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 <title>arranca! - Vereinnahmung</title>
 <link>https://arranca.org/taxonomy/term/337/0</link>
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 <title>Verschwommene Grenzen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/verschwommene-grenzen</link>
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                    &lt;p&gt;Danach gefragt, wie sich Alltag und linke Politik in den letzten 20 Jahren verändert haben, fällt mir als erstes auf, dass mein eigener Alltag in linker Kultur vor 20 Jahren begann. Ich zog damals in die Großstadt, suchte mir eine Gruppe, in der ich gegen Atomkraftwerke und für energiepolitische Alternativen arbeitete. Ich nahm an Wendo-Kursen teil. Ich arbeitete daran mit, ein Haus instand zusetzen, das ein Wohn- und Arbeitsprojekt für FrauenLesben werden sollte.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Danach gefragt, wie sich Alltag und linke Politik in den letzten 20 Jahren verändert haben, fällt mir als erstes auf, dass mein eigener Alltag in linker Kultur vor 20 Jahren begann. Ich zog damals in die Großstadt, suchte mir eine Gruppe, in der ich gegen Atomkraftwerke und für energiepolitische Alternativen arbeitete. Ich nahm an Wendo-Kursen teil. Ich arbeitete daran mit, ein Haus instand zusetzen, das ein Wohn- und Arbeitsprojekt für FrauenLesben werden sollte. Insbesondere bei Letzterem war ich mir ganz sicher, dass ich mich in „einem Unten, einem Draußen und einem Dagegen“ bewegte: Vorgesehen war für Frauen ein Leben in ökonomischer und persönlicher Abhängigkeit von Männern. Daneben durften wir ein bisschen berufstätig und politisch aktiv sein – aber letztlich sollten wir nicht wirklich autonom handeln. Dagegen setzten wir mit unserem Projekt ein Zeichen, in mehrfacher Hinsicht. Wir organisierten die Instandsetzung als Frauenbaustelle – in Zeiten, in denen Frauen aus vielen Baugewerken noch gesetzlich ausgeschlossen waren oder eine marginale Bedeutung hatten. Wir führten den Begriff Lesbe im Projektnamen, um (unabhängig von unseren tatsächlichen sexuellen Vorlieben) eine von Männern autonome Sexualität sichtbar zu machen. Wir schufen einen Raum, in dem Frauen leben und als Kulturproduzentinnen arbeiten sollten, ohne sich mit Männern auseinandersetzen zu müssen. &lt;br /&gt;Als das Haus fertig war, zog ich (wie etliche andere Projektfrauen) aus dem Projekt aus. Unser gemeinsames Ziel war die Fertigstellung des Hauses gewesen. Darüber hinaus waren unsere Lebensweisen zu unterschiedlich, als dass wir ein Kollektiv werden wollten, in dem wir uns angenehm-solidarisch bei der Alltagsbewältigung halfen oder uns gemeinsam politisch positionierten. Ich begann, Sozialökonomie zu studieren, weil ich über Arbeit als politisches Feld diskutieren wollte, ihre Geschichte verstehen, in diesem Bereich Herrschaftskritik leisten wollte, die auch eingreifen sollte. Außerhalb der Uni stieß man damals in der Linken mit diesem Thema auf wenig Interesse. Arbeit und die Kritik an Erwerbsarbeit waren irgendwie out. Diskutierte man über Rassismus, ging es um die ideologische Konstruktion der Unterschiede zwischen „Rassen“, um Ausschlussmechanismen auch in den eigenen Kontexten, um repressive staatliche Migrations- und Grenzpolitik, aber nicht um Arbeit. In den Diskussionen über Geschlechterverhältnisse ging es zunehmend um eine Dekonstruktion heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit. Butlers Texte sehr schätzend, fand ich doch, dass sich die Debatten über die Konstruktion von Geschlecht, die sich in den 1990er Jahren in Deutschland vervielfältigten, immer mehr auf die (Re-)Produktion kultureller Bilder, Normen, Werte begrenzten und sich von ihrer Anbindung an gesellschaftliche Arbeitsteilung, aber auch an viele Alltagspraxen immer weiter entfernten. Zudem gab es darin wenig wertschätzende Auseinandersetzung damit, dass Frauenbewegungen auch schon vor Butlers Texten vielfältige Praxen und Theorien entwickelt hatte, in denen Frauen die (eigene verinnerlichte) Konstruktion von Weiblichkeit hinterfragten.