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 <title>arranca! - Zapatismus</title>
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 <title>Editorial</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/46/editorial</link>
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                    &lt;p&gt;&lt;strong&gt;Hamburg, 1. Mai 1975&lt;/strong&gt; – aus der 1. Mai-Demonstration der Gewerkschaften heraus löst sich eine von internationalistischen Inhalten bestimmte Demonstration mit 6.000 Teilnehmer_innen. Die Redner_innen der Kundgebung werden immer wieder von frenetischem Beifall unterbrochen, insbesondere jene aus dem Ausland. Wieder und wieder wird »Hoch die internationale Solidarität« und Parolen auf Spanisch und Portugiesisch angestimmt. Im Anschluss werden auf einer antiimperialistischen Feierlichkeit in den Hamburger Messehallen mit rund viereinhalb Tausend Teilnehmer_innen fast 30.000 DM für den Vietcong gesammelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kairo, 11. Februar 2011&lt;/strong&gt; – mehr als 30 Jahre später zwingen durch die Jasminrevolution in Tunesien angefachte Massenproteste den ägyptischen Präsidenten Muhammad Husni Mubarak zum Rücktritt. Inspiriert von den Protesten in Tunesien und Ägypten entstehen in vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas Protestbewegungen gegen die politische und soziale Situation.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unter dem Eindruck dieser Protestbewegungen kommt es auch in Südeuropa und Nordamerika zu gewaltigen Protesten gegen die »undemokratische « Politik der dortigen Regierungen und ihre neoliberalen Sparprogramme – der Hegemonieanspruch des neoliberalen Kapitalismus muss teilweise erhebliche Einbußen hinnehmen. Bemerkenswert sind hierbei vor allem die zahlreichen Gemeinsamkeiten im Ausdruck der unterschiedlichen Kämpfe. In Deutschland bleiben diese Proteste eher verhalten.&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Hamburg, 1. Mai 1975&lt;/strong&gt; – aus der 1. Mai-Demonstration der Gewerkschaften heraus löst sich eine von internationalistischen Inhalten bestimmte Demonstration mit 6.000 Teilnehmer_innen. Die Redner_innen der Kundgebung werden immer wieder von frenetischem Beifall unterbrochen, insbesondere jene aus dem Ausland. Wieder und wieder wird »Hoch die internationale Solidarität« und Parolen auf Spanisch und Portugiesisch angestimmt. Im Anschluss werden auf einer antiimperialistischen Feierlichkeit in den Hamburger Messehallen mit rund viereinhalb Tausend Teilnehmer_innen fast 30.000 DM für den Vietcong gesammelt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kairo, 11. Februar 2011&lt;/strong&gt; – mehr als 30 Jahre später zwingen durch die Jasminrevolution in Tunesien angefachte Massenproteste den ägyptischen Präsidenten Muhammad Husni Mubarak zum Rücktritt. Inspiriert von den Protesten in Tunesien und Ägypten entstehen in vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas Protestbewegungen gegen die politische und soziale Situation.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Unter dem Eindruck dieser Protestbewegungen kommt es auch in Südeuropa und Nordamerika zu gewaltigen Protesten gegen die »undemokratische « Politik der dortigen Regierungen und ihre neoliberalen Sparprogramme – der Hegemonieanspruch des neoliberalen Kapitalismus muss teilweise erhebliche Einbußen hinnehmen. Bemerkenswert sind hierbei vor allem die zahlreichen Gemeinsamkeiten im Ausdruck der unterschiedlichen Kämpfe. In Deutschland bleiben diese Proteste eher verhalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dies wird in der Linken überwiegend als Folge der Sonderrolle gedeutet, die der »Standort Deutschland« im krisengebeutelten Europa einnimmt. Schließlich ist die europaweite Krise nicht zuletzt der rigiden Austeritätspolitik der BRD und ihrer dank zahlloser neoliberaler »Reformen« florierenden Volkswirtschaft geschuldet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch die hiesige Linke verpasst nicht nur weitgehend den Anschluss an die Protestbewegung gegen die europaweite Sparpolitik. Sie braucht auch eine ganze Weile, um auf den »Arabischen Frühling« zu reagieren. Zwar verfassen verschiedene Gruppen relativ schnell diverse Solidaritätsnoten, eine internationalistische linke (Alltags-)Praxis will sich aber auch knapp zwei Jahre nach den Ereignissen noch nicht so recht einstellen, allen gelungenen Abendveranstaltungen, Solidaritätsaufrufen und -demonstrationen zum »Arabischen Frühling« und zu den Kämpfen gegen die Austeritätspolitik in Südeuropa zum Trotz. Fast scheint es, als hätte die deutsche Linke internationale Solidarität verlernt.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;»… der Kollaps internationalistischer Praxis nach 1989 war ein handfestes politisches Desaster.«&lt;/em&gt; (No Lager Bremen)&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Bekenntnis zum Internationalismus gehört seit den Anfängen der Arbeiter_innenbewegung im 19. Jahrhundert weltweit zum Kern linker Paradigmen. Dass sich die herrschenden Verhältnisse nicht in einem Land alleine, sondern nur global umwälzen lassen und die »unterdrückten Massen aller Länder« im Kampf um ihre Emanzipation daher grenzübergreifend an einem Strang ziehen müssen, war spätestens seit der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation in den 1860er Jahren &lt;em&gt;common sense&lt;/em&gt; aller sozialistischen Parteien. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sollte diese Haltung jedoch nicht überdauern. Der &lt;em&gt;Burgfrieden&lt;/em&gt;-Sündenfall der deutschen Sozialdemokratie bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die sowjetische Doktrin vom &lt;em&gt;Sozialismus in einem Land&lt;/em&gt; und der &lt;em&gt;Hitler-Stalin-Pakt &lt;/em&gt;setzten dieser Tradition ein jähes Ende. An ihre Stelle trat nach dem Zweiten Weltkrieg ein anti-imperialistischer Internationalismus, der sich mit den nationalen Befreiungsbewegungen der revoltierenden Kolonien solidarisierte. Die auf dieser Haltung beruhende Soli-Arbeit zur Unterstützung der antikolonialen Kämpfe von Vietnam bis Nicaragua konnte sich in beiden deutschen Staaten bis zum Ende der Achtziger Jahre spektrenübergreifend großer Unterstützung erfreuen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erst Mitte der achtziger Jahre – und besonders nach 1989 – begann diese Konjunktur zu bröckeln: Das sukzessive Erstarren des revolutionären Impetus der sozialistischen Staaten in Asien, die sich immer deutlicher abzeichnende militärische Niederlage der kommunistischen Guerilla in fast allen lateinamerikanischen Ländern, die bestialische Rache der Contra-Regierungen unter der Regie der alten Kolonialmächte und die Korrumpierung der siegreichen Befreiungsbewegungen im Süden der Sahara stellte die Solidarität der deutschen Linken in den achtziger Jahren auf immer härtere Proben. Zu lange hatte man die eigenen enttäuschten revolutionären Hoffnungen auf fremde Länder projiziert. Nun neben dem Renommeeverlust sozialistischer Ideen durch den Zusammenbruch des Realsozialismus auch noch den tiefen Fall der noch wenige Jahre zuvor romantisierten Revolutionäre mit ansehen zu müssen war mehr als die meisten deutschen Linken ertragen konnten. Durch die zunehmende Professionalisierung drohte den verbliebenen Internationalist_innen schon bald die Vereinnahmung durch die hauptamtliche Arbeit in Nichtregierungsorganisationen. Der beißende Spott der im Kielwasser des &lt;em&gt;antinationalen &lt;/em&gt;Umdenkens der undogmatischen Linken der BRD entstandenen Antideutschen erledigte dann den Rest.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Internationalistische Bezüge in der Praxis linker Gruppen sind seitdem die Ausnahme geworden, allen Bekenntnissen zur grenzüberschreitenden Solidarität zum Trotz. Das wirft Fragen auf: Ist die deutsche Linke aufgrund der oben genannten Erfahrungen so nachhaltig traumatisiert, dass sie den Blick über den nationalen Tellerrand nicht mehr wagt? Wie lassen sich diese Hemmungen überwinden? Und wie kann Internationalismus heute aussehen – zwischen internationalisiertem Kapital, Kämpfen gegen den Ab- und Umbau nationaler Wohlfahrtsstaaten, post- und neokolonialen Realitäten?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;&lt;em&gt;»Wer grenzüberschreitenden Herrschaftsstrukturen den Kampf ansagt, muss sich grenzüberschreitend vernetzen.