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 <title>arranca! - Zeitung</title>
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 <title>Was ist ein Organ?</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/48/was-ist-ein-organ</link>
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            &lt;div class=&quot;field-item odd&quot;&gt;
                    &lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;1. „Organ” vom altgriechischen „organon“ (ὄργανον): Werkzeug, Sinneswerkzeug.&lt;br /&gt;2. Aristoteles’ Organon: beschreibt die Logik als Werkzeug der Wissenschaften.&lt;br /&gt;3. Brechts Kleines Organon für das Theater: entwirft ein Theater, das nicht schöne Nutzlosigkeit oder spektakuläre Einzelschicksale vorgaukelt, sondern als Apparat von Aufklärung und Klassenkampf dient.&lt;br /&gt;4. Lenins Aufsatz Parteiorganisation und Parteiliteratur: fordert, politische Zeitungen müssten „Organe“ werden und samt Verlagen, Lagern, Läden, Leseräumen etc. dem organisierten Proletariat unterstehen.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Biologie ist ein Organ ein Körperteil oder eine Funktionseinheit aus verschiedenen Geweben. Das Zentralorgan – bei Lenin ein Medium zur ständigen Einschätzung der politischen Lage und Vereinigung der lokalen Kämpfe durch Ermittlung einer gemeinsamen Linie – wäre in diesem Sinne wohl am ehesten Kopf oder Phallus: groß, singulär, mächtig. Prawda – du sollst keine andere Wahrheit neben mir haben! Wie steht es dagegen um die hier vorliegende Zeitschrift? Ist die arranca! bisher das Organ von FelS gewesen? Welches? Was sind ihre Aufgaben? Was heißt es für eine solche Zeitung zu arbeiten? Und was hat das mit dem Thema Organisierung zu tun?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Hirn, Herz, Hodensack?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Eine kleine Umfrage ergibt: Die Redaktionsmitglieder sahen die arranca! nicht als das Organ von FelS. Dazu sei sie zu unabhängig, laufe zu sehr nebenher. Doch wenn nicht das, sondern nur ein Organ der Organisation (irgendwie angebunden ist sie ja) – welches ist sie dann? Keine*r der Befragten nennt das umgangssprachliche (laute) Organ, das dem Einschüchtern von Feinden, Herbeirufen von Freunden, Ausstoßen von Schmerzens- und Freudenschreien dient. Zwar wird die arranca! überwiegend mit Kopf, Hirn, Augen verglichen. Auch etwas vom Herzen ist dabei. Aber das Verhältnis zum restlichen Organismus erinnert nicht gerade an eine vorwärts! schreiende Kommandozentrale. Es erscheint fremdelnd, antagonistisch, angespannt. Eine Befragte meint, die arranca! nervt manchmal ein bisschen, piekst und irritiert die anderen Teile. Ein anderer sieht sie als knurrenden Magen. Hunger, Wut, schlechte Ernährung?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der zugehörige Organismus ist das Gegenteil eines klassisch humanoiden Körpers – dezentral organisiert: „Wie ein Wurm“, meint eine Befragte, „der hängt zusammen, kann aber auch reißen und trotzdem weiter leben“. Das Organ arranca! ist keinesfalls ein Sprechapparat für das Ganze, sondern bildet höchstens den inneren Zwist seiner Teile ab. Blockupy und seine Botschaften sind eindeutiger zuzuordnen und weiter zu hören als ihr differenziertes, vielstimmiges Gemurmel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieser Körper ist eine Hydra mit Augen und Tastorganen an unterschiedlichen Stellen, der mit mehreren Mündern und Zungen zugleich, manchmal durcheinander und oft mit sich selbst spricht, für Außenstehende vielleicht schwer zu deuten, dafür aber mit der Mutanten-Schönheit einer (zumindest potentiell) wild wuchernden, exzessiven Kommunikation und Gestalt. Ist er überhaupt einem menschlichen Körper vergleichbar, der anderen Organismen gegenübersteht und, ausgestattet mit verschiedenen Organen, mit oder gegen sie agiert? Oder sollten wir ihn uns in einem umfassenderen Gefüge vorstellen: ein monströses, symbiotisches oder parasitäres Etwas, dessen Aufgabe es wäre, andere Organe zu stören, Immun- oder Hemmstoffe zu bilden? Aber hey: wer ist denn hier die Krebszelle?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Mauern und Breschen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Zurück zu Lenin, zu Macht, Mittel und Zweck. Bei ihm kommt das Organ vor allem als Werkzeug vor. In Was tun? (1902) vergleicht er die Parteizeitung mit Richtschnur und Baugerüst: das Gerüst „zeigt die Umrisse des Gebäudes an, erleichtert den Verkehr zwischen den einzelnen Bauarbeitern, hilft ihnen, die Arbeit zu verteilen und die durch organisierte Arbeit erzielten gemeinsamen Resultate zu überblicken“. Das leuchtet ein und begründet auch, warum so ein Zentralorgan singulär sein muss. Eine allen gemeinsame und sichtbare Linie soll es Gruppen und Individuen ermöglichen, ihr verstreutes Herumstümpern zu überwinden. Denn „das ist ja eben das Malheur, daß wir noch keine erfahrenen und gut aufeinander eingearbeiteten Maurer haben, daß die Steine oft ganz nutzlos gelegt werden, daß sie nicht nach einer gemeinsamen Schnur gelegt werden, sondern so verstreut, daß der Feind sie einfach fortbläst, als wären es nicht Steine, sondern Sandkörner“.