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Neoliberalismus und das begehrende Subjekt&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Was mein Selbstverständnis, dass wir uns mit feministischer Politik gegen die Reduktion von Frauenleben auf das Hausfrauendasein richten müssen, grundsätzlich erschütterte, war das Erleben, was der Begriff Neoliberalismus bedeutete und mit welchem Menschenbild und welcher Alltagskultur diese neue kapitalistische Produktionsweise einherging und -geht. „Wir werden nicht mehr daran gehindert, zu sagen, was wir selber wollen, sondern wir sollen es jetzt immer und überall tun: während der Arbeit, um alles reibungslos laufen zu lassen, in unserer Freizeit, um viel zu konsumieren“ und darüber all jene Bedürfnisse zu vergessen, die im Widerspruch zu einer von Konkurrenz und Leistungsdruck geprägten Welt stehen, so schrieb ich damals. Neoliberalismus setzt auf das begehrende Subjekt und legt uns nahe, das Bedürfnis, anders als die Masse sein zu wollen in marktfähige Praxen umzusetzen. Sicherlich sprach ein Blick auf die durchschnittliche soziale Positionierung von Frauen immer noch eine deutliche Sprache: Die geringen Einkommen, die (real vorhandene oder ihnen nur zugedachte) Zuständigkeit für Kinder, häufig Teilzeitarbeitsplätze, ihr hoher Anteil an denen, die Sozialleistungen empfangen und gleichzeitig – aufgrund der Anrechnung des Partnereinkommens und Ähnlichem – ihr Ausschluss davon. All dieses führte nach wie vor massenhaft zur ökonomischen Abhängigkeit von Frauen von Männern und einem patriarchalen Sozialstaat. Doch parallel dazu wurde nun auch das Bild der ökonomisch erfolgreichen und sexuell unabhängigen Frau hegemonial.&lt;br /&gt;Passive Revolution nennt Gramsci diesen Vorgang, in dem die Forderungen von ehemals gesellschaftskritischen Gruppen in die Politik der führenden Klassen aufgenommen werden, ohne dass damit Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse ernsthaft in Frage gestellt wären. Diese tiefgreifenden Veränderungen sind u.a. ein Ausdruck dafür, dass soziale Bewegungen in konkreten Kämpfen eine Stärke entwickelt haben, die es für die führenden Gruppen notwendig macht, mit Kompromissen auf sie einzugehen. Aber sie verdeutlichen zugleich auch die Fähigkeit der herrschenden Klassen, immer neue Herrschafts- und Regulationsmodi zu entwickeln. In der Konsequenz sind Praxen, die in fordistischen Verhältnissen Gesellschaft radikal in Frage stellten, unter den heutigen Bedingungen ein Element von Modernisierungsprozessen geworden.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Feministische Politik im Neoliberalismus&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Feministische Politik ist seither komplizierter geworden. Plakate von ökonomisch selbstständigen und erfolgreichen Frauen zierten in den letzten Jahren das Hamburger Stadtbild – finanziert von einem konservativen Senat, dessen erste Tat es nach seiner Regierungsübernahme gewesen war, fast allen Projekten, die den Begriff „Frau“ im Titel führten, die Gelder zu streichen. Letzteres führt dazu, dass der Kampf um Projekte, die Frauen unterstützen, fast wieder revolutionär ist. Zugleich reicht eine reine Politik „für Frauen“ in Anbetracht der Politik, die sich symbolisch in den Plakaten ausdrückt und durch eine Frauenförderung, die dem Wirtschaftsstandort dient, durchaus auch materiell wird, nicht mehr aus (vielleicht hat sie auch nie ausge-&lt;br /&gt;reicht). Stärker als früher müssen wir heute deutlich machen, dass es uns um Projekte geht, deren Ziel es ist, dass alle Frauen selbstbestimmt an Gesellschaft teilhaben und ein glückliches Leben führen, das heißt auch arme Frauen, Frauen mit geringer Bildung, Frauen ohne deutschen Pass, Frauen in Krisen, die sich niemals erfolgreich selbst vermarkten werden.&lt;br /&gt;Feministische Politik hatte in den letzten 20 Jahren Probleme, auf diese widersprüchliche Eingelassenheit der eigenen Forderungen in neoliberale Regulierung eine radikale Antwort zu finden. Irgendwie konnte man sich lange Zeit nur zwischen institutionalisierter Frauen- und Gleichstellungspolitik, die in ewiger Gleichförmigkeit auf die Benachteiligung von Frauen hinweisen musste und einer queeren Kritik entscheiden, die zurecht dekonstruierte, was als Frausein galt, sich damit aber weitgehend auf akademisierte und kulturelle Fragen begrenzte. Der Beschränkung auf diese zwei Alternativen entkam man auch nicht, indem man sich in der radikalen Linken verortete. Feministinnen wurde auch hier in der Regel die Rolle zugeschoben, doch bitte etwas über die spezifische Situation von Frauen und die Bedeutung von Geschlechterverhältnissen einzubringen – während dieses Thema ansonsten lediglich in Randbemerkungen auftauchte. Mittlerweile, so scheint mir, entsteht in ganz verschiedenen Kontexten wieder eine Lust daran, beides zusammenzuführen bzw. Feminismus neu zu denken.