politischen Kontext. Das Projekt stellt den bisher bei weitem ambitioniertesten Versuch dar, die Geschichte der RAF auf Englisch zu dokumentieren. Gabriel Kuhn sprach mit den beiden kanadischen Herausgebern, André Moncourt und J. Smith, über ihre Beweggründe, über die historische Bedeutung des bewaffneten Kampfes in der Metropole und über die Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Stadtguerillagruppen Nordamerikas und Deutschlands. Moncourt und Smith sind seit knapp dreißig Jahren in der radikalen Linken aktiv, vor allem in der Unterstützung anti-kolonialen Widerstands und in Gefangenenhilfsgruppen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;2007 wurden zahlreiche Events veranstaltet, um des Deutschen Herbstes zu gedenken. Ist es reiner Zufall, dass euer Buch kurz darauf erscheint?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André: &lt;/em&gt;Wir begannen schon 2004, das Projekt zu planen. Ich hätte nie gedacht, dass es so viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Den einzigen Einfluss, den die Ereignisse von 2007 auf das Projekt genommen haben, war, dass wir die zahlreich erschienenen Artikel und – vor allem – Interviews mit früheren RAF-Mitgliedern heranziehen konnten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Ihr habt eine Menge Arbeit in dieses Projekt gesteckt. Was hat euch dazu motiviert?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André: &lt;/em&gt;Es gab da mehrere Faktoren. Wichtig für mich persönlich war, dass ich in den 1980er Jahren für längere Zeit in Deutschland gelebt und in antiimperialistischen und autonomen Kreisen zahlreiche persönliche Kontakte aufgebaut habe. Außerdem hat sich die nordamerikanische Linke immer sehr für linksradikale Politik in Deutschland interessiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Kannst du die Gründe dafür nennen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André:&lt;/em&gt; Der Hintergrund der weißen radikalen Linken in Nordamerika war dem der deutschen AktivistInnen sehr ähnlich. Radikale weiße Linke in Nordamerika kamen ebenfalls zum größten Teil aus der Jugend- und StudentInnenrevolte. Deshalb fühlten sie sich den Aktionen und der Rhetorik der westdeutschen Stadtguerilla näher als etwa dem proletarischen Kampf der Roten Brigaden. Auch nationale Befreiungsbewegungen wie jene der IRA oder ETA stießen außerhalb Québecs – wo es in den 1960er Jahren einen militanten Flügel der Unabhängigkeitsbewegung gab, die Front de liberation du Québec – nur auf wenig Interesse.&lt;br /&gt; Es war im Übrigen nicht die RAF, die in radikalen Kreisen am meisten Aufmerksamkeit erregte. Es gab mehr Sympathien für die Revolutionären Zellen und die Rote Zora: die dezentrale Struktur, die Form der Anschläge und die Verankerung in breiten sozialen Bewegungen waren für viele nordamerikanische AktivistInnen besonders attraktiv.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Lassen sich zwischen dem bewaffneten Kampf in Nordamerika und in Deutschland konkrete Parallelen ausmachen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André: &lt;/em&gt;Wenn wir von den weiß dominierten Gruppen in Nordamerika sprechen, sicherlich. In beiden Fällen waren tödliche Attacken des Staates ein wesentlicher Radikalisierungsfaktor: in Deutschland die Ermordung Benno Ohnesorgs, in Nordamerika die der Protestierenden an den Universitäten Kent State und Jackson State im Jahre 1970. In beiden Fällen war der Krieg in Vietnam ein zentraler Bezugspunkt. Und in beiden Fällen waren die antiimperialistischen Fokussierungen der 1980er Jahre ähnliche: der Nahe Osten, Zentral- und Südamerika, Südafrika.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;J. Smith:&lt;/em&gt; Wichtig anzumerken ist freilich, dass die revolutionäre Bewegung in Nordamerika immer sehr geprägt war vom Kampf unterschiedlicher Nationen1 im eigenen Land: indigene Gesellschaften, AfroamerikanerInnen und andere bilden in den USA und Kanada Kolonien bzw. unterdrückte Nationen im Inneren. Solche gab es in Westdeutschland nicht. Auch wenn sich die RAF an antiimperialistischen Kämpfen orientierte, war ihr konkreter Kontakt zu Kämpfen in der Dritten Welt auf die Erfahrungen reduziert, die sie in den 1970er Jahren in palästinensischen Camps machte. In Nordamerika verlangen Angehörige unterdrückter Nationen eine konkrete Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen derjenigen, die unmittelbar unter dem imperialistischen System zu leiden haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt auch einen Unterschied, was den Hintergrund der weißen AktivistInnen betrifft. Wenn wir etwa die Aktivitäten des Weather Underground mit denen der RAF vergleichen, dann erscheinen – je nach politischer Einschätzung – die RAF-Mitglieder als fanatische Mörder oder die Angehörigen des Weather Underground als verweichlichte Hippies. Entscheidend dabei scheint, dass die RAF-Mitglieder aus einer postfaschistischen Gesellschaft kamen, in der Lehrer, Bullen, Richter und oft genug die eigenen Eltern in den Holocaust involviert waren. Das lässt im politischen Kampf andere Maßnahmen notwendig erscheinen. Es ist interessant, dass die RAF in ihrer Entschlossenheit und in ihren Mitteln mehr mit einer Gruppe wie der Black Liberation Army gemeinsam hat als mit dem Weather Underground, obwohl sie mit diesem ihre Verankerung in der Unterdrückergesellschaft teilt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Kannst du die Aktivitäten und Taktiken des Weather Underground kurz umreißen?