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das klassisch autonome Werkzeug wäre dagegen wohl etwas wie ein Brecheisen oder eine Sprühdose, von Einzelnen oder kleinen Gruppen einsetzbar, mehr zum Ab- oder Aufbruch als zum Aufbau geeignet, eher in Hütten oder Zelten, als auf Großbaustellen anzutreffen. Also ein Bataillon von Maurer*innen werden und eine eigene Welt errichten … – oder desertieren und in den Rissen einer fremden Welt zelten, um sie zu sprengen? Zwischen diesen Welten, über den Gegensatz hinweg versucht sich die postautonome Linke aufzustellen. Mit welchen tools? Die arranca-Mitglieder sehen ihre Zeitung – anders als ihr Ruf vermuten lässt – nicht als Spaltholz oder Flaschenpost, sondern liegen von Lenins Linie gar nicht so weit entfernt. Da ist ein Synthesizer, mit dem die steife Organisation vielleicht in Schwingung und seine Teile in einen kollektiven Rhythmus versetzt werden könnten. Da ist, weniger hedo, dafür schön handfest, ein Leim-Vergleich. Einer der Befragten nennt gar Hammer und Sichel. Allerdings liegt der Verdacht nahe, dass hier Zeitnot mit Ironie kompensiert wird.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Welcome to Machine&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Nieder mit den parteilosen Literaten! […] Die literarische Tätigkeit muß zu einem Teil der allgemeinen proletarischen Sache, zu einem &#039;Rädchen und Schräubchen&#039; des einen einheitlichen, großen sozialdemokratischen Mechanismus werden“ (Lenin, &lt;em&gt;Parteiorganisation und Parteiliteratur&lt;/em&gt;).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer stolpert nicht über einen solchen Vergleich? Wird so nicht das Denken, die Freiheit des Menschen zu einem schnöden Maschinenteil herabgewürdigt, abgetötet, bürokratisiert? Doch halten wir unsere antrainierten humanistischen Reflexe für einen Moment zurück! Lenins Schräubchen-Aufsatz erschien Ende 1905, nachdem der Zar, als Reaktion auf massive revolutionäre Unruhen, die Einführung bürgerlicher Freiheitsrechte und eine gesetzgebende Versammlung von Volksvertreter*innen versprochen hatte. In diesem Moment – an der Schwelle zu so etwas wie einer modernen bürgerlichen Gesellschaft – fragt er uns: wie ist es möglich, Schreiben, Lesen, Denken so zu organisieren, dass sie sich nicht nur gegen die „traditionelle“ Repression durch Polizei und staatliche Zensur richten, sondern auch gegen die kapitalistische Vereinzelung und sanfter daherkommende, ideologische Unterdrückungsmechanismen, wie Konkurrenz, Karrierismus, Abhängigkeit von Verleger*innen etc. Widerstand leisten?&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Organ kollektiviert, vollzieht den Schritt von der allzu menschlichen Empörung hin zu den Dingen, von den Meinungen zu den Wahrheiten, die Wirkungen sind. Das mag beängstigen. Denn es verlässt den Kreis bürgerlicher Selbstverständlichkeiten. Doch auch das bürgerliche Subjekt ist Teil einer Maschine! Mit dem Unterschied, dass es umso geschmierter funktioniert, wie es diese Tatsache verdrängt und vergisst. Auch die Bildzeitung, die Apothekenrundschau oder das Fachblatt für Ornithologie sind Organe. Noch in der Wüste füllst du den Magen eines Schakals. Moralische Empörung ist selbstgenügsam. Das Gegenteil ist Organisierung – nicht, weil wir alle so abgeklärt wären, sondern weil ein Organ sich über seine Wechselwirkungen mit anderen Organen, seine Funktion in ihrem Zusammenhang, den Nutzen für die gemeinsame Sache definiert und legitimiert. Eine politisch organisierte Zeitung ist nicht selbst schon der Zweck. Sie verschreibt sich nicht dem reinen Denken, sondern dient als Medium der Orientierung, Kommunikation und Koordination dem kollektiven Handeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frage ist also: Nicht ob, sondern wie und als welches Organ, Werkzeug, Maschinenteil wollen wir funktionieren? Die Verdinglichung mit ihren eigenen Waffen schlagen, statt ihrer menschlichen Maske auf den Leim zu gehen! Und zwar nicht als Philosoph*in, sondern als Ingenieur*in, Mechaniker*in, Hacker*in des Denkens. Vielleicht braucht es heute mehr leninsche Linientreue und mehr antiautoritären Zorn, mehr Gift &amp;amp; Galle-Gazette und mehr Vereinsblatt mit Kopf, Herz und Aktivist*in des Monats, statt dazwischen in einer vermeintlichen Komfort-Zone herumzuschunkeln. Nicht wie sich der Einfluss der Organisation auf die Zeitung gering halten lässt, ist zu fragen, sondern wie wir die gegenseitigen Einflüsse maximieren und multiplizieren, das Schreiben und die Redaktionsarbeit dynamischer, effektiver, experimenteller mit dem Kollektiv verschalten können. Wollen wir nicht ein Schräubchen sein? So ein Schräubchen ist mehr als nützlich. Es arbeitet oder schreibt auch besser, weil politisch, vielleicht sogar fröhlicher, da es sich auch, aber nicht nur um sich selber dreht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;1. „Organ” vom altgriechischen „organon“ (ὄργανον): Werkzeug, Sinneswerkzeug.&lt;br /&gt;2. Aristoteles’ Organon: beschreibt die Logik als Werkzeug der Wissenschaften.