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Der Zwang zur (linken) Selbstvermarktung&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Neoliberale Kräfte wie auch soziale Bewegungen der 1970er - und 1980er Jahren wirkten – trotz teilweise gegensätzlicher politischer Zielsetzungen – in ähnliche Richtungen auf die starren Formen der fordistischen Gesellschaft ein. Gerade an der Frage, welchen Anforderungen sich Menschen (und damit auch Linke) im Alltag bei der Sicherung ihres Lebensunterhalts gegenübersehen, lässt sich diese Nähe konkretisieren. Wir stehen alle sehr viel mehr unter Druck, beim Finden von Erwerbsquellen nicht so wählerisch zu sein. Wir sind oft gezwungen, alle Lebensbereiche den Kriterien von Effizienz und Konkurrenzdruck zu unterwerfen. Dies liegt an strukturellen Zwängen, sei es, dass sozialstaatliche Nischen durch Hartz IV verschwunden sind, seien es geringe Löhne oder die Befristung von Arbeitsverträgen. Dieser Zwang zur Aktivierung verbindet sich mit der Herausbildung einer neuen Kultur, in der sich Menschen (erzwungenermaßen, aber dennoch selbsttätig) permanent dazu anhalten, sich mit den eigenen Haltungen und Wünschen auseinanderzusetzen, um eine individuelle Antwort auf die eigene, problematische Lebenssituation zu finden. Auch die Formen, in denen die individuelle Reproduktion abgesichert wird, sollen nun ausgehandelt und an individuellen Bedürfnissen orientiert gestaltet werden. Ob man dies in einer Patchwork-Familie organisiert, ob sich das kinderlose heterosexuelle Paar die Putzfrau leistet oder ob man als Single außerhalb der Lohnarbeit sozial vereinsamt – solange man die eigene Leistungsbereitschaft am Bedarf des Auftrag- oder Arbeitgebers ausrichtet und somit Marktgängigkeit erreicht, ist es in gewisser Hinsicht relativ egal, welche Lebensweise dazu gewählt wird.&lt;br /&gt;Eine Kritik des SelbstunternehmerInnentums funktioniert nicht darüber, dass wir diese vollständig und vermeintlich radikal zurückweisen. Gesellschaftliche Verhältnisse sind tatsächlich zunehmend so reguliert, dass die Absicherung und Gestaltung der eigenen Lebensqualität, wenn überhaupt, zunehmend nur noch in der Form gelingen kann, dass man die beschworenen Tugenden in irgendeiner Weise für sich lebbar macht. Dies gilt auch und gerade für Linke, die sich durch und für linke Politik hohe soziale Kompetenzen und fachliche Kenntnisse aneignen und weiterentwickeln – zum Beispiel indem sie Gesellschaft analysieren, Kultur produzieren, Bildungsarbeit und andere soziale Prozesse moderieren und initiieren. Das bedeutet unter anderem, dass die festen Grenzen zwischen dem, was Linke aufgrund ihrer politischen Überzeugung tun, und dem, womit sie die eigene Existenz und die Existenz linker Projekt sichern, bisweilen verschwimmen. Dass ich Zeit, Muße und die Fähigkeit habe, Texte wie diesen zu produzieren, ist ein Privileg, auf das ich sehr gerne für einen Kontext wie die arranca! zurückgreife, weil ich weiß, dass diese Überlegungen in linke Praxen einfließen. Es sind zugleich ähnliche Inhalte, an denen ich arbeite, wenn ich versuche, in einer prekären Welt meine eigene Zukunftsplanung abzusichern. Für linke Projekte gehört es heute oft zu ihrem Alltag, regelmäßig auf den „freien“ Märkten der staatlichen oder privaten Finanzierungsquellen ihren (gesellschaftlichen) Nutzen hervorzustellen. Wenn sie dabei desöfteren erfolgreich sind, ist das nicht automatisch ein Zeichen für die Stärke linker Bewegungen oder Ideen. Neoliberale Vergesellschaftung setzt darauf, dass Menschen – in Zeiten fehlender gesellschaftlicher Absicherungen – eigenverantwortlich von unten ihre Praxen regelmäßig erneuern und kreative Antworten auf prekäre Situationen finden. Genau dies können wir als Linke gut.