Editorial

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Reden über „das Klima“ erinnert an schlechte Satire: Regenwaldfressende Klimaschurken und Klimakiller-Kühe auf der einen Seite, die nachhaltig-selbstzufriedene Biohème mit ihrer Bio-Propaganda auf der anderen. Vieles nervt zu Tode in dieser allgegenwärtigen Klimadebatte, die mit konkreten sozialen Kämpfen kaum etwas zu tun zu haben scheint. Auch wenn irgendwo die Erkenntnis schlummert, dass hier eminent Wichtiges zu verhandeln wäre, erscheint das Feld der Auseinandersetzungen durchsetzt von Stolperdrähten des individuellen Verzichts und der verkappten Wirtschaftsförderung. Es reift die Gewissheit, dass die gegenwärtige Bearbeitung des Themas markt- und herrschaftsförmig verläuft.

Das fängt an bei WissenschaftlerInnen, die behaupten, sie könnten bis hinter das Komma genau ausrechnen, wie viele Tonnen Kohlendioxid in der Luft die Erdatmosphäre um wieviel Grad anheizen – und wie viele Bäume zum Ausgleich gepflanzt werden müssten. Solche Vorgaben nehmen KlimapolitikerInnen dankbar auf, um sie als „Klimapakete“ oder „Klima-Abkommen“ wieder abzusondern. Wo dem technokratischen Größenwahn Raum gegeben wird, nimmt das Antidemokratische Platz: Selbstverständlich wird uns vorgerechnet, wie verantwortungslos klimaschädlich soziale Bewegungen in Heiligendamm protestieren. Und wie sind die Hoffnungen der BiomodernisiererInnen zu bewerten, die auf die solare und solidarische Gesellschaft nach dem Ende der Öl- und Kohle-Ära setzen?

Allen ist gemeinsam, dass sie das „Klima“ zum Thema schlechthin erklären, um angesichts des nahenden Klima-GAUs andere politische Ziele zu relativieren. Denn während auf der einen Seite die gemeinsame Betroffenheit des globalen „Wir“ als Schicksalsgemeinschaft der vom Klimawandel Bedrohten konstruiert wird, bleiben die kapitalistische Produktions- und Konsumtionsweise im Norden weitestgehend unangetastet. Statt dessen beginnen die Industriestaaten, sich gegen die von Klimafolgen am stärksten Betroffenen abzuschotten. Unruhen, Verteilungskonflikte und klimabedingte Migration mehren sich: Vorboten der sich zuspitzenden sozialen und damit verschränkten ökologischen Ungleichheit zwischen Nord und Süd.

Trotzdem – die Linke liebt das „Öko-Thema“ nicht. In der aktuellen Debatte sind kaum Beiträge wahrnehmbar, die über die ökologische Modernisierung des Kapitalismus hinaus weisen. Vielleicht sind zu viele AkteurInnen mit von der Partie, oder fällt es zu schwer, im Dickicht der unterschiedlichen Positionen und Argumente Stellung zu beziehen? Auch wir, die Redaktionen von arranca! und sul serio, haben uns nicht aus einem sicheren Gesamturteil heraus dazu entschieden, eine gemeinsame Ausgabe dem Klima zu widmen. Vielmehr trieb uns der Wunsch, auf diesem wenig durchschaubaren Kampffeld diejenigen Zusammenhänge zu entdecken, die wir im herrschenden Diskurs so diffus und doch spürbar vermissen.