&lt;br /&gt;3. Brechts Kleines Organon für das Theater: entwirft ein Theater, das nicht schöne Nutzlosigkeit oder spektakuläre Einzelschicksale vorgaukelt, sondern als Apparat von Aufklärung und Klassenkampf dient.&lt;br /&gt;4. Lenins Aufsatz Parteiorganisation und Parteiliteratur: fordert, politische Zeitungen müssten „Organe“ werden und samt Verlagen, Lagern, Läden, Leseräumen etc. dem organisierten Proletariat unterstehen.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der Biologie ist ein Organ ein Körperteil oder eine Funktionseinheit aus verschiedenen Geweben. Das Zentralorgan – bei Lenin ein Medium zur ständigen Einschätzung der politischen Lage und Vereinigung der lokalen Kämpfe durch Ermittlung einer gemeinsamen Linie – wäre in diesem Sinne wohl am ehesten Kopf oder Phallus: groß, singulär, mächtig. Prawda – du sollst keine andere Wahrheit neben mir haben! Wie steht es dagegen um die hier vorliegende Zeitschrift? Ist die arranca! bisher das Organ von FelS gewesen? Welches? Was sind ihre Aufgaben? Was heißt es für eine solche Zeitung zu arbeiten? Und was hat das mit dem Thema Organisierung zu tun?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Hirn, Herz, Hodensack?&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Eine kleine Umfrage ergibt: Die Redaktionsmitglieder sahen die arranca! nicht als das Organ von FelS. Dazu sei sie zu unabhängig, laufe zu sehr nebenher. Doch wenn nicht das, sondern nur ein Organ der Organisation (irgendwie angebunden ist sie ja) – welches ist sie dann? Keine*r der Befragten nennt das umgangssprachliche (laute) Organ, das dem Einschüchtern von Feinden, Herbeirufen von Freunden, Ausstoßen von Schmerzens- und Freudenschreien dient. Zwar wird die arranca! überwiegend mit Kopf, Hirn, Augen verglichen. Auch etwas vom Herzen ist dabei. Aber das Verhältnis zum restlichen Organismus erinnert nicht gerade an eine vorwärts! schreiende Kommandozentrale. Es erscheint fremdelnd, antagonistisch, angespannt. Eine Befragte meint, die arranca! nervt manchmal ein bisschen, piekst und irritiert die anderen Teile. Ein anderer sieht sie als knurrenden Magen. Hunger, Wut, schlechte Ernährung? Der zugehörige Organismus ist das Gegenteil eines klassisch humanoiden Körpers – dezentral organisiert: „Wie ein Wurm“, meint eine Befragte, „der hängt zusammen, kann aber auch reißen und trotzdem weiter leben“. Das Organ arranca! ist keinesfalls ein Sprechapparat für das Ganze, sondern bildet höchstens den inneren Zwist seiner Teile ab. Blockupy und seine Botschaften sind eindeutiger zuzuordnen und weiter zu hören als ihr differenziertes, vielstimmiges Gemurmel. Dieser Körper ist eine Hydra mit Augen und Tastorganen an unterschiedlichen Stellen, der mit mehreren Mündern und Zungen zugleich, manchmal durcheinander und oft mit sich selbst spricht, für Außenstehende vielleicht schwer zu deuten, dafür aber mit der Mutanten-Schönheit einer (zumindest potentiell) wild wuchernden, exzessiven Kommunikation und Gestalt. Ist er überhaupt einem menschlichen Körper vergleichbar, der anderen Organismen gegenübersteht und, ausgestattet mit verschiedenen Organen, mit oder gegen sie agiert? Oder sollten wir ihn uns in einem umfassenderen Gefüge vorstellen: ein monströses, symbiotisches oder parasitäres Etwas, dessen Aufgabe es wäre, andere Organe zu stören, Immun- oder Hemmstoffe zu bilden? Aber hey: wer ist denn hier die Krebszelle?&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Mauern und Breschen&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Zurück zu Lenin, zu Macht, Mittel und Zweck. Bei ihm kommt das Organ vor allem als Werkzeug vor. In Was tun? (1902) vergleicht er die Parteizeitung mit Richtschnur und Baugerüst: das Gerüst „zeigt die Umrisse des Gebäudes an, erleichtert den Verkehr zwischen den einzelnen Bauarbeitern, hilft ihnen, die Arbeit zu verteilen und die durch organisierte Arbeit erzielten gemeinsamen Resultate zu überblicken“. Das leuchtet ein und begründet auch, warum so ein Zentralorgan singulär sein muss. Eine allen gemeinsame und sichtbare Linie soll es Gruppen und Individuen ermöglichen, ihr verstreutes Herumstümpern zu überwinden. Denn „das ist ja eben das Malheur, daß wir noch keine erfahrenen und gut aufeinander eingearbeiteten Maurer haben, daß die Steine oft ganz nutzlos gelegt werden, daß sie nicht nach einer gemeinsamen Schnur gelegt werden, sondern so verstreut, daß der Feind sie einfach fortbläst, als wären es nicht Steine, sondern Sandkörner“.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das klassisch autonome Werkzeug wäre dagegen wohl etwas wie ein Brecheisen oder eine Sprühdose, von Einzelnen oder kleinen Gruppen einsetzbar, mehr zum Ab- oder Aufbruch als zum Aufbau geeignet, eher in Hütten oder Zelten, als auf Großbaustellen anzutreffen. Also ein Bataillon von Maurer*innen werden und eine eigene Welt errichten … – oder desertieren und in den Rissen einer fremden Welt zelten, um sie zu sprengen? Zwischen diesen Welten, über den Gegensatz hinweg versucht sich die postautonome Linke aufzustellen. Mit welchen tools? Die arranca-Mitglieder sehen ihre Zeitung – anders als ihr Ruf vermuten lässt – nicht als Spaltholz oder Flaschenpost, sondern liegen von Lenins Linie gar nicht so weit entfernt. Da ist ein Synthesizer, mit dem die steife Organisation vielleicht in Schwingung und seine Teile in einen kollektiven Rhythmus versetzt werden könnten. Da ist, weniger hedo, dafür schön handfest, ein Leim-Vergleich. Einer der Befragten nennt gar Hammer und Sichel. Allerdings liegt der Verdacht nahe, dass hier Zeitnot mit Ironie kompensiert wird.