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Trotz allem linke Analysen und Praxen entwickeln&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Mit den Diskussionen über Prekarisierung, die ab Mitte des letzten Jahrzehnts linke Debatten prägten, wandte sich die Linke wieder dem Thema Arbeit und Konflikten um diese zu. Darin wurde diese eigene Verstrickung in die veränderten Herrschaftsverhältnisse teilweise zum Thema. Hieraus erwuchsen etliche neue Politikformen, deren gesellschaftliche Perspektive mir allerdings manchmal unklar ist. AnhängerInnen von Negri/Hardt würden mir auf die zuvor stehenden Überlegungen sicher erwidern, dass wir genau deshalb mit allem, was wir tun, Teil einer Multitude sind, die zwar recht diffus durch die Welt wabert, aber in der nichtsdestotrotz das Begehren für andere gesellschaftliche Verhältnisse wächst, das sich früher oder später in neue revolutionäre Formen ergießt. Ich bin da weniger euphorisch und denke, linker Alltag heißt, sich in den Widersprüchen des SelbstunternehmerInnentums zu bewegen. Das heißt zu lernen, sich selbst und die eigenen Projekte als witzig, erfolgversprechend oder in anderer Weise als etwas Einzigartiges zu präsentieren und zugleich den Bezug zu den Ungerechtigkeiten dieser Welt, zu Ausbeutung, Profit, Unternehmensgewinnen, sozialer Ungleichheit theoretisch und praktisch herzustellen. Letzteres kann gelingen, aber auch scheitern. Dass linke Ansätze, Analysen und Projekte immer mal wieder dafür geeignet sind, in neoliberalen Projekten aufzugehen, dass wir darin oft auch unsere eigene – oft prekäre – Reproduktion absichern müssen, all dies führt meines Erachtens dazu, dass wir täglich relativ hart darum ringen, trotz allem linke Analysen und eingreifende Praxen zu entwickeln und uns nicht einfach an vorherrschenden Erwartungen zu orientieren. Wenn linke Alltagskultur in diesem Kontext eine spezifische Aufgabe hat, dann die, dass wir uns gegenseitig darin unterstützen, dieses Ringen nicht aufzugeben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Unsere Krisen verallgemeinern?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Meiner Wahrnehmung nach gehört es zu den Widersprüchen dieser Kultur des SelbstunternehmerInnentums, dass in ihr ein paar ganz alte Hierarchien wirksam sind, beispielsweise, dass es öfter Frauen sind, die größere Probleme haben, ihre eigenen Projekte als gut und wichtig zu begreifen und entsprechend zu vertreten, die in Gruppen seltener und kürzer das Wort ergreifen. Ich komme mir ungeheuer altmodisch vor, wenn ich dies schreibe, und möchte selber diese dichotome Geschlechterkonstruktion sofort hinterfragen – und dennoch fallen mir auf Anhieb drei Diskussionsräume ein, in denen ich diese Form der Sprach- und Arbeitsteilung in letzter Zeit erlebte. Für mich folgt daraus, dass wir das Feld der Auseinandersetzung mit unseren persönlichen Barrieren, Krisen, Selbstzweifeln und Unfähigkeiten nicht neoliberalen Karriere-Seminaren überlassen sollten, sondern diese Praxen im Gegenteil verallgemeinern und es für alle Menschen brauchbar werden lassen. Dazu gehört dauerhafte Bündnis- und Übersetzungsarbeit. Berufliche Veränderungen haben bei mir dazu geführt, dass ich mich mit der Arbeits- und Lebenssituation von Frauen, die in Pflegeheimen arbeiten, beschäftige. Viele von ihnen schätzen diese Tätigkeit sehr, aber die taylorisierten Bedingungen, unter denen sie arbeiten, sind oft schlicht grauenhaft; politische Auseinandersetzungen um sie gibt es dennoch selten. Ich bin mir seither wieder sehr viel mehr bewusst, dass die Widersprüche, die ich hier aufgezeigt habe, vor allem mein eigenes Umfeld betreffen und nicht ohne weiteres verallgemeinerbar sind und dass meine eigene Lebensweise als Sozialwissenschaftlerin auch ein Privileg darstellt. Das heißt nicht, dass nicht auch ich mit der Prekarität meiner Situation ringe, für deren Bewältigung wir nur mühsam kollektive Antworten finden. Aber es heißt, dass wir als linke Intellektuelle gefordert sind, die unterschiedlichen Unterdrückungserfahrungen, Perspektiven von einem guten Leben und von möglicher Veränderung ineinander zu übersetzen, damit sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensweisen gegenseitig verstehen und damit auch die, die sich nicht ohnehin politisch äußern, eine Stimme entwickeln und gehört werden. Es wäre schön, wenn die vielen kleinen und großen Bündnisse eine politische Stärke entwickeln, mit der die Spielräume für linke Projekte weniger abhängig sind von schwer durchschaubaren Finanzierungsmöglichkeiten, sondern von öffentlich ausgetragenen politischen Auseinandersetzungen, in denen niemand mehr an bestimmten Forderungen vorbei kann.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 16:42:42 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Wird Abweichung zur Norm, Dissidenz zur Systemressource?</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/44/wird-abweichung-zur-norm-dissidenz-zur-systemressource</link>