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;J.:&lt;/em&gt; Innerhalb der Students for a Democratic Society, dem nordamerikanischen SDS, übernahm 1969 eine Gruppe das Kommando, die sich Weatherman nannte nach der Textzeile von Bob Dylan: «You don’t need a weatherman to know which way the wind blows.» Als sich einige aus der Gruppe entschlossen, in den Untergrund zu gehen, wurde aus Weatherman die Weather Underground Organization.&lt;br /&gt; Bald nach dieser Entscheidung kam es zu einem traumatischen Ereignis, als sich einige der Weather-AktivistInnen beim Bombenbasteln selbst in die Luft sprengten. Dies stellte für viele die ‹militaristische› Ausrichtung der Gruppe in Frage und die Überlebenden konzentrierten sich nunmehr ausschließlich auf Sachbeschädigung. Dieser Schritt wird von Linksliberalen seit jeher als weise gefeiert, beispielsweise auch von Jeremy Varon in seinem Buch Bringing the War Home. Der Schritt bedeutete jedoch auch, sich politischer Verantwortung zu entziehen. Weather war angetreten, um militante Gruppen zu unterstützen, die den unterdrückten Nationen entstammten, beispielsweise die Black Panther Party. Indigene und schwarze AktivistInnen wurden jedoch weiterhin abgeknallt, als diese selbsternannte Avantgarde der weißen Jugend meinte, sich auf rein symbolische Aktionen beschränken zu können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Versuch junger weißer KommunistInnen, die Gesellschaft radikal zu verändern, war ohne Zweifel lobenswert. Aber die Mythologie der 1960er Jahre verleiht Weather zuviel Bedeutung. Von den Tausenden bewaffneter Aktionen, die damals durchgeführt wurden, ging nur eine kleine Zahl auf das Konto von Weather. Der Großteil der Weather-AktivistInnen tauchte irgendwann wieder auf, bat um Amnestie und machte legale Politik. Unterdessen sitzen immer noch Dutzende radikaler GenossInnen aus jener Zeit im Gefängnis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Warum habt ihr euch dazu entschieden, zur RAF zu arbeiten, obwohl andere westdeutsche Guerillagruppen offenbar stärkeres Interesse in der radikalen Linken Nordamerikas weckten?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André:&lt;/em&gt; Wir arbeiten auch an Bänden zur Bewegung 2. Juni und zu den Revolutionären Zellen bzw. zur Roten Zora. Wir haben uns aber entschlossen, in unserer Aufarbeitung chronologisch vorzugehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was die RAF betrifft, so ist vieles an ihr einzigartig und sie kann tatsächlich als archetypische Guerillabewegung der Ersten Welt während des Kalten Krieges gelten. Aus ihrer Geschichte gibt es viel zu lernen; zumal es keine vergleichbare Gruppe gibt, die eine ähnlich umfangreiche Textsammlung hinterlassen hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Was hältst du für das Wichtigste, das es aus der Geschichte der RAF zu lernen gibt?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André: &lt;/em&gt;Wie praktisch immer gibt es Positives und Negatives. Der RAF gelang es, in ihren ersten zwei Jahren eine Infrastruktur und eine Ideologie aufzubauen, die es ihr ermöglichten, weiter zu bestehen, auch nachdem ihre GründerInnen in Haft oder tot waren. Die RAF schaffte es, sich mindestens viermal in ihrer 30-jährigen Geschichte quasi von Null auf neu zu bilden. Die Gefangenen haben uns gezeigt, wie Gerichtsverfahren und Hungerstreiks als Überlebensmechanismen und Kommunikationsmittel verwendet werden können. Außerdem bewies die RAF, dass eine kleine Gruppe organisierter und entschlossener Individuen dem Staat und seinen RepräsentantInnen einige ausgesprochen starke Schläge versetzen kann.&lt;br /&gt; Problematisch war sicherlich die Entscheidung, komplett in den Untergrund zu gehen. Dies isolierte die Gruppe von alltäglichen gesellschaftlichen Entwicklungen und auch von weiten Teilen der militanten Linken. Die Entscheidung der RAF, von den Verhaftungen 1972 bis zum Deutschen Herbst 1977 rhetorisch eine ziemlich klassisch antiimperialistische Linie zu verfolgen, während sie sich praktisch ganz auf die Befreiung der Gefangenen konzentrierte, ist verständlich – war aber aus heutiger Sicht falsch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Bisher war Tom Vagues Televisionaries: The Red Army Faction Story das einzige englische Buch, das sich ausschließlich mit der Geschichte der RAF beschäftigt hat. Was ist eure Einschätzung dieses Werks?