Der Fokus dieses Heftes liegt deshalb gerade nicht auf der einen großen zukünftigen Katastrophe, sondern auf den vielen kleinen Katastrophen und Auseinandersetzungen, die sich schon jetzt vielfach abspielen. Aktuelle lokale und regionale Konflikte um Zugang zu Ressourcen und Umweltzerstörung machen deutlich, dass die ökologischen Krisen sehr wohl Gewinner- und VerliererInnen kennen. Die Klassenspezifik von Klimafolgen lässt sich angesichts der Verschärfung sozialer und ökologischer Spaltungen nicht leugnen. Um so wichtiger, die fortschreitende Privatisierung und Ökonomisierung der Natur zu kritisieren, die von einflussreichen AkteurInnen als Allheilmittel gegen die Klimakatastrophe verfochten wird. Gegenüber dieser Politik müssen wir den Zusammenhang von Kapitalismus und Umweltzerstörung wieder sichtbar machen und als Ansatzpunkt für seine Kritik und mögliche Überwindung nutzen – wie unter anderem der Bedeutungsgewinn von Biotechnologien und die Auseinandersetzung um die Biopiraterie zeigen, nimmt die Abhängigkeit von der Natur nicht ab, sondern zu.

Wegen politischer und räumlicher Nähe haben arranca! und sul serio sich des Themas in dieser Ausgabe gemeinsam angenommen und die hier vorliegende Artikelauswahl getroffen, um einen strukturierten Überblick zu bieten und Anknüpfungspunkte an emanzipatorische Politik greifbar zu machen. Denn eines ist klar: Weder der Rückzug auf den „richtigen“ individuellen Konsum noch die Hoffnung auf internationale KlimaretterInnen ist geeignet, die mit den Veränderungen des Klimas einher gehenden sozialen und ökologischen Probleme zu lösen. Es gilt hier und anderswo subversive und offene Strategien gegen die neuen Versuche zu entwickeln, den Menschen unter Berufung auf den Klimawandel Handlungsräume und Ressourcen zu entziehen. Ein Raum dafür steht zur Verfügung: auf dem Klimacamp vom 15. -24. August 2008 in Hamburg (www.klimacamp08.net). Die Suche nach Handlungsoptionen für die Kritik des Kapitalismus und seiner Überwindung ist eröffnet! Für sul serio-LeserInnen üblich, für die FreundInnen der arranca! etwas Besonderes, können wir euch eine  Umsonstausgabe anbieten, euer a!-Abo wird entsprechend verlängert.

Viel Spaß beim Lesen wünscht die Gemeinschaftsredaktion!

Eine kurze Richtigstellung: Im Text „Das Papier nicht wert - Monokulturen und Klima“ von Stefan Thimmel in Arranca!-Ausgabe 38 ist im ersten Absatz Harry Assenmacher, Geschäftsführer der ForestFinance GmbH, zitiert. „Für Harry Assenmacher, den Geschäftsführer der ForestFinance GmbH ist der Boom in der Wald- und Forstwirtschaft sogar ein Megatrend: >An dieser Schnittstelle finden Ökologie und Ökonomie zum Nutzen von uns allen Frieden.< Agro-Business as usual, zeitgemäß im grünen Mäntelchen.“ (Stefan Thimmel). Das Zitat ist einem Interview mit Harry Assenmacher aus dem Handelsblatt vom 09. Mai 2008 entnommen. So weit so richtig. Nicht richtig ist allerdings der Kontext, in dem ForestFinance durch das Zitat gestellt wird. Die Firma verwaltet aktuell in Costa Rica etwas über 1.200 Hektar Mischforste und das völlig ohne den Anbau von Eukalyptus („Wir teilen ihre Kritik z.B. an Eukalyptus“, so Harry Assenmacher im Gespräch mit dem Autor nach Erscheinen des Artikels). Von diesen 1.200 Hektar sind wiederum 400 Hektar reine Naturschutzfläche ohne Holzproduktionszwecke. Über den Ansatz der Firma, über den man sich auch der Website www.forestfinance.de informieren kann, kann man sicher diskutieren. Aber es ist auch sicher, dass ein kleines nachhaltig-ökologisch operierendes Forstunternehmen wie ForestFinance nichts mit transnationalen Monokultur-Großkonzernen wie Stora Enso oder Botnia zu tun hat. Dass dieser Eindruck entstanden ist, war nicht beabsichtigt.

Stefan Thimmel

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Erschienen in arranca! #38