 <description>&lt;p&gt;Trotzen wir dem System durch Kreativität und Nonkonformität Freiräume ab? Unterlaufen wir durch subversive (Alltags-)Praktiken die Zurichtungen des spätmodernen Kapitalismus? Rütteln wir manchmal gar ein wenig an den tragenden Säulen der Gesellschaft? Zweifelnde Fragen dieser Art begleiten wohl jede dissidente Praxis, jeden Protest. Die größte Sorge ist unverkennbar und allgegenwärtig: unsichtbar, ungehört, ohne Wirkung zu bleiben. &lt;br /&gt;Doch was, wenn Wirkungslosigkeit nicht das größte Problem ist? Wer in jüngerer Zeit einen Blick auf Debatten zu Protest, Dissidenz und Gesellschaftskritik wirft, findet sich schnell mit einer ganz anderen Problematik konfrontiert: Gegenstrategien bleiben, so die These, nicht nur nicht ungehört, sondern werden zunehmend als Systemressourcen entdeckt. Allerorts springt uns die in Wissenschaft und Feuilleton – aber auch in bewegungsnahen Zusammenhängen – populäre Diagnose entgegen, dass Abweichung und Dissidenz, dass Autonomie und Nonkonformität von potentiellen Störfaktoren zu Produktivkräften des Kapitalismus avanciert sind. Was ist dran an dieser Diagnose? Und welche Konsequenzen hat sie für linke Bewegungspolitik?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Die Vereinnahmungsdiagnose&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Historisch betrachtet hat sich der Kapitalismus im Prozess der (äußeren) Landnahme zunächst in kolonialistischer Manier die nicht-kapitalistischen Gesellschaften einverleibt, um dann im Zuge der „inneren Landnahme“ die vorindustriellen Sektoren sowie die Reproduktionsbedingungen in den kapitalistischen Metropolen selbst der Vermarktlichung zuzuführen. Nun wird in jüngerer Zeit eine Dynamik ausgemacht, die sich als „innerste Landnahme“ beschreiben lässt: Diese laufe darauf hinaus, nicht mehr (nur) die Arbeitskraft, sondern den ganzen Mensch mitsamt seiner subjektiven Potenziale, Emotionen und eben auch Eigensinnigkeiten zu erschließen. Arbeits- und Industriesoziolog_innen haben gezeigt, dass neue Managementkonzepte als Reaktion auf die Krise der fordistischen Massenproduktion zunehmend auf die Selbststeuerungspotenziale von Beschäftigten setzen: Initiativen zur Abflachung von Hierarchien und zur Förderung von Eigeninitiative und Kreativität entsprächen dabei ebenso in vielen Punkten jahrelang den Forderungen von Gewerkschaften und Betriebsräten wie der Ausbau von Gruppenarbeit. Nichtsdestotrotz handele es sich um eine ambivalente Entwicklung, da die Gewährung von Autonomie zu einer neuen, schwer zu durchschauenden, effizienteren Herrschafts- und Ausbeutungstechnik werde, so die Analyse der kritischen Arbeitssoziologie.&lt;br /&gt;Auch die französischen Soziolog_innen Luc Boltanski und Eve Chiapello haben in ihrer Studie Der neue Geist des Kapitalismus aufgezeigt, dass das kapitalistische System zu seiner Rechtfertigung zunehmend auf die Kritik seiner Gegner_innen zurückgreift und sie zur Legitimationsressource ummodelliert. Dies betreffe insbesondere die in der 1968er-Bewegung einflussreich gewordene Künstlerkritik, die Unterdrückung, Entfremdung und Uniformierung in der Massen- und Konsumgesellschaft thematisiert und im Gegenzug Autonomie, Kreativität und Freiheit als gesellschaftliche Ideale propagiere. Im Zuge der Integration dieser Kritik sei ein projektbasierter Geist des Kapitalismus entstanden, in dem flachere Hierarchien, soziale Netzwerke, Flexibilität und partizipative Managementtechniken sukzessive an Bedeutung gewonnen hätten. &lt;br /&gt;Die im Feld der akademischen Linken – aber auch darüber hinaus (so in der Fantômas oder im Kontext der BUKO) – populären Gouvernementalitätsstudien im Anschluss an den französischen Philosophen Michel Foucault gelangen zu einer ähnlichen, wenngleich noch stärker zugespitzten Diagnose: So konstatiert Ulrich Bröckling in seiner viel gelesenen Studie Das unternehmerische Selbst, dass die Subversion der Ordnung Teil ihrer Optimierung geworden sei und „Überschreitung statt Regelbefolgung“ als Handlungsmaxime gelte. Die aktuelle Orientierungslosigkeit gesellschaftskritischer Positionen hat ihm zufolge ihren Grund „in der unbequemen Erkenntnis, dass der vermeintliche Sand, mit dem man hoffte, das Getriebe blockieren zu können, dieses inzwischen als Schmiermittel am Laufen hält.