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;J.:&lt;/em&gt; Televisionaries ist sehr lesbar und manchmal lustig, basiert aber fast ausschließlich auf Stefan Aust, dessen Buch Der Baader- Meinhof-Komplex 1987 ins Englische übersetzt wurde. Allerdings muss ich gestehen, dass es schwierig ist, ganz um Austs Buch herumzukommen. Auch wir haben es als Quelle benutzt – aber nicht als die einzige und mit der gebotenen Vorsicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Hofft ihr, dass eure Bände zu einer Diskussion um zeitgenössische Perspektiven des bewaffneten Kampfes in der Metropole anregen können?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;André:&lt;/em&gt; Wenn es zu einer solchen Debatte kommt, verdient die Geschichte der RAF zweifelsohne Berücksichtigung. Was die Aussichten des bewaffneten Kampfes betrifft, so müssen dabei für mich zwei Bedingungen erfüllt sein: es muss eine Massenbewegung geben, innerhalb derer sich die bewaffneten Aktionen vollziehen; und es muss ein klares Ziel geben, das mit den Aktionen verbunden ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;J.: &lt;/em&gt;Zu bewaffnetem Widerstand wird es kommen, ob wir das nun gutheißen oder nicht. Wie viel die Leute dabei über die RAF wissen, wird nicht ausschlaggebend sein. Aber ich denke, dass wir gewisse Fehler vermeiden können, wenn wir die Geschichte der RAF und ähnlicher Gruppen analysieren.&lt;br /&gt; In Nordamerika gibt es die bedauerliche Tendenz, die Fehler, die in der Geschichte des bewaffneten Widerstands begangen wurden, nicht zu benennen. Aber für jede Niederlage den Staat und das Counter Intelligence Program des FBI (COINTELPRO) anzuklagen, tut weder den RevolutionärInnen von morgen etwas Gutes, noch wird es den GenossInnen gerecht, die im Kampf ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Einer der Vorteile, eine bewaffnete Gruppe zu studieren, die zwar in der Ersten Welt aber außerhalb Nordamerikas operierte, liegt darin, die Dynamiken dieses Kampfs weniger voreingenommen betrachten zu können: ohne den Stolz und die zwanghafte Rechtfertigung, die oft im Wege stehen, wenn es um die eigene Geschichte geht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;¿ &lt;/em&gt;Warum bist du so sicher, dass es zu bewaffnetem Widerstand kommen wird? Gilt das auch für die USA und Kanada?&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;J.:&lt;/em&gt; Der Kapitalismus produziert weiterhin enorme soziale Widersprüche. Diese werden sich ohne das Ende des Kapitalismus nicht auflösen lassen. Irgendwann – hoffentlich früher als später – werden revolutionäre Bewegungen entstehen. Manche Menschen werden sich dabei verborgenen, illegalen und auch gewalttätigen Taktiken zuwenden. Das hat nichts mit Teleologie zu tun, sondern mit gesellschaftlichen Wirklichkeiten. Der Kapitalismus wird nicht verschwinden, wenn er nicht aktiv zerstört wird.&lt;br /&gt; Dies gilt generell und ist nicht beschränkt auf einzelne Länder. Aber um auf die Situation in Nordamerika Antwort zu geben: In den USA und Kanada kommt es in der Linken seit Jahren nur zu sporadischen und vereinzelten symbolischen Angriffen auf Staatseinrichtungen und Konzerneigentum. Keine dieser Angriffe geschehen im Namen von Organisationen, sondern werden von Individuen oder Kleingruppen durchgeführt, die im besten Fall über einen vagen gemeinsamen Aufhänger verbunden sind – die Aktionen, die in den 1990er Jahren unter dem Banner der Earth Liberation Front durchgeführt wurden, sind dafür wohl das beste Beispiel. Aber ohne starke Strukturen reichen solche Aktionen nur bis zu einem gewissen Punkt.&lt;br /&gt; Die Ausnahme bilden vor allem hier in Kanada indigene Nationen. Dort ist die Tradition bewaffneten Widerstands weiterhin am Leben und zeigt sich alle paar Jahre in Konfrontationen mit dem Staat. Aber es geht hier eher um Selbstverteidigung, den Schutz bestimmter Gebiete usw. Der Widerstand dient hauptsächlich dazu, die Gewalt des Staates einzudämmen. Stadtguerilla ist etwas anderes.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/bewaffneter-kampf">Bewaffneter Kampf</category>
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 <pubDate>Fri, 22 Jan 2010 16:54:59 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Von Wirbelwinden und Windspielen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/39/von-wirbelwinden-und-windspielen</link>
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                    &lt;p&gt;Wir von Team Colors, AktivistInnen in einem bewegungsorientierten Forschungskollektiv, nutzten die 2008 in den USA stattfi ndenden Protestaktionen aus Anlass der Parteitage der Demokratischen und der Republikanische Partei dazu, eine strategische Untersuchung über ‚Movement Building‘ und die Konstruktion von Klasse anzustoßen.&lt;/p&gt;