« &lt;/em&gt;(FelS)&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Seit dem Bruch aller relevanten Teile der deutschen Linken mit der im Vulgärmarxismus des 20. Jahrhunderts lange Zeit lautstark vertretenen These vom »Hauptwiderspruch«, nach der der unüberbrückbare Gegensatz zwischen Kapital und Lohnarbeit das bestimmende Herrschaftsmoment moderner kapitalistischer Gesellschaften darstellen und alle anderen Herrschaftsformen (etwa patriarchale Gewalt oder rassistische Ausgrenzung) lediglich »Nebenwidersprüche« innerhalb dieses Herrschaftssystems sein sollen, hat sich auch das linke Verständnis globaler Zusammenhänge radikal verändert. So wird beispielsweise Migration heute nicht länger einfach als direkte Push-&amp;amp;-Pull-Reaktion auf die imperialistischen Verheerungen im globalen Süden und die Nachfrage nach billigen illegalisierten Arbeitskräften in den so genannten Industrienationen verstanden. Die Perspektive der &lt;em&gt;Autonomie der Migration&lt;/em&gt; rückt stattdessen die Hoffnungen, Forderungen und Kämpfe der migrierenden Menschen in den Vordergrund der politischen Betrachtung.&lt;br /&gt;Auch dem kolonialen Erbe wird heute eine ganz andere Bedeutung beigemessen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Postkoloniale Ansätze fragen nicht länger nur nach den Nachwirkungen kolonialer Herrschaft in den ehemaligen Kolonien. Stattdessen wird untersucht, wie sehr die jahrhundertelange Herrschaft über den globalen Süden bis heute rassistische Spuren im Selbstverständnis der Bewohner_innen des Nordens hinterlassen hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese neuen Denkanstöße erschüttern auch vermeintliche linke Gewissheiten von der eigenen Unempfänglichkeit gegenüber kolonialen Denkmustern und rassistischen Stereotypen – »Wer solidarisiert sich eigentlich mit wem, wer spricht für wen und wer entscheidet über den Inhalt und das Ziel der Solidarisierung?«&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_p7pq20l&quot; title=&quot;Olaf Gerlach, Marco Hahn, Stefan Kalmring, Daniel Kumitz, Andreas Nowak (Hg.): Globale Solidarität und linke Politik in Lateinamerika, Berlin 2009.&quot; href=&quot;#footnote1_p7pq20l&quot;&gt;1&lt;/a&gt; Dem Reflex, im Zuge dieser Selbstreflektion auch gleich die gesamte internationalistische Tradition der Linken für verklärt, paternalistisch und strukturell rassistisch zu erklären, sollte man dabei jedoch nicht nachgeben.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Subterranean Histories&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn es zahlreiche Beispiele für solche Seiten des Internationalismus gibt, so sind wir doch der Ansicht, dass eine derartige Erzählung zu eindimensional ist; in ihrer Absolutheit wird Vielfältiges verschüttet, an das sich in emanzipatorischer Art und Weise anschließen lässt. Wir wollen mit dieser Ausgabe für ein zeitgenössisches Internationalismusverständnis plädieren, das sich auf die Suche nach diesen mal mehr mal weniger, verborgenen und gerissenen Fäden macht und den Versuch unternehmen will, diese in der eigenen Praxis, von den eigenen Kämpfen ausgehend, weiterzuspinnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;»So gibt es keinen Grund anzunehmen, wir hätten das Ende des Weges dessen erreicht, was man unter Internationalismus verstehen kann. Seine Geschichte steckt voller Ironien, Zickzacks und Überraschungen. Es ist unwahrscheinlich, dass wir schon die Letzten erlebt haben.« (Perry Anderson). Waren nicht beispielsweise die Aufstände der Zapatist_innen ein derartig unerwarteter Impuls für ein neues Internationalismusverständnis? Die anhaltenden Bemühungen um transnationale Vernetzung von Kämpfen im Rahmen der Krisenproteste werden – so hoffen wir – weitere Impulse geben. Also, legen wir los und sammeln konkrete Erfahrungen beim Vernetzen unserer Kämpfe und entwickeln wir gemeinsam Perspektiven. Ob wir dies nun Internationalismus, transnationale Vernetzung oder nochmal anders nennen, ist dabei nicht der springende Punkt.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_p7pq20l&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_p7pq20l&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Olaf Gerlach, Marco Hahn, Stefan Kalmring, Daniel Kumitz, Andreas Nowak (Hg.): Globale Solidarität und linke Politik in Lateinamerika, Berlin 2009.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

&lt;!--
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 <pubDate>Tue, 11 Dec 2012 21:31:51 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>Geister von Müntzer im Morgengrauen</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/42/geister-von-muentzer-im-morgengrauen</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-type-text field-field-teaser&quot;&gt;
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;p&gt;Es geschah in einer eiskalten Nacht im März 2001. Es passierte in Nurio, im Bundesstaat Michoacán, Mexiko, wo sich RepräsentantInnen aller Indígenas des Landes versammelt hatten, um ein Gesetz über die Rechte der Indígenas einzufordern.&lt;br /&gt;
Es war das dritte Treffen des Nationalen Indígena Kongresses, der zu größten Teilen von den Zapatistas ins Leben gerufen wurde – den PoetenkämpferInnen, die die Medien geschickt einzusetzen wussten und die sieben Jahre zuvor wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, aus den Schlupfwinkeln der Zeit. U2 hatte eben doch Unrecht: Manchmal passiert etwas am Neujahrstag. Manchmal besetzt ein Heer von Mayabauern mit vermummten Gesichtern eine Stadt und überträgt eine Botschaft an Millionen von Menschen. &lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;h4&gt;Ein Geschenk von den Affen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Es geschah in einer eiskalten Nacht im März 2001. Es passierte in Nurio, im Bundesstaat Michoacán, Mexiko, wo sich RepräsentantInnen aller Indígenas des Landes versammelt hatten, um ein Gesetz über die Rechte der Indígenas einzufordern. &lt;br /&gt;Es war das dritte Treffen des Nationalen Indígena Kongresses, der zu größten Teilen von den Zapatistas ins Leben gerufen wurde – den PoetenkämpferInnen, die die Medien geschickt einzusetzen wussten und die sieben Jahre zuvor wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, aus den Schlupfwinkeln der Zeit. U2 hatte eben doch Unrecht: Manchmal passiert etwas am Neujahrstag. Manchmal besetzt ein Heer von Mayabauern mit vermummten Gesichtern eine Stadt und überträgt eine Botschaft an Millionen von Menschen. &lt;br /&gt;Das geschah in San Cristóbal de las Casas, Chiapas, Mexiko, am ersten Januar 1994.&lt;br /&gt;Und nun waren wir da, sieben Jahre später, in der finsteren Umgebung Nurios, die Zapatistas waren da, und ebenso der Subcomandante Marcos, denn dieses Treffen fand während des berühmten Marcha de la Dignidad (Marsch für die Würde) statt, der aufmerksam in der ganzen Welt verfolgt wurde. (...)&lt;br /&gt;Marcos und die Zapatistas wurden begleitet von Menschen von überallher, eine bunte Prozession von Journalist_innen, Aktivist_innen, Intellektuellen, Künstler_innen und Ungeziefer. Von Italien aus angereist waren wir Mitglieder einer merkwürdigen Delegation, die die Autochthonen die monos blancos nannten, die ‚weißen Affen‘. Es war ein Wortspiel, denn mono bedeutet auf Spanisch auch Overall.&lt;br /&gt;In Italien gab es ja die tute bianche, die „weißen Overalls“. In einer interessanten semantischen Windung war eine Arbeitskleidung zu einem provisorischen Emblem zivilen Ungehorsams geworden. Viele Leute trugen sie auf Protestmärschen. Die Bezeichnung ‚mono‘ haftete uns während des gesamten Marsches an und hörte auf, blanco (weiß) zu sein, lange bevor wir in Mexiko Stadt ankamen. Es gab nicht viele Möglichkeiten, sich zu waschen, und wir waren alle einigermaßen durchgeschwitzt. (...)&lt;br /&gt;Aber kehren wir zurück zu der eiskalten Nacht von Nurio. Was passierte in diesem Zeltlager auf dem Zentralmassiv Mexikos? Was passierte, das von so besonderer Bedeutung wäre? Na, was Besonderes geschah eigentlich nicht. Es war nur eine kleine Geste. Während man versuchte, ein Lagerfeuer anzumachen, näherte sich unser Delegierter (Wu Ming 4) dem Subcomandante und überreichte ihm ein Exemplar unseres Romans Q in spanischer Übersetzung. (...)&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Marcos, Müntzer und Q&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Übergabe des Buches hatte eine spezifische Bedeutung. Für uns schloss sich dadurch ein Kreis: von den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts (davon handelt das Buch) zum zapatistischen Aufstand. &lt;br /&gt;Die Bauernkriege waren der größte Volksaufstand seiner Epoche. Sie brachen im Herzen des Heiligen Römischen Reiches aus und wurden 1525 grausam niedergeschlagen, ein Jahr bevor die spanischen Conquistadores ihre blutige Invasion in Südmexiko starteten und die Zivilisation der Maya zerstörten. &lt;br /&gt;Der zapatistische Aufstand war die einflussreichste Rebellion von Bauern unserer Zeit; er fand in Südmexiko auf Initiative von Mayaaktivisten statt und hat heute Einfluss auf Kämpfe im ganzen verdammten Empire. &lt;br /&gt;Die Bauernkriege waren ein Ereignis mit Vorbildfunktion. So wie auch ihr Hauptagitator, Thomas Müntzer, eine Vorbildfunktion hatte. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Die soziale Ordnung, die Müntzer und die revolutionären Bauern versinnbildlichten, war ihrer Zeit weit voraus, genau genommen sogar unserer Zeit. (…)&lt;br /&gt;Sie wurden besiegt und massakriert, das ja, aber ihr Erbe ist noch unter uns, begraben in der Erde unter unseren Füßen. Und es kann jedes Mal dann wieder aufblühen, wenn die soziale Ordnung von unten bekämpft wird. Die Rhetorik der führenden Köpfe der Bauern hallt noch einmal wider, über die Jahrhunderte hinweg. In verschiedenerlei Hinsicht kann man sagen, dass Müntzer noch immer zu uns spricht. &lt;br /&gt;Auf jeden Fall sprach er zu vier Aktivisten der Gegenkultur, in Bologna, Ende des Jahres 1995, zwei Jahre nachdem der zapatistische Aufstand den Atlantik überquert hatte und dort, unter anderem, das Phänomen Luther Blissett Project beeinflusste. (...)&lt;br /&gt;Die kommunikativen Strategien der Zapatistas hatten großen Einfluss auf das Luther Blissett Project. (...)&lt;br /&gt;Was uns neugierig machte, war vor allem die Art und Weise, in der die Zapatistas vermieden, ihren Kampf in irgendeine der abgenutzten Denkweisen des 20. Jahrhunderts einzurahmen. Und sie lehnten die abgegriffenen Dichotomien von Reformismus vs. Revolution, Avantguarde vs. Masse, Gewalt vs. Nicht-Gewalt usw. ab. Die Zapatistas, daran konnte kein Zweifel bestehen, waren Teil der Linken. Aber sie schienen jedwede lineare Repräsentation von links und rechts zurückzuweisen, auf eine Weise, die nichts mit dem ‚weder links noch rechts‘-Gelaber von bestimmten Faschisten zu tun hatte. Ihre Sprache distanzierte sich von dem stereotypen ‚Drittweltismus‘: Sie eigneten sich auf kreative Weise alte Mythen und Legenden wieder an, im Dienst einer großen Vision, der des Transnationalismus (Huey P. Newton würde es „Interkommunitarismus“ nennen). Die Gemeinschaft, von der die Zapatistas sprachen, war eine offene Gemeinschaft, sie überschritt die Grenzen der Ethnie, deren Sprachrohr sie war. „Wir alle sind Indígenas dieser Welt“, sagten sie. Sie kamen aus der abgelegensten Gegend der Welt, aber innerhalb kürzester Zeit kamen sie in Kontakt mit Rebellen aus allen Teilen der Erde. Die Medienstrategie der Zapatistas verzichtete auf die üblichen kamerageilen Leader. In den ersten Tagen des Aufstands erklärte Marcos: „Ich existiere nicht, es gibt mich nur im Rahmen des Bildschirms.“ Dann erklärte er, dass ‚Marcos‘ nur ein Pseudonym sei und er nicht mehr als ein subcomandante, weil er weiß war, während die comandantes alle Indígenas waren. Und er fügte hinzu, dass alle ‚Marcos‘ sein könnten und dass das der eigentliche Sinn der Vermummung sei: Diese Revolution hat kein Gesicht, denn sie hat alle Gesichter. „Wenn ihr das Gesicht unter der Vermummung sehen wollt, nehmt einen Spiegel und seht euch selber an.“ [Jahre danach wurde „Diese Revolution hat kein Gesicht“ das erste Motto von Wu Ming.]&lt;br /&gt;Dort nahm Luther Blissett seinen Anfang. (…) Viele haben versucht, die Anfänge des Projekts auf die Situationisten zurückzuführen, während die Wahrheit offensichtlich war. Es war das Beispiel der Zapatistas, das dem Luther Blissett Project half, seine Ziele zu definieren: den Mythos aus den Händen der Reaktionären zu reissen.&lt;br /&gt;Das Luther Blissett Project war ein Fünfjahresplan und dauerte von 1994 bis 1999. In Italien und anderen Ländern, nahmen Hunderte den Namen an und beteiligten sich an Mediensatire, Radioprogrammen, Fanzines, Videos, Straßentheaterprojekten, Performances, politischen Aktionen und theoretischen Schriften. In Bologna waren mindestens fünfzig Aktivist_innen vom Anfang bis zum Ende dabei. &lt;br /&gt;Im Herbst 1995 fingen einige von ihnen an, mit der Idee zu liebäugeln, einen Roman zu schreiben. Dieser Roman würde Q werden. &lt;br /&gt;Begeistert wie wir von den zapatistischen Ideen waren, entschieden wir uns sofort, die Geschichte eines Bauernaufstands zu schreiben, oder genauer: einen Roman über die Mutter aller modernen Revolten. (…)&lt;br /&gt;Aber warum ein historischer Roman über ein so anachronistisches Thema? Welche Bedeutung könnten Thomas Müntzer und die Bauernkriege für die „Roaring Nineties“ haben? Der ‚Kommunismus‘ war besiegt, die ‚Demokratie‘ hatte gewonnen, der Glaube an die freie Marktwirtschaft war unumstößlich, die Idee des Neoliberalismus triumphierte. Wollten wir wirklich einen Roman über diese proto-kommunistischen, längst vergessenen Penner schreiben? &lt;br /&gt;Klar wollten wir. In Zeiten konterrevolutionärer Arroganz, in der „greediest decade of history“ (wie Joseph Stiglitz sagen würde) war ein Buch dieser Art nötiger denn je. &lt;br /&gt;Um ehrlich zu sein, waren die Bauernkriege und Müntzers Predigten nur der Anfang der Geschichte, die wir erzählen wollten: Die Geschehnisse von Q erstrecken sich über mehr als dreißig Jahre europäischer Geschichte, von 1517 (das Jahr, in dem Luther seine Thesen an die Kirche von Wittenberg anschlug) bis 1555 (das Jahr des Augsburger Friedens). Diese hochbewegten Jahre sind für Historiker_innen und Schriftsteller_innen eine Fundgrube der&amp;nbsp; Prototypen und Pionierleistungen, denn die Rebell_innen und Aufständischen dieser Zeit schienen alle nur erdenklichen Taktiken und Strategien ausprobiert zu haben. Wenn wir dem 16. Jahrhundert die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihm zusteht, treffen wir Anarchist_innen, Protohippies, sozialistische Utopiker_innen, gestandene Leninist_innen, mystische Maoist_innen, verrückte Stalinist_innen, die Roten Brigaden, die Angry Brigades, die Weathermen, Emmet Grogan, Fra‘ Tuck, Punk, Pol Pot (...). Eine große Armee von Geistern und Metaphern. (...)&lt;br /&gt;Wir wollten einen scharfen und leidenschaftlichen Roman schreiben, ein Buch, das sich seiner selbst als kulturelles Produkt bewusst ist (mehr noch: das sich nicht nur als kulturelles Produkt, sondern auch als kulturelle Waffe versteht), aber das sich gleichzeitig nicht hinter dem Zeigefinger der zynischen Entzauberung versteckt. Einen Roman, der die Rückkehr der radikalen Pop/Volkserzählung ankündigt. Die Welt brauchte Abenteuerromane, die von Leuten geschrieben wurden, die an das glaubten, was sie taten, die bereit waren, sich die Hände schmutzig zu machen und sie allen zu zeigen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;„Die von Seattle“, oder: Die belagerte Burg (1999-2001)&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Auf die Veröffentlichung von Q folgte eine lange Lesereise durch ganz Italien (und in den Kanton Tessin). Wir trafen tausende Leser_innen an verschiedensten Orten: in centri sociali, Bibliotheken, Buchhandlungen, auf Festivals etc. Während der Tour kündigten wir an, dass wir nach dem Ende des Luther Blissett Projects ein neues Projekt verfolgen würden, mit einer spezifischen Ausrichtung, mit einem stärkeren Fokus auf dem Narrativen, nach hinten offen und ohne Frist.&lt;br /&gt;Wu Ming stand vor der Tür. Wir waren gerade auf Tournee, als der Aufstand von Seattle losbrach.&lt;br /&gt;30. November 1999. An diesem Abend kamen wir in Lodi an und präsentierten das Buch in der Stadtbibliothek. Anstatt über das Buch zu sprechen, sprachen wir fieberhaft über das, was soeben auf dem WTO-Gipfel passiert war. Wir spürten, dass es der Anfang von etwas ganz Großem sein würde. Diese neue Bewegung forderte die Institutionen heraus, die von oben den ‚freien Markt‘ regulierten: den Internationalen Währungsfond, die Weltbank, die Welthandelsorganisation und verschiedene andere Blutsauger.&lt;br /&gt;Das Jahr 2000 war ein Jahr intensiver Organisierung, ein Jahr von Demonstrationen und Protesten gegen wichtige Gipfeltreffen. Die bedeutendsten Demonstrationen waren Ende September in Prag, als tausende DemonstrantInnen einen Gipfel des IWF und der Weltbank lächerlich machten. Wir waren auch da. Irgendwann entschied die Bewegung, dass der Showdown, die Kraftprobe, in Genua stattfinden sollte, wo ein Gipfel der G8-Staaten geplant war. (...)&lt;br /&gt;Währenddessen passierten in Italien, und nicht nur dort, merkwürdige Dinge. Auf den Protestzügen traf man auf Leute, die eingehüllt waren wie das Bibendum, das Michelinmännchen: Sie trugen Helme, weiße Schutzanzüge und darunter verschiedenste Schutzvorrichtungen: Schulterpolster wie beim American Football, Schienbeinschützer, Rettungswesten, Kissen, Schwamm- oder Schaumgummiplatten. Man sah Hunderte dieser merkwürdigen Personen mit Schildern aus Plexiglas in der Hand, man sah sie gemeinsam mobile Barrikaden aus Reifen errichten, um dann in Schildkrötenformation den Polizeireihen entgegenzugehen. Sie trugen keine Waffen, keine Gegenstände zum Angriff, nur Schutzgegenstände, um zu vermeiden, dass die Knüppel ihnen die Knochen brachen. Einige nannten das „ziviler geschützter Ungehorsam“, oder – im Ausland – „ziviler Ungehorsam all‘italiana“. In dieser bisher unbekannten Straßenkampfpraxis spürten wir deutlich etwas ‚Blissettianisches‘ und fingen bald an, mit diesen Gruppen – den tute bianche – zusammenzuarbeiten, den Waisen der Autonomen-Bewegung, zu denen, in etwas anderer Form, auch wir gehörten.