“ &lt;br /&gt;Was wird aus Kritik und Dissidenz, wenn sie derart zu Lernhilfen einer optimierten kapitalistischen Produktion und Vergesellschaftung umgebaut werden können? Corinne Maier propagiert in ihrem erfolgreichen Ratgeber Die Entdeckung der Faulheit. Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun: „Es ist nutzlos, das System verändern zu wollen; wenn man sich ihm widersetzt, stärkt man es; wenn man es bekämpft, geht es umso ungreifbarer daraus hervor.“ Verenden gar Revolutionen „in noch pittoreskeren Formen von Integration“, wie Umberto Eco feststellt?&lt;br /&gt;Es ist ein großes Verdienst dieser Analysen aufgezeigt zu haben, dass Herrschaft und Autonomie, dass Fremdbestimmung und Nonkonformität im Gegenwartskapitalismus keine einfachen Gegensätze mehr darstellen: Autonomie kann zur Herrschaftstechnik werden, Nonkonformität kann zum geforderten Leistungskanon gehören. So instruktiv die Vereinnahmungsdiagnose in ihrer Sensibilisierung für die flexible Anpassungsfähigkeit des kapitalistischen Systems ist, so unbefriedigend bleibt sie jedoch für die Analyse konkreter – gelungener wie misslungener – Vereinnahmungen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Diagnose ohne Kontext?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Vereinnahmungsdiagnose ist in hohem Maße abgehoben: Abstrakte Subjekte spazieren durch eine Welt, die jedes selbstregulative Potenzial und jede subversive Handlung unterschiedslos zu Innovationsgeneratoren umarbeitet. Wer aber erwartet Kreativität und Mobilität von illegalisierten Migrant_innen, die die Grenzen der Festung Europa überwinden? Welche Supermarkt-Kassiererin erfreut ihren Chef mit hoher Kommunikationsorientierung beim Kassieren oder mit selbstbestimmtem Zeitmanagement? Welcher Hartz-IV-Empfänger den Fallmanager mit kreativen Ideen ohne Lohnarbeitsbezug? &lt;br /&gt;Um welche Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse geht es eigentlich, wenn von der umfassenden Preisgabe von Kritik und Abweichung im System die Rede ist? Journalist_innen, Wissenschaftler_innen und bewegte Linke scheinen über sich selbst und ihre privilegierte Situation zu sprechen. Klassische Kontroll- und Disziplinierungsformen und die weitgehende Ausschaltung subjektiver – zumal kritischer – Potenziale sind in vielen Bereichen aber nach wie vor an der Tagesordnung. So ist der Alltag der meisten Beschäftigten bestimmt durch ein komplexes Ineinandergreifen von Mechanismen der Fremd- und Selbstkontrolle: „Mach, was du willst, aber nur an Orten und im Rahmen des Erlaubten“ – so ließe sich die Situation pointieren. Genau dieses Konglomerat, das mit großen Verunsicherungen für die Beschäftigten verbunden ist, gilt es aber zu entwirren und auf konkrete Ansatzpunkte für Widerständigkeit abzuklopfen. Mitunter reicht es, eine gewünschte Praxis einfach auf einen anderen Kontext zu übertragen – Stichwort: Kreativität ohne Lohnarbeitsbezug im Umgang mit dem Amt – und das Störpotenzial wäre garantiert.&lt;br /&gt;Diagnose ohne emanzipatorisches Ansinnen&lt;br /&gt;Die Vereinnahmungsdiagnose ist zudem in hohem Maße formalistisch: Die diskutierten Verhaltensweisen und Mechanismen – seien es Kreativität, Selbststeuerung, Flexibilität oder Nonkonformität – werden inhaltlich kaum rückgebunden, so dass offen bleibt, mit welchem Ziel sie eigentlich zum Einsatz kommen: Autonomie und Selbstorganisation in Bezug auf die Selbstökonomisierung als Freiberufler_in oder die Vorbereitung von Protesten gegen den G8-Gipfel? Flexibilität und Mobilität im Sinne der betrieblichen Erfordernisse oder im Bezug auf die eigene Fluchtgeschichte? Nonkonformität und Eigensinn als einträgliches Kunstprojekt in der Stadtteilgalerie oder als Überlebensstrategie am Fließband? &lt;br /&gt;Die berechtigte theoretische Unsicherheit darüber, von welchem inhaltlichen Standpunkt aus eine Kritik der (kapitalistischen) Verhältnisse zu formulieren ist, wenn die Kritik immer schon Bestandteil eben dieser Verhältnisse ist, wird in eine Sackgasse weitergedacht: Ein inhaltlicher Standpunkt, von dem aus die Kritik „ihr Nein formulieren könnte“ (Ulrich Bröckling), müsse aufgegeben werden, so verschiedene Protagonist_innen der Debatte. Da man auch im postmodernen Flüchtigkeitsgestus auf eine kritische Perspektive nicht gänzlich verzichten möchte, werden Widerständigkeit und Dissidenz infolgedessen allein über die Umkehrung der identifizierten Systemressourcen bestimmt: „Kreativität und Mobilität sind gewünscht? Dann bleiben wir zu Hause und gestalten die Tage möglichst eintönig.