        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Wir von Team Colors, AktivistInnen in einem bewegungsorientierten Forschungskollektiv, nutzten die 2008 in den USA stattfi ndenden Protestaktionen aus Anlass der Parteitage der Demokratischen und der Republikanische Partei dazu, eine strategische Untersuchung über ‚Movement Building‘ und die Konstruktion von Klasse anzustoßen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ausgangspunkt der Untersuchung war die Einschätzung, dass sich im Umfeld der Parteitagsproteste zum ersten Mal seit Beginn des zweiten Irakkrieges wieder eine signifi kante landesweite Mobilisierung abzeichnete. Dabei beunruhigte uns jedoch die Herangehensweise einiger Kollegen an diese Proteste: Wir fanden, dass die Versuche einer Wiederbelebung der Proteststimmung von Seattle 999 in Form einer reinen Neuaufl age der damaligen Protestkultur fehlgeleitet waren. Wir waren überzeugt, dass weniger der viel zitierte 11. September für den Niedergang der globalisierungskritischen Bewegung verantwortlich war als vielmehr die Aktivitäten und Politikansätze der Bewegung selbst. Daher sahen wir die Zeit für ein ganz anderes Projekt gekommen: Wir wollten die Erfahrungen antikapitalistischer Strömungen in der amerikanischen Linken zwischen 999 und heute kritisch hinterfragen, um schließlich gute von weniger guten Strategien zu unterscheiden und ihren Nutzen für die Zukunft zu beurteilen. Deshalb baten wir über fünfzig Organisationen und Individuen um Artikel und Interviews. Darin sollten die Arbeitsweise und Arbeitsinhalte der Gruppen sowie der Stand der Erfahrungsauswertung, Rückschläge und Erfolge diskutiert werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Ergebnis waren ein Sammelband, in dem Essays und Interviews mit Intellektuellen und sogenannten ‚radical Organizers’ über ihre Organisationsprozesse und Strategien veröffentlicht wurden (In the Middle of a Whirlwind: 2008 Convention Protests, Movement and Movements, www. inthemiddleofawhirlwind.info), sowie eine Veranstaltungsreihe mit den AutorInnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Nachhinein kristallisierte sich für Team Colors ein andauernder Evaluationsprozess heraus, in dem wir vor allem unsere Erfahrungen und Probleme im Bereich der Militanten Untersuchungen verarbeiten. Während dieser interne Diskussionsprozess anhält, hoffen wir, dass unsere Diskussionen und Erfahrungen vielleicht schon nützlich für Dritte sein können.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Militante Untersuchung und ihre Fallstricke&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Projekt war das ambitionierteste, das wir als Kollektiv je begonnen haben. Obwohl das nicht unser eigentliches Forschungsinteresse gewesen war, wurde schnell die ‚technische’ Herangehensweise an unsere Forschung zum Objekt der Untersuchung, vor allem weil der Rücklauf nicht den Zielen entsprach, die wir aufgestellt hatten. Der eigentliche Grund der Untersuchung ging uns in den Bergen von Arbeit und auf dem Wege der Kommunikation verloren.&lt;br /&gt; Unsere Überlegungen zur Methodik drehten sich vor allem um die Art und Weise der Kommunikation innerhalb der radikalen Linken – sowohl in Hinblick auf Debatten als auch in Hinblick auf Infrastruktur.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Denn zum einen sprachen die Artikel, die wir bekamen, die von uns gestellten Fragen oftmals gar nicht an. So erhielten wir statt der gewünschten Fallstudien häufi g so etwas wie Presseerklärungen – ein aufschlussreicher Einblick darin, wie einige AktivistInnen innerhalb eines Organisierungsprozesses kommunizieren, leider jedoch völlig wertlos für unser Projekt. Wir wollten AktivistInnen dazu bringen, ihre Analysen in Bezug zum historischen Kontext zu setzen, wir wollten Dinge erfahren, von denen man lernen und auf die wir uns beziehen können würden. Leider erhielten wir meist viele Seiten Text, die man letztlich auch in einem kurzen Abschnitt hätte zusammenfassen können. Dies lag jedoch nicht nur an mangelnder Aufmerksamkeit, sondern auch an der zur Verfügung stehenden Kommunikations-Infrastruktur. Diese ist sowohl technologisch als auch organisatorisch ungeeignet für kontinuierliche Kommunikationsprozesse innerhalb der Linken, die über ein kommunales Level hinausgehen. In den letzten Jahren haben wir viele Bewegungspublikationen aus finanziellen Gründen untergehen sehen. Während wir vor allem das Versanden guter Projekte von FreundInnen und GenossInnen sehr bedauern, muss jedoch auch festgestellt werden, dass das Fehlen funktionierender Organisationen und Diskursräume keine Basis für eine langfristige Unterstützung solcher Projekte bietet. Zudem war die Architektur einiger dieser Projekte auf einem verfehlten organisatorischen Ansatz errichtet worden: der ‚Bekehrung’ zu einer bestimmten politischen Identität durch die Schaffung von Problembewusstsein für bestimmte Themen. Wie wir jedoch über die letzten zehn Jahre gesehen haben, war die größte Unterlassungssünde der Anti-Globalisierungsbewegung das Versagen, sich mit der Vielschichtigkeit des Alltäglichen zu beschäftigen. Dies zeigt sich deutlich an den Bewegungsmedien, deren Fokus nach wie vor auf Kämpfen als Ausdrucksmittel liegt. Die verbleibenden Zugänge zu Kommunikation verlaufen nach wie vor über den Versuch der ‚Bewusstseinsschaffung’ und verhindern so andere Ansätze.