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;Welcome to Machine&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;„Nieder mit den parteilosen Literaten! […] Die literarische Tätigkeit muß zu einem Teil der allgemeinen proletarischen Sache, zu einem &#039;Rädchen und Schräubchen&#039; des einen einheitlichen, großen sozialdemokratischen Mechanismus werden“ (Lenin,&lt;em&gt;Parteiorganisation und Parteiliteratur&lt;/em&gt;).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer stolpert nicht über einen solchen Vergleich? Wird so nicht das Denken, die Freiheit des Menschen zu einem schnöden Maschinenteil herabgewürdigt, abgetötet, bürokratisiert? Doch halten wir unsere antrainierten humanistischen Reflexe für einen Moment zurück! Lenins Schräubchen-Aufsatz erschien Ende 1905, nachdem der Zar, als Reaktion auf massive revolutionäre Unruhen, die Einführung bürgerlicher Freiheitsrechte und eine gesetzgebende Versammlung von Volksvertreter*innen versprochen hatte. In diesem Moment – an der Schwelle zu so etwas wie einer modernen bürgerlichen Gesellschaft – fragt er uns: wie ist es möglich, Schreiben, Lesen, Denken so zu organisieren, dass sie sich nicht nur gegen die „traditionelle“ Repression durch Polizei und staatliche Zensur richten, sondern auch gegen die kapitalistische Vereinzelung und sanfter daherkommende, ideologische Unterdrückungsmechanismen, wie Konkurrenz, Karrierismus, Abhängigkeit von Verleger*innen etc. Widerstand leisten?&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Organ kollektiviert, vollzieht den Schritt von der allzu menschlichen Empörung hin zu den Dingen, von den Meinungen zu den Wahrheiten, die Wirkungen sind. Das mag beängstigen. Denn es verlässt den Kreis bürgerlicher Selbstverständlichkeiten. Doch auch das bürgerliche Subjekt ist Teil einer Maschine! Mit dem Unterschied, dass es umso geschmierter funktioniert, wie es diese Tatsache verdrängt und vergisst. Auch die Bildzeitung, die Apothekenrundschau oder das Fachblatt für Ornithologie sind Organe. Noch in der Wüste füllst du den Magen eines Schakals. Moralische Empörung ist selbstgenügsam. Das Gegenteil ist Organisierung – nicht, weil wir alle so abgeklärt wären, sondern weil ein Organ sich über seine Wechselwirkungen mit anderen Organen, seine Funktion in ihrem Zusammenhang, den Nutzen für die gemeinsame Sache definiert und legitimiert. Eine politisch organisierte Zeitung ist nicht selbst schon der Zweck. Sie verschreibt sich nicht dem reinen Denken, sondern dient als Medium der Orientierung, Kommunikation und Koordination dem kollektiven Handeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frage ist also: Nicht ob, sondern wie und als welches Organ, Werkzeug, Maschinenteil wollen wir funktionieren? Die Verdinglichung mit ihren eigenen Waffen schlagen, statt ihrer menschlichen Maske auf den Leim zu gehen! Und zwar nicht als Philosoph*in, sondern als Ingenieur*in, Mechaniker*in, Hacker*in des Denkens. Vielleicht braucht es heute mehr leninsche Linientreue und mehr antiautoritären Zorn, mehr Gift &amp;amp; Galle-Gazette und mehr Vereinsblatt mit Kopf, Herz und Aktivist*in des Monats, statt dazwischen in einer vermeintlichen Komfort-Zone herumzuschunkeln. Nicht wie sich der Einfluss der Organisation auf die Zeitung gering halten lässt, ist zu fragen, sondern wie wir die gegenseitigen Einflüsse maximieren und multiplizieren, das Schreiben und die Redaktionsarbeit dynamischer, effektiver, experimenteller mit dem Kollektiv verschalten können. Wollen wir nicht ein Schräubchen sein? So ein Schräubchen ist mehr als nützlich. Es arbeitet oder schreibt auch besser, weil politisch, vielleicht sogar fröhlicher, da es sich auch, aber nicht nur um sich selber dreht.&lt;/p&gt;
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 <category domain="https://arranca.org/tag/organisierung">Organisierung</category>
 <category domain="https://arranca.org/tag/zeitung">Zeitung</category>
 <category domain="https://arranca.org/category/abschnitt/schwerpunkt">Schwerpunkt</category>
 <pubDate>Fri, 31 Jul 2015 12:14:05 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Admin istrator</dc:creator>
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 <title>„Die Linke unter den Großen“</title>
 <link>https://arranca.org/ausgabe/2/die-linke-unter-den-grossen</link>
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                    &lt;p&gt;Ein Gespräch mit Ivo über seine Erfahrungen in der Redaktion des ND.&lt;/p&gt;
        &lt;/div&gt;