“ „Wir sollen eigeninitiativ und hochkommunikativ sein? Dann werden wir eben depressiv“ – um es zugespitzt zu formulieren. Es wird allein danach gefragt, ob Verweigerung die gegebene Ordnung stört, nicht aber, ob sie in emanzipatorischer Hinsicht die Lebensverhältnisse der Menschen verbessert. Nur vor solch einem Hintergrund wird verständlich, wie aus post-strukturalistischer und gouvernementalitätstheoretischer Perspektive, immerhin derzeit der Linken liebste Theoriekinder, Entsubjektivierung, „Spiele der Nutzlosigkeit“, Depression, passive Resistenz oder „leere Zwischenräume der Nicht-Kommunikation“ zu Widerstandsmaximen werden konnten. „Wirklich ‚sauber‘ bleibe ohnehin nur der Subversive, dessen Subversion keiner bemerkt“, wie der Autor und Journalist Robert Misik jüngst konstatierte. Wie wahr und wie falsch zugleich: Wo sich etwas bewegt, wird in der Tat Staub aufgewirbelt, wo Theorie praktisch wird, wird die klinisch saubere wie gefahrlose Pseudoradikalität der kommentierenden Linken verlassen – und das ist gut so. Es drängt sich die Frage auf, ob die populäre Absage an einen Standpunkt und konkrete Prozesse der politischen Organisierung, ob das Abgefeiere von Flüchtigkeit und Spontaneität durch erklärte Kritiker_innen der kapitalistischen Gesellschaft nicht die radikalsten Formen sind, den Verhältnissen „auf den Leim“ zu gehen. Autonomie und Selbstbestimmung sind eben nicht nur Managementtechnik und Ausweis liberaler Ideologie, sondern eine grundlegende Notwendigkeit für jede individuelle wie kollektive emanzipatorische Perspektive.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Auswege und ein Blick zurück&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Was bedeutet das für eine Gruppe wie FelS? Es bedeutet – bei aller Kritik –, dass die Vereinnahmungsgefahr ernst genommen werden muss und zwar dort, wo sie aktuell vor allem droht: In der Symbolpolitik, wenn alltagsferne Nonkonformität und kreative Abweichung, die im Konkreten niemanden stören, auf dem besten Wege sind, zur Art Déco eines Projekte generierenden Kapitalismus zu werden. Die Gruppe FelS hat im letzten Jahr eine Konsequenz aus genau dieser Gefahr gezogen: Sie hat die so erfolgreich gestartete Mayday-Parade gegen die Prekarisierung der Lebensverhältnisse aufgegeben, als die Parade zum radical chic, zum hippen Mai-Event ohne Alltagsverankerung und ganzjährige Praxis zu werden drohte. Auch Farbbeutel auf ein Ministerium konnten nicht (mehr) darüber hinwegtäuschen, dass an dem viel beachteten kreativem Umzug niemand Anstoß nehmen musste, solange die Demonstrierenden am 2. Mai in den Normalmodus Alltag zurückkehrten und die prekarisierte Bohème zudem weitgehend unter sich blieb. Damit ist das Projekt aber keineswegs auf ganzer Linie gescheitert, können doch Grenzen und konkrete Vereinnahmungsgefahren linksradikaler Politik nicht am Reißbrett bestimmt, sondern nur in einer für Kritik und Veränderungen offenen politischen Praxis ausgelotet werden. So ist es durchaus gelungen, neue Ausdrucks- und Politikformen zu entwickeln, die den Vielschichtigkeiten und Widersprüchen prekarisierten Lebens Raum geben. Erinnert sei an dieser Stelle nur an die leeren Sprechblasen, auf denen die Teilnehmer_innen der Parade ihre eigenen Forderungen und Statements eintragen konnten und die seitdem – über die Mayday-Parade hinaus – die Demolandschaft in Berlin verändern. Klar wurde aber eben auch, dass die erfolgreiche Parade ohne Verstetigung einer widerständigen Alltagspraxis Gefahr lief, den beabsichtigten Stachel zu verlieren und zur Demo-Party zu werden.