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tatsächlich fielen wir von Team Colors selbst bei dem Versuch, das Interesse genau darauf zu lenken, auf diese eingefahrenen Kommunikationsstrukturen herein. So waren unsere Methoden, auf das Buch und die Veranstaltungen aufmerksam zu machen, ebenfalls auf ein sehr beschränktes Verständnis von Öffentlichkeit angelegt: Massen- Emails über bekannte Mailinglisten, Werbung über Poster und Flyer, die an Orten verteilt wurden, an denen wir AktivistInnen vermuteten. Über all die Zeit und das Geld, das wir brauchten, um die Flyer zu erstellen, zu drucken und schließlich zu verteilen, vergaßen wir völlig, unsere AutorInnen einzubeziehen und sie damit zu ermutigen, sich das Whirlwindsprojekt selbst anzueignen. So wurde unglücklicherweise das Mittel (die Fertigstellung und Verteilung unseres Buches), mit dem wir eigentlich nur einen Prozess in Gang setzen wollten, zu einem Ziel. Das Versagen, neue Wege zu beschreiten, zeigte sich auch an den Orten, an denen wir die Whirlwinds- Broschüre vorstellten. Anstatt uns durch die lokalen Wahlbezirke unserer AutorInnen zu arbeiten, hielten wir unsere Veranstaltungen in ‚sicheren’ linken Szenetreffs ab. Obwohl wir bestimmte Aspekte eben dieser Nischen als irrelevant kritisierten, distanzierten wir uns nicht von der vorhandenen Infrastruktur. Wir halten diese Fehler nicht für außergewöhnlich: Vielmehr zeigen sie deutlich, wie viele radikale Projekte im ‚Szene-Sumpf’ funktionieren. Und obwohl öfter kritisch darüber gesprochen wird, schlägt sich das fast nie in Aktivitäten nieder.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Mitten im Wirbelwind&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Nun, da wir eine Phase des Projektes abgeschlossen haben, ist uns klar, dass unser Ansatz sich ändern muss. Wie wir uns Ort und Ausmaß des Projektes vorstellen, muss neu diskutiert werden. Dabei meinen wir mit Ort nicht Arbeitsplätze oder Räume für unsere Treffen, sondern Orte im Sinne von Netzwerken, das heißt existierende immanente Verbindungen zwischen Kommunikation, Identifikation, sozialen Kämpfen und Arbeit. Wie erwähnt, war unser Kontakt mit den BuchautorInnen auf den Austausch über die Artikel beschränkt. Wäre vielleicht etwas anderes herausgekommen, wenn wir unser Projekt von vornherein als gemeinsames Projekt zwischen uns und den AutorInnen angelegt hätten?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unsere Verteilung von Informationen und Generierung von Kommunikation hat nicht funktioniert, weil wir nicht die unseren Zielen angemessenen Strukturen genutzt haben. Während das Internet als eines der wichtigsten Werkzeuge der neuen antikapitalistischen Linken bejubelt wird, ist unser Eindruck, dass sein Wert nicht verallgemeinert werden kann. Dasselbe gilt jedoch für alle Medien, elektronisch oder nicht. Wir sollten nicht den Informationsfluss mit einem vollständigen Kommunikationsakt verwechseln. Wir glauben, dass die daraus entstehende Kommunikation genauso entfremdet ist wie jede andere Nachrichtensendung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unser Versagen, eine neue Ebene mit unseren AutorInnen herzustellen, war eine verpasste Gelegenheit. Es wäre sicher hilfreich gewesen, früher unsere Prioritäten zu evaluieren, um unsere eigentlichen Ziele besser zu verfolgen. So kamen Erkenntnisse nur zufällig zustande und Begegnungen basierten vor allem auf der Publikation. Uns bleibt daher die Herausforderung, den reizvollen Möglichkeiten der Orte den Vorrang vor vagen allwissenden Ansätzen zu geben, die vor allem das Ausmaß als Wertmaßstab propagieren. Zwar hat In the Middle of a Whirlwind eine durchaus überzeugende Aufstellung nationaler und internationaler Blickwinkel zu bieten, aber das Potenzial alltäglicher Orte der Zusammenkunft und Möglichkeiten einer dauerhaften Vernetzung wurden nicht ausgeschöpft. Für Team Colors ebenso wie für neue und alte Bewegungen werden die durch Begegnungen aufgeworfene Fragen so lange unbeantwortet bleiben, wie es nicht gelingt, diesen neuen und wichtigen Schritt zu gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Team Colors Collective&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; (Conor Cash, Craig Hughes, Stevie Peace &amp;amp; Kevin Van Meter)&lt;/p&gt;


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 <category domain="https://arranca.org/tag/militante-untersuchung">Militante Untersuchung</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/usa">USA</category>