&lt;br /&gt;Aber das war nicht das einzige sonderbare Phänomen, das wir in jenen Tagen bemerkten. In unerwarteten Momenten schien etwas auf ... der Geist von Thomas Müntzer. &lt;br /&gt;Es gab eine Art Kurzschluss zwischen Q und der Bewegung. Dank Mundpropaganda und dem Internet war der Roman zu einem internationalen Bestseller geworden. Wir fingen an, das Motto „Omnia sunt communia“ auf Wänden und Transparenten zu sehen. Zitate aus Q wurden als ‚Unterschriften‘ in den Emails verschiedener AktivistInnen verwendet. In den Foren der Bewegung gab es Menschen, die sich den Nickname ‚Magister Thomas‘ oder ‚Brunnengert‘ gaben. Es war nichts anderes als der Anfang einer seltsamen, strittigen und schwierigen Beziehung zwischen unserer literarischen Arbeit und den sich abspielenden Kämpfen. In den Monaten bis Genua wurde der Name Wu Ming mehr mit unseren Agit-Prop-Ideen verbunden als mit unserer Literatur.&lt;br /&gt;Es war vor allem unsere Schuld, denn wir stürzten uns mit so viel Überzeugung in die Kämpfe, dass sich die beiden Kontexte überlappten. (...) In diesen Wochen schrieben wir, alleine oder mit anderen gemeinsam, viele Aufrufe, entwickelten medienwirksame Performances und Aktionen, wie beispielsweise die ‚Nacht der sprechenden Statuen‘.&lt;br /&gt;Wir haben viel darüber nachgedacht und wir sind von einer Sache überzeugt. Der Geist von Thomas Müntzer, und – als Konsequenz daraus – wir Autoren des Romanes finden uns im Zentrum der Mobilisierung wieder, denn dort drinnen nahm eine enorme Metapher Form an. &lt;br /&gt;Immer häufiger wurde das Empire als eine belagerte Burg beschrieben, belagert von einer ‚Multitude‘ von Bauern. Diese Metapher tauchte in verschiedenen Texten und Gesprächen wieder auf. Manchmal explizit, manchmal subtil, aber sie war da.&lt;br /&gt;Wenn auch beflügelnd und effizient, so war die Metapher doch irreführend. Keine Belagerung war im Gange, weil man keine Macht belagern konnte, die überall war und deren grundlegende Veräußerung ein kontinuierlicher Fluss der Elektronen von Aktie zu Aktie ist.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Dieser Irrtum hatte schwere Folgen.&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wir verwechselten die formalen Zeremonien der Macht mit &lt;br /&gt;der Macht selber. &lt;br /&gt;Wir machten den gleichen Fehler wie Müntzer und die deutschen &lt;br /&gt;Bauern. &lt;br /&gt;Wir hatten einen Kampfplatz gewählt und einen mutmaßlichen &lt;br /&gt;Kampftag.&lt;br /&gt;Wir gingen alle nach Frankenhausen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Frankenstein in Frankenhausen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Wann hat eure Flucht begonnen? (…)&lt;br /&gt;Das habe ich Euch ja schon gesagt: Seit Pfarrer und Propheten sich meines Lebens bemächtigen wollten. Ich kämpfte mit Müntzer und den Bauern gegen die Fürsten. War Täufer in dem Irrsinn zu Münster. Göttlicher Henker mit Jan van Batenburg. Gefährte Eloi Pruynsticks unter den freien Geistern von Antwerpen. Jedesmal ein anderer Glaube, immer die gleichen Feinde, eine einzige Niederlage. &lt;br /&gt;(Luther Blissett, Q)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Thomas Müntzer sprach zu uns, aber wir verstanden nicht, was er sagte. Es war keine Segnung, sondern eine Warnung. Es ist unmöglich, unsere Verantwortung zu schmälern. Wir Wu Ming waren unter denjenigen, die am eifrigsten versuchten, die Leute nach Genua zu bewegen, und mehr als andere halfen wir der Macht, einen Hinterhalt zu legen. Nach dem Blutbad brauchten wir einige Zeit – und viel Nachdenken – um zu verstehen, was unsere Fehler gewesen waren, die spezifischen, in dem weiten Feld von Fehlern der Bewegung. &lt;br /&gt;Es war offensichtlich, dass etwas in unserer ‚mythopoetischen‘ Praxis falsch gelaufen war, in der Konstruktion der Mythen von unten, die das Fundament für unsere Arbeit darstellte – und in gewisser Weise auch noch immer darstellt. &lt;br /&gt;Unter Mythos haben wir niemals eine ‚falsche Erzählung‘ verstanden, die als die banalste und oberflächlichste Bedeutung des Wortes gelten kann. Wir haben das Wort immer benutzt, um eine Erzählung von großem emblematischen Wert zu bezeichnen, dessen Bedeutung von einer community (zum Beispiel der Bewegung) zusammengesetzt und geteilt wird, wobei die Mitglieder der community kontinuierlich die Erzählung kreieren und ‚sozialisieren‘. Uns interessieren die Erzählungen, die enge Beziehungen zwischen Menschen herstellen. Die communities halten sie (wenn alles glatt läuft)&amp;nbsp; in der Gesellschaft inspirierend und lebendig. Die Mythen entwickeln sich dabei weiter, denn das, was in der Gegenwart passiert, verändert unseren Blick auf die Vergangenheit: Also ändert sich auch die Art und Weise, in der die gleichen Erzählungen zusammengesetzt werden und sie erhalten neue symbolische Bedeutungen.&lt;br /&gt;Mythen stellen uns Vorbilder zur Verfügung, die wir annehmen oder verwerfen können, sie geben uns ein Gefühl von Kontinuität oder Diskontinuität mit der Vergangenheit und erlauben uns, eine Zukunft zu imaginieren. Ohne sie können wir nicht leben, unser Verstand arbeitet so, unser Gehirn denkt entlang von Erzählungen, Metaphern und Allegorien.&amp;nbsp; &lt;br /&gt;An einem bestimmten Punkt kann eine Metapher anfangen, unter Verkalkung zu leiden und immer weniger nützlich sein, bis sie jeglicher Bedeutung entleert wurde und ein geisttötendes Klischee wird, ein Hindernis für das Wachstum neuer inspirierender Erzählungen. Wenn das passiert, müssen wir den Kurs ändern und auf die Suche nach neuen Bildern und Wörtern gehen. &lt;br /&gt;Revolutionäre und progressive Bewegungen haben sich immer verschiedener Mythen und Erzählungen bedient, um fortzuschreiten. In den meisten Fällen haben sich die Mythen länger aufrechterhalten, als sinnvoll gewesen wäre und sind fremd geworden.&lt;br /&gt;Die Leichenstarre der Sprache setzte ein, die Sprache wurde hölzern, die Metaphern machten die Menschen eher zu Sklaven als sie zu befreien. Die folgende Generation hat darauf häufig mit der Negation der Vergangenheit und ikonoklastischen Verhaltensweisen reagiert. Ein Teil jeder Generation hat in den geerbten Mythen nichts als falsche Erzählungen gesehen. Einige haben für eine Demythisierung der Theorie und der Diskurse gekämpft, sei es im Namen der Vernunft, der ‚political correctness‘, des Nihilismus oder einfacher Dummheit (wie es für die Position der Fall ist, die davon ausgeht, dass der Mythos an sich faschistisch ist).&lt;br /&gt;Niemand kann den Mythos aus den Köpfen der Menschen beseitigen. Tatsächlich endet jeder Bildersturm damit, dass neue Ikonen kultiviert werden, gegen die der Bildersturm von morgen losbrechen wird. Der Kreislauf wird niemals enden, wenn wir nicht verstehen, wie diese Erzählungen funktionieren. &lt;br /&gt;Das Problem mit den Mythen besteht nicht in ihrer intrinsischen Falschheit, Wahrheit oder Pseudo-Wahrheit. Das Problem hierbei ist vielmehr, dass sie gerinnen und austrocknen, wenn wir sie für selbstverständlich halten.&lt;br /&gt;Der Erzählfluss muss lebendig gehalten werden, indem wir mit immer neuen Mitteln erzählen, Sichtweisen und Blicke verändern. Wir müssen die Erzählungen permanent herausfordern, um zu verhindern, dass sie verhärten und unser Hirn verstopfen. &lt;br /&gt;Das ist natürlich eine äußerst schwierige Aufgabe, aus verschiedenen Gründen. &lt;br /&gt;Zunächst einmal ist es sehr einfach, die Risiken der Arbeit an den Mythen zu unterschätzen. Man läuft immer Gefahr, wie Doktor Frankenstein vorzugehen oder, noch schlimmer, wie Henry Ford. Ein Mythos entsteht nicht durch Willenskraft, wie am Fließband. Man erweckt ihn auch nicht zum Leben in einem Privatlabor. (... )&lt;br /&gt;Im Gegensatz dazu verlangt eine ‚genuine‘ Herangehensweise an Mythen die Fähigkeit, aufmerksam zu sein und zuzuhören. Wir müssen dem Mythos Fragen stellen und hören, was er uns zu sagen hat, wir müssen die Mythen erforschen, wir müssen sie in ihrem Territorium mit Hingabe und Respekt aufsuchen, ohne sie zu vereinnahmen und ohne sie zwanghaft in unsere Realität zu pressen. (...)&lt;br /&gt;Unsere Chimäre war der richtige Abstand: nicht zu nah am Mythos, um geblendet zu werden, nicht zu weit weg, um daraus keine Kraft mehr ziehen zu können. Es war ein schwer zu haltendes Gleichgewicht, und in der Tat hielten wir es nicht. &lt;br /&gt;Denn das Problem ist auch: wer ist der Hersteller der Mythopoesie, der Beschwörer, der Geburtshelfer? Es sollte einer ganzen Bewegung, community oder sozialen Klasse obliegen, die Mythen zu händeln und lebendig zu halten. Keine Gruppierung kann sich selbst und alleinig damit beauftragen. Wir hingegen sind schließlich zu ‚Funktionären‘ in dem Prozess der Manipulation der Metaphern und der Beschwörung der Mythen geworden. Unsere Rolle ist die von Quasi-Spezialisten geworden, eine Agit-Prop-Zelle. Wir sind zu Spin Doctors geworden.