&lt;br /&gt;Doch mit Erkenntnissen dieser Art stehen erfolgreiche (System-)Kritik und Dissidenz keineswegs generell zur Disposition, wie es die allgegenwärtigen Vereinnahmungswarnungen glauben machen wollen: Sowohl das kapitalistische System als auch die kritische Praxis sind so facettenreich, dass die Annahme einer einfachen Formähnlichkeit von System und Kritik nur in eine Sackgasse führen kann. Gerade weil die Vereinnahmungsdiagnose aufzeigt, dass Kritik und Dissidenz zu Innovationsgeneratoren und flexiblen Ressourcen werden können, gilt es anhand linker Bewegungsgeschichte sowie anhand konkreter Praktiken realer Akteur_innen auszuloten, unter welchen Bedingungen genau dies nicht geschieht – beziehungsweise nicht geschehen ist. Dabei ist für die Erfolgsbestimmung zu berücksichtigen, dass nicht jede kritische oder dissidente Praxis durch ihre Vereinnahmung entwertet wird: Was zur Produktivkraft mutiert, verliert nicht unter allen Umständen seinen subversiven Charakter, kann doch jedes Schmiermittel, sobald es nicht mehr die Maschine ölt, sondern den Boden bedeckt, seine Funktion verändern. &lt;br /&gt;Man nehme das Erfolgsbeispiel der feministischen Kritik: Auch wenn Geschlechterhierarchien und Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen nach wie vor an der Tagesordnung sind, kann die Entwicklung der letzten 100 Jahre nicht über zahlreiche Erfolge des feministischen Kritikprojekts hinwegtäuschen. Wenn nun von feministischer Seite beklagt wird, dass „der Traum von Frauenemanzipation in den Dienst der kapitalistischen Akkumulationsmaschine gestellt wird“ (Nancy Fraser), gerät zweierlei aus dem Blick: Erstens, dass der Umstand, dass Frauen als Ressource außerhalb der Reproduktionssphäre entdeckt wurden, auch ein großer Erfolg ist und dieser Entwicklung doch (bei allen fortdauernden Problemen) die zunehmende Gleichstellung von Männern und Frauen und die sukzessive Überwindung vormoderner Abhängigkeitsstrukturen zugrunde liegt. Wem dies zu positiv gezeichnet ist, der werfe einen Blick auf Geschlechterverhältnisse in Filmen oder Werbungen der 1950er Jahren und vergleiche. Natürlich ist dies erst einmal nur eine zunehmende Gleichstellung im Rahmen des Bestehenden, aber es gilt zweitens: Die Inkorporation und Nutzung weiblicher Arbeitskraft und Ressourcen durch das Kapital bedeutet eben nicht, dass die feministische Kritik für ein antikapitalistisches Projekt verloren ist. Im Gegenteil: Die wachsende Gleichstellung (im flexiblen Kapitalismus) ist unabdingbare Voraussetzung und Ressource für die Kritik desselben und ein über diese Verhältnisse hinausgehendes Emanzipationsprojekt.&lt;br /&gt;Für die Bewertung des Erfolgs von Kritik und Protest gilt dabei nicht zuletzt: Störung allein genügt nicht, wenn in der radikalen Negation der Systemimperative die emanzipatorische Perspektive aus dem Blick gerät. Auch wenn Depression und Passivität die effektivsten Produktivitätskiller sind, zerstörte Straßenbeleuchtungen, zerstochene Reifen und die Anhäufung von Hundescheiße den Gentrifizierungsprozess verlangsamen mögen – schön ist das Leben so nicht. Wir müssen nicht aufhören, kreativ, mobil, selbstorganisiert, ideenreich und nonkonform zu sein, weil uns die soft skills des flexiblen Kapitalismus zu Überläufer_innen werden lassen (könnten), sondern wir werden es dort, wo es nicht erwartet wird, wo es definitiv unerwünscht ist, wo es – weiterhin und immer wieder – stört: durch Aktionen im Stadtteil, auf dem Amt (so die Militante Untersuchung von FelS im Jobcenter Neukölln) oder am Arbeitsplatz. Als die Hamburger Künstler_innen im Gängeviertel dem Kreativitätshype den Kampf ansagten und kreativ widerständig wurden, wurde unübersehbar, dass nicht alles als Kreativgut vereinnahmbar ist. In ihrem Manifest Not in our name. Marke Hamburg heißt es: „Unmissverständlicher kann man nicht klarstellen, was ‚Kreativität‘ hier (von Seiten der Stadtoberen) zu sein hat: ein profit center für die wachsende Stadt. Und da sind wir nicht dabei. Wir wollen nämlich keine von Quartiersentwicklern strategisch platzierte Kreativimmobilien und Kreativhöfe.“ Und sie wollten erfolgreich nicht.&lt;br /&gt;Das Wissen darum, dass es keinen dauerhaft sicheren, von den gesellschaftlichen Machverhältnissen undurchdringbaren Ort der Kritik und praktischen Dissidenz gibt, darf nicht zu dem fatalen Umkehrschluss verleiten, dass es keine vorübergehend zu enternden, provisorisch zu sichernden Stand- und Widerstandspunkte gibt. Dass dieser Ort der Abweichung und Aneignung stets gefährdet, umkämpft und vereinnahmbar bleibt, erfordert permanente Reflexion und Praxis – und nicht die Verweigerung, autonom und kreativ zu sein. Wer keine Blumen mehr vors Haus setzt, weil dann die Gentrifizierung droht, hat schon verloren.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Thu, 11 Aug 2011 16:37:46 +0000</pubDate>
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