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 <pubDate>Wed, 20 Jan 2010 11:36:33 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Michigan Mindmap</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/40/michigan-mindmap</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;An kaum einer Stadt in der westlichen Welt lassen sich die Auswirkungen des Kapitalismus so gut ablesen wie an Detroit. In den 1950er Jahren erlebte die Stadt ihren wirtschaftlichen Höhepunkt und hatte eine EinwohnerInnenzahl von 1,8 Millionen. Im Jahr 2000 ist sie unter die Millionengrenze gesunken. Ein subjektiver Lagebericht – vor der Weltwirtschaftskrise.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;An kaum einer Stadt in der westlichen Welt lassen sich die Auswirkungen des Kapitalismus so gut ablesen wie an Detroit. In den 1950er Jahren erlebte die Stadt ihren wirtschaftlichen Höhepunkt und hatte eine EinwohnerInnenzahl von 1,8 Millionen. Im Jahr 2000 ist sie unter die Millionengrenze gesunken. Ein subjektiver Lagebericht – vor der Weltwirtschaftskrise.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Vier Uhr nachts in einem Diner in Royal Oak, Detroit. Graue Plastiksitze, Cola mit Eis. »Sag mal was«, sage ich und mache die Kamera an. »Was denn?« fragt Peter. »Egal, irgendwas.« &lt;span&gt;»When you are smart and cool, you will probably be depressed and won&#039;t have a lot of friends in this city.« &lt;/span&gt;»Danke«, sage ich.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Was ist das eigentlich hier, fragte ich mich später, auf dem Weg zum Flughafen. Was ist das für eine Stadt, die offenkundig so viele unglückliche Menschen produziert, dass ich eine ganze Sammlung von Videos mit nach Hause nehme, in denen die Menschen ihr Unglück ausdrücken. Und Warnungen. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;»Don&#039;t come to Detroit.« hat mein Sporttrainer mir als Abschiedsgruß mitgegeben: »Don&#039;t come to Detroit, whoever might see this.« Ich für meinen Teil haue ab. Aber die Frage, was das da bloß war, dieses diffuse Unglück, das offenbar nicht nur mich betroffen hat, sondern das sich dort quer durch soziale Schichten, race-Zuordnung und alle anderen Kategorien zieht, diese Frage geht mir nicht aus dem Kopf. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Ein Rückblick.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;27. Juli&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Noch habe ich wenig zu tun. Der Plan ist, Deutschunterricht zu geben und einen PhD zu machen. Erstmal eine gute Idee, aber seitdem ich in Detroit angekommen bin, erscheint mir der Plan schon nicht mehr so gut. Die Uni hat noch nicht angefangen, ich nutze die Zeit, um die Umgebung zu erkunden. Ohne Auto quasi unmöglich. Also bleibe ich zwangsläufig in Royal Oak und seinen Wohnsiedlungen, in diesem amerikanischen Bilderbuch-Vorort. Papphäuser mit Flaggen im front yard, Hundegebell aus dem backyard und Parks, die ihren Namen nicht verdienen. Die Verfilmung von &lt;em&gt;The Virgin Suicides&lt;/em&gt; und all die anderen amerikanischen Suburb-Filme kommen mir in den Kopf. Ich suche nach Räumen, in denen sich Menschen treffen, aber der einzige Treffpunkt, den ich finden kann, sind Supermärkte, und die Gespräche dort stellen mich nicht zufrieden. Meine Frage nach öffentlichen Verkehrsmitteln, die mich downtown bringen könnten, ruft hämisches Grinsen hervor. Erst später wird mir klar, wieso. 1956 wurden Schnellstraßen von 66000 Kilometern Länge aus der Erde gestampft. Für Detroit bedeutete das ein Zerschneiden urbaner Nachbarschaftsstrukturen, was häufig als Grund für den Verfall der Stadt angeführt wird. Es geht das etwas verschwörungstheoretische Gerücht um, GM habe ein Jahr zuvor bereits die Straßenbahn demontieren lassen. Wie auch immer: seitdem fährt man Auto.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Schließlich finde ich doch noch jemanden, der mir – wenn auch nicht ohne Warnung vor der Hautfarbe der anderen Passagiere – sagen kann, wo die Busse abfahren. Ich nehme mir vor auszusteigen, sobald es nett aussieht. Der Bus fährt an Woodward Avenue entlang, einer sechsspurigen Straße, die sich einmal quer durch Detroit zieht, gesäumt von riesigen Werbetafeln, die auf Stahlträgern in den Himmel ragen, Tankstellen und Seven Elevens, zerfallenen Häusern mit eingeschlagenen Fenstern in Downtown-Umgebung und einigen Restaurants und Karaoke-Bars in den Vororten. Schließlich fahre ich bis zur Endstation und steige aus. Auf der anderen Straßenseite steige ich wieder ein und fahre zurück nach Royal Oak. Finden das andere Menschen eigentlich hier auch so hässlich? Und: Wieso bin ich eigentlich erleichtert, dass ich nicht erschossen wurde – von all den gefährlichen Leuten in den Bussen? Ich schäme mich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;5. August&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich bin jetzt Autobesitzerin. Am ersten Morgen nach dem Kauf habe ich erschreckt auf die Straße geguckt und gesehen, dass ich damit noch ein Stück mehr Royal Oak geworden bin. Auto vor Haus neben backyard. Ich muss mich von nun an offensichtlich ein bisschen selber verachten. Immerhin hilft mir das Auto, die Stadt kennen zu lernen. Mein persönliches Mindmap trennt Detroit in vier Teile: Es gibt die weißen Vororte, es gibt den Campus, es gibt das aufpolierte Prestige- und Fassaden-Downtown und dann gibt es nur wenige Querstraßen vom Prestige-Downtown entfernt das wirkliche Downtown, das, wo Menschen wohnen, zum allergrößten Teil Schwarze. Die soziale Schere schneidet ziemlich exakt an der Race-Grenze entlang. Eine Kommilitonin von mir erzählt, dass es mittlerweile wieder einige wenige Kaufhäuser downtown gibt. Ich finde die Vorstellung absurd, dass es hier irgendwo keine Supermärkte oder Kaufhäuser geben könnte. Aber offensichtlich ist das der Fall: 1983 schloss J. L. Hudsons seinen Downtown Store und Detroit wurde zur größten Stadt der USA ohne Kaufhaus. Verrückt. Aber gegen die vollklimatisierten, mit dem Auto schnell erreichbaren und mit ausreichend Parkplätzen versehenen Shopping Malls der Vororte kamen die Kaufhäuser Downtowns nicht an. In Downtown wohnten zu der Zeit bereits zu über 80 Prozent Schwarze, nach den Race Riots 1967 sind die Weißen in die Vororte gezogen. Man sagt, Detroit sei noch immer die »most segregated city in the United States.