        &lt;/div&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Ich finde das Neue Deutschland ziemlich wider­sprüchlich. Da gibt es eine Reihe von wichtigen Nachrich­ten vor allem zur soziale Frage, die man sonst nirgends findet, es gibt eindeutig linke Stand­punkte, wie sie in der taz auf keinen Fall mehr zu lesen sind, und auf der anderen Seite sind da wieder so Hämmer wie ein­zelne Kommentare nach Bad Kleinen, wo die RAF als „Linke&quot; in Anführungszeichen tituliert und ihr ein „Dachschaden&quot; unterstellt wurde. Oder nach dem Anschlag ETAs in Madrid im Juni, wo 5 Mitglieder des spanischen Generalstabs, ein Unteroffizier und ihr Chauffeur in die Luft gesprengt wurden, titelte das ND: „Terroristen nahmen Tod von Kindern in Kauf&quot;. Zwar wurden mehrere Passantinnen, darunter auch Kinder, verletzt, aber es wurde nicht einmal ansatzweise erwähnt, daß das der schwerste Schlag gegen die Militärspitze seit Jahren war, daß im Augen­blick mehr als 100 Totalverwei­gerer in Spanien im Knast sitzen, daß es eine riesige Bewe­gung gegen den Militärdienst gibt, daß die Militärführung zum Teil aus der Franco-Dikta­tur stammt, daß es unter den Passanten keine Toten gab usw. Man sah nur ein Foto mit einem zerrissenen Auto und der genannten Überschrift. Auf der anderen Seite gab es diese Woche wieder ein ganz ähnli­ches Bild mit der Überschrift „Bombenstimmung in Nordir­land&quot;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ivo: Das ND hat ja zumindest den Anspruch, eine pluralisti­sche linke Tageszeitung zu sein. Man kann davon halten, was man will, aber zumindest ist wahr, daß sehr unterschied­liche Stimmen zu Wort kom­men. Vieles fehlt nicht deswe­gen, weil es zensiert würde, sondern weil sich niemand fin­det, der es schreibt. Es könnte viel mehr verschiedene linke Standpunkte in der Zeitung geben, wenn sich aus anderen Bereichen Leute engagieren würden. So lange von dort aber kaum etwas kommt, solange wird auch die Berichterstattung immer so sein, wie du sie beschrieben hast.&lt;br /&gt; Im Übrigen denke ich, daß man mit dem Wörtchen „links&quot; dort, wo Ostler und Westler zusammenarbeiten, nicht mehr weit kommt. Ich würde für so manche ND-Kolleginnen die Bezeichnung „links&quot; auch mit Anführungszeichen versehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Glaubst du, daß es im ND grundsätzlich eine größere Offenheit für außerparlamenta­risch-linke und systemopposi­tionelle Bewegungen gibt als in der taz?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Was es vor allen Dingen gibt, ist eine große Unsicherheit der DDR-BürgerInnen gegenü­ber der West-Linken. Z.B. an die RAF hat man sich kaum herangewagt, aus Unkenntnis der Geschichte, aber auch aus Unsicherheit, was das an Repression nach sich ziehen würde, wenn man darüber berichtet.&lt;br /&gt; Diese Unsicherheit bedeutet auch Neugierde gegenüber anderen Positionen, und die kann man nutzen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Dann wäre aber die Frage, ob diese Offenheit befristet ist. Bei der taz war es ja so, daß sich die Positionen in einer Bewegung geklärt haben und damit die Offenheit ihr Ende fand. Heute powert in der taz eine ganz bestimmte Strömung ihr Projekt. In der DDR-Linken wird so eine Klärung auch eintreten, früher oder später.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Die alternative Bewegung, aus der die taz entsprang, hat sich größtenteils etabliert. Diese Etablierung wird es beim ND so nicht geben, weil es da wie in der PDS zwei Hauptströmungen gibt: eine sozialdemokratische, die schon eta­bliert ist und das ND nicht unbedingt braucht, und zweitens eine traditionell-kommunistische, die meiner Meinung nach eher anachronistisch ist und sich wohl kaum noch einmal etablieren kann. Die Gefahr ist eher, daß sich das ND spalten könnte, wie sich auch die PDS irgendwann spalten wird. Das würde natürlich in die Bedeutungslo­sigkeit führen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was glaubst du, was das ND für eine Rolle spielen kann? Ist es mit seinen 100.000 Auflage nur ein Fossil oder ist es eine Zeitung, die auch wie­der etwas in Gang bringen kann? Wel­che Bedeutung hat die Zeitung z.B hei der Organisierung von Widerstand in der ehemaligen DDR?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Ich glaube nicht, daß das ND politisch richtungsweisend sein kann. Genausowenig wie die PDS. Die Chance, die die Zeitung aber hat, ist, so etwas wie ein Sammlungspunkt für unterschiedliche linke Standpunkte zu sein. Das ist vielleicht auch ganz ange­sagt in einer Zeit, in der die gesamte Linke irgendwo zwischen Resignation und Ratlosigkeit umhertaumelt. Ich finde das reizvoll an der Zeitung, daß — von ganz links bishin zu Liberalen — Leute zu Wort kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Hat das Blatt nicht doch auch eine mobilisierende Funktion? Wenn jemand über den Widerstand gegen die Deindustrialisierung in der Ex-DDR und das Umverteilungsprogramm von unten nach oben berichtet, ist es doch schließ­lich das ND.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Die Leute, die jetzt hungerstreiken gegen den Verlust ihrer Arbeitsplätze oder den Sozialabbau, stellen deswegen nicht die Systemfrage. Sie wollen höhere Löhne, ihren Arbeitsplatz sichern. Es ist anscheinend zur Zeit nicht angesagt, Fragen darüberhinaus zu stellen, und eine Zeitung ändert diese Situation auch nicht.