&lt;br /&gt;Dalle moltitudini d‘Europa ... richtig, das gab den Leuten einen Tritt in den Arsch, das brachte die Leute dazu, sich sofort nach Genua aufzumachen, aber das war nicht der Punkt. Wir erzielten niemals ein „kritisches Verhalten den mythischen Motiven [unseres] Handelns gegenüber“. Das ‚Praktisch‘ brach niemals das ‚Unmöglich‘ auf. &lt;br /&gt;Im Moment scheint es keine Möglichkeit außer der folgenden zu geben: den Mythos weiter zu erforschen, zuzuhören, einen nicht-instrumentellen Zugang zu diesem zu suchen, vom Mythos zu lernen, ohne dessen Komplexität zu reduzieren und ohne gleich seine politische Aerodynamik im Windkanal zu testen.&lt;br /&gt;In Genua hat sich keine ‚militärische‘ Niederlage ereignet, sondern eine kulturelle Katastrophe. &lt;br /&gt;20. Juli 2001. An diesem Freitag Nachmittag, in der Straße Via Tolemaide, trug niemand die tuta bianca. Wenige Tage zuvor hatte man beschlossen, die Praxis des ‚geschützten zivilen Ungehorsams‘ auf möglichst viele Personen auszuweiten. Aber sogar ein offenes Symbol wie die tuta bianca wäre für dieses Vorhaben hinderlich gewesen.&lt;br /&gt;Deswegen definierte sich der Demonstrationszug, der vom Stadion Carlini losgezogen war, nur aufgrund des Bezuges auf eine gemeinsame Praxis als die Ungehorsamen.&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_x7wbzsc&quot; title=&quot;Wobei sich „die Ungehorsamen“ („disobbedienti“ mit kleinem d) hier auf all diejenigen bezieht, die aus dem Carlini Stadion kamen und nicht auf die Gruppe der „Dis obbedienti“ (mit großem D) [Anm. d Üb.].&quot; href=&quot;#footnote1_x7wbzsc&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;Dann wurde Carlo Giuliani ermordet und alle Proteste lösten sich unter massiver Repression auf.&amp;nbsp; Tausende mussten sich ihren Weg zurück zum Stadion erkämpfen, wie die Warriors, die versuchen nach Coney Island zurückzukehren. &lt;br /&gt;Die Nacht brach an und wir fühlten uns wie Ziele beim Taubenschießen. Wir hatten Angst, aber wir mussten einfach noch einmal auf die Straße gehen. An diesem Punkt war unsere einzige Hoffnung, dass so viele Menschen wie irgend möglich nach Genua kommen würden, um die zu unterstützen, die schon da waren. &lt;br /&gt;Am folgenden Tagen kamen 300.000 Leute, um uns den Arsch zu retten. Zum größten Teil waren das nicht die Hardcore-Militanten – die waren schon da. Es waren einfach Leute, die das Blutbad im Fernsehen gesehen hatten und zur Unterstützung kommen wollten. Wir werden dieser Multitude auf ewig dankbar sein. An diesem Samstagnachmittag beschlossen wir, diese Leute niemals im Stich zu lassen. Die Rettung bestand darin, offen zu bleiben, ehrlich und verständlich. Die Rettung bestand darin, sich von Sektierertum weit entfernt zu halten. &lt;br /&gt;Zu diesem Zeitpunkt fingen wir – zunächst noch verworren – an, eine neue Metapher zu denken, eine, die die Kritik an den vorhergehenden Metaphern einschließt: Genua als Frankenhausen. &lt;br /&gt;Einer, der zufällig unseren Gesprächen folgte, fragte uns: „Sagt mal, wer ist dieser Frank Ènausen, von dem ihr die ganze Zeit sprecht?“&lt;br /&gt;Zwei Monate später: der 11. September und die Situation verschärfte sich noch, in Italien und der ganzen Welt. Die Metapher der Belagerung kehrte sich um, und die Belagerten wurden wir. &lt;br /&gt;2003 steckte die italienische Linke in einer tiefen Krise. Nicht einmal die Mobilisierung gegen den Irakkrieg war in der Lage, ihr zu neuer Energie zu verhelfen. Der italienische Ausdruck der globalsten Bewegung seit jeher nahm immer weniger Abstand von ihrer Bezeichnung ‚No Global‘ und wurde zu einer marginalen Präsenz, bestehend aus kleinen Gruppierungen, die den Raum der traditionellen radikalen Linken besetzte. Das alte langweilige Spiel, gespielt nach den alten langweiligen Regeln. Ein Haufen von ‚Berufsrevolutionären‘ übernahm, was noch da war, beging jede nur erdenkliche Art von Fehlern und stellte sich als unsagbar unfähig dar. Eigentlich schon fossilisierte, sub-leninistische Strategien und Taktiken wurden wieder hervorgeholt. Unglaublich viel Zeit und Energie ging in Identitätskämpfen zwischen Gruppierungen verloren. Versammlungen wurden zu erbämlichen Hahnenkämpfen. Der Großteil derjenigen, die vernünftiger und nicht ‚eingereiht‘ waren (vor allem Frauen) resignierten und wandten sich schließlich ab. Auch wir entschieden uns dafür. Eine selbsternannte Avantgarde von Ex-Tute-Bianche widmete sich neuen Projekten, die wir allerdings für grotesk hielten. (...)&lt;br /&gt;Wenn man es genau betrachtet, hat unsere Zusammenarbeit mit dem Netzwerk ein bisschen länger als ein Jahr gedauert. So glorreich geht die Welt zugrunde. &lt;br /&gt;Seitdem haben wir viel Zeit und Kraft darein gesteckt, unser literarisches Projekt voranzutreiben,&amp;nbsp; wir haben neue Romane und Essays geschrieben und unsere Präsenz in der Kultur und Kulturindustrie verstärkt. &lt;br /&gt;Lange nachdem wir den Kampf verlassen haben, ist uns auf jeden Fall eines klar: Wir werden nie wieder Doktor Frankenstein mit den technisierten Mythen spielen. &lt;br /&gt;Und indessen schreiten wir voran, (...)&lt;br /&gt;und keine Niederlage ist endgültig&lt;br /&gt;und die Herzen schlagen weiter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_x7wbzsc&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_x7wbzsc&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Wobei sich „die Ungehorsamen“ („disobbedienti“ mit kleinem d) hier auf all diejenigen bezieht, die aus dem Carlini Stadion kamen und nicht auf die Gruppe der „Dis obbedienti“ (mit großem D) [Anm. d Üb.].&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

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 <pubDate>Mon, 05 Jul 2010 09:26:26 +0000</pubDate>
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 <title>Transformers - Die Wiederkehr der Gefallenen</title>
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                    &lt;p&gt;Habt ihr geglaubt, ihr könnt uns ficken und es hat keinen Preis? Habt ihr geglaubt, dass das Recht der ersten Nacht und unser Leib euer eigen sind auf Dauer? Habt  ihr geglaubt, ihr könnt fressen, nehmt den Zehnten, den Fünften wie es  euch gefällt, und uns verbietet ihr das Wasser, den Wald, die Wiesen zu  nutzen? Habt ihr geglaubt, wir versorgen euch und ihr versperrt uns den Einlass in eure Städte? Habt  ihr tatsächlich geglaubt, wir ziehen ewig über die Wege von Dorf zu  Dorf, wir betteln euch und eure Karawanen an, wir bieten uns an und das  geht immer so weiter? Habt ihr ernsthaft geglaubt, wir nutzen unsere  Hände nicht zum Arbeiten, unseren Verstand nicht zum Denken, unsere  Menge nicht um uns zu versammeln, nur weil uns - den landlosen Söhnen  und Töchtern - eure Zünfte und Gilden das Produzieren und den Wettbewerb  verbieten?&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt; Habt ihr geglaubt, ihr könnt uns ficken und es hat keinen Preis?&lt;br /&gt;Habt ihr geglaubt, dass das Recht der ersten Nacht und unser Leib euer eigen sind auf Dauer?&lt;br /&gt;Habt ihr geglaubt, ihr könnt fressen, nehmt den Zehnten, den Fünften wie es euch gefällt, und uns verbietet ihr das Wasser, den Wald, die Wiesen zu nutzen?&lt;br /&gt;Habt ihr geglaubt, wir versorgen euch und ihr versperrt uns den Einlass in eure Städte?&lt;br /&gt;Habt ihr tatsächlich geglaubt, wir ziehen ewig über die Wege von Dorf zu Dorf, wir betteln euch und eure Karawanen an, wir bieten uns an und das geht immer so weiter?&lt;br /&gt;Habt ihr ernsthaft geglaubt, wir nutzen unsere Hände nicht zum Arbeiten, unseren Verstand nicht zum Denken, unsere Menge nicht um uns zu versammeln, nur weil uns - den landlosen Söhnen und Töchtern - eure Zünfte und Gilden das Produzieren und den Wettbewerb verbieten?&lt;br /&gt;Ihr habt geglaubt, ihr schneidet uns die Ohren ab, hackt da mal die Hand weg und brandmarkt uns, und wir werden diese Zeichen nicht zu deuten und zu lesen wissen.&lt;br /&gt;Ihr habt geglaubt, wir beschweren uns, wir krümmen uns, wir jammern, wir klagen an, wir nehmen eure Willkür hin und wir harren ewig.&lt;br /&gt;Habt ihr das tatsächlich geglaubt? Unglaublich.&lt;br /&gt;Ihr habt euch geirrt.&lt;br /&gt;Im Angesicht Gottes sind wir alle gleich frei.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mytilini auf Lesvos. Im Infozelt werden die Fragen der neu Ankommenden beantwortet. Tag für Tag kommen neue Bürgerinnen aus Somalia, Eritrea, Afghanistan an. Die schon ein paar Tage da sind, weisen die Neuen ein. Manche reisten durch die Kriegsgebiete im Sudan, einige mit Station in Dubai, um noch Geld für die weitere Reise zu verdienen. Anrufe aus Oslo im Infozelt: Ist meine Familie angekommen? Telefon: Endlich, die SMS aus Hamburg kam an. Sie waren gesprungen. Gängeviertel von 200 Leuten besetzt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Besetzung des Gängeviertels war gut und lange vorbereitet. Wie lief das in Amsterdam mit den kreativen Kraakern? Ein Haufen unschuldiger Fragen, wie und warum die Verteidigung in der St. Pauli-Hafenstraße so organisiert war. Würden sie das wieder so machen? Es würde anders aussehen heute. Konzentriert euch auf eure Stärken. Was sind Waffen, die euch helfen? Ihr arbeitet mit der Figur des Künstlers und wollt eine kunstvolle Besetzung machen. Sich verteidigen mit Bildern einer Ausstellung, die der städtischen Gesellschaft den Spiegel vorhält, das ist ein großartiger Angriff.