« Aus den Autofensterscheiben heraus schaue ich mir Woodward Avenue an und fühle mich wie im Theater. Als hätte da jemand Kulissen aufgebaut, um mit einem Vorschlaghammer die Auswirkungen aufzuzeigen, die Kapitalismus und Rassismus auf eine Stadt haben können. Mit subtilen Botschaften gibt sich Detroit nicht zufrieden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;3. September&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Freund von mir ist zu Besuch. An einem Samstagabend fahren wir nach Downtown, in das Prestige-Downtown, das mit dem Renaissance Center, bestehend aus vier Bürotürmen, gebaut 1977 mit dem Ziel, die schrumpfende Stadt und insbesondere das Zentrum wiederzubeleben, das seit der Ölkrise und den race riots wirtschaftlich schwer angeschlagen ist. Die Anzahl der Arbeitsplätze sank seit den 1970ern stetig: von 750000 auf die Hälfte im Jahr 2000. Auch hier wieder: Als würde uns die Stadt mit aller Kraft auf etwas aufmerksam machen wollen, zieht vor unseren Augen eine Einschienenbahn auf hohen Stehlen einsam ihre Runden – der so genannte &lt;em&gt;people mover&lt;/em&gt;, ein ebenfalls gescheitertes Projekt, die Stadt wiederzubeleben. Verewigt übrigens in der Simpsons-Folge &lt;em&gt;Marge vs. the Monorail&lt;/em&gt;. Der &lt;em&gt;people mover&lt;/em&gt; bewegt sich weiter im Kreis, wir begeben uns auf die Suche nach einer Kneipe. Aber wir finden keine, die Straßen sind leer. Keiner da, um uns zu erschießen. Die Menschen fahren tagsüber dorthin, um zu arbeiten, und fahren abends wieder weg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch das ist Teil dessen, was mir Unbehagen bereitet: Alle Orte haben hier ihre ganz spezifische Funktion. Das Renaissance Center downtown ist zum Arbeiten da, eine Straße zum Befahren, nicht zum Entlanggehen. Innenstädte gibt es nicht, keine Orte, wo man ein paar Plakate, Ankündigungen, kulturelle Lebenszeichen im weitesten Sinne entdecken könnte. Oder überhaupt Dinge entdecken könnte, einfach so, weil der Blick zufällig dort hinschweift. Die Wege zum Supermarkt, in die Kneipe, ins Museum sind tot. Es gibt nur den Startpunkt und den Zielpunkt. Dazwischen nichts. Und die Wege sind lang. Ein Leben auf Schienen, hermetisch abgeschlossen durch Autoscheiben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;24. September&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich besuche eine Kommilitonin von mir, die auf dem Campus wohnt. Eher ungewöhnlich für Detroit, denn die Uni ist ein so genanntes &lt;em&gt;Commuter College&lt;/em&gt;. Die meisten Studierenden wohnen nicht auf dem Campus, sondern kommen auf langen Anfahrtswegen mit dem Auto, was dafür sorgt, dass der Campus ähnlich tot ist wie Downtown. Es gibt genau ein Café in Reichweite: Starbucks. Die wenigen, die hier leben, haben meistens kein Auto und verlassen den Campus nicht. Campus und Downtown grenzen unmittelbar aneinander, aber die unsichtbare Linie wird nicht durchbrochen (»mein Mann hat mir verboten, die Straße zu überqueren«, hat eine meiner Kolleginnen zu mir gesagt, »und er hat ja Recht.« - was soll man da noch sagen?). Die Campus-Housing-BewohnerInnen sitzen auf Plateaus zwischen den 20 Etagen der Hochhauswohnhäuser auf Fitnessrädern. Meine Kommilitonin sagt, dass sie nur ungern auf dem Rad strampelt, sondern lieber die Wand des fensterlosen und klitzekleinen Wohnzimmers anstarrt. Immerhin grinst sie dabei. Bierflaschen stapeln sich neben dem Fernseher, was nicht schlimm wäre, wenn sie es nicht besorgt kommentieren würde. Ich verspreche, sie einmal mit dem Auto abzuholen und mit ihr in ein Kino in einem der Vororte zu gehen. Ihre Augen leuchten. Zu mehr Freizeitaktivitäten bleibt keine Zeit. Im Kopf hämmern die zu erledigenden Credit-Points, ein Wort übrigens, das ich gerne abschaffen würde. Wir trinken gemeinsam einen Kaffee bei Starbucks, dann setze ich mich ins Auto und fahre zurück. Das mit der Hässlichkeit scheint mir hier ein dringendes Problem zu sein, denke ich. Aber: Was ist das, das diese Stadt in meinen Augen so hässlich macht? Ich glaube nicht, dass es die rauchenden Gullis sind, nicht die eingeworfenen Fensterscheiben von zerfallenen Häusern, nicht die vielen Autos und Autobahnen, auf denen mein Navigationssystem immer wieder durchdreht, weil ich wieder eine falsche Abfahrt genommen habe, manchmal in so kurzen Abständen, dass die Stimme nicht dazu kommt, das Wort zu Ende zu sprechen: re-re-recalculating. All das könnte man fast als morbiden Charme bezeichnen, und dann hätte es irgendwie noch Stil. Aber da ist etwas, was mich strikt davon abhält, das als stilvoll zu bezeichnen. Nur was?