&lt;br /&gt; Es ist interessant, daß die Älteren im ND stark anzweifeln, ob eine Zeitung überhaupt großartig mobilisieren und vorantreiben kann. Sie stellen fest, daß sie über 40 Jahre lang an einem perfekt inszenierten Medienwesen mitgewirkt haben, das dann einfach zusammenge­brochen ist. Diese Kollegen stellen sich die Frage, was das bewirkt hat, was sie solange geschrieben haben.&lt;br /&gt; Selbst wenn du im ND nur gute Arti­kel zu Abschiebungen und den Flücht­lingen schreiben würdest, -solange auf allen Fernsehkanälen, in der U-Bahn, bei der Arbeit und im Radio von „Asylanten­strömen&quot; die Rede ist, wird auch ein Großteil der ND-Leserinnen von „Asy­lantenströmen&quot; reden. Unsere Wirkung ist da sehr gering.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Woran liegt es eigentlich, daß die West-Linke das Neue Deutschland so wenig wahrnimmt und nützt? Es ist doch auffällig, daß noch immer fast alle die taz lesen, obwohl die uns politisch mindestens so fremd ist, wie das Neue Deutsch­land.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Stimmt. Das ist schade, denn ich denke, daß das ND die einzige Zeitung ist, aus der man sich ein authentisches Bild über die Stimmung und Lage im Osten machen kann. Das täte vielen Westlinken ganz gut. Die Verständi­gungsschwierigkeiten sind immer noch ungemein groß. Das ist auch meine eigene Erfahrung, und ich wohne jetzt schon mehr als 3 Jahre im Osten.&lt;br /&gt; Aber zu Deiner Frage: Es hat zum einen sicherlich damit zu tun, daß man das ND im Westen kaum bekommt. In Westdeutschland kriegt man es- außer am Bahnhofskiosk- einen Tag später, selbst in Westberlin muß man es suchen. Das andere und gewichtigere Argu­ment ist, daß das ND eine Ostmentalität ausstrahlt und natürlich schwerpunkt­mäßig über den Osten schreibt. Es gibt sogar ausgesprochen „Wessi-feindliche&quot; Beiträge von einzelnen Redakteuren. Dazu kommt, daß ein Großteil der AbonenntInnen über 60 ist. Der größte Aboschwund kommt daher, daß Leserin­nen sterben.&lt;br /&gt; Auf diese älteren Leserinnen stellt sich das Blatt natürlich ein, und das führt zu einem Stil, der junge Westlinke kaum anspricht. Außerdem haben wir auch kaum Leute im Westen, die für das ND schreiben, obwohl wir uns sehr darum bemüht haben.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Das heißt letztendlich: die Westlinke müßte von ihren grundsätzli­chen Anforderungen herunterkommen und auf die Zeitung stärker zugehen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Ja. Aber auch andersherum muß es Schritte geben. Für die Zeitung ist die Situation schwierig, es ist ein Spa­gat. Einerseits will man die alten Leser nicht verlieren, - mir sind die Leute, die heute das ND lesen, auch wichtig -, andererseits müßte sich die Zeitung ändern, wenn sie jüngere Linke anspre­chen will. Eine Lösung ist dafür nicht in Sicht.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Gibt es eigentlich intern die Möglichkeit, daß du Diskussionen ein­fordern kannst, wenn du einen Artikel völlig daneben findest? Gibt es Debat­ten innerhalb des ND?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Es gibt schon Diskussionen. Es gab z.B. die Initiative, daß sich regel­mäßig die ganze Redaktion trifft, um ein bestimmtes Thema gemeinsam zu besprechen. Aber das ist in letzter Zeit eingeschlafen. Ansonsten laufen die mei­sten Gespräche informell unter den Redakteurinnen ab.&lt;br /&gt; Außerdem gibt es auch die Idee, mit den Leserinnen regelmäßig Diskussions­veranstaltungen zu machen. Auf dem Pressetag gab es eine Podiumsdiskus­sion für die Zeitungsmacherinnen und - Leserinnen zum Thema Olympia im Jahr 2000 in Berlin. Da ging es hoch her und das hat meisten Leuten in der Redaktion gut gefallen.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Olympia ist ein gutes Beispiel für einen Meinungsumschwung in der Zeitung. Am Anfang war das ND wie auch die PDS klar dafür, inzwischen überwiegt die Ablehnung. Das zeigt doch auch, daß Diskussionen fruchtbar waren.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Es zeigt, daß sehr unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen können. Einen richtigen Meinungsumschwung bei den Leuten hat es aber eigentlich nicht gegeben. Am Anfang hat einfach das Sportressort berichtet, inzwischen schreibt meistens die Lokalredaktion. Das Thema Olympia zeigt wie zerrissen das ND ist, aber auch wie offen für Gegensätze.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Bist du jemals offen zen­siert worden? Gab es das, daß du gedacht hast, das kann ich unmöglich schreiben, selbst wenn ich einen guten, aktuellen Aufmacher finde?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Klar, das gab es. Aber ich sehe meine Auf­gabe auch gar nicht so sehr darin, zu kom­mentieren. Mir geht es eher darum, Informationen zu liefern und die Leute selbst entscheiden zu lassen, und da hatte ich wenig Schwierigkeiten bisher. Im ND stehe ich interessanterweise eher zwi­schen den Fronten. Das ist wie in der PDS, wo sich der sozialdemokratische und traditionskommunistische Flügel bekriegen, aber beide die kleine linksra­dikale Gruppe um die Bundesabgeord­nete Ulla Jelpke eigentlich in Ruhe las­sen. So ähnlich ist das bei uns auch: den scharfen Konflikt liefern sich andere.