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Schwabinggrad Ballett proudly presents das dreckige dutzend. Sie hatten lange darüber gestritten, mit welcher Haltung sie an den Protesten gegen den G8 in Heiligendamm teilnehmen. Guerillaveteranen, verlumpt, marching band, trojanisches Pferd: Soundtrack zum fight. Bitterböse Blicke by blacbloc. Willkommen in der humorfreien Zone. Die Schlacht flutete um sie herum. Bullen und blacbloc aufeinander zu, die Formationen trennten sich und zogen an ihnen vorbei. Sie paradierten mit den großen Pauken das Schlachtfeld rauf und runter.&lt;br /&gt;Brüderchen kann es nicht lassen und fragt: Wer ist diese Frau? So sexy und cool mit Pauke und Kippe im Mundwinkel? Brüderchen, willst du dich wieder an der Glas-Wasser-Theorie von Alessandra Kollontai verschlucken? Heute ist Sex nicht mehr wie ein Glas Wasser trinken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er hatte seine Genossin selten so zornig gesehen. Auf Arabisch schimpfte sie rauf zu ihren Landsfrauen auf der abfahrbereiten Fähre in Mytilini. Am Gate war ein kleiner Tumult, weil eines der Kinder nicht auf die Fähre gelassen wurde, da es nicht eingetragen war in den Reisepapieren der Mutter. Eine der Mütter hatte mehr Geld verlangt, wenn sie ein weiteres Kind als ihres ausgeben sollte. Die Frauen verschwanden von der Reling und sprachen Klartext mit der Schutzmutter. Wenig später konnte das Kind die Fähre betreten. Am Hafen von Piräus warteten wie verabredet Gesandte des Patriarchen, um ihnen den Weg zu den für sie gemieteten Hotels zu zeigen. Der Patriarch wollte zu dem Zeitpunkt nicht, dass das bekannt wird, und auf einem Plenum wäre es nicht zu verhandeln gewesen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stunk in der Bude. Sie waren eingeladen zum Bündnis. Die Proteste in Altona-Altstadt, wie in ganz Hamburg, hatten sich wie ein Lauffeuer verselbstständigt. Die organisierten Netzwerke und Bündnisse rotierten. Ständig neue Anfragen von Initiativen, die mitmachen wollten oder sich einfach assoziierten. Keiner stieg mehr durch. So wurden wir gefragt: Was ist euer Name? Wir haben keinen, wir treffen uns am Küchentisch. An dem essen, besprechen und organisieren wir, was zu tun ist. Wer seid ihr, einfach loszulegen, ohne das mit uns abzusprechen? Wir sind zum Beispiel Nachbarn, und wir mobilisieren unsere Freundeskreise. Aber so geht das nicht, ihr müsst das mit uns abstimmen und mit dem Kam­pagnenfahrplan. Nun, wir wollten einen Gang zulegen, das musste&lt;br /&gt;schnell gehen. Wir waren selbst überrascht und überwältigt von der Eigendynamik einer beschleunigenden Bewegung, die ihre Zeit und Konjunktur findet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;A Tale of Stories from the Tent: In the night when the city fell asleep there was the time for talks and explanations about what war looks like and what is hunger and how it feels living without any perspective but leaving to another place. They spoke about bodies in no man‘s land between Iran and Turkey. Young boys and girls carrying the responsibility for younger brothers and sisters and parents on their shoulders explained their sorrows about the ones they left behind. „Be careful“, they said when some of us started crying, „you are not used to war and a living like that, stop listening if you can‘t stand it anymore. Take care of yourself. We need people like you being our voices as long as we have to stay hidden.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das ist frech. Ja, aber realistisch. Sie spielen die Rassismuskarte. Wir haben oft darüber gesprochen, wie sie ankommen an ihren Zielorten. Gestritten, wie beschwerlich das ist und wie viele scheitern. Selbst­redend. Sie haben immer gesagt: Wir können uns selber helfen. Wir treffen Verabredungen. Jemand schickt Papiere von Leuten mit Status auf die Reise und andere Leute ohne Status nutzen sie. Weil das immer noch so ist: Für einen Weißen sind alle Schwarzen gleich. Deshalb fliegst du am besten. Das gilt nicht für alle. Nein. Kürzlich auf einem Video von Protesten im Jungle in Calais hat eine Freundin aus Athen einen der Jungs aus &lt;br /&gt;Mytilini wiedererkannt. Keine Ahnung, wie er das geschafft hat, er konnte als Afghane nicht die Rassismuskarte spielen. Aber irgendein Ticket &lt;br /&gt;hatte er.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;revolution non stop.&lt;br /&gt;Ein Spiel mit den Resten der Überproduktion in den zukünftigen Ruinen des Fordismus. Ein kleiner geiler Film von Christoph Schäfer über das Hegemonie_werden des kognitiven Kapitalismus und das Agieren&lt;br /&gt;der Produzentinnen. Acht Jahre später war ein wunderbarer Drehort zum Gegenstand einer weiteren Besetzung geworden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;DAS KOMMENDE ERWACHEN&lt;br /&gt;STEHT WIE DAS HOLZPFERD&lt;br /&gt;DER GRIECHEN IM&lt;br /&gt;TROJA DES TRAUMS&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Rausgehender elender Student. Hast Du das verstanden? &lt;br /&gt;Rausgehende elende Studentin: Ich glaube nicht, dass der das wirklich meint – das kann doch nur eine Parodie auf Agitprop sein.&lt;br /&gt;Rausgehender elender Student: ... vor allem kann man doch in einer spektakulären Gesellschaft, in der sich alles in Bilder verwandelt hat, mit einem Film nicht durchkommen ... &lt;br /&gt;Rausgehende elende Studentin: ... zumal mit einem, den sich sowieso niemand anschaut... &lt;br /&gt;Könnt Ihr mal die Klappe halten?!&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div&gt;
&lt;p&gt; Sie saßen am Brunnen der Worte. Ausgespuckt, angespült vom Mahlstrom der Zeit. Leben im Paralleluniversum. Revoluzzer ihrer Welten, Menschen ihrer Zeit. Versammelt. Wenn sie wollen. Alte Feinde, Seit an Seit, prüfen, ob die Zeit die Wunden heilt. Untersuchen, wer Recht behalten oder wer Recht bekommen hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In den Geschichten suchen, was sie verloren hatten. Manche krampfhaft, andere lustvoll. Erinnern und Vergessen am Brunnen der Worte. Aus dem sich alle jederzeit bedienten und bedienen. Was du willst, welches Wort du nutzt, welchen Begriff du kreierst, hier sind sie entsprungen und geschöpft worden, eingespeist in den Mahlstrom der Zeit. Heute wird&#039;s lustig. Ein Freund suchte Rat für einen Artikel. Kleine Randgruppen, die nicht so recht wussten wohin mit sich, wollten Transformationsstrategien in ihrem Magazin debattieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Transformationsstrategien. Der Begriff plumpste in den Brunnen. Margarete horchte auf: Latein? Ich dachte, das ist tot. Dafür hat Luther doch die Bibel ins Deutsche übersetzt und Müntzer fing an auf Deutsch zu predigen, damit die Menge ihn verstand und sie das Wort Gottes zu ihrem Schwert machen konnte. Eine riesige Alphabetisierung und der Anfang vom Ende der Vorherrschaft des Klerus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Hallo Margarete. Ein Glückwunsch aus der Zukunft.&lt;br /&gt;Dir ist als schwarze Hofmännin eine Skulptur gewidmet worden in Heilbronn. Ein Tryptichon von Ketten der Unterdrückung, Thron der Macht und dir. Sie tun sich bis heute schwer mit dir. Deine Rolle in den Bauernkriegen ist immer noch unverdaut. Dass du die Bauern aufgefordert haben sollst, ihre Spieße und Gabeln am Bauchfett des Grafen von Helfenstein gegen Rost zu fetten und die Schuhe damit einzuschmieren, stößt Ihnen noch heute auf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Hi folks, wollt ihr am Brunnen rasten? Wer seid ihr? Frisch schaut ihr nicht aus. &lt;br /&gt;Wir sind eine kämpfende Einheit auf dem Heimweg. Der letzte Sprengstoff ist verbraucht, die Knarren vergraben und wir brauchen wieder gesellschaftliche Orientierung. Wir haben uns verlaufen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;So dürft ihr nicht reden. Ich spreche für die radikale Linke, und wenn welche von uns aufgeben, ist das kein öffentlicher Talk.