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich stelle Detroit vor die Wahl. Entweder die Stadt fängt an, mit ein paar schönen Orten rauszurücken und dieses Gefühl der Isolation und Vereinzelung aufzuweichen, oder ich bin schneller wieder weg, als Detroit gucken kann. Ich frage mich, ob ich nicht ein bisschen selber schuld bin und mache eine kleine unwissenschaftliche Feldforschungsstudie. Die ergibt, dass die meisten Leute hier Detroit an erste Stelle setzen würden, wenn sie gefragt würden, warum sie unglücklich sind. An zweiter Stelle würde erst so etwas wie »selbst schuld« kommen. Peter sagt, dass er an Detroit – er nennt immer nur Downtown Detroit Detroit – dass er also an Detroit mag, dass es kein Ort ist für Leute, die sich gerne vormachen, dass das Leben in Ordnung ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Den Mythos &lt;em&gt;American Dream&lt;/em&gt; scheint es in dieser Stadt zerschlagen zu haben. Wobei Detroit als Identifikationsfläche lebt, irgendwie beflügelt Detroit doch die Phantasie – in welcher Form auch immer: »Die Musik ist genauso wie Detroit – ein kompletter Fehler«, sagt Derrick May, Mitbegründer des &lt;em&gt;Detroit Techno&lt;/em&gt; über eben diese Musik: »Es ist, als wenn man George Clinton und Kraftwerk in einen Fahrstuhl mit einem Sequenzer einsperrt, um sie gesellig zu halten.«&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Immerhin. Trotzdem erwächst daraus nicht wirklich revolutionäres Potential. Oder doch?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;29. Oktober&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe Sorge, dass ich antiamerikanisch werde, wenn ich länger hier bleibe. Ein Freund von mir hat zu Recht darauf verwiesen, dass das mit dem Nation-Culture Shock konstruierte Scheiße ist, und dass mir Hinterzarten auch auf die Nerven gehen würde. Stimmt. Aber ich will ja nicht in Hinterzarten leben. Nur eben auch nicht in Detroit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;8. November&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seitdem ich beschlossen habe, mich nach dem Semester zu verpissen, sehne ich noch mehr eine Revolution herbei, auch damit die Leute nicht mehr die ganze Zeit arbeiten oder studieren müssen, sondern mit mir DVD gucken können. Ich würde übrigens auch für so etwas wie Schönheit revoltieren. Ich glaube, dass eine Vorstellung davon, was Schönheit sein kann, bei einer Revolution helfen könnte. Wobei Schönheit in dem Fall vielleicht so etwas wie das Aufscheinen einer Ahnung von einem lebenswerten Leben ist. Was wir also brauchen: Zeit, soziale Vernetzung und Schönheit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vielleicht hätte die Stadt dann Charme. Und, da ich gerade so viel gedankliche Energie in eine Detroiter Revolution stecke: Liegt mir die Stadt am Ende doch am Herzen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;13. Dezember&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf dem Weg zum Flughafen frage ich mich, ob ich nicht ungerecht war. Schließlich gibt es ein Wandgemälde von Diego Rivera im Detroit Institute of Arts. Und eine schwullesbische Kneipe in Ferndale. Vielleicht ist ungerecht nicht das richtige Wort. Ich meine eher: Habe ich etwas übersehen? Garantiert, denke ich. Und ärgere mich, dass ich nicht mehr gesucht habe. Wonach auch immer. &lt;span&gt;In einem Artikel über Detroit als &lt;/span&gt;&lt;span&gt;&lt;em&gt;shrinking city&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt; fragt Kyong Park: »Do shrinking cities give a greater dominance to capitalism worldwide, or are they the places where post-capitalist economic models would form?« &lt;/span&gt;Ich frage Peter, was er dazu meint. Er denkt lange nach, bevor er antwortet: Ich als Ghetto Artist zum Beispiel kann mir in Downtown ein riesiges Loft zu einem Spottpreis leisten. Und kulturell, sagt er, ist Detroit natürlich ein Desaster, aber eben auch interessant gerade deshalb, weil es keine Kultur gibt. Es gibt nicht diese Konkurrenzkämpfe wie in anderen Städten, was dazu führt, dass du als KünstlerIn wachsen kannst, wie du wachsen willst, ohne mit aller Kraft um Aufmerksamkeit kämpfen zu müssen. Detroit also als eine Art Reset? Oder als Widerspiegelung von Rissen im System? Als Ort neuer Formen von Freiheit? Peter schüttelt den Kopf: Vielleicht. Aber – ganz ehrlich – wenn die Sonne nicht durchkommt, dann bewegt sich hier alles jenseits des Depressiven.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir fahren am Museum of Comtemporary Art vorbei. »Everything is gonna be alright« steht da in Leuchtschrift über dem Eingang. Ich frage mich, wie das gemeint ist, während ich ins Flugzeug steige und darüber nachdenke, wo und wie ich leben will. Nicht so leicht, die Frage. Gar nicht leicht.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Fri, 08 Jan 2010 21:54:15 +0000</pubDate>
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