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;ARRANCA: Was war das für Zensur?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;Ivo: Es läuft meistens darauf hinaus, daß ich selber Sachen herausnehme, weil ich mir denke „ich will nicht schon wieder erklären, warum ich diesen Begriff ver­wende&quot;. Ich nehme mich also selbst zurück. Manchmal habe ich einfach keine Lust auf endlose Diskussionen, vor allem wenn man hei Adam und Eva anfangen müßte und nicht viel Zeit hat. Besonders sensibel ist man bei allem, was -auch hier im Hause- von einigen „Terrorismus&quot; genannt wird. Eine Kolle­gin sagte mal: „Die RAF hat uns 40 Jahre nicht interessiert, warum sollte sie uns jetzt interessieren!&quot; Zum anderen halten marxistisch-leninistisch gebildete Leute ja eh nichts vom „individuellen Terror&quot;. Was Deiner Meinung nach links ist, fin­den Leute aus der Ex-DDR eben oft bür­gerlich. &#039;ich dagegen finde diese spießi­gen ML-Scheuklappen bürgerlich.&lt;br /&gt; Zum Thema RAF-Gefangene gab es hier mal sowas wie einen Beschluß: Natürlich müssen wir über die inhuma­nen Haftbedingungen berichten, aber es muß auch immer klar werden, daß das ND nicht den bewaffneten Kampf akzeptiert. Mal unabhängig davon, was ich zur RAF-Politik meine, ist das natür­lich nicht die Art von Journalismus, die ich machen möchte. Wer es nötig hat, sich von anderen zu distanzieren, nur damit eigene Positionen deutlich wer­den, hat keine Positionen. Und das würde ich, was dieses Thema betrifft, mal vielen beim ND unterstellen. Irgendwo hört die Pluralität beim ND auf. Da bin ich auch oft hin- und herge­rissen. Einerseits denke ich: Lieber nichts schreiben, als was Halbes. Andererseits denke ich dann wieder: Besser ich schreibe es, als irgendjemand anderes, der oder die dann vielleicht behauptet, daß es die RAF doch schon seit Jahren nicht mehr gibt- oder irgendso ein Unsinn.&lt;br /&gt; Ansonsten ist der größte Zensor aber meistens die auferlegte Kürze. Da geht vieles verloren, was für den Text eigent­lich wichtig wäre.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Hältst du das Neue Deutschland eigentlich für ein Parteiorgan?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ivo: Rein von den Besitzverhältnissen ist es das faktisch. Trotzdem ist es hetero­gener als die taz z.B.. Das liegt einfach daran, daß die PDS auch kaum einheit­lich ist. Im Grunde genommen ist das ein Zusammenschluß von vor allem Ossis mit sehr unterschiedlichen Mei­nungen und sehr viel Platz für Initiati­ven. Trotzdem gibt es in der PDS Funk­tionäre, nach deren Meinung nicht genug über ihre Arbeit bzw. verfälscht darüber berichtet wird. Die Tatsache, daß die PDS jetzt eine eigene Mitgliederzeitung herausgibt, zeigt ja auch, daß das ND so sehr nun auch wieder nicht Parteiorgan ist. Zumindest für viele PDS-Mitglieder nicht aus­reichend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;ARRANCA: Im Augen­blick läuft eine Klage der Treu­hand gegen das Neue Deutschland, in der die Treuhand 2 Millionen Mark von der Zeitung fordert. Wird sie damit durchkommen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ivo: Juristisch hat sie eigentlich keine Chance. Aber wir wissen ja auf welcher Seite die Justiz dieses Landes steht. Es gibt das politi­sche Interesse, das ND zu zerstören. Der Anlaß ist ziemlich absurd: unter der Modrow-Regierung wurde bei der Einstellung der Subventionen an Ost-Zei­tungen noch eine Abschlußzahlung geleistet. Hiervon fordert die Treuhand jetzt einen ersten Teil zurück, eben genannte 2 Millionen DM. Interessanter­weise tut sie das jedoch nur beim ND, und sonst bei keiner Ost-Zeitung. Absehbar ist, daß das ND zumachen müßte, wenn die Treuhandklage durch­kommt. Betroffen davon wäre auch die Junge Welt, die über das gleiche Ver­triebsnetz vertrieben wird.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 14 Nov 2010 12:55:20 +0000</pubDate>
 <dc:creator>arranca! Redaktion</dc:creator>
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 <title>Özgür Gündem. Zeitung machen gegen den Tod</title>
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                    &lt;p&gt;Wenn mensch die Situation im türkischen Staat betrachtet, entsteht der Eindruck, daß es beim Zeitungsmachen eigentlich nur ein Problem gibt: &lt;em&gt;Überleben.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;