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Hola, euch kenne ich. Wir haben nicht aufgegeben. Wir sind in den lacandonischen Urwald gegangen, um wieder Freunde, Erkenntnis und Besinnung zu finden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Ja. Manchmal sind Brüche notwendig, um wieder Freundeskreise zu finden und eine Ahnung zu bekommen, wer wir sind und ob wir das sein wollen. So ist Euromayday interessant geworden, um einen uns unbekannten gesellschaftlichen Raum aufzuschließen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Radikale Linke stellen eure Diskurse, Erfolge und Geschichten in Frage. Ihr verratet die historischen Kontinuitäten, entwaffnet die Kritik und betreibt Medialisierung statt Politisierung und Organisierung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Ihr versteht uns nicht. Wir sind nicht die neuen Präsidenten von Mexico City. Evo Morales hat es in Bolivien geschafft! Die First Nations, die Indígenas, die Bauern sind heute auf den globalen Tagesordnungen präsent. Oft nur Schmuck, aber wenn es um andere Politiken und Praxen geht, sind wir dabei. Was der Friedensnobelpreis von Rigoberta Menchú Tum für uns 1992 nach 500 Jahren Conquista bedeutet hat, könnt ihr nicht ermessen.&lt;br /&gt;Ein Wort noch zu euren Symbolpolitiken. Ich habe die Bilder aus Heiligendamm 2007 gesehen. Ich verstehe den Bruch, den ihr verkörpern wollt, doch das seid ihr nicht. Zum Glück und zu Recht: Wir versuchen dem Krieg zu entkommen und ihr spielt ihn in euren Städten als Farce nach. Wenn euch was fehlt, ihr könnt gern mit uns tauschen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Vor acht Jahren waren wir als jeder mensch ist ein experte zu einer Diskussion mit John Holloway eingeladen. Wir haben uns seine Thesen durchge­lesen. Wir erinnerten uns. Vor allem an die Anti-Psychiatrie- und Frauenbewegung der frühen 1970er.&lt;br /&gt;Dummerweise sind diese Ideen minoritär geblieben.&lt;br /&gt;Wie ihr diese minoritären Stränge im lacandonischen Urwald zu einer aufständischen Erzählung verwoben habt, die dann 20 Jahre später frisch in der Postmoderne zum Startschuss von NAFTA eine uralte Geschichte neu auftischen und den Auftakt einer neuer Rebellion verkörpern: die ewigen Ver­liererInnen wollen zu ihrem Recht kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Das hat mir auch gefallen. Endlich mal ein Aufstand, bei dem ich mir vorstellen konnte zu tanzen. Eine Revolution, die Reformen möglich macht. Eine Organisation von Haufen, in denen Menschen ihre Gewohnheiten ändern können.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Diese digitalen Technologien, diese Netzwerktechniken, diese ganzen virtuellen Welten und veränderte Gesellschaftlichkeit untersuchen viele von uns am Brunnen mit Feuereifer. Sie schätzen diese Potenziale und fürchten ihre Unwägbarkeiten.&lt;br /&gt;Es gibt unsere alte Erzählung: die Revolution ist der Moment, in dem die Uhren still stehen. Die neue Zeitrechnung. Ein neuer Zug mit einer neuen Geschichte wird auf das Gleis gesetzt und im besten Fall werden die Gleise neu gebaut und die Weichen neu gestellt und ... (aus dem Brunnen tönt es: „Soviel Neues hält doch kein Mensch aus.“)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;Schon gut. Erlaubt mir ein paar Fragen, weil ein Moment, in dem die Uhren still stehen, durchaus länger dauern kann: Bei diesen Spielen und Quiz&#039; auf facebook gefällt mir am besten „Are you really the person you think you are“? Viele von euch Linken fragen sich, „Was für ein Kommunist bist du?“, aber viel spannender ist mir doch die Frage:&lt;br /&gt;Warum spielen so viele Farmville und fangen jetzt social city an? Wollen sie alle ihre eigene Welt entfalten und gestalten?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
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 <pubDate>Mon, 05 Jul 2010 09:21:24 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>world.wide.revolution</title>
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                    &lt;p&gt;&quot;Ungewohnte Hitze beeinträchtigt das Denkvermögen&quot;, oder zumindest die Konzentration, heißt es so schön. Auch in Spanien war es diesen Sommer ziemlich heiß. Ob diese Tatsache aber als Entschuldigung für ein inhaltlich ziemlich beliebiges zweites intergalaktisches Treffen gegen den Neoliberalismus und für die Menschlichkeit reicht?&lt;/p&gt;
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&lt;p&gt;&quot;Ungewohnte Hitze beeinträchtigt das Denkvermögen&quot;, oder zumindest die Konzentration, heißt es so schön. Auch in Spanien war es diesen Sommer ziemlich heiß. Ob diese Tatsache aber als Entschuldigung für ein inhaltlich ziemlich beliebiges zweites intergalaktisches Treffen gegen den Neoliberalismus und für die Menschlichkeit reicht?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Für eine Welt, in die viele Welten passen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Das Treffen, in Kurzform Encuentro genannt, war als Nachfolgetreffen des letzten &quot;Intergalaktischen Treffens&quot; im lakandonischen Urwald in Mexiko gedacht. Zu diesem Treffen war von der EZLN, die im Januar 1994 den Aufstand gegen die mexikanische Regierung im Bundesstaat Chiapas probte, eingeladen worden, um gemeinsam über die zapatistischen Grundforderungen und den &quot;Erzfeind Neoliberalismus&quot; zu diskutieren. Selbstverständlich fand sich deshalb auch dieses Jahr viel Zapatistisches beim Zweiten Treffen, das in verschiedensten Arbeitsgruppen und verteilt über ganz Spanien Themen wie Ökonomie, Kultur, Patriarchat, Ökologie und Marginalisierung behandelte. Doch was spannend klingt, gelang nicht immer. So machte sich die Dominanz der europäischen TeilnehmerInnen genauso bemerkbar wie der permanente Drang nach Repräsentation. Dazu kam die scheinbar unausgesprochene Losung, möglichst wenig Kritik und viel gemeinsamen Kampfeswillen zu demonstrieren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Viele Welten – und es bleibt dunkel&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Neben der inhaltlichen Beliebigkeit des Treffens kam es zu Kritik und handfesten Auseinandersetzungen an den verschiedensten Punkten. So hatte eine organisatorische Panne bei der Auftaktkundgebung in Madrid zur Folge, daß der Europasprecher der peruanischen MRTA, Isaac Velasco, nicht öffentlich reden konnte. Velasco hat in der BRD und verschiedenen anderen europäischen Ländern politisches Betätigungsverbot. Sein Auftritt wäre nicht nur deshalb dringend notwendig gewesen. Statt dessen zelebrierte mensch in Spanien weniger politische Forderungen, als viel mehr den eigenen revolutionären Habitus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein Treffen, das emanzipatorische Strategien gegen die kapitalisitsche Welt(un)ordnung, Patriarchat, Ausbeutung und Unterdrückung entwickeln will, muß diese Begriffe zunächst einmal deutlich definieren. Nur so kann anhand der gemeinsamen Konkretisierung, was das Encuentro sein kann und sein soll, erreicht werden, daß so etwas nicht wieder passiert. Leider ist dies in Spanien nicht gelungen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Eine Welt – und wie geht&#039;s weiter&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Schon in Spanien regten sich deshalb kritische Stimmen. So gab es den Wunsch nach umfangreichen nationalen Auswertungstreffen, die dann auch eine Auswertung auf internationaler Ebene möglich machen sollten. So auch in der BRD.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch schon über die Frage der Bewertung gab es verschiedene Ansichten. Die einen beklagten die Sinnlosigkeit des Treffens, von anderer Seite wurden es und seine &quot;konkreten Ergebnisse&quot; hochgelobt. Ein Mittelweg ist wohl angebracht. Neben konkreten Bündnissen und Kontakten, die am Rande des Encuentros entstanden, ist vor allem von Bedeutung, wie viel das Encuentro über die Probleme innerhalb einer linken, internationalistischen Bewegung ausgesagt hat. Die organisatorischen Pannen zu beheben, dürfte das kleinste Problem sein. Was viel schwerer (und wichtiger) sein wird, ist die Frage, wie es möglich ist, dem Encuentro neben seiner symbolischen Bedeutung auch ein inhaltliches Fundament zu geben. Angesichts der als neoliberal beschriebenen Veränderungsprozesse des globalen Kapitalismus in dieser Welt steht linke Politik eher hilflos als kampfbereit da. Das läßt sich durch die entstandenen Aktionsbündnisse nur schwer überdecken. Bevor die Diskussion über globale Netzwerke des Widerstandes geführt werden kann, muß deshalb erst einmal darüber diskutiert werden, was das sein kann. Erst der politische Analyse der globalen Prozesse kann eine &quot;Gegenbewegung&quot; folgen. Dazu muß der &quot;Kampf in den Metropolen&quot; neu diskutiert und inhaltlich fundiert werden. Unrealistisch ist es zu glauben, die kapitalistische Welt(un)ordnung könnte tatsächlich in den Ländern des Trikonts außer Kraft gesetzt werden. Die beste Solidaritätsbewegung für die Aufständigen in Chiapas ist deshalb eine anti-kapitalistische Bewegung in den kapitalistischen Zentren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Davon ist mensch aber heuer noch weit entfernt. Bei der gemeinsamen Auswertung gingen solche Aspekte eher unter. Nachdem der erste Ärger und Mißmut verraucht waren, schickte mensch sich dann an, selbst zu organisieren, natürlich besser als &quot;die da unten in Spanien&quot;. Dabei galt es, linke Formeln wie Basisnähe und Transparenz mit Effizienz und kontrollierbarer Haushaltung zusammenzubringen. Über die eigenen Organisationstalente wurde aber das, was eigentlich im Mittelpunkt stehen sollte, vergessen (oder nicht doch ignoriert?): Diskutierbare Inhalte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine organisatorische Verbesserung kann förderlich sein, diese zu erreichen. Sie darf aber nicht zum Stein der Weisen verkommen. Die Forderung des Nachbereitungstreffens, das nächste intergalaktische Encuentro frühestens im Jahr 2.000 zu veranstalten, läßt zumindest Raum für die nötigen Diskussionen. Diese müssen nun geführt werden. Doch auch die hiesigen FreundInnen der Zapatistas haben noch einige Unklarheiten auszuräumen und Positionen zu diskutieren.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Meine Welt und Deine Welt – und die soli-linke Kulturverliebtheit&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Ein Knackpunkt ist dabei das &quot;neue&quot; Politikverständnis, das in der heutigen &quot;Chiapas Soli Szene&quot; grassiert und &quot;Politik als Kultur&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_hkef4b5&quot; title=&quot;Tom Kucharz: Ein bißchen mehr Disziplin und das nächste mal die Augen aufmachen. Dresden 1997&quot; href=&quot;#footnote1_hkef4b5&quot;&gt;1&lt;/a&gt; versteht. Der Begriff der Kultur wird zum neuen Zauberwort, mit dem sich jede inhaltliche Auseinandersetzung umgehen läßt. &quot;Viele sehen sich scheinbar als politische Wesen, die losgelöst von ihrer eigenen Kultur anderen Kulturen gegenüberstehen&quot;, kritisierte ein Auswertungspapier. &quot;Das Nicht-betrachten unserer eigenen, auch der politischen Kultur, bewirkt genau dieses scheinbare Neutralisieren der eigenen Kultur, das die Anderen zur Ausnahme macht&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_4ni84s7&quot; title=&quot;Susanne: Wir haben in Prag den Anspruch formuliert...&quot; href=&quot;#footnote2_4ni84s7&quot;&gt;2&lt;/a&gt;. Nicht mehr das Konstrukt Kultur an sich, das genauso wie Nation, Volk und Geschlecht das Andere schon als Gegen-Kategorie in sich trägt, ist länger das Problem, sondern das &quot;Nichtbetrachten unserer eigenen, auch der politischen Kultur&quot;. Was denn &quot;unsere eigene Kultur&quot; ist, wenn nicht allerhöchstens ein politisches Selbstverständnis, wagen wir nicht zu fragen, denn außer &quot;deutsch&quot;, &quot;mann&quot;, &quot;frau&quot;, &quot;links&quot;, &quot;rechts&quot; bleibt da nicht mehr viel übrig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;An anderer Stelle wurde eine Politik gefordert, &quot;die sich nicht auf die Mechanik von Machtbeziehungen beschränkt, sondern Politik als Kultur versteht&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_jth4zax&quot; title=&quot;Tom Kucharz/Dresden 1997&quot; href=&quot;#footnote3_jth4zax&quot;&gt;3&lt;/a&gt;. Das klingt ähnlich nebulös wie vieles, was im neuerstarkenden Internationalismuszusammenhang geäußert wird. Es erinnert etwas an rohe Eier. Bloß nicht von dem reden, was passiert, lieber den eigenen Widerstand hochjubeln. Auch wenn wir unter uns Hierarchien abbauen wollen, müssen wir zunächst anerkennen, daß es diese Hierarchien gibt. Die Welt ist durchwoben von Macht und Machtbeziehungen und auch bei uns ist das nicht alles so frei, wie es scheint. Machtbeziehungen, die sich an Herkunft, Geschlecht oder Bildung (Sprachen) orientierten, waren auch in Spanien präsent. Auch der Einwand, &quot;Politik als Kultur&quot; zu verstehen, verschweigt die Bedeutung, die Kultur und kulturelle Verhaltensweisen haben. Was anklingt, ist die subkulturelle Verhaltensweise: &quot;Hey, ihr müßt uns akzeptieren, wir sind eine Kultur!&quot;, die in der politischen Auseinandersetzung aber auch immer wieder darauf zurückgeworfen wird: &quot;Eben, also seid zufrieden.&quot; Kultur wird immer mehr zum Ersatz der Kategorien Volk, Rasse und Nation und so zu einem zentralen Bestandteil neurechter Diskurse. Aber auch Linke haben ihre Erfahrung mit der zweifelhaften Gunst, eine Kultur zu sein, schon gemacht. Die außerparlamentarische Linke 1968 konnte von der parlamentarischen Ex-Linken ohne weiteres als Kultur absorbiert werden. Neben der herrschenden Kultur gab es von da an eben noch Sub-Kultur, StudentInnen-Kultur und sonstige Kulturen, deren politische Relevanz mit zunehmender Kulturalisierung notwendigerweise abnahmen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das gefährliche Spiel mit der Kultur ist in der Chiapas-Soliszene allein deshalb virulent, weil auch die Zapatistas auf das Argument der kulturellen Eigenständigkeit gesetzt haben. Die Forderung nach kultureller Autonomie ist die einzige, auf die die mexikanische Regierung tatsächlich eingegangen ist. Leider führt dies auch dazu, daß die EZLN und ihre politischen VerhandlungsführerInnen bei weitergehenden Forderungen nun auf diese &quot;kulturelle Eigenständigkeit&quot; zurück verwiesen werden. &quot;Eine Reduktion schließlich auf die Frage nach &#039;kultureller Autonomie&#039; würde – ungeleugnet der jahrhundertelangen rassistischen Unterdrückung – den Fall der EZLN in die politische Bedeutungslosigkeit befördern.&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_ndgsggj&quot; title=&quot;Jens Winter: Hoch die internat... in: links 1&amp;amp;2 1997. Seite 32.&quot; href=&quot;#footnote4_ndgsggj&quot;&gt;4&lt;/a&gt; Und könnte aus der Forderung nach kultureller Autonomie nicht auch &quot;eine spezifisch mexikanische Reservatsordnung resultieren&quot;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_cl6jxap&quot; title=&quot;ebenda&quot; href=&quot;#footnote5_cl6jxap&quot;&gt;5&lt;/a&gt;?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ungeachtet dessen war auch in Spanien das Spiel mit Symbolen und kulturellen Merkmalen omnipräsent. Vom Zapatistenpüppchen bis zum Marcosschal war für Revolutionsdevotionalien gesorgt. Auch die beiden chiapanekischen Companer@s wurden im Laufe des Encuentros in den kulturellen Strudel hineingezogen. Bei den zahlreichen Repräsentationsveranstaltungen schien es, als ob die beiden von den VeranstalterInnen regelrecht &quot;präsentiert&quot; wurden. Der Eindruck, daß sie lediglich zur Authenzitätssteigerung des Treffens beitragen sollten, drängte sich dabei auf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei richtet sich unsere Kritik nicht gegen die beiden chiapanekischen Companer@s, sondern gegen jene, die die beiden lediglich als &quot;echte Campesinos&quot; vorführten und so &quot;mißbrauchten&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So überlebenswichtig der Kampf der Zapatistas in Chiapas ist: Er ist nicht auf ein solches Treffen zu übertragen. Im wahrsten Sinne des Wortes geht es ihnen nämlich ums &quot;Überleben&quot;. Auch Symbole, wie die der Companer@s, die Symbole ihrer Heimat präsentierten, sind zunächst einmal nur Symbole, die in einer anderen Umgebung (z.B. einer Arena mit zahlreichen &quot;Fans&quot;) eine andere Bedeutung bekommen können. Um ihre Bedeutung muß gekämpft werden - inhaltlich und politisch.&lt;/p&gt;

&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_hkef4b5&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_hkef4b5&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; Tom Kucharz: &lt;em&gt;Ein bißchen mehr Disziplin und das nächste mal die Augen aufmachen&lt;/em&gt;. Dresden 1997&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_4ni84s7&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_4ni84s7&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; Susanne: &lt;em&gt;Wir haben in Prag den Anspruch formuliert...&lt;/em&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_jth4zax&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_jth4zax&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; Tom Kucharz/Dresden 1997&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_ndgsggj&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_ndgsggj&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; Jens Winter: &lt;em&gt;Hoch die internat...&lt;/em&gt; in: links 1&amp;amp;2 1997. Seite 32.&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_cl6jxap&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_cl6jxap&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; ebenda&lt;/li&gt;
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 <category domain="https://arranca.org/tag/kultur">Kultur</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/kulturalisierung">Kulturalisierung</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/zapatismus">Zapatismus</category>
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 <pubDate>Sat, 23 Jan 2010 17:16:18 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Timo Reinfrank</dc:creator>
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