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&lt;p&gt;Wenn mensch die Situa­tion im türkischen Staat betrachtet, entsteht der Eindruck, daß es beim Zeitungsmachen eigent­lich nur ein Problem gibt: &lt;br /&gt;&lt;em&gt; Überleben.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt; Wahrscheinlich hat sich in keinem Land der Welt die Aufstandsbekämpfung derart der Medien ange­nommen wie in der Türki­schen Republik. 16 ermor­dete JournalistInnen zählten unabhängige Men­schenrechtsorganisationen 1992. Als Täter werden offiziell fundamentalisti­sche oder türkisch-natio­nalistische Terrorgruppen genannt. Es ist aber viel­fach nachgewiesen wor­den, daß hinter den Grup­pen, die Namen wie „Türkische Rache-Brigade&quot; oder schlicht „Hizbullah&quot; tragen, eine Allianz von Geheimdiensten, Rechts­extremisten und den Anti-Guerilla-Einheiten der tür­kischen Armee stehen. Generalstabschef Güres traf denn im Juli den Nagel auch auf den Kopf, als er sagte: „Im totalen Krieg ist die Presse auch ein Bestandteil&quot;, wobei er und die neue Premiermi­nisterin Tansu Ciller Wert darauf legten, zwischen befreundeten und feindli­chen Medien zu unter­scheiden. Der Krieg gegen linke Medien und Gege­ninformation ist in der Türkei und in Nordkurdi­stan zur brutalen Überle­bensfrage geworden. Besonders betroffen von den Repressionsschlägen ist die türkisch-kurdische Tageszeitung Özgür Gün­dem, - freie Tagesord­nung. Das am 30. Mai 1992 zum ersten Mal erschienene Blatt, das neben der (erst 1993 gegründeten) Aydinlik getrost als einzige linke Tageszeitung im Türki­schen Staat bezeichnet werden kann, ist Haupt­ziel der Angriffe. Sieben JournalistInnen, drei wei­tere MitarbeiterInnen und sogar ein Verkäufer der Zeitung wurden von Todesschwadronen umge­bracht. Die letzten beiden Opfer waren Anfang August der erst 18-jährige Journalist Ferhat Tepe, der in Nordkurdistan entführt wurde, und die Istanbuler Korrespondentin Aysel Malkac.&lt;br /&gt; Dazu kommen Haus­durchsuchungen, Anschläge auf Büros, über 60 Festnahmen gegen RedakteurInnen, inzwi­schen mehr als 40 Ausga­ben, die von staatlichen Stellen beschlagnahmt wurden - Verluste pro beschlagnahmte Nummer laut Özgür Gündem: 175-200 Millionen Türkische Lira, in etwa 30.000 DM.&lt;br /&gt; Es gehört zu den mittleren Wundern, daß die Tageszeitung trotzdem weiterge­macht hat. Außer einer dreimonatigen Pause Anfang 1993, die notwendig war, um die Arbeit neu organisieren zu kön­nen, hat sich das Blatt keine Atempause gegönnt. Eine Besserung der Verhält­nisse ist nicht absehbar. Die Sommermo­nate 1993 gehörten zu den härtesten überhaupt. Nach der Erklärung des „totalen Kriegs&quot; durch den türkischen Sicherheitsrat, wurde die Zeitung am 14.Juli von einem Istanbuler Gericht vorübergehend verboten, am 17. Juli zwei Redaktionschefs verhaftet, am Monatsende ein Journalist bei einem Anschlag schwer verwundet, Anfang August kam es zu den genannten Mor­den, gleichzeitig ist die Polizeiüberwa­chung der Büros verschärft worden.&lt;br /&gt; Der Grund für die Härte, mit der der türkische Staat gegen die Tageszeitung vorgeht, hat damit zu tun, daß Özgür Gündem als einziges Blatt schwer­punktmäßig über den Krieg in Kurdistan berichtet. In den türkischen Medien wird der Konflikt zwischen PKK und den Militärs entpolitisiert als „Terror von Kri­minellen gegen die Brüderlichkeit der türkischen Völker“ dargestellt. Und obwohl es Hunderte von kurdischen Dörfern gibt, die von Anti-Guerilla-Ein­heiten dem Erdboden gleich gemacht und Zehntausende vertrieben wurden, glaubt der überwiegende Teil der Bevöl­kerung in der Türkei nach wie vor die offizielle Version. Die vielen Jugendli­chen, die als Rekruten in Kurdistan ver­heizt werden, bieten eine gute Grund­lage, um den Krieg chauvinistisch zum Nationalitätenkonflikt zu machen.&lt;br /&gt; Das Verbrechen Özgür Gündems besteht darin, sich genau dieser Deutung des Konflikts entgegenzustellen. Die Zei­tung, die täglich 40.000 Exemplare ver­kauft, davon 10.000 im Ausland, ist ent­gegen anderer Darstellungen kein Hausblatt der PKK. Die Tageszeitung ist ein türkisch-kurdisches Gemein­schaftsprojekt, das sich nach eigenen Worten „sowohl an die türkischen Arbei­tenden als auch an das kurdische Volk&quot; richtet. Im Selbstverständnis bezeichnet sich Özgür Gündem als antiimperiali­stisch, antifaschistisch und antichauvini­stisch.&lt;br /&gt; Die Tatsache, daß der Krieg in Kurdi­stan fast immer auf der Titelseite erscheint und der PKK bzw. der ARGK (die Befreiungsarmee) in jeder Ausgabe mindestens eine Seite gewidmet ist, läßt sich nicht mit einer kurdisch-nationalisti­schen Position erklären. Der Krieg bestimmt die Realität im türkischen Staat, der kurdische Widerstand ist die einzige ernstzunehmende Opposition in der türkischen Republik. Linke Bericht­erstattung kann gar nicht daran vorbei, diesen Fragen Platz einzuräumen.&lt;br /&gt; Zumal sich Özgür Gündem nicht auf Kurdistan beschränkt. Gewerkschaften, Studentinnen-, Stadtteil- oder Arbeits­kämpfe in der Türkei nehmen in keiner türkischen Tageszeitung so viel Raum ein wie in Özgür Gündem. Auch wenn manche Beiträge sowohl kurdischer als auch türkischer Linker verschwörungstheoretisch wirken, auch wenn RedakteurInnen zu bestimmten Organisationen ein unkritisches Verhältnis haben, ist die Zeitung als solche keine Hauspostille. Sie ist die einzige Stimme der Opposi­tion, eine der wenigen Quellen, um das zu erfahren, was sich in Kurdistan ereig­net.&lt;/p&gt;


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 <pubDate>Sun, 14 Nov